Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Spätromantisch gediegen

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Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstehen Opern, die sich auf Texte von August Strindberg beziehen. Schon zuvor hatte Strindberg selbst erste Ideen zur opernhaften Umsetzung seiner Texte entwickelt. In ihrer ersten Phase, die sich auf die Zeit bis 1930 begrenzen lässt, ist die Opernrezeption von Strindberg in erster Linie ein deutschsprachiges Phänomen. Dementsprechend erfolgt sie über Übersetzungen und steht im Zusammenhang mit der allgemeinen deutschen Strindberg-Rezeption. Im Hinblick auf unmarkierte Verweise auf Strindberg in Opern von Paul Hindemith, Hugo von Hofmannsthal und Arnold Schönberg kommt der individuellen Rezeption besondere Bedeutung zu. Ture Rangströms Kronenbraut hat sich als eine der beständigsten schwedischen Opern erwiesen und wurde landesweit in zahlreichen verschiedenen Inszenierungen aufgeführt.  

Das Stück spielt in Dalarna in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist eine Art Romeo und Julia-Geschichte mit zwei jungen Liebenden – Mats und Kersti – aus verfeindeten Familien. Das Drama/Thema selbst bietet sich für Musik an, und es gibt sogar einige Melodien, die der Dramatiker August Strindberg selbst komponiert hat. Dann wurde es als Oper vom Komponisten Rangström uraufgeführt.  Der Komponist begann bereits zu Strindbergs Lebzeiten mit der Opernvertonung. Rangström komponierte Musik zu dem Drama über Kersti, die ihr Kind tötet, um als „jungfräuliche“ Kronprinzessin zu heiraten. Rangström strich die letzten beiden Akte mit Zustimmung des Autors. Die Weltpremiere fand 1919 in Stuttgart auf Deutsch mit Erna Ellmenreich in der Titelrolle statt. Die schwedische Premiere erfolgte drei Jahre später an der Königlichen Oper in Stockholm. G. G./J. G./R. F./cpo

Nun also die erste „offizielle“ Einspielung der Oper bei Sterling. Dazu eine Rezension voln Rolf Fath, nachfolgend der Artikel von Göran Gademan zu Leben Und Werk Ture Rangströms aus dem beiliegenden Booklet des Sterling-Mitschnittes von den beiden Konzerten 2017 in Göteborg. G. H.

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Ture Rangström: „Kronbruden“/Elisabet Strid i Ture Rangströms ”Kronbruden” på Göteborgsoperan. Foto Fredrik Nystedt Rockfoto

Kersti, Tochter eines armen Soldaten, und Mats, ein reicher Müllersohn, lieben sich. Ihre Familien sind seit langem zerstritten. Deshalb haben die beiden Liebenden im Wald heimlich ihren Sohn zur Welt gebracht und eine Hochzeit ohne Familie und den Segen der Eltern gefeiert. Eine richtige Hochzeit mit Brautkrone, wie sie traditionellerweise jungfräuliche Bräute tragen, kommt für Kersti nicht mehr in Frage. Der naive Mats aber glaubt, die zerstrittenen Familien durch eine Hochzeit versöhnen zu könnten. Kersti ist bereit, ihr Kind zu opfern. Die hinterhältige Hebamme hilft ihr und nimmt sich des Körpers des toten Kindes an. Bei der Hochzeit verliert Kirsti während des Brauttanzes ihre Krone. Während die Hochzeitsgesellschaft nach der Krone sucht, wird der Leichnam des Babys entdeckt. Kirsti gesteht ihre Schuld. Ture Rangströms Oper Kronbruden endet damit, dass Kerstis Mutter ihr die Haare abschneidet. Mats, der sie daraufhin kaum wiedererkennt, scheint den Verstand zu verlieren.

Man denkt bei dieser Geschichte weniger an die verfeindeten Veroneser Patrizierfamilien und Romeo und Julia als an die von ihrem Ziehbruder Steva schwangere Jenufa. Damit Jenufa die Schande eines unehelichen Kindes erspart bleibt und Laca sie heiratet, bringt Jenufas Mutter das Kind heimlich um. Doch die Oper des schwedischen Komponisten hat, außer der dörflichen Enge, mit Janáčeks Oper, die noch viele Jahre nach ihrer Brünner Uraufführung von 1904 außerhalb der Tschechoslowakei unbekannt blieb, nichts gemein. Vielmehr basiert sie auf August Strindbergs 1906 in Helsinki uraufgeführtem Schauspiel Kronbruden, das zu den wenig bekannten, späten, symbolistischen-märchenhaften Stücken des Dramatikers gehört. Mit Zustimmung des Dichters verzichtete Rangström auf die letzten Akte, in denen die ins Gefängnis geworfene Kersti begnadigt wird. Ihr Opfertod bewahrt sie verfeindeten Sippen, die sich beim Kirchgang über den zugefrorenen See neuerlich zerstreiten, vor dem Untergang. Beibehalten hat Rangström aber die romantisch-märchenhafte Figur des Nöck, dem am Ende jene Worte gehören, die er schon zu Beginn an Kersti richtete, „Ich hoffe, dass der Erlöser lebt“.

Ture Rangström (1884-1947) gehört wie Hugo Alfvén, Wilhelm Stenhammar und Wilhelm Peterson-Berger zu den schwedischen Komponisten, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren wurden. Früh beschäftig er sich mit Musik, beginnt aber als Bankkaufmann, bevor er nach Deutschland reist, die Uraufführung der Salome erlebt und Unterricht bei Hans Pfitzner und (Gesang) bei Julius Hey nimmt. Ab 1908 wirkte er in seiner Heimat zeitweise als Kritiker und Gesangspädagoge, als Dirigent und freier Komponist, von dem ab 1909 größere Orchesterwerke entstehen; die Aufnahmen seiner Sinfonien unter Michail Jurowski beispielsweise stießen auf große Aufmerksamkeit.

Seine Oper Kronbruden bzw. Die Kronbraut oder auch Kronenbraut wurde 1919 in Stuttgart unter Max von Schillings mit Erna Ellmenreich in der Titelrolle uraufgeführt. 1922 erfolgte in Stockholm die schwedische Erstaufführung mit der später als Wagner- Sängerin an der Met und am Covent Garden gefeierten Göta Ljungberg als Kersti. In den späten 1950er Jahren sang Aase Nordmo-Lövberg, eine weitere schwedische Wagner-Sängerin mit internationalem Renommee, die Kersti.           

Ture Rangström: „Kronbruden“/ Aase Nordmo-Løvberg (Kersti) och Anders Näslund (Länsman), Kungliga Operan 1959/Sterling

Das Werk ist offenbar nie völlig von den schwedischen Bühnen verschwunden. Die jetzt „by kind support from King Gustaf VI. Adolf’s fund for Swedish culture“ als 12. Ausgabe in der Reihe „Romantic Opera in Sweden“ entstandene Aufnahme (2 CD Sterling CDO 1136-7/Naxos, mit komplettem Libretto sowie Beiheft in Schwedisch/Englisch) ist der Mitschnitt eines Konzerts vom 24. und 26. Februar 2017 in der Göteborger Oper. Auch hier singt eine später vor alle als Wagner-Sängerin bekannte Sopranistin die Kirsti. Ingrid Strid hat den frischen, hellen und schlanken Ton, um Kirstis Jugend zum Ausdruck zu bringen, aber auch die Kraft und gestalterische Phantasie, um die psychische Zwangssituation der Kirsti und ihre Ängste vor der Schande und der Entdeckung des Kindsmords zu schildern, dass die Stimme dabei in der Höhe manchmal etwas eng und scharf wird, ist nicht schlimm. Der leichte, noch unfertige Tenor von Markus Pettersson passt gut für den gutmütigen Mats. Mit ihrem dramatisch ausladenden Mezzosopran macht Katarina Karnéus viel aus Mats‘ Schwester Brita, die das Geheimnis der Braut bald durchschaut und höhnisch präsentiert und als Einzige eine veritable große Szene hat. Daneben gibt es zahlreiche gefällige Porträts, wie Mats Algren als Großvater von Mats, Maria Streijfert als Kerstis Mutter, vor allem aber den interessanten Charaktertenor Mattias Ermedahl, der den volksliedhaften Ton des Nöck trifft.

Kronbruden ist keine schwedische Jenufa, dennoch meint man anfangs einen ähnlich volksnahen, der Natur abgelauschten Ton zu hören wie bei Janáček. Rangsröm illustriert spätromantisch gediegen und kostet in den vielen kurzen Zwischenspielen in den ersten drei Akten sowie im sanften Verklingen des Dramas das Geschehen stimmungsvoll aus, was David Björkman mit dem Orchester der Gothenburg Opera gut gestaltet, wobei man sich noch eine klangsinnlichere Präsenz vorstellen könnte. Die Figuren gewinnen bei Rangström wenig Gestalt. In langen Text deklamierenden Parlando-Gesprächen bleiben sie gleichförmig, blutleer, lässt ihnen Strindbergs Drama keinen Raum zu ariosem Ausdruck und Leidenschaft. Erst der vierte Akt bündelt das Geschehen auf fesselnde Weise, verharrt aber nicht zuletzt mit der symbolistischen Erscheinung des toten Kindes in einem fast unwirklichen Raum.  Rolf Fath

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Ture Rangström: „Kronbruden“/ Einar Beyron Tristan with Hertzberg (by courtesy of Erich Wirl)/Isoldes Liebestod

Dazu auch Göran Gademan im beiliegenden Booklet: Ein meisterhaftes Operndrama über Schuld und Versöhnung. Ture Rangströms Die Kronenbraut hat sich als eine der beständigsten schwedischen Opern erwiesen und wurde landesweit in zahlreichen verschiedenen Inszenierungen aufgeführt. Die Umsetzung von August Strindbergs Theaterstück in eine Oper muss als Geniestreich angesehen werden. Strindberg, der sich ebenfalls in seiner ersten Ehe befand, hatte ähnliche Erfahrungen mit Schuld, schlechtem Gewissen und Versöhnung gemacht und vollendete das Drama im Jahr 1903. Die Uraufführung fand drei Jahre später am Schwedischen Theater in Helsinki statt, mit der dritten Ehefrau des Autors, Harriet Bosse, in der Titelrolle. Das Stück spielt in Dalarna in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist eine Art Romeo und Julia-Geschichte mit zwei jungen Liebenden – Mats und Kersti –, die aus verfeindeten Familien stammen. Das Drama selbst schreit geradezu nach Musik, und es gibt sogar einige Melodien, die Strindberg selbst komponiert hat. Doch dann wurde es vom Komponisten Rangström als Oper herausgebracht, der, wie sich herausstellen sollte, ein ewig junges Musikdrama schuf.

Der Komponist begann bereits zu Strindbergs Lebzeiten mit der Opernvertonung des Dramas. Rangström komponierte Musik zu dem Drama über Kersti, die ihr Kind tötet, um sozusagen als Kronprinzessin zu heiraten. Doch Rangström strich die letzten beiden Akte mit Zustimmung des Autors. Die Weltpremiere fand 1919 in Stuttgart auf Deutsch mit Erna Ellmenreich in der Titelrolle statt. Die schwedische Premiere erfolgte drei Jahre später an der Königlichen Oper in Stockholm. Die Oper wurde manchmal als schwedische Jenůfa bezeichnet, da es um den Mord an einem Säugling geht, um der Schande zu entgehen, und da sie unter Bauern in einem klar definierten nationalen Umfeld spielt – Ähnlichkeiten gibt es also durchaus.

Ture Rangström/Portrait August Strinbergs von Richard Bergh 1905/Wikipedia

Rangström lässt sich in seinen Gesangspartien ebenso stark von der Sprache inspirieren wie Janáček, doch seine Inspirationsquellen sind eher der französische Impressionismus gepaart mit einigen schwedischen Akzenten, letztere insbesondere in den rauen Liedern des Neck. Es ist zudem unwahrscheinlich, dass er Janáčeks Musik gekannt hätte, als er 1915 Die Brautkrone komponierte, da Janáček außerhalb der Grenzen seines Heimatlandes nicht bekannt war. Das Drama wird zudem eher symbolistisch dargestellt, wobei die Hebamme als Symbol für Kerstis schlechtes Gewissen und der Neck als ihr guter Geist fungieren. Atemberaubend ist Mylingens Auftritt im letzten Akt – das tote Kind, das Kersti erscheint, geschrieben für Knabensopran mit rauen Klängen der Celesta im Orchester.

All dies greift Rangström somit in seiner Musik auf, und er hat zudem eine Vielzahl von Situationen und Personen (symbolisch oder real) mit Leitmotiven versehen. Es handelt sich jedoch keineswegs um Leitmotive im Wagner’schen Sinne, sondern eher um impressionistisch verwobene Elemente – seine Farbgebung in der Orchestrierung ist zuweilen geradezu meisterhaft.

Mit einem abgehackten Thema für Xylophon hat er die Hebamme eingefangen, während der klagende Bariton von Necks Wehklagen tief im Hintergrund mit Harfenklängen zu hören ist. Mats’ Tenorpart wird in seiner naiven Offenheit unschuldig dargestellt, während die zentrale Figur Kersti in ihrem stolzen Trotz einen weiten Stimmumfang aufweist. Sie variiert zwischen groß angelegten Gesangsflüssen bis hin zu murmelndem Gesang.  Eine breit angelegte Partie für dramatischen (Mezzo-)Sopran hat auch ihre Schwägerin Brita „mit dem bösen Blick“, die Kersti in ekstatischen Ausbrüchen des Kindermords bezichtigt.

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Ture Rangström/Lars Billengren (Mats) och Aase Nordmo-Løvberg (Kersti), Kungliga Operan 1959/Sterling

Die schwedische Uraufführung der Oper Die Kronbraut im Jahr 1922 wurde von Harry Stangenberg inszeniert, von Armas Järnefelt dirigiert und hatte Göta Ljungberg in der Titelrolle. Dort wurde das Stück zu verschiedenen Zeiten, jedoch im Wesentlichen mit demselben Bühnenbild von Thorolf Jansson bis 1959 aufgeführt. Nach Göteborg kam es 1936 an das Stora Teatern unter der Regie und mit dem Bühnenbild von Poul Kanneworf, mit Matti Rubinstein als Dirigent und Hilde Nyblom als Kersti.

Eine weitere Inszenierung dort fand 1977 unter der Regie und mit Bühnenbild von Lars Runsten statt, mit Gunnar Staern als Dirigent und Christina Gorne in der Titelrolle. Im Jahr 1990 drehte die Regisseurin Inger Åby einen bekannten Film über die Oper, der das Werk einem breiteren Publikum bekannt machte, als er im schwedischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Kari Tikka dirigierte, und Eva Österberg spielte die Kronprinzessin.

Einige Jahre später inszenierte Inger Åby das Werk an der Oper Malmö mit Anna Eklund-Tarantino als Kersti. Malmö hat zudem eine gekürzte Fassung des Werks auf Tournee gebracht, während die Königliche Schwedische Oper es 2001 in einer Konzertfassung aufführte, unter der Leitung von Göran W. Nilson und mit Gunnel Bohman als Kersti. Das Interesse an diesem Werk scheint noch nicht nachgelassen zu haben, während Rangströms zwei andere Opern, Medieval (1921) und der unvollendete Gilgamesh, der 1952 posthum aufgeführt wurde, nie an diesen Erfolg heranreichen konnten. Göran Gademan (Dramaturg and casting coordinator at the Göteborg Opera, associate Professor of Theatre Studies at the Stockholm University/ Sterlin/DeepL)

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Ture Rangström“Kronbruden“/Christina Gorne som Kerstipå Stora Teatern i Göteborg/Foto Ingemar Jernberg

Strindberg in der Oper: Die Oper ist wohl das dramatische Genre, das am wenigsten mit dem Namen Strindberg in Verbindung gebracht wird. Vorsichtig ausgedrückt: Im Vergleich zu Strindbergs umfangreichem und facettenreichem Œuvre – den Theaterstücken, Büchern, Zeichnungen, wissenschaftlichen Abhandlungen, unzähligen Briefen und sogar Gemälden und Kompositionen – hat die Oper in der Strindberg-Forschung keine herausragende Rolle gespielt. Dennoch lässt sich in seinen Aufzeichnungen, insbesondere in seinen Briefen, deutlich erkennen, dass Strindberg sich mit der Oper beschäftigte, und zwar im Sinne einer Adaption seiner Theaterstücke für die musikalische Bühne. In seinen Aufzeichnungen sehen wir, wie Strindberg vehement daran arbeitete, seinen Theaterstücken diesen Weg zu ebnen, indem er seinen Bruder Carl Axel, einen Komponiste, bedrängte und sich an andere Musiker und Theaterleute wandte. Zu seinem großen Missfallen blieben seine Bemühungen jedoch erfolglos – zeitlebens blieb Strindberg ein unbeschriebenes Blatt in der Operngeschichte. Clemens Räthel (in Musical Heterotopias and Melodic Nightmares—Ture Rangström’s Opera “The Crown Bride” (“Kronbruden”) Cambridge University Press:  16 July 2022/DeepL)

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Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstehen Opern, die sich auf Texte von August Strindberg beziehen. Schon zuvor hatte Strindberg selbst erste Ideen zur opernhaften Umsetzung seiner Texte entwickelt. (…) Strindbergs Vorstellungen zur Operninszenierung werden anhand systematischer Kategorien wie Textwahl, textliche Umsetzung und musikalische Vertonung erörtert. Brüche und Inkohärenzen zwischen diesen Ideen sind auf die unterschiedlichen Kontexte zurückzuführen, in denen sie entwickelt wurden.

Ture Rangström/The Photo Collections of Music and Theatre Library of Sweden/Wikipedia

Verweise auf Strindbergs Texte in Opern werden mittels intertextueller und intermedialer Typologien analytisch differenziert. Opernadaptionen bilden eine umfangreiche Kategorie verwandter Referenztypen: Axel Strindbergs „I Luther’s barndomshem“, Ture Rangströms „Kronbruden“, Julius Weismanns Strindberg-Opern „Schwanenweiß“, „Ein Traumspiel“ und „Die Gespenstersonate“ sowie Julius Röntgens „Samûm“. Es werden unterschiedliche Praktiken der textlichen und musikalischen Transposition aufgezeigt. Diese Unterschiede hängen sowohl mit der Individualität der Strategien der verschiedenen Komponisten als auch mit der Individualität der transponierten Texte zusammen.

In ihrer ersten Phase, die sich auf die Zeit bis 1930 begrenzen lässt, ist die Opernrezeption von Strindberg in erster Linie ein deutschsprachiges Phänomen. Dementsprechend erfolgt sie über Übersetzungen und steht im Zusammenhang mit der allgemeinen deutschen Strindberg-Rezeption. Im Hinblick auf unmarkierte Verweise auf Strindberg in Opern von Paul Hindemith, Hugo von Hofmannsthal und Arnold Schönberg kommt der individuellen Rezeption besondere Bedeutung zu. Die Schlussfolgerung, dass es sich bei solchen Verweisen um Fälle produktiver Rezeption handelt, basiert auf einer Analyse, deren Ergebnisse nicht immer eindeutig sind.

Hindemiths Rezeption von Strindberg manifestiert sich intertextuell in seinem Dramatext „Ein neues Traumspiel“. Sie hat zudem eine vermittelnde Bedeutung für Hindemiths Wahl expressionistischer Dramen für die Opernumsetzung. Hofmannsthals Libretto „Die Frau ohne Schatten“ enthält eine interfigurative Anspielung auf Strindbergs „Ett drömspel“. Schönbergs begeistertes Interesse an Strindberg manifestiert sich in verschiedenen Aspekten, zu denen sogar Verweise in seinen theoretischen Texten gehören. Thematische und dramaturgische Bezüge zu Strindberg in jeder der vier Opern Schönbergs werden systematisch erörtert. Schönbergs Bemühungen, nicht als Rezipient eines anderen erkannt zu werden, werden problematisiert. Die Rolle der Librettistinnen Marie Pappenheim und Gertrud Schönberg wird ebenfalls berücksichtigt. Joachim Grage (zu: August Strindbergs Opernpoetik und die Rezeption seiner Texte in der Opernproduktion bis 1930) von Florian Heesch (Universität Siegen) – eine Untersuchung von Joachim Grage (Göttingen/Universität Freiburg) in Accademia/DeepL

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Ture Rangström/“Kronbruden“/Ingmar Bergmanns Inszenierung von August Strindbergs Drama 1952/Wikipedia

August Strindbergs Roman und die Folgen: August Strindberg (1849–1912) war und ist einer der bedeutendsten schwedischen Schriftsteller. Er war in nahezu allen literarischen Gattungen aktiv und nicht zuletzt auch als bildender Künstler tätig. Auf all seinen künstlerischen Wegen leistete er Pionierarbeit. Seinen Durchbruch feierte er mit dem Roman „ Röda rummet“ (Das rote Zimmer ) (1879), in dem der junge Arvid Falk auf seinem Weg durch die Künstlerkreise der Stockholmer Bohème und die bürgerlichen Salons auf die Probe gestellt wird. Mit dem vielschichtigen Porträt Falks und seines mitunter steil abfallenden Bildungswegs, gezeichnet in einer neuen, modernen Sprache, ohne Rhetorik und Idealismus, erneuerte Strindberg den schwedischen Roman im Handumdrehen. In „ Das Neue Reich “ (1882) – mit dem Untertitel „Sprossen aus dem Zeitalter der Ermordung und des Jubels“ – erzählt er die Geschichte erneut, diesmal als Reportage über die Begegnung von Alt und Neu, mit scharfsinnigen Beobachtungen der Akademien, Ritterhäuser, Universitäten und anderer Institutionen des oscarischen Schwedens. Strindberg scheute sich nicht vor persönlichen Angriffen auf diverse „gesellschaftliche Persönlichkeiten“, die er verabscheute, und das Buch löste einen Skandal aus.

Er selbst verließ das Land, reiste nach Paris und verbrachte die folgenden Jahre im Ausland. Nach der Veröffentlichung des Erzählbandes „ Giftas I “ (1884), in dem er die Kernfamilie als soziale Institution in verschiedenen Situationen untersuchte und kritisierte, sah er sich gezwungen, vorübergehend zurückzukehren, um das Buch zu verteidigen. Es war zu einem Rechtsstreit geworden, nachdem Strindberg in der Erzählung „ Der Lohn der Tugend “ Jesus als Aufwiegler und die Eucharistie als schamlosen Betrug bezeichnet hatte. Strindberg wurde jedoch freigesprochen, nachdem er vor Gericht eine Rede gehalten hatte, in der er sich zum Deismus bekannte. Mit „ Der Sohn des Dienstmädchens“ (1–3, 1886–87) wendet sich Strindberg in einem psychologisch orientierten Stil nach innen und beschreibt die Entwicklung einer Seelengeschichte – seiner eigenen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen setzt sich in „Verteidigung des Narren“ (Erstausgabe 1895 auf Französisch, schwedische Übersetzung 1915) fort, wo der Kampf zwischen Mann und Frau in erschütternden Worten geschildert wird, sowie in „Inferno “ (1897), in dem Strindberg seine eigene spirituelle Krise beschreibt. Weltruhm erlangte Strindberg vor allem als Dramatiker. In den späten 1880er Jahren schrieb er die Dramen „ Der Vater“ (1887), „Fräulein Julie“ (1888) und „Der Schuldner“ (1888), in denen der Kampf zwischen Stärke und Schwäche, der zum Verhängnis führt, ein wiederkehrendes Thema darstellt. Zu seinen Werken zählen außerdem „ Nach Damaskus I“ (1898), ein Bekehrungsdrama über die Beziehung zwischen Gott und Mensch, „ Totentanz I“ (1901) über den unerbittlichen Kampf der Ehe und das bahnbrechende Stück „Ein Traumspiel“, das in der darstellenden Kunst und der Bühnentechnik Maßstäbe setzte.(1902), Tableaus über menschliches Leid.

Ture Rangström/ „Kronbruden“/ Movie Sweden 1990/Österberg Smith Thallaug/Film TV/IMB

Strindberg schrieb auch mehrere historische Dramen, darunter Meister Olof (1872), Gustaf Wasa (1899) und Gustaf III. (1902). Während der sogenannten Inferno-Krise dokumentierte Strindberg seine Erfahrungen mit den Kräften des Daseins und mysteriösen Zusammenhängen in seinem umfangreichen Okkulten Tagebuch (begonnen im Februar 1896, vollendet im Juli 1908). Gefundene Papierfetzen, Wolkenformationen, Zeitungsartikel und vieles mehr scheinen magische, kaum lesbare Bedeutungen zu besitzen. Strindbergs Name war bis zu seinem Tod auch mit Kämpfen und Fehden verbunden . In der Anthologie „Schwarze Fahnen “ (1907) wetterte er gegen seine Feinde, darunter Gustaf af Geijerstam und Ellen Key . Zu seinen letzten großen Werken zählt auch das mosaikartige Blaue Buch (1–4, 1907–1912, der letzte Teil posthum), in dem Strindberg Kurzgeschichten, Erinnerungen, wissenschaftliche Beobachtungen und Notizen miteinander vermischt, um gleichzeitig seine Gedanken über Wissenschaft, Religion und das Leben selbst zu erhellen und auszudrücken. Lotta Lotus (in literaturbanken)/DeepL

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Ture Rangström/“Kronbruden“/Drama von August Strindberg/Erstausgabe/Wikipedia

Der Roman in der zeitgenössischen Kritik: 1902 erschien Strindbergs Kronbruden im Buchhandel, zusammen mit Drömspelet und Svanehvit in einem Band . Die Kritiken fielen gemischt aus, am positivsten äußerten sich J. A. Runström im Aftonbladet und Karl Warburg in der Göteborgs Handels- och Sjöfartstidning . Runström prophezeite begeistert, das geistreiche Stück werde auf der Bühne einen überwältigenden Eindruck hinterlassen. Auch Warburg stellte Kronbruden an die Spitze der Stücke im Band und war überzeugt, dass das Drama auf der Bühne großen Eindruck machen würde. Das Stück besaß eine so kraftvolle Atmosphäre und war von einer wunderbaren poetischen Kraft durchdrungen.

Die Premiere von „Konbruden“ fand vier Jahre später am Schwedischen Theater in Helsinki statt. Die Vorankündigung im Hufvudstadsbladet verkündete, dass das Theater viel Geld in das Bühnenbild investiert und die neuen Dekorationen vom theatereigenen Bühnenmaler P. Knudsen angefertigt hatte. Außerdem sollte Harriet Bosse in der Titelrolle einen Gastauftritt haben.

Der Rezensent im Hufvudstadsbladet begann mit der Feststellung, dass es sich um ein außergewöhnliches Ereignis handelte: die Premiere eines Stücks von Strindberg, in der die Hauptrolle von einer so prominenten Strindberg-Interpretin wie Bosse gespielt wurde. Obwohl die Erwartungen hoch gewesen sein dürften, war der Saal nicht voll besetzt. Das anwesende Publikum applaudierte herzlich, und nach jedem Akt war ein spürbar gesteigertes Interesse festzustellen. Laut Rezensent machte Kronbruden, wie die meisten Dramen Strindbergs, auf der Bühne einen deutlich stärkeren und fesselnderen Eindruck als bei einer Lesung. Das Publikum war von der Intensität des Stücks und den spritzigen, lebendigen und volkstümlichen Dialogen mitgerissen. Frau Bosse war in ihrer Interpretation der Kersti so brillant, dass sie sich selbst übertraf. Ihre Darstellung sowohl der Qual als auch des wiedergefundenen Friedens war überzeugend und berührend schön. Der begeisterte Applaus des Publikums, der von Freude und Dankbarkeit zeugte, galt laut Rezensent vor allem Bosses Interpretation der Rolle.

Fast anderthalb Jahre später feierte Die Kronenbraut ihre schwedische Premiere am Schwedischen Theater. Auch diesmal spielten Harriet Bosse und Gunnar Wingård die Hauptrollen. Der Kritiker des Stockholms Dagblad fand, Strindbergs Vermischung von Traumwelt und Wirklichkeit erinnere ihn an ein Märchen von E.T.A. Hoffmann. Er war verwirrt.

Ture Rangström/“Kronbruden“/Szene aus der Aufführung in Malmö/Oper Malmö 2023 Header

Das übernatürliche Element scheint hier von Anfang an nur dazu da gewesen zu sein, symbolisch die Stimmungen und den Geisteszustand einer jungen Frau darzustellen, wenn sie im Begriff ist, ein Verbrechen zu begehen, sowie ihre Angst und Reue nach der Begehung. Doch unerwartet wird die Halluzination in die Handlung einbezogen, sodass man überhaupt nicht mehr weiß, wo man sich befindet, was die Fantasiewelt des Mädchens ist und was tatsächlich vor sich geht.

Der Rezensent in Dagens Nyheter hob Kronbruden als eines von Strindbergs schönsten Gedichten hervor. Wie Drömspelet wirkte es wie eine große Symphonie. Allerdings war es ein Drama, das sich in vielen Teilen als schwierig inszenieren ließ. Im ersten Akt zerstörte die grelle Beleuchtung die Stimmung und die Illusion. Weder Kersti noch das Publikum fürchteten sich vor Forskarlen und Vita barnet. Der Rezensent war überrascht, dass ein so erfahrener Regisseur wie Castengren glaubte, die Stimmung würde sich durch das Einschalten des Lichts steigern. Eine ähnliche Meinung vertrat August Brunius in seiner Rezension im Svenska Dagbladet . Er schrieb, die Geisterszenen sollten zurückhaltender gestaltet werden; je weniger greifbar und je mehr angedeutet, desto größer wäre ihre Wirkung auf den Zuschauer. Dies wurde in der Mühlenkammerszene deutlich, als man die Stimme des unsichtbaren Kindes leise Kerstis Worte wiederholen hörte. Dadurch entstand ein Effekt, der „selbst die abgehärtetsten Theaternerven erschütterte“. Der Rezensent im Aftonbladet bemängelte, dass den Visionen zu viel Raum eingeräumt wurde. Der Wissenschaftler, der immer wieder aus einem Teich auftauchte, wirkte letztendlich beunruhigend, und der Teich befand sich zudem viel zu nah am Betrachter.

Insgesamt erhielt Harriet Bosse auch diesmal wieder positive Kritiken. Ein Beispiel dafür ist der Rezensent in Dagens Nyheter . Er schrieb, Bosse sei im Laufe der Aufführung immer besser geworden. Ihre Aussprache sei wie gewohnt vorbildlich gewesen. Gunnar Wingård, der die eher undankbare Rolle ihres Verlobten Mats spielte, habe den gutmütigen und gutherzigen Charakter gut getroffen. Allerdings sei seine Stimme leicht ins Sentimentale abgedriftet.

Ture Rangström/“Kronbruden“/Kari Kavli in Malmö 1951/Sterling

„Lill-Klas“ in der Stockholms-Tidningen beschrieb das Publikum und seine Reaktionen. Laut ihm war Strindbergs Popularität deutlich spürbar, „denn der Saal war fast so voll wie im Södra Teatern nach dem 1. Januar, und die Zuschauer genossen das Stück mit einem durchaus beachtlichen Luxus an Toilettenartikeln“. Junge Frauen dominierten die Bühne, und dazwischen, passend verteilt, waren auch Vertreter der Kunstwelt wie Daniel Fallström und Hjalmar Söderberg zu sehen. Mit etwas Glück konnte man Carl Larsson mit seiner Frau Karin in der rechten Loge entdecken. Was die Reaktionen des Publikums betrifft, berichtete „Lill-Klas“, dass Jordegummans Hexerei im ersten Akt bereits für Gänsehaut sorgte. Ein älterer Herr sagte zu seinen Kollegen, es sei so schrecklich gewesen, dass er wirklich „einen Schauer über den Rücken gespürt“ habe! Als sich die Webstühle von selbst abschalteten, das Mühlrad in den Stromschnellen drehte und der Ofen zum Leben erwachte, ließ eine ältere Dame vor Entsetzen ihr Fernglas fallen. Als das tote Kind Bosses Worte wiederholte, herrschte im Saal eine Stille wie bei einer schwierigen Balanceübung im Sveateatern. „Lill-Klas“ bemerkte kurz, dass Kronbruden das Publikum bis zum Fall des Vorhangs nach dem letzten Akt in seinen Bann gezogen hatte. Oder besser gesagt, bis fast zum Fallen des Vorhangs, denn als er halb herunter war, stürmten viele Herren hinaus, um in der Garderobe nach ihren Oberbekleidungen zu suchen. Ein Großteil des Publikums blieb jedoch stehen und applaudierte, darunter auch der Strindberg-Verehrer und -Regisseur August Falck, der nach besten Kräften das Tempo vorgab.

Der finnische Rundfunk hat eine Produktion von „Die Kronenbraut“ herausgebracht , die online über den schwedischen Rundfunk verfügbar ist. Ulrika Lindgren (in litteraturbanken)DeepL

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Ture Rangström/“Die Kronenbraut“/Erna Ellmenreich war die erste Sängerin der Kerstin in der Uraufführung in Stuttgart 1919/Wikipedia

Zu der Sängerin Erna Ellmenreich (30. Mai 1885 – 14. April 1976): Sie war eine deutsche Opernsopranistin, die für ihre Hauptrollen am Staatstheater Stuttgart bekannt war, wo sie von etwa 1909 bis 1924 ein herausragendes Ensemblemitglied und Kammersängerin war. Geboren in Meran (heute Merano, Italien), das damals zum Österreichisch-Ungarischen Reich gehörte, spezialisierte sie sich auf Soubrette- und lyrische Sopranpartien und wirkte an bedeutenden Uraufführungen in der deutschen Opernszene des frühen 20. Jahrhunderts mit. Erna Ellmenreich trat 1919 am Staatstheater Stuttgart in der deutschen Erstaufführung von Ture Rangströms Die Kronbraut auf, einer Adaption der Oper des schwedischen Komponisten, die auf August Strindbergs gleichnamigem Theaterstück basierte. Als führendes Ensemblemitglied trug sie zu dieser stimmungsvollen Inszenierung bei, die Themen wie Schicksal und das ländliche Leben in Schweden durch Rangströms spätromantischen Stil beleuchtete und eine wichtige Einführung der skandinavischen Oper für das deutsche Publikum darstellte (vgl. Pipers Opernlexikon).

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Dank an Sterling (und den Pressestellen Naxos Deutschland & Schweden) für die Überlassung des Textes aus dem der CD-Einspielung beiliegende Booklet, alles anderen Beiträge haben verweisende links; Fotos zu den verschiedenen Interpreten stammen weitgehend aus dem Sterling Booklet, das obige große Foto ist der Top/Banner zur Aufführung in Malmö 2023 auf der website des Theaters. Redaktion G. H.

 

Nicht homogen, aber interessant

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Da muss ein Italiener kommen, um uns zu zeigen, wie man Hänsel und Gretel spielt“, hieß es bewundernd und verwundert in der Berliner Staatskapelle in den Neunzigern, als Fabio Luisi das erste Mal die Humperdinck-Oper in der Lindenoper dirigierte. Muss es nun heißen:“Da muss ein Italiener ein amerikanisches Orchester dirigieren, um uns darüber zu belehren, wie man den Ring spielt? “

Keineswegs, aber immerhin kann man erstaunt und beglückt zur Kenntnis nehmen, dass dieses, und zwar das Dallas Symphony Orchestra, mit der Einspielung von konzertanten Aufführungen während des Jahres 2024 eine sehr interessante Aufnahme zur Diskussion stellt. Von den ersten zarten Klängen bis hin zum Schluss, der das ansonsten überaus beifallsfreudige Publikum zunächst verstummen und danach in tosenden Applaus ausbrechen ließ, besticht die Aufnahme durch Klarheit, Eleganz, ein wunderbar ausgewogenes Verhältnis zwischen Stimmen und Orchester, klar umrissene Konturen, durch Durchsichtigkeit, durch die Zeit, die das Orchester sich nimmt, um „prominente“ Passagen vorzubereiten, die um so eindringlicher gelingen, je behutsamer sie vorbereitet wurden. Nicht selten wird durch „Entschlackung“ ein umso rauschhafterer Eindruck erzeugt, und die Sängerstimmen werden nie zugedeckt, sondern von der Begleitung behutsam getragen.

Nicht homogen, aber interessant ist die Sängerbesetzung, eine Mischung aus erfahrenen, reich an Wissen um die Partie seienden, aber auch erste Defizite aufweisenden, was die Frische der Stimme betrifft, mit Newcomern, die für sich die Unverbrauchtheit des Organs in Anspruch nehmen können.

Zu den ersteren gehören der Wotan von Mark Delavan und die Brünnnhilde von Lise Lindstrom. Der Bassbariton strahlt im Rheingold viel vokale Autorität aus, die nicht nur auf dem hörbaren Textverständnis beruht, klingt in der Walküre manchmal dumpf, aber weiß eine hochspannende Szene mit der Fricka der Walküre zu gestalten, um als Wanderer ein lustvolles Ping-Pong-Spiel mit Mime zu veranstalten,  geringe Stimmermüdungen geschickt als Gestaltungsmittel in der Auseinandersetzung mit Siegfried einzusetzen. Ein reifes, bewegendes Rollenportrait!

Die Siegfried-Brünnhilde mit ihrer vergleichsweise hohen Tessitura passt am besten zum   turandotgestählten Sopran von Lise Lindstrom, die beim Erwachen mühelos das Orchester überstrahlen kann, die mädchenhaft jung klingt und „Ewig war ich“ zu ihrer bemerkenswertesten Leistung werden lässt. In den beiden anderen Teilen vermisst man eine präsentere Mittellage, hört man auch manchmal Schärfe und reichlich Vibrato anstelle von Fülle, allerdings auch eine Todesverkündigung von schöner Sanftheit, und in der Götterdämmerung zwar keine Hochdramatische, aber eine hoch dramatisch vokal Agierende, so dass das Weltendrama würdig zum Ende kommt.

Über eine noch junge, gesunde Stimme kann man sich bei Daniel Johanssons Siegfried freuen, kraftvoll eingesetzt, über eine gute Diktion verfügend und unangefochten in den Schmiedeliedern voller vokalen Übermuts. Besser noch passt das männliche Timbre in die Götterdämmerung, wo er bei der Täuschung Brünnhildes einen Grauschleier über den Tenor zu legen scheint und für die „Heilige Braut“ viel Leuchten und Strahlen aufbringen kann, aber aus der Rolle keine Brüllpartie macht, sondern mit schöner messa di voce aufwarten kann.

Seinen Vater Siegmund singt Christopher Ventris mit nicht mehr ganz junger, aber Wissen und Erfahrung verratender Stimme, deren Höhe strahlen und den Hörer für die Figur interessieren kann. Mädchenhaft sanft ist die Sieglinde von Sara Jakubiak, die ihr Schicksal in höchst anrührender Weise dem Hörer zu vermitteln vermag und ihn im „Rette die Mutter“  erschauern lässt.

Eine im Rheingold etwas sopranlastig klingende Fricka ist Deniz Uzun, die in der Walküre viel vokale Autorität versprüht, unzählige Nuancen der Überredung sich steigernd bereit hält und hier auch wie ein echter Mezzosopran klingt, der auch der Waltraute gut ansteht. Eine sehr schöne Leistung!

Langjährige Erfahrung mit der Partie kennzeichnet  den Alberich von Tómas Tómasson, der durch Textverständlichkeit, seinen Widersacher Wotan manchmal an Stimmgewalt übertreffend, manchmal fast zu edel klingt, einen angsteinflößenden Fluch beisteuert und in der Götterdämmerung noch einmal großartigen Wagnergesang demonstriert.

Lise Lindstrom/Foto Rosie Hardy/Deutsche Oper Berlin

Mime ist Michael Laurenz mit dem die Partie charakterisierenden Greinen, ein durchdringender Charaktertenor, phänomenal textverständlich, mit allen Schattierungen der Falschheit in der Stimme im Siegfried aufwartend.

Noch einmal die phänomenale DDR-Diktionskultur im Operngesang aufblitzen lässt Roman Trekel als Gunther, geschmeidig verführerisch singt Kathryn Henry die Gutrune, während der Bass von Stephen Millings Hagen so schwarz und abgrundtief für den Hagen ist  wie dessen Seele.

Tamara Mumford wirkt als Rheingold-Erda noch wenig autoritär, weniger „sehend“ und „beschwörend“ als das Orchester. Im Siegfried gelingt der Sängerin ein feines Gespinst aus geheimnisvollen Tönen.

Gut aufeinander abgestimmt ist das Terzett der Rheintöchter mit dem schwebenden Sopran von Valentina Farcas ( auch ein munter zwitschernder Waldvogel) , dem handfesten Mezzo von Kimberly Gratland James und dem leichte Schärfen verratenden Alt von Renée Tatum. Geheimnisvolles Raunen verbindet die Nornen von Tamara Mumford, Jennifer Johnson Cano und Kathryn Henry.

Die beide Riesen sind mit dem tiefdunkel timbrierten, markanten Bass von Liang Li für den Fasolt und dem etwas dumpfer und geheimnisvoll klingenden ebenfalls Bass von Andrew Harris rollendeckend

Noch nicht von Verjüngungsapfelabstinenz gezeichnet sind die Stimmen von Laura Wilde (Freia), Jamez McCorkle  (Froh) und Hunter Enoch (Donner). Stefan Margita ist der feine Gesangsfäden spinnende Loge.

Man fühlt sich durch den Genuss dieses Ring des Nibelungen bereichert und wird in Zukunft bei Dallas nicht mehr an eine amerikanische Serie, sondern an Wagner denken (Delos 2026/ Abb. oben: Bühnenbild für Akt III von Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold von Richard Wagner von Max Bruckner/Ausschnitt/Wikipedia) Ingrid Wanja  

 

 

 

Festivals 2026

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Auch in diesem Jahr sind wir bei der Auswahl der besuchten Live-Aufführungen wählerisch und konzentrieren uns auf wenige und eben für uns interessante Operntitel oder -Locations. Eine Auflistung alle Festival-Beiträge finden sie hier.

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Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2026. Von Göttern und Lämmchen: Licht war das Motto der diesjährigen Festspiele und so konnte es im Eröffnungskonzert am 12. Juni 2026 in der Friedenskirche keine passendere Musik geben als die für den Sonnen-König, le Roi de soleil, komponierte von Jean-Philipp Rameau. Das Programm unter dem Titel Apoll, Gott des Lichts enthielt Szenen aus Anacréon, Pygmalion und Les Indes galantes, ergänzt um Opernszenen und Ballettmusiken von Francesco Cavalli und André Campra. Das Ensemble Correspondances musizierte unter der Leitung von Sébastien Daucé mit gebotener Verve und Delikatesse. Hierzulande weniger bekannte, aber sehr kompetente Solisten sorgten für vokale Glanzlichter – Caroline Weynants (Sopran), Blandine de Sansal (Mezzo), Etienne Bazola (Bariton) und als sensationelle Entdeckung der Haute-contre Bastien Rimondi, der mit „Règne, Amour“ aus Rameaus Pigmalion den Abend krönte.

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Am selben Ort gab es am 19. 6. 2026 eine konzertante Aufführung von Christoph Willibald Glucks Oper Orpheus  in der Fassung von Hector Berlioz aber in deutscher Sprache mit einem Counter statt der dafür von Berlioz vorgesehen Mezzosopraniostin (Paline Viardot). Gänzlich überflüssig, ja störend waren die Lichtspiele von Markus Guggenberger, welche den Kirchenraum in wechselnde bunte Farben tauchten. Ungewöhnlich war die Präsentation in deutscher Sprache, was aus der Übersetzung und Bearbeitung von Alfred Dörffel resultiert. Hier war das Barockorchester der Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach aufgeboten, welches von Michael Hofstetter geleitet wurde. Der seit Jahren im Bereich der Alten Musik tätige Dirigent zeigte schon in der Ouvertüre seinen straffen Zugriff und dramatischen Impetus, was sich später mit den harschen Klängen bei Orpheus´ Eintritt in die Unterwelt und dem rasanten Tanz der Furien mit den spannenden Einwürfen der Bläser wiederholte. Aber Hofstetter schenkte auch den lyrischen Teilen, wie dem kantabel ausgebreiteten „Reigen der seligen Geister“, genügend Aufmerksamkeit. Phänomenal war der Einsatz des CANTUS THURINGIA unter Leitung von Christoph Dittmar. Der klein besetzte Chor überraschte mit enormer Klangfülle und gesanglichem Wohllaut. Einzig die Textverständlichkeit war nicht optimal.

Der renommierte Countertenor Valer Sabadus überzeugte in der Titelrolle mit warmen, klangvollen Alt-Tönen und expressiver Gestaltung der Rolle. Die berühmte Arie „Ach, ich habe sie verloren“ formte er zwischen introvertierter Klage und schmerzlichem Aufschrei. Die von anderen wie Ewa Podles gesungene Barvourarie (Bertoni/Gluck/Berlioz) gab es nicht.  Julia Kirchner als Eurydike ließ einen Sopran von reicher lyrischer Substanz und leuchtender Höhe hören. Anna Christin Sayn komplettierte als Amor mit keckem Auftritt und mädchenhafter Stimme. Alle Solisten, der Chor und das Orchester vereinten sich am Ende zum jubelnden Schlussgesang „Triumph sei Amor“ – vom Publikum mit reichem Beifall bedacht, worauf die Künstler die Nummer großzügig wiederholten.

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Stets präsentieren die Festspiele auch eine barocke Rarität – in diesem Jahr Giovanni Battista Bononcinis Pastorale von 1702 Cefalo e Procride. Nach dem Riesenerfolg seines Polifemo bei den Festspielen 2019 war man auf eine ähnlich spannende Wiederentdeckung gespannt. Das Geschehen kreist um ein mythisches Liebespaar – den Jäger Cefalo und seine Frau Procride. Die Göttin der Morgenröte Aurora, einst mit Cefalo in Liebe verbunden, versucht vergeblich, den Sterblichen zurückzugewinnen. Gekränkt ob der Verweigerung, überredet sie ihn, die Treue seiner Geliebten zu erproben. Eifersucht und Argwohn führen zu Irrtümern, gar Katastrophen mit tödlichem Ausgang, welche erst das Eingreifen des Sonnengottes Titone zum Guten wenden.

Aufführungsort war die Pflanzenhalle im Orangerieschloss Sanssouci, wo Michiel Dijkema die Handlung auf der von ihm selbst gestalteten Bühne recht neckisch und mit Augenzwinkern arrangiert hatte. Auch in den Kostümen von Jula Reindell gibt es ironische Tupfer, so bei den dominanten Schaffell-Accessoires, mit denen nicht nur mehrere Figuren ausgestattet sind, sondern auch die Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin. Sie spielen in der Mitte der langen Halle und sind eingeschlossen in einem quadratischen, mit Naturrasen bedeckten Podium. Zu dessen beiden Seiten sind die Sitzreihen postiert, so dass auch in beide Richtungen gesungen und agiert wird, was akustische und optische Einbußen mit sich bringt. Auf einer hohen Leiter thronen eine Erdkugel mit metallischen Meridianen und ein goldener Bilderrahmen für die Übertitel und Schäfchenbilder.

Prominentester Vertreter der Besetzung war der ukrainische Counter Yurij Minenko als Cefalo mit seiner individuell getönten, sinnlichen Stimme mit warmem, resonantem Alt-Klang. Mit Procride hat er virtuose und auch gefühlsbetonte Duette zu singen, welche dank des hellen, klaren und obertonreichen Soprans von Jiayu Jin zu wunderbaren Momenten harmonischen Gesangs gerieten. Mit ihrer bis zum Keifen strengen Stimme setzte sich die Britin Chloë Morgan als wütende Aurora im golden glitzernden Anzug deutlich von Procride ab. Imposante tiefe Töne brachte Bariton Jonathan Eyers als Titone im silbernen Metallic-Anzug ein. Die österreichisch-italienische Sopranistin Anita Rosati komplettierte die Besetzung als Waldnymphe Atenice mit nicht genügend fokussierter Stimme.

Für Bononcinis reizvolle Musik mit ihren heiteren Stimmungen, dem wiegenden Melos und tänzerischen Rhythmus war die AkaMus das denkbar beste Ensemble. Sie kontrastierte bezwingend Naturidylle und Schäferparadies mit menschlichen Spannungen gleich hereinbrechenden Gewittern. Die Premiere am 24. 6. 2026 wurde vom Publikum mit reichem Beifall honoriert. Bernd Hoppe (Fotos folgen/G.H.)

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Göttingen. Internationale Händel-Festspiele. Holidays in Greece. „Verlockung“ lautete der Titel der diesjährigen Festspiele, die am 14. Mai 2026 mit einem Gala-Konzert des FestspielOrchesters Göttingen in der Stadthalle eröffnet wurden. Der Klangkörper feierte sein 20jähriges Jubiläum und demonstrierte mit Werken von Rameau, J. S. Bach und Händel seine Vielseitigkeit im barocken Repertoire sowie  mit der Uraufführung der Auftragskomposition Parea von Hanneke van Proosdij auch seine Affinität zur zeitgenössischen Musik.

Dirigent George Petrou, Künstlerischer Leiter der Festspiele, stand am nächsten Abend erneut am Pult seines Orchesters bei der diesjährigen Festspielaufführung (in Koproduktion mit dem Wexford Festival Opera). Händels letzte Oper, Deidamia, uraufgeführt 1740 in London, kreist um einen Mythos aus dem Trojanischen Krieg. Geweissagt wurde, dass der Held Achilles sterben würde, wenn er mit den Griechen in den Krieg um Troja ziehen würde, weshalb er sich auf der Insel Skyros bei König Lycomedes in Frauengewändern unter dem Namen Pyrrha versteckt und sich dort in dessen Tochter Deidamia verliebt. Da den Griechen prophezeit wurde, dass der Trojanische Krieg ohne Achilles nicht zu gewinnen sei, landen Odysseus und Phönix auf der Insel, um den Helden zu suchen. Sie erkennen bei einer Jagd, dass Pyrrha in Wahrheit Achilles ist, der schließlich mit in den Krieg zieht, zuvor aber Deidamia heiratet.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Petrou inszenierte das Stück mit einer in der Gegenwart verorteten Rahmenhandlung. Acht Mitglieder des Kammerchores der Universität Göttingen agieren als Touristen und Bewohner der Insel – am Strand, auf einem Jahrmarkt und im Archäologischen Museum. Das ergibt viel illustrierendes Beiwerk, das nicht selten von den Darbietungen der Sänger ablenkt. Besonders ärgerlich ist, dass die Aktionen der Statisten oft im Vordergrund der Bühne platziert sind, während die Sänger ihre schwierigen Arien im Hintergrund absolvieren müssen. Ausstatterin Giorgina Germanou hat die beiden Ebenen der Antike und Gegenwart geschickt verknüpft. Vor allem bei den Kostümen ist das perfekt gelungen. Die historischen Figuren tragen hinreißende griechische Gewänder und attraktive Rüstungen, die zeitgenössischen heutige Alltagskleidung mit Bademoden, Ferien-Outfits und Basecaps. Die hintere Begrenzung der Bühne mit Himmel und Meer suggeriert mediterrane Stimmung, mehrfach werden darauf Postkarten mit Urlaubsgrüßen projiziert.  Verschiedene Requisiten wie ein gestrandetes Boot oder Reste antiker Säulen schaffen passende Schauplätze für die Handlungsstränge. Auch einzelne Video-Projektionen, so die flatternden Vögel zu Deidamias Nachtigallen-Arie am Ende des 1. Aktes oder ein Plakat, das einen Film über Odysseus´ Irrfahrten im Kino ankündigt, sind stimmige Einfälle. Weniger überzeugt die Umsetzung des lieto fine, in welchem musikalisch allgemeiner Jubel ertönt, Petrou aber eine totale Gefühlsverwirrung der Figuren zeigt, Soldaten in Camouflage-Uniformen auftreten lässt und auf einen Gaze-Vorhang Bilder von Krieg und Zerstörung projiziert.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Glanzvoll ist die musikalische Seite der Produktion. Petrous energischer Zugriff kündigt sich schon in der straffen Ouverture an und führt immer wieder zu spannenden, Affekt geladenen Momenten. Der Kammerchor der Universität Göttingen (Einstudierung: Antonius Adamske) kann in der Jagdszene und im Finale („Non trascurate, amanti“) mit klangvollem Gesang aufwarten und sich darüber hinaus auch darstellerisch profilieren.

Sensationell ist das Ensemble, das Sophie Junker in der Titelpartie anführt. Die belgische Sopranistin mit heller, klarer Stimme und nobler Aura imponiert mit substanzreicher Mittellage wie müheloser Höhe. Mit ihrer Arie „Nasconde l´usignol“, in welcher sie mit stupender  Virtuosität Vogelstimmen imitiert, sorgt sie für einen vokalen Höhepunkt. Kontrastreich dazu das von Ängsten um Achilles´ Beständigkeit gezeichnete „Se il timore“ und furios am Ende des 2. Aktes der vehemente Ausbruch „Va´, perfido!“ mit dem rasenden Mittelteil. Nicht minder gefiel Sarah Gilford als Deidamias Vertraute Nerea mit lebhaftem Spiel und munterem Gesang. Die britische Sopranistin entzückte mit dem koketten „Si, che desio quel che tu brami“ und dem überschwänglichen „D´amor nei primi istanti“. Ein Auftritt des Sopranisten Bruno de Sá sorgt stets für Aufsehen – einerseits wegen des exaltierten, zuweilen gar hysterischen Spiels, zum anderen wegen der außergewöhnlichen Stimme. Als Achille verblüffte er wiederum mit seinen stupenden Tönen in der Extremhöhe und dem mühelosen Fluss der Koloraturen. Besonders im heroischen „Ai greci questa spada“ konnte er diese beiden Vorzüge in einer spektakulären Darbietung vereinen.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Ein angemessener Kontrast zu ihm war der Counter Nicolò Balducci als Ulisse mit viriler, nie verzärtelter Stimme. In der getragenen Arie „Perdere il bene amato“ wartete er mit warmen, sinnlichen Tönen auf, zu denen der furiose Mittelteil „Furore disperato“ einen effektvollen Gegensatz bildete. Zärtlich und schmeichelnd ertönte „Un guardo solo“, welches er mit einer kunstvollen Kadenz krönte, bis das Duett mit Deidamia, „Ama nell´armi“, die Oper mit opulentem Gesang beendet.

Der Bariton Rory Musgrave als Fenice und der Bassist Petros Magoulas als Licomede steuerten kompetent die tiefen Töne bei. Ersterer hatte in „Degno più di tua beltà“ Gelegenheit, seine markante Stimme mit potenter Höhe auszustellen, Letzterer zügelt seiner autoritär dröhnende Stimme in einer surrealen Unterwasserszene bei „Nel riposo“ zu einer philosophischen Lebensweisheit. Die Premiere am 15. Mai 2026 endete im anhaltenden Jubel des Publikums im Deutschen Theater. Bernd Hoppe

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Festspiele 2025:

Im Pflegeheim und Krankenhaus – Donizetti Opera: Das Festival in Donizettis Geburtsstadt Bergamo zeigte 2025 Caterina Cornaro, Il furioso nell’isola di San Domingo sowie die beiden Einakter Il campanello und Deux hommes et une femme.

 Die vergangene Dekade hat dem Donizetti Festival, das unterschiedliche Namen trug, aber seit zehn Jahren als Donizetti Opera firmiert, viel Beachtung sowie Preise und Auszeichnungen eingebracht. Die kluge Programmgestaltung, die Öffnung nach vielen Seiten, das Vermittlungsangebot und die internationale Vernetzung wurden gewürdigt. Nach dem überraschenden Rückzug des bisherigen künstlerischen Leiters, Francesco Micheli, wurde dem seit 2017 als Direttore Musicale des Festivals fungierenden Riccardo Frizza aufgrund seiner künstlerischen Erfolge zusätzlich der Posten des Künstlerischen Leiters übertragen. Der international gut beschäftige 54jährige Dirigent aus dem unweiten Brescia wird für Kontinuität und die internationale Anerkennung der Festspiele sorgen, die sich weiterhin auf die drei Wochenende zwischen Mitte November und Anfang Dezember konzentrieren und stets drei Opern präsentierten. So auch in diesem Jahr. Und wieder im Teatro Donizetti in der modernen Unterstadt, der Città Bassa, sowie im Teatro Sociale in der mittelalterlich geprägten Oberstadt, der Città Alta. Das verbindende Thema sei „Il matrimonio“, „die Hochzeit“, was aber genauso austauschbar und inhaltlos wie die Motti ist, mit der hierzulande die Spielzeitprogramme überschrieben werden. Was nicht heißt, dass Hochzeiten, unglückliche, erzwungene oder getrübte, in den Opern nicht eine unwesentliche Rolle spielen

Gaetano Donizetti/ Museo Bergamo/ Wikipedia

Die von den Doppel-Direttore Frizza im Teatro Donizetti geleitete Caterina Cornaro von 1844, die letzte der zu seinen Lebzeiten aufgeführte Oper Donizettis, ist zwar keine ausgesprochene Rarität, doch Donizetti Opera spielte erstmals die Fassung „con l’intero testo poetico musicato da Donizetti e il finale secondo la volontà del compositore“. Eine ausgesprochene Rarität dagegen ist Il furioso nell’isola di San Domingo (Der Wahnsinnige auf der Insel Santo Domingo) von 1833, die ebenfalls im Teatro Donizetti „nella versione integrale della partitura del 1833“ aufgeführt wurde. In Teatro Sociale gab es eine Produktion mit zwei Einaktern: die Farsa Il campanello von 1836 in der Fassung von 1837 sowie die 1860 posthum uraufgeführte Opéra-comique Deux hommes et une femme, die mit dem italienischen Text von Enrico Colosimo auch als Rita bekannt ist

Der zwölf Jahre nach Donizettis Tod an der Opéra Comique in französischer Sprache uraufgeführte Einakter Deux femmes et une femme wirkt in seiner Beschränkung auf drei Personen und der Abfolge der Nummern, drei Arien, drei Terzette, dazu Ouvertüre, Terzett und Vaudeville, wie eine Reminiszenz an Rossinis frühe Farsen, doch die zwischen La fille du régiment und Don Pasquale entstandene Musik greift den Geist der französischen Musikkomödien der 1840er Jahre auf und versprüht romantische Duftigkeit. Sie ist von bezaubernder Anmut, besitzt Esprit und Witz. Als er 1838 in Paris eintraf, beschäftigte sich Donizetti im Auftrag der Opéra Comique mit einer heiteren Oper, für die ihm der Komödienspezialist Gustave Vaëz einen Originalstoff einrichtete: Die Wirtin Rita ist mit Pepé verheiratet. Da sie von ihrem ersten Mann Gasparo geschlagen wurde, schlägt sie nun ihrerseits Pepé. Gasparo gilt seit einem Schiffsunglück als verschollen. Ein Fremder taucht im Gasthof auf. Es handelt sich natürlich um Gasparo. Pepé wittert seine Chance, Rita loszuwerden. Als Gasparo erkennt, dass seine Frau, von der meinte, sie sei bei einem Brand umgekommen, noch lebt, will er abhauen. Beide Männer spielen um Rita. Der Sieger im Spiel muss Rita nehmen. Gasparo gewinnt bzw. verliert, denn er muss Rita zurücknehmen. Mit einer List gelangt Gasparo aber an die alte Heiratsurkunde und verprügelt Pepé, der verspricht, Rita zu behalten. Die Aufführung an der Opera Comique zerschlug sich, ebenso in Neapel, wohin das Werk 1841 geschickt wurde. Erst 1860 fand die späte Uraufführung statt; Bergamo präsentierte jetzt die Edizione critica von Paolo A. Rossini und Francesco Bellotto.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Il Campanello“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Der in Neapel spielende und dort 1836 im Teatro Nuovo uraufgeführte Einakter Il campanello bzw. Il campanello di notte (Die Nachtglocke) um den Apotheker Don Annibale Pistacchio, der die junge Serafina heiratet, ist dagegen bekannter. Serafinas Ex-Lover Enrico will dem Paar die Hochzeitsnacht vermiesen, läutet die Nachtglocke und hält den Apotheker in wechselnden Verkleidungen vom Vollzug der Hochzeitsnacht ab. Am nächsten Tag muss Don Annibale in dringenden Geschäften nach Rom. Enrico freut sich. In Bergamo wurde jetzt erstmals Ilaria Naricis kritische Ausgabe jener Fassung aufgeführt, die Donizetti selbst 1837 für das Teatro del Fondo in Neapel erstellte, wobei er die Sprechtexte durch Seccorezitative von Salvadore Cammarano und den neapolitanischen Dialekt durch Italienisch ersetzte.

Stefania Bonfadelli inszenierte die beiden jeweils gut einstündigen Komödien mit merklicher Lust (28. November). Die einstige Belcanto-Virtuosin kennt das Metier, hat sich als Regisseurin mehrfach ausgezeichnet, darunter 2017 mit Un giorno di regno in Martina Franca sowie anschließend bei Rossini in Wildbad mit Matilde di Shabran und La scala di seta, und setzt die jungen Absolventen der Talentschmiede Bottega Donizetti mit gewinnender Lässigkeit in Szene. Man merkt Bonfadelli an, dass ihr die Stoffe zu dünn und leicht erscheinen, weshalb sie die Farsa und die Opéra comique geschickt verschränkt: das Hotel Rita befindet sich direkt neben der der Pharmacie Pistacchio. So kommt es, dass sich der unförmige Hausdiener mit dem Servierschürzchen nach der Pause im zweiten Stück als Pepé herausstellt, in der Apotheke die Jalousie heruntergelassen wird, während Serafina und Enrico sich zum Schäferstündchen zurückzeihen, aber sich schließlich völlig entzweien usw. Bonfadelli hat die beiden Stränge unaufdringlich in Beziehung gesetzt und in die frühen 1960er Jahre verlegt, was den Chordamen und köstlichen stummen Darstellerinnen zu sehenswerten Hochfrisuren verhalf. In Campanello machte der sehr junge Pierpaolo Martella mit seinem dunkel kernigen, gutsitzenden Kavaliersbariton als Don Annibale bella figura. Erstaunlicherweise ist auch der Enrico ein hoher Bariton. Francesco Bossi nutzte die vielen Bravourszenen, die ihm Donizetti gab, gefällt durch Leichtigkeit und rasant prasselndes Plapper-Parlando, etwa in seinem Brindisi „Mesci, mesci, e sperda il vento“ oder in der Verkleidung als alter Mann, der Rezepte und Arzneien herunterrattert; „Mesci, mesci, e sperda il vento“ ersetzte in der zweiten Fassung das ursprünglich eingelegte Orsini-Lied “Il segreto di esser felice“, das Ugo Mahrieux anschließend aparterweise im Fortepiano sanft anklingen ließ. Mit kräftiger Soubrettensüße gab Lucrezia Tacchi die Serafina, während sich Eleonora de Prez als deftige Madama Rosa ihrem Schwiegersohn an den Hals schmiss. Während Campanello doch sehr schablonenhaft bleibt, ist Deux homme et une femme das reichere Stück, mit dem Donizetti die für ihn typische Schwebelage von Witz und Ernst und Melancholie schön austariert. Christina De Carolis war die etwas säuerlich spitz klingende Rita mit hurtigem Ziergesang. Eine Überraschung bot der offenbar bestens an Mozart und Belcanto-Etüden geschulte Chilene Cristóbal Campos Marín, der den Pepé mit eleganter Klangfülle, Stilgefühl und ironischem Funkeln gab. Alessandro Corbelli, mindestens eine Generation älter als die ihm anvertrauten Schüler, spielte als Gasparo seine jahrzehntelangen Erfahrungen aus und trumpfte mit lautem Ton und praller vis comica auf. Für die musikalisch treffsichere Verblendung der Stücke war Enrico Pagano zuständig, der mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchestra Gli Originali einen beseelten, punktgenau reagierenden Komödienton realisierte.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „I Furioso al Isola di San Domiungo“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

In der Uraufführung von Il campanello sang Giorgio Ronconi die virtuose Partie des Enrico. Er hatte drei Jahre zuvor seine erste Donizetti-Partie kreiert, als er die Titelrolle in Il furioso nell’isola die San Domingo gesungen hatte. Die Geschichte um Cardenio, der über den Betrug seiner Frau Eleonora verrückt wurde und deshalb seit einigen Jahren auf der Insel San Domingo lebt, ist eine der merkwürdigsten, die Donizetti vertont hat. Es ist zugleich die erste Oper, in der er dem Bariton eine Hauptrolle übertrug. Giorgio Ronconi war bei der Uraufführung von Il furioso nell’isola di San Domingo am 2. Januar 1833 am Teatro Valle in Rom erst 22 Jahre alt. Ronconi wirkte noch in weiteren Uraufführungen Donizettis mit, darunter als wichtigste im gleichen Jahr und am gleichen Haus Torquato Tasso, und kreierte 1842 den Nabucco. Das auf der Titelseite als Melodramma bezeichnete Werk, zu dem Rossinis Aschenputtel-Dichter Jacopo Ferretti das Libretto nach einer Episode aus Don Quijote verfasste, ist der Gattung nach eine Semiseria, also eine halbernste Geschichte und behandelt den holprigen Heilungsprozess des Cardenio, der von Bartolomeo und seiner Tochter Marcella betreut wird und dem unabhängig voneinander Eleonora und sein Bruder Fernando auf die Insel folgen. Für die Semiseria-Elemente ist der von einem Bassbuffo gesungene Diener Kaidamà zuständig. Er ist ein Schwarzer, in der aktuellen Inszenierung ein Clown. Gespielt wurde die zu Donizettis Lebzeiten ungemein erfolgreiche Oper zuletzt 2006 in Gelsenkirchen in Andreas Baeslers Einer flog über das Kuckucksnest-Inszenierung und 2013 beim Festival in Bergamo (mit Simone Alberghini und Cinzia Forte); ich erinnere mich recht gut an die Aufführung 1987 in Savona (unter Carlo Rizzi mit Stefano Antonucci und Luciana Serra). Die aktuelle Produktion in Bergamo benutzt die Edizione critica von Eleonora Di Cintio. Bereits während der originalen zweiteiligen Sinfonia, die Alessandro Palumbo anstelle des 1833 in Rom gespielten Preludios benutzt, führt uns die wirkungsvoll gesteigerte Larghetto-Allegretto-Form in ein Altersheim, wo der alte Cardenio in seinen Erinnerungsstücken kramt und seine Gedanken, trotz der Einlenkungen der jungen Pflegerin, zurück auf die Insel San Domingo schweifen. Das kleine Zimmerchen weitet sich, die hübsche hellbunte Tapete mit Flora und Fauna aus exotischen Regionen wird zum karibischen Inselreich. Immer wieder zoomen Regisseur Manuel Renga und sein Ausstatter Aurelio Colombo, die durch den kürzlich beim Verdi Festival in Busseto erarbeiten Macbeth in Erinnerung sind, durch die horizontale und vertikale Verengung des schwarzen Rahmens in die kleine Kammer des greisen Cardenio, der sich anfangs noch als junger Mann an der Seite seiner Braut Eleonora sieht, aber mehr und mehr in einen Strudel gezogen wird, in dem er und die Zuschauer nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden können. Renga gelingt es, diese Verschiebung der Zustände sehr überzeugend ohne inszenatorische Kapriolen auszuspielen, denn der Zustand des sich mal mit seiner Vergangenheit, sprich mit Eleonora, versöhnenden, dann wieder selbstmörderisch wütenden Cardenio wäre auf der Bühne tatsächlich schwer zu fassen. Bei Renga und Colombo werden ein Schrank zur Tür zur Außenwelt, schweben Möbel und Gegenstände im ersten Finale durch die Luft. Endlich klärt sich Cardenios Zustand und, obwohl vieles ringsum in Trümmern liegt, stellen sich er und Eleonora nochmals zum Hochzeitsfoto in Positur. Der alte Cardenio (Andrea de Manincor) und die ihn umhegende alte Eleonora beschauen sich die Idylle, von der wir nicht wissen, ob sie Wirklichkeit oder Traum ist. Gleichmals bezwingend gestalten Polumbo und das Orchestra Donizetti Oper diese in den ersten Jahrzehnten nach der Uraufführung populäre Oper, die eine stärkere Verbreitung verdient hätte. Spannend und wie aus einem Guss wölben sie in dem Meisterwerk aus Donizettis mittlerer Periode einen Bogen von der Sinfonia über die reichen Ensembleszenen, das vielgliedrig aufgedröselte und dann wieder virtuos geballte erste Finale, die beiden interessanten Duette Cardenios mit Kaidamà und sein Duett mit Eleonora –  dazu die Cavatinen der Eleonora und des Fernando – bis zum Rondo „Se pietoso d’un obblio“ der Eleonora. Obwohl das Finale der Primadonna gehört, bleibt Cardenio die zentrale Figur. Es ist eine der anspruchsvollsten Partien, die Donizetti für Bariton geschrieben hat. Der ariose, deklamatorische und reich durchbrochene Gesangspart, reizt den gesamten Tonumfang eines Baritons aus, fordert Sprünge und lange, edle Phrasen, so dass auch der mit prächtig ausladendem Bariton und glanzvoller Höhe singende Paolo Bordogna in der Tiefe einige Male in Bedrängnis kommt und mehrfach wünscht man, dass der energische, steifgerade Ton sich zu einem warmen Legato weitet. Ein brillanter Singdarsteller ist der Bariton Bruno Taddio, bei dem Singen und Spielen gleichwertig ausbalanciert sind, sein Kaidamà ist ein trauriger Clown, der sich am Ende seine Schminke aus dem Gesicht wischt. Durchaus brillant singt der italo-argentinische Tenor Santiago Ballerini den Fernando, der als Figur ein Solitär bleibt, während Valerio Morelli und Giulia Mazzola als Bauer Bartolomeo und seine Tochter Marcella viele Ensembleszenen mit kräftigen Akzenten versahen. Als Eleonora verbindet Nino Machaidze mit dunkelschwerem melancholischem Timbres und runden Höhen die Brillanz und Koloraturfertigkeit eines Soprano leggero mit der Fülle und Entfaltung eines Soprano lirico, dem im ersten Finale viel an dramatischer Kraft und Agilität abverlangt wird. Eine großartige Aufführung (29. November).

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Catarina Cornaro“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Männer, die sich in wahnhafte Vorstellungen flüchten, bleiben bei Donizetti die Ausnahme. Wahn bleibt den Damen vorbehalten. Caterina Cornaro folgt dieser Regel perfekt. Zumindest in der mit dem Teatro Real in Madrid koproduzierten Inszenierung des einstigen Festspielleiters Francesco Micheli. Da sitzt also eine hochschwangere Frau im roten Kleid im Krankenhaus, wartet auf Schwestern oder Ärzte, die ihr Röntgenaufnahmen zeigen oder Auskunft über das Befinden ihres Gatten geben. Im Lauf des langen Wartens verschlechtert sich offenbar der Zustand des Mannes, im Krankenbett wird er von einem Raum in den anderen geschoben, ein Arzt, in dem findige Zuschauer den einstigen Geliebten Gerardo erkennen, kommt in höchster Eile hinzu und greift zum Operationsbesteck. Doch alles vergebens. Das ist ein Strang in Michelis Erzählung, denn die Frau, eine moderne Schwester der Caterina Cornaro, wischt über Handyfotos und erinnert sich an Venedig, „C’era una volta a Venezia“. Zwischendurch werden ihre Gedanken und Wünsche auf die Wände projiziert, was der Aufführung nicht unbedingt bekommt, denn Caterinas peinliches Plappern wirkt wie aus einer Vorabendserie, „Um zu überleben habe ich eine andere Liebe gewählt“, „Ich bitte dich Geliebter, lebe“, „Unser Sohn soll seinen Vater kennenlernen“. Begleiterinnen erscheinen in schönen Renaissanceroben (Alessio Rosati), entsprechende Architekturteile, die Matteo Paoletti Franzato erdacht hat, formen sich zu Sälen und Raumfluchten.

Wir erinnern uns: Caterina (1454-1510) war die letzte Königin von Zypern (1473-89). Als sie 14 Jahre alt war, wählte sie Jakob II. von Lusignan, der König von Zypern, zur Gattin. 1472 segelte Caterina nach Zypern, wo die Hochzeit stattfand. Bereits wenige Monate später starb Jakob II. Auch ihr nach dem Tod des Gatten geborener Sohn, für den sie die Regentschaft übernommen hatte, starb noch als Säugling, worauf Caterina rechtmäßige König von Zypern wurde. Um sich Zyperns zu bemächtigen, zwang die Republik Venedig Caterina zu Abdankung. Die einem alten Patriziergeschlecht entstammende Caterina, die von Bellini und Tizian gemalt wurde, behielt den Rang einer Königin und wurde ins goldene Exil nach Asolo gedrängt, wo sie ihre Residenz mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern zu einem Musenhof ausbaute. Auch einige Opern behandelten ihr Schicksal. Darunter Halévys La reine de Cypre (1841)., auf die Giacomo Sacchero zurückgriff, als er für Donizetti Caterina Cornaro verfasste, wo die kurz vor der Eheschließung mit Gerardo, ursprünglich Gerard de Coucy, stehende Caterina durch Mocenigo, der die Interessen der Republik vertritt, gezwungen wird, Lusignano zu heiraten. Andernfalls werde Gerardo umgebracht. Caterina lässt sich darauf ein, bleibt dem 14 Jahre älteren Lusignano, der sie aufrichtig liebt, eine gefühlskalte Gattin. Die Männer begegnen sich, erkennen, dass sie beide von der Republik Venedig getäuscht und um ihre Liebe gebracht wurden. Gerardo letzte Begegnung mit Caterina ist nur noch Entsagung. Beide Männer sterben im Kampf für Zyperns Unabhängigkeit.

Ursprünglich bestimmte Donizetti seine Caterina Cornaro 1842 für Wien, doch als er vom Münchner Erfolg von Lachers Caterina Cornaro-Oper hörte, bestimmte er seine Version für Neapel, wo sie am 12. Januar 1844 am Teatro San Carlo uraufgeführt wurde. Da er sich für eine Reise zu schwach fühlte, hatte Donizetti Saverio Mercadante gebeten, ein Auge auf die Vorbereitungen zu haben, und war dennoch voller böser Vorahnungen. Die Uraufführung war ein Fiasko. Das Stück mit seinem überlangen Prolog und dem sehr kurzen zweiten Akt ist beklemmend und düster. Darüber kann auch der Chor der Festgäste nicht hinwegtäuschen, denn rasch trübt der Auftritt des Mocenigo das musikalische Geschehen derart ein, dass nicht nur der ausführliche Prolog von einer nächtlichen düster-dichten Stimmung beherrscht wird, die an den Prolog von Verdis Simone Boccanegra erinnert, sondern das ganze Stück wie mit Trauerflor umrandet bleibt. Nur einmal im ersten Duett Caterina/ Gerardo „Dolce amor mio“ flammen Liebe und Leidenschaft auf. Der Rest ist dann Leiden, Aufopferung, Hingabe. Carmela Remigio, beliebt in Bergamo, wo sie u.a. Lucrezia Borgia und Mayrs Medea war und in Il castello di Kenilworth gesungen hat, sang die Caterina gleich in ihrer Arie „Vieni, o tu, che ognora io chiamo“ mit flacher, farb- und glanzloser Stimme und anämischer Gleichförmigkeit, die zur Hochschwangeren passt. Aber zu einer verdienten Neuentdeckung und einer vierten großen Donizetti-Königin in der Reihe von Anna Bolena, Maria Stuarda und Elisabetta in Roberto Devereux, als welche Riccardo Frizza die Caterina Cornaro sieht, reicht es nicht. Die in Bergamo gespielte alternative Fassung enthebt Caterina ihrer Schlussarie, da sie mit dem Tod des Lusignano endet, der Caterina noch gesteht, dass auch Gerardo im Kampf für ihn gefallen sei.

Als Gerardo ist der Sizilianer Enea Scala dagegen ein feuriger Liebhaber, wie ihn sich jede Königin nur wünschen könnte. Scala hat einen schmalen, gut fokussierten und leuchtkräftigen Tenor, singt mit fabelhafter Diktion, geradezu ekstatischer Leidenschaft, manchmal ein wenig kurzatmig im Überschwang und mit gleichförmiger Klangpracht, doch verschwenderischer Energie. Die hatte Vito Priante nicht. Der Bariton musste nach der Romanze des Lusignano aufgeben. Das Cover sang zunächst hinter der Bühne, bevor der südkoreanische Bariton Wonjun Jo ab dem zweiten Teil auch szenisch präsent war. Jo nutzte die Chance als Einspringer, sang mit unerschütterlich festem und sicheren Bariton. Die darstellerische Tapsigkeit sieht man dem armen Mann auf der Krankenliege bzw. im Krankenhaushemdchen gerne nach. Mit seinem nachtschwarzen Bass, der jedermann das Fürchten lehrt, machte Riccardo Fassi als Mocenigo großen Eindruck; dieser Vertreter der Republik wirkt wie ein Sendbote der Hölle, der alle Fäden in der Hand hält. Noch ein Einspringer. Am Morgen der Aufführung (30. November) stellte sich heraus, dass Frizza die Oper nicht würde dirigieren können. Der 28jährige Aram Khacheh war ein vollwertiger Ersatz und leitete das Orchestra Donizetti Opera und den Coro dell‘Accademia Teatro alla Scala, der alle drei Opern souverän bewältigte, mit stupender Sicherheit und Präzision. Der in Rom geborene Sohn persischer Elterngewann hatte im Vorjahr den Cantelli-Wettbewerb gewonnen und bewies sich auf Anhieb als Ausnahmetalent. An ihm lag es nicht, dass die Caterina Cornaro dennoch eine Enttäuschung blieb.

2026 gibt es L’esule di Roma, Alahor in Granata und Le convenienze ed inconvenienze teatrli. Rolf Fath

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Teatro Municipale Piacenza – Trilogia Popolare: Welch interessante Idee. Ein Sopran, ein Tenor und ein Bariton singen drei Opern Giuseppe Verdis innerhalb von fünf Tagen. Ich hatte mir das schön vorgestellt, zugleich könnte es Aufschluss darüber geben, wie in einem kleineren oder mittleren italienischen Haus die Werke des Großmeisters behandelt werden. Wobei das sicher keiner in dem zwischen Mailand und Parma gelegenen Piacenza gerne hören möchte, wurde doch das 1804 mit einer Oper von Giovanni Simone Mayr eröffnete Teatro Municipale gerne mit der Mailänder Scala verglichen, nachdem ihm der Architekt und langjährige Bühnenbildner der Scala, Alessandro Sanquirico, um 1830 die heutige Fassade angepasst hatte. Klein ist das neoklassizistische und teils rokokohaft verspielte gold-rote Opernhaus mit seinen fünf Rängen keineswegs, doch sehr häufig bespielt wird es nicht. Das Opernprogramm macht, wie in mehreren Städten in der Lombardei oder Emilia Romagna, einen reichen Eindruck, doch die fünf oder sechs Titel werden jeweils nur zweimal gegeben und wandern von Ort zu Ort, darunter Como oder Brescia, Cremona, Modena, Reggio Emilia, Pavia, Lecce oder eben auch Piacenza. Der Verbund der OperaLombardia wirkt da segensreich, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Land der Oper die Häuser abends viele häufiger geschlossen als festlich erleuchtet sind. Doch, wenn sie öffnen putzen sich alle heraus.

Piacenza/“Rigoletto“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Piacenza, zu dessen Provinz immerhin Verdis Landgut in Sant’Agata gehört, hat sich als Reaktion auf das gerade zu Ende gegangene Festival Verdi in Parma etwas Eigenes einfallen lassen: eine Piacentiner Produktion der Trilogia Popolare mit den drei gleichen Sängern. In zwei chronologischen Durchläufen. Das ist wie der Ring innerhalb von sechs Tagen. Trilogia Popolare muss man in Italien nicht erklären. Es handelt sich um die drei populärsten Opern von Verdi, die natürlich in kleinster Weise als eine solche Trilogie geplant waren oder eine Einheit bilden, die Nummern 17 bis 19 in Verdis Opernkatalog bzw. der 1851 in Venedig uraufgeführte Rigoletto, Il Trovatore, der im Januar 1853 in Rom herauskam, sowie die knapp sechs Wochen später wieder in Venedig erstmals aufgeführte La Traviata. Die Bezeichnung entstand aufgrund der anhaltenden Popularität erst im Nachhinein. Antonio Gramsci, Schriftsteller, Politiker und Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens, erkannte ihre Bedeutung für die nationale Kultur und bezeichnete sie als „autenticamente nazionalpopolare“. Rigoletto und La Traviata haben einiges gemeinsam. Beide basieren auf französische Vorlagen von Victor Hugo bzw. Alexandre Dumas fils, zu den Piave die Libretti verfasste, beide wurden auf unterschiedliche Weise von der Zensur gebeutelten und beide nehmen durch ihre emotionale Darstellung zweier Außenseiter ein, mit denen Verdi die Bourgoisie seiner Zeit kritisierte. Der vergleichsweise konventionelle Trovatore war trotzdem oder gerade deshalb die im 19. Jahrhundert meistgespielte Oper Verdis. Alle drei stellen einen Kraftakt nicht nur für ein Theater von der Ausstattung des Teatro Municipale in Piacenza dar.

Die drei Sänger waren Luca Salsi und Francesco Meli, beide ausgesprochen Stars in ihrer Heimat, sowie die Newcomerin Maria Novella Malfatti. Für den unweit von Piacenza geborenen Salsi ist es ein Heimspiel, auch Meli stammt im weitesten Sinn aus der Gegend, nämlich aus Genua. Die 32jährige Malfatti kommt aus der Toskana. Der Wechsel von einer Oper zur anderen sollte ihnen kein Problem bereiten. Die Sänger der Uraufführungen waren stilistisch breit aufgestellt. Die erste Gilda hatte beispielsweise vorher Odabella und Abigaille gesungen, was man heute von keiner Gilda erwarten würde. Auch Fanny Salvini-Donatelli, die Ur-Violetta, hatte zuvor Abigaille gesungen. Rosetta Penco, die die Leonora kreierte, war auch die erste Luisa Miller und Giovanna d’Arco. Felice Varesi, der erste Rigoletto, sang und kreierte mehrere von Verdis großen Bariton-Partien. Auch die Uraufführungstenöre hatten zuvor oder später mehrere Verdi-Partien übernommen; der erste Herzog, Raffaela Mirate, und erste Alfredo, Lodovico Graziani, hatten ebenfalls als Manrico reüssiert. Von Anfang an war in Piacenza vorgesehen, dass Ernesto Petti die Baritonpartien im zweiten Zyklus singen würde. Doch dann stieg Salsi aus dem Trovatore aus, da er sich auf die am 1. November von RAI 3 übertragene Tosca aus Rom vorbereiten musste – war aber am Tag darauf pünktlich zur Nachmittags-Traviata wieder zurück in Piacenza – worauf Petti bereits im ersten Zyklus als Luna auftrat und schließlich musste sich Malfatti im ersten Zyklus durch Ruth Iniesta ersetzen lassen. Francesco Meli blieb die Konstante. Natürlich auch Francesco Lanzillotta, der gerade in Parma beim Verdi-Festival einen zwingenden Macbeth dirigiert hatte, sowie der Coro del Teatro Municipale di Piacenza und das Orchestra Sinfonica di Milano.

Roberto Catalano fand mit seiner Ausstatterin Marian Moreira eine ansprechende Form, um den drei unterschiedlichen Stücken eine einheitliche Bildsprache zu geben, ohne sie in ein Korsett zu zwingen. Auch keine provinzielle Kulissenschieberei. Stattdessen stellt im Rigoletto ein klarer, weißer spätbarocker-klassizistischer Raum mit drei Portalen auf der Rückseite den Herzogspalast dar. Für die weiteren Schauplätze bedarf es außer den Kronleuchtern, den wenigen Möbeln für Rigolettos Heim oder der Außenmauer für die Schänke nur durchscheinende Wände. Das wirkt nüchtern geschmackvoll und greift die Architektur der Stadt auf, konzentriert sich ganz auf die Hauptfiguren, nimmt aber auch die Nebenfiguren wie den gedemütigten Conte di Monterone wichtig, bei dessen Fluch sich der Tod aus dessen weiten Schleppe wälzt und fortan wie ein Gift, welches den Palast mit schwarzen Schwären überzieht, gegenwärtig ist. Bis er schließlich bei Rigolettos letzten „La maledizione“ triumphierend zurückbleibt. Dieser hochästhetische Rahmen bleibt auch im Trovatore und der Triavata erhalten.

Luca Salsi kostet diese letzte Phrase, „La maledizione“, mit schier endlosem Atem aus, worauf ihm das Publikum zu Füßen liegt (29.10). Der klangprächtige Salsi singt den Hofnarren ansonsten ohne zur Galerie zu schielen, geradlinig im Duett mit Gilda, etwas angeschlagen in der Höhe, doch mit satt voluminösem, gelegentlich eingedickt opakem Ton in „Cortigiani“. „Si venedtta“ beginnt er ganz leise, um es dann umso eindrucksvoller zu steigern, doch ohne mit Ruth Iniesta die bravouröse Variante zu wählen. Die Spanierin ist eine mädchenhaft zurückhaltende Gilda mit exquisiten Tönen in „Tutte le feste“. Francesco Meli ist nicht der geborene Verführer, scheint über den Herzog, wie auch den Alfredo, hinausgewachsen zu sein, aber man erlebt einen Sänger mit einer klaren, druckreifen Diktion und souveränem Umgang mit den Rezitativen, das trompetenhelle Timbre ist nicht jedermanns Sache, aber er gefällt durch ein gut fokussiertes zartes Piano, gibt den Arien Schwung und Leidenschaft und gestaltet seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes „Ella mi fu rapita“ wie aus dem Lehrbuch, verzichtete aber bei der Cabaletta „Possente amor“ auf den Bravourschlenker, wie denn auch die zweite Strophe seines „La donna è mobile“-Schlagers etwas zu prosaisch klang. Insgesamt bleibt Meli eine Spur zu gleichförmig, fehlt es ihm an draufgängerischer Brillanz. Alle anderen waren vorzüglich und vermittelten den Eindruck eines geschlossenen Ensembles, das jede Nuance des Textes erfasst, hervorzuheben sind die auffallende Giovanna von Ester Ferraro und der ausgezeichnete Bass Adolfo Corrado als sinister Sparafucile und zwei Tage später als spannender Ferrando, dem man bei seiner Erzählung an den Lippen hängt. Obwohl das Orchester am ersten Abend noch etwas ungenau klang, gelang es Francesco Lanzillotta, das Drama bereits mit wenigen Strichen präzise zu umreißen.

Piacenza/“I Trovatore“/Szene/Foto Gianni Cravedi

Zwei Tage darauf (31.10.) schreitet wieder die dünne und lange Nosferatu-Gestalt des kahlköpfigen Todes durch das Mittelportal, das jetzt das Schloss Aliaferia und die weiteren Schauplätze im Nordwesten Spaniens darstellen wird. Er ist der ständige Begleiter der im weiten Prachtgewand wandelnden und offenbar in der Asche wühlenden Azucena, durch deren majestätische Aura Regisseur Catalano und Teresa Romano Verdis ursprüngliche Absicht unterstreichen, die Oper nach der Zingara zu benennen. Erst jetzt schildert Ferrando die langen zurückliegenden traumatischen Vorgänge.

Feinsinnig erfasst Lanzillotta die notturnen Schwingungen, betont nicht die bizarre Kühnheit und Originalität, nicht das Primitive und Unbehauene der Musik, sondern die hochromantische, leidenschaftlich vorwärtsdrängende Geschichte, die der Regisseur ganz auf das Viereck der Protagonisten und szenisch geschmackvolle Unauffälligkeit beschränkt. Mit königlicher Haltung und Stimme bildete Teresa Romanos Azucena das Zentrum der Aufführung. Mit ausdruckvoll leidenschaftlich changierender Tiefe, warmer Mittellage und ausladender Höhe sang sie eine geradezu explosive Azucena, deren beiden große Soloszenen wild und zugleich verführerisch klangen. Beeindruckend auch Maria Novella Malfatti, deren Leonora zwar noch nicht ausgereift ist, aber die reichen Anlagen der jungen Sopranistin zeigen, ein Lirico-Spinto Sopran mit gelegentlich dunkler Einfärbung, bezaubernder Koloratur, etwas steifen und aufgesetzten Höhen, filigranen Piani und hinreichend Attacke und Bravour für den vierten Akt. Ernesto Petti, der Bariton aus Salerno, gibt den Luna mit noble Machogeschmeidigkeit und anfangs etwas schmalbrüstigem Klang, zeigt aber ab dem Cantabile „Il balen del suo sorriso“ die Vorzüge einer guten Ausbildung und eines sicheren kernigen Baritons . Der Manrico bringt alle Vorzüge des Francesco Meli zu Geltung, die tadellose Technik, die leidenschaftlich geformten Phrasen mit den generös entfalteten Bögen („Ah! Si, ben mio“), die elegante Diktion, den drängenden Impetus, Sturm und Drang des Singens wie es dieser Figur so gut ansteht, doch wieder ohne den letzten Kick an Brillanz und Bravour, sprich das sichere hohe C, das das Publikum so gerne gehört hätte.

Piacenza/“La Traviata“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Schließlich als umjubelter Abschluss der von den Medien viel beachteten Trilogie La Traviata, die zum Triumph der kühl eleganten Maria Novella Malfatti wird (2. November), die brillante Koloratur, Temperament und Leidenschaft vereint, die große Arie rückenliegend auf dem breiten Tisch singt, „Amami Alfredo“ mit Kraft und dunklem Pathos erfüllt und den dritten Akt durch eine fein abgestufte Interpretation trägt, bis sie schließlich ihrem treuen Begleiter, dem Tod, in die Arme stürzt. Der elegante Raum ist zunehmend von schwarzen Flecken überzogen und die Fäulnis hat sich bis zum Bühnenrahmen fortgesetzt. In der von Lanzillotta schwermütig und elegisch, doch nie sentimental dirigierten Aufführung baut Meli seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes („Lunge da lei“) wieder vorbildlich und mit verschwenderischem Klang auf, und seinen kurzen Ausfall in der Cabaletta verzeiht das Publikum gerne, da er im dritten Akt das Duett „Parigi, o cara“ mit den zärtlichsten Pianotönen umhüllt. Salsi singt den Germont mit der Fülle seiner Möglichkeiten, ein wenig zu kalkuliert und trickreich. Auf solche Comprimarii wie Davide Maris Sabatino als Douphol, Omar Cepparolli als Doktor Grenvil, Nicola Zambon als Marchese und Simone Fenotti als Gastone, die sich wirkungsvoll von dem dezenten Chor abheben, könnte manches Staatstheater stolz sein. Rolf Fath

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Teatro Regio di Parma: Das 25. Festival Verdi im Zeichen Shakespeares. „Sciopero“, das Unwort der frühen Jahre, als ich regelmäßig in mehrere italienische Theater reiste, ist wieder da. Damals musste man regelmäßig auf Zugstreiks gefasst sein, die allerdings durch einen gut funktionierenden Überlandbusverkehr abgefedert wurden, oder auf Aktionen, die den Theaterbetrieb lahmlegten, so dass es durchaus passieren konnte, dass die Zuschauer bereits auf den Dirigenten warten und stattdessen die Intendanz die kurzfristige Absage der Aufführung verkündete.

Der aktuelle Generalstreik betraf auch die Falstaff-Premiere im Teatro Regio und machte somit die sogfältige Planung des Festival Verdi kaputt, das sein 25jähriges Jubiläum im Zeichen Shakespeares begehen wollte. Vielleicht liege ich falsch. Aber mir erschien das diesjährige Programm ohnehin etwas bescheiden. Was daran liegen mag, dass das Rahmenprogramm von der Verdi-Street Parade bis zu den unzähligen Verdi-Off Programmpunkten in Lauf der zehn Jahre, die dieses Neben-Festival besteht, immer reichhaltiger wurde. Und Verdi hat eben nicht mehr Opern nach Shakespeare komponiert.

Es bleibt im Jubiläumsjahr also bei drei Opern, im Gegensatz zu vier Opern in zurückliegenden Jahren, davon eine in einer bereits gezeigten Inszenierung. Dies wäre der Falstaff gewesen, mit dem Jacopo Spirei einen Blick ins Brexit-England geworfen hatte, wo sich unter dem Blick von Elisabeth II. nichts zum Guten wendete. Das Thema ist gewichtig: Shakespeare war, neben Schiller und Victor Hugo, der Schwerpunkte in Verdis literarischer Beschäftigung. Die Shakespeare-Bewunderung umspannt Verdis gesamtes Schaffen und mehr als ein halbes Jahrhundert vom frühen Macbeth (1847) bis zum späten Otello (1887) und dem Schwanengesang Falstaff (1893), von der Romantik bis zum Anbruch der Moderne, von der Belcanto-Oper bis zum Musikdrama. Vom politischen Drama, in das kein Lichtstrahl fällt, bis zur dunklen Eifersuchtstragödie des Otello, mit dem, wie der künstlerische Leiter Alessio Vlad unterstreicht, Verdi gar bis zum Expressionismus vorstieß.

Für seine erste Oper nach einem Stück des verehrten Shakespeare hatte Verdi 1846 noch selbst das Prosa-Szenarium mit den Höhepunkten des Dramas mit der Prophezeiung der Hexen, dem Mordplan, der Ermordung des Königs Duncan, dem Bankett und der Nachtwandelszene entworfen. Der von Verdi bereits bei Ernani und I due Foscari beschäftigte Francesco Maria Piave brachte das Gerüste in Reime und stellte das Libretto fertig. Verdi war unzufrieden und demütigte Piave, indem er Andrea Maffei für Korrekturen heranzog. Bei den anschließenden, reich dokumentierten Proben im Frühjahr 1847 in Florenz kümmerte sich Verdi, der im Vorjahr aufgrund eines Burnout noch ein halbes Jahr pausieren musste, um alles, feilte an allem und jedem sowohl bei szenischen wie musikalischen Belangen und erwies sich erstmals als der Mann des Theaters, der er fortan blieb. Vor allem die Bankettszene mit der Erscheinung des toten Banquo wollte er mit allen Mitteln der Illusionskunst dargestellt sehen. Die Uraufführung war ein Ereignis. Für Paris arbeitete Verdi die Oper 18 Jahre später um, denn „Es gibt das Stücke“, wie er meinte, „die entweder schwach sind oder, was noch schlimmer ist, gar keinen Charakter haben“.

Das Festival Verdi kehrte im Jubiläumsjahr zur Urfassung von 1847 zurück, die hier bereits 2018 gespielt wurde und durchaus ihre Meriten hat. Acht Jahre später lässt sich die aktuelle Neuinszenierung der Urfassung im Teatro Verdi in Busseto deutlich mit der späteren Version vergleichen, die man aufgrund der gerade erst im Vorjahr gezeigten ersten szenischen Aufführung der (bereits 2020 konzertant gespielten) Versione francese, Paris 1865 noch in bester Erinnerung hat. Diese 1874 in italienischer Sprache erstmals an der Mailänder Scala erklungene Fassung hat sich seither durchgesetzt. Die Cabaletta der Lady zu Beginn des zweiten Aktes „Trionfai“ ersetzte Verdi später durch „La luce langue“. Neben dem Duett Lady/ Macbeth „Ora di morte“ anstelle der Cabaletta „Vada in fiamme“ des Macbeth im dritten Akt, besteht die wesentliche Änderung im neuen Finale mit der abschließenden Schlachtfuge statt der ursprünglichen Szene des Macbeth „Mal per me“.

Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Macbeth“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei der Aufführung im kleinen Teatro Verdi in Busseto (4. Oktober) hätte man vielleicht erwartet, dass Regisseur Manuel Renga, in Erinnerung durch seinen hiesigen Falstaff sowie Chiara e Serafina beim Donizetti Festival, mit den technischen Möglichkeiten und Gegebenheiten eines historischen Theaters arbeitet, wie sie Verdi im Teatro della Pergola mit den dortigen Versenkungen ausnützte, stattdessen umrahmt er den Orchestergraben durch eine großzügige, von den Akteuren bespielte Treppenanlage, wodurch das Orchester quasi zum Träger der Handlung wird. Das ist ganz geschickt, denn Francesco Lanzillotta lässt den Macbeth in der ganzen knarzigen Wildheit aus Verdis frühen Jahren erklingen, hat aber den Nachteil, dass der ohnehin unglaublich kleine Zuschauerraum durch wegfallende Reihen zusätzlich verkleinert wird. Aus der Loge ist das wunderbar anzusehen, denn wir sind ganz nah am Geschehen und die Sänger streifen mit ihren Kostümen fast über unsere Brüstung. Besonders wirkungsvoll erscheint die Szene beim Hexensabbat, als Macbeth neuerlich die Wesen befragt und erfährt, dass ein von einer Frau Geborener ihn töten und er regieren werde, bis sich der Wald von Birnam auf ihn zubewegt, sowie die anschließende Prozession der acht Könige. Obwohl die Stimmen der Erscheinungen aus einer Loge kommen und die Könige durch ein Schatten- und Puppenspiel illustriert werden, blicken Macbeth und die Hexen tief in den Graben, wo die Musik das Drama entzündet und das Phantastische in die Realität eindringt. Regisseur Renga hält sich nicht mit tiefenpsychologischen Schachzügen auf und stellt das Übernatürliche ins Zentrum, die schwarzen Frauen, die mit allerlei Gerätschaften, Schattenfiguren, Seilen und Schriftstücken in die Vergangenheit und Zukunft blicken können: „Vaticinio“ sagt die Leuchtschrift quer über der Waldszene mit den Hexen, die „Prophezeiung“ erfüllt sich, bestimmt zugleich die Realität, die Rengas Ausstatter Aurelio Colombo mit zeitlosen Kostümen in eine weiße Kastenbühne packt, wo die Lady auf den Gatten wartet, wo Duncans nackter Körper aufgebahrt ist, wo das Bankett stattfindet und Macbeth den Teufel und die Mächte der Hölle selbst zu sehen glaubt; dazu eine Waschschüssel mit schwarzer Flüssigkeit, in der sich Macbeth und die Lady die Hände so schmutzig machen, dass sie nie wieder sauber werden. Das ist sinnfällig, einfach, wirkungsvoll. Lanzillotta zaubert mit dem Chor des Teatro Regio di Parma und dem Orchestra Giovanile Italia mit der ganzen Überwältigungskunst, zu der Verdi fähig ist. Gespielt wurde die kritische Edition von David Lawton. Das ergibt nicht nur im ersten Finale einen Raumeffekt von vibrierender Intensität und Dichte, der die Zuschauer in das Geschehen hineinzoomt, sondern zeigt, wie Verdis moderne psychologisierende Anlage in Belcantoschablonen eindringt und wie gestisch motiviert seine Musik ist. Rau, grell, aber auch federnd und elegant. Der von Mozart und Rossini kommende Baritono nobile Vito Priante ist die richtige Besetzung für die Titelrolle, die er erstmals sang. Die sicherlich recht konventionelle, doch wiederum sehr schöne Cabaletta „Vada in fiamma“ gewinnt durch einen Sänger dieses Typs an Überzeugungskraft, darüber hinaus besitzt der Bariton eine durchgehend dunkle und reiche Substanz, die auch den reflektierenden Momenten gerecht wird. Maria Cristina Bellantuono gelingt als Lady ein Kraftakt, der nicht überall möglich scheint. Die 33jährige aus Bari stammende Sopranistin hält sich nicht bei kleinen Rollen auf, hat schon vor zwei Jahren im dortigen Teatro Petruzzelli Turandot gesungen und macht deutlich, dass Verdis erste Lady eine überragende Koloraturvirtuosin war, so markant klingen die Gruppetti, kristallin die Verzierungen und gestochen klar die Höhen in „Vieni t’affretta“ und der Arie „Or tutti sorgete“ sowie in der hochromantisch virtuosen Arie „Trionfai“, doch die Partie ist auch kräftezehrend strapaziös, wodurch die ohnehin erkämpfte Mittellage und Tiefe vielfach noch trotziger klingt. Eine Wucht ist der 31jährige Adolfo Corrado, dessen voluminöser, tiefschwarzer Bass, unerschütterlich wie eine Klangsäule steht. Matteo Roma, der den Macduff sang, dürfte sich eher im lyrischen Fach wohlfühlen, während Francesco Congiu als Malcolm Potenzial für die italienische jungen Helden von Puccini und Verdi erkennen ließ. Markant die in Pesaro ausgebildete Melissa D’Ottavi als tonschöne Dama di Lady Macbeth.

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Mit Otello war Verdi erstmals nach langer Unterbrechung wieder zu Shakespeare zurückgekehrt. Nach sechsjähriger, anhand Verdis Briefwechsel mit Boito reich dokumentierter Entstehungszeit und 16 Jahre nach seiner letzten Oper (Aida 1871) kam es, abgesehen von den Neufassungen des Simon Boccanegra und Don Carlos, wieder zu einer veritablen Premiere, die sich für den 74jährigen Verdi am 5.2.1887 an der Mailänder Scala zu einem Triumph gestaltete. Fünf Monate später erklang die Oper bereits in Parma, wo Roberto Abbado sie zur Eröffnung des Festival Verdi jetzt erstmals in der von Linda B. Fairtile besorgten neuen Edizione critica dirigierte, ohne einen ähnlich starken Eindruck wie der Macbeth-Kollege zu hinterlassen. Mit der Filarmonia Arturo Toscanini warf Abbado einen, vielleicht auch beeinflusst von der Inszenierung, kühl analytischen Blick auf das Werk, zu dem er keine Beziehung aufzubauen scheint. Die Konversationsszenen, Rede und Gegenrede in den Szenen Otellos mit Desdemona sowie in Jagos Momenten mit Cassio und Rodrigo, wirken merkwürdig gestelzt, ein großer dramatischer Fluss aus geballten Chorszenen, deklamatorischen Monumenten und ariosen Blöcken stellte sich nicht ein, selbst der formidable Chor des Teatro Regio wirkte in der Sturmszene zu Beginn oder im großen Concertato des dritten Akts wie ausgebremst. Erst im vierten Akt stellte sich eine Dringlichkeit und Wort-Musik-Einheit ein, die der Aufführung ansonsten so ganz abging. In der zweiten Aufführung (5. Oktober) sprang Jusif Eyvazov für den indisponierten Fabio Sartori ein. Dieser Otello ist ein erfahrener Feldherr, der schon viele Schlachten geschlagen hat, das Timbre ist etwas gräulich geworden, die Klangqualität wirkt nicht mehr einheitlich glänzend. Eyvazov ist ein routinierter, robuster, doch genauer Otello, der sich den dramatischen Herausforderungen in die Arme wirft, die Monologe scharf meißelt, während die Pianopassage („Venere splende“) nicht seine Sache sind. Für die Desdemona hat Mariangela Sicilia einen engelsgleich duldenden Lirico-Spinto- Sopran mit einem edlen Silberstreifen in der Höhe, während Mittellage und Tiefe nicht von gleicher Qualität und Substanz sind. Der Höhepunkt ist zweifellos Ariunbaatar Ganbaatar, ein Stimmwunder wie sein unwesentlich älterer mongolischer Landsmann Amartuvshin Enkhbat. Ganbaatar singt mit noch weicherem Legato, eindringlicherer Textbehandlung, und er ist ein guter Schauspieler. Der häufig von ausgeprägten Charakterstimmen gesungene Jago wirkt durch Ganbaatars sinnlichen Schöngesang noch abgefeimter, noch abgrundtief böser. Der in Parma, wo er bereits den Riccardo sang, geförderte Davide Tuscano ist als Cassio Inbegriff des nice guy. Wie all den vor ihr gesungenen Vertrauten und Freundinnen gab Natalia Gavrilan auch der Emilia starkes Profil.

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Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Otello“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei den Eröffnungspremieren setzt das Festival Verdi lieber auf die vertrauten Handschriften von Regisseuren wie Pizzi, Kokkos, de Ana, Lievi oder Audi als die Buhgewitter bei Jung-RegisseurInnen wie Carrasco oder Duos vom Kaliber Ricci/Forte zu riskieren. Nach diesem Muster fiel Otello in die Hände des verdienten Schauspiel-Regisseurs Federico Tiezzi, der ab den 1990er Jahren auch Opern inszenierte, darunter den Simon Boccanegra an der Berliner Staatsoper. Tiezzi verhielt sich unauffällig, beschriftete die schwarzen Bühnenwände mit zentralen Begriffen wie „morte“, „nulla“, „fazzoletto“ und „dolore“, die vom Regen teilweise wieder wegwischt werden, und ließ Clowns und Tänzer venezianische Lockerheit verströmen. Der schwarze Kasten trägt eindeutig die Handschrift der einstigen Ronconi-Mitstreiterin und stilprägenden Szenografin Margherita Palli. Die Altmeisterin stattete ihn mit Leuchtstelen und -tafeln, Podesten und Tischen auf eleganten Rahmen puristisch aus, unterteilte ihn gelegentlich durch rote Vorhänge oder gab durch eine schmale Öffnung den Blick auf den Weltraum frei. Im dritten Akt weisen kämpfende oder zum Sprung ansetzende Raubtiere in Museumsvitrinen, zwischen denen der Chor in Konzertkleidung Aufstellung nimmt, auf die Zerrissenheit der Handlung hin. Erst im vierten Akt, der sich inmitten der weiten, leeren Bühne auf ein kleines, modernes Zimmer konzertiert, in dem nur Desdemona und Otello Platz haben, kommen sich Musik und Drama nahe. Der Raum wird nahezu zur Gänze von einem Bett samt bespanntem Kopfteil ausgefüllt, wie es in vielen Schlafzimmern Parmas stehen könnte, und schimmert im grünlich diffusen Licht eines Edward Hopper, wobei Tiezzi die Mischung aus Traum und Realismus in den Fotos von Gregory Crewdson als Anregung nennt. Rolf Fath

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Bayreuth Baroque Opera Festival: Lustvolles Barock-Spektakel. Im nach stilvoller Restaurierung 2018 wieder eröffneten  Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth gibt es seit 2020   alljährlich im Spätsommer ein Festival, das der Countertenor Max Emanuel Cencic gegründet hat. Neben seiner Funktion als Intendant wirkt er auch als Sänger und Regisseur, ist der Spiritus rector des Unternehmens, welches sich vor allem der Opera seria des frühen 18. Jahrhunderts widmet. Nach Werken von Porpora, Vinci, Vivaldi, Monteverdi und Händel in den vergangenen Jahren stand in dieser Saison der in Venedig wirkende und dort 1676 gestorbene Komponist Francesco Cavalli im Mittelpunkt des Programms, womit man einen Schritt zurück in das 17. Jahrhundert ging.

Die Festspieleröffnung galt dem Dramma per musica von 1666 Pompeo Magno, einer venezianischen Karnevalsoper. Die in Rom verortete Handlung um Konsul Pompeo und Issicratea, Königin von Ponto, sowie deren totgeglaubten Gemahl Mitridate und Sohn Farnace verlegte Cenic nach Venedig mit seinem bunten, ausgelassenen Karnevalstreiben, bevölkerte die Szene mit vielerlei Figuren, die man von den Straßen der Lagunenstadt kennt – Damen, Kavaliere, Kurtisanen, Nonnen, Kleriker, Intriganten, verwirrte Alte, Kleinwüchsige. Letztere sorgten en travestie mit zur Schau gestellten üppigen (Stoff-)Brüsten für besonderes Aufsehen. Corina Gramosteanu hatte aber auch Kostüme von opulenter Eleganz geschaffen mit edlen Materialien, stilvollen Ornamenten und subtilen Farben. Die Welt der Commedia dell´arte wurde lebendig in Kleidung und Masken, in drastischen erotischen Details, aber auch im turbulenten Treiben der Akteure. Sie alle – Sänger wie Komparsen – waren mit totalem Einsatz, atemberaubendem Tempo, ansteckender Spielfreude und imponierender körperlicher Agilität dabei. Chiara d´Anna als Bewegungscoach hatte vorzügliche Arbeit geleistet, für  jede Figur das für sie typische Bewegungsvokabular gefunden. Auf Venedig stimmte auch Helmut Stürmers Bühne mit ihrem Portal, über dem der venezianische geflügelte Löwe thront, und einem Saal mit Säulen, Podesten und bunten Glasfenstern ein.

Cavalli „Pompeo Magno“ Bayreuth Baroque 2025/ Foto © Clemens Manser Photography

Ein exzellentes Ensemble brachte Cavallis Musik mit Elan und Vitalität zum Klingen. Nicht weniger als acht Countertenöre mit Vertretern aus mehreren Generationen waren vertreten, darunter das Urgestein der Gattung Dominique Visse, der als Diener Delfo wie stets lustvoll krähte. Dagegen war der Italiener Nicoló Balducci als Pompeos Sohn Sesto ein Newcomer und mit seiner klangvollen, ausgewogenen Stimme sowie den bravourösen Koloraturläufen mehr als willkommen. Im schwarz/goldenen, reich verzierten Wams war er auch optisch ein Blickfang. Zur jüngeren Generation zählt auch der österreichische Counter Alois Mühlbacher, der als Issicrateas und Mitridates Sohn Farnace im weißen Pierrot-Kostüm jugendlich keusche Klänge einbrachte und später auch noch als halbnackter Amor mit weißen Flügeln und knappem Lendenschurz auftrat. Renommiert ist Valer Sabadus durch seine zahlreichen Tondokumente und Auftritte bei Musikfestivals. Auch bei Bayreuth Baroque war er schon zu Gast. Hier sang er solide den Servilio und hatte Gelegenheit für muntere Liebesspiele mit seiner angebeteten Giulia, Tochter des römischen Konsuls Cesare, im großen Doppelbett. Charaktervolle stimmliche Counter-Momente brachten Kacper Szelazek als exaltiert grölende Arpalia, Issicrateas Dienerin, sowie Pierre Lenoir und Angelo Kidoniefs als Primo und Secondo Prencipe ein.

In der Titelrolle gab Max Emanuel Cencic keinen virilen, auftrumpfenden Helden, sondern einen gebrechlichen alten Mann mit weißem Haar, was zur stimmlichen Verfassung des Counters harmonierte. Doch nach verhaltenem Beginn gewann die Stimme an Fülle und Durchschlagskraft, gefiel besonders im sanften Schlaflied („Sonno, placido nume“) am Endes des 1. Aktes. Zwei Damen werden heiß umworben in diesem Stück. Pompeo begehrt Giulia, deren. Herz jedoch Servilio gehört. Die belgische Sopranistin Sophie Junker sang sie mit schöner lyrischer Substanz bei lebhaftem Agieren. Sesto wirbt vergeblich um Issicratea, die ihrem Gemahl Mitridate die Treue hält. Die Argentinierin Mariana Flores war die Primadonna des Abends und trug gebührend hoheitsvolle Roben. Mit flammendem, strengem Sopran von resoluter Attacke und fulminantem Ausdruck sowie einem vehementen Koloraturfeuerwerk setzte sie sich souverän an die Spitze des Ensembles. Der italienische Tenor Valerio Contaldo formte ein eindrückliches Porträt des Mitridate, der Arpalia tötet, am Ende aber seine Tat gesteht und von Pompeo begnadigt wird. Die baritonal getönte Stimme sorgte mit virilem Duktus in der Arie „Tormentosa gelosia“ für einen vokalen Höhepunkt.

Die Besetzung ergänzten der niederländische Charaktertenor Marcel Beekman, der als die verrückte Alte Atrea ein Kabinettstück bot und kicherte, winselte, keifte, der britische lyrische Tenor Nicholas Scott, der als Claudio, Sohn des Cesare, in „Rendimi la mia pace“ nachdrücklich auftrumpfte, und der begabte junge Bariton Victor Sicard als Cesare. Am Ende gibt es einen fröhlichen, jauchzenden Abgesang, den Farnace anstimmt und der den glücklichen Ausgang preist („Imparate, o mortali“).

Leonardo García-Alarcón spornte hier mit seiner Cappella Mediterranea, die er 2005 gegründet hatte, alle Sänger noch einmal an. Seine Leitung voller Energie und Schwung trug den vierstündigen Abend, was ihm und den Mitwirkenden am Ende euphorische Publikumsovationen bescherte. Das Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival 2025 hatte mit seinem Musizieren voller Spannung und Klangreichtum immer wieder begeistert – mit festlichem Bläserglanz, federnden Rhythmen, majestätischen Märschen, aber auch lyrischen Inseln und kammermusikalischer Delikatesse in den Ritornellen (6. 9. 2025).

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Das Orchester mit seinem argentinischen Dirigenten begleitete auch mehrere Solisten bei ihren Konzerten, welche traditionell zum Festival gehören. Am 5. September war der italienische Countertenor Carlo Vistoli mit seinem Programm Opera Antica zu erleben. Konzeptionell korrespondierte der Abend mit der Cavalli-Oper, bot er doch Werke von Zeitgenossen des Komponisten, wie Antonio Cesti, Claudio Monteverdi und Alessandro Stradella. Reizvolle instrumentale Einlagen – u.a. eine Sinfonia aus Cavallis Erismena, die Xácara del primer tono von Lucas Ruiz de. Ribayaz, die Tarantela von Santiago de Murcia und die Ciacona in B-Dur von Antonio Caldara – sorgten für vielfarbige Klänge, rasante Steigerungen und melancholische Episoden.

Vistoli besitzt (für mich) den schönsten Countertenor unserer Zeit. Die Stimme ist rund, weich, warm und ausgeglichen, kann zärtlich schwärmen, ergreifend klagen, aber auch männlich auftrumpfen. Im ersten Teil stellte er Szenen aus fünf Opern Cavalliis vor, beginnend mit dem Lamento des Apollo aus Gli amori di Apollo e Dafne, bei dem die Stimme sogleich in ihrem Wohllaut. berührte. Ein schöner Wechsel dazu war der freudige Überschwang des Xerse, „Ombra mai fu“, aus der gleichnamigen Oper, die zu Händels getragener Version einen starken Kontrast bildete. Immer wieder wechselten die Emotionen – ob im flehentlichen Lamento des Idraspe aus Erismena, der heiteren Arie des Giasone, „Delizie, contenti“, aus der gleichnamigen Oper oder der inbrünstigen Arie des Endimione, „Lucidissima face“, aus La Calisto. Aus Monteverdis Poppea stellte Vistoli zwei Szenen des Ottone vor – das schwärmerische „E pur io torno“ und das verzweifelt klagende „I miei subiti sdegni“. Der affektreiche Gesang des Solisten und seine vorbildliche Wortbehandlung imponierten immer wieder – so in der  erregten Arie des Alidoro aus Cestis L´Orontea oder in zwei Szenen des Nino aus Stradellas Il Trespolo tutore. Da gab es im Dialog mit der Flöte auch bravouröse Koloraturgirlanden zu hören und am Ende in der Wahnsinnsszene des Nino ganz sanftes, entrücktes Verlöschen. Zwei Gesänge von Monteverdi – „Voglio di vita uscir“ und „Si dolce è ´l tormento“ – als Zugaben beendeten diesen beglückenden Abend im Markgräflichen Opernhaus. Bernd Hoppe       .

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Pacinis Amazilia bei Festival Il Belcanto Ritrovato im italienischen Fano (Apulien): Vor fast genau zweihundert Jahren, am 6. Juli 1825, wurde Giovanni Pacinis Oper Amazilia im Teatro San Carlo in Neapel mit einer wirklich bemerkenswerten Besetzung aufgeführt.

Nun, am 23. August 2025, wurde die Oper im Rahmen des jährlichen Festivals Il Bel Canto Ritrovato (IBR) im Teatro della Fortuna in Fano, Italien, zum ersten Mal in einer vollständigen modernen Aufführung wiederbelebt. Das IBR möchte das umfangreiche Erbe der italienischen Oper erkunden, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, einer Zeit, in der selbst das kleinste Dorf auf der italienischen Halbinsel wahrscheinlich ein Opernhaus hatte und das Operngeschäft seinen größten und intensivsten Höhepunkt erreichte.

Amazilia mit einem Libretto von Giovanni Schmidt, hat eine interessante und verworrene Geschichte, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe(dazu auch die beiden Artikel in operalounge.de, s. am Ende), und lag Pacini offensichtlich sehr am Herzen Pacini sehr am Herzen, da sie während der Flitterwochen des Komponisten mit seiner ersten Frau geschrieben wurde und er sein zweites Kind nach der Heldin benannte. Pacini, der während seiner langen Karriere fast 80 Opern schrieb, war 29 Jahre alt, als er Amazilia komponierte; es war seine 28. Oper.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Die beeindruckende Besetzung der Oper bei ihrer Uraufführung 1825 in Neapel im Rahmen der Geburtstags-Feierlichkeiten für die bourbonische Königin Maria Isabella umfasste den Tenor Giovanni David als Zadir, den Bass Luigi Lablache als Cabana und die Sopranistin Joséphine Fodor-Mainvielle als Amazilla selbst. Ihre Virtuosität macht eine Wiederaufführung der Oper heute schwierig, da nicht viele Sänger die Musik, die Pacini dem Original-Cast zu singen gab, bewältigen können.

Ursprünglich ein Einakter, wurde die Oper 1827 in Wien in einem erweiterten Format mit einer neu komponierten Ouvertüre und zwei neuen Gesangsnummern präsentiert und in zwei Akte unterteilt. Es war diese Fassung, die in Fano vom Bel Canto Ritrovato in einer neuen kritischen Ausgabe von Gianmarco Rossi aufgeführt wurde.

Die einfache Story, die in Florida spielt, handelt von der Rivalität zweier Stammesführer, Cabana und Zadir, um die Hand von Amazilia, einer indianischen Jungfrau, die zum Stamm von Cabana gehört. Die spanischen Konquistadoren schweben im Hintergrund und sorgen für einen Deus ex machina, um die Rivalität beizulegen und ein glückliches Ende herbeizuführen, nachdem Zadir einen Kampf gegen Cabana verloren hat und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll.

Da das Werk für die Geburtstagsfeier einer Königin mit spanischer Abstammung geschrieben wurde, diente das Lob der spanischen Weisheit und Friedensstiftung unter den Konquistadoren, so ungerechtfertigt es auch war, als nicht allzu subtile Art, der Königin ein Kompliment zu machen, und auch als Möglichkeit, die Geschichte an der berüchtigten neapolitanischen Zensur vorbeizuschmuggeln, die Monate zuvor ein ähnlich benanntes Pastiche verboten hatte

.In vielerlei Hinsicht ist Pacini der faszinierendste der weniger bekannten Opernkomponisten im Italien des 19. Jahrhunderts, weil er zu seiner Zeit so beliebt war und weil er so viel geschrieben hat; bei Pacini gibt es eine Menge Musik für Musikwissenschaftler und Opernhäuser zu entdecken, die mutig genug sind, etwas anderes zu versuchen, als immer wieder dieselben wenigen Titel zu recyceln. Die Musik von Amazilia bietet viele wunderbare Momente, und selbst manche eher formelhaften Passagen sind melodiös.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Man könnte mit der völlig unbekannten Sinfonia beginnen, die Pacini für Wien schrieb, weil die Wiener erwarteten, dass eine Oper eine vollständige, formelle Ouvertüre haben sollte. (Donizetti musste derselben Tradition folgen.) Die Sinfonia in diesem Fall ist absichtlich rau und laut und voller Kesselpauken, vielleicht als Vorahnung der Welt der Indianerstämme, deren Konflikte die Grundlage der Geschichte bilden, aber sie ist gut aufgebaut und zweifellos eine Verbeugung vor dem symphonischen, „germanischen” Musikgeschmack der Österreicher. Einige der langsamen Stücke sind ebenfalls bestens komponiert und einprägsam, wie zum Beispiel Zadies eröffnende Cavatina „Come mai calmar le pene” und Amazilias wunderschöne „Ah! Non fia mai ver”.

Pacini wurde wegen seiner Kreativität und seiner Gewandtheit in dieser Form als „Maestro delle Cabalette” bekannt, und die Cabaletten in Amazilia sind immer eingängig und interessant aufgebaut, angefangen mit Cabanas „Paventi il perfido”. Zadirs „Io ti vidi, t’adorai” war so beliebt, dass Mauro Giuliani ein Thema und Variationen für Gitarre darauf komponierte. Und während wir Cabaletten normalerweise als schnelle Stücke betrachten, die im Kontrast zu den langsamen Cantabiles einer Cavatina oder einer Arie stehen, war Pacini seinen Komponistenkollegen um Jahre voraus,  als er die doppelt so schnelle Cabaletta „Parmi vederlo” schrieb, ein Jahrzehnt, bevor Donizetti eine langsame Cabaletta für das Finale  seiner Lucrezia Borgia komponierte. „Parmi vederlo” beginnt mit einem traurigen Adagio, gefolgt von einer teuflisch schwierigen schnellen Koloratur, die Amazillas Qualen wirkungsvoll zum Ausdruck bringt, als sie glaubt, dass Zadir auf den Scheiterhaufen kommen wird „Parmi vederlo” war so beliebt (und ungewöhnlich), dass es Sopranistinnen wie Giuditta Pasta und Giulia Grisi als „Aria di baule” diente, die es in verschiedene Opern einfügten, in denen sie auftraten. Selbst in unserer Zeit hat Beverly Sills es in ihre Aufführungen von Rossinis Assedio di Corinto aufgenommen; es ist in der kommerziellen Sills-Aufnahme der Oper erhalten geblieben, aber Pacini wird als Urheber nicht genannt…

In Amazilia gibt es keine großartigen Ensembles, wie sie Rossini in den 1810er und 1820er Jahren schrieb, aber das Trio für die drei Hauptdarsteller, das in der Zwei-Akt-Fassung als Finale des ersten Aktes dient, ist spannend und angemessen klimatisch. Das kleine finaletto, das die Oper beendet, ist jedoch etwas enttäuschend, ebenso wie das gesamte lieto fine mit seinem absurden Lob der spanischen Konquistadoren. Tatsächlich kann sich Amazilia nie ganz von ihrem ursprünglichen Zweck als Geburtstagsgeschenk für Königin Maria Isabella lösen. Am Ende hat man das Gefühl, dass der Komponist und sein Librettist eine willkürliche Frist für ihr Werk erreicht hatten und das Drama schnell beendeten, damit die Königsfamilie weiter essen und trinken konnte, wodurch die Oper ziemlich unerwartet und abrupt endet.

.Das IBR versammelte eine Gruppe talentierter junger Sänger für ihre einzige Aufführung. Amazilia selbst wurde von Paola Leoci gesungen, die sich durch ihre technische Meisterschaft und ihr engagiertes Einbringen in die Rolle auszeichnete. Leoci hatte gerade die weibliche Hauptrolle der Fanni in La cambiale di matrimonio beim Rossini-Festival gesungen. Sie passte die Soubretten-Stimme, die sie für Fanni in der leichten Komödie verwendet hatte, erfolgreich an die dramatischeren Anforderungen und die größere Beweglichkeit an, die für Amazilia erforderlich waren. Ihre atemberaubende Darbietung der teuflisch schwierigen Koloratur in „Parmi vederlo” konnte sich durchaus mit der von Sills aufgenommenen Version messen – und diesmal wussten wir, dass sie von Pacini stammte.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Schluss-Applaus/Foto Luigi Angelucci

Wenn die Rolle der Amazilia für jede Sängerin eine Herausforderung darstellt, dann ist die Tenorrolle des Zadir, die für Giovanni David geschrieben wurde, vielleicht noch schwieriger. Das IBR gab uns Manuel Amati, der die extrem hohen Töne sang und die schwierige Koloratur meisterte, für die David berühmt war, obwohl Amati eine eher kleine Stimme besitzt. Bass Giorgio Caoduro vervollständigte das Trio der Hauptdarsteller als Cabana. Auch seine Rolle ist extrem schwierig; der ursprüngliche Cabana, Luigi Lablache, war der berühmteste Bass in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Caoduro begann etwas zögerlich, da er sofort mit einer großen Arie mit einer technisch anspruchsvollen Cabaletta konfrontiert war, wurde aber im Laufe der Aufführung immer stärker und sicherer; er war sehr gut in seinem „Wiener” Duett mit Amazilia, „Tu sprezzar gli affetti miei”. Die Nebenrollen wurden von Mariano Orozco (Orozimbo), Naomi Umani (Mila) und Michele Albiati (Alvaro) wahrgenommen. Das Orchestra Sinfonica G. Rossini und der Chor des Teatro della Fortuna in Fano wurden von Enrico Lombardi geleitet. Lombardi hauchte Pacinis vergessener Musik neues Leben ein und zeigte uns einen Komponisten, der trotz seines Rufs, es mangele ihm an „Wissenschaft”, es verstand, interessante Orchesterwerke zu schreiben.

.Die Inszenierung war leicht halbszenisch, d. h. sie war mehr als ein reines Konzert mit Sängern, die vorne auf der Bühne standen, aber weniger als eine szenische Aufführung ohne Kulissen und Kostüme. Tomasso Casadei sorgte für passende Hintergrundprojektionen der im Libretto beschriebenen Schauplätze, darunter Floridas „bergiges” Gelände, eine Beschreibung, die jeden, der schon einmal in Florida war, zum Schmunzeln bringen dürfte.

Festival Il Belcanto Ritrovato in Fano: Die Macher mit Hausherrn/Intendanten Rudolf Colm in der Mitte/Foto Luigi Angelucci

Es ist unwahrscheinlich, dass Amazilia jemals außerhalb eines Festivals aufgeführt wird, da es sich um ein Geburtstagsgeschenk für einen längst vergessenen Monarchen handelt, das Werk ein abruptes Ende hat und es schwierig ist, Sänger zu finden, die die Musik singen können. Dennoch enthält es viele musikalische Juwelen, und die Aufführung trug dazu bei, unser Verständnis für einen Komponisten zu vertiefen, der zu lange im Schatten stand. Chronologisch gesehen liegt die Oper in Pacinis Karriere zwischen Alessandro nelle Indie (die in Neapel häufiger aufgeführt wurde als alle Opern, die Rossini für diese Stadt schrieb) und seinem L’ultimo giorno di Pompei, einem noch größeren Erfolg. Als solche ist sie Teil eines Trios, das den ersten Teil von Pacinis sehr fruchtbarer Karriere krönt.

Die Aufführung wurde von Bongiovanni aufgezeichnet und soll in etwa einem Jahr erscheinen. Zum ersten Mal hat das IBR eine kritische Ausgabe seiner Hauptoper herausgebracht, die in diesem Fall von dem hervorragenden jungen Musikwissenschaftler Gianmarco Rossi erstellt wurde – ein wirklicher Beitrag zur Musikwissenschaft.

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Das IBR-Festival bestand nicht nur aus Amazilia. Es gab zahlreiche Konzerte und Vorträge rund um Pacini, aber die Konzerte umfassten auch faszinierende Musik von anderen Komponisten, die heute noch unbekannter sind als Pacini. Es gab ein Konzert mit Orchesterauszügen aus Opern, die an der Scala uraufgeführt wurden, aber von sizilianischen Komponisten geschrieben worden waren; mehrere davon waren Werke von PaciniIl barone di Dolsheim (1818), La vestale (1823) und I cavalieri di Valenza (1828). Giulias Arie mit Harfe „Io son rea, né imploro” aus La Vestale war äußerst schön, die beste von allen.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Nicola Vaccai (* 15. März 1790 in Tolentino bei Ancona; † 5. August 1848 in Pesaro) war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Aber es gab auch Stücke aus Mario Aspas I due Savoiardi (1838), Pietro Coppolas La festa della Rosa (1836) und Placido Mandanicis Il Buontempone di Porta Ticinese (1841). Coppola ist ein Komponist, der viel mehr Beachtung verdient; ein weiteres seiner Werke, Nina pazza per amore, war ein großer internationaler Erfolg und zu seiner Zeit ein größerer Kassenschlager als jede Oper von Rossini, während Mandanicis unwiderstehlicher Il Buontempone voller mitreißender Musik ist und Mailand auf einzigartige Weise feiert, so wie viele andere Opern untrennbar mit Rom, Venedig oder Neapel verbunden sind. Dieses Konzert wurde gekonnt begleitet vom Orchestra Sinfonica G. Rossini unter der Leitung von Daniele Agiman. Agiman war so begeistert von dem Trio aus Il Buontempone di Porta Ticinese, mit dem das Konzert endete, dass er selbst eine Zugabe (Encore) des gesamten Stücks forderte, noch bevor das Publikum dies tun konnte, und die drei talentierten Sänger der La Scala Accademia (Fan Zhou, Aldo Sartori und Sung Hwan Park) sangen es erneut. Das Publikum war begeistert.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Pietro Antonio Coppola (* 11. Dezember 1793 in Castrogiovanni; † 13. November 1877 in Catania)war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Ein Open-Air-Konzert im Innenhof mit Blick auf das Haus von Nicola Vaccai feierte Werke von vier Komponisten aus Pesaro – natürlich Rossini, aber auch Vaccai und die fast völlig unbekannten Gioacchino Albertini und Vincenzo Federici. Weitere Werke von Pacini waren in einem Konzert zu hören, das seine Opern mit Passagen aus seinen künstlerischen Memoiren verband. Mit anderen Worten: Das IBR bot uns ein reichhaltiges Programm seines Hauptkomponisten Pacini, aber auch Kostproben anderer einst beliebter Opernkomponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die in Vergessenheit geraten sind, und erfüllte damit seine Mission, dieses reiche Erbe für das Vergnügen des heutigen Publikums zu erschließen. Das IBR, das nun bereits im vierten Jahr erfolgreich stattfindet, ist auch für den erfahrensten Opernliebhaber wieder eine lehrreiche Erfahrung. CDs mit den Werken des letzten Jahres, Luigi Rossis La casa disabitata und einem Konzert mit Auszügen von Vaccai, sind jetzt beim Label Bongiovanni erhältlich.

Abgesehen von der Figur in der Oper (und dem Namen von Pacinis Tochter) ist „Amazilia” der Name einer Kolibri-Gattung, die denselben Namensstamm hat wie die Heldin der Oper. Das IBR trägt mit seinen zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Initiativen dazu bei, dass diese seltenen und farbenprächtigen Geschöpfe wieder fliegen können. Charles Jernigan/DeepL/G.H.

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Dazu auch bei operlounge.de: Pacinis Kinder sowie Die vergessene Oper: Pacinis Amazilia

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36. Musikfest Bremen: Musikalische Glanzlichter: Halbszenische Opernaufführungen haben eine schöne Tradition beim Musikfest an der Weser. Fast immer sind sie hochkarätig besetzt mit exzellenten Solisten und einem renommierten Dirigenten. Im Konzertsaal Die Glocke stand am 27. 8. 2025 bei Mozarts Die Zauberflöte der junge Finne Tarmo Peltokoski vor der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, seit Anfang 2022 Principal Guest Conductor des Orchesters. Seine eminente musikalische Begabung offenbarte sich bereits in der Ouvertüre, die er spannungsvoll und kontrastreich aufbaute. Feierlich und würdevoll erklang die Einleitung zum 2. Aufzug, wobei Transparenz und Schlankheit des Klanges stets gewahrt blieben. Das ChorWerkRuhr (Einstudierung: Michael Alber) absolvierte zuverlässig seine Auftritte von der Empore. Romain Gilbert hatte die Handlung an der Rampe diskret, doch spielfreudig arrangiert, wobei er von Hervé Garys Lichtdesign unterstützt wurde, welches besonders mit den Rot- und Blau-Tönen bei der Feuer- und Wasserprobe Sinn machte.

Ein Salzburg würdiges Ensemble sorgte für einen Abend voller Sängerglanz, angeführt vom Schweizer Tenor Mauro Peter, der den Tamino schon  2018 in der verunglückten Inszenierung von Lydia Steier bei den Salzburger Festspielen gesungen hatte. Sein kultivierter lyrischer Tenor hat mittlerweile an Farbe, Volumen und Kraft gewonnen. Das verhalf der gefühlvoll vorgetragenen „Bildnis“-Arie zu starker Wirkung und erbrachte für „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ eine ideale Balance von Virtuosität und Emphase. Eine perfekte Besetzung war auch für seine Pamina gefunden worden, denn Elsa Dreisig wartete mit leuchtendem Sopran, innigem Gefühl und bester Stimmführung auf. Während ihre Ausflüge in das italienische und französische Fach in der Vergangenheit zwiespältig ausfielen, konnte sie hier in ihrem ureigenen  Repertoire überzeugen und mit der Arie „Ach, ich fühl´s“ für ein sängerisches Glanzlicht sorgen. Nicht weniger als eine Sensation markierte der Auftritt von Kathryn Lewek als Königin der Nacht. Man muss schon an Edda Moser oder Diana Damrau in ihrer besten Zeit zurückdenken, um ein vergleichbares Niveau zu finden. Mit dunkel grundiertem, fülligem Sopran von warmem Klang konnte sie die mütterlichen Gefühle der Figur plastisch transportieren, mit rasender Attacke, phänomenalen Koloraturläufen und gestochenen staccati gleich Messerstichen ihren Rachefuror verdeutlichen. Von seltener klanglicher Homogenität erklang das Trio der drei Damen mit Silja Aalto, Iris van Wijnen und Marie Seidler. Dies ist auch den Solisten der St. Florianer Sängerknaben zu bescheinigen, die die Gesänge der Drei Knaben wohllautend und intonationsrein vortrugen. Nobel und sonor erklang der schlanke Bass von Manuel Winckhier in Sarastros beiden Arien, mit beeindruckender Autorität im letzten Auftritt des Priesters „Die Strahlen der Sonne“. Der ungarische Bassbariton Marcell Bakonyi gefiel mit potenter, kerniger Stimme als Sprecher und gab darüber hinaus noch den Zweiten Geharnischten, assistiert vom slowenischen Tenor Martin Logar als Erstem. Scharfzüngig und grell charakterisierte Andreas Conrad den Monostatos.

Wie oft war auch hier Papageno ein Publikumsliebling. Der Schweizer Bariton Äneas Humm sang ihn mit angenehmer Stimme, allerdings gespreizt gesprochenem Dialog und überflüssigen Extempores sowie einer gänzlich überflüssigen Einlage mit dem Song „The Sound of Silence“. An seiner Seite war Miriam Kutrowatz eine reizende Papagena – in der Verkleidung als altes Weib zunächst keifend und krächzend, nach der Demaskierung dann aber entzückend singend. Der Abend, welcher in seiner musikalischen Perfektion viele internationale Festspielaufführungen übertraf, wurde vom Publikum gebührend bejubelt.

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Stets gehören auch Konzertabende mit Interpreten von Weltrang zum Programm des Musikfestes. Am 28. 8. 2025 war Gelegenheit, die finnische Sopranistin Camilla Nylund zu erleben. Das Programm, Von Heldinnen und Helden betitelt, bot zwei der forderndsten Finalszenen der gesamten Opernliteratur: „Starke Scheite“ aus Wagners Götterdämmerung und den Schlussgesang der Salome aus Strauss´ Oper. Zudem war das zweite renommierte  Orchester der Hansestadt zu hören – die Bremer Philharmoniker unter ihrem GMD Marko Letonja. Das Konzert markierte eine würdige Feier zum 200. Jubiläum des Klangkörpers. Brahms´ „Akademische Festouvertüre“ war ein schwungvoller Auftakt mit seinen Anklängen an Studentenlieder.

Camilla Nylund hatte als Einstieg Elisabeths Hallen-Arie aus Tannhäuser gewählt, in der die Stimme leicht verhärtet klang. Dann aber Brünnildes Weltabschied in einem silbernen, eng anliegenden Kleid, das die Sängerin umschloss wie ein stählerner Panzer und auch optisch einer Walküre entsprach. Grandios meisterte sie mit ihrem kraftvollen Sopran und unangefochtenen Spitzentönen die lange Szene, dominierte bis zum letzten Moment das Orchester, welches der Dirigent groß aufrauschen ließ.

Nach der Pause Richard Strauss mit seiner „Sinfonischen Fantasie“ aus Die Frau ohne Schatten, welche 1946 entstand und Motive aus dem monumentalen Werk vereint. Klänge, Farben, Lyrismen und Dissonanzen fügten sich in der Wiedergabe des Orchesters zu einem Klangrausch von magischer Wirkung. Auch der nachfolgende „Tanz der sieben Schleier“ aus Salome verfehlte in der lasziven Atmosphäre und orgiastischen Steigerung nicht seinen Effekt. Zweifellos besitzt Nylunds Stimme eine neue Qualität und Dimension, was auch Salomes Schlussgesang bewies. In ihrem Charakter, ihrer Klangfarbe ist sie nicht eigentlich hochdramatisch, wohl aber in ihrer Leistungsfähigkeit. Und so bot sie auch als Salome einen mühelos bewältigten Auftritt von ekstatischer Steigerung und tranceartigem Schluss, der in seiner Tragik tief berührte.

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Verdienstvoll und vom Publikum hoch geschätzt sind die Veranstaltungen des Musikfestes in Bremens Umgebung. Der prachtvolle Dom zu Verden ist ein solcher Ort, wo am 29. 8. 2025 Mozarts Requiem d-Moll KV 626 erklang. Hochrangige Interpreten der Barock-Szene waren versammelt, so das 1990 von Václaw Luks gegründete Collegium 1704 und das 2005 von ihm ergänzte Collegium Vocale 1704. Der Dirigent entschied sich für die von Eybler und Süssmayr vollendete Fassung des von Mozart als Torso hinterlassenen Werkes. Und er stellte ihm ein hierzulande unbekanntes Stabat Mater von Frantisek Ignác Tuma voran, welches der 1704 geborene böhmische Komponist ca. 1750 schuf. Das Werk von strenger Schlichtheit ist nur sparsam instrumentiert und atmet kaum barocken Geist. Fast mutet es modern an, wie hier alte und neue Stile kombiniert sind. Orchester und Chor beeindruckten mit hoher Klangkultur und das Solistenquartett konnte in zwei Duetten bereits seine Qualität herausstellen, wie es danach bei Mozarts Werk noch deutlicher wurde. Tereza Zimkovás Sopran war von keuschem Klang, der Mezzo von Henriette Gödde dagegen eher von fraulicher Sinnlichkeit. Herausragend war der Tenor von Krystian Adam in seiner Potenz und Substanz, Tomás Selc komplettierte mit einem Bass von warmem, weichem Klang. Der Gesang des Chores war überwältigend, ob im Kyrie mit seiner apokalyptischen Dimension, dem gewaltigen Confutatis maledictis oder dem erhabenen Agnus Dei. Und am Ende überraschten die 17 Sängerinnen und Sänger noch mit einer unbekannten Zugabe – einem frühen A-capella-Werk von Zelenka, das den Abend bewegend und würdig beschloss. Bernd Hoppe

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LGBT in Pesaro 2025: Das Rossini Opera Festival endete mit einer hervorragenden Aufführung der Missa, die Verdi nach Rossinis Tod im Jahr 1868 für ihn organisiert hatte. Sie besteht aus 13 Sätzen, die jeweils von einem anderen Komponisten der damaligen Zeit komponiert wurden (der letzte von Verdi selbst), wurde jedoch zu Verdis Lebzeiten nie aufgeführt und blieb tatsächlich unaufgeführt, bis sie 1970 von David Rosen entdeckt und 1988 in Deutschland aufgeführt (und anschließend aufgenommen) wurde. Sie war zuvor noch nie beim Rossini-Festival aufgeführt worden. Die Qualität der einzelnen Abschnitte ist unterschiedlich, aber der letzte Abschnitt von Verdi, den er später in seine Requiem-Messe für Manzoni übernahm, ist glühend.

Ansonsten bestand das Festival aus drei Hauptopern – der Rarität Zelmira, einer skurrilen Interpretation von L’Italiana in Algeri und Rossinis erster aufgeführter Oper, La cambiale di matrimonio, die zusammen mit seiner Liedersammlung „Soirèes Musicales” aufgeführt wurde.

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Rossini Opera Festival 2025: „Zelmira“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Zelmira wurde mit einer spektakulären Besetzung von Sängern unter der Leitung von Giorgio Sagripanti mit dem Orchester des Teatro Communale in Bologna in einer Inszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito aufgeführt. Bieito machte sich zunächst in der Opernwelt einen Namen, indem er Standardwerke auf subversive Weise mit viel Nacktheit, Gewalt und explizitem Sex inszenierte und damit das biedere Opernpublikum in Europa schockierte – ein Quentin Tarantino der Opernwelt. Nun scheint Bieito sich von der Infragestellung westlicher Werte, wie sie in kulturellen Ikonen wie Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ oder Bizets „Carmen“ verkörpert sind, zu einer völlig nihilistischen Welt des unerbittlichen Negativismus und der Sinnlosigkeit weiterentwickelt zu haben.

In dieser Inszenierung von Zelmira gab es keine Nacktheit und die Gewalt wurde gedämpft, aber die Inszenierung untergrub alle Werte, die wir normalerweise mit der Oper und Rossini verbinden, und suggerierte, dass alles an der sozialen und kulturellen Erfahrung der Oper bedeutungslos ist – die Musik, die Aufführung, die Inszenierung und das Publikum selbst. (…) Der Sinn der Inszenierung bestand darin, dass sie sinnlos war: Nichts hatte irgendeine Bedeutung. Es gab keine Übertitel, um der Handlung zu folgen, wahrscheinlich weil die Inszenierung so oft im Widerspruch zum Libretto stand, aber auch weil die gesungenen Worte bedeutungslos sind. Der Nihilismus, ein in Europa und Amerika mittlerweile weit verbreitetes Phänomen, da so viele Institutionen und Persönlichkeiten ihre Bedeutung verloren haben – Religion, Politik, demokratische Institutionen und die Künste –, scheint in Bieitos Inszenierung nun auch die Oper befallen zu haben. Die Gründe, warum man in die Oper geht, sind zunichte gemacht. Selbst die Handlungen, die mit einem Opernabend verbunden sind – Ticket kaufen, sich ankleiden, anreisen, zuhören, applaudieren – sind bedeutungslos. Bieito verspottet weniger die Institution oder das Publikum, als dass er uns sagt, dass eine kulturelle Handlung nicht mehr Bedeutung hat als alles andere.

Wenn die „Bedeutung” Bedeutungslosigkeit ist, dann sahen wir keinen Grund zu bleiben. Wir gingen in der Pause. Eineinhalb Stunden totale Negation waren genug. Wenn die Musik wertlos war, die harte Arbeit der Sänger und des Orchesters bedeutungslos und die Inszenierung ein endloser Kreislauf sich wiederholender Handlungen ohne jeden Grund, warum dann bleiben? Unser Akt des Nihilismus bestand darin, zu gehen und ein Eis zu kaufen. Italienisches Gelato an sich ist anti-nihilistisch. Oder vielleicht war Bieito einfach nur verwirrt und hatte keine Ahnung, was er tat.

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Rossini Opera Festival 2025: „L´Italiana in Algeri“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Rosetta Cucchis Inszenierung von Italiana in Algeri befand sich gewissermaßen am anderen Ende des philosophischen Spektrums. Sie interpretierte die Geschichte von Isabella, der Italienerin auf der Suche nach ihrem lange verschollenen Freund Lindoro, neu als eine Gruppe von Drag Queens, deren Bus auf einer Reise eine Panne hat. „Isabella und ihre Mädchen” werden von den Polizisten unter Mustafà verhaftet, einem despotischen Herrscher, der von seiner Frau Elvira gelangweilt ist. Die gestrandeten italienischen Drag Queens versprechen ihm eine Art neue Stimulation, sexuell oder anderweitig. In einer cleveren Vorführung vor der Oper hält die Gruppe mit einem regenbogenfarbenen VW-Bus vor dem Teatro Rossini und die „Polizei“ jagt die extravagant gekleideten Drag Queens, um sie schließlich ins Theater zu treiben, damit die Oper beginnen kann. Es ist ein lustiges Durcheinander in wilden Kleidern und leuchtenden Farben.

.Cucchi verwendet Isabellas patriotische Arie „Pensa alla patria”, um eine Art ernsthafte Aussage über die Befreiung von Homosexuellen oder die Akzeptanz von Drag Queens oder die Freiheit, sein Leben so zu leben, wie man es für richtig hält, zu machen, aber es passt nicht zum Text, und tatsächlich funktioniert die ganze Drag-Überlagerung nicht: Isabella ist eindeutig eine Frau, eine Mezzosopranistin, und kein Mann in Frauenkleidung. Sie sucht einen Liebhaber, der ein Mann ist (Lindoro). Die Inszenierung entpuppt sich als Camp-Übung und nicht als ernsthafter Aufruf zur Befreiung, trotz alter Wochenschauen, die Demonstranten für die Befreiung von Homosexuellen, für Transsexuellenrechte oder für Drag Queens zeigen. Cucchi glaubt eindeutig, dass eine soziale Sache im Gegensatz zu Bieito eine Bedeutung hat, aber sie hat das falsche Mittel gewählt, um ihre Ansicht zu verbreiten. Italiana ist eine köstliche Opera buffa: Sie verspottet alberne „Türken” und italienische Männer (Taddeo), preist aber die Macht und Intelligenz italienischer Frauen. Es ist nicht La Cage aux Folles oder Priscilla, Queen of the Desert. Der Gesang war sehr gut. Daniella Barcelona ist mit 59 Jahren immer noch wunderbar, und die beiden Buffo-Bässe Giorgi Manoshvili und Misha Kiria waren in der Tat sehr gut. Der Tenor Josh Lovell hat eine liebliche tenore di grazia-Stimme, aber er hat einige hohe Töne ziemlich schlecht getroffen, und seine Stimme ist in seiner Arie im zweiten Akt gebrochen. Vielleicht war das alles nur ein Insider-Witz: Daniella Barcelona hat ihre Karriere in Travesti-Rollen verbracht, in denen sie als Mann verkleidet war. Können wir sie als „Drag King” bezeichnen?

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Rossini Opera Festival 2025: „La cambiale di matrimonio“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Der dritte Abend war eine Art Doppelvorstellung. Die Einakter-Oper war Rossinis Cambiale di matrimonio, die mit vier Sängern kombiniert wurde, die die „Soirées Musicales” aufführten, eine Sammlung von zwölf Liedern, die Rossini in den frühen 1830er Jahren komponiert hatte. Dieser eher seltsame Abend versuchte nicht, eine Aussage zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema (Drag Queens) zu machen oder eine gesellschaftliche Unzufriedenheit wie Nihilismus auszudrücken. Er war einfach nur unterhaltsam und hat Spaß gemacht. Die Lieder wurden für diesen Anlass von Fabio Maestri orchestriert und vor dem Vorhang von vier jungen Sängern auf einfache Weise präsentiert: Vittoriana De Amicis, Andreas Niño, Paola Nevi und Gurgen Baveyan. In der Oper spielte der bekannte und lustige Buffo-Bass Pietro Spagnoli die Rolle des Tobia Mill und die exzellente Paola Leoci seine hübsche Tochter Fanni. Ihr Liebhaber Edoardo wurde von Jack Swanson gespielt, und der Kanadier Slook, der mit einem Bären im Schlepptau auftauchte, wurde von Matt Olivieri dargestellt. Ramiro Mataran und Inés Lorann waren die beiden Diener Norton und Clarina. Der ehemalige Tenor Laurence Dale inszenierte eine charmante, traditionelle und lustige Produktion. Auf der Bühne stand ein realistisches zweistöckiges georgianisches Londoner Reihenhaus, und die Sänger trugen historische Kostüme. Der einzige Misston war der Bär, der fast während der gesamten Oper auf der Bühne blieb und den Witz zermürbte. Christopher Franklin dirigierte.

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Wenn es ein Gegenmittel zur nihilistischen Zelmira gab, dann war es der letzte Teil der Messe für Rossini, Verdis „Libera me, Domine”, ein großer Schrei nach Freiheit und Sinn, gerichtet an ein kaltes Universum und gesungen von der großartigen Vasilisa Berzhanskaya. Das Universum mag nicht zuhören, aber der verzweifelte Schrei, eines der größten Werke Verdis, ist an sich schon eine Bestätigung der größten Aufgabe der Kunst – uns in der Weite von Zeit und Raum einen Sinn zu geben. Charles Jernigan/DeeplL/G. H.

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Salzburger Festspiele 2025: Counter-Gipfel. Noch nie gab es im Salzburger Festspielsommer eine derart hohe Beteiligung von Counter/Falsetisten wie in diesem Jahr. Schon in der Eröffnungsproduktion mit einem Barockwerk – Händels Giulio Cesare in Egitto -, mit dem der russische Regisseur Dmitri Tscherniakov sein Debüt in Salzburg gab, waren vier Vertreter dieser Stimmgattung besetzt. Ohne Zweifel führte sie der Franzose Christophe Dumaux als Titelheld an. Viele Jahre war er auf die Partie des Tolomeo abonniert, die er weltweit und bei allen großen internationalen Festivals gesungen hat. Für die Interpretation der Titelrolle hat er sich viel Zeit gelassen – mit dem Ergebnis einer bewundernswerten Vollkommenheit. Schon der Auftritt mit „Presti omai l´egizia terra“ war in seiner energischen Attacke fulminant, ähnlich rasant das Solo „Empio, dirò, tu sei“. Dazu kontrastierte das lieblich intonierte „Se in fiorito ameno prato“ mit imitierten Vogelstimmen zauberhaft und geradezu magische Wirkung hatte „Aure, deh, per pietà“ mit berückend schwebenden Tönen.

Ihm fast ebenbürtig der ukrainische Sänger Yuriy Minenko als Tolomeo, auch er eine Größe im internationalen Barock-Geschehen. Der Regisseur zeichnet ihn als fiesen, effeminierten Schurken und lässt ihn sein Entrée „L´ empio, sleale“ mit hysterischer Aggressivität vortragen. Aber Minenko kann später auch die Schönheit seines Timbres zeigen und mit einer kunstvollen Kadenz imponieren.

Salzburger Festspiele 2025: „Giulio Cesare“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Ein relativ neuer Name ist der italienische Sopranist  Federico Fiorio, der aber bereits an der Mailänder Scala aufgetreten ist und bei den jüngsten Festspielen Potsdam Sanssouci in Galuppis Didone abbandonata beeindruckte. Mir war sein Sesto bei aller zur Schau gestellten Virtuosität zu kindlich im Klang, ungeachtet der Tatsache, dass die Rolle einen Sänger mit jugendlicher Stimme verlangt. Wie alle Figuren in diesem unterirdischen Gefängnis ist auch er traumatisiert, allein die flatternden Hände bei „Svegliatevi nel core“ zeigen seinen pathologischen Zustand an. Später wird er eine Art Veitstanz aufführen und völlig die Kontrolle über seine Aktionen verlieren, was der Interpret mit bewundernswertem körperlichem Einsatz zeigt. Vierter Counter war der junge Amerikaner Jake Ingbar als Nireno mit auffallend klangvoller Stimme.

Gefeiert wurde Olga Kulchynska für ihre Cleopatra, mit der sie ein beachtliches Salzburg-Debüt gab. Optisch als billige Nutte eher abstoßend, gelang es ihr doch, die Gefühle für Cesare und ihre Ängste um sein Leben glaubhaft zu vermitteln. Die makellose Technik erlaubte ihr einen bravourösen Vortrag der fordernden Arien und auch die lyrischen Passagen gelangen ihr vortrefflich. Zwitschernd klang „Non disperar“, verführerisch „V´adoro, pupille“, tragisch umflort „Piangerò“ und gebührend bravourös „Da tempeste“. Einzig das recht anonyme Timbre versagt die Einordnung der Stimme in eine von Weltrang.

Gespalten. waren die Meinungen über die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot als Cornelia. Ihre Stimme mit maskulinem, extrem gutturalem Klang verfärbte sie bis zur Hässlichkeit. Die Ausbrüche bis zum veristischen Schrei verfehlten zuweilen nicht ihre Wirkung, waren aber kaum noch in die Kategorie Gesang einzuordnen. Echte männlich-tiefe Töne brachten der moldawische Bariton Andrey Zhilikhovsky als Achilla und Robert Raso vom Young Singers Project als Curio ein. Ersterer trumpfte bei „Tu sei il cor“ mit energischer, ausladender Stimme auf, während Raso die Rezitative resolut formulierte.

Das zentrale Thema des diesjährigen Festspielprogramms, Machtkampf und Krieg, war deprimierend, doch angesichts der aktuellen Weltlage nachvollziehbar. Und natürlich war es auch in dieser Eröffnungsproduktion präsent. Wie stets fungierte Tcherniakov als sein eigener Bühnenbildner und hatte im Haus für Mozart einen unterirdischen Bunker auf die Bühne gestellt, in welchen die Protagonisten geflüchtet waren und dort in klaustrophobischer Enge eingepfercht sind. Ihre Machtkämpfe setzen sie dennoch fort. Der Einheitsschauplatz evozierte eine szenische Eintönigkeit. Elena Zaytsevsas moderne Kostüme bewegten sich im sattsam bekannten Spektrum von Business-Anzügen, Lederjacken, Hoodies und einem pinkfarbenen Girly-Outfit für Cleopatra mit Felljacke und langer Perücke. Befremdlich waren einige Ideen des Regisseurs, wie Tolomeos versuchte Vergewaltigung der Cornelia, die sich ihm angeekelt entzieht, aber darauf ihren eigenen Sohn Sesto sexuell bedrängt und damit eine inzestuöse Neigung offenbart. Auch die permanente Korrektur ihres Make-up´s während der Trauergesänge um den ermordeten Gatten schien unpassend. An Komik grenzten der schier endlos verblutende Achilla und Sesto, der am Ende den Verstand verliert und in einen Wahnsinnstanz verfällt. Vorhersehbar, dass Tschernjakov auch dem lieto fine nicht traute. Alle singen von Freude und Lust, doch eine ohrenbetäubende Explosion zeigt unmissverständlich an, dass die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.

Mit alarmierendem Sirenengeheul begann die Aufführung auch akustisch verstörend. Aber dann setzte die Musik ein, welche Emmanuelle Haim mit ihrem Concert d´Astrée in aggressiver Härte und schonungsloser Dramatik erklingen ließ. Da waren die weichen Streichertöne, die ziselierten Gambenakkorde und feinen Bläserpassagen der Bühnenmusik ein wunderbarer Kontrast zu den fiebrigen, harsch pulsierenden Passagen. Aus dem Orchestergraben sang der Bachchor Salzburg (Einstudierung: Michael Schneider) und sorgte gleichermaßen für dramatische Effekte (wie im Schlachtruf „Mora Cesare, mora“) und versöhnliche Harmonie (wie im Finale „Ritorni omai nel nostro core“) – wenn dies auch von der Regie nicht bedient wurde. Aber musikalisch war diese Festspieleröffnung verheißungsvoll (14. 8. 2025).

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Salzburger Festspiele 2025: „Drei Schwestern“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Die Besetzungsliste einer weiteren Neuproduktion, Peter Eötvös´ Oper Tri Sestri (Drei Schwestern) (Uraufführung am 13. März 1998 in der Opéra de Lyon) wies gleichfalls vier Counter auf, dazu als komischen Verfremdungseffekt den orgelnden polnischen Bass Aleksander Teliga in einer Travestie-Rolle – der Amme Anfisa. Das Trio der drei hohen Männerstimmen in den Titelrollen sorgte in Salzburg für eine Sensation. Der Sopranist Dennis Orellana als Irina sowie die Counter Cameron Shabazi als Mascha und Aryeh Nussbaum Cohen als Olga hatten den Abend schon im Prolog für sich entschieden, wo sie in schlichten weißen Kleidern (Kostüme: Emma Ryott) an ihr bisheriges Leben erinnern und von einem Neuanfang träumen. Wunderbar vereinten  sich die drei Stimmen zu einem harmonischen Zusammenklang, getragen von der sphärischen Musik des ungarischen Komponisten, die 1998 uraufgeführt wurde. Der französische Dirigent Maxime Pascal breitete sie mit dem Klangforum Wien atmosphärisch aus, gab auch ihren winselnden, lärmenden Passagen gebührenden Raum. Alphonse Cemin leitete ein unsichtbares Orchester hinter der Bühne.

An Tschechows Schauspiel Drei Schwestern mit seinen intimen Kammerspiel-Szenen, mit seiner Bühne voller Birken darf man bei der Vertonung und bei der Inszenierung von Evgeny Titov nicht denken. Sie fügt sich ganz ein in das aktuelle Thema der Festspiele, zeigt eine apokalyptische Trümmerlandschaft aus geborstenem Beton und zerstörten Eisenbahnschienen im Nebel (Bühne: Rufus Didwiszus). Die Akteure müssen über riesige Gesteinsbrocken balancieren, wobei der vierte Counter, Kangmin Justin Kim in der Rolle der hysterischen und extravagant gewandeten Natascha, Andrejs Frau, dem Bruder der Schwestern, durch seine geradezu artistische Gewandtheit besonderes Aufsehen erregte. Die Hoffnung, welche Eötvös´ Musik auch innewohnt, atmet die Szenerie nicht. Der Krieg ist allgegenwärtig, wenn Soldaten mit den Utensilien des Kriegers die Bühne stürmen und Brände aufflammen. Die zugemauerten Arkaden der Felsenreitschule suggerieren zudem eine bedrückende Eingeschlossenheit.

Im Unterschied zum Schauspiel haben der Komponist und sein Librettist Claus H. Henneberg die Oper in drei Sequenzen aufgeteilt, in denen Irina, Mascha und Andrej aus ihren individuellen Blickwinkeln erzählen. Den Anfang macht Irina, die jüngste der Schwestern, der die Oboe zugeordnet ist und die von Baron Tusenbach (Mikolaj Trabka mit obertonreichem Bariton) geliebt wird. Orellana verlieh ihr einen feinen, träumerischen Sopranklang. Auch der Stabshauptmann Soljony (Anthony Robin Schneider mit sonorem Bass) liebt Irina, was zum Duell mit dem Baron führt, in dem dieser sein Leben verliert.

Die zweite Sequenz ist Andrej vorbehalten, der sich in Selbstvorwürfen quält. Seine Frau Natascha hat ein Verhältnis mit Protopopow (Henry Diaz), was der Choreograf Otto Pichler in einer Liebesszene pantomimisch umgesetzt hat. Der südafrikanischer Bariton Jacques Imbrallo zeigt sich als Andrej schonungslos nackt, so die Sinnlosigkeit seiner Existenz darstellend. Die Sequenz III ist Mascha vorbehalten, der die Klarinette gehört und die von dem Batteriekommandanten Werschinin (Ivan Ludlow mit potentem Bariton und starker Aura ) fasziniert ist. Der Abschied von ihm wegen seiner privaten Probleme ist für Mascha schmerzlich. Shahbazi bestach durch seine elegante, attraktive Erscheinung und die sinnliche, dunkel timbrierte Stimme. Der Bass Andrei Valentiy gab Maschas Ehemann Kulygin als skurrile Figur. An Irinas Namenstag erscheint er mit roter Clownsnase und langen Eselsohren, um ihr ein Geschenk zu machen. Valentiy formte daraus ein Kabinettstück und imponierte darüber hinaus mit seiner prachtvoll sonoren Stimme. Der dritten Schwester, Olga, ist keine Sequenz gewidmet, wohl aber ein Instrument – die Flöte.

Zwei Zeichen der Hoffnung setzte der Regisseur am Ende dennoch gegen Tristesse, Verzweiflung und Apokalypse.  Irina malt auf eine weiße Mauer mit Kohle einen Tunnel als möglichen Ausweg und  das Alte Mütterchen (Eva Christine Just) steigt aus ihrem Krankenbett, um von der vierstöckigen Schokoladentorte zu kosten. Selten gab es für eine zeitgenössische Oper solch euphorischen Jubel wie in der Felsenreitschule am 12. 8. 2025.

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Salzburger Festspiele 2025: „Maria Stuarda“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Für die Vielseitigkeit des diesjährigen Festspielprogramms stand auch die Inszenierung von Donizettis Maria Stuarda. Die 1835 uraufgeführte Tragedia lirica zeigte Regisseur Ulrich Rasche im Großen Festspielhaus als Machtkampf der beiden Königinnen Elisabetta und Maria. Jeder ist ein eigenes Reich zugeordnet, welches sie nie verlassen und auch in ihrem Duett die Trennung beibehalten werden. Rasche als sein eigener Bühnenbildner hat dafür zwei riesige drehbare Scheiben installiert, die auch kippen können und von unten illuminiert werden. Von oben senkt sich eine dritte Scheibe herab, welche als Leuchtkörper dient und zudem für die Projektion von Filmaufnahmen der Titelheldin (Video: Florian Hetz) genutzt wird. Umgeben werden die beiden Herrscherinnen von ihren Höflingen (Tänzer der Salzburg Experimental Academy), die sich in der Choreografie von Paul Blackman bewegen – zumeist gegen die Drehrichtung der Scheibe – oder im Gleichschritt marschieren, gegen Ende halbnackt und zunehmend gekrümmt erscheinen. Auch die beiden Regentinnen sind in ständiger Bewegung, um sich gegen die Drehung der Scheiben zu behaupten. Irgendwann ähnelt Elisabetta in ihrer gebeugten, gebrechlichen Haltung, sich mühsam vorwärts schleppend, gar einer Mutter Courage. Kate Lindsey, in Salzburg ein häufig gesehener Gast, gab sie mit strengem, stark gutturalem Mezzo, dem gelegentlich ein heulendem  Beiklang eigen war. In der Erscheinung imponierte die herrscherliche, stolze, hochmütige Aura, im Ausdruck ihre Energie und Entschlossenheit. Von Sara Schwartz zumeist in Schwarz gekleidet, ist sie ein starker Kontrast zu Maria ganz in Weiß. Lisette Oropesa, kürzlich bei ihrem Rollendebüt am Teatro Real in Madrid gefeiert, war eine empfindsame schottische Königin mit weichem, lyrischem Koloratursopran. Die Auftrittskavatine „Guarda: su´ prati appare“ besaß Süße und Leuchtkraft, die Cabaletta „O nube“ Verve und strahlende Spitzentöne. Tief empfunden war ihre Preghiera vor dem Tod auf dem Schafott, bei der sie in einem transparenten hautfarbenen Hosenanzug aus glitzerndem Stoff auftreten muss – ein absurder Einfall der Kostümbildnerin. Auch Antonello Manacordas forsche Leitung der Wiener Philharmoniker wurde gelegentlich zum Problem, wenn das auftrumpfende Orchester den Sängerinnen alle Reserven abverlangte. Mit seinem robusten Latino-Tenor hatte Bekhzod Davronov als Roberto keine Mühe, sich gegen die Wiener Musiker durchzusetzen. Zur Optik als jugendlicher Beau korrespondierten seine strahlenden Spitzentöne und die Italianità seines Vortrags. Der russische Bass Aleksei Kulagin gab den Talbot mit ausladender, körniger Stimme, Thomas Lehman den Cecil mit solidem Bariton. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Alan Woodbridge) sang aus dem Off, was gelegentlich zu Koordinationsproblemen mit dem Orchester führte. Das Publikum am 11. 8. 2025, mit der Interpretation von Belcanto-Opern in Salzburg nicht eben verwöhnt, feierte die Sänger ausnahmslos euphorisch.

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Salzburger Festspiele 2025: „Hotel Metamorphosis“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Traditionell wurde eine Produktion von den Pfingstfestspielen Salzburg in das Sommerprogramm übernommen – in diesem Jahr Barrie Koskys schon im Juni gefeiertes Vivaldi-Pasticcio Hotel Metamorphosis. Michael Levine hatte die Geschichte in einem Hotelzimmer mit Doppelbett und variierenden Gemälden verortet, welche mythologische Szenen zeigen: Pygmalion und seine Statue, Arachne und Minerva, Myrrha, Echo und Narcissus, Orpheus und Eurydice. Die Geschichten stammen aus Ovids Metamorphosen, deren berühmteste die von Orpheus ist, den Angela Winkler im schwarzen Hosenanzug (Kostüme: Klaus Bruns) mit ihrer bekannt manierierten kindlichen Stimme sprach und dabei einige Konzentrationsprobleme offenbarte. Auch Pfingst-Prinzipalin Cecila Bartoli als Eurydice (im roten Kleid) und Arachne (im bunten Hosenanzug und Turban) brauchte eine Zeit, um ihre Form zu finden. Bei „Quell`augellin che canta“ aus La Silvia entzückte sie mit den imitierten, kichernden und gackernden Vogelstimmen, bei „Dite, oimè“ aus La fida ninfa beeindruckten der schmerzliche Ausdruck und die souveräne hohe Lage. Am Ende tritt sie noch einmal als Eurydice auf, nun im schwarzen Kleid, und imponierte mit langen Bögen bei „Sposa… son disprezzata“ aus Giacomellis Il Bajazet und „Gelido in ogni vena“ aus Il Farnace, bei dem die Stimme wie erfroren klirrte. Auch Philippe Jaroussky, ein Veteran in der Counter-Szene, offenbarte als Pygmalion und Narcissus stimmliche Defizite.  Überzeugend war aber der träumerische Klang in „Tu dormi in tante pene“ aus Tito Manlio.

Zum Star der Aufführung avancierte die französisch-italienische Mezzosopranistin Lea Desandre als Statua,  Myrrha und Echo. Als Myrrha brillierte sie mit der Bravour-Nummer „Agitata da due venti“ aus La Griselda (früher selbst ein Ganzstück der Bartoli), wozu das lyrisch gesponnene „Non ti lusinghi la crudeltade“ aus Tito Manlio ein schöner Kontrast war. Berührend auch die Arie „Sonno, se pur sei sonno“ aus dieser Oper, die Myrrha nach ihrer Verwandlung in einen Baum singt. Überwältigend schließlich Desandre als Echo mit der Arie „Zeffiretti che sussurrate“ aus Ercole sul Termodonte mit dem reizend imitierten Vogelzwitschern. Die Besetzung komplettierte die russisch-schweizerische Merzzosopranistin Nadezhda Karyazina als Minerva, Nutrice und Juno. Als Minerva begann sie mit wimmernder Fistelstimme, als Nutrice trumpfte sie mit „Nel ,profondo cieco mondo“ aus Orlando furioso energisch auf und als Juno berührte sie mit „Ho nel petto un cor si forte“ aus Il Giustino.

Il Canto di Orfeo (Einstudierung: Jacopo Facchini) hatte in mehreren Szenen Gelegenheit für klangvolle Auftritte („Dell´ aura al sussurrar“ aus Dorilla in Tempe oder mit dem finalen  „Sileant zephyri“).

Optisch wurde die Aufführung entscheidend geprägt von Otto Pichlers choreografierten Tanzszenen, die an seine Arbeiten in den Musicals an der Berliner Komischen Oper erinnerten. Vor allem zu Beginn des 2. Aktes mussten die Tänzer in bunten Röckchen und mit Blütenkränzen im Haar zur Sinfonia aus Dorilla in Tempe hopsen und kreischen. Im Finale sorgten sie beim Concerto grosso auf das „La Follia“-Thema von Geminiani immerhin für eine strengere Form. Exzellent war das orchestrale Niveau, das Gianluca Capuano mit Les Musiciens du Prince – Monaco bot. Ein reiches Farbspektrum schloss flirrende, harsche und klirrende Töne ein. Zu hören waren zärtliche, sinnliche und dramatisch explosive Momente, welche das Seelenleben der Protagonisten plastisch widerspiegelten. Das Publikum im Haus für Mozart am 13. 8. 2025 feierte die Interpreten anhaltend. Bernd Hoppe

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Quietschekuh und Rumpelkammer: Bayreuther Festspiele 2025 –  Die Meistersinger von Nürnberg unter Daniele Gatti und Tristan und Isolde unter Semyon Bychkov. Die rot-grün-bunte aufblasbare Kuh, deren durchgebogener Rücken und das nach oben gestreckter Euter die Nürnberger Festwiese überspannen, schwebt unantastbar über Jubel und Frohsinn, Schunkelei und Gruppentanz. Zwar hatte Beckmesser ihr kurzfristig die Luft rausgelassen, was zum Abbruch der Fröhlichkeit geführt hätte, doch Allkümmerer Sachs erkennt rechtzeitig die Notlage und verbindet Stecker und Kabel wieder. Das wäre auch zu schade gewesen. Das Bild wird in Erinnerung bleiben: eine Festwiese in quietschbunter 70er Jahre Optik als Mischung aus Volksfest und Vereinsabend, Musikantenstadl, Schlagerparade, Bauerntheater und Faschingssitzung mit zwei Merkel-Doubles, blond geschneckerlte Schlagerfuzzis, viel Volk in zünftigen Lederhosen und Dirndln. Und ganz viele Zipfelmützen, die an diesem Abend nie fehlen, als rote Vorgartenzwergmützen, fahle Narren- oder verzierte Faschingskappen.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Wie als Warnung wurde Regisseur Matthias Davids als Musicalregisseur angekündigt. Tatsächlich hat er seit 30 Jahren landauf landab an unterschiedlichsten Häusern gelegentlich Opern und Operetten, doch vor allem Musicals inszeniert. Und ich erinnere mich auch mal Gershwins Crazy for you von ihm gesehen zu haben. Gelernt hat er daraus ein Gefühl für Timing, die Mischung aus sentimentalen und leidenschaftlichen, aus kleinen und großen Szenen. Langweilig darf es nie sein. Das alles passt zu den Meistersingern, die Davids bewusst als Gegenentwurf zu Barrie Koskys und Katherina Wagners Geschichtsstunden und der jahrzehntelange Öde bei Wolfgang Wagners als – und das will bei den Längen der Schusterstube etwas bedeuten – nie langweiliges komödiantisches Entertainment bringt. Das war vielen zu leicht, zu heiter, zu oberflächlich. „Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts“, würde die lebenskluge Marschallin aus der anderen großen deutschen Musikkomödie sagen, die die Gefühlslage der Beteiligten erkannt hat. Oberflächlich ist Davids nie. Und die Bilder von Andrew Edwards bleiben in Erinnerung. Die sehr schmalen und sehr hohen, umsichtig mit einem Warnhinweis versehenen Stufen, die zu einem Kirchlein führen, aus dem anfangs die Kirchgänger strömen, angetan entweder in Trachten der Dürer- und Wagner-Zeit oder gar im modetrendigen Männerwickelrock. Auf der Fläche daneben treffen sich Eva und Stolzing erstmals. Er hat ein Herzchen aus Papierfliegern auf den Boden gelegt und flattert mit zwei Papierflügeln wie ein verliebter Teenager-Engel. Anschließend schwenkt die Handlung in das Innere eines Versammlungsraums. Im zweien Akt dann die bunt illuminierte, mittelalterliche Gasse mit den wie im Erzgebirge gedrechselten Häusern von Sachs und Pogner, samt Bäumchen von der Märklin-Eisenbahn und einer zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonzelle. Am Ende des Aktes bricht ein Pandämonium aus, die Bäume scheinen sich zu biegen, die Häuser rücken auseinander, die Dächer heben sich, eine wütende Prügelei beginnt, die zwischenzeitlich zwischen den Hauptbeteiligten im Boxring geführt wird. Und schließlich diese Festwiese, die aus der krähwinkelschen Enge in die Weitläufigkeit der gegenwärtigen Unterhaltungsbranche führt. Ähnlich bunt – und stillos würde manch einer meinen – hat Susanne Hubrich die Kostüme zusammengesucht als habe ganz Nürnberg im Second-Hand-Laden gewühlt, doch auch mit viel Sinn für aparte Kombinationen und Details bis hin zu dem Harlekins-Wams und den roten Socken des Sachs und seinen guten Maßschuhen, die er im dritten Akt trägt, oder den wechselnden Outfits des Beckmesser. Davids hat die Figuren eindringlich gezeichnet. Herrscht anfangs noch ein gestelzter Vorzeigeton mit demonstrativen und jedes Wort untermalenden Gesten, so gewinnen die Figuren langsam an Leben und Individualität, vor allem Stolzing und Eva wirken wie Zeitgenossen. Eva wird am Ende zur treibenden Kraft, schält sich aus der Festwiesendeko, in der sie wie ein aufgerüschter Hauptgewinn vorgeführt wird, verabschiedet sich von der Amme, gibt dem Vater die Preiskette, ergreift ihren Junker, der nach seiner Ablehnung der Meisterwürde von Sachs ausgiebig belehrt wurde und nun etwas hilflos herumsteht, und flieht ihm aus dem Treiben.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Auch Sachs selbst hat neben allen besserwisserischen Lehrer-Lämpel-Zügen grüblerisch selbstquälerische und durchaus selbstironische Momente. Wie Georg Zeppenfeld diese Entwicklung darstellerisch zeigt, ist großartig. Nicht weniger bewundernswert die, man muss schon sagen, vokale Bravour, mit der er trotz des etwas sehr beiläufigen Flieder-Monologs die Partie trägt und bis zu den Schlusssequenzen mit seinem klaren, hohen Bass und auch in der vierten Aufführung nie nachlassender Kraft (11. August) meisterlich durchleuchtet, auch wenn man sich eine opulentere, profundere Stimme vorstellen könnte. Zeppenfeld führt eine großartige Besetzung an, die es in dieser fabelhaften Geschlossenheit auf dem Grünen Hügel auch nicht alle Jahrzehnte gibt. Sachsens Sparringpartner ist Beckmesser, mit dem er nach dem Schlussgesang die endlosen Diskussionen weiterführen wird. Michael Nagy ist darstellerisch ebenso großartig, wobei ich es interessanter gefunden hatte, wenn die Regie auf einige klamaukige Züge verzichtet hätte und den aparten Sänger mit seinem schönen Kavaliersbariton als echten Konkurrenten zum favorisierten Ritter aufgebaut hätte. Der Ritter ist ein Dutt tragender Teddy im blauen Anzug. Michael Spyres singt den Stolzing mit edelzartem, groß aufblühendem Ton, goldenen Timbre, in jeder Lage speziellem Klang und endlosem Atem, schön phrasiert und textdeutlich und einer heldenhaften Leichtigkeit, wie wenn er nach „Parnass und Paradies“ noch Rossinis Koloraturen versprühen könnte. Da ist alles zwingend erfasst. Nach dem sehr guten, doch keineswegs überrumpelnden Wagner-Debüt mit dem Lohengrin im Vorjahr in Straßburg hat Spyres mit Stolzing seine ideale Wagner-Partie gefunden. Im Frühjahr geht es an der Met mit dem Tristan weiter. Dort hat Christina Nilsson kürzlich die Aida gesungen. Mit kühl gestähltem, fast schon dramatischem Sopran ist die junge Schwedin eine auffallende Eva, die sich in den Szenen mit Sachs im zweiten und dritten Akt nicht unterbuttern lässt, die Pep hat und das Quintett mit ruhigem Strahl und sattem Klang anführt. Ausgezeichnet der bestechend artikulierende, in der Höhe etwas verunsicherte und mit einem großen Spieltenor singende Matthias Stier als David. Christa Mayers schuf mit der Magdalene eine pralle Figur, unter den allesamt individuell gezeichneten Meistern fielen Daniel Jenz als Balthasar Zorn, Matthew Newlin als kettenrauchender Ulrich Eisslinger, Patrick Zielke als Hans Foltz und Jordan Shanahan als gemütlicher Kothner auf. Ein schwarzer Fleck: der eigentlich schön, doch klein, völlig unidiomatisch und unverständlich klingende Pogner des Jongmin Park. Und Daniele Gatti? Ihm eilt die Regie zur Hilfe, lässt über den betulichen und langsamen Anfang hinweghören, bis sein ausziseliertes Musizieren und die Sicherheit, mit der er Orchester und den etwas kleiner als früher besetzten Chor führt und steigert, im dritten Akt an Überzeugungskraft gewinnt. Am Ende grenzenloser Jubel, einige Buhs für den Dirigenten.

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Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Rätselhaft, dunkel, raunend tags zuvor die zweite von fünf Aufführungen von Tristan und Isolde (10. August). Die Inszenierung des isländische Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson, der mit Inszenierungen der Edda und Orestie, aber auch von Lohengrin 2014 in Augsburg und Parsifal 2023 in Hannover aufgefallen ist und prädestiniert für geheimnisvolle Urstoffe scheint, hatte im Vorjahr die kurzlebige Tristan-Inszenierung Roland Schwabs aus dem Jahr 2022 abgelöst. Isolde, die bald ihren Bräutigam Marke treffen wird, schleppt im wahrsten Sinn des Wortes einen immensen Ballast an Erinnerungen mit sich, der in Form des gewaltigen weißen Reifrocks, welcher sich wie eine Insel um sie herum ausdehnt und wallt, alles andere auf der nur wegen der herunterhängen Taue als Schiff erkenntlichen Bühne in den Hintergrund treten lässt. Ein Riss im Boden steht für den Riss in der Welt und die unerfüllte Sehnsucht der Liebenden. Das weiße Gewand, das Isolde wie einen Engel erscheinen lässt, ist bereits über und über beschrieben, und immer noch kritzelt die Tagebuchschreiberin Isolde weiter, ruft sich die zurückliegende Begegnung mit Tristan in Erinnerung, bei der sich beide ineinander verliebten: „Vergeltung“, „Rache“, „Tantris“ usw. Da braucht es keinen Liebestrank mehr, damit beide bei der Überfahrt von Irland nach Cornwall, wohin Tristan die Braut Isolde führen soll, neuerlich entflammen. Im undurchschaubaren Hantieren mit Liebes- und Todestrank ist es unwichtig, zu welchem Trank sie greifen. Um die beiden war es bereits geschehen, so das Regieteam im Programmheft, sobald Isolde sagt, „Er sah mir in die Augen“.

Ganz entfliehen können sie dem Ballast, der Vergangenheit und ihrer Geschichte nicht, wenn man die Anhäufung von Gegenständen, die ab dem Erscheinen Markes am Ende des ersten Aktes fortan das vom litauischen Bühnenbildner Vytautas Narbutas voll geräumte Schiffsinnere bestimmen, als eine solche Last nimmt. Es ist ein Lager oder Speicher, durch den dicke Röhren und Leitungen führen, angefüllt mit dem kulturgeschichtlichen Treibsand aus mehreren Jahrhunderten, Kruscht und Krempel, die wahllos und schwer zu erkennen durcheinanderliegen, Karyatiden, ein Röhrenradio, ein alter Globus, Büsten und Amphoren, Bilder, vielleicht eines von Caspar David Friedrich, das Ziffernblatt einer Comtoise, die Statue eines Kriegers. Das Vergangene lässt sich nicht wegräumen und bestimmt bis zu Tristans Fieberfantasien die Handlung. Im zweiten Akt verspielen sich Tristan und Isolde ein wenig mit dem Zeugs. Tristan erbittet von Isolde den tödlichen Schwertstoß, dem sie ihm einst verweigerte. Indem er schließlich selbstmörderisch zum Todestrank greift, entgeht er Melots Hieb. Im dritten wird Tristan auf einem der Stühle sterbend zusammenbrechen, die anderen, ohnehin zu Stichwortgebern reduziert, sinken auf den Lagern zusammen. Arnarssons Inszenierung lässt den Betrachter ratlos und verwirrt zurück.

Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Es ist der große Abend des Semyon Bychkov, der die „Handlung in drei Aufzügen“ mit dem in Bestform spielenden Festspielorchester mit ausgepichter Klangdelikatesse aufdröselt, so detailverliebt, dass man scheinbar nie gehörte Details neu beachtet, dabei bei durchaus ausladenden Tempi von großer Spannung und Intensität bereits in der sich sehrend ballenden und steigernden Einleitung mit dem berühmten Tristan-Akkord. Sensibel leuchtet er, wie in der Einleitung zum dritten Akt, Farben und Nuancen vorimpressionistisch aus und gibt den zartesten Pianissimi Gehalt, kreiert zu Beginn des zweiten Aktes ein sensuelles Fluidum, in dem sich Camilla Nylunds schöner Sopran ebenso edel entfaltet wie im bemerkenswert sicher gesteigerten Liebestod, den Isolde mit dem Gifttrank herbeiführt; nur aus Liebe stirbt man eben doch nicht. Ihrem durch und durch lyrischen Sopran mag es im ersten Akt etwas an hochdramatischem Fundament fehlen, was vor allem neben dem brünstig lauten Andreas Schager auffällt, doch im zweiten Akt ist besticht sie durch einen ruhigen und sicheren Strahl und ein feines Piano bei verinnerlichtem Ausdruck und Gestaltung. Schagers Tristan ist bis zu den letzten „Isolde“-Rufen ein kämpfender, mit voller Kraft und ungeniertem Ausdruck singender und sich verausgabender Held, der sich nur selten leisere, dann ins Sprechen abgleitende Töne gestattet und sich lieber auf die pure Kraft seines robusten und metallisch schwingenden Tenors verlässt. Wirklich zusammen passen die beiden Stimmen nicht. Ekaterina Gubanova macht als Brangäne durch ihre gute Höhe bei merklich blassem Mezzosopran auf sich aufmerksam, Jordan Shanahan ist ein sympathischer Diener seines Herrn, Günther Groissböck gibt den Marke mit überzeugender Gestaltung und Ausdruck und einem bedenklich festgefahrenen Bass. Festspielwürdig der feinstimmige junge Seemann von Matthew Newlin und der Hirte des Daniel Jens, weniger der Melot des Alexander Grassauer. Rolf Fath

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Bad Wildbad: Otello mit Happy End beim 36. Rossini in Wildbad-Festival. Geballtes Programm. In zehn Tage hat Rossini in Wildbad diesmal alle Aufführungen und Konzerte gepackt. Das hat durchaus Reiz für anreisende Liebhaber, die nach der Eröffnung mit der Petite Messe Solennelle auf dem Baumwipfelpfad an verlängerten Wochenenden vormittags und abends La Cenerentola, die einzige aktuelle szenische Neuinszenierung, oder den Einakter L’inganno felice genießen können. Oder die Klavieroper Un avvertimento ai gelosi des legendären Rossini-Tenors und Gesangslehrers Manuel Garcia, von dessen Gelegenheitsstücken für seine Gesangsschüler das Festival bereits einige aufgeführt hat. Alle drei im Königlichen Kurtheater. Dennoch wirkt das diesjährige Angebot sparsam und ausgedünnt. Die große Rarität, die Grand opéra Pierre de Médicis des Józef Michał Ksawery Poniatowski (1816–1873), fand als einmalige konzertante Aufführung statt. Der in Rom geborene Großneffe des letzten polnischen Königs war als Sänger, Komponist und Diplomat ein Kosmopolit. Er lernte Rossini in Paris kennen, wo er sich 1853 niederließ, ab 1873 das Théâtre Italien leitet und seine Oper Pierre de Médicis (1860) in der Opéra Le Peletier zur Uraufführung brachte.

„Baritenor“ Manuel Garcia Vater als Rossinis Otello von 1816/Wikipedia

Auch die die zweite Rarität, Rossinis Otello in einer bislang in modernen Zeit nicht aufgeführten Fassung aus Rom von 1820 mit Happy End, erlebte nur eine konzertante Aufführung. Unvergessen die Aufführung des Otello beim 20. Rossini in Wildbad-Festival im Juli 2008 mit Jessica Pratt und Michael Spyres (Naxos 8.660275-76), die beide vom Enztal aus ihre Karriere starteten. Nun übernahm Francesco Meli, der sich Ende 2024 in Venedig erstmals an Verdis Otello getraut hatte, die Titelrolle; versierte Rossini-Tenöre würden den Weg andersrum wählen. Meli leitet übrigens das Opernstudio des Teatro San Carlo in seiner Geburtsstadt Genua, von dem die Produktion von Un avvertimento ai gelosi stammt. Diana Haller, die hier schon von Tancredi bis Isolier vielfach reüssiert hat und mittlerweile auch Sopran-Partien (Elettra) singt, ist erstmals die Desdemona. Die verbindende Konstante wäre Antonino Fogliani gewesen, der offenbar in vorletzter Minute durch Nicola Pascoli ersetzt werden musste, der sich im Vorjahr bei Michele Carafas Masaniello mit der heiklen Akustik der schmalen und langgestreckten Trinkhalle vertraut gemacht hatte.

Otello war nach Elisabetta, regina d’Inghilterra die zweite der neun ernsten Opern, die Rossini für das Teatro San Carlo in Neapel schrieb. Er war 23 Jahre alt, als ihn Domenico Barbaja 1815 zum musikalischen Leiter der beiden Königlichen Theater Neapels, des Teatro San Carlo und des Teatro des Fondo, ernannte mit der Auflage jedes Jahr zwei Opern zu schreiben. Für das San Carlo, das am prächtigsten ausgestattete Theater Italiens, schuf er fortan seine experimentierfreudigsten Seria-Opern. Der Vertrag erlaubte Rossini auch umfangreich für andere Theater zu arbeiten. Als er nach Il Barbiere di Siviglia in Rom nach Neapel zurückkehrte, hatte ein Feuer das Teatro San Carlo Opfer zerstört, weshalb der unliebsame – „Ich erinnere mich nicht, mich jemals so abgemüht zu haben“, schrieb er nach Hause –und vielfach verschobene Otello am 4. Dezember 1816 im kleineren Teatro del Fondo uraufgeführt wurde. Das Libretto des Francesco Berio di Salsa wurde so lange belächelt, bis man feststellte, dass sich der literarisch gebildete Marchese nicht direkt auf Shakespeare bezogen hatte und in den 1970 Jahren zeitgenössische Shakespeare-Adaptionen von Jean-François Ducis (1792) und Giovanni Carlo Baron Cosenza (1813) als Quellen ausgemacht wurden. Der dritte Akt mit dem Lied des Gondoliere, der Canzone des Desdemona und dem gegen den Sturm ankämpfenden einzigen Duett, das Desdemona und Otello haben, entspricht dagegen Shakespeares Drama.

Davon entfernte sich Rossini in seiner für die Karnevalssaison 1819/20 bestimmten Fassung mit Lieto fine, also einem Happy End, für das Teatro Argentina in Rom, die am 26. Dezember 1819 ihre erste Aufführung erlebte. In dieser Fassung versucht Desdemona Otello von Jagos Intrige zu überzeugen, der aus Rache für ihre Zurückweisung Otellos Eifersucht angefeuert habe. Zögernd lässt Otello seinen Dolch fallen. Der Doge kommt. Otello erfährt, dass der Nebenbuhler Rodrigo das gemeinsame Duell, mit dem der zweite Akt geendet hatte, überlebt hat und Jago seine Intrige zugegeben hat. Der Bösewicht wird zum Tod verdammt. Elmiro akzeptiert Otello als Schwiegersohn.

Rossinis römischer „Otello“ von 1819 in Bad Wildbad 2025/Foto Magdalena Kiwior

Das Festival nennt es eine moderne Premiere. Das Label Opera Rara hat bei seiner Otello-Einspielung 1998 diese Fassung als Anhang berücksichtigt, beim Festival della Valle d’Itria in Martina Franca war im Jahr darauf eine seltsame Mischfassung mit diesem Finale zu hören. Doch Rossini in Wildbad kann tatsächlich die Moderne Erstaufführung der vollständigen Fassung für Rom für sich beanspruchen. Die Änderungen, für die Rossini bereits vorhandene Stücke anpasste, sind umfangreicher als es zunächst den Anschein haben mag und rücken das Paar Desdemona und Otello stärker in den Mittelpunkt: Statt ihres Duetts mit Emilia, mit dem Desdemona im ersten Akt quasi als scheues Mädchen eingeführt wird, erhält sie nun eine Kavatine mit Chor (Quanto è grato all’alma mia), die aus der Elisabetta stammt und einer ersten Sopranistin würdig ist. Für das entfallene Duett wird Emilia zu Beginn des zweiten Aktes durch die Arie entschädigt, welche die Vertraute Isaura in Tancredi gesungen hatte (Tu che i miseri conforti).

Die junge Mezzosopranistin Verena Kronbichler polierte das lähmende Füllsel zum vokalem Juwel auf. Rodrigos hochvirtuoses, brillantes Showstück fällt dagegen weg. Neu ist vor seiner Begegnung mit Jago eine Szene des Otello, die aus Cimarosas Penelope stammt (Smarrita quest’alma). Im dritten Akt verzichtet Rossini auf das hübsche Lied des Gondoliere mit seinen Dante-Versen und lässt die Liebenden nach Desdemonas Weidenlied und ihrem Gebet im Duett aus Armida (Amor! Possente nome) mit dem hymnischen Schlussteil Cara per te quest’anima wieder zueinanderfinden. Ein kurzer Rundgesang aus Ricciardo e Zoraide besiegelt das glückliche Ende (Or più dolci intorno al core). Die kleinen Partien des Lucio und Gondoliere entfallen, der Chor ist ein reiner Männerchor. Gianmarco Rossini, hat, wie er in seinem Revisionsbericht darlegt, weit mehr Quellen aufgetan als sie bei der Herausgabe der Kritischen Edition der Fondazione Rossini berücksichtigt wurden.

Dieser Otello ist nicht den umfassenden Mosè in Egitto und Maometto-Überarbeitungen für Paris vergleichbar, dennoch ist er ein neues Stück, das Nicola Pascoli mit Begeisterung und Temperament in die Trinkhalle stemmte, wobei ihm das ungestüm aufspielende Orchester der Krakauer Szymanowski-Philharmonie mit Leidenschaft folgte. Auch wenn manche Feinheiten der Lautstärke zum Opfer fielen, gelang es dem Orchester auf die zahlreichen instrumentalen Solomomente hinzuweisen, gelegentlich fehlende Innenspannung und Dichte ersetzte Pascoli durch effektvoll gesteigerte Finali, in denen der Chor der Szymanowski-Philharmonie durch fabelhafte Tenöre auffiel. Die Besetzung war gediegen. Francesco Meli, der Otellos Sieg Vincemmo, o prodi gleich mit der Kraft und dem bronzenen Edelmetall eines Verdischen Esultate verkündete, tat sich nicht leicht, seinem schweren und etwas angedickten Ton die nötige Geschmeidigkeit und Eleganz zu geben oder ein schönes Piano zu singen und setzte durchgehend auf einen massiven und einförmigen Ausdruck. Meli, den man kaum noch mit dem Belcanto-Repertoire und den Rossini-Partien der Anfängerjahre, die er vor rund 15 Jahren langsam hinter sich gelassen hat, in Verbindung bringt, wird diesen neuerlichen Versuch mit Rossini vermutlich so schnell nicht wiederholen, doch Respekt, wie er sich die Partie, mit der er gegen Ende merklich zu kämpfen hatte, zu eigen machte und aus den Rezitativen alles rausholt.

Souverän und triumphierend, wie eine Königin der Trinkhalle, sang Diana Haller mit einer von den runden Tiefen bis zu den aufblitzenden Höhen durchgehend schön verblendeten Stimme eine leidenschaftlich glühende Desdemona, die heftig und selbstbewusst mit manchmal etwas harschem Tonsatz für ihre Liebe kämpft und dabei seelenvolle Töne für das Weidenlied und das Gebet findet. Juan de Dios Mateos war mit seinem leichten hohen, doch auch etwas unruhigen Tenor ein eher larmoyanter denn kämpferischer Rodrigo, der chinesische Tenor Anle Gou gab dem Jago hell durchdringende Spitzentöne, als Elmiro bestach der souveräne Nathanaël Tavernier durch wohltuende Bassautorität in den Ensembles.  Rolf Fath

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Österreich – Graz: Die 40. Styriarte mit dem Motto Raum & Klang. Die steirischen Festspiele feierten in diesem Jahr ein stattliches Jubiläum, wenn auch überschattet durch die jüngsten erschreckenden Ereignisse in der Stadt. Im  Eröffnungskonzert am 20. 6. 2025 in der Helmut List Halle gedachte man dann auch mit einer Schweigeminute der Opfer. In einer Fotoausstellung im Foyer wurden 40 Bilder gezeigt, welche an die beteiligten Künstler erinnerten, vor allem natürlich an Nikolaus Harnoncourt, den Pionier des Unternehmens. Es war eine treffliche Idee, das Programm mit Johann Sebastian Bachs Partita in d, BWV 1004 für Violine solo zu beginnen – mit Thomas Zehetmair als Interpret, der dieses Werk schon beim 1. Konzert der Styriarte 1985 im Schloss Eggenberg gespielt hatte. Er fungierte dann auch als inspirierender Dirigent des Styriarte Festspiel-Orchesters bei Mozarts Sinfonia concertante in Es, KV 364 und der Sinfonie Nr. 41 in C. KV 551 „Jupiter“.

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Schloss Eggenberg war am nächsten Abend auch der Schauplatz für die diesjährige Opernproduktion – Antonio Draghis Ballettoper Gl´incantesimi disciolti, die 1673 im Schloss Eggenberg anlässlich der Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit Erzherzogin Claudia Felizitas von Tirol  aufgeführt wurde. Draghi war Hofkomponist des Kaisers und verarbeitete im Stück auch die Intrigen, welche sich im Vorfeld der Vermählung am Wiener Hof ereignet hatten und den Bund fast verhindert hätten. In der von ihm erdachten Geschichte verlieben sich das Glück und der Gute Wille, werden aber durch den missgünstigen Neid sowie Selbstsucht und Lüge verhext und kommen erst durch die Zuneigung und den zur Vernunft geläuterten Neid zum glücklichen Ende.

Im prachtvollen Planetensaal des Schlosses hatte Dramaturg Thomas Höft eine deutsche Fassung unter dem Titel Das verwunschene Glück erstellt – eine freie Übersetzung des originalen Aufgelöste Zaubereien. Sein szenisches Arrangement wurde dominiert durch Lilli Hartmanns fast lebensgroße Handpuppen, die den allegorischen Figuren zugeordnet waren und entfernt am Arcimboldos Gemälde mit den Köpfen aus Früchten und Gemüse erinnerten. Geführt wurden sie von den Sängern und vier Tänzerinnen, die in der Choreografie von Mareike Franz pantomimische Episoden ausführten, zuweilen an den Ausdruckstanz der 1930er Jahre erinnerten und mit hüpfenden, zappelnden, hopsenden Figuren auch banales Vokabular auszuführen hatten. Die Optik war durch diese verschiedenen Elemente etwas überladen, zumal in diesem mit Gemälden reich dekorierten Saal – hier wäre eine Reduzierung vorteilhafter gewesen.

Die Aufführung hatte ihre Meriten durch das farbenreiche musikalische Klangbild, welches Michael Hell als Dirigent am Cembalo mit dem Ensemble Ärt House 17 verantwortete. Da die originale Partitur nur in Teilen erhalten ist und die bei der Uraufführung gespielten Ballettmusiken gänzlich verloren sind, hat Hell Instrumentalmusiken von zeitgenössischen Komponisten eingefügt. Diese Intermezzi von Biber (eine Sinfonia), Schmelzer (eine Gigue) und Rittler (eine Ciaconna) bringen rhythmisch prägnante Momente, Trompetengeschmetter und festlichen Fanfarenglanz ein, bedeuten zweifellos eine Bereicherung des musikalischen Kosmos.

Styriarte 2025: Antonio Draghis Oper “ Gl´incantesimi disciolti“/Szene/Foto Nicola Milatovic

Auf recht unterschiedlichem Niveau singt die Besetzung. Dominiert wird sie von den beiden Sopranen. Die junge Johanna Rosa Falkinger erfreut als Glück mit klangvoller, leuchtender Stimme, während die gestandene Sophie Daneman als Lüge noch immer mit souveränem Vortrag und makellosen Koloraturen besticht. Reizvoll dunkel timbriert ist der Mezzo von Anna Manske als Neid, der sich später in die Vernunft wandelt. Kraftvoll-energisch trumpft Julian Habermann als Zuneigung auf, während die beiden Veteranen der Gesangsszene – Markus Schäfer als Selbstsucht und Dietrich Henschel als Guter Rat – mit überreifen, teils verquollenen oder matten Stimmen Wünsche offen lassen. Das Publikum applaudierte begeistert, dankbar für diese Wiederentdeckung einer barocken Preziose. Bernd Hoppe

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Potsdam-Sanssouci: Grand Tour bei den Musikfestspielen.  Alljährlich bieten die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci ein attraktives Programm unter einem originellen Motto. Diesmal lautet es vom 13. bis 29. Juni Grand Tour und widmet sich dem Reisen in die Musikmetropolen von London über Paris und Wien bis Venedig. Gleich das Eröffnungskonzert am 13. 6. in der Friedenskirche mit dem Thema Dr. Burneys Reiseführer erinnerte an den britischen Organisten und Komponisten Charles Burney, der zwei ausgedehnte Reisen auf den Kontinent unternahm, um das Musikleben der einzelnen Länder kennenzulernen. Der zweite Ausflug 1772 führte ihn auch nach Berlin und Potsdam.

Das Konzert mit dem polnischen, auf Alte Musik spezialisierten Ensemble (oh!) ORKIESTRA unter Leitung seiner Gründerin Martyna Pastuszka offerierte ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm, das die einzelnen Reise-Etappen nachzeichnete. Der Auftakt mit der Ouvertüre zu Carl Heinrich Grauns Oper Catone in Utica     führte nach Berlin, wo dieser Komponist das Musikleben. der deutschen Hauptstadt maßstäblich bestimmte. Mit seiner Oper Cleopatra e Cesare wurde das Opernhaus Unter den Linden, das Friedrich II. hatte erbauen lassen,  1742 festlich eröffnet. Die Ouvertüre dazu erklang im 2. Teil und weckte lebendige Erinnerungen an die Aufführung unter René Jacobs in der Staatsoper 1992, welche die beliebten Barocktage des Hauses eröffnete. Beide Titel Grauns demonstrierten den musikantischen Schwung des Orchesters und dessen exzellentes spielerisches Niveau. Auch das Flötenkonzert G-Dur von Johann Joachim Quantz, den Burney in Berlin getroffen hatte, war ein Verweis auf die preußische Metropole. Die namhafte Flötistin Laura Quesada brillierte mit ihrem virtuosen Vortrag – heiter-beschwingt im Allegro assai, träumerisch-empfindsam im Arioso e mesto und brillant im Presto.

Vokalsolist des Abends war der renommierte Countertenor Max Emanuel Cencic, der eine reich gefüllte Pralinenschachtel öffnete und eine Preziose nach der anderen servierte. Der Beginn mit der Arie „Sol da te“ aus Antonio Vivaldis Orlando furioso führte nach Venedig, wo das Werk 1727 uraufgeführt wurde. Die Nummer ist ein Dialog zwischen Instrument und Stimme. Laura Quesada an der Traversflöte war dem Sänger eine inspirierende Partnerin. Der Counter ließ eine runde und warme Stimme von hoher Kultur hören. Imponierend waren die großen Atemreserven, die ihm lange Bögen ermöglichten. Noch eindrucksvoller war sein zweiter Beitrag – die berühmte Arie „Va tacito“ des Giulio Cesare aus Händels gleichnamiger Oper, womit die Reise zurück nach London führte. Hier war der Hornist Bart Aerbeydt der kompetente Partner im musikalischen Dialog. Cencic fühlte sich in diesem höher notierten Stück hörbar heimisch, sang mit Aplomb und Verve und variierte das Da capo spannungsreich. Ein Werk Händels, Flavio. Re de´Langobardi, 1723 in London uraufgeführt, markierte auch den virtuosen Schlusspunkt des offiziellen Programms. Cencic hatte es 2023 bei seinem Festival Bayreuth Baroque inszeniert und selbst die Partie des Guido, von Senesino kreiert, gesungen. In dessen Arie „Rompo i lacci“ setzte Cencic energische Akzente, imponierte mit stupenden Koloraturgirlanden und schoss im Da capo effektvolle Raketentöne ab. Das Orchester sorgte mit seiner Affekt betonten Begleitung für große Wirkung, hatte darüber hinaus in zwei Stücken Gelegenheit, Abstecher nach Wien und Prag zu unternehmen. Für ersteren diente die Sinfonia G-Dur von Karl (oder Joseph?) Kohaut – beschwingt im Allegro assai, elegisch-sanft im Andante und hurtig eilend im Presto. In Böhmen war Josef Myslivecek einst gefeiert, bis der Erfolg ausblieb und er in Italien Karriere machte. Seine Sinfonie G-Dur ist anfangs von pastoraler Stimmung, findet aber im Prestissimo zu einem ausgelassenen Finale.

Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, mit dessen Werk sich der Sänger seit langem beschäftigt, hatten nach Neapel und Dresden geführt. Tigrane wurde 1729 am Teatro San Bartolomeo von Napoli uraufgeführt. „Solca il mar“ des Titelhelden ist eine Gleichnis-Arie, welche die Gefahren des tobenden Meeres beschreibt. Entsprechend stürmisch ist der Gesangsduktus, entsprechend halsbrecherisch sind die Koloraturen. Nicht weniger glanzvoll meisterte der Solist die Arie des Aminta „Siam navi all´onde algenti“ aus L´Olimpiade, die 1756 am Dresdner Hoftheater zur Premiere kam. Nicht fehlen in der Auswahl durfte Nicola Antonio Porpora. Der große Konkurrent Händels in London brachte 1733 seine Arianna in Nasso heraus – vier Wochen vor der Arianna in Creta seines Rivalen. Cencic beeindruckte mit der getragenen Arie des Teseo „Nume che reggi il mare“. Effektvoller waren freilich die beiden Zugaben aus Händels Poro – „Vedrai con tuo periglio“ und „Senza procelle ancora si perde“. Den Titelhelden der Oper hatte bei der Uraufführung in London 1731 der berühmte Kastrat Senesino gesungen. Entsprechend hoch sind die virtuosen Ansprüche der beiden Arien und Cencic konnte damit seinen Auftritt glanzvoll krönen.

Das Eröffnungskonzert, dessen Mitwirkenden vom Publikum in der ausverkauften Friedenskirche begeistert gefeiert wurden, war ein stimmungsvoller Auftakt auf zwei Wochen Festspiele, die noch manche Rarität offerieren.

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Prinzipalin und Dirigentin Dortothée Oberlinger in Potsdam 2025/Foto Stefan Gloede

Liebeswahnsinn: Immer wieder bewundert man den Spürsinn und die Entdeckerfreude der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci mit ihrer Künstlerischen Leiterin Dorothee Oberlinger. In diesem Sommer wartete man mit einer besonderen Rarität auf – einem Werk des 1654 geborenen Komponisten Agostino Steffani, der in Hannover als Hofkapellmeister wirkte. Im Schlossopernhaus der Stadt wurde 1691 sein Orlando generoso uraufgeführt, der nun in der Pflanzenhalle der Orangerie als die diesjährige szenische Produktion der Festspiele erklang. Das Libretto von Ortensio Mauro fußt auf Ariostos Epos Orlando furioso und erzählt von Paaren, die sich nicht finden können. Da sind Ruggiero und Bradamante, deren Heirat der mächtige Magier Atlante verhindern will, sowie die chinesische Prinzessin Angelica, Tochter des Galafro, und ihr heimlicher Geliebter Medoro. In sie ist hoffnungslos auch Orlando verliebt, was den Titelhelden zunehmend in den Wahnsinn treibt. Das Stück ist voll von den in Barock-Opern üblichen Verwirrungen und Verstrickungen, was das Verständnis der Handlung nicht eben erleichtert.

Die deutsch-britische Regisseurin Jean Renshaw hat das Geschehen in die Gegenwart verlegt, jedes historische Kolorit und jeden exotischen Zauber vermieden. Dafür sind Smartphones und moderne Schusswaffen im Einsatz. Die spartanische, stimmungsarme Bühne des Ausstatters Alfred Peter zeigt zwischen zwei weißen Wänden mit je einer Tür, welche mit In und Out gekennzeichnet sind, einen Tisch, der zum Schauplatz brutaler Attacken wird. Dafür ist neben Galafro vor allem Brunello (Martin Dvorák) zuständig – ein Tänzer, der mit seiner Partnerin Melissa (Katharina Weidenhofer) auch für die Choreografie voller bizarrer  Körperverrenkungen zuständig war. Für diese tänzerischen Intermezzi dienten andere Kompositionen Steffanis – die Sonate da camera à 3  und Auszüge aus seiner Oper Niobe, regina di Tebe, welche 2010 an der Covent Garden Opera London eine glanzvolle Aufführung erlebte.

Steffanis „Orlando generoso“ in Potsdam 2025/Szene/Foto Stefan Gloede

Dorothee Oberlinger hat mit ihrer musikalischen Assistentin Olga Watts und der Regisseurin das Aufführungsmaterial für die gespielte Fassung erstellt. Sie dirigiert ihr ENSEMBLE 1700, das hinter der Spielfläche postiert ist und Steffanis vielfarbige Musik mit ihren herrlichen Duetten, den klagenden Arien und der reizvollen Instrumentation zum Klingen bringt. Tänzerisch beschwingt und mit federndem Rhythmus sind die Intermezzi besondere Höhepunkte der Aufführung.

Die exemplarische Besetzung verleiht der Produktion einen Ausnahmerang. Die Sänger in Uniformen, Business-Anzügen oder Abendkleidern, zunehmend verschmutzt oder blutverschmiert, agieren mit gespannter Intensität und bis an die Grenze gehender körperlicher Verausgabung. Mehr als die Regie tragen sie den über dreistündigen Abend mit ihrem darstellerischen Einsatz und dem expressiven Gesang. Der renommierte Countertenor Terry Wey als Titelheld konnte schon in dessen Auftrittsarie „In quest´alma“ den seelischen Konflikt der Figur plastisch umreißen und zudem mit bravourösen Koloraturgirlanden brillieren. Furios seine „Furien“-Arie, die vom Orchester mit spannenden Affekten begleitet wird, von starker Wirkung sein letztes, auftrumpfendes Duett mit Angelica, welches das Orchester mit stampfendem Rhythmus untermalt. Kontrastreich dazu gab er den zahlreichen Lamenti der Partie innige Empfindung und eine wunderbar schwebende Gesangslinie. In der Parade der Counter hinterließ auch der Däne Morten Grove Frandsen als Ruggiero einen glänzenden Eindruck. Die klangvolle Stimme harmonierte perfekt in den Duetten mit Bradamante und Angelica, bewältigte auch die vehemente „Gelosia“-Arie souverän. Der spanische Counter Gabriel Díaz als Galafro sang den Tyrannen mit gebührend reifer Stimme. Am Ende, wenn Bradamante und Ruggiero sich getrennt haben und seine Tochter mit Medoro fortgegangen ist, bleibt er verwirrt und allein zurück – eine zeitgemäße Deutung des lieto fine, die auch nicht der festlichen Musik mit dem Schlusschor „Amanti fortunati“ und der beschwingten Chaconne en rondeau entspricht.

Agostino Steffani/Gemälde von Ludovico Kapper/Wikipedia

Die exzellente Sopran-Riege wurde angeführt von der Französin Hélène Walter als Angelica, deren obertonreiche, innige Stimme die Figur eindrücklich profilierte. Ihr dramatisches Vermögen gestattete ihr auch beeindruckend extrovertierte Momente. Nicht nach stand ihr Shira Patchornik aus Israel als Bradamante mit exzessivem Engagement und totalem stimmlichem Einsatz. Fulminant ihre Attacke in der Arie „Troppo rapido“, berührend die Empfindsamkeit in „S´hò perduto ogni mio bene“. Von androgyner Erscheinung und ebensolchem Mezzo-Timbre war Natalia Kowalek eine ideale Interpretin für die Partie en travestie des Medoro. Auch ihre Arien  bewegten sich in extremen Gefühlszuständen und wurden mit entsprechend leidenschaftlichem, erregtem, rasendem Ausdruck sowie reicher Farbpalette interpretiert. Imponierende bassprofunde Töne brachte Sreten Manojlovic als zynischer Atlante ein. Sein gewaltiges stimmliches Potential gab den  Arien „Non voglio cedere“ und „Ombre del cieco abisso“ grandiose Wirkung. Am Ende der 2. Vorstellung am 24. 6. 2025 (nach der Premiere am Vorabend) feierte das Publikum das Ensemble anhaltend – dankbar für die Wiederentdeckung einer Rarität und beglückt über das musikalische Niveau. 

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Noch eine Sternstunde: Auch die zweite Opernproduktion im diesjährigen Festspielprogramm widmete sich mit Baldassare Galuppis Didone abbandonata einer Rarität. Der Stoff um das Liebespaar Dido und Aeneas ist mit dem Libretto von Metastasio (nach Vergils Aeneis) viele Male vertont worden, darunter von Porpora, Vinci, Hasse und Jomelli. Die bekanntester Version ist jene von Henry Purcell, die allerdings auf einem Libretto von Nahum Tate fußt. Metastasio schrieb seinen Text 1724 und bearbeitete ihn für den spanischen Hof in Madrid 1752 auf Bitten des Kastratenstars Farinelli neu. Auch Galuppi, dessen Urfassung 1740 in Modena ihre Premiere erlebte, stellte eine Neuvertonung vor, die am 28. 6. 2025 im Nikolaisaal in konzertanter Form als Version Madrid 1752 erklang.

Baldassare Galuppi/Wikipedia

Das Ensemble NEREYDAS musizierte unter seinem Gründer Ulises Illàn mit hinreißendem Elan, hoher musikantischer Kultur und reichem Farbspektrum. Markante  orchestrale Höhepunkte waren die einleitende dreiteilige Sinfonia mit dem lebhaften Presto, dem kantablen Andante und dem beschwingten Non tanto allegro, die pompöse Marcia und die stürmische Sinfonia im 3. Akt, die gleich einer battaglia vorüber fegt sowie die stürmische Sinfonia per l´incendio mit dem effektvollen Einsatz von Donnerblech und Windmaschine.

Wieder war eine exemplarische Besetzung zu erleben, die keine Schwachstelle aufwies und einige spektakuläre Interpreten offerierte. Deren Sensation war für mich der amerikanischen Tenor Joshua Sanders als maurischer König Iarba – eine veritable Idomeneo-Stimme mit kultiviertem Vortrag und vielfarbiger Klangpalette. Die furiose, vom Orchester vehement begleitete Arie im 1. Akt „Non ho pace“ zeigte seine auftrumpfende Attacke, wie auch die Arie „Fosca nube“ im 2. Akt einen fulminanten Schwung. Höhepunkt seiner Interpretation war die triumphale, von Trompeten begleitete Arie „Cadrà fra poco in cenere“ am Schluss, welche brausende Meereswogen. und tobende Stürme suggeriert. Und der Sänger erschien sogar ganz am Ende noch einmal als Meeresgott Nettuno, der mit seiner Arie „Tacete, o mie procelle“ die Oper feierlich beschließt.

Den bravourösesten Auftritt hatte der Sopranist Federico Fiorio als Enea zu absolvieren. Er ist kein Unbekannter in Potsdam, hatte er doch schon im Vorjahr in der Aufführung von Grauns Adriano (der gerade als CD erschienen ist) mitgewirkt. Bei Purcell ist die Rolle einem Bariton anvertraut, was eine männlichere Wirkung  evoziert, als das einer hohen, hellen Sopranstimme möglich ist. Aber die technischen Fertigkeiten des Sängers und sein bis in die Extremhöhe gerundeter Klang nötigten Bewunderung ab. Auf das Schönste entfaltete sich die Stimme in der klagenden Arie „Tormento il più crudele“ und Atem beraubend in der Aria di bravura „A trionfar mi chiama“. Pompös eingeleitet mit Pauken und wirbelnden Streicherfiguren, konnte der Sänger hier mit Koloraturen, staccati und Extremtönen in der Höhe ein Feuerwerk an Virtuosität entfachen. Prominentester Vertreter in der Solistenriege war der italienische Counter Filippo Mineccia als Osmida, Vertrauter der Königin Didone. Auch er kein Unbekannter in Potsdam wie bei vielen anderen internationalen Festivals, bedauerte man bei ihm am meisten die fehlende Szene, ist er doch ein engagierter Darsteller mit starker Aura und expressiver Gestik. Die klangvolle Stimme war schon in seiner Auftrittsarie „Tu mi scorgi“ zu vernehmen, und auch „Quando l´onda“ im 3. Akt imponierte durch den virilen Zugriff.

View of a scene from the opera „Didone abbandonata“ (Act I, Scene 9) by Metastasio and Galuppi, organised by Farinelli at the Coliseo del Buen Retiro Between 1754 and 1759, 1754 and 1759/ Ricordi Archivio Storica

In der Titelrolle ließ die französische Mezzosopranistin Natalie Pérez eine noble Stimme von hoher Kultur und schlankem Volumen hören. Die untere Lage wirkte gelegentlich etwas verhalten, aber der Vortrag war energisch und passioniert, was ihrer großen Arie „Son regina“ einen selbstbewussten Zuschnitt verlieh. Das wiegende Melos der Arie „Ah! non lasciarmi“ lag ihr besonders und beklemmende Wirkung erreichte sie mit ihrer finalen Arie „Vado… Ma dove?“, welche nach einem aufgewühlten Recitativo accompagnato den verwirrten Zustand der Königin aufzeigt.

Nicht weniger edel klang der Sopran von Alexandra Tarniceru als Didones Schwester Selene. Die Rumänin imponierte schon durch ihre hoheitsvolle Aura, was die edle Stimme von hoher Musikalität und feinem Gespür noch unterstrich. „Ardi per me“ im 2. Akt zeichnete sich durch den inbrünstigen Vortrag aus, „Io d´amore“ im 3. durch die schmerzliche Empfindung. Einem weiteren Sopran war die Partie (en travestie) des Araspe, Vertrauter Iarbas und verliebt in Selene, anvertraut. Die Italienerin Carlotta Colombo sang sie beherzt und mit frischem Ton. Die Aufführung, die dem Festspiel-Almanach dieses Jahres ein weiteres Ruhmesblatt hinzufügte, wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert (Foto oben Stefan Gloede). Bernd Hoppe

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

 

Die alte Weise

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Der „neue“ alte Vox-Querschnitt von Richard Wagners Tristan und Isolde  – nun nur-digital bei Vox/Naxos – ist insofern von Bedeutung, weil dies erst der dritte „offizielle“ Tristan der Plattengeschichte ist (wenn auch „nur“ Auszüge). 1964 (so auf der Rückseite der originalen LP)  in Innsbruck aufgenommen, gehen ihm der antike unter Karl Elmendorf von 1928 bei His Master´s Voice/EMI (zudem stark gekürzt) auf vielen Schellacks und natürlich der bahnbrechende unter Wilhelm Furtwängler bei derselben Firma von 1952 voraus. Wenn man bedenkt, wie unerhört teuer die letztere Ausgabe war (ich erinnere Editionen dieser Aufnahme zu mehr als 100.- D-Mark in der luxuriösen LP-Box mit dto. umfangreichem Beiheft), dann ist der große Querschnitt aus Tristan und Isolde bei Vox ebenfalls eine kleine Sensation, und dies nicht nur damals „gewesen“, wenngleich in Deutschland so gut wie unbemerkt (VOX-NX-2899).

Die amerikanischen Vox-LPs waren mehr als erschwinglich, allerdings meist nur als Importe aus den USA zu haben. Sie waren eine wohlfeile Einführung in den damals recht selten gespielten Tristan, namentlich für die amerikanische Provinz, aber auch für uns Europäer. Ich erinnere mich genau an die Kartons aus New York, wenn ich als Student mit Freunden zusammen vom Zoll die stets etwas nach Keller riechenden Pakete abholte. Darin lag dann eben auch dieser Tristan-Querschnitt, den Naxos (die die Firma Vox 2018 aufkaufte) nun als Nur-Digital-„CD“ über die üblichen Streamingdienste anbietet und als Wave-Download verkauft. Ohne alles. Und in dieser Falle suboptimaler Akustik.

Wir haben ja oft genug die popelige Ausstattung dieser Digital-Ausgaben beklagt, da ändert eine Wiederholung des Maulens offenbar nichts. Zudem scheint keine Linie in den wenigen Informationen zu den Veröffentlichungen zu liegen. Manchmal gibt es wenigstens die Vornamen der Mitwirkenden, meistens – wie nun hier – diese aber nicht einmal, nur die Initialen, da kann man nur wieder den Kopf schütteln (allerdings boten auch die alten Cover nur die Nachnamen der Sänger, die Rückseiten jedoch/s. unten Vor– und Nachnamen, liest das niemand bei Vox oder Naxos?). Sogar im Internet/Google. Wer ist F. Lelgemann? Und wer singt nun was? Also begeben wir uns mal wieder auf Spurensuche. Bei Vox-digital ist man das ja schon gewöhnt. Spannend!

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Das wenig zum Werk beitragende Cover (wer macht bei Vox/Naxos bloß das anonyme Artwork?) nennt vier Namen, von denen dem „normalen“ Sammler zumindest L. (Lorenz) Fehenberger doch ein Begriff ist – er war einer der führenden deutschen lyrischen Tenöre der Nachkriegszeit, verewigt in zahllosen Aufnahmen, meistens vom Radio, wenige offiziell. Dass er den Tristan hier singt ist doch schon erstaunlich, denn die Partie ist recht umfangreich für seine Stimme. Aber er singt ja „nur“ Ausschnitte (Duett A2 und sein Solo A3, dazu kurze Auszüge aus A1) vor dem Mikrophon und nicht auf der Bühne, aber eben – zumindest für mich – erstaunlich. Erstaunlich schön und schlank gesungen, man merkt ihm seine Lehár- und Strauß-Repertoire an. Aber immerhin sang er auch den Radames (unter von Karajan in Wien) und Don José.

Lorenz Fehenberger singt den Tristan vor dem Mikrophon von Vox, hier als Lohengrin dokumentiert bei Classical Music

Dazu ein Beitrag aus „Forgotten Opera Singers“: Er studierte Gesang bei Elisabeth Wolff in München und gab 1939 sein Debüt am Stadttheater in Graz in R. Strauss’ „Rosenkavalier“. In den Spielzeiten 1941–1945 war er an der Staatsoper in Dresden engagiert und wechselte 1946 an die Bayerische Staatsoper in München. Am 9. August 1949 sang er bei den Salzburger Festspielen die Rolle des Haemon bei der Uraufführung der Oper „Antigonae“ von Carl Orff. Hier trat er als Solist in G. Rossinis „Stabat Mater“ (1949/1962) auf. Er kehrte für die „Schöpfung“ von J. Haydn (1951) zurück und sang zwei Jahre später auch in „Judas Makkabaeus“ von G. F. Händel. 1964 gastierte er in „Christus am Ölberge“ von L. van Beethoven, 1967 in W. A. Mozarts „Requiem“ und übernahm 1949 eine kleine Rolle in Aufführungen der „Zauberflöte“. Gastauftritte führten ihn an die berühmten Opernhäuser Italiens, Österreichs, Belgiens, der Niederlande und der Schweiz sowie in die skandinavischen Länder und nach Südamerika (Teatro Colón, Buenos Aires, 1951). Am Teatro del Maggio Musicale Fiorentino sang er 1951 die Rolle des Golo in „Genoveva“ von R. Schumann (die italienische Uraufführung dieser Oper). In der Spielzeit 1951–1952 trat er in verschiedenen Rollen an der Arena di Verona auf. 1953 trat er am Covent Garden unter anderem als Apollo in der dortigen Erstaufführung der Oper „Die Liebe der Danaë“ von R. Strauss auf. Noch 1976 sang er an der Staatsoper in München in der Uraufführung der Oper „Die Versuchung“ von Josef Tal. 1977 trat er zum letzten Mal in München in „Der Rosenkavalier“ auf. Zu seinem Repertoire gehörten Radames in „Aida“, José in „Carmen“, Lohengrin, der Herzog in „Rigoletto“, Walther von Stolzing in „Die Meistersinger“, Alvaro in „La Forza del Destino“, Pinkerton in „Madama Butterfly“ und Cavaradossi in „Tosca“.

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Mina Bolotine singt die Isolde bei Vox/Isoldes Liebestod

Fehenberger (* 24. August 1912 in Oberweidach, Oberbayern; † 29. Juli 1984 in München) ist die bekannte Größe hier, Mina Bolotine nicht (wir hielten den Namen damals für Fake, weil im Zuge der Plünderung der Radio-Archive durch vor allem die amerikanischen und russischen Soldaten in den USA (und auch in der Sowjetunion) manches unter falschem Namen auftauchte, was dem Kenner sich als Erna Berger oder auch Lorenz Fehenberger entpuppte. Aber Mina Bolotine gab es natürlich wirklich. Sie singt die Isolde, namentlich den Liebestod kraftvoll, gut gestaltend und mit undeutlicher Diktion (was auch an der nicht wirklich guten Aufnahmequalität zu liegen scheint – andere aus der Zeit sind namentlich bei Vox sehr präsenter, da hätte man für die Wiederveröffentlichung dran arbeiten können). Man merkt der Bolotine eine gute Ausbildung und die kraftvolle Beherrschung ihres Fachs an. Heute wäre sie ein Weltstar.

Die inzwischen verblichene, unendlich verdienstvolle website Isoldes Liebestod hat eine kurze Biographie der belgische Sängerin: Bolotine, Mina, Mezzosopran/Sopran, * 20.4.1904 Antwerpen, † 13.9.1973 Antwerpen; der eigentliche Name der Sängerin war Wilhelmina Verhoeven. Sie studierte am Konservatorium von Antwerpen bei Aaltje Noordewier-Reddingius und ergänzte diese Ausbildung durch Studien bei Scolari in Italien und bei Roentgen in Deutschland. 1927 debütierte sie an der Königlichen Oper von Antwerpen als Reinhilde in »De Herbergprinses« von Jan Blockx. Bis 1937 blieb sie Mitglied dieses Hauses. Danach sang sie 1937-54 als erste dramatische Sopranistin am Théâtre de la Monnaie Brüssel, wo sie noch bis 1958 als Gast auftrat. Hier gestaltete sie 1952 in der französischsprachigen Erstaufführung von Strawinskys »The Rake’s Progress« die Partie der Türkenbab, 1951 in der von Menottis »The Consul« die der Mutter. In den Spielzeiten 1956-57 und 1958-59 war sie als Gast am Staatstheater Hannover verpflichtet. Bei den Bayreuther Festspielen gastierte sie 1954-55 als dritte Norn im Nibelungenring. Sie war auch zu Gast an der Staatsoper Berlin, in Holland, Spanien und in der Schweiz. Auch im Konzertfach kam sie zu einer großen Karriere. Auf der Bühne sang sie Partien aus dem dramatischen Sopran- wie aus dem Mezzosopranfach: die Venus im »Tannhäuser«, die Isolde im »Tristan«, die Kundry im »Parsifal«, die Brünnhilde im Ring- Zyklus, die Titelfiguren in »Alceste« von Gluck, im »Orpheus« vom gleichen Meister und in »Carmen« von Bizet, die Eboli in Verdis »Don Carlos«, die Charlotte im »Werther« von Massenet, die Margared in »Le Roi d’Ys« von Lalo und die Klytämnestra in »Elektra« von Richard Strauss. In den Jahren 1959-61 leitete sie als Direktorin die Oper von Antwerpen und war dann als Professorin am Konservatorium von Brüssel tätig. Zu ihren Schülern gehörte der Bariton Jef Vermeersch. Schallplatten: Vox (Ausschnitte aus »Tristan und Isolde«).

Jan Verbeeck dans le rôle-titre de Radames et Mina Bolotine dans celui d’Amneris, dans Aida à l’Opéra Royal Flamand, Anvers (Photo J.M. Mertens, Anvers Fonds musical de l’auteur)/Musica et Memoria

Und die belgische Online-Seite Musica et Memoria  schreibt zu ihr: Mina Bolotine (1904–1973), eine beeindruckende Mezzosopranistin und später Sopranistin, leitete nach einer glänzenden internationalen Karriere von 1958 bis 1961 meisterhaft die Königliche Flämische Oper in Antwerpen, um sich anschließend erfolgreich dem Gesangsunterricht zu widmen, zunächst am Königlichen Musikkonservatorium in Brüssel, später im Privatunterricht. Mit ihrer kraftvollen, orgelartigen Stimme wurde die Künstlerin oft mit der unvergesslichen norwegischen Sopranistin Kirsten Flagstad (1895–1962) verglichen. Obwohl ihre Stimmlage zu Beginn ihrer Karriere noch unsicher war, meisterte Mina Bolotine mit gleicher Bravour die Rollen der Mezzosopranistin, später des großen Falcon und der dramatischen Sopranistin und hinterließ den Eindruck von stimmlich und interpretatorisch packenden Darstellungen.

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Maura (oder Moira) Moreira (Brangäne) hat bei Vox die Wesendoncklieder aufgenommen, in dieser Kombination gab es von der verblichenen Firma Pilz eine Billigausgabe auf 2 CD, die mit eben den genannten Ausschnitten aus Wagners Tristan (der dann auf 1 CD) gekoppelt war. Später dann gab es eine weitere Resteverwertung der Adora Bella Musica (Tim Rahlau/Edition J. Rinschler) in Form einer 3-CD-Box mit weiteren orchestralen und chorischen Auszügen aus dem Lohengrin, Holländer und Tannhäuser unter den Dirigenten Heinrich Hollreiser, Nicoloe (?) Bobic, Curt Kremer und Joel Perlea (aus deren Orchester-Aufnahmen bei Vox zusammengesucht).

Maura/Moira Morera ist Brangäne auf der neu wieder herausgegeben Aufnahme von „Tristan und Isolde“ bei Vox/TGM

Auch Frau Moreira ist heute nicht mehr bekannt, daher wieder eine Anleihe bei Isoldes Liebestod: Moreira, Maura, Alt, * 2.2.1933 Belo Horizonte (Brasilien); erste Ausbildung am Conservatório Mineiro de Musica und bei Maximilian Hellmann. Nachdem sie einen nationalen Gesangwettbewerb in Brasilien gewonnen hatte, konnte sie mit Hilfe eines Stipendiums des brasilianischen Unterrichtsministeriums an der Wiener Musikakademie ihre Ausbildung fortsetzen. Noch während dieses Studiums debütierte sie 1959 am Stadttheater von Ulm als Santuzza in »Cavalleria rusticana«. Sie gewann dann den Verdi-Concours in Vercelli und gastierte jetzt in Westeuropa auf der Bühne wie im Konzertsaal. Neben ihrem Bühnenrepertoire spezialisierte sie sich auf das Oratorium und auf den Liedvortrag. Dabei kam sie zu bedeutenden Erfolgen in den Zentren des deutschen Musiklebens, in Österreich, Holland, Belgien, Spanien, Portugal und in der Schweiz. Zu ihren großen Bühnenpartien zählten die Amneris in »Aida«, die Eboli im »Don Carlos« von Verdi, die Azucena im »Troubadour« und die Venus im »Tannhäuser«. Sie war auch eine bedeutende Interpretin zeitgenössischer Musik. Sie blieb bis 1985 Mitglied des Opernhauses von Köln. Hier wirkte sie u.a. am 15.2.1965 in der Uraufführung der Oper »Die Soldaten« von Bernd Alois Zimmermann mit.

Ihre dunkel glänzende, zu leidenschaftlicher Dramatik fähige Stimme ist auf mehreren Schallplattenmarken zu hören. Auf Fono-Vox singt sie die Alt-Rhapsodie von J. Brahms, die Wesendonck-Lieder von R. Wagner, Werke von J.S. Bach, J. Haydn und Gustav Mahler, dazu die Brangäne in einem Querschnitt durch »Tristan«, auf Wergo die integrale moderne Oper »Die Soldaten« von B.A. Zimmermann. so Isoldes Liebestod

Und noch einmal Maura Morera, hier im heimatlichen Fernsehauftritt/Instagram

Moreiras Brangäne hat durchaus Klasse, ist vielleicht in der Diktion nicht auf dem Niveau einer Christa Ludwig oder Margarete Klose, aber ihr schön geführter Mezzo ist eine warme Folie für die Kollegin Bolotine und ein Gewinn.

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Das größere Interesse des Sammlers richtet sich jedoch auf den mir bis dahin absolut unbekannten Bariton und hier Sänger des Kurwenal (und im Einwurf auch des Melot!): F. Lelgemann. Wer?

Da half ein Blick in die KI von Google, die nicht nur seine Lebensdaten und ein paar Stationen seiner Künstlerlaufbahn aufzeigte (4. 8. 1926 – 26.10.1972 Berlin), sondern auch den Weg zu einem Eintrag im Online-Tamino-Forum wies,  dort schrieb das Mitglied Carlo: „Die (..) zwei CDs mit Ausschnitten aus „Tristan und Isolde“ habe ich von der berühmt-berüchtigten Firma ‚Pilz‘ (160.329/30) aus dem Jahre 1992. Es werden keine Sänger genannt, sondern nur ‚das Symphonie-Orchester Innsbruck unter Robert Wagner und Solisten‘. Die (…) oben genannte Box der Firma ‚Adora Bella Musica‘ ist eine Wiederauflage dieser CDs von 2001. In Wirklichkeit handelt es sich um Überspielungen von drei Schallplatten der englischen Firma ‚VOX‘ (Mono: OPBX 123 / Stereo: STOPBX 50123) aus dem Jahre 1964. Die Sänger sind Mina Bolotine (Isolde), Maura Moreira (Brangäne), Lorenz Fehenberger (Tristan) und Friedrich Lelgemann (Kurwenal und Melot – Lelgemann war Mitglied der Städtischen Bühnen in Münster/Westfalen); es singt der Chor des Tiroler Landestheaters!“

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Der Vergleich der alten (amerikanischen und in den USA-gepressten!) Vox-LP (STLP 515.160, also nur 1 LP!) von 1962/64 (die genaue Jahreszahl variiert, wenngleich wie oben geschrieben 1964 auf der LP zu lesen ist) mit der auf 2 CD gestreckten Pilz-Ausgabe lässt Bewunderung ob der randvollen ersteren aufkommen. Auf der VOX-Langspielplatte sind die einzelnen Nummern nicht so auseinander gestreckt, mit jeweils 26.16 bzw. 28.41 Minuten pro Seite finden sich größere Blocks aus den jeweiligen Akten, 6 insgesamt. Vox/Naxos hat nun für die digitale Ausgabe 18 Nummern erstellt (VOX-NX-2899).

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Weiter die KI von Google: Bei „F. Lelgemann“ handelt es sich um den klassischen Bariton Friedrich Lelgemann. Er wirkte in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Opernsänger und wirkte unter anderem als Solist bei Rundfunk- und Plattenaufnahmen von Richard-Wagner-Werken (wie beispielsweise Tristan und Isolde). Künstlerischer Werdegang/Theaterstation: Der Bariton Friedrich Lelgemann war in den 1960er Jahren ein festes Ensemblemitglied am Theater Münster (damals Städtische Bühnen Münster). In dieser Zeit wirkte er in zahlreichen Musiktheater-Produktionen des Hauses mit, darunter Hoffmanns Erzählungen, Arabella, Troubador, Frau Diavolo, Falstaff und Die verkaufte Braut.  (Für 1965 ist ein Gastspiel des Theater Münster mit Arabella in Amsterdam mit Lelgemann als Graf Dominik und Edeltraut Blanke als Arabella erwähnt. Auch eine „Mucke“ mit Edeltraut Blanke im NRW-Ort Wolbeck ist in dieser Zeit belegt/Chronik Wolbeck/G. H.).   Historische Aufzeichnungen und Kritiken zu Friedrich Lelgemann konzentrieren sich vor allem auf seine Zeit als festes Ensemblemitglied an den Städtischen Bühnen Münster) in den 1960er Jahren sowie auf seine überregionalen Opernaufnahmen. Bekannte Aufnahmen: Im Jahr 1964 wirkte er bei einer bekannten, unter Musikliebhabern diskutierten Aufnahme von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde mit. Unter der Leitung von Robert Wagner und mit dem Innsbrucker Symphonieorchester übernahm er dort die Doppelrolle als Kurwenal und Melot. Diese historische Einspielung ist bis heute auf Streaming-Plattformen wie Spotify oder Amazon Music abrufbar.  Neben der Opernbühne trat er regelmäßig in Liederabenden und Konzerten auf, beispielsweise 1967 zusammen mit der Sopranistin Edeltraud Blanke. So ein Eintrag in der Wolbecker Chronik.  In seinen späten Lebensjahren wechselte er in die akademische Lehre nach Berlin. Ab 19171 unterrichtete er Gesang und wurde dort 1971 zum Professor ernannt (an einer Vorläuferinstitution der heutigen Universität der Künste Berlin). (TheaterEncyclopedie)

Sein Kurwenal kann sich durchaus mit solchen Kollegen wie Siegfried Nimsgern messen, wie denn die ganze Aufnahme ein schönes und befriedigendes Abbild der sängerischen Nachkriegsszene abgibt.  Und eben: Man kann die Vox und ihren amerikanischen Firmenchef George Mendelsohn (nicht verwandt mit …) nicht genug loben, mit diesen Ausschnitten aus Wagner Tristan aber auch mit den vielen anderen Programmen der Vox auf wohlfeilen LPs so etwas wie „Kultur unters Volk“ gebracht zu haben.

Wir haben ja bereits beim ersten Naxos-Wiederveröffentlichungs-Schub darauf hingewiesen: eine Monteverdische Poppea oder den Ritorno di Ulisse gab es vorher nicht, die vielen Oratorien und Messen kaum woanders, und die Verpflichtung von damals jungen Künstlern wie Alfred Brendel oder Arturo Janigro auf dem Wege zum Weltruhm belegen das Gespür und den künstlerischen Auftrag der Firma. Denn viele Aufnahmen aus dem Hause des Firmengründers George Mendelsohn vereinen die besten der europäischen, deutschen und österreichischen Künstler jener Jahre. („The present-day Vox label is unrelated to the German venture. It was launched in New York in 1946 by George Mendelssohn’s Vox Productions, Inc., as a classical label, and remains in production today (after several changes in ownership) as part of the Naxos Music Group.“), und zur spannenden Geschichte der beiden Vox-Unternehmungen vergl. mainspringpress.org). Heute – in der Sattheit unendlicher Veröffentlichungen – sind wir kaum noch in der Lage, diese Verdienste zu sehen und anzuerkennen. Aber wir Älteren erinnern uns noch an die mageren Jahre jener Zeit, als LPs unendlich viel Geld kosteten (meine Berliner Miete war in etwa soviel wie der Preis für Furtwänglers Tristan!) und Operngesamtaufnahmen rar waren, die internationalen oft zudem aus den USA importiert wurden.

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Der Dirigent der „Tristan“-Aufnahme bei Vox, Robert Wagner in jungen Jahren, Fotos waren erstaunlicher Wiese schwer zu finden/Discogs

Robert Wagner war ein renommierter Dirigent in seiner Zeit und ist nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Schauspieler gleichen Namens oder dem Gründes des Roger-Wagner-Chorale. Zu Robert Wagner schreibt Wikipedia: Robert Wagner belegte von 1929 bis 1937 an der Wiener Musikakademie die Studienfächer Klavier bei Franz Schmidt, Komposition bei Joseph Marx sowie Dirigieren bei Felix Weingartner, zusätzlich absolvierte er ein Studium der Musikwissenschaft an der Universität Wien, das er 1938 mit der Promotion abschloss.

Nachdem er ab 1933 bereits als Pianist und Komponist öffentlich aufgetreten war, erfolgte Wagners Debüt als Dirigent 1936 in Wien. Von 1938 bis 1944 wirkte er als Dirigent an den Städtischen Bühnen in Graz. Am 7. Juni 1938 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Juni 1940 aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.644.003). 1945 ging Wagner als musikalischer Oberleiter der Oper an das Landestheater Salzburg, ein Jahr später wurde er zum künstlerischen Leiter des Mozarteumorchesters Salzburg bestellt. Darüber hinaus hatte er ab 1947 die Leitung der Dirigentenklasse und Opernschule am Mozarteum inne.

1951 wechselte er in der Nachfolge von Heinz Dressel als Generalmusikdirektor und Leiter des Symphonieorchesters nach Münster. Zusätzlich übernahm Wagner, nachdem der Intendant der Städtischen Bühnen Bruno von Niessen seine Arbeit aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte, 1957 interimistisch die Intendanz dieses Theaters, gemeinsam mit Wilhelm Vernekohl, dem Kulturdezernenten der Stadt. 1961 kehrte Wagner auf eigenen Wunsch nach Österreich zurück und folgte Kurt Rapf als Musikdirektor des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck nach. 1965 folgte er einem Ruf an die Akademie für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ in Salzburg, wo er eine ordentliche Professur sowie bis 1971 die Präsidentenstelle innehatte. Zu Beginn der 1970er-Jahre trat Wagner die Stelle eines ständigen Dirigenten und Generalmusikdirektors an der Staatsoper in Istanbul an. Robert Wagner, dessen kompositorisches Werk Orchesterstücke, Konzerte, Bühnenmusik sowie Kammermusik umfasst, erhielt am 21. November 1995 die Goldene Ehrenmedaille der Universität Mozarteum Salzburg verliehen.

Wagners „Tristan“-Auszüge bei Vox/Rückseite der alten (einen) Vox-LP 1962

Dazu auch die KI bei Google (cum grano salis wie stets): Robert Wagner (1915–2008) war ein österreichischer Dirigent und Komponist. Er leitete als Generalmusikdirektor von 1951 bis 1961 das städtische Symphonieorchester Münster (daher Lelgemann als Kurwenal!) und von 1960 bis 1966 das Symphonieorchester Innsbruck. Vorher war er künstlerischer Leiter des Mozarteumorchesters in Salzburg. Er studierte in Wien Klavier, Komposition und Dirigieren bei Felix Weingartner und promovierte in Musikwissenschaft. Stationen waren: Kapellmeister in Graz (1938–1944), künstlerischer Leiter am Mozarteum Salzburg (1945–1951), sowie Generalmusikdirektor in Münster (1951–1961). Neben dem Dirigieren unterrichtete er an der Dirigentenklasse und der Opernschule des Mozarteums Salzburg.

Robert Wagner spielte einen Großteil seiner Diskografie während seiner Zeit als Chefdirigent des Sinfonieorchesters Innsbruck (meist in den 1960er Jahren) für Labels wie Vox, Turnabout oder Orbis ein. Dabei trat er vor allem als sensibler Begleiter namhafter Solisten auf.

Zu seinen Aufnahmen zählen Schumanns „Requiem für Mignon“: Diese Einspielung von 1963 (unter anderem mit der jungen Sopranistin Edith Mathis) genoss Seltenheitswert, da das Werk damals kaum auf Schallplatte verfügbar war und heute, nach merhfachen Wiederauflagen auf verschiedenen Labels, nun wieder bei Vox digital zu haben ist. . Zu erwähnen ist auch der Querschnitt von Wagners „Tristan und Isolde“ (nun bei bei Vox digital). Beliebt waren seine Kooperationen mit Solisten wie Susanne Lautenbacher (z. B. Brahms‘ Violinkonzert), Peter Frankl oder David Glazer (u. a. Einspielungen von Klarinettenkonzerten wie von Carl Stamitz).

Obwohl er primär als Dirigent und Musikpädagoge wirkte, trat Robert Wagner bereits ab 1933 in Wien als Pianist und Komponist an die Öffentlichkeit. Zu seinen eigenen Werken zählen: Verschiedene Stücke für kleinere Besetzungen, oft geprägt von der Wiener Tradition seine Vertonungen für Gesang und Klavier. Kleinere symphonische Arbeiten, die er im Laufe seiner frühen Karriere komponierte (dazu auch Wikipedia).

Sein Fokus verschob sich nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings fast vollständig auf das Dirigieren und die Ausbildung von Kapellmeistern am Mozarteum Salzburg. (Foto oben: die ersten Sänger von Tristan und Isolde: Ludwig und Malvina Schnorr von Carolsfeld
München 1865/Wikipedia/ Redaktion und Anmerkungen Geerd Heinsen)

Thomas de Hartmanns „Esther“

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„Déplorable Sion, qu’a tu fait de ta gloire?“. Mit der Frage dringt der Sprecher mitten in das Drama, das von Königin Esther handelt, die das jüdische Volk in seiner persischen Diaspora durch ihre Fürbitte beim König vor der Vernichtung rettet. Das fröhliche jüdische Purim-Fest erinnert seither an diese Rettung. Sein auf dem biblischen Buch Esther beruhendes Drama hatte Jean Racine 1689 auf Bitte der Madame de Maintenon verfertigt, die es sich für das von ihr gegründete Mädchenpensionat in der Nähe von Versailles wünschte und ausdrücklich ein biblisches Thema bestimmte. Eigentlich hatte sich Racine bereits zehn Jahre zuvor von der Bühne zurückgezogen, der er u.a. mit Bérénice und Phèdre zwei Ikonen des französischen Theaters geschenkt hatte, doch auf Wunsch der letzten Mätresse des Sonnenkönigs griff er nochmals zur Feder; zwei Jahre später tat er es mit Athalie ein allerletztes Mal. Wie in der griechischen Tragödie wollte Racine Chor und Gesänge mit der Handlung zu verbinden.

Nach einer kurzen Antwort des Chores tritt bereits Esther auf, die ihrer Jugendfreundin Élise erzählt, wie sie auf Wunsch ihres Vormunds Mordochée den König Assuérus heiratete und dadurch persische Königin wurde. Das ereignet sich in der Racine getreuen Esther-Oper des Thomas de Hartmann mit der Strenge eines Oratoriums, doch die Erzählungen Esthers sind in einem hochexplosiven Gesangsstil mit extremen Höhen gehalten. Auf Anhieb lässt sich diese stilistisch zwischen Jugendstil und Moderne oszillierende Oper schwer einordnen, die in den skythischen, griechischen, assyrischen und parthischen Tänzen zu Beginn des 3. Aktes das Orientalische beim Rimsky-Korskow aufgreift und in der Schlussapotheose die Grandeur einer grand opéra erreicht. An viele Name des frühen 20 Jahrhunderts von Strauss bis Korngold, von Honegger über Szymanowski und Enescu bis Strawinsky könnte man denken. Diese wiederentdeckte Esther stammt von Thomas de Hartmann, der zu den faszinierenden Komponisten seiner Zeit gehört (1885-1956).

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Olga und Thomas von Hartmann mit dem Komponisten (und auch Hartmanns Lehrer) Sergej Tanejev ca 1910 (Olga von Hartmann, geborene Schumacher wurde am 18. August 1885  in St. Petersburg geboren und starb in Santa Fé 1979; sie war wie ihr Mann außerordentlich gebildet, nahm Gesangsunterricht bei Zoe Lody im Koloraturfach und trat in Benefizkonzerten an der Kaiserlichen Oper in Moskau auf, weiteres zu ihrer Vita ebenhier /Wikipedia

Thomas Alexandrowitsch von Hartmann war ein Großneffe des deutschen Philosophen Eduard von Hartmann und studierte ab 1900 in Moskau u.a. bei Arensky und Tanejew, lebte ab 1908 vier Jahre in München, wo er bei Felix Mottl Dirigieren lernte, sich Franz Marc sowie Kandinsky anschloss, für dessen Der gelbe Klang er die Musik schrieb, und den Dada-Mitbegründer Hugo Ball kennenlernte. Bestimmend wurde die Begegnung mit dem griechisch-armenischen Guru, Schriftsteller und Esoteriker Georges Gurdjieff, dem das Ehepaar de Hartmann in die Nähe von Paris folgte, wo Gurdjieff auf einem Schloss sein „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“ etablierte und seine Lehren verkündete. Nach Gurdjieffs Tod wanderte das Ehepaar 1951 nach Amerika aus, wo der Komponist u.a. die Musik zu rund 50 Filmen schrieb. Nach dem Tod von Thomas kümmerte sich seine Frau Olga (1885-1978), die auch eine konzertante Aufführung Esther initiert hatte, um sein Nachleben. Esther mit dem Text von Racine hatte de Hartmann, der selbst kein Jude war, 1946 unter dem Eindruck des Holocaust geschrieben. Nach Einspielungen des Violinkonzerts mit Joshua Bell und des Cellokonzerts mit Matt Haimowitz wie der Orchestermusik mit der Lviv Philharmonie gehört Esther zu den wichtigen Wiederentdeckungen.

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Vorträge un d Aufzeichnungen G. J. Gurdjiefs, Komponist und Mäzen Hartmanns im Verlag éliénne

In einer im September 2025 im Kulturzentrum von Poole in Dorset entstanden Aufnahme bringt de Hartmanns ukrainischer Landsmann Kirill Karabits diese Esther nun erstmals komplett zu Gehör (2 CD Pentatone PTC5187 424/ komplett insofern als zwei Jahrzehnte nach Thomas de Hartmanns Tod im Jahr 1956 Olga de Hartmann 1976 in Syracuse, New York, eine gekürzte, englischsprachige Konzertaufführung von „Esther“ organisierte, aufgeführt vom Oswego College Orchestra und Chor unter der Leitung von Robert Henry, mit Christine Flasch in der Rolle der Esther. Auf Olgas Anweisung hin wurde diese Aufführung aufgenommen und als Doppel-LP eines Independent-Labels veröffentlicht.).

Auf beispielhafte Weise, mit einem großartigen Ensemble. Eine Bühnenaufführung sollte nicht auf sich warten lassen. Das Bournemouth Symphonie Orchestra und der prachtvolle Grange Festival Chorus tauchen unter Kirill Karabits tief ein in diese geheimnisvolle Musik, in die so viele Stile, Richtungen und Moden von Jahrzehnten eingeflossen sind, ohne dass sie eklektizistisch klingt.

Die Besetzung, die Racines Verse in pathetischen Gesang und starke Exklamationen überführt, lässt keine Wünsche offen. Corinne Winters ist für ihre unbedingte Hingabe an die Titelpartie, ihre intensive Durchdringung der langen Monologe und leidenschaftlich strahlenden Gesang nicht genug zu preisen. Der Ukrainer Yuriy Yurchuk singt ihren Gatten Assuérus mit großformatig edlem Bariton, Andrew Foster-Williams ist ein markant auffahrender, um nicht zu sagen alttestamentarischer Mordochée, Bernhard Richter gibt den Aman/Haman mit sich geradezu überschlagenden ekstatischen, fast charaktertenoral schneidenden Höhenflügen, Edwin Crosley-Mercer ist ein dunkel raunender Hydaspe und Asaph, Olga Bezsmertna singt die Èlisa mit Mozartglanz und Paul Appelby gibt den Chantre mit der silbrigen Schönheit eines Bach‘schen Evangelisten.   Rolf Fath

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Thomas and Olga de Hartmann´s graves at Princeton Cemetery/Foto Igor Heifetz /Wikipedia

Über Esther schreibt  Evan A. MacCarthy / Gastdozent für Musikgeschichte an der  University of Massachusetts Amherst im beiliegenden Booklet zur neuen Aufnahme bei Pentatone:  Die Geschichte von Esther in der hebräischen Bibel erzählt, wie ein jüdisches Waisenmädchen, das von ihrem Onkel oder Vormund Mordechai aufgezogen wurde, Ahasveros, einen persischen König aus der Achämeniden-Dynastie, heiratete und wie es ihr als Königin gelang, ein vom obersten Minister des Königs erlassenes Dekret zur Auslöschung aller Juden im Reich aufzuheben. Diese Geschichte, an die während des Purimfestes erinnert wird, bekräftigt den Mut, die Frömmigkeit und die Hingabe Esthers, erinnert an die Erfahrung der Diaspora und das Überleben trotz der Gefahr der Auslöschung und feiert die Umkehrung der etablierten Ordnung.

Die Ursprünge von de Hartmanns Oper Esther lassen sich bis in den Zweiten Weltkrieg zurückverfolgen, als Thomas und Olga de Hartmann in Garches, einem Vorort von Paris, lebten. Dorthin waren sie 1938 gezogen, nachdem sie fast ein Jahrzehnt lang in Courbevoie, ebenfalls in den Pariser Vororten, gelebt hatten – nachdem sie die Residenz verlassen hatten, die sie gemeinsam mit dem Mystiker George Gurdjieff und anderen im Prieuré des Basses Loges in Fontainebleau aufgebaut hatten. Ihr auf einem Hügel gelegenes Haus in Garches wurde während der nationalsozialistischen Besetzung Frankreichs beschlagnahmt, um dort eine Flugabwehrbatterie zu errichten; daher nahmen Thomas und Olga ihr Klavier und einige Möbelstücke mit und zogen in ein verlassenes Haus in der Nähe, wo Thomas de Hartmann weiterhin Orchester- und Kammermusikwerke komponierte.

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Olga und Thomas Hartmann/Booklet zur Pentatone-Ausgabe

Während sie sich in ihrem neuen Zuhause einrichteten, entdeckte de Hartmann im Hühnerstall des Gartens ihres neuen Hauses eine im 18. Jahrhundert in Leder gebundene, vergoldete Ausgabe der Theaterstücke von Jean Racine (1639–1699) und begann, das erste Stück des Bandes zu lesen: Racines Esther. „Plötzlich“, so schrieb de Hartmann in seinen Memoiren, „dämmerte es mir: Oh, die Zeit, die wir gerade durchleben – ist das nicht die Zeit von Purim (die biblische Episode von Esther und Mordechai)? Ich verspürte den Drang, eine musikalische Tragödie nach dem Text von Racine zu schreiben.“

Im Bewusstsein von Hitlers Bestreben, das jüdische Volk zu vernichten, legte Thomas de Hartmann „Frieden und Gerechtigkeit“ als Leitmotive für seine Komposition von Esther fest. In einem Radiointerview im Jahr 1976 reflektierte Olga de Hartmann: „Esther ist ein Symbol und eine Inspiration für alle, die versuchen, die Welt vor dem Terror zu retten, der droht, ganz Europa zu verschlingen …“

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De Hartmanns Quelle für Esther ist also nicht der Bericht der hebräischen Bibel, sondern Racines nüchtern-religiöses Drama, das auf der antiken griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (der Septuaginta) und apokryphen Ergänzungen basiert. Auf Wunsch der königlichen Gouvernante und späteren heimlichen Ehefrau Ludwigs XIV., Madame de Maintenon (1635–1719), vollendete Jean Racine 1689 während der Regierungszeit Ludwigs XIV. sein dreiteiliges biblisches Drama Esther und beschrieb es als eine „Tragödie, die der Heiligen Schrift entnommen ist“. Racines Esther, das das „Thema der Frömmigkeit und Moral“ in den Vordergrund rückt und Esthers Reinheit und Tugend gegenüber ihrer Schönheit betont, wurde erstmals an einer Mädchenschule, der Maison Royale de Saint-Louis in Saint-Cyr unweit von Versailles, aufgeführt, mit Chorzwischenspielen von Jean-Baptiste Moreau (1656–1733). Racines Stück beginnt mit einem von der Frömmigkeit vorgetragenen Prolog und weicht insgesamt in mehrfacher Hinsicht vom Buch Ester ab, unter anderem durch die Kürzung der Erzählung über Ahasveros’ erste Frau Waschti und ihre Verbannung wegen Ungehorsams sowie durch das Auslassen des Massakers an den Verfolgern am Ende der Geschichte. Zu den musikalischen Interpretationen der Esther-Geschichte, die de Hartmanns Werk vorausgingen – unabhängig davon, ob sie sich an Racines Stück orientierten oder nicht –, gehören das erste englischsprachige Oratorium, Georg Friedrich Händels Esther (1718, überarbeitet 1732), Józef Kozłowskis Oper von 1816, Reynaldo Hahns Bühnenmusik für eine 1898 von Sarah Bernhardt inszenierte Aufführung von Racines Stück sowie Darius Milhauds Opéra-bouffe Esther de Carpentras, die 1925–26 nach einem Libretto von Armand Lunel komponiert und 1938 an der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt wurde.

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Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: „Esther before Ahasuerus“, Franciszek Smuglewicz, 1778 /Wikipedia

De Hartmanns Libretto lehnt sich direkt an Racines Text an und vertont nur ein Drittel der Zeilen des Stücks, indem ganze Szenen und mehrere Chorpassagen gestrichen, Monologe komprimiert, Dialoge gekürzt und in einigen Fällen Zeilen neu angeordnet wurden. Nach Racines Vorbild bezeichnet de Hartmann seine Oper als „musikalische Tragödie“. Die Handlung spielt im Königspalast der persischen Hauptstadt Susa während der Zeit des babylonischen Exils der Juden. Neben einem gemischten Chor und Tänzern sieht de Hartmann ein Orchester aus Holzbläsern, Blechbläsern, Streichern, Schlagzeug, Klavier, Celesta, Harfe, Gitarre und Orgel vor. Sieben Sänger bilden die Besetzung dieser Oper: Esther (dramatische Sopranistin), Élise (Sopranistin), Aman (Tenor), der Kantor (Tenor), Mardochée (Bariton), König Assuérus (Bariton), Hydapse (Bariton). Drei Figuren aus Racines Stück werden von de Hartmann vollständig gestrichen oder drastisch reduziert: Amans Frau (Zarès), eine von Esthers Zofen (Thamar) sowie die Rolle des Asaph, eines Palastbeamten, der in einer Szene von de Hartmanns Fassung nur zwei Zeilen Text hat. Neben einer Reihe von Nummern, die formalen Arien ähneln, wird eine breite Palette an Gesangsstilen einbezogen, vom parlando oder „recitando“ (wie von de Hartmann angegeben) bis hin zu ausdrucksstarker, lyrischer Komposition, die an ältere Opernstile erinnert. Ob aufgrund des persischen Schauplatzes der Oper, der Verweise des Librettos auf die jüdische Identität oder der Tänze, die andere regionale Ethnien widerspiegeln – immer wieder werden durch Instrumentierung, rhapsodische Gesten oder modale Wendungen in der Harmonie Anklänge eines exotistischen Stils hervorgerufen, wie auch an anderen Stellen in de Hartmanns Orchesterwerk.

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Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Olga de Hartmann, Marc Koehler, Kandinsky, Campendonk, sitzend de Hartmann 1911/Foto Gabriele Münster/Wikipedia

Der erste Akt von de Hartmanns Oper folgt fast genau Racines Entwurf, mit kaum bis gar keinen Kürzungen und wenigen Versetzungen. Zu Beginn der Oper folgt auf eine kurze orchestrale Einleitung eine vom Chor gesungene Klage über den Verlust Zions („Déplorable Sion“), die sich auf Zeilen stützt, die die Töchter Zions in der zweiten Szene von Racines Stück bei ihrem Besuch bei Esther singen. Die erste Szene beginnt in Esthers Palastgemach mit Esther und ihrer Kindheitsfreundin Élise, die Esther besucht, nachdem sie geglaubt hatte, diese sei sechs Monate zuvor verschwunden und gestorben. Esther erzählt, wie sie unter der Führung ihres Vormunds Mardochée Assuérus heiratete und zur persischen Königin wurde; dabei singt sie die Arie „De mes faibles attraits“, während sie schildert, wie sie das Herz des Königs gewann, und gleichzeitig heimlich den ruinierten Zustand Jerusalems und seines Tempels beklagt („Hélas! durant ces jours“). Esther erklärt Élise, dass der König nicht weiß, dass sie Jüdin ist („Le Roi…ignore qui je suis“). Eine Gruppe jüdischer Jungfrauen wird eingeladen, sich zu ihnen in die Kammer zu gesellen, um ein Lied zu singen, das den Verlust Zions beklagt („Ô rives du Jourdain!“); dieses wird von einem Solo-Saxophon intoniert und enthält ein ausgedehntes Trio für zwei Flöten und Klarinette. Dann tritt Mardochée auf, um das verhängnisvolle Edikt zu überbringen, das Haman, der oberste Minister des Königs, erlassen hat, um das jüdische Volk aus dem Persischen Reich auszurotten („Au sanguinaire Aman nous sommes tous livrés“). Er drängt Esther, zu ihrem Ehemann Assuérus zu gehen und um das Leben der Juden zu bitten („Laissez les pleurs, Esther“), doch sie äußert die Befürchtung, dass sie, wie andere auch, eine Untertanin des Königs sei und sich ihm nicht nähern könne, es sei denn, sie werde gerufen („Hélas! Ignorez-vous quelles sévères lois“). Wütend behauptet Mordechai, dass es ihr Schicksal als Königin sei, sein Volk zu retten („sauver son peuple“) und dass Gott Amans kriminelle Anmaßung („l’audace criminelle“) zugelassen habe, um ihren Eifer auf die Probe zu stellen („éprouver votre zèle“). Nachdem sie beschlossen hat, sich selbst als Opfer für ihr Volk darzubringen, leitet ein Englischhorn-Solo Esthers gebetsvolle Arie „Ô mon souverain Roi“ ein, mit der der erste Akt endet, während sie nach Mut und den richtigen Worten sucht, um ihren Ehemann, den König, davon zu überzeugen, das gewalttätige Edikt aufzuheben.

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Christine Flasch sang die Hauptrolle in der konzertanten ersten Aufführung am Oswego College unter Joseph Henry 1976, weitere Mitwirkende waren Harold Lerner, Phyllis Whithouse, Donald Miller, Leon Carapetyan unter Joseph Henry am POult des Oswego College Orchestra and Festival Chorus (Jerry Exil). Von diesem Konzert gab es – laut Discogs – 1979 eine LP-Ausgabe/Foto youtube (ebendort ein Ausschnitt mit Christine Flasch)

De Hartmann eröffnet den zweiten Akt mit einem aufgewühlten Chor, der „Adonai, ah, Adonai“ singt, inspiriert von Racines Chor-Schluss im ersten Akt, in dem die Chorfiguren die nahende Verfolgung fürchten und um Gottes Eingreifen flehen. Die Handlung des zweiten Aktes beginnt im Thronsaal des Königs, wo Hydaspe Aman anvertraut, dass der König durch einen Albtraum über Bedrohungen seines Lebens wach gehalten wurde. Aman offenbart Hydaspe das Motiv für sein Hinrichtungsedikt, das in zehn Tagen in Kraft treten soll: Mardochées unverschämte Weigerung, sich vor ihm zu verneigen, einem reichen und mächtigen Adligen, der in der Rangordnung nur dem König selbst nachsteht („Ah! Que ce temps est long à mon impatience!“). Seine Ungeduld veranlasst Aman und Hydaspe, einen Versuch in Betracht zu ziehen, Mardochée schon früher zu töten. In der nächsten Szene hat König Assuérus während seines schlaflosen Studiums der Hofakten erfahren, dass Mardochée ihn vor einem Attentat gerettet hatte und dass er Jude ist. Auf der Suche nach Rat, wie er einen treuen Untertan am besten ehren könne, bittet Assuérus Haman um Rat, der jedoch überzeugt ist, dass es um eine Ehre geht, die ihm selbst zusteht. Haman schlägt daher eine königliche Ehrung vor („O Seigneur, vous voulez d’un Sujet reconnaître le zèle“), woraufhin Assuérus Haman anweist, diese Ehren Mardochée zu erweisen („Je vois que la Sagesse elle-même t’inspire.“). Esther tritt ein und nähert sich dem König voller Furcht – in Racines Fassung fällt sie sogar in Ohnmacht –, was ihn zunächst beunruhigt, bis er sie erkennt und sie zunächst mit der Milde seines goldenen Zepter und dann mit liebevollem Lob beruhigt („Croyez-moi, chère Esther“). Esther spricht die Bitte an, ihr gegenwärtiges Leid zu beenden und sie zur glücklichsten aller Königinnen zu machen („Ô bonté, qui m’assure“), und erklärt, sie werde ihr Schweigen brechen, wenn sie zuvor ein Bankett für Assuérus ausrichten könne, an dem Haman teilnehmen müsse („Permettez avant tout qu’Esther puisse à table“). Assuérus willigt ein, und der zweite Akt endet damit, dass ein Solist den Chor anführt und den Gott Israels anruft, „diesen Schatten zu vertreiben“, „den Kummer des Propheten zu lindern“ und „den Schleier wegzunehmen“ („Dieu d’Israël, dissipe enfin cette ombre“).

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: „Ester y Mardoqueo scribiendo a primera carta del Purim“; (Ester 9-20-21) /Aert de GELDER/Google Cultural Institute/Wikipedia

Für den dritten Akt strich de Hartmann die ersten drei Szenen aus Racines drittem Akt. An ihrer Stelle beginnt de Hartmann mit vier orchesterbegleiteten Tänzen, die jeweils die ethnische Herkunft der Frauen repräsentieren, die nach der Verbannung seiner ersten Frau aus dem gesamten Persischen Reich als mögliche Bräute für Assuérus herbeigebracht wurden: Skythen, Griechinnen, Assyrerinnen und Partherinnen. De Hartmann erklärte in einem Brief an den Organisten Jack Herman Ossewaarde, dass er sich nicht „Folklore-Themen“ zugewandt habe, sondern vielmehr danach strebte, „in den zeitgenössischen Tänzen alter Völker eine Inspiration für etwas Neues zu finden“. Die Handlung beginnt mit Assuérus, Esther und Aman in den Palastgärten bei Esthers Bankett, als Assuérus Esther bittet, endlich zu erklären, was sie bedrückt. Esther offenbart ihre jüdische Herkunft und singt drei ausgedehnte Monologe, in denen sie von der Zerstörung des Tempels und dem jüdischen Exil berichtet („Ces Juifs, dont vous voulez délivrer la Nature“), Amans Verrat aufdeckt („Notre Ennemi cruel“) und Mardochée verteidigt („Il restait seul de notre famille“). In seiner Rede fleht Haman Esther um Gnade an, worauf sie antwortet: „Va, traître, laisse-moi“ [„Geh, Verräter, lass mich in Ruhe“], und Ahasveros spricht eine einzige Zeile, um sein Leben zu beenden, während die Wachen ihn abführen. Mordechai, „chéri du Ciel“ [vom Himmel geliebt], trifft ein und wird von Ahasveros mit Hamans Amt als oberster Minister geehrt. Eine mitreißende Orchesterpassage leitet Esthers letzte Zeilen ein: „O Gott, auf welch seltsamen, dem Menschen unbekannten Wegen / webt Deine Weisheit ihren ewigen Plan!“ Die Szene verwandelt sich daraufhin in einen Tempel der Gerechtigkeit und des Friedens, und der abschließende, freudvolle Dankeschor an Gott für die Rettung des Volkes bildet den Höhepunkt der Tragödie.

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De Hartmann, der während der zahlreichen Stromausfälle des Krieges oft bei Kerzenschein schrieb, begann Anfang der 1940er Jahre mit der Komposition dieser Oper in drei Akten, vollendete die Partitur 1946 in Garches und schloss die Orchestrierung ab, nachdem Thomas und Olga 1951 nach New York City gezogen waren. In New York erstellte die Sopranistin Patricia Neway (1919–2012) (durch die LP-Aufnahme der „Iphigenie en Tauride“ bei Pathé und ihrer Mitwirkung beim dem Festival in Aix en Provence auch in Europa bekannt/G. H.), eine englische Übersetzung der Oper und versuchte, eine Aufführung ausgewählter Ausschnitte zu organisieren. Orchesterauszüge aus Esther wurden in den 1950er und 1960er Jahren mehrfach in den USA und in Europa aufgeführt.

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Der Autor: Evan A. MacCarthy is a Visiting Associate Professor of Music History University of Massachusetts Amherst. His expertise focuses on the 20th-century Ukrainian composer Thomas de Hartmann (1884–1956), with Dr. MacCarthy writing extensive album liner notes for recent de Hartmann revivals and helping to present documentaries on the composer’s legacy.

De Hartmann extrahierte die vier Tänze aus dem dritten Akt von Esther und stellte sie den Dirigenten Leopold Stokowski (1882–1977) und Nikolai Malko (1883–1961) zur Verfügung, die sie in ihr Programm für Aufführungen in Houston, Dallas, Chicago, Kopenhagen, England und an anderen Orten aufnahmen. Ann Holmes lobte 1955 in einem Artikel für den Houston Chronicle über Stokowskis erste Spielzeit an der Spitze des Houston Symphony Orchestra und seine Uraufführungen neuer Werke de Hartmanns Tänze für ihre „farbige Brillanz und unkonventionellen Klänge“ und hob dabei besonders die „pentatonischen Klänge hervor, die in den assyrischen Tänzen aus den Holzbläsern erklingen, sowie die zupfenden Bratschisten, die wie Gitarristen eine Serenade spielen. Exotisch und feierlich, üben sie einen ganz eigenen, sanften Zauber aus.“ Der Dirigent Nikolai Malko bemerkte, dass de Hartmann eine meisterhafte „Einheit der Komposition“ erreicht habe und keine Scheu vor „Einfachheit und Lakonismus“ gehabt habe; er sei in der Lage gewesen, „Eintönigkeit oder nachlassendes Interesse“ inmitten der Wiederholungen in den Tänzen zu vermeiden.

Zwei Jahrzehnte nach Thomas de Hartmanns Tod im Jahr 1956 organisierte Olga (de Hartmann)  1976 in Syracuse, New York, eine gekürzte, englischsprachige Konzertaufführung von „Esther“, aufgeführt vom Oswego College Orchestra und Chor unter der Leitung von Robert Henry, mit Christine Flasch in der Rolle der Esther. Auf Olgas Anweisung hin wurde diese Aufführung aufgenommen und als Doppel-LP eines Independent-Labels veröffentlicht. Evan A. MacCarthy / Gastdozent für Musikgeschichte / University of Massachusetts Amherst/Übersetzung DeepL/Redaktion G. H.

 

Lob- oder Abgesang?

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Allzu bescheiden gibt sich der Untertitel von Stephan Möschs 675 Seiten umfassendem Buch Bayreuth als Theater, wenn er sich damit nur  Auf dem Weg  zu einer Festspielgeschichte befinden will. Von Danzig nach Bayreuth scheint es, auch das verrät das Cover, Oskar Matzerath samt Familie verschlagen zu haben, aber natürlich ist das ein Szenenbild von Kratzers Inszenierung von Tannhäuser im Clownsmilieu. Eher allumfassend, zumindest Gegensatzpaare miteinander vereinend oder  mit Begriffen spielend geben sich die einzelnen Kapitel, so wenn im zweiten „Kanon und Kult“, „Verantwortung und Verantwortlichkeit“, „Zumutung und Zuspruch“ zur Sprache kommen. Auch am Schluss taucht noch einmal ein Gegensatzpaar mit „Empowerment“ oder Bestandsschatz“ auf. Ansonsten ist das Buch gleichzeitig thematisch wie chronologisch gegliedert, letzteres mit Überlegungen dazu, ob der Gral nach Namibia oder in den Bundestag gehöre, ersteres mit Kapiteln über Wagnergesang, über Walter Legge und seinen Einfluss auf Bayreuth, mit solchen über prägende Dirigenten wie nicht nur Kna und Karajan, dazu „andere Italiener“- und das sind nur wenige Beispiele von vielen zur Verfügung stehenden, zu denen natürlich auch der Jahrhundertring gehört.

In der so umfang- wie faktenreichen Einleitung betont der Verfasser noch einmal das Auf-dem-Weg-sein, richtet seinen Blick auf die Epochen, in denen Bayreuth besonders interessant, weil gefährdet erschien, so bei der Ankündigung des Umbaus des Orchestergrabens, nach der Feststellung des Riesendefizits nach den ersten Festspielen, der Diskussion um die „undeutsche“ Cosima als Fortführerin des Werks ihres Gatten. Er stellt die Antipoden der Diskussion einander gegenüber: Hat sich Bayreuth überlebt oder ist es sich untreu geworden, nicht einfach auf links oder rechts übertragbar. Auch hier bemerkt man die Lust des Autors am Miteinanderverbinden  von Begriffen, hier Subversion oder Subvention, und immer wieder staunt der Leser über den Wissensschatz, aus dem er schöpfen, die Vielzahl von Einzelphänomenen, die er zur Beweisführung heranziehen kann. Dazu betont er, dass die einzelnen Kapitel, je nach Interessenschwerpunkt des Lesers, auch separat gelesen und verstanden werden können. Weit ist das Feld zwischen Abstraktion und Anschaulichkeit, von dem Blick auf das Wagneruniversum, der sich verengen kann auf Randbemerkungen der Sänger in ihren Klavierauszügen. Anschaulichkeit wird gewährleistet durch Szenenfotos in einem Block und in die Texte eingestreute Schwarz-Weiß-Fotos. Mit der Seite 541 beginnt der Anhang, zu dem Editorische Hinweise, Liste der Abkürzungen und Siglen, Anmerkungen, ein Quellenverzeichnis, unterteilt in Listen von Autographen und seltenen Drucken, Musikalien, Selbstzeugnisse und andere Literatur der Familie Wagner, eine Liste der Anthologien, Briefausgaben, Dokumentationen, Handbücher, Kataloge und Periodika gehören, dazu weitere Quellentexte, Literatur, Gesprächsbände, Interviews, Presseberichte und Rezensionen gehören. Die Liste der Sekundärliteratur unterteilt sich in die Themenfelder Richard Wagner, Bayreuther Festspiele,  Musik, Musiktheater, Aufführungspraxi und Interpretation, in Kultur-, Literatur- und Theaterwissenschaft, HIstoriographie und Philosophie. Ein Personenregister, eines der Musikdramen Wagners und die Abbildungsnachweise bilden vor der Danksagung den Schlusspunkt.

Mit dem Jahr 1976 beginnen die Besuche Bayreuths durch den Verfasser, und er kann damit auf ein halbes Jahrhundert Selbsterlebtes zurückgreifen. In die sonstige Quellenlage  gibt er einen umfassenden Einblick, begründet auch in einem Anhang zur Einleitung, warum die Bayreuther Dirigenten einen Schwerpunkt darstellen.  Dabei sind die einzelnen Kapitel, es gibt 25, wie bereits bemerkt, teils einer Chronologie verpflichtet, teils einem Thema, wozu durchaus auch die Krise der Gesangskunst gehört, es werden Vergleiche zwischen einzelnen Inszenierungen ein und desselben Werks angestellt, so des Fliegenden Holländers, und sogar einer einzelnen „Arie“ wie dem Liebestod. Gern überschreibt der Verfasser seine Kapitel mit einem Zitat und fordert damit den Leser zu einer Diskussion heraus, diese Funktion erfüllen auch die Konjunktionen „und“ ,aber auch „oder“ in den Kapitelüberschriften. Zu denen gehört natürlich auch das Kapitel 21 über Otto Klemperer und andere jüdische Dirigenten, in dem , ausgehend von dem schließlich doch nicht stattgefundenen Engagement des nach Europa zurückgekehrten Dirigenten für die Meistersinger im Jahre 1959, zurückgegriffen wird auf das Verhalten Heinz Tietjens 1933 und der „Konfrontation“ zwischen dem als „Bollwerk des Konservativen“  bekannten Hans Knappertsbusch  und dem Dirigenten der Kroll-Oper, sowie zugleich das Thema ausgeweitet wird auf allgemeine Probleme der Emigration und Heimkehr.

Mit vielen Notenbeispielen anschaulich gemacht ist das Kapitel über den Holländer, den Wagner nach Cosima der Welt wie den Tannhäuser noch schuldig sei. 1897 war die Fassung von Felix Weingartner aufgeführt worden und blieb die gültige bis nach dem Zweiten Weltkrieg. 1955 wurde das Stück von Wolfgang Wagner inszeniert, 1959 von seinem Bruder Wieland. Ersterer hatte sich an Ernst Barlach orientiert, letzterer an Emil Nolde. Interessanter aber, so stellt es der Verfasser nachvollziehbar dar, ist der Vergleich der 55er Aufführungen durch einmal mit je drei Vorstellungen durch Keilberth und Knappertsbusch anhand des Duetts Senta-Holländer und des Daland. Ergänzt wird das Kapitel durch zeitgenössische Kritiken. Hilfreich für den Interessierten und Kontrollsüchtigen dürften die Hinweise auf diese sowie auf vielfältige Zitate sein.

Interessant ist natürlich auch die Stellungnahme des Autors zu einigen der Skandale auslösenden Inszenierungen der letzten Jahrzehnte. Zweifellos gehört dazu eine  solche der Meistersinger, die 1924, 33 (!), 43, 56, 60 und 63 und natürlich danach aufgeführt wurden und deren Rezeptionsgeschichte den Verfasser zu dem Schluss führt:“ Das Stück wurde in seiner Aufführungsgeschichte reflektiert; andererseits war Gegenwart steter Bestandteil des Fragehorizonts. Dass dabei  Kunst über Kunst entstand, versteht sich im postmodernen Kontext von selbst.“

Zu den Spaltpilzen, was die Regie betrifft, kommt Mösch erst, nachdem bereits 500 Seiten geschrieben bzw. 24 Kapitel gelesen  wurden: so zu Parsifal in der Regie von Schlingensief, Neuenfels‘ Lohengrin mit unvermeidbarem Ausflug in die Zoologie, Castorfs Siegfried, auch mit einem solchen, Kratzers Tannhäuser, der das Cover ausmacht. Er  gesteht ihnen Sympathie und Verständnis zu, wird aber so manchen Leser auch zu der  nicht von ihm geteilten Ansicht bekehren, dass die schöpferische Phase der Gattung Oper längst vorbei ist, dass man sie wie einen Rembrandt in ihrem Rahmen innerhalb der ja oft sehr genauen, vom Librettisten und Komponisten, die Wagner beides war, belässt, sich auf konzertante Aufführungen beschränkt oder ihr Zeitalter für beendet erklärt. Das vorliegende Buch jedenfalls hat ihr noch einmal, zumindest was Wagners Bayreuth betrifft,  ein schönes Denkmal gesetzt, das natürlich auch den Ring, Parsifal, Tristan , Lohengrin angemessen berücksichtigt (Stephan Mösch, Bayreuth als Theater-Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte; Bärenreiter/Metzler; 675 Seiten, Kassel/Berlin 2026; ISBN 978 3 7618 7296 3 Bärenreiter; ISBN 978 3 662 72776 8 Metzler).   Ingrid Wanja

 

 

 

Spirituelle Aura

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Drei Jahre nach der Uraufführung von Charles Tournemires Tristan-Oper brachte das Theater Ulm den Mitschnitt der Premiere vom Dezember 2022 in einer schmalen Pappbox heraus (2 CD 0660042024367), die neben den beiden CDs ein deutschsprachiges Booklet mit ausführlicher Tracklist, Handlung und einem Aufsatz über den bislang kaum bekannten Komponisten enthält. Mittlerweile hatten GMD Felix Bender und der Regie führende Intendant Kay Metzger im Mai 2025 sogar noch eine weitere Tournemire-Uraufführung gestemmt und mit der 1939 kurz vor Tournemires Tod vollendeten Franziskus-Oper Le petit pauve de Assise einen Sensationserfolg verzeichnet.

Die Tristan-CDs bestätigen den früheren Live-Eindruck von einer dezenten, konzentrierten, manchmal etwas in sich gekehrten spröden Musik mit filigran gesponnenen Gesangslinien, einerseits einzigartig und originell, andererseits voll von Einflüssen und Strömungen. Felix Bender und das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm nehmen sich der vielfältig inspirierten Musik mit Vorsicht an, finden langsam zu Momenten verhaltener Leidenschaft und Innigkeit mit vielen sorgfältigen solistischen Momenten in den Interludes und garantieren der Aufnahme mehr als nur dokumentarischen Wert. Schade, dass die Ausgabe auf ein Libretto verzichtet. (Aber im Einzelfall gibt es sicher noch das Programmheft als pdf vom Theater/ G. H.)

Die Sänger klingen vielfach etwas entrückt, sind in das Bühnengeschehen und den Orchesterklang eingebettet. Als Liebespaar bestätigen An de Ridder und Markus Franck den vorteilhaften Eindruck von der Aufführung, I Chiao Shins Brangien wirkt etwas schartig, Dae-Hee Shihs Roi Marc ist kompetent und bemüht, Joshua Spink bleibt als intriganter Zwerg Frocin, der dem König Isoldes und Tristans Verrat steckt, etwas blass. Chor und Extrachor tragen zur spirituellen Aura des Werkes bei (Foto oben: Tournemire „La Legende de Tristan“/Szene/ 2022 Theater Ulm/Foto Jochen Klenk). Rolf Fath

 

 

 

Lully Zuwachs

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 Von Jean-Baptiste Lullys Atys gibt es mehrere hochrangige  Dokumente auf Tonträgern. Pionier war 1987 William Christie am Pult seines Ensembles Les Arts Florissants bei harmonia mundi france, gefolgt von Hugo Reyne und seiner Simphonie du Marais 2016.

Bei Château de VERSAILLES gab es 2022 eine besonders aufwändige Ausgabe im CD- und DVD-Format aus der Opéra de Versailles mit Leonardo García-Alarcón am Pult der Cappella Mediterranea. Ihm folgte ein Jahr später am selben Ort Christophe Rousset mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques.

Die Tragédie en musique aus dem Jahr 1676 erzählt von der Liebe der Göttin Cybèle zum Jüngling Atys, der die Nymphe Sangaride liebt. Deren Hochzeit mit dem phrygischen König  Célénus, einem Freund von Atys, steht bevor. Atys unterbricht die Hochzeitsfeier und flieht mit Sangaride. Cybèle ruft aus Rache die Furie Alecton herbei, die Atys verhext. In Wahn hält er Sangaride für ein Ungeheuer und tötet sie. Wieder bei Sinnen, nimmt er sich das Leben und wird von Cybèle in eine Pinie verwandelt.

Die Neuaufnahme bei ALPHA (1193, 3 CDs) entstand im März 2024 in Paris und fußt auf der überarbeiteten Partitur von Nicolas Sceaux für das Centre de musique baroque de Versailles. Zu hören sind als Chor Les Pages et les Chantres du Centre de musique baroque de Versailles und als Orchester Les Ambassadeurs – La Grande Écurie unter Leitung von Alexis Kossenko. Der französische Dirigent fächert die gravitätische Strenge der Musik, aber auch ihren tänzerischen Übermut hinreißend auf. Eine illustre Besetzung wird angeführt von Véronique Gens als Cybèle. Frankreichs Grand Dame der Alten Musik hatte schon in ihrem Recital Passion bei ALPHA 2020 Ausschnitte aus dem Werk interpretiert – die Göttin Cybèle ist eine ihrer Glanzrollen, in der sie regelmäßig mit Erfolg auftritt. Sie zeichnet ein Porträt von kolossaler Dimension, von übermenschlicher Kraft. Auch Mathias Vidal als Titelheld ist ein renommierter Interpret im französischen Barock, wie auch Sandrine Piau als Sangaride. Er überzeugt gleichermaßen durch Intensität wie Raffinement, kreiert einen heroischen Charakter, wie man ihn so in anderen Aufnahmen nicht findet. Sie ist ideal in ihrer Rolle, wunderbar delikat und zart-verletzlich.

Neben diesem Protagonisten-Trio komplettieren die Besetzung niveauvoll in mehreren Rollen Èleonore Pancrazi, David Witzak, Antoin Rondepierre und Reinoud van Mechelen, der in der Einspielung von Christophe Rousset selbst die Titelrolle wahrgenommen hatte.

Unter den bereits existierenden Dokumenten nimmt diese Neuaufnahme einen bedeutenden Platz ein (17.06.26). Bernd Hoppe

Erinnerungswürdige Produktion

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Fast könnte man glauben, der deutsche Dichter Lessing habe mit seinem Nathan der Weise das Textbuch zu des französischen Komponisten Fromental Halévy Oper La Juive geschrieben, ähneln sich doch die Probleme, wenn auch die Auflösung der Handlungsverstrickungen ganz unterschiedlich ist. Bei Lessing wie bei Halévy verliert ein Jude durch die Schuld von Christen seine Familie, zieht ein zufällig gefundenes Christenkind, Recha oder Rachel,  als sein eigenes auf, allerdings Lessings Nathan ohne religiöse Bindung an das Judentum, sogar mit einer christlichen Kinderfrau, Halévys Eléazar seine Rachel streng im jüdischen Glauben. Damit erweist sich als logisch, dass Nathan der Weise mit einem happy end schließen kann, weil sich stärker als der jeweilige Glauben Toleranz und Humanität durchsetzen, während der Hass auf den tatsächlichen Vater Rachels, den Kardinal Brogni, stärker ist als die  Bereitschaft zur Vergebung.

Wie insgesamt das französische Repertoire, abgesehen von einigen Ausnahmen, vernachlässigt, ist Halévys einst vielgespielte Oper vor zwei Jahren an der Oper Frankfurt in der Regie von Tatjana Gürbaca  zu einem triumphalen Erfolg geführt worden, der sich vielleicht zu Beginn der Premiere noch nicht abzeichnete, das alles auf die schon gewohnte und oft erlittene Art auf ein instinktloses Versetzen der Handlung in die Neuzeit hinauszulaufen scheint, zunehmend aber sich eine glückliche Verbindung zwischen dieser und einer historischen Aufführungspraxis herstellt.

Bühnenbildner Klaus Grünberg hat ein für alle fünf Akte für das an unterschiedlichen Schauplätzen spielende Werk ein Einheitsbühnenbild geschaffen, eine noch unvollendete Hauswand mit vielen Luken und kleinen separaten Schauplätzen für die intimeren Szenen, die Kostüme von Silke Willrett sind zu Beginn noch fast ausschließlich die üblichen hässlichen modernen, allerdings in lichten Farben, ehe sich mit dem Fortlaufen der Handlung immer mehr zum Teil ironisch übertreibende historische Gewänder durchsetzen. Nur die arme Rachel muss bis zum bitteren Ende das ihr von der eifersüchtigen Eudoxie verordnete Nuttenkostüm beibehalten. Einiges bleibt in dieser Inszenierung rätselhaft, so das Händewaschen in Blut, einiges überflüssig wie das Kinderspielzeug Panzer, einiges zu detailverliebt wie der rauchende Wächter. Aber insgesamt ist das eine Inszenierung, die zu fesseln und Anteilnahme für das leidende Personal zu wecken weiß. Ein besonders begrüßenswerter Einfall ist die Umwandlung der für eine Grand Opéra unverzichtbare Balletteinlage in einen Film von den „Heldentaten“ des unseligen Léopold.

Durchweg reine Freude bereiten die darstellerischen und gesanglichen Leistungen des Chors und der Solisten, die auch typgerecht und deswegen besonders glaubwürdig erscheinen. Ambur Braid ist eine ansehnliche Rachel mit höhensicherem, durchschlagskräftigem Sopran mit reichem Farbspektrum. Kühler, klar und geschmeidig ist die Stimme von Monika Buczkowska für die Eudoxie, die beachtliche Koloraturen zu singen hat und sich mit zwei sehr netten, nicht im Libretto vorgesehenen Kindern schmücken darf. Als Rossini-und Belcantotenor bekannt geworden ist John Osborn, dessen große Arie des Èléazar „Rachel, quand du Seigneur la grace tutelaire“ immer ein Lieblingsstück für Tenöre geblieben ist und der hier mit hohen Tönen, aber auch mit einem leichten Tonansatz, mit stimmlicher Beweglichkeit und anrührendem Spiel begeistern kann. Als windiger Typ wird der Léopold von Gerard Schneider gesehen, der mit einem hell timbrierten lyrischen Tenor für sich einnehmen kann. Mit wunderbar samtiger, sonorer Bassstimme und viel menschliche Wärme ausstrahlend ist Simon Lim ein fast schon zu sympathisch wirkender Cardinal  Brogni. Jeweils einen angenehmen Bariton setzen Sebastian Geyer (Ruggiero) und Danylo  Matviienko (Albert) für zwei Wurzen ein. Henrik Nánási führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu einfühlsamem, transparentem, trotz auch dem Forte zugetanem Agieren sängerfreundlich durch die Vorstellung.  Naxos sei Dank, dass sie die Produktion konservierten (Naxos NBD0190V). Ingrid Wanja

 

Unübertroffener Glanz

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Der fanatische Opernfreund besaß sie natürlich längst, die Don-Carlo-Aufnahme aus der Wiener Staatsoper aus den Siebzigern, damals u. a. auf den Markt gebracht von dem Mailänder Label Myto. Nun ist sie remastered von Urania vorgestellt und natürlich technisch auf einem weit höheren Niveau. Horst Stein stand damals am Dirigentenpult und beginnt mit getragenen Tempi, zaubert verführerische Farben zum Beginn des Parkbilds und hat es eilig damit, das Autodafé zu überstehen. Unübertrefflich sind Wohlklang und Spannung, was die Wiener betrifft und von ganz unterschiedlicher Qualität das auch damals schon international aufgestellte Sängerensemble.

Das weist auch für die winzigsten Partien Stars oder Sänger, die es einmal werden sollten, auf. So ist Edita Gruberova der Page Tebaldo, der sich an der Canzone di Velo beteiligen und den Marquis Posa ankündigen darf.  Als Voce dal cielo verkündet Judith Blegen Tröstliches mit ungetrübtem Schöngesang.

Der einzige Italiener im Ensemble ist der Carlo von Franco Corelli, den man erst einmal dunkler in Erinnerung hat, was an der Tessitura seiner Partie liegen mag. Der Tenor zielt eindeutig auf eine Überwältigung des Publikums, nicht nur durch strahlende Höhen, sondern auch durch extrem ausgekostete Fermaten, viel lacrima nella voce, aber auch durch eine beachtliche Textverständlichkeit. Ab und zu wechselt der Tenor von einem angemessenen canto elegiaco in einen der Rolle weniger angemessenen canto eroico, aber auch dieser ist schon für sich genommen überaus hörenswert. (Und warum nicht er auf dem Cover abgebildet ist, bleibt ein fragwürdige Enbtscheidung).

Einen unangenehmen Kontrast zur strahlenden Tenorstimme bildet der Bariton von Eberhard Wächter in der Rolle des Rodrigo. Die Stimme klingt für mich hier dumpf, stumpf und verquollen, der Sänger scheint streckenweise eher zu bellen als zu singen, die Phrasierung ist nicht großzügig. Erst in der Todesszene strömt der Bariton freier und weckt Interesse für das Schicksal des nun oder auch nicht mehr Duca.

Gleich drei gestandene Bässe erfordert das Werk und drei Ausnahmestimmen kann die Staatsoper damals aufbieten. Sehr dunkel und durchaus den verstorbenen Imperator in sich vermuten lassend ist die Stimme von Tugomir Franc für den Frate. Über ihn würde man sich auch als Filippo freuen können. Der Finne Martti Talvela singt den Gran Inquisitore  mit leicht aufgerautem Prachtbass düster dräuendNicolai Ghiaurov wird in seiner großen Szene wunderbar vom Cellisten begrüßt, lässt seinen Ausnahmebass unangefochten strömen und weiß mit ihm doch auch seine, des Königs,  Verletzbarkeit auszudrücken.

Auch einmal, nämlich in den Gärten der Königin, sich als dem Verismo nicht abgeneigte Megäre beweisen darf sich die Eboli von Shirley Verrett, nachdem sie eine berückend schöne Canzone di Velo gesungen hat, raffiniert die kleinsten Notenwerte zu ihrem Recht kommen lassend, verführerische Tongespinste ausbreitend und schließlich im Don fatale in eine sanfte Klage nach Schrillheit nicht scheuendem Beginn zu münden.

In dieser Zusammenstellung ist die Besetzung der Elisabetta mit Gundula Janowitz ein Wagnis, denn das Soprantimbre kann, was pure, üppige Schönheit betrifft, nicht mit den Kollegen mithalten, so sehr auch feine Differenzierungen, auf Verinnerlichung setzender Gesang zu schätzen sind. Der Abschied von der Aremberg zeigt, zu welch schönen Pianogespinsten die Sängerin fähig ist, wie gut die Diminuendi gelingen, Zurücktreten hinter die Figur  eines der Ziele des Soprans ist. Steife Höhen und einige Schärfen scheinen aber das Publikum damals nicht gestört zu haben, denn der Applaus nach Tu che le vanità ist gewaltig und soll vielleicht honorieren, dass anstelle auf vokale Prachtentfaltung auf  eine feine Pastellmalerei bei der Darstellung der Figur gesetzt wurde.

Egal, ob man das Ausstellen edlen Ausnahmematerials oder auf intime Rollengestaltung setzt: für den Hörer ist diese CD immer ein Gewinn (Urania Records/Note 1). Ingrid Wanja                 

In Rage

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Die neue Platte des katalanischen Countertenors Xavier Sabata entstand im November 2025 in Lyon (AP425). Furioso ist ihr Titel, was sofort an Vivaldis Oper Orlando furioso denken lässt. Diese findet sich tatsächlich auf der CD neben anderen Werken, welche auf dem Mythos von Lodovico Ariosto fußen – also eine sehr originelle und kluge Konzeption. Nicola Porpora, Johann Joseph Fux, Georg Friedrich Händel und Agostino Steffani sind die weiteren Komponisten. Der Sänger wird begleitet vom Ensemble Le Concert de l´Hostel Dieu unter dem Dirigenten Franck-Emmanuel Comte. Die französische Formation musiziert mit reichem Klangspektrum und hoher Virtuosität, kann dies in drei Instrumentalbeiträgen (von Fux und Steffani) auch imponierend zeigen.

Das Programm beginnt mit zwei Arien aus Porporas L´ Angelica von 1720. Hier ist also die chinesische Prinzessin Angelica, in die Orlando unglücklich verliebt ist, titelgebend. Sie hat ihr Herz an den sarazenischen Prinzen Medoro verloren, was Orlando den Verstand raubt. Sein Schicksal zwischen Leidenschaft und Wahnsinn hat viele Komponisten zur Vertonung gereizt. „La bella, mia nemica“ zeigt, dass die Stimme des Sängers auch nach langer Karriere noch immer intakt und gerundet ist, nie schrille oder gefährdete Momente hören lässt. Der Ausdruck ist intensiv und den existentiellen Situationen der Figuren angemessen. Das betrifft in besonderem Maße „Da me, che volete“, wo der Ausdruck einen besonders erregten Zustand annimmt.

Auch der Wiener Hofkomponist Fux benannte sein Werk nach der Heldin – Angelica vincitrice di Alcina stammt aus dem Jahr 1716. Daraus erklingen zwei Ausschnitte als Weltpremieren. „Si, pugnate“ und die instrumentale „Aria per le furie“. Die Stimme klingt warm und sinnlich, aber auch energisch.

Attraktiv ist die Auswahl aus Händels Orlando von 1733, enthält sie doch die anspruchsvolle Bravour-Nummer „Fammi combattere“, welche der legendäre Kastrat Senesino kreierte und in der Sabata seine Virtuosität und heroische Attacke zeigen kann. Dazu kommt das ausgedehnte Recitativo accompagnato „Ah! Stigie larve“, welches im Schlussteil mit „Vaghe pupille“ eine der faszinierendsten barocken Wahnsinnsszenen bietet. Hier wartet der Sänger mit spannenden Farben und Verfärbungen auf, die den verwirrten Zustand der Figur eindrucksvoll zeigen. Auch „Già l´ebbro, mio ciglio“ demonstriert die mentale Absence des Helden.

Orlandos Arie „Nel profondo, cieco mondo“ aus Vivaldis Orlando furioso (1724) ist in ihrem bravourösen Anspruch für viele Interpreten eine immense Herausforderung, aber gleichermaßen beliebt beliebt wegen ihrer enormen Wirkung. Auch Sabata führt sie mit erregter Stimme, bravourösen Koloraturläufen und enormer Spannweite zu   einem Höhepunkt der Anthologie. Aus Steffanis Orlando generoso von 1691 hat Sabata drei Szenen ausgewählt: koloraturgespickt „In quest´alma che langue“, vehement „Armi, stragi, vendetta, furore!“ und „Io dunque senz´armi“, welches die Zusammenstellung effektvoll beschließt. Der Sänger hat sich mit dieser Platte selbst ein würdiges Geschenk zu seinem 50. Geburtstag in diesem Jahr gemacht. Bernd Hoppe

Eher interessant als überzeugend

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Immer noch relativ sicher vor inszenatorischen Entgleisungen kann man bei Produktionen von jenseits der Alpen sein, insbesondere natürlich bei Aufführungen aus dem Teatro Regio von Parma, der Verdi-Stadt par excellence und in früheren Jahren berüchtigt als überkritisch in der Beurteilung von Sängern. Dem Label Dynamic ist es zu verdanken, dass man weltweit in den Genuss der Aufführungen kommen kann, in diesem Fall einer ganz besonderen, denn es handelt sich um die ebenfalls weltweit erste Video-Aufnahme der französischen Fassung von Macbeth. Seine erste Shakespeare-Oper hatte Verdi 1847 in Italienisch für Florenz komponiert, wo sie einen nicht überragenden Erfolg erzielte. Die Pariser Oper bat den Komponisten um eine französische Fassung, die 1865 in Paris uraufgeführt wurde, natürlich mit einem umfangreichen Ballett. 1874 wurde an der Scala die ins Italienische zurückübersetzte Oper aufgeführt, die heutzutage  als die allgemein gültige gilt, mal mit, mal ohne Ballett aufgeführt wird. Aus diesem Rahmen fällt ab und zu noch eine Produktion der ersten Fassung, so besonders bemerkenswert die vom experimentierfreudigen Martina Franca aus dem Jahre 1997.

Pierre Audi ist der Regisseur dieses Macbeth, der zunächst im Freien aufgeführt wurde, was die Kargheit auf der Bühne von Michele Taborelli erklärt, die eigentlich nur eine Spiegelung des Zuschauerraums bietet mit ab und zu einigen Stühlen, die von den Hexen in der Luft hin- und hergeschwenkt werden oder ihnen als Sitzgelegenheit dienen, wenn sie zum Bankett eingeladen sind. In der Mitte der Bühne ist eine Vorrichtung, die das Versenken der Personen in die Tiefe ermöglicht, wovon häufig, aber nicht durchweg mit Erfolg, Gebrauch gemacht wird.  Farbwechsel, so in Rot, wenn Böses geschieht,  in Macbeth bekanntlicherweise nicht selten,  ein rotes Kainsmal schmückt kurz einmal die Stirn von Lord und Lady, sorgen für optische Abwechslung.  Die Kostüme von Robby Duiveman scheinen im wesentlichen an solche aus der Entstehungszeit des Werks angelehnt zu sein, strecken ihre Fühler aber auch in andere Epochen aus, besonders bei der Einkleidung des Militärs, das im Schlussbild sogar mit Stahlhelmen einher kommt.

Die Regie lässt die Sänger oft auch auf der Bühne verharren, wenn sie nichts zu singen haben, so Banquo mit Sohn lange vor seiner Hinmetzelung, und auch Macbeth erlebt die Reaktion seiner Lady nach Empfang seines Schreibens vom Schlachtfeld hautnah. Ansonsten bleibt die Personenregie konventionell, stört zumindest nicht. Für das Ballett hat sich Pim Veulings eine Art Ringen um Nachkommenschaft zwischen Macbeth und drei Ladies ausgedacht, wobei der Ausgang trotz zeitweise gewölbter Leiber der Tänzerinnen  offen bleibt.

Den Höhepunkt der Vorstellung bietet zumindest musikalisch der Chor der Flüchtlinge, die hier „Ô patrie! Ô noble terre!“ zu singen haben und das mit wunderbaren Schwelltönen, mit unglaublicher Gesangskultur darbieten. Auch sonst ist der Chor (Martino Faggiani) die sichere Bank der gesamten Aufführung. Dahinter kaum zurück steht das Orchester unter Roberto Abbado, denn wo sollte man Italianità finden, wenn nicht hier, und Macbeth bleibt trotz der Übersetzung ins Französische eine italienische Oper.  Sogar die Solistenbesetzung kann mit, abgesehen von der Lady, Italienern in den Hauptpartien aufwarten. Die Russin Lidia Fridman ist eine optisch attraktive, ihren Partner an Körpergröße übertreffende Lady, die vokal den Vorstellungen, die Verdi von der Partie hatte, entspricht: eine nicht schöne, aber durchschlagskräftige Sopranstimme mit üppiger, dunkler Tiefe und nicht ohne (angemessene!) schrille Töne in der Höhe, mit Koloraturen wie Eiszapfen und in der Nachtwandlerszene mit facettenreicher Mühelosigkeit.  Viel auf allen Vieren muss sich der Macbeth von Ernesto Petti bewegen und singt trotzdem mit schöner Phrasierung, allerdings nicht durchgehend diszipliniert, sondern häufig in vokale Kraftmeierei verfallend, sein abschließendes „Honneurs“ allerdings kultiviert, wenn auch wenig Emotionen auslösend, darbietend. Macduff Luciano Ganci wird zu seiner Arie mit der in Folie gewickelten Familie, darunter Baby-Zwillinge, konfrontiert, bewältigt seine Klage mit schöner Agogik und angenehmem Timbre. Für ihn hat sich die Regie noch einen inneren Kampf um Verzicht oder Kampf um den Thron ausgedacht, eine schöne Idee und gut umgesetzt. Banquo ist Michele Pertusi und damit das As der Solistenbesetzung, wunderbar phrasierend, markant und voller Würde. David Astorga behauptet sich als Malcolm, Natalia Gavrilan, in dieser Fassung als La Comtesse, stützt zuverlässig im ersten Finale.   

Die Begegnung mit dieser Macbeth-Version ist interessant, wäre es noch mehr mit muttersprachlichen Sängern und kann doch dem italienischen Macbetto den Rang nicht ablaufen (Dynamic 58063). Ingrid Wanja

Charles Silvers „Belle au bois dormant“

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Das Märchen von Dornröschen erinnern wir vor allem als großes Ballett von Tchaikovsky. Gelungene Opernversionen sind aber kaum bekannt. Dabei bietet der Stoff doch alles, was man für eine Oper braucht. Spezialeffekte, Gruselpotenzial, große Liebesduette, üppige Festszenen. Jetzt ist tatsächlich eine opulente Dornröschenoper erschienen, in einer Weltpremiere ausgegraben vom Palazzetto Bru Zane. Der Komponist heißt Charles Silver, und seine französische Märchenoper wurde in Marseille 1902 uraufgeführt. Als eine hochsubventionierte  féerie lyrique“ (ein opernhaftes Feen-Spektakel) in vier Akten und neun Tableaus, einschließlich eines Prologs. Die féerie war ein etabliertes Genre, das seit dem späten 18. Jahrhundert beliebt war und in der Romantik noch an Ambition gewann (so nachstehend Alexandre Dratwicki).

Ein schöner Mann: der Komponist Charles Siver/BNF/Gallica

Es gibt aber erstaunlicherweise doch eine ganze Menge Opern mit dem Dornröschen-Thema. Der Stoff ist ja ideal für ein Bühnenwerk. Schon die Aktaufteilung schreibt sich von selbst. Erstmal diese Taufparty. Dann ein Zeitsprung, als sich Dornröschen an der Spindel sticht. Der Rest spielt 100 Jahre danach in Rosenhecken. Der Stoff für eine Oper, in Silvers Falle eine grandiose, großformatige, ernstgemeinte, fast etwas humorlose. Denn die meisten Mitbewerber nähern sich dem Stoff doch eher ironisch oder auf wenig traditionelle Weise. Humperdinck zum Beispiel macht ein Melodram daraus. Respighi eine sehr freche Funkoper, ein Kammeroratorium fürs Heim. Und Lecoq eine frivole Parodie, eben eine Operette.

Aber diese „Schöne im schlafenden Gehölz“ (so die genaue Übersetzung) ist für mich eine wirkliche trouvaille, weil sie in weiten Teilen so ernst genommen wird, ein Märchenspektakel von 1902. Wir befinden uns gerade in der Hochphase der Märchenopern, und Charles Silver hat diesen magischen Ton, den man von so einem Stück erwartet: eine ganz irre Mischung hier,  wie ein psychodelischer Wagner, ein Puccini Light und auch ein bisschen John Williams.

Charles Silver (who?) – man ist geneigt, ihn englisch auszusprechen, aber er ist Franzose, Kind russischer Einwanderer, eben Charles Silvèr (der accent ist von mir).  Er hat als Opern- und Ballettkomponist eine interessante Karriere gemacht, sogar den renommierten Prix de Rome gewonnen. Seine bekannteste Oper zu Lebzeiten war die Shakespeare-Vertonung der Widerspenstigen Zähmung. Bemerkenswert ist vielleicht auch, dass er einer der Lieblingsschüler von Jules Massenet und der Ehemann der großen Prima Donna, Georgette Bréjean-Silver war – eine phänomenale Sopranistin mit strahlenden Höhen und stupender Koloraturtechnik (und spätere Carmen der Uraufführung).

Beides hatte Auswirkungen auf dieses Werk, sowohl die Nähe zu Massenet wie auch die Gattin mit der goldenen Kehle. Und die beiden Musiker dürften sich sehr eng ausgetauscht haben (man denke an Cendrillon). Das heißt, Silver konnte Georgette Bréjean-Silver diese Rolle des Dornröschen direkt in den Hals schreiben. Eigentlich hat sie sogar zwei Rollen, nicht nur Aurore (i. e.  Dornröschen), sondern auch noch ihre eigene im ersten Akt singende Mutter, die Königin.

Im Folgenden erst einmal ein längerer Artikel zum Komponisten und Werk von Alexandre Dratwicki aus dem üppigen CD-Buch beim Palazzetto Bru Zane. Danach dann ein persönlicher Eindruck der Aufnahme. M. K./G. H.

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Charles Silvers „La Belle au bois dormant“/Uraufführung in Marseille/ Szene/Tableau V (Akt 3)/Palazzetto

Und nun zuerst Alexandre Dratwickis Einschätzung von Komponist und Werk: Charles Silverder Golden Boy unter den Komponisten? Der Komponist, 1868 in Paris als Sohn eines Handelsreisenden russischer Herkunft geboren, musste die französische Staatsbürgerschaft beantragen, um zur Teilnahme am Wettbewerb um den Prix de Rome für Musikkomposition teilnehmen zu dürfen. Er war 1886 Schüler am Conservatoire geworden und hatte den Harmoniekurs von Théodore Dubois sowie den Kompositionskurs von Jules Massenet besucht. Nachdem er 1889 seine Einbürgerungsurkunde erhalten hatte, bewarb er sich um den Premier Prix de Rome und gewann ihn 1891 mit der Kantate L’Interdit. Abgesehen von den Werken, die in der Villa Medici entstanden (insbesondere eine Ouvertüre zu Bérénice, aufgeführt 1895 am Institut de France, und eine biblische Oper mit dem Titel Tobie), waren seine frühen Opus-Nummern Mélodies und patriotische Lieder (darunter En avant! nach einem Text von Paul Déroulède). Es gelang ihm, sich in den großen Pariser Konzertvereinen mit einer Reihe von Stücken zu etablieren, die um die Jahrhundertwende uraufgeführt wurden, darunter eine Rapsodie sicilienne (Concerts Lamoureux, 1899) und das Poème carnavalesque (Monaco, 1906, komponiert in der Villa Medici). Verheiratet mit der Sängerin Georgette Bréjean (einer führenden Interpretin von Massenets „Manon“ in den späten 1890er Jahren), wandte sich Silver auch der Oper zu, wie „La Belle au bois dormant“ (in Rom geschrieben und 1902 in Marseille uraufgeführt) beweist; „Le Clos“ (1906 an der Opéra- Comique uraufgeführt); Negililde (ein ballet mêlé de chants, uraufgeführt in Monte Carlo 1909); Myriane (ein drame lyrique, uraufgeführt in Nizza 1913); La Mégère apprivoisée (uraufgeführt an der Opéra 1922); und schließlich La Grand-Mère (1930) und Quatre-Vingt-Treize (1936). 1919, nach dem Tod von Lavignac, zum Professor für Harmonielehre am Pariser Konservatorium ernannt, wurde er 1926 zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt und starb mehr als zwanzig Jahre später, im Jahr 1949.

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Mme Bréjean-Silver als Princesse Aurore. Cliché Fabre (Marseille)/Palazetto (ob dies nicht doch die Sopranistin als Königin im 1. Akt abgebildet ist?)

Das Thema von Dornröschen wurde in Frankreich vor den 1890er Jahren, als Silver begann, sich damit zu befassen, nur selten vertont. Lediglich eine Oper von Carafa und ein Ballett von Hérold, beide in den 1820er Jahren komponiert, hatten die Pariser Opéra dazu bewegt, sich für Perraults Märchen zu interessieren.  Im Gegensatz dazu löste es zu Silvers Zeiten ein viel lebhafteres Wiederaufleben des Interesses aus: Innerhalb weniger Jahre wurden eine Mélodie von Debussy, eine symphonische Dichtung von Alfred Bruneau, eine Romance von Edmond Missa und eine Opéra-bouffe von Charles Lecocq unter diesem Titel veröffentlicht. Silvers féerie stand schon lange ganz oben auf der Liste der Kuriositäten, die das Palazzetto Bru Zane für eine Erkundung ausgewählt hatte. Ein Auszug wurde von Jodie Devos in einem der Märchenmusik gewidmeten Recital gesungen und 2016 von Alpha Classics aufgenommen.

Es blieb nur noch, den Sprung zu wagen und das gesamte Werk wieder aufleben zu lassen. Unsere Zusammenarbeit mit dem Ungarischen National Chor und Orchester – deren erste Früchte Davids Herculanum, Massenets Werther und Lalos Le Roi d’Ys waren – erwies sich als idealer Rahmen für dieses Vorhaben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Aufnahme wird eine szenische Fassung der Oper auch an der Opéra de Saint-Étienne in Koproduktion mit dem Palazzetto Bru Zane präsentiert. Alles deutet darauf hin, dass die Zeit reif ist für die Wiederbelebung eines Werks mit solcher Anziehungskraft auf das Publikum. Oder zumindest haben die Feen die Mühe auf sich genommen, den vor mehr als einem Jahrhundert gesprochenen Fluch für eine Weile zu brechen. Ein großes Dankeschön an alle Künstler und Mitwirkenden dieses Aufnahmeprojekts, und vor allem an György Vashegyi, der von einer unerschütterlichen Leidenschaft und Neugier für das französische Opernrepertoire von Lully bis Massenet angetrieben wird.

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Mme J. Passama and M. Chalmin als Fee Urgèle und Barnabé/Palazzetto

„Dormez, dormez…“ Trotz seines verlockenden Titels, dessen Potenzial von Tschaikowski und später von Walt Disney voll ausgeschöpft wurde, schlummerte Charles Silvers La Belle au bois dormant länger als seine Titelheldin, denn es hat fast 130 Jahre gedauert, bis die Partitur ihren Weg zurück in die Konzertsäle und auf die Bühne fand. Die Oper wurde um 1895 in Rom, innerhalb der Mauern der Villa Medici, begonnen, als der junge Komponist dort ankam, kurz nachdem er den Kompositionspreis des Institut de France gewonnen hatte. Er verbrachte mehrere Jahre auf dem Pincio-Hügel dank des Aufenthaltsstipendiums der französischen Akademie in Rom, mit Perraults Märchen in unmittelbarer Nähe.

Nachdem Silvers Hoffnungen auf eine Aufführung in Paris letztlich zunichte gingen: La Belle au bois dormant wurde zehn Jahre später vom Direktor des Grand-Théâtre de Marseille, Albert Vizentini, begeistert aufgenommen. Letzterer war umso motivierter, als ihm diese Premiere ermöglichte, die staatliche Subvention in Anspruch zu nehmen, die Theatern für die Aufführung eines bisher nicht gespielten Werks gewährt wurde. Darüber hinaus rückte Marseille infolge dieser Dezentralisierungsinitiative ins Rampenlicht der Pariser Presse, die diesen Schritt begrüßte: Nur sehr wenige Opernhäuser hatten die von der Regierung genehmigte künstlerische Politik umgesetzt, in der Provinz Werke zu schaffen, die anderswo noch nie zu hören waren.

Am 3. Januar 1902 offenbarte La Belle au bois dormant dem Publikum in Marseille die Feinheiten seiner zarten Melodien und seiner feinen Orchestrierung. Im Theater saß Silvers Lehrer – Massenet selbst –, der gekommen war, um seinen Schützling zu ermutigen, neben Adrien Bernheim, Inspecteur des Beaux-Arts, Raoul Gunsbourg, Direktor der Opéra de Monte-Carlo, und dem Verleger Gitis; das Quartett wurde von zahlreichen lokalen Würdenträgern flankiert.Diue Zeitschrift Le Ménestrel fügte hinzu, dass die gesamte Pariser Presse zu der Veranstaltung eingeladen worden sei. Vizentini hoffte, den früheren Theaterruhm Marseilles wieder aufleben zu lassen, nach einer Phase des Niedergangs, die den Ruin seines Vorgängers herbeigeführt hatte. Silvers Werk war somit Teil einer ehrgeizigen und aufmerksam verfolgten Spielzeit.

Marseille. Le Grand-Théâtre. Carte postale, 1904/Palazzetto

Für die Inszenierung jeder der geplanten Opern wurde eine kolossale (staatliche) Subvention versprochen, und der Journalist von Le Sémaphore de Marseille versicherte seinen Lesern, dass diese Behauptung im Fall von La Belle au bois dormant keineswegs übertrieben war: Die Partitur wird nicht einfach als opéra bezeichnet, sondern genauer als „féerie lyrique in vier Akten und neun Tableaus, einschließlich eines Prologs“. Die féerie (opernhaftes Spektakel) war ein etabliertes Genre, das seit dem späten 18. Jahrhundert beliebt war und in der Romantik noch an Anpsruch gewann. Silvers Tableaux bieten uns zur Bewunderung „Die Taufe“ (Prolog), „Der Schlummer der Aurore“, „Hundert Jahre später“, „Urgèles Höhle“, „Die azurblaue Grotte“, „Der verzauberte Wald“, „Die schlafende Schönheit“, „Das Erwachen“ und „Die Feen (Apotheose)“.

Während die Librettisten Michel Carré und Paul Collin die wichtigsten Episoden aus Perraults Version nachzeichnen, nehmen sie sich zwei Freiheiten gegenüber dem Original. Erstens ersetzen sie die bösartige Spindel, die Aurore woanders in einen hundertjährigen Schlaf versetzt, durch den Kuss eines fahrenden Ritters (denn die grausame Urgèle hat tatsächlich vorausgesagt, dass die Liebe die Ursache für den Schlaf der Prinzessin sein wird). Dann, um den französischen Geschmack für demi-caractère (den Märchen besonders lieben) zu befriedigen, führen die Librettisten die komische Figur des Barnabé ein, der sich als Rivale des Prinzen bei der Suche nach Aurore erklärt. Carré und Collin paaren diesen Einfaltspinsel mit Jacotte, ein ehrliches, kluges Bauernmädchen, das in ihn verliebt ist. Diese besonders gelungene Mischung aus Komödie und Tragödie verleiht der Partitur eine Würze und einen abgerundeten Charakter, wie man sie in Opern jener Zeit selten findet. Der Journalist von Le Petit Provençal lobte die Idee: Ein letztes Element vervollständigt diese moderne féerie: die herausragende Rolle des Tanzes. Neben einem echten Ballett, das eine Abfolge abwechslungsreicher Nummern entfaltet, bietet fast jede Szene reichlich Gelegenheit, die Beine der Tänzerinnen zu bewundern, und zwar in einem solchen Maße, dass Le Ménestrel die Partitur als „fast ein Opéra-ballet“ bezeichnete, „da sie vier getanzte Divertissements enthält, die äußerst ansprechend wirken“. Die Kritiker interessierten sich vor allem für die Leistung des Komponisten.

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Als Schüler von Massenet und Gewinner des Prix de Rome von 1891 stellte Silver eine der größten Hoffnungen der französischen Musik zu einer Zeit dar, als Debussy, Charpentier, Caplet und der junge Ravel ihre „dissonanten“ Stimmen inmitten des harmonischen Konzerts der konservativen Postromantik ertönen ließen. Da sie stets zögerlich waren, wenn es darum ging, die Moderne anzunehmen, bewunderten die Kritiker Silvers „zarte und charmante Musik“ (Le Ménestrel), die angeblich „große Flexibilität in der Vokal- und Instrumentalstimme“ zeigte, „die der Frische der Inspiration und einer ausgeprägten poetischen Sensibilität in den Dienst gestellt wurde“ (Le Petit Provençal). Jean Gheerbrandt ging in einem Artikel in La Vedette ausführlicher auf seine Eindrücke ein: Überall löste das Werk aufrichtige Komplimente aus: „glückliche Einfälle“ und „besonders raffinierte harmonische Passagen“ (La Charente); „poetische Klangbilder“ und „ein präzises Gespür für die Situationen, mit denen der Komponist umgehen muss“ (Le Monde artiste). In diesem Lobgesang scheint eine Eigenschaft vorzuherrschen: die Meisterschaft der Orchestrierung, die zu einem der wichtigsten Kennzeichen der französischen Fin-de-siècle-Schule geworden war.

Die Spätromantik, mit ihrer Vorliebe für symbolistisches Sfumato, schickte ihre jungen Komponisten auf eine rasende Suche nach neuen Klangfarben. Keine Kombination von Klangfarben brachte sie aus der Fassung, kein Experiment schreckte sie ab. Silver führte, ohne in Richtung Debussy zu blicken, Massenets Erkundungen auf äußerst überzeugende Weise fort. Und wenn seine Musik als „mit größter Sorgfalt orchestriert“ (Le Ménestrel) empfunden wurde, dann deshalb, weil er eine „perfekte Technik“ (Le Monde artiste) an den Tag legte, die „in ihrer Fließendheit und Transparenz an die Kunstfertigkeit von Delibes erinnert (La Charente).

Mme Bréjean-Gravière als Massenets Manon. Photographie Becque-Bary/Palazzetto

Das war kein geringes Kompliment. Dieser letzte Punkt hebt, ohne darauf einzugehen, einen Aspekt hervor, dessen Bedeutung die Kritiker in erstaunlichem Maße übersahen: die Verwendung wiederkehrender Motive, die zu einer strukturellen Technik geworden war, seit die Vorherrschaft Wagners sie unverzichtbar gemacht hatte. Silver übernimmt die Methode seines Lehrers Massenet, die darin besteht, sich auf die periodische Wiederkehr bedeutungsvoller Motive zu konzentrieren, anstatt auf einen transformativen Prozess, der von psychologischen Untertönen belastet ist. In La Belle au bois dormant wird jeder der Hauptfiguren ein Thema zugewiesen, das – im weiteren Sinne – eine Emotion oder einen Charakterzug verkörpert. Aurore wird mit einem Sehnsuchtsmotiv assoziiert, dessen Anfang in Triolen direkt einem Klavierstück von César Franck entlehnt ist, Prélude, fugue et variation, das Silver sicherlich gekannt haben muss. Mittels dieses Motivs verbindet er die Prinzessin mit dem Gefühl der Melancholie.

Dem Prinzen, zugleich Abenteurer und Verführer, werden mehrere Melodien zugewiesen, deren Verwendung sich nicht über die einzelnen Episoden hinaus erstreckt, in die er verwickelt ist.  Diejenige, die im Gedächtnis haften bleibt, ist natürlich mit der Liebe verbunden: Sie entfaltet sich in ihrer ganzen einhüllenden, umschlingenden Struktur während der abschließenden Erweckungsszene, wird aber bereits im ersten Duett der Protagonisten angedeutet, als der Vorfahr des Prinzen – der fahrende Ritter – die junge Prinzessin dazu bringt, sich seinem verhängnisvollen Kuss hinzugeben. Ein weitläufiges, martialisches Motiv, das zu hören ist, wenn die Fee Primevère kommt, um Urgèles Fluch zu neutralisieren, wird später den Triumph der Liebe symbolisieren und die abschließende Apotheose („Peuple, voici votre reine!“) einleiten. Der König, dessen Auftritt sich auf den Prolog und den ersten Akt beschränkt, erscheint, eingeleitet und dann begleitet von einem gewundenen Motiv, dessen Kontur an die schützende Liebkosung eines besorgten Vaters erinnert. Es verkörpert das Gefühl der Angst. Dieses Motiv wird sich auf großartige Weise mit dem von Aurore zu einem Kontrapunkt verflechten, der die Qual der Familie schildert, während die Stunde des Fluchs näher rückt. Im Gegensatz dazu ist Barnabé das Sinnbild grotesker Selbstherrlichkeit. Sein wiederkehrendes Thema, begleitet von schweren, abgehobenen Achtelnoten, nimmt eine volkstümliche Form an, die auf jegliche komplexe Harmonie verzichtet und ohne Variation wiederholt wird, wie die stumpfsinnigen Gedanken eines einfältigen Geistes. Der bösen Fee Urgèle schließlich wird ein Stakkato-Motiv vorangestellt oder durch sie heraufbeschworen, das aus einem beunruhigenden verminderten Septakkord gebildet ist. Eine ergänzende Zelle mit einem synkopierten, akzentuierten Incipit wird mit ihr assoziiert oder erscheint manchmal allein. Urgèle steht natürlich für Zorn und den Drang nach Rache.

„Mme Bréjean-Silver as Sleeping Beauty“. Le Petit Marseillais,/Palazzeto

Silver verwendet auch einige wiederkehrende Themen eher konzeptioneller Natur. Dies sind Stimmungsmotive. Beim Auftritt der Königin führt die Klarinette eine lyrische Idee an, die sich stufenweise eine aufsteigende Tonleiter hinaufbewegt: Dies ist das Motiv von Aurores Geburt, das metaphorisch gesehen zu dem ihres Erwachens im letzten Akt wird. Der Komponist stellt dem später die „Fluch“-Formel gegenüber: zwei sich abwechselnde Akkorde, von denen der zweite mit seiner verminderten Harmonie von einer düsteren gotischen Farbe durchzogen ist. Dies ist mehrfach zu hören, als Erinnerung an Urgèles Verfluchung („Avant même qu’elle ait vingt ans…“, vorgetragen „in der Art einer Prophezeiung“, so die Angabe in der Partitur). Jacotte ihrerseits singt eine großzügige lyrische Phrase, die als Motiv der Vergebung. Trotz ihres großen Erfolgs wurde Silvers Oper am 5. Februar in Marseille aus dem Spielplan genommen, „dem Tag, an dem Mme Bréjean-Silvers Vertrag auslief“ (La Dépêche).

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Der Musikwissenschaftler und Prinzipal des Palazetto, Alexandre Dratwicki (Palazetto Bru zane)

Wie zu befürchten war, verschmähte Paris das Werk wegen seiner provinziellen Herkunft und weil es nicht mehr die Anziehungskraft einer Subvention mit sich brachte. Silver glaubte eine Zeit lang, dass andere Opernhäuser ausreichen würden, um La Belle au bois dormant im ständigen Repertoire zu etablieren, insbesondere nach Aufführungen in Lyon im Jahr 1903 und – vor allem – an der La Monnaie in Brüssel im Jahr 1904 (mit mehreren wesentlichen Überarbeitungen der Partitur). Doch der sich wandelnde Geschmack und die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die europäischen Opernprogramme entschieden anders … bis zu ihrer konzertanten Wiederaufführung und Dokumentation in Budapest im Jahr 2025 und auf der Bühne der Opéra de Saint-Étienne im Jahr 2026, in Koproduktion mit dem Palazzetto Bru Zane. Alexandre Dratwicki/DeepL

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Alexandre Dratwickis Aufsatz entnahmen wir dem wie stets luxuriös ausgestatteten Buch-Beiheft der neuen Aufnahme beim Palazzetto Bru Zane mit Dank! Abbildung oben Edmond Dulac 1910/Wikipedia/Ausschnitt.

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Zur Aufnahme selbst. Die erwähnte Sopran-Doppelrolle für Silvers Gattin, die Sängerin Georgette Bréjean-Silver, liegt nicht einfach und ist kompliziert komponiert. Sie wird hier von Ghislaine Girard gegeben, mir vielleicht eine Nuance zu scharfstimmig, aber durchaus souverän angesichts einer so ambitionierten Partie.

Im Großen und Ganzen folgt die Handlung von Michel Carré und Paul Collin der Vorlage von Charles Perrault, dem französischen Kunstmärchendichter. Aber die uns von den Grimms her bekannten klassischen Komponenten bleiben erkennbar. Der Fluch, dann die Dornenhecke natürlich, der berühmten Kuss. Allerdings gibt es hier eine sehr merkwürdige Abänderung. Denn nicht die Spindel löst dann das Ganze aus, sondern Aurore darf sich nicht verlieben, schon gar nicht in den Falschen, sonst schläft sie ein mitsamt Hofstaat. Was sie Tut. Aber erstmal kommt ein Prinz vorbei, der nicht der Richtige ist (der Vorfahr des späteren Prinzen). Der küsst sie oder sie ihn, und dann schläft sie eben ein. Das ist der Fluch. Bis sie von dem Richtigen dann geweckt wird. Ich habe mich gefragt, warum zwei Prinzen? Großvater und Ennkel. Bis mir dann klar wurde, dass diese Konstellation ideal für eben zwei Liebesduette ist. Also eins vor und eins nach dem Einschlafen. Wobei das richtig tolle, große Liebesduett das mit dem falschen Prinzen (eben dem Großvater, der als Fahrender Ritter vorbeireitet) ist, mit dem richtigen hält sich das Ganze eher bescheiden, ist viel kürzer, flotter und geht sehr schnell dem Ende entgegen. Merkwürdig, aber auch lustig. Nachteilig finde ich in Sachen Plot den Einbau von unnötigen Nebenhandlungen. Ein Charakter namens Barnabé möchte da auch mitmischen, hat zudem noch eine Freundin namens Jacotte, beide mit (zu) viel Parlando (á la Massenets Grisélidis) und hier mit nicht so attraktiven Stimmen, was eher aufhält. Darauf könnte man verzichten, denn die Oper selbst, also der „seriöse“ Teil ist einfach toll, rasant, großformatig.

 

Charles Silvers „La Belle au bois dormant“/Uraufführung in Marseille/ Szene/Tableau III (Akt 2)/Palazzetto

In Sachen Wertung bleibt Silver letztendlich „nur“ ein Epigone, keine Bildungslücke. Aber eine Bereicherung Man muss ihn nicht kennen. Aber mich hat begeistert, mit welcher Lässigkeit Silver  seine Einfälle zusammenrührt, aus den Trends seiner Zeit einen flotten Mainstream herstellt. Dessen Farben erinnern an manches von Puccini, Massenet, Wagner, ein bisschen von Offenbach, auch von Tchaikovsky natürlich (der große Walzer). Es ist dies keine Oper für Spezialisten, sondern eher eine zum Zurücklehnen, Genießen, Beine hoch. Ein Nischenprodukt zwischen Operette und Avantgarde, keine wichtige Musik (und was ist schon wichtig?), aber eine erstaunlich vergnügliche. Ein bisschen wie ein Besuch im Pariser Musée d´Orsay, wo die Große Kunst neben der Alltagsware hängt. So auch hier.

Weitgehend gibt es gute Solisten (Guylaine Girard, Julien Dran – als richtiger Prinz toll wie immer, Thomas Dolié – als König ebenfalls in gewohnter Qualität, Kate Aldrich – als böse Fee mir ein bisschen sehr herb, Matthieu Lécroart, Clémence Tilquin als die gute Fee sowie Adrien Fournaison, sodann The Hungarian National Philharmonic Orchestra und der Hungarian National Choir unter György Vashegyi – mir gelegentlich mit zu schwerer Hand dirigiert, das rumst mir zu sehr – ist aber doch eine Grand Opéra, das solls ja auch rumsen).

Diesmal hat der Palazzetto nach gelegentlichen kleinen Durststrecken wieder einen Volltreffer gelandet. Wir haben hier wirklich eine tolle Märchenoper geschenkt bekommen. M. K./G. H. (06. 06. 26)

Gelungener Fachwechsel

.Als „strahlend“, „funkelnd“ und „silbrig“ wird der Sopran der Schwedin Malin Byström bezeichnet, was ihn natürlich für Richard Strauss prädestinieren würde, weniger Erwartungen weckt ihre CD mit dem Titel German Opera Scenes and Arias, wenn man sie auch für eine „singende Schauspielerin“ hält- das abschätzen zu können, bedürfe es der Optik, die der Tonträger erwartungsgemäß vorenthält.  Auf jeden Fall ist das Programm schon einmal ein strausslastiges mit der Szene der Helena, auch als „Zweite Brautnacht“ bekannt, aus Die ägyptische Helena“,  der Schlusszene von Capriccio mit der großen Szene der Madeleine und zum Abschluss derjenigen von Salome. Dazu kommen Webers Agathe, Beethovens Leonore und Korngolds Marietta und beweisen zusätzlich, wie weit sich die vormals als lyrischer Sopran geschätzte Künstlerin ins dramatische Fach vorgewagt, wie sehr sie „die Sehnsucht nach Dramatischem“ angetrieben hat. Immerhin hat sie bereits 2018 für ihre Salome den Internationalen Opera Award errungen und ist zudem Schwedische Hofsängerin. Das Cover der neun CD allerdings zeigt sie noch elfengleich zart und mädchenhaft und damit den inzwischen abgelegten Partien verbunden.

Besonders interessant ist natürlich die Szene aus der selten gespielten Ägyptischen Helena, für die sich das für seine Vorliebe für Raritäten bekannte Opernhaus von Cagliari eingesetzt hat, die aber auch an der Deutschen Oper Berlin aufgeführt wurde. Malin Byström hat das Glück, dass die CD mit ihrer Begleitung durch das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Thomas Søndergård für ein ausgewogenes Klangbild sorgt, das Orchester zwar straussgemäß üppig wogen darf, sie aber nie zudeckt, so dass man ihre Beherrschung der Intervallsprünge bewundern darf, ebenso wie die Kaskade von Spitzentönen am Schluss und den hörbaren Wandel zwischen dem durch Zauber erlangten jungfräulichen Zustand und dem Bekenntnis zu Reife und Schuld. Natürlich ist auch für diese Sängerin die Textverständlichkeit bei den hohen Strauss-Stimmen ein Problem. Einen fein aristokratisch versnobten Anstrich gibt die Sängerin ihrer Interpretation der Capriccio-Gräfin und macht es möglich, dass der Hörer zwischen zitierter Poesie und  Selbstdarstellung zu unterscheiden vermag. Die schöne Nachdenklichkeit der Atmosphäre vermag sie perfekt zu vermitteln.  Weit gespannt ist der Bogen zwischen Zärtlichkeit, so auf „Jochanaan“, Plauderton und Ekstase, zwischen Sprechgesang und Kantilene für Salome, für die sie auch Schärfen einsetzt, für die sie unerfahren jung wie seherinnenhaft erscheint, ihren Gesang mit einem sehr schönen „Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“ krönt.

Kraftvolle Intervallsprünge, eine reife, farbige Mittellage und weitgespannte Bögen zeichnen die Leonore der Byström aus. Nun zeigt sich auch die gute Diktion, mit er sie die Partie ausstatteten, die sie hörbar machen kann, wenn die Begleitung es gestattet. Lyrischer ist natürlich die Agathe angelegt, mit einem schönen, zarten Schwellton auf „ihn“ oder „schöne“, tragfähigem Piano und sanftem, den Stimmungsumschwung andeutendem  Wechsel in den Stimmfarben. Viel Aufmerksamkeit finden die kleinen Notenwerte und Verzierungen im Lied der Marietta aus Die tote Stadt, über dem ein feiner Schimmer liegt. Das Debüt auf der Bühne stand zur Zeit der Aufnahme noch bevor, der Wechsel in ein neues Fach scheint der Sängerin gelungen zu sein (BIS 2775). Ingrid Wanja      

Neuer Stern am Counter-Himmel

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Seit ein paar Jahren sorgt der französische Countertenor Paul-Antoine Bénos-Djian mit seinen Auftritten für Schlagzeilen in den Medien. Berliner Opernfreunde erinnern sich an seine fulminante Mitwirkung in der konzertanten Aufführung von Domènech Terradellas´ Barockoper Merope in der Staatsoper 2025, im selben Jahr sang er den Farnace in Mozarts Mitridate bei den Salzburger Festspielen.

Nun erschien beim Label ALPHA-CLASSICS seine CD mit dem Titel Masques, welche Musik von Vivaldi präsentiert in einer reizvollen und abwechslungsreichen Mischung aus Vokal- und Instrumentalwerken. Für letztere ist – neben der Begleitung des Gesangssolisten – das Ensemble Café Zimmermann unter seinem Gründer, dem Geiger Pablo Valetti, zuständig. Es eröffnet das Programm mit der dreisätzigen Sinfonia in F-Dur aus Bajazet und interpretiert später noch einige Concerti (für Violine, Flöte und zwei Hörner). Das solistisch besetzte Ensemble musiziert so kultiviert wie temperamentvoll und Affekt betont.

Paul-Antoine Bénos-Djian/ Foto Laurent Laurent/Bach Kantatas

Der Solist beginnt mit der Arie des Melindo „I lacci tende più forti“ aus La verità in cimento, uraufgeführt 1720 in Venedig, in welcher der osmanische Prinz befürchtet, dass seine Geliebte seinen Halbbruder heiraten könnte, um in den adeligen Rang zu gelangen. Die Stimme ist nobel  timbriert, ausgeglichen und rund bis in die hohe Lage. Bénos-Djian stellt später noch eine Ersatzarie für diesen Titel vor („Mi vuoi tradir“). Stürmisch bewegt, steht sie für einen erregten Zustand der Figur. Die folgende Arie, „Sol da te“, stammt aus Orlando furioso (Venedig, 1727) und ist eine Liebeserklärung Ruggieros an die Zauberin Alcina. In seinem elegischen Charakter und der makellosen legato-Kultur des Interpreten ist dieser Titel ein Höhepunkt des Programms. Später erklingt noch Ruggieros Solo „Piangerò sin che l´onda“, auch diese  stellt in ihrem getragenen Duktus die Schönheit der Stimme imponierend aus. Aus den 1720er Jahren stammt die geistliche Arie „Longe mala, umbrae, terores“, welche als Introduzione zu einer Solo-Motette bestimmt war. Hier wartet der Sänger mit energischem Vortrag und stupenden Glockentönen auf. Einen effektvollen Ausklang bietet er mit der Bravourarie der aztekischen Königin Mitrena, „S´impugni la soada“, aus dem unvollständig erhaltenen Motezuma. Vivaldis Lieblingssängerin Anna Girò kreierte die Nummer 1733 in Venedig. Mit Koloraturen gespickt und von zwei Hörnern begleitet, ist sie für den Sänger ein cavallo di battaglia, und Bénos-Djian beweist das mit seinem bravourösen Feuerwerk. Die Platte wurde 2025 im belgischen Namur produziert und ist ein Vivaldi-Album der Extra-Klasse (ALPHA 1195/ 28. 05. 26)). Bernd Hoppe