Archiv für den Monat: September 2023

Festivals 2023

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..Auch in diesem Jahr sind wir bei der Auswahl der besuchten Live-Aufführungen wählerisch und konzentrieren uns auf wenige und eben für uns interessante Operntitel. Eine Auflistung alle Festival-Beiträge finden sie hier

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Bergamo: Donizetti Opera Festival 2023. Mehr noch als in den zurückliegenden Jahren darf man beim Donizetti Opera Festival diesmal Besonderes erwarten, das in diesem Jahr als Special Edition for Bergamo Brescia Italien Capital firmiert und jeweils einen Aspekt der Kulturhauptstadt-Bewerbung aufnimmt und sei dieser noch so willkürlich gewählt. Wobei sich der Zugewinn nicht wirklich erschließen will – La citta illuminata heißt beispielsweise das Etikett, welches der Lucie de Lammmermoor aufgedrückt wurde. Das Programm folgt der seit Jahren bewährten Mischung aus Raritäten und Bekannten sowie in der Reihe #donizetti200 der Erinnerung an ein vor 200 Jahren uraufgeführtes Frühwerk Donizettis. In zwei Fällen bieten die Umsetzungen im Bemühen um Aktu-alität trostlos dumpfes Lehrprogramm. Zwei Opern werden im Teatro Donizetti, eine im Teatro Sociale in der Oberstadt aufgeführt; es spielen das Donizetti Orchestra und das dem Originalklang der Donizettizeit nachspürende Orchestra Gli Originali; nur der Donizetti Chor ist diesmal nicht dabei, stattdessen singen der Chor des Ungarischen Rundfunks und der Chor der Accademia Teatro alla Scala.
Alle drei Opern entstanden oder haben im Falle der französischen Adaption ihren Ursprung in Neapel und erlebten ihre Uraufführung am Teatro San Carlo. In chro-nologischer Reihenfolge waren es die Opera seria oder das Dramma per musica Alfredo il Grande mit dem Libretto von Andrea Leone Tottola, die im Juli 1823 heraus-kam; also rund acht Monate nach der letztjährigen #donizetti200-Rarität Chiara e Serafina in Mailand. Im Frühjahr 1830 fand die erste Aufführung der Azione tragico-sacra Il diluvio universale (Die Sintflut) statt, zu der Domenico Gilardoni den Text ge-schrieben hatte, und im September 1835 folgte Lucia di Lammermoor, die sich als eine der wenigen Opern Donizettis durchgehend im Repertoire hielt und für Generationen von Zuschauern und Sängern die Quintessenz von Donizettis Schaffen darstellte. Das Festival zeigt die von Donizetti selbst erstellte französische Fassung, die erstmals 1839 im Pariser Théâtre de la Renaissance gespielt wurde und die in einer Schlüsselszene von Gustave Flauberts Romans später auch Madame Bovary in Rouen erleben wird. Ergänzt wird das Programm durch die Farce Il piccolo compositore di musica von Donizettis Lehrer Mayr.

Bergamo ´23: Donizettis „Diluvio universale“/Szene/Foto Gianfranco Rota

Das Hauptinteresse richtet sich auf Die Sintflut, Il diluvio universale, die trotz eines Rettungsversuchs in den 1980er Jahren offenbar nie wieder auf die Bühnen ge-schwemmt wurde. Ich erinnre mich noch recht gut an die Aufführung im Januar 1985 in Genua unter dem jungen Jan Latham-Koenig und die Besetzung mit dem Noah des wuchtigen und trotz seiner internationalen Karriere auf italienischen Bühnen scheinbar allgegenwärtigen Bonaldo Gaiotti, dem vielseitigen Ottavio Garaventa als Cadmo sowie Martine Dupuy in der nicht unwichtigen Partie der Intrigantin Ada, mit der Donizetti einen frühen Versuch unternahm, der zweiten Frau-enpartie zu mehr Geltung zu verhelfen; vor allem an das merkwürdige Teatro Marg-herita, in dem die Oper von Genua nach der Zerstörung des Teatro Carlo Felice mehrere Jahrzehnte bis zur Eröffnung des Neubaus spielte. Il diluvio universale ist ein Oratorium im Operngewand oder umgekehrt, also wie Rossinis Moses eine der Opern, die man seit Ende des 18. Jahrhunderts an den Teatri Reali in Neapel als Oratorium ausgab. Die biblische Handlung passte perfekt zur Fastenzeit und der für Donizetti vielfach tätige Gilardoni vermischte die Sintflut mit den persönlichen Schicksalen und Liebesränken der Noah-Familie. Donizetti verzichtete auf Kabaletten und versuchte, wie er seinem Vater schrieb, „die Form der weltlichen von der geistlichen Musik zu trennen“. Unvoreingenommene Hörer werden kaum ein Unter-schied zwischen der frommen Oper und anderen Werken Donizettis ausmachen. Allenfalls in den umfangreichen Chorpartien, wobei Noah bzw. Noé und seine drei Söhne samt deren Frauen in der weiträumigen Introduzione bereits einen kleinen Chor bilden, dem erst später der Chor der Satrapen entgegentritt. In diesem drama-tisch gesammelten Ensemblestück voll unterdrückter Leidenschaften wird alles er-zählt. Mit dem Bau der Arche folgt Noè einem göttlichen Auftrag. Zu den Personen, die ihm und seinem Gott folgen, gehört auch Sela, die Gattin von Cadmo, dem An-führer der Satrapen. Cadmo ist über diesen Verrat seiner Frau entsetzt. Umso mehr als Selas falsche Freundin, die in Cadmo verliebte Ada, ihn in seinem Misstrauen bestärkt und behauptet, Sala liebe Noès ältesten Sohn. Cadmo und Sala scheinen sich im zentralen Duett des zweiten Akts zwischenzeitig nochmals anzunähern, doch die über drei Akte verteilten zehn Nummern lassen keinen Raum für psycho-logische und zwischenmenschliche Schachzüge. Am Ende schwemmt die Sintflut alle mit Ausnahme der auf der Arche versammelten Menschen davon. So in etwa hat man sich das Finale der Oper vorzustellen. Hilflos dagegen das Tableau, wel-ches das vielköpfige Team aus Szenikern auf die Bühne des Teatro Donizetti stemmte. Darunter kein ausgewiesener Regisseur.
Der Citta Natura, die Bergamo auch noch sein will, war es ein Anliegen, kein „nach uns die Sintflut“-Gefühl aufkommen zu lassen, sondern anhand der Azione tragico-sacra über die Zukunft des Planeten und die Reduzierung des ökologischen Fuß-abdrucks zu sinnieren. Für die Zukunftsvisionen und den hohen Anspruch sollte der interdisziplinäre Ansatz der Spezialisten von MASBEDO sorgen, die für Regie, Kostüme und regia in presa diretta, also Live-Regie, zeichnen; die MASBEDO-Gründer Nicolò Massazza und Iacopo Bedogni sind durch ihre wirkungsvollen Vi-deoarbeiten und Installationen europaweit bekannt, weniger bzw. gar nicht sind sie durch Arbeiten in traditionellen Theatern hervorgetreten. Das Bühnenbild stammt von ihrem Ableger 2050+. Dazu kamen Leute für die Movimenti scenici (Sabino Civilleri, Manuela Lo Sicco) und die Drammaturgia visiva. Die hohe Zahl an Beteiligen half der von höhnischen Kommentaren, wie sie nur in einem italienischen Rangtheater, wo die Rufe kreuz und quer ins Parkett und auf die Bühne prallen, begleiteten Produktion nicht (25. November). Überschwemmt wurde die Bühne von Bildern und Videos von Umweltkatastrophen, von ölverschmierten Tieren, verendenden Fischen, zusammenstürzenden Häusern und berstenden Dämmen, Feuer- und Flutwellen. Katastrophen im Nachrichten-Dauerfeuer und Sekundentakt. Davor Chor und Solisten hilflos. Die Welt von Cadmo und seinen Leuten ist geprägt von hedonistischer Sinnenlust, wofür die üppigen Stillleben, die Bilder von gerupftem Federvieh, ausgenommenen Fischen und das Wühlen in Geleespeisen und das laszive, lüsterne und sinnliche und in einigen Live-Videoaufnahmen durchaus sinnhaft eingefangene Gebaren stehen. Insgesamt platt, plump und als Theaterar-beit unbefriedigend.
Und irgendwie griff die szenische Trostlosigkeit auch auf die Musik über, der Riccardo Frizza, musikalischer Leiter des Festivals, selten die gewünschte Eindrucks-kraft und Wucht in den durchaus an Rossinis Seria-Opern orientierten Szenenblöcken vermitteln konnte. Gespielt wurde die von Edoardo Cavalli edierte Erstfassung von 1830 (für Genua hatte Donizetti 1834 eine zweite Version erstellt). Für den Noè und dessen feierlich eindringliche Visionen braucht es einen Bass von gewaltigem Ausdruck, die der auch mehrfach bei Rossini in Wildbad gehörte Nahuel Di Pierro nicht hat. Er besitzt zwar einen gefällig schönen und weichen Bass, doch nicht Kraft und plastische Rezitativbreite, um die Autorität der Führerpersönlichkeit zu vermitteln. Mit Ausnahme einiger schöner Pianopassagen blieb die Sela der Giuliana Gianfaldoni ausdrucks- und farblos, die falsche Freundin Ada gab Maria Elena Pepi mit grobem Sprechmezzo. Leichtes Spiel hatte daneben Enea Scala, der den Cadmo mit tenoralem Machismo als eitlen Genussmenschen darstellte und sich mit kraftvoll drängender Singkraft, toller Atemführung und knalliger Höhe zumindest in sängerischer Hinsicht als Sieger des Abends herausstellte.

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Bergamo ´23: Donizettis „Alfredo il Grande“/Szene/Foto Gianfranco Rota

In seiner frühen heroischen Oper Alfredo il grande versucht sich Donizetti, der mit seiner Tudor-Trilogie einen markanten Beitrag zur englischen Geschichte auf der Opernbühne lieferte, aber auch bei Rosmonda d’Inghilterra und Il castello di Kenilworth über den Kanal schielte, erstmals an einem angelsächsischen Thema. Tottola, dessen Text Donizetti zuvor einmal als „lautes Gekläffe“ bezeichnet hatte, verarbei-tete eine Vorlage, die auch Mayr wenige Jahre zuvor für seine gleichnamige Oper verwendet hatte. Donizettis Beschäftigung mit einem angelsächsischen König des 9. Jahrhunderts war ein Misserfolg. Weinstock bringt es in seiner Biografie auf den Punkt, „Vom stilistischen Standpunkt – besonders in der Überganszeit zwischen dem übernommenen Stil des 18. Jahrhunderts eines Rossini und den ersten offenkundigen romantischen italienischen Opern, d.h. denen von Bellini – hatte Donizetti, der kein intellektuell maßgebender Erneuerer und Umformer war, Schwierigkeiten, seine eigene musikalische Persönlichkeit und Methode auf dem Gebiet der Oper zu finden. So blieb er in hohem Maß ein Handwerker,,,,, das führte dazu, daß er nur gelegentlich … eine Oper von Anfang bis Ende mit voller dramatischer Schaffenskraft komponier-te“. Das ist hart. Und stimmt auch bei Alfredo il Grande. Die Uraufführung und somit Donizettis Debüt am San Carlo wurden ungnädig aufgenommen und man weiß gar nicht, ob es überhaut zu Folgeaufführungen kam. Der Misserfolg wurde von der ebenso erfolglosen Pastorale Aristea und der Buffa Il fortunato inganno umrahmt. In Tottolas albernem Libretto gerät der unerkannt durch die Landschaft stampfende englische König während des Kriegs gegen die Dänen in mehrere unangenehme Situationen. Unterschlupf findet er in der Hütte von Guglielmo, wo ihn seine Gattin Amelia und sein Befehlshaber Edoardo überraschen. Als die Hütte von den Dänen und ihrem findigen Anführer Atkins umzingelt wird, entfliehen der König und seine Gattin durch einen Geheimgang. Amelia wird zwar gefangengenommen, aber von dem wackeren Guglielmo befreit. Inhaltlich erinnert das etwas an das kunterbunte Inkognito-Spiel, das Donizetti in der Buffa Pietro il Grande oder der Semiseria Enrico di Borgogna mit den Herrschern anstellte. Alfredo ist aber ein durch und durch erns-tes Werk, mit dem Donizetti vermutlich in die Fußstapfen Rossinis treten wollte, der für San Carlo einige seiner glanzvollsten Seria-Opern geschrieben hatte. Und so führt sich Alfredo wie ein kleiner Rossini-König auf. Tatsächlich klingt dieser König wie aus einer rossinischen Seria, was in Bergamo durch Antonino Siragusa unter-strichen wurde, der die Verzierzungen und Wiederholungen in seinen beiden Arien – die Cavatina „S’inoltra alcun“ im ersten und die ausgedehnte von der Klarinette begleitete Arie „Che più si tarda? All’armi!“ im zweiten Akt – mit dem typisch steifen, trompetenhaft engen Klang eines Rossinis Tenors versah, etwas einfarbig freilich und scharf und grell in der Höhe. Aber das ist Geschmacksache, und Siragusa machte das gut und mit Bravour. Ein individueller Ton stellt sich in dieser Oper nicht ein. Donizetti laboriert merklich. Wirklich packend geraten ihm die strettahaft gestei-gerten dramatischen Passagen im rhythmisch voranstürzenden Terzett Amalia-Alfredo-Enrico des ersten Aktes und das federnde fünfteilige erste Finale, das Quin-tett des zweiten Aktes und das zweite Finale, wo die Lobrufe des prachtvoll und groß besetzten Chors des Radio Ungherese „Viva Alfredo! Il grande! Il Prode“ von ariosen Passagen des Alfredo durchsetzt sind, auf die schließlich mit großer Geste das Rondo finale der Amelia folgt. Das zweite Finale wird zudem von einer riesig besetzten Banda auf der Bühne begleitet, wie denn Donizetti in Alfredo immer wie-der mit den Effekten eines im Graben und auf der Bühne spielenden Klangkörpers arbeitet, als wolle er angesichts der Königlichen Loge seinen Opernmonarchen mit größtmöglichem Prunk in Szene. In den Passagen der Banda kommt auch die kritische Edition von Eduardo Cavalli zu ihrem Recht, die flicken musste, wo das Notenmaterial fehlte. Corrado Rovaris, der aus Bergamo stammende Music Director der Opera Philadelphia, dirigierte Donizettis frühe Huldigungsoper mit Prunk und Pomp, blendete unmerklich von der pastoralen Stimmung des Anfangs in die kämpferischen Szenen und breitete den Sängern mit dem Orchestra Donizetti Opera einen Klangteppich aus. Mit einem in allen Lagen flüssigen und gerundeten Sopran, der in der Höhe einen sicheren Silberstreifen besitzt, war Gilda Fiume eine sehr gute Amalia, der man nur etwas mehr Temperament wünschte. Lodovico Filippo Ravizza zeigte als Eduardo einen Bariton von Format, Adolfo Corrado nutzte mit seinem charaktervollen Bass die Möglichkeiten, die ihm die Bravourarie „La sosirata preda“ mit Chor bot, und Antonio Garés gefiel als Guglielmo mit einem Tenor von natürlicher Anmut (24. November).
Das ernste Stück überfrachtete Stefano Simone Pintor, der den Zuschauern vor dem Opernhaus mit Unterstützung mehrerer Wikinger-Vereine Nachhilfe in angelsächsischer Geschichte und Wikinger-Kämpfen gegeben hatte, mit so vielen Verweisen und Erkenntnissen, dass es unter der szenischen Proseminararbeit kläglich zusammenbrach. Pintor stellt dem roten Georgskreuz der englischen Flagge das weiße Kreuz des dänischen Dannebrog gegenüber und zieht beim Schwenk in die Gegenwart eine Linie von den mittelalterlichen Kreuzrittern zum Roten Kreuz der Internationalen Hilfsorganisationen, springt (auf den Videos von Virginio Levrio) von brennenden Bibliotheken, zerbombten Theatern und Museen zum Sturm auf das Capitol mit dem bekannten Chaoten-Wikinger, streift den Kampf der Kulturen und die Fake News und ergeht sich in mannigfaltigen Assoziationen, die sich zu Alfred the Great als Gesetzgeber, Reformator, Literatur- und Religionsstifter ergeben. Da-bei werfen die Protagonisten gelegentlich den Schafspelz der Hirten über ihren Abendanzug, wechseln vom konzertanten Gesang mit Notenblatt zum stilisierten Agieren, wandeln in ansprechender Schlichtheit durch die Projektionen von Krieg und Feuer, von mittelalterlichen Handschriften und Zeichnungen und historischen Landkarten. Überladen, doch auch wieder angenehm schlicht.

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Bergamo ´23: Donizettis „Lucie de Lammermoor“/Szene/Foto Gianfranco Rota

In einer zentralen Szene des Romans besuchen Charles und Emma Bovary in Rouen eine Aufführung der Lucia di Lammermoor, die Emma besonders aufwühlt, weil sie im Schicksal der Lucia, die gegen ihren Willen mit einem Freund ihres Bruders verheiratet werden soll, ihre eigene unglückliche Ehe gespiegelt sieht. Natürlich erlebte Emma Bovary Lucie, die französische Fassung der Lucia, die während des gesamten 19. Jahrhunderts in Frankreich verbreitet war und durch Flauberts Roman von 1856 zusätzlich im Bildungskanon verankert wurde. Im Roman, der den Beginn des Realismus in der Literatur markiert, stellt die hochromantische Lucie ei-nen nostalgischen Moment dar. Jahrelang hatte Donizetti vergebens Freunde und Künstler bedrängt, dass sie ihm Zugang zum Pariser Opernleben verschaffen. Ende der 1830er Jahre war der Durchbruch gelungen. Im Théâtre de la Renaissance, ei-nem der vier Pariser théâtres secondaires kam die französische Version der Lucie heraus, von deren überrumpelndem Erfolg der Komponist selbst am meisten überrascht war. Dieses Theater verfügte über durchaus schmalere Mittel, weshalb Lucie wie eine etwas kompaktere und kürzere Version der älteren italienischen Schwester anmutet: die Figur der Alisa ist weggefallen, die Partie des Raimondo hier Raimond, der erst zum Sextett auftaucht, ist zusammengestrichen, wodurch seine Arie “Ah! Cedi, cedi, o più sciagure” im zweiten ebenso wie sein Anteil in Enricos Cavatina “Cruda, funesta smania” im ersten Akt entfielen, dagegen erscheint der Intrigant Gil-bert, der Normanno aus der Lucia, aufgewertet. Bedeutender ist der Verzicht auf Lucias Cavatina „Regnava nel silenzio“, die bereits die Ur-Lucia Fanny Tacchinardi-Persiani durch Rosmondas „Perché non ho del vento” aus (der in Bergamo beim Festival zuletzt 2016 gespielten) Rosmonda d’Inghilterra (1834) ersetzt hatte; Lucie singt jetzt “Que n’avons nous des ailes”. Der getreu übertragene Text von Alphonse Royer und Gustave Vaëz wurde der Musik angepasst und wirkt etwas fremder, manche Szenenübergänge sind geschmeidiger, die Rezitative neu gefasst, alles zusammen ist nicht wirklich neu und nicht mit Rossinis französischen Fassungen von Mosé in Egitto oder Maometto oder Donizettis eigenem Poliuto vergleichbar, dennoch wirkt sie etwas fremd. Wichtig: Lucie ist die einzige Frau im Männerensemble. Jacopo Spirei verschärft Lucies Zwangslage noch. Zwar bricht sie nicht zu-sammen wie die jungen Frauen, die von den jungen Männern statt des Wilds gejagt und missbraucht werden, aber ihre Selbstverletzungen zeugen von ihrer psychischen Zwangslage, gegen die sie aufbegehrt. Mauro Tintis herbstlich braun grüner Wald suggeriert eine Idylle, in der sich Lucie und ihr in Jeans, Lederjacke und T-Shirt wie eine James Dean-Imitation erscheinender Edgar ewige Liebe schwören, die durch eine Intrige ihres Bruders und des Gilbert kaputt gemacht wird, worauf Lucie in die Ehe mit dem Zweittenor Sir Arthur einwilligt. Die jungen Herren haben sich schon zu Beginn alles schön getrunken, begrapschen und demütigen die Frauen immer mehr. Die Situation entgleitet. Lucie bringt den frisch Angetrauten um. Die torkelnde Burschenmeute kriegt sich nicht mehr ein und kommt aus dem Herumalbern und Lachen nicht mehr heraus. Auf einem Schuttplatz mit Autowrack und ebenso achtlos abgelegten, von Raimond ohne Empathie registrierten Frauen-körpern ersticht sich Edgard. Einige Burschen schütten Benzin über den Ort des Verbrechens und der Schade, der wohl gleich in Flammen aufgehen wird.
Die heftige Missbrauchsgeschichte geht in Bergamo nicht an die Nieren. Die brave und ordentliche Aufführung lässt eher an eine Aufführung in der französischen Provinz denken. Pierre Dumoussaud ist kein sehr erfahrener Dirigent. Mal dirigiert er betulich, dann wieder zu rasch. Das Schlimmste, das passieren kann: die Aufführung ist langweilig. Die splitternd trockene Akustik im Teatro Sociale und der ebenso klirrend trockene Klang des auf Originalinstrumenten spielenden Orchestra Gli Originali ist ihm keine Hilfe. Unter den akustischen Bedingungen leidet auch die 23jährige Caterina Sala, die in Bergamo vor zwei Jahren als Adina einen sensationellen Erfolg erzielte, doch ihre anfangs dünn und glanzlos wirkende Lucie reift in der Wahnsinnszene zur dramatischen Virtuosin, die ihre Spitzentöne wie Dolchstöße setzt. Edle Klangkultur, feinste Nuancen, kunstvolle Bögen und zart aufsteigende Höhen zeichnen den romantisch-elegischen Edgard des in Bad Wildbad bei Rossini vielfach gehörten Patrick Kabongo aus, der für die Partie einfach nicht das nötige Volumen aufbringt und fehlbesetzt ist. Zusammen mit Julien Henric, der als Kilt-Träger Sir Arthur für das schottische Flair in dem beherzt durch die Jahrzehnte switchenden Kostümen der Agnese Rabatti sorgte, sang er das schönste Französisch, das beispielsweise in den Beiträgen des Coro dell’ Accademia Teatro alla Scala als solches nicht zu erkennen war. Wie ein Bruder von Charlottes bravem Al-bert wirkte Vito Piantes zuverlässiger Ashton. Roberto Lorenzi als Raimond und David Astorga machten das Beste aus ihren kleinen Partien.

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Zum Festival-Auftakt 2024 gibt im Teatro Donizetti Roberto Devereux, dazu darf man sich im Teatro Sociale auf das in diesem Jahr bereits in Wexford gezeigte Melodramma eroico Zoraide di Granata freuen sowie im Teatro Donizetti auf Don Pasquale. Rolf Fath

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Barocktage Unter den Linden: Weltweit dürfte die Berliner Staatsoper das einzige Opernhaus sein, das die mythische Figur der Médée in zwei Vertonungen im Repertoire führt. Nach der Version von Luigi Cherubini stand jene von Marc-Antoine Charpentier im Zentrum der diesjährigen Barocktage. Die Premiere seiner Tragédie mise en musique von 1693 am 19. 12. 2023 gestaltete sich zu einem umstrittenen Ereignis, denn die Produktion von Peter Sellars wurde von großen Teilen des Publikum mit deutlichem Widerspruch aufgenommen. Der Regisseur inszenierte im Bühnenbild des renommierten Architekten Frank Gehry, der eine surreale Szenerie mit Wolken, Felsen und Bäumen aus leichtem Metallgewebe gebaut hatte. James F. Ingalls tauchte die Bühne in wechselnde Lichtstimmungen, welche die unwirkliche Atmosphäre der Szene noch unterstrichen, aber zuweilen immerhin magische Wirkung hatten. Leider sah man auch abgegriffene Versatzstücke des Regietheaters wie zwei Gitterkäfige als Gefängniszelle für Médée, einen monströsen Armee-Kampfwagen oder Soldaten in schwarzen Uniformen mit Helmen und Maschinengewehren. Das Einheitsbühnenbild bot in keinem Moment die opulente Pracht und den  spektakulären Theaterzauber der französischen Barockoper. Regisseur und Bühnenbildner nutzten für den Tod der Créuse, die im von Médée vergifteten Kleid verbrennt, lediglich rotes Scheinwerferlicht und kapitulierten auch vor dem effektvollen Finale, wenn Médée auf ihrem Drachenwagen flieht und der Königsplast in Flammen aufgeht. Hier hoben sich die Kulissenteile einen Meter in die Höhe, während Menschen aufgeregt über die Szene eilten.

Charpentiers „Médée“ an der Berliner Staatsoper/Szene/Foto Ruth Walz

Überhaupt fand der Regisseur nur wenige Bilder von eindrücklicher Wirkung, dafür viele von statuarischer Leblosigkeit. Manches geriet gar platt oder an der Grenze zur Lächerlichkeit wie die slow motion-Aktionen der Soldaten, die eurythmischen Bewegungen der Frauen oder die stereotype Führung des Staatsopernchores (Dani Juris).

Sogar Médée sind trancehafte tänzerische Aktionen verordnet, doch machte Magdalena Kozená dabei gute Figur. Ohnehin war ihre szenische Präsenz sehr stark und sie bot auch gesanglich in der Titelrolle ein hohes Niveau. Ihr heller Mezzo war fähig zu expressiven, dabei stets kontrollierten Ausbrüchen wie auch zu lyrischen Momenten von innigem Gefühl. Camille Assaf hatte für sie mehrere Kleider entworfen – in Gold, Orange und Grau mit Blutspuren, aber auch einen hässlichen Overall. Durchweg Uniformen trugen die Herren, aus denen Reinoud Van Mechelen als Jason herausragte. Von attraktiver Erscheinung und viriler Ausstrahlung, kam er gesanglich und stilistisch dem Idiom der Musik am nächsten. Sein klangvoller Tenor bewältigte die französische Partie in der exponierten haute contre-Lage bewundernswert lebendig und souverän. Mit mädchenhaft zartem Sopran war Carolyn Sampson als Créuse ein starker Kontrast zur Titelheldin. Berührend ihre Sterbeszene, bei der sie auf einer Bahre von der Bühne getragen wird, vom Orchester mit sanfter Musik begleitet. Médées Vertraute Nérine gab Markéta Cukrová mit kultiviertem Mezzo, den Amour und Médées Vertraute Cléone Jehanne Amzal mit feinem Sopran. Die tiefen männlichen Töne brachten mit sonoren Stimmen Luca Tittoto als Créon und Gyula Orendt als Oronte ein.

Am Pult des Freiburger Barockorchesters stand Simon Rattle, der einen gedeckten, abgedunkelten und oft geglätteten Klang favorisierte, aber auch mit fahlen ombra-Tönen faszinierte. Man hätte sich dennoch stärkere Affekte à la Minkowski oder Rousset gewünscht – sie waren nur in den wenigen tänzerisch orientierten Passagen zu vernehmen.

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Chérubinis „Médée“/ Szene/ Illustration von der Uraufführung/Wikipedia

Konsequent war die Entscheidung, die Produktion der Cherubini-Oper von Andrea Breth aus dem Jahre 2018 wiederaufzunehmen und mit ihr am 17. 12. 2023 die diesjährigen Barock-Tage zu eröffnen. Obwohl in französischer Sprache mit gesprochenen Dialogen (in einer Neufassung von Breth und Sergio Morabito) aufgeführt, wird sie Medea genannt. Martin Zehetgrubers Bühne von ist von deprimierender Tristesse, wird das Geschehen doch in eine öde Lagerhalle verlegt, wo das Goldene Vlies in Holzkisten angeliefert wird. Auch die Kostüme von Carla Teti orientieren sich vor allem auf graue Mäntel und Anzüge in der Mode der Nachkriegsjahre sowie heutige Business-Kleidung für Jason und Créon. Einzig das prachtvolle Hochzeitskleid aus kostbarem goldenem Gewebe für Dircé ist ein optischer Blickfang.

So galt das Interesse bei dieser Wiederaufnahme in erster Linie der neuen Sängerbesetzung. Nach ihrer Aida bestätigte Marina Rebeka auch mit der Médée ihren Ausnahmerang in der heutigen internationalen Sopranriege. Schon in ihrem ersten Air, „Vous voyez de vos fils“, ließ sie mit innigem, schmerzlichem Ton aufhorchen, der sich am Ende des Solos in flammende Intensität bis an die Grenze zur Grellheit wandelte. Im 2. Akt berührte sie ungemein beim wehmütigen Abschied von ihren Kindern („Chers enfants“), und in der letzten Szene überwältigte sie als rasende Rächerin mit bis zum Schluss unangefochtenen stimmlichen Ressourcen. Stanislas de Barbeyrac als Jason, obwohl mit einer Indisposition angesagt, war Médée in den Duos ein potenter Partner mit baritonal timbriertem Tenor von heldischem Zuschnitt. Dagegen blieb Peter Schöne als Créon mit lyrischem Bariton von schmalem Volumen unterbelichtet in den dramatischen Passagen und blass in der Ausstrahlung. Eine Entdeckung war Alisa Kolosova, die das Air der Néris „Ah! nos peines seront communes“ mit sattem Alt und wunderbar auf Linie sang. Ihre Interpretation hatte die ideale Balance von Kultur und Empathie. Ein Gewinn auch die neu besetzte Dircé, denn Maria Kokareva verfügt nicht nur über einen  leuchtenden lyrischen Sopran von schöner Substanz, sondern bewältigte auch souverän die virtuosen Anforderungen in ihrem Air „Hymen! viens dissiper“. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Gerhard Polifka) hatte seinen großen Auftritt im Finale des 2. Aktes mit dem Choeur des prêtres et du peuple.

Erstmals an der Berliner Staatsoper war Cherubinis Musik von einem auf historischen Instrumenten musizierenden Ensemble zu hören. Das Spiel der Akademie für Alte Musik unter Christophe Rousset war von überwältigender Wirkung. Der Spezialist für französische Barockmusik begann die Ouverture mit wuchtigen, aggressiven Schlägen. favorisierte auch später ein harsches und pulsierend-fiebriges Klangbild. In der reichen Farbpalette seiner Interpretation gab es düstere, brodelnde, fahle, umflorte Töne – ein faszinierendes Klangspektrum. Wohl noch nie hat man einen derart furiosen Theaterdonner gehört wie in der Introduction zum 3. Akt, wo man bedrohliches  Gewittergrollen zu hören und zuckende Blitze zu sehen glaubte – eine Szene von grandiosem akustischem Effekt. Der Eröffnungsabend der Barock-Tage endete im Jubel des Publikums. 

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Ein Glücksfall war die Wiederaufnahme von Mozarts frühem Mitridate, Re di Ponto aus dem Vorjahr, denn eine ausgewogene Besetzung auf allerhöchstem Niveau garantierte musikalischen Glanz. Neu in der Titelrolle war Siyabonga Maqungo, Ensemblemitglied des Hauses, der die horrend schwierige Partie mit ihren extremen Registersprüngen Respekt gebietend bewältigte. Vor allem die Spitzentöne imponierten in ihrer metallischen Durchschlagskraft, während die tiefe Lage matt und schmal ausfiel. Auch dem virtuosen Anspruch seiner Musik wurde der Tenor souverän gerecht. Mit stürmischem Furor ging er „Quel ribelle“ an, kantabel auf Linie formte er „Tu,  che fedel“. Im 2. Teil musste er sich gegen den martialischen Tumult des Orchesters bei „Vado incontro“ durchsetzen, was ihm mit vehementem stimmlichem Einsatz eindrucksvoll gelang. Mitridates Verlobte Aspasia ist eine Primadonnenpartie par excellence und wie schon in der Premiere 2022 füllte Ana Maria Labin sie bravourös aus. Die Koloraturläufe in „Al destin“ gerieten Atem beraubend und wurden von einer spektakulären Kadenz noch gekrönt. Die lyrische Arie „Nel grave tormento“, welche den Konflikt der Figur zwischen Pflicht und Liebe schildert, war dazu ein schöner Kontrast und wurde von der Sopranistin mit bestechender Kultur dargeboten. Im dramatischen Mittelteil bewunderte man die funkelnden staccato-Skalen, in Aspasias letzter Arie, „Pallid’ombre“, die fahlen, verschatteten Färbungen der Stimme.

Mozarts „Mitridate“ an der Berliner Staatsoper/Szene/ Foto Bernd Uhlig

Mitridates Söhne wetteiferten um die Gunst des Publikums und keinem gebührte die Palme, waren die beiden Interpreten doch in ihrer Kunstfertigkeit absolut gleichwertig. Die Sopranistin Elsa Dreisig sang den Sifare mit jugendlichem Elan und sorgte mit ihrer klangvollen, innigen Arie „Lungi da te“, vom obligaten Horn begleitet, für eine vokale Sternstunde. Neu besetzt war der Farnace mit dem italienischen Countertenor Carlo Vistoli, der mit seinem herrlichen Timbre beglückte, seinen Auftritt „Venga pur“ mit energischem Aplomb bot, dessen Da capo ideenreich variierte und kunstvoll verzierte. In seiner letzten, getragenen Arie, „Già dagli occhi“, konnte man die Schönheit seiner Stimme besonders bewundern. Auch die zweite Sopranpartie des Werkes, Prinzessin Ismene, fand eine ideale Verkörperung, denn Caroline Jestaedt konnte mit obertonreichem, lieblichem Sopran die Jugend der Figur perfekt umsetzen. Mit androgyn klingendem, dunklem Ton verlieh Adriana Bignagni Lesca dem Arbate eine maskuline Aura. In der Nebenrolle des römischen Tribuns Marzio ließ der Tenor Sahy Ratia holpernde Koloraturen hören, bewältigte aber die hohe Tessitura seiner Arie „Se di regnar“ beachtlich.

Es war Marc Minkowski, der am Pult seines Ensembles Les Musiciens du Louvre den Abend in den musikalischen Olymp erhob. Bereits in der pulsierenden Ouverture erzeugte er die Spannung, welche den gesamten Abend nicht nachließ, setzte in den Arien für die Sänger markante Akzente und krönte mit dem finalen Chor „Non si ceda al Campidoglio“ seine Interpretation von Ausnahmerang.

Auch beim wiederholten Sehen kann man sich mit der japanischen Kabuki-Ästhetik der Produktion nur schwer anfreunden. Satoshi Miyagi/Regie, Junpei Kiz/Bühnenbild und Kayo Takahashi Deschene/Kostüme hatten wohl eher Puccinis Turandot im Sinn, aber immerhin konnte man sich an opulenter szenischer Pracht und prunkvollen Kostümen erfreuen. Das Publikum am 22. 11. 2023 feierte die Sänger, den Dirigenten und das Orchester mit stehenden Ovationen. Bernd Hoppe

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Tage Alter Musik in Herne: Der Venezianer Antonio Caldara reiht sich heute in die Riege der Barockkomponisten ein, die größtenteils dem Vergessen anheim gefallen sind. Dabei hat er nach seinen Erfolgen in Italien ab 1716 das Wiener Musikleben gut 20 Jahre lang bestimmt und mit seinen zahlreichen Kompositionen dem Wiener Hof zu einer ungeheuren kulturellen Blüte verholfen, obwohl er in den ersten Jahren lediglich als Vize-Kapellmeister neben Johann Joseph Fux tätig war. Vielleicht lag es allerdings auch an dieser festen Stellung, dass sein Ruhm sich nicht so über Europa verbreitete wie der seiner Zeitgenossen Georg Friedrich Händel und Alessandro Scarlatti. So schlummern seine über 90 Opern und Oratorien zum großen Teil in irgendwelchen Archiven alter Fürstenhäuser. In Kooperation mit dem All’improvviso Festival Gliwice und Les Lumières e. V. gibt es nun zum Abschluss der Tage Alter Musik in Herne ein Dramma per musica von Caldara, das anlässlich des Namenstags von Kaiser Karl VI. im renommierten Leopoldinischen Hoftheater am 4. November 1725 uraufgeführt wurde: Il Venceslao.

Antonio Caldara/Wikipedia

Eigentlich hatten Caldara und der Hofdichter Apostolo Zeno zu diesem Anlass eine Oper über den römischen Feldherrn und Staatsmann Gaius Marius als Identifikationsfigur für den Kaiser geplant, dessen Vorliebe für antik-römische Themen den Stil der Wiener Hofoper in seiner Regierungszeit prägte. Aufgrund einer schweren Erkrankung Zenos konnte das Libretto jedoch nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. So griff Caldara auf einen alten Text Zenos zurück, den dieser bereits 1703 für die Karnevalssaison des Teatro San Giovanni in Venedig verfasst hatte. Der titelgebende polnische König Venceslao (Wenzel) hatte zumindest mit dem Kaiser einen von acht Vornamen gemeinsam. Ansonsten ist die Geschichte frei erfunden und reichlich abstrus. Die beiden Söhne des Königs Venceslao, Casimiro und Alessandro lieben beide die Prinzessin Erenice. Dabei hat Casimiro vor einiger Zeit der Königin von Litauen, Lucinda, die Ehe versprochen. Auch der General Ernando ist heimlich in Erenice verliebt, will jedoch zu Gunsten Alessandros auf sie verzichten. Casimiro wittert in Ernando einen Rivalen und will ihn töten, ersticht jedoch im Dunkel der Nacht versehentlich seinen Bruder Alessandro, der gerade den Bund der Ehe mit Erenice schließen will. Venceslao will Casimiro dafür zum Tode verurteilen. Doch Lucinda bittet um Mitleid für den Geliebten. Weil das Volk auf Casimiros Seite steht und Casimiro bereut, begnadigt  Venceslao seinen Sohn, dankt als König ab und übergibt ihm die Herrschaft.

Für die Uraufführung in Wien standen neben dem erstklassigen Ensemble aus langjährigen Mitgliedern der Wiener Hofkapelle auch die Starsängerin Faustina Bordoni zur Verfügung, die Georg Friedrich Händel ein Jahr später nach London holte. Auch in Herne haben sich renommierte Stars der Barockszene versammelt, um die musikalischen Qualitäten dieser Oper zu untermauern. Da sind zunächst drei Countertenöre mit sehr unterschiedlichen Stimmfärbungen zu nennen, die den König und seine beiden Söhne verkörpern. Den Anfang macht Dennis Orellana als jüngerer Königssohn Alessandro. Schon beim Auftrittsgesang begeistert der junge Sopranist aus Honduras mit strahlenden Höhen, die den Sieg gegen die rebellischen Kosaken zelebrieren. Laut Textbuch ist diese Eingangsnummer eigentlich für den siegreichen General Ernando gedacht, aber Orellana hat diesen Part übernommen, vielleicht weil er sonst so wenig zu singen gehabt hätte. Immerhin wird er ja schon vor der Pause getötet und taucht als Figur anschließend überhaupt nicht mehr auf, was auch mit Blick auf seine großartigen stimmlichen Qualitäten mehr als bedauerlich ist. Ein Glanzpunkt des Abends ist seine große Arie am Ende des ersten Aktes, wenn er glücklich der heimlichen Eheschließung in der Nacht entgegensieht. Hier ruft Orellana mit exorbitanten Höhen in reinster Form regelrechte Begeisterungsstürme beim Publikum hervor.

Max Emanuel Cencic übernimmt die Titelpartie und gestaltet sie mit recht dunkel gefärbtem Countertenor, der dem König eine gewisse Abgeklärtheit verleiht. Dabei punktet er mit weichen und äußerst flexiblen Bögen in den Läufen. Schon in seiner ersten Arie zeigt er die Selbstzweifel des Königs, wenn er sich selbst ermahnt, als König nicht die Beherrschung zu verlieren. Das gelingt ihm bei Casimiros Verhalten allerdings nicht, und seine Wut entlädt sich im zweiten Akt in halsbrecherischen Koloraturen. Am Ende findet er dann doch seine innere Ruhe, wenn er abdankt und seinem Sohn Casimiro den Thron übergibt. Nicholas Tamagna mimt auch darstellerisch überzeugend den Bösewicht Casimiro, bei dem man eigentlich gar nicht einsehen will, wieso sich am Ende für ihn alles zum Guten wendet und er zum neuen König ernannt wird. Mit großartiger Mimik und relativ schroffen Höhen rät er der verkleideten Lucinda im ersten Akt, wieder abzureisen, und leugnet jedwede Versprechungen, die er ihr einst gemacht hat. Umso schamloser umwirbt er Erenice und ist ohne jeden Skrupel bereit, seinen Rivalen aus dem Weg zu räumen, was er in schonungslosen Koloraturen am Ende des zweiten Aktes zum Ausdruck bringt.

Antonio Caldaras „Venceslao“ bei den Tagen der Alten Musik in Herne 2023/Foto: IR

Als weiterer Star des Abends darf Suzanne Jerosme bezeichnet werden, die der Partie der Lucinda ein umfangreiches Spektrum an Gefühlen verleiht. Bei aller Begeisterung für die drei Männerpartien hat man das Gefühl, dass Caldaras Herz beim Komponieren doch vor allem für diese Figur geschlagen hat. Schon im ersten Akt lässt er sie bewegend mit der Oboe in einen traurigen Dialog treten, der unter die Haut geht. Jerosme wirkt mit ihrem warmen Sopran durch die Zurückweisung Casimiros derart unglücklich, dass man ihr am liebsten Trost spenden möchte. Im zweiten Akt zeigt sie dann eine ganz andere Seite. Hier lässt sie in halsbrecherischen Koloraturen ihrer Wut über die Untreue des Geliebten freien Lauf. Zu Beginn des dritten Aktes zeigt Jerosme die Königin dann wieder von der verzweifelten Seite. Wenn Casimiro dann verurteilt wird, erwacht ihre Liebe erneut und sie bittet inständig für den untreuen Geliebten, der aus welchem Grund auch immer am Ende ihr Werben wieder erhört. Wesentlich dunkler ist die zweiter Frauenpartie Erenice angelegt. Sonja Runje stattet die Prinzessin mit einem satten Mezzosopran aus. Wenn sie im zweiten Akt zu Kastagnetten-Klängen auf die Ankunft ihres Geliebten wartet, fühlt man sich beinahe an Bizets Carmen erinnert. In einem wunderbaren Kontrast präsentieren sich die beiden Frauen in zwei Duetten im vierten Akt, die durch eine gestrichene Szene in Herne quasi direkt aufeinander folgen. Während Jerosme und Tamagna in weichen Tönen und warmer Innigkeit einander ihre Liebe gestehen, fordert Runje gemeinsam mit Stefan Sbonnik als Ernando mit wütenden schnellen Läufen Rache für Alessandros Tod.

Auch den beiden „dunklen“ Männerstimmen sind von Caldara anspruchsvolle Arien zugedacht. Erstaunlich ist, dass diesen beiden kleineren Charakteren häufig der Aktschluss zugeteilt wird. Stefan Sbonnik stattet die Partie des Ernando mit strahlendem Tenor aus, der in den Höhen zu glänzen vermag. Pavel Kudinov punktet als Diener Gismondo mit dunklem und in den Läufen sehr beweglichem Bass. Martyna Pastuszka führt das {OH!} Orkiestra an der Violine mit sicherer Hand durch die farbige Partitur und rundet den Abend großartig ab. Als Zugabe gibt es dann noch einmal den Schlusschor der Oper.

Fazit: Zum Abschluss der Tage Alter Musik in Herne gibt es Barockoper auf höchstem Niveau. Dass die Handlung des Stückes mehr als fragwürdig ist, kann den musikalischen Genuss nicht stören. Thomas Molke/ mmo mit Dank and den Autor

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In Wexford 2023: Zwei Tenöre im Kampf um die Sopranistin. Gaetano Donizetti kann beim Wexford Festival Opera als eine Art Hauskomponist bezeichnet werden. Seit der Gründung des Festivals im Jahr 1951 standen seine Werke nämlich bisher in insgesamt 17 Spielzeiten als Hauptproduktionen auf dem Spielplan, wobei die kleineren Formate dabei noch gar nicht mitgerechnet sind. Begünstigt wird diese Tatsache natürlich dadurch, dass Donizetti mit seinen rund 70 Opern einen breiten Fundus an größtenteils vergessenen Belcanto-Schätzen hinterlassen hat, den es bei einem Festival, das sich auf unbekannte Opern spezialisiert hat, zu entdecken gilt. Wenn man bedenkt, dass selbst die heute aus dem Standardrepertoire nicht mehr wegzudenkenden komischen Opern L’elisir d’amore und Don Pasquale in Wexford bereits 1952 und 1953 präsentiert wurden, als deren Bekanntheitsgrad noch relativ gering war, kann man dem Festival zu Recht bescheinigen, zur Donizetti-Renaissance einen entscheidenden Beitrag geleistet zu haben.

Donizettis „Zorade di Granata „in Wexford 2023/Szene/Foto Barda

In diesem Jahr stellt man im Rahmen des Mottos „Women and War“ ein Frühwerk des Komponisten aus Bergamo vor, das den Startschuss zu seiner folgenden Karriere gab: Zoraida di Granata. Dabei handelt es sich um Donizettis sechste Oper und die erste, die auch bereits drei Jahre nach der Uraufführung 1822 außerhalb Italiens in Lissabon gespielt wurde. Die Uraufführung stand allerdings unter keinem guten Stern. Kurz vor der Premiere verstarb der für die Partie des Abenamet geplante Tenor Americo Sbigoli an einem geplatzten Blutgefäß. Da es keinen adäquaten Ersatz gab, transponierte Donizetti kurzerhand die Partie für einen Mezzosopran und kürzte sie. Für eine Wiederaufnahme 1824 weitete er die Partie für den Mezzosopran aus, da ihm nun eine bessere Interpretin zur Verfügung stand. Nun präsentiert das Wexford Festival Opera als Koproduktion mit dem Festival Donizetti in Bergamo beide Versionen, wobei in Wexford die ursprünglich geplante Fassung von 1822 mit einem Tenor gespielt wird, die schon vor der Uraufführung abgeändert worden war, und in Bergamo die zweite Fassung von 1824 mit der aufgewerteten Mezzo-Partie zu hören und sehen ist. Ein Vergleich der beiden Versionen dürfte sicherlich lohnenswert sein.

Das Libretto basiert unter anderem auf der historischen Novelle Goncalve de Cordove ou Grenade reconquise von Jean-Pierre Claris de Florian aus dem Jahr 1791. Die Geschichte spielt um 1480, als Granada in Andalusien von den Moslems regiert wurde. Almuzir hat den König von Granada, Zoraidas Vater, getötet und selbst die Macht übernommen. Er möchte Zoraida heiraten, hat jedoch in Abenamet, einem getreuen Gefolgsmann des verstorbenen Königs, einen Rivalen um die Gunst der Prinzessin. Nachdem er Abenamet zunächst ins Gefängnis gebracht hat, plant er, ihn mit einer Intrige zu beseitigen. Im Kampf gegen die angreifenden Spanier soll Abenamet die arabischen Truppen anführen und dabei die Fahne führen. Sollte er sie verlieren, werde er mit dem Tode bestraft. Mit Hilfe seines Dieners Ali Zegri sorgt Almuzir jedoch dafür, dass Abenamet trotz siegreicher Rückkehr die Fahne verliert und zum Tode verurteilt wird. Zoraida erklärt sich bereit, Almuzir zu heiraten, wenn er Abenamet freilässt. Dies versteht Abenamet jedoch falsch und hält Zoraida für untreu. Als sie ihm ihre Liebe gesteht und gemeinsam mit ihm fliehen will, werden sie von Ali Zegri überrascht. Abenamet kann fliehen, aber nun soll Zoraida hingerichtet werden. In letzter Sekunde kann Abenamet sie vor dem Tod retten und die Intrige aufklären. Als er sich anschließend schützend vor Almuzir stellt, bereut dieser seine Taten und stimmt der Hochzeit zwischen Zoraida und Abenamet zu.

Donizettis „Zorade di Granata „in Wexford 2023/Szene/Foto Barda

Das Regie-Team um Bruno Ravella verzichtet auf einen religiösen Bezug in der Inszenierung und betrachtet die Geschichte universeller. Im Zentrum steht das Liebesdreieck Abenamet – Zoraida – Almuzir, das unabhängig von der politischen Orientierung oder ethnischen Zugehörigkeit ist. Deswegen wählt Gary McCann für die Figuren auch moderne Kostüme, die bei Zoraida in den Farben eine große Ausdruckskraft besitzen. Zunächst trägt sie ein Kleid in sattem Blau. Wenn sie dem gefangenen Abenamet als Vision in seinen Träumen erscheint, tritt sie barfuß in weißem Kleid auf und erinnert an eine Art Geist. Als sie am Ende verbrannt werden soll, trägt sie ebenfalls ein weißes Kleid, um ihre Unschuld zu unterstreichen. Als Kulisse wählt McCann eine verfallene Burg, die in der Gestaltung durchaus aus der Zeit stammen könnte, in der die Geschichte spielt. Die zahlreichen Steine auf dem Boden deuten an, dass das Gebäude vielleicht Opfer eines Angriffs geworden ist. Von der Decke hängt ein zunächst undefinierbares schwarzes Gerüst herab, das sich in den großen Szenen von Abenamet und Zoraida auf diese herabsenkt und dabei fast wie ein Spinnennetz wirkt. Erst am Ende wird klar, dass es sich hierbei um ein buntes Fenster gehandelt hat, das ebenfalls bei einem Angriff zerstört worden ist. Wenn Zoraida und Abenamet am Ende doch noch zusammenkommen und Almuzir seine Schandtaten bereut, wird dieses Fenster in neuer Form aus dem Schnürboden herabgelassen. Soll das die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bedeuten?
Als zusätzliche Figuren fügt Ravella zwei Tänzerinnen ein, deren Sinn sich nicht wirklich erschließt. Sind sie dem Motto des Festivals, „Women and War“, geschuldet, weil Ravella vielleicht der Meinung war, dass die Frauen in diesem Stück mit Zoraida und ihrer Dienerin Ines unterrepräsentiert sind? Sollen es Dopplungen von Zoraida und Ines sein, weil sie zumindest ähnlich gekleidet sind? Dagegen spricht, dass sie beim lieto fine zu zwei Soldaten aus dem Chor gehen und mit ihnen zwei weitere Paare auf der Bühne bilden. Ansonsten erzählt Ravella die Geschichte in einer stringenten Personenregie und verfügt dafür auch über eine großartige Besetzung.
Musikalisch ist die Oper sehr anspruchsvoll. Bei der Partie des Abenamet verwundert es nicht, dass Donizetti bei dem Tod des eingeplanten Tenors nicht sofort einen Ersatz zur Verfügung hatte. Matteo Mezzaro verfügt als Abenamet über einen in der Mittellage sehr kräftigen Tenor, der in den Höhen jedoch stellenweise etwas abflacht. Besonders die Übergänge machen ihm Schwierigkeiten. Wenn er sich nur in der höheren Stimmlage bewegen kann, besitzt sein Tenor eine große Strahlkraft. Vielleicht hätte man hier aber doch lieber einen Mezzosopran als Hosenrolle wie bei der Uraufführung 1822 gehört. Konu Kim glänzt als Bösewicht Almuzir mit stählernem Tenor und atemberaubenden Höhen, die er auch ohne scheinbare Anstrengung trifft, wenn er mitten in einer Arie auf einen Tisch klettert. Wie Almuzirs Charakter ist auch die Gesangslinie sehr hart angesetzt, was Kim absolut glaubhaft umsetzt. Julian Henao Gonzalez lässt als Abenamets Vertrauter Almanzor mit beweglichem, weichem Tenor aufhorchen, und Matteo Guerzè punktet als weiterer Bösewicht Ali Zegri mit schwarzen Tiefen.
Einen weiteren musikalischen Höhepunkt bilden die beiden Frauen. Da ist zunächst Claudia Boyle zu nennen, die in der Titelpartie begeistert. Mit strahlenden Höhen unterstreicht sie Zoraidas treue Liebe zu Abenamet und gestaltet die Partie mit großen dramatischen Bögen. In ihrer Musik sind bereits zahlreiche Donizetti-Heroinen angelegt, die in den weiteren ernsten Werken folgen sollten, nur dass ihr im Gegensatz zu Lucia, Anna Bolena und Lucrezia Borgia ein glückliches Ende bleibt. Auf dieses muss man aber in der Oper recht lange warten. Die Musik ist zwar wunderschön, hat aber bei einer reinen Spielzeit von gut drei Stunden durchaus ihre Längen. Rachel Croash glänzt als Zoraidas Vertraute Ines ebenfalls mit leuchtendem Sopran. Der Herrenchor unter der Leitung von Andrew Synnott rundet die sängerische Leistung des Abends überzeugend ab. Diego Ceretta führt das Orchester der Wexford Festival Opera mit präziser Hand durch die melodienreiche Partitur, so dass es am Ende begeisterten Applaus für alle Beteiligten gibt.
Mit Zoraida di Granata hat das Wexford Festival Opera wieder eine echte Rarität für Belcanto-Fans ausgegraben. Spätestens jetzt ist man neugierig geworden auf Donizettis zweite Fassung des Stückes, die 2024 in der gleichen Inszenierung in Bergamo zu erleben sein wird. Thomas Molke in Online Music Magazin mit Dank!

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Teatro Regio di Parma: Festival Verdi 2023 mit I lombardi alla prima crociata, Falstaff, Il trovatore, Requiem: Zum 23. mal hängen die Verdi-Plakate in allen Salumerien, Pasticcerien und an den Straßenlampen, rüstet sich Parma mit viel Beiprogrammen, Verdi Off-Aktivitäten und zentralen Aufführungen im Teatro Regio, um in der hochattraktiven Touristenzeit von Mitte September bis Mitte Oktober den berühmten Sohn der Stadt zu ehren, dessen Geburtstag auf den 10. Oktober fällt. Der bis 2022 als Direttore generale, aber auch als künstlerische Leiterin des Festival Verdi fungierenden Anna Maria Meo war es zuletzt  gelungen, dem Festival, das mehrfach Anläufe genommen und sich neu erfinden wollte, mit einem packenden künstlerischen Profil  internationales Ansehen zu verleihen. Ausgebremst wurde sie ein bisschen durch die letzten Corona-Jahre. Der 68jährige Alessio Vlad, der ihr jetzt nachfolgte, trat kein leichtes Erbe an. Mit I lombardi alla prima crociata, vielerorts eine Rarität, in Parma aber zuletzt 2003 und 2009 gegeben, Il trovatore, dazu Falstaff im Teatro Verdi in Busseto sowie konzertanten Aufführungen von Nabucco in Fidenza wirkt das Programm geradezu lieblos. Das Teatro Magnani in Fidenza wurde im letzten Jahr erstmals im Rahmen des Festivals mit einer Produktion des Trovatore bespielt, weshalb ein neuerlicher, zwar neu inszenierter Trovatore in Parma entbehrlich erscheint, wo man sich zudem noch gut an den französischen Trouvère in der Robert Wilson-Inszenierung im gigantischen Teatro Farnese erinnert.

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Verdi Festival Parma 2023:/“I Lombardi“/Szene/Foto Ricci

Die Eröffnung mit den Lombardi war ein Anstandserfolg. Mehr nicht (21. September). Die Verpflichtung von Pier Luigi Pizzi, mit den ihn eine enge künstlerische Zusammenarbeit verband, war möglicherweise eine erste Tat des künstlerischen Leiters. Nachdem im Vorjahr der knapp 80jährige Yannis Kokkos La forza del destino inszeniert hatte, kam mit Pizzi somit ein weiterer Groß- und Altmeister des italienischen Theaters zum Zug, der die Opern- und Schauspielbühnen der Halbinsel seit einem halben Jahrhundert dominiert. Seit den Martyrs 1978 in Venedig kam man an seinen Arbeiten bei keiner wichtigen Produktion in Pesaro, Florenz, Rom und an der Scala vorbei. Sechsmal hat er die Aida gemacht, viermal die Traviata, nun zum ersten Mal I lombardi – alles liege in der Musik, sagt er. Der Dirigent Francesco Lanzilotta pflichtet heftig bei. Also treten zu Beginn einzelne Musiker auf die offene, von einer Kreisscheibe dominierte Bühne, auf der Pizzi seine Schwelgereien in Schwarz und Weiß und in gemischten Grautönen in den Kostümen und zart webenden Videos ausbreitet.  (…)

Verdis vierte Oper ist ziemlich verfahren. Bedeutende Musikwissenschaftler haben vernichtende Urteile gefällt. Und tatsächlich lässt es sich kaum nacherzählen, was Temistocle Solera auf der Basis einer gleichnamigen Dichtung von Tommaso Grossi  zusammengeschrieben hat. Deutlich ist, dass unbedingt der Erfolg des Nabucco  wiederholt werden sollte. Nach dem erfolgreichen Oberto und dem glücklosen Un giorno di regno wollte Verdi bereits aufgeben und seinen nach Oberto über drei weitere Opern abgeschlossenen Vertrag aufkündigen, als sich mit dem Nabucco das Blatt wendete. In I lombardi entwirft er neuerlich ein patriotisches Seelengemälde, dessen zentrales Moment der Chor im vierten Akt „O Signore dal tetto natio“ ist, der mit seiner Sehnsucht nach der Heimat ein direktes Remake des Nabucco-Chores ist. Soleras knallig kurze Verse, seine lodernde Emphase und Leidenschaft geben dem Stück eine Aura, die die krude Geschichte irgendwie zusammenhält. Dem entspricht Verdis Musik. Natürlich ist sie leidenschaftlich wie im Nabucco, aber im zweiten und dritten Akt auch konventionell und langatmig. Spürbar ist der Drang nach großen einheitlichen Musikformen beispielsweise im anfänglichen Quintett à la Rossini, das die Handlung ballt und voranbringt. Auch das zweite Finale ist spannend entworfen. Giselda ist zwar für eine leichtere Stimme konzipiert, die der Erminia Frezzolini, doch so ganz kann Verdi trotz der engelsgleichen Lyrismen seine Abigaille nicht vergessen und so drängt sich die junge Frau mit heftiger Attacke in die Glaubenkriege, beispielsweise mit ihrer Cabaletta im zweiten Finale, wo sie deutlich macht, das Gott dieses Blutvergießen nicht wolle, „Dio nol’ vuole, no, no“.

Die 27jährige Russini Lidia Fridman hatte 2019 ihren Durchbruch mit der von Pizzi inszenierten Ecuba von Manfroce in Martina Franca sowie mit Donizettis L’ange de Nisida in Bergamo. Pizzi setzt sie in geschraubten Bewegungen und erstarrten Posen wie eine mittelalterliche Madonna in Szene, die in kunstvoll versteckten schwarzen Fußgamaschen und dem gut anliegenden weißen Kleid über die Bühne gleitet. Fridmans dunkel opaker Sopran gefällt nicht auf Anhieb. Das Timbre wirkt wenig gefällig und die Delikatesse, die das Gebet im ersten bzw. die Vision im vierten Akt verlangen, sind eher herb als süß, aber Fridman versteht es durch Attacke, gestalterische Klugheit sowie klangüppige Brillanz zu faszinieren, wenngleich die Vollhöhe mitunter ziemlich scharf wird. Das hat aber unbedingt großes Format. Die zweite zentrale Partie ist der Vatermörder und ruchlose Intrigant Pagano, eine Jago-Vorwegnahme, die (wie schon 2003) Michele Pertusi mit seinem festen und hellen Bass sicher sang, ohne dafür das nötige Gewicht und die sängerische Kraft aufzubringen. Die schöne Tenorarie „La mia letizia infondere“ gehört Oronte. Antonio Poli schmetterte sie mit ungefährdeter Emphase und gesundem, lautem Ton, ohne dass sie ihm so raffiniert abschattiert gelingt wie er es wohl gerne hätte. Dass er auch um Feinheiten weiß, zeigte er im abschließenden „Come poteva un angelo“-Teil. Ganz ausgezeichnet war Antonio Corianò, der sich mit trompetenhaft durchdringendem Tenor als heldischer Kreuzfahrer und Vater Arvino vorteilhaft in Szene setzte. Mit profiliertem Bass Luca Dell’Amico als seine Gefolgsmann Pirro. Dass der oben erwähnte Chor-Schlager im vierten Akt trotz des vortrefflichen Chors des Teatro Regio nicht so richtig mitriss, lag an einer gewissen Ermüdung im Auditorium. Gewiss nicht an dem wackeren Francesco Lanzilotta, der sein Festival-Debüt im Rollstuhl absolvierte und den Chor und die Filarmonica Arturo Toscanini heftig befeuerte. Hochästhetisch auch diesmal die geschmäcklerischen Bilder und Szenen von Pizzi, die, vielmal erlebt, doch immer wieder neue Details und technische Tricks offenbaren. Auf diese Weise versetzte er seine Chormassen im Handumdrehen in unterschiedliche Landschaften und Hallen, zoomt Kreuzgänge, Orgelaufbauten, das Laub der Olivenbäume, Höhlen und Stadtansichten heran. Das ist hübsch, aber auch abgegriffenes Kunsthandwerk, so  wie die Auftritte der Instrumentalisten auf der Bühne, wozu auch die Geigerin mit ihrem Solo im dritten Akt und die Harfenistin für Giseldas Traumszene im vierten Akt gehörten, sowie schließlich im Finale der Griff in die Zuckertüte des Kitsches mit dem Kinderpaar und den gegenseitigen Umarmungen aller Beteiligten.

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Verdi Festival Parma 2023:/“Falstaff“/Szene/Foto Ricci

Den Gegenentwurf zu Pizzis gefälliger Bühnenkunst stellt die Trovatore-Inszenierung des Davide Livermore dar (24. September), den man als enfant terrible der italienischen Kulturszene beschreiben könnte, wäre er mit seinen 57 Jahren, mehreren Scala-Spielzeiteröffnungen und Theaterleitungen in seiner Geburtsstadt Turin und in Genua nicht längst zu arriviert und selbstzufrieden. Das gilt auch für sein Theater, in dem sich digitale und analoge Spielweisen zu neuen Bühnenwelten vermischen. Ideale Voraussetzungen, um dem notorisch ungelenken Il trovatore auf die Beine zu helfen, dessen Libretto Salvadore Cammarano nach dem Drama El Trovador des Spaniers Antonio Garcia Gutiérrez verfasst hat. Livermore hat dazu neben Bühnenbildner (Giò Forma) und Kostümbildnerin (Anna Verde), einem weiteren Mitarbeiter (Carlo SciaccalugaI und Licht-Techniker (Antonio Castro) auch wieder die Design-Company D-Wok mitgebracht, mit der er vielfach an der Scala gearbeitet und den Trovatore  im Vorjahr auch in Sydney herausbrachte hatte. In Parma erwies sich die Produktion von bestürzender Bedeutungslosigkeit. Zwischen Förderturm und modernen Bürokomplexen, maroden Brücken und Fabrikruinen, prasselt ein wütendes Feuer, stieben unentwegt Funken in den Himmel wie Leuchtwürmchen, ballen sich Wolken dräuend zusammen. Es ist offenbar ein gefährlicher Ort, wo Ferrando die Geschichte der beiden getrennten Grafensöhne erzählt: der eine mittlerweile ein mit Handy fuchtelnder Manager, der andere ein großer Hirtenjunge aus dem Märchenbuch. Ein paar Jongleure, Gaukler und Feuerartisten aus dem in weiter Ferne zu erahnenden Rummelplatz mischen sich unter die schwarzen Gesellen. Azucena und ihr munterer Akrobatentrupp hausen tatsächlich in einem Zirkus, dessen schäbige weiß-rote Schönheit aus einem verblichenen Bilderbuch des Wes Anderson stammen könnte. Dass die kaputte Welt des Grafen Luna und das an sich auch nicht sehr lustige Zirkusleben der Azucena und des Manrico nicht zusammenfinden, ist klar. Am Ende sind fast nur Tote auf der Bühne und die sich auf die schwarzen Schergen stürzenden Künstler und Artisten scheinen, so vielleicht die Idee des Davide Livermore, die Herrschaft zu übernehmen. Gespielt wird unverfälschtes Rampentheater, hatten doch die Sydney-Schnipsel gezeigt, wie eine an sich rasante Show an den Gegebenheiten der Oper, sprich deren monströs ungefügen Darsteller abprallt. Teils großartige Video-Realitäten, davor aber steifes Stehtheater, das sich nur bei Leonoras Entführung aus dem von Nonnen betreuten Krankensaal etwas belebter zeigt – großes Buhgeschrei. Leider fehlte in diesem Jahr ein erster Maestro am Pult. Francesco Ivan Ciampa, der Chor und Orchester aus Bologna leitete, konnte den Mangel an gestalterische Autorität nicht ausgleichen, setzte auf rhythmische Attacke, vermied große Bögen und atmete nicht mit den Sängern. Francesca Dotto, als Violetta vor Jahren in Venedig in unguter Erinnerung, hat mit schlechter Höhe, flacher Stimme und netter Erscheinung wenig für die Leonora beizutragen. Eine Fehlbesetzung ist auch Franco Vassallo, der für den Luna nicht mehr genügend Kraft, Farben und Linie aufbringt. Ein sehr prosaischer Interpret ist Riccardo Massi, der den Troubadour sauber und mit angenehmer Weichheit sang, aber kaum auffällt. Markant und auffahrend Roberto Tagliavinis mächtiger Ferrando. Der traurige Abend lohnte wegen der grandiosen Azucena der Clementine Margaine, die ihrer mit Würde und Wärme gezeichneten Zigeunerin neben der stimmlichen Wucht ihres hellen Mezzosoprans und einem sicheren C  auch vokale Eleganz und Virtuosität verlieh, aber auch ein trotziges Italienisch sang.

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Verdi Festival Parma 2023:/“Il Trovatore“/Szene/Foto Ricci

Ungetrübtes Vergnügen bereiten die Aufführungen im kleinen Teatro Verdi in Busseto. Der Reiz des Ortes ist bezwingend. Hier ging Zeffirellis Aida über die kleine Bühne – ich frage mich im Nachhinein immer noch, wie der Zauber vonstatten ging – ebenso wie der recht überschaubare Un giorno di regno. Die Oper für Busseto ist aber Falstaff. Toscanini hat ihn hier dirigiert, auch Riccardo Muti anlässlich von Verdis hundertstem Todestag 2001. In diesem Jahr hat ihn Alessandro Palumbo, völlig unnötigerweise eigentlich, für 13 Instrumente eingedampft. Die Kammerfassung für Streicher und Bläser sowie Klavier wurde von den Bläsern von La Toscanini sowie einem Streichquintett der Kiew Virtuosi übernommen, die in dieser Saison eine künstlerische Zusammenarbeit mit dem Parma-Orchester verbindet. Das Arrangement lässt kaum etwas von den funkelnden Farben und der geschliffenen Wort-Ton-Akrobatik vermissen, mit der Verdi Situationen entwarf und durch gestischen Wortwitz festzurrte. Palumbo dirigierte mit großer Vehemenz und Verve, bei der Verdis Altersweisheit und Melancholie ein wenig auf der Strecke bleiben (22. September). Das Ergebnis war dennoch überwältigend. Franco Vassallo spielte in der Titelrolle die Vorzüge einer Bariton-Besetzung aus, d.h. eine tragfähige Höhe, sichere, pointierte kleine Noten und enorme Durchschlagskraft, die allerdings im Lauf des Abends nachließ. Ilaria Alida Quilico, im Vorjahr noch die Troubadour-Ines, sang eine Alice voll silbriger Lebendigkeit und energischem Nachdruck, durch außergewöhnliche Klangschönheit und erlesenen Ziergesang ließ Veronica Marinis Nannetta im Elfengesang sozusagen die Zeit anhalten. Mit einem standfesten Tenor, der zu größeren Aufgaben drängt, machte der ukrainische, in Mainz engagierte Tenor Vasyl Solodkyy als Fenton nachdrücklich auf sich aufmerksam. Mit dem ewigen Cajus des unermüdlichen Gregory Bonfatti, den beiden auftrumpfenden Roberto Covatta und Andrea Pelegrini als Bardolfo und Pistola, der erdig fahlen singsprechenden Adriana Di Paola als Quickly und der vordrängenden Shaked Bar als Meg Page versammelte sich ein vorzügliches Ensemble, dessen dunkler Fleck der knödelig schwache Andrea Borghini als Ford war.

Regisseur Manuel Renga, der im Vorjahr die Donizetti-Rarität Chiara e Serafina in Bergamo als Piratenspielerei aufgedröselt hatte, kreierte ein intelligent austariertes Kammerspiel, in dem er mittels filmischer Blenden immer wieder das Geschehen auf einzelne Figuren zentrierte und einen straffen Wechsel der Schauplätze bewerkstelligte. Er zeigt ein zeitlich nicht genau zu fixierendes England aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das seine Mitstreiter Aurelio Colombo, Giorgio Azzone und Giorgio Morelli (Kostüme, Bühnenbild, Licht) auf die kleine Bühne und Vorderbühne hievten: die Herren tragen ihre Garderobe aus der Vorkriegszeit auf, während die Damen mit den Karomuster der 1950er Jahren der neuen Zeit huldigen. Ein paar Tische und Stühle, ein Paravent, ein Schaukelstuhl und ein Wäschekorb, viel mehr braucht es nicht, um vor den gewöhnungsbedürftigen Nachkriegstapeten die unterschiedlichen Orte anzudeuten. Die Frauen tanzen sozusagen auf den Tischen, an denen sich die Herren zum Essen niederlassen. Ein bisschen Show muss auch sein. Falstaff vervollständigt für sein Stelldichein im Hause Ford sein schütteres Haar nicht nur durch ein auffällig helles Kunstteil, sondern schlüpft in seinen Frack, der ihn zu einem Conferencier macht, der bessere Zeiten erlebt hat. Für Music Hall-Atmosphäre sorgt zudem kurzzeitig die Travestienummer der tanzenden Diener. Im Wald in Windsor geht es schließlich wie auf einer Abendgesellschaft am Eaton Place zu, zumindest die Damen dominieren in langen Glitzerkleidern und Feder im Haar und leuchten mit den zahlreichen auch im Zuschauerraum verteilten Tischlampen Falstaff, ihren Männern, aber auch den Zuschauern heim.

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Verdi Festival Parma 2023:/Messa da Requiem“/Szene/Foto Ricci

Mit Spannung wurde das Debüt der Oksana Lyniv beim Festival erwartet, die mit ihrem Orchestra des Teatro Comunale di Bologna und den vereinten Opernchören von Bologna und Parma die Aufführung der Messa da Requiem dirigierte (23.9.). Lyniv präsentierte, wie zu erwarten war, eine straffe, alerte Aufführung, die neben aller schlagtechnischen Bravour, etwa im Doppelchor des „Sanctus“, auch Momente echter Religiosität oder Spiritualität zeigte. Da kann vieles noch reifen, doch das „Libera Me“ gelang mit starker Überzeugungskraft, was auch an Federica Lombardi lag, die sich einmal mehr als eine der schönsten und packendsten jüngeren Sopranstimmen Italiens erwies. Weniger überzeugend fand ich den auf altmodisch verschwenderische Weise tenoral prunkenden, doch recht phlegmatischen Freddie De Tommaso. Dagegen vermittelten Daniela Barcellona mit nun schon stumpfer Tiefe und der routinierte Michele Pertusi den Ernst des Werkes. Rolf Fath

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Musikfest Berlin: Les Troyens von Hector Berlioz, konzertant: „So hab´ich das noch nie gehört!“ pflegte die Berliner Schauspielerin Elsa Wagner nach einem musikalischen Abend zu sagen – sie meinte es ambivalent, um sich nicht äußern zu müssen. Aber mein Verdikt ist ein absolut Affirmatives nach diesem mich zutiefst erschütternden Abend in der Berliner Philharmonie am 1. September (2023), vor dem mich die laue Frühherbstluft in keiner Weise auf ein solches Erlebnis vorbereitet hatte. Im Gegenteil: Die Aussicht auf 5 Stunden Ausharren auf einem der mäßig bequemen Philharmonie-Sitze ließen mich eher etwas verhalten in den Kunsttempel treten – zu einem Erlebnis, das mich auch am Tage danach verfolgt und durch einander bringt.

In den letzten zwanzig Jahren habe ich nicht einen so unterschiedlich eindrucksvollen, verstörenden Abend erlebt. Die schieren Klang-Massen der ersten beiden Akte, diese bedrohlich-militanten Töne des mit vielen „originalen“ Instrumenten versehenen Orchesters bei der Vernichtung Trojas ließen das Werk für mich überzeugend modern erstehen. Die ganze Furchtbarkeit des Krieges, der Eroberung, des brutalen Massakrierens, auch der falschen Freude einer sich dem Wahn hingebenden Bevölkerung, der grelle vergebliche Ruf der Seherin als warnende Botin, der Massen-Selbstmord der Frauen lassen beängstigende Assoziationen zum Gegenwärtigen aufkommen. Im Kontrast sind die folgenden (3 – 5) eher im scheinbar Idyllischen, Sanften zu Hause, in das die harsche Welt des Krieges immer wieder eindringt. Selbst im himmlisch vorbereiteten Quintett vor der „Nuit d´ivresse“ erinnert die Pauke nicht nur an das – an die Küsten Nordafrikas schlagende – Meer der tropischen Nacht, sondern auch an den nahenden Abschied Aeneas´ (einschließlich kriegerischer Eroberung Italiens) und an den von Didon beschworenen Untergang Karthagos.

„Les Troyens“ von Hector Berlioz beim Musikfest Berlin 2023: der junge Dirigent Dinis Sousa/ Foto c.Fabian Schellhorn/Berliner Musikfest

Was für ist das für eine Komposition, was für eine unendlich facettenreiche Oper – einer wahre Kopf-Oper eines Genies, die eigentlich nicht auf die Bühne zubringen ist und die – wie nun in Berlin (vorher in Côte-Saint-André und Salzburg, dann noch bei dem Londoner Proms) – nur ideal so als semikonzertante Präsentation zu bewältigen ist. Ich hätte auf manches dieser halbszenischen Einlagen verzichten können (was mich gelegentlich lächelnd an meine Studentenbühnen-Aktivitäten erinnerte), aber diese Oper endlich wieder mit einem solchen Superorchester über die Knochen zu hören, die Handlung weitgehend gut kommentiert umgesetzt zu sehen und dies als kaum störend zu empfinden, war doch eine Wohltat angesichts der vielen zuletzt gesehenen szenischen Scheußlichkeiten, die Opern wie diese klein und kleinbürgerlich machen. Denn kleinbürgerlich sind die Troyens nun gewiss nicht. Im Gegenteil: Sie sind ein genialer Geschichts- und Lebens-Entwurf, der seines gleichen sucht.

Und wie vielfältig ist sie, diese Oper. Wird man in den ersten beiden Akten mit der Grauenhaftigkeit des Krieges konfrontiert, so begegnet man in den Mittelakten der todgeweihten Liebe zweier Großer mit vielen, wunderbaren, erotischen ebenso wie agogischen Einlagen, jeder Menge Arien und Duetten/Ensembles, herzzerreißenden Emotionen ebenso wie großen Gesten der Gastfreundschaft und Menschlichkeit. Wären da nicht mal wieder die Götter, die als Vergegenständlichung des Schicksals (oder der Historie) die Liebenden wieder auseinanderreißen, das unerbittliche Leben selbst. Immerhin sind wir denn doch im 19. Jahrhunderts von Berlioz.

„Les Troyens“ von Hector Berlioz/ Paula Murrihy und Michael Spyres in der zuvorigen Aufführung beim Berlioz-Festival von Côte-St-André 2023/ Foto Bruno Moussier

All dies in einem Kaleidoskop an Klang-Massen, an Klang-Rausch ebenso wie verstörenden Klang-Farben und Klang-Dynamiken. Ich habe noch nie die erwähnte Pauke im Quintett des 4. Aktes bewusst gehört, noch nie die grellen Piccoli so  im Ballett (dto.), noch nie diese eigenartige, scharfe Akzente setzende  Metall-Klapper bemerkt und noch nie so fetzig die abschließende Ballet-Sequenz der „eingeborenen“ Nubier (wo in Côte-Saint-André die Sängerin der Anna bei Ausbleiben der geplanten Tänzer einsprang und eine bejubelte Einlage hinlegte). Mann, hatte das einen Drive!

Der junge Dirigent Dinis Susa holte (nun sans Gardiner) aus dem Orchestre revolutionaire et romantique Farben und Nuancen heraus, die ich vorher noch nie so in diesem Werk wahrgenommen habe (und ich bin in der glücklichen Lage auf wirklich recht viele Live-Trojaner zurückblicken zu können). Seine Holz-und Blechbläser schufen Klang-Gemälde von packender Wirkung, sein Monteverdi Choir ließ namentlich in Akt 1 und 2, aber auch zu Beginn von Akt 3 und am Schluss als Pluto-Chor die Halle so beben, dass man gelegentlich um sein Gehör bangte. Dieser sehr obertonreiche Klang grenzte gelegentlich ans Aggressive, fast Unerträgliche – im gelungenen Wechsel zu fast walzerartigen Tanzeinlagen oder himmlischen, auch erotischen Streicherpassagen. Ein Wechsel-Bad der Eindrücke, die das mit interessanten Originalklang-Instrumenten besetzte Orchester immer wieder vermittelte.

Es wurde natürlich auch gesungen! Und weitgehend überragend an diesem – bis auf eine Ausnahme – anglo-amerikanischen Abend. Die Herren waren allesamt auf absolut höchstem Niveau. Allein einen Tenor wie Michael Spyres zu erleben, war schon den Besuch wert. Er sang (weitgehend) unangefochten, sein Auftritt „Reine, je suis Enée“ setzte Elektroschocks frei. Sein Forte liegt im Heldischen – so in seinen Soloszenen im 1. und 5. Akt – vielleicht eher als im Liebenden des Duettes zuvor (wo die etwas unglückliche Gürtel-Gewandung nicht wirklich den Sohn der Venus und „des schönen Anchises“ der hervorragenden Übertitel suggerierte … und ganz subjektiv finde ich Roberto Alagna in der Partie attraktiver, erotischer, lyrischer, auch mit der – für mich – schöneren Stimme, wie zuletzt in den Troyens an der DOB 2014). Spyres´ Aeneas ist ein Kriegsheld, ein Eroberer, sowohl Didos wie auch Roms. Darin liegt auch die Tragik der Figur.

„Les Troyens“ von Hector Berlioz beim Musikfest Berlin 2023:/ Akt 3/ Foto c._Fabian Schellhorn/Berliner Musikfest

Daneben überraschte Alex Rosen, der für seinen (angeblich) geohrfeigten Kollegen als Narbal und als (hocheindrucksvoller) Pluto eingesprungen und sich nicht zu schade war, in weiteren kleinen Partien seine außerordentlich fulminante Bass-Stimme (scheinbar ohne jegliche Begrenzung in beiden Richtungen) voller sonorer Schönheit und individueller Farbe zu glänzen: Was für eine Stimme! Und gut sieht er auch noch aus.

Die übrigen muss man lobend aufzählen: Lionel Lhote (renommierter Sänger aus Frankreich), Graham Neale, Sam Evans und vor allem auch der junge Laurence Kilsby doublierend als Iopas und Hylas (es war rührend zu erleben, wie der gestandene Spyres seinen Kollegen bei dessen schwierigen hohen Noten als Iopas zulächelte, was für eine nette Geste!).

Bis auf die interessante schottische Mezzosopranistin Beth Taylor, die bereits in Berlin als Rossinis Arsace Furore gemacht hatte und nun als sehr spielfreudig-präsente, dunkel-brustig-stimmige Anna noch einmal die Aufmerksamkeit auf sich zog, und die bezaubernde junge Adèle Charvet als Ascanio mit sehr hübscher Stimme vermittelten die beiden weiblichen Eck-Säulen der Oper gemischtes Glück, wie so oft in den Besetzungen für dieses Werk. Alice Coote zeichnete mit ihrer Elektra-Stimme zwar ein wirklich packendes Porträt der vor Schrecken halb-wahnsinnigen Cassandra. Aber sie war mir wirklich zu grell, zu hässlich in der Stimme, die unter Druck doch die Grenzen des Erträglichen streifte, was sicher nicht die Absicht der Sängerin, sondern den Zustand ihrer Stimme beschrieb. Ich fühlte mit Chorebus und der trojanischen Hof-Gesellschaft …

Alex Rosen sang als Einspringer beim Musikfest Berlin 2023 den beeindruckenden Narbal/Hector/Pluto in  den „Troyens“ von Hector Berlioz/ Foto Kristin Hoebermann/Salzburger Festspiele

Didon war Paula Murrihy, mir bis dahin unbekannt. Ich würde sie, bei aller Hochachtung vor ihrer physischen Leistung, eher als Figaro-Contessa einsetzen denn als heroische, mythische Opernfigur. Vieles war ihr einfach zu groß, oder andersherum, für vieles war ihr recht kleiner Sopran (mezzo-ischer Farbe) einfach nicht ausreichend, schon gar nicht für das Finale. Wie bei allen anderen war ihre Diktion beispielhaft, wirklich exemplarisch, aber bei ihr ging zu viel in der Tonproduktion unter, und stellenweise hörte man sie auch nicht. Und auch optisch gab sie als Königin von Karthago nicht viel her (dass ist jetzt ein bisschen gemein, aber es war eine halbszenische Aufführung– ich machte im diskret-unterkühlten Liebesduett lieber die Augen zu und gab mich dem Klang hin, das Leben ist eben nicht Holywood).

Star war aber vor allem der junge, langbeinig-attraktive Dirigent Dinis Sousa am Pult des genannten Klangkörpers, der unglaublich fetzige Tempi vorlegte, wo gefordert, auch mal breit ausmusizierte (wie in den Liebes-Szenen), der wie bereits erwähnt aus der Musik (für mich) absolut Ungehörtes herausholte und sicher nicht nur mir einen nachhaltig-bewegenden Abend bereitete. „So hab´ ich das noch nie gehört!“ In der Tat, hab´ ich wirklich nicht. Geerd Heinsen

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PS.: Für Interessierte werden in Deutschlandfunk Kultur von den BBC Proms die dortigen Aufführungen von A1 – A2 am 22. September und A3 – 5 am 23. September 2023 übertragen; und nochmal ein Kompliment an die gute Pressearbeit des Musikfestes Berlin bereits im Vorfeld.

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Il Bel Canto Ritrovato Festival im Teatro Sperimentale, Pesaro: Luigi Riccis komische Oper Il birraio di Preston (Der Bierbrauer von Preston). 1997 veröffentlichte Andrea Camilleri, der sizilianische Schriftsteller und Autor der äußerst beliebten Krimireihe um Inspektor Montalbano, einen Roman mit dem Titel Il birraio di Preston, in dessen Mittelpunkt ein Ereignis in Camilleris fiktivem Vigàta in den 1870er Jahren nach der Einigung Italiens steht. Die Bevölkerung ist verärgert, weil die neue nationale Regierung einen Präfekten, Eugenio Bortuzzi, einen Florentiner, in die Stadt entsandt hat. Bortuzzi hat ein neues Opernhaus errichten lassen und zur Einweihung eine Oper, Il birraio di Preston von Luigi Ricci, ausgewählt, die 1847 in Florenz uraufgeführt wurde. Die konservative Bevölkerung ist wütend darüber, dass ein „Ausländer“, ein Florentiner, den Sizilianern florentinische Musik aufzwingt, buht die Darsteller aus und brennt das Haus während der Aufführung nieder. Der Vorfall ereignete sich tatsächlich in der sizilianischen Stadt Caltanisetta und bildet den Dreh- und Angelpunkt von Camilleris faszinierendem, komisch-sardonischem Roman.

Dabei erfahren wir viel über die Oper im Italien der 1870er Jahre, einschließlich der Kontroverse zwischen Wagners Musik und der einheimischen italienischen Oper. Luigi Riccis Oper wird zum Symbol für alles, was die Sizilianer an der neuen nationalen Regierung, die sich ihren Traditionen aufzwingt, nicht mochten. Die Tatsache, dass der Roman Riccis Titel aufgreift, scheint Teil der Ironie zu sein, die in Camilleri allgegenwärtig ist, da es in dem Roman nicht wirklich um Il birraio di Preston geht, sondern um die sizilianische Haltung und den Unmut gegenüber einer fernen, zentralisierten Regierung. Es gibt keinen Grund, warum die Sizilianer Riccis Oper verschmähen sollten, auch wenn sie in Florenz uraufgeführt wurde, denn Luigi Ricci war wie sein Bruder Federico ein gebürtiger Neapolitaner, der aus demselben Königreich der beiden Sizilien stammte, das über den größten Teil Süditaliens, einschließlich Siziliens, geherrscht hatte, und Riccis Musik strotzt nur so vor neapolitanischen Melodien.

Luigi Riccis Oper „Il birraio di Preston“ beim Bel Canto Ritrovato Festival 2023/Szene/Foto Angelucci

Bisher schien es, als ob wir Opernliebhaber nie erfahren würden, ob Luigi Riccis Oper so „mittelmäßig“ war, wie die Beschreibung auf dem Romanumschlag behauptet. Obwohl die Brüder Ricci einzeln und zusammen etwa sechzig Opern geschrieben haben und viele von ihnen einst sehr populär waren, ist es heute schwierig, eine Aufführung zu finden. Es war also ein echter Glücksfall, dass das neue nationale Festival Il Bel Canto Ritrovato beschloss, Il birraio di Preston bei seiner zweiten Auflage im August in Pesaro und Umgebung aufzuführen. War es „mittelmäßig“? Nun, die Handlung war ein wenig abgenutzt, aber die Oper strotzte nur so vor wunderbaren Melodien, lebhaften Rhythmen und geschickter Orchestrierung. Es handelt sich nicht um eine komplexe und „ernste“ Komödie wie Verdis Falstaff oder sogar Camilleris Roman, aber es war ein durch und durch vergnüglicher Abend mit viel Spaß und der Entdeckung wertvoller verlorener Werke, die das Festival verspricht.

Die Handlung von Il birraio di Preston (die Oper) dreht sich um eineiige Zwillinge und die Verwirrung, die entsteht, als sie miteinander verwechselt werdenDas Libretto von Francesco Guidi, das auf der Oper Le brasseur de Preston von Adolphe Adam aus dem Jahr 1838 basiert, ist ziemlich vorhersehbar, aber unterhaltsam, mit cleveren Situationen für komische Duette, Trios und Ensembles – und sogar einigen Arien.

Eine Verwechslungskomödie mit eineiigen Zwillingen muss für Luigi Ricci, der den größten Teil seiner zwanzig Jahre mit Zwillingsschwestern zusammenlebte, besonders bedeutsam gewesen sein. Ricci lernte die siebzehnjährigen Stolz-Schwestern Franziska und Ludmilla kennen, als sie seine Gesangsschülerinnen waren. Sie lebten offen in Triest zusammen, bis ein Skandal Ricci dazu zwang, eine Stelle in Odessa anzunehmen, um dort die italienische Oper zu verwalten. Die Schwestern kamen mit, und Ricci schrieb eine Oper (La solitaria delle Asturie) für sie. Zurück in Triest heiratete Luigi Ludmila, trennte sich aber nicht von Franziska, die er Fanny nannte. Um einen Skandal zu vermeiden, zogen sie in ein Haus, das jede Schwester zur Hälfte bewohnte. Aber laut dem scharfsinnigen Chronisten der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts, Bellinis Freund Francisco Florimo, ließ Luigi hinter einem Schrank eine Geheimtür einbauen, die es ihnen – und ihm – ermöglichte, sich problemlos hin und her zu bewegen. Es funktionierte, bis eines Tages eine Primadonna mit ihrem Mann Luigi besuchte. Fanny, die eine unbekannte Frauenstimme hörte, brach in einem Anfall von Eifersucht durch den Schrank und schockierte damit alle. Ludmilla schenkte Luigi bald eine Tochter namens Adelaide, die Sängerin wurde, und ein Jahr später schenkte Fanny ihm einen Sohn, Luigino, der wie sein Vater Komponist wurde.

Opernliebhaber wissen heute vielleicht nicht viel über die Brüder Ricci, aber sie kennen wahrscheinlich die berühmte Tarantella aus Luigis La festa di Piedigrotta, auch wenn sie nicht wissen, dass sie aus einer Ricci-Oper stammt. Diese allgegenwärtige Melodie, die so sehr ein Synonym für italienische (und insbesondere neapolitanische) Musik ist, ist typisch für Luigis Fähigkeit, Musik mit Ohrwurmcharakter zu kreieren. Die Musik von Il birraio ist in diesem Sinne – unermüdlich melodisch, eine Kaskade italienischer Melodien. Im 1. Akt sticht Effys Eingangsarie „La vecchia Magge“ hervor. Die alte Maggie hat der hübschen jungen Effy beigebracht, wie man sich Männern nähert und einen Ehemann findet. Letzteres ist ihr nicht besonders gut gelungen, bis Daniele auftauchte, aber er ist reich, hat einen guten Job und ein gutes Herz, auch wenn er ein bisschen langweilig ist. Die beste Musik gibt es im 2. Akt, mit einer eingängigen Cavatina für Oliviero, einen Tenor, komplett mit ausgelassener Cabaletta („Al furor d’un cor ardente“); Tobias ungewöhnliche Brindisi, „Era Tom un dragone valente“, über einen Soldaten, der „wisky“ für Bier aufgibt; das wunderbare Trio („Or conviene d’un soldato“) zwischen Daniele, Tobia und Effy, als sie beide Daniele „lehren“, wie man ein richtiger Soldat ist; und ein grandioses Finale mit einem wunderbaren, langen pezzo concertato, „Per secondar l’intrepido“, das zahlreiche melodische Themen durchläuft, eines besser als das andere. Ich für meinen Teil wollte nicht, dass es aufhört. Im 3. Akt gibt es auch einen „pezzo concertato“ und ein komisches Duett („La vederemo…la vedremo“), in dem Effy und Anna sich gegenseitig als potenzielle Bräute von Daniele/Giorgio einschätzen, die sie für ein und dieselbe Person halten. Effy hat am Ende eine große Arie in halb-ernster Manier („Deh! ch’ei non sia la vittima“), gefolgt von ihrer köstlichen Walzer-Final-Cabaletta.  Mit anderen Worten: Jede Nummer ist ein Genuss. 

Donizettis wohlwollender Geist schwebt über der Partitur von Ricci, insbesondere über dem Donizetti von La fille du règiment (1840) und vielleicht Betly (1836). La fille du règiment ist das Paradebeispiel für die in den Opern dieser Zeit vorherrschende Mode, dass eine Frau in einem Soldatenkostüm zu martialischer Musik herummarschiert. Effy, die mutiger ist als der schüchterne Daniele, zieht sich einen Soldatenmantel über ihr Kleid, und im zweiten Akt bringt Tobia ihr bei, wie man marschiert, ein Schwert hält und auch sonst „soldatisch“ auftritt – und sie bringt es Daniele bei, und das alles im köstlichen Trio „In un momento“, das mit „Rataplans“ gespickt ist, wie sie Marie in La fille du règiment singt. Verdi benutzte die Trope noch 1862 in La forza del destino, als Preziosilla zwei martialische Stücke mit ihren eigenen „rataplans“ hat.

Luigi Riccis Oper „Il birraio di Preston“ beim Bel Canto Ritrovato Festival 2023/Szene/Foto Angelucci

Die komisch-martialische Atmosphäre der Geschichte verleiht der Trompete neben dem Schlagzeug eine herausragende Rolle in der Orchestrierung. Es gibt zwei Trompetenstimmen, und die Trompeter sind fast immer im Einsatz, um Melodien zu unterstreichen, einen kleinen Kontrapunkt zu setzen oder Trompetenrufe auszuführen. Im Gegensatz zu früheren Opern von Rossini und Donizetti gibt es keine klangvollen obligaten Stimmen für Flöte, Klarinette oder Oboe, die dem Sänger Gegenmelodien bieten. Nicht einmal ein Waldhorn. All dies verleiht der Orchestrierung eine bandartige Qualität und macht die Partitur zu einer Art Brücke zwischen komischer Oper und Operette. Der Sprung von Ricci zu von Suppé oder gar Johann Strauss ist nicht groß.

Luigi und Federico Ricci setzten den von Donizetti begonnenen Trend fort, der Opera buffa wie Nemorinos „Una furtiva lagrima“ ein sentimentales Element zu verleihen. Wie Will Crutchfield feststellte, hielt der Walzer nach etwa 1845 als wichtiges Element Einzug in die italienische Oper, und die Brüder Ricci nutzten diesen neuen Tanz mit Sicherheit aus.  Il birraio di Preston (1847) enthält mehrere Walzer, darunter die Schlussarie. Obwohl er in Wien als Tanz erfunden wurde, hielt der Walzer laut Crutchfield erstmals in italienischen Werken der Jahrhundertmitte Einzug in die Oper, bevor er die Alpen wieder überquerte und zum dominierenden Element der Wiener Operette wurde.

Il Bel Canto Ritrovato fand unter den Sängern der mit dem ROF verbundenen Rossini-Akademie eine hervorragende junge Besetzung.  Inés Lorans als Effy zeigte leichte Koloraturen, ein angenehmes Sopran-Timbre, und sie war sehr lebhaft auf der Bühne und agierte mit perfektem komischen Timing. Gianni Giuga als Daniele war angemessen schüchtern und ein wenig dümmlich, aber seine Bassstimme war groß und ansprechend. Der Bariton Francesco Samuel Venturi sang den Tobia, und er stach in verschiedenen Ensemblenummern hervor. Der Tenor Antonio Garés war der empörte Sir Oliviero Jenkins. Er bekommt eine formale Arie mit Cabaletta zu Beginn des 2. Aktes („Anna si stempra in lacrime“), wo er etwas gestresst wirkte und Probleme mit den hohen Tönen hatte, aber für den Rest der Oper beruhigte er sich und sang gut in einem Duett mit Daniele und in Ensembles. Aloisa Aisemberg war ein keckes Fräulein Anna – eine gute Komödiantin mit einer schönen Stimme. Alessandro Abis, Nicola Di Filippo und Simone Nicoletto rundeten die Besetzung ab. Daniele Agiman dirigierte das Orchestra Sinfonica G. Rossini und den Chor des Teatro della Fortuna mit Schwung und Verve und scheinbarer Liebe zur Musik.

Die Inszenierung von Daniele Piscopo (noch ein Daniele!) war einfach, geradlinig und folgte der Geschichte: kein „Konzept“, keine Geringschätzung des Realismus, kein Eurotrash. Bravo! Er setzte mehrere Projektionen ein, von denen viele cartoonhaft komisch waren, um die Geschichte zu untermalen und ironisch zu kommentieren. Das alles funktionierte perfekt. Es war kein ernster Abend im Teatro Sperimentale in Pesaro, aber das Publikum amüsierte sich prächtig und belohnte die jungen Sängerinnen und Sänger mit langem Applaus. Zum Schluss gab es noch einen besonderen Leckerbissen: Das Festival hatte mit einer Brauerei in Pesaro vereinbart, dass jeder, der eine Eintrittskarte für die Oper hatte, nach der Aufführung ein Freibier bekam. Wie Tobia in seinem ungewöhnlichen bierigen Brindisi singt. Charles Jernigan/ Übersetzt mit www.DeepL.com

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Festival Belcanto ritrovato in Fano Corte Malatestiana / Foto Angelucci

Fano/ Pesaro /Corte Malatestiana : I NOSTRI PER ROSSINI am 24.8.2023 (im Rahmen des neuen Festivals Il Belcanto ritrovato). Die Idee ist so watscheneinfach, dass man sich wundert, dass noch niemand vorher drauf gekommen ist. Es ist ja allgemein bekannt, dass Gioacchino Rossini, wenn er einen Abgabetermin einzuhalten hatte und ihn „die zehnte Muse“ (= die Eile) auch noch nicht ausgiebig genug geküsst hatte, die Komposition einiger fehlender Neben-Arien delegierte, „outsourcete“, an ihm nahestehende Mitarbeiter und Kollegen (die alle hochstehende Musiker waren !) als Sub-Unternehmer in Auftrag gab. Was läge also näher, als alle diese zwar eindeutig nicht vom Meister selbst stammenden, teilweise aber noch immer nicht einem Komponisten zuordenbaren Arien einmal an einem Abend aufzuführen? Das dachte sich auch das Leading Team des noch jungen Festivals Il Belcanto Ritrovato und startete seine zweite Saison im wunderschönen und wunderschön renovierten „Corte Malatestiana“ in Pesaros Nachbarstadt Fano. Dargeboten wurden: Einlagearien von Domenico Mombelli („Demetrio e Polibio“), Pietro Romani (il Barbiere di Siviglia“), Luca Agolini („ La Cenerentola“), Michele Carafa („Mosè in Egitto“) und Giovanni Tadolini („Stabat Mater“) aber auch von bis heute unbekannten Mit-Komponisten (für „Adina“, „Tancredi“ und „L‘Italiana in Algeri“ etc.) Die Initiative ist äusserst lobenswert und äußerst spannend. Nicht sehr überraschenderweise war der Erkenntnisgewinn dieses Abends aber ein ähnlicher wie bei der Birraio-Oper am Tag darauf: nämlich der, uns den Qualitätsunterschied zwischen dem Meister aller Meister und seinen  unmittelbaren Zeitgenossen (die ja mit seinem Werk engstens vertraut waren) vor Ohren zu führen. Es gibt ihn halt, den Götterfunken, es gibt sie halt, die Inspiration, es gibt es halt, das Genie… Außerdem müssten die Festivalmacher bei der Auswahl der Sänger eine größere Sorgfalt an den Tag legen. Wenn da nicht absolute Qualität vorherrscht (was bei diesem Konzert leider nicht der Fall war) wird man selbst die geneigtesten  Musikfreunde nicht von auch noch so interessanten Wieder-Entdeckungen überzeugen können… Aber die Nacht war lau, der Mond nahm zu, und der Corte Malatestiana bezauberte uns alle… Robert Quitta, Fano (mit Dank an den Autor und das Internetmagazin online merker, bei dem dieser Artikel erstmals erschien)

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Salzburger Festspiele 2023: Szenische und konzertante Ereignisse: Es ist eine schöne Tradition in Salzburg, dass eine Produktion der Pfingstfestspiele in das Sommerprogramm übernommen wird, was Cecilia Bartoli Gelegenheit gibt, zweimal im Jahr an der Salzach aufzutreten. In diesem Jahr war sie als männlicher Titelheld in Glucks Orfeo ed Euridice zu erleben. Christof Loy, mit dem die Sängerin schon mehrfach zusammengearbeitet hat, inszenierte und choreografierte die Azione teatrale per musica in der Fassung für Parma 1769 (mit Anleihen aus denen von Paris und Wien) und verweigerte deren lieto fine. Wie zu Beginn trauert Orfeo auch am Schluss um Euridice – sein schmerzvolles Leiden wiederholt sich, ist endlos. Johannes Leiackers schmuckloser hoher Einheitsraum ist halbhoch mit dunklem Holz getäfelt und erinnert in seinem Treppenaufbau an die im Programmheft abgebildeten Bühnenbildentwürfe von Adolphe Appia zu Glucks Oper 1926. Der Regisseur hat einem Ensemble aus 14 Tänzerinnen und Tänzern eine vitale Choreografie mit hektischen Bewegungen und panischen Zuckungen verordnet, welche die Dramatik des Geschehens unterstreichen. Auch der von Jacopo Facchini einstudierte Chor, Il Canto di Orfeo, ist in die szenischen Aktionen einbezogen und singt darüber hinaus mit bestechender Klangkultur und dramatischem Impetus. Schneidend schleudern die Furien Orfeo ihr „No“ entgegen, sanftmütig erklingen die seligen Geister.

Ceciilia Bartoli/Foto Decca

Musikalisch besitzt die Aufführung ohnehin ein Ausnahme-Niveau, denn Gianluca Capuana feuert Les Musiciens du Prince – Monaco zu einem Spiel von Atem beraubender Dynamik an. Schier unerschöpflich ist die Farbpalette – von harschen Akkorden in der Ouvertüre über furios donnernde Gewalten in der Unterwelt bis zu kantabler Lyrik und der würdevollen Stille, mit der das Werk schließt.

Die Bartoli im schwarzen Hosenanzug (Kostüme: Ursula Renzenbrink) bringt sich mit engagierter Darstellung vehement in das Geschehen ein, singt mit Hochdruck und  äußerster Erregung, was ihrem Gesang, vor allem in dramatischen Momenten, gelegentlich auch einen schimpfenden Beiklang verleiht. Überraschend beginnt die berühmte Nummer „Che farò“ in hektischer Atemlosigkeit und bietet erst im Da capo das bekannte Zeitmaß. Das Programmheft verweist auf Quellen, welche mehrere Interpretationshinweise zum Tempo beinhalten – von larghetto bis vivace con disperazione – und zweifellos hat sich die Salzburger Produktion für die letztere Variante entschieden. Trotz dieser überraschenden Wahl markiert die Sängerin hier den vokalen Höhepunkt der Aufführung. Ergreifend schreitet sie am Ende die oberste Treppe hinauf und verschwindet in einer schwarzen Toröffnung. Neben ihr ist Mélissa Petit im weißen Gewand eine Euridice mit schönem lyrischem Fundament, Madison Nonoa im schwarzen Kleid stattet den Amore mit lieblichen Soprantönen aus (7. 8. 2023).

Bohuslav Martinu/ Wikipedia

Unter den szenischen Neuproduktionen des Sommers nahm die von Bohuslav Martinus Oper The Greek Passion einen gewichtigen Platz ein, wurde das Stück doch noch nie in Salzburg gezeigt. Der Komponist entwirft in seinem letzten Werk, für das der Roman Christus wird wiedergekreuzigt von Nikos Kazantzakis als Vorlage diente, ein beklemmendes Flüchtlingsdrama. Die Bewohner des griechischen Dorfes Lycovrissi, die alle sieben Jahre zu Ostern ein Passionsspiel aufführen, werden von Flüchtenden aus dem Nachbarort um Nahrung und Land gebeten, was sie ihnen verweigern. Für die Produktion in der Felsenreitschule wurde die 1961 in Zürich uraufgeführte Zweitfassung gewählt, welche Regisseur Simon Stone für kompakter und im Aufbau raffinierter hält. Seine Inszenierung auf der hellen leeren Bühne von Lizzie Clachan, die lediglich einige quadratische Öffnungen in der hinteren Wand und Vertiefungen im Boden aufweist, nutzt aktuelle Bilder unserer Zeit, wenn die Flüchtlinge in bunter Kleidung (Mel Page) mit Schwimmwesten, Fluchtgepäck und Zelten auftreten und damit einen starken farblichen Kontrast zur uniform hellgrau gekleideten Masse der Dorfbevölkerung abgeben. Deren Oberhaupt ist Priester Grigoris – ein Fanatiker mit starrer Haltung bis zur Unmenschlichkeit, den Gábor Bretz mit potentem Bassbariton singt. Sein Gegenpol ist Priester Fotis, Anführer der Flüchtenden, dem Lukasz Golinski mit machtvollem Bassbariton markantes Profil verleiht. Eine zentrale und die menschlichste Figur des Stückes ist der Hirte Manolios, der im Passionsspiel die Rolle des Christus übernehmen soll. Der Tenor Sebastian Kohlhepp singt mit lyrischem Nachdruck und zeichnet eindrücklich die Wandlung dieses Mannes nach, der sich in der Flüchtlingsfrage gegen die Mächtigen des Dorfes stellt. Damit erregt er den Hass von Grigoris, der ihn aus der Gemeinschaft ausschließt und exkommunizieren lässt. Zwei Frauen gelten seine Gefühle – seiner Verlobten Lenio, die Christina Gansch mit leuchtendem jugendlichem Sopran als sympathischem Charakter zeichnet, und der Witwe Katerina, der im Spiel die Rolle der Maria Magdalena anvertraut wurde und die sich gleichfalls als hilfsbereit gegenüber den Flüchtlingen erweist. Sara Jakubiak, an der Deutschen Oper Berlin als Heliane und Francesca da Rimini erfolgreich, sorgte auch bei ihrem Salzburger Debüt für Aufsehen mit intensiver Darstellung und expressivem Gesang. Neben flammenden Ausbrüchen (so im Duett mit Manolios) bietet sie in ihrer Erzählung über Maria Magdalena auch lyrische Innigkeit. Zu sängerdarstellerischer Intensität findet der Tenor Charles Workman als Händler Yannakos, der sich zunächst zu unlauteren Tauschgeschäften mit den Flüchtlingen überreden lässt, dann aber moralische Integrität zeigt. 13 Solopartien schreibt Martinu vor und alle bis auf die kleinste sind in dieser Aufführung kompetent besetzt. Zu nennen wären noch die Tenöre Aljoscha Lennert als Nikolio, der Lenio heiratet, Julian Hubbard als Panais, Matteo Ivan Rasic als Andonis und Matthäus Schmidlechner als Michelis.

Eine enorme Herausforderung für jede Produktion sind die beiden groß besetzten Chöre für die Dorfbewohner und die Flüchtlinge. Ersterer tritt zu Beginn mit einem byzantinischen Hymnus auf, während der zweite sich aus dem Off mit einem Psalm ankündigt. Erstmals vereint sind beide Formationen im erschütternden Trauergesang über den Tod von Manolios, der von Panais ermordet wurde. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Huw Rhys James) und der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (Wolfgang Götz) sorgen für einen gewaltigen, dabei stets differenzierten Chorklang. Nachdem ihr Zeltcamp vom Mob verwüstet und in großen Lettern „Refugees out“ an die Wand geschrieben wurde, verlassen die Flüchtlinge am Ende den Ort als ein ergreifendes Bild der Hoffnungslosigkeit.

Martinus vielschichtige Komposition mit ihren byzantinischen Hymnen, aufgetürmten Klangblöcken, aggressiven Dissonanzen, impressionistischen Valeurs, anatolischen Tanzrhythmen und dem schwelgerischen Melos wurde von den Wiener Philharmonikern und deren Angelika Prokopp Sommerakademie unter Leitung von Maxime Pascal exemplarisch interpretiert. Publikum und Medien feierten diese Produktion als den Höhepunkt des diesjährigen Festspielprogramms (18. 8. 2023).

Omaggio a Bellini/ OBA

Stets bieten die konzertanten Opernaufführungen bei den Festspielen willkommene Begegnungen mit selten aufgeführten Werken oder begabten jungen Sängern. So am 21. 8. 2023 bei Vincenzo Bellinis Tragedia lirica I Capuleti e i Montecchi. Wie der Titel aussagt, fokussierte der Komponist das Geschehen auf die beiden verfeindeten Adelsfamilien in Verona, welche vom Philharmonia Chor. Wien (Walter Zeh) wahrgenommen wurden. Dessen Stärke ist nicht unbedingt die Italianità, aber der muntere Gesang bei „Lieta notte“ im 1. Akt und die elegische Klage „Siam giunti“ bei Giuliettas vermeintlichem Tod waren überzeugende Momente. Mit Marco Armiliato stand ein im italienischen Repertoire versierter Dirigent am Pult des Mozarteum Orchesters Salzburg, der die einleitende Sinfonia mit pulsierendem rossinischem Esprit bot, subtile Passagen bei Giuliettas Auftrittskavatine und bei der Introduzione zum 2. Akt hören ließ und die beiden Finali souverän zusammen hielt. Vor allem in dem zum 1. Akt verblendeten sich die Stimmen der Solisten und des Chores sowie die Musiker des Orchesters zu einem so harmonischen wie packenden Zusammenklang.

Die Besetzung wurde dominiert von der jungen Russin Aigul Akhmetshina als Romeo, deren Auftritt einer veritablen Sensation gleich kam. Wie elektrisiert war man schon bei ihrem ersten Auftritt mit der schwelgerischen Kavatine „Lieto del dolce incarco“, bei der sie mit ihrem voluminösen, generös strömenden Mezzo den Riesenraum der Felsenreitschule mühelos füllte. Die satte Tiefe, die strahlende Höhe in der Sopranregion, das sinnliche Vibrato und der energische Aplomb waren auch für die Cabaletta „Se Romeo t’uccise un figlio“ ideale stimmliche Voraussetzungen. Berührend ihre letzte Szene an Giuliettas Grab „Ecco la tomba“ mit der nachfolgenden wehmütigen Kavatine  „Deh! tu, bell’anima“ mit berückend schönen Tönen. Gern hätte man von ihr noch die alternative Finalversion von Nicola Vaccai gehört, welche viele berühmte Sängerinnen der Partie in ihre Interpretation interpoliert haben. Nach ihrer Ausnahmeleistung sah sich die Sängerin vom Publikum enthusiastisch gefeiert.

An ihrer Seite war Elsa Dreisig eine solide Giulietta mit recht anonymem lyrischem Sopran und greller exponierter Höhe. In ihrer Auftrittskavatine „Oh! quante volte“ gefielen die Leuchtkraft und der melancholisch umflorte Klang. Im Duett mit Romeo, das Akhmetshina mit Verve anstimmte, verblendete sich ihre Stimme perfekt mit der ihrer Partnerin. Die nicht sehr umfangreiche Partie des Tebaldo wird zumeist mit einem Startenor besetzt, ist doch im 1. Akt eine bravouröse Kavatine mit virtuosem Schlussteil („L’amo tanto“) zu absolvieren. Der Italiener Giovanni Sala ließ eine kraftvolle, voluminöse Stimme hören, wirkte aber in seinem Vortrag etwas phlegmatisch und bei den Spitzentönen gefährdet. Darunter litt vor allem das letzte Duett mit Romeo an Giuliettas Grab („Deserto è il luogo“). Ansprechend besetzt waren die beiden Basspartien der Oper mit Michele Pertusi (autoritär als Capellio) und Roberto Tagliavini (stimmgewaltig als Lorenzo).

Mit Hector Berlioz’ opus magnum Les Troyens gab es am 26. 8. 2023 im Großen Festspielhaus ein würdiges Finale der Festspiele. Mit dem Monteverdi Choir und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique waren Spitzenkräfte aufgeboten, welche die Grand Opéra nach intensiven Proben im Rahmen einer Tournee (Versailles, Salzburg, Berlin, London) aufführen. Nach der Absage von John Eliot Gardiner übernahm dessen Assistent Dinis Sousa die Leitung. Der junge portugiesische Dirigent hielt den riesigen Apparat mit Besonnenheit und Präzision zusammen, wahrte die Klangbalance mit der Bühnenmusik hinter der Szene und entwickelte imponierende Tableaus (so bei der Marche troyenne im Finale des 1. oder der Chasse royale et orage zu Beginn des 4. Aktes). Das auf historischen Klang spezialisierte Orchester sorgte für ein an Farben und Schattierungen reiches Spiel, in welchem die Saxhörner (erfunden von Adolphe Sax) besondere Aufmerksamkeit erregten. Die ungekürzte Aufführung verzichtete auch nicht auf die Ballettmusiken, wie sie in einer Grand Opéra obligatorisch sind. Besonders reizvoll waren die orientalisch anmutenden Ballets im 4. Akt mit Pas des Almées, Danse des Esclaves und Pas d’Esclaves nubiennes.

„Les Troyens“ von Hector Berlioz beim Musikfest Berlin 2023: der junge Dirigent Dinis Sousa/ Foto c. Fabian Schellhorn/Berliner Musikfest

Phänomenal der Monteverdi Choir in seiner Homogenität und Präzision. Die als Konzertante Aufführung ausgewiesene Interpretation erwies sich als Halbszenische, denn sowohl der Chor als auch die Solisten warteten mit szenischen Aktionen auf. Gewaltig der Auftritt, wenn die Mitglieder zum Choeur de la populace troyenne hereinstürzen, dramatisch packend Cassandres Abschied vom Leben und die kollektive Selbsttötung der Trojanerinnen an der Rampe am Ende des 2. Aktes. Hymnisch preist der Chor als Volk von Karthago seine junge Königin Didon für ihre Schönheit und Anmut zu Beginn des 3. Aktes. Mit einem Trauergesang bei der Cérémonie funèbre im 5. Akt („Dieux de l’oubli“) und einem aggressiven Hassgesang auf Énée, der Didon verlassen hat, um auf Geheiß von Hectors Geist (Alex Rosen mit schwarzem Bass) in Italien ein neues Reich zu gründen, hat der Chor bis zum Ende vielfältige Auftritte, die er in bewunderungswürdiger Perfektion und phantastischer Klangkultur absolviert.

Zwei starke Frauen dominieren die beiden großen Teile des Werkes. In La Prise de Troie kämpft die Seherin Cassandre gegen die Blindheit ihres Volkes, hat sie doch die List der abziehenden Griechen mit dem zurückgelassenen hölzernen Pferd durchschaut. Die britische Mezzosopranistin Alice Coote in kupfern glänzender Paillettenrobe hatte keine Mühe, die Szene zu dominieren, weil ihre in der oberen Lage metallisch grelle Stimme von müheloser Durchschlagskraft war und ihr Vortrag von flammender Intensität. Das schwungvolle Duett mit Chorèbe (Lionel Lhote mit warmem, weichem Bariton)  markierte das erste vokale Glanzlicht der Aufführung. Im zweiten Hauptteil, Les Troyens à Carthage, ist es Königin Didon, die aus enttäuschter Liebe und verletztem Stolz aus dem Leben scheidet. Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy in leuchtend rotem Gewand sang die Partie zwar mit höchster Intensität und reicher Farbpalette bis hin zu Vokalverfärbungen, aber der Stimme fehlte grandeur, nicht selten klang sie larmoyant und am Ende in ihrem Zorn keifend. Expressiv gestaltet sie die Todesszene („Ah! Je vais mourir…“) mit fahlem Lallen und tonlosem Stammeln. Starken Eindruck hinterließ Beth Taylor als ihre Schwester Anna mit individuellem, gutturalem Timbre, üppiger  Stimmfülle und resolutem Vortrag. Eine Entdeckung auch der junge britische Tenor Laurence Kilsby, der das Lied des Iopas „O blonde Cérès“ mit schwebenden Tönen bis in die exponierte Höhe bezaubernd vortrug und beim  wehmütigen, sehnsuchtsvollen Lied des Matrosen Hylas zu Beginn des letzten Aktes („Vallon sonore“) mit feinen Valeurs betörte.

„Les Troyens“ von Hector Berlioz beim Musikfest Berlin 2023: Alice Coote als Cassandra neben Michael Spyres/ Foto c._Fabian Schellhorn/Berliner Musikfest

In beiden Teilen präsent ist Énée und hat damit eine der anspruchsvollsten Rollen des Tenor-Repertoires zu bewältigen. Der Amerikaner Michael Spyres bot mit „Du peuple et des soldats“ einen fulminanten ersten Auftritt und imponiert auch bei „O lumière de Troie!“ im 2. Akt mit seiner heroischen Verve und Stimmkraft. Im berühmten Duett mit Didon „Nuit d’ivresse“ findet sein Tenor zu trunkener Sinnlichkeit und harmoniert ideal mit Murrihys Mezzo. Spyres ist ein Ausnahme-Tenor, dessen Gesang oft eine majestätische Dimension erreicht, doch in seiner großen Szene des 5. Aktes kam er am Ende hörbar in Bedrängnis und konnte die heiklen Spitzennoten nur mit forciertem Einsatz erreichen. Nach der Aufführung von mehr als fünf Stunden Dauer feierte das Publikum alle Interpreten mit gebührend enthusiastischem Beifall. Bernd Hoppe

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Rossini Opera Festival Pesaro 2023: 3 Ziegen und nackte Zombies.  In diesem Jahr hat das ROF die letzte seiner 39 Opern auf den Spielplan gesetzt, wenn auch die 28. in der Reihenfolge ihrer Komposition, nämlich Eduardo e Cristina. (…) Die ROF-Inszenierung von Stefano Poda ignoriert die Geschichte so vollständig, dass man nicht sagen kann, dass das Rossini Festival diese besondere Oper aufgeführt hat. Die Musik war da, manchmal gekonnt, manchmal nicht so sehr, aber was immer wir auf der Bühne sahen, es war nicht Eduardo e Cristina.  Stattdessen sahen wir Podas Narzissmus und Ängste, dargestellt durch Mimen, Tänzer und Akrobaten, die die meiste Zeit über fast völlig nackt und mit weißer Körperbemalung auftraten. Sie bildeten und formten verschiedene Posen um die Sängerinnen und Sänger, die – zum Glück – ihre Kleidung anbehielten. Große Metallboxen wurden von den Männern in Suspensorien und den Frauen in String-Bikinis auf der Bühne herumgeschoben. Ein riesiger weißer Hintergrund zeigte zerbrochene Stücke klassischer Skulpturen, und große verglaste Kästen mit scheinbar zusammenliegenden Skulpturen von Männern und Frauen bildeten die Seiten der Bühne.  Poda entwarf die Kostüme, die Beleuchtung und das Bühnenbild, führte Regie und choreografierte das Ganze. „The night oft he living dead!“ (…)

Pesaro Rossini Festival 2023: Cristina (Bartoli) and Eduardo (Barcelona); Carlo (Scala), Bartoli, Shkarupa/ Foto ROF

Die musikalischen Darbietungen konnten den kindischen Unfug auf der Bühne nur teilweise retten. Anastasia Bartoli hat eine sehr große Stimme und sie beherrschte die Koloraturen, aber ihr Ton war oft metallisch und manchmal wirkte sie einfach laut. Enea Scala als König Carlo schrie leider noch mehr, und er war in seiner großen Arie, die er aus Ermione übernommen hatte, deutlich unterfordert. Gut gesungen ist sie eine Tour de Force, schlecht gesungen ist sie einfach nur lang. Daniela Barcelona als Eduardo wirkte auf mich müde, obwohl sie in der zweiten Aufführung, die wir sahen (17. August), besser war; vielleicht war sie aber auch nur entmutigt, weil sie in einer so schrecklichen Produktion mitwirken musste. Die schauspielerische Leistung bestand vor allem darin, Posen einzunehmen. Scala (König Carlo) hingegen musste, wenn er nicht gerade sang, auf der Bühne herumhüpfen, sah geistesgestört aus und schlug auf die Genitalien einer großen griechischen Statue, die Poda auf die Bühne stellte.  Gregory Shkarupa sang den Giacomo und Matteo Roma Atlei kompetent. Shakarupa hatte die undankbare Aufgabe, eine Arie zu singen, die noch aus der Originalpartitur von Pavesi stammte, aber er sang sie gut. Ich weiß nicht, wer Gustavo spielte (am Ende waren es zwei, einer in Weiß und einer in Schwarz, was etwas Wichtiges bedeutet). Jader Bignamini dirigierte das 56-köpfige Orchestra Sinfonica Nationale della RAI und den Chor des Teatro Ventidio Basso.

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Adelaide di Borgogna, oder Küss mich, Olga: Offensichtlich hat der Regisseur dieser selten gespielten Rossini-Oper, Arnaud Bernard sich ein altbewährtes und abgedroschenes Konzept ausgedacht, um die Geschichte nicht direkt erzählen zu müssen.  Adelaide war bei ihrer Uraufführung in Rom im Dezember 1817 nicht sehr erfolgreich (und Rossini griff sofort auf die Musik für Eduardo e Cristina zurück, so dass es interessant war, die beiden Werke mehr oder weniger Rücken an Rücken zu sehen).  Die knarzige Handlung wird durch eine knarzige Poesie unterstützt, und Regisseur Bernard beschloss, das Libretto zu „retten“, indem er ein separates zeitgenössisches Drama um Schmidts mittelalterliches „dramma per musica in due atti“ legte. (…)  Mit anderen Worten: Bernard verwandelt Adelaide di Borgogna in Kiss Me Kate, wo sich die Schauspieler, die Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung proben, auf der Bühne und im Off miteinander streiten. Auch hier gibt es eine zusätzliche „Bedeutungsebene“, denn die Adelaide, Olga Peretyatko, hatte einen sehr öffentlichen, gesellschaftlich vermittelten Streit mit ihrem früheren Ehemann, dem Dirigenten Michele Mariotti, als sie durch Nachrichten herausfand, dass er fremd ging. Am Ende, als Adelaide und Ottone kurz vor der Hochzeit stehen, legt die Mezzosopranistin (Varduhi Abrahamyan) ihr königliches Kostüm ab und lässt ihr Haar herunter, um der Sopranistin einen Heiratsantrag zu machen. Die lieto fine wird keine Vereinigung zwischen dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und der burgundischen Königin sein, sondern eine lesbische Hochzeit zwischen einer Sopranistin und einem Mezzo! Bernards Interaktion mit der Rossini-Oper während der Proben funktioniert eigentlich ziemlich gut, aber dabei verwandelt er ein historisches Drama in eine Komödie, die nicht allzu weit von Donizettis Le convenience ed inconvenienze teatrali entfernt ist – außer dass Donizettis Werk eine Satire über die Tücken der Opernproduktion sein soll.   (…) Der Gesang selbst war ziemlich gut. Olga Peretyatko ist immer noch hübsch anzusehen und verfügt über intakte Koloraturen, auch wenn ihre Stimme an Glanz und Charisma verloren hat. Varduhi Abrahamyan in der Rolle des heroischen Hosenscheißers und lesbischen Liebhabers Ottone glänzte in ihren Arien „Soffri la tua sventura“ und „Vieni, tuo sposo“. Der Tenor Adelberto, gesungen von René Barbera, hat eine gewaltige Arie im 2. Akt, „Grida, o natura“, als er zwischen seiner Liebe zu Adelaide und seinem Wunsch, seinen Vater aus der Gefangenschaft zu befreien, hin- und hergerissen ist, und Barbera bewältigte sie auf großartige Weise mit sicheren Höhen und Koloraturen.Berengario wurde vom Bass Riccardo Fassi gesungen, Eurice von Paola Leonci, Iroldo von Valery Makarov und Ernesto von Antonio Mandrillo.

Pesaro Rossini Festival 2023: Szene „Adelaide di Borgogna“/ ROF

In beiden Vorstellungen, die wir sahen (16. und 19. August), war der Dirigent Enrico Lombardi, der in letzter Minute für den angekündigten Dirigenten Francesco Lanzillotta einsprang, der sich bei einem Motorradunfall nach der Premiere Knochenbrüche zugezogen hatte.  Lombardi war der junge Assistent von Lanzillotta, und er machte seine Sache ausgezeichnet, indem er das Orchestra Sinfonica della RAI und den Chor des Teatro Ventidio Basso leitete.

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Aureliano in Palmira, oder ein Tenor, ein Mezzo, ein Sopran und drei Ziegen. Rossini verbrachte viel Zeit mit Aureliano in Palmira (1813), aber es war kein Erfolg, wahrscheinlich sowohl aus politischen Gründen als auch aus Gründen der Aufführung. Das Libretto des jungen Felice Romani war so etwas wie ein Rückgriff auf die Art von Opera seria, die das achtzehnte Jahrhundert dominiert hatte, mit wohltätigen römischen Kaisern und Happy Ends. Es war auch die einzige Oper, die Rossini jemals für einen Kastraten (Giambattista Velluti) komponierte. Die wunderbare Ouvertüre wurde zunächst für Elisabetta, Regina d’Inghilterra, seine erste Oper für Neapel, und dann für Il barbiere verwendet. (…)  Die Inszenierung von Mario Martone (Bühnenbild von Sergio Tramonti und Kostüme von Ursula Patzak) stammt aus dem Jahr 2014. Martone hat die Geschichte in der antiken römischen Kulisse belassen und nur das Fortepiano auf die Bühne gestellt, manchmal durch Kulissen verdeckt, eben dass die Oper auch eine zeitgenössische Geschichte erzählt, wenn auch an einem antiken Schauplatz: In unserer Zeit ist Palmyra durch den Krieg in Syrien zerstört worden, und der Nahe Osten ist ständig in Aufruhr. Der Hintergrund und die Kulissen suggerieren eine Wüstenlandschaft mit zeltartigen Strukturen, mit Ausnahme der arkadischen Szene, die durch drei langhaarige Ziegen aus Griechenland gekennzeichnet ist.  Das idyllische Hirtenleben steht in scharfem Kontrast zu den Kämpfen zwischen den Imperien, wie die Musik („O care selve, o care/stanze di libertà“) und die Ziegen widerspiegeln.

Das ROF brachte für die diesjährige Produktion vier Ziegen aus Griechenland mit, aber eine entkam nach der Generalprobe und machte sich auf den Weg in die ländliche Umgebung der Arena. Auf jeden Fall beschlossen die Verantwortlichen, Ziege Nr. 4 sich selbst zu überlassen, aber wir hatten drei hübsche Ziegen auf der Bühne und „Hirten“, die hinterher mit Schaufeln und Besen aufräumten.

Pesaro Rossini Festival 2023: Szene „Aureliano in Palmira/ ROF

Obwohl die Ziegen niedlich waren, konnten sie die Sänger nicht in den Schatten stellen, da das ROF mit Sara Blanch als Zenobia, Raffaella Lupinacci als Arsace und Alexey Tatarintsev in der Titelrolle die beste Besetzung des diesjährigen Sommerfestivals für Aureliano aufbot. Sara Blanch ist ein echtes Talent: groß und markant, mit silbrigem Sopran und makellosen Koloraturen. Sie ist auch eine gute Schauspielerin und stellte sowohl die stolze Kriegerkönigin als auch die verliebte Frau in gefühlvollen Duetten mit Arsace dar. Besonders gut war ihr langes Schlussduett „Mille sospiri e lagrime“, für das Blanch und Lupinacci auf einem Laufsteg ins Publikum kamen und von vorne im Orchestergraben sangen. Es gab keine überflüssigen Ablenkungen, und das Publikum konnte einen weiteren Moment theatralischen Zaubers und wunderbaren Gesangs genießen. Tatarintsev war auch in der Tenorrolle des Aureliano sehr gut. Seine große Arie „Più non vedra Il perfido“ wurde mit viel Beifall bedacht. Marta Pluda (Publia), Sunnyboy Dladla (Oraspe), Davide Giangregorio (Licinio), Alessandro Abis (Sacerdote) und Elcin Adil (Un Pastore) bildeten den Rest der Besetzung. George Petrou gelang es, die vertraute Musik von Babiere so zu dirigieren, dass sie nicht wie eine Komödie klingt. Mehrere Themen aus der Ouvertüre stammen aus dem Finale des ersten Aktes und klangen im Kontext großartig. Er leitete das Orchester Sinfonia G. Rossini und den Chor des Teatro della Fortuna von Fano, wo der neunjährige Gioachino 1801 im Orchester die Bratsche gespielt hatte, während seine Mutter Anna auf der Bühne in der Oper sang.  Es war eine gute und fesselnde Lesung einer langen Oper. Wie in Pesaro, mit allen Rezitativen und der gesamten Musik, dauerte die Aufführung etwas weniger als vier Stunden, mit einer Unterbrechung. Es wäre hart für das Sitzfleisch gewesen, wenn es nicht so gut gewesen wäre (… Kürzungen/ Redaktion/Übersetzung G. H.) Charles Jernigan

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Zum zweiten Mal findet in Kooperation mit dem Festival Alte Musik Knechtsteden auf dem Gelände an der Rennbahn in Neuss die Sommeroper im Globe statt. In der 1991 errichteten maßstabsgetreuen Verkleinerung des Londoner Globe-Theaters, in dem jeden Sommer das Shakespeare Festival mit internationalen und nationalen Theatergruppen den Schwan von Stratford-upon-Avon feiert, gibt es Mitte August erneut Barock-Musik vom Feinsten mit Dorothee Oberlinger und ihrem vor 20 Jahren in Köln gegründeten Ensemble 1700. Während die im letzten Jahr präsentierte Serenata Il giardino d’amore mit Venus und Adonis noch einen direkten Bezug zu Shakespeares epischer Dichtung aufwies, wendet man sich in diesem Jahr einer der berühmtesten mythologischen Figuren der Opernliteratur zu: Orpheus. Zahlreiche Komponisten haben sich mit dem Schicksal des thrakischen Sängers beschäftigt, der seine Geliebte Eurydike aus der Unterwelt zurückholen will und sie erneut verliert, weil er sich auf dem Weg zurück zur Erde nach ihr umdreht. Die Serenata von Giovanni Alberto Ristori zählt dabei zu den heute gänzlich unbekannten Vertonungen und behandelt den Stoff auf eine recht ungewöhnliche Weise.

Dorothee Oberlinger/ Foto Sony

Im Mittelpunkt stehen im Libretto von Giovanni Claudio Pasquini Orpheus (Orfeo) und seine Mutter, die Muse Kalliope (Calliope). Zu ihr begibt sich der Sänger nämlich, nachdem er seine Geliebte Eurydike verloren hat. Am Fuß des Parnass kommt es zu einem Streitgespräch zwischen den beiden. Calliope versucht, ihrem Sohn klarzumachen, dass das Unterfangen von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Orfeo ist zunächst anderer Meinung und beklagt die Grausamkeit der Götter, die sein Glück zerstört haben. Als er seine Leier vor Wut zerstören will, gebietet ihm seine Mutter Einhalt. Schließlich habe ihn niemand gezwungen, sich auf dem Weg nach seiner Geliebten umzudrehen. Der erneute Verlust sei folglich seine eigene Schuld. Dem kann Orfeo nicht widersprechen. Er ist bereit, sich wieder seinen musikalischen Fähigkeiten zu widmen. Seine Leier soll nun eine Dame namens Ermelinda Talea rühmen, die einst auf Erden ebenso viel musikalischen Ruhm ernten werde wie Orfeo. In einem bewegenden Duett feiern die beiden die Zukunft.

Mit Ermelinda Talea war die Ehefrau des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, Maria Antonia Walpurgis, gemeint. Ristori, der als Cembalist, Organist, Komponist, Vizekapellmeister und Musiklehrer der kurfürstlichen Kinder fast vier Jahrzehnte eine zentrale Stellung im Musikleben des Dresdner Hofes bekleidete, widmete die Serenata im Eröffnungskonzert des Jahres 1749 der 24-jährigen Prinzessin und pries sie darin als würdige Erbin des mythologischen Sängers. Die junge Dame konnte bereits, bevor sie 1747 an den Dresdner Hof kam, auf eine hervorragende musikalische Ausbildung am kurfürstlich-bayerischen Hof zurückblicken und bildete ihre Talente in Dresden weiter aus. 1754 komponierte sie auf ein selbstgedichtetes Libretto ihre erste Oper, der 1763 als zweite Oper Talestri, ein Stück über die Amazonenkönigin, folgte. Bevor in Neuss die Serenata präsentiert wird, erklingt das Allegro aus der Sinfonia dieser Oper, das mit ungeheurer Wucht deutlich macht, welches kompositorische Talent Maria Antonia Walpurgis gegeben war. In einer Videoprojektion sieht man dabei den Namen Ermelinda Talea, der am Ende der Serenata wieder aufgegriffen wird. Dorothee Oberlinger fächert mit dem Ensemble 1700 die spannungsgeladene Musik in diesem relativ kurzen Allegro differenziert auf, so dass man Lust bekommt, von diesem Werk mehr zu hören.

Es folgen zwei Sätze aus Johann Adolf Hasses Cantata per flauto. Hasse feierte am Dresdner Hof bei Kurprinzen Friedrich Christian ebenfalls große Erfolge. Unter anderem komponierte er besagte Kantate für eine Blockflöte, was für Oberlinger natürlich von besonderem Interesse ist. Im Adagio lässt Hasse die Flöte regelrecht singen, während sie im temperamentvollen Allegro mit virtuosen Läufen und Akkordbrechungen begeistert. Dies alles wird von Oberlinger grandios umgesetzt. Dann geht es zu Ristori. Aber bevor die Serenata erklingt, werden noch zwei Sätze aus seinem Oboenkonzert gespielt, in denen Clara Blessing als Solistin glänzen kann.

Ristori in Knechtsteden: Orfeo (Valer Sabadus) beklagt vor seiner Mutter Calliope (Francesca Lombardi Mazzulli) den Verlust seiner geliebten Gattin Eurydike/ FAMK

Bei der folgenden Serenata führt wie bereits im Vorjahr Nils Niemann Regie, der auf barocke Gestik setzt. Die Rückwand der relativ kleinen Bühne wird mit Videoprojektionen angestrahlt, die den Fuß des Parnass als Gemälde andeuten. Mit eindrucksvollen Lichtstimmungen werden die Gefühle von Orfeo und Calliope eingefangen. Teilweise sieht man auch die von Orfeo besungenen Büßer der Unterwelt in den Projektionen. Orfeo und Calliope tragen relativ klassische Kostümen, für die Johannes Ritter verantwortlich zeichnet. Requisiten werden recht spärlich eingesetzt, so dass sich alles auf die Bewegungen und den Dialog zwischen Calliope und Orfeo konzentriert. Den Text kann man im Programmheft nachlesen. Eine Übertitelung wäre jedoch hilfreich gewesen.

Mit Valer Sabadus und Francesca Lombardi Mazzulli hat man zwei großartige Barockinterpreten für dieses kleine musikalische Juwel gewinnen können. Sabadus verfügt als Orfeo über einen geschmeidigen und weichen Countertenor, der die Leiden des Sängers bewegend nachvollziehen lässt. In seiner ersten Arie beklagt er sein Schicksal mit fließenden Bögen. In der virtuosen zweiten Arie „Persa la speme“ lässt er seiner Wut in halsbrecherischen Koloraturen freien Lauf und glänzt durch große Beweglichkeit in der Stimme. Lombardi Mazzulli punktet als Calliope mit einem vollen Sopran, der in den Höhen große Durchschlagskraft besitzt, und zeigt, dass sie für die Vorwürfe und Klagen ihres Sohnes kein Verständnis hat. Lombardi Mazzulli unterstreicht diese Einstellung auch durch eine großartige Mimik. Während sie in ihrer ersten Arie versucht, ihren Sohn mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, wird Lombardi Mazzullis Sopran in der zweiten Arie wesentlich härter und autoritärer und führt schließlich dazu, dass Orfeo einlenkt.

Im Schluss-Duett finden beide zu einer bewegenden Innigkeit. Neben dem Bildnis von Maria Antonia Walpurgis erscheinen in der Videoprojektion auch noch andere Bilder von Frauen der Musikgeschichte. Das Ensemble 1700 unter der Leitung von Dorothee Oberlinger präsentiert sich auch bei der Serenata absolut ausdrucksstark, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt. Nahezu ungewohnt ist es, dass es statt der obligatorischen Blumen am Ende eine Flasche Wein für die Solistinnen und Solisten gibt.

Ristoris Vertonung ist inhaltlich zwar ungewöhnlich für den Orpheus-Mythos, enthält aber wunderbare musikalische Momente, die von Valer Sabadus und Francesca Lombardi Mazzulli mit dem Ensemble 1700 unter der Leitung von Dorothee Oberlinger mit viel Gefühl präsentiert werden (dieser Artikel erschien zuerst in OMM, und wir danken für die Genehmigung zur Übernahme). Thomas Molke

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Von spannend bis banal – Bayreuther Festspiele 2023: Fünf Tage nachdem Barbie auch die deutschen Kinos eroberte, wurden die Bayreuther Festspiele 2023 mit einem neuen Parsifal eröffnet, dessen zweiter Akt sich mit den sechs Barbie-Blumenmädchen ebenfalls wie ein einziger Hymnus auf die pinkfarbene Welt der Barbie ausnimmt. Ein Zufall. Sicher. Doch irgendwie wird er in unserer Erinnerung Barbie und Parsifal zusammenschweißen. Doch bevor Parsifal in einem Barbie-Land auf Kundry und die Manga Blumenmädchen trifft, vergnügt sich Gurnemanz während des Vorspiels mit einem Kundry-Double. Etwas widerwillig, zögernd, schließlich mit Abscheu. Er trägt dazu ein albernes, überlanges weißes Hemd, albern sind vor allem die kniekurzen gelben Hosen, über die er einen wadenlangen gelben Wickelrock festklettet. Wickelröcke sind derzeit das angesagte Kleidungstück auf dem Gralsgelände.

Bayreuther Festspiele 2023: Elina Garanca war die „Parsifal“-Kundry der Premiere/ Foto Enrico Navrath

Doch eigentlich hat alles bereits davor begonnen. Während das Licht noch nicht mal ausgegangen war, hüpfte eine weiße Taube entlang des Bühnenrands und flatterte über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Das könnten allerdings nur die mit speziellen Brillen ausgestatteten Besucher sehen. Man darf davon ausgehen, dass die Aufführung für 85 % der Zuschauer im Festspielhaus genauso aussieht, wie für die Fernsehzuschauer. Nur rund 15 %, also die 330 glücklichen Träger der Video-Brillen, kamen in den „vollen“ Genuss der Inszenierung von Jay Scheib, die das schlichte Bühnengeschehen mit „Augmented Reality“ anreichert. Viel wurde über die Zweiklassengesellschaft gemeckert, über den halbherzigen Probelauf, der einen Großteil des Publikums von dem festspielunwürdigen Experiment ausschließt, über eine technische Spielerei, die nicht viel bringt. Letzteres stimmt – zumindest im Premierenjahr. Der künstlerische Zugewinn ist nach der Anpassung der Brillen bei einem Extratermin am Vormittag und einer Einführung für die Brillenträger vor der Aufführung marginal und kann als harmlose Bebilderung abgetan werden. Dennoch scheint der Professor vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und ausgewiesene Theater- wie Opernregisseur der richtige Mann für eine solche Theatererfahrung, die Schule machen wird. Die achte Parsifal Inszenierung seit 1951 ist ein wichtiges Experiment, das zeigt, wie intensiv Katharina Wagner über neue Wege der Präsentation nicht zuletzt auch im Hinblick auf das 150jährige Bestehen der Festspiele 2026 nachdenkt. Dass es bereits die achte Nachkriegs-Inszenierung der seit Bestehen der Festspiele mit Abstand meist gespielten der zehn Festspielopern ist, hatte ich nicht vermutet, haben doch die beiden Wolfgang Wagner-Inszenierungen von 1975 und 1989, die auf die stilprägende und fast 20 Jahre lang gezeigte Wieland Wagner-Inszenierung folgten, die Bayreuther Parsifal-Rezeption getrübt; Schlingensief und Laufenberg sind dagegen fast schon vergessen, Götz Friedrich und Herheim in guter Erinnerung.

Was ist durch die Brille zu sehen, die gar nicht so bequem ist und die man, wenn man es nicht schon vorher getan hat, nach 4 Stunden Spieldauer erleichtert abnimmt. Anfangs doch sehr viel Possierliches, dazu gehören schwebende Glühwürmchen, mit denen und zu denen Pablo Heras-Casado die Musik wie aus dem Nichts hervorzaubert und illuminiert. Schwerelos und magisch, mystisch und poesievoll. So wie die diese Musik entstehen soll. Erstaunlich leicht und behände wie auf Samtpfoten, doch durchaus weihevoll, ernst und erhaben, selbstverständlich fließend, aber nie laut und vordrängend. Der bislang kaum als packender Operndirigent in Erscheinung getretene Spanier scheint keine Probleme mit Werk und Akustik zu haben. Selten überzeugte ein Bayreuth-Debüt so auf Anhieb. Andreas Schager wird gefeiert als Parsifal. Er muss deshalb nicht eigens dem Publikum seine Rückseite mit dem Shirt-Aufschrift „Remember Me“ zukehren, um mit seiner Beliebtheit zu kokettieren. Schager versucht sich an leisen und zarten Tönen, doch die massive Kraftentfaltung seines metallisch strahlenden, wenig auf Linie getrimmten Tenors ist viel eher seine Sache, wobei es toll ist bei „Amfortas, die Wunde“ eine derart kraftvolle gesunde Stimme zu hören, die dann freilich am Ende bei „Nur eine Waffe taugt“ einknickt. Wie gewohnt sinnt Georg Zeppenfeld jeder Silbe nach, doziert als Gurnemanz schulmeisterlich vorbildlich, ist mir an diesem Abend aber doch ein wenig zu einförmig (19. August) und ohne Kraftentfaltung, etwa beim Karfreitagszauber. Zu diesem ausgesprochen sorgsam ausgewählten Ensemble mit dem sehr schönstimmigen Derek Welton als Amfortas, dem ebenfalls baritonal-verführerischen Jordan Shanahan als gar nicht geifernd brüllender Klingsor im pinkfarbenen Anzug, mit Stöckelschuhen und langen Kringellöckchen und dem markant kernigen Titurel von Tobias Kratzer kommt Ekaterina Gubanova, die der Garanca als Kundry nachfolgt. Gubanova singt mit erlesener Schönheit und Vorsicht, gerundet und sicher in allen Lagen, bewegend in der Herzeleide-Erzählung. Ein Bühnentier ist sie nicht. Sehr gut sind alle sechs Blumenmädchen, fabelhaft die Männerchöre, nur die Ritter und Knappen erreichen dieses Niveau nicht.

Bayreuther Festspiele 2023: „Parsifal“/Szene/ Foto Enrico Navrath

Munter ballert uns Scheib weiter mit einer animierten Bilder-Welt zu, mit Schmetterlingen, Insekten, Tauben, einem Fuchs, wie wenn wir uns in Janáčeks mährischen Tierwelt befänden, mit Schlangen und Pferd, Parsifals Fachwerkhütte, pumpendem Herz und Blutkörperchen, Speer und Pfeilen: flirrende Fauna und Flora, Kommentar und Bebilderung zugleich, aber keine inhaltliche Vertiefung oder gar Interpretation. Vanitas- und Memento Mori-Motive wie aus barocken Stillleben gebrochen mit Skeletten, Schädeln, angebohrten Früchten und Pflanzen wabern um uns herum. Keine Raum- und Zeit-Schleife, keine erotisch und religiös-spirituelle Spielwiese, die mit Augmented Reality neuen Sinn ergibt. Scheib punktet mit der pinkfarbene Bilderwelt der Blumen-Barbies, doch insgesamt ist seine Inszenierung und Nicht-Personenregie brav und altbacken, handwerklich rudimentär, so dass die Zivilisationskritik mit den Umweltsünden- und Militärschrott-Bilder im dritten Akt – es geht laut Scheibe um den naturzerstörenden Abbau von „Seltenen Erden“ – fast schon verschreckt. Dazu schweben für die Brillenträger Plastiktüten, Batterien, Kunststoffbehälter und Granaten durch den Raum, verschränken sich Dürer- und Michelangelo- Hände und -Arme, schwebt auf der Bühne ein Strahlenkranz über der Gralsgemeinde, während Parsifal den blauen Gralskristall aus seltenen Metallen zur Erlösung der Menschen – wir sehen das „Remember Me“-Shirt“ – zertrümmert. Parsifal kriegt Kundry, Gurnemanz die Fremde des Anfangs. Mit Kundry steigt Parsifal in den giftig grünen Tümpel. Ein wenig kitschig ist das, ein Bilderbuch eben, inklusive der Taube, die wieder in den Zuschauerraum fliegt. Musikalisch vom Feinsten, szenisch ein Versuch.

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Bayreuther Festspiele 2023: „Der fliegende Holländer“/Szene/ Foto Enrico Navrath

Der fliegende Holländer: Zum dritten Mal ereignet sich in diesem Sommer „Der sonderbare, immer wiederkehrende Traum des H.“, der während der Ouvertüre den Platz einer Kleinstadt, mit Kirche und ein paar klötzchenartigen Backsteinhäusern zeigt. Ein Junge kommt an der Hand seiner Mutter, die ihn wegschickt, da sie sich, an eine Hauswand gelehnt, mit einem älteren Mann vergnügt. Der Junge betrachtet die Szene, die ihm wahrscheinlich vertraut ist. Der Junge wird größer und balanciert staksig über den Platz und um die Straßenlampen, während die Mutter weiterhin ihre heimliche Beziehung zum reichen Mann unterhält, der ihrer irgendwann überdrüssig wird und sie daraufhin von sich stößt. Und weil der reiche Mann sich von ihr abwendet, ist die Frau auch für die anderen eine Ausgestoßene, der überall die Tür gewiesen wird und die sich schließlich aufhängt. Ausgehend von diesem grauschlierig verhangenen Traum, entwickelt Dmitri Tcherniakov die Geschichte des Fliegenden Holländers mit zäher Konsequenz. „H. kehrt nach vielen Jahren in seine Heimatstadt zurück“. Vor der Kneipe mit den schicken Wandfließen und Chromregalen hocken die Männer trinkend unter der herausgekurbelten Markise und Bahnhofsuhr, wo der Alte aus dem Traum das Sagen hat. Stoff für eine finstere Dorfgeschichte, einen alpenländischen Dorfthriller, der hier allerdings irgendwo im Norden spielt, wo die Provinz genauso eng ist. In einer gesichtslosen Gegenwart, alles grauschlammig, braun ockerfarben. Wie Bauklötzchen werden die Häuser – beispielsweise für die Chorprobe – zu neuen, ebenso gesichtslosen Plätzen zusammengeschoben (die Bühne hat Tcherniakov entworfen, für die dumpffarbenen Kostüme war Elena Zaytseva zuständig). Der Mann kehrt in den Ort zurück, wo seine Mutter starb. Er wird grausame Rache nehmen. Am ganzen Dorf. Der Regisseur erzählt das spannend. Grandios die Personenregie und die Zeichnung aller Figuren, denen Tcherniakov jeweils ihre eigene Geschichte gibt, präzise die Details, etwa beim gemeinsamen Abendessen der Dalands mit Mary als Gattin und dem Holländer als Gast im puppenhausengen Wintergarten. Wie in einem Thriller laufen die Ereignisse auf einen Showdown bzw. eine Katastrophe zu. Der Holländer erledigt es selbst oder lässt auf die Dörfler schießen und wird seinerseits von Dalands Frau erschossen. Kein Mythos, keine Abgründe und Jenseitiges, eher Fernsehkrimi. Und der rebellische Teenager Senta? Sie fällt Mary in die Arme. Man spoilert nicht und verdirbt nicht künftigen Besuchern das Finale, da der achte Nachkriegs-Holländer der Festspiele binnen kürzester Zeit auf DVD und in den Mediatheken greifbar war. Inzwischen haben sich die Holländer in der Kleinstadtkneipe im jährlichen Wechsel die Klinke in die Hand gegeben. Michael Volle ist nach Lundgren und Mayer der dritte Holländer. Ganz anders als der massige und killermäßig bedrohliche Racheengel Lundgren gibt Volle den Besuch des alten Mannes, fast ein wenig gemütlich wirkt er, wie er in der Kneipe eine Lokalrunde wirft, ein lieber Onkel mit Embonpoint, der freundlich Senta zunickt, die seine Halbschwester sein könnte. Und vielleicht ist. Bemerkenswerter als die möglichen Familiengeheimnisse, wie Volle die Partie Satz für Satz ausschöpft, klug gestaltet und interpretiert, wie er mit machtvollem Bariton den Text zum Klingen bringt und klug dosiert die Verzweiflung steigert. Die Tiefe ist nicht ganz rund, gegen Ende des Duetts mit Senta gibt es Momente der Mattigkeit, doch den Schluss singt Volle so eindringlich und mit großem Bogen, dass uns dieser Holländer lange in Erinnerung bleiben wird. Unermüdliche Kraft- und Stimmreserven stehen der in diesem Jahr noch als Sieglinde und Elisabeth stark beschäftigten Elisabeth Teige zu Verfügung, die bereits im Vorjahr die Senta übernommen hatte. Die Norwegerin kann die Sehnsucht der jungen Frau, die den Fängen der Männer und der Kleinstadt entkommen möchte, gut nachzeichnen. Mit breitem, mittellagensattem Brünnhildensopran gibt sie der Ballade schiere Leuchtkraft und strahlend vibrierende Höhen.

Bayreuther Festspiele 2023: „Der fliegende Holländer“/Szene/ Foto Enrico Navrath

Eine Konstante ist Georg Zeppenfelds Daland, wunderbar fokussiert, wortklar. Zeppenfelds edler Ton und nobler Vortrag geben der Soigniertheit des Kaufmanns, der seine Tochter an den Mann bringen will, einen besonders fiesen Unterton. Es fehlt stets die schwarz derbe Spiellust, die diese dem Buffokreis entstammende Figur umgibt. Vor allem, da Oksana Lyniv im Duett Holländer/ Daland solch Momente von Spieloperngespenstigkeit kreiert. Tomislav Mužek, der schon in den beiden zurückliegenden Inszenierungen als Steuermann (2004/05) Wache tat oder als Erik (2013-18) auf Freiersfüßen wandelte, löste in diesem Jahr Eric Cutler ab und versucht Senta in eine kleinbürgerliche Ehe zu locken. Mit weinerlichem Timbre, aber draufgängerischem Ton wird er dem Erik, den man meist als undankbare Partie sieht, gerecht. Nach Sentas Ohrfeige bleibt ihm nur Resignation. In Attilio Glasers auffallend gut gesungen und gespielten Steuermann kündigt sich der nächste Erik an. Müde werkelte Nadine Weissmann als Mary, die am Ende wieder die Geschlossenheit der Gesellschaft herstellt. Oksana Lyniv setzt Tcherinakovs Thriller maßstabgetreu um, ihr Dirigat besitzt im dritten Jahr neben peitschender Intensität, etwa in der Ouvertüre und in den scharf geschnittenen Chorszenen des dritten Aufzugs, in den finalen Auseinandersetzungen auch Leidenschaft und Farben; sie packt das schwierige Stück handwerklich souverän an. Allerdings wirkte die Aufführung (18. August) über lange Stellen hinweg auch merkwürdig blutleer und fade. Der Abend beginnt spannend und endet banal. Sehr großer, donnernder Applaus für alle Mitwirkenden.  Rolf Fath

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Vivaldis Olimpiade bei den Festwochen der Alten Musik zwischen Musikphilologie und missverstandener barocker Theaterpraxis: Nüchterne, kohärente, aber nicht völlig aufgelöste Inszenierung des äußerst seltenen Titels auf ein Libretto von Pietro Metastasio in Innsbruck. Die „Innsbrucker Festwochen der Alten Musik“ in der Tiroler Landeshauptstadt hatten für den Sommer 2023 ein Programm ganz im Zeichen von Antonio Vivaldi, dessen Olimpiade und später seine Fida Ninfa aufgeführt wrrden. Dirigent der Olimpiade war der musikalische Leiter der Festspiele, der Italiener Alessandro de Marchi, Regisseur ist ebenfalls ein Italiener, Stefano Vizioli.

Ein ziemlich vergessener Titel (wenngleich nicht für Barockliebhaber) ist diese  Olimpiade, zumindest in der Version von Vivaldi. Tatsächlich wurde das Libretto später, wie in der Barockmusik üblich, von mehr als 70 Komponisten vertont. Die Oper wurde am 17. Februar 1734 im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt, geriet aber bald in Vergessenheit. Vivaldi hatte sie aus Zeitmangel als ‚Pasticcio‘ komponiert und dabei stark auf Stücke zurückgegriffen, die bereits für mindestens acht andere Opern, darunter die Fida Ninfa, konzipiert worden waren.

Wenn man so will, ist L’Olimpiade ein Lehrbuch barocker Bühnenpraxis. Ein Libretto, das aus verschiedenen Quellen schöpft, hinreichend komplex und manchmal verwirrend, mit Verkleidungen, verlorenen Söhnen, Orakeln, Männerfreundschaften, unmöglichen Liebschaften und einem Happy End im Stil der Opera seria, mit einem Prinzen, der sich im Finale als weise und erleuchtet erweist. Es ist übrigens immer eine gute Übung, die Zusammenfassungen barocker Opern zu lesen. Sie sind ein Meisterwerk der Unverständlichkeit, eine prosaische Konstruktion, bei der man immer und unweigerlich den Faden verliert.

Innsbrucker Festwochen der Alten Musik: Vivaldis „Olimpiade“/ Szene/ Foto © Birgit Gufler

Kurz gesagt, ein musikalisches Pasticcio, das um die Sänger herum gebaut wurde, die dem Komponisten zur Verfügung standen, wie es damals üblich war, mit verschiedenen Arien aus anderen Opern, zu denen oft noch die berühmten „arie da baule“ hinzukamen, die Glanzstücke, die jeder Sänger immer bei sich hatte und die er oder sie in der Oper oft auf Kosten anderer, weniger gefälliger Stücke sang.

Stefano Vizioli siedelt die Geschichte in der Zeit der Olympischen Spiele 1936 an, in einer Art Turnhalle, in der während der Ouvertüre einige tapfere junge Männer sportliche Übungen machen. Eine schöne Idee, ebenso wie die Massage in der Sauna während des Dialogs zwischen den beiden Protagonisten. Megacle ist in Wirklichkeit ein Athlet, der gekommen ist, um an den Spielen teilzunehmen. Manchmal gibt es Ironie, manchmal sogar eine erotische Zweideutigkeit zwischen den Figuren, aber all das verblasst im Laufe des Abends, die Ideen gehen sozusagen aus und wir wenden uns dem Vorhersehbaren und Berechenbaren zu. Statt der olympischen Spannung im Stil von Leni Riefenstahl oder Jesse Owens finden wir uns unweigerlich in der kontrollierten, bürgerlichen Ruhe von Manns Zauberberg wieder.

Auf der Bühne gibt es verzierte Vorhänge, einige griechische Statuen, verschiedene Sportgeräte, einen Balkon auf der rechten Seite, im zweiten Akt die Andeutung einer Schneiderwerkstatt, in der die Flaggen der Nationen vorbereitet werden, im dritten Akt das Feuer einer großen olympischen Fackel. Alles genau und gut gemacht, aber nach den ersten interessanten Akzenten, vielleicht ein Versuch des Regietheaters, wird die Handlung steril in einer Abfolge von Arien und Rezitativen, die von keiner wirklichen Dramaturgie getragen werden. Jenseits des Könnens der Sänger und der Pracht der Musik gleitet das Bühnengeschehen unaufhaltsam in Wiederholungen ab.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, dass diese philologischen Operationen sich oft auf das musikalische Studium beschränken. Dabei wird die ‚Philologie‘ der Inszenierung vergessen. In der Tat führen wir eine Barockoper mit den Instrumenten der Epoche auf, aber wir stellen sie in einen post-wagnerianischen theatralischen Kontext, in dem der oft zu großem Saal dunkel und das Publikum still und ruhig ist. Damals hingegen war der Saal beleuchtet, es handelte sich um ein gesellschaftliches Unterhaltungsereignis, das Publikum konnte kommen und gehen (in der Regel kamen alle, wenn die Oper bereits begonnen hatte) und nur den Arien folgen, die das Interesse weckten, oder dem Phänomen Sänger des Augenblicks.

Der beste Beweis dafür, dass die barocke Aufführung aus diesen Gründen funktionierte, war die Arie des Aminta aus dem zweiten Akt, ‚Siam navi all’onde algenti‘, die im Mund des hervorragenden Soprans Bruno de Sá zu einem Bravourstück wurde, mit einem da capo voller Verzierungen, Triller und hoher Töne, die das Publikum in Verzückung versetzten. Hier, unter dem tosenden Beifall des Publikums, offenbarte sich die Bedeutung der Barockoper im 18. Jahrhundert: musikalische Unterhaltung für einen gesellschaftlichen Abend. Die Aufgabe einer zeitgemäßen Wiederbelebung sollte also nicht nur darin bestehen, die Musik zu rekonstruieren, sondern auch einen Weg zu finden, wie das Bühnengeschehen funktionieren kann.

Heute gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ein Regietheater, das von einer Dramaturgie getragen wird, die es schafft, den Zuschauer ernsthaft in die Dunkelheit des ‚wagnerianischen‘ Saales für lange Akte, die eine Aneinanderreihung von Arien sind, zu verwickeln, was sehr oft auch bedeutet, das Ganze zu verzerren und modern und provokativ zu gestalten. Oder man akzeptiert die damalige Praxis und betreibt vielleicht sogar Philologie in der Inszenierung: ein wenig Licht im Saal, die Sänger treten aus ihrer Rolle heraus, um ihre Arien zu singen. Die „da capo“ werden nicht identisch gesungen, sondern mit einer Zurschaustellung von Virtuositäten, die oft nicht vom Komponisten stammen. Die Einbeziehung von „arie da baule“ aus anderen Opern, vielleicht auch etwas Zeitgenössisches. Das wäre interessant und innovativ.

In beiden Fällen geht es um musikalischen Purismus, aber es ist auch Purismus, sich bewusst zu sein, dass es sich nicht um Musik handelt, die mit der Idee des Demiurgen-Künstlers komponiert wurde, die uns seit der romantischen und wagnerianischen Revolution durchdringt, sondern um bodenständiges kompositorisches Handwerk. Es sei nur daran erinnert, dass die Komponisten im Barocktheater meist schlechter bezahlt wurden als die Sänger und Librettisten.

Zurück zur Inszenierung: Stefano Vizioli tut sein Bestes und hat auch ein gutes Gespür, wenn er versucht, Ironie zu vermitteln oder die Rezitative mit szenischer Präzision zu würzen. Auf die Dauer überwiegt jedoch eine gewisse Monotonie, in der die Lösungen rein ästhetischer Natur sind, indem die Sänger kommen und gehen, um ihre Stücke zu spielen. Alles in allem bleibt es eine angenehme, gut organisierte und sorgfältig inszenierte Produktion, auch dank des nüchternen Bühnenbildes von Emanuele Sinisi und der Kostüme von Anna Maria Heinreich, die angemessen, aber nicht immer treffend sind.

Absolut makellos, präzise und aufmerksam ist das Dirigat von Alessandro de Marchi, der mit seinem Können den Standard im Barockrepertoire gesetzt hat. Der Dirigent sorgte für einen vollen, agogischen Klang und eine ausgezeichnete Beziehung zwischen Orchestergraben und Sängern.

Gesanglich war Bruno de Sá der Held des Abends, weil er die Fähigkeit hatte, ein ‚Star‘ zu sein, und weil er sein sängerisches Talent unter Beweis stellte. Sein sopranistisches Können war überragend, aber was überragend war, war die Darbietung als Ganzes. Der Sänger zeichnete eine Figur, die aus dem Rahmen fiel, aus dem dramaturgischen Zusammenhang gerissen, wenn man so will, denn er hatte in der Tat wenig mit dem ‚alten Erzieher‘ zu tun. Aber er war ein Sieger, eben weil das Publikum, das immer Recht hat, instinktiv nicht die szenische Inkongruenz, sondern die Fähigkeit zur Show, zur gesanglichen Unterhaltung erfasste, die plötzlich unter dem Klang des Beifalls den wahren Zweck, die wahre Mission des barocken Musiktheaters erhellte.

Alle anderen Darsteller waren ausgezeichnet, aber mehr ‚in der Rolle‘, mehr dem szenischen Diktat treu, das in dieser Art von Theater niemanden interessiert und daher weniger ‚Eindruck‘ macht, wie man früher sagte. Raffaele Pe bestätigt sich als hervorragender Künstler mit einer feinen Countertenorstimme und einem guten interpretatorischen Schwung. An seiner Seite vervollständigt Bejun Metha das Countertenor-Paar mit einer festen und geschmeidigen Stimme, auch wenn er auf der Bühne weniger sicher auftritt. Christian Senn interpretiert die Figur des Königs mit weicher und homogener Stimme, flankiert von dem ausgezeichneten Bass Luigi De Donato als seinem Berater. Weniger überzeugend, aber korrekt und engagiert waren Margherita Maria Sala (Alt) und Benedetta Mazzuccato (Mezzosopran).

Volles Theater und überzeugender Erfolg für alle Darsteller im Finale. Großer Applaus fürAlessandro De Marchi, der sich mit diesem Festival nach 14 Jahren von der Leitung der Innsbrucker Festwochen verabschiedet. Raffaello Malesci (8. August 2023)

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Rossini in Wildbad: Giovanni Pacinis Melodramma serio Gli Arabi nelle Gallie. Der heitere Rossini steht im Juli 2023 im Mittelpunkt von Rossini in Wildbad. Dafür sorgen die aus dem Jahr 2009 stammende Inszenierung von Il Signor Bruschino, die für eine DVD aufgehübscht wird, sowie ebenfalls in einer Inszenierung des Festspielchefs Jochen Schönleber Il barbiere di Siviglia. Die Raritäten sind derweil in den Konzerten versteckt, darunter die Kantate Il vero omaggio im Konzert auf dem Turm des Baumwipfelpfads über Bad Wildbad oder Rossinis Hymne à Napoléon III, die Kantate De l’Italie et de la France und Ausschnitte aus dem Guillaume Tell im Konzert auf dem Sommerberg, wo auch die diesjährige Inge Borkh-Stipendiatin vorgestellt wird; die Auszeichnung wurde zur Erinnerung an die Sängerin und begeisterte Festspielbesucherin gestiftet.

Giovanni Pacini/ Wikipedia

Die Stelle einer großen ernsten Oper von Rossini nimmt in diesem Jahr die konzertante Aufführung des zweiaktigen Melodramma seria Gli arabi nelle Gallie ossia Il trionfo della fede von Rossinis Nachfolger am Teatro San Carlo in Neapel ein. Giovanni Pacini (1796-1867) war noch keine 30 Jahre alt, als ihm der Erfolg der Uraufführung von L’ultimo giorno di Pompei im November 1825 in Neapel zu einem Neunjahres-Vertrag als künstlerischer Leiter des Teatro San Carlo verhalf. Pacini war alles andere als ein Newcomer. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bedeutende Erfolge u.a. an der Mailänder Scala vorzuweisen und hatte bereits im Jahr zuvor mit Allessandro nell’Indie, der den Auftakt seiner Neapolitanischen Jahren bildete, seine Visitenkarte am San Carlo abgegeben. Wie der fast gleichaltrige Saverio Mercadante (1795-1870) profitierte Pacini von Rossinis Rückzug zunächst von der italienischen und dann auch von der französischen Bühne. Die unermüdlichen Mercadante und Pacini ließen sich auch von Donizetti (1797-1848) und Bellini (1801-35) nicht verdrängen und behaupteten durch Fleiß und lange Lebens- und Schaffenszeit über viele Jahrzehnte ihre Brückenfunktion zwischen Rossini und Verdi. Ähnlich wie Mercadante, der als Hauskomponist des San Carlo 1823-25 direkt auf Rossini gefolgt war, brachte es Pacini zwischen 1813 und 1858 auf 70 bis 80 Opern, nur für wenige Jahre Mitte der 1830er Jahre ausgebremst durch einen Karriereknick nach dem Misserfolg des Carlo di Borgogna. Pacinis Vertrag mit dem Impresario Barbaja sah auch Werke für dessen andere Spielstätte, die Mailänder Scala, vor. Nach dem grandiosen Erfolg des Letzten Tags von Pompei im November 1825 in Neapel folgten im März 1827 in Mailand Die Araber im Frankenreich oder Der Triumph des Glaubens. Mit einem Libretto von Luigi Romanelli, das auf dem 1822 in Paris erschienenen und zwei Jahre später bereits ins Italienische übersetzten Roman Le renégat von Charles-Victor Prévost, Vicomte d’Arlincourt (1788-1856) basiert. Der Vicomte d’Arlincourt zählte auch zu den Quellen, die Gaetano Rossi später für den unglücklichen Carlo di Borgogna heranzog, dessen eklatanter Misserfolg den gegenüber Konkurrenten keineswegs nachsichtigen und zimperlichen Pacini in tiefe Selbstzweifel stürzte.

Pacinis „Arabi nelle Gallie“ in Bad Wildbad 2023: Michele Angelini sang die Tenorpartie des Algobar/ Michele Angelini

Gli Arabi waren ein sensationeller Erfolg. Giuseppina Mascari, die die Kritische Edition des Werkes herausgegeben hat, spricht von 80 Produktion im ersten Jahrzehnt nach der Uraufführung. Die Errungenschaften von Alessandro und L’ultimo giorno di Pompei setzte Pacini in Gli arabi fort, darunter die Aufhebung der Ouvertüre und statt ihrer eine breit angelegte erste Musiknummer. Auf bestürzende Weise drängt er mit der Introduktion wirkungsvoll und dabei anspruchsvoll im Aufbau mitten in die Handlung. Vor dem Schloss ihrer Fürstin Ezilda sehen die Bergbewohner der arabischen Invasion entgegen, getröstet von Gondaïr, dem Vertrauten der Fürstin. Man denkt bereits an Norma und Nabucco und die entsprechenden Bass-Szenen. Der junge Roberto Lorenzi singt den Gondaïr mit fester und ruhiger Linie und lodernd in der sicheren Höhe, in der Cabaletta vermittelt er den großartigen Eindruck dieser ersten Szene mit priesterlicher Würde. Wie stets in den konzertanten Aufführungen bei Rossini in Wildbad klingen Chor und Orchester, in diesem Fall der Philharmonische Chor und das Philharmonische Orchester Krakau zu gewaltig und laut, malen sie die kriegerischen Trommeln und die Signale der Trompeten und die Ängste der Bergbewohner so drängend nach als befinden wir uns mitten auf dem Schlachtfeld zur Zeit von Karl Martell, der wegen seiner Siege über die Araber zum Retter des christlichen Abendlandes stilisiert wurde. Der arabische Anführer Agobar ist aber kein anderer als der letzte legitime Königsspross Clodomiro. Ezilda und er wurden sich als Königskinder einst versprochen. General Leodato, ein General Karl Martells aber Anhänger des legitimen Königs, hofft vergebens, die Liebe von Ezilda zu erringen. Das ergibt ein weiträumiges Seelen- und Geschichtsdrama, das im Inneren einer Burg, vor Ezildas Schloss, im Kloster und auf dem Schlachtfeld spielt.

Pacini setzt seine Mittel so souverän ein wie Eugène Delacroix die Farben in seinen Schlachtbildern. Er überrascht stets mit neuen Wendungen, frohen maurischen Märschen, instrumentalen Couleurs, wie der Orgel beim Gebet der Ezilda, treibt die Sänger zu immer virtuoseren Leistungen und erweist sich als maestro delle cabalette. Pacinis Anlage, die sich im ersten Akt neben der Introduktion und dem ersten Finale in drei Arien und einem Duett ausbreitet, ist zunächst von einer aufregenden Farbigkeit und mitreißenden vokalen Zirzensik. Doch bereits im ersten Finale greifen die dramatischen Ereignisse nicht richtig ineinander, werden sie eher stufenförmig aufeinandergeschichtet als verdichtet. Mit stürmischem Impetus und zupackender Leidenschaft wischt Marco Alibrando über die Längen hinweg und unterstreicht die Bedeutung dieser modernen Erstaufführung, der zweifellos eine stärkere Feinzeichnung und intensivere Probenzeit gutgetan hätten, die er aber gleichwohl drei Stunden lang bis zur letzten Schlacht und dem Tod des rechtmäßigen Thronfolgers Agobar bzw. Clodomiro zusammenhält. Der junge Maestro aus Messina kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pacini in den Arien oft etwas zu wohlfeil auf Bravour, Effekt, Brillanz und Abwechslung bedacht ist. Mit warmem Ausdruck, ruhigen Linien und füllig markantem Ton in den Rezitativen kann Serena Farnocchia sowohl im Gebet der Ezilda im ersten Akt „Qual sei, Signor, per prova“ als auch in der Arie des zweiten Aktes „Nel suo rapido passagio“ dem ratternden Zierwerk, dem Wechsel von schnellen und langsamen Passagen Seele einhauchen. Farnocchia verkrallt sich nicht in die Figur der frühmittelalterlichen Fürstin, bleibt dezent und damenhaft und verschenkt nur ganz selten einen Ton. Pure Virtuosität verlangt die von Giovanni David kreierte Partie des Agobar bzw. Clodomiro, für den Michele Angelini fanfarenhafte Höhen und sängerisches Draufgängertum aufbietet, mit denen er sich in extreme Höhen schraubt und windet, aber sein Ton ist für mich im Saal oft uneben, kraftlos in der Mittellage, manchmal dünn und faserig und die Lagen klaffen auseinander, dann wieder protzend in der Höhe, ein Krieger eben. Im schönsten Ebenmaß einer Hosenrolle dieser Epoche tritt uns Diana Haller mit ihrem runden, satten im dramatischen Feuer wie schwärmerischen Liebesgefühl gleichermaßen ausgeglichenen und edlen Mezzosopran entgegen. Wenn sie als Leodato im Duett mit Ezilda in der Stretta von „Hoffnung ist der Regenbogen“ schwärmt, atmet ihr Gesang unverstellten Ausdruck. Francesco Lucii, der im letzten Jahr bereits beim Donizetti Festival in Bergamo aufgefallen war, singt Agobars aufrichtigen Vertrauten Aloar mit schönem Silbertenor, Camilla Carol Farias ist eine Äbtissin, der man Großes zutraut, und Francesco Bossi singt Agobars intriganten General Mohamud mit gebührendem Verschwörer-Bass. Rolf Fath

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Rossini in Wildbad: Bürgermeister Marco Gauger und Intendant Jochen Schönleber/ Foto RIW

Als ein kleines PS. schiebe ich meinen Eindruck vom Radiohören nach, wurde doch die Oper live am 22. Juli, dem Abend der Premiere, auch gesendet. Der Tenor Michele Angelini kam da für mich in der ersten Hälfte ganz anders herüber, mit sehr sympathischer, gut fundierter und für mich wirklich schön (!) klingender Stimme mittlerer Größe, topsicher in den eleganten Höhen und sehr, sehr ausdrucksvoll in seinem Gesang. In der zweiten Hälfte musste man das revidieren, vielleicht war da irgendwas stimmtechnisch passiert? Er hielt nur mit Mühe durch, und auch das musste man bewundern. Ich litt mit ihm. Seine Ver-Stimmung war unbestreitbar. Für mich war er dennoch der Gewinn des Abends neben dem balsamischen Bass von Roberto Lorenzi, der mit seiner Gestaltung immer eine Geschichte erzählte. Die sehr unruhigen, weit schlagenden, für mich recht aggressiv-hellen Damenstimmen klirrten am Radio mit unliebenswürdigen Höhen wie ein Stapel Teller, beide leider, wenngleich man beide wegen ihrer Furchtlosigkeit bewundern muss. Aber man dachte mit Wehmut and solche Sängerinnen wie Valentini, Scalchi, Gasdia oder Antonacci. Es ist zudem wahr, dass das Orchester auch mir am Radio zu dunkel, zu  „rumpsig“ und zu wenig federnd klang. Nicht zu vergessen sei Paolo Raffo am eleganten Fortepiano. Wie stets ist man hin und hergerissen zwischen Bedauern ob der Manki der problematischen Besetzungen (dieser Primadonnen-Partien) und der Bewunderung ob der Initiative des Festivals

Ein Artikel in unserer Reihe Die vergessene Oper wird sich intensiver mit diesem spannenden und unbekannten Werk beschäftigen. Zudem ist wohl doch hoffentlich eine Veröffentlichung bei Naxos angedacht. G. H.

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New York/ Lincoln Center: Riccis Crispino e la Comare: Das Teatro Nuovo ist Will Crutchfields Programm, seltene Belcanto-Opern wiederzubeleben und sie so aufzuführen, dass sie dem Klangbild der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts (primo ottocento) so nahe wie möglich kommen. Das umfangreiche Trainingsprogramm, das in den Live-Aufführungen von zwei Werken pro Jahr gipfelt, schult Sänger und Spieler, die auf historischen Instrumenten spielen, in der Anwendung von Techniken, die zur Zeit der Komposition der Oper üblich waren, und somit in der Erzeugung eines „Klangs“, der dem nahekommt, wie Crutchfield und seine Kollegen glauben, dass die Opern geklungen hätten, als sie neu waren. Für den Theaterbesucher ist dies am deutlichsten an der Anordnung des Orchesters zu erkennen: Die Spieler sitzen auf der Höhe des Publikums und nicht im Orchestergraben, die geteilten Streicher und die Soloviolinen sind den anderen Spielern zugewandt (die ihrem Beispiel folgen, da sie oft die Lehrer der anderen Streicher waren). Es gab keinen „Dirigenten“ im modernen Sinne, sondern der Hauptgeiger war gleichzeitig der Direttore d’orchestra, der das Orchester leitete und die Tempi vorgab sowie die Geige spielte, während der Maestro al cembalo  für die gesamte Aufführung verantwortlich war. Als sich die Oper der Mitte des Jahrhunderts näherte, wurden diese Rollen in der Regel in einer oder der anderen zusammengefasst, da sich das Arrangement immer mehr der Aufführung unter einem Dirigenten annäherte. Beide Opern, die in diesem Jahr aufgeführt wurden, fallen in die Kategorie Mitte des Jahrhunderts, so war Jakob Lehmann „primo violin e direttore dell’opera“ für Donizettis Poliuto (1838/48) und Jonathan Brandini für Ricci.

Federico und Luigi Ricci /Wikipedia

Crispino e la Comare. Die zweite Oper dieser Reihe war die Komödie Crispino der Gebrüder Ricci aus dem Jahr 1850. Einst enorm populär, ist sie wie fast alle italienischen komischen Opern zwischen Don Pasquale (1842) und Falstaff (1893) in Vergessenheit geraten. Natürlich haben italienische Komponisten in diesen sechzig Jahren eine Vielzahl von Opera buffa komponiert, auch wenn sie heute aufgrund der totalen Dominanz Verdis in dieser Ära unbekannt sind – und das war das interessante Thema von Will Crutchfields Vortrag, der dieser Opernaufführung vorausging. Er versprach, dass das Teatro Nuovo uns weitere Beispiele dieser „verlorenen“ Werke bringen wird, und angesichts des immensen Erfolgs seiner Crispino-Aufführung können wir nur hoffen, dass dies der Fall sein wird.  (…)  Die äußerst melodiöse Partitur ist in der Tat voller Walzer, was darauf hindeutet, dass um 1850 die populären Walzer die italienische Oper, insbesondere die Komödie, übernommen hatten. Crutchfield argumentiert, dass der Walzer, obwohl er ursprünglich aus Wien stammte, in Italien Eingang in die Opernunterhaltung fand und seine Popularität in der italienischen komischen Oper ihn zurück nach Wien in die Wiener Operette brachte. Annettas berühmtestes Walzerlied, „Io non sono piu` l’Annetta“, wurde von Joan Sutherland oft als Zugabe-Nummer verwendet. Die Nummern der Oper folgen den bewährten Formeln der Opera buffa, insbesondere denen von Donizetti. Das urkomische Trio von Dr. Crispino und seinen beiden Mitbrüdern, „Di Pandoletti medico“, ist ein direkter Verwandter ähnlicher Duette und Trios, die über Donizetti bis zu Rossini zurückreichen.

Cesare Zoppetti und Guglielm Sinaz in Vincenzo Sorellis Film von 1938, „Crispino“/ Teatro Nuovo

Die halbszenische Produktion des Teatro Nuovo folgte der Formel von Poliuto. Projizierte Bühnenbilder, diesmal in Farbe, bildeten die Kulissen der Szenen; diesmal handelte es sich um Originalentwürfe von Adam Thompson, die auf den Bühnenbildern von Pieretto Bianco für die Inszenierung von 1919 an der Metropolitan Opera basierten, offensichtlich das einzige Mal, dass Crispino dort aufgeführt wurde. Die Titel wurden auf die Oberseiten der Bühnenprojektionen projiziert. Andere und der Chor waren formell gekleidet. Das Bühnengeschehen spiegelte die physische Natur der Komödie wider, die ist sehr witzig und körperbetont. Es gibt sogar ein gewagtes Karnevalslied – das Lied der Frittola – das von Annetta in venezianischem Dialekt gesungen wird, vielleicht um das Publikum nicht zu beleidigen, da die Oper außerhalb von Venedig, dem Ort ihrer Uraufführung, aufgeführt wurde. Francesco Maria Piave, der Librettist (und Verdis Librettist für La traviata und andere Werke), machte sich einen Spaß aus der sexuellen Anzüglichkeit des Liedes.

Mattia Venni war ein ausgezeichneter Crispino. Seine Musik ist nicht besonders schwierig, aber er war sehr witzig, agierte mit seiner Stimme und spielte die physische Komik auf der Bühne. Annetta hat wesentlich mehr Koloraturen in ihrer Rolle und kann viele Techniken des Belcanto-Gesangs zeigen. Es scheint, dass Teresa Castillo über alle diese Techniken im Überfluss verfügt, zusammen mit vielen hohen Tönen und angemessenem Schwung. Manchmal ist ihr Gesang jedoch etwas gequetscht. Frau Castillo ist eine langjährige Mitarbeiterin von Herrn Crutchfield. . Liz Culpepper war die neue Mezzosopranistin in der Rolle der Comare. Sie war gut und souverän, auch wenn sie keine eigene Arie sang. Dorian McCall und Vincent Grana waren beide gut und lustig als die beiden Ärzte, ebenso wie Scott Hetz Clark als Don Asdrubale. In der Oper gibt es eine Nebenhandlung über die Liebe eines stimmgewaltigen Tenors, des Contino del Fiore, zu Lisetta, einem Mündel von Don Asdrubale. Er scheint da zu sein, damit es zu Beginn der Oper eine schmelzende Tenorarie („Bella siccome un angelo“) geben kann. Toby Bradford spielte die liebeskranke Rolle bewundernswert und sang die schmelzende Arie. Der Maestro al cembalo und Leiter der Aufführung war Jonathan Brandini, ein weiterer langjähriger Mitarbeiter von Crutchfield. Er leitete mit großem Brio die Ensembles und schunkelte bei den Walzern. Die Brüder Ricci, Federico und Luigi, sollte man öfters hören. Il birraio di Preston von Luigi wird diesen Sommer bei einem Festival in Italien mit dem Titel „Il bel canto ritrovato“ aufgeführt. Wenn es auch nur annähernd so ist wie Crispino, wird es mit endlosen Melodien und viel Spaß gefüllt sein. Dem Teatro Nuovo gebührt großer Dank dafür, dass es Crispino zurück nach New York gebracht hat. Das sah auch das dankbare volle Haus im Rose Theater so. Charles Jernigan

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Festival Palazzetto Bru Zane 2023 – Louise Bertin: Fausto – Théâtre des Champs-Elysées, Paris 20. Juni 2023. Ich wünschte, ich könnte enthusiastischer über diese jüngste Wiederaufnahme eines bisher vergessenen Werks sein. Aber sowohl die Oper selbst als auch diese Aufführung haben mich sehr enttäuscht.

Von meinem Platz aus, vorne in der Mitte des Ersten Balkons, überwältigte das Orchester die Sänger, insbesondere die beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen, Karine Deshayes in der Titelrolle (eine Hosenrolle, die ursprünglich für Benedetta Rosmunda Pisaroni konzipiert war) und Karina Gauvin als Margarita. Beide haben einen guten Ruf, letztere vor allem im Bereich der Barockmusik, aber Deshayes kam im Orchesterklang oft nicht durch und Gauvin klang ehrlich gesagt nicht ganz bei sich. Das Gleichgewicht zwischen Stimmen und Orchester war durchweg zugunsten des Orchesters, Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset, ausgeprägt. Vielleicht wird das Gleichgewicht bei der kommenden Aufnahme für das Label Palazzetto Bru Zane (geplante Veröffentlichung im Januar 2024) besser sein. Vielleicht hätte eine szenische Aufführung mit dem Orchester im Orchestergraben das Problem beheben können. Und vielleicht liegt die Ursache zum Teil in der Musik selbst.

Zu Louise Bertins „Fausto“: Die Komponistin/ Wikipedia

Es schien mir, als ob Bertin um jeden Preis vermeiden wollte, wie Rossini zu klingen, der zu dieser Zeit (1831) noch die dominierende Figur am Théâtre Italien gewesen wäre und ihren musikalischen Studien bei Fétis und Reicha Tribut zollen wollte. Mir kam es so vor, als ob die meiste Zeit praktisch nur das gesamte Orchester spielte, was seinen Beitrag sowohl laut als auch dicht machte. Zwar spielten die drei Posaunen (einer der wenigen Anklänge an Mozarts Don Giovanni) nicht ununterbrochen, aber abgesehen von den Rezitativen war dies mein Eindruck.

Anscheinend wurde Berlioz vorgeworfen, einen Teil der Musik für Bertins letzte Oper Esmeralda geschrieben zu haben, aber während Berlioz‘ Orchestrierung brillant und transparent klingt, tönte die von Bertin, so wie sie hier zu hören war, einfach nur dick. Der Mefistofele des kroatischen Basses Ante Jerkunica war viel besser zu hören – er hat eine Reihe von Wagner-Rollen gesungen. Und Nico Darmanins Auftritt als Valentino zu Beginn des dritten Aktes war ein Bekenntnis zu Rossini. Ich fühlte mich flüchtig an Corradinos Auftritt in Matilde di Shabran erinnert; auch wenn Valentinos hohe Noten und Läufe wahrscheinlich weniger extrem waren, so hatte er doch wenigstens welche. Andernorts wurden Koloraturen in Bertins Gesangsstil fast völlig vermieden. Ich fragte mich, ob andere musikalische Einflüsse Cherubini und Spontini gewesen sein könnten. Es gab nur wenige eigenständige Arien und wenige Applausrufe, und es gab viel Ensemblearbeit, die ein durchkomponiertes Gefühl vermittelte.

Aus den Namen der Figuren kann man schließen, dass die Kenntnis von Gounods Oper ein guter Ausgangspunkt ist, um der Handlung von Fausto zu folgen. Es gibt Unterschiede, aber noch mehr Gemeinsamkeiten. Bertin schrieb ihr eigenes Libretto auf Französisch, vertonte es dann aber in einer italienischen Übersetzung von Luigi Balocchi.

Ich würde mich gerne positiver äußern können. Die Entdeckung einer neuen Oper aus dieser Zeit, noch dazu von einer Komponistin, macht Appetit, aber in diesem Fall blieb mein Hunger ungestillt. Ich sollte hinzufügen, dass der Beifall während der Oper und am Ende der ersten Hälfte begrenzt war, während er am Ende warm und langanhaltend war. Alan Jackson (Der Autor ist Schatzmeister bei der Londoner Donizetti Society und war so freundlich, uns seine Rezension für die website der Gesellschaft zu überlassen, ganz herzlichen Danke Alan./ Übersetzung G. H./ Louise Bertins Oper wird in operalounge.de in der Reihe „Die vergessene Oper“ vorgestellt werden. Für ihr Frühwerk „Loup garreau“ findet sich in unserer Reihe „Die besondere Oper“ die Rezension von Charles Jernigan von der Aufführung in Albuquerque 2022. 

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Musikfestspiele Potsdam Sanssouci: Rokoko-Zauber im Schlosstheater. In Freundschaft lautet das Motto der diesjährigen Festspiele in Potsdam Sanssouci, das im Schlosstheater des Neuen Palais zwei absolute Opernraritäten präsentiert. Erstere, die Festa teatrale L’Huomo von Andrea Bernasconi, kam als Koproduktion mit Musica Bayreuth nach Potsdam und erlebte am 11. 6. 2023 ihre gefeierte Premiere. Das Stück mit einem französischen Libretto von Wilhelmine von Bayreuth, das der Hofdichter Luigi Maria Stampiglia in italienische Verse gesetzt hatte, kam 1754 im Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth zur Uraufführung. Anlass war ein Besuch von Friedrich II., Wilhelmines jüngerem Bruder, in der fränkischen Metropole.

Dorothee Oberlinger/ Foto Sony

Die Festa teatrale vereint ausgedehnte italienische Bravourarien, empfindsame Kavatinen und Ballettmusiken im französischen Stil. Mit ihrem Ensemble 1700 breitet Dorothee Oberlinger die reiche Palette der Musik mit Drive und straffem Zugriff aus. Immer wieder setzt sie markante Akzente, ob mit festlichem Trompetengeschmetter und Paukenwirbel, einer graziösen Gavotte oder einem gravitätischen Marsch. Sie hat auch die Edition verantwortet, welche die nicht überlieferten Ballettmusiken durch jene aus Carl Heinrich Grauns Armida ersetzt. Ohnehin enthält das Werk Einschübe fremder Komponisten gemäß der individuellen Wünsche einzelner Interpreten, so von Johann Adolf Hasse und Wilhelmine von Bayreuth höchstselbst.

Nils Niemann, ein ausgewiesener Regisseur für historische Aufführungspraxis, hat die Handlung in zauberhaften barocken Kulissen von Ausstatter Johannes Ritter arrangiert. Ein Wolkenhimmel aus Soffitten, eine Claude Lorrain nachempfundene Parklandschaft, ein Palmenhain und  wandernde Wolken sorgen für stimmungsvolle Impressionen und den theatralischen Zauber vergangener Zeiten. Video-Animationen von Christoph Brech im Hintergrund, die vom Totenkopf über ein Gehirn zum Sternenhimmel wechseln, schlagen die Brücke ins Heute. Tänzer und Tänzerinnern stellen in eigenen Choreografien Liebesgeister, Furien und Erdenbewohner dar. Allegorische Figuren streiten um zwei Seelen, eine weibliche und eine männliche, die durch das Liebespaar Animia und Anemone in entzückenden Rokoko-Kostümen personifiziert sind. Die Sopranistin Maria Ladurner hat als Animia reizende, auch kokette Arien, reich an Verzierungen, zu singen, was ihr beachtlich, doch nicht ohne grelle Momente in der exponierten Höhe gelingt. Phänomenal im Koloraturfluss bewältigt sie ihr resolutes Solo im zweiten Teil. Die Stimme des Sopranisten Philipp Mathmann klingt fragil und unausgewogen in den Rezitativen, doch trumpft sie in Anemones Arien in der oberen Lage mit stupender Wirkung auf. Virtuos wechselt er in der Arie „Sino al respiro estremo“ zwischen baritonaler Tiefe und der Extremhöhe.

Bernasconis Oper „L´Uomo“ in Potsdam/ Szene/ Foto Stefan Gloede

Spektakulär beginnt die Aufführung mit dem Auftritt des Buon Genio. Francesca Benitez in prachtvoller Gewandung und herrscherlicher Attitüde singt ihre Gleichnisarie „Soffre talor del vento“ vom sanften, aber auch tobenden Meer mit dramatischem Aplomb, flexibler Stimmführung und bravouröser Bewältigung des Zierwerks. Der Gute Geist befreit seine von Höllengeistern gefesselte Tochter Negiorea, die von Alice Lackner mit klangvollem Alt gesungen wird. Mit dem pathetischen „Ti sembro austera“ und der Wutarie „Del tuo malvagio impegno“ fallen ihr zwei attraktive Nummern zu, welche sie mit kultiviertem Vortrag bzw. explosiver Attacke vorträgt. Gegenspieler zum Guten ist der Böse Geist, Cattivo Genio, den Florian Götz mit auftrumpfender Gebärde und resolutem Bass singt. Er befiehlt der Flüchtigen Liebe, Amor Volubile, und der Wollust, Volusia, das junge Liebespaar zu verführen. Anemone kann deren Verlockungen nicht widerstehen und wird Animia untreu. Die Sopranistin Anna Herbst kann als Verführerin in vielfältigen Arien mit reicher Farbpalette glänzen. Als Amor Volubile (und verkleidet als Amor  Ragionevole) wartet der Tenor Simon Bode mit beherztem Vortrag und buffoneskem Beiklang auf. Die rundum ausgewogene Besetzung komplettiert Johanna Rosa Falkinger als Incosia, die Unbeständigkeit, die mit der reizenden Schmetterlings-Arie „Della farfalla infida“ voller funkelnder staccati und lieblicher legati erfreut. Am Ende will Anemone seine Schuld mit dem Leben büßen, doch Animia verzeiht ihm. Ein Freudenchor besingt den Sieg über die Finsternis und den Triumph des Lichts. Ein abschließender Tanz erinnert an das legendäre Liebespaar Rinaldo und Armida.

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Französischer Glanz in der Erlöserkirche: Alle drei Inszenierungen des diesjährigen Festspielsommers kamen als Koproduktionen mit renommierten Festivals der Alte-Musik-Szene nach Potsdam. Zweites Ereignis war am 17. 6. 2023 die Aufführung von Marc-Antoine Charpentiers Biblischer Tragödie David et Jonathas in der Erlöserkirche. Sie kam von der Opéra Royal/Château de Versailles und belegte in überwältigender Manier den Glanz der französischen Barockoper, wenn diese in angemessener Inszenierung und Ausstattung dargeboten wird. Hier hatte Marshall Pynkoski, Spezialist für das Theater des 17./18. Jahrhunderts, das Liebesdreieck um König Saul, seinen Sohn Jonathan und dessen geliebten Freund David auf einem erhöhten Podest in Szene gesetzt. Die lebhaften  Arrangements und das engagierte Spiel der Akteure ließen den Aufführungsort Kirche total vergessen und die Frage, ob das hybride Werk nun zur Gattung der Oper oder des Oratoriums zählt, gänzlich in den Hintergrund treten.

Prägend für die Optik und bestimmend für den Luxus der Produktion waren die historisierenden Kostüme des berühmten französischen Modedesigners Christian Lacroix. In ihrer reichen Ornamentik, den kostbaren Materialien und den phantasievollen Entwürfen gehörte ein jedes von ihnen in das Geschichtsmuseum. Tänzerinnen und Tänzer des Ballet de l’Opéra Royal du Château de Versailles zeigen in gemusterten Trikots eine Choreografie von Jeannette Lajeunesse Zingg, die sich auf historischen Barocktanz spezialisiert hat. Da sieht man Freudentänze über das Glück des Friedens, Fechtszenen und im Finale den Jubel um David als neuen König. Dieser ersteigt den turmartigen Aufbau hinter der Spielfläche (Bühne: Antoine & Roland Fontaine), um sein Volk zu grüßen, und bricht zusammen. Denn er hat seinen geliebten Freund Jonathan  verloren, der in der Schlacht gefallen ist.

Charpentiers „David et Jonathas“ in Potsdam 2023/ Foto Stefan Gloede

David Tricou sorgt in der Abschiedsszene von dem toten Geliebten nach dem existentiellen Aufschrei „Ciel! il est mort!“ für einen ergreifenden Klagegesang. Die Stimme des Sängers ist ein Phänomen, bewegt sich gleichermaßen souverän in der Region eines haute-contre (für den die Partie vom Komponisten notiert wurde) und eines Tenors, ist von faszinierender maskuliner Sinnlichkeit, zu der eine  umwerfende charismatische Erscheinung korrespondiert. In jedem Moment ist sein Gesang von hinreißender Emphase, nie verzärtelt oder larmoyant. Das trifft eher auf den Sopran von Caroline Arnaud zu. Ihr Jonathas hatte anfangs wenig individuelle Kontur, steigerte sich erst im 3. Akt, klang dann aber streng und bohrend. Mit starkem spielerischem Einsatz und virilem Bariton war David Witczak ein imposanter Saül. Im Prologue begibt er sich zu einer Wahrsagerin, La Pythonisse, um den Schatten (Nicolas Certenais) seines Vorgängers Samuel erscheinen zu lassen. François-Olivier Jean hat gleich einer Drag Queen einen spektakulären Auftritt in großer Barockrobe und reichem Glitzerschmuck, führt seinen Tenor mit jammerndem Beiklang bis in Counterregionen. Die Besetzung komplettieren Cyril Costanzo als Achis, König der Philister, mit prägnantem, nachdrücklichem Bassbariton und Antonin Rondepierre als Oberbefehlshaber mit charaktervollem Tenor von bedrohlichem Ausdruck.

Gleich den Tänzern haben auch der Petit und Grand Choeur vielfältige Aufgaben als Volk, Krieger, Gefangene und Schäferinnen. Da werden im 1. Akt jubelnd die Taten des Helden David verkündet und im letzten mit einem ergreifenden Klagegesang der Tod des Jonathan betrauert. Alle diese Stimmungen bringen die Sänger mit vokalem Glanz und engagiertem Einsatz zu optimaler Wirkung.

Ein veritabler Tänzer am Pult war Gaétan Jarry, der das von ihm gegründete ENSEMBLE MARGUERITE LOUISE mit ansteckender Vitalität und größtem körperlichem Engagement leitete. Seine Interpretation besaß Drive und Esprit, festlichen Glanz, rasanten Wirbel bei den Ballettmusiken und am Ende erhabene Größe.

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Liebeswirren mit Bauarbeitern: Aus Innsbruck kam die dritte Neuinszenierung der diesjährigen Festspiele, Bernardo Pasquinis Idalma, als Koproduktion mit den Festwochen der Alten Musik. Der originale Titel dieser 1680 in Rom uraufgeführten Commedia per musica lautet L’Idalma, ovvero Chi la dura la vince. Und am Ende gibt es tatsächlich allseits Gewinner, denn dank ihrer Beharrlichkeit kommen alle Personen zum guten Schluss.

Alessandra Premoli hat das Verwirrspiel um Liebe, Treue und Eifersucht lebendig inszeniert, doch leider die unglückliche Idee gehabt, in dem von Nathalia Deana entworfenen Raum mit Kamin, Architekturteilen, Marmorintarsien, einer Sopraporte und Amphore Bauarbeiter mit Schutzhelmen, Taschenlampen, Handwerkszeug, Leitern und Gerüsten auftreten zu lassen. Permanent geistern sie durch die Szene, machen gelegentlich eine Pause mit Bier und Broten, geraten auch mal in handfesten Streit. Der Raum befindet sich in Rekonstruktion, wurde offenbar lange nicht begangen, was die langen Eiszapfen an den Wandleuchtern belegen. Immerhin flackern diese noch bei ausgedehnten Koloraturgirlanden, was ihre Funktionstüchtigkeit bezeugt. Auch eine Restauratorin mit Smartphone und Bauplänen ist im Einsatz, das elegante Outfit und die Highheels (Kostüme: Anna Missaglia) stehen nicht unbedingt für eine Arbeitskleidung. Insgesamt war die aufgesetzt wirkende Verlegung der Handlung in die Gegenwart nicht nur überflüssig, sondern auch störend.

Die Regisseurin war in der Premiere am 23. 6. 2023 auch szenisch im Einsatz, spielte den Lindoro, die männliche Hauptrolle, weil Anicio Zorzi Giustiniani krankeitsbedingt nicht proben und den Part im Orchestergraben nur singen konnte. Sein baritonal timbrierter Tenor gefiel besonders in der beherzten Arie „Voglio amar“ zu Beginn des 3. Aktes mit behändem Fluss der Koloraturen. Er bekennt sich hier zu seinem flatterhaften Liebesleben. Seine römische Geliebte Irene hat er verlassen und in Neapel Idalma geheiratet, will aber nun zu Irene zurückkehren. Prachtvoll gewandet und glänzend besetzt waren beide Damen mit der Sopranistin Arianna Vendittelli in der Titelrolle und der Altistin Margherita Maria Sala als Irene. Erstere kann sogleich in ihrer ersten Arie, in welcher sie sich über die Treulosigkeit ihres Gatten beklagt, mit klangvoller Stimme und vehementer Ausformung der Koloraturen überzeugen. Mitunter ist ihr Ton streng, doch stets intensiv und auch in den Rezitativen nachdrücklich. Fast eine Furienarie hat sie im 3. Akt zu bewältigen, wenn die Eifersucht sie plagt, was die Stimme in ihrer Raserei nahe ans Keifen führt, doch ist der hochdramatische Aplomb beachtlich. Mit satter, reizvoll timbrierter Stimme von üppiger Tiefe war Margherita Maria Sala eine Entdeckung. Das Ausdrucksspektrum der Sängerin reicht von schwärmerischen bis zu furiosen Facetten, überzeugte auch mit der reichen lyrischen Empfindung in der Arie „Giusti Numi“ im 3. Akt.

Pasquinis „Idalma“ in Potsdam/ Foto Birgit Gufler

Nicht weniger als sensationell ist der Auftritt ihres Bruders Almiro, der sich in Idalma verliebt, zu nennen. Denn der Bariton Morgan Pearse wartete mit einer Stimme auf, der geradezu Verdi-Potential eignet. Optisch gibt er im grünen Anzug, mit reich geschmücktem Hut und Flinte fast eine komische Figur ab, doch überwältigt der Sänger mit seiner Stimme von  singulärer Pracht und ausladender Fülle. Beim Anblick der vermeintlich toten Idalma im 3. Akt kann er mit „Anima bella“ auch mit lyrischen Valeurs glänzen.

Der zweite Tenor der Besetzung, Juan Sancho als Irenes Gatte Celindo, kann sich mit hellerer, metallischer Stimme wirkungsvoll von Giustiniani abgrenzen. Männlich-elegant seine Erscheinung, munter und beherzt sein Vortrag. Mit Anita Rosati als Irenes Page Dorillo kommt ein kecker Soubrettenton ins Geschehen, der Bass Rocco Cavalluzzi kontrastiert als Lindoros Diener Pantano mit tiefen Noten und hat im 3. Akt eine reizende neapolitanische Canzone mit Fandango-Anmutung zu singen.

Am Ende ist die Restaurierung des Raumes beendet und ein Schriftzug über der Tür wird enthüllt: „Chi la dura la vince“. Für Pasquinis galante Musik mit farbiger Instrumentation, den reizvollen melodischen Floskeln auch in den Rezitativen und der Nähe zur spanischen Komödie war Alessandro De Marchi am Pult des Innsbrucker Festwochenorchesters der beste Anwalt. Das Publikum im Schlosstheater feierte die Interpreten anhaltend und herzlich – Potsdam Sanssouci 2023 war ein exquisiter Jahrgang. 2024 bringt vom 7. bis 23. JuniVeranstaltungen unter dem Titel „Tanz“. Bernd Hoppe

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Schloss Rheinsberg Osterfestspiele La clemenza di Silla: In Koproduktion mit den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik kam Carl Heinrich Grauns Dramma per musica Silla nach Rheinsberg und schmückte das Programm der Osterfestspiele im Schloss. Viele Berliner Opernfreunde  waren zur Nachmittagsvorstellung am Ostersonntag angereist, erlaubte der günstige Termin doch eine abendliche Heimfahrt mit dem Regionalzug.

Kein Geringerer als Friedrich II. verfasste das Libretto zu dieser Oper, die 1753 im Berliner Opernhaus Unter den Linden uraufgeführt wurde. Vier Kastraten wirkten bei dieser Premiere mit und führten die hochvirtuose Musik des Königlichen Hofkapellmeisters Graun zu eindrucksvoller Wirkung. Auch in Innsbruck und Rheinsberg war eine prominente Besetzung aufgeboten, die dem Publikum im ausverkauften Schlosstheater ein Fest des Gesangs bescherte.

Georg Quander, Künstlerischer Direktor der Osterfestspiele Rheinsberg, hatte die Sänger in dekorativen Posen arrangiert und dankenswerterweise auf alle Verfremdungseffekte verzichtet. Die optische Faszination der Aufführung war vor allem der Ausstatterin Julia Dietrich zu danken, der durch Kopien von Wandmalereien in pompejanischer Manier und Zeichnungen von Säulen-Architektur ein Mix aus dem römischen Kapitol und dem Potsdamer Schloss Sanssouci gelang. In der Mitte eines Treppenrondells fanden sich wenige Versatzstücke wie eine Ottomane, ein Schreibtisch, eine Büste sowie Banner und Hoheitszeichen zur Bestimmung der Schauplätze.

Osterfestspiele Schloss Rheinsberg/ Grauns Oper „Silla“/ Foto Birgit Guller

Der Titelheld des Werkes ist der römische Diktator Silla, der ein Terrorregime führte und auf dem Höhepunkt seiner Macht alle Ämter aufgab, sogar auf die angebetete Ottavia zugunsten seines Konkurrenten Postumio verzichtete. Bejun Mehta zeichnete die Figur zwischen Machtmissbrauch und Verzicht sehr eindringlich. Von Julia Dietrich in einem roten Samtanzug mit kostbarer Goldstickerei kostümiert, war er auch optisch eine imposante Erscheinung. Sein Countertenor ließ gelegentlich ein paar larmoyante Töne hören, überzeugte aber schon in seiner erregten Arie „Perfido, sì comprendo“ mit vehementem Einsatz und dramatischem Aplomb. In den empfindsamen Arien kostete er das sanfte Melos schwelgerisch aus und krönte seine Interpretation mit dem Koloraturjubel in „Sia questo giorno altero“. Seinen Gegner Postumio stattete der Sopranist Samuel Mariño mit zärtlich sanften Tönen aus. Aber er wusste in „Non più tardi la vendetta“ auch ein Koloraturfeuerwerk von äußerster Erregung abzufeuern. „Caro bell’Idol mio“ mit lieblichen Melismen war sein Liebesgeständnis an Ottavia. Die Sopranistin Eleonora Bellocci, ganz in Weiß in einem Gewand im griechisch-römischen Stil gewandet, sang sie beherzt und entschlossen, was in ihrer Arie „Sol nel caro amabil volto“ auch zu grellen Spitzentönen führte. Hinreißend war sie im Duett mit Postumio, „Quando potrem giammai“, wo sich beider Koloraturläufe perfekt verblendeten. Auch ihr Zwiegesang mit Silla war von starker Wirkung durch die unterschiedlichen Emotionen – sie mit loderndem Zorn, er besänftigend und schwärmerisch. In ihrer letzten Arie, „In quest’amplesso“, konnte sie Postumio dann noch einmal ihrer Liebe versichern. Sie setzt sich damit auch über ihre Mutter Fulvia hinweg, die ihr geraten hatte, sich dem Antrag Sillas zu fügen. Die im Barockfach namhafte Roberta Invernizzi in strenger schwarzer Robe über der Krinoline trat gebührend resolut auf und sang mit reifem, herb getöntem Sopran. Ihr großes Solo gegen Ende des Werkes, „Se l’augellin si vede“, bewies aber ihre noch immer ihre kompetente Beherrschung des virtuosen Zierwerks.

Zwei weitere Countertenöre traten als die römischen Ratsherren Metello und Lentulo auf. Ersteren gab Valer Sabadus in einem reich bestickten, prunkvollen Gehrock. Seinem Auftritt fehlten Energie  und Verve, auch irritierte ein nasaler Beiklang in der Stimme. Besser gelang ihm „Vinci, Signor, te stesso“. Als Lentulo hinterließ Hagen Matzeit einen glänzenden Eindruck. Sein warmer, resonanzreicher und in der baritonalen Tiefe substanzreiche Counter betörte in der Arie „Dopo l’orror“, doch sollte der Sänger in der ausgedehnten Kadenz auf den zirzensischen Effekt verzichten, die weite Spanne seiner Stimme bis zum Extrem auszureizen. Von reinem Wohlklang erfüllt war sein letztes, sanftes Solo „Nel reo destin crudele“.

Ein Tenor ist die tiefste Stimme der Besetzung, Sillas Ratgeber Crisogono, der dem Diktator rät, Ottavia zu entführen. Mert Süngü in römischer Toga und langem weißem Haar sang mit vehementem Einsatz und bedrohlichem Ausdruck, welcher die zwielichtige Figur anschaulich profilierte. Vor allem in seiner aufgewühlten Arie „Invan mortale ardito“ verfehlten die rasenden Koloraturen nicht ihre Wirkung.

Am Ende legt Silla seinen goldenen Umhang ab und verlässt die Szene. Zuvor hatte die Gesangsvereinigung Chorisma Neuruppin (Leitung: Dieter Winterle) noch den Großmut des Herrschers gepriesen („Viva di Silla il nome“) – mit mehr Fortune als im ersten Auftritt („Trionfar veggasi l’Eroe“), wo der Gesang unausgewogen und intonationstrüb klang. Auch das Orchester der Innsbrucker Festwochen fand unter Alessandro de Marchi zu keiner einheitlichen Leistung. Geradezu ausgedünnt klang die Sinfonia und auch später hätte man sich zuweilen ein affektreicheres Musizieren gewünscht. Aber es gab auch viele erfüllte Momente von orchestralem Glanz und ausgewogener Balance zwischen Bühne und Graben. Enthusiastischer Beifall des Publikums galt am Ende allen Mitwirkenden. Bernd Hoppe

Rätselhaft

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Das Cover gibt nichts preis von dem, was diese Aufnahme von anderen erheblich unterscheidet: Konstatin Krimmel singt Die schöne Müllerin von Franz Schubert, erschienen bei Alpha-Classics. Begleitet wird er von Daniel Heide (Alpha 929). Betont umweltschonend fällt die Verpackung aus. Bis auf den eigentlichen Tonträger aus dem hochwertigen Kunstsoff Polycarbonat nur noch Pappe und Papier. Die feine Druckqualität macht etwas her – der photogene Sänger im Halbprofil auch. Heide schlägt ein rasantes Tempo an. Es lässt keinen Zweifel aufkommen, dass gewandert wird. Krimmel muss sich nicht dreinfinden. Er marschiert sofort los. Es wird kein fröhlicher Ausflug. Das ist mit dem ersten Ton klar. Dieser Müllerbursche ist auf dem Weg in den Tod. Der sichere Umgang mit dem Text, der schon immer eine seiner Stärken war, macht den Liedsänger Krimmel aus. Die ruhig geführte Stimme sitzt fest im Körper. Er kommt nie an Grenzen seines Baritons. Mir scheint, er ist im Vergleich mit früheren Einspielungen noch reifer geworden. So kann er alle Ressourcen auf die Gestaltung verwenden. Es dauert nicht lange, bis es anders klingt als man es gewohnt ist und verinnerlicht hat. Darauf soll es wohl auch hinaus.

Zunächst unmerklich, dann immer stärker und auffälliger werden einzelne Wörter mit Koloraturen verziert und fast schon in die Nähe der Oper gerückt. Gleich im ersten Lied gibt es zum Schluss hin auch noch ein zusätzliches „Ja“, das da nicht hingehört und auch dem Text, der sich im Booklet findet, nicht zugeteilt wurde. Der Sänger experimentiert auf subtile Weise mit dem Tempo und dehnt Figuren wie im Lied Am Feierabend bis zum Gehtnichtmehr, um gleichzeitig vorzuführen, wie man noch deutlicher singen kann als er es ohnehin die ganze Zeit über tut. In der Regel bleiben die Lieder im Einstieg unangetastet. Erst im Verlauf bauen sich die teils überraschenden Zutaten auf. Sie wirken nicht spontan sondern sehr ausgeklügelt. Auch wenn nicht alles Sinn macht, so ist die Absicht meist klar. Einen deutlichen Mehrwert in Inhalt und Aussage kann ich aber nicht erkennen, auch wenn der Sänger in einem sehr persönlichen Text im Booklet in düsteres Nachdenken gerät. Er verweist darauf, dass sich in Deutschland nach Angaben des statistischen Bundesamtes im Jahre 2021 über 9000 Menschen das Leben nahmen. Dreiviertel davon seien Männer gewesen. Fiele diese Zahl geringer aus, wenn das stereotypische „Rollenbild nicht darauf bestehen würde, dass der Mann Stärke zeigen müsse“, fragt er. Es sei leichter gesagt als getan, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Müllerbursche hat sie nicht gesucht, „sondern macht die Last der Emotionen mit sich selbst aus und teilt sie letztlich mit dem Bach, der ihm seinen Todeswunsch erfüllt“. Es sei eine „Achterbahn der Gefühle, eine Berg- und Talfahrt durch die Leidenschaft“. Krimmel schließt mit einem Hinweis auf das Fünf-Phasen-Modell der schweizerisch-amerikanischen Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004). Danach wäre der Müllerbursche am Ende seines Wegs bei der 5. Phase angelegt, in der Sterbende den Tod akzeptieren.

Wenn sich also ein Dreißigjähriger bei seiner Sicht auf den Liederzyklus an knallharte Fakten der Gegenwart hält und die Romantik Romantik sein lässt, ist das nur verständlich. Sein Vortrag aber ist durch und durch rückwärtsgewandt und nur aus der Zeit Schuberts heraus zu verstehen. Damals war es übliche Praxis, Lieder verziert darzubieten. Nach Schuberts Tod hatte sich der Komponist, Pianist und Verleger Anton Diabelli die Rechte an der Schönen Müllerin gesichert und besorgte eine repräsentative Druckausgabe. Er bat den „berühmten, mit Schubert befreundeten Sänger Johann Michael Vogl, die Singstimme so einzurichten, dass sie möglichst großes Echo beim Publikum finde. Das tat dieser denn auch. Er fügte – sparsam – einige Verzierungen hinzu, … die er selbst gesungen hatte, wenn Schubert ihn begleitete“. Nachzulesen beim Musikwissenschaftler Walther Dürr in einem Beitrag für die Einspielung von Christoph Prégardien und seines Begleiters Michael Gees 2008 bei Challenge Classics. Die Ornamente, die Prégardien singt, „orientierten sich zwar vom Typus her an den in Diabellis Druck (und einigen Handschriften) überlieferten Verzierungen – wo der Sänger sie aber einsetzt und wie er sie im Einzelfall gestaltet, ist ganz seine eigene Erfindung“, so Dürr. Was Krimmel und Heide versuchen, ist im Prinzip also nicht neu. Ihre Herangehensweise unterscheidet sich im Detail aber deutlich von der des Tenor-Kollegen Prégardien. Woran orientieren sie sich? In der Neuerscheinung gibt es nicht einen Hinweis darauf. Es bleibt rätselhaft. Vielmehr wird auf dem Cover und im Booklet der Eindruck vermittelt, als handele es sich um eine „ganz normale“ Müllerin (03.09.23). Rüdiger Winter

Oper in der Kirche

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Carl Loewe, der für seine Balladen und Lieder berühmt geworden ist, hat auch siebzehn Oratorien hinterlassen. Nach dem Tod des Komponisten im Jahre 1869 mehr und mehr dem Vergessen anheimgefallen, werden sie nun peu à peu neu entdeckt. Innerhalb weniger Jahre hat Oehms gleich zwei Titel auf den Markt gebracht hat. Auf Das Sühneoper des neuen Bundes 2019 folgte jetzt Jan Hus (2 CD OC 1720). Loewe wirkte von 1820 bis 1866 sechsundvierzig Jahre in Stettin als Kantor und Organist an der Jakobikirche. Zudem hatte er den Posten des städtischen Musikdirektors inne, gab Gymnasialunterricht und bildete am zuständigen Seminar Lehrer aus. Kurz nach Amtsantritt wurde er auf 22 Paragraphen mit seinen dienstlichen Aufgaben verpflichtet, „von denen einer ihm untersagte, Opern für die Stettiner Bühne zu schreiben“, so der Musikwissenschaftlers Klaus-Peter Koch in einem Vortrag bei einer Konferenz zum 200. Geburtstag des Komponisten 1996 in Halle, der in Band 13 der Schriften des Händel-Hauses veröffentlicht wurde (ISBN 3-910019-11-0).

Dieses Verbot erklärt die Hinwendung zum Oratorium. Dennoch stellt sich die Frage, warum Loewe, der auf dem Gebiet der Oper bereits Erfahrungen gesammelt hatte, nicht andere Bühnen zu bedienen versuchte? Dafür blieb ihm angesichts der starken Beanspruchung in Stettin einfach keine Zeit. Eine Erklärung, die auch Koch im Gespräch mit operalounge.de  teilte. In den Sommerferien – seiner einzigen Freizeit – begab sich Loewe auf Reisen, um als Sänger neue Balladen zu Gehör zu bringen und über Deutschland hinaus bekannt zu machen. Er soll eine sehr gute Tenorstimme gehabt haben. Dabei begleitete er sich selbst am Klavier. Sein Ruhm beruht nicht zuletzt auf diesen Auftritten. In der Neuzeit fanden Sänger wie Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Roland Hermann, Kurt Moll, Theo Adam oder Werner Hollweg einen neuen Interpretationsansatz, indem sie sich wieder dem Original zuwandten und diverse Zerrbilder in Gestalt gefälliger Bearbeitungen hinter sich ließen. Eine Entwicklung, die durch das segensreiche Wirken der Internationalen Carl Loewe Gesellschaft, die ihren Sitz in Löbejün, dem Geburtsort des Komponisten, hat, befördert und vorangetrieben wird. Zum bisherigen Höhepunkt der modernen Annäherung an Loewe wurde die Einspielung sämtlicher Lieder und Balladen, die cpo in Zusammenarbeit mit dem RBB, dem Südwestrundfunk und Deutschlandradio zwischen 1994 und 2003 stemmte. Sie wurde künstlerisch vom Pianisten Cord Garben betreut und kam 2009 auf den Markt. Die aus einundzwanzig CDs bestehende Edition ist nach wie vor greifbar (777 366-2).

Jahre vor Oehms war – versehen mit einem entsprechenden Hinweis auf dem Cover – die erste Aufnahme des Oratoriums Jan Hus an die Öffentlichkeit gelangt. Sie erschien als Mitschnitt von Konzerten im März 2009 in St. Gallen und Arbon auf CD bei dem schweizerischen Label Kuma. Die Leitung hatte der 1949 im Kanton Graubünden geborene Dirigent und Musikforscher Mario Schwarz, der durch zahlreiche musikalische Ausgrabungen von sich Reden gemacht hat. Er leitet den Kammerchor Oberthurgau und das Collegium Musicum St. Gallen. Den Hus singt der Tenor Simon Witzig. In beiden schweizerischen Orten gab es eine starke Hinwendung zur Reformation.

Sie liegen eine Autostunde von Konstanz entfernt, wo Jan Hus, der in Böhmen bereits mehr als hundert Jahre vor Martin Luther für eine Erneuerung der Kirche gestritten hatte, während des Konzils 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Er war nicht zu bewegen, seine Lehren, die er eigentlich hatte erläutern wollen, zu widerrufen. Obwohl ihm vom deutschen König Sigismund (im Oratorium Siegmund) freies Geleit für die Hin- und Rückreise zugesichert worden war, musste er als Ketzer sterben. Vor seiner Hinrichtung soll Hus gemeinsam mit dem inzwischen abgesetzte Gegenpapst Johannes XXIII., der ursprünglich das Konzil einberufen und den böhmischen Reformator eingeladen hatte, auf Schloss Gottlieben eingesperrt gewesen sein – in jenem Schloss, das 1950 von der Sopranistin Lisa della Casa erworben wurde. Sie bewohnte es mit Ehemann und Tochter fast bis zu ihrem Tod 2012. Laut Wikipedia steht es seit 2023 zum Verkauf. Es gibt also viele Gründe, warum das 1841 in der Berliner Singakademie uraufgeführte Oratorium, in der Schweiz zu neuem Leben erweckt wurde. Gedruckt lag es nicht vor. Deshalb musste auch in St. Gallen und Arbon auf Behelfsmaterial zurückgegriffen werden. Vor eine ähnliche schwierige Situation sah man sich 2013 in Tübingen gestellt. Im Rahmen der Lutherdekade, einer Veranstaltungsreihe, die am 21. September 2008 begann und 2017 mit dem 500. Jahrestags des Thesenanschlags zu Wittenberg endete, erarbeitete Musikdirektor Hans-Peter Braun mit dem Chor des Evangelischen Stifts Tübingen eine Aufführung in der Klavierfassung des Komponisten. Sie fand in der Tübinger Stiftskirche statt. Der Chor sang zur Orgel, die Solisten wurden auf einem Blüthner-Flügel und einem erst kurz zuvor auf dem Kirchendachboden aufgefundenen Pedalharmonium begleitet. Es stammt aus der 1880 von Ernst Hinkel in Ulm gegründeten Harmoniumfabrik. Als Solisten wirkten acht Studenten der Gesangsklasse von Andreas Reibenspies an der Musikhochschule Trossingen mit. Sie waren mit großem Einsatz bei der Sache, wie es dem Rundfunkmitschnitt dieses ambitionierten Projekts zu entnehmen ist.

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Georg Poplutz, der bereits im „Sühneopfer“-Oratorium mitgewirkt hatte, singt den Jan Hus / Kratschmer

Nicht nur die Uraufführung, auch der Librettist des Oratoriums August Zeune (1778-1853) weist nach Berlin. Zeune war ein bedeutender Pädagoge, Germanist und Gründer der ersten deutschen Blindenanstalt im Stadtteil Steglitz, die immer noch existiert. Er wurde in Wittenberg als Sohn eines Griechisch-Professors geboren, wo 1517 die Reformation durch Luther ihren Anfang genommen hatte. Denkbar ist, dass Zeune sein Interesse für Hus aus Wittenberg in die preußische Hauptstadt mitbrachte. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Alten Georgenfriedhof in der Greifswalder Straße nahe dem Alexanderplatz. Mit dem Werk Loewes wurde Zeune auch als Dichter wieder in Erinnerung gerufen. Robert Schumann schätzte ihn. Im Booklet greift Thomas Gropper, der Dirigent der Aufnahme, ein Zitat zum Libretto auf, das so auch im Internet kursiert: „Es ist (ein Text), der auch ohne Musik sich des Lesens lohnte, seines Gedankengehaltes, der edlen echt deutschen Sprache, der natürlichen Anordnung des Ganzen halber. Wer an Einzelnem mäkelt, an einzelnen Worten Anstoß findet, der mag sich seine Texte bei den Göttern holen. Wir würden die Komponisten glücklich schätzen, die immer solche Text zu componieren hätten.“ Eine Quelle wird nicht genannt. Sie findet sich im vierten Band der Gesammelten Schriften über Musik und Musiker von Schuman, die 1854 im Verlag von Georg Wigand in Leipzig erschienen sind und bisher lediglich als Reprint nachgedruckt wurden. Schumann verfasste seinen Text über Jan Hus anhand des Klavierauszugs. Er gelangt zu dem Schluss, dass sich Loewes neues Oratorium „in seiner Tendenz den früheren derartigen“ Kompositionen anreihe. Es sei schon vom Dichter nicht für die Kirche gedacht und halte sich für den Konzertsaal „passend oder auch bei musikalischer Gelegenheit wohl anzubringen zwischen Oper und Oratorium“.

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Carl-Loewe-Denkmal an der Jakobikirche in Stettin um 1904. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. / Wikipedia

Wer sich also mit dem Werk beschäftigt, wozu die Neuerscheinung von Oehms beste Gelegenheit bietet, wird Schumanns Urteil bestätigt finden. Schon der Prolog, der nur fünf Minuten in Anspruch nimmt, offenbart starke musikdramatische Neigungen. In die knappe orchestrale Einleitung, die nichts Gutes ahnen lässt, mischt sich ein Chor, der das Ende mit den Worten vorwegnimmt, dass „ohne Liebe man verbrannt den Frommen, darob die Nachwelt zwiefach steht verwundert“. Im Booklet ist der Text, der bislang nur schwer zugänglich gewesen ist – versehen mit Erklärungen des Dirigenten – komplett abgedruckt. Das ist umso begrüßenswerter, als die Literatur, die sich mit dem Schaffen Loewes und seinem Leben befasst, rar und sehr übersichtlich ist. Bis jetzt gibt es keine Biographie, die diese Bezeichnung verdient. Das Oratorium setzt sich aus drei Teilen zusammen, die auch als Akte verstanden werden können. Der erste spielt in Prag vor der Abreise von Hus zum Konzil. Schüler und Studenten bittet ihn in Chor inständig, „hier am sichern Ort zu bleiben“. Hieronymus (Dominik Wörner), ein Weggefährte, findet deutliche Worte: „Rom liebt den Brand, doch liebt es nicht das Licht.“ Hus (Georg Poplutz) aber ist frohen Mutes: „Was mein Gott will, das g’scheh allezeit.“ Loewe greift hier auf ein altes Lied zurück, das zum Kernbestand des lutherischen Kirchengesangs gehört. Der Text (um 1550) wird dem preußischen Prinzen Albrecht zugeschrieben, die Melodie stammt von dem Franzosen Claudin de Sermisy. Mit dem Lied eröffnet Bach seine gleichnamige Kantate BWV 111.

Das Grab des Textdichters August Zeune auf dem dem Alten Georgenfriedhof in Berlin ähnelt einem Mausoleum / Winter

Der zweite Teil schildert die Reise nach Konstanz. Mit seinem Gefolge trifft Hus im Böhmerwald auf eine Gruppe Zigeuner, die mit Gottvertrauen ihr Leben in Freiheit preisen: „Das weite Feld ist unser Zelt, des Waldes Graus ist unser Haus. Wie’s uns gefällt, so zieh’n wir aus, wie’s uns gefällt, zieh’n wir herein, da Groß und Klein zusammenhält. Frei ist die Welt.“ In die durch Hörnerklänge verstärkte romantische Stimmung mischen sich dunkle Ahnungen. Eine Zigeunerin (Ulrike Malotta) setzt zu einer Arie an, die auch aus einer Oper stammen könnte. Sie prophezeit Hus, dass sein Weg von nun an mit Trauerweiden gesäumt sein werde. Schließlich gerät eine Begegnung mit Hirten auf der Grenze nach Bayern zu einem Höhepunkt des Werkes. Hus bittet in einer biblisch anmutenden Szene um einen Glas Milch, für das er mit Worten aus dem berühmten Psalm 23 dankt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Auf dem Schloss zu Konstanz beginnt der dritte Teil mit einer kontroversen Auseinandersetzung zwischen Siegmund (wieder Dominik Wörner) und Barbara (Monika Mauch). Während der König darauf besteht, Hus als Ketzer zu verurteilen und zu verbrennen, wenn er denn nicht abschwöre, zeigt sich seine Gattin von dessen festem Blick und den „milden, klaren Worten“ beeindruckt. Sie gemahnt Siegmund an sein Versprechen, Hus freies Geleit zugesagt zu haben. Der aber antwortet: „Die Kirche lehrt, dass man dem Ketzer nicht braucht Wort zu halten.“ Vor dem Konzil bittet Hus darum, die Klagepunkte gegen ihn widerlegen zu dürfen, was abgelehnt wird. Das Urteil steht schon vorher fest, seine Widersacher zeigen sich im Chor unerbittlich: „Was aus der Hölle stammt, muss wieder in die Hölle hinab in des Feuers Grab.“ Hus aber spricht sich in der größten Soloszene des Oratoriums mit den Worten des 73. Psalms Kraft zu: „Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Er geht auf seinen letzten Weg zum Richtplatz vor den Toren der Stadt. Ein Chor begleitet ihn: „Seht den edlen Denker schreiten.“ Flammengeister schlagen vielstimmig auf. „Non confundar in acternum!“ („In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden“), sind die letzten Worte von Hus. Mit einer feierlichen Chorfuge schließt das Werk: „Ungetrübt rein leichtet der Menschheit ewig sein Schein.“

Der Dirigent Thomas Gropper hat mit den von ihm geleiteten Arcis-Vocalsolisten München, dem Barockorchester L`arpa festante und namhaften Solisten ein Ensemble um sich geschart, das sich mit hörbarer Hingabe an die Arbeit machte. Es realisierte auch das bereits erwähnte Sühneopfer-Oratorium für Oehms, bringt also einschlägige Erfahrung mit. In beiden Produktionen sind Georg Poplutz, Monika Mauch und Ulrike Malotta dabei. 1983 gegründet, hat sich das Orchester, das mit fünfunddreißig Musikerinnen und Musikern spielt, mit klassischer und romantischer Chor-Orchester-Literatur einen Namen gemacht. Von Anfang ist es darauf aus gewesen, vergessene Werke dem Musikbetrieb zurückzugeben. Die Diskographie ist setzt sich aus mehr als dreißig Veröffentlichungen zusammen. In der jüngsten Einspielung tritt die Mischung aus Oratorium und Oper, die schon Schumann aufgefallen war, deutlich hervor. Sie äußert sich auch durch räumliche Wirkung, die mit dem Ort der Produktion, der evangelisch-lutherischen Himmelfahrtskirche in München-Sendling zu tun haben dürfte. Dort wurde an fünf Tagen im Oktober 2022 unter Studiobedingungen aufgenommen. Wegen ihrer Akustik wurde die Kirche schon mehrfach für Einspielungen von Werken in mittlerer Besetzung genutzt. So auch die Aufnahme des Sühneopfer-Oratoriums. Rüdiger Winter

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Das große Foto oben zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Jan Hus zu Konstanz“ von Carl Friedrich Lessing. Es entstand 1842, ein Jahr nach der Uraufführung des Oratoriums / Wikipedia

Biblisches aus der Küche

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Nach ihrer CD-Einspielung bei Erato im September 2021 verkörperte Joyce DiDonato die Rolle der Irene in Händels Theodora auch in einer szenischen Produktion des Oratoriums am Royal Opera House Covent Garden im Februar 2022. OPUS ARTE hat die Aufführung mitgeschnitten und auf einer Blu-ray Disc herausgebracht (OABD7313D). Regisseurin Katie Mitchell hat das Geschehen um die standhafte Christin Theodora im Römischen Reich ganz in die Gegenwart verlegt. Hier ist sie Angestellte in der Römischen Botschaft mit dessen Führer Valens, plant, diese zu zerstören. Schauplatz (Chloe Lamford) ist eine modern eingerichtete Küche, wo Theodora und Irene in roten Schürzen (Sussie Juhlin-Wallén) den Boden wischen und andere Arbeiten im Haushalt verrichten. Die Arbeit ist ein exemplarisches Beispiel für die zahlreichen Profanierungsversuche heutiger Regisseure. Gyula Orendt, eigentlich nicht auf Alte Musik spezialisiert, singt den Botschafter mit robuster, fast brutaler Tongebung. Während seines Airs „Racks, gibbets, sword and fire“ vergnügt er sich auf dem Tisch mit einer Angestellten – eine der vielen geschmacklosen Szenen in dieser Inszenierung. Auch bei seinem Air in Part II, „Wide spread his name“, rekeln sich leichte Mädchen in körperlichen Verrenkungen auf der langen Tafel. Stimmlich kann Jakub Józef Orlinski als Römer Didymus, der Theodora liebt, danach einen Kontrast schaffen mit seiner lieblichen Eingangsarie „The raptured soul“, auch wenn sein Counter oft einen jaulenden Beiklang aufweist. Am besten gelingt ihm das liebliche „Sweet rose and lily“ in Part II. Sein Freund, der römische Offizier Septimius, ist der Tenor Ed Lyon mit angenehm weicher Tongebung und stilistisch ganz der Tradition britischer Oratoriensänger verpflichtet. Die Titelrolleninterpretin Julia Bullock muss bis zur 3. Szene auf ihren Einsatz warten, kann dann aber bei „Fond, flattring world, adieu mit obertonreichem Sopran von schöner Fülle rundum überzeugen. Berührend ist ihr Solo „The pilgrim’s home“ im 2. Teil. Das folgende Duet mit Didymus, „To thee“,  bei dem sie ihre Kleidung tauschen, um Theodora die Flucht zu ermöglichen, und Didymus nun wie ein Transvestit im Fummel mit blonder Perücke daherkommt, lässt eine perfekte Verblendung beider Stimmen hören.

Joyce DiDonato wiederholt ihre Glanzleistung als Irene auf der Erato-Aufnahme und imponiert hier noch mit einer szenischen Darstellung von faszinierender Präsenz und packender Intensität. Gelegentlich, so gleich in ihrem ersten Air, „Bane of virtue“, riskiert sie auch derbe Akzente in Verismo-Nähe. Während Irenes Nummer baut Theodora an ihrer Bombe, unterstützt von den anderen Frauen. Irenes zweites Air, das gefühlsstarke As with rosy steps the morn, welches DiDonato betörend vorträgt, wird gestört durch Botschaftsangestellte, die die Frauen mit Pistolen bedrohen und fesseln. Darunter ist auch Septimius, der im an Koloraturen reichen Dread the fruits vehement auftrumpft und den zwiespältigen Charakter der Figur deutlich umreißt. Von ihm und den Sicherheitsleuten werden Theodora und Irene in einem Nebenraum erniedrigenden körperlichen Prozeduren ausgesetzt. Im zweiten Teil, der in ein Bordell mit roten Wänden und Table dance führt, tritt Theodora im silbernen Glitzerfummel und hellblonder Perücke auf, nun zur Prostituierten degradiert. Bedrängt von Septimius und gar in ein rotes Bett gedrängt, singt sie mit fiebriger Erregung „Oh, that I on wings could rise“.

Es musiziert das Orchestra of the Royal Opera House, also kein Originalklang-Ensemble. Aber mit Harry Bicket steht immerhin ein Spezialist für Barockmusik am Pult. Schon in der Overture setzt er markante Akzente mit flüssigem, Tempo betontem Spiel. Später trägt er die Sänger mit Verständnis und großem Einfühlungsvermögen, ohne dass sein Dirigat als reine Begleitung abzustempeln wäre.

Der Royal Opera Chorus (William Spaulding) singt engagiert und klangvoll, beschließt Part I mit dem feierlichen Go, genrous, pious youth, bei dem Didymus von Irene getauft wird. Am Ende von Part II singt er den Chorus  He saw the lovely youth, welchen der Komponist selbst noch über sein „Halleluja“ stellte. Und auch die letzte Nummer fällt dem Chor zu: „O love divine“ – zur erhabenen Musik sind der Schauplatz eines Schlachthofes mit aufgehängten Schweinehälften sowie die Bilder von Blut und Pistolen herbe Kontraste. Bernd Hoppe

Triumpf des Gesangs

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Seitdem Cecilia Bartoli künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele ist, zeichnet sich das Programm dieses Festivals durch eine originelle Programmkonzeption aus. 2019 feierte man die Kunst der Kastraten unter dem Motto „Voci celesti“. Im Mittelpunkt stand Nicola Porporas Oper Polifemo, welche an die Interpreten exorbitante Anforderungen hinsichtlich ihrer Gesangskunst stellt. Ein erlesenes Ensemble führte das Unternehmen zu triumphalem Erfolg – nach zu hören nun auf der CD-Einspielung der Oper beim Label parnassus arts productions, die im Juli/August 2021 (nach Aufführungen beim Festival Bayreuth Baroque) und August 2022 in Athen entstand (PARARTS003, 3 CDs). Bis auf die Nebenrolle der Nerea entspricht die Besetzung jener in der Salzburger Felsenreitschule 2019, wo der Counter Max Emanuel Cencic das Geschehen halbszenisch arrangiert hatte.

Das Werk wurde 1735 im Londoner King’s Theatre am Haymarket uraufgeführt, brillant besetzt mit den zwei führenden Kastraten der Zeit: Senesino als Ulisse und Farinelli als Aci. Letzterem fiel jene Arie zu, welche der berühmte Sänger der Legende nach jede Nacht dem  depressiven spanischen König  Philipp V. vortrug und ihn damit aus seiner Melancholie befreite. Porporas Musik ist ein Fest für Gesangsvirtuosen und viele seiner Arien wurden von renommierten Interpreten in deren Konzerte und Recitals aufgenommen.

Das Libretto von Paolo Antonio Rolli fußt auf der von Ovid in seinen Metamorphosen geschilderten Dreiecksgeschichte mit der Nymphe Galatea, die den Hirten Aci liebt, und dem Zyklop Polifemo, der Galatea begehrt und Aci aus Eifersucht mit einem Felsbrocken erschlägt. Dieser aber wird in einen Fluss verwandelt, dessen Wellen die Nymphe auf ewig umspielen. Schon Händel hatte diese Geschichte 1732 in seiner Serenata Aci and Galatea in Musik gesetzt. Porporas Vertonung aber ist eine Huldigung an die Sänger und deren Bravour.

Gesanglich wird die Neuaufnahme von Yuriy Minenko als Aci diminiert – durchaus kein unbekannter Sänger, doch rangiert er bei weitem nicht in der Liga um Fagioli, Cencic, Jaroussky und Sabada, wohin er zweifellos gehörte. Schon in seinem Auftritt mit „Dolci, fresche aurette grate“ betört er mit schmeichelnden Tönen, wunderbar untermalt vom Orchester mit wiegendem, kosendem Melos. Am Ende des 1. Aktes setzt er in „Morirei del partir“ mit schmerzlichem Ausdruck einen einprägsamen Kontrast. Furios trumpft er auf bei „Nell’attendere il mio bene“ im 2. Akt, feuert die Koloraturen mit Attacke ab und kann auch seinen enormen Stimmumfang demonstrieren. Jeder Zuhörer wartet natürlich auf „Alto Giove“ im 3. Akt, in der Minenko magische Momente schafft mit überirdisch schwebenden Tönen und höchster Kunstfertigkeit im Vortrag. Und mit dem letzten Solo der Oper, der Aria „Senti il fato“, kann er noch einmal mit stürmischen Koloraturrouladen brillieren. Der zweite Counter, Max Emanuel Cencic als Ulisse, hat mit „Core avvezzo“ einen stürmischen Auftritt zu absolvieren, was ihm blendend gelingt. „Fortunate pecorelle“ im 2. Akt ist von getragenem Zuschnitt und profitiert von delikater Tongebung und feiner Phrasierung. „Quel vasto“ im 3. Akt verlangt wiederum Vehemenz im Ausdruck und furios herausgeschleuderte Koloraturläufe, was Cencic souverän meistert. Die anhaltende Hochform des Sängers ist erfreulich und soll hier explizit erwähnt werden.

Die russische Sopranistin Julia Lezhneva ist seit längerer Zeit eine feste Größe in den Produktionen von Max Emanuel Cencic. Auch hier als Galatea besticht sie wiederum mit ihrer scheinbar grenzenlosen Virtuosität, die sie schon in ihrer ersten, zärtlich getupften Aria, „Se al campo e al rio“, ausstellen kann. Mit der vehementen Aria „Ascoltar no“ beendet sie den 1. Akt in fulminanter Manier. Genüsslich kostet sie die Aria im 2. Akt „Fidati alla speranza“ mit kosenden Trillern und raffinierten Vorschlägen aus. Ein weiteres Glanzlicht setzt sie im 3. Akt mit ihrem letzten Solo „Smanie d’affanno“, welches sie mit schmerzerfüllten Tönen ausbreitet. Mit Aci hat sie im 2. Akt zwei Duette: In dem lieblichen „Placidetti zeffiretti“ umschmeicheln sich die Stimmen bezaubernd, in „Tacito movi e tardi“ ist die Stimmung geprägt von bangen Gedanken an die Zukunft. Am Ende des Werkes gibt es sogar ein Terzetto („La gioia immortal“), in welchem sich die Stimmen von Galatea, Aci und Ulisse höchst kunstvoll vereinen.

Selten wurde die Titelfigur einer Barockoper vom Komponisten einem Bassisten anvertraut – Pavel Kudinov absolviert sie mit Glanz und stilistischer Kompetenz. Mit der Aria „M’accendi in sen col guardo“ führt er sich Achtung gebietend ein. Im 3. Akt hat er mehrere Soli, von denen das pochende Arioso „Crudel“, die energische Aria „Dun disprezzato amor und das träumerische Arioso „Ma i piè“ in ihrer kontrastreichen Charakteristik hohe Anforderungen an den Interpreten stellen.

Die Besetzung komplettieren zwei weitere Nymphen – Calipso und Nerea -, die von der Mezzosopranistin Sonja Runje und der Sopranistin Narea Son wahrgenommen werden. Letzterer fällt, gemeinsam mit Galatea, die erste Nummer des Werkes zu – Aria e Duetto „Vo presagendo“, in der Lezhneva mit klagenden Tönen aufwartet, während Son eine sinnliche Stimmung beisteuert. Mit „Sorte un’umile capanna“ hat sie auch ein träumerisches Solo, in welchem die angenehme Stimme zu schöner Wirkung kommt. Reizend ist ihre muntere Aria Una beltà che sa zu Beginn des 2. Aktes, die sie kokett vorträgt und mit feinen Verzierungen schmückt. Calipso hat mit „Giusata non ha delle tue forze“ eine sublime Aria, die sie mit schwebender Stimme ungemein delikat singt. Alle Sänger vereinen ihre Stimmen in den tutti-Passagen – mit dem Ergebnis eines ausgewogenen Zusammenklanges.

Wie oft bei parnassus-Produktionen steht George Petrou am Pult des Ensembles Armonia Atenea und erweist sich einmal mehr als Spezialist für das Barockgenre. Sogleich in den beiden einleitenden Ouvertüren setzt er markante Akzente, differenziert prägnant zwischen den gravitätischen  und lebhaften Tempi. Das zeichnet insgesamt seine Interpretation aus, die von vielfachen Stimmungen und spannenden Affekten geprägt ist. parnassus gebührt Dank: Nach der Einspielung von Porporas Carlo il Calvo ist dieser Polifemo eine weitere Großtat. Bernd Hoppe

Aufführungs-Kritiken

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Hier nun findet sich eine Übersicht der in operalounge.de besprochenen Live-Aufführungen der letzten Zeit, ob nun unter der Rubrik „Die besondere Oper“ oder unter „Festivals“ (und die Dame oben ist die Muse der Musik, Calliope, hier von Charles Meynier 1798 gemalt/Cleveland Museum of Art/Wikipedia).

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Die besondere Oper: Auch 2022/23 sind wir bei der Auswahl der besuchten Live-Aufführungen wählerisch und konzentrieren uns auf wenige und eben für uns interessante Operntitel. G. H.

Deutsche Oper Berlin Tschaikowsky Pique Dame (März 2024); Anhaltinisches Theater Dessau Szymanowsky König Roger (März 2024); Theater für Niedersachsen Hildesheim Berlioz Béatrice et Bénedict (Februar 2024); Deutsche Oper Berlin Benjamin Written on Skin (Januar 2024); Komische Oper Berlin Rimsky-Korssakoff Der goldene Hahn (Januar 2024); Theater Essen Bertin Fausto (Januar 2024); Theater Dortmund Holmés La Montagne Noir (Januar 2024); Berlin Deutsche Oper Bellini Anna Bolena (Dezember 2023); Verona Ponchielli Il Parlatore eterno (Dezember 2023); Pompeji Marzano I Normanni a Salerno (Dezember 2023);  Rugby  Temple Speech Room Bottini Elena e Gerado (Dezember 2023);  Straßburg, Opéra National du Rhin Délibes Lakmé (November 2023); Teatro alla Scala Mailand Faccio Amleto (Oktober 2023); Theater Bielefeld Zandonai Zaza (November 2023); Annaberg-Buchholz Eduard_von-Winterstein-Theater Zandonai Don Buonaparte (November 2023); Theater für Niedersachsen Hildesheim Adam Wenn ich König wäre (Oktober 2023); Theater an der Wien Donizetti Les Martyrs (Oktober 2023); Komische Oper Berlin Henze Das Floß der Medusa (September 2023): Theater Erfurt Weingarten Orestes (Juni 2023); Berlin Philharmonie Moniuszko Paria (September 2023); Komische Oper Berlin: Thomas Hamlet (23); Theater Braunschweig: Godard Dante (Oktober 23); Theater Bielefeld: Leoncavallos Zazà (Oktober 2023); Ernst-von-Winterstein Theater Annaberg-Bucholz: Alberto Franchettis Komödie Don Buonaparte (Oktober 2023);  Teatro Regio Turin: Fromenthal Halévy: La Juive (September 2023); Deutsche Oper Berlin: Jules Massenets Hérodiade (am 15. 6. 2023); Zandonais Francesca da Rimini an der Deutschen Oper Berlin am 29. 5. 2023 ; Felix Weingartners Orestes am Theater Erfurt. am 27.05.2023: Paria von Stanislaw Moniuszko in der Berliner Philharmonie; Ambroise Thomas` Hamlet an der Komischen Oper Berlin; Benjamin Godards Dante am Staatstheater Braunschweig: Krieg und Frieden von Sergej Prokofjew an der Bayerischen Staatoper 18 März 2023: Saverio Mercadantes Francesca da Rimini an der Oper Frankfurt 26.2.23:  Georges Bizets  Ivan IV am Staatstheater Meiningen am 24.2.23: Giacchino Rossini Le Siège de Corinth am Theater Erfurt am 25.2.23; Uraufführung in Ulm Charles Tournemires Legende  de Tristan; Massenets Hérodiade an der Opéra National de Lyon am 23. November 2022; Donizettis Caterina Cornaro am Stadttheater Gießen; Modest MusorgskysBoris Godunow am Teatro alla Scala 7. Dezember 2021;  Verdis Alzira Opéra de la Wallonie Liege 01.12.22; Asger Hameriks Vendetta an der Königlich Dänischen Oper in Aarhus; Wilhelmine von Bayreuth L’Homme Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth; Franz Schreker Der ferne Klang an der Opéra de Stasbourg; Albert Lortzings Undine an der Oper Leipzig 2022; Teatro Comunale Pavarotti Freni in Modena Mefistofele 9. Oktober 2022; Deutsche Oper Berlin Gioacchino Rossini Semiramide 20./22. 10. 2022; In der Berliner Philharmonie Léo Délibes Lakmé 27. 9. 2022; Opéra National de Montpellier Occintanie Ambroise Thomas Hamlet (Tenor) 27. 08. 22; Louise Bertin  Le loup garou an der Opera Southwest in Albuquerque 11. September 2022; Im Berliner Konzerthaus Mascagnis Zanetto und Wolf- Ferraris Il Segreto di Susanna 14.6.2022; Gustave Adolph Kerker The Belle of New York am TFN Hildesheim 26. Mai 2022; Guirauds/Masenets Fredegonde am Theater Dortmund 2022;  an der Budapest Staatsoper Erkels Hunyadi László 2022; Nino Rotas Aladin und die Wunderlampe am TFN Hildesheim 19.02.2022; In Budapest Hubays Geigenbauer von Cremona/ Dohnányis Tante Simona/ Poldinis Hochzeit im Fasching 2022;  An der Opéra National du Rhin in Straßburg Die Vögel von Walter Braunfels 2022;  Am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg Ralph Benatzkys Der reichste Mann der Welt/ Erich Zeisls  Leonce und Lena 2022; In Osnabrück Theater am Domhof Karol Rathaus’ Fremde Erde 2022; 

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Festivals 2023: Musikfest Berlin: Les Troyens von Hector Berlioz 02. 09., 23; Bel Canto Ritrovato Festival Pesaro & Fano Luigi Riccis Il birraio di Preston & Konzert in Fano 24.8.2023; Salzburger Festspiele 2023 Orfeo ed Euridice/ Bohuslav Martinus The Greek Passion/ Bellinis Capuleti e i Montecchi/ Hector Berlioz´Les Troyens August 2022; Rossini Opera Festival Pesaro 2023 Eduardo e Cristina/ Adelaide di Borgogna/ Aureliano in Palmira August 2023; Festival Alte Musik Knechtsteden  Giovanni Alberto Ristori Orfeo August 2023; Bayreuther Festspiele 2023 Parsifal & Der fliegende Holländer August 2023; Innsbrucker Festwochen der Alten Musik Antonio Vivaldi Olimpiade 8. August 2023/ Bernardo Pasquinis Idalma 23. 6. 2023; Rossini in Wildbad: Giovanni Pacini Gli Arabi nelle Gallie August 2023; Festival Ancient Music New York/ Lincoln Center Ricci Crispino e la Comare; Festival Palazzetto Bru Zane 2023 Louise Bertin Fausto Paris 20. Juni 2023; Musikfestspiele Potsdam Sanssouci L’Huomo von Andrea Bernasconi Juni 2023/  Marc-Antoine Charpentier David et Jonathas; Schloss Rheinsberg Osterfestspiele Carl Heinrich Graun La clemenza di Silla

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Festivals 2022: Auch in 2022 waren wir bei der Auswahl der vorgestellten Festivals sehr wählerisch und konzentrierten uns – wie bei Live-Aufführungen überhaupt – auf wenige und für uns interessante Aufführungen, von denen wir einige Rezensionen der Wichtigkeit der Operntitel wegen weiterhin auf unserer Seite stehen lassen . G. H.

Donizetti-Festival Bergamo 2022 La Favorite, Chiara e Serafina, L´Aio nel´ imbarazzo; David und Halevy beim Wexford Festival Opera 2022 La tempesta & Lalla-Roukh 24 + 25 . Oktober 2022; Festival Radio France Opéra National de Montpellier Occintanie Ambroise Thomas Hamlet (Tenor) 27. 08. 22;  Bregenzer Festspiele 2022 Puccinis Madama Butterfly und Giordanos Siberia 20. + 21. Juli 22; Rossini in Wildbad 2022 Armida, Ermione 15. + 16. Juli 2022; Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Inseln Scarlattis I portentosi effetti della Madre Natura/ Johann Friedrich Reichardt Die Geisterinsel 18. 6. 2022/  Carlo Pallavicino Le Amazzoni nell’isole fortunate

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Unbekanntes aus Budapest

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Schon mehrfach wurde auf diesen Seiten über Einspielungen auf dem Label GLOSSA mit dem ungarischen Orfeo Orchestra unter seinem Leiter György Vashegyi berichtet. Jetzt gilt es, wieder eine neue Aufnahme  vorzustellen – und noch dazu eine veritable Rarität. Komponist dieser Tragédie lyrique Polydore ist der 1680 in Livorno geborene Jean-Baptiste Stuck. Die künstlerische Laufbahn führte den virtuosen Cellisten über Florenz und Neapel bis nach Paris, wo er 1755 starb. Von seinen Opernwerken sind vier komplett erhalten – eines in italienischer Sprache (Il Cid) für Livorno, die anderen in Französisch für Paris. Polydore ist das letzte von ihnen, uraufgeführt 1720 an der Académie royale de musique à Paris. Das Libretto aus dem 3. Buch der Aeneis stammt von Simon-Joseph Pellegrin, der sich auch als Autor von Rameaus Hippolyte et Aricie einen Namen machte.

Die trojanische Prinzessin Ilione wurde nach ihrer Heirat mit Polymnestor zur Königin von Thrakien. Ihr Gatte liefert ihren Bruder Polydore den Griechen aus, damit er geopfert werden kann. Dafür würden die Griechen die Hand ihrer Prinzessin Déidamie dem Sohn von Polymnestor, Déiphile, bieten. Der alte Timanthe offenbart jedoch, dass er die beiden Prinzen Polydore und Déiphile in deren Jugend vertauscht habe, womit Polymnestor seinen eigen Sohn den Griechen ausliefert, was er am Ende, geplagt vom Geist des Toten, mit seinem Leben büßt.

Die Oper vereint italienisches Melos und französische Elemente, die vor allem in den zahlreichen Tanzeinlagen zum Ausdruck kommen. Schon im Prologue finden sich Loure, Bourée, Sarabande und Premier et Deuxième Passepied. Deren reizvolle Instrumentierung erlaubt dem Orchester ein ungemein farbiges und vitales Spiel. Die Tragédie enthält einen Prologue, wie es derzeit üblich war, doch ohne die gängigen Lobreden auf den Herrscher, und fünf Actes. Die beiden ersten bieten jeweils am Ende ein Divertissement. Am Ende des 4. Aktes findet sich eine ombre-Szene, während der 5. ohne Divertissement und ganz überraschend mit dem Selbstmord von Polymnestor, König von Kreta, endet. Das war ein solch bestürzender Moment, dass bald ein Chor, der die Liebe von Déidamie und Polydore besingt, hinzugefügt wurde. Vashegyi jedoch hat sich in seiner Einspielung für das originale Finale mit Polymnestors ergreifendem Rezitativ „Terre, pour m’engloutir“ entschieden. Der Dirigent beweist wieder sein Gespür für die Musik mit ihrer Delikatesse und den wechselnden Stimmungen. Wie gewöhnlich hat er ein im französischen Barockgenre erfahrenes und versiertes Ensemble versammelt. In der Titelrolle imponiert der Bassist Tassis Christoyannis mit nobler Stimme und autoritärem Vortrag. Sein Air im 2. Akt, „Du plus charmant espoir“, steht für seine Fähigkeit, auch mit Zartheit und Süße zu singen. Thomas Dolié ist der Polymnestor und gleichfalls  kompetent in Gesang und Gestaltung. Judith van Wanroij gibt im Prologue die Vénus und dann die Déidamie. Ihr Sopran ist gewöhnungsbedürftig in seiner Larmoyanz und Strenge. Zu Beginn des 4. Aktes hat sie ein kantables Air zu singen („Beaux lieux“) und danach ein inniges Duo mit Polydore („Quel sort pour nos tendres amours“), wo die Stimme angenehmer klingt. Und am Ende der Oper findet sie in dramatischen Rezitativen („Il va combattre“/ „Quel bruit afffreux!“) zu überzeugendem Ausdruck. Hélène Guilmette ist mit beherztem Gesang eine starke Ilione, die die Angst um ihren Bruder ins Zentrum ihrer Interpretation rückt. In nicht weniger als fünf, allerdings kleineren Partien ist der renommierte Countertenor Cyrille Dubois besetzt, der freilich in der Höhe auch gequält klingen kann. Zudem ist der Bassist David Witczak in mehreren Rollen zu hören. Als Le Grand Prêtre hinterlässt er den stärksten Eindruck.

Zum glänzenden Gesamteindruck tragen das Orfeo Orchestra mit inspiriertem Musizieren und der Purcell Choir mit kultiviertem Gesang bei. Die Aufnahme dürfte jeden Liebhaber französischer Barockmusik erfreuen. Sie entstand im September 2022 in Budapest (GCD 924014, 3 CDs). Bernd Hoppe

Völlerei und Frömmigkeit

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Dem Booklet mit dem Libretto ist ein Glossar vorangestellt. Denn wer sollte außerhalb der Schweiz wissen, dass „fidlätaub“ zornig, „karisiert“ lieben und „frinä“ zufrieden bedeutet. Im Singspiel Eine Engelberger Talhochzeit gibt fast jedes Wort dem ungeübten Ohr Rätsel auf. Es wurde von Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee (1720-1789) in Engelberger-Dialekt komponiert. Die Gemeinde mit derzeit weniger als viertausend Einwohnern liegt im Kanton Obwalden in der Zentralschweiz und ist ein gesuchtes Urlaubsziel. Talhochzeit leitet sich von Talschaft her, worunter die Gesamtheit von Land und Leuten eines Tales zu verstehen ist. In einer historischen Rundfunkproduktion aus dem Jahr 1958 ist das Werk bei Relief auf CD herausgekommen (CR 1927). Das Libretto, das der Komponist offenbar selbst verfasste, schwankt „zwischen Farce und Frömmigkeit, zwischen Völlerei, Respekt vor der geistlichen und weltlichen Autorität, sowie starken Gefühlen tiefer Gläubigkeit munter hin und her“, heißt es im Booklet-Text von François Lilienfeld. Die Sprache sei oft sehr derb. Der Komponist gehöre zu den schillerndsten Persönlichkeiten der schweizerischen Musikgeschichte. „Unter seinen diversen Beschäftigungen nahmen Musik und Religion eine führende Position ein, doch wusste er seine vielfältigen Talente auch in anderen Bereichen geltend zu machen.“ Seine wechselvolle Biographie liest sich so: „Meyer von Schauensee stammte aus einer Luzerner Patrizierfamilie. Schon früh lernte er Orgel und Cello. 1738 trat er in ein Zisterzienser-Kloster ein, das er allerdings bereits nach einem Jahr wieder verliess. Von 1740 bis 1742 erhielt er Geigenunterricht bei Ferdinando Galimberti in Mailand.1742 bis 1744 nahm er als Söldner im Dienste des Königs Emanuel III. am österreichischen Erbfolgekrieg teil. Nach seiner Rückkehr war er in der öffentlichen Verwaltung in Luzern tätig, doch nahmen Musik und geistliche Berufung eine immer zentralere Rolle in seinem Leben ein. 1752 wurde er Priester.“ Nach Angaben von Lilienfeld hinterließ er ein umfangreiches Oeuvre mit geistlicher Musik, instrumentale Kompositionen und Bühnenwerke. Leider sei vieles davon verschollen, die meisten der erhaltenen Werke nur als Manuskript zugänglich. 1939 wären die damals bekannten Akte eins und zwei der Engelberger Talhochzeit anlässlich der Schweizerischen Landesausstellung nach der Rekonstruktion von Hans Vogt und Hans Visscher von Gaasbeck in Zürich zur Aufführung gelangt. Nachdem man auch das Manuskript des dritten Aktes aufgefunden habe, wurde die Oper im Dezember 1958 vom Radio-Studio Basel aufgenommen und im April 1959 erstmals gesendet. Die vorliegende CD-Ausgabe entstand auf der Grundlage der Aufnahmebänder von Radio Basel. Im Fernsehstudio Zürich war 1974 eine gekürzte Fassung unter Armin Brunner produziert worden.

Die „Talhochzeit“ ist die erste Tonaufnahme mit Edith Mathis / Relief (Privatarchiv der Sängerin)

Nach den Worten von Lilienfeld kann guten Wissens behauptet werden, dass Die Engelbergische Talhochzeit – ein seltenes Dokument innerschweizerischen Musiklebens aus dem XVIII. Jahrhundert – zu den Raritäten, ja Kuriositäten, der Operngeschichte gehöre. Das beginne schon beim Text: Es gebe wohl nicht viele Opern mit „schweizerdeutschem“ Libretto, noch dazu in einer eher „abgelegenen“ Mundart. „Diese stand natürlich einer internationalen Verbreitung im Weg. Dazu kommt, dass keine Helden auftreten und die Liebesgeschichte alles andere als romantisch ist. Es wird den einfachen Landleuten – buchstäblich – auf’s Maul geschaut.“ Die Handlung sei ungewöhnlich. Sie beginne mit einer trotzig durchgesetzten Eheschliessung. Es folge ein horrend teures Hochzeitsmahl, zu dem allerdings die Eingeladenen nicht erscheinen. Die Familie esse und trinke bis zu Überfluss und Übelkeit. Doch kaum sei das Brautpaar getraut, fingen die Streitereien an. „Und das Ende ist für eine opera buffa, wie der Komponist seine Schöpfung einordnete, vollends unerwartet: In einem traurigen, resignierten Trio-Finale bereuen die Protagonisten ihre Beschäftigung mit weltlichen Dingen und besingen Frieden, Zucht, Ehrbarkeit.“ Die Musik sei ansprechend, eingängig und enthalte zahlreiche italienische Einflüsse. Das Orchester bestehe ausschliesslich aus Streichern, der Satz sehr sorgfältig konstruiert, so Lilienfeld.

Bereits auf dem Cover schmückt sich die Neuerscheinung mit dem Hinweis, dass es sich bei dieser Produktion um die erste Tonaufnahme der damals erst zwanzigjährigen Edith Mathis handelt. Sie singt die selbstbewusste Braut, das Gretli – singt die Rolle mit einer Stimme, wie sie ihr die Natur hat zukommen lassen. Noch ist alles Talent. Doch wer genau hinhört, wird bei der Anfängerin bereits den unverwechselbaren lyrischen Ton der Reifezeit angelegt finden. Zudem lässt sie die Fähigkeiten erkennen, sich diszipliniert ins Ensemble einzufügen, was ihr später vornehmlich in den Opern von Mozart zu Gute kommen wird. Mit der Aufnahme werden zudem Sängerinnen und Sänger in Erinnerung gerufen und mit Kurzbiographien vorgestellt, die heute weitgehend vergessen sind, darunter die Sopranistin Rosmari Thali, die Altistin Adele Räber, die Tenöre Peter Remund und Robert Boog sowie der Bassist Eduard Stocker. Eine Herausforderung des besondere Art watet auf den mit Remund besetzten Gastwirt Felix, der das Hochzeitsmahl in einer virtuosen Erzählung anpreist, die an Leporellos Registerarie in Mozart Don Giovanni denken lässt, der 1787 und damit fünf Jahre nach der Talhochzeit uraufgeführt wurde. Die Arie des Wirts „kann als wahrscheinlich einzige vertonte Speisenkarte der Theatergeschichte gelten“, wird im Booklet ausdrücklich vermerkt. R.W.

Aus den Archiven

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Der SWR hatte schon seit langem seine Archive mit Aufnahme-Schätzen geöffnet, unter dem Titel Legendary Singers nun einen Schuber mit Einspielungen von Martina Arroyo, Marilyn Horne, Peter Anders (2 CD), Dietrich Fischer-Dieskau und Nicolai Gedda zusammengestellt. Da gibt es zunächst zwei Liederabende der Schwetzinger Festspiele: Im Schwetzinger Schloss wurde am 25.05.1968 ein Liederabend der fulminanten Martina Arroyo und des Altmeisters Leonard Hokanson am Flügel aufgezeichnet und übertragen. Die technisch geglättete Fassung lässt keinen Hinweis auf ein Live-Erlebnis mehr erkennen, begeistert aber nach wie vor. Mit ihrem klaren, in allen Lagen bestens durchgebildeten Sopran und differenzierter Gestaltungskunst fasziniert Martina Arroyo nach wie vor; in Liedern von Gioacchino Rossini, Franz Schubert, Johannes Brahms, 4 Spirituals und den Zigeunerliedern von Antonin Dvorak lässt sich ihre hohe Sangeskunst eindrücklich nachvollziehen. Leonard Hokanson ist ein partnerschaftlicher Mitgestalter (SWRmusic, 93.719).

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Fast 24 Jahre später, am 25.04.1992 fand ein reiner Rossini-Abend der stupenden Marilyn Horne und ihres kongenialen Begleiters Martin Katz statt – ein Beitrag zum 200.Geburtstag des Komponisten. In unseren Breiten hört man Rossini-Lieder leider viel zu selten. Besonders hervorzuheben sind das eindringlich vorgetragene Assisa à piè d’un salice, das kleine Koloraturfeuerwerk Canzonetta spagnuol und das nur auf einem Ton gesungene Adieux à la vie!, bei dem der Pianist die melodische Hauptaufgabe exquisit löst. Höhepunkt ist die von Rossini selbst als „Cantata“ bezeichnete Giovanna D’Arco aus seiner späten Schaffenszeit: Bei dieser teilweise opernhaft großen Szene zieht die Sängerin alle Register ihrer Koloraturfähigkeit und ihres großen Stimmumfangs; der Pianist geht auf jede Nuance der Interpretation mit subtiler Begleitung ein. Zwei kleine Schmankerln beenden den tollen Abend, das flotte Cruda sorte! Amor tiranno! aus L‘italiana in Algeri und Di tanti palpiti aus Tancredi (SWRmusic, CD 93.721).

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Dietrich Fischer-Dieskau sings Baroque Arias lautet der Titel der CD, die in den Jahren 1952-54 vom SWR eingespielt wurde, also in Dieskaus früher Zeit; in Wahrheit sind es allerdings geistliche Solo-Kantaten, nicht gerade typisch für seine Berühmtheit. Mit der fünfteiligen Kantate Aus der Tiefe rufe ich, Herr zu dir von Gottfried Heinrich Stölzel beginnt der „Arienreigen“, gefolgt von Franz Tunders sehr basslastiger Kantate Da mihi, Domine. Bei Dietrich Buxtehudes Kantate Ich suchte des Nachts passen Dieskaus Bariton und der helle Tenor von Helmut Krebs gut zusammen, eine interessante Duett-Kantate! Die Streicher werden hier durch eine blitzsaubere Oboe ergänzt. Etwas schlicht kommt die Osterkantate Erstanden ist der heilige Christ von Nicolaus Bruhns daher; auch hier ergänzen sich die beiden Sänger ausgezeichnet. In Adam Kriegers Kantate An den Wassern zu Babel saßen wir tritt die sichere Altistin Erika Winkler hinzu; gemeinsam legen sie Kriegers verschlungene Melodik ansprechend frei. Mit Nicolaus Bruhns‘ Choralkantate De profundis clamavi beweist Dieskau einmal mehr, dass ihm die recht hoch liegende Bass-Kantate mit barocken Verzierungen besonders liegt. Die vorzüglichen Instrumentalisten schaffen den sicheren Boden, auf dem sich die Sänger in allen Kantaten frei entfalten können (SWR Music, CD 94.218).

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Nicolai Gedda sings Arias & Lieder umfasst Studioeinspielungen mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, die Lieder sind Live-Konzertmitschnitte. Vom  schwedischen Tenor mit intonationsreinen Spitzentönen und großer Koloratur-Geläufigkeit sind sechs Opern-Highlights zusammengestellt: Adolphe Adams spritziges Mes amis écoutez l’histoire (Le postillon de Lonjumeau), Christoph Willibald Glucks ausdrucksstarkes Welch Gefühl schwellt meine Brust (Alceste)  und das flotte, höhensichere Auf Kalchas falle dieses Schwert (Iphigenie in Aulis), W.A. Mozarts emotionsreiches Fuor del mar (Idomeneo), Giacchino Rossinis mit Höchstschwierigkeiten gespicktes Que les destins prospères… (Le Comte Ory) und Michail Glinkas kriegerisches Brüder, im Sturm (Ein Leben für den Zaren) mit lyrischem Zwischenteil. Unter der versierten Leitung von Ernest Bour begleitet das Orchester schwungvoll. Mit den Liedern von Franz Schubert, Francis Poulenc und Nicolai Rimsky-Korsakov mit dem sicheren Pianisten Werner Singer beweist Gedda beim Bruchsaler Schlosskonzert am 19.10.1960, dass er auch die Kunst der „Miniaturen“ versteht und in mehreren Sprachen beste Textverständlichkeit erzielt. Das gilt gleichermaßen für die Lieder von Claude Debussy, Joaquin Nin und Ottorino Respighi, sowie für die weniger bekannten, aber lohnenden Lieder von Francesco Balilla Pratella, Alfredo Casella und Vito Carnevali, die im Schloss Ludwigsburg am 03.04.1965 mit Erik Werba als ebenbürtigem Partner am Klavier erklangen (SWR Music,  CLASSIC CD 94.212).

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Last not least: Peter Anders singt Arien und Lieder, jeweils eine CD, eingespielt in den Jahren 1946-52. Zu den Opern-Aufnahmen leitet Otto Ackermann das in allen Gruppen sicher aufspielende Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg: Die Gralserzählung aus Lohengrin, die Blumenarie aus Carmen, Wilhelm Kienzls Selig sind… aus dem Evangelimann, Florestans große Szene aus Fidelio und Durch die Wälder, durch die Auen aus dem Freischütz sind die Solo-Nummern, in denen Peter Anders die Strahlkraft und Farbpalette seiner klaren Tenorstimme eindrücklich beweist. Gemeinsam mitt Sena Jurinac erklingen Duette aus der verkauften Braut, Otello, Madama Butterfly, La Bohème und Carmen, in denen sich die beiden Stimmen nahezu ideal verbinden. Zwei Operetten-Einspielungen aus Johann Strauß‘ Zigeunerbaron, wobei das Orchester von dem versierten Paul Burkhard geleitet wird und die Sopranistin Nata Tüscher im Duett mitwirkt, runden die Opern-CD ab.

Die Lieder-CD enthält Vertonungen von Franz Schubert, Robert Schumann, Ludwig van Beethoven und Peter Tschaikowsky. Der Liedgesang scheint dem Sänger ein besonderes Anliegen gewesen zu sein; hier kommt seine hohe Gestaltungskunst besonders gut zur Geltung. In der von dem erfahrenen Pianisten Heinz Mende begleiteten Schubert-Gruppe fällt der muntere Musensohn durch seine Frische auf. Die übrigen Lieder werden vom ebenfalls eindrucksvoll auf den Sänger eingehenden Hubert Giesen mitgestaltet. In der Schumann-Gruppe zwingen z.B. in Intermezzo die zwischendurch eigenwilligen Tempoverzögerungen zu intensiverem Hinhören. Beethovens An die ferne Geliebte gefällt ebenso wie die wunderbaren Romanzen Tschaikowskys wie Einst zum Narr’n, Unendliche Liebe oder Warum?. Diese CDs sind eine gute Erinnerung an den Ausnahmesänger Peter Anders (SWR Music,  CD 1-2 94.214).                (25.09.2023)   Marion Eckels

Gemischte Platte

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Piotr Beczala hat im spanischen Valencia mit dem Orquestra de la Comunitat Valenciana Arien und Szenen aus dem Verismo aufgenommen, die PENTATONE unter dem passenden Titel VINCERÒ! herausgebracht hat Die CD enthält Puccini-„Schlager“ aus u.a. Tosca, Fanciulla, Butterfly und natürlich Turandot, aber auch die beiden berühmten Szenen aus Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos Pagliacci; Adriana Lecouvreur und Andrea Chénier sind ebenfalls vertreten. So kann der Opern-Star unserer Zeit die ganze Fülle und vielfarbige Palette seines charakteristischen Tenors ausbreiten. Wieder beeindruckt die gleichmäßige Linienführung der Stimme durch alle Lagen bis in strahlende Höhen. Unterstützt wird er von dem sicheren spanischen Orchester und in wenigen Szenen von dem klangausgewogenen Cor de la Generalitat Valencia, beide souverän von Marco Boemi geleitet (PENTATONE PTC 5186 993).

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Ein schönes Beispiel dafür, dass der polnische Tenor auch die intimere Form des Lieds beherrscht, ist die CD mit Romanzen von Pyotr Tchaikovsky und Sergei Rachmaninoff, die Piotr Beczala und Helmut Deutsch im Markus-Sittikus-Saal Hohenems (Veranstaltungsort der Schubertiade) aufgenommen haben. Die Künstler haben insgesamt 31 meist recht kurze Romanzen ausgewählt, die sie mit ihrem ganzen Können ausdeuten. Dabei fällt auf, wie technisch ausgereift die Stimmführung des Sängers ist: Bei durchgehend perfekter Intonationsreinheit vermag er die Stimme in wunderbar klangschönes piano zurückzunehmen, aber ebenso an passenden Stellen dramatische, fast opernhafte Aufschwünge zu präsentieren. Wie selbstverständlich trifft er den oft schwelgerischen Duktus der Romanzen und die lyrisch zurückhaltende Nachdenklichkeit der russischen Lieder. Wesentlich an den Interpretationen beteiligt ist der Altmeister der Klavierbegleitung, der stets sensibel auf den Sänger eingeht, gute Tempi bei den Vorspielen vorgibt und den unterschiedlichen Stimmungen der Lieder in den Nachspielen weiter nachspürt. Auf diese Weise kann man bestes partnerschaftliches Musizieren erleben (PENTATONE PTC 5186 866).

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Ganz anders kommt die CD mit dem Titel Remembering Tebaldi daher: Die US-amerikanische Sopranistin Melody Moore erinnert an den 100. Geburtstag der großen Renata Tebaldi, indem sie mit dem Transylvania State Philharmonic Choir & Orchestra unter Lawrence Foster Opernarien singt. Geordnet  sind diese nach drei Wirkungsperioden der Tebaldi: Aus ihrer frühen Zeit gibt es Arien aus Mefistofele, L’amico Fritz, Andrea Chenier und La Bohème, die die Sängerin mit ruhiger Stimmführung in allen Lagen stets höhensicher interpretiert. Aus der Periode an der Mailänder Scala hört man neben Ausschnitten aus Rossinis Mosè in Egitto und Verdis Quattro pezzi sacri Aidas Ritorno vincitor! sowie eine Szene aus Catalanis La Wally. In diesen recht unterschiedlichen Stücken beeindruckt die Vielseitigkeit des Soprans, der z.B. in der Aida-Arie schön aufblüht und im Gebet aus Mosè die soliden Chor-Solisten und den Chor unaufdringlich überstrahlt. Der dritte Teil der CD betrifft die MET-Periode mit Leonoras Pace-Arie sowie Ausschnitten aus Manon Lescaut, La Traviata, Adriana Lecouvreur und Suor Angelica. Auch hier gefällt, wie die Sängerin ihre volltimbrierte Stimme entsprechend der jeweiligen Stimmung ausschwingen lässt. Am Schluss wird an das letzte Konzert der Tebaldi mit italienischen Liedern und Arien in der Carnegie-Hall erinnert, indem ein Scarlatti-Lied, arrangiert für Sopran, Oboe und Streicher, musiziert wird. Durchweg ist das Orchester unter der umsichtigen Leitung von Lawrence Foster der Sängerin eine sichere Unterstützung (PENTATONE PTC 5187 070).

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Schließlich soll über eine CD mit Spirituals berichtet werden, die der amerikanische Countertenor Reginald Mobley und der französische Pianist Baptiste Trotignon präsentieren. Traditionals in besonderen Arrangements sind gemischt mit  Transkriptionen und Melodien von Harry T. Burleigh (1866-1949) und Florence Price (1887-1953), dabei das titelgebende Because und so bekannte Spirituals wie Sometimes, Nobody knows, My Lord, what a morning oder Deep river. Die beiden Künstler korrespondieren aufs Feinste miteinander, indem der Counter mit seiner klaren Stimme großen Umfangs die Spirituals eindringlich interpretiert und der versierte Pianist ebenso wie der Sänger diese gekonnt und variantenreich vom Jazz aus betrachtet (ALPHA 936) (25. 09. 23).  Gerhard Eckels

Vielseitig, temperamentvoll, subtil

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Ferenc Fricsay brannte für die Musik und verbrannte vielleicht an ihr. Fricsay war, wie Peter Sühring in einer neu erschienenen Monographie über den Dirigenten schreibt „als musikalischer Künstler ein Besessener, dessen Drang zu musizieren, Musik unter seinen Händen entstehen zu lassen, unersättlich war.“ Das berichten auch die ihn kannten und Musiker, die mit ihm arbeiteten. In den penibel vorbereiteten Proben rasch und zielstrebig voranschreitend, unerbittlich in seinen Forderungen –dabei gelegentlich auch ungerecht und unangenehm gegenüber den Musikern. Er war aber alles Andere als ein eitler Musik- oder gar Selbstdarsteller. „Er hatte die Vorstellung, dass man die Musik erschaffe, indem man als Dirigent – wie ein werkbezogener Doppelgänger des Komponisten – die Musiker des Orchesters dazu inspiriert, ihre jeweilige Stimme im Sinne der Partitur und des in ihr vorgestellten Gesamtklangs zu spielen, sofern dieser aus den Noten erkennbar sei“ (Sühring, S. 21, dazu die Besprechung des Buches s. unten)

Fricsay selbst betonte, dem Dirigenten stünden im Konzert „sein Gesichtsausdruck, seine Hände, sein Dirigentenstab, außerdem die mit diesen Mitteln ausgeführten Bewegungen und schließlich die Fähigkeit zum Führen … kurz Suggestion zur Verfügung. Und weiter: „Das Hauptziel ist, dass der Dirigent die in den Proben gegebenen Anweisungen bei den Musikern wieder wachruft und diese noch womöglich mit neuen Gedanken erweitert, ohne dass er damit den musikalischen Ablauf mit unpassenden Bemerkungen stört oder die Leitung des Orchesters hemmt.“ Fricsay war sogar der Auffassung, ein guter Dirigent spiele „das ganze Werk als Pantomime dem Orchester und auch dem Publikum vor, doch ständig etwas früher, als das Orchester es zum Klingen bringt, denn die Verzögerung zwischen der Wahrnehmung und der Ausführung darf nicht außer Acht gelassen werden“ (zit. nach Sühring, S. 21 f.). Wie er selbst dieses Ideal umsetzte, kann man anhand von Probenausschnitten auf einer CD und einer DVD verfolgen. Wie minuziös und detailliert Fricsay probte, verrät der (akustische) Mitschnitt einer Probe von Smetanas Moldau mit dem Symphonieorchester des Süddeutschen Rundfunks. Allerdings zeigt die anschließende Aufführung doch, dass die Musiker eher über ein Kurzzeitgedächtnis verfügen. Denn manches klingt eben nicht ganz so, wie vorher geprobt und wie der Dirigent es eigentlich wollte.

Fricsay mag dem heutigen Musikpublikum nur noch bedingt in Erinnerung sein. Bis zu seinem frühen Tod war er vor allem in Berlin zu erleben. Hier hatte er mit dem RIAS- und späteren Radio-Symphonie-Orchester (heute Deutsches Symphonie-Orchester) seine wohl künstlerisch bedeutendste Heimat gefunden. Die Deutsche Grammophon-Gesellschaft versicherte sich schon 1949 des jungen, talentierten Dirigenten, der nicht nur als Chefdirigent des RSO Berlin sondern auch als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin das Musikleben der Stadt stark prägte. Die meisten Aufnahmen dieser 86-CD-Box entstanden mit dem RSO Berlin. Außerdem ging Fricsay mit den Berliner Philharmonikern, den Wiener Philharmonikern, dem Bayerischen Staatsorchester sowie dem Pariser Lamoureux-Orchester ins Aufnahmestudio.

Wenn der Name Fricsay fällt, dann denken viele gleich an ungarische Musik. Fricsays Repertoire war freilich breit und vielseitig. In der vorliegenden Box sind 60 Komponisten vertreten – von Bartók, Beethoven, Brahms, Mozart bis zu Verdi, Wagner und Weber. Außerdem enthält die Sammlung allein acht Operneinspielungen von Gewicht.

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Mozart war ein, wenn nicht der Schwerpunkt von Fricsays Arbeit. Das belegen allein knapp 50 Aufnahmen mit Symphonien, Klavierkonzerten, Opern, geistlichen Werken und unterschiedlich besetzter Orchestermusik. Bleibende Highlights sind dabei die Klavierkonzerte Nr. 19, 20 und 27 mit Clara Haskil und Symphonien mit dem RIAS-Orchester und den Wiener Symphonikern, wobei die Wiener Aufnahme gelungener erscheint. Neben Mozart war Bartók der wichtigste Komponist in Fricsays Repertoire, hier hat er exemplarische Einspielungen hinterlassen – man denke nur an die auch heute noch faszinierende Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte und der Klavierrhapsodie mit seinem Landsmann Géza Anda, die durch ihre Luzidität sowie ein faszinierendes, fabelhaftes Zusammenspiel aller Beteiligten imponiert. Weitere Bartók-Höhepunkte sind das zweite Violinkonzert mit Tibor Varga, das Klavierkonzert Nr. 3 mit Monique Haas und der Operneinakter Herzog Blaubarts Burg mit Dietrich Fischer-Dieskau und Hertha Töpper. Auch die Musik des anderen großen ungarischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Zoltán Kodály, ist bei Fricsay in besten Händen, wie anhand der Maroszeker Tänze, der Tänze aus Galánta, der Háry-János-Suite oder des Psalmus Hungaricus erfahrbar ist.

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Beim klassischen und romantischen Repertoire ging es Fricsay mehr um die Vielfalt denn um vermeintliche Vollständigkeit. Mit den Berliner Philharmonikern entstand ein fast kompletter Zyklus der BeethovenSymphonien (mit Ausnahme der Nr. 2, 4, 6): stellenweise etwas konventionell in Ton und Gangart, aber immer deutlich, sehr artikuliert, spannend, nie falsch heroisch, manchmal unerwartet drängend im Tempo. Sehr ausgewogen und zugleich voller Überraschungen spielt Annie Fischer das Dritte Klavierkonzert. Zu bewundern ist, wie Géza Anda, Wolfgang Schneiderhan und Pierre Fournier das Tripelkonzert musizieren, wie hier die Solisten miteinander und mit dem Orchester konzertieren. Symphonien von Haydn werden animiert, spannungsreich, nie behäbig oder gar zopfig musiziert. Brahms ist u. a. mit dem Zweiten Klavierkonzert (G. Anda), dem Konzert für Violine und Violoncello (W. Schneiderhan, Janos Starker) in beseelten und leidenschaftlichen Interpretationen vertreten.

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Die wichtigsten Opern-Dokumente sind die Aufnahmen von Mozarts Entführung aus dem Serail, Die Zauberflöte, Don Giovanni, Le nozze di Figaro mit den bedeutenden und bewährten Sängerinnen und Sängern der Zeit (wie Ernst Haefliger, Maria Stader, Josef Greindl, Dietrich Fischer-Dieskau, Sena Jurinac, Irmgard Seefried), dem fabelhaften RIAS-Kammerchor und dem RSO Berlin. Mozarts Idomeneo entstand 1961 mit Waldemar Kmennt, Ernst Haefliger, Elisabeth Grümmer, Pilar Lorengar u.a., dem Chor der Wiener Staatsoper und den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen. Insbesondere der Berliner Don Giovanni mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle, Karl Christian Kohn als Leporello, Sena Jurinac als Donna Anna und Maria Stader als Donna Elvira ist nach wie vor eine mitreißende Referenzaufnahme. 1956 entstand Glucks Orpheus und Eurydike mit Dietrich Fischer-Dieskau und Maria Stader als Protagonisten, 1952 wurde in Berlin Wagners Der fliegende Holländer mit Josef Metternich, Josef Greindl, Annelies Kupper, Wolfgang Windgassen u. a. eingespielt. Beethovens Fidelio nahm Fricsay 1957 in München mit Leonie Rysanek, Ernst Haefliger, Dietrich Fischer-Dieskau u. a sowie dem Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper auf. Bei den Vokal– bzw. Chorwerken reicht die Spannweite von Mozarts Requiem und Großer Messe c-Moll, Haydns Jahreszeiten über Rossinis Stabat Mater und Verdis Messa da Requiem bis zu Kodálys Psalmus Hungaricus und Strawinskys Oratorium Oedipus Rex.

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Manche Werke sind in zwei Einspielungen vertreten – mit dem gleichen oder verschiedenen Orchester/n. Die Wahl für die eine oder andere Aufnahme ist weitestgehend subjektiv. Auffällig ist indes, dass ein Fortschritt in der Aufnahmetechnik (wie der Wechsel von Mono zu Stereo) kein qualitativer Sprung sein muss. Bedeutender scheint mir, dass Fricsay in seinen frühen Interpretationen vielfach raschere Tempi wählte, mit mehr Temperament und Leidenschaft musizieren ließ. Beispielhaft: Die Aufnahme der Neunten Symphonie von Dvořák mit den Berliner Philharmonikern imponiert auch heute noch, doch ungleich drängender, packender, feuriger und auch (in Mono!) klanglich direkter ist die Einspielung mit dem RIAS-Symphonieorchester. Auch Tschaikowskys Sechste Symphonie wurde zweimal aufgenommen. Die frühere (Mono-) Einspielung mit den Berliner Philharmonikern ist interessanter, zügiger in den Tempi, spannender als die spätere (stereophone) mit dem RIAS-Orchester, die mir konventioneller und spannungsärmer erscheint. Verdis Messa da Requiem (großenteils ähnlich besetzt) ist in der Aufnahme von 1953 drängender, eindringlicher, nicht über-dramatisch, klanglich gelungener als die Produktion von 1960, die stellenweise zu getragen ist und dadurch an Spannung verliert, aber andererseits auch sehr feine pianissimi bietet.

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Die Edition erinnert erfreulicherweise auch an seinerzeit bedeutende Interpretinnen und ihre männlichen Kollegen. An erster Stelle ist die ziemlich in Vergessenheit geratene schweizerische Pianistin Margrit Weber (1924-2001) zu nennen, deren Karriere 1955 begann, als Fricsay sie in Winterthur kennenlernte und gleich von ihrem Klavierspiel beeindruckt war. Er lud sie zu Konzerten ein und nahm mit ihr eine Reihe konzertanter Kompositionen auf: de Fallas „Nächte in spanischen Gärten“, Rachmaninows Paganini-Rhapsodie, seltener gespielte Werke wie die Concertinos von Francaix und Honegger, die reizvollen Bagatellen von Alexander Tscherepnin, nicht zu vergessen die Strauss’sche Burleske und die spröden Mouvements von Strawinsky. Die Geigerinnen Johanna Martzy und Erica Morini sind mit den Konzerten von Dvorák bzw. Bruch und Glasunow zu erleben. Sie spielen diese Werke virtuos, schlank, gefühlvoll, aber nicht sentimental und werden vom RSO subtil begleitet. Mit Wolfgang Schneiderhan erlebt man Mendelssohns Violinkonzert e-Moll ebenfalls schlank, frei von Schnörkeln, ohne jedes Auftrumpfen, immer gut eingebettet in den Orchesterklang.

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Von den Komponisten des 20. Jahrhunderts lagen Fricsay – wenn man das an seinen Aufnahmen misst – besonders Boris Blacher, Rolf Liebermann, Gottfried von Einem, Werner Egk, aber auch Hans Werner Henze und die schon als Klassiker zählenden Igor Strawinsky, Paul Hindemith, Karl Amadeus Hartmann – außerdem Frank Martin, dessen apart besetzte Petite symphonie concertante schon dank der vortrefflichen Solistinnen Irmgard Helmis (Cembalo), Gerty Herzog (Klavier), Sylvia Kind (Harfe) eine der wertvollsten und schönen Einspielungen mit dem RIAS-Symphonie-Orchester ist.

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Fricsay beherrscht als gebürtiger Ungar auch die „leichte“ Musik, war mit dem Idiom Österreich-Ungarns bestens vertraut, konnte den Orchestern, mit denen er arbeitete, sogar eine gewisse Walzerseligkeit abgewinnen. Mit Peter Anders, Anny Schlemm und weiteren Solisten, dem RIAS-Orchester und RIAS-Kammerchor stellte er eine respektable Fledermaus auf die Beine. Lange vor anderen Dirigenten interpretierte er die Symphonien von Tschaikowsky schlank, unsentimental, ohne Pathos, sehr temperamentvoll. Er setzte sich auch für den russischen Komponisten Reinhold Glière ein, dessen Dritte Symphonie „Ilja Murometz“, eher ein grandioses Orchesterpoem denn eine herkömmliche Symphonie ist. Nicht zuletzt nahm er sich auch der „kleineren“ Orchesterwerke der Klassik und Romantik an, widmete diesen die gleiche Sorgfalt in der Aufführung und Inszenierung wie den „großen“ Werken des Repertoires.

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Der Autor unseres Artikels zu Ferenc Fricsay, Helge Grünewald: Jahrgang 1947, studierte in Berlin Politikwissenschaft, Soziologie und Musikwissenschaft. Seit 1973 als Musikjournalist tätig. Arbeit für verschiedene Rundfunkanstalten (SFB, DeutschlandRadio), Orchester (Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Berliner Philharmoniker), die Berliner Festspiele, Zeitschriften (FONO FORUM, Klassik heute), Zeitungen sowie Schallplattenfirmen. Von 1989 bis 2006 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Philharmoniker, danach bis 2016 Dramaturg mit Zuständigkeit für Ausstellungen, das Archiv des Orchesters, die Herausgabe historischer Aufnahmen sowie die von ihm initiierte Filmreihe »Musik bewegt Bilder«. Seit 2016 ist er Präsident der Wilhelm-Furtwängler-Gesellschaft, seit 2011 Juror beim PdSK/ Foto Ines Grabner

Zur Edition gibt es ein stattliches, informatives Begleitbuch mit vielen Abbildungen. Ausgesprochen ärgerlich ist allerdings die Gewohnheit, die CDs bei solchen „Complete“-Editionen in den miniaturisierten Hüllen der Originalausgaben zu präsentieren. Doch leider finden sich zu oft gar nicht Werke in der Hülle, die auf dem Cover stehen. So darf die Hörerschaft dann mühsam anhand des Booklets mit seinem Verzeichnis aller CDs die Titel suchen, die sich zwar auf dem Cover, aber nicht auf der enthaltenen CD finden. Das trübt den Genuss!

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.Eine ideale Ergänzung, informative und anregende Lektüre zu der umfangreichen Edition der DG bietet das fast zeitgleich erschienene Buch von Peter Sühring: „Ferenc Fricsay – der Dirigent als Musiker“ (edition text & kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2023). Der Autor versucht in seiner Monographie, „eine neue Sicht auf Leben und Wirken des Dirigenten zu geben“, vor allem „auf Grundlage einer Erschließung seines Nachlasses im Archiv der Akademie der Künste in Berlin“. Der 200 Seiten starke Band ist (zum Glück) keine der Musikerbiographien, wie man sie kennt.

Sühring verfolgt weniger die persönliche Biographie des Dirigenten als dessen künstlerische Entwicklung: von der Kindheit und Jugend und der musikalischen Ausbildung über die Arbeit als Kapellmeister von Militärorchestern (die auch Unterhaltungsmusik und anspruchsvolle symphonische Werke aufführten), als Dirigent des Philharmonischen Orchesters in Szeged (auch Opern) über die Tätigkeit am Budapester Opernhaus bis zum internationalen Debüt in Salzburg (1947) und der Entscheidung für Berlin als künstlerischer Mittelpunkt. Hier dirigierte Fricsay im Herbst 1948 zunächst das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester, reüssierte dann rasch an der Städtischen Oper (später Deutscher Oper Berlin). Erst danach begann seine Arbeit mit dem RIAS-Orchester.

Das Verdienst von Peter Sühring ist es, auch die Komplikationen bei Fricsays künstlerischer Arbeit in Berlin detailliert aufzuzeigen: die Schwierigkeiten, die das RIAS-Orchester hatte, seine Auflösung und Neugründung als Radio-Symphonie-Orchester Berlin, die Probleme, die Fricsay als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper und auch an der Münchner Oper hatte, weil er sich weigerte, faule Kompromisse einzugehen und seine hochgesteckten künstlerischen Ziele und Forderungen aufzugeben. Das Buch ist zugleich eine Geschichte des Musiklebens in Nachkriegsdeutschland, besonders in Berlin.

Zum Glück ist die vorliegende Monographie keine „Hagiographie“ Ferenc Fricsays. So bleibt sein persönliches Schicksal, seine Krankheitsgeschichte nicht ausgespart. Auf der einen Seite standen Verausgabung, kräftezehrende Arbeit, auf der anderen Enttäuschung über das Nichterreichen hochgesteckter Ziele. Fricsays Schwachstelle waren sein Magen und Darm, er litt an psychisch bedingten somatischen Störungen und Krankheiten, die letztendlich zu seinem frühen Tod führten. Nach Jahren, in denen die Krankheit immer wieder zuschlug, und mehreren Operationen mit zum Teil folgenden Komplikationen starb Ferenc Fricsay am 20. Februar 1963 im Alter von 48 Jahren in Basel. Die Erinnerung an ihn kommt 60 Jahre nach seinem Tod genau zur richtigen Zeit. Helge Grünewald

„Ring“ zum Dritten aus München

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Das konzertante Ring-Projekt von Simon Rattle und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (dessen neuer Chefdirigent Rattle seit dieser Spielzeit ist) biegt allmählich in die Zielgerade ein. Auf dem Eigenlabel von BR-Klassik kommt dieser Tage nun Siegfried auf den Markt (900211). Über das „Stiefkind“ der Tetralogie wurde an anderer Stelle bereits einiges gesagt. Tatsächlich vollzieht sich im zweiten Tag ein gewisser Bruch zwischen dem zweiten und dritten Aufzug, als Wagner eine jahrelange Pause einlegte. Und doch, so scheint es, hat dieser Ring-Teil durchaus seine bedingungslose Anhängerschaft. Auffällig bei der Neueinspielung aus der Münchner Isarphilharmonie im Gasteig HP8 (Aufnahme: 3.-5. Februar 2023) ist das Faktum, dass sie auf nur drei CDs daherkommt. Mit einer Gesamtspielzeit von 3 Stunden 53 Minuten liegt Rattle indes eigentlich im Durchschnitt. Karl Böhm und Pierre Boulez (beide Philips) waren etwa 10 Minuten schneller unterwegs. Hans Knappertsbusch (Orfeo) und James Levine (DG) benötigten indes fast 20 Minuten mehr. Bei Rattle passen die drei Aufzüge jedenfalls auf jeweils eine Disc, was man als Vorteil betrachten kann.

Die Besetzung ist, Stand heute, prominent: Simon O’Neill in der Titelrolle, Michael Volle als Wanderer und Anja Kampe als Brünnhilde zählen zu den derzeit bekanntesten Wagnerinterpreten weltweit. Es gesellen sich hinzu Peter Hoare als Mime, Georg Nigl als Alberich, Franz-Josef Selig als Fafner, Gerhild Romberger als Erda sowie Danae Kontora als Waldvogel. Der neuseeländische Tenor Simon O’Neill ist wahrlich kein Anfänger in Sachen Siegfried, immerhin legte er bereits eine Gesamtaufnahme unter Jaap van Zweden vor (Naxos). Stimmlich ist er der Partie in all ihren Facetten mühelos gewachsen und hält sie dank heldischen Stimmmaterials bis zum Ende ohne erkennbares Nachlassen durch. Die Wortdeutlichkeit Michael Volles vermittelt in Zeiten, wo dies keineswegs mehr die Regel ist, diese Grundvoraussetzung für eine wirklich idiomatische Rollendurchdringung. Sein reichhaltiger Erfahrungsschatz aus dem Kunstlied kommen hier gewiss zugute und machen es verschmerzbar, dass er nicht ganz die Stimmgewalt früherer Interpreten erreicht. Dies gilt auch für Anja Kampe, für welche die Brünnhilde zwar eher eine Grenzpartie darstellt, die dies durch ihre für sich einnehmende Ausstrahlung und glaubhafte Darstellung aber vergessen macht. Beim aus England stammenden Peter Hoare stört die nicht ganz einwandfreie deutsche Diktion, obgleich er das Potential für den Mime grundsätzlich mitbringt. Georg Nigl, der hier sein Alberich-Debüt feiert, lässt hingegen vollumfänglich aufhorchen. Gerne hörte man seinen düsteren Alben auch in der weit ausgedehnteren Partie im Rheingold. Franz-Josef Selig bietet einen kaum weniger beeindruckenden Kurzauftritt als Fafner. Danae Kontora ist als Stimme des Waldvogels ohne Fehl und Tadel. Gerhild Romberger hinterlässt als Erda einen bleibenden Eindruck und kann sich mit den berühmtesten Vorgängerinnen messen.

Seine Wagner-Qualitäten hat der BR-Klangkörper bereits mehrfach bewiesen. Auch dieses Mal ist die Orchesterleistung stupend, weise geführt durch denjenigen Dirigenten, den man in Sachen Wagner unverdienterweise zu lange kaum auf dem Schirm hatte. Sir Simon Rattle lässt, unterstützt von diesem Weltklasse-Orchester, manche altbekannte Stelle geradezu aufblühen, etwa die hier sehr strahlende Erweckung Brünnhildes und den häufig als etwas aufgeblasen empfundenen Aktschluss in selten gehörter Transparenz. Der ausgezeichnete Klang unterstreicht dies noch. Eine stimmlich in der Summe überzeugende und orchestral herausragende Gesamtleistung. Daniel Hauser

Osmanische Grüße

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Als Joseph Haydns Entführung aus dem Serail galt den Zeitgenossen dessen Oper L’Incontro improvviso und war damit eines der vielen Musikwerke in orientalischem Milieu und/oder zumindest mit orientalischem Personal, die nach der Aufhebung der Belagerung der Stadt Wien durch die Türken unter Zurücklassung nicht nur eines Sackes Kaffee, sondern auch einer Janitscharenkapelle sich großer Beliebtheit erfreuten. Allerdings musste erst einmal ein Jahrhundert seit der Bedrohung vergangen sein, und der Geist der Aufklärung musste die Gehirne durchlüftet haben, ehe man im Fremden nicht mehr den Feind, sondern durchaus, siehe Bassa Selim, den an Toleranz sogar Überlegenen zu schätzen gelernt hatte. Die opera semi seria wie der Incontro ist dabei bereits die zweite Form der Türkenoper, die zuvor lediglich als opera seria anzutreffen war. Mit ihrem teilweise komischen Personal gehören Entführung wie Incontro zu dieser Gattung.  Die reine opera buffa in orientalischem Milieu war erst einer späteren Zeit vorbehalten und fand mit Rossinis L’Italiana in Algeri oder IL Turco  in Italia ihren Höhepunkt. In den meisten dieser Werke ging es um die Entführung und Befreiung europäischer oder einheimischer Frauen aus dem Harem.

Haydn komponierte seine Oper anlässlich eines Festes, dass sein Brotherr Fürst Esterhazy zu Ehren der Kaiserin Maria Theresia und eines ihrer Söhne auf Schloss Eszterhaz gab. Wohl auch weil Haydns Werk ausschließlich orientalisches Personal hat, findet sich in ihm nicht der Kontrast zwischen „europäischer“ und an die türkischen Janitscharen erinnernder Musik, sondern eher eine an den Orient gemahnende Instrumentierung. Übrigens ging die Musik zu einigen wenigen Rezitativen verloren, so dass sie gesprochen werden.

Das Libretto ist eine Adaption eines bereits von Gluck verwendeten Textbuchs mit dem Titel La rencontre imprevue. Die persische Prinzessin Rezia ist von Seeräubern entführt und an den Sultan von Ägypten verkauft worden. In seinem Harem lebt sie in Gesellschaft zweier Gespielinnen, Balkis und Dardane.   Ihr Verlobter Ali, Prinz von Basra, sucht sie verzweifelt. Er hat einen  verfressenen Diener, Osmin, der vom Derwisch Calandro zum Eintritt in den reichen Essensprofit versprechenden Bettelorden überredet wird. Es wird die Flucht der Rezia und ihrer Gefährtinnen organisiert, sie scheitert, aber der Sultan vergibt allen und lässt sie ziehen.

L’Orfeo Barockorchester unter Michi Gaigg versetzt den Hörer unmittelbar in eine heitere Stimmung durch sei frisches, zupackendes Aufspielen, nicht zuletzt durch den leicht orientalischen Anstrich, den es der Musik verleiht. Vorwiegend hell, leicht und damit ein wenig eintönig wirkt das Gesangsensemble, denn erst ganz zum Schluss bringt der Sultan von Michael Wagner mit seinem dunklen Bass eine weitere Farbe ins musikalische Geschehen.  Empfindsam geht Bernhard Berchtold seine Partie, den Prinzen Ali, an, sein langes Rezitativ singt er kultiviert und sensibel, leider nicht mit einer Stimme wie aus einem Guss, sondern mit recht flach klingender Mittellage. Im Duett „Son quest‘ occhi“ mit seiner Partnerin kann er sich enorm steigern. Diese ist Elisabeth Breuer mit kindlich klingendem soprano leggerissimo, der klar und silbrig, dazu höhensicher erklingt, koloraturgeläufig ist und nur in der absoluten Extremhöhe an seine Grenzen gerät. Ihre Gefährtinnen sind Annastina Malm als apart klingende Dardane, manchmal etwa scharf, aber angenehm agogikereich, und Anna Willerding als Balkis, licht und fein der Sopran, doch leider etwas verwaschen und unbestimmt. Es gibt ein sehr anmutiges Terzett der Damen, in dem alle drei reüssieren können, so wie auch das Duett Osmin/Calandra zu den Höhepunkten der Aufnahme gehört. Angenehm textverständlich ist der Osmin von Markus Miesenberger, der seinen Charaktertenor mit schöner Geläufigkeit einsetzt, auffallend textverständlich ist. Weniger kann damit der Calandra von Rafael Fingerlos glänzen, dafür aber mit einer auffallend süffigen Farbe aufwarten kann. Insgesamt lohnt die Bekanntschaft mit dieser anderen Entführung durchaus, ist die CD höchst empfehlenswert und das dazu gehörende Booklet höchst informationsreich ( 2 CD CPO 555 327-2). Ingrid Wanja

Bezaubernde Violetta

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An DVD-Aufnahmen von Giuseppe Verdis Oper La Traviata besteht wahrlich kein Mangel. Die neue Aufnahme aus dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino ist vor allem wegen Nadine Sierra in der Titelpartie interessant. Die Sängerin verfügt über eine sehr schöne und wandlungsfähige Stimme, mit der sie die unterschiedlichen Anforderungen der drei Akte makellos erfüllt. Die Koloraturen in ihrer Arie „É strano“, die Melancholie und Betroffenheit des zweiten Akts sowie die Verklärung im Schlussbild –  für alles findet sie den richtigen Ausdruck. Auch rein optisch ist mit ihrer beredten Mimik und mit ihrer Körpersprache eine faszinierende Persönlichkeit: eine Violetta zum Verlieben. Auch Francesco Meli macht als Alfredo neben ihr eine gute Figur. Anfangs kommt er etwas lässig und schnöselig daher, verdeutlicht aber bald seine echten Gefühle. Sein schlanker Tenor verfügt über eine sichere Höhe und viel Differenzierungsvermögen. Der Dritte im Bunde war zum Zeitpunkt der Aufnahme am 28.9.2021 bereits 79 (!) Jahre alt. Es ist Leo Nucci, der als Giorgio Germont noch einmal das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit einbringt. Er macht seine Sache erstaunlich gut, muss aber mit manch steifem Ton dem Alter Tribut zollen. Seine Arie „Di Provenza“ gestaltet er mit viel resignativer Melancholie. Optisch sieht er ein bisschen wie Günter Wewel aus…

Regisseur Davide Livermore liefert eine solide, unspektakuläre Inszenierung. Die Bühne ist meistens in sanftes Halbdunkel getaucht. Im ersten Akt ist man Zeuge einer ausgelassenen Party, bei der ordentlich gequalmt und getrunken wird. Violetta sieht in ihrem kurzen Kleidchen wie ein Party-Girl aus. Alle vergnügen sich und tanzen wuselig umher. Die Getränke werden von einer alten Bediensteten auf einem Servierwagen gefahren, den sie wie einen Rollator vor sich herschiebt. Der taucht auch am Schluss wieder auf, nur sind jetzt Medikamente darauf.

Der zweite Akt zeigt kein Landhaus, sondern eher ein Filmset mit Scheinwerfern. Auch hier wuseln noch einige Party-Gäste herum. Im zweiten Bild dieses Aktes sieht es ähnlich aus wie im ersten. Zur Belustigung tritt sogar ein kleinwüchsiger Torero auf. Anrührend ist der Schluss gelungen. Violetta geht verklärt in ein Lichtermeer, während eine Doppelgängerin tot auf dem Sterbelager liegt. Auch die Party-Gäste sind wieder da. Sie schreiten jetzt wie Geister der Vergangenheit in einer Art Trauerzug durch die Szene.

Am Pult steht Altmeister Zubin Mehta, der die Aufführung routiniert, aber manchmal auch mit gemächlichem Tempo leitet. (Dynamic 37955). Wolfgang Denker

Schloss zu gewinnen

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In dramatischer wie musikalischer Hinsicht verdiene La Princesse de Trébizonde so viel Aufmerksamkeit wie La Belle Hélène oder La Grande Duchesse de Gérolstein. Der das sagt, ist Jean-Christophe Keck, dessen Ausgabe von Offenbachs Baden-Badener Opéra-bouffe im Rahmen seiner Offenbach Edition Keck das Material der Uraufführung im Schwarzwälder Kurort im Sommer 1869 und der wenige Monate in Paris aufgeführten Version sichtete und herausgab. Opera Rara griff zu und präsentiert die Princesse als Dreiakter in der Form, wie sie im Dezember 1869 am Théâtre des Bouffe-Parisiens erstmals aufgeführt wurde, ergänzt um Passagen aus der zweiaktigen Baden-Badener Fassung, die aus dramaturgischen Gründen geopfert wurden (2 CD ORC63).

Vielleicht liegt die Missachtung der Prinzessin von Trapezunt daran, dass es sich bei der Prinzessin aus dem Kaiserreich am Schwarzen Meer im Gegensatz zu den beiden anderen Damen nur um eine Puppe handelt. Sie ist die Attraktion des Schaustellers Cabriolo, der mit seiner Schwester Paola und seinen beiden Regina und Zanetta sowie dem Diener Tremolini seine Künste auf einem Marktplatz darbietet. Durch einen Zufall, ein unter die Tageseinnahmen geratenes Lotterielos, verschlägt es die Schausteller auf ein Schloss, während sich die Adeligen unters Volk mischen. In seinem musikalischem Vexierspiel nimmt Offenbach spätere TV Container-Formate vorweg, löst Standesunterschiede auf und gab einen Typus vor, von dem die Operetten noch ein halbes Jahrhundert zehren konnte. Die große Unbekannte aus Offenbach Werkkatalog war vor wenigen Jahren im Rahmen der Osterfestspiele in Baden-Baden erstmals wieder in das Theater zurückgekehrt, wo sie 1869 unter Offenbachs Leitung erstmals erklungen war; damals allerdings bereits in der dreiaktigen Fassung, die seit Offenbachs Überarbeitungen de rigieur war.

Trapezunt mutiert bei Offenbach nicht zu einem Sehnsuchtsort der Musikbühne des 19. Jahrhunderts. Die Prinzessin ist die Attraktion im Wachsfigurenkabinett Cabriolos. Versehentlich bricht ihr seine Tochter Zanetta die Nase ab, weshalb sie selbst als Puppe posiert. Prompt verliebt sich Prinz Raphael in sie. Ebenso prompt gewinnen die Gaukler mit dem Lotterielos des Prinzen ein Schloss. Eine hübsche Idee der Librettisten Nuitter und Tréfeu und Offenbachs, der immerhin durch den Casino-Betreiber Bénazet an die Oos gelockt worden war und im mondänen Modebad Stoff für weitere Operetten gefunden haben sollte. Cabriolos zweite Tochter Regina verliebt sich in den Clown Tremolino, seine Schwester Paola in Raphaels Erzieher Sparadrap. Das alles lässt sich nicht erzählen, muss man auch nicht, ist pure Buffonerie, welcher Karl Kraus ein „buntes Raketenfeuer phantastischer Erfindung“ beschied und Offenbach in erstaunlich viele kleine Chansons und Couplets verpackte, die er im rasanten Tempo ins erste Finale treibt, bevor die Handlung auf das Schloss Cabriolos schwenkt, wo sich die Truppe schrecklich langweilt. Nun kommt die Handlung richtig in Fahrt, bis zum dritten Finale drei heiratswillige Paare zusammenfinden und Raphaels Vater Prinz Casimir das Schlusswort spricht „Allons! Mariez-vous tous“.

Das geht musikalisch alles schwuppdiwupp. Kaum hat sich Antoinette Dennefeld als Régina mit dunkel schwerem Mezzo, der gerade noch apart und nicht ordinär wirkt, vorgestellt, lässt Virginie Verrez als Prinz Raphael mit seiner Tauben-Romanze, Romance de tourterelles, die Herzen dahinschmelzen; Raphael ist ein Romanzen-Prinz, denn im dritten Akt hat Offenbach ihm eine nicht minder schmachtende Romanze zugedacht. Anne-Catherine Gillet ist in Frankreich eine Konstante in Aufführungen komischer Oper von Offenbach, Auber, Varney, Lecocq und Messager und gestaltet die Zanetta mit Witz, Eleganz und mit Geschmack. Der Kanadier Josh Lovell klingt als Raphaels Vater zweifellos zu jung, doch das muss nicht stören, denn er kann hinsichtlich Tempo, Schmelz und Charme, etwa in den Couplets de la canne, gut mit mithalten mit solchen Buffonisten wie dem drollig stimmlosen, aber erfahrenen Christophe Mortagne als Tremolini und Loïc Félix als Erzieher Sparadar oder Christophe Gay als Cabriolo. Sie erweisen sich alle als idiomatisch glänzende, spritzige Singakteure, die durch die Ensembles wippen. Nicht nur die perlenden Ensembles zeigen, welchen Spaß die Truppe bei den konzertanten Aufführungen im September 2022 in London hatte, wobei es Paul Daniel gelingt, anfängliche Bedenken, dass er und das London Philharmonic Orchestra vielleicht doch zu akademisch klingen könnten, in den Eskapaden des dritten Aktes mit den herrlichen Nummern, darunter die Couplets und das Rondo der Pagen, die irrwitzigen Ariette du mal de dents und das Brindisi et Grand galop, wegwischt. Das hat alles Witz und Tempo, ist nie vorlaut und überschäumend. Und dann gibt es quasi als Zugabe noch eine gute halbe Stunde Musik aus der ursprünglichen Fassung. Viele Stücke wurden in Paris durch nicht minder originelle Alternativen, etwa das Grand duo zwischen Zanetta und Raphael oder „Mal de dents“-Ensemble, ersetzt bzw. wurden, wie das Quartett „Oh les belles femmes“ in Fantasio, anderweitig wiederverwendet. Ein großer Spaß. Rolf Fath