Archiv für den Monat: April 2022

Ohne falsches Pathos

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„Gurnemanz non finisce mai, stöhnte bereits nach einer halben Stunde Parsifal vor Jahren mein italienischer Freund, und Regisseur  Graham Vick wusste wohl um die Ungeduld italienischer Zuschauer und peppte das spröde Bühnenweihfestspiel für das Teatro Massimo in Palermo 2020 ordentlich auf, ehe er ein Jahr später an Covid starb. Dabei verzichtete er keineswegs auf traditionelle naturalistische Passagen wie die des sterbenden Schwans, fügte aber, ohne die Substanz der Oper zu entstellen, einiges an Handlung hinzu, vorwiegend als Schattenspiel hinter einer Brecht-Leinwand und vorzugsweise Gewalttätiges bis hin zum Meucheln einer Schwangeren, aber auch Sinnenfreudiges oder ganz das Gegenteil davon, wenn Klingsor die Hosen herunterlässt, um einen blutigen Fleck auf Schiesser-Feinripp an der Stelle zu zeigen, an der er kurz entschlossen und ein für alle Mal hatte Schluss mit dem Sündigen machen wollen. Aus den Gralsrittern sind bei Vick Fremdenlegionäre geworden, es könnte aber auch eine auf Abwegen geratene Friedentruppe in Afrika sein, Titurel war einmal Militär, wie die Ordensspange verrät, trägt nun aber Business, Amfortas nur ein Lendentuch plus Dornenkrone, Parsifal und Gurnemanz Räuberzivil und Kundry mal Modell Schwarze Witwe, mal Ökokonformes (Kostüme Mauro Tinti). Die Charaktere aber bleiben unverändert, dem Publikum bleibt ein Schock wie ein Kundry meuchelnder Gurnemanz wie in Berlin erspart, Vick nimmt auf das italienische Publikum Rücksicht, und so war sein schlimmster Fauxpas einst eine 56jährige Mariella Devia mit Minirock als Violetta in der Arena di Verona. Die liebliche Taube, die über den Bühnenhorizont zieht, hätte er sich diesseits der Alpen wohl kaum erlaubt, dafür fällt aber der Gral, ein Henkeltöpfchen unter einem Staubtuch, recht bescheiden aus, und so unbarmherzig die Ritter hinter der Leinwand mit der einheimischen Bevölkerung umgehen, so grausam sind sie durch blutiges Ritzen ihrer Arme sich selbst gegenüber. Das alles findet auf einer absolut kahlen Bühne (Timothy O`Brien) statt. Am Schluss ist der mitteleuropäische Zuschauer erstaunt, eine Idylle mit einem herzigen Parsifal, umgeben von erlösten Kindlein zu erblicken, ist er doch daran gewöhnt, sich happy ends ins Gegenteil verkehren zu sehen, so mit einem Maccolm schlimmer als Macbeth, einem Fidelio-Minister als neuem Unterdrücker, natürlich einem Parsifal als alles andere als Erlöser.

Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber wollte nach eigenem Bekunden Parsifal von falschem Pathos befreien, was einen durchsichtigen Klang, recht hurtige Tempi und sängerfreundliche Lautstärken zur Folge hat, irgendwie italienischer klingt, als man es gewöhnt ist.

Vorzüglich ist mit wenigen Ausnahmen das Sängerensemble mit einem in jeder Hinsicht Autorität ausstrahlenden Gurnemanz, dem John Relyea die gebieterische Statur und eine auch vokale Dominanz verleiht, die den Zuschauer bannen kann, sein in allen Lagen hochpräsenter Bassbariton ist weit entfernt von allem Alt-Männer-Grummeln, man möchte ihn einen Heldenbassbariton nennen, so viel Metall offenbart sich in der Stimme. Mit guter Diktion und schön ausgesungenen Phrasen kann sich auch der Amfortas von Tómas Tómasson profilieren, der eindrucksvoll seinen roten Königsmantel wie eine Blutspur hinter sich herzieht. Der Parsifal von Julian Hubbard hat eine sichere Höhe, die er in dieser Partie natürlich kaum zur Geltung bringen kann, in der Mittellage, die manchmal gequetscht klingt, stören hässliche Vokalverfärbungen, es gibt aber durchaus auch Passagen, in denen er  den vokalen Strahlemann hervorkehren kann. Titurel ist Alexei Tanovitski mit vergleichsweise hohl klingendem Bass. Und Kundry? Catherine Hunold ist keine dieser modernen Model-Sägerinnen, die auch optisch verführen könnte. Ihre Mittellage hingegen klingt angenehm weich, rund und warm, ihr „Schlafen“ erdawürdig, die Höhe allerdings ist wenig prägnant, da wird auch mal geschummelt. Selbst bei Blumenmädchen, Rittern, Knappen und der Stimme aus der Höhe hat man kaum einheimische Kräfte eingesetzt, abgesehen wohl von Elisabetta Zizzo, die einem Knappen und einem Blumenmädchen mediterranen Glanz verleiht, während Stephanie Marshall eine trostreiche Stimme aus der Höhe ist. Angesichts der Qualität der Aufführung und des traurigen Endes, das der Regisseur erleiden musste, kann man diesen hoch interessanten Parsifal durchaus als Vermächtnis Graham Vicks ansehen (C Major 759404). Ingrid Wanja              

Aprile Millo

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Wie kann ich meine große Liebe zu Aprile Millo erklären? Vielleicht, weil sie angesichts der vielen belang- und gesichtslosen Zeitgenössischen eben ein Gesicht auf der Stimme hat? Weil sie auf eine bestürzend beglückende Weise ein altes Stimmideal verkörperte, so eine Mischung aus Renata Tebaldi und Zinka Milanov? Weil sie im Spintofach so gut wie keine gewichtige Konkurrenz bis heute hat? Weil sie diese etwas nasale, in der Höhe absolut leuchtende und in ihrer guten Zeit fast unendliche, aber bestens gedeckte Höhe hatte? Diese kraftvolle Mitte, die ihre Opernrollen wie Verdis Griselda ebenso wie seine Aida oder BalloAmelia, die Adriana Lecouvreur oder natürlich Gioconda zu packenden, lebendigen Figuren machte (was fetzt sie sich da mit Dolora Zajic bei der Richard-Tucker-Gala!)? Aber ganz abgesehen von der bombigen Technik ist es ihr unverkennbares italienisches Timbre, dass sie in der Nachfolge der genannten Damen so einmalig macht/e.

Glamorous Aprile Millo/ Foto EMI

Gehört hatte ich sie erstmals im Auto (wenn das kein romantischer Beginn einer Liebesbeziehung ist!), auf der Fahrt zu Italiens Festivals, als eine Übertragung aus Bregenz mit Ernani (Ciannella, Bruson, Steinberg) gesendet wurde und ich meinem Fahrer buchstäblich in den Arm fiel: Das muss ich hören! Wir lauschten (kein anderes Wort ist passender) der Sopranistin, unglaublich! Erfüllt, ur-italienisch, hochindividuell, topsicher. Den Namen konnte ich mir nicht merken. Aber die Stimme bleib mir im Kopf, bis ich die erste (und einzige) Solo-LP von Aprile Millo im Electrola-Laden (dem Mekka der Opern-Fans) auf dem Berliner Ku-Damm sah und anhörte: Sie war´s. Verdi-Arien (zum Teil ohne Cabaletten), nicht ganz in der selben Wirkung für mich. Wie ich dann live feststellte.

Denn Aprile Millo ist ein „Bühnentier“, dessen Magnetismus erst „in action“ auf den Zuschauer/hörer überspringt. Und so sind es die vielen Live-Auftritte, namentlich an der Met unter James Levines schützender Hand und in der Nachfolge der Scotto, bei denen man den berühmten Schauer über den Rücken laufen spürt. Natürlich ist sie auch im nicht-amerikanischen Ausland aufgetreten, so in Paris, Rom, Santiago, Bregenz, Catania und anderswo (s. Wikipedia), aber es sind die Mitschnitte aus der Met, Philadelphia, San Francisco und natürlich auch die Auftritte bei Eve Queler und dem Opera Orchestra von Ney York (vorher Manhattan School of Music mit der Rossinischen Mathilde), die die Millo in ihrer ganzen Wirkung spüren lassen, italienische Oper at ist best, unerreicht. Für mich ist sie Amerikas letzte Spinto-Queen, da mögen Fans der verdienstvollen Frau Radvanovsky murren wie sie wollen.

Aprile Millo: „Ballo“ mit Luciano Pavarotti an der Met/ Foto Met Opera Archives/ Klotz

Aprile Millo (geb. April 14, 1958) hat nicht viel an offiziellen Aufnahmen erhalten. Den Ballo in Maschera mit Pavarotti gibt’s als DVD bei DG, die Verdi-LP/CD wurde erwähnt, die Luisa Miller gibt’s bei Sony, ebenso einen Don Carlo neben Michael Sylvester von der Met, von diesen Haus auch eine Aida optisch bei und akustisch bei Sony/DG. Ich habe sicher weiteres vergessen.

Aber live ist die Millo wie viele (denken wir an die Gencer) bei Sammlern gut vertreten, bei mir auch. Wenn ich meine Festplatte in der Suchfunktion „Millo“ öffne springen mir mehr als 50 Einträge entgegen: besagter Ernani, diverse Luisa Miller 1990 in Rom, an der Met und anderswo, die Forza 1994 in Turin, Mascagnis Zaza bei Silipigni in Newark 1995, Trovatores en masse an der Met 1989 und anderswo, Otellos 2002 in Baltimore etc, viele Don Carlos ´von der Met 1986 bis Bologna dto. Mefistofele an der Met 1999 und ebendort auch Andrea Chenier 1996, natürlich eine Menge Aidas in Caracalla 1992, Tokio 1993 sowie an der Met um 2005 herum. Auch die Liu neben Eva Marton und Linda Kelm ab1990 sowie die Tosca 2006. Und La Gioconda 2006 eben hier. Ich habe sicher einige Auftritte vergessen.

Aprile Millo: „Il Trovatore“ mit Lando Bartolini in Catania/ Foto De Blasi/Millo

Es gibt zudem hörbar lautstark bejubelte Live-Konzerte von ihr, bei vielen grauen Firmen jener Jahre, die in Teilen auch bei youtube sich wiederfinden. Die Millo in wechselnden Haarstilen und Roben, nicht immer so unendlich günstig, manchmal grenzwertig geschmackvoll, immer dicht bei ihrem Publikum, das sie kritiklos und rasend vergöttert. Amerika ist eben so. Die gemischten Programme dieser Abende (einschließlich „Danny Boy“) auch. Aber ihr „La mamma morta“ aus dem Chenier ist ein unerreichter Dauerbrenner an Wirkung, Kunst und Präsentation. Und jedesmal habe ich wieder den Schauer über dem Rücken.

Den spannenden Anteil an der späteren Karriere hatte Eve Queler mit ihren Carnegie Hall Konzerten, nach frühen Zusammenarbeiten, wo die Millo bereits 1984 neben Chris Merritt Rossinis Mathilde gab, später dann Verdis Battaglia di Legnano 1987, die Imogene Bellinis 1989, schließlich so tolle Partien wie Puccinis Minnie, die Wally 1990, Puccinis Villi 2006, und natürlich atemberaubend die Gioconda 2006 sang, die ich anlässlich meines  New Yorker Besuches bei meiner Freundin Eve live erlebte – Gelegenheit zu einem Gespräch mit der faszinierenden Erz-New Yorkerin, aus dem ich nachstehend einige Passagen wiedergebe. Die Lebhaftigkeit, die künstlerische Ernsthaftigkeit und die überspringende Empathie dieser tollen Person finden sich leider nur in Ansätzen im Geschriebenen wieder. Wie sie da in den Probenraum hereinschwebte, Hair-do und Fummel inklusive: Das war ein New Yorker Auftritt!

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Aprile Millo: Aida an der Met/ Met Opera Archives/Klotz

Nun also La Millo original anlässlich ihrer Gioconda im Konzert mit Eve Queler in der New Yorker Carnegie Hall: Sie haben eine – im besten Sinne – „un­modische“, altmodische Stimme, die den Hörer an die Goldenen Zeiten erinnert, an eine Milanov, die Ponselle und ande­re Vorkriegsstimmen. Ist das ein Ergeb­nis Ihrer Ausbildung? Oder ist dieser dunkle Klang etwas ganz Ureigenes von Ihnen selbst? Ich bin selber in einem „Goldenen Zeit­alter“ bei uns zu Hause aufgewachsen. Meine Mutter klang wie die Muzio, la Di­vina Claudia, und war eine fesselnde Schauspielerin. Mein Vater besaß eine der wunderbarsten Tenor-Stimmen in ei­ner Mischung aus Pertile und Gigli. Sie beide waren meine Lehrer, bis ich nach New York zog, wo ich mit Rita Patane arbeitete, einer Schülerin von Maria Carbone. Meine eigene bewusste Wahl war es immer, meine Stimme eben das sein zu lassen, was sie Hause war und keine Farben darüber zu stülpen, die sie nicht hat. Als Kind hörte ich nur die Aufnahmen der Muzio, Ponselle, Milanov, Olivero, Callas und meiner geliebten Tebaldi. Ich finde es hingegen schockie­rend, daß sich nur wenige heutige Sän­ger den Luxus gestatten, diesen großen Sängern der Vergangenheit zuzuhören und sich von ihnen beeinflussen zu las­sen – nur dies ist ein Weg, die wirkliche (!) Tradition am Leben zu erhalten, nicht dieses Nur-Notensingen, das wir heute hören.

Ein paar Worte zum Repertoire – Sie singen ja fast ausschließlich das italieni­sche Fach. Ist Ihre Stimme dafür beson­ders geeignet? Ich halte nichts davon, dass heute jeder alles singt. Meine Stimme ist von Grund auf ein italienisches Instrument in Hin­sicht auf Farbe und Temperament. Ich lie­be auch das deutsche Fach und wurde von Karajan (den ich angebetet habe) wegen der Elsa und Donna Anna/Donna Elvira gefragt. Er sagte, meine Stimme wäre dafür ideal, und der Lohengrin sei die italienischste Oper Wagners – genau dies wollte er in seiner Elsa hören. Wer war ich, dass ich mit ihm darüber argumentierte. Aus manchen Gründen kam es leider nicht dazu. Ich liebe auch das französische Fach und den französischen Ge­sang und habe selber die Elisabeth im Don Carlos im Original ge­sungen – die Rolle ist ganz wunderbar in Hinsicht auf Klang und Diktion. Aber ich bin doch stolz auf meinen Weg im italienischen Repertoire, der mich ganz sicher zur Norma führen wird (wozu es dann leider nicht kam/ G. H.).

Und Ihre Meinung zu den Begriffen „Belcanto“ und „Verismo“ – Gebie­te, in denen Sie ja viel gesungen und Erfahrungen gesammelt ha­ben. Singt sich das unterschiedlich? Worauf muss man als Sängerin achten? Mein Gott, was für eine Frage! Belcanto ist genau das, was das Wort besagt: schöner Gesang. Aber natürlich auch viel mehr, und unter heutigen Standards der allgemeinen Unkenntnis will ich zu­mindest das festschreiben. Der Verismo ist auf den Belcanto drauf- gesetzt und bleibt das auch – die beiden vermischen sich nie. Verdi machte aus Bellinis Genius einen – sagen wir – charismatischen Bel­canto und verbreiterte die Cantilena in bewundernswerter und un­geahnter Weise. Puccini muss gesungen und nie gebrüllt werden und ist zudem nie vulgär, wenngleich einige dunklere und vielleicht hässlichere Töne um der musikalischen Wahrheit willen erlaubt sind. Verismo erzählt eine organische Geschich­te in ebensolchen Rhythmen und einer angemessenen, natürlichen Sprache. Verdi nahm dies bereits mit dem Rigoletto in Angriff und dann natürlich mit seinen Al­terswerken. Aida, Otello oder Falstaff sind zweifel­los grandiose Werke.

Aprile Millo: „Ballo“ an der Met/ Ausschnitt aus der DG_DVD

Die stimmliche Gefahr für den Sänger besteht in der Vulgarisierung seiner Kunst bei der Ausführung durch den Gesang. Emotionen sollten durch das Gefühl eher ausgedrückt werden als durch den Klang, und billige stimmliche Tricks und ein sich vordergründig In-Szene- setzen sollten vermieden werden. Sie dienen nicht der Musik, sondern nur dem Sänger und verschleiern die ei­gentliche, musikalisch ausgedrückte Wahrheit.

Gefühle sind so eine Sache, und als Sänger ist man nicht frei davon, von den Emotionen beherrscht zu wer­den. Da muss man sehr aufpassen. Ich war von dem Text der Margherita im Mefistofele so überwältigt, dass ich lange brauchte, um sie gut singen zu können. Und gera­de jetzt – die Worte der Gioconda: was für ein Elend, welcher Kummer, was für seelische und physische Qualen. Und was für eine Oper!

In technischer Hinsicht ziehe ich flexible, spontane Tem­pi vor – nicht rigide, sondern organisch aus dem Text und den Intentionen des Komponisten heraus. Sehr wenige Dirigenten können das heutzutage. Das verlangt wirkli­ches Verständnis und wenig Ego seitens des Maestro, denn er (oder, wie im Falle von Eve Queler, sie) ist ja dafür da, die Stimme zu begleiten. Eve macht das ganz außergewöhnlich, und deshalb fühlen sich ihre Sänger auch von ihr so beschützt.

Eve Queler: Schlussbeifall nach der „Gioconda“ 2006 mit Marcello Giordani, Aprile Millo, Dolora Zajick/ Foto Queler

Wenn Sie mich nach großen Musikern fragen, die mein Leben beeinflusst haben, fällt mir Elisabeth Schwarzkopf ein, deren Unterstützung und Zuneigung mein Leben geprägt haben. Sie brachte mich nach Salzburg und ar­rangierte mein Vorsingen bei Herbert von Karajan. Und mit ihm zu arbeiten war einfach unglaublich. Ich werde nie vergessen, wie er mich gelobt und weitergebracht hat. Er wollte eine Elsa und eine Arienplatte mit mir auf­nehmen. Seine Augen strahlten eine unglaubliche Kraft aus. Ich fühlte mich bei ihm unendlich wohl, wirklich „zu Hause“. Er schätzte es, dass ich keine Angst vor ihm hat­te, und sagte mir das auch. Ich erwiderte, dass ich nur nervös sei, wenn ich vor Leuten singen müsste, die nichts davon verstünden. Mit so bedeutenden Künstlern wie ihm ist für mich alles sehr unkompliziert.

Eine etwas delikate Frage (und ich möchte kein Salz in irgendwelche Wunden reiben): Warum, glauben Sie, haben Sie keine wirklich ganz große Karriere gemacht, die Sie doch eigentlich verdient hätten? Und warum ei­gentlich nur eine in den USA? Und warum haben wir hier in der Alten Welt so wenig von Ihnen gesehen? Ich will Sie nicht verletzen, aber ich finde, Sie hätten eine Rie­senkarriere machen müssen angesichts vieler heutiger Sänger auf heutigen Bühnen…  Ich blieb in Amerika wie Rosa Ponselle, weil ich ganz „altmodisch“ an die Werte der Produktionen und an den Respekt gegenüber den Kom­ponisten in diesem Land glaube. Ich habe hingegen oft Produktionen abgelehnt, in denen Aida ihr Motorrad am Nil parkt und ähnlicher Unsinn mehr. Das ist nichts für mich, und das ist einer der Gründe, warum ich hiergeblieben bin und das europäische Regie­theater vermieden habe. Und ich habe ja doch auch einige wirklich gute Aufnahmen gemacht, immer mit guten Kollegen. Mit James Levine fand ich das richtige Ambi­ente für unseren Verdi-Zyklus.

Aprile Millo: Millo in Concert/ youtube

Ich liebe jedoch das deutsche Publikum – man behandelt bei Ihnen die Oper, wie man sie wertschätzen sollte, mit totaler Hinga­be und großer Aufmerksamkeit (und in den Aufführungen ist es so still wie in der Kir­che). Ich schätze Christian Thielemann sehr und höre, dass er diese „altmodischen“ Tra­ditionen liebt, eine „altmodische Seele“ hat. Ich würde gerne mit ihm eine Oper machen. In jedem Fall stelle ich weiterhin meine Kunst in den Dienst Gottes und der Musik. Und das Publikum versteht und anerkennt dies. Allein schon die Ankündigung, dass wir die Gioconda machen würden, versetzte die New Yor­ker Musikliebhaber in Raserei – die Car­negie Hall war im Nu ausverkauft, die Leute standen in langen Schlangen nach Restkarten an. Ich war überwältigt. Das ist alles, was ich zum Leben brau­che, nicht dieses ganze Getue um die richtigen Agenturen, Hype und Ego, was nichts mit Musik und dem Dienst am Komponisten zu tun hat. (Dank an Wolfgang Denker für die Archivarbeiten)

Niza de Castro Tank

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Nicht-südamerikanischen Opernliebhabern wird die jünst verstorbene brasilianische Sopranistin Niza de Castro Tank (10. März 1931 – 24. April 2022) vor allem wegen ihrer bemerkensweswerten  Pioniertätigkeit auf dem Gebiet des nationalen Musikheroen Antonio Gomes in Erinnerung bleiben. Ihre Aufnahme des Guarany (neben später erschienenen weiteren Gomes-Opern wie A noito do Castelo) ist eines der allerersten CD-Dokumente, und jahrzehntelang musste sich der Opernfan mit dieser klanglich recht dünnen Aufnahme zufriedengeben.

In ihrer Heimat und auf dem südamerikanischen Kontinent galt Niza de Castro Tank als Superstar im Koloraturfach, ähnlich wie die jüngere und ebenfalls kürzlich verstorbene Adelaide Negri im dramatischen. Beide zeichnete eine gewisse Robustheit der Emission aus, fast eine Bedenkenlosigkeit oder vielleicht eher Furchtlosigkeit angesichts der stimmlichen Mittel, die im Falle von Niza de Castro Tank eher im schmaleren, aber absolut zupackenden Bereich lagen. Der recht blumige Eintrag im brasilianischen Wikipedia, den wir nachstehend in einer Google-Übersetzung zitieren, wird ihr in der Aufzählung vieler Details ganz sicher in ihrem Sinne gerecht. Sie war die bekannteste lyrische Sopranstimme Brasiliens. G. H.

Niza de Castro Tank (10. März 1931 – 24. April 2022) war eine brasilianische lyrische Koloratursopranistin, die von einigen als eine der größten Sopranistinnen Brasiliens angesehen wird und auch der größte Förderer der Arbeit von Antônio Carlos Gomes ist.

Sie wurde am 10. März 1931 in Limeira als Tochter von Arthur Jorge Tank und Nicolina Ferreira de Castro geboren. Sie hatte einen ersten Kontakt mit Opern-Gesang in Limeira, wo ihr Lehrer bemerkte, dass sie seltene Qualitäten als Sängerin hatte.

Sie begann offiziell sein Gesangsstudium in Campinas bei Professor Sylvio Bueno Teixeira. Im Alter von 23 Jahren bekam sie einen Vertrag bei Rádio Gazeta de São Paulo, wo sie  fünf Jahre lang blieb und ihre künstlerische Karriere begann. Von 1957 bis 2017 wirkte sie in zahlreichen Opern in Brasilien und im Ausland mit, darunter Rigoletto, Il Barbiere di Siviglia, Lucia di Lammermoor, La Bohème, O Guarani, Lo Schiavo, La Traviatta, Il Matrimonio Segreto, Lakmé, Don Pasquale, L ‚Elisir d’Amore, La sonnambula, Die Zauberflöte und A noito do Castalo. Sie wirkte als Solistin in Mozarts Requiem in d-Moll und in der Messe in c-Moll mit; in Carmina Burana, von Carl Orff; in Colombo und Odaléa, von Carlos Gomes; in Ravels L’Enfant et les Sortilèges; in Beethovens Christus am Ölberg; in Händels Messias; in Beethovens Neunter Symphonie; in Honeggers König David; in Bachs Messe in h-Moll; und in Schuberts Salve Regina.

Sie nahm an internationalen Tourneen teil und trat in Montevideo, Moskau, Berlin, Neapel, Palermo, Tel Aviv, Jerusalem, Madrid und Caracas auf.

Niza de Castro Tank als Lucia di Lammermoor/ OSA

Sie sang unter der Leitung von Armando Belardi, Arschawir Karapetjan, Benito Juarez, Diogo Pacheco, Carlos Eduardo Prates, Eleazar de Carvalho, Flávio Florence, Frederico Gerling, Gerard Devos, Guido Santorsola, Isaac Karabtchevsky, Luiz Borges, Paoletti, Roberto Schnorrenberg, Rodrigo Müller, Roger Wagner, Simon Blech, Souza Lima, Tullio Colacciopo, Roberto Tibiriçá, Aylton Escobar, Carlos Lima, Eduardo Ostergreem, Ricardo Kanji, Fábio de Oliveira, Osman G. Gioia, Abel Rocha, Henrique Morelembaum, Ernst Mahle.

Sie wirkte bei der ersten vollständigen Weltaufnahme der Oper Il Guarany mit. 1986 nahm sie zwei Alben mit Liedern von Antônio Carlos Gomes und 1996 eine CD mit Weihnachtsliedern auf. Mit dem Orquestra Sinfônica Municipal de Campinas nahm sie 2004 die CD Campinas de todos os Sons und 2005 die Missa São Sebastião auf.

Fünf Jahre in Folge erhielt sie die Roquete Pinto Trophy. Außerdem erhielt sie die Best of the Year Trophy, die Fumagalli Trophy (für fünf Jahre), die Cacique Trophy, die Bandeirantes Trophy, die Carlos Gomes Trophy, die Ordem dos Músicos do Brasil Trophy, den Carlos Gomes Award, den Guarany Trophy, die Medaille der Vereinigung der Theaterkritiker von São Paulo, die Women Who Make History Trophy, die Samuel-Lisman-Medaille, der Verdiensttitel „Scientiarum Persona Magnífica“ und die Medaille für wissenschaftliche Verdienste „Prof. DR. Walter Radames Accorsi“.

Einmal, auf dem Weg zu einer Hochzeit, blieb sie unter einem Baum stehen und dachte nach: „Wie gut es ist, in einer Gruppe zu singen!“ Dieser Gedanke führte zur Entstehung von Madrigal Decason, das sie selbst gründete und dirigierte und gewann Carlos-Gomes-Medaille 2015.

Im Jahr 1972 heiratete Niza Samuel Abraham Lisman Baum, geboren am 6. Juli 1915 in Sachsen, Deutschland. Lismans Familie lebte bis 1924 in Deutschland, bis sie gezwungen war, nach Montevideo, Uruguay, auszuwandern. Dort studierte er Philosophie und war später Herausgeber des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Marquez (Nobelpreisträger 1982). Baum lebte ungefähr 30 Jahre in Campinas, nachdem er Kulturdirektor des Círculo Militar, Präsident des Lions Clube Guanabara und Kolumnist der Zeitung Diário do Povo war. Baum starb am 23. Juli 2002 und wurde im Cemitério Israelita do Embu in São Paulo beigesetzt.

Im Jahr 2004 erlebte Niza die Veröffentlichung ihrer Biografie „Niza, Trotz der Anderen“ von ihrer ehemaligen Sekretärin Sara Lopes. Im Jahr 2008 veröffentlichte Sie das Buch „Minhas Pobres Canções“, das die Lieder von Carlos Gomes aus musikalischer Sicht und vokale Interpretation bringt, unterstützt durch die Aufnahme auf 2 CDs.

Sie hatte einen Abschluss in Kunsterziehung vom PUCCamp und in Pädagogik vom Institute of Social Sciences of Americana. Sie war Doktor der Kunst an der Unicamp, wo sie auch als Professorin für Gesangstechnik in der Musikabteilung arbeitete. Sie nahm als Gastlehrerin an mehreren Musikfestivals und Spezialkursen in Gesangstechnik und lyrischem Gesang teil.

Sie war Inhaberin und Kulturdirektorin der Campineira Academy of Letters and Arts, ordentliches Mitglied des Clube dos Escritores de Piracicaba und Präsidentin der Campineira Academy of Music.

2021 feierte sie ihren 90. Geburtstag und wurde von Freunden und wichtigen Institutionen wie der Campinas Symphony geehrt. Nach einem langen, der Kunst gewidmeten Leben verstarb sie am Morgen des 24. April 2022 im Alter von 91 Jahren in Campinas. Wikipedia

Auf Originalinstrumenten

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Geschmeidig und unschlüssig“ wollte Claude Debussy seine Musik für seine einzige Oper Pelléas et Mélisande, die „zarten Reibungen der Seele“ und „launenhafte Träumereien“ sollte sie ausdrücken können, „sie muss aus dem Dunkel kommen“ und sie sollte ganz und gar nicht an Richard Wagner erinnern. In einem überaus informationsreichen Booklet, das auch ein Interview mit dem Dirigenten der Aufführung enthält, wird der Hörer profund in das Werk eingeführt, und es wird ihm erklärt, warum die Aufnahme mit Originalinstrumenten aus der Kompositionszeit erfolgte. Überprüfen kann er dann, ob die angestrebten harmonischen Finessen tatsächlich in dieser Besetzung eher zu erreichen sind als mit einer der herkömmlichen Art. Bei den Streichern besteht der größte Unterschied darin, dass Darmsaiten benutzt wurden, so dass das Vibrato wesentlich feiner ausfällt, die Stimmen mehr zur Geltung kommen und generell der Eindruck einer ausgeprägteren Durchsichtigkeit entsteht.

Die Aufnahme entstand 2021 durch die Opéra de Lille, also zu Corona-Zeiten  und demnach in leerem Saal, es spielt das Orchester Les Siècles unter Françoise-Xavier Roth. Mit den ersten Taktes fällt die ungewöhnliche Transparenz des Klangbildes auf, eine große Farbigkeit trotz des Filigranen, die zu einer besonders dichten Atmosphäre insbesondere in den Vor-und Zwischenspielen führen und die die Sängerstimmen tatsächlich besonders präsent erscheinen lassen.

Der Dirigent hält Golaud für „die menschlichste Figur“, und die findet in Alexandre Duhamel einen adäquaten Vertreter mit nicht liebenswürdigem, aber doch zunächst Vertrauen erweckendem Timbre, mit erstklassiger Diktion, im ersten Akt durchaus zärtlichen Zügen, ehe zunehmend Bedrohlichkeit sich vernehmbar macht, immer wieder, so in den Szenen mit Yniold, zu Sanftheit gebändigt. Auch der Tenor Julien Behr lässt seinen Pelléas eine vokale Entwicklung durchmachen, gewinnt nach recht trocken klingendem Beginn zuhörens an vokaler Präsenz und damit an Farbe, erfreut durch empfindsamen Sprechgesang und glänzt im vierten Akt durch eine emphatische Zärtlichkeit in der Stimme. Tiefdunkel und archaisch lässt sich der Arkel von Jean Teitgen vernehmen, während Marie-Ange Todorovitch eine sanfte, recht hell klingende Geneviève ist. Angstflatternd mädchenhaft beginnt Vannina Santoni als Mélisande, facettenreich und voller vokaler Süße und mit einer Liebeserklärung im doppelten „Pelléas“, ehe das letzte „la veritè“ auch noch ein Geheimnis zu bergen scheint. Bewundernswert ist es, wie das Kind Hadrien Joubert die wortreiche Partie des kleinen Yniold meistert. Damien Pass und Mathieu Gourlet vervollständigen das Ensemble als Arzt und Hirte. Pelléas et Mélisande kann sehr lange dauern- diese Aufnahme lässt keinen Gedanken daran aufkommen, ist spannend vom ersten bis zum letzten Ton (harmonia mundi 905352.54). Ingrid Wanja         

Aus der Tropfsteinhöhle

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Dass man einem Werk seine ganz eigene Regie-Handschrift aufdrücken kann, ohne es zu entstellen, stattdessen dem Zuschauer neue Möglichkeiten der Interpretation eröffnet, ohne sie ihm aufzuzwingen, beweist Damiano Michieletto mit seiner Inszenierung von Janáčeks Jenufa an der Staatsoper Berlin zu Corona-Zeiten, so dass nicht exakt auszumachen ist, welche Einfälle der Krisenzeit geschuldet und welche davon unabhängig dem Gehirn des Regisseurs entsprungen sind. So tritt der Chor nicht auf der Bühne auf, sondern ist, ganz in ziviles Schwarz gekleidet, über den gesamten Zuschauerraum hin verstreut und so kein fröhliches Fest anlässlich der Heimkehr Stewas von der Musterung möglich, was aber wiederum dazu passt, dass die Beziehungen zwischen den Personen äußerst unterkühlt sind, sie sich in einem septisch erscheinenden, Kälte ausstrahlenden  Raum, wie aus Eis herausgeschnitten, befinden, von dessen Decke sich allmählich, aber unaufhaltsam ein Eisblock herabsenkt, aus dem es zunehmend tropft, so dass sich auf dem Fußboden ein See bildet, aus dem im letzten Akt das von der Küsterin ertränkte Kind oder zumindest die Decke, in die es gehüllt war, geborgen wird (Bühne Paolo Fantin). Lediglich einige Bänke und ein mit Kerzen bestückter Altar bilden das Bühnenbild auch für den ersten Akt, zeitlos und keinerlei geographische Orientierung, dafür aber einiges an Charakterisierung bietend sind die Kostüme von Carla Teti. Stewa schleppt ein Teil herein, dass wie ein Koffer aussieht, sich dann aber als Eisblock entpuppt, immer wieder kneten die Personen kleinere Ausgaben davon in den Händen, als müssten sie sich an der Eiseskälte, die sie umgibt, abarbeiten. Erst ganz zum Schluss und dann doch unvermittelt fällt gleißendes Licht auf die Bühne, und das Paar Jenufa- Laca schreitet in das Leuchten und damit wohl in eine bessere Zukunft hinein, während die Küsterin unter dem tropfenden Eisklumpen zurückbleibt, der sie in absehbarer Zeit zu erdrücken droht. Es gibt zwar Ungereimtheiten, so die Wiege mit dem Kind auf der Bühne, während Laca die Lüge von dessen Hinscheiden aufgetischt wird, aber insgesamt ist dies doch eine wunderbare Produktion von poetischer Eiseskälte oder voll eiseskalter Poesie, an der sich die farbige, hochdramatische Musik Janaceks unter Simon Rattle geradezu wütend abarbeitet. Im Orchestergraben waren übrigens Eingriffe bei den Holzbläsern der Pandemie geschuldet.

Nicht besser besetzt sein könnte das Terzett der Frauen mit einer so optisch schmalen wie akustisch warm und begütigend klingenden Mezzosopranistin, wie sie Hanna Schwarz ist, die die Buryjovka singt und deren Bühnenpräsenz imponierend ist. Sie wie auch die Küsterin von Evelyn Herlitzius sind auch in der Jenufa-Produktion der Deutschen Oper zu erleben gewesen, und der hochdramatische Sopran kann gleichermaßen herrisch auftrumpfen wie wunderschöne flehende Töne gegenüber den beiden Heiratskandidaten Stewa und Laca produzieren, und der darstellerische Einsatz der Herlitzius zwischen selbstherrlichem Aufbegehren und demütigem Sichfügen  ist, wie von ihren Wagnerrollen bekannt, ein nicht an Intensität zu übertreffender. Optisch wie akustisch von strahlender Blondheit ist die Jenufa von Camilla Nylund, zwar kaum entstellt durch die Narbe, dafür sich aber der Haarpracht mit hektischen Scherenschnitten entledigend und atemberaubend intensiv nicht nur in der Szene, in der sie, dem roten Faden folgend, das tote Kind entdeckt.

Sehr viel schärfer, als man es sonst erlebt, sind die beiden Liebhaber charakterisiert. Ladislav Elgr ist ein brutaler, durch und durch unsympathischer Steva mit scharfem slawischem Tenor, Stuart Skelton ein tapsiger Bär von Laca mit auftrumpfendem Heldentenor. Jan Martinek gibt den bassgewaltigen Altgesell, Evelin Novak eine spritzige Karolka, Adriane Queiroz eine Barena mit italienisch geschulter Stimme und Victoria Randem einen Jano mit kristallklarem Sopran.

Die Aufführung erlebte als Stream ihre Premiere und sollte unbedingt auch vor Publikum zu genießen sein, wobei man gespannt darauf sein kann, was mit dem Chor passiert, wenn das Publikum sich den Saal zurückerobert (C Major 760504). Ingrid Wanja           

Barbara Wunderlich

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Wenn das Adjektiv „heimtückisch“ in Bezug auf eine Krankheit jemals gepasst hat, dann in diesem Fall. Barbara Wunderlich, LowBeats-Mitbegründerin, -Lektorin, -Anzeigenleiterin und aufrecht-gute Seele des Verlags, erlag am 12. April 2022 nach mühevollem und schmerzhaftem Kampf einem lange unerkannten Krebsleiden.

Als Tochter des Ausnahme-Tenors Fritz Wunderlich und als Absolventin der Münchener Musikhochschule hatte sie nicht nur eine beeindruckend klare Stimme und ein feinfühliges Klavierspiel, sondern auch das absolute Gehör. Kurz: Sie hörte ganz anders und besser als wir. Nicht selten begleitete sie unsere Hörtests mit den Worten: „Also ich hätte das jetzt anders bewertet…“

Aber sie ließ uns machen. Nicht allerdings bei den Texten. Als selbstbewusste Lektorin kürzte sie so manchen, unnötig langen Satz und machte aus verschwurbelten Technik-Elaboraten verständliche Alltags-Texte. Alle Arten von Klischees waren ihr zuwider und die übliche Frauenfeindlichkeit, die in Männerzirkeln ja fast unausrottbar ist, warf sie immer sofort mit einer scharfen Rüge an den Autor aus dem Text. Als einzige Frau der Truppe hatte sie es nicht leicht – aber am Ende setzte sich ihre Schlagfertigkeit meist durch.

Barbara war das notwendige Gegengewicht zu der Technik-Verliebtheit der vielen älteren Herren, die sich sonst bei LowBeats tummeln. Oftmals öffnete sie uns die Augen und korrigierte den Kurs. Ohne sie wäre LowBeats nicht das was es heute ist. Auch, weil sie unerbittlich auf die Einhaltung der SEO-Erfordernisse pochte. Dass man unsere Texte bei Google in der Regel recht weit vorn findet, ist in erster Linie ihr Werk.

Vor allem aber war sie als Anzeigen-Verkaufsleiterin der Motor des Ganzen. Nachdem sie etliche Jahre bei Crescendo und Opernwelt der klammen Musik-Industrie Anzeigen – und später den Anstalten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihre Filme – verkaufte, war sie es, die das gewagte Start-up namens LowBeats auf ein festes, finanzielles Fundament stellte. Sie organisierte das Backoffice und schaffte es mit ihrer freundlich-verbindlichen Art, auch die zögerlichen Anbieter unserer Branche, immer wieder zu einer Buchung zu überreden.

Vor allem aber war sie eine ganz und gar wunderbare Frau. Aufrecht-streitbar, lebensklug und voller Liebe für jene, die sie in ihr Herz geschlossen hatte. Der Autor dieser Zeilen muss es wissen: Er durfte sie mehr als zwei Jahrzehnte auf ihrem viel zu kurzen Weg begleiten. Barbara fehlt. Schon jetzt. Sehr. Holger Biermann (Foto Biermann/ Den Nachruf entnahmen wir der website von LowBeats mit sehr freundlicher Genehmigung und danken unserem Freund Thomas Voigt für die Nachricht vom Tode Barbara Wunderlichs.)

Nachruf auf Barbara Wunderlich

Langweiliger Genderfluidismus

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„Warum vergessen wir?“, fragt die Erzählerin. Und unternimmt den Versuch, sich an eine Familiengeschichte zu erinnern, „alles begann 1598“. Sie sagt es natürlich auf Englisch, denn die wunderbar artikulierende und mit sanften Bewegungen das Gesagte anmutig umschmeichelnde italienisch-schwedische Sänger-Schauspielerin Anna Clementi ist in Olga Neuwirths Oper Orlando Sprachrohr der Schriftstellerin Virginia Woolf und gleichzeitig Schutzgeist von deren Orlando. Es sei für sie als Schriftstellerin ein Urlaub gewesen, sagte einst Virginia Woolf. Nie habe sie ein Buch schneller verfasst als ihr in einem „einmalig glücklichen Herbst“ entstandenes Hauptwerk Orlando. Ähnlich muss es Olga Neuwirth ergangen sein, als sie 2014 den Auftrag erhielt, der im Dezember 2019 zur ersten Uraufführung einer abendfüllenden Oper einer Komponistin an der Wiener Staatsoper führte. Im ausführlichen und sehr packenden Bericht im Beiheft der DVDs (2 DVDs Unitel 760708) erzählt sie, wie sie Woolfs Orlando bei der jugendlichen Suche nach weiblichen Vorbildern in der Kunst beeinflusste. Somit war der Stoff für die Wiener Oper rasch gefunden. Auch Inhalt, Aufbau, Art und Weise der Umsetzung scheinen sich rasch konkretisiert zu haben; Neuwirths Liebe zur Kalligrafie, „auch die Frage nach der Veränderung der Schreibmaterialien“ sowie der Vorgang des Schreibens werden von Regisseurin Polly Graham in ihrer artigen Bilderschau aufgegriffen. Vor allem wird die „fiktive musikalische Biografie in 19 Bildern“, wie Neuwirth ihr Werk nennt, zu dem sie zusammen mit Catherine Filloux das Libretto nach Woolfs Satire auf Geschlechterrollen geschrieben hat, von David Pountney-Mentee Polly Graham nach Art des britischen Sprechtheaters in praktikable, gefällige Bilder gefasst. Nebelumwaberte Blicke in die Landschaft, Wissenschaftskabinette, Doku-Theater und wohlfeile Appelle. Auf der Bühne überaus schlichtes Schultheater, das auf den Rück- und Seitenleinwänden Unterstützung durch die Videos von Will Duke erfährt. Dazu die eleganten Garderoben von Comme des Garçons, der vor allem in den 1980er und 90er Jahre als Avantgardelabel Kult geworden japanischen Marke, die den jungen Dichter und Edelmann Orlando, auf den Elisabeth I. ein Auge geworfen hat, in gefältelte Bänder, Spitzend und Samt hüllen. Rüschig ist die Inszenierung auch dort, wo ein kräftiger satirischer Zugriff und die Leichtfüßigkeit des Romans gutgetan hätten, etwa bei Orlandos Tee-Empfang für die Dichterkollegen Pope (Christian Miedl), Addison (Carlos Asuna), Dryden (Marcus Pelz) und Duke (Wolfgang Bankl). Mit Ausnahme der ansprechenden Kate Lindsey als Orlando, dem Countertenor Eric Jurenas als Guardian Angel und dem faszinierenden Bassbariton Leigh Melrose als Orlandos Kollege Green und Kriegsfotograf Shelmerdine lassen sich aus dem umfangreichen Ensemble nur schwer einzelne Figuren herauslösen.

Neuwirth hat für ihre „hybride Grand opéra“, die „als eine Fusion aus Musik, Mode, Literatur, Raum und Videos gestaltet sein muss“, alles bekommen. „von klassischen Sängern bis Cabaret-Sängern wie Justin Vivian Bond und singenden Schauspieler/ innen, …..bis zu einem Kinderchor, einem Männer- und einem Frauenchor, die klein besetzt sind, damit sie auch madrigalhaft singen können, einer jazzigen Bühnenband bis zu Geräuschmachern wie in der Stummfilmzeit, klassischer zeitgenössischer Musik und Hörspielartigem … fieldrecording und elektronischen Klängen sowie Samples“. Die Musik ist schillernd, hat etwas chamäleonhaftes wie die Figur des sich im Lauf der von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert erstreckenden Handlung in eine Frau verwandelnden Orlando, der im Erscheinungsjahr von Woolfs Roman seinen seit Jahrhunderten fortgeschriebenen Gedichtband „The Oak Tree“ veröffentlichen kann. Die musikalische Vielfalt und die Vorbilder lassen sich kaum aufführen. Neuwirths Musik ist zweifellos virtuos geschmeidig, umschmeichelt den Hörer oftmals sinnlich – und schmeißt sich mit „O Tannenbaum“ auch ein bisschen ran. Matthias Pintscher bannt die überbordende Klangpracht, steuert das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper sicher und souverän durch die rotierenden Tonmassen und die durch die Zeiten gleitende Klangschichten.

Doch die Oper ist mit rund 2 ¾ Stunden reiner Musik etwas lang. Vor allem im zweiten Teil möchte man oftmals schreiend davonlaufen. Weniger wegen der Musik als des zusammengeschusterten Textes. Nach der Schilderung des Kindesmissbrauchs in der Viktorianischen Ära betreiben die Autorinnen mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und entsprechenden Dokumentarblitzen Wochenschau-Theater, verlassen die im Roman geschilderte Zeit und die Epoche der Woolf, blenden rasch in den Zweiten Weltkrieg und schwenken ebenso rasch zur Generation der 1968er, in die 1980er Jahre mit dem Einzug des Computers und in die aktuelle Gegenwart. Neuwirths Oper und die vor der Flut der Informationen kapitulierende kitschige Inszenierung landen bei einer gut gemeinten Politrevue und Volkshochschuldokumentation, die vom Holocaust bis zur Atombombe, vom Klimawandel bis zur Konsumkritik, einschließlich Gender und Genderfluidismus, alles anschneiden will – und damit langweilt. Dabei hatte Orlando so schön begonnen.  Rolf Fath

Renate Holm

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Es war um 1995. Eine Kollegin besuchte Renate Holm, mit der sie befreundet war. Unbekannterweise trug ich meine Empfehlung für die verehrte Sängerin auf. Bei der Rückkehr in die Redaktion überreichte sie mir ein schönes Foto mit persönlicher Widmung und bestellte herzlichste Grüße – als hätte auch ich die Künstlerin persönlich gekannt. Dem war nicht so. Ich hatte sie nicht einmal mehr in ihrer Glanzzeit auf der Bühne erleben können. Sie aber unterhielt eine große Nähe zum Publikum, die nicht nur professionell gesteuert gewesen ist. Sie entsprach ihrem gewinnenden Wesen.

Obwohl am 10. August 1931 in Berlin als Renate Franke geboren, galt sie als Wienerin. In dieser Stadt feierte sie ihre größten Erfolge. Am Anfang stand ein Jungmädchentraum. Sie hatte den Kinofilm „Premiere der Butterfly“ mit Maria Cebotari gesehen und wollte unbedingt Opernsängerin werden. Durch die Bombenangriffe während des Krieges auf Berlin inzwischen in den nahen Spreewald verschlagen, mussten es vorerst der Schul- und Kirchenchor tun. Ins Berufsleben entlassen, arbeitete Renate als Zahnarzthelferin, um das Geld für die musikalische Ausbildung zu verdienen. Ihr Ehrgeiz führte sie sogar zur berühmten Maria Ivogün, bei der auch Elisabeth Schwarzkopf studiert hatte. In einem vom RIAS veranstalteten Gesangswettbewerb belegte sie den ersten Platz. Um Verwechslungen mit der Schlagersängerin Renée Franke auszuweichen, wurde aus Renate Franke Renate Holm. Nun ging es Schlag auf Schlag. Sie wirkte in Heimatfilmen mit und sang beim Rundfunk, der seinerzeit eine enorme Verbreitung hatte, vornehmlich in Operetten.

1957 wurde die Wiener Volksoper auf sie aufmerksam, wo sie als Helene im Walzertraum von Oscar Straus debütierte. 1960 erfolgte dann gastweise der Wechsel an die Staatsoper, deren Ensemble sie von 1964 bis 1991 angehörte. Die erste Rolle im Haus am Ring, dessen Kammersängerin sie 1971 wurde, war das Gretchen in Lortzings Wildschütz. Gastspiele führten sie an Opernhäuser in aller Welt. 1964 machte sie erstmals in Salzburg als Papagena in der Zauberflöte auf sich aufmerksam. Herbert von Karajan lud Renate Holm 1975 zu den Osterfestspielen an die Salzach ein und übertrug ihr in Puccinis Bohéme die Musette neben Mirella Freni und Luciano Pavarotti. Auf einundsiebzig Auftritte in dieser Partie brachte es Renate Holm in ihrem Wiener Stammhaus, gefolgt von Blondchen in Mozart Entführung (57) und Beethovens Marzelline (32). Zu nennen sind auch Zerbinetta in der Ariadne auf Naxos (16) und die Sophie im Rosenkavalier (24). Ihr Ännchen im Freischütz (26) ist von Orfeo im Mitschnitt der Premiere unter Karl Böhm von 1972 auf CD dokumentiert worden. Die meisten Plattenaufnahmen stammen aus Operetten. Zu ihrem besonderen Markenzeichen wurde denn auch die Adele in der Fledermaus, die sie in der Wiener Staatsoper in siebenundzwanzig Vorstellungen gab. Die Verfilmung in der Regie von Otto Schenk lief im Fernsehen rauf und runter.

Der Sopran von Renate Holm hat einen hohen Wiedererkennungswert. Stets ist sie in ihrem Fach geblieben. Wann und wo immer sie sang, nahmen Publikum und Hörer an den Lautsprechern gute Laune, Optimismus und Wohlgefühl mit. Sie war der lebendige Beweis dafür, dass Kunst auch unterhalten will – und kann. „Sie begeisterte nicht nur mit ihrer Stimme, sondern war auch für ihr Spieltalent bekannt“, heißt es im Nachruf der Wiener Staatsoper. Am 21. April 2022 ist Renate Holm gestorben. Rüdiger Winter / Wikipedia (Foto © Dimo Dimov/Volksoper Wien)

Keine Konkurrenz zu Vorhandenen

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Im deutschsprachigen Raum ist es üblich eine der zwei noch existierenden Passionen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) am Karfreitag zu hören; einige Kenner werden auch die Passionsvertonungen von Georg Friedrich Händel (1685-1759) und Georg Philipp Telemann (1681-1767) oder sogar das Oratorium „Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ von Franz Joseph Haydn (1732-1809) als Musik für die Karwoche nennen.

Bachs Matthäus-Passion BWV 244 ist eines der am häufigsten aufgenommenen Oratorien der westlichen Musik: es gibt schon etwa achtzig Aufnahmen auf dem Markt (Stand: 20171). Die neue Aufnahme von Pygmalion unter der Leitung von Raphaël Pichon ist der Nachfolger von zwei Aufnahmen, die Harmonia Mundi schon veröffentlicht hat, eine ausgezeichnete Aufnahme unter der Leitung von Philippe Herreweghe (1998) und eine weitere von René Jacobs (2013). Bei Warner Classics gibt es die Referenz für historisch informierte Aufnahme von Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt aus dem Jahre 2000 mit Solisten wie Christine Schäfer, Dorothea Röschmann, Bernarda Fink und Matthias Goerne.

Sowie Harnoncourt geht es auch bei Pichon um den Dialog zwischen den zwei Chören und Orchestern, wie Bach es vorgibt. Die Musiker, der Dirigent und die Solisten bieten eine transparente, lebendige und zügige, aber nicht übereilte Interpretation an. Die Aufnahme ist bemerkenswert, weil historische Instrumente verwendet wurden, um eine Klangpalette zu erzeugen, die raffiniert und modern klingt. Ein zentrales Merkmal von Bachs Genie, so Pichon in dem Heft beiliegenden Interview, sei es, die Passion auf eine persönliche Art und Weise zu erzählen, die die Menschlichkeit der Figuren hervorhebt und so das Publikum unmittelbar in das Geschehen einbezieht.

Pichons Tempi, Ausdrucksweise und Gefühl für Dynamik passen logisch zum Thema und emotionalen Inhalt, so dass die Musik und die Erzählung die Zuhörer in die Tragödie einbeziehen und die Spannung in dieser bekannten Geschichte aufrechterhalten, obwohl der Ausgang von Anfang an bekannt ist. Der Höhepunkt dieser Aufnahme ist die Sopranarie „Blute nur, du liebes Herz“, gesungen von Hana Blažíková mit emotional Intensität, Trauer und Herzeleid. Als Muttersprachler artikuliert Julian Prégardien den Evangelisten mit Klarheit und ausreichenden emotional Engagement. Sabine Devieilhe und Lucile Richardot nutzen ihre attraktive Stimmen, um ihre jeweiligen Arien technisch einwandfrei darzubieten und gleichzeitig Gefühle der Sympathie zu vermitteln.

Tim Mead hat eine gewöhnungsbedürftige Altstimme, die für mich eine meiner Lieblingsarien „Können Tränen meiner Wangen“ ruiniert. Diese Arie kann den emotionalen Tiefpunkt dieses Oratoriums vermitteln, wenn sie von den richtigen Sängern mit Leidenschaft gesungen wird. Einige Beispiele hierfür sind Christa Ludwig unter der Leitung von Otto Klemperer, Julia Hamari unter der Leitung von Karl Richter und Elisabeth von Magnus in der o.g. Harnoncourt Aufnahme.

Die Mitwerkenden haben eine gute Leistung erbracht, und teilweise anderen historisch informierten Tonaufnahmen entweder sehr nahe gekommen (wie z.B. die zwei Einspielungen, die John Eliot Gardiner vorgelegt hat) oder sie gar übertroffen (wie z.B. die zehn Jahre alte Aufnahme von René Jacobs). Pichon wäre sehr empfehlenswert, wenn es nicht so viele Alternativen gäbe; die Konkurrenz ist einfach zu groß. Wenn ich diese Aufführung auf der Bühne erlebt hätte, dann wäre ich zufrieden, aber eine Aufnahme ist für wiederholtes Hören gemeint. Um bei einem solchen unglaublichen Wettbewerb ganz vorne zu stehen, müssen alle Solisten absolut erstklassig sein.

Das 112-seitige Beiheft enthält das vollständige Libretto mit englischen und französischen Übersetzungen, einen Gespräch über die große Passion sowie Schwarzweiß-Fotos der Musiker. Die Titelliste bietet nur den Stimmtypus für jede Arie. Im Gegensatz beinhaltete das Textheft bei der o.g. Harnoncourt Aufnahme eine Titelliste, die nennt welche der Solisten (z.B. Sopran 1 oder Sopran 2) singt, sowie einen wissenschaftlichen Aufsatz von  Wolfgang Sandberger. Wer das Oratorium nicht auswendig kennt und sich auf die Informationen stützt, die mit der Pichon Aufnahme geliefert werden, muss eine Kopie der Partitur besitzen, um zu wissen wer welche Arie singt.

Wie viele Aufnahme von dem gleichen Werk, egal wie großartig es ist, sind notwendig? Diese rhetorische Frage stellt sich weil Plattenfirmen weiterhin eine kleine Auswahl von Repertoire immer wieder produzieren mit einer daraus resultierender Flut redundanter Aufnahmen, die nur selten etwas über das Werk enthüllen, das nicht bereits bekannt war. Selbstverständlich wenn neu entdeckte Primärquelle von bisher ungehörter Musik verfügbar wären, wäre eine Aufnahme (wie z.B. die 2008 veröffentlichte Ausgabe der 1742 Fassung gespielt von die Dunedin Consort unter der Leitung von John Butt) begehrenswert. Denselben Inhalt immer wieder aufzunehmen ohne neue Erkenntnise ist nicht nur überflüssig sondern auch langweilig und verschwenderisch.

Ich frage mich, warum Pichon selten gespieltes Repertoire, wie z.B. einen großen Teil von Telemanns Vermächtnis oder Werke von Christoph Graupner (1683-1760) und Jan Dismas Zelenka (1679-1745) nicht aufgenommen hat; er hätte uns damit ermöglicht, Musik, die wertvoll aber schwierig zu finden ist, zu entdecken. Pichon und sein Ensemble verfügen über ein großes Potenzial, die Vielfalt des Repertoires zu erweitern. Wir können nur hoffen, dass sie diese Gelegenheit bei ihrer nächsten Aufnahme wahrnehmen werden (Johann Sebastian Bach: Matthäus-Passion mit Julian Prégardien, Stéphane Degout, Sabine Devieilhe, Lucile Richardot, Christian Immler, Pygmalion, Raphaël Pichon; harmonia mundi musique 3 CDs HMM 902691.93). Daniel Floyd

Vertane Chance

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Mit einer Hector-Berlioz-Edition wartet SWR Music auf (SWR19531CD). Roger Norrington dirigiert Orchester- und Vokalwerke – und zwar die Symphonie fantastique, die Femerichter-Ouvertüre, die Trilogie sacrée L’enfance du Christ, Benvenuto Cellini und das Requiem, die Grand messe des morts. Neu sind die Aufnahmen, die allesamt bei öffentlichen Aufführungen in den Jahren 2002 und 2003 mitgeschnitten wurden, nicht. Neu ist die Zusammenführung in einer Box. Sie erschienen bereits einzeln bei Hänssler classic in Kooperation mit SWR Music. Diese Zusammenarbeit wurde offensichtlich nicht fortgesetzt. Mit seinen zwölf Seiten fiel das Booklet diesmal äußerst sparsam aus. Tracklisten, Besetzungen, ein paar dürre Worte über den Dirigenten und das Orchester, ein Foto in schwarz-weiß. Sonst nichts. Für Berlioz ist das zu wenig. So bekannt ist er breiteren Kreisen nun auch nicht. Wer sonst als sie, sollten mit so einer abgespeckten Zusammenstellung angesprochen werden?

Dazu hätte es weiterführender Informationen bedurft. Berlioz-Kenner habe eh schon vieles beisammen. Sie können ein Lied davon singen, dass man nach einschlägiger Literatur auf dem deutschen Büchermarkt und im Internet lange suchen muss. Nicht nur einmal habe ich zu CD-Ausgaben zusätzlich die originalen Plattenkassetten erworben, nur um an aussagekräftige Booklets mit wissenschaftlichen Texten zur den jeweiligen Produktionen und mehrsprachigen Librettos zu gelangen. Jahrzehntelange Ignoranz gegenüber Berlioz im Nachkriegsdeutschland wirkt nach. Dabei gab es durchaus hoffnungsvolle Ansätze, die leider nicht konequent weiterverfolgt wurden. Schauplatz war übrigens Stuttgart, wo der inzwischen 88-jährige Norrington von 1998 bis 2011 als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters und des SWR wirkte. Heute ist er Ehrendirigent.

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Der Dirigent Hans Müller-Kray (1908-1969) leitete beim Süddeutschen Rundfunk eine Berlioz-Renaissance ein. Foto: OB/ Mon Intention

Einer seiner Vorgänger ist Hans Müller-Kray (1908-1969) gewesen. Sammler kennen ihn von unzähligen Aufnahmen aller Genres. In seiner Zeit war der Süddeutsche Rundfunk noch eigenständig. Erst 1998 wurde er mit dem Südwestfunk zum Südwestrundfunk (SWR) zusammengeschlossen. Hauptstandorte sind nun Baden-Baden, Mainz und Stuttgart, wo die Verwaltung ihrer Sitz hat. Der Dirigent wurde als Hans Müller geboren. Den Namenszusatz Kray wählte er nach seinem Geburtsort, der inzwischen ein Stadtteil von Essen ist und ließ ihn sich sogar amtlich bestätigen. Er wuchs in einer kinderreichen Bergarbeiterfamilie auf. Nach seiner musikalischen Ausbildung trat er 1934 seine erste Stelle als Kapellmeister in Münster an und stieg 1942 zum Chefkapellmeister am Reichssender Frankfurt am Main auf. Nach Kriegsende arbeitete er bis 1948 als Erster Kapellmeister am Staatstheater Wiesbaden und wurde dann von der amerikanischen Militärregierung zum Leiter der Hauptabteilung Musik und in Personalunion zum Chefdirigenten des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart beim Süddeutschen Rundfunk ernannt, ist bei Wikipedia zu erfahren. In dieser Doppelfunktion war er bis zu seinem Tode tätig. Müller-Kray starb an seinem Arbeitsplatz im Stuttgarter Funkhaus an plötzlichem Herzversagen. Kurz zuvor hatte er noch Romeo und Julia von Berlioz eingespielt. Womit wir beim Thema wären. Müller-Kray hatte eine tiefe Neigung zum Werk von Hector Berlioz. Er erkannte dessen revolutionäre Bedeutung als andere hierzulande vielleicht nicht einmal seinen Namen richtig schreiben konnten. Qua Amt war es ihm möglich, die Rundfunkhörer mit Berlioz bekannt zu machen. Er spielte zahlreiche Werke für den Sender ein, die nun im Archiv des SWR lagern. Gelegentlich gelangte zumindest ausschnittweise ein altes Band ins aktuelle Programm. Sonst wüsste man nichts von diesen Pioniertaten. In gut vernetzten Sammlercommunitys glühten dann die Telefonleitungen. Du musst unbedingt das Radio einschalten und die Mitschnitttechnik anwerfen!

Das Nachkriegsdeutschlan
d tat sich schwer mit dem französischen Komponisten Hector Berlioz. Foto: Wikipedia

Zunächst machten die Trojaner die Runde. Müller-Kray ließ eine stark gekürzte Funkfassung in deutscher Sprache herstellen und nahm sie im Dezember 1961 auf. Otto Erich Schilling, in Stuttgart als Komponist, Musikkritiker und Publizist tätig (es gibt über ihn einen Wikipedia-Eintrag in Schwäbisch), steuerte Zwischentexte für einen Erzähler bei, der durch die komplexe Handlung führt, die mit der Reduktion des gewaltigen zweiteiligen Werkes nicht übersichtlicher wird. Aus vier Stunden Spieldauer wurden knapp zwei. Das Publikum an den Radioapparaten sollten aber unbedingt verstehen, was geschieht. Die deutsche Übersetzung stammt offenbar aus unterschiedlichen Quellen. Nach Angaben des Musikwissenschaftlers Reinhard Ermen in einer SWR2-Sendung anlässlich des 200. Geburtstages von Berlioz im Jahre 2003 wurde für den ersten Teil – Die Einnahme von Troja – die Übersetzung der Schriftstellerin Emma Klingenfeld (1848-1935) herangezogen. Sie hatte auch die Oper Beatrice et Benedict übersetzt und war in der Frauenbewegung aktiv. Für den zweiten Teil – Die Trojaner in Karthago – wurde die Übertragung des umtriebigen und sehr gut vernetzten Komponisten, Pianisten und Musikschriftstellers Otto Neitzel (1852-1920) benutzt. Die kritische Gesamtaufgabe der Werke von Berlioz in Noten, mit der 1965 beginnen wurde, stand Müller-Kray noch nicht zur Verfügung. Es sei „noch nicht um die Finessen der Philologie aus letzter Hand“ gegangen, die heute als selbstverständlich vorausgesetzt werden, so Ermen. Man habe einen interessanten Komponisten fürs Repertoire zurückgewinnen wollen. In der DDR blieb Berlioz bis zu deren Untergang 1989 ein weitgehend Unbekannter. Der Schallplattenmarkt gab nicht vielmehr her als die Symphonie fantastique. Eine gewisse Pflege betrieb auch im anderen Teil Deutschlands der Rundfunk. Es wurden aber fast ausschließlich Orchesterstücke und kleinere Chorwerke produziert. Die Opern blieben außen vor.

Bis zu der Frankfurter Produktion 1983 die einzige Aufführung in Deutschland: „Die Trojaner“ 1930 an der Berliner Staatsoper mit – unser Foto Archiv Einhard Luther – Frida Leider/Dido und Helge Rosvaenge/Aeneas unter Leo Blech

Nach den Erfahrungen mit der bahnbrechenden Produktion des Werkes von Colin Davis 1970 bei Philips und den frühen Einspielungen von Thomas Beecham (BBC 1947) und Hermann Scherchen (Westminster 1951) in der Originalsprache, die erst später auf den deutschen Markt gelangten, ist die Stuttgarter Besetzung gewöhnungsbedürftig. Man hatte keine andere. Wer sich auf die Einspielung, die in Reduktion auf die musikalischen Nummern beim Hamburger Archiv für Gesangskunst herausgegeben wurde, einlässt, wird den Enthusiasmus der Mitwirkenden für die ungewohnte Herausforderung erkennen. Den stärksten Eindruck hinterlässt für mich die Altistin Hilde Rössl-Majdan als Kassandra. Sie sieht das Ende Trojas heraufziehen und gibt ihrer finsteren Unruhe stimmlich den gebotenen Ausdruck. Für die Dido bringt die vornehmlich als Konzertsängerin beschäftigte Hanni Mack-Cosack eine auffällig helle Stimme mit. Um einen vertieften Eindruck von dieser Künstlerin zu gewinnen, kann zum Vergleich ihre Euridice in Monteverdis L’Orfeo von 1955 bei der Archivproduktion der Deutschen Grammophon unter August Wenzinger herangezogen werden. Sie singt sehr wortverständlich. In die Trunkenheit des großen Liebesduetts am Ende des vierten Aktes unter dem Sternenhimmel Karthagos mischt sich ein Hauch von Schmerz und Wehmut. Der tragisch endende Abschied von Aeneas liegt in der schwülen Luft. Josef Traxel, einer der beliebtesten und vielseitigsten Sänger im Nachkriegsdeutschland, bleibt als trojanischer Held manches schuldig. Den heldischen Tönen, zu denen er durchaus fähig ist, fehlt der natürliche Ursprung. Sie wirken aufgesetzt. Und in den lyrischen Passagen bleibt er mir zu sehr in der gefälligen Ästhetik deutschen Spielopern stecken.

Und Müller-Kray? Der agiert mitunter etwas unentschlossen. Als sei er noch auf der Suche nach der für ihn richtigen Ausdrucksform. Ich vermisse dann doch die Magie von Beecham, Davis oder Nelson. Das soll aber kein schnöder Undank sein. Die Bedeutung, dass unter seien erfahrenen Händen etwas zustande kam, was es bis dahin nicht gab, nämlich eine neue Berlioz-Tradition, ist allenthalben zu spüren. Neuland wurde bei dem Sender auch mit dem Liederzyklus Sommernächte (Les nuits d’été) beschritten. Die Verse von Théophile Gautier hatte Peter Cornelius ins Deutsche übertragen. Selbst Komponist und dazu noch Dichter, war er am ehesten in der Lage, die Übersetzung der musikalischen Struktur des Originals anzupassen. Cornelius und Berlioz kannten sich persönlich. Der Franzose hätte garantiert Einspruch erhoben, wären er mit der Arbeit des Kollegen nicht einverstanden gewesen. Es dürfte sich um die einzige Einspielung in deutscher Sprache handeln. Eine andere habe ich nicht gefunden. Sie entstand bereits 1955. Solist ist Helmut Krebs. Es würden einige Jahrzehnte vergehen, bis sich wieder Männer an den Zyklus, der als Frauendomäne unantastbar schien, wagten. Krebs hat, was man einen Charaktertenor nennt. Er erinnert mich stark an Patzak, von dem eine Aussage überlieft ist, die sich auch auf Krebs mit seiner feinsinnigen Diktion beziehen lässt: „Stimm‘ brauchst kane, singen musst können.“ Schade, dass die historisch wertvolle Einspielung schwer zugänglich ist. Sie gelangte nur selten auf Sendung und gehört endlich auf CD veröffentlicht.

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Roger Norrington war 1998 bis 2011 Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters des
SWR und führte viele Werke von Berlioz auf. Das Foto von Markus Palmer/SWR entnahmen wir als Ausschnitt der neuen Edition.

Mein liebster Berlioz unter Müller-Kray ist Des Heilands Kindheit (L’Enfance du Christ), am 3. Januar 1961 in Stuttgart aufgenommen. Wieder wurde die deutsche Übersetzung von Cornelius verwendet, die Breitkopf als Klavierauszug noch immer im Programm hat. Mit dabei ist abermals Hanni Mack-Cosack. Sie singt die Maria, der schweizerische Bassbariton und Kunstmaler Arthur Loosli den Joseph, Otto von Rohr den Herodes. Die große Aufgabe des Erzählers wurde Georg Jelden übertragen, der sie noch als Tenor interpretiert. Der Dirigent kann nicht mit der musikalischen Delikatesse französischer Produktion in der Originalfassung aufwarten. Dafür erzeugt er eine am deutschen Text orientierte ergreifende Stimmung, die das in seiner Form einzigartige Stück auch jenen nahebringt, die des Französischen nicht mächtig sind. Es gelingt dem Dirigenten, die in ihrer Form teils sehr unterschiedlichen musikalischen Einzelteile in einem gleichmäßigen Fluss zu halten und zu einem Großen und Ganzen zu formen. Dabei kam ihm zustatten, dass er für die Aufnahme nur einen Tag zur Verfügung hatte. In privaten Beständen von Sammlern, die selbst in die Jahre gekommen sind, finden sich noch eigene Tonbandmitschnitte vom Radio. Ich hatte Glück und konnte die Aufnahme für den ausschließlich persönlichen Gebrauch gegen Gebühr noch direkt bei SWR-Media erwerben. Das soll nicht mehr möglich sein. Umso dringender wäre es, dieses historische Dokument mit seinen wertvollen Alleinstellungsmerkmalen offiziell herauszugeben und bei dieser Gelegenheit akustisch etwas aufzufrischen. Die Techniker von SWR Music verfügen über große Erfahrungen beim Remastering. Die frühen Monoaufnahmen von Fritz Wunderlich – um nur dieses Beispiel zu nennen – klingen jetzt wie neu. Insofern wurde mit der Norrington-Box eine Chance vertan. Es hätte sich angeboten, noch mehr mit den eigenen Pfunden zu wuchern – der neuen die alte Aufnahme gegenüberzustellen.

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Für die Berlioz-Rezeption, die in jüngster Zeit wieder Fahrt aufgenommen hat, hätte sich auf diese Weise mit vorhandenem Material ein exklusiver Ansatz finden lassen, den es so noch nicht gab auf dem Musikmarkt. Norrington hat mit Christiane Oelze (Maria), Christopher Maltman (Joseph), Ralf Lukas (Herodes) und Marc Padmore (Erzähler) eine bemerkenswert spannende Interpretation zustande gebracht. Als Meister im Gebrauch des Ritardando, bringt er eine Dynamik in das Geschehen, dem man sich nicht entziehen kann. Norrington spricht sein Publikum ganz direkt an. Die Trilogie sacrée, die 1854 uraufgeführt wurde, wird unter seinen Händen zum packenden Gegenwartsdrama über Flucht, Vertreibung und Suche nach sicherer Herberge. Doch wie gesagt, es muss auch inhaltlich nachvollziehbar sein.

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Rosa von Milde sang bei der Aufflührung von „Benvenuto Cellini“ 1852 in Weimar die Teresa. Zwei jahre zuvor war sie die Elsa bei der Uraufführung des „Lohengrin“.
Foto: Wikipedia

Ein Deutsch gesungener Benvenuto Cellini findet sich nicht im SWR-Archiv. Hätte Müller-Kray länger gelebt, er wäre vielleicht noch zustande gekommen. Aber es gibt ihn vom Österreichischen Rundfunk mit dem Heldentenor Fritz Uhl in der Titelrolle, erschienen bei Walhall auf CD und noch immer zu haben. Kompliziert wie bei den Trojanern ist auch die Werkgeschichte dieses Werkes über den Florentiner Goldschmied und Bildhauer, das bei der Uraufführung 1838 an der Pariser Oper enttäuschte. Berlioz zog es daraufhin zurück. Franz Liszt glaubte an einen Erfolg. Er brachte den Cellini 1852 in Weimar in einer neuen, gestrafften Fassung in deutscher Sprache auf die Bühne. Die Oper wurde von ursprünglichen vier Bildern auf drei Akte gekürzt und so auch 1853 in London unter der Leitung von Berlioz aufgeführt. 1856 arbeitete Berlioz die Rezitative zu gesprochenen Dialogen um, die laut Wikipedia erst am 2004 im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen in einer deutsche Fassung von Peter Theiler zur ersten Aufführung gelangte. Benvenuto Cellini war lange in Vergessenheit geraten und kam erst 1966 im Royal Opera House Covent Garden wieder auf die Bühne. Die Folge war die bis heute unerreichte Platteneinspielung bei Philips mit Nicolai Gedda in der Titelrolle, die von Colin Davis für Philips geleitet wurde.

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Franz Liszt brachte 1852 in Weimar „Benvenuto Cellini“ in deutscher Übersetzung auf die Bühne. Darauf beruht die Weimarer Fassung der Oper. Foto: Wikipedia

Roger Norrington bedient sich der dreiaktigen Weimarer Fassung in französischer Sprache und folgte offenbar der Variante, die 1853 in London gegeben wurde. Insofern ist der Hinweis auf Weimar nur bedingt korrekt, denn dort war eine deutsche Übersetzung verwendet worden. Das in der Weimarer Hofdruckerei 1852 veröffentlichtes Libretto, das auch die Besetzung am Großherzoglichen Hoftheater der Stadt auflistet und in der Bayrischen Staatsbibliothek online abgerufen werden kann, nennt als Übersetzer August Ferdinand Riccius (1819-1886), der als Kapellmeister am Leipziger Stadttheater angestellt und mit Liszt bekannt war. Die Übersetzerdienste von Peter Cornelius wurden erst für den Druck des Klavierauszuges herangezogen. Es ist viel eigene Recherche nötig, will man die Hintergründe dieser speziellen Weimarer Fassung ergründen. Norrington war mit seinem SWR-Orchester für eine konzertante Aufführung am 19. September 2003 im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt angereist. Der MDR stellte dafür seinen Rundfunkchor zur Verfügung. Bekanntlich kommt die Akustik des Saals bei großen Besetzungen an Grenzen. So auch hier.

Cellini ist auch in gekürzter Form ein handfestes Theaterstück mit viel Action, Chören hinter und auf der Szene. Mitreißende Theatralik kann eine konzertante Darbietung nur bedingt liefern. Das Stück zerfällt zu sehr in einzelne Nummern. Norrington kann dieses Manko nicht immer ausgleichen. Seine Stärken als Berlioz-Interpret zeigen sich diesmal in Details und nicht so sehr im Ganzen. Die temperamentvolle Amerikanerin Laura Claycomb gefällt als Teresa, klingt in den Höhen aber leicht belegt. Ihr Landsmann Bruce Ford singt den Cellini mit einigem  Schmelz wie eine italienische Partie. Am besten schneidet für mich die Finnin Monica Groop in der Hosenrolle als Ascanio ab. Franzosen sind nicht beteiligt. Dafür etliche deutsche Sänger wie Franz Hawlata als Balducci, weshalb es vielleicht doch einen Versuch wert gewesen wäre, die originale Weimarer Fassung (in Deutsch!) zu geben (Foto oben: der Dirigent Hans Müller-Kray/ Mon Intention). Rüdiger Winter

 

Finnlands Wunderkind

Klaus Mäkelä, der finnische Nachwuchsstar unter den Dirigenten, lädt geradezu ein zu Superlativen. Mit erst sechsundzwanzig Jahren steht er bereits zweien der weltweit renommiertesten Klangkörper, nämlich dem Osloer Philharmonischen Orchester und dem Orchestre de Paris, als künstlerischer Leiter vor. Eine hohe Erwartungshaltung kann Fluch und Segen zugleich sein. Der 2021 abgeschlossene exklusive Kontrakt mit dem legendären Label Decca hat dies gewiss nicht unwesentlich befeuert, bedenkt man, dass Mäkelä nach Georg Solti 1947 und Riccardo Chailly 1978 tatsächlich erst der dritte Dirigent ist, dem diese Ehre zuteil wird. Ob ein Exklusivvertrag heutzutage nicht schon ein wenig aus der Zeit gefallen ist, darüber ließe sich trefflich debattieren. Es kommt darauf an, was die Plattengesellschaft und der Künstler daraus machen. Es ist nicht so, dass Mäkelä keine Vorläufer gehabt hätte, auf die sich viele Hoffnung konzentrierten. Man nehme beispielsweise seinen Landsmann Mikko Franck, der um die Jahrtausendwende herum mit von der Fachwelt gleichsam einhellig gepriesenen Einspielungen für Furore sorgte und als der kommende ganz große Star aus dem hohen Norden galt. Ein Quasi-Exklusivkontrakt mit dem in Helsinki ansässigen Label Ondine lief nach ein paar Jahren indes sang- und klanglos aus. Mittlerweile amtiert Franck, längst aus dem Rampenlicht in die vielleicht selbst gewählte sogenannte zweite Reihe verschwunden, als Leiter des Orchestre Philharmonique de Radio France – Ironie des Schicksals – neben Mäkelä, aber ohne all den Starrummel, ebenfalls in Paris.

Äußerlichkeiten sollten neben der künstlerischen Leistung keine Rolle spielen, doch ist es ein offenes Geheimnis, dass sie es zumindest unbewusst häufig doch tun. Das adrette Auftreten Mäkeläs, häufig in feinen Zwirn gewandet und hinsichtlich seiner sartorialen Präferenzen erstaunlich konservativ (wann sah man zuletzt einen Dirigenten Mitte zwanzig im – noch dazu gut sitzenden – Zweireiher?), ist gewiss sein Nachteil nicht. Anders als zu Beginn seiner Karriere sah man ihn zuletzt meist ohne Brille, als wollte er die Sehhilfe negieren. Ob dies auch von Decca angeregt wurde, sei dahingestellt. Zumindest ist die photographische Inszenierung Mäkeläs ungemein professionell und erinnert in gewisse Weise gar an jene Herbert von Karajans durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Jugendlich, hellhäutig, blond und blauäugig – diese Attribute werden in der Präsentation der Decca stark betont, die nun die erste heiß erwartete Veröffentlichung mit ihrem neuen Exklusivkünstler und Hoffnungsträger vorlegt. Dass die Wahl auf den finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius fiel, ist derart folgerichtig, dass man den nun vorgelegten Zyklus der sieben Sinfonien als zwangsläufig bezeichnen kann (Decca 28948522569). Einerseits geht Decca damit auf Nummer sicher, passt die nordische Dreifachkombination ja hinsichtlich ihrer Idiomatik wie angegossen. Andererseits aber entfällt auch jedwede Schonfrist, liefert Mäkelä sozusagen vom ersten Moment an der übermächtigen Konkurrenz aus. Es ist womöglich sogar beispiellos, dass die erste diskographische Hinterlassenschaft eines jungen Dirigenten bereits dergestalt ambitioniert daherkommt. Blickt man abermals zurück, so war Soltis erste Decca-Einspielung als Dirigent die Tanz-Suite von Béla Bartók, bei Chailly handelte es sich um eine Platte mit sieben Rossini-Ouvertüren. Kleine Brötchen im Vergleich.

Es sei praktisch unmöglich, dass ein finnischer Musiker ohne den Einfluss von Sibelius aufwachse, so Klaus Mäkelä im kurzen Einleitungstext von Andrew Mellor. Zurecht wird darin auf die starke Sibelius-Tradition in Oslo (bis 1924 noch Christiania genannt) verwiesen. Mäkelä ist bereits der vierte aus Finnland stammende Osloer Chefdirigent, nach dem legendären Georg Schnéevoigt (1919-1921), Okko Kamu (1975-1979) und zuletzt Jukka-Pekka Saraste (2006-2013). Seit den fernen Tagen der unvergessenen Kirsten Flagstad haben die Osloer Philharmoniker jedenfalls nicht mehr mit der Decca zusammengearbeitet. Auch dies sei nun quasi Mäkeläs Verdienst. Dieser gibt sich ganz bescheiden und überaus kollegial, indem er auf die wichtigen Erfahrungen und lehrreichen Anstöße verweist, die er – noch als Cellist – unter den großen Repräsentanten der finnischen Sibelius-Tradition aufgesogen habe. Ganz ohne Frage ist die Messlatte allein unter den finnischen Dirigenten gewaltig hoch, legten neben den bereits genannten Kamu und Saraste doch auch Paavo Berglund, Osmo Vänskä und Leif Segerstam (jeweils sogar mehrfach) Zyklen der Sibelius-Sinfonien vor, die bis zum heutigen Tage als unverzichtbare Bausteine innerhalb der Diskographie gelten. Derzeit ist beim Label Alpha außerdem ein neuer Zyklus der Göteborger Sinfoniker unter Santtu-Matias Rouvali im Entstehen begriffen. Es müssen hier noch einzelne legendäre Aufnahmen finnischer Dirigenten, die außerhalb von Studiozyklen entstanden sind, extra hervorgehoben werden, denkt man etwa an die Ersteinspielungen unter Robert Kajanus oder einen im September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges also, in New York entstandenen, unglaublich expressiven Live-Mitschnitt der zweiten Sinfonie mit dem NBC Symphony Orchestra unter Schnéevoigt. Kurzum: Es mangelt mitnichten an Vergleichsmöglichkeiten.

Aber in medias res. Sibelius‘ sinfonischer Erstling von 1899 steht in e-Moll und zugleich in der Tschaikowski-Nachfolge. Dies sollte nicht weiter verwundern. Zum einen entstand die Symphonie Pathétique gerade sechs Jahre davor, zum anderen – und das darf nicht außer Acht gelassen werden – waren sowohl Tschaikowski als auch Sibelius seinerzeit Untertanen des Zaren, weswegen man Sibelius in Sankt Petersburg als „russländischen“ Komponisten durchaus für sich reklamieren konnte. Mäkelä schlägt bereits im Kopfsatz eine individuelle, mitunter expressive Lesart an, die indes vollauf überzeugt, wenn man sich darauf einlässt. Die genuine Qualität des Osloer Orchesters in diesem Repertoire überrascht nicht. Die erste Sinfonie gehörte auch schon zu denjenigen (neben Nr. 2, 3 und 5), die Mariss Jansons Anfang der 1990er Jahre für EMI einspielte. Rein von den Spielzeiten (40 Minuten insgesamt) bewegt sich Mäkelä völlig innerhalb der Norm. Zum ersten Höhepunkt gerät (fast schon naturgemäß) der 13-minütige Finalsatz, den der Komponist mit Quasi una fantasia bezeichnete und der auch eigenständig bestehen könnte. Mittels geschickter Agogik erzielt Mäkelä eine ähnliche Intensität wie weiland Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern – und das will wirklich etwas heißen. Auch klanglich weiß der Auftakt zu überzeugen und kann Decca, das in Sachen Tontechnik seit den frühen Tagen der Stereophonie stets einen Führungsanspruch stellte, den geweckten Erwartungen durchaus gerecht werden. So erscheint das 1977 eröffnete Konserthus in Oslo, in dem sämtliche hier versammelten Einspielungen entstanden sind und das akustisch als durchaus problematisch gilt – Jansons warf deswegen im Jahre 2000 gar als Chefdirigent hin –, gleichwohl als adäquates Aufnahmestudio.

Als finnischer Nationalvogel gilt wegen seiner Rolle in der finnischen Mythologie der Singschwan. Er darf nicht gejagt werden. Zählte man in den 1950er Jahren nur mehr 15 Brutpaare, so sind es heute wieder rund 1500. Sibelius setzte dem Vogel mit dem berühmten Schwanenruf am Ende seiner fünften Sinfonie ein musikalisches Denkmal. Foto/Wikipedia

Keine Sibelius-Symphonie ist populärer als die 1902 vollendete Zweite, keine wurde – mit Abstand – häufiger eingespielt. Entsprechend groß ist natürlich die Konkurrenz. Ein Mangel an bedeutenden Interpretationen besteht jedenfalls mitnichten, selbst wenn man allein das Stereo-Zeitalter gelten lässt. Vor allem können bei der Sinfonie Nr. 2 auch Dirigentennamen außerhalb der nordischen Hemisphäre nicht außer Acht gelassen werden, seien es Sir John Barbirolli und George Szell, Herbert von Karajan und Leonard Bernstein – um nur einige wenige zu nennen –, die alle auf ihre Art ungemein imponierende Lesarten hinterließen. Klaus Mäkeläs Deutung bewegt sich mit 46 Minuten tempomäßig auf der langsameren Seite, ohne einen Moment langatmig daherzukommen. Wundersam, dass sie zusammen mit der Ersten auf die erste Disc der Box passt, sage und schreibe 86 Minuten Musik beinhaltend. Ein untrügliches nordisches Idiom kommt in dieser neuesten Decca-Einspielung zum Tragen. Mätzchen sind Mäkeläs Sache nicht; alles ist in sich schlüssig und stringent. Tatsächlich schafft es der Finne nichtsdestotrotz, hie und da eine dezente persönliche Note einfließen zu lassen. Den Kopfsatz bringt er gewichtiger als andere und degradiert ihn nicht zur bloßen Quasi-Introduktion für den mächtigen langsamen zweiten Satz, der wie für ein musikalisches Abbild der rauen und unwirtlichen Landschaft hoch im Norden stehen könnte. Überhaupt ist Mäkeläs Sibelius urwüchsig und in der Natur verhaftet, teils introvertiert, jedenfalls fernab urbanen Trubels. Im Vivacissimo, dem rasanten Scherzo, kommt noch am ehesten der Eindruck der italienischen Reise durch, die der Tondichter während der Komposition absolvierte, um dann freilich abermals attacca und somit nahtlos in den Finalsatz übergehend in die heimischen nördlichen Gefilde einzumünden. Der bekrönende Abschluss will hart erkämpft sein. Mühelos lässt sich hier das Ringen der finnischen Nation um ihre Freiheit hineininterpretieren, gesteigert bis hin zur musikalischen Unabhängigkeitserklärung Finnlands an den Zaren. So verführerisch ein solches vermeintlich inkludiertes Programm auch anmutet, letztlich handelt es sich um absolute Musik. Bloßes Pathos nur um des Effekts willen wird man in dieser Aufnahme jedenfalls vergeblich suchen. Geschickt lässt der Dirigent in der Coda die Pauken ganz allmählich von dräuendem Grummeln in ein bezwingendes Grollen steigern und muss dabei noch nicht einmal die von Serge Kussewizki in Boston besorgten und von Sibelius höchstselbst abgesegneten Retuschen bemühen. Fulminant und doch nicht aufgesetzt klingt das viel gehörte Werk überzeugend aus.

Der klassizistisch angehauchten dritten Sinfonie (1907) konnte manch bedeutender Sibelius-Dirigent wenig abgewinnen. Legendär ihr Fehlen im Repertoire Karajans (er spielte die übrigen sechs ein, teils mehrfach), der sie schlichtweg „nicht verstanden“ haben will. Ihr sonniges Gemüt drückt sich bereits in der C-Dur-Tonart aus. Nach den ersten beiden Kolossen haftet ihr eine für Sibelius untypische Leichtigkeit an. Tatsächlich scheint Klaus Mäkelä keine Schwierigkeiten damit zu haben, kommt seine Interpretation doch schlüssig daher. Bereits im Kopfsatz weiß er mit ungemeiner Detailgenauigkeit das Ohr auch fortgeschrittener Sibelianer zu erfreuen. Die dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten der Osloer begeistern einmal mehr. Gerade der hier wirklich langsam gespielte zweite Satz zählt zu den melodisch eingängigsten des Komponisten. Im Finalsatz wird noch am ehesten das Pathos bedient. Mit triumphalem Gestus und voller Euphorie darf die Dritte ausklingen. Untypisch ist in diesem Zusammenhang die Behandlung der Streicher, die zuweilen sehr prominent in Erscheinung treten.

Wie Tag und Nacht unterscheidet sich die nachfolgende vierte Sinfonie von ihrer Vorgängerin. 1911 vollendet, entstand sie in einer für Sibelius persönlich sehr deprimierenden Phase seines Lebens, in der er mit einem bösartigen Halsgeschwür rang, das zwar operativ erfolgreich entfernt werden konnte, dessen etwaiges Wiederauftreten jedoch jahrelang wie ein Damoklesschwert dräute. Kein Wunder also, wenn es sich bei der gewählten Tonart um a-Moll handelt und die Stimmung, gerade im ersten Satz, düster und trostlos anmutet. Nie waren sich die Tonsprache von Sibelius und Gustav Mahler näher, die sich 1907 in Helsinki auch persönlich getroffen hatten. Es ist freilich eine nicht geringe Kunst, will ein Dirigent sowohl die Dritte als auch die Vierte in deren Janusköpfigkeit ähnlich überzeugend darbieten. Mäkelä darf sich zu denjenigen Orchesterleitern zählen, denen es gelingt. Gewiss nicht zu Unrecht beschreibt der Dirigent die Vierte im Booklet als die „persönlichste“ unter den Sinfonien seines Landsmanns und sieht gewisse Parallelen zum berühmten Gedicht The Raven von Edgar Allan Poe. Bereits die ersten Takte lassen in der Neueinspielung wahrlich aufhorchen. Derart packend vom ersten Moment an hört man dieses Werk nicht alle Tage. Die bassbetonte Decca-Aufnahmetechnik kommt gerade hier sehr entgegen. Zweifellos einer der Höhepunkte des Zyklus und mit dem vielfach bemühten Attribut referenzträchtig gut beschrieben.

Der englische Komponist und Dirigent Anthony Collins nahm betreits zwischen 1952 und 1955 für Decca alle Sibelius-Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra in Mono auf.

Mit seiner Sinfonie Nr. 5 beginnt ein neues Kapitel im Leben von Jean Sibelius. Die Krebserkrankung war glücklich überwunden. Angeregt wurde das Werk von offizieller Seite und sollte seinen eigenen 50. Geburtstag musikalisch untermalen. Tatsächlich erklang sie an eben diesem 8. Dezember 1915 unter Leitung des Komponisten in Helsinki. Mit dieser Erstfassung war Sibelius allerdings bald schon unzufrieden, so dass es – untypisch für ihn – zu einer Umarbeitung kam, die 1916 vollendet wurde. Auch sie stellte nicht der Weisheit letzten Schluss dar, denn erst die Drittfassung von 1919 sollte seinen hohen Ansprüchen an sich selbst genügen. Diese Letztfassung dominiert heutzutage absolut, so dass es nicht wunder nimmt, dass sich auch Mäkelä ihrer bedient. Als sie am 24. November 1919 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, war Finnland tatsächlich ein unabhängiges Land, der Zusammenbruch des Zarenreiches hatte dies ermöglicht. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Tilgung der Schroffheit, welche der Urfassung noch anhaftete, zugunsten einer positiveren Grundstimmung zu verstehen. Der junge Dirigent jedenfalls sieht in der Fünften eine Reaktion von Sibelius auf die europäische Moderne. Seine Lesart nimmt für sich ein. Gewisse Akzentuierungen sind wie Reminiszenzen an frühere Interpreten. Das sehr nachdrückliche Einsetzen der Streicher zu Beginn des Schlusssatzes erinnert an Bernsteins Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern. Die ohrwurmartige „Schwanenhymne“ im Finalsatz hörte man indes schon ausdrucksstärker. Die schwierigen Schlussakkorde geraten etwas zu verhalten.

Mit „reinem Quellwasser“ assoziierte Jean Sibelius persönlich seine sechste Sinfonie von 1923. Sie leitet gewissermaßen den Spätstil des Komponisten ein, steht im dorischen Modus und gemahnt stellenweise beinahe an Palestrina. Klaus Mäkelä sieht in ihr „eine Übung in höchster Ausdrucksreinheit“. Tatsächlich kommt die Sechste deutlich entschlackter daher als ihre Vorgängerinnen. Als „Cinderella der sieben Sinfonien“ (Gerald Abraham) steht sie im Schatten der anderen, wird auch von der im Jahr später fertiggestellten Siebenten überstrahlt, die dem Dirigenten als letzte vollendete Sinfonie des Komponisten als die „vollkommenste“ erscheint. Hier kehrt auch die Monumentalität wieder, die der Sechsten abgeht. Es gibt gleichwohl eine enge Verbindung zwischen beiden Werken, die im Konzert teilweise auch schon ohne Pause, gleichsam als Einheit, ineinander nahtlos übergehend gespielt wurden. Sibelius‘ reifer Altersstil gelangt hier jedenfalls zu seiner Vollendung. Da wie dort genehmigt sich Mäkelä mehr Zeit als die meisten anderen Interpreten, erreicht aber nicht ganz die Emphase eines Leonard Bernstein oder auch Charles Munch (Nr. 7), die ähnliche Ansätze verfolgten.

Mit der Tondichtung Tapiola schrieb Sibelius 1926 sein letztes großes Orchesterwerk überhaupt. Mit dieser, gewiss seiner reifsten sinfonischen Dichtung kehrte der damals 61-Jährige zurück zur finnischen Mythologie des Kalevala, die seine frühen Jahre so nachhaltig geprägt hatte. Die Waldgottheit Tapio ist es, nach der das Werk benannt ist, und „des Nordlands düstre Wälder“ mit ihrer Unendlichkeit sind das Thema. Insofern lässt sich auch Tapiola durchaus als absolute Musik verstehen. Mäkeläs Lesart ist hier überzeugender als in der siebten Sinfonie.

Also Bonus darf die Beigabe dreier später Fragmente (HUL 1325, 1236/9 und 1327/2) begriffen werden, rekonstruiert von Timo Virtanen. Diese wurden bislang erst einmal eingespielt, nämlich durch das BBC Philharmonic unter John Storgards für Chandos. Wiederum wählt Mäkelä im direkten Vergleich getragenere Zeitmaße. Ob die besagten Fragmente zur geplanten, aber bekanntlich niemals zu Ende gebrachten achten Sinfonie gehören, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Als Konklusion lässt sich festhalten, dass Klaus Mäkelä und das Osloer Philharmonische Orchester eine wirklich beachtliche Gesamtaufnahme vorgelegt haben, die zwar kein neues Kapitel in Sachen Sibelius-Interpretation aufschlägt und auch keine der bisherigen Referenzaufnahmen vollauf ersetzen kann, jedoch eine hörenswerte Erweiterung in der zunehmend unüberschaubaren Diskographie bedeutet. Besonders hervorzuheben sind die Interpretationen der ersten, zweiten und vierten Sinfonie. Ob die hie und da auffällige Streicherlastigkeit allein auf dem Konzept des Dirigenten beruht oder ob dies auch Produkt der Klangphilosophie der Decca-Tontechniker ist, lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend beantworten. Die Textbeigabe (Englisch, Französisch, Deutsch) fällt relativ bescheiden aus (Foto oben/ Klaus Mäkelä/ Booklet zur Decca-Ausgab). Daniel Hauser

Imaginärer Diven-Krieg

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Regelmäßig arbeitet das französische Label ALPHA CLASSICS mit den Sopranistinnen Véronique Gens und Sandrine Piau zusammen. Jüngstes Zeugnis ist ein Album mit beiden Sängerinnen, das im Juni des vergangenen Jahres in der Abbaye de Saint-Michel-en-Thiérache aufgenommen wurde (824). Das Programm ist mit Rivales betitelt und offeriert Airs et Duos d’Opéras et d’Opéras-comiques français. Es stellt eine Hommage an zwei legendäre französische Gesangskünstlerinnen dar, die beide Mitte des 18. Jahrhunderts geboren wurden und Triumphe in Paris und am Hofe Ludwig XIV. feierten. Madame Saint.Huberty und Madame Dugazon sind sich auf der Bühne wahrscheinlich nicht begegnet. Erstere besaß eine dramatische, zum Mezzo tendierende Stimme, die sie für Partien von Gluck, Piccinni und Cherubini prädestinierte. Sie liebte das Pathos und die majestätische Gebärde. Ganz gegensätzlich präsentierte sich die andere Diva, war lyrisch leicht und zart, war Schäferin und naive Jugendliche. Unschwer zu erraten, dass auf der CD Véronique Gens das Fach der Saint.Huberty übernimmt, während Sandrine Piau die Dugazon vertritt. Begleitet werden beide von Le Concert de la Loge unter Julien Chauvin, der gemeinsam mit Benoît Dratwicki vom Centre de Musique Baroque de Versailles das Konzept des Albums erstellt hatte. Darin finden sich nicht weniger als acht Weltersteinspielungen, was zum hohen Wert der Veröffentlichung beiträgt.

Sandrine Piau eröffnet das Programm mit dem Air „Où suis-je?“ aus La Belle Arsène von Pierre-Alexandre Monsigny. 1773 feierte die Dugazon in diesem Werk große Erfolge. Mit aufgewühltem Toben wird die Nummer eingeleitet und Piau nimmt diese Stimmung mit erregter Stimmgebung auf. Schon in diesem ersten Titel ist die Wandlung ihrer Stimme hin zum Dramatischen deutlich hörbar. Ihr folgt Véronique Gens mit der Scène „Mais, Thésée est absent“ der Titelheldin in Ariane dans l’île de Naxos von Jean-Frédéric Edelmann, in der die Saint-Huberty 1782 triumphierte. Das ist der  leidenschaftliche Ausbruch einer verlassenen Frau, von der Solistin beeindruckend gestaltet und vom Orchester aufregend untermalt. Danach gibt es das erste Duett mit beiden Sopranen zu hören – „Me infelice! Che intendo?“ aus Johann Christian Bachs La clemenza di Scipione. Es beweist, wie harmonisch sich die beiden Soprane, die ohnehin eine gewisse Ähnlichkeit im Klang aufweisen, mischen.

Im Folgenden wechseln die Sängerinnen mit ihren Airs einander ab. Piau singt mit leuchtender Höhe und bohrender Intensität das Air des Sesto, „Se mai senti“, aus Glucks La clemenza di Tito, das im Melos der Iphigénie ähnelt und in der die Dugazon reüssierte, wie auch als Pauline in Fanny Morna von Louis-Luc Loiseau de Persuis. Piau ist mit deren Air „Ô divinité tutélaire“ zu hören. Nach einem ausgedehnten dramatischen Vorspiel beginnt dieses mit gesprochenem Text ganz in der Tradition der opéra comique, bis sich das Air kantabel aufschwingt. Einen ihrer ersten Erfolge feierte Dugazon in der weiblichen Titelrolle von André-Ernest-Modeste Grétrys Oper Aucassin et Nicolette, aus der Piau das Air „Cher objet de ma pensée“ hören lässt und dabei mit ihrem Ausdruck zu berühren vermag.

Gens präsentiert das bekannteste Stück der Anthologie – Alcestes „Divinités du Styx“ aus Glucks Oper, in der Saint-Huberty brillierte. Die Interpretation der vielen illustren Vorgängerinnen kann Gens mit der ihren natürlich nicht vergessen machen, doch wartet sie gleichermaßen mit Schlichtheit wie grandeur auf und bietet einen soliden Vortrag. Saint-Huberty übernahm auch die Rolle der Rosette in der Uraufführung von Grétrys L’Embarras des richesses 1782. In  deren Air „Dés notre enfance“ kann Gens mit ihrer reizvollen Mittellage betören. Aufsehen erregend war der Triumph der Saint-Huberty als Armide in Antonio Sacchinis Renaud 1782, weil sie die Partie einer Rivalin wegnahm, die  sich daraufhin von der Bühne zurückzog. Mit dem Air „Barbare Amour“ gelingt Gens das  leidenschaftliche Porträt einer liebenden Frau.

Schließlich sind beide Sängerinnen noch in zwei weiteren Duetten zu hören. Aus Luigi Cherubinis Démophon (1788 mit Saint-Huberty als Dircé) gibt es die Scène Dircé/Ircile „Un moment. À làutel“, eigentlich kein Duo, sondern eine Konversation zwischen den beiden Figuren, wobei Dircé der Hauptanteil zufällt. Mit dem dramatisch erregten Duo Camille/Adolphe „Ciel protecteur des malheureux“ aus Nicolas Dalayracs Camille ou le souterrain (1791 mit der Dugazon als Camille) endet diese originelle und preisverdächtige Anthologie (12.04.22). Bernd Hoppe

Hallo Hallo …

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„Hallo, hallo!“, fröhlich wie ein trommelnder Clown auf dem Rummelplatz kündigt der Lautsprecher, „den man nicht sieht, nur hört“, die Oper an, „Sie hören jetzt der Kaiser von Atlantis, eine Art Oper in vier Bildern. Es treten auf: Kaiser Overall von Atlantis in eigener Person, den man schon seit vielen Jahren nicht gesehen hat denn er ist ins einem Riesenpalast eingeschlossen, ganz allein, um besser regieren zu können…“. Mit praller Komödiantik springt Lars Woldt ins Geschehen und lässt die Worte wie Luftballons ins Prinzregentheater schweben, wo das Münchner Rundfunkorchester im Oktober 2021 die Kammeroper vom „Tod, der beschließt, von nun an niemand mehr sterben zu lassen“ aufführte (900339). Ein kleines, kurzes, überschaubar zu besetzendes Werk, mit dem viele Bühnen bei eingeschränkten Möglichkeiten den Anspruch an bedeutendes Musiktheater aufrechterhielten. Die 1943 im KZ Theresienstadt entstandene Kammeroper Der Kaiser von Atlantis des böhmischen Komponisten Viktor Ullmann ist ein bewegendes Zeugnis des künstlerischen, geistigen Widerstands gegen den Terror. Eine Aufführung im Lager wurde vorbereitet, fand aber nicht mehr statt. Im Oktober 1944 wurden Ullmann und sein Librettist, der Grafiker und Zeichner Peter Klein, nach Auschwitz deportiert und gleich nach ihrer Ankunft ermordet. Erst 1975 folgte die Uraufführung des Kaisers von Atlantis, der sich 1995 bzw. 1996 die Uraufführungen von Ullmanns vorausgegangenen Opern Der Sturz des Antichrist und Der zerbrochene Krug in Bielefeld bzw. bei den Dresdner Festspielen anschlossen. In München „inszenierte“ Patrick Hahn nun die Parabel mit einem perfekt ausgewählten Ensemble so zirkusleicht wendig, hintergründig, mit galliger Süße und lapidarer Düsternis, dass kein Wort und keine Nuance der wirkungsvoll aus Moritat und Songstil der 1920er Jahre, Lutherchoral, Chanson und Arie montierten Musik und des musikalisch-literarischen Beziehungsgeflechts verlorengeht. Manchmal ein wenig glatt, doch plastisch und bildkräftig. Suggestiv und gleichsam gespenstisch, wie Johannes Chum mit zartem Tenor das Mondlied des Harlekins als expressionistische Klanggeste ausleuchtet und mit Tareq Nazmis elegantem Tod auf dem Bänkchen über Mond, Wein und Tod räsoniert. Die Attitüde des Overall, die Adrian Eröd aufplustert, die freche, spritzige Süße von Juliana Zaras Bubikopf und die resolute, pathetisch ausschwingende Mezzokraft von Christel Loetzschs Trommler lassen die Aufnahme zu einem Erlebnis werden, das sich auch auf der CD überzeugender nachvollziehen lässt als zuletzt auf der Aufnahme unter Facundo Agudin mit dem Orchestre Musique des Lumières (BR Klassik 32018). Rolf Fath

 

Ein neuer Stern am Sopran-Himmel

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Unwillkürlich muss man an die junge Renée Fleming denken, wenn man die neue Platte mit Rachel Willis-Sørensen bei SONY (19439968352) auflegt. Nicht nur in der damenhaft-eleganten Erscheinung und als Typ ähnelt sie ihrer amerikanischen Landsfrau, sondern vor allem in der üppig fließenden Stimme von cremigem, leuchtendem Klang. Und nicht zuletzt finden sich viele Parallelen im Repertoire der beiden Sängerinnen. Davon zeugt auch das neue Recital, das im Juli des vergangenen Jahres im Teatro Carlo Felice in Genua produziert wurde. Das Orchester des Opernhauses begleitet die Sopranistin unter Frédéric Chaslin. Dennoch findet sich nur eine Arie in französischer Sprache in der Auswahl – die Romance der Hélène, „Ami, le coeur d’Hélène“, aus Verdis Les Vêpres sicilennes, also der französischen Urfassung des Werkes. Rachel Willis-Sørensen sang die Partie erstmals 2018 an der Bayerischen Staatsoper in München. Die von Wehmut umflorte Stimme ist betörend, die Kadenz am Ende der Arie mit ihren schwierigen Skalen perfekt gemeistert.

Mit einer ungleich populäreren Verdi-Arie – Violettas Schluss-Szene aus dem 1. Akt von La traviata – beginnt das Album. In dieser groß angelegten, dreiteiligen Scena ed Aria hat die Interpretin Gelegenheit, all ihre stimmlichen Möglichkeiten und gestalterischen Fähigkeiten einzubringen. Sie sang die Rolle zum ersten Mal 2020 in Bordeaux und diese szenische Erfahrung ist auch akustisch jederzeit spürbar. Schon das Rezitativ wird geprägt von der „Fülle des Wohllauts“, schwelgerisch und mit wehmütigem Beiklang entfaltet sich die Arie, in der sogar Variationen und eingelegte Spitzentöne zu hören sind. Im virtuosen Schlussteil mit leuchtenden exponierten Noten und brillantem Koloraturfluss  ist der Tenor Giovanni Sala ein emphatischer Alfredo.

Wie die Violetta war auch die Desdemona in Otello ein Fixpunkt in Flemings Karriere und es wundert daher nicht, dass Willis-Sørensen für ihre CD auch die Canzone del salice und das Ave Maria ausgewählt hat. Sehr wehmütig leitet das Orchester die Szene ein und die Sängerin nimmt die Stimmung mit ihrem ahnungsvollen Gesang berührend auf. Die Sopranistin Olivia Kahler assistiert ihr als Emilia. Desdemona ist eine Traumpartie für die Sopranistin, wie auch die Leonora in Il trovatore, für die es bereits konkrete Aufführungspläne in den nächsten Jahren gibt. Deren Auftritt im 1. Akt bietet Gelegenheit für eine weit ausschwingende Kantilene in der CavatinaTacea la notte placida“ und Sopran-Bravour in der Cabaletta „Di tal amor“. Die Sinnlichkeit des Soprans und dessen schwelgerisches Volumen sind überwältigend wie auch die souveräne Bewältigung der Koloraturketten.

Auch bei der Donna Anna in Mozarts Don Giovanni findet sich ein Verweis zur Fleming, die die Rolle von New York bis Salzburg an vielen großen Häusern gesungen hat. Für Willis-Sørensen markierte sie ihre allerersten Auftritte und zählt daher zu ihren Favoriten. Beide große Arien sind hier zu hören. In „Don Ottavio son morta!/Or sai chi l’onore“  aus dem 1. Akt überzeugt der dramatisch-erregte Ausdruck im Rezitativ (wieder mit Sala als Don Ottavio), in der Arie die Vehemenz und differenzierte Dynamik in den drei Strophen.

„Crudele?/Non mi dir“ aus dem 2. Akt verlangt dagegen Betroffenheit im Rezitativ, die große Linie samt tiefer Empfindung in der Arie und im Schlussteil Koloraturbrillanz. Die Solistin setzt sich mit ihrer mustergültigen Interpretation an die Spitze der derzeitigen Interpretinnen der Partie.

In zwei Szenen der Mimì aus Puccinis La bohème – der Arie „Mi chiamano Mimì“ und dem Duett mit Rodolfo „O  soave fanciulla“ – wirkt mit Jonas Kaufmann ein prominenter Tenor mit. 2019 war Willis-Sørensen dessen Partnerin bei seinem Album mit Wiener Operettenmelodien. Für die Figur der Mimì findet sie die ideale Balance zwischen Innigkeit und schwelgerischem Aufschwung.

Mit der Rusalka und ihrem „Lied an den Mond“ aus Dvoráks Oper ergibt sich ein weiterer Bezug zur Fleming. Willis-Sørensen sang die Partie in San Francisco in einer Inszenierung von David McVicar und hält diesen Auftritt für eine ihrer bisher schönsten Opernerfahrungen. Der Ausdruck von Sehnsucht und Hoffnung bestimmt ihren Vortrag, hinreißend ist der trancehaft entrückte Schluss.

Mit einem Ausflug nach Wien, dem „Vilja-Lied“ aus Lehárs Die lustige Witwe,  endet das Programm. Hier begleitet die Capella Cracoviensis und sorgt gemeinsam mit der Solistin für einen Ausklang voller Melancholie und Raffinement. Das exzellente Deutsch lässt auf zukünftige Rollen in diesem Repertoire hoffen – Wagners Eva und Elsa sowie Strauss’ Arabella und Daphne – womit sich der Kreis zur Fleming schließen würde. Bernd Hoppe

Gestalterisches Potenzial

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Die australische Sopranistin Emma Moore (am DMT Weimar engagiert) und ihre Klavierpartnerin Klara Hornig nennen ihre gemeinsame Produktion für das decurio-Label Volupté, was so viel wie Lust, Wollust und Wonne bedeutet. Man darf bei diesem außergewöhnlichen Lieder-Programm darüber diskutieren, ob der delikate Tonatz aus der Feder von Claude Debussy, Clemens Krauss und Viktor Ullmann diesem Etikett mehr entspricht oder eben die Sprachkunst von Charles Baudelaire, Rainer-Maria Rilke und Ricarda Huch.

Claude Debussy hat sich in seinen zwischen 1887 und 1889 komponierten Liedern von jenen rauschhaften Fantasien inspirieren lassen, welche Charles Baudelaire in seinen „Fleurs de Mal“ niederschrieb. Diesen Momentaufnahmen der Ausschweifung stellte Claude Debussy eine Musik zur Seite stellte, welche mit ihren dominierenden Wagner-Einflüssen bis hin zur vielfach dominierenden Tristan-Harmonik eine Sonderstellung in Debussys Werk einnimmt. Ebenso hatten es Emma Moore und Klara Hornig auf die Lieder von Clemens Krauss (1893-1954) abgesehen, welche bisher einen Exotenstatus im Repertoire beanspruchten. Aber gerade deswegen stand dieser heute eher unbekannte Zeitgenosse von Richard Strauss auf der Wunschliste des Duos, der sich hier der metaphernreichen Sehnsuchtspoesie der „Acht Gesänge“ nach Gedichten von Rainer Maria Rilke angenommem hat.

Viktor Ullmanns (1898-1944) Bekanntheitsgrad definiert sich vor allem durch seine Oper „Der Kaiser von Atlantis“ – und noch mehr durch seine Lebensschicksal: Von den Nazis ins KZ Theresienstadt deportiert, etablierte er in Gefangenschaft ein Konzertleben, das zum Symbol für die Kraft von Musik unter feindlichen Bedingungen wurde. Völlig unpolitische, hochromantische Liebeslyrik präsentiert sein fünfteiliger Zyklus nach Gedichten von Ricarda Huch, der Jahre vor Ullmanns Deportation entstand. Es geht vor allem um die vielen kleinen, zarten Zeichen, mit welchen die Realität verzaubert wird. Verglichen mit den aufbrausenden Debussy-Liedern am Anfang und den spätromantischen Ausschweifungen bei Clemens Krauss überwiegt in diesem dritten Programmpunkt dieser Aufnahme eine schlankere Diktion. Aber in jedem Fall entfaltet der Gesang von Emma Moore bei diesen drei Repertoire-Entdeckungen viel flexibles gestalterisches Potenzial. Das will etwas heißen bei der breiten Ausdruckspalette dieses Repertoires mit ihrem immensen Tonumfang in vielen Passagen. Wohlgemerkt: Emma Moores vielseitig herausgeforderte vokale Bravour lässt die gemeinsame Augenhöhe mit ihrer Klavierpartnerin Klara Hornig nie außer acht. Letztere macht ihrem Ruf als ausgemachte Spezialistin für Liedbegleitung Ehre, wenn sie mit ihrem weitsichtig vorausdenkenden Spiel immer dort ist, wo sie gebraucht wird – was wiederum Emma Moore das „Eintauchen“ erleichtert. (Emma Moore und Klara Hornig mit Liedern von Debussy, Ullmann, Krauss; decurio 2022). Stefan Pieper