Archiv des Monats: Juni 2022

Hören und sehen

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Nach Winterreise (2014) und Schwanengesang (2019) war es nur eine Frage der Zeit, dass sich der kanadische Bariton Gerald Finley auch der Schönen Müllerin von Franz Schubert zuwenden würde. Er hat es getan. Die Aufnahme ist wie die beiden anderen bei Hyperion erschienen (CDA68377). Am Klavier begleitet der englische Pianist Julius Drake, der sich ausschließlich Liedern und Kammermusik widmet und damit in der Tradition seines berühmten Vorgängers Gerald Moore steht, der mit fast allen bedeutenden Sänger seiner Zeit – darunter Kirsten Flagstad, Elisabeth Schwarzkopf, Janet Baker und Dietrich Fischer-Dieskau – zusammenarbeitete. Anders als der diskrete Moore tritt er als Partner stärker in Erscheinung, setzt auffällige eigene Akzente. In der neuen Produktion fallen vor allem rasante Lösungen bei der Wahl des Tempos auf, die sogar einzelnen Wörter und Silben ergreifen. Dadurch erfahren die Lieder eine gewisse theatralische Wirkung, die sich dadurch noch verstärkt, dass hier und da immer mal wieder Koloraturen nicht nur angedeutet sondern auch ausgeführt werden.

Die Wanderschaft des Müllerburschen, die tödlich endet, wird von innen nach außen verlegt ohne äußerlich zu sein. Es handelt sich mehr eine Raumverschiebung. Wir hören den jungen Müller nicht nur, wir sehen ihn vor uns. Und wir begegnen auch seinem Widersacher, dem Jägersmann, wie auf einer Bühne. Er löst sich aus der Erzählperspektive und wird leibhaftig. Im Booklet spürt der Musikwissenschaftler und BBC-Sprecher Richard Wigmore diesen theatralischen Elementen mit Eindringlichkeit und Sachkenntnis nach. In Bezug auf das Lied Trockne Blumen, das er den Höhepunkt nennt, spricht er – um ein Beispiel zu nennen – von einem angedeuteten „Begräbniszug“. Noch bevor man es gelesen hat, hat man es genau so empfunden. Es fehlte nur noch die treffende Beschreibung.

Finley bringt für diesen Deutungsansatz die denkbar besten Voraussetzungen mit. Er ist vornehmlich als Opernsänger tätig und pflegt in seinem Repertoire die Vielfalt. Offenbar will er sich nicht auf ein Rollenfach festlegen lassen. Er singt Wagner und Verdi, Bartok und Janacek, dazwischen immer wieder Mozart – und Lieder. Seine Stimme ist elegant und geschmeidig geblieben. Deshalb kann er auch auf jede musikalische und inhaltliche Nuance dieser Müllerin reagieren. Für seine gut sechzig Jahre klingt er ausgesprochen jung. Ich weiß nicht, ob er oder wie gut er Deutsch spricht. Im Singen fällt ihm die Sprache Franz Schuberts und seines Textdichters Wilhelm Müller außerordentlich leicht. Er ist immer zu verstehen. Anders wäre seine hochindividuelle Interpretation auch nicht denkbar (30. 06. 22). Rüdiger Winter

Von Franckenstein: „Li-Tai-Pe“

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„Ist die Geschichte zu klein für die große Musik?“, fragt sich die Regisseurin Adriana Altaras. Die „Musik ist so groß, als gäbe es ein Riesenproblem“, denn „die erzählte Geschichte in Li-Tai-Pe ist verhältnismäßig schnell erzählt“.

Recht hat sie. Denn es handelt sich bei Clemens von Franckensteins dreiaktiger Oper, welche die Oper Bonn mit der vorsichtigen Einschränkung wohl „erstmals wieder seit 1944“ vorstellte, um eine hübsche Episode aus dem Leben des chinesischen Dichters Li-Tai-Pe. Der der im 8. Jahrhundert lebende Li-Tai-Pe, auch Li-Bai, ist den meisten bekannt als Verfasser jener Gedichte, die Hans Bethge in (sehr!) freier Nachempfindung in seiner Anthologie Die chinesische Flöte sammelte, die zur Grundlage von Mahlers Das Lied von der Erde wurden.

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Clemens von Franckenstein/ Programmheft Bonn

Fast ebenso entrückt wie der chinesische Dichter scheint uns heute der einem fränkischen Adelsgeschlecht entstammende Clemens von Franckenstein (1875-1942), genauer Clemens Erwein Georg Heinrich Bonaventura von und zu Franckenstein, von seinen Freunden Clé genannt. Gemeinsam mit seinem Bruder Georg, der später die in der Familie übliche Diplomatenlaufbahn einschlug und für das österreichisch-ungarische Reich Positionen in Wien, Washington und London bekleidete, wuchs er in Dresden, Kopenhagen und Wien auf. Seine musikalische Ausbildung genoss er auf Empfehlung von Richard Strauss bei Ludwig Thuille in München, dann bei Iwan Knorr am Hochschen Konservatorium im Frankfurt. Er war Dirigent, Komponist und Intendant. In Berlin unter dem Generalintendanten Grafen Hülsen quasi auf die Tätigkeit des Intendanten vorbereitet, wird er 1912 als Generalintendant der Münchner Hoftheater berufen wurde.

„LI-TAI-PE“ von Clemens von Franckenstein/ Szene Oper Bonn/ Foto wie auch oben Thilo Beu

„Rund 17 Jahre stand Franckenstein insgesamt an der Spitze des Münchner Hof- und später Staatstheaters und hatte damit eine künstlerische Spitzenfunktion inne,“ schreibt Claudia Heine im 250-seitigen Beibuch zur Aufführung. „Durch sein Amt verkehrte er regelmäßig mit den berühmtesten Komponisten, Dirigenten und Dichtern seiner Zeit. Sein beruflicher Werdegang weist zwei auffällige Brüche auf: die zweimalige Abberufung als Intendant in München. Beide Male war sie durch äußere, politische Faktoren bestimmt. Vor allem die zweite Demission aber dürfte dazu geführt haben, dass der Name Franckenstein als (Opern-) Komponist heute weitgehend unbekannt ist. Was folgte, war eine Innere Emigration. Heine resümiert das folgendermaßen, Er gehörte somit zu jenen regimekritischen Künstlern, die eine »innere Emigration« während der Zeit des Nationalsozialismus gewählt haben, während andere die äußere Emigration im Ausland wählten. Auch wenn er sich nicht öffentlich äußerte, hat Franckensteins politische Haltung nicht nur dazu geführt, dass er den Posten der Intendanz der Münchner Staatstheater verlor; mit dem Rückzug aus dem hochangesehenen Amt folgte nach und nach – auch altersbedingt – ein Rückzug als Dirigent und Komponist, der bis heute nachwirkt.“

Franckenstein fünfte und letzte Oper wurde seine bekannteste und meistgespielte: Li-Tai-Pe oder genauer Des Kaises Dichter: Li-Tai Pe, zu dem der Tiefland-Librettist Rudolph Lothar den Text geschrieben hatte, wurde 1920 in Hamburg uraufgeführt und von zahlreichen Bühnen, darunter Berlin, Stuttgart und Köln, ins Repertoire genommen. Allein an der Bayerischen Staatsoper, an der u.a. 1925 Fritz Krauß und 1930 Julius Patzak die Titelrolle sangen, soll es zu mehr als 25 Aufführungen gekommen sein.

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„LI-TAI-PE“ von Clemens von Franckenstein/ Szene Oper Bonn/ Foto Thilo Beu

Zum Inhalt: Li-Tai-Pe wird also an den Hof des Kaisers gerufen, um dessen Liebe zur koreanischen Prinzessin in Worte zu fassen. Aus dem folgenden Sängerwettstreit, eigentlich einem Wettstreit der Dichter, in dem er den intriganten ersten Minister und den nicht weniger intriganten Kommandanten der Garde aussticht, geht Li-Tai-Pe als Sieger hervor. Die Konkurrenten rächen sich indem sie Li-Tai-Pe, der der Braut das Gedicht überreichen und sie dem Kaiser zuführen darf, beschuldigen, diese verführt zu haben. Yang-Gui-Fe, das Mädchen aus dem Volke, das den Dichter liebt und in der Verkleidung als Page bekleidete, wendet das Todesurteil ab und deckt die Verleumdung der Hofbeamten auf. Der Kaiser will den Dichter mit einem Titel und einem Amt am Hofe entlohnen, doch Li-Tai-Pe will nur „ein Lied auf meiner Laute suchen, Und dieses Lied wird ewig leben wie Dein Reich. Ich will kein Gold, ich will keine Schätze! Ich möchte‘ die besten Weine trinken in deinem großen Reich.“

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Man hat die Oper gerne als Künstlerdrama im Umfeld von Schrekers Fernem Klang und Wolf-Ferraris Sly, denen sich Werke wie Busonis Doktor Faust oder Kreneks Jonny spielt auf anschlossen, gedeutet. Auch Pfitzners Palestrina, eine der zentralen Uraufführungen (1917) während Franckensteins Münchner Intendanz, wird in diesem Zusammenhang genannt. Was in Li-Tai-Pe jedoch fehlt, ist ein wirklicher dramatischer Konflikt, denn der ungebunden lebende, freiheitsliebende Dichter, zu dessen ständigem Wegbegleiter der Wein gehörte, bekommt genau das, was er sich wünschte, „Wohlan, so sollst Du trinken dürfen“. Dann fährt er mit Yang-Gui-fe auf dem Boot, das ihm der Kaiser schenkt, davon, während Yang-Gui-Fe das leitmotivisch wiederkehrende Lied vom Kormoran anstimmt.

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„Li-Tai-Pe“. Oper in drei Akten. Rudolf Lothar, Clemens v. Franckenstein; Verlag: Drei Masken-Verlag, 1920

Der erste Akt bildet die wuselige Kleinteiligkeit eines Lebens in einer Schenke ab. Adriana Altaras scheint in ihrem Element und führt ins heutige Peking, das Christoph Schubiger mit einem Blick auf Pekings Straßen, in Kleinbetriebe und Garküchen in einer Mischung aus Phantasie und Realität farbstrotzend entworfen hat. Was gibt es, von der Regisseurin gefällig animiert, vor der Skyline der Wolkenkratzer nicht alles zu sehen von Vogelkäfigen bis kleinen Hunden, Fahrrädern, von Manikürestudio, Nähwerkstatt und Barbierladen bis zu Kleinküchen. Unauffällig dröselt Altaras diesen Flickenteppich auf, lässt allen Beteiligten und der Phantasie des Zuschauers Freiraum und führt die Mandarine mit ihren bunten Anoraks, langen Gewändern und Ketten als satirischen Kontrapunkt ein – und tut nur ein wenig zu viel des Guten, wenn sie diese in der Lichtpause zwischen erstem und zweitem Akt als Pausenclowns ins Parkett schickt. Liebreizend verspielt und ohne Bösartigkeit. Ein schärferer Zugriff hätte der Musik vermutlich nicht gutgetan. Über seiner kleinteiligen Musik wölbt Franckenstein selten den weiten Bogen spätromantischer Pracht, die dann eher korngolden als straussisch glitzert und sich allenfalls im Ensemble am Ende des ersten Aktes aufbauscht. Sinnekitzelnd, doch ohne falsche Chinoiserie, spätimpressionistisch filigran. Der zweite Akt, mit dem „Sängerwettstreit“ , wahrscheinlich der Höhepunkt der Oper, bietet eine kleine dramatische Steigerung.

Der dritte, bei dem Altaras und Schubiger in den Sitzungsraum des Parteibüros blicken, wie sie denn mit der Barche, der Voliere, dem Drachenkostüm, den Tuschzeichnungen und dem roten Turandot-Prunk immer Aktualität und Klischee und Märchen ironisch mischen, wiederum gewinnt durch die immense Autorität des von Joachim Goltz majestätisch und sinnhaft ausgedeuteten Kaisers, dessen Auftritte eine gewisse Operettenhaftigkeit umwehen, ohne in den Brettl-Duktus der 1920er Jahre zu verfallen. Ein Mann mit einer Stimme. Franckenstein hat das alles in ein wiegendes Parlando gekleidet, ungemein geschmackvoll und elegant orchestriert und ausgemalt, mit einem feinsinnigen Hauch an märchenhafter Exotik, die mich an Das Lied der Nacht des von den Nationalsozialisten verbotenen und nach England emigrierten Hans Gál erinnert, ohne sich prononciert modern zu geben, auch wenn man im Palaver der Mandarine manchmal den modernen Song-Stil zu ahnen meint. Juliane Brandes stellt Im Programmheft Franckenstein in einen großen Zusammenhang: „Mit seiner Kompositionsweise zeigt sich Franckenstein durchaus als Komponist seiner Zeit und befindet sich damit in bester Gesellschaft zu Zeitgenossen wie (völlig ungeordnet): Kurt Weill, Erich Wolfgang Korngold, Franz Waxmann, Emmerich Kalman, Paul Abraham, Franz Lehár, Bertold Goldschmidt, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Franz Schreker, Ernst Krenek u.a.m.“

Die Münchner Abendzeitung hatte das Werk 1925 mit den Worten der Zeit trefflich charakterisiert, „Dieser ehrlichen, ungekünstelten, aller Gespreiztheit baren Art kann man sich auch dann nicht entziehen, wenn man ruhig feststellt, daß es keineswegs die Größe und Originalität des Einfalls ist, die aus dieser Musik zu uns spricht.“  Ein anderer stellte fest, „daß dem Komponisten hochdramatische Leidenschaft fehlt. Er ist mehr Tonpoet als hinreißender Musikdramatiker“.

„LI-TAI-PE“ von Clemens von Franckenstein/ Szene Oper Bonn/ Foto Thilo Beu

Poetisch sind auch die beiden Hauptfiguren gezeichnet, der von Mirko Roschkowski mit schlanker Höhe und tragfägfäiger Lyrik in der Mittellage gesungene Li-Tai-Pe, der im Preisgedicht „In sanftem Leuchten blicken die Sterne“ auftrumpfen darf, und die in ihrer selbstlosen Hingabe wie eine Vorwegnahme der Liù anmutende Yang-Gui-Fe, für die Anna Princeva ihren dunkel reifen Sopran einsetzte. Giorgios Kanaris gab mit breit gestreutem Bariton den mit Li-Tai-Pe befreundeten Doktor der Akademie, mit dumpfem Bass sang Tobias Schabel den ersten Minister, während Santiagio Sanchez die Chance als kurzfristiger Einspringer nutzte (19. Juni 2022) und den Kommandanten der Garde mit klarem Tenor und schöner Textdeutlichkeit sang (Ruben Michael spielte auf der Bühne). Hatte man anfangs den Eindruck, Hermes Helfricht setze zu sehr auf orchestrale Bravour und Lautstärke und lasse sich von der Entdeckerfreude mitreißen, erwies er sich bald als ökonomisch lenkender Praktiker, der die theatralischen Qualitäten der kunstvollen Partitur aufspürte und mit dem Chor des Bonner Theaters und dem glänzend spielenden Beethoven Orchester bewies. Nachdem ich schon Meyerbeers Feldlager versäumt hatte, war ich froh diese Aufführung erlebt zu haben.

In der kommenden Spielzeit schüttet Opernchef Andreas K. W. Meyers Füllhorn im Rahmen von Fokus ’33, bei dem sich die Bonner Oper mit Werken beschäftigt, „die nach 1933 oder ab 1945 aus den Spielplänen verschwanden“ übrigens Franchettis Azrael und Schrekers Der singende Teufel aus.  Rolf Fath

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Unser Tipp, das gesamte hochinformative Programmheft der Oper Bonn als Beilage von der Bonner Oper zu erwerben oder sich evtl. als pdf schicken zu lassen – es lohnt sich, zumal das gesamte verwendete Libretto dort abgedruckt ist, was das Hören am Radio der WDR-Übertragung sehr erleichterte. Deutschlandfunk Kultur sendet das Werk noch mal am 13. August 2022 um 19.04 Uhr. G. H.

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Schwanenruf und Feuervogel


Weder Jean Sibelius noch Igor Strawinski sind Namen, mit denen der legendäre rumänische Dirigent Sergiu Celibidache heutzutage üblicherweise sofort in Verbindung gebracht wird. Nichtsdestoweniger nahm er zumindest einige Werke dieser trotz ihrer Gegensätzlichkeit für die Musik des 20. Jahrhunderts so wichtigen Komponisten in sein Repertoire auf. Im Falle von Sibelius waren es die zweite und die fünfte Sinfonie; was Strawinski anbelangt, vor allem die Feuervogel-Suite. Es ist nicht so, dass diskographisch von besagten Stücken unter Celibidache bislang nichts greifbar gewesen wäre. Die Deutsche Grammophon brachte bereits vor über zwanzig Jahren eine SWR-Produktion der Suite von 1978 heraus. Selbiges gilt für einen bei der DG aufgelegten Rundfunkmitschnitt der Fünften von Sibelius mit dem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester aus Stockholm 1971. Wenn die Münchner Philharmoniker auf ihrem Eigenlabel nun beide Werke in bislang unveröffentlichten Konzertmitschnitten auf den Markt bringen (MPHIL0025), dann ist dies gleichwohl von Bedeutung, da es sich um eben um Aufnahmen aus der für nicht wenige maßgeblichen Münchner Zeit des Dirigenten handelt. Beim Strawinski ist der zeitliche Abstand zur bisher bekannten Rundfunkproduktion nicht allzu groß (1982), während beim Sibelius über anderthalb Jahrzehnte zwischen den Aufnahmen liegen (1988). Ende der 1980er Jahre hatte sich der Spätstil Celibidaches vollentwickelt, wovon in Sonderheit seine berühmten (aber auch umstrittenen) Bruckner-Exegesen zeugen.

Interessanterweise veränderten sich die reinen Spielzeiten im vorliegenden Falle gar nicht so stark im Vergleich mit den Vorgängeraufnahmen. Schon die Stockholmer Interpretation der fünften Sinfonie von Sibelius ist ungewöhnlich breitangelegt, hinsichtlich der reinen Spielzeiten nicht unähnlich jener des alten Bernstein (der indes völlig andere Akzente setzt). In München dauert der Kopfsatz annähernd 16 Minuten, das Andante neun Minuten und der Schlusssatz fast elf Minuten. Man könnte es in gewisser Weise den Versuch einer „Brucknerisierung“ des finnischen Nationalkomponisten nennen. Vielleicht ist dies auch der Grund, wieso Celibidache daneben nur noch die genannte Zweite ab und an aufs Programm setzte, käme dieses Konzept bei den übrigen Sinfonien doch vermutlich an seine Grenzen. Ist man allerdings bereit sich darauf einzulassen, so lässt sich dieser in sich ruhenden Lesart doch einiges abgewinnen, auch wenn die dramatischen Ausbrüche ästhetisiert daherkommen. So sind insbesondere im Finale – trotz mitreißendem „Schwanenruf“ – die so essentiellen Pauken leider zu stark in den Gesamtklang integriert. Sieht man davon ab, fallen die berüchtigten akustischen Unzulänglichkeiten der Münchner Philharmonie im Gasteig in diesem Mitschnitt vom 26. März 1988 nicht stark ins Gewicht, Störgeräusche aus dem Publikum gibt es kaum.

Wie bereits erwähnt, ist Celibidaches Interpretationsansatz bei der Feuervogel-Suite (in der Fassung von 1919) nicht grundlegend anders als in der altbekannten SWR-Aufnahme. Es geht mit 25 Minuten Gesamtspielzeit eher getragen, aber – außer vielleicht zu Beginn der Berceuse – nicht verschleppt zu. Celibidache verfolgt legitimerweise einen französischen Ansatz, russischen Furor sucht man vergebens. Das Klangbild aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz vom 28. Oktober 1982 ist gutes, wenn auch nicht audiophiles Stereo.

Das zweisprachige Booklet (Englisch, Deutsch) wartet mit sehr guten Einführungstexten (von Michael Kube und Volker Scherliess – letzterer leider kürzlich verstorben) auf. Fazit: Ein Finne und ein Russe – zumindest musikalisch also nach wie vor auf einer Disc vereint. Daniel Hauser

Durststrecken vom See

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Nerone, mit Blut besudeltem Hemd, auf dem Boden. Fein säuberlich getrennt hat Frank Philipp Schlössmann das kaiserliche und christliche Rom und bereitet damit Olivier Tambosi eine spiegelnde, durch Leuchtstehlen gegliederte und verwandelbare Spielfläche für den jetzt auch auf Bluray erschienenen Nerone Arrigo Boitos, der erst 2022 in Bregenz seine Premiere hatte und entsprechend des Zeitgefühls während der Pandemie viel länger zurückzuliegen scheint (Bluray C Major 761304). Leider ohne Untertitel, was ein schweres Versäumnis ist und ein Verständnis dieses ungemein vielgliedrigen, vielschichtigen und komplizierten Vierakters einigermaßen erschweren dürfte. Ein von Ängsten gepeinigter Kaiser, ein charismatischer heidnischer Priester, ein christlicher Prediger, eine ihm verbundene keusche Vestalin sowie die seltsame Schlangenfrau Asteria, dazu das brennende Rom und der Circus Maximus, den Schlössmann und Tambosi für entsprechende, immer wiederkehrende Zirkusmetaphern nutzen und dabei virtuos mit Bildern und Motiven jonglieren. Großes Theater. Alles ist in dieser Inszenierung beziehungsreich und bedeutungsvoll verschachtelt, manchmal etwas süßlich, oft erlesen pathetisch, dezent gruselig, doch stets prägnant, wobei ich mir häufiger den Blick auf die Totale gewünscht hätte.

Musikalisch konnte Boito nicht alles einlösen, was er ein halbes Leben lang in dieser Oper anstrebte. Grandiosen Chormomenten und orchestraler Wucht, wie gleich in der Eingangsszene “Canto d’amore vola col vento“, stehen rezitativische Durststrecken, wie beispielsweise in der markanten, manchmal arios aufgebrochenen Deklamation Simon Magos gegenüber, den Lucio Gallo mit verzerrtem Mund und dem geballten Ausdruck seines Charakterbaritons gibt und nicht nur im zweiten Akt als schwarzer Engel eindrucksvoll spielt. Der Nero dürfte einer der letzten großen Auftritte des im Januar verstorbene mexikanische Tenor Rafael Rojas gewesen sein, der ebenfalls, u.a. im grünen Kleid und mit der Perlenkette seiner toten Mutter Agrippina, ein hingebungsvolles Porträt liefert und am Ende des ersten Aktes die Gewissensqual und Ekstase des Kaisers mit geschmackvoller Deklamation über die Chormassen wuchtet und im zweiten Akt den langen Tiraden Farbe und Intensität einhaucht. Möglicherweise kann die Bluray nicht ganz die Leistung Dirk Kaftans, seine Souveränität und sein Geschick einfangen, mit denen er die Tempelgesänge und Raumklänge auffächert und mit den Wiener Symphonikern und dem Philharmonischen Chor Prag Boitos Klanggesten Bedeutung und Gewicht verleiht. Auf jeden Fall ist dieser Mitschnitt hochwillkommen, selbst wenn die interessant klingende Sventlana Aksenova als Asteria, Alessandra Volpe mit energischer Mezzoattacke als Rubria und Brett Polegato mit solider Baritonhöhe als Fanuèl ihre Partien stimmlich nicht ausschöpfen; große darstellerische Leistungen zeigen sie alle. (Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.)  Rolf Fath.

Frauenlieder

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Neu ist eine bei Alpha-Classics in Verbindung mit BR Klassik eingespielte CD mit dem Titel This Be Her Verse mit Werken von Komponistinnen dreier Generationen erschienen, mit denen sich Golda Schultz und Jonathan Ware intensiv auseinandergesetzt haben. In einem ausführlichen Vorwort erklärt Golda Schultz selbst, dass sie von der Frage ausgegangen ist, die sie schon länger beschäftigte: „Wie wäre es, wenn eine Frau ihre Geschichte selbst erzählen würde“, das heißt, dass eine Frauenstimme die Musik von Komponistinnen eventuell noch besser ausdeuten kann, möglicherweise am Besten, wenn auch die Texte von einer Dichterin stammen. Ich könnte mir für dieses Konzept vielleicht auch noch eine Begleiterin am Klavier vorstellen, was in keiner Weise Jonathan Ware herabwürdigen soll.

Das Programm beginnt mit vier Liedern von Clara Schumann nach Texten von F.Rückert, W.Gerhard und H.Heine: Bei Liebst du um Schönheit stellt die Sopranistin ihre volltimbrierte, gleichmäßig durch alle Lagen gebildete Stimme vor, wobei Ware ihr am Klavier ein auf alle Nuancen eingehender sicherer Partner ist. Die deutsche Sprache ist für die Südafrikanerin, die seit längerem fest in Augsburg lebt, auch kein Problem. Höhepunkt dieser ersten Lieder ist Lorelei, in dem die Sängerin ihre Ausdruckspalette weit ausbreitet und der Pianist die Wellen brillant aufrauschen lässt.

Etwa zeitgleich mit Clara Schumann profilierte sich Emilie Mayer mit eigenen Kompositionen, von Klaviermusik über Kammermusik, Orchester- und Chorwerken bis zu Liedern mit Klavierbegleitung. Heinrich Heines Du bist wie eine Blume und Helmina von Chézys Wenn der Abendstern die Rosen lohnen das Kennenlernen mit einfallsreichen Melodienfolgen, die Golda Schultz mit wunderbarem Legato und elegant perlenden Verzierungen erfüllt. Sehr interessant ist auch Goethes Erlkönig, bei dem ihr die Zwiegespräche eindringlich gelingen. Offiziell gelistet gibt es zwei unterschiedliche Fassungen dieses Liedes, die etwa 1842 (I) und 1870 (II) entstanden; welche die hier vorliegende ist, wird leider nicht erwähnt.

Rebecca Clarke, Engländerin amerikanisch-deutscher Abstammung, gilt heute als eine der wichtigsten Komponistinnen ihres Landes zwischen den Weltkriegen. Da gibt es neben dem berührenden Down by the Salley Gardens nach W.B.Yeats das ausdrucksstarke The Tiger nach W.Blake, in dem nicht nur die Stimme sondern auch das Klavier das schleichend Gefährliche und Lauernde sehr gut herausarbeitet. Mit ganz eigenwilligen Tonfolgen und Sprüngen begeistert das Wiegenlied Cradle Song, ebenfalls nach W.Blake. Deutliche Anklänge an Britten und Vaughan-Williams sind bei Seal Man nach dem für mystische Lyrik bekannten John Masefield zu erkennen; Jonathan Ware macht das lange Nachspiel zu etwas Besonderem.

Von Nadia Boulanger, Clarkes Zeitgenossin, erklingen 3 Lieder aus der frühen Zeit (1909) Prière nach H.Bataille, Élégie nach A.V.Samain und Cantique nach Maurice Maeterlinck. Sehr einschmeichelnd ist La mer est plus belle gelungen. Im Französischen verschwimmen die Konsonanten bei Golda Schultz allerdings sehr stark, alles ist Klang mit feinen Nuancen. Gut, dass die Texte aller Lieder der CD in Deutsch, Englisch und Französisch im Beiheft aufgelistet sind.

Als Auftragswerk für Schultz und Ware entstand ein drei Lieder umfassender Zyklus der Südafrikanerin Golda Schultz nach Lyrik von Lila Palmer unter Zusammenarbeit mit den beiden Interpreten. Tagg benutzt das Klavier nicht nur von außen sondern auch von innen, durch Anreißen der Saiten, Klopfen auf Holz und ähnliche kleine Mittel, um dem Text Nachdruck zu verleihen; die in New York lebende Tagg verbindet heimatliche Spuren mit Melodien der Neuen Welt in ihren Klangwelten. Schwierige Intervalle und ständig wechselnde Stimmungen zeichnen After Philip Larkin aus, die Sängerin und Pianist sehr gut nahebringen. Wedding zeichnet das satirisch oder humorvoll anzusehende Bild einer bereits direkt nach ihrer Trauung auf ihren Bräutigam wartenden Braut, hier mit einem zwinkernden Auge vorgetragen. Eine angebliche Verteidigung einer Single-Frau ist Single Bed, wobei die unterdrückten Wünsche immer durchschimmern. Insgesamt ist dies eine beeindruckende Einspielung mit hervorragenden Interpreten (Alpha 799/ 19. 06. 22).  Marion Eckels

Hornemans „Aladdin“

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Elfen und Geister scheinen durch die Ouvertüre des Aladdin zu schweben, der Christian Frederik Emil Hornemann mehrere Jahrzehnte beschäftigte, und eröffnen eine hochromantische Märchenwelt. Wenige Jahre nach seinem Studienaufenthalt, der Horneman wie bereits zuvor seinen Landsmann Niels Wilhelm Gade, 1858-60 nach Leipzig führte, scheint das 1864 komponierte, 1866 erstmals aufgeführte und seither im dänischen Konzertrepertoire verbliebene große Orchestergemälde wie ein Nachklang auf Mendelssohn-Bartholdy und Weber zu sein (und ein Blick zu jpc zeigt eine Menge an weiteren orchestralen und kammermusikalischen Hinterlassenschaften).

Doch zunächst hielten Horneman andere Tätigkeiten auf Trab, die Etablierung eines Musikverlags, die Musikgesellschaft Euterpe, die er ebenso wie die Konzertgesellschaft Koncertforeningen mitbegründete, dazu Tätigkeiten als Dirigent und schließlich die Gründung eines eigenen Musikinstituts. Sein Hauptwerk, der Aladdin, zu dem ihm der befreundete Benjamin Feddersen den Text schrieb, begleitete Horneman während seiner Reisen durch Europa, wurde zur Seite gelegt und wiederaufgenommen und schließlich für eine Aufführung anlässlich des 25jährigen Thronjubiläums von Christian IX. 1888 in Betracht gezogen und hurtig in Szene gesetzt.

Über die chaotischen Umstände der unbefriedigend verlaufenen Uraufführung schreibt Inger Sørensen ausführlich in der wie stets bei Dacapo sorgfältig aufbereiteten Einspielung (3 CDs Dacapo 6.200007), bei der nur die Rückseite der Box – blau auf schwarz – absolut unlesbar bleibt. Anerkennung wurde Horneman erst 14 Jahre später am 4. April 1902 mit der überarbeiteten Fassung des Aladdin zuteil. Nach 18 ausverkauften Aufführungen wurde die Oper seit 1903 nicht mehr gegeben und durch die Aladdin-Musik des jüngeren Carl Nielsen, die dieser für Wiederaufführungen von Adam Oehlenschlägers Schauspiel komponierte, verdrängt. Rundfunkaufnahmen 1953 und 1978 konnten die Oper, die in Deutschland, im Gegensatz zu dem 2017 in Braunschweig aufgeführten Gegenentwurf des schwedischen Spätromantikers Kurt Atterberg, nie zu hören war, nicht vor dem Vergessen retten.

Das wird auch der im November 2020 im Konzertsaal des Dänischen Rundfunks entstandenen Aufnahme kaum gelingen, mit der sich Michael Schønwandt mit dem Danish National Symphony Orchestra und dem vornehmlich in den Rahmenakten geforderten Danish National Concert Choir energisch für das musikalische Erbe einsetzt. Natürlich ist es interessant, diese romantische, mit Balletten und Chören recht weitschweifig geratene Oper mit ihren konventionellen Mustern und den Wagner-Reminiszenzen zu hören, die den Aladdin beispielsweise mit seiner Arie im ersten Akt, während er in der Höhle einschläft und von der schönen Gulnare träumt, zu einem Bruder des Siegfried machen. Doch alles in allem werden die drei Stunden und vier Akte, in denen Horneman Episoden aus Tausendundeine Nacht abhandelt und den Gefühlen, Gedanken und Träumen seines Titelhelden, für die der 1993 geborene Bror Magnus Tødenes neben lyrischer Geschmeidigkeit etwas mehr an jugendlich dramatischer Dringlichkeit aufbringen könnte, breiten Raum einräumt, reichlich lang.

Der böse Noureddin schickt Aladdin in eine Höhle, um die geheimnisvolle Wunderlampe zu erlangen. Nachdem ihm Aladdin Gold und Silber aus der Höhle überlassen hat, stößt Noureddin Aladdin in die Höhle zurück. Der Geist des Zauberringes, den ihm Noureddin überließ, führt Aladdin aus der Höhle. Aladdin hofft mit den Schätzen aus der Höhle Gulnare, die Tochter des Sultans, zu erringen. Er putzt die Zauberlampe, worauf der Geist der Lampe die arme Hütte in einen Palast verwandelt und der Sultan einer Hochzeit mit seiner Tochter zustimmt. Die Liebenden sind überglücklich, doch währen der Hochzeitsfeier entführt Noureddin Gulnare und lässt den Palst verschwinden. Wieder hilft der Geist des Ringes. Aladdin gewinnt Gulnare zurück, tötet Noureddin wird nach dem Tod des Sultans zu dessen Nachfolger ernannt. Horneman schweißt die schwermütigen Momente des ersten Aktes und der Friedhofsszene des vierten, das höfische Zeremoniell, die Festmusiken und Ballette durch eine farbig kunstvolle Orchestrierung und packende Ensembles zusammen, doch die Gesangslinien für Stephen Millings mächtigen Märchenbuch-Sultan oder Henning von Schulmans Vizier wirken vorgestanzt und gefriemelt. Auch Hanne Fischer kann als Aladdins Mutter Morgiane ebenso wie der tüchtige Johan Reuter als Bösewicht Noureddin wenig Individualität zeigen. Für die Gulnare steuert Dénise Beck lichten Prinzessinnen-Liebreiz bei. Im Ganzen aber keine Wiederentdeckung; anders als kürzlich August Emil Ennas schöne Kleopatra.    Rolf Fath

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Vokales von Stradella über Gomes bis Eisler

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.Zu den Jubilaren des Jahres 2022 gehört Ralph Vaughan Williams (1872-1958), der neben bedeutenden sinfonischen Werken und Kammermusik viel für den Bereich des Liedes getan hat. Besonders bekannt ist er durch die Sammlung von Folksongs geworden, ohne auf selbstständige Kompositionen zu verzichten. hyperion hat jetzt drei in den Jahren 1903 bis 1915 komponierte Liedzyklen herausgebracht, die der Tenor Nicky Spence und der Pianist Julius Drake eingespielt haben. Den Anfang machen Four Hymns für Tenor, Viola und Klavier nach frei übersetzten Gedichten aus früheren Zeiten. Zunächst fällt hier die aparte Begleitung auf, weil dem Klavier die Viola, gespielt von dem präsenten Bratscher Timothy Ridout, hinzugefügt ist. Der schottische Tenor gefällt mit schönem Legato in den lyrischen Passagen, aber auch in den spätromantischen hymnischen Aufschwüngen. Im Liederzyklus The House of Life nach Liebesgedichten des britischen Dichters und Malers Dante Gabriel Rossetti kommt die Kunst des Sängers zum Tragen, die vielen Lyrismen intensiv interpretieren zu können; dabei hilft ihm in partnerschaftlichem Mitwirken der besonders im Liedgesang versierte Pianist. Neben drei English Folk Songs aus verschiedenen Sammlungen des Komponisten enthält die empfehlenswerte CD mit dem Zyklus On Wenlock Edge für Tenor, Klavier und Streichquartett ein Hauptwerk aus dem Liedschaffen von Vaughan Williams. Der Zyklus besteht aus sechs Gedichten der 63 Gedichte umfassenden Sammlung A Shropshire Lad des englischen Gelehrten und Dichters Alfred Edward Housman (1859-1936). Alle Gedichte sind durch starken Pessimismus und die ständige Beschäftigung mit dem Tod geprägt. Dem Tenor gelingt es eindrucksvoll, die melancholischen, manchmal schon geradezu depressiven Stimmungen, aber auch die verzweifelten Ausbrüche wiederzugeben, wobei das junge Piatti Quartet gemeinsam mit dem Pianisten der Singstimme passende Klangteppiche unterlegt und so zur eindringlichen Interpretation beiträgt (hyperion CDA68378/ 19. 06. 22)).

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Hierzulande so gut wie unbekannt ist der russische Komponist Nikolay Myaskovsky (1881-1950); Wikipedia macht einen da schlauer: In der Nähe von Warschau geboren, wo sein Vater als Militäringenieur stationiert war, sollte er zunächst nach dessen Willen trotz seines offenkundigen musikalischen Talents eine Militärlaufbahn einschlagen. Nach der militärischen Ausbildung bis 1902 in Nischni Nowgorod und St. Petersburg war er in Moskau als Offizier tätig. Zuvor hatte er bei seiner Tante, einer Sängerin, ersten Musikunterricht erhalten, den er ab 1906 nach Rückkehr nach St. Petersburg am dortigen Konservatorium u.a. bei Rimski-Korsakow fortsetzte. Nach Abschluss der Studien im Jahre 1911 schrieb Myaskovsky Artikel für eine Musikzeitschrift und gab Privatstunden. Jetzt lernte er Sergej Prokofjew kennen, mit dem er in lebenslanger Freundschaft verbunden war. 1907 reichte er seinen Abschied aus der Armee ein und wurde im folgenden Jahr Reservist. Im 1. Weltkrieg wurde er schwer verletzt; nach der Oktoberrevolution trat er in die Rote Armee ein und reichte erst 1921 seinen Abschied ein. Nach dem Krieg beteiligte sich Myaskovsky aktiv an der Neugestaltung des Moskauer Musiklebens, wo er 1921 Professor für Komposition am Konservatorium wurde – eine Position, die er bis zu seinem Tod 1950 inne hatte. Myaskovsky gehörte 1948 zu den im Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU als „Formalisten“ kritisierten Komponisten, wurde allerdings bald darauf rehabilitiert. Nachdem in seinen Werken zunächst Spätromantisches wie etwa von Tschaikowski und Rachmaninow spürbar war, er später auch „Westliches“ wie von Ravel aufnahm, änderte sich sein Stil etwa ab 1932 grundlegend. Jetzt  ging er deutlich auf die Forderungen des „Sozialistischen Realismus“ ein und orientierte sich bis zu einem gewissen Grade an der russischen Nationalromantik des 19. Jahrhunderts. In den 1940er-Jahren wurde seine Tonsprache wieder dunkler und melancholischer; insgesamt ist sein Spätstil recht traditionell, indem die Harmonik nicht so scharf ist wie in der mittleren Periode und die Tonalität wieder bekräftigt wird. Myaskovsky hatte eine große Vorliebe für Sinfonien und Streichquartette; sein Werkverzeichnis enthält aber auch Klavierstücke, andere Kammermusik und einiges Vokales.

Zwei Liedzyklen, das 1946 entstandene Notebook of Lyrics op. 72 und die Romanzen op. 40 von 1935/36, sind jetzt erstmals erschienen (TOCCATA CLASSICS TOCC 0355). Das Notebook of Lyrics enthält Vertonungen von vier Gedichten von Mira Mendelson, der zweiten Frau von Sergej Prokofjew, und von zwei von ihr übersetzten Gedichten von Robert Burns. Die ersten vier Lieder sind kompositorisch meist schlicht gehalten; diese interpretiert die russische Sängerin Tatiana Barsukova mit angenehm timbriertem Sopran, den sie sicher durch alle Lagen zu führen weiß. Die beiden Burns-Vertonungen sind dramatisch zugespitzt, was der Sopranistin jedoch keine Probleme bereitet.  Bei beiden Zyklen trägt die Dozentin an der Moskauer Gnessin-Musikakademie Olga Soloviaeva am Klavier zu den jeweils überzeugenden Interpretationen entscheidend bei. Elizaveta Pakhomova gestaltet die Romanzen op. 40, zwölf Lieder nach Gedichten von Mikhail Lermontov (1814-1841), neben Puschkin einem der bedeutendsten russischen Dichter der Romantik. Der unterschiedliche Stimmungsgehalt der Romanzen, die von einem ruhig dahinfließenden Wiegenlied über fröhliches Volkslied-Ähnliches bis zu verzweifelter Trauer reichen, gibt der Sängerin mit ihrem auffallend schlanken Sopran gute Gelegenheit, ihr schon ausgeprägtes Gestaltungsvermögen eindrucksvoll einzusetzen. Beide Liedzyklen werden durch die 1946/47 entstandene zweisätzige Violinsonate op.70 ergänzt, die von der aus der Ukraine stammenden, seit längerer Zeit in den USA tätigen Geigerin Marina Dichenko gemeinsam wieder mit der ausgezeichneten Pianistin aus Moskau ausgedeutet wird.

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Der Österreichische Rundfunk hat 1994 im Wiener Konzerthaus und 1999 im Musikverein Wien Live-Konzerte mit Werken von Hanns Eisler aufgenommen, die CAPRICCIO jetzt herausgebracht hat. Der 2CD-Set enthält auf der CD 1 Lieder, Songs und Couplets aus allen Schaffensperioden von Hanns Eisler, der von 1898 bis 1962 lebte (Die Überschrift der Track-Liste im sonst sehr instruktiven Beiheft enthält falsche Lebensdaten!). Auf der CD 2 sind einige der in den 1930er-Jahren fast durchgehend aus Filmmusiken zusammengestellte Orchestersuiten enthalten, sowie Eislers Bühnenmusik zu Die letzte Nacht, dem Epilog zu dem monumentalen Werk von Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit. Unter der souveränen, fachkundigen Leitung des Komponisten, Dirigenten und Chansonniers HK Gruber musizieren die vorzüglichen Wiener Ensembles die reihe (Orchestersuiten) und Klangforum Wien (Die letzte Nacht). Bei den  Bühnenmusiken wird beeindruckend deutlich, dass es Eisler nicht nur um Illustrierung des Geschehens auf der Leinwand ging, sondern dass seine Musik eine aktive, herausfordernde Rolle einnahm. Am 15. Januar 1930 fand „nachts um 12 Uhr“ im Berliner Theater am Schiffbauerdamm die Uraufführung von Die letzte Nacht statt. Im  flammenden Plädoyer gegen den Krieg steht der beklemmende, erschütternde Text von Karl Kraus im Zentrum, der von Wolfram Berger prägnant und ungemein differenzierend gesprochen wird. Die musikalischen Elemente sind in einer Art Melodram knapp gehalten; hier sind neben dem Klavier (Adolf Henning) je zwei Klarinetten und Trompeten, Posaune und Schlagzeug aus dem Ensemble die reihe im Einsatz.

Die Kompositionen auf der CD 1 „für Gesang und Kammerorchester“ oder „Klavier“, wie es bei Eisler offiziell heißt, sind Vertonungen von Texten von u.a. Kurt Tucholsky, David Weber und natürlich auch Bertolt Brecht. Die Auswahl stammt von dem vielseitigen  HK Gruber, der markant stimmungsgerecht singt und spricht; dabei ist wieder eindrucksvoll, wie perfekt  die Begleitung durch Marino Formenti (Klavier) und das Ensemble Klangform Wien dazu passt. Bertold Brecht ist außerdem vertreten mit Schweyk im zweiten Weltkrieg und Die Rundköpfe und die Spitzköpfe; Couplets aus der der entsprechenden Bühnenmusik interpretiert HK Gruber auf seine unnachahmliche Art, die auch bei Höllenangst und Eulenspiegel nach Johann Nepomuk Nestroy und den zwölftönigen Parodien Palmström von Christian Morgenstern durch textliche Treffsicherheit imponiert (CAPRICCIO C5434/Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.).   Gerhard Eckels

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Erst kürzlich ist bei WARNER CLASSICS (0190295037079) eine CD mit Tenor-Arien des italienischen Barock erschienen; sie trägt den Titel Tormento d’amore und wird von Ian Bostridge mit der Begleitung der Cappella Neapolitana unter Antonio Florio gesungen. Der ausführliche Artikel dazu (in vier Sprachen) von Dinko Fabris über die Entwicklung der italienischen Oper im Barock ist sehr interessant und informativ. Bostridge hat 10 Arien aus den ca. 100 Jahren ausgewählt und vorgestellt, von denen hier zwei ihre Welt-Premiere auf CD erleben: Alessandro Stradellas kurze, fast tänzerische Arie Soffrirà, spererà aus Il Corispero und Cristofaro Caresanas schwungvolle, mit geläufigen Koloraturen ausgestattete Arie Tien ferma Fortuna aus Le avventure di una fede.  Der bekannte Liedsänger beweist auch mit diesen Arien seine sängerischen Fähigkeiten: Da gibt es lautmalerisch gestaltete Legato-Arien wie Antonio Cestis Berenice, ove sei? aus Il Tito oder Francesco Provenzales fein akzentuiertes Deh rendetemi ombre care aus La Stellidaura vendicanteLeonardo Vincis pulsierende Koloratur-Arie Se il mio paterno amore aus Siroe, re di Persia oder das Koloratur-Feuerwerk Nuove straggi, e spaventi aus Nicola Fagos Il faraone somerso bis zur souverän dargebotenen Szene Gelido in ogni vena aus Antonio Vivaldis Il farnace. Als Schmankerl zum Schluss bietet Bostridge in bester italienischer Manier ein Traditional Neapolitain mit dem Titel Lu cardillo. Antonio Florio präsentiert die begleitende Cappella Neapolitana auf hohem technischem und interpretatorischem Niveau, das in den reinen Orchesterstücken von Antonio Sartorio, Antonio Cesti, Giovanni Legrenzi, Franceso Provenzale und Nicola Fago besonders zum Tragen kommt.    Marion Eckels

Heitere Gesellschaftsspiele

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Nicht als „Handlung in drei Aufzügen“ hat Regisseur  Dmitri Tcherniakov Wagners Tristan und Isolde in der Berliner Staatsoper inszeniert, sondern eher als drei Einakter, als erstes Die genervte Brangäne, danach Lehrstunde für Isolde und schließlich Geisterstunde mit den Eltern. Die Aufgeregtheit Isoldes im ersten Akt steht in keinem Verhältnis zum lockeren Gesellschaftsspiel im zweiten, und dieses passt in keiner Weise zum trübsinnigen Naturalismus des dritten.

Wenn sich solche Assoziationen beim Genuss des Werks einstellen, dann ist klar, dass die Regie die großen Gefühle, die die Musik vermittelt, nicht wahrhaben will, was bereits in der Inhaltsangabe von Tcherniakov im Booklet zur DVD deutlich wird, wenn er zu Isoldes Liebestod nur zu schreiben weiß: “Isolde nimmt nicht mehr wahr, was um sie herum vorgeht“, und „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ zeigt in dieser Produktion nur die Freude eines Lehrers, dessen Schülerin endlich seine schwierigen Theorien begriffen hat.   Mit  Assistenz  eines Tellers leckerer Häppchen und mit Sektgläsern beginnt er die Lektion über „Allvergessen“ und „Todeserfahrung“ , während derer die beiden kaum einmal die bequemen Sessel verlassen, sich so gut wie nie berühren, eher den Anblick eines heiteren Gesellschaftsspiel bieten als eine der leidenschaftlichsten Szenen der Operngeschichte. Nur ab und zu eingeblendete Schwarzweißfotos vermitteln etwas von Liebesglück- und –leid. Im dritten Akt schließlich tauchen in einer herunter gekommenen  Kleinstbürgerbehausung die toten Eltern Tristans auf und zelebrieren ein spießiges häusliches Glück von Rivalin und Blanchefleur.

Platziert ist die Handlung in die Zwanziger oder Dreißiger des vorigen Jahrhunderts, der erste Akt im eleganten Konferenzraum eines Ozeanriesen, der zweite in einem Saal mit Baumtapete, der dritte siehe oben. Wie bereits beim Parsifal, ebenfalls an der Berliner Staatsoper, wird Natur ausgespart, das Meer ist nur als Videobild zu sehen, der Park oder Garten nur als Teil des Interieurs. Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen Banalität und Tiefsinn, verfremdet wird gern, so wenn Tristan „So stürben wir…“ von einem Blatt Papier abliest. Gern wird zu Flasche oder Zigarette (so die von Isoldes Erzählung genervte Brangäne im ersten Akt) gegriffen, oft ist der angestrebte Naturalismus  lächerlich, so wenn bis hin zu den Steckdosen früherer Zeiten alles bis in die kleineste Einzelheit hinein  „stimmen“ muss. Peinlich wirkt immer wieder die Diskrepanz zwischen der Dramatik des Geschehens und der Banalität mancher Handlungen wie die häufigen Griffe zur Flasche, das Betrachten der Nägel, dass Sich-den Staub-Abwischen nach dramatischsten Auseinandersetzungen oder die Tatsache, dass sich am Schluss Isolde in den Alkoven zum toten Tristan legt, nicht ohne vorher sorgfältig den Wecker zu stellen.

Zum Glück wurde das Vorspiel zum ersten Akt nicht inszeniert, und so kann man sich ungestört am bruchlosen An- und Abschwellen des edlen Orchesterklangs, an seiner  schmerzlichen Intensität, seinem Wandel in der Wiederholung unter der Leitung von Daniel Barenboim erfreuen. Vorzüglich ist auch die Besetzung mit Andreas Schager  als vokalebetontem Tristan, dessen Tenor im Vergleich zum Parsifal einige Jahre zuvor als Glanz und Corpo noch gewonnen hat und der den stimmpotentesten dritten Akt singt, den man sich vorstellen kann, ohne jede Einbuße an Wohlklang und ohne jede Ermüdungserscheinung. Dass Anja Kampe eher zickig-beleidigt als zutiefst gekränkt wirken muss, ändert nichts daran, dass sie ein wunderschönes „Er sah mir in die Augen“ singt, dass sie hörbar an Mittellage gewonnen hat und zu dramatischen Ausbrüchen in der Lobpreisung von Frau Minne fähig ist. Ihr Liebestod überstrahlt mühelos die schäbige Optik bzw. lässt diese vergessen. Eine enge Grenze hat Ekaterina Gubanovas Anteilnahme am Geschick Isoldes, aber zum Ausgleich hat sie einen schönen, dramatischen Mezzosopran von herrlichem Ebenmaß. Am Schluss hakt sie sich bei König Marke ein, so dass man sich um ihre Zukunft keine Sorge machen muss. Dieser ist bei Stephen Milling und seinem sonoren Bass bestens aufgehoben und singt ein berührendes „Tatest du’s wirklich?“ Einen kantigen, markanten Heldenbariton hat Boaz Daniel für den treuen Kurwenal, der gern mal mit dem Bürostuhl durch die Gegend fährt oder aufmerksam seine Nägel beschaut, Stephan Rügamer ist als Melot eine Luxusbesetzung. Linard Vrielink ist gleichermaßen gut als Seemann wie als Hirt, das Englischhorn wird im Alkoven von Florian Hanspach-Torkildsen wehmutsvoll gespielt.

Die Optik ist in ihrer Weise perfekt, handwerklich gut gemacht, von großer Sorgfalt, aber leider wenig passend zu Handlung und Musik. Da jedoch Großaufnahmen eher die Regel als die Ausnahme sind, stört sie weniger als beim Besuch im Opernhaus und man kann bei zeitweisem erfolgreichen Ausblenden derselben durch Augenschließen durchaus einen Genuss aus der DVD ziehen (BelAir BAC165). Ingrid Wanja

Versprechen eingelöst

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Mit dem Schumann-Album „Stille Liebe“, das der junge Bariton Samuel Hasselhorn gemeinsam mit dem Pianisten Joseph Middleton bei Harmonia mundi herausgebracht hat, konnte er sich nach übereinstimmender Meinung der Fachkritik einen festen Platz unter den besten Lied-Interpreten unserer Tage sichern. Jetzt hat das Duo mit einem Schubert-Recital bei demselben Label nachgelegt, das wiederum durch Originalität des Programms und reife Interpretationen besticht. In seinem sehr persönlichen Geleitwort bezeichnet der Sänger Glaube, Hoffnung und Liebe als drei zentrale Themen des Menschseins: „Sie sollen uns an die wichtigen Dinge und Werte erinnern, die uns in letzter Zeit aufgrund von Angst, Neid oder Hass verloren gegangen  zu sein scheinen.“

Mit wenigen Ausnahmen bewegen sich die beiden Künstler abseits der ausgetretenen Schubertlied-Pfade. Zwar fehlen einige gängige Titel nicht wie Erlkönig, Der Zwerg, Auf dem Wasser zu singen oder Nacht und Träume, aber wer nicht schon eine Gesamt-Edition der Schubert-Lieder zuhause stehen hat, wird hier mit einer Reihe kaum bekannter Titel konfrontiert und in einigen Fällen staunen, dass sie von Schubert stammen sollen. Schon das in seinem Todesjahr 1828 entstandene Lied Glaube, Hoffnung, Liebe, das dem Album den Titel gibt, lässt eher an Beethoven denken. Und in der Tat: Wie uns die sehr sachkundige Einführung von Stéphane Goldet im Booklet aufklärt, war es eine Art Huldigung an den großen Meister, bei dessen Beerdigung im Jahr zuvor Schubert zu den Sargträgern gehörte. Totengräbers Heimweh (1825) ist ein Selbstgespräch des grimmig seinem ungeliebten Geschäft nachgehenden Mannes, der sich nach seinem eigenen Tod und seinem Eingang ins Paradies sehnt. Die befreiende ewige Ruhe steht auch am Ende der Betrachtungen An den Mond in einer Herbstnacht (1818), in der musikalischen Form (sechs Strophen in unterschiedlicher Länge und Stimmung) die formal originellste Komposition des Albums. Der blinde Knabe (1825) gewinnt in einem piano vorgetragenen, eher heiteren Gesang seinem harten Schicksal positive Seiten ab, weil er ein reiches Innenleben hat und sich frei von Schuld fühlt. In Abschied von der Erde (1826), dem Monolog eines Sterbenden, wählt Schubert die Form des Melodrams, der Deklamation mit Klavierbegleitung.

Vor sieben Jahren hat Samuel Hasselhorn, damals 24 Jahre alt, unter dem Titel „Nachtblicke“ sein erstes Lied-Album herausgebracht, in dem Schubert (neben Pfitzner und Reimann) bereits eine zentrale Rolle spielte. Er zeigte da eine von der Nachahmung großer Vorbilder völlig freie Herangehensweise und weckte mit seinem hellen, schlanken Bariton, der erstaunlich vieler farblicher Schattierungen fähig war, große Hoffnungen für die Zukunft. Hoffnungen, die er mittlerweile eingelöst hat. Natürlicherweise hat sich die Stimme seither verändert, ist breiter, auch dunkler geworden. Und die unterdessen gemachten Bühnenerfahrungen – er ist jetzt Ensemblemitglied der Nürnberger Oper – geben seinem Vortrag eine zusätzliche dramatische Dimension. Intellektuelle Durchdringung der Lieder verbindet sich mit dem Streben nach einem sinnlichen vollen Klang. Kontemplative Momente wechseln sich mit heroischen Attacken ab. Dass der unverwüstliche Erlkönig, den er schon im ersten Recital im Programm hatte, nicht wirklich unter die Haut geht, liegt auch an der nicht ausgewogenen Klangbalance, die Stimme muss sich hier gegen das schweres Geschütz auffahrende Klavier durchsetzen. Doch ansonsten ist das Zusammenwirken von Sänger und Pianist wieder vorbildlich.

Wenn die weitere stimmliche Entwicklung des Sängers so konsequent fortschreitet wie in den letzten sieben Jahren, so ist es durchaus vorstellbar, dass wir in ihm in 10-15 Jahren einen veritablen Wotan haben (harmonia mundi france HMM 902689). Ekkehard Pluta

Hör-Spass mit Irren

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Nach einem Parsifal, in dem Gurnemanz Kundry ein Messer in den Rücken rammt, einem Tristan, in dem Isolde nach dem Liebestod ihren Wecker stellt, nun aus dem Theater an der Wien ein Ange du Feu/ Feuriger Engel von Prokofiev, der vom Beginn des ersten bis zum Ende des fünften Akts in einem Irrenhaus beheimatet ist. Seltsam ist sie zwar die Geschichte von Renata, die glaubt, eine Liaison mit einem Engel zu haben, und die schließlich in den Händen der Inquisition landet, nicht ohne dass so interessante Figuren wie Faust und Mephisto im mittelalterlichen Köln auftauchen, viel von Magie, von Rittertum und sehr sehr viel von Erotik die Rede ist und eigentlich auch zu sehen sein sollte.

Andrea Breth jedoch verortet die gesamte Geschichte in ein Irrenhaus, in dem alles geschieht, was man sich an Schrecklichem nur vorstellen kann, die einzige wirklich sympathische Figur ein Plüschteddy ist, den Renata in Ermangelung menschlicher oder göttlicher Liebhaber an sich presst. Mit einem Aufwand ohne Gleichen ist schließlich, um der Klappsmühle treu zu bleiben, für das Kloster des letzten Akts ein Turm von Krankenbetten  aufgebaut, in dem die Nonnen umher turnen. Martin Zehetgruber  und die Technik haben da als Bühnenbildner und –arbeiter Erstaunliches geleistet und auch Andrea Breth hat minutiös alle möglichen und unmöglichen Behandlungsmethoden wohl studiert und dann auf di Bühne gebracht- nur fragt man sich mehr als einmal, wer so genau wissen will, wenn er in die Oper geht, wie man Patienten be- und misshandeln kann, welche Art von psychischen Störungen  man dem Lehrbuch für Psychiatrie entnehmen und naturalistisch darstellen kann. Leicht konnte es sich Kostümbildnerin Carla Teti machen, denn außer Arztkitteln und Patientenhemdchen musste nichts entworfen werden, und dafür gibt es außerdem Vorbilder im realen Leben genug. Koffer, natürlich, Chirurgenbesteck, Spritzen, Schreibmaschinen und Aktenberge wischen auch schnell noch der Krankenhausbürokratie eins aus, der Höhepunkt der Scheußlichkeiten ist erreicht, wenn Fleisch aus der Brust eines Patienten gerissen, auch Ruprecht ein Brocken davon zugeworfen wird, kurzum, das Ganze ist eine Welt des kalten Grauens, nicht der Buntheit, des Geheimnisvollen, Erotischen und Gespenstischen. Und auch die Titelfigur verliert schnell das Interesse des Zuschauers, da sie lediglich ein klinischer Fall ohne jedes Geheimnis, das sie doch eigentlich umwittern sollte, ist. Irgendwie folgt die Regie der Logik, dass irr ist, was man nicht versteht, was zu einem ständigen Kampf der Musik mit der Szene führt.

Die Frage ist, ob man der Oper, die es nie leicht hatte, mit einer solchen Inszenierung einen Gefallen tut. Das Werk stammt aus dem Jahre 1927. Nach Prokofievs Tod wurde die Oper 1954 zum ersten Mal, aber nur konzertant, in Paris in französischer Sprache aufgeführt, in italienischer Sprache 1955 in Venedig, von da ging die Strehler-Produktion an die Scala, wo Christel Goltz die Renata sang. 1959 sang Leyla Gencer in Triest, 1960 gab es in Köln die deutsche Erstaufführung in der Regie von Oskar Fritz Schuh.   

Vorzüglich ist die Besetzung im Theater an der Wien, so mit Aušriné Stundyté als Renata mit wunderbar geschmeidigem, stets rund und weich bleibendem Sopran, der viel Interesse an der Sängerin, wenn auch nicht an der Figur, die sie darstellt, erwecken kann. Bewundernswert ist auch, wie sie es versteht, trotz der szenischen Agilität, des Herumspringens wie auch des blöd vor sich hin Stierens der Irren eine untadelige vokale Leistung zustande zu bringen. Ein Sänger für die schwierigen Fälle war immer schon Bo Skovhus, der als Ruprecht ebenfalls Insasse des Irrenhauses mit entsprechender Optik ist und der seinen markanten, dabei flexiblen Bariton einmal mehr bewundern lassen kann. Wie wenig Andrea Breth die Geschichte und ihr Personal wirklich interessiert hat, sieht man daran, dass Figuren zusammengelegt werden, so Wirtin und Äbtissin, die beide von Natascha Petrisnky mit warmem, mütterlich klingendem Mezzosopran verkörpert werden, Agrippa und Mephisto, die Nikolai Schukoff mit hochpräsentem Tenor singt, Mathias und Faust, denen Markus Butter, Jakob Glock und Arzt, denen Andrew Owens und schließlich Wirt und Diener, denen Kristjan Johannesson seine Stimme verleiht. Auf eine Partie beschränken darf sich Elena Zaremba, die mit der Rolle der Wahrsagerin Erinnerungen an ihre vielen Carmen wachruft.

Vorzüglich sind die Damen vom Arnold Schoenberg Chor, in vielen Farben schillert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Constantin Trinks und macht gemeinsam mit den Sängern die Aufnahme immerhin zu einem Hörvergnügen (Unitel 805908/weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de). Ingrid Wanja      

Peter Maus

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Wenn es eine Konstante in meinem Berliner Opernleben gab war es der Tenor Peter Maus. Ich hatte – vor allem rückblickend – das Gefühl, er war jeden Abend auf der Bühne. Er gehörte zum Inventar sozusagen. Und das meine ich nicht abfällig. Auf ihn war Verlass. Kein Tristan ohne seinen Jungen Hirten, keine heitere Oper ohne ihn, seine Rollen war – mochte man glauben – Legion. Partien wie Belmonte, Pedrillo, Ferrando oder Jaquino, Steuermann und Wenzel. Im Repertoire waren auch viele Partien aus Opern des 20. Jahrhunderts. Sein fester, markanter Chararaktertenor brachte ihn bis Bayreuth (auch dort lange Jahre kein Tristan ohne ihn)  und internationale Häuser. Mit ihm ist für mich eine Ära der Deutschen Oper Berlin verbunden, die im Verein mit Maus´ Kollegen McDaniel, Bernard, Kuchta, Zeumer, Fortune, Borris, Stewart und Lear, Wixel, Driscoll, Dooley und vielen anderen Haus-Qualität auf hohem Niveau garantierte. Das war meine musikalische Lehranstalt. Und ich bin jenen  Sängern wie Peter Maus dankbar für eben diese stete Qualität des Singens und Gestaltens. Er ist für mich aus jenen Jahren nicht wegzudenken. Nun starb er am 17. Juni 2022 (geb am 1. Januar 1948) wie die Oper mitteilt.  G. H.

Dazu ein Nachruf seines Berliner Stammhauses: in einem Gespräch, das 2013 aus Anlass seiner letzten Auftritte als Mime im RHEINGOLD entstand, verriet Peter Maus die Devise seines Sängerlebens: „Überschätze dich nicht, dann werden dich andere schätzen“, lautet dieser Satz, und aus ihm sprechen gleichermaßen Bescheidenheit und die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion. Im Laufe seiner staunenswert langen Karriere ist Peter Maus diesem Satz nicht nur treu geblieben, sondern hat auch erleben dürfen, dass sich dessen zweiter Teil einlöste. Mehr noch: Peter Maus wurde von den Kollegen wie vom Publikum nicht nur geschätzt, er wurde von allen als ein kaum wegzudenkender Teil der Deutschen Oper Berlin empfunden. Warum das so war, zeigt schon ein Blick auf die Vielzahl der Partien, die der Tenor im Laufe von vierzig Jahren an seinem Haus verkörperte. An die 100 Partien in über 70 Bühnenwerken wurden es, seit er am 26. Februar 1974 hier im Alter von 25 Jahren in Verdis IL TROVATORE debütiert hatte.

Mosaiksteinartig setzt sich das Bild der Künstlerpersönlichkeit so aus vielen Facetten zusammen: Große Partien sind darunter wie Belmonte in Mozarts DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL und Mime im RHEINGOLD, kleinere Rollen, die gleichwohl starke darstellerische und sängerische Präsenz fordern wie der Narr in Mussorgskys BORIS GODUNOW und der Monsieur Triquet in Tschaikowskys EUGEN ONEGIN, aber auch jene Kleinstrollen, die ein Sänger nur glaubwürdig ausfüllen kann, wenn er jede Eitelkeit beiseitelässt.

Vielleicht lag ihm als gebürtigem Bayreuther Wagner besonders am Herzen: Zwanzig Jahre lang, von 1982 bis 2002, sang er regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen und noch sein letzter Auftritt an der Deutschen Oper Berlin am 8. Dezember 2019 fand in einer seiner Paraderollen statt, dem Hirten in Wagners TRISTAN UND ISOLDE. Doch charakteristisch für Maus‘ Zugang zum Gesang ist vor allem die Neugier, mit der er auf jede neue Partie zuging und sie sich zu eigen machte – kein Wunder, dass unter seinen Rollen überdurchschnittlich viele Auftritte in Werken zeitgenössischer Komponisten stehen: Maus stand in Werken von Aribert Reimann und Bernd Alois Zimmermann, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel und Hans Werner Henze auf der Bühne und noch eine seiner letzten Partien am Haus war die Uraufführung einer Kinderoper in der Tischlerei.

Der Stadt Berlin ist Peter Maus, dem 2001 der Titel eines Berliner Kammersängers verliehen wurde, nicht nur durch sein jahrzehntelanges Wirken im Ensemble der Deutschen Oper Berlin verbunden: Seine Kombination aus Offenheit, Kollegialität und vorurteilsloser Beurteilungsfähigkeit machten ihn bald zu einem gesuchten Lehrer, seit 1995 auch als Honorarprofessor an der Berliner Universität der Künste.

 Nun ist Peter Maus am 17. Juni nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Die Deutsche Oper Berlin trauert um einen prägenden Sängerdarsteller und wunderbaren Kollegen. Quelle/ Foto Peter Maus als Mime im Rheingold Foto Bettina Stöß/ DOB

Sofia: das Bayreuth des Ostens

Längst vorbei sind die Zeiten, da man im Sofioter Opernhaus eine Madama Butterfly erlebte, in der die Titelrolle von einer Russin auf Russisch, der Pinkerton von einem Italiener auf Italienisch und der Chor auf Bulgarisch sangen und die Regie den verrückten Einfall hatte, Butterfly ihren Ex-Geliebten in einer Bodenvase suchen zu lassen. Ideologische Verblendung, die alles Metaphysische verdammte, zwang damals im Don Carlo den Infanten zum Selbstmord, und Wagner war in kommunistischer Zeit ein Unbekannter, ebenso Richard Strauss, was alles nicht mehr wahr ist, denn ausgerechnet im fernen Bulgarien kann man nun erstklassige Aufführungen in deutscher Sprache erleben, und ausgerechnet ein Genueser Label macht es dem deutschen Publikum möglich, musikalisch erstklassige Aufführungen in von Ideologie und Demontage freier szenischer Umsetzung zu genießen. 2013 erlebte mit der Götterdämmerung der letzte Tag des Ring-Zyklus seine Premiere, und nun ist die DVD erhältlich, zwar „nur“ in der um einige Instrumente reduzierten Fassung von Gotthold Ephraim Lessing, der nichts mit dem deutschen Dichter zu tun hat, was man aber nicht als Manko erlebt.

Die Bühne von Nikolay Panayotov lebt von kraftvollen, wechselnden Farben und geometrischen Figuren, so dem Halbkreis als Symbol eines zerbrochenen Ringes, von Zylindern, und auch Requisiten wie der Kahn Siegfrieds folgen diesem Einfall. Manchmal wirkt das auch komisch, so wenn die Nornen wie lebende Strickliesel aussehen, aus deren Kopf sich das unendliche Seil entwickelt. Rot steht natürlich für das Feuer, auch das die Götter und Walhall verzehrende, ein blauer Strahl und die Farbe des Rheins stehen für Natur und Hoffnung. Die Kostüme sind überaus üppig, für Gunther so bunt wie das eines Narren, die der Mannen machen diese zu riesigen Totenvögeln, Brünnhilde hat offensichtlich Teile der schimmernden Wehr zu Haarschmuck umgearbeitet. Respektvoll geht die Regie von Plamen Kartaloff mit den Solisten um, sicherlich in dem Bewusstsein, dass sie schier Übermenschliches zu leisten haben. Ein sehr schöner Einfall ist die Versöhnung zwischen Brünnhilde und Gutrune, die sich in einer langen Umarmung kundtut. Sämtliche weiblichen Mitwirkenden sind von außergewöhnlicher Schönheit, so dass die Rheintöchter in Trikots nichts Peinliches an sich haben, eher schon, dass sie unentwegt, und sie tauchen oft auf, auf Trampolins herumhopsen müssen.

Bulgarien ist bekannt als Lad der gesunden, kraftvollen Stimmen, und die kann man in dieser Produktion auch antreffen. Yordanka Derilovas einziges Manko ist, dass man sie  zu einem Ebenbild von Paris Hilton gemacht hat, und leider verharrt sie oft in Model-Posen, als befinde sie sich auf einem Laufsteg. Bewundernswert ist ihre Diktion, der Sopran verfügt über eine tragfähige mezza voce für „welches Unheils List“, ein strahlende Höhe für das „ ewig währende(s) Glück, ein schneidendes „Jammer, Jammer“, die „starke(n) Scheite“ werden agogikreich und ohne Nachlassen der vokalen Kraft bewältigt. Eine großartige Leistung! Siegfried ist mit Kostantin Adreev eher ein schwarzhaariger Latin Lover mit schlimmer Diktion, der zwar bewundernswert unermüdlich, aber doch zu dauerdröhnend ermüdend singt und sich oft in Ballerinoposen gefällt. Gunther ist in dieser Produktion ein Hobby-Astronom und mit Atanas Mladenov der elegantest geführte, angenehmst timbrierte Bariton, den man sich denken kann. Schrill ist die Gutrune von Tsvetana Bandaloska, wenn es laut werden soll, ansonsten kann ihr Sopran durchaus gefallen. Die Waltraute von Tsveta Sarambelieva zeichnet sich durch engagiertes Spiel und durch einen Mezzosopran von schönem Ebenmaß aus. Den deutschen Zuhörer stört es natürlich, wenn ein Hagen so textunsicher ist wie Petar Buchkov, der zudem, abgesehen von einzelnen kraftvollen Phrasen und einem mächtigen „Hoho“, dumpf verhangen klingt, dem bulgarischen Publikum wird es kaum aufgefallen sein. Markant ist Vater Alberich, d.h. Biser Georgiev, der sich oft und gern blicken lässt. Nornen und Rheintöchter beweisen, dass Bulgarien viele äußerst attraktive und stimmschöne junge Sängerinnen hat.  Mit Erich Wächter hat man sich einen erfahrenen Wagner-Dirigenten nach Sofia geholt, der der Garant für eine authentische Betreuung des Orchesters ist. Am Schluss geschieht etwas, was in Deutschland wohl zu einem Kampf zwischen Bravo- und Buhrufern geführt hätte: Ein riesiges Poster mit dem Konterfei Richard Wagners wird im Bühnenhintergrund emporgezogen (Dynamic 37900). Ingrid Wanja          

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Emsig weiter an seinem Ruf als Bayreuth des Ostens arbeitet die Sofia Opera, hat sie doch in den vergangenen Jahren nicht nur den Ring, sondern auch Tristan und Parsifal aufgeführt und belässt es beim deutschen Repertoire nicht bei Wagner, sondern kann sich auch der ersten bulgarischen Elektra rühmen. Vom Ring gab es nach dem neuen Siegfried bisher BLu-rays von Rheingold und Die Walküre, nun auch den Siegfried von 2012, und dieser enttäuscht ebenso wenig wie seine Vorgänger, bietet er doch nicht nur eine Riege vorzüglicher Sänger, sondern auch eine Optik, die den Betrachter weder verstört, noch langweilt, noch empört. Regisseur Plamen Kartaloff begnügt sich damit, ein wundersames Märchen zu erzählen, zu dem ihm Bühnenbildner Nikolay Panayotov ein in kraftvollen Farben schillerndes Bühnenbild, das zudem auf geometrische Formen setzt, entworfen  und ebensolche Kostüme, manchmal zu sehr in Buntheit schwelgend, geschaffen hat. Schiesser-Feinripp hat also, wie der Betrachter erleichtert feststellt, noch nicht den Weg nach Bulgarien gefunden. Ein wenig will natürlich auch diese Regie eine eigene Handschrift zeigen, aber das erschöpft sich zum Glück mit zwei Dienstbolzen für Mime, die dezent im Hintergrund wirken, dem Paar Siegmund und Sieglinde, das als graue Schatten das Treiben des Sprösslings beobachtet (ob von Walhall oder von Helheim aus, bleibt offen) und die Darstellung  von Geburt und Kindheit und Jugend des Wälsungen im Schnelldurchlauf. Viel Phantasie wurde für Fafner und seine Höhle mit wilden Klettergerüsten aufgewandt,  und niemand im Publikum wird übersehen haben, dass ein Lindenblatt die Ganzkörperunverwundbarkeit des Helden verhindert hat und damit das Regieteam bewies, dass es nicht nur den Ring, sondern auch das Nibelungenlied kennt.

Die Sofioter Oper scheint aus einer Fülle gesunder, potenter und nimmermüder Stimmen schöpfen zu können. Der Siegfried von Martin Iliev ist zudem optisch die ideale Besetzung, die Diktion allerdings straft den deutschen Vornamen Lügen, an ihr müsste noch gearbeitet werden, sollte er nationale Grenzen überschreiten wollen. Die Mittellage ist gut ausgebildet, Metall glänzt in allen Lagen, die Schmiedelieder klingen urgesund und kraftvoll, manchmal wünscht man sich mehr Singen und weniger Deklamieren. Ein schöner Sehnsuchtsruf ist „meine Mutter“, ein denkwürdiges Fortissimo „Erwache“, und der Künstler macht nicht „Pause“, wenn die Partnerin singt, sondern reagiert und agiert. Nicht nur mit einer gellenden Lache beweist Kasimir Dinev, dass er ein vorzüglicher Charaktertenor ist, seine Diktion ist tadellos, die Maske beeindruckend und die Verkörperung des Mime rundum gelungen. Etwas zu basslastig  klingt der Wanderer von Martin Tsonev, eher wie ein Hagen oder Hunding, insgesamt zu dröhnend, wenn er mit Erdkugel und wie ein Mikadostab wirkendem Speer agiert. Eine gute Diktion zeichnet den bis auf gelegentliche Vokalverfärbungen vorzüglichen Alberich von Biser Georgiev aus, dunkeldräuend eindrucksvoll. Wunderbar gähnen kann der Fafner von Petar Buchkov, kristallklar klingt der Waldvogel von Lyubov Metodieva, von schönem, dunklem Ebenmaß ist der Alt von Rumyana Petrova, die die Erda etwas matt verschlafen, aber damit situationsgerecht beginnt. Mit hell strahlendem „Heil dir, Sonne“, nie scharf werdend, allerdings ihre Wirkung allein aus der akustischen Leistung beziehend, ist Bayasgalan Dashnyam eine zumindest den Hörer erfreuende Brünnhilde. Pavel Baleff beweist am Dirigentenpult, dass auch das Orchester der bulgarischen Hauptstadt Wagner kann.

Auf die Götterdämmerung kann man gespannt sein, darauf, ob auch an ihr die geschundene mitteleuropäische Wagnerseele sich laben kann (Dynamic 57899). Ingrid Wanja

Da muss erst ein italienisches Label eine Aufführung aus dem tiefsten Südosten Europas aufnehmen, damit man endlich wieder einmal eine Walküre sehen und hören kann, ohne sich ärgern zu müssen. Wobei der Ärger fast immer durch die lächerliche Optik verursacht wird, die jedoch durchaus auch den Hörgenuss beeinträchtigen kann.

Diese Angst braucht man bei der Aufnahme aus dem Sofioter Opernhaus, das in den letzten Jahren zu einer Hochburg des Wagnergesangs und geradezu ein Bayreuth des Süd-Ostens geworden ist, nicht zu haben, denn der Inszenierung aus dem Jahre 2011, die aber noch immer im Repertoire ist, merkt man an, dass das Regieteam mit Respekt und Liebe ans Werk gegangen ist. Dabei muss die Optik nicht einmal gefallen, sondern sollte nur den Eindruck vermitteln, dass man sich seitens des Regieteams Mühe gegeben hat, dem Werk dienlich zu sein und dem Publikum zu einem beglückenden Opernerlebnis verhelfen zu wollen. Bayreuth des Südens bedeutet nicht, dass man auf ein kundiges Publikum und sein Wissen um das Werk bauen kann, und so ist es eine gute Idee, im Hintergrund während der langen Erzählungen von Wotan oder Siegmund  sich das abspielen zu lassen, wovon sie berichten. Regisseur Plamen Kartaloff scheut ansonsten nicht davor zurück, auch lange Strecken des Nichtsgeschehens zu wagen, vertraut auf die Ausstrahlung seiner Solisten und die Wirkung von Gesang und Orchesterklang, intensives, durchaus auch manchmal stummes Spiel. Der stärkste Eindruck geht sowieso von dem aus, was Bühnen- und Kostümbildner Nikolay Panayotov gezaubert hat. Er setzt auf geometrische Formen und wechselnde Farben, Kreise, die zu Halbkreisen zerbrechen, Halbkreise, die sich erheben, so zum Beispiel, mit lodernden Farben gefüllt, den Schutz Brünnhildes bilden. Ein tiefes Blau trägt wesentlich zum Zaubern einer feierlichen Stimmung bei, Pastellfarben tun dies schon weniger, wirken manchmal etwas kitschig, besonders das pinkfarbene Lager für die Walküre. Geometrie heisst auch Technik, und so kommen die Walküren auf Raketen geritten, die sie am Zügel halten, und es stört den Gesamteindruck nicht, dass man sieht, wie fleißige Techniker die Ungetüme bewegen. Abenteuerlich sind viele Kostüme, so Hundings, der sich gewaltiger Geweihe bedient, um seinen Gegner zu bedrängen, Wotans, das ihn mit Schläuchen mit Lebenskraft zu versorgen scheint, die der Walküren, die eher Robotern gleichen als menschenähnlichen Wesen. Gewiefte Cineasten können diesen Stil vielleicht einem Film zuordnen, dass Sieglinde sehr menschlich wirkt, liegt sicherlich auch daran, dass sie im zweiten Akt ein schlichtes Gewand aus Stoff und keinerlei Metall oder Kunststoff (vieles sieht verdächtig nach Plaste aus) trägt.

Bulgarien ist bekannt für große, gesunde Stimmen, was dieser Aufführung zweifellos zugute kommt. Selten hört man so frische, strahlende Walküren wie die dieser Aufführung, und die Namen zeigen, dass alle und auch die Solisten aus dem Land stammen. Mit einem tollen Hojotoho beginnt die Brünnhilde von Irina Zhekova, mit lustvollen Intervallsprüngen, schöner, ernster Todesverkündigung und einem wunderbaren: War es so schmählich, was ich verbrach. Geradezu endlos wird „vertraut“ gehalten, die Stimme scheint nie zu ermüden und auch darstellerisch kann die Sängerin berühren. Mit guter Diktion und einem helleren Sopran überzeugt die Sieglinde von Tsvetana Bandalovska, in Rage geratend manchmal schrill, aber mit einem intensiven Ausbruch im Hehrsten Wunder, das tief berührt. Nicht nur endlos erscheinende Wälse-Rufe, sondern auch ein baritonales Timbre, Ausflüge in die mezza voce und viel Metall hat Martin Iliev für den Siegmund, in der Optik erinnert er an die attraktiveren Wagnertenöre der Fünfziger. Sein Timbre spreizt zu beängstigender Lautstärke Angel Hristov als Hunding. Nur in höchster Erregung schrill wird die Fricka von Rumyana Petrova, die mit einer tadellosen Diktion erfreut- da braucht man keine Untertitel. Problematisch scheint auf den ersten Blick der Wotan von Nikolay Petrov zu sein, optisch ein alter Mann, aber vokal unverwüstlich bis auf einige Schwachstellen beim Lebewohl an Brünnhilde. Ansonsten aber sind seine Diktion, seine bassbaritonale Kraft, sein Wissen um die Partie, das offensichtlich ist, nur zu bewundern. Man merkt, dass er weiß, worum es in dieser Oper geht.

Das Orchester unter Pavel Baleff spielt angenehm schlank, und man wünscht sich manchmal, dass sich die Sänger, die ab und zu stark deklamieren, sich noch mehr vom Legato, das hier zu hören und durchaus wagnerkonform ist, aneignen würden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Bereits erschienen ist das Rheingold, Siegfried und Götterdämmerung folgen (Dynamic 37898/ Weitere Information zu den CDs/DVDs  im Fachhandel, bei allen relevanten Versendern und bei www.naxosdirekt.de.). Ingrid Wanja

Zerschossene Träume

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Wer erinnert sich, während Horrornachrichten aus der Ukraine und mal steigende, mal fallende Zahlen über die Ausbreitung von Omikron über den Bildschirm flackern, noch an die vor weniger als zwei Jahren die Nachrichten beherrschenden Bilder aus Minsk von manipulierten Wahlen, dem Zorn der Bürger und ihre Versuche, aus Weißrussland einen demokratischen Staat zu machen? Der junge weißrussische Dirigent Vitali Alekseenok hat unter dem Titel Die weißen Tage von MinskUnser Traum von einem freien Belarus ein Buch darüber geschrieben, denn obwohl vor allem in Deutschland tätig, hielt es ihn in den Tagen, in denen seine Landsleute auf die Straße gingen und Leben und Freiheit riskierten, nicht in seinem Gastland, und er versuchte vor allem mit seinen Möglichkeiten, der Musik, in das Geschehen einzugreifen. Im Prolog zu seinem 190-Seiten-Buch schildert er zunächst die Proteste, die in Berlin vor der Belorussischen Botschaft in Treptow und am Mauerpark stattfanden  und  setzt sich mit anderen Intellektuellen und Künstlern erfolgreich dafür ein, dass die Opposition in seinem Heimatland den Sacharow-Preis erhält.

Der Leser wird in die Mentalität der Menschen in Weißrussland eingeführt und erfährt zu seinem Erstaunen, dass die Landbevölkerung bis 1974 keine Pässe erhielt, weil man sie in den Kolchosen halten wollte, nimmt davon Kenntnis, dass Akkordeon und Posaune die ersten Musikinstrumente im Leben des Verfassers waren und dass er seine Ausbildung am Minsker Konservatorium erhielt. Ist der Leser so weit gekommen, hat er auch schon mit dem größten Ärgernis des Buches Bekanntschaft schließen müssen, der gendergerechten Sprache, die zu Ungetümen wie folgenden führt: „Da die_der  Dirigent_in die_der einzige offensichtliche Teilnehmer_in an der Veranstaltung war, waren meine Kolleg_innen und ich die einzigen, die große Anerkennung für den Chor bekamen.“  Das zieht sich natürlich durch das ganze Buch hin und kostet den Autor nicht wenige Sympathien und einige Aufmerksamkeit, ist sogar dem Rechtschreibprogramm, wie man anhand der roten Striche sieht, ein Ärgernis.

Trotzdem liest man mit Interesse über Wahlfälschungen bereits im Jahre 2004 und Proteste dagegen, über „Zwangsanstellungen“ für in Weißrussland Ausgebildete, der man nur durch eine Weiterbildung in Russland entgehen konnte und über den „belarussischen Minderheitskomplex“, die Angst vor Identitätsverlust und dem der Muttersprache, die durch das Russische verdrängt wurde.

Neuer Unmut macht sich breit, als Corona von Staats wegen geleugnet wird, die bevorstehenden Wahlen nichts Gutes ahnen lassen, da Gegenkandidaten gegen Lukaschenko zwar zugelassen, aber behindert werden, so massiv, dass mehrfach Frauen die Stelle der verfolgten Ehemänner einnehmen; man erinnert sich an die vielen jungen Weißrussinnen, die Demonstrationszüge anführten.

Kurz vor den Wahlen hält es den jungen Dirigenten nicht mehr in Deutschland, er erlebt ein Weißrussland, in dem Hupen, Klatschen und weiße Armbänder zu Protestzeichen gegen Unterdrückung und beargwöhnter Wahlfälschung geworden sind, das Protestlied „Veränderungen“ zur Hymne des Widerstands wird. Es folgen viele bedrückende und empörende Berichte von Verhaftungen, Folterungen und sogar Morden durch die Staatsgewalt, die natürlich nicht nachprüfbar, aber sehr wahrscheinlich sind, so wie sich dem Autor auch bei einem Besuch des KZs Erhellendes über die Banalität des Bösen ergibt.

Einige wenige Fotos dokumentieren den persönlichen Einsatz von Alekseenok für die Freiheitsbewegung in seinem Heimatland, der Protestplakate anfertigte, vor allem aber als Musiker, als Chor- und Orchesterleiter unter anderem mit „Va pensiero“ seine Solidarität bezeugte und mit dafür sorgte, dass ganz spontan und dezentralisiert immer und überall Konzerte oder Lesungen stattfanden, die bewiesen, dass die Freiheitsbewegung sich noch nicht geschlagen gegeben hatte. Am 16.8. findet noch einmal ein gewaltiger Protestmarsch gegen die Wahlmanipulationen und die Übergriffe des Staates auf friedliche Bürger statt- mittlerweile hört man nichts mehr aus Weißrussland, was Anlass zur Hoffnung gibt. Allerdings dürfte die auffallende Zurückhaltung des Machthabers im Krieg gegen die Ukraine auch auf dessen Einsicht darin zu sehen sein, dass er nicht auf die Unterstützung seines Volkes bauen kann. Bemerkenswert ist die große Bedeutung der Kunst, insbesondere der Musik bei dem Versuch, auf friedlichem Wege Entschlossenheit und Opferbereitschaft zu zeigen, wenn es um Freiheit und Selbstbestimmung geht. Aus diesem Grund und weil der Verfasser ein Musiker mit einer bereits beachtlichen Karriere ist, dürfte auch der Musikfreund an ihm interessiert sein.

Vitali Alekseenok ist Preisträger des MDR Dirigentenwettbewerbs, arbeitete in Weimar, Karlsbad, Jena, Lemberg, ist Gründer und Leiter des ensemble paradigme und Chef des Abaco-Orchesters der Universität München. Am Schluss des Buches befindet sich eine ausführliche chronologisch Übersicht über die Ereignisse der Weißen Tage von Minsk. Das Vorwort zum Buch stammt von Valzhyna Mort, Dichterin und Professorin an der Cornell University (190 Seiten, Fischer Verlag 2021; ISBN 978 3 10 397098 2/ Foto oben Vitali Akekseenok website ). Ingrid Wanja

Sibelius kompakt

Der Unterschied zwischen einer Studioeinspielung und dem Live-Erlebnis ist seit jeher eine der Gretchenfragen innerhalb der klassischen Musik. Gab es zu Beginn der Schallplattenaufzeichnung schon aufgrund der technischen Unwägbarkeiten praktisch nur Studioaufnahmen, so haben die Konzertmitschnitte in den letzten Jahrzehnten doch rasant aufgeholt und können aufgrund der von den Plattenlabels an den Tag gelegten Professionalität mitunter als „Quasi-Studio“ gelten, wird heutzutage doch nicht selten an zwei oder drei Tagen mitgeschnitten und das Bestmögliche aus dem Tonmaterial herausgeholt, bestenfalls gleichsam die Vorteile beider Welten vereint.

Erst Ende März erschien die hier bereits besprochene Gesamteinspielung aller sieben Sinfonien des finnischen Komponisten Jean Sibelius unter dessen gerade 26-jährigen Landsmann Klaus Mäkelä mit dem Oslo Philharmonic Orchestra bei Decca. Dass sich der ORF nun offenbar nicht für Rundfunkübertragungen des Live-Zyklus aus dem Wiener Konzerthaus (21., 22. und 23. Mai 2022) entschieden hat, dürfte auch diesem Hintergrund geschuldet sein. Aufgrund des Ergebnisses – und soviel darf hier bereits vorweggenommen werden – ist dies aus künstlerischer Sicht allerdings ein Versäumnis. Es darf insofern leise darauf gehofft werden, dass bei der anstehenden Wiederholung des Zyklus in der Hamburger Elbphilharmonie Toningenieure anwesend sein werden. Konnte die Studioeinspielung als „wirklich beachtlich“ gelten, so beseitigt das Live-Hörerlebnis letzte Zweifel, dass das Phänomen Mäkelä weit mehr ist als geschicktes Marketing.

Klaus Mäkelä, der finnische Nachwuchsstar unter den Dirigenten, eroberte Wien im Sturm. Foto im Ausschnitt: © Lukas Beck

Klaus Mäkeläs Debüt in Wien hätte eigentlich schon vorigen Dezember mit den Wiener Symphonikern erfolgen sollen, musste aber pandemiebedingt abgesagt werden. Insofern debütierte der Finne hier erst ein halbes Jahr später, dafür umso großangelegter, reiste er doch mit „seinem“ Osloer Klangkörper für besagte drei Konzertabende in die einstige Kaiserstadt. Dass die renommierten Orchester der Welt mittlerweile wieder in aller Herren Länder gastieren, gibt beredtes Zeugnis davon ab, dass auch im Klassikbetrieb (glücklicherweise) allmählich wieder Normalität einkehrt. Wie so häufig, war es auch diesmal das Wiener Konzerthaus, welches die Zeichen der Zeit erkannt und sofort zugegriffen hat. Sibelius hat in Wien nach wie vor einen eher schweren Stand, trotz der bereits zwischen 1963 und 1968 im Studio eingespielten Gesamtaufnahme der Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel (Decca). Dies wird schon dadurch ersichtlich, dass eine seiner Sinfonien, nämlich die Dritte, tatsächlich erst im Jahre 2002 ihre Wiener Erstaufführung erfuhr. Und selbst die Zweite, die populärste unter den sieben, erklang erst 1970 im Wiener Konzerthaus (wenngleich Felix Weingartner sie schon 1910 mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein zur Aufführung brachte). Den ersten Versuch eines kompletten Live-Zyklus in Wien unternahm niemand Geringerer als Leonard Bernstein mit den Philharmonikern. 1986 begonnen, setzte sein Tod vier Jahre später dem Unterfangen leider ein vorzeitiges Ende (es fehlen die Sinfonien Nr. 3, 4 und 6). Der unsägliche Verriss Theodor W. Adornos, der Sibelius eine NS-artige „Blut und Boden“-Ideologie unterstellte, wirkte offenbar lange nach. Schon deswegen ist dieses verspätete Konzertereignis ausdrücklich zu begrüßen und dem Konzerthaus insofern ein herzliches „Vergelt’s Gott“ auszusprechen, denn idiomatischer als in der nordischen Kombination Mäkelä/Oslo kann man den finnischen Sinfoniker heutzutage nirgendwo erleben.

Den Anfang machte – wie könnte es anders sein – der sinfonische Erstling, 1899 vollendet und übrigens bereits 1921 im Konzerthaus unter Tor Mann in Wien erstaufgeführt. Die Vorbildwirkung Tschaikowskis, insbesondere seiner letzten Sinfonie, der Pathétique von 1893, wurde auch von Sibelius keineswegs geleugnet. Dies führt einmal mehr die politische Situation um 1900 vor Augen, als Finnland als Großfürstentum Teil des Zarenreiches war und Sankt Petersburg als musikalisches Zentrum stark ausstrahlte. Das finnische Streben nach Unabhängigkeit kann zudem als Motor für so manches Musikwerk dieser Zeit angesehen werden. War die erste Sinfonie bereits ein Höhepunkt in der Studioaufnahme, so überbot Mäkelä dies im Live-Konzert sogar noch. Die Tempi marginal straffer angelegt als im Studio, wurde bereits hier die Überlegenheit der Osloer Philharmoniker in diesem Repertoire offensichtlich, kongenial ihren Ausnahmerang in der nordischen Sinfonik demonstrierend. Überhaupt ist das Zusammenspiel zwischen Dirigent und Orchester sichtbar von größtem gegenseitigen Vertrauen und Respekt geprägt. Die klangliche Balance wurde meisterhaft gewahrt, jede Orchestergruppe gebührend repräsentiert. Ein besonderes Augenmerk hat Mäkelä in der Tat auf die Streicher gelegt – von einem Teil der Kritiker der Studioproduktion einseitig mokiert –, die man selten derart üppig, beinahe „karajanesk“ vernahm, freilich ohne die Holzbläser zu vernachlässigen. Das Blech und das Schlagwerk verschaffen sich schon naturgemäß Gehör. Man muss lange zurückgehen, um eine ähnlich überzeugende Darbietung der Sinfonie Nr. 1 in e-Moll zu finden; tatsächlich kann Mäkelä gar an Bernsteins Referenzaufnahme von 1990 (DG) anschließen.

Der Komponist Jean Sibelius hat in Wien nach wie vor einen schweren Stand./Wikipedia

Die zweite Hälfte des ersten Konzerttages war sodann den Sinfonien Nr. 6 und Nr. 7 gewidmet, was eine spannende Gegenüberstellung zwischen dem frühen und dem reifen Sinfoniker Sibelius ermöglichte. Besonders die Sechste von 1923, keiner eigentlichen Tonart zugeordnet, sondern im dorischen Modus stehend, ist die „Cinderella“ und erklang auch im Wiener Konzerthaus bis dato nur zweimal überhaupt. Als die am wenigsten pathetische, insofern auf den ersten Blick unscheinbarste der sieben Sinfonien leitet sie den Altersstil des Komponisten ein, den dieser mit der in enger Verbindung stehenden Siebenten (1924) zur Vollendung brachte. Hier auf einzelne Sätze komplett verzichtend, kehrte auch das Pathos wieder, wenngleich in abgeklärter und gänzlich anderer Weise als ein Vierteljahrhundert zuvor. Erschienen sowohl die Sechste als auch die Siebte innerhalb des Mäkelä’schen Studiozyklus vergleichsweise nüchtern, so lieferte der Dirigent live gerade bei ersterer ein flammendes Plädoyer der Extraklasse ab und konnte wohl so manchen Sibelianer, der die Sinfonie Nr. 6 bislang unter ferner abhakte, zur neuerlichen Überprüfung der eigenen Vorurteile anregen. Mit ihrer Nachfolgerin, quasi der Summe des sinfonischen Schaffens des Komponisten, wurde das Konzert regelrecht bekrönt. Als Zugabe verkündete der Dirigent sodann dem merklich in ekstatischer Verzückung stehenden Publikum noch in tadellosem Deutsch den beliebten Valse triste. Bescheiden hielt er unter stehenden Ovationen der geneigten Zuhörerschaft zuletzt die Sibelius-Partitur in die Höhe.

Konzertabend zwei begann mit der vierten Sinfonie von 1911, dem ob seiner düsteren Kargheit vielleicht am schwierigsten zugänglichen Werk des Finnen. Tatsächlich zeigt sich Sibelius hier als der Moderne durchaus nicht grundsätzlich verschlossener Tondichter und sprach selbst von seinem „am stärksten vergeistigten Werk“. Nie sollten sich Sibelius und Mahler, fast gleichaltrig aber grundverschieden, kompositorisch näherkommen (sie trafen sich tatsächlich einige Jahre zuvor). Die Sinfonie Nr. 4 war mit einigem Recht das absolute Highlight der Decca-Einspielung, weswegen die Messlatte besonders hoch angelegt war. Kurzum, die Osloer enttäuschten mitnichten, im Gegenteil. Zwar gab es – wohl werkbedingt – nicht die ganz große Emphase nach Verklingen des letzten Taktes, doch kann Mäkeläs Lesart in der Tat als mustergültig und moderne Referenz angesehen werden, brachte er doch das Kunststück zustande, auch bei der Vierten keinen Durchhänger aufkommen zu lassen.

Größer hätte der Kontrast freilich kaum sein können, schloss sich im zweiten Teil des Konzerts doch die beliebte Sinfonie Nr. 2, in D-Dur stehend, an (1902). Mit ihr konnte Sibelius seinen größten Erfolg überhaupt feiern und schuf seiner Nation gleichsam die ihr gebührende Nationalsinfonie. Inwieweit das Werk als antirussisch zu deuten ist, erlangt gerade dieser Tage wieder ungeahnte Brisanz. Insofern konnte man die Interpretation Mäkeläs auch als politisches Statement begreifen. Geradezu überirdisch der Klangteppich, den das Osloer Philharmonische Orchester hier entfaltete. Die Seriosität Mäkeläs musste angesichts seiner in jedem Moment hundertprozentigen Orchesterbeherrschung als über jeden Zweifel erhaben gelten. Der hymnische Ausklang wurde selbstredend zum Höhepunkt, und die strahlenden und formidabel aufspielenden Blechbläser schienen das zunächst finstere Dräuen der Pauken allmählich in einen finnischen Triumph umzudeuten. Diese patriotische Note unterstreichend, setzte eine ungemein zupackende Darbietung von Finlandia, mit den Worten Mäkeläs zutreffend als das Einzige, was man nach der zweiten Sinfonie noch spielen kann“ bezeichnet, dem fulminanten Konzerterlebnis noch das Tüpfelchen auf das „i“. Die Orchestermusiker, ebenfalls sichtlich gerührt von der begnadeten Führung ihres Chefdirigenten, feierten Mäkelä stürmisch und standen wohl kurz davor, ihn mit einem sehr rar gesäten Tusch zu ehren.

Am letzten Abend des Sibelius-Marathons erklang vor der Pause zunächst die dritte Sinfonie in C-Dur, deren sonnige Heiterkeit im sinfonischen Septett des mitunter schwermütigen Finnen einzigartig dasteht. 1907 entstanden und somit kurz vor der lebensbedrohlichen Krise des Komponisten stehend – eine am Ende glücklich überwundene Krebserkrankung –, wurde sie gerade auch wegen ihrer vermeintlichen Schlichtheit eher zurückhaltend aufgenommen und teils gar als Rückschritt gegenüber der monumentalen Zweiten angesehen. Dabei enthält die Dritte den ohrwurmartigsten langsamen Satz von allen, den Mäkelä auch gebührend auszukosten wusste. Seine Interpretation betonte dann auch die Nachfolge der zweiten Sinfonie und kostete den durchaus enthaltenen heroischen Gestus besonders im Finalsatz aus, in dessen Coda die Überlagerung der verschiedenen Themen mit berückender Durchhörbarkeit gelang, wobei der Orchesterleiter es abermals verstand, die an dieser Stelle nicht selten überdeckten Streichergruppen mit besonderem Augenmerk zu bedenken.

An drei Abenden hintereinander führte Klaus Mäkelä im Wiener Konzerthaus mit dem Oslo Philharmonic Orchestra alle sieben Sinfonien von Jean Sibelius auf. Foto: © Lukas Beck

Mit der auch landläufig durchaus bekannten Fünften endete das offizielle Konzertprogramm. Tatsächlich hat Sibelius seine fünfte Sinfonie in Es-Dur sogar zweimal revidiert, wobei sich die ausgefeilte, von einiger Schroffheit befreite Letztfassung von 1919 im Standardrepertoire etablierte und auch diesmal erklang. Wenn noch eine Steigerung möglich war, dann hier. Im durchaus mächtigen Kopfsatz spielten die Osloer hörbar auf der Stuhlkante und legten eine derart brillante Coda hin, dass man im Saale kurz davor war, bereits an dieser Stelle spontane Ovationen zu vernehmen. Der darauffolgende langsame Satz wurde zur Überleitung zum Finale mit dem berühmten Schwanenmotiv. Die Streicher hatten dort einen ihren glänzendsten Momente. Und der oftmals viel zu verhaltene Paukenauftakt direkt vor der hymnenartigen Melodie gelang spektakulär. Zurecht wurde gerade der Paukist, der auch die schwierigen Schlusstakte weltmeisterlich hinlegte, danach auch mit besonders euphorischem Applaus bedacht. Spätestens als während des Beifalls der in der Sinfonie nicht gebrauchte Tubist hinzutrat, wusste man, dass es (natürlich) auch diesmal eine bereits erhoffte Zugabe geben würde. Mit Lemminkäinens Heimkehr trafen Mäkelä und die Osloer Philharmoniker auch am dritten Abend eine sehr geschickte Wahl, konnte mit diesem „Gassenhauer“ doch in der Tat noch eine weitere Klimax beigesteuert werden. Der Große Konzerthaussaal bedankte sich mit tosenden, nicht enden wollenden Bravorufen und neuerlichen Standing Ovations.

Zum Dirigat Klaus Mäkeläs sei ganz allgemein hinzugefügt, dass für ihn die Interaktion mit dem Orchester, das er zurecht als erlesene Ansammlung begnadeter Individuen begreift, zuvörderst steht. Dies geschieht nicht nur durch filigrane, bisweilen energische, niemals aber hohle Gestik, sondern auch durch eindrückliche Mimik. Niemand im Orchester muss befürchten, dass ihm der Dirigent zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. In den lyrischen Momenten legt er den Taktstock auch einmal bewusst beiseite und erzielt so eine beeindruckende Zartheit. Wie er hie und da gerade auch die linke Hand einsetzt, erinnert tatsächlich an Herbert von Karajan. Um der Präzision willen kommt der Baton freilich andernorts umso nachdrücklicher zum Einsatz. An einigen wenigen Stellen lenkt der Dirigent die Musiker allein mittels Augenkontakt und verschmilzt somit gleichsam idealtypisch mit seinem Klangkörper. Der Respekt vor der Partitur wird schon dadurch deutlich, dass Mäkelä nicht auf sie verzichtet, auch wenn man davon ausgehen kann, dass er die Sibelius-Notenschriften verinnerlicht hat.

Summa summarum darf festgehalten werden, dass das Osloer Philharmonische Orchester und sein junger Chefdirigent Klaus Mäkelä im Wiener Konzerthaus einen sensationellen Erfolg erzielten und Wien gleichsam im Sturm nahmen. Selbst gestandene Sibelianer, die alle möglichen Interpretationen der „großen Alten“ kennen, werden schwerlich umhin kommen, in Mäkelä und seinem kongenialen Klangkörper die heutige Referenz in Sachen Sibelius zu erblicken, die hinsichtlich Ausführung und Idiomatik nunmehr als Maß aller Dinge gelten darf. Die Wiener haben heuer übrigens noch zweifach Gelegenheit, Mäkelä im Konzerthaus zu erleben: Im November – wiederum mit „seinen“ Osloern – mit Tschaikowskis Pathétique und Schostakowitschs erstem Cellokonzert (Solistin: Sol Gabetta) sowie zum Jahreswechsel 2022/23 mit der traditionellen Neunten von Beethoven bei seinem verspäteten Debüt bei den Wiener Symphonikern. Und die in der Gesamtaufnahme enthaltene Tondichtung Tapiola, die im Konzerthaus fehlte, wird Mäkelä mit den Osloern bei seinem Einstand bei den diesjährigen BBC Proms im August darbieten. Daniel Hauser

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Klaus Mäkelä, der finnische Nachwuchsstar unter den Dirigenten, lädt geradezu ein zu Superlativen. Mit erst sechsundzwanzig Jahren steht er bereits zweien der weltweit renommiertesten Klangkörper, nämlich dem Osloer Philharmonischen Orchester und dem Orchestre de Paris, als künstlerischer Leiter vor. Eine hohe Erwartungshaltung kann Fluch und Segen zugleich sein. Der 2021 abgeschlossene exklusive Kontrakt mit dem legendären Label Decca hat dies gewiss nicht unwesentlich befeuert, bedenkt man, dass Mäkelä nach Georg Solti 1947 und Riccardo Chailly 1978 tatsächlich erst der dritte Dirigent ist, dem diese Ehre zuteil wird. Ob ein Exklusivvertrag heutzutage nicht schon ein wenig aus der Zeit gefallen ist, darüber ließe sich trefflich debattieren. Es kommt darauf an, was die Plattengesellschaft und der Künstler daraus machen. Es ist nicht so, dass Mäkelä keine Vorläufer gehabt hätte, auf die sich viele Hoffnung konzentrierten. Man nehme beispielsweise seinen Landsmann Mikko Franck, der um die Jahrtausendwende herum mit von der Fachwelt gleichsam einhellig gepriesenen Einspielungen für Furore sorgte und als der kommende ganz große Star aus dem hohen Norden galt. Ein Quasi-Exklusivkontrakt mit dem in Helsinki ansässigen Label Ondine lief nach ein paar Jahren indes sang- und klanglos aus. Mittlerweile amtiert Franck, längst aus dem Rampenlicht in die vielleicht selbst gewählte sogenannte zweite Reihe verschwunden, als Leiter des Orchestre Philharmonique de Radio France – Ironie des Schicksals – neben Mäkelä, aber ohne all den Starrummel, ebenfalls in Paris.

Äußerlichkeiten sollten neben der künstlerischen Leistung keine Rolle spielen, doch ist es ein offenes Geheimnis, dass sie es zumindest unbewusst häufig doch tun. Das adrette Auftreten Mäkeläs, häufig in feinen Zwirn gewandet und hinsichtlich seiner sartorialen Präferenzen erstaunlich konservativ (wann sah man zuletzt einen Dirigenten Mitte zwanzig im – noch dazu gut sitzenden – Zweireiher?), ist gewiss sein Nachteil nicht. Anders als zu Beginn seiner Karriere sah man ihn zuletzt meist ohne Brille, als wollte er die Sehhilfe negieren. Ob dies auch von Decca angeregt wurde, sei dahingestellt. Zumindest ist die photographische Inszenierung Mäkeläs ungemein professionell und erinnert in gewisse Weise gar an jene Herbert von Karajans durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft. Jugendlich, hellhäutig, blond und blauäugig – diese Attribute werden in der Präsentation der Decca stark betont, die nun die erste heiß erwartete Veröffentlichung mit ihrem neuen Exklusivkünstler und Hoffnungsträger vorlegt. Dass die Wahl auf den finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius fiel, ist derart folgerichtig, dass man den nun vorgelegten Zyklus der sieben Sinfonien als zwangsläufig bezeichnen kann (Decca 28948522569). Einerseits geht Decca damit auf Nummer sicher, passt die nordische Dreifachkombination ja hinsichtlich ihrer Idiomatik wie angegossen. Andererseits aber entfällt auch jedwede Schonfrist, liefert Mäkelä sozusagen vom ersten Moment an der übermächtigen Konkurrenz aus. Es ist womöglich sogar beispiellos, dass die erste diskographische Hinterlassenschaft eines jungen Dirigenten bereits dergestalt ambitioniert daherkommt. Blickt man abermals zurück, so war Soltis erste Decca-Einspielung als Dirigent die Tanz-Suite von Béla Bartók, bei Chailly handelte es sich um eine Platte mit sieben Rossini-Ouvertüren. Kleine Brötchen im Vergleich.

Es sei praktisch unmöglich, dass ein finnischer Musiker ohne den Einfluss von Sibelius aufwachse, so Klaus Mäkelä im kurzen Einleitungstext von Andrew Mellor. Zurecht wird darin auf die starke Sibelius-Tradition in Oslo (bis 1924 noch Christiania genannt) verwiesen. Mäkelä ist bereits der vierte aus Finnland stammende Osloer Chefdirigent, nach dem legendären Georg Schnéevoigt (1919-1921), Okko Kamu (1975-1979) und zuletzt Jukka-Pekka Saraste (2006-2013). Seit den fernen Tagen der unvergessenen Kirsten Flagstad haben die Osloer Philharmoniker jedenfalls nicht mehr mit der Decca zusammengearbeitet. Auch dies sei nun quasi Mäkeläs Verdienst. Dieser gibt sich ganz bescheiden und überaus kollegial, indem er auf die wichtigen Erfahrungen und lehrreichen Anstöße verweist, die er – noch als Cellist – unter den großen Repräsentanten der finnischen Sibelius-Tradition aufgesogen habe. Ganz ohne Frage ist die Messlatte allein unter den finnischen Dirigenten gewaltig hoch, legten neben den bereits genannten Kamu und Saraste doch auch Paavo Berglund, Osmo Vänskä und Leif Segerstam (jeweils sogar mehrfach) Zyklen der Sibelius-Sinfonien vor, die bis zum heutigen Tage als unverzichtbare Bausteine innerhalb der Diskographie gelten. Derzeit ist beim Label Alpha außerdem ein neuer Zyklus der Göteborger Sinfoniker unter Santtu-Matias Rouvali im Entstehen begriffen. Es müssen hier noch einzelne legendäre Aufnahmen finnischer Dirigenten, die außerhalb von Studiozyklen entstanden sind, extra hervorgehoben werden, denkt man etwa an die Ersteinspielungen unter Robert Kajanus oder einen im September 1939, kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges also, in New York entstandenen, unglaublich expressiven Live-Mitschnitt der zweiten Sinfonie mit dem NBC Symphony Orchestra unter Schnéevoigt. Kurzum: Es mangelt mitnichten an Vergleichsmöglichkeiten.

Aber in medias res. Sibelius‘ sinfonischer Erstling von 1899 steht in e-Moll und zugleich in der Tschaikowski-Nachfolge. Dies sollte nicht weiter verwundern. Zum einen entstand die Symphonie Pathétique gerade sechs Jahre davor, zum anderen – und das darf nicht außer Acht gelassen werden – waren sowohl Tschaikowski als auch Sibelius seinerzeit Untertanen des Zaren, weswegen man Sibelius in Sankt Petersburg als „russländischen“ Komponisten durchaus für sich reklamieren konnte. Mäkelä schlägt bereits im Kopfsatz eine individuelle, mitunter expressive Lesart an, die indes vollauf überzeugt, wenn man sich darauf einlässt. Die genuine Qualität des Osloer Orchesters in diesem Repertoire überrascht nicht. Die erste Sinfonie gehörte auch schon zu denjenigen (neben Nr. 2, 3 und 5), die Mariss Jansons Anfang der 1990er Jahre für EMI einspielte. Rein von den Spielzeiten (40 Minuten insgesamt) bewegt sich Mäkelä völlig innerhalb der Norm. Zum ersten Höhepunkt gerät (fast schon naturgemäß) der 13-minütige Finalsatz, den der Komponist mit Quasi una fantasia bezeichnete und der auch eigenständig bestehen könnte. Mittels geschickter Agogik erzielt Mäkelä eine ähnliche Intensität wie weiland Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern – und das will wirklich etwas heißen. Auch klanglich weiß der Auftakt zu überzeugen und kann Decca, das in Sachen Tontechnik seit den frühen Tagen der Stereophonie stets einen Führungsanspruch stellte, den geweckten Erwartungen durchaus gerecht werden. So erscheint das 1977 eröffnete Konserthus in Oslo, in dem sämtliche hier versammelten Einspielungen entstanden sind und das akustisch als durchaus problematisch gilt – Jansons warf deswegen im Jahre 2000 gar als Chefdirigent hin –, gleichwohl als adäquates Aufnahmestudio.

Als finnischer Nationalvogel gilt wegen seiner Rolle in der finnischen Mythologie der Singschwan. Er darf nicht gejagt werden. Zählte man in den 1950er Jahren nur mehr 15 Brutpaare, so sind es heute wieder rund 1500. Sibelius setzte dem Vogel mit dem berühmten Schwanenruf am Ende seiner fünften Sinfonie ein musikalisches Denkmal. Foto/Wikipedia

Keine Sibelius-Symphonie ist populärer als die 1902 vollendete Zweite, keine wurde – mit Abstand – häufiger eingespielt. Entsprechend groß ist natürlich die Konkurrenz. Ein Mangel an bedeutenden Interpretationen besteht jedenfalls mitnichten, selbst wenn man allein das Stereo-Zeitalter gelten lässt. Vor allem können bei der Sinfonie Nr. 2 auch Dirigentennamen außerhalb der nordischen Hemisphäre nicht außer Acht gelassen werden, seien es Sir John Barbirolli und George Szell, Herbert von Karajan und Leonard Bernstein – um nur einige wenige zu nennen –, die alle auf ihre Art ungemein imponierende Lesarten hinterließen. Klaus Mäkeläs Deutung bewegt sich mit 46 Minuten tempomäßig auf der langsameren Seite, ohne einen Moment langatmig daherzukommen. Wundersam, dass sie zusammen mit der Ersten auf die erste Disc der Box passt, sage und schreibe 86 Minuten Musik beinhaltend. Ein untrügliches nordisches Idiom kommt in dieser neuesten Decca-Einspielung zum Tragen. Mätzchen sind Mäkeläs Sache nicht; alles ist in sich schlüssig und stringent. Tatsächlich schafft es der Finne nichtsdestotrotz, hie und da eine dezente persönliche Note einfließen zu lassen. Den Kopfsatz bringt er gewichtiger als andere und degradiert ihn nicht zur bloßen Quasi-Introduktion für den mächtigen langsamen zweiten Satz, der wie für ein musikalisches Abbild der rauen und unwirtlichen Landschaft hoch im Norden stehen könnte. Überhaupt ist Mäkeläs Sibelius urwüchsig und in der Natur verhaftet, teils introvertiert, jedenfalls fernab urbanen Trubels. Im Vivacissimo, dem rasanten Scherzo, kommt noch am ehesten der Eindruck der italienischen Reise durch, die der Tondichter während der Komposition absolvierte, um dann freilich abermals attacca und somit nahtlos in den Finalsatz übergehend in die heimischen nördlichen Gefilde einzumünden. Der bekrönende Abschluss will hart erkämpft sein. Mühelos lässt sich hier das Ringen der finnischen Nation um ihre Freiheit hineininterpretieren, gesteigert bis hin zur musikalischen Unabhängigkeitserklärung Finnlands an den Zaren. So verführerisch ein solches vermeintlich inkludiertes Programm auch anmutet, letztlich handelt es sich um absolute Musik. Bloßes Pathos nur um des Effekts willen wird man in dieser Aufnahme jedenfalls vergeblich suchen. Geschickt lässt der Dirigent in der Coda die Pauken ganz allmählich von dräuendem Grummeln in ein bezwingendes Grollen steigern und muss dabei noch nicht einmal die von Serge Kussewizki in Boston besorgten und von Sibelius höchstselbst abgesegneten Retuschen bemühen. Fulminant und doch nicht aufgesetzt klingt das viel gehörte Werk überzeugend aus.

Klaus Mäkelä dirigiert Sibelius/ Foto Decca Booklet

Der klassizistisch angehauchten dritten Sinfonie (1907) konnte manch bedeutender Sibelius-Dirigent wenig abgewinnen. Legendär ihr Fehlen im Repertoire Karajans (er spielte die übrigen sechs ein, teils mehrfach), der sie schlichtweg „nicht verstanden“ haben will. Ihr sonniges Gemüt drückt sich bereits in der C-Dur-Tonart aus. Nach den ersten beiden Kolossen haftet ihr eine für Sibelius untypische Leichtigkeit an. Tatsächlich scheint Klaus Mäkelä keine Schwierigkeiten damit zu haben, kommt seine Interpretation doch schlüssig daher. Bereits im Kopfsatz weiß er mit ungemeiner Detailgenauigkeit das Ohr auch fortgeschrittener Sibelianer zu erfreuen. Die dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten der Osloer begeistern einmal mehr. Gerade der hier wirklich langsam gespielte zweite Satz zählt zu den melodisch eingängigsten des Komponisten. Im Finalsatz wird noch am ehesten das Pathos bedient. Mit triumphalem Gestus und voller Euphorie darf die Dritte ausklingen. Untypisch ist in diesem Zusammenhang die Behandlung der Streicher, die zuweilen sehr prominent in Erscheinung treten.

Wie Tag und Nacht unterscheidet sich die nachfolgende vierte Sinfonie von ihrer Vorgängerin. 1911 vollendet, entstand sie in einer für Sibelius persönlich sehr deprimierenden Phase seines Lebens, in der er mit einem bösartigen Halsgeschwür rang, das zwar operativ erfolgreich entfernt werden konnte, dessen etwaiges Wiederauftreten jedoch jahrelang wie ein Damoklesschwert dräute. Kein Wunder also, wenn es sich bei der gewählten Tonart um a-Moll handelt und die Stimmung, gerade im ersten Satz, düster und trostlos anmutet. Nie waren sich die Tonsprache von Sibelius und Gustav Mahler näher, die sich 1907 in Helsinki auch persönlich getroffen hatten. Es ist freilich eine nicht geringe Kunst, will ein Dirigent sowohl die Dritte als auch die Vierte in deren Janusköpfigkeit ähnlich überzeugend darbieten. Mäkelä darf sich zu denjenigen Orchesterleitern zählen, denen es gelingt. Gewiss nicht zu Unrecht beschreibt der Dirigent die Vierte im Booklet als die „persönlichste“ unter den Sinfonien seines Landsmanns und sieht gewisse Parallelen zum berühmten Gedicht The Raven von Edgar Allan Poe. Bereits die ersten Takte lassen in der Neueinspielung wahrlich aufhorchen. Derart packend vom ersten Moment an hört man dieses Werk nicht alle Tage. Die bassbetonte Decca-Aufnahmetechnik kommt gerade hier sehr entgegen. Zweifellos einer der Höhepunkte des Zyklus und mit dem vielfach bemühten Attribut referenzträchtig gut beschrieben.

Der englische Komponist und Dirigent Anthony Collins nahm bereits zwischen 1952 und 1955 für Decca alle Sibelius-Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra in Mono auf.

Mit seiner Sinfonie Nr. 5 beginnt ein neues Kapitel im Leben von Jean Sibelius. Die Krebserkrankung war glücklich überwunden. Angeregt wurde das Werk von offizieller Seite und sollte seinen eigenen 50. Geburtstag musikalisch untermalen. Tatsächlich erklang sie an eben diesem 8. Dezember 1915 unter Leitung des Komponisten in Helsinki. Mit dieser Erstfassung war Sibelius allerdings bald schon unzufrieden, so dass es – untypisch für ihn – zu einer Umarbeitung kam, die 1916 vollendet wurde. Auch sie stellte nicht der Weisheit letzten Schluss dar, denn erst die Drittfassung von 1919 sollte seinen hohen Ansprüchen an sich selbst genügen. Diese Letztfassung dominiert heutzutage absolut, so dass es nicht wunder nimmt, dass sich auch Mäkelä ihrer bedient. Als sie am 24. November 1919 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, war Finnland tatsächlich ein unabhängiges Land, der Zusammenbruch des Zarenreiches hatte dies ermöglicht. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Tilgung der Schroffheit, welche der Urfassung noch anhaftete, zugunsten einer positiveren Grundstimmung zu verstehen. Der junge Dirigent jedenfalls sieht in der Fünften eine Reaktion von Sibelius auf die europäische Moderne. Seine Lesart nimmt für sich ein. Gewisse Akzentuierungen sind wie Reminiszenzen an frühere Interpreten. Das sehr nachdrückliche Einsetzen der Streicher zu Beginn des Schlusssatzes erinnert an Bernsteins Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern. Die ohrwurmartige „Schwanenhymne“ im Finalsatz hörte man indes schon ausdrucksstärker. Die schwierigen Schlussakkorde geraten etwas zu verhalten.

Mit „reinem Quellwasser“ assoziierte Jean Sibelius persönlich seine sechste Sinfonie von 1923. Sie leitet gewissermaßen den Spätstil des Komponisten ein, steht im dorischen Modus und gemahnt stellenweise beinahe an Palestrina. Klaus Mäkelä sieht in ihr „eine Übung in höchster Ausdrucksreinheit“. Tatsächlich kommt die Sechste deutlich entschlackter daher als ihre Vorgängerinnen. Als „Cinderella der sieben Sinfonien“ (Gerald Abraham) steht sie im Schatten der anderen, wird auch von der im Jahr später fertiggestellten Siebenten überstrahlt, die dem Dirigenten als letzte vollendete Sinfonie des Komponisten als die „vollkommenste“ erscheint. Hier kehrt auch die Monumentalität wieder, die der Sechsten abgeht. Es gibt gleichwohl eine enge Verbindung zwischen beiden Werken, die im Konzert teilweise auch schon ohne Pause, gleichsam als Einheit, ineinander nahtlos übergehend gespielt wurden. Sibelius‘ reifer Altersstil gelangt hier jedenfalls zu seiner Vollendung. Da wie dort genehmigt sich Mäkelä mehr Zeit als die meisten anderen Interpreten, erreicht aber nicht ganz die Emphase eines Leonard Bernstein oder auch Charles Munch (Nr. 7), die ähnliche Ansätze verfolgten.

Mit der Tondichtung Tapiola schrieb Sibelius 1926 sein letztes großes Orchesterwerk überhaupt. Mit dieser, gewiss seiner reifsten sinfonischen Dichtung kehrte der damals 61-Jährige zurück zur finnischen Mythologie des Kalevala, die seine frühen Jahre so nachhaltig geprägt hatte. Die Waldgottheit Tapio ist es, nach der das Werk benannt ist, und „des Nordlands düstre Wälder“ mit ihrer Unendlichkeit sind das Thema. Insofern lässt sich auch Tapiola durchaus als absolute Musik verstehen. Mäkeläs Lesart ist hier überzeugender als in der siebten Sinfonie.

Also Bonus darf die Beigabe dreier später Fragmente (HUL 1325, 1236/9 und 1327/2) begriffen werden, rekonstruiert von Timo Virtanen. Diese wurden bislang erst einmal eingespielt, nämlich durch das BBC Philharmonic unter John Storgards für Chandos. Wiederum wählt Mäkelä im direkten Vergleich getragenere Zeitmaße. Ob die besagten Fragmente zur geplanten, aber bekanntlich niemals zu Ende gebrachten achten Sinfonie gehören, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

Als Konklusion lässt sich festhalten, dass Klaus Mäkelä und das Osloer Philharmonische Orchester eine wirklich beachtliche Gesamtaufnahme vorgelegt haben, die zwar kein neues Kapitel in Sachen Sibelius-Interpretation aufschlägt und auch keine der bisherigen Referenzaufnahmen vollauf ersetzen kann, jedoch eine hörenswerte Erweiterung in der zunehmend unüberschaubaren Diskographie bedeutet. Besonders hervorzuheben sind die Interpretationen der ersten, zweiten und vierten Sinfonie. Ob die hie und da auffällige Streicherlastigkeit allein auf dem Konzept des Dirigenten beruht oder ob dies auch Produkt der Klangphilosophie der Decca-Tontechniker ist, lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend beantworten. Die Textbeigabe (Englisch, Französisch, Deutsch) fällt relativ bescheiden aus (Foto oben/ Klaus Mäkelä/ Booklet zur Decca-Ausgab). Daniel Hauser

Primärquelle aus erster Hand …

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„Ich lebe, um zu singen“. So der Titel eines neuen Buch über Maria Cebotari. Erschienen ist es bei Frank & Timme, einem Verlag für wissenschaftliche Literatur in Berlin (ISBN 978-3-7329-0794-6). Die 270 reich bebilderten Seiten sind in drei Bereiche unterteilt, die sich mit der öffentlichen Wahrnehmung, den letzten Jahren und dem Nachruhm beschäftigen. Diverse Unterkapitel folgen den jeweiligen Lebensabschnitten der Sängerin und Schauspielerin, die nur 39 Jahre alt wurde.

Othmar Schoeck: „Das Schloss Dürande“/ Szene mir Maria cebotari und Willi Domgraf-Fassbaender/ Archiv Berliner Staatsoper

Gestorben ist Maria Cebotari am 9. Juni 1949 in Wien, wo sie auch begraben liegt. Das gemeinsame Grab mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schauspieler Gustav Diessl, der ein Jahr vor ihr starb, befindet sich auf dem Döblinger Friedhof. Die Autorin Rosemarie Killius geht davon aus, dass die Künstlerin „heute fast vergessen ist“ und verspricht zugleich „eine Überarbeitung des bisher falsch Überlieferten in Biografie und Umfeld der großen Künstlerin“. Somit könne die Erinnerung an Maria Cebotari „neu aufleben und für die Zukunft wachgehalten werden“. Um neue Erkenntnisse und aktuelle Forschungsergebnisse erkennen und würdigen zu können, müssten die bislang verbreiteten Unkorrektheiten aber auch benannt werden. Dies geschieht nicht in der gebotenen Eindeutigkeit. Vielmehr ist zu vermuten, dass die der Cebotari angelastete Nähe zum Nationalsozialismus erklärt und relativiert werden soll. So habe es nicht ausbleiben können, dass schließlich auch die Cebotari ab und zu, wie es bis zu Kriegsbeginn gang und gäbe gewesen sei, neben vielen anderen bekannten und beliebten Künstlern und Filmstars zu Teestunden und anderen Festlichkeiten bei Hitler, Goebbels und Göring „geladen“, genauer gesagt „befohlen“ wurde. „Die Verweigerung dieser Einladung, es sei denn aus künstlerischen Verpflichtungen oder Krankheit, hatte Abmahnungen oder Bestrafung zur Folge.“ Maria Cebotari, so die Autorin weiter, habe sich freundlich lächelnd gezeigt und „mit den Wölfen geheult“, weil sie ihr Leben leben und auf jeden Fall Opernsängerin sein wollte. Mit dieser Einstellung war sie im Dritten Reich nicht allein. Wer kann schon allen Ernstes einer jungen Sängerin, um die sich die Opernhäuser rissen, der das Publikum zu Füßen lag, fast fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod vorwerfen, nicht in den Widerstand oder in die völlig ungewisse Emigration gegangen zu sein? Mit dem Wissen von heute lassen sich leicht Entscheidungen konstruieren, vor die sich diese Menschen damals nicht gestellt sahen. Sie wollten singen und auf Bühnen stehen.

Bereits in der vierten Zeile des Textes, der „statt eines Vorworts“ das Buch einleitet, fällt der Name Elfie N. Wer ist das? Eine Wiener Schauspielelevin, die der Cebotari sehr nahe rückte, im Schlepptau die Mutter – stets „Mutti“ genannt. Ihre Tagebücher hat Fritz, der jüngere  der beiden Cebotari-Söhne, 2018 der Autorin überlassen. Sie dienten ihr nach eigenem Bekunden als „Primärquelle aus erster Hand“. Mit dem Fortschreiten des Buches rückt die Vielzitierte faktisch zur Koautorin auf. Zitate werden länger und länger, füllen schließlich ganze Seiten. Kritik an ihrem Idol duldet Elfie nicht. 1949 kommt die Cebotari als Turandot in der seinerzeit sehr beliebten österreichischen Programmzeitschrift „Funk und Film“, die unmittelbar nach Kriegsende durch die britische Besatzungsmacht ins Leben gerufen wurde, nicht gut weg. Sie sei darstellerisch und stimmlich der Titelrolle kaum gewachsen gewesen, besonders wenn man in ihre Vorgängerinnen denke. Elfie wird böse und ausfällig. Sie bezichtigt den Redakteur „dieses Schmierblatts“, ein „persönlicher Freund von Ljuba Welitsch, die die Rolle unbedingt übernehmen wollte, zu sein“. Derlei Behauptungen werden keinem Faktencheck unterzogen, was notwendig gewesen wäre. Das Buch gerät mehr und mehr zur Fanpost. Und ob es im Sinne von Maria Cebotari ist, dass die entschlossene Verehrerin auch den Verlauf ihre letzten Tage im Krankenhaus in aller Ausführlichkeit ausbreiteten darf, sei dahin gestellt. Als Leser fühlte ich mich unangenehm berührt.

„Ihr musikalisches Erbe ist auf vielen Labels in umfassenden Editionen veröffentlicht, enthält jedoch nur Fragmente ihrer Partien aus populären Opern“, ist auf Seite 20 zu lesen. In die Einzelheiten wird nicht gegangen. Die Feststellung selbst bleibt missverständlich, weil die Autorin nicht erklärt, was sie eigentlich unter „populären Opern“ versteht und welche Werke gemeint sein sollen. Es finden sich kaum weitergehende Hinweise auf Tondokumente, von einer Diskographie ganz zu schweigen. Wenn aber – wie es die Autorin zu Recht anmahnt, die Erinnerung an die Sängerin „neu aufleben und für die Zukunft wachgehalten werden“ soll, dann dürfte das doch am ehesten durch die Tondokumente geschehen. Die haben sich in großer Zahl erhalten. In ihnen dürfte Maria Cebotari mehr fortleben als in ihren Filmen, die so gut wie nicht greifbar und meist in zweifelhafter Bildqualität überliefert sind. Da Rosemarie Killius auf dem Buchdeckel als „Expertin für Filmgeschichte der 1930er bis 1950er Jahre“ ausgewiesen wird, ist sie auch als Autorin erkennbar mehr an der Schauspielerin Cebotari mehr interessiert als an der Sängerin.

Den Schluss bilden eine Bibliographie, ein Personenregister, die Liste der Gesangsrollen und die Daten sämtlicher Opernauftritte in Wien. Dokumentiert werden zudem die Mitwirkung an Ur- und Erstaufführungen, die Filme mit Maria Cebotari, Gustav Diessl und ihrem ersten Mann Alexander Vyrubov, der ihr den Weg als Sängerin wies und dem sie bis ans Lebensende verbunden blieb.

Für Aufsehen hatte Orfeo/Naxos mit dem „Zaubertrank“ von Frank Martin als Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1948 gesorgt.

Opernfreunde dürften durch das Buch angeregt worden sein, sich wieder den Aufnahmen von Maria Cebotari zuzuwenden. Es besteht wahrlich kein Mangel. Mit dem nötigen archäologischen Instinkt lassen sich auch Dokumente ausfindig machen, die im Handel derzeit nicht angeboten werden. Und es gibt immer wieder aufsehenerregende Ausgrabungen. Zuletzt war bei Orfeo Der Zaubertrank von Frank Martin als Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1948 erschienen (C 890 142 A). Ein Aufschrei ging durch die große gut vernetzte Sammlergemeinde. Die Cebotari als Isolde, Isot, wie sie in dem Stück heißt. In Dokumentationen über das Festival sind vier Aufführungen im Landestheater vermerkt, die vorletzte am 24. August wurde im Rundfunk übertragen. Ein originales Band hat sich erhalten. Endlich wurde es aus dem Archiv geholt. Nur eine Szene aus dem (in Salzburg deutsch gesungenen) Zaubertrank war in gut sortierten privaten Archiven seit Jahren zu finden, wenngleich in ziemlich mieser Klangqualität. Sie ließ mehr ahnen, als dass sich daraus ein Gesamteindruck hätte rekonstruieren lassen. Sie handelt von der Begegnung zwischen Tristan (Julius Patzak) und Isot im ersten Teil. Für mich der eindrucksvollste Moment des ganzen Werkes. Isot antwortet auf die Tristans Frage, was es sei, dass sie quäle: „Die Liebe zu euch.“ Was in der wörtlichen Niederschrift lakonisch klingt, ist in der musikalischen Wiedergabe meilenweit davon entfern. Martin lässt seine Figuren aus dem Chor, der wie in der griechischen Tragödie agiert, immer wieder heraustreten, so auch in dieser Szene. In dieser Loslösung entsteht die überwältigende Wirkung. In der Diskographie von John Hunt (ISBN 9780952582731), die für die genaue Beschäftigung mit der Cebotari unerlässlich ist, heißt es auf Seite 199 über den Zaubertrank – im Original Le vin herbé „unpublished radio broadcast“. Inzwischen gilt das nicht mehr.

Nur noch antiquarisch: Antonio Mingottis Buch über Maria Cebotari im Salzburger Heilbrunn Verlag/ Foto Booklooker

Das Buch von Antonio Mingotti, „Maria Cebotari – Das Leben der Sängerin“ von 1950 im Salzburger Heilbrunn Verlag ist nur noch antiquarisch zu bekommen (Booklooker et al.) und enthielt viele schöne Fotos der Sängerin. Ebenso die Biographie von Rosemarie Kilius (Killius, Rosemarie (2021), Maria Cebotari: „Ich lebe, um zu singen“, Berlin, Frank & Timme GmbH Verlag für wissenschaftliche Literatur). Von einer in blauen Samt eingebundenen rumänischen Hommage an die Cebotari (die ja eigentlich Cebutaru hiess und am 10. Februar 1910 greg. in Chișinău, Bessarabien als Teil des Russischen Zarenreiches geboren wurde) berichten ältere Fans mit verklärten Augen … Man verzweifelte an der Sprache, aber die schönen Bilder entlohnten die Mühe.

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Ich bin mit der Cebotari aufgewachsen. Meine Mutter hatte ihre Filme gleich nach der Premiere gesehen und immer und immer wieder davon erzählt. Deshalb hielt ich sie zunächst für eine Schauspielerin, die sie nur episodenhaft gewesen ist. Ihre bessere Hälfte war und blieb der Gesang. Eine meiner ersten eigenen Schallplatten enthielt Musik aus La Bohéme und Madame Butterfly „Man nennt mich jetzt Mimì“, „Eines Tages sehn wir“ und das Duett „Mädchen, in deinen Augen liegt ein Zauber“ mit dem Tenor Walther Ludwig. Ich bräuchte die Aufnahmen von 1942 gar nicht mehr neu zu hören, obwohl sie längst als CDs im Regal stehen. So tief haben sie sich eingegraben, als sei das Gehirn selbst der Tonträger. Diese elementare Erfahrung habe ich mit kaum einer anderen Sängerin gemacht. Auf mich wirkt die Cebotari immer noch wie ein Naturereignis. Meine Liebe zur Oper ist ohne sie nicht denkbar. Das liegt nicht an mir, das liegt an ihr. Sie öffnet die Ohren. Als ich noch ein Junge war, gab es kaum Operngesamtaufnahmen. Arien und Querschnitte waren die Norm. Das Gros der Aufnahmen mit Maria Cebotari besteht aus solchen Szenen. Mir kam es immer so vor, als würde sie in einer einzigen Arie den Stoff der ganzen Oper verdichten wie der Meisterkoch die Kraft des Fleisches in einer Consumé.

Das Label Preiser hatte mehrere CDs mit Aufnahmen der Cebotari im Katalog – inzwischen vergriffen, aber youtube bietet einiges davon, und Amazon hat manches zu horrenden Sammler-Preisen ..

Sie singt höchst konzentriert. Bei ihr scheinen die Noten zusammenzurücken. Wohl deshalb ist mir die Arie der Susanne aus Figaros Hochzeit die allerliebste Aufnahme einer Arie geblieben. Sie lockt mit der Stimme, setzt somnambule Dunkelheit verführerisch, erotisch ein. „Endlich naht sich die Stunde…“ Da kann alles und mancher gemeint sein, nicht nur Figaro, auch der Graf, gar der Page. Es ist das Lied der Liebe, das durch die Nacht klingt. Eine Prise Chanson mischt sich bei. „Feuer und Fieber“, überschreibt Jürgen Kesting in seinem Standardwerk Die großen Sänger das Kapitel über die Sängerin und trifft damit ins Zentrum. Die Wirkung ist auch nach mehr als siebzig Jahren nicht verflogen. Kunst und Können verfallen eben nie. Mir scheint, sie stellt den Ausdruck immer über die Technik des Gesangs. Manchmal schleift sie Töne. Das aber gerät zur Gestaltung, wenn Ungenauigkeiten, gar Nachlässigkeiten in den Koloraturen bei Partien wie Konstanze oder Violetta noch wie Stärken wirken. Die Cebotari macht aus Individualität ein Markenzeichen. Sie ist unverwechselbar.

Maria Cebotari als Mimi auf einer Künstlerpostkarte/OBA

Jeder Vergleich mit ebenso berühmten Kolleginnen ist so mühsam wie sinnlos. Aber in einem Fall kann ich nicht widerstehen. Das ist die Salome. Es gibt zwei Dokumente, den berühmten Schlussgesang von 1943 und den Londoner Aufführungsmitschnitt des Gastspiels der Wiener Staatsoper von 1947. Konkurrenz in dieser Zeit ist übermächtig. Ljuba Welitsch und Christel Goltz sind die berühmtesten Namen, gelten bis heute als Inbegriff, gar als Nonplusultra. Daran ist nicht zu rütteln. Und doch hat die Cebotari etwas in der Stimme, was die anderen so ausgeprägt nicht haben – Jugend. Sie ist die Kindfrau. Dabei ist sie von den Dreien die Älteste. Als Daphne hätte sie lange vor Hilde Güden die Maßstäbe setzten können. 1943 wurde der Schussgesang eingespielt, der große Erwartungen ans Ganze weckt – zart, verhalten, tastend. Daphne ist selbst erstaunt, was da mit ihr passiert, nämlich das Wunder der Verwandlung. Das Finale aus Ariadne auf Naxos, 1947 mit dem trunkenen Karl Friedrich unter Thomas Beecham entstanden, markiert den Beginn einer neuen Ära in der Karriere der Schallplattensängerin Maria Cebotari.

Viel Zeit blieb ihr aber nicht, um nun unter wesentlich besseren technischen Bedingungen aufzunehmen. In London hatte sich ihr das berühmte Studio No. 1 in der in der Abbey Road aufgetan. Der allmächtige EMI-Produzent Walter Legge war auf sie aufmerksam geworden. Das versprach mehr Arbeit im Detail, größere Genauigkeit. Ein Exklusivvertrag war abgeschlossen. Legge betreute den Monolog der Ariadne „Es gibt ein Reich“, der ein Jahr später mit den Wiener Philharmonikern eingespielt wurde, nun schon unter Herbert von Karajan. Wie eine beglückende Zugabe bei diesen Aufnahmesitzungen wirkt Saffis Arie „So elend und so treu“ aus dem Zigeunerbaron von Strauß. Ihr Tod beendete diese verheißungsvolle Zusammenarbeit. Endlich ein modernerer Sound. Alles ist besser als Reichsrundfunk, wobei es zur Wahrheit gehört, dass in den 1930er Jahren bis Kriegsende bereits unter sehr soliden technischen Bedingungen produziert wurde. Viele Aufnahmen leiden mehr an späteren Bearbeitungen als an den eigenen Geburtswehen. Es scheinen sich ganz Heerscharen von Hobbyrestauratoren an den Dokumenten vergangen haben, so hohl, blechern und übersteuert klingt vieles.

Die Cebotari als Turandot: Die Aufnahme entstand 1938 beim Reichssender Stuttgart mit Joseph Keilberth am Pult – hier als CD-Ausgabe von Koch, inzwischen auch vergriffen, aber bei youtube anzuhören.

Großes Aufsehen wie der Zaubertrank erregte fünfzehn Jahre zuvor die Ausgrabung ihrer Turandot, die 1938 beim Reichssender Stuttgart mit Joseph Keilberth am Pult entstand. Aus einem Gerücht um dieses Dokument, an das niemand so recht glauben wollte, war Gewissheit geworden. Einige Fehlstellen am Schluss tun fast nichts zur Sache (Koch CD; inzwischen auch vergriffen, aber bei youtube finden). Der Gesamteindruck bleibt und wird zu einer Lehrstunde, wie eine lyrische Stimme durch Fokussierung ins Hochdramatische gelenkt werden kann, ohne im klassischen Sinne hochdramatisch zu sein. Nicht ohne Risiko gelingt das. Die Cebotari ist es eingegangen.

Für ihre Zeit hat sie ziemlich viele Gesamtaufnahmen hinterlassen. Ebenfalls in Stuttgart wurde ihre vollständige Susanne in Mozarts Figaros Hochzeit mit Karl Böhm am Pult verewigt. Verdis deutsch gesungene und von Karl Elmendorff betreute Luise Miller entstand 1944 in Dresden, die Gabriele in Schoecks Schloss Dürande (Cantus Line) entstammt einem Mitschnitt der Berliner Staatsoper von 1943. Aus Salzburg gibt es schließlich noch Dantons Tod. Die Cebotari ist die Lucile. Es war die Uraufführung der Oper Gottfried von Einems. Für den schwer erkrankten Otto Klemperer sprang der junge ungarische Dirigent Ferenc Fricsay ein und wurde über Nacht berühmt. Ein Dokument rührt mich immer wieder. Es ist der Mitschnitt der 2. Sinfonie von Gustav Mahler vom 16. September 1948 aus Wien (Sony). Am Pult der Philharmoniker stand Bruno Walter. Neun Monate vor ihrem Tod erhebt sich ihr leuchtender Sopran mit unglaublicher Intensität über den gigantischen Apparat, um die Auferstehung zu beschwören. „Sterben werd´ ich, um zu leben!“ (Foto oben: Maria Cebotari in Butterfly, UFA-Film 1939/ OBA.) Rüdiger Winter