Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Mehr Blue als Joy

Angel Blue: Plácido Domingo wollte in ihr die künftige Leontyne Price gehört und gesehen haben, doch dieser Prognose mag man keinen Glauben schenken, befasst man sich mit der bei opus arte erschienenen CD mit dem Titel Joy Alone, auf der Lieder in fünf verschiedenen Sprachen vereint sind. In der Reihe der Rosenblatt Editions gab es nach Aufnahmen mit Stars junge Sängerinnen am Beginn der Karriere wie Ailyn Perez oder Ailihs Tynan zu hören, nun also die Afroamerikanerin, wie ihre beiden Vorgängerinnen mit der Klavierbegleitung von Iain Burnside.

Leider gibt das Booklet nur die nichtenglischen Titel mit der Übersetzung ins Englische wieder, von den englischen fehlt in ihm jede Spur, und das, obwohl Textverständlichkeit nicht das Markenzeichen der Sängerin ist. Das wird dem deutschen Hörer besonders bei den Liedern von Richard Strauss bewusst, wo Vokale ins Amerikanische verfärbt werden („Gold“), wo ein übertriebenes Legato ein Wort in das nächste übergehen lässt, wo das R übermäßig gerollt wird. Auch die Lieder von Rachmaninow hören sich gar nicht russisch an, aber für Sing nicht, Schöne hat der Sopran die richtige Melancholie in der Stimme, in Frühlingswasser das Funkeln der Stimme wie das nasse Element im Sonnenschein. Vom russischen Komponisten stammt auch die Vocalise, die souverän gemeistert wird. Für Strauss‘ Heimliche Aufforderung fehlt der Sopranistin die Kraft zum emphatischen Aufschwung, hört sich alles zu piepsig und zugleich verwaschen an, sehr schön gelingt die sanfte Trauer auf „Es wird sehr bald sein, wir wissen es beide“ in Befreit. Aber vor einem deutschen Publikum könnte die Sängerin mit den erwähnten Schwächen nicht bestehen. Wie es um die beiden spanischen Titel bestellt ist, kann man weniger entschieden beurteilen, doch klingt Las carceleras sprachlich wenig akzentuiert, wird aber sehr schön, geschmeidig und temperamentvoll gesungen, auch werden in einem Stück von Pablo Luna bei spanischem Feuer auf Sparflamme der Rhythmus fein akzentuiert, die kleinen Notenwerte beachtet. Es gibt mit Liszts Oh! Quand je dors einen französischen Titel, der als feines Tongespinst angelegt ist mit einer geschickten Steigerung bis zur Emphase. Das Booklet irrt, wenn es meint, es handle sich um Petrarca und Laura, die werden nur zum Vergleich heran gezogen. In den amerikanischen Beiträgen gefallen in Summertime das fein bemessene Vibrato, in Jake Heggies Songs die leichte Emission der Stimme, die aufblühende Höhe und das farbige Piano, durchweg auch die Frische der Stimme. Als Bonus gibt es noch ein Spiritual, in dem geschickt die Balance zwischen Operngesang und Traditionalgesang gehalten wird. Iain Burnside ist in allen Stilen der sichere Begleiter. Joy Alone wird von der CD nicht verbreitet, aber immerhin Joy especially American (Opus Arte OA CD9020 D)

Ingrid Wanja

 

Hommage an einen bedeutenden Sänger

 

Mit der Reihe „autograph“ hat Warner Classics begonnen, eine jeweils umfangreiche Würdigung hochrangiger Künstler (weitgehend aus den alten, übernommenen EMI-Beständen) in Jubiläums-Boxen aufzulegen. Unter den ersten drei Ausgaben über José van Dam (Februar 2015 zum 75.Geburtstag, noch nicht erschienen), Thomas Hampson (März 2015 zum 60.Geburtstag) und Angela Gheorghiu (April 2015 zum 25-jährigen Bühnenjubiläum) ragt die Box über Thomas Hampson auf Grund seines ungewöhnlich breit gefächerten Repertoires von der Oper über Operette und Musical bis hin zum Lied heraus: Es umfasst Werke aus vier Jahrhunderten von Monteverdi („Vesper“ von 1610) bis Christopher Theophanides (Uraufführung von „Heart of a Soldier“ 2011) in etwa einem Dutzend Sprachen. Außerdem hat sich Hampson große Verdienste in der Sängerausbildung und Erforschung von Urschriften erworben. (Ich werde nie eine Unterrichtsstunde vergessen, die er während des Gesangspädagogen-Kongresses in Leipzig in den 90-er Jahren gehalten hat, in dem er tiefe Einblicke in die schwierige Ausbildung junger Sänger ermöglichte und mit Witz und Charme bei sicherer Kenntnis der Sängerstimme mit kleinsten Anmerkungen und Hilfen deutliche Verbesserungen bei den Probanden erzielte.) Ungewöhnlich ist auch eine derart weit gefächerte Auseinandersetzung mit der Musik im Kontext von Literatur, Kulturgeschichte und sozialhistorischer Entwicklung. Dazu trug wohl Hampsons Studium der Politikwissenschaften und Geschichte entscheidend bei.

Die 12 CDs umfassende Jubiläums-Box enthält Beispiele aus dem extrem weit gespannten Repertoire des berühmten Baritons, sortiert nach Komponisten, bzw. sängerischer Gattung und Entwicklung. Die Zusammenstellung der Opern-Ausschnitte und Lieder erfolgte unter Mitwirkung des Sängers, dessen internationale Karriere 1981 als Ensemble-Mitglied der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf begann. Aber schon bald traf er auf Nikolaus Harnoncourt, der ihn für Mozarts Da-Ponte-Zyklus von 1984-87 mit Jean-Pierre Ponnelle nach Zürich einlud. Leider sind die auf der CD 1 angeführten Beispiele erst spätere Einspielungen (1988-93). Aber der Vergleich der Conte-Szene „Hai già vinta la causa!“ von 1993 und 2003 ist interessant; 10 Jahre später ist die Sprache entschiedener, der Ausdruck viriler und deutlich gereift. Eine der wichtigsten Mozart-Rollen ist für ihn natürlich der Don Giovanni, den er ebenfalls erstmals unter Harnoncourt 1984 sang. Auf der letzten CD (12) stellt er sich in englischer Sprache in einem Interview den Fragen von Jon Tolansky, dem CD-Herausgeber und Verfasser des erfreulicherweise dreisprachigen instruktiven Beiheftes. Dabei geht Hampson eingehend auf die wichtige Rolle ein, die Harnoncourt damals für seine Rollenauffassungen gespielt hat. Aus Così ist u.a. die ursprünglich von Mozart vorgesehene, dann aber verworfene Arie „Rivolgete a lui lo sguardo“ des Guglielmo im 1.Akt zu hören.

Für die 2.CD hat Hampson Vertonungen von Goethe und Shakespeare gewählt, wo er zu Beginn der 90er-Jahre in Mendelssohns „Walpurgisnacht“ ebenso beeindruckt wie in dem ihm sehr gut liegenden französischen Idiom bei Gounod (Valentin in „Faust“: „Ecoute-moi bien, Marguerite“ jagt einem Schauer über den Rücken; weichstimmig erklingt „Adieu, mon bon frère“, hier mit der in ihrem Zenit singenden Cheryl Studer) und Thomas (Hamlet, eine seiner besten Rollen); weitere Facetten mit sicheren Höhen zeigt Hampson als Macbeth (2000). „Fathers and Fanatics“ ist der Titel seiner Verdi-CD (3): Zu ersteren gehört neben Germont (Traviata) und Simon Boccanegra der Montfort (Les Vêpres siciliennes), hier in der französischen Urfassung gesungen, wobei Hampson schon allein die beiden Worte „Mon fils“ bei seiner Intensität des Singens unnachahmlich gelingen. Conte Luna (Trovatore) und Posa (Don Carlos) sind beste Beispiele für die Fanatiker. Die Ausschnitte und Szenen aus allen Opern glänzen auch durch die ergänzenden Besetzungen, die durchweg ebenfalls vom Feinsten sind. Wagner ist ebenfalls eine eigene CD (4) vorbehalten; neben Ausschnitten aus Tannhäuser – mit einem Vergleich von „O du, mein holder Abendstern“ im Abstand von 7 Jahren –, Walküre („Winterstürme wichen dem Wonnemond“) und Ensembles aus der Götterdämmerung (Gunther) sind einige sehr selten zu hörende Lieder aus Wagners früher Zeit (1838-40) beigefügt, teils in französischer Sprache, einige auch aus den interessanten Orchesterliedern zu Goethes Faust. Ähnlich wie Verdi befasste sich auch Benjamin Britten (CD 5) in seinen Werken mit menschlichen Problemen und moralischen Konflikten. Das wird besonders deutlich am War Requiem, das für Thomas Hampson eins der bedeutendsten Werke des 20.Jahrhunderts ist; ein Vergleich von Aufführungen aus den Jahren 1997 und 2013 weist auf seine intensive Beschäftigung mit diesem wichtigen Requiem hin. Daneben gibt es Ausschnitte aus Billy Budd, eine seiner früheren Lieblings-Partien.

Die Meisterschaft Thomas Hampsons im Liedgesang wird auf CD 6 mit Schuberts „Winterreise“ vorgestellt, die eine höchste künstlerische Anforderung darstellt. Er selbst gibt einen Einblick in seine Gedanken über den Zyklus auf CD 12. Die Einspielung mit Wolfgang Sawallisch als Begleiter stammt von 1997 und ist ein sehr gutes Beispiel für die hohe Interpretationskunst des Sängers. Auf der Robert Schumann gewidmeten CD 7 mit Liedern nach Texten von Kerner, Heine und Burns wird er in den Jahren 1990-94 von Geoffrey Parsons begleitet, der Stimmklang noch etwas weicher als bei der „Winterreise“. Durch deutsche und französische Lieder von Berlioz, Liszt, Strauss, Mahler und Korngold zeichnet sich die CD 8 aus. Im Übrigen ist Gustav Mahler ein profundes Zentrum für Hampsons Schaffen, wobei er sich als einer versteht, der versucht, allen einen Zugang zu Mahlers Musik zu verschaffen und dafür zu begeistern (Kommentar CD 12). Interessant ist hier der Vergleich von „Der Einsame im Herbst“ aus „Das Lied von der Erde“ einmal aus 1995 mit Orchester, dann 1996 mit Wolfram Rieger am Klavier; es gelingt Rieger gut, die vielen Orchesterfarben auf den Tasten umzusetzen, und der Bariton gewinnt noch an Intensität.

Mit CD 9 erfüllt sich Hampson seinen Wunsch, die Lieder seiner Heimat vorzustellen. „Die Lieder Amerikas spiegeln die Geschichte des Landes wider“ – so lässt sich sein Kommentar (CD 12) dazu zusammenfassen. Die Aufnahmen datieren von 1992 (Copland) und 2008 (u.a. Bernstein, Bowles, Ives). Eine weitere Facette seiner musikalischen Breite präsentiert Hampson mit CD 10: Operette und Broadway. Von ersterer Gattung sind nur Die lustige Witwe (alternativ) und Die Fledermaus für einen Bariton gut besetzt; in den anderen Ausschnitten wie Bettelstudent, Zigeunerbaron oder Gräfin Mariza sowie Schlagern (Robert Stolz) singt er gekonnt die Tenorrollen. Bei den Musical-Songs aus den Jahren 1990 bis 1994 ist er ganz in seinem Element. CD 11 schließlich ist geistlichen Werken von Bach, Mozart, Brahms, Fauré, Puccini und Duruflé in Aufnahmen aus der Zeit von 1983 bis 2000 gewidmet. Der Ausnahmekünstler macht auch auf diesem Gebiet anhand von intelligent gewählten Beispielen die Entwicklung seiner Stimme noch einmal deutlich.

Ebenso breit gefächert wie sein Repertoire sind Hampsons Aktivitäten für die „Hampsong Foundation“, über die man sich im Internet ausführlich in allen Bereichen informieren kann: Darunter sind z.B. auch Angaben zu Kursen beim „Heidelberger Frühling“, zu neuen oder ausgegrabenen Kompositionen, zu seinem eigenen umfangreichen Repertoire und vieles mehr. Der Allrounder strebt an, durch seine Initiativen wieder mehr Musik in die Schulen zu bringen, unterschiedliche Kulturen anhand von „Poetry and Music“ einander näher zu bringen und die Jugend wieder für das Singen zu begeistern.

Jon Tolansky ist mit dieser Box ein wirklich

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guter Überblick über alle sängerischen Gebiete Thomas Hampsons gelungen, die aber nach Art der „Häppchen-Klassik“ nicht ganz befriedigen kann, sondern nur Anstöße für weitere Anschaffungen vollständiger Aufnahmen geben wird (Warner Classics 12 CD, 0825646190454).

Marion Eckels

Bernard Herrmanns „Wuthering Heights“

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Fast jeder Kinogänger der älteren Generation kennt den wunderbaren amerikanischen Spielfilm Wuthering Heights (Sturmhöhe in der deutschen Synchronisation) in strengem Schwarz-Weiß mit dem hinreißenden, selbst heute noch extrem sexy englischen Schauspieler Laurence Olivier und der betörenden Merle Oberon als das unglückliche Liebespaar Heathcliff (der Name ist schon Indikation) und Catherine, 1939 von William Wyler so grandios in Szenen gesetzt, dass man die Figuren auch nach langer Zeit immer noch plastisch vor sich sieht. Der renommierte Fimkomponist Alfred Newman schrieb die Musik dazu, die er später zu einer Wuthering Heights Suite konzertant verarbeitete. Emily Brontés Roman von 1847 hat viele Adaptionen inspiriert, und bereits 1920 gab es den ersten Stummfilm mit Milton Rosmer, Ann Trevor und Colette Brettel als britischen Beitrag. In der Folge finden sich rund 15 weitere Verfilmungen (darunter auch einige für die BBC), und Popfreunde werden sich vielleicht auch an Cliff Richards Album von 1995, Songs of Heathcliff,und an Kate Bushs Erfolg damit erinnern. Der emigrierte deutsche Komponist Bernard Herrmann(immer mit zwei n, was für Emigranten in den USA eher ungewöhnlich war) schrieb sodann von 1943 bis 1951 seine eigene Oper Wuthering Heights auf das Libretto seiner ersten Frau Lucille Fletcher. Das Werk erlebte erst 1982 seine (von Julius Rudel gekürzte) konzertante Uraufführung in Portland. Vorher hatte Hermann seine Oper für eine Gesamtaufnahme in London eingespielt. 2010 gab es eine ungekürzte Version ebenfalls konzertant beim Radio Festival Montpellier unter Alain Altinoglu (die dann bei Accord als CD herauskam). Am Staatstheater Braunschweig nun hat Bernard Hermanns Bronté-Oper ihre deutsche und szenisch europäische Erstaufführung.

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"Wuthering Heights" in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

„Wuthering Heights“ in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

Und nun erst mal einen Bericht über die Braunschweiger Premiere von Gerhard Eckels: Da haben es doch das Staatstheater und sein Operndirektor Philipp Kochheim tatsächlich geschafft, die Europäische Erstaufführung der hierzulande nur Kennern bekannten Oper Wuthering Heights von Bernard Herrmann nach Braunschweig zu holen! Die umjubelte Premiere des nach Dominick Argentos Reise des Edgar Allan Poe zweiten Beitrags für die kleine Reihe The American Way of Opera zeigte, dass es sich gelohnt hat: Es gab in jeder Phase der Oper spannendes Musiktheater. (…) Musikalisch knüpft Herrmanns Oper mit ausgeprägter Spätromantik an die italienische Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts an; aber auch typisch filmische Sequenzen illustrieren in lautmalerischer Manier die Szene; wenn sich die Dramatik zuspitzt – und das geschieht häufig – erklingt auch manch Neutönerisches. (…)  Das fabelhafte Staatsorchester erfüllte unter der temperamentvollen Leitung des Gastdirigenten Enrico Delamboye die auch technisch hohen Anforderungen der vielschichtigen, kontrastreichen Partitur in allen Instrumentengruppen mit Bravour. Dem weitgehend schwelgerischen Impetus aus dem Graben setzte die Bühne (Thomas Gruber) eine mit rechteckig verschachtelten, hellgrauen bis weißen Wänden versehene, geradezu sterile Halle von Wuthering Heights entgegen. Im Haus Edgars wurde es farbiger und atmosphärischer, wenn auch dies ebenso wie durch Edgars Hobby, tote Vögel zu präparieren, eine kalte, leere Ruhe ausstrahlte. Schnell wurde durch den Flachbildschirm im Schlafzimmer im Hintergrund und die Benutzung von Handy und Notebook sowie die moderne Bekleidung (Kostüme: Gabriele Jaenecke) deutlich, dass Regisseur Philipp Kochheim die hochemotionale Story in die Jetztzeit verlegt hatte, was angesichts der gesellschaftlichen Strukturen des 19.Jahrhunderts in der Romanvorlage eher problematisch war – jedenfalls wurden die Beziehungen der handelnden Personen zueinander, die alle pathologische Auswüchse zeigen, dadurch nicht verständlicher. Allerdings sorgten Kochheim durch ausgezeichnete Personenführung und das spielfreudige Ensemble mit intensiver Darstellung dafür, dass man durchweg von dem Geschehen auf der Bühne gepackt war.

"Wuthering Heights" in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

„Wuthering Heights“ in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

Die Besetzung der beiden Hauptpartien mit Solen Mainguené und Orhan Yildiz war ein Volltreffer: Die junge französische Sopranistin ist eine wahre Entdeckung: Wie sie die jugendliche Verliebtheit, die Launen der gelangweilten Frau und die Besessenheit Cathys in der Beziehung zu Heathcliff gestaltete, hatte bereits jetzt hohes Format. Dazu kam ihre farbenreiche Stimme, die sie sicher und intonationsrein durch alle Lagen zu führen und alle Facetten der anspruchsvollen Partie auszukosten wusste. Beim türkischen Sänger ist eine beeindruckende Entwicklung zu beobachten: Sehr überzeugend war sein zunächst als Outlaw daherkommender Heathcliff, der später nur äußerlich überlegen wirkte, bis ihn die ergreifend gestaltete Verzweiflung über Cathys Tod niederwirft. Sein durchgehend prägnanter Bariton gefiel durch ausdrucksstarke Leidenschaftlichkeit, wenn auch anfangs der Dirigent dem Orchester an manchen Stellen zu viel Raum gab. Darstellerisch und stimmlich fiel einmal mehr Matthias Stier als Edgar positiv auf; besonders in dessen schwärmerischem Liebeslied im zweiten Teil glänzte er mit seinem schönen lyrischen Tenor. Als dem Außenseiter Heathcliff verfallene Isabella begeisterte Milda Tubelytė durch glaubwürdiges Spiel und charaktervollen Mezzo. Die immer um Ausgleich bemühte Nelly, die Heathcliff heimlich zugetan ist, war Anne Schuldt, die wie immer darstellerisch und mit kultiviertem Mezzosopran gefiel. Als herrschsüchtiger, dem Alkohol verfallener Hindley trat Oleksandr Pushniak auf, der wieder etwas unbeholfen wirkte, was er diesmal auch nicht stimmlich ausgleichen konnte, da ihm die kleinere Partie zu tief zu liegen schien. Solide ergänzte Rossen Krastev als frömmelnder Joseph; mit einem süßlichen Weihnachtslied erfreute der von Tadeusz Nowakowski einstudierte Kinderchor Begeisterter lang anhaltender Beifall, der sich bei Solen Mainguené, Orhan Yildiz und dem Orchester zu Ovationen steigerte, beendete den denkwürdigen Opernabend. Gerhard Eckels 

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"Wuthering Heights": Laurence Olivier und Merle Oberon/Screenshot

„Wuthering Heights“: Laurence Olivier und Merle Oberon/Screenshot

Dazu nachstehend einen Text zum Werk und dessen Genesis von Christian Steinbock. Ein (fast) singuläres Phänomen in der Opernliteratur: Bernard Herrmann fand immer klare Worte für seine Forderung nach allerhöchsten Ansprüchen in der Kunst: »Die vornehmste Aufgabe des Komponisten ist es, sich in die Dramatik hineinzuversetzen. Wenn ihm das nicht gelingt, sollte er es überhaupt lassen, Musik zu schreiben.« Deutlicher geht es kaum. (Und für diese Deutlichkeit wurde er von seinen Kollegen nicht nur geliebt.) Dabei sollte Herrmanns Postulat nicht ausschließlich für den Film gelten, sondern für alle musikalischen Genres, auch für seine einzige Oper »Wuthering Heights« nach dem gleichnamigen Roman von Emily Brontë.

Emily Brontë schrieb den Roman "Wuthering Heights"/musirony.de.tl

Emily Brontë schrieb den Roman „Wuthering Heights“/musirony.de.tl

Offiziell begonnen hat Herrmann das Werk 1946 auf ein Libretto von Lucille Fletcher, mit der der Komponist in erster Ehe verheiratet war. Er befand sich zu dieser Zeit in England, um Konzerte des Hallé Orchestra zu dirigieren, und besuchte im Zuge dieses Aufenthalts auch das Haus der Familie Brontë in Haworth/Yorkshire, in dem Emily Bronte ihr Buch zwischen 1845 und 1847 zu Papier gebracht hatte. Zweifellos ließ sich Herrmann von dem Ort und der rauen und unwirtlichen Umgebung der Yorkshire Dales beeindrucken und inspirieren. Doch die Beschäftigung mit der Lektüre und damit auch der Wunsch, aus ihr eine Oper zu machen, schien schon einige Jahre früher eingesetzt zu haben, das verrät zumindest ein Eintrag Herrmanns auf einer Notenskizze von 1943. In diesem Jahr war Herrmann für Igor Strawinsky eingesprungen und hatte die Musik zu der Verfilmung von Charlotte Brontës Jane Eyre übernommen. Auch dies könnte sich inspirierend ausgewirkt haben. Möglicherweise hatte aber auch die letzte Verfilmung von Wuthering Heights 1939 mit Merle Oberon als Catherine und Laurence Olivier als Heathcliff auf das gesamte Vorhaben bereits Einfluss genommen, denn der Film behandelt wie auch die Oper nur den ersten Teil des Buches (Kap. 1 – 16) – die Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff steht deutlich im Vordergrund – und endet anders als der Roman: Catherine stirbt in Heathcliffs Armen, ohne dass zuvor ein Kind (mit Edgar als Vater) geboren wurde. Diesen Schluss hat auch Herrmann gewählt und es war nicht die einzige Änderung, die das Libretto vorsah. Lucille Fletcher  verwendet in ihrer Textfassung auch einzelne Passagen aus dem zweiten Teil des Romans und ließ überdies Zeilen aus Gedichten von Emily Brontë mit einfließen. Am 30. Juni 1951 – „pünktlich um viertel vor vier in der Nacht“, wie Herrmann auf der Partitur vermerkte – war das Werk fertig gestellt.

Poster zu "Wuthering Heights", 1939/OBA

Poster zu „Wuthering Heights“, 1939/OBA

Dass Wuthering Heights zu Lebzeiten des Komponisten nie eine szenische Aufführung erfuhr, hatte verschiedene Gründe. Der wesentlichste war der, dass Herrmann keine Striche zulassen wollte, obgleich in Frage kommende Dirigenten von Weltruhm das gesamte Werk als zu lang und zu schwergewichtig empfanden. Herrmann lehnte jeden Vorschlag brüsk ab, woraufhin sowohl Julius Rudel als auch Sir John Barbirolli eine Uraufführung unter ihrem Dirigat verweigerten. Warum auch die Opernhäuser von San Francisco (hier unter Leopold Stokowski) und Heidelberg das Werk trotz regen Interesses am Ende ablehnten, lässt  sich  nicht  mehr  eruieren.  So  spielte  Herrmann sein Werk 1966 konzertant in London auf Schallplatte ein – ungeschnitten! Szenisch gelangte Wuthering Heights erst am 6. November 1982  in  Portland  im  US-Bundestaat Oregon auf die Bühne, sieben Jahre nach Herrmanns Tod. Die  Verantwortlichen hatten hier rund 40 Minuten der Musik gestrichen und auch das Ende abgeändert, was im Großen und Ganzen dem entsprach, was Julius Rudel einige Jahre zuvor bereits gefordert hatte. (Als kleine  Randarabesque  sei  bemerkt,  dass  Orson  Welles,  durch den Herrmann in den 1940er Jahren nach Hollywood gekommen war und für dessen berühmten Film Citizen Cane er die Musik komponiert hatte, die Regie übernehmen sollte, was am Ende aber – aus welchen Gründen auch immer – scheiterte.) Ungeschnitten gelangte Wuthering  Heights  zunächst  2010  als  Radio-  und  CD-Einspielung im französischen Montpellier unter dem Titel Les Hauts de Hurlevent ins Bewusstsein der Musikwelt zurück. Im Jahr darauf  fand  schließlich  die  szenisch  vollständige  und vom Publikum enthusiastisch beklatschte Uraufführung durch die Minnesota Opera in Minneapolis  (USA)  statt.

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Bei Unicorn erschien der Londoner Mitschnitt von Wuthering Heights" unter Bernhard Hermann, hier die Rückseite des Booklets (Unicorn 2050-52)

Bei Unicorn erschien der Londoner Mitschnitt von Wuthering Heights“ unter Bernard Herrmann, hier die Rückseite des Booklets (Unicorn 2050-52)

Was Herrmanns Musik zu Wuthering Heights betrifft, so befand Lucille Fletcher, dass es wahrscheinlich dasjenige der Werke ihres Mannes sei, das seinem Talent am ehesten entspräche und daher auch am vertrautesten sei. Herrmann komponierte in der gleichen Manier wie viele seiner US-amerikanischen Kollegen zu dieser Zeit – so etwa Robert Ward, Gian Carlo Menotti oder Samuel Barber –, was ihnen allen ein ums andere Mal den Vorwurf des „Eklektizismus“ einbrachte: Sie pflegten einen Stil, der der europäischen Spätromantik verpflichtet ist – vor allem dem des „Verismo“ – und trotz manch tonaler Grenzwertigkeit hie und da deutlich an Richard Strauss, Giacomo Puccini oder Sergej Rachmaninow erinnert. Bei Herrmann flossen zudem seine Erfahrungen mit dem Film-Business deutlich hörbar mit ein. So ist die musikalische Textur immer wieder mit Zitaten aus seinen früheren Soundtracks gespickt, etwa aus den Orson Welles-Filmen Citizen Kane und Der Glanz des  Hauses  Amberson,  aus  Jane  Eyre  (Catherines Arie aus dem 3. Akt »I am burning«) oder auch aus Der Geist und Mrs. Muir. Zugleich legte Herrmann mit dieser Komposition wiederum den Grundstein für so manche Filmmusik, in dem sich einzelne Themen aus der Oper dort wiederfinden, so u. a. in den Hitchcock-Filmen Vertigo, Der unsichtbare Dritte und Marnie.

Lee Poulis and Sara Jakubiak in 'Wuthering Heights."/ Minnesota Opera/ Photo by Michal Daniel /Courtesy of the Minnesota Opera

Lee Poulis and Sara Jakubiak in ‚Wuthering Heights.“/ Minnesota Opera/ Photo by Michal Daniel /Courtesy of the Minnesota Opera

Herrmann selbst sagte über die Musik zu Wuthering Heights: »Es ist wichtig zu wissen, dass diese Oper als lyrisches Drama angesehen wird und dass dem gesanglichen Ausdruck die größte Aufmerksamkeit zukommt. Hier findet man nur sehr wenig Rezitative, dafür aber eine Fülle an lyrischem Parlando [= Sprechgesang]. Solches kann als Neo-Romantik angesehen werden und damit als ein Ausdrucksmittel, das mir als ideal für eine Geschichte wie »Wuthering Heights« erschien. Die Oper ist zwar für volles Sinfonieorchester geschrieben, doch ich war bemüht, bestimmte Stellen für die Gesangslinie durchlässiger zu gestalten und die volle Kraft des Orchesters für die Momente zu nutzen, wo ein eigenständiger orchestraler Kommentar vorgesehen ist. Das Orchester beschreibt in jedem Akt Landschaft und Wetter. Der Roman selbst basiert ja auf der Identifizierung der Charaktere mit der Atmosphäre und der Farbigkeit der näheren Umgebung. Vielfach ist jeder Akt eine Art sinfonisch-poetisches «Landschaftsgemälde«, die die handelnden Personen einhüllt.« Des Weiteren beschrieb Herrmann drei kurze Hauptthemen, die sich durch die gesamte Oper ziehen und leicht wiederzufinden seien, da sie kaum verändert würden: Gleich nach dem tumultartigen Beginn folgen zwei dieser Themen im Adagio tenebroso schlagartig aufeinander: Ein kurzes durch Holzbläser angestimmtes düsteres Motiv, das für Catherines gequälte Seele steht, sowie eine von Celli und Kontrabässen dominierte ebenso kurze Phrase, die dem Ort Wuthering Heights entspricht. Das dritte Thema erscheint erst etwas später: ein ebenfalls nur aus wenigen Tönen bestehendes klagendes Motiv (cis-e-d bzw. in der Variante c-es-des), das in der Soloklarinette zu finden ist und abermals Catherines Schicksal beschreibt. In jedem Fall ist die Musik auf die einzelnen Charaktere, auf den Verlauf der Handlung sowie auf die gesamte Atmosphäre genaustens abgestimmt.

"Wuthering Heights" in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

„Wuthering Heights“ in Braunschweig 2015/ Szene/ Foto Volker Beinhorn

Emily Brontë hatte mit Wuthering Heights eines der bedeutendsten literarischen Zeugnisse der frühviktorianischen Epoche in England vorgelegt. Zugleich wurde sie für den teils brutalen Inhalt des Romans auch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aufs Schärfste kritisiert. Doch die hier beschriebene Liebe zwischen Catherine und Heathcliff – mit all den damit verbundenen psychischen und physischen Gewaltexzessen – hatte es der Kunstwelt angetan. Die bildende Kunst sog sie begierig auf; ebenso der Film, was die Anzahl von 17 Verfilmungen zwischen 1920 und 2011 eindrucksvoll beweist. Auch in der Musik war Herrmann nicht der einzige, der sich zur Vorlage einer eigenen Interpretation des Brontë-Roman berufen fühlte. 1958 gelangte Carlisle Floyds Oper Wuthering Heights an der Santa Fe Opera zur Uraufführung (das Werk setzt im Gegensatz zu Herrmanns Version allerdings textlich wie auch musikalisch andere Schwerpunkte) und auch der Franzose Frédéric Chaslin vertonte erst kürzlich den Roman unter dem selben Titel für die Opernbühne. (Eine Uraufführung scheint hier noch auszustehen.) In der Popmusik zeigte sich das gleiche Interesse: Ob Genesis, John Ferrara, Kate Bush, Cliff Richard oder Jim Steinman mit seinem Song »Its all coming back to me now«, der unter anderem von Céline Dion und Meat Loaf interpretiert wurde – sie alle ließen sich von Wuthering Heights  hinreißen.

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"Wuthering Heights"/ Minnesota Opera/ Photo by Michal Daniel /Courtesy of the Minnesota Opera

„Wuthering Heights“/ Minnesota Opera/ Photo by Michal Daniel /Courtesy of the Minnesota Opera

In der gesamten Opernliteratur scheint Wuthering Heights als Stoff ein (fast) singuläres Phänomen zu sein. Keine historisch brisanten Ereignisse treiben hier die Handlung voran, keine Chortableaus, keine Erlösungsmomente, keine individuellen Schicksale oder Liebesgeschichten im herkömmlichen Sinne bestimmen die Szene. Es wird auch nicht geliebt, gehasst, betrogen oder gemordet, wie man es von der konventionellen Opernbühne der deutschen oder italienischen Romantik her kennt (vielleicht mit Ausnahme von Strauss’ Salome und Elektra). Vielmehr wird in Wuthering Heights die Liebe in ihren dunkelsten Facetten gezeigt: ein Konglomerat aus Hass, Manipulation, Schuldimplikation, Erniedrigung, Verletzungen und Selbstverletzungen. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff, die zweifellos pathologische Züge trägt und die stets darauf ausgelegt ist, Gefühlsgrenzen weit zu überschreiten. Auch wenn Heathcliff in der Literatur immer wieder als das personifizierte Böse betrachtet und Catherine überwiegend von aller Schuld freigesprochen wird, so stehen sich beide in Sachen Impulsivität, innerer Zerrissenheit und ausschließlich selbstbezogener Empathie in nichts nach. Zwischen beiden entsteht ein negativer emotionaler Sog, der alle anderen Figuren – allen voran Isabella und Edgar – ungebremst mitreißt. Ein Entrinnen ist unmöglich. Und doch: In Catherines und Heathcliffs Verhalten liegt zugleich der Reiz für dependente Persönlichkeiten wie Isabella und Edgar, sich emotional auszuliefern und sich zu Spielbällen zu machen. Das Hoffen auf eine glückliche Beziehung auf Augenhöhe avanciert für beide – je mehr sie ihnen verweigert wird – zum größten Wunsch auf Erden aber auch zur bittersten Illusion, was sie viel zu spät realisieren. »Gerade weil das Böse so bedrückend und bedrohlich, so unbegreiflich und schwer beschreibbar, so weit weg und doch jedem so nah ist, übt es eine starke Faszination aus«, so beschreibt der Psychologe Reinhard Haller diese fatale Wechselbeziehung.

Wuthering Heights Montpellier AccordDoch Catherine und Heathcliff sind in ihrer Hassliebe nicht nur darauf erpicht, sich gegenseitig oder andere zu verletzen, etwa durch die Heirat mit einem ungeliebten Partner. Catherine treibt den pathologischen Liebesreigen am Ende des 3. Aktes durch selbstverletzendes Handeln auf die Spitze, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um Schuld von sich abzuweisen und anderen zuzuschieben, um Rache zu üben – »Oh Heathcliff, du hast mich betrogen. Und jetzt werde ich dein Herz brechen, indem ich das meine breche« – ohne dabei auch nur den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, dass sie selbst diese Situation, sprich: die Ehe zwischen Heathcliff und Isabella, möglich gemacht hat. Catherine wählt den eigenen Tod, um Heathcliff zu bestrafen. Am Ende weiß auch Heathcliff keinen anderen Ausweg mehr, als Catherine im Moment ihres Ablebens zu verfluchen – »Sie soll Qualen leiden. […] Catherine Ernshaw, solange ich lebe sollst du keine Ruhe finden!« – nur um im nächsten Moment herauszuschreien, dass er ohne sie nicht weiterzuleben vermag.

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Steven Smiths Biography von Bernhard Hermann bei der University Of California Press

Steven Smiths Biography von Bernard Hermann bei der University Of California Press

Emily Brontë hat die pathologischen Auswüchse in der Beziehung zwischen Catherine und Heathcliff in all ihrer Grausamkeit bis ins kleinste Detail hinein skizziert und beschrieb doch nur psychische Phänomene, die selbstverständlich auch in der frühviktorianischen Gesellschaft zu beobachten waren. Nur wusste man etwas mehr als ein halbes Jahrhundert vor Siegmund Freud solche Zustände noch nicht exakt zu benennen. Falls englische Ärzte nicht Aussprüche wie „Er oder sie hat den Teufel im Leib“ parat hatten, bezeichneten sie emotional überschäumendes Verhalten schlicht als „hystericks“. Heute wissen wir diese Pathologie genauer zu benennen und dass impulsives, manipulatives, empathieloses, verletzendes und selbstverletzendes Handeln in den Bereich der Persönlichkeitsstörungen fallen – die Ursachen dafür werden immer wieder kontrovers diskutiert und reichen von frühkindlich erlernten Verhaltensmustern bis hin zu bloßem Endorphinmangel. Würde man Catherines und Heathcliffs Persönlichkeiten nach heutigen psychologischen Parametern analysieren wollen, so könnten moderne Begriffe wie Borderline oder – in Heathcliffs Falle – Maligner Narzissmus oder Psychopathie fallen, für deren Auffälligkeiten klar definierte Beschreibung existieren. Und doch muss man mit solchen Diagnosen vorsichtig sein. Persönlichkeitsstörungen lassen sich nur schwer erkennen und begreifen, passen nur selten in vorgefertigte Schemata und sind in ihren Ausprägungen stets einem sozialgesellschaftlichen Wandel unterzogen. Nicht umsonst stellte der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts fest: »Unwissenheit ist gewiss nie eine Empfehlung, aber auch das beste Wissen ist oft nicht genug. Es möge darum kein Tag vergehen, an dem der Psychotherapeut sich nicht demütig daran erinnere, dass er noch alles zu lernen hat.«  Christian Steinbock

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Der Autor, Christian Steinbock, ist Dramaturg am Staatstheater Braunschweig; seinen  Artikel entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung dem Programmheft zur deutschen Erstaufführung der Oper am 11. April 2015 

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

„Le Désert“ von Félicien David

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Im Rahmen der vom vielfach hier erwähnten Palazetto Bru Zane angestoßenen Bemühungen geht die Reise durch die Oper und Musik der französische Romantik weiter. Nach den Réminiscences á l´Orient Davids mit Tassis Christoyannis (vergl. den Artikel dazu) gibt es jetzt das weltliche Oratorium Le Désert für Sprecher (Jean-Marie Winling) und zwei Tenöre (Cyrille Dubois und Zachry Wilder) unter Laurence Equilbey, der Gruppe accentus und dem Orchestre de Paris bei naive (V5405) in einer „pflegeleichten“ Ausgabe, nämlich auf einer CD mit und der zweiten ohne Recitant, was ein wenig kontraproduktiv scheint, stellt eben diese Form mit Sprecher doch eine Neuheit im damaligen Konzertleben dar. Man vergleiche da nur Berlioz´ Roméo et Juliette. Und es war eben auch Berlioz, der begeistert über seinen Kollegen schrieb und Le Désert auch selber dirigierte. Sogar auf die Bühne gelangte diese „Ode-symphonique“, wie der originale Untertitel lautet, und man könnte sich sogar Pina Bauschs Hand daran versuchen vorstellen…

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Warum nun eigentlich im Rahmen der Palazetto-Bru-Zane-Bemühungen um die romantische Musik in Frankreich zum wiederholten Male ein bereits befriedigend vorliegendes zum zweiten Male aufgenommen wurde, ist nicht ganz ersichtlich – des Kaisers neue Kleider? Dabei gäbe es soviel anderes, etwa Davids Perle du Bresil  und manche andere mythische Titel, auch eine anständige Reine de Saba Gounods wäre nötig…

david le desert capriccio-001Zumindest gibt es von Le Désert eine frühere Aufführung und Aufnahme, die bei Capriccio einen Abend in der Berliner Philharmonie festhält (Pascalin, Lazzaretti, Chor St. Hedwigs-Kathedrale Berlin, RSO Berlin, Guida, Capriccio 5017) und die ein deutsches Publikum erstmals wieder – und noch vor den französischen Nachbarn – mit dieser gewagten, neuartigen Komposition in moderner Zeit bekannt gemacht hat. Auch eine Zusammenstellung bei Naxos/8.223376 gibt es mit nämlichem Thema: Les Brises d´Orient/Les Minarets mit David Blumenthal am Klavier. Orientalisches von David also reichlich.

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Im Folgenden nun einen Text zu diesem interessanten Werk von Étienne Jardin vom Palazetto Bru Zane, den wir bereits bei den Mélodies Davids für naive zitierten. G. H.

0730099337625_600Félicien David (1810-1876) begann seine Ausbildung an der Kantorei der Kathedrale von Aix-en-Provence, bevor er sich 1830 am Konservatorium von Paris einschrieb. Da besucht er die Klassen von Millault (Harmonielehre), Fétis (Kontrapunkt) und Benoist (Orgel), während er gleichzeitig dem Unterricht von Rèber folgte. Diese Zeit am Konservatorium war jedoch nur von kurzer Dauer, da er 1831 die Institution verließ, ohne einen Preis erlangt zu haben. Er trat unter dem Einfluss des Malers Pol Justus in die Saint-Simonistische (Künstlergemeinschaft-)Gemeinschaft ein, zu deren offizieller Komponist er erklärt wurde. Jedoch löste die Regierung die Gemeinschaft unter der Leitung von Vater Enfantin (1796 – 1864) auf. Somit schlug die Stunde des Exils für den jungen Komponisten. Begleitet von seinen Saint-Simonistischen Kameraden durchquerte er Frankreich und schiffte sich auf eine Reise ein, die ihn insbesondere durch Ägypten und Algerien führte. Erst 1835 kam er nach Marseille zurück in der Absicht, den französischen Ohren die orientalische Musik nahe zu bringen und sich in Paris einen Namen als Komponist zu machen.

david melodiesDie „Mélodies Orientals“ für Klavier waren die ersten Werke, die David 1836 herausgeben konte: Dieser Band blieb aber fast unbemerkt und zudem wurden diese unverkauften Exemplare wenige Monate nach ihrer offiziellen Herausgabe Opfer eines Brandes und damit restlos zerstört. Das Netz von Freunden und Gemeinschaftsmitgliedern, die er im Paris des Beginns der Julimonarchie kannte, war zerrissen. Etliche hatten sich vom Saint-Simonismus distanziert, und für einen jungen Musiker gab es nur wenige Förderer. An 1837 genoss David dennoch die Gastfreundschaft eines ehemaligen Mitschülers – Félix Tourneux, der ihm, indem er ihn in seiner Sommerresidenz in Igny wohnen ließ und ihm ermöglichte, bis 1841 ein dem Komponieren und der Gartenarbeit gewidmetes Leben zu führen. Als er nach Paris zurückkehrte (zu seinem Bruder Félix), hatte er nur ein Ziel: die Welt der Musik, nämlich Paris, zu erobern.

Paris war in den 1840ger Jahren das Zentrum der europäischen Musik. Es war ein Ort ständiger Lebendigkeit, an den die größten Virtuosen der Zeit kommen und wo die Instrumentenherstellung und die Musikausgaben florierten. Die Zahl an öffentlichen Konzerten erlebte einen enormen Aufschwung, und die Arten musikalischer Darbietungen wurden vielfältig: Symphonische Konzerte der Konzertgesellschaft des Konservatoriums; „große Konzerte“ von Valentino oder Musard; Kammermusikkonzerte der Nachfolger von Pierre Baillot; Liederabende von Romanzen…

Otto Pilny: Sklavenmarkt/conchigliadivenere.wordpress

Otto Pilny: Sklavenmarkt/conchigliadivenere.wordpress

Bevor sich David an die Opernszene von Paris wagt – die ultimative Prüfung für jeden Komponisten – schreibt er für diese neuen musikalischen Bereiche; die Ästhetik, die er fördern will und seine Kenntnisse im musikalischen Milieu regen ihn dazu an. 1838 lässt er seine Symphonie in F-Fur durch die Valentino Konzerte aufführen; 1839 bringen die Konzerte Musard ein Nonett für Blechbläser heraus; für die Kammermusikkonzerte seines Freundes, des Geigers Jules Armingaud komponiert er 1842 eine Reihe von 80 kurzen Quintetten mit Kontrabass („Les quattre Saisons“). Im Dezember 1844 erreicht David den Höhepunkt seiner Bekanntheit mit seiner symphonischen Ode Le Désert im Théâtre Italien. Berlioz begeistert sich für die Partitur, in der er den Widerschein seiner eigenen ästhetischen Forschungen sieht: Er selbst dirigiert Le Dèsert im Februar 1845 in einem Konzert des Zirkus auf den Champs-Elysées. Die Konzertgesellschaft des Konservatoriums setzt sie ebenfalls 1847 aufs Programm.

Otto Pilny: Sklavenmarkt/conchigliadivenere.wordpress

Otto Pilny: Sklavenmarkt/conchigliadivenere.wordpress

Die Modernität dieses Werks besteht vor allem in seiner Kunstgattung, die völlig neu war, die vom Aufstieg der symphonischen Welt in Frankreich zeugte und gleichzeitig von dem Wunsch, sich nicht allzu weit von der Welt der Oper zu entfernen, die dem Publikums Frankreichs so am Herzen lag. Belioz versuchte sich 1939 mit Roméo et Juliette auch an dieser Mischgattung: der „dramatischen Symphonie“, auf halbem Weg vom Oratorium zur Symphonie, die man in der Nachfolge der letzten Werke von Beethoven einordnen kann.

David entwickelt indessen eine neue Art, die Handlung zu entwerfen: Er entfernt sich von der dramatischen Spannung, die den Opernwerken eigen ist, um sich einer Ästhetik der Kontemplation anzunähern. Darin besteht der „romantische“ Wert des Komponisten: Er konfrontiert den Hörer nicht mit einer frenetischen Aktion, sondern lässt ihn eher eine Landschaft beobachten, als ob er sich vor drei aufeinander folgenden befände: der Zug einer Karawane, eine nächtliche Rast, ein Tagesanbruch. Die langgezogenen Streicherklänge verstärken den Eindruck in der Unendlichkeit der Wüste stehen gebliebenen Zeit, wo die einzigen Anhaltspunkte durch die Stellung der Sonne gegeben sind.

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Die Melodien von Le Désert werden wie ein großer Teil der nach seiner Rückkehr aus dem Orient herausgegebenen Werke von exotischer Musik inspiriert, die der Komponist auf seiner Reise kennen gelernt hat: Im 2. Teil basiert die „Arabische Fantasie“ auf einer syrischen Melodie  und die „Abendträumerei“ kommt von einer Melodie von Nilschiffern. Dennoch strebt der Exostismus von David nicht nach Authentizität. Der Musikwissenschaftler Fritz Noske, der Le Désert studiert hat, meint, dass der Komponist „eher das Land der aufgehenden Sonne heraufbeschwört als dass er es malt“. Der Anklang an das Gebet des Muezzin (im 3. Teil) „ist nur eine ziemlich verzerrte Adaption des realen Vorbilds“, wie es Jean-Pierre Bartoli ausdrückt. Um seinen Zeitgenossen den Maghreb und den Mittleren Osten zu beschreiben, verwendet Félicien David eine französische musikalische Sprache und vermeidet bewusst ein modales System.

Beduinen in der Wüste um 1900/Postkarte/youtube

Beduinen in der Wüste um 1900/Postkarte/youtube

Die Pariser Anerkennung, die David durch Le Dèsert erhielt, öffnete ihm und seinem Werk die Türen zu ganz Europa. 1845 und 1846 spielet man das Werk in Brüssel, London, Berlin, Potsdam, Leipzig, Köln, München und Aachen (hier fand die Aufführung „in Kostümen“ statt mit vier Komparsen und zwei Kamelen aus Pappe). Le Dèsert überquerte sogar den Atlantik und hatte 1946 in New York Erfolg, 1990 in Berlin. Parallel zu diesem internationalen Erfolg drang Le Désert – auf eine für ein außerhalb der dramatischen Produktion liegendes französisches Werk sehr bemerkenswert – in das Konzertrepertoire der meisten französischen Städte ein: Die Aufführung in Caen (1846), Lyon, Boulogne-sur-Mer (1847), Rouen und Marseille (1848) waren die ersten Etappen eines nationalen Ruhms, der nicht vor Ende des Second Empire nachließ.

Der Komponist David in einer eigenen ewigen Wüste - Karikatur aus "Le Monde qui rire"/OBA

Der Komponist David in seiner eigenen ewigen Wüste – Karikatur aus „Le Monde qui rire“/OBA

Dieser phänomenale Erfolg – den ein Komponist wie Berlioz zum Beispiel zeit seines Lebens nicht erleben konnte – hatte indessen unheilvolle Konsequenzen für die weitere Karriere von Félicien David. Alle seine folgenden Werke wurden an der Bedeutung von Le Dèsert gemessen: Die Rezeption des Oratoriums Moses au mont de  Sinai (März 1846; 2014 in Clermont-Ferrand) litt  bereits daran, und man spottete bei  Le Saphir (1865 an der Opéra Comique uraufgeführt), dass der Komponist nun „von seinem Kamel herabgestiegen sei“. In der satirischen Zeitschrift Le Monde pour Rire stellt im Juli 1868 eine Karikatur des Zeichners Achille Lemont einen alternden David dar, der mit einer Lyra mit zersprungenen Saiten im Arm auf dem Skelett eines Kamels sitzt und an einen Pfosten gekettet ist. An diesem ein Schild mit der Aufschrift: „Wüste in alle Ewigkeit“…

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Der Beitrag von Etienne Jardin vom Palazetto Bru Zane am Zentrum der französischen romantischen Musik entnahmen wir in eigener Übersetzung (wieder einmal die wunderbare Ingrid Englitsch in Wien) dem informativen französisch-englischen Booklet der Neuausgabe des Davidschen Werkes bei naive mit Dank, G. H.

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Dazu auch ein Artikel von der website von Radio France, wo die Aufnahme im vergangenen Jahr übertragen wurde: Le Désert wurde 1844 am Théâtre-Italien in Paris uraufgeführt und war sofort ein großer Erfolg. Das dreiteilige Werk dauert etwa eine Stunde. Moïse au Sinaï ist kein Bühnenwerk, sondern eher ein kurzes Oratorium über ein biblisches Thema, das etwa vierzig Minuten dauert. Dennoch wurde es am 21. März 1846 an der Pariser Oper aufgeführt, aber es wurde streng beurteilt und fand nicht den verdienten Anklang. Christophe Colomb, das am 7. März 1847 am Conservatoire aufgeführt wurde, war ebenso erfolgreich wie Le Désert. Es ist die längste von Davids „Oden-Symphonien“, mit fast zwei Stunden Musik und vier prächtigen Tableaus. L’Eden, ein Mysterium (Oratorium), das am 25. August 1848, ebenfalls mit einem Sprecher, uraufgeführt wurde, fand wenig Beachtung – was angesichts der schwerwiegenden politischen Ereignisse jener Zeit (Sturz von Louis-Philippe im Februar, Herrschaft der gewählten Regierung der Zweiten Republik in Frankreich, Aufstand im Juni usw.) kaum verwunderlich war. Die Musik (die Orchestrierung ist verloren gegangen) ist ein Vorbote des Stils von Gounod in seinen besten Werken.

„La perle du Brésil“/Poster für die Oper von David/BNF

Müsste man die inneren Qualitäten von Davids Musik beschreiben, würde man an erster Stelle sein Talent als Dichter erwähnen, der (paradoxerweise) eine tiefe Nostalgie mit einer hypnotischen Ruhe verbindet, die an die unaussprechliche Qualität der besten Werke von Schubert erinnert. Die Bitten des Solosoprans in Moïse, der Rausch des Helios in Herculanum, der langsame Satz des Streichquartetts in A-Dur, die Beschwörung der Karawane, die durch die Wüste zieht: all das ist von dieser Art. Die Ungeduld der Romantik weicht der Freude an der Ekstase; die Melodie besticht durch ihre geschmeidigen, sinnlichen Linien. Die Exotik fügt manchmal einen weiteren Hauch von Raffinesse hinzu, ändert aber nie den edlen Charakter des Werks. David interessierte sich für alle Gattungen, die in den 1850er Jahren in Paris in Mode waren: Trio und Quartett, Kunstlied und Klaviermusik, Opéra-comique und große Oper. Er war nie sehr produktiv und zog es vor, seinen Lebensunterhalt als Lehrer zu verdienen, anstatt in rasantem Tempo zu komponieren. Und tatsächlich war alles, was er komponierte, von gleichbleibend hoher Qualität. Die Ägyptomanie tauchte in den Pariser Künsten zum ersten Mal zur Zeit des Ägyptenfeldzugs von Napoleon Bonaparte auf. In Nephté und dann in Mozarts Les Mystères d’Isis standen Ende des 18. Jahrhunderts sogar eine Sphinx und Pyramiden auf der Bühne der Pariser Opéra. Die Romantik kultivierte das Geheimnis der Hieroglyphen, die pittoreske Qualität der altägyptischen Architektur und ganz allgemein das Rätsel einer untergegangenen Zivilisation. Ein Vorbild für die Saint-Simonisten? Übersetzt mit www.DeepL.com/

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Die Libretti von Johann Strauss

 

Vor 141 Jahre betrat der slibowitzselige Gefängniswärter Frosch in der Fledermaus zum ersten Mal die Bühne. Für Johann Strauss Sohn war es nicht die erste Operette, die da am Theater an der Wien zur Aufführung kam. Schon drei Jahre vorher, 1871, hatte er am Theater an der Wien, wo auch Die Fledermaus herauskam, sein Debut als Operettenkomponist mit der Operette Indigo und die 40 Räuber gefeiert. Es war ein großes Ereignis gewesen, wie das Fremdenblatt am 12. Februar 1871 berichtete: „Denn gleich einer Seeschlange zog sich seit Jahren die Nachricht von der Aufführung des beliebten Walzerkomponisten durch die Blätter. Zahlreiche Texte wurden dem Genannten zur Verfügung gestellt; er hatte sie Alle verworfen … Selbst das endlich zur Benützung angenommene Textbuch hat eine ganze Leidensgeschichte für die Direktion, für den Kompositeur und – das ist das Bezeichnendste – für das Publikum … Das Haus bot an diesem Abend einen ganz eigenthümlichen Anblick. Die Schriftsteller und Journalisten Wiens, die bedeutendsten Kompositeure und Musiker, die unbeschäftigten Künstler aller Theater, sie hatten sich eingefunden und der Direktor des Hofoperntheaters, Herr Herbeck, der keinen Platz im Zuschauerraume gefunden hatte, folgte der Vorstellung auf einem improvisirten Sitze im Orchester.“

Erotischer Strauss: Marie Geistinger as Boccaccio, in Vienna/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Marie Geistinger als Boccaccio in Wien/Orca/Roser

Nur eine Spalte weiter ist dann allerdings zu lesen, dass der Erfolg „meistentheils der Musik, der glänzenden Ausstattung, dem trefflichen szenischen Arrangement und der über alles Lob erhabenen Vorstellung galt.“ Darauf folgt – quasi als dramaturgisches Statement – eine etwas merkwürdige Einschätzung des Werts eines Operettenlibrettos: „Zum Glück ist der Text einer Operette nichts weiter als die Folie für die Gesangsnummern und der Text zu ‚Indigo‘ kann daher auch nur als eine hölzerne Nothbrücke aufgefasst werden, welche die fließenden und munter einherhüpfenden Gesangsstellen miteinander verbindet.“ So ganz auf die Waagschale legen darf man die Äußerungen des Rezensenten auch sonst nicht. „Seit Jahren“ kann sich die Entstehungsgeschichte von Indigo nicht durch die Blätter gezogen haben. Denn wenn man den Beginn der Wiener Operette mit dem Pensionat von Franz von Suppé 1860 ansetzt – auch wenn das noch keine ausgewachsene Operette war -, dann handelt es ich nur um ein knappes Dezennium, in dem sich die Wiener Operette von Einaktern, die im Spielplan mit Schauspielen gekoppelt wurden, über Zweiakter erst 1870 mit Suppés Jungfrau von Dragant zu einem allein einen Abend füllenden Dreiakter entwickelt hatte. Das initiale Pensionat Suppés war zwar kein einhelliger Presseerfolg gewesen, aber ein folgenschwerer Publikumserfolg, den auch Johann Strauss Sohn zur Kenntnis nehmen musste, als er Ende Oktober 1860 müde und erschöpft, wie Franz Mailer schreibt, von seinem Russland-Gastspiel nach Wien zurückgekehrt war. Seine aus Russland mitgebrachten Novitäten fanden weit weniger Interesse beim Publikum als die Neuschöpfung Suppés.

Ein alarmierender Anstoß für die Strauss-Familie, dem neuen Genre vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, ebenso natürlich seinem französischen Anreger Offenbach, den Wien mit viel echtem künstlerischem Enthusiasmus und frechen illegalen Urheberrechtsbrüchen an die Brust genommen hatte. Die Wiener Presse dachte zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs daran, in Johann Strauss Sohn einen zukünftigen Operettenkomponisten zu sehen: Als Bäuerles Theaterzeitung darüber sinnierte, wer ein wienerisches Pendant zu Offenbach werden könnte, fiel der Name von Strauss nicht.

Erotischer Strauss: Cover der originalen Noten/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Cover der Zeitschrift „Die Bombe“ mit einer Darstellung zur „Fledermaus“ 1847/Orca/Roser

Aber Johann Strauss wusste sich schon 1863 den Kontakt zu Jacques Offenbach zu sichern. Über den Kritiker Eduard Hanslick, der mit beiden befreundet war, bemühte er sich, den Offenbachschen Walzer Abendblätter für seinen Verlag zu sichern. Offenbach hatte diesen, so wie er seinen Walzer Morgenblätter op. 279, für denselben Concordia-Ball als Widmungswalzer komponiert. Beide Werke erschienen auch tatsächlich gemeinsam im Verlag C. A. Spina. In den Bereich der Legende verwies allerdings schon Franz Mailer die Mitteilung, Offenbach hätte 1864 bei einem Bankett Strauss den Rat erteilt, Operetten zu schreiben, auch wenn die Theaterzeitschrift Der Zwischenakt schon am Tag nach dem bewussten Concordia-Ball Johann Strauss bereits an einer einaktigen Operette arbeiten sah. Die Meldung entsprach den Intentionen von Jetty Strauss, der Ehefrau des Komponisten. Der Meister war jedoch absolut nicht dieser Meinung.

Strauss war in dieser Zeit mit Franz von Suppé enger befreundet und attestierte ihm zu Recht ein größeres Talent für Theatermusik. Denn seine musikalische Sozialisation hatte nicht, wie die Suppés, am Dirigentenpult eines Orchestergrabens und mit der Komposition von Bühnenmusik für diverse Schauspiele stattgefunden, sondern auf den Tanzböden mit der Komposition und Präsentation von Tanzmusik, die sich nicht um dramaturgische Bedürfnisse von Autoren kümmern musste, sondern allein der bis ins Rauschhafte gesteigerten erotischen Animation des tanzwütigen Publikums diente. Dieses erotische Bedürfnis zu befriedigen, strebte aber auch die junge Wiener Operette an, die sich in ihren Sujets zaghaft auf einen unverwechselbaren Stil hin bewegte. Man hatte dafür an den in den drei traditionellen Wiener Vorstadttheatern gespielten Volksstücken, Sittenbildern, Idyllen, Märchen und Possen angedockt, hatte musikalische Anregungen aus den am Kärntnertortheater aufgeführten Donizetti-Opern gezogen, was Franz von Suppé sogar den Vorwurf einbrachte, sich am „Donizettelkasten“ bedient zu haben, und man ließ sich in den Libretti auf die Frivolität der Offenbachschen Bühnenwerke ein. Deren hoch politische satirische Anspielungen konnte man wegen der zurückhaltenden Liberalität in der habsburgischen Monarchie nicht übernehmen, hatte vielleicht auch gar nicht die Absicht, weshalb man ihren erotischen Subtext zu intensivieren trachtete, selbst wenn dabei Offenbachs Eleganz und Charme verloren gingen.

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, nicknamed “Luzi Wuzi”/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, bekannt als “Luzi Wuzi”/ ORCA/Roser

Das noch länger biedermeierlich verklemmte Wien nahm die erotischen Spielchen mit Freuden zur Kenntnis. Wo der Alltag bis ans Jahrhundertende Frauen noch vom Hals bis zu den Zehen modisch verpackte, steckte man sie auf der Bühne – durch dramaturgische Notwendigkeit vorgeblich bedingt – als Männer in Hosen und enthüllte damit ihre körperlichen Reize. Das aus barocken und vorklassischen Resten noch in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts herüberschwappende Cross Dressing feierte fröhliche Urstände. Selbstverständlich nur bei den Damen. Die traditionellen Kittelrollen der Metamelodrammen der frühen opera buffa-Geschichte, für die man in den Operettenlibretti oft zwingendere Möglichkeiten gehabt hätte als für Damen in Hosen, ließ man dagegen links liegen. Das ganze Quidproquo dieses Cross Dressings schuf in der Rückblendung auf das reale Geschlecht pikante erotische Konstellationen. Sittenstrenges Theater mutierte zu einer geduldeten unmoralischen Anstalt. Junge Damen in Hosen wurden auf die absurdeste Weise aufgeboten, so dass zum Beispiel in der Originalfassung von Suppés Banditenstreichen zwei Damen in Hosen als Liebhaber einer jungen Dame nachstellten und der Chor der Räuber aus neun Damen in Strumpfhosen und nur vier Herren bestand. So dick wollte sich selbst ein auf sexuelle Erregung erpichtes Männerpublikum nicht mehr antörnen lassen. Wer Stefan Zweigs Welt von gestern gelesen hat, vermag die Wirkung dieser erotischen Komponente in der Zeit zu begreifen und zu verstehen, dass das Publikum auch im Dekodieren eines erotischen Subtextes geschult war, der ihm versteckt das vermittelte, was offen noch immer nicht ausdrückbar war. Man spielte – und spielte an. Das Prinzip war nicht nur beim aufstrebenden Bürgertum gesellschaftsfähig, sondern auch bis in die höchsten aristokratischen Schichten. Die Presseberichte der Zeit vermerken mehrmals, wie selbst die kaiserliche Familie das neue Genre goutierte, in erster Linie Erzherzog Viktor Ludwig, der jüngste Bruder Kaiser Franz Josefs, in der Familie kurz Luzi Wuzi genannt. Er fand in den Spielsituationen der Libretti sogar seine homophilen Neigungen gespiegelt, die er im Alltag nur skandalträchtig ausleben konnte.

Der erotische Touch der Stücke war jedoch nicht der Grund, warum Gattin Henriette, kurz Jetty genannt, geborene Treffz-Chalupetzky, Johann Strauss Sohn zur Operette drängte. Sie war eigentlich prüde – trotz sieben unehelicher Kinder, deren letzte, zwei Mädchen, beim Vater, dem späteren Baron Todesco, im Palais Todesco auf der Kärntnerstraße zurückgeblieben waren, als sie sich dem Walzerkönig zuwandte. Aber sie hatte ähnlich gute Managerqualitäten wie die Mutter des Komponisten, Anna Strauss, geborene Streim, die die Strauss-Brüder weltweit etabliert und Sohn Johann zum Walzerkönig gekrönt hatte. Jetty erkannte die Möglichkeit, über immer wieder sprudelnde Tantiemen durch Operettenaufführungen mehr Geld in die private Kasse zu spielen, als durch Einmal-Bezüge bei Tanzmusik-Kompositionen, wo nur mit Auftrags- und Auftrittshonorar und durch den Notenverkauf Geld zu verdienen war. Und sie erkannte auch, dass die verkaufsfördernde Wirkung des Walzerkönigs nur mit seinem persönlichen Auftreten vor dem Orchester der Strauss-Familie erreicht werden konnte, wovon Johann Strauss immer mehr die Nase voll hatte.

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in Hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Bis zur Komposition von Indigo lagen bereits 342 Opuswerke mit Tanzmusik vor. So war nun die Zeit gekommen, sich den Absichten Jettys zu beugen. Erst 1863 war Johann Strauss vom Kaiserhof mit dem Ehrentitel Hofball-Musikdirektor ausgezeichnet worden, der einst für seinen Vater erfunden worden war. Am 5. Jänner 1871 suchte er um Enthebung von der Leitung der Hofball-Musik an, was im Vorfeld sicherlich mit dem Obersthofmeister Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst abgesprochen war. Denn bereits eine Woche später erreichte ihn die Bestätigung des Kaisers, der ihm den Titel auch weiterhin beließ und ihn für seine Verdienste mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph – Ordens auszeichnete. Am 27. März des Jahres erfolgte im neuen Musikvereinssaal am Karlsplatz der letzte gemeinsame Auftritt mit den Brüdern Josef und Eduard. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer als Operettenkomponist begann. Als Operettenkomponist im Theater an der Wien musste Johann Strauss Sohn nicht mehr als „Gunstwerber“ antreten, wie einer seiner Walzer im Debutkonzert am 15. Oktober 1844 im Casino Dommayer in Hietzing geheißen hatte. Die Gunst des Publikums war ihm gewiss. Aber er hatte nun mit einem Partner zu rechnen, den er nicht so recht einzuschätzen wusste: dem oder den Librettisten.

Und da begann schon bei Indigo und die 40 Räuber die Malaise, die – von der Presse deutlich artikuliert – ihn an der Richtigkeit seines Schrittes hätte zweifeln lassen können. Schulkamerad und Freund Anton Langer, Herausgeber der viel gelesenen humoristischen MonatsschriftHans Jörgel, versuchte nach der umjubelten Premiere die Zweifel zu zerstreuen: „Du hast Talent genug, dass eine Operette von Dir keine andere Ausstattung braucht, als Deine Musik. Du hast’s nicht notwendig, ein halbes Hundert halbnackte Weiber oder doch Weiber in Hosen hinaufzustellen.“ Er findet das Textbuch nicht schlechter als die Bücher für „unzählige Offenbach’sche Blöderien“, womit er unter anderem sicher auch Offenbachs Die Insel Tulipatan meint, angewidert von der erotischen Sprengkraft dieses Cross-Dressing-Einakters, dessen entschlüsselbare homophile Tendenz ihm nicht behagte. Mit dem Hinweis auf die Güte schlichter Offenbach-Stücke, die dem Singspiel nahestehen – wie zum Beispiel Verlobung bei der Laterne oder Fortunios Lied – warnt er vor Ausstattungsstücken, zu denen er Indigo zählt, ohne zu ahnen, dass die Operette schon sehr bald diesen Weg einschlagen wird und die Ausstattung zu einem stilbildenden Parameter der zukünftigen

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Für das nicht gerade vorbildliche Textbuch von Indigo und die 40 Räuberübernahm Maximilian Steiner die Verantwortung, der seit 1869 gemeinsam mit dem Star des Theaters an der Wien, der Schauspielerin Marie Geistinger, die Bühne leitete. Das vier Wochen vor der Premiere am 13. Jänner 1871 eingereichte Zensurlibretto trägt allerdings den Namen Richard Gené(e). Der gebürtige Danziger war noch von Friedrich Strampfer 1868 als Kapellmeister ans Theater an der Wien verpflichtet worden, dort allerdings nicht nur am Pult tätig, sondern als Mädchen für alles eingesetzt, so auch als Libretto-Retter oder besser: play doctor, wie man das im amerikanischen Musicalgeschäft nennt. Er war offensichtlich der Letzte, der am Libretto von Indigo Rettungsversuche vornahm, nachdem schon diverse Köche den Brei zu „verbessern“ gesucht hatten. Er beriet Johann Strauss auch in allen musikalischen Bühnenbelangen. Kurz gesagt: Strauss lieferte die Melodien, Genée setzte sie um. Indigo führt auf die orientalische Insel Makassar, wo König Indigo ein von korrupten Ministerialen ausgeplündertes Volk regiert. Seine Lieblingsbajadere ist die in Wien geborene Fantasca. Sie hat mit ihrem Geliebten Janio auf einer Reise Schiffbruch erlitten und ist im Harem Indigos gelandet. Janio wurde quasi als Hofnarr von Indigo aufgenommen. Eine Räuberbande bedroht die Insel. Fantasca wird als Preis für den ausgesetzt, der die Räuber besiegt. Die Räuber sind aber schon längst bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen. So verkleiden sich die Bajaderen unter Führung Fantascas als Räuber, erbeuten die Schätze der ertrunkenen Räuber, Fantasca betäubt die Bajaderen mit Opium, lässt sie auf den Sklavenmarkt bringen, wo Janio von Indigo, der sich inzwischen zum Gott ausrufen ließ, als Besieger der Räuber die Hand Fantascas einfordert, worauf sie gemeinsam mit den Bajaderen nach Wien absegeln. Ein bisschen viel action, viel Spiel – und kaum etwas zum Anspielen, sieht man von den korrupten Ministerialen und dem Damenchor in Hosen ab. Korruption sollte in der Folge zu einem mehrmals verwendeten Motiv der Wiener Operette werden, denken wir nur an den infamen Podestá Nasoni in Gasparone von Millöcker. Ein dramaturgisches Mittel, das auch heute noch von einem Publikum sofort verstanden wird. Das Wiener Theaterpublikum war nicht eben an große Bühnenliteratur gewöhnt. Man bedenke, dass selbst das Repertoire des hehren Burgtheaters von trivialen Stücken dominiert war, deren Text sich oft kaum von den Dialogen der Operetten unterschied und nur durch schauspielerisches Können veredelt wurde. Offensichtlich wirkte da noch immer ein Dekret des Gründungskaisers Joseph II. nach, das keine traurigen Stücke zulassen wollte, um die kaiserlichen Zuschauer beim Theaterbesuch nicht in traurige Stimmung zu versetzen. Die Konversationskomödie führte noch eine ziemlich banale Konversation.

Erotischer Strauss. Librettist Richard Gené hatte keinen kleinen Anteil am "Verrufenen/ORCA

Erotischer Strauss. Librettist Richard Genée hatte keinen geringen Anteil am „Verrufenen“/ORCA

Die reichlich absurde Handlung von Indigo hat das Publikum bestimmt nicht deprimiert, aber die Gesangstexte hätten das Publikum schon in traurige Stimmung fallen lassen können. Nur ein Beispiel – Fantasia singt: „In des Harems Heiligtume, in der Frauen heit’rem Kreise, blühe ich als stille Blume fern vom Welteng‘leise. Und wie Blumen welkt die Liebe in den Herzen hin allmählich, ach, nur einmal blüh’n die Triebe – und wer das glaubt, der wird selig!“  Selbstverständlich war das nicht parodistisch gemeint. Es sollte lustig wirken. Schwer vorstellbar, dass ein Mann wie Genée Urheber dieser Verse hätte sein sollen, der einmal der goldenen Wiener Operette die besten Libretti schreiben würde. Da waren sicher andere Autoren am Werk, weshalb letztendlich Genée auch nicht für das fertige Produkt zeichnete. Wir finden aber in diesem Textbuch von Indigo schon viele Motive, die die weitere Entwicklung der Wiener Operette bestimmen sollten. Da wäre zum Beispiel die Verherrlichung Wiens mit einem Walzer, die bis hinein ins nächste Jahrhundert immer wieder von Komponisten aufgegriffen wurde. Und da wäre auch der exotische Spielort, der Reiz des Fremden, der ebenso zu einem erotischen Stimulans wird und die erotische Komponente der Libretti in den Bereich des Märchens verschiebt. „Märchen für Erwachsene“ hat Robert Herzl, einer der letzten traditionellen Operettenregisseure, das Genre der Wiener Operette immer genannt. Märchen, die sich vom satirischen Vorbild der französischen Operette verabschiedet hatten, die das Faszinosum des Exotischen, das Offenbach als Maske einer kritischen Haltung benutzte, unreflektiert übernahmen und zunehmend in Exotismen aller Art schwelgten, wie Christian Glanz konstatierte. Märchen wurden auch gebraucht für die minderbemittelten Schichten der rapide wachsenden Stadt, für die armen, ausgebeuteten Arbeiter aus Böhmen und Mähren, die Ziegelböhmen, die das Wunderwerk der Ringstraße entstehen ließen und die in diesen Märchen auf den billigen Rangplätzen der Vorstadttheater ihrer bitteren Realität entflohen.

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Volker Klotz ließ Richard Genée spät, wie er selbst in einem Aufsatz bekennt, zu den Ehren kommen, die diesem Motor der Wiener Operette, wie er ihn nannte, zustehen. Johann Strauss scheint schneller die außerordentliche Begabung Genées erkannt zu haben, weil ab „Indigo“ zunächst keine seiner neuen Operetten ohne seine Mithilfe auskam. Klotz beschreibt Genée als „Gegenteil eines sendungsbesessenen Reformators“. „Die gelassene Haltung des selbstsicheren Fachmanns“ ermöglichte ihm, jedem Komponisten plausibel zu machen, was seinem Werk Not tut. Er kannte das Werk Offenbachs genauest und hatte selbst mit eigenen Werken im neuen Genre noch vor seinem Engagement nach Wien parallel zu Suppé und Kollegen erfolgreich experimentiert. Er wusste die Frivolität der Offenbachschen Libretti in seine Libretti für die Wiener Komponistentrias Suppé, Strauss und Millöcker zu retten, die weniger das Publikum auf den oberen Rängen interessierte, das ein gesundes Verhältnis zur Sexualität hatte, als das erstarkte Bürgertum und die assimilierte jüdische Gesellschaft. Seit 1860, im Jahr der ersten Wiener Operette, durften Juden in Wien Besitz erwerben. Begütert und angesehen wurden sie neben dem Adel zu Protagonisten der Wiener Ringstraßenzeit.

Die Operette wurde für sie das Zentrum des musikalischen Amusements, galt als etwas Fortschrittliches, das man wie auch das Neue in anderen künstlerischen Bereichen – nun endlich angstfrei, ohne drohende Pogrome im Nacken – fördern wollte. Genée stimmte also das junge musikalische Amüsiertheater wieder auf die großstädtische Pariser Wurzel zurück, die man für das Werden einer Metropole notwendig fand, auch wenn Wien etwas ganz anderes als Paris war. Genée wusste sich auch bei der katholisch konservativen Jetty Strauss durchzusetzen, die bei der Fledermaus ein Libretto zuließ, das thematisch schon eher der nicht gerade prüden Lebensart von Johann Strauss Sohn entsprach. Einmal noch wurde auch eine weitere große Hosenrolle mit dem Prinzen Orlofsky von Jetty akzeptiert, die den frivolen Hintergrund der Handlung – so wie heute mancher Regisseur – übersah oder tolerierte und nur die oberflächliche szenische Folie eines in jeder Beziehung rauschenden Festes zur Kenntnis nehmen wollte. Für die Darsteller war wieder Spielen und Anspielen gefragt. Man betrat wieder einen Boden, aus dem auch die Literaten der Zeit, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler, ihre Motivstränge zogen, auch wenn sie bei ihnen meist anders als in der Operette letal endeten. Der Kenner der französischen Literatur, Kapellmeister Genée, arbeitete bevorzugt mit Camillo Walzel zusammen, der sich als Schriftsteller F. Zell nannte, einem gebürtigen vielseitig begabten Magdeburger, der unter anderem Lithograph, Schauspieler, Schiffskapitän und eben Schriftsteller war, überaus belesen, so dass er die Handlungen der gemeinsamen Operettenlibretti vorgeben konnte und dabei behende fremdsprachige Quellen plünderte, was immer wieder zu verzwickten rechtlichen Situationen führte. Für die Fledermaus wurde aber Genée mit einem Wiener Schriftsteller zusammengespannt, der die couleur locale in das Stück Le Réveillon von Meilhac und Halévy, dem Libretto-Wunderteam Offenbachs, einbringen sollte, mit Carl Haffner. Oswald Panagl und Fritz Schweiger beschreiben den damals bereits 70jährigen Hausdichter des Carl-Theaters als Prototyp eines „Hungerpoeten“, der seinem Theater jährlich zwölf neue Stücke liefern musste. Genée war mit der Übersetzung und wienerischen Einrichtung des Originals durch Haffner, den er übrigens nach eigener Auskunft nie gesehen hat, nicht einverstanden. Wahrscheinlich war sie so bieder ausgefallen, wie damals die Sprechstücke auf den Vorstadtbühnen zu sein pflegten. Das konnte man für eine Operette nicht brauchen. „Ich fand es unmöglich“, schrieb Genée, „erbat mir am anderen Morgen das französische Original und schrieb hiernach das Libretto. Von der Haffnerschen Posse, die ich zurückgab, benutzte ich nur die Namen der Personen. Auch von dem Original musste ich in Szenenbau und Charakteren weit abweichen… Um den altbewährten Schriftsteller Haffner nicht zu kränken, wurde er auf dem Theaterzettel mit meiner Zustimmung als Kollaborateur genannt.“ Genée war aber nicht nur als Librettist in den Entstehungsprozess der neuen Strauss-Operette involviert. Er war musikalischer Ratgeber, der dem berühmten Komponisten mit seinem Wissen über szenische Musik zur Hand ging und mit dem von ihm gestalteten berühmten Melodram mit der Schicksals-Musiknummer 13 im 3. Akt der Partitur Strauss zu der wohl theatertauglichsten Musik führte, die er geschrieben – oder eben nicht geschrieben hat.

Strauss: Hörptobe zu "Indigo" auf youtube

Strauss: Hörprobe zu „Indigo“ auf youtube

So wurde nun das Publikum des Theaters an der Wien am 5. April 1874 in einen Badeort in der Nähe einer großen Stadt geführt. Wenn in manchen Inszenierungen der Vorhang hochgeht, sieht man eine feudale Villa im Hollywood-Stil. Das war sicher nicht Genées Absicht. Pensionisten konnten sich vielfach das Leben in der Großstadt nicht mehr leisten und zogen sich deshalb in die Umgebung der Stadt zurück, wo das Leben billiger war. Der Ort der Handlung spielte also schon auf den Stand und die Vermögenslage der Protagonisten an, war unschwer als Baden bei Wien erkennbar und erregte beim Publikum Heiterkeit in Erinnerung an Bekannte, die ihm das real vorlebten. Dass in einem kleinen Ort jeder jeden kennt, ist selbstverständlich. Umso unverständlicher, wenn nun einer dort, der Richter, nicht so ticken will, wie es dem vor Gericht stehenden Rentier Eisenstein gefällt, der ihn bestens kennt und ihm bei Einladungen das Silberbesteck geborgt hat, wie man im französischen Original lesen kann. Gattin Rosalinde wiederum benutzt den verurteilenden Richter gleich als Alibi für ihr neuerliches Techtelmechtel mit einem ehemaligen Liebhaber. „Hätte er meinen Mann nicht verurteilt, könnte ich meinen ehemaligen Liebhaber nicht empfangen!“ In aller Unverblümtheit gestaltet sich da ein Sittenbild, das die angestochene Moral der Zeit reflektiert. Hebt sich dann im zweiten Akt der Vorhang, sieht man meistens einen prachtvollen Ballsaal. Hat sich Genée das wirklich so vorgestellt?

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Ich habe einmal mit dem großen Regisseur Giorgio Strehler über eine Inszenierung der “Fledermaus” gesprochen. Er war sich ohne langes Nachdenken der Hintergründigkeit der Szene bewusst, die Sein und Schein auseinander dividieren muss. Für ihn waren die Ballettratten nicht die ranken und schlanken Tänzerinnen des Hofopernballetts, sondern die Damen der letzten Reihe, die sich ihre knappen Gagen mit Beziehungen zu betuchten Herren aufpäppelten. Und Prinz Orlofsky war kein reicher russischer Magnat, sondern ein Schieber, der nur in der Provinz den feinen Mann spielen kann, auf den ihm die Gesellschaft in der Großstadt nicht hereinfallen würde und wo er sich auch mehr vor der Polizei hätte in Acht nehmen müssen. Wenn schließlich die mediokre Gesellschaft auf der Bühne champagner- und wodkagetränkt ins lallende „Dui-du“ der Verbrüderung fällt – dann weiß man genau, wohin das führt, wenn der Vorhang gefallen ist.

Spielen und anspielen, das ist es, was die Inszenierung einer guten Operette heute so unendlich schwer macht. Man will es nicht so genau wissen, aber genauest glauben, was eigentlich los ist. Der Schlussgesang der Fledermaus weist deutlich darauf hin, auch wenn gleich wieder der Champagner als Entschuldigung herangezogen wird, der alles verursacht haben soll: „Wir wollen ihm den Glauben, der selig macht nicht rauben.“ Der Zuschauer weiß, dass er einem eindeutig sexuell konnotierten Vexierspiel zugesehen hat, das oft die Pornographie streift, wenn zum Beispiel der enttarnte Gefängnisdirektor Frank das Stubenmädchen rügt: „Sie haben sich von mir die Hand küssen lassen!“ Und sie darauf antwortet: „Nicht nur die!“

Die berühmten Libretti von Zell und Genée greifen immer wieder dieses Brunftjagen nach dem anderen Geschlecht auf, das versteckt auch die zwischenmenschliche Realität der Zeit bestimmte. In Suppés Boccaccio geht es in erster Linie um Sex, im Bettelstudent benimmt man sich schon etwas gesitteter. Für Strauss ließen sich die beiden Herren noch einmal auf die erotische Jagd ein, die man aber diesmal nicht so unversteckt portraitierte wie in derFledermaus, sondern um den Faktor Romantik bereichert. Eine Nacht in Venedig hieß das Stück, wieder nach einer französischen Quelle, dem Opernlibretto zu Le Château Trompette von Eugène Cormon und Michel Carré, wieder mit den üblichen urheberrechtlichen Schwierigkeiten wegen literarischer Plünderung. Nur diesmal fand die Uraufführung nicht in Wien statt, da Strauss das Theater an der Wien meiden wollte, weil ihn seine zweite Frau Angelika Dittrich (Jetty war 1878 gestorben) verlassen hatte und nun mit dem neuen Direktor des Theaters, Franz Steiner, dem älteren Sohn des inzwischen verstorbenen Maximilian Steiner, zusammenlebte, also Frau Prinzipalin geworden war, was man in der Presse als Begründung auch nur „anspielen“ konnte.

Poster zu "Bocaccio", London 1882/ORCA

Poster zu „Bocaccio“, London 1882/ORCA

Die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig am 3. Oktober 1883 zur Eröffnung des Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin wird immer wieder als Misserfolg auf Grund des Librettos kommuniziert. Sicher, man hat das Libretto von Zell und Genée nicht geliebt. „Sie sind und bleiben des Sängers Fluch“, schrieb der Rezensent der Deutschen Zeitung am Tag nach der Premiere. Aber bei dieser entstand Unruhe beim Publikum nur beim Text des „Lagunenwalzers“, wo man auf die ursprünglichen Worte „Bei Nacht die Katzen sind grau, zärtlich ertönt ihr Miau“ mit Miauen reagierte. Schon am nächsten Tag war der Text geändert – und einem Berliner Erfolg des Werkes stand nichts mehr im Wege. Nur sechs Tage später kam die Nacht in Venedig bereits in Wien heraus. Natürlich im Theater an der Wien. Lili und Strauss hatten sich zwar nicht versöhnt, aber: „Non olet!“. Auf das ideale, den Erfolg bestimmende Ensemble, das einem vertraut war und einen Erfolg garantierte, wollte die Firma Strauss nicht verzichten. In Wien hatte man aber den Text des in Berlin Unruhe stiftenden Walzers schon längst geändert. Denn hier wurde der Walzer nicht wie in Berlin vom Herzog gesungen, sondern von Caramello, Herrn Girardi – und auf dessen Rolle hätte der ursprüngliche Text nicht gepasst. Sicher, die Berliner Uraufführungsverse waren nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz. In Wien hätte man sie wahrscheinlich als Anspielung darauf verstanden, dass ein Alter einer Jungen nachjagt. Schon im deutschen Libretto von Paisiellos Barbier von Sevilla begründet Doktor Bartolo seinen berechtigten Anspruch auf sein Mündel Rosina, dass in der Nacht alle Katzen grau seien, es also ganz egal sein kann, wer zu ihr ins Bett steigt, ein Junger oder ein Alter. Den Berlinern war das schlicht und einfach zu sehr um die Ecke gedacht. Da liebte man es direkter. Die Posse hätte da andere Parameter aufgefahren. Anspielen war nicht lustig. Aber die deftigsten, sexuell konnotierten Anspielungen finden sich seltsamerweise erst in den Wiener Änderungen, wenn zum Beispiel Pappacoda den Herzog fragt, ob er schon die Wirkung seines Apfelstrudels ohne Äpfel empfunden habe.

Johann Strauss: Poster zum "Zigeneunerbaron" 1885/ORCA

Johann Strauss: Poster zum „Zigeneunerbaron“ 1885/ORCA

„Zwischen Weinberl und Zibeben tu‘ ich gern was Scharfes legen. Es essen alte Herr’n Pikantes gar so gern – hinein dann in die heiße Röhr’n.“ In Wien ging die Nacht in Venedig umjubelt in Szene. Das Lachtheater war hier anders gestimmt als in Berlin. Und dennoch meckerte die Presse auch in Wien wieder am Textbuch herum. Bei allen Strauss-Operetten fällt das als Konstante auf, die auch auf den Komponisten Strauss abfärbte, dem nie diese bedingungslose Wertschätzung der Kritik bei den Operetten gezollt wurde wie bei seinen Schöpfungen im rein instrumentalen Bereich, bei den Walzern und Polkas, wo man ihn bereitwilligst „König“ nannte. Ich verdanke diesen Hinweis Marion Linhardt. Die Wiener Presse war meist ungnädig mit Operettenlibrettisten, was immer auch auf die Komponisten abfärbte. Strauss wurde wenigstens nicht wie Suppé der Talentlosigkeit geziehen. Aber die Reaktionen auf die Nacht in Venedig ließen Strauss von Zell und Genée abrücken. Sie sollten kein Libretto mehr für ihn verfassen.

Vielleicht war auch die Zeit des Anspielens in der Operette vorbei. Sie verfiel immer mehr dem Exotismus und ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 auch einem speziellen „Binnen-Exotismus“, wie Christian Glanz so treffend die Verortung der Handlungen auf die Kronländer der Monarchie bezeichnete. Mit diesem Binnenexotismus schritt auch die Tendenz zur Oper in den Operetten voran. Im Zigeunerbaron finden sich nur mehr am Rande erotische Anspielungen. So mag man das Dompfaff-Duett von Saffi und Barinkay als erotische Anspielung auf eine Befürwortung der freien Liebe empfinden. Angespielt wurde auf andere Dinge: Man mag zum Beispiel das untadelige Verhalten der Zigeuner als positive politische Äußerung im Vergleich zum kriegsbeuterisch unanständigen Schweinezüchter Zsupán empfinden. Éljen a Magyar! – auch wenn es rein wirtschaftlich darum ging, den ungarischen Musikmarkt zu erobern. Der Binnenexotismus zeigt auch deutlich die Unvernünftigkeit der Regierung, die nur Ungarn, nicht aber Böhmen und Mähren einen Ausgleich gewährte, weswegen Böhmen und Mähren bei Operettenlibretti nicht bestimmend wurden, obwohl sie bedeutendes musikalisches Kolorit jenseits der Polkas hätten beitragen können. Erst das 20. Jahrhundert gewann dann wieder der Operette die Erotik zurück – und dort oft noch deutlicher ins Pornographische verweisend.

Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Dieses Abdriften der Operette des späten 19. Jahrhunderts ins Opernhafte ist nicht nur bei Johann Strauss Sohn zu beobachten. Es kann damit zusammenhängen, dass die Komponisten ihre Arbeit als Operettenkomponisten nicht als vollwertige künstlerische Tätigkeit empfinden konnten, weil ihnen die rückhaltlose Bewunderung des Publikums und der Rezensenten auf diesem Sektor nicht in dem Maße zu Teil wurde, die sie in anderen Bereichen ihres Künstlerlebens genießen durften. Die Oper stellte sich nicht als andere, sondern als höherwertige Kunstform dar. Deshalb der Drang von Suppé und Strauss zur Oper, mit der sie aber beide nicht reüssieren konnten. Das mag auch ihre zeitweiligen depressiven Verstimmungen ausgelöst haben wie auch manche private Spleens.

„Die Fledermaus ist nicht die beste Operette, sie ist die Operette …“ stellte der Dirigent Felix von Weingartner einmal fest. Volker Klotz bestätigt ihn, weil er in der Fledermaus eine Wiener Offenbachiade erkennen kann. Auf alle Fälle ist sie bis heute die Operette aller Operetten, auch wenn sie meist szenisch falsch interpretiert wird. Und sie hat der Operette des 20. Jahrhunderts mit dem Gerichtsdiener Frosch eine Figur geschenkt, die im 20. Jahrhundert zu einem ganz speziellen Rollentypus, dem 3. Akt-Komiker, führte, Spielfeld aller großer Komiker. Seltsamerweise hat kein Operettenlibrettist des 19. Jahrhunderts auf diesen Typus zurückgegriffen. Man blieb an der durchgehenden komischen Figur des bürgerlichen Lustspiels hängen. Erst als die Operettendramaturgie in Handlungsschablonen zu denken begann, entdeckte man wieder diesen Typus, den man nun in verschiedenen sozialen Konstellationen als Spaßmacher im musikalisch meist schwächelnden dritten Akt einsetzte, um das unausweichlich bereits vorhersehbare Finale, glücklich oder tragisch – was für die Operette überhaupt eine beliebte Unsinnigkeit war – mit einer letzten unterhaltsamen Steigerung einzuleiten. Im Slibowitz war also nicht nur Wahrheit, sondern auch Dramaturgie.

Hans-Dieter Roser

Dieser Text fasst einen Vortrag zusammen, den Hans-Dieter Roser, Professor in Wien, ehemaliger Künstlerischer Betriebsdirektor an der Berliner Staatsoper,  Vizedirektor der Volksoper Wien und Inhaber vieler weiterer wichtiger Positionen im internationalen Theaterbetrieb, im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ im März 2015 hielt. Er war der Eröffnungsvortrag der „Tanz-Signale“-Konferenz zum Thema „Johann Strauss und seine Operetten-Libretti“. Wir danken Professor Roser für die Erlaubnis zum „Nachdruck“. Der Text erschien erstmals bei den Kollegen des Operetta Research Center Amsterdam/Orca, denen wir ebenfalls danken. G. H.

Und auf meine Frage nach „Zibeben“ schrieb mir Hans-Dieter Roser: Meine Kremser Großmutter kannte das Wort Rosine gar nicht, da war immer von Weinberln und Zibeben die Rede. Weinberln waren die saftigen Rosinen, Zibeben die trockenen, die vorher in Rum eingeweicht wurden. Wikipedia hat mich aufgeklärt, dass Zibeben schon getrocknet vom Weinstock geerntet werden. Ich nehme an, dass mit Weinberln jung und mit Zibeben alt gemeint war… Danke. G. H.

Informationssteinbruch

Für jeden Operettenfreund ist das Markenzeichen „Zell & Genée“ ein Begriff, hat doch diese „Firma“ die Libretti zu einigen der wichtigsten Operetten der „Goldenen Ära“ geliefert: Boccaccio und Fatinitza von Franz von Suppé, Der Bettelstudent und Gasparone von Karl Millöcker und Eine Nacht in Venedig von Johann Strauß. Doch damals wie heute wurde den Autoren von Operettentexten keine große Bedeutung beigemessen, und so kommt es, dass man über sie so gut wie nichts weiß. Erst vor einigen Jahren hat Volker Klotz in einem Essay (der auch in dem in operalounge.de bereits besprochenen Buch Es lebe: Die Operette enthalten ist) eine gründliche Rehabilitation Richard Genées versucht, den er als „Initiator und Motor einer eigenen Wiener Operette“ herausstellt. Er konnte sich dabei zu einem guten Teil auf die Materialsammlung seines Nachfahren Pierre Genée stützen, die dieser nun selbst in Buchform vorgelegt hat.

Pierre Genée Richard Genée Löcker VerlagRichard Genée, so weiß man nun, war weit mehr als ein Textlieferant, vielmehr ein mit allen Wassern gewaschener Theatermann, der als Geburtshelfer auch vieler fremder Werke tätig wurde. 1823 als Sohn des Sängers und späteren Theaterdirektors Friedrich Genée in Danzig geboren, schlug er die Laufbahn eines Kapellmeisters ein, die er zwei Jahrzehnte in verschiedenen europäischen Städten ausübte, bevor er 1868 ans Theater an der Wien berufen wurde, wo er der noch in den Kinderschuhen steckenden Wiener Operette die entscheidenden Anstöße gab. Offenbachs Werke wurden in seinen deutschen Bearbeitungen, von mancher Frivolität gereinigt, dem Wiener Publikum schmackhaft gemacht; Suppé, Strauß, Millöcker und andere profitierten von seinem theatralischen Knowhow bei der Komposition abendfüllender Bühnenwerke. Auch seine Freundschaft mit Friedrich von Flotow trug künstlerische Früchte, allerdings sind dessen spätere Opern Am Runenstein und Die Musikanten in Vergessenheit geraten.

Im ersten Teil seines Buches zeichnet Pierre Genée nach familiengeschichtlichen Abstechern, die im vorliegenden Fall keine Abschweifung bedeuten, den Lebens- und Berufsweg Richards nach, wobei der Zusammenarbeit mit den drei großen Exponenten der goldenen Wiener Operette der gebührende Raum gegeben, auch die Arbeitsteilung zwischen ihm und dem Co-Autor F. Zell, der mit bürgerlichem Namen Camillo Walzel hieß und im selben Jahr (1895) wie er verstarb, genauer beschrieben wird. Bei der Fledermaus allerdings war Zell nicht der Partner, vielmehr schrieb Genée hier die Adaption eines französischen Stückes durch Meilhac & Halévy von Carl Haffner vollständig um. Weniger bekannt dürfte sein, dass er auch an der Komposition der Operette nicht unerheblichen Anteil hatte, indem er teilweise von Strauß lediglich hingeworfene Skizzen ausarbeitete. Das war damals wie in der Folgezeit kein unübliches Verfahren, doch wollte der Walzerkönig später den Anteil seines Mitarbeiters nicht anerkennen.

Frontespiece des Klavierauszugs von Richard Genées Operette "Nanon" bei White Smith Music Publishers

Frontespiece des Klavierauszugs von Richard Genées Operette „Nanon“ bei White Smith Music Publishers

Mit Arrigo Boito, seinem Kollegen von der Oper, teilt Richard Genée das Schicksal, der Nachwelt nicht als Komponist, sondern als Librettist im Gedächtnis geblieben zu sein. Doch während Mefistofele in Italien ein Repertoirestück geblieben ist und in letzter Zeit auch häufig in Deutschland gespielt wird, sind die musikalischen Werke Genées sogar in seiner Heimat völlig in Vergessenheit geraten. Es ist mir nicht gelungen, eine Aufnahme von seinem Hauptwerk, der Operette Nanon, die Wirtin vom Goldenen Lamm (1877), ausfindig zu machen. Eine Verfilmung von 1938 mit Erna Sack und Johannes Heesters nennt als Komponisten Alois Melichar; inwieweit dessen Soundtrack auf die Originalpartitur rekurriert, ist mir nicht bekannt.

Im zweiten Teil des Buches listet Pierre Genée das überaus stattliche musikalische Oeuvre seines Urahns auf, darunter allein 250 Werke mit Opuszahlen, dazu zahlreiche Gelegenheitskompositionen und Bearbeitungen neben den kompletten eigenen Bühnenwerken, von denen noch der einst erfolgreiche Seekadett (1876) hervorzuheben ist. Einige der Titel werden nur rudimentär, andere sehr ausführlich kommentiert, wobei der Fledermaus nebst ihrer Vorgeschichte sehr breiter Raum eingeräumt wird. Das Ganze ist ein Informationssteinbruch, aus dem berufene Wissenschaftler noch viele interessante Details herausholen könnten, es ist aber auch eine Aufforderung an die ausübenden Musiker, diese großenteils zugänglichen Kompositionen wieder aufzuführen.

Ein nützliches Buch mithin, dessen Handicap lediglich darin besteht, dass Pierre Genée, von Haus aus Facharzt für Neurologie, kein Musikwissenschaftler ist und sich mit der Beschreibung der Musik seines Vorfahren ein bisschen schwer tut. Ein kundiger Lektor hätte auch einige ungelenke oder kuriose Formulierungen (z. B. „Das Fledermaus’sche Libretto“) eliminieren können. Vermeidbar waren weiterhin die zahlreichen Druckfehler, vor allem bei den Jahreszahlen purzeln die Ziffern immer wieder wild durcheinander (Pierre Genée: Richard Genée und die Wiener Operette, Löcker Verlag: 15 x 22,5 cm, Hardcover mit SU 351 Seiten, ISBN 978-3-85409-738-9).

Ekkehard Pluta

Foto oben: Richard Genée (www.biographien.ac.at)

Charme et rêve

Noch ein Sommernachtstraum? Nicht wirklich, auch wenn wir hier auf Titania und Oberon treffen: vom König der Feen wird Isoline dazu verurteilt, sich am Tag ihrer Hochzeit in einen Jungen zu verwandeln, weshalb ihre Mutter, Königin Amalasonthe, sie mit ihren Begleiterinnen im Schloss einsperrt. Dort trifft sie auf den Prinzen Isolin, mit dem sie flieht. Unter dem Schutz Titanias erhält jener das Zugeständnis, sich in ein Mädchen zu verwandeln, wenn Isoline zu einem Jungen wird. Das alles spielt in einem Reich, in dem sich Phantasie und Traum verweben, mit fliegenden goldenen Drachen, einem Land, in dem es keine Spiegel gibt, einer großen Schlacht und der Überfahrt nach Aphrodites Insel Kythera – eben ein Märchen, ein Conte de fées, so der Untertitel. Das Spiel mit den Geschlechtern, die Ambiguität von Isoline und Isolin – beide von Sopranen gesungen – scheint uns heute weniger frivol als zur Zeit der Uraufführung 1888 am Pariser Théâtre de la Renaissance. Doch auch damals war Isoline, eines der früheren Bühnenwerkes von André Messager, dem noch rund zwanzig weitere folgen sollten, kein wirklicher Erfolg. Zu den weiteren Stücken gehört die reizende Véronique, Messagers einziger bleibender Erfolg, und Fortunio. Letzteren hat immerhin John Eliot Gardiner in seiner Einspielung von 1988 wieder in Erinnerung gebracht, während Véronique bereits in den späten 60er Jahren in einer EMI-Einspielung unter Jean-Claude Hartmann mit Mady Mesplé erschienen war. Noch früher, in den späten 50er und frühen 60er Jahren, entstanden die mal Opérette, mal Comédie musicale oder Opérette romantique bezeichneten Rundfunkaufnahmen von Coups de Roulis, Passionement und Monsieur Beaucaire, die in den 90er Jahren zusammen mit Werken u. a. von Adam, Audran, Bazin, Boieldieu, Ganne, Hérold, Lecocq, Hahn und Offenbach in der herrlichen Reihe Gaite Lyrique erschienen. Aus den gleichen Quellen, den Archiven des Institut National de l‘ Audiovisuel, kommt nun ebenfalls die Erstveröffentlichung von Isoline (frz., engl. Beiheft); leider ohne Libretto, dafür mit einer Erzählerin vor jedem Bild.

Die Rundfunkaufnahme aus dem September 1947 mit Sängern, die wir auch auf den anderen Operetten finden, etwa Willy Clément und Joseph Peyron, ist wegen ihres topfigen und murkeligen Klangs selbst unerschütterlichen Liebhaber der leichten französischen

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Musik, die ihre Lücken schließen wollen, nur unter Vorbehalt zu empfehlen. Schade, denn die zehn Szenen mit einer Gesamtspielzeit von rund 100 Minuten, bieten alles, was man am Messager liebt, die elegante Leichtigkeit, gepaart mit einer gewissen Melancholie, die reizenden luftig-leichten Melodien sowie den Charme einer verflossenen Epoche. Man findet kleine Romanzen, darunter Obérons „Charme, rêve“, das sich zum Duett mit Titania weitet, Couplets, wie Isolines „Parmi les blancheurs de neige“, und veritable Ensemblestücke und Finali, dazu das neoklassizistisch filigrane Ballett im Wald von Brocéliande. Die Stimmen sind alle nicht außergewöhnlich: Jeanne Rollands Isolin ist sehr gewöhnungsbedürftig, der damals knapp dreißigjährige Bariton Willy Clément (1918-65) beispielsweise klingt ausgesprochen ältlich und abgesungen, doch welch eine Phrasierung und Diktion, auch bei der silbrig dünnen Janine Micheau, und sie verströmen unter der stilkundigen Leitung von Louis Beydts alle ausgesprochenes Vergnügen (2 CD, INA IMV051) .

R. F.

 

Frühes von Mayr, Spätes von Rossini

Nach einer nicht all zu umfangreichen und unaufgeregten Sinfonia führt Simon Mayrs JakobOratorium mitten in die Episoden um Abrahams Nachkommen, wie sie im Buch Genesis ab Kapitel 25 aufgeführt sind: Jakob hatte seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrogen und war zu seinem Onkel Laban geflohen. Dort diente er sieben Jahre um Labans Tochter Rahel, wurde aber von Laban getäuscht und erhielt die ältere Lea, worauf er nochmals sieben Jahre um Rahel diente. Er beschließt, in die Heimat zurückzukehren, überlistet bei der Teilung der Vierherde den Onkel, worauf er des Betrugs beschuldigt wird und mit beiden Frauen flieht. Laban eilt den Flüchtenden nach und stellt sie nach sieben Tagen. Viel Konfliktpotenzial. In seinem ersten Oratorium Jacob a Labano fugiens goss Mayr, der ab 1789 in Bergamo und Venedig studiert hatte, das Geschehen in wohlgefällige Formen, die nur selten etwas vom biblischen Furor ahnen lassen: jeder der vier Protagonisten, Jacob, Laban und die beiden Töchter Leah und Rahel, erhalten zwei Arien, der in der Bibel unerwähnte Hirte nur eine; inklusive Ouvertüre und vier Terzetten, wobei der Begriff für den abschließenden Rundgesang etwas hoch gegriffen ist, dauert das zweiteilige Werk 80 Minuten. Doch lassen wir uns nicht von der schmeichelnden Sanftmut Mayrs täuschen: Gleich Labans erste Arie „Nil a vindicata extrema“ zeigt ein heftiges Seelengemälde wie eine barocke Rachearie, wodurch sich die Norwegerin Siri Karoline Thornhill mit ihrem festen, höhensicheren Sopran vorteilhaft von dem mit vier Sopranen und einem Mezzosopran für Jacob etwas gleichförmig besetzten Ensemble abheben kann. Julie Comparini finde ich für den Jacob etwas uninteressant – sowohl im dreisätzigen „Vade, a me fuge infida“ wie in der Abschiedsklage „Date mihi extremum vale“. Andrea Lauren Brown und Gunhild Lang-Alsvik erhalten ebenfalls Gelegenheit sich als Labans Töchter zu entfalten, vor allem Lang-Alsvik im Bläser begleiteten Rondo der Rahel. Die Begegnung mit Jakob auf der Flucht vor Laban verdanken wir Franz Hauk, der sich mit seinem Simon Mayr Chor und Ensemble vielfach für den oberbayerischen Komponisten einsetzte und sich im September 2011 auch dessen italienischen Erstversuch, der wie damals üblich, auf dem Gebiet der geistlichen Musik stattfand, nicht entgehen lassen wollte (Naxos 8.573237). Mayr erinnert sich an Mozart, klingt wie der ganz frühe Rossini, die Arien ergeben sich aus Klang gewordenen rezitativischen Gesten, beziehen gelegentlich den Chor mit ein, der Einsatz der Soloinstrumente, gesteigert durch gute Kombinationen, ist durchdacht, und obwohl stark kontrastierende Arien auf einander folgen, bleibt der Fluss der Handlung gleichförmig, findet alles im Rahmen des Bekannten und Gewohnten statt.  Rolf Fath

rossini messe naiveEine wahrhaft deliziöse Aufnahme ist die von Rossinis Petite Messe Solenelle in der Fassung für Orchester mit dem Orchestre de Chambre de Paris, aufgenommen im Juni 2014 in der Basilika Saint-Denis. Dirigent Ottavio Dantone hält das kleine, aber feine Orchester zu kontrastreichem Spiel an, einem demütig klingenden „Kyrie“ und gleich danach einem dramatisch zupackenden „Gloria“, einem „Gratias“ voller Elan und einem Orgel-Vorspiel (Christophe Henry) mit beinahe opernhaften Zügen in seinem Sichsteigern. Generell werden zügige Tempi bevorzugt, gibt es aber auch ein schönes Verklingen vom „Qui tollis“. Leichtzüngig äußert sich der Chor Accentus im Cum sancto spiritu, ein ausgesprochen fröhlich klingendes Glaubensbekenntnis mit kraftvoll bestätigendem Amen gelingt ihm ebenfalls. Vorzüglich sind die Solisten. Der schlanke, reine Sopran von Julia Lezhneva ist leicht dunkel getönt, sehr eindringlich im „Miserere nobis“, eine schöne, bewegte Klage gelingt ihr im „Cruzifixus“, ausdrucksvoll weiß sie im Salutaris zwischen Angst- und Jubelton zu wechseln. Delphine Galou singt die Altpartie mit schönem, einheitlichem Stimmfluss, harmoniert perfekt mit der Sopranstimme und hat für das abschließende Agnus Dei das eindringliche Bitten in der Stimme. Michael Spyres scheint in dieser Aufnahme eine viel hellere Stimme zu haben als auf seiner CD mit französischen Arien. Der Tenor klingt herb, schneidig, schlank und ist höhensicher, wie man es von ihm kennt. Viel dunkler und voluminöser, als aus seinem Engagement an der Berliner Staatsoper erinnerlich, ist der Bass von Alexander Vinogradov, dabei ist er geschmeidig geblieben wie eh und je, sein Beitrag zu dieser Aufnahme ein beachtlicher (Naive V5409). Ingrid Wanja  

 

Jugend übt sich

 

Im 18. Jahrhundert war die Olympiade noch nicht wieder zum Sportereignis geworden, sondern erlebte auf der Opernbühne ihre Rückkehr. Pietro Metastasios berühmtes Opernlibretto soll ca. 60 mal vertont worden sein, zuerst 1733 von Caldera, in der Folge u.a. von Vivaldi (1734), Pergolesi (1735), Hasse (1756), Jommelli (1761), Cimarosa (1784), sogar Donizetti erwog 1817 noch eine Vertonung und hinterließ ein Fragment. Ungefähr in der vertonungshistorischen Mitte befindet man sich sich bei Josef Myslivečeks Version der L’Olimpiade, die 1778 in Neapel zuerst auf die Bühne kam. Der Tscheche Mysliveček (1737-1781) war beim neapolitanischen Publikum sehr beliebt, neun Opern komponierte er für das Teatro San Carlo, L’Olimpiade war die achte; 17 Opern schrieb er u.a. für andere namhafte Opernstädte – alle zur Gattung der Opera seria gehörend und überwiegend auf Libretti Metastasios. Mysliveček gehörte zu den Top-Verdienern seiner Zeit. 1770 befreundete er sich mit dem vierzehnjährigen Wolfgang Amadeus Mozart, der ihn 1777 in München im Krankenhaus besuchte und über die schwere Syphilis-Erkrankung an seinen Vater berichtete. 1781 starb er verarmt in Rom

Der in Prag geborene Josef Mysliveček gehört zu den diskographisch bisher weniger wiederentdeckten Komponisten. Er schrieb nicht nur Opern, sondern hinterließ auch Messen, Oratorien, Kantaten und Orchester- und Kammermusik. Die vorliegende Operneinspielung ist ein weiterer interessanter Beitrag zur musikgeschichtlichen Aufarbeitung der Opera seria, wobei Myslivečeks Fassung zeitgemäß und musikalisch inspiriert eine vielfältige Ausdruckspallette zeigt, die

viagra24onlinepharmacy.comherbal viagra gncpharmacypharmacy aber der typischen Formenwelt verhaftet bleibt: 16 Arien, bei denen es kaum noch umfängliche da capo-Reprisen gibt, ein Duett, dreimal übernimmt der Chor in L‘Olimpiade. Nur wenige Arien aus Metastasios Libretto fehlen.Myslivečeks Oper erlebte namentlich in jüngster Zeit einige Wiederbelebungen, vor allem im heimatlichen Prag, wo in den letzten vierzig Jahre drei Radio- und TV-Aufnahmen zu finden sind (zuletzt 2013 mit Johannes Chum unter Vaclav Luks). Die Live-Aufnahme des Teatro Comunale in Bologna aus dem Jahr 2012 ist eine Produktion der Scuola dell’Opere Italiana, die 2014 beim Label Bongiovanni erschien. Man setzte dabei auf junge Nachwuchssänger, die zuvor kaum oder wenig in Erscheinung traten. Das hört man auch an manchen Stellen: eine gute Aufführung mit Stärken und Schwächen, da es sängerisch gelegentlich an Erfahrung, Perfektion und Ausdruck mangelt. Bei den Sängerinnen hinterlässt die bereits bühnenerfahrene Sporanistin Pervin Çakar (Megacle)

und der Sopran von Maria Teresa Leva (Argene) einen vielversprechenden Eindruck. Countertenor Carlo Vistoli (Licida) und Tenor Pasquale Scircoli (Aminta) fügen sich bei den Männern stimmlich flexibel und überzeugend in ihre Rollen ein. Chor und Orchester des Teatro Communale werden von Oliver von Dohnányi sicher und schwungvoll geleitet. Es ergibt sich ein frischer, zupackender und akustisch gut balancierter Höreindruck. Nur wenige Bühnen- und Zuschauergeräusche sind hörbar. Eine verdienstvolle Aufnahme, die aber kaum als richtungsweisende Referenz taugt. (2 CDs, Bongiovanni GB 2469/70-2). Marcus Budwitius

Frühe Meisterwerke

Francesco Cavalli – der bedeutendste venezianische Komponist in der Mitte des 17. Jahrhunderts und Schüler Monteverdis – schuf ca. 30 seiner 42 Opern für Venedig. Die seit 1637 bestehende venezianische Oper – das Teatro San Cassiano – war nicht höfisch, sondern kommerziell. Jedermann konnte gegen Eintrittsgeld das Spektakel besuchen. Es ging ums Geld – das Orchester wurde kleiner: Streicher, Laute, Theorbe und Cembalo. Es war keine prunkvolle Besetzung, umso erstaunlicher was Cavalli daraus an stimmungsvoller Begleitung schuf.

L’Ormindo (1644) und Giasone (1649) liegen nur wenige Jahre auseinander und folgten der in Venedig uraufgeführten L’Incoronazione die Poppea (1642) von Monteverdi. Typisch für die Zeit sind Verwechslungs- und Verschwörungsopern, bei denen die Helden von komischen Nebenfiguren kontrastiert werden (in Giasone darf ein Sänger stottern) und die mit einem lieto fine enden: in beiden Opern finden die glücklichen Paare zueinander. L’Ormindo ist nun (nach der bahnbrechenden, wenngleich stilistisch anfechtbaren Aufnahme aus Glyndebourne bei Decca mit Janet Baker) bei Pan Classics neu aufgelegt worden und immer noch erstaunlich. Die französische Studioproduktion aus dem Jahre 2006 engagierte zehn Sänger und neun Musiker. Jérôme Correas leitet vom Cembalo aus das kleine Ensemble Les Paladins, das sich in der Summe aus fünf Streichern, Harfe, Theorbe und zwei Cembalisten (inklusive Orgel) zusammensetzt. Das klingt und ist etwas karg, entwickelt aber beim Zuhören seine Reize durch eine dezente gehaltene, aber lebendige Aufführung der unterschiedlichen Stimmungen zwischen Pathos und Komik, Liebe und Verzweiflung. Das Hauptgewicht liegt dennoch auf den Sängern, die vor allem artikulatorisch gefordert sind. Für den kurzen Prolog hatte man Sandrine Piau verpflichtet, die eine sehr gute und homogene Besetzung anführt, aus der man die beiden Soprane Stéphanie Révidat als Erisbe und Magali Léger als Sicle sowie den Tenor Howard Crook als Amida hervorheben kann. Eine der beeindruckendsten Szene findet sich gegen Ende: Das Liebespaar Ormindo (gesungen vom Countertenor Martin Oro) und Erisbe nimmt Abschied und trinkt gemeinsam Gift, das sich allerdings dann als Schlaftrunk herausstellt. Monteverdis Kunst des Lamento stand hier als Vorbild. Das Booklet enthält eine deutsche Zusammenfassung und das Libretto in Italienisch und Englisch. Eine puristische Referenzaufnahme (mit Sandrine Piau (L’Armonia), Martin Oro (Ormindo), Stéphanie Révidat (Erisbe), Howard Crook (Amida, Magali Léger (Sicle), Jean-François Lombard (Erice), Jacques Bona (Hariadeno), Karine Deshayes (Mirinda), Dominique Visse (Nerillo), Benoît Arnould (Osmano), Les Paladins, Jérôme Correas (Dirigent); Pan Classics, 2 CDs,PC10330).

Pier Francesco Cavalli Il Novello GiasoneCavallis Giasone – der Jason der Argonautensage – ist die vielleicht erfolgreichste italienische Oper des 17. Jahrhunderts. Über 40 Jahre lang wurde sie nach der Uraufführung im Karneval 1649 gespielt und mehrfach für andere Bühnen bearbeitet. René Jacobs spielte sie 1988 für dhm ebenfalls beispielhaft ein. Beim italienische Label Bongiovanni ist 2014 eine prominente Bearbeitung erschienen. Die hier vorliegende Aufnahme von Il novello Giasone wurde 1671 ein großer Erfolg in Roms erstem kommerziellen Opernhaus, dem Teatro Tordinona. Papst Clemens X. tolerierte sogar Sängerinnen auf der Bühne, sein Nachfolger Innozenz XI. schloss dann das Theater 1676 für 15 Jahre. Il novello Giasone wurde deutlich verändert – Alessandro Stradella bearbeitete Cavallis Werk und komponierte neue Musik hinzu, ein Librettist ergänzte den Text, schrieb neue Arien, erweiterte den Prolog und fügte ein Zwischenspiel sowie eine Tanzszene ein. Diese Version wurde nach über 300 Jahren im Sommer 2011 erstmals wieder szenisch beim Valle d’Itria Festival im Teatro Verdi in Martina Franca aufgeführt und live mitgeschnitten. Die 18 Sänger werden von zehn Musikern begleitet, darunter nun auch Flöte und Kornett für mehr instrumentale Abwechslung. Der Live-Charakter verleiht dieser Aufnahme dabei einen zusätzlichen Schwung und Lebendigkeit, aber auch eine weniger klare Akustik. Die Hauptrollen sind dabei überwiegend sehr gut besetzt, im Gegensatz zum obigen L’Ormindo wird vieles stimmlich intensiver und artikulatorisch dramatischer gestaltet. Das Booklet schlüsselt sehr knapp die Unterschiede der Stradella-Bearbeitung auf und enthält eine Zusammenfassung und das komplette Libretto in Italienisch und Englisch. Eine interessante Rarität für Liebhaber (mit Borja Quiza (Giasone), Aurora Tirotta (Medea), Roberta Mameli (Isifele), Mirko Guadagnini (Egeo), Luigi De Donato (Besso), Paolo Lopez (Delfa), Luca Tittoto (Oreste), Gaia Petrone (Alinda), Masashi Mori (Ercole), Krystian Adam (Demo), Pavol Kuban (Volano), Maria Luisa Casali (Sole), Gabriella Costa (Musica), Giuseppina Bridelli (Poesia), Gaia Petrone (Pittura), Krystian Adam (Architettura), Pavol Kuban (Satiro), Giuseppina Bridelli (Amore)
OIDI Festival Baroque Ensemble, ; Antonio Greco (Dirigent); Bongiovanni (3 CDs), GB2464/66-2).

Marcus Budwitius

Thomas Walker

Vor drei Jahren begeisterte Thomas Walker in der Premiere von Calixto Bieitos Inszenierung der Rameau-Oper Platée an der Staatsoper Stuttgart. Nun kehrt er im März 2015 in der anspruchsvollen Haute-contre-Rolle nach Stuttgart zurück. Im Interview mit operalounge.de spricht der Tenor unter anderem über die Anforderungen der Travestipartie, die Herausforderungen der Stuttgarter Inszenierung und weitere spannende Barockpläne.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Diese Spielzeit singen Sie wieder die Titelpartie in Rameaus Platée an der Stuttgarter Oper, eine Rolle „en travestie“. Worin liegt die größte Herausforderung, diese recht ungewöhnliche Partie darzustellen? Neben den hohen musikalischen Anforderungen ist die größte Herausforderung, dass man überzeugend eine Frau darstellen muss. In Bieitos Inszenierung ist Platée ein Transvestit, also nicht unbedingt eine attraktive Frau. Trotzdem muss sie meist sehr weiblich aussehen und sich vor allem wie eine Frau verhalten und bewegen. Das war erst eine große Herausforderung für mich, da Männer, die Frauen spielen, oft eher wie deine Großmutter aussehen oder einfach übertrieben theatralisch dargestellt werden, wie eine Drag-Queen. Diese Platée ist ganz anders. Sie ist sehr plump, fast schon geschmacklos, was ihre Kleidung und Sprache anbelangt. Da ich von Natur aus nicht so bin, war es erst nicht leicht, einen Weg finden, das überzeugend darzustellen.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und was sind die stimmlichen Herausforderungen der Rolle? Vor allem die Tessitura. Wir führen das Stück mit einem modernen Orchester in Originaltonart auf – das heißt, dass alles ein Ganzton höher ist. Das Schwierige sind nicht einzelne Töne, sondern, dass die Rolle konstant hoch liegt. Dazu kommt noch, dass man bestimmte Effekte mit der Stimme erzeugen muss, weil viel von dem, was ich singe, das Publikum erheitern soll. Es ist also wichtig, einen Weg zu finden, die Stimme unterschiedlich einzufärben, und das in dieser extremen Lage. Das ist nicht leicht und eine wahre Kunst. Dazu kommt noch die Länge der Partie. Wenn man die Bühne erstmal betreten hat, verlässt man sie bis zum Ende des Stückes nicht mehr. Ich bin sehr froh, Teil dieser Produktion zu sein, und genieße die Herausforderungen dieser Rolle. Was wäre schon der Sinn der Sache, wenn man nicht herausgefordert wird?

In Calixto Bieitos Inszenierung müssen Sie im wahrsten Sinne des Wortes „alle Hüllen“ fallen lassen“… Das stimmt. In dieser Produktion habe ich recht komplizierte Unterwäsche an, die vor allem dazu dient, mir weiblichere Formen zu verleihen, wenn ich mein Kostüm trage. Männer haben ja keine sehr ausgeprägten Hüften und dafür gut definierte Taillen. Ich trage also die ganze Aufführung über ein gepolstertes Korsett, aber abgesehen davon ziehe ich irgendwann alles aus. In meiner Auftrittsarie muss ich meinen Penis entblößen. Für mich ist das kein so schockierender Moment, wie man vielleicht denken könnte. Es ist ein sehr privater und eigentlich ziemlich schöner, intimer Moment. Platée zieht sich an, und das Publikum schaut dabei zu. So einfach ist das. Aber ja, nackt auf einer leeren Bühne in prallem Scheinwerferlicht zu stehen, ist vielleicht nicht unbedingt etwas, das alle Sänger machen würden.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Barockrepertoire spielt in Ihrer Karriere insgesamt eine wichtige Rolle, Sie beschränken sich aber keineswegs darauf. Wie groß ist die Gefahr, als „Barocksänger“ in eine Fachschublade gesteckt zu werden? Wahrscheinlich ist diese Gefahr nicht so gering, da ich immer mehr Barockopern singe. Früher habe ich vor allem in Konzerten Barockrepertoire gesungen, und anderes Repertoire auf der Opernbühne. Aber das hat sich über die Jahre geändert. Ich sehe jedoch kein Problem darin, in eine „Barockschublade” gesteckt zu werden, da ich diese Musik liebe und froh wäre, noch viele weitere Barockpartien zu singen, die auf meiner Wunschliste stehen. Viele dieser Wunschpartien sind übrigens von Rameau! Eigentlich ist es so, dass wir modernen Sänger ein weitaus vielfältigeres Repertoire singen, als das Sänger in der Vergangenheit getan haben. Und man erwartet von uns, dass man sich nicht zu sehr in einem Feld spezialisiert, da das sonst andere Türen verschließt. Aber Dank des Inputs meiner Agentin und meinem eigenen Entscheidungsprozess hoffe ich, meinen Kalender so ausgewogen wie möglich zu halten.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Welche neuen Partien stehen in Zukunft auf Ihrem Kalender? Ich fürchte, noch mehr Barockrollen (lacht). Ohne genaue Details nennen zu können, kann ich schon verraten, dass Arnalta in L’incoronazione di Poppea kommen wird. Wieder eine Travestipartie, und wieder eine sehr schwierige. Dann kommt Sospiro in Gassmanns L’opera seria am La Monnaie in Brüssel unter der musikalischen Leitung von René Jacobs. Keine Travestiterolle, und keine besonders hohe Partie. Das geht eher in Richtung Tamino, was sicher mit der gewissen Schwere, die meine Stimme auch haben kann, toll zu singen sein wird. Ich werde dann nicht ständig daran denken müssen, den Stimmklang für die hohen Töne auszudünnen. Außerdem werde ich die Titelpartie von Händels Belshazzar singen – wieder eine Rolle, in der eher die Mittellage und die Koloraturen wichtig sind. Das wird sicher ein Riesenspaß, denn es ist schon eine Weile her, dass ich zum letzten Mal ein Oratorium von Händel szenisch gesungen habe! Von Rameau werde ich die Titelpartie von Zoroastre singen, und damit wieder zum Haute-contre-Repertoire zurückkehren. Bei Zoroastre handelt es sich jedoch im Gegensatz zu Platée um eine opera seria Rameaus, und, noch wichtiger, um einen Mann, nicht um eine Frau. Auch darauf freue ich mich sehr.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und abgesehen davon werde ich wie immer viele Konzerte singen, die meist die Hälfte meines Kalenders füllen. Spielt das Lied in Ihrer Karriere eine Rolle? Ja, das Lied spielt eine Rolle in meiner Karriere, aber ich würde ihm sehr gerne mehr Zeit widmen. Aber es ist sehr schwierig, den richtigen Pianisten, Ort und genug Zeit dafür zu finden. Man muss wirklich intensiv mit dem Begleiter arbeiten, der beim Lied ein gleichwertiger musikalischer Partner ist und man muss eine gemeinsame Stimme finden. Das braucht seine Zeit – Zeit, die ich bisher nicht wirklich hatte, und es scheint mir nicht sehr wahrscheinlich, dass ich sie auf absehbare Zeit finden werde. Aber wer weiß…

Und in Deutschland nach der Stuttgarter Platée? Nach Platée werde ich im Juni für eine Konzerttournee mit Musik Arvo Pärts nach Deutschland zurückkehren, mit Vittorio Ghielmi an der Viola da gamba. Wir werden unter anderem bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und in Berlin auftreten. Ebenfalls im Juni werde ich mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment in Händels Messiah beim Rheingau Musik Festival zu hören sein.

 

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Und zum Schluss ein paar Worte über die Anfänge? Ich habe sehr spät mit dem Singen angefangen. Als ich herausfand, dass ich eine gute Stimme habe, war ich 21. Bis dahin habe ich ein wenig als Tenor in Chören gesungen, aber wirklich nur zum Spaß. Ich hatte keine Ahnung, dass ich einmal eine Karriere als Sänger machen könnte. Studiert habe ich am Royal College of Music in London mit Ryland Davies. Es war eine Zeit voll von großen Veränderungen und Entdeckungen für mich und ich werde Ryland immer sehr dankbar dafür sein, dass er mir Mut gemacht und mich so gut geleitet hat. Ich wusste nun, dass es Ernst mit dem Gesang wurde, als ich beim Royal College of Music aufgenommen wurde. Ich hatte damals schon ein anderes Studium abgeschlossen und mich dann dafür entschieden, zu schauen, wie weit mich das Gesangsstudium im Hauptfach bringen würde. Ich hatte das Glück, während des Studiums viele Gelegenheiten zu haben, aufzutreten und das hat mich auf den Weg gebracht, den ich heute noch beschreite.

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in "The Indian Queen" Purcells/ in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in „The Indian Queen“ Purcells in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Bedeutend und nachhaltig wurde für mich diese Produktion von Platée. Ja, ich habe in vielen Produktionen mitgewirkt, die mich in jeglicher Hinsicht gefordert haben, aber diese Inszenierung war für mich entscheidend. Es war damals meine erste „Haute contre”-Partie und eine darstellerische Herausforderung. Es ist eine Inszenierung, von der mir der Abschied sehr schwer fallen wird, da sie etwas wirklich Besonderes ist, mit wunderschöner Ausstattung und Bühnenbild. Es wäre nicht fair, hier bestimmte Regisseure und Dirigenten zu nennen, mit denen ich besonders gut zusammengearbeitet habe. Was letztere angeht, kommt man schnell darauf, wer das sein könnte, da ich immer wieder mit denselben Dirigenten und Orchestern arbeite.

„Walker has performed Platée on stage and his experience showed in his confident (despite the frock), even macho negotiation of some fearsomely high-lying music and in expressing not just Platée’s vanity and grossness (guttural consonants spat into various faces) but also her likeability…Walker’s virtuoso turn…“  – The Times

William Ohlsson führte das Interview für operalounge.de

http://www.thomaswalkertenor.com; (und dort auch ein kurzes Live-Interview mit der BBC); facebookTwitter.com/tomwalkertenorFoto oben: Robert Workman/ Termine für die Platée in Stuttgart

Fibichs & Schillers „Braut von Messina“

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Am 14. März 2015 kam  nach Vaccajs Schillervertonung  La Sposa di Messina (2009 in Wildbad) mit der Deutschen Erstaufführung der OperNevesta Messinska (Die Braut von Messina) von Zdeněk Fibich eine der bedeutendsten Opern der tschechischen Romantik im Theater Magdeburg zur Aufführung.  Bildhaftigkeit und Suggestivkraft sind die hervorstechenden Merkmale der Musik von Zdeněk Fibich (1850 – 1900), der – in der Tradition eines Smetanas stehend – neben Dvořák zu den prägenden tschechischen Komponisten des 19. Jahrhunderts gehört. Musikalisch wie dramaturgisch von Wagners Musikdramen beeinflusst, schuf Fibich mit der »Braut von Messina« ein durchkomponiertes Werk, das aufgrund seines deklamatorischen Stils als Höhepunkt der tragischen tschechischen Oper gilt.

Zdenek Fibich/fibich.cz

Zdenek Fibich/fibich.cz

War die Uraufführung 1884 in Prag noch von kritischen Tönen begleitet – zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster – fand diese frühe Literaturoper ab 1909 einen festen Platz im nationalen Musiktheaterrepertoire. Seiner dritten Oper legen Fibich und sein Librettist, der Ästhetiker und Musikwissenschaftler Otakar Hostinský, das gleichnamige »Trauerspiel mit Chören« von Schiller zugrunde, das vor dem Hintergrund eines tödlichen Bruderzwists die Frage nach der Beziehung zwischen Politik und Moral und dem Verhältnis von persönlicher Freiheit und Gesellschaft aufgreift. Fibich war einer der ersten Komponisten überhaupt, der ein Schauspiel nahezu wörtlich vertonte. Dass er dabei einen deutschen Autor wählte, stellte in Anbetracht der sich zu jener Zeit formierenden Nationalkultur Tschechiens eine Besonderheit dar. Ein besonderer Coup gelang Fibich mit der Behandlung der Chöre, denen Schiller als antikes Element besonderes Gewicht verlieh. Bei Schiller eher kommentierend, werden sie in der Oper zu Akteuren, die die Handlung wirklich vorantreiben. Den konkurrierenden Söhnen Manuel und César an die Seite gestellt, greifen sie immer wieder ins Geschehen ein und machen das Gewaltpotential der aufgestauten Konflikte erfahrbar.

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Raupachs Illustration zu Schillers "Braut von Messina", Stuttgart 1865/Berliner Staatsbibliothek

Raupachs Illustration zu Schillers „Braut von Messina“, Stuttgart 1865/Berliner Staatsbibliothek

Inszeniert wurde die Deutsche Erstaufführung von Cornelia Crombholz, die Schauspieldirektorin am Theater Magdeburg ist und hier bereits 2011 mit ihrer Inszenierung von Leoš Janáčeks »Jenůfa« ihr Debüt als Musiktheaterregisseurin gab. Mit dem Bühnenbildner Marcel Keller und der Kostümbildnerin Marion Hauer erzählt sie die schicksalshafte Familiengeschichte vor dem Hintergrund einer totalitär geprägten Gesellschaft und konfrontiert damit die humanistischen Ideale Schillers und die romantische Musik Fibichs mit den menschlichen Tragödien und historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. »Fibich macht aus den Schwächen des Schauspiels ›Die Braut von Messina‹ – die große Bedeutung der Chöre, die pathetische Sprache, und die unrealistisch-fatale Familienkonstellation – die besonderen Stärken. Von den Chören gehen immer wieder dramatische Steigerungen aus. Dramatik ist immer Zuspitzung und Überhöhung. Zwei nette Brüder sind kein Thema, sondern die Frage, wie es geschehen kann, dass einer den anderen umbringt.« (Cornelia Crombholz)

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Dazu die Regisseurin Cornelia Crombholz über die Wiederentdeckung von Zdeněk Fibichs Oper »Die Braut von Messina« im Gespräch mit Ulrike Schröder, der Dramaturgin am Theater Magdeburg: Fibichs »Braut von Messina«, 1884 in Prag uraufgeführt, ist eine frühe Literaturoper nach einem Schauspiel von Friedrich Schiller. Dieser Weimarer Klassiker hatte im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur wegen seines »hohen Tons«, mit dem er das humanistische Ideal verfocht. Heute wird das eher belächelt und der lebenskluge Goethe (der ja auch viel älter wurde) läuft ihm den Rang ab.

Der Librettist Otakar Hostinský/ encyklopedie.brna.cz

Der Librettist Otakar Hostinský/ encyklopedie.brna.cz

Was sind Ihre Erfahrungen mit Schiller? Auch heute spielen wir noch Schiller und ich liebe einige seiner Stücke sehr, z. B. »Maria Stuart« und »Don Karlos«, während mir andere deutlich weniger sagen. Er ist ein sehr fordernder Autor, nicht einfach zu inszenieren. Seine Stücke sind sehr durchkonstruiert, sehr clever gebaut. Das bringt eine Inszenierung aber auch in die Gefahr, dass sie statisch wird, und dagegen muss man als Regisseurin arbeiten. Schiller zeigt immer Menschen in politischen Gefügen, in Zwängen, in denen sie kämpfen, Entscheidungen treffen müssen und meist scheitern. Dieser Aspekt bestimmt auch die »Braut von Messina«, wo die politischen Konflikte mit den familiären verquickt sind: Die verwitwete Fürstin Isabella muss den drohenden Bürgerkrieg verhindern und ihre beiden Söhne versöhnen. Diese, der ältere Manuel und der jüngere Cesar, stehen unter dem Druck sich politisch durchzusetzen. Und die Tochter Beatrice, die unerkannt im Kloster aufgezogen wurde und nicht um ihre Herkunft weiß, ist von allen Seiten fremdbestimmt.

Zdeněk Fibich, der von 1850 bis 1900 lebte und lange in einem Atemzug mit Smetana und Dvořák genannt wurde, hat sich sehr intensiv mit der europäischen Literatur, auch mit Shakespeare und Byron, beschäftigt. Wie gehen er und sein Librettist Hostinský mit der Vorlage um? »Die Braut von Messina«, 1802 nach der »Jungfrau von Orléans« entstanden, ist der Versuch Schillers, die antike Tragödie neu zu beleben – ein gescheiterter Versuch, wie bereits die Zeitgenossen meinten. Aber das, was als Schauspiel nicht gut funktioniert – die große Bedeutung von Sprechchören, die pathetische Sprache und die unrealistisch-fatale Familienkonstellation – machen dieses Werk besonders »opernkompatibel«: In Fibichs Oper werden die Chöre, bei Schiller nach antikem Vorbild eher kommentierend, zu Akteuren, die die Handlung wirklich vorantreiben. Aufgeteilt als Truppen der beiden konkurrierenden Söhne greifen sie immer wieder ein, sind als ständige Gewaltdrohung anwesend und peitschen sich gegenseitig hoch. Das hat Fibich in wirklich packende dramatische Musik umgesetzt. Auch die Verknappung des Textes gegenüber dem Schauspiel kommt der Überzeugungskraft der Handlung sehr zugute. Die Oper ist durchkomponiert, es überwiegt ein deklamatorischer Gesangsstil, der sich – auch in der tschechischen Übersetzung – recht genau an das Original hält und der sich immer wieder zu ariosen Formen öffnet. In dieser Textgestaltung ist Fibich natürlich deutlich von Richard Wagner beeinflusst.

Friedrich Schiller im Porträt von Kügelgen/Wikipedia

Friedrich Schiller im Porträt von Kügelgen/Wikipedia

Das, was uns heute an Schiller fasziniert, ist sein Freiheitsbegriff: Das große humanistische Ideal, dass der Mensch frei in seinen Entscheidungen ist, sein Leben frei gestalten kann, frei denken und reden kann. Auch in der »Braut von Messina« verhandelt er dieses Ideal, indem er zeigt, dass wir unter den gegebenen Umständen eben nicht frei sind, dass wir die falschen Entscheidungen treffen, vielleicht vor langer Zeit schon getroffen haben, und so das Unheil nicht aufhalten können. Uns kommt die Geschichte nahe, weil wir die Familientragödie so gut nachvollziehen können. Ich finde es sehr spannend, wie besonders in der Oper jede Figur in den Fokus gerückt wird, dass wir die Emotionen jedes einzelnen nachvollziehen können. Deshalb verfolge ich in der Inszenierung gemeinsam mit den Sängern sehr genau die Entwicklung, die die Figuren im Laufe der Handlung durchmachen. Ihre Verstrickung in ein politisches Machtsystem können wir – denke ich – gerade heute alle sehr gut nachvollziehen.

Glücklicherweise kann ich mich in der tschechischen Sprache einigermaßen orientieren. Natürlich ist es – gerade für mich als Schauspielregisseurin – auch befremdend, in einer Fremdsprache zu inszenieren. Aber das ist eine Befremdung, die ich sehr anregend finde. Es ist wie ein Filter, der über das Stück gelegt ist. Und dann konzentriere ich mich – wie die Zuschauer vielleicht auch – auf etwas anderes als auf das gesprochene bzw. gesungene Wort: Es ist viel mehr Emotionalität im Spiel. Ich bewundere übrigens die Sänger, wie selbstverständlich sie damit umgehen, sich auf der Bühne so oft in anderen Sprachen auszudrücken als in ihrer eigenen. Und sie wissen doch immer erstaunlich genau, was sie singen. Das ist für die überzeugende Darstellung natürlich unerlässlich.

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Bei Supraphon gibt´s bereits eine nationalsprachige Aufnahme.

Bei Supraphon gibt´s bereits eine nationalsprachige Aufnahme.

»Die Braut von Messina« und die Folgen? »Die Braut von Messina«, sein Hauptwerk dieser Zeit, zum Ausdruck. Sie entstand als »Tragische Oper« op. 18 gemeinsam mit Otakar Hostinský 1882/1883 im Zuge eines Wettbewerbs, mit dem Repertoire für das Nationaltheater entwickelt werden sollte. Zwar erlitt das nationale Opernwesen durch einen Brand nur wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung des Gebäudes einen schweren Rückschlag, aber eine beispiellose Spendenaktion erbrachte so viel Geld, dass die Spielstätte am 18. November 1883 endlich mit Smetanas »Libuše« eröffnet werden konnte. Am 28. März 1884 stand dann »Die Braut von Messina « unter der musikalischen Leitung von Adolf Čech erstmals auf dem Spielplan. Die Aufnahme war geteilt. Während das Publikum durchaus positiv reagierte, stieß die Schiller-Vertonung auf völliges Unverständnis bei der Kritik, von der sie als zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster oder zu tragisch verdammt wurde. Nach sieben Vorstellungen wurde das Werk abgesetzt und erst im 20. Jahrhundert auf tschechischen Bühnen ein Stück weit rehabilitiert, wozu auch die kritische Ausgabe der Fibichschen Werke in den 1950er Jahren beigetrug. Fibich traf der Misserfolg bei den professionellen Vertretern des tschechischen Musiklebens so schwer, dass er für zehn Jahre die Opernkomposition völlig aufgab und sich ganz auf ein Genre konzentrierte, in dem er seinen in der »Braut von Messina« entwickelten Stil weiter zuspitzen konnte. Die Gesangslinien der Oper sind ganz von der Deklamation der gesprochenen Sprache bestimmt
und weiten sich nur vorübergehend zu ariosen Abschnitten. Es erscheint als logische Konsequenz, auf die musikalische Deklamation ganz zu verzichten und stattdessen die »reine« gesprochene Sprache mit instrumentaler Begleitung zu verbinden. Diese Gattung des Melodrams hatte im 18. Jahrhundert der böhmische Komponist Jiří Antonín Benda zu einer ersten Blüte gebracht. Fibich führte Bendas »Medea« und »Ariadne auf Naxos« 1875 am Interimstheater auf und ließ ihnen eine Reihe von eigenen Melodramen folgen, die 1888 –1891 in der Trilogie »Hippodamie « gipfelte – szenisch aufzuführende Melodramen nach Stoffen der griechischen Antike. Mit diesem unzeitgemäßen Experiment erregte der Komponist schließlich auch außerhalb seiner Heimat einiges Aufsehen, was die Gattung aber nicht nachhaltig belebte.

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Fibichs Leidenschaft, Anezka Schulzoba/Fibich.cz

Fibichs Leidenschaft, Anezka Schulzova/Fibich.cz

Das Theater Magdeburg präsentiert »Die Braut von Messina« als Deutsche Erstaufführung, da Fibichs Oper tatsächlich noch niemals außerhalb des tschechischen Sprachraums aufgeführt wurde. Es ist also »neue Musik« für unsere Ohren, wenn auch als spätromantische Musik vertraut. Wie hören Sie  unbekannte Musik? Zunächst wirklich ganz informativ, und so habe ich es auch bei der »Braut von Messina« gemacht: Ich höre zu und warte auf einen Anknüpfungspunkt, auf den Moment, wo mich die Musik unmittelbar anspringt. Das hat sie dann auch gleich an mehreren Stellen getan: Zunächst der Anfangsmonolog der Isabella, wirklich wunderschön, das hat mich auch gleich szenisch interessiert. Und dann die Chöre, die ungeheuer kraftvoll sind, dabei aber sehr differenziert. Sie haben nichts »Genrehaftes« z. B. als typischer Volks- oder Bauernchor. Fibich verwendet keinerlei volkstümlichen böhmischen Motive, aber für mich klingt das einfach slawisch! Toll ist, wie von den Chören immer wieder dramatischen Steigerungen ausgehen. Ich mag das, das gehört sich einfach so, das ist Theater! Und es ist ein Vorzug der Oper, dass Musik solche Steigerungen ungeheuer befördert. Dramatik ist immer Zuspitzung und Überhöhung! Zwei nette Brüder sind kein Thema, sondern die Frage, wie es geschehen kann, dass einer den anderen umbringt. (Das Gespräch entnahmen wir dem Mitteilungsblatt des Theters Magdeburg, Thema.)

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Und hier die Kritik zur Erstaufführung:Aus dem mit „Lohengrin“, „Cosi fan tutte“, „La Bohéme“, „Die lustige Witwe“, „Der Wildschütz“ und einem Gershwin-Musical reichlich konventionellen Musiktheaterspielplan dieser Saison ragt die nur Kennern einigermaßen bekannte Oper „Die Braut von Messina, eine der bedeutendsten Opern der tschechischen Romantik, wohltuend heraus, deren deutsche Erstaufführung jetzt in Magdeburg Premiere hatte. Zdenek Fibich (1850-1900) war ein in Europa weit gereister Komponist, der u.a. in Wien, Paris und Leipzig studiert hatte, in Polen sowie Litauen lehrte und anschließend bis zu seinem Tod in Prag wirkte. Neben zahlreichen kammermusikalischen und sinfonischen Werken schuf er sieben Opern. Musikalisch wie dramaturgisch von Wagners Musikdramen beeinflusst, schuf Fibich mit „Die Braut von Messina“ ein durchkomponiertes Werk, das aufgrund seines deklamatorischen Stils als ein Höhepunkt der tragischen tschechischen Oper gilt. War die Uraufführung 1884 in Prag noch von kritischen Tönen begleitet – zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster – fand diese frühe Literaturoper ab 1909 einen festen Platz im nationalen Musiktheaterrepertoire. Fibich und sein Librettist Otakar Hostinský hatten das gleichnamige „Trauerspiel mit Chören“ von Schiller zugrunde gelegt, das vor dem Hintergrund eines tödlichen Bruderzwists die Frage nach der Beziehung zwischen Politik und Moral und dem Verhältnis von persönlicher Freiheit und Gesellschaft aufgreift. Schiller hatte den Chören als antikes Element besonderes Gewicht verliehen, indem sie die Handlung kommentieren. Bei Fibich werden sie zu Akteuren, die die Handlung geradezu vorantreiben. Die Magdeburger Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz hat die schicksalshafte Familiengeschichte in das 20. oder vielleicht sogar ins 21. Jahrhundert verlegt: Zu Beginn wurde durch die Nachrichten im Staatsfernsehen schnell klar, dass die Gefolgsleute der zerstrittenen Brüder gegeneinander Krieg führen. Während „ordentlich“ Uniformierte von Don Manuel, dessen Porträt an der Wand hängt, angeführt werden, befehligt Don César militärisch locker gekleidete Rebellen (in der Ost-Ukraine?). Diese sehr konkrete Verlegung aus dem Mittelalter in die Moderne verdeutlichte die tragische Schuld-Verstrickung der handelnden Personen, die im Zentrum der Oper steht, in keiner Weise. Bei der hochromantischen Musik erwartet man auf der Bühne nun keine ebensolche Ausstattung; aber derart nüchtern und unfertig wirkend musste die helle Holzkonstruktion auf der Drehbühne, die sich allzu oft und auch grundlos drehte, auch nicht sein (Bühnenbild: Marcel Keller). Die Kostüme von Marion Hauer blieben in ihrer Stil-Vielfalt irgendwie unentschieden. Das militärische Gehabe der Chöre auf beiden Seiten der Streitparteien wurde dreimal durch Traumbilder und Visionen aufgebrochen, wenn Manuel von seiner ersten Begegnung mit der wie eine Braut gekleideten Beatrice schwärmt und wenn er sich nach seiner Ermordung erhebt und zum Trauermarsch à la „Götterdämmerung“ über die Drehbühne irrt und dabei einen Todesengel trifft; schließlich verfällt Isabella am Schluss in Wahnsinn, wenn sie dem getöteten Manuel Baby-Kleidung auf die Bahre legt und ihre drei kleinen Kinder in die Arme nimmt. Nur diese Bilder finden in der romantisch gefärbten Musik durchaus ihre Entsprechung.

Gabiela Nenackova als Isabella in einer Prager Aufführung der „Nevesta Messinska“, der die Sopranphon-Aufnahme zu Grunde liegt/youtube

Maßgeblich für den Erfolg der Erstaufführung in tschechischer Sprache war die musikalische Gestaltung durch die am Premierenabend bestens disponierte Magdeburgische Philharmonie unter Kimbo Ishii. Magdeburgs GMD leitete mit deutlicher Zeichengebung und brachte die teilweise geradezu rauschhaften Klänge und die subtile Leitmotivik Fibichs überzeugend zur Geltung. Auch das Sänger-Ensemble war in guter Verfassung, allen voran Lucia Cervoni als Donna Isabella. Wie sie die zentrale Figur der schuldig gewordenen Mutter darstellte, das hatte hohes Niveau; dazu kam ihr in allen Lagen ausgeglichener, kultivierter Mezzo, den sie ausdrucksintensiv einzusetzen wusste. Der hier als Aufrührer gezeichnete Don César war bei dem tschechischen Tenor Richard Samek in guten Händen; er beeindruckte durch höhenstarken, strahlenden Glanz. Sein Gegenspieler Don Manuel war Thomas Florio, der gekonnt die lyrischen Phrasen seiner Partie auskostete, seinen charaktervollen Bariton aber auch mit der nötigen Attacke versah. Mit apart timbriertem Sopran und anrührender Darstellung gefiel Noa Danon als unglückliche Beatrice. In den kleineren Rollen bewährte sich die Solidität des Magdeburger Opernensembles, von Martin-Jan Nijkamp mit ausdrucksvollem Bassbariton als Manuels Gefolgsmann Kajétan, dem Manfred Wulfert als Césars Adlatus Bohemund gegenüberstand, über Johannes Stermann mit charakteristischem Bass als Isabellas getreuer Diener Diego bis zum Pagen Panos (klarstimmig Hale Soner). Der Chor, dessen beide Gruppen gestalterisch ziemlich allein gelassen wirkte und von der Regie eher plakativ aufgestellt war, ließ in schöner Ausgewogenheit enorme Klangpracht hören (Einstudierung: Martin Wagner) Das Premierenpublikum war über die spannende Ausgrabung begeistert und applaudierte heftig und anhaltend. Gerhard Eckels für den „opernfreund“

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"Navesta Messinska": Szenenfoto einer Aufführung in Prag/Tod des Manuel/youtube

„Navesta Messinska“: Szenenfoto einer Aufführung in Prag/Tod des Manuel/youtube

Dazu noch ein Blick auf Wikipedia: Zdeněk Fibich (* 21. Dezember 1850 in Všebořice (Scheborschitz), Böhmen; † 15. Oktober 1900 in Prag) war ein böhmischer Komponist.Er wurde als Kind eines Oberförsters geboren. In der Musik unterrichtete ihn zunächst seine Mutter, die auch bald sein musikalisches Talent entdeckte und ihn zum Studium animierte. Bereits mit vierzehn Jahren dirigierte er eine eigene Sinfonie und ein Jahr später begann er seine erste Oper zu komponieren. (…) Fibich studierte in Wien, in Prag bei Bedřich Smetana, am Conservatorium Leipzig, in Paris und am Mannheimer Konservatorium. Er lehrte in Polen, Wilna (Litauen) und kehrte 1874 nach Prag zurück, um sich dort seinen Kompositionen zu widmen. Zwischen 1875 und 1878 wirkte er als zweiter Kapellmeister am Prozatímní divadlo (Einstweiligen Theater) und hatte von 1878 bis 1880 die Leitung des Chores in der dortigen russischen Kirche inne. 1899 wurde Fibich zum Operndramaturgen des Prager Nationaltheaters in Prag ernannt. Seine erste Frau starb nach zweieinhalb Jahren Ehe. Er heiratete ihre Schwester, eine hervorragende Altistin am Prozatímní divadlo und am Nationaltheater (Prag). Für sie schrieb er drei seiner Opernfiguren; die bekannteste ist die Isabell in Nevěsta mesinská. Die Ehe hielt nicht lange. Anežka Schulzová, seine dritte Frau, hatte auf Fibichs Musik den größten Einfluss. Sie schrieb das Libretto seiner Oper Šárka und inspirierte ihn zu vielen seiner Stücke. Im 50. Lebensjahr verstorben, wurde er auf dem Vyšehrad beigesetzt.Fibich gehört neben Antonín Dvořák und Bedřich Smetana zu den wichtigsten tschechischen Komponisten.

"Nadestva messinska": Vaclav Zitek als Don Manuel/youtube

„Navesta Messinska“: Vaclav Zitek als Don Manuel/youtube

Doch ist Šárka ein unbestrittenes Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, und es lohnt sich, sich wieder mit ihr zu beschäftigen, ebenso mit den ihr zeitlich benachbarten, nicht weniger reizvollen Die Braut von Messina nach Schiller (1882/83), Der Sturm nach Shakespeare (1893/94) und einer äußerst originellen Schöpfung: den szenischen Melodramen, genauer: der Trilogie Hippodamie (1890/91) nach einer Dichtung von Jaroslav Vrchlický, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Nachfolger inspirierte. Während seine sieben vollendeten Opern reizvolle und dankbare Gesangspartien aufweisen, beschäftigte Fibich sich dort mit einer ästhetischen Fragestellung, die auf das Problem der natürlichen und ausdrucksvollen Deklamation zielt und letztlich zum Melodram führt. Fibich war ein äußerst gebildeter und belesener Komponist, der mit mehreren Dichtern eng befreundet war und zusammenarbeitete. Schon in der Braut von Messina entwickelte er in Auseinandersetzung mit dem Kunsttheoretiker Otakar Hostinský, der Schillers Drama für Fibichs Oper übersetzte und bearbeitete, einen eigenen deklamatorischen Vokalstil, den man als hochmelodiöse Rezitativik bezeichnen könnte und die Figuren und Situationen durch Leitmotive psychologisch ausdeutet. Schon Schiller ließ in seinem „Trauerspiel mit Chören” den Chor in Anlehnung an die antiken Vorbilder eine aktive und prominente Rolle einnehmen, darüber hinaus schafft Fibich in der Opernfassung mit den Chornummern musikalisch glanzvolle, liedartige oder ariose Tableaus und Momente höchster Intensität. Die Braut von Messina, im deutschsprachigen Raum bisher nicht aufgeführt, interessiert aber nicht nur wegen ihrer originellen Konzeption, sondern ist auch ein dramatisch wirkungsvolles, musikalisch äußerst faszinierendes Werk, das es allerdings in Prag nach der Uraufführung schwer hatte, weil es als zu wagnerianisch und düster abgetan wurde. (so Marie Luise Maintz in takte 1/2008).

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Fibichs "Nevest Messinska" im zeitgenössischen Klavierauszug/OBA

Fibichs „Nevesta Messinska“ im zeitgenössischen Klavierauszug/OBA

Bekannt ist er als Schöpfer von sieben (teilweise von Richard Wagner beeinflussten) Opern, von Sinfonien, Klavierstücken und szenischen und konzertanten Melodramen. Zu seinen Opern zählen: BukovínBlaníkNevěsta messinská (Die Braut von Messina), Bouře (Der Sturm; nach Shakespeares Drama), HedyŠárkaMedea, Pád Arkuna (Der Fall von Arkun, gerade im Programm der Prager Oper unter John Fiore) Wikipedia 

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Zum Inhalt: Die verwitwete Fürstin Isabella von Messina möchte ihre beiden verfeindeten Söhne Manuel und César versöhnen und ein lang gehütetes Geheimnis lüften: Trotz einer Prophezeiung, ihre Tochter würde das Ende des Fürstengeschlechts verursachen, hatte sie die kleine Beatrice vor dem Tod gerettet und unerkannt in einem Kloster aufziehen lassen. Doch das Schicksal lässt sich nicht aufhalten: Beide Brüder verlieben sich in die schöne Unbekannte, ihr Hass flammt wieder auf und am Ende sind sie tot – und die überlebenden Frauen mit ihren Schuldgefühlen allein. Hei Foto oben: Lucia Cervoni als Donna Isabella in Magdeburg/Foto Nilz Böhme

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

 

Virtuoses und Träumerisches

Viel zu kurz ist für mich die neue (und letzte) CD von Valer Sabadus bei OEHMS, denn inzwischen ist der rumänische Countertenor zur Sony gewechselt, wo er mit Gluck-Arien („Le belle immagini“) bereits sein erstes Recital vorgelegt hat. Hier nun präsentiert er unter dem Titel Mozart Castrato Arias (OC 1814) einige jener Kompositionen, die der Salzburger Genius berühmten Kastratensängern der Zeit auf deren Stimmbänder geschrieben hat. Das Programm, eine Live-Aufnahme, beginnt mit zwei Arien des Ramiro aus der Finta giardiniera, die 1775 in München mit dem Sopranisten Tommaso Consoli uraufgeführt wurde. Sabadus hat mit der Tessitura der Partie kein Problem, denn gerade die strahlende, unangefochtene Höhe ist sein absoluter Trumpf. „Se l’augellin sen fugge“ schmeichelt mit weichem, zärtlichem Stimmklang und imponiert mit mühelos geformten Verzierungen. Ähnlich betört „Dolce d’amor compagna“, das der Sänger träumerisch schwebend vorträgt und Spitzentöne mit delikater Süße tupft. Der Cecilio in Lucio Silla wurde gleichfalls für einen Sopranisten, Venanzio Rauzzini, komponiert, der für seine Starallüren bekannt war. „Pupille amate“ lobpreist die schönen Augen der geliebten Giunia in berührendem Melos – für Sabadus Gelegenheit, in seinen Vortrag eine tiefe Empfindung einfließen zu lassen, die gleichwohl von wunderbarer Schlichtheit ist. Das ausgedehnte, bewegte „Il tenero momento“ bietet vielfache Möglichkeiten für den Solisten, Bravour und Expressivität zu zeigen. Virtuose Koloraturen, das Ausreizen der Register von der Tiefe bis zur exponierten Höhe und eine stupende Kadenz machen diese Nummer zu einem Höhepunkt der Sammlung. Den Sesto in seiner letzten Oper La clemenza di Tito schrieb Mozart für den Kastraten Domenico Bedini. Das Rondo „Deh, per questo istante solo“ ist erfüllt von introvertiertem Ausdruck, der dann zu leidenschaftlichem Ausbruch wechselt – Sabadus erfüllt beide Aspekte  imponierend. Große Probleme hatte der Komponist mit dem Kastraten Vincenzo del Prato, der in Idomeneo den Idamante sang, mit seinen vokalen Defiziten jedoch am hohen Anspruch der Partie fast gescheitert wäre. Davon kann bei Sabadus keine Rede sein, denn „No ho colpa“ zeugt von seiner souveränen Beherrschung aller geforderten Fähigkeiten. Cherubinos zweite Arie aus Le nozze di Figaro beschließt die Auswahl, die durchaus noch um ein weiteres Solo von Idamante und Sesto hätte ergänzt werden können. Was den Cherubino betrifft, so ist dieser eine klassische Hosenrolle für einen Mezzosopran und keineswegs eine Kastratenpartie. Aber mit Sabadus’ delikatem Vortrag und seiner hier besonders süßen und berückenden Stimme ist „Voi che sapete“ in der Auswahl durchaus willkommen. Michael Hofstetter begleitet den Sänger mit dem Ensemble recreation – Großes Orchester Graz mit meist moderaten Tempi, weiß aber in der Ouvertüre zu Lucio Silla mit dramatisch pulsierendem Zugriff einen starken Akzent zu setzen.

Ebenfalls bei OEHMS erschien eine CD mit Werken von Sergej Rachmaninov, bei der Valer Sabadus als Interpret der Vocalise cis-Moll op. 34 Nr. 14 mitwirkt und das kantable Stück mit träumerischer Melancholie und schwelgerischem Klang ausbreitet (OC 441). Das Gürzenich Orchester Köln begleitet den Sänger und sorgt außerdem unter Dmitrij Kitajenkos Leitung für eine mitreißende Wiedergabe der Symphonie Nr. 2 e-Moll op. 27, die alle Facetten der Musik – slawische Schwermut, packende Dramatik, überschäumendes Temperament und vitale Lebensfreude – auslotet.

Bernd Hoppe

Fiamma del Belcanto

Zu hören sind auf der neuen Erato-CD die üblichen Verdächtigen: Bellini, Donizetti, Verdi. Und überraschenderweise hat Diana Damrau hier auf einem langen, langen Album von fast 80 Minuten quasi als Zugabe noch zwei Arien aus der Verismo-Epoche hinzugefügt, die stilistisch nicht so recht passen, paradoxerweise aber zu den Höhepunkten der CD zählen. Die Damrau gehört zu den vielseitigsten und erfolgreichsten Opernsängerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neues Album da – und verschafft erstaunliche Einblicke. Eins wird beim Zuhören wieder einmal klar – Diana Damrau ist keine klassische Diva. Sicher, sie tritt selbstbewusst und energiegeladen auf, aber sie bleibt doch immer das singende Mädchen von nebenan, ins Übergroße projiziert. Das hat Vor- und Nachteile. Einer Sutherland oder Callas glaubte man jede Königin – deren Grandezza wirkt noch heute ehrfurchtgebietend. Selbst die Caballé konnte als Maria Stuart in Donizettis Oper einen Saal in Atem halten. In den fragileren Rollen waren diese Superstars dann aber oft Wölfinnen im Schafskleid. Bei Diana Damrau ist es umgekehrt. Ich glaube ihr sofort eine Konstanze oder eine Mimì, aber keine Königin. Ihre Rosmonda oder Maria bleiben höflich in der Trauer;  der Zorn der Stuarda ist bei ihr ein Sturm im Wasserglas, der Elisabetta der Ersten kaum schlaflose Nächte bereiten dürfte.

Aber sie ist eben immer da großartig, wenn sie Frauen gestaltet, die mit ihren Sorgen und Freuden auch uns heute noch nahe sind. Ihre Violetta ist hochindividuell, mondän und klassisch zugleich, denn die Damrau schafft es, in diese Rolle drei Aspekte gleichzeitig hineinzulegen: die Liebende, die Todkranke und die Kurtisane. Letztere wird fast immer vergessen. Bei der Damrau schwingt immer mit, wieviel Violetta über die Welt, insbesondere die Männer, weiß.  Die Vorlage, der Dumas’sche Esprit, schimmert bei ihr durch. Sehr überzeugend (vielleicht auch, weil auf der Bühne gesungen?)!

Hohes Niveau mit kleinen Schönheitsfehlern: Bei einer Künstlerin wie Diana Damrau kann man sich als Kritiker den Luxus gönnen, rein gestalterische Aspekte zu benörgeln, und das ist ein großes Kompliment bei dieser extrem schwierigen Gesangskunst, die in ihrer Qualität völlig unangefochten  bleibt, abgesehen vielleicht von einigen Spitzentönen, die etwas weicher und runder noch belacantesker gewirkt hätten. Ihren Donizetti finde ich – wie in ihrer Lucia-Gesamtaufnahme – doch recht facettenlos, hübsch gesungen, aber ohne Abgründe. Bellinis große Bögen gelingen ihr anrührender, besonders in der Sonnambula, wo sie wieder ihre schöne allürenfreie Natürlichkeit ausspielen kann. Und so bleibt Diana Damrau in ihren besten Momenten aufregend, spannungsgeladen und anrührend, besonders beeindruckend bei Verdi, Puccini und Leoncavallo. Deren Charaktere scheinen ihr insgesamt näher zu sein. Neddas Arie ist ein verführerischer Appetizer – die Partie möchte man danach sofort komplett mit ihr hören.  Aber mal schauen, vielleicht ist Erato beim  Produzieren des Albums ja selber auf diesen Gedanken gekommen (Fiamma del Belcanto: Diana Damrau, Sopran; Orchestra Teatro Regio Torino; Gianandrea Noseda: Erato LC 00200)

M. K./G. H.

 

Unterhaltsame Reflektionen

Von hohem Unterhaltungswert ist die neunte und damit letzte der Silberscheiben, die Warner Classics mit Aufnahmen von Angela Gheorghiu in einer Kassette vereint hat, denn im Unterschied zu den acht (aus den Beständen der übernommenen EMI-)CDs handelt es sich bei ihr um eine DVD mit Aufnahmen aus Konzerten in Dresden, Mailand und London, um eine Würdigung des Opernstars durch Franco Zeffirelli und ein Foto-Shooting, in das, unterbrochen von Statements der Diva zur Interpretation von Norma , „Casta Diva“ erklingt. 1999 sang die rumänische Sopranistin, vom damaligen Gatten Roberto Alagna sekundiert, das Duett aus dem  ersten Akt von Madama Butterfly, mit dunklem Timbre und unter Beachtung aller Anweisungen des Komponisten einfach perfekt, mimte dazu ganz die demütig- anschmiegsame Geisha, was Alagna offensichtlich  vergnügt betrachtete, während er selbst ganz Strahlemann-Tenor (quanti anni fa…) mit pathetischer Gestik blieb, wonach beim Orchesternachspiel  das Paar ein gegenseitiges Hingerissensein ostentativ zelebrierte. Fünf Jahre später entstand die Aufnahme  von „Un bel di vedremo“, wobei die Sängerin auf einem Hotelflur singt, während ein japanisches Pärchen eine offensichtliche Beziehungskrise mimt. Auch die zweite Arie der Liù, für die La Gheorghiu eine heroische in eine Demutsgeste übergehen lässt und an ihrem Gesang nichts auszusetzen ist, hat wie Butterfly als Begleiter Giuseppe Sinopoli mit der Dresdner Staatskapelle. Feine Pianogespinste lässt die Sängerin dem „Babbino caro“ angedeihen, für „Pace, pace“ hatte sie vor anderthalb Jahrzehnten noch nicht genug corpo, war die Stimme zu leicht-lyrisch, lässt so die Arie allzu säuselig klingen. In römischem Stil frisiert und kostümiert, äußert sich die Sopranistin schelmisch-kokett über ihre Rollenauffassung, was die Norma betrifft, in der sie, „sie bekommt, was sie will“, eigene Charakterzüge zu erkennen glaubt.

Das Booklet  gibt dem Hörer wertvolle Hinweise dazu, was er in der schönen Stimme von Angela Gheorghiu zu hören hat, so die „echten Gefühle“ der Dalila, die „liebevolle Intimität“ der Carmen oder ein „intensives, doch gedämpftes Pathos“ bei Manon.  Die erste CD zeigt, dass die Gheorghiu nicht erst jetzt in Wien mit der Charlotte eine Mezzopartie gesungen hat, sondern auch Carmen und Dalila. Sie steht unter dem Titel Femmes fatales. Es folgen Puccini Heroines (Tosca, Liù, Butterfly), Daughters (Simone-Amelia, Gilda, Juliette und andere, wobei ja irgendwie jede Frau auch eine Tochter ist, auch Maria aus West Side Story). CD 4 bringt Arien From Baroque to Bel Canto, CD 5 Verdi-Arien (darunter aus La Traviata), desselben Songs und das Requiem in Ausschnitten. Der Verismo, French Arias and Mélodies and Romanan Songs sind auf CD 6 und 7 vertreten.  Die achte und letzte CD bringt ein Interview und ein Portrait von Jon Tolansky;  hier werden Leben und Karriere des Stars, ihre wichtigsten Partien beleuchtet, zu denen die Sängerin selbst ihre Kommentare gibt. Von der Entwicklung der Stimme kann sich der Hörer selbst ein Bild machen, Partner und Aufnahmejahr sind jeweils verzeichnet. Für den Gheorghiu-Fan erweis sich  diese Sammlung von Ausschnitten sicherlich ein wahres  Schatzkästlein, sollte er nicht bereits  im Besitz der entsprechenden Gesamtaufnahmen sein (Warner Classics 0825646190478).

Ingrid Wanja