Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Ausfall der Titelpartie

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Mit Vorfreude hatte man ihr entgegen gesehen, der neuen Elektra-Aufnahme mit Irene Théorin in der Titelpartie, war doch die aus Salzburg aus dem Jahre 2010 unter Daniele Gatti noch in bester Erinnerung. Im Dezember 2023 fanden in Bergen zwei konzertante Aufführungen statt, die eigentlich Kyrill Petrenko leiten sollte, der aber kurzfristig wegen Krankheit absagen musste. Allerdings ist der Wechsel zum Dirigenten Edward Gardner keineswegs die Ursache für das nur teilweise Gelingen der Aufnahme, denn der mit dem  Bergen Philharmonic  Orchestra bestens vertraute Dirigent liefert eine überaus stimmige, den gewaltigen Orchesterapparat dynamisch führende, spannungsgeladene und sängerfreundliche Leistung, lässt die dunklen Farben der Partitur glühen und gibt den Stimmen genügend Raum zur Entfaltung.

Keine geifernde Megäre, sondern eine reife, gebrochene Frau voll dunkler Ahnungen, die durchaus in schön gerundeten Tönen singt, deren Mezzo exakte Konturen aufweist und die Farbe auch in der höchsten Exaltiertheit nicht einbüßt ist die Klytämnestra von Tanja Ariane Baumgartner. Ihre jüngere Tochter Chrysothemis wird von Jennifer Holloway mit einem Sopran von süßer, zarter Fülle gesungen, der stellenweise aber auch bereits an eine Elektra denken lässt, sehr berührend im „Ich bin ein Weib“, ihren Charakter noch einmal im abschließenden „Orest, Orest“ offenbarend. Ihre hoch gelobte ( und nicht etwa hochgelobte) Elektra aus Salzburg und anderswo kann Iréne Theorin leider nicht wiederholen. Sie klingt angestrengt, das Vibrato ist ein extremes, die Höhe oft flackernd, die ganz unterschiedlichen Situationen, in denen sie sich befindet, werden in recht eintöniger Bemühtheit nur in etwa hörbar gemacht.

Der Ägisth von Nikolai Schukoff ist nicht der alternde Tenor mit nur noch diesem und dem Herodes im Repertoire, sondern durchaus noch ein gestandener Sänger mit gesunder, tragfähiger Stimme. Warum auch nicht! Der Orest von Iain Paterson klingt ausgesprochen alt, ist vokal nicht der doch immerhin Tatmensch, sondern recht reif und dumpf klingend.

Mit einem mädchenhaften Sopran erfreut die Fünfte Magd Evgeniya Sotnikova, profilieren kann sich auch der Pfleger des Orest, den Tilmann Rönnebeck mit viel Wärme und Farbe singt. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Sänger gegenüber dem Orchester nicht optimal positioniert sind, vielleicht war da Halbszenisches im Spiel. Unbedingt aber muss noch einmal die großartige Leistung von Orchester und Dirigent hervorgehoben werden (Chandos CHSA 5375 (2)). Ingrid Wanja     

Olympisches

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Zum Zuwachs des diskografischen Vivaldi-Kataloges trägt auch cpo mit der Veröffentlichung seiner Oper L´ Olimpiade bei, welche im August 2023 bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mitgeschnitten und nun auf drei CDs bei cpo veröffentlicht wurde (555 651-2). Festwochen-Intendant Alessandro De Marchi leitet das Innsbrucker Festwochenorchester engagiert, umsichtig und mit Gespür für kontrastreiche Stimmungen, gibt mit dieser Produktion nach 14 Jahren die Führung des Festivals an seinen Nachfolger Ottavio Dantone ab.

Die Aufnahme muss sich gegen die Ausgabe in der Vivaldi-Serie bei Opus 111/naive von 2002 behaupten, welche Rinaldo Alessandrini mit dem Concerto Italiano verantwortet hatte. Die früheren Dokumente bei Hungaroton unter Ferenc Szekeres (1978) und Nuova Era unter René Clemencic (1990) sind inzwischen wohl schwer zugänglich und kommen deshalb kaum noch in Betracht.

Das Dramma per musica kreist um eine anstehende Olympiade, deren Sieger die Hand der Königstochter Aristea gebührt. Sie wird von dem unsportlichen Licida, vermeintlicher Sohn des Königs von Kreta, geliebt, obwohl er in Argene eine Geliebte hat. Er bittet den Freund Megacle, unter seinem Namen beim Wettkampf für ihn anzutreten, was zu Verwirrungen führt, da Megacle bereits der Geliebte Aristeas ist. Das stellt die Freundschaft der beiden Männer auf eine harte Probe. Als sich am Ende Licida als verlorener Sohn des Königs und Zwillingsbruder Aristeas herausstellt, gibt es ein lieto fine mit Doppelhochzeit.

Der gravierende Unterschied zwischen Alessandrini und De Marchi ist die Besetzung der beiden Partien des Licida und Megacle. Nach den beiden Altistinnen Sara Mingardo und Sonia Prina in der älteren Aufnahme sind es nun mit Bejun Mehta und Raffaele Pe zwei Countertenöre. Ersterer hat sich mit diesem Auftritt von der Bühne verabschiedet und lehrt nunmehr als Universitäts-Professor in Wien. Mit seinem individuellen Timbre, der expressiven Gestaltung seines Parts und der imponierenden Gesangstechnik setzt er sich an die Spitze der Besetzung. Wunderbar schwebende Töne lässt er in der Arie „Mentre dormi“ hören, rasant beendet er den 2. Akt mit „Gemo in un punto e fremo“. Der junge Italiener Pe – in letzter Zeit immer häufiger auf Besetzungslisten zu finden – gefällt mit seinem Engagement  und der angenehm klingenden Stimme. Ihm fällt mit „Superbo di me stesso“ die erste Arie zu, die er mit munteren Tönen und ironischer Textbehandlung serviert. „Lo segutai felice“ im 3. Akt imponiert besonders durch die souveräne Beherrschung des virtuosen Zierwerks.

Bezüglich des Clistene, König von Sikyon, ist der Bariton Riccardo Novaro bei naive der Favorit, denn Christian Senn, gleichfalls Bariton, singt mit aufgerauter Stimme. Clistenes Tochter Aristea ist mit der vehement auftrumpfenden Altistin  Margherita Maria Sala imponierend besetzt. Schon mit ihrem Auftritt „È troppo spietato“ lässt sie durch fulminanten Einsatz aufhorchen. Den 1. Akt beendet sie mit Pe im Duett „Ne´ giorni tuoi felici“, wo die beiden Stimmen erst spät zu harmonischem Zusammenklang finden. Dann aber kann sie im 2. Akt wieder gehörig auftrumpfen bei ihrer vehementen, leider nur kurzen Arie „Tu me da me dividi“ und auch „Caro, son tua così“ im 3. Akt ist ein Glanzstück in der Interpretation und im Wohlklang. Die Besetzung komplettieren die Soprane Benedetta Mazzucato als Argene mit feinen Tönen und Eleonora Bellocci mit lieblicher Stimme als Licidas Erzieher Aminta. Ihr fällt mit „Siam navi all´onde algenti“ eine der bekanntesten Arien des Werkes zu, die sie mit imponierender stimmlicher Flexibilität absolviert. Der renommierte Bassist Luigi De Donato als Clistenes Vertrauter Alcandro setzt gewichtige Akzente mit seiner ausladenden, autoritären Stimme. Bernd Hoppe

 

 

 

 

 

Sensation!

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Rossini/Carafas Sémiramis (Venedig 1823/Paris 1860 mit Ballett!!!) in Bad Wildbad am 26.7. 26 und im SWR Radio. In der Spielzeit 1860 bot das Engagement der berühmten Marchisio-Schwestern die Gelegenheit, Rossinis Semiramide für die Opéra  einzurichten. Rossini überließ diese Bearbeitung weitestgehend seinem Busenfreund Michele Carafa, der die Prosodie der französischen  Übersetzung anpasste, die Oper ganz auf die Dreiecksbeziehung  Sémiramis-Arsace-Assur ausrichtete und sie mit der obligaten, eigens komponierten Ballettmusik versah. Rossini sagte nach der erfolgreichen Premiere zu seinen Belcanto-Sängerinnen: „Ihr habt einen Toten zu neuem Leben erweckt!“. Die konzertante moderne EA bildet den Anfang der neuen Serie „Rossini et le Belcanto en français“, die von der BadenWürttemberg-Stiftung großzügig unterstützt wird. Diana Haller und  Marina Viotti singen die beiden Hauptrollen, Mark Kurmanbayev den  Gegenspieler Assur. Der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych ist  international renommiert für seine Belcanto-Dirigate./Quelle Rossini in Bad Wildbad (zu dem Programm 2026 s. link)

Zudem bringt Naxos Michele Carafas Oper Masianello vom vergangenen Jahr aus Bad Wildbad im Herbst heraus – Heureka! (Abbildung oben: Die Schwestern Barbara und Carlotta Marchisio in Rossinis Semiramide/Wikipedia) G. H.

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Über Sémiramis gibt es bereits einen Artikel in «La Gazzetta», der Zeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, veröffentlicht (derselbe Autor wird auch fürs Programmheft schreiben): 21_03_053-087_Rossi_Sémiramis.pdf
Er ist für eine Schutzgebühr von 1 Euro online verfügbar:

Steinige, aber lohnende Schatzsuche

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An die aufregende Nachricht erinnere ich mich genau:  Vor einiger Zeit informierte Naxos, dass die Firma das Label Vox aufgekauft hatte (dessen Sechziger- und Siebziger-Jahre-Reste sich bei vielen anderen Labels fanden, und Vox-Boxes mit Instrumental-Zusammenstellungen kamen früh auf). Die Hoffnung, jene legendären Vokaleinspielungen der Sechziger wieder hören zu können und deren Vox- und Turnabout-LPs mir meine frühen Studentenjahre beglückt hatten, ließ Freude ausbrechen. Namentlich die (wenigen) Opern- und Oratorien-Einspielungen (wie auch die Monteverdi-Madrigale unter Günter Kehr) zähl(t)en zu meinen diskographischen Schätzen – die Freude ersten Hörens eben, daran kann ja keiner rütteln. Denn viele Aufnahmen aus dem Hause des Firmengründers George Mendelsohn vereinen die besten der europäischen, deutschen und österreichischen Künstler jener Jahre. („The present-day Vox label is unrelated to the German venture. It was launched in New York in 1946 by George Mendelssohn’s Vox Productions, Inc., as a classical label, and remains in production today (after several changes in ownership) as part of the Naxos Music Group.“), und zur spannenden Geschichte der beiden Vox-Unternehmungen vergl. mainspringpress.org).

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Manches davon gab es bereits am italienischen Kiosk der Sechziger/Siebziger, wo man den Besuch an der Scala oder der römischen Oper mit einem Packen von Fabbri Editore CDs im Plastikschuber nebst üppigem Beiheft und eben Vox-Aufnahmen unter anderem Label krönte (Monteverdis Poppea und sein Ulisse), aber vieles ist eben seitdem nicht wieder erschienen. Bis nun Naxos in einem energischen Veröffentlichungsschub letzten Jahres Einiges aus dem Vox-Archiv hervorhob und – zum Teil – nur-digital verfügbar veröffentlichte, wenngleich solche Raritäten wie die Glucksche Alceste (nur digital) unter René Leibowitz schon früher im Naxos-Katalog auftauchte (und es muss fein unterschieden werden zwischen dem deutschen und internationalen, der umfangreicher ist).

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Ich will mich hier nur auf die bislang im deutschen Vox-Naxos-Angebot verfügbaren vokalen, nur-digitalen Titel beschränken, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt (April 2026) vorliegen, und so viele sind es nicht, der Hauptmerkt liegt dort auf den instrumentalen (Brendel, Janigro etc.).

Und vorab eine sehr herbe Kritik anbringen, denn die Ausstattung ist absolut NULL, wirklich NULL. Man sieht die mehr oder weniger sinnvoll gestalteten Cover und zu oft darauf Mitwirkende ohne Vornamen, nur mit Inizial. Keine Rollenangaben, keine Infos zu den Einspielungen, absolut NICHTS. Der aufgearbeitete Sound ist dagegen sensationell, plastisch, wunderbar. Man meint selbst bei den uralten Aufnahmen eine in breitem Stereo vor sich zu haben. Aber dies eben ohne jede weitere Hörhilfe. Das geht einfach nicht. Zumindest könnten doch die fehlenden Informationen online zugänglich gemacht werden.

Auf Nachfrage heißt es, die Aufnahmen seien in erster Linie für die Streaming-Dienste gedacht, Spotify, Amazon, Apple, ITunes & Co. Aber was ist das für eine Veröffentlichungspolitik? Nicht jeder möchte ein Abo bei den Streaming-Firmen eingehen, und ob die jungen Leute, die alle Spotify etc. wegen des Pop auf dem Handy haben, einen antiken Querschnitt von Norma 1951 hören wollen? Das bezweifle ich. Wer ist nun die Zielgruppe für diese alten Neuzugänge? Und wie kann der Normalverbraucher, der eben kein Abo bei den genannten Diensten eingehen will, an diese Aufnahmen kommen? Warum sonst sind sie im Naxos-Katalog aufgelistet, wenn sie nicht für jeden Interessierten verfügbar sind? Ein Mysterium nach dem anderen …

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Man braucht ein langes Musikleben, um zu wissen, wer G. Sarri oder A. La Pollo im quergeschnittenen Otello unter A. Paoletti von 1951 waren (Gino Sarri, Anna La Pollo, Alberto Paoletti natürlich, was selbst Ausgebuffte auf eine Probe stellt, zugegeben/VOX-NX-2850).  Bei anderen, wie bei Händels Israel in Egypt gibt’s wenigstens drei (!) ausgeschriebene Namen: Miriam Burton, Betty Allen und Leslie Chabay unter Paul Boepple, immerhin. Aber wer singt nun was, und wo sind die anderen (VOX-NX-2812)? Dabei ist wenigstens Betty Allen aus ihrer Berliner Zeit bekannt und auf manchen Electrola-Aufnahmen verewigt. Nein, das ist wirklich ärgerlich.

Wäre die bislang vorliegende Titelauswahl nicht so spannend, und wären da nicht solche Hilfsmittel wie der unschlagbare Ommer (Oper) und das Internet in Form von youtube, Discogs, archive.org und anderen Seiten. Der Suchende findet oft. Nicht immer, aber oft.

Beethovens König Stephan & Die Ruinen von Athen unter Hans-Hubert Schönzeler mit den Berliner Kräften lohnt sehr (VOX-NX-2801) und beeindruckt durch den Super-Klang. Händels Resurrezione unter dem von mir stets geschätzten Rudolf Ewerhart vereint Emmy Lisken, Alfred Fackert, den stattstimmigen Erich Wenck und Annemarie Toepler-Marizy mit den Santini-Kräften zu einem schön gesungenen Oratorium, das sich nicht in modernem Darmsaiten-Klang gefällt, sondern schlank-flott konservativ das Geschehen ausbreitet, wie angenehm, nicht nur und immer nur den dünnen Klang der heutigen Ensembles hören zu müssen (VOX-NX-2811).

Rudolf Ewerhart führt zur Erstaufnahme der Monteverdi-Oper L´Coronazione di Popea unter seiner Leitung, eine ganz wichtige Aufnahme aus den Sechzigern (wie auch der bei uns anderswo hochgelobte Ritorno d´Ulisse mit der bedeutenden Maureen Lehane als Penelope), mit (oh Wunder ausgeschrieben) Ursula Buckel in der Titelrolle und mit dem frühen deutschen Haut-Contre Hans-Ulrich Mielsch als Nerone, dazu m. W. der erste Counter auf deutschen Aufnahmen, Grayston Burgess (naja/VOX-NX-2851). Nicht zu vergessen die wunderbare, sattstimmige Eugenia Zareska als gebietende Ottavia, deren „Addio Roma“ zu den nachhallenden Höhepunkten der Einspielung zählt, was für eine tolle Stimme (youtube hat sie meterweise mit nicht endenwollenden polnischen und ukrainischen Liedern, muss man mögen!). Auch dies hier von musikhistorischer Wichtigkeit, tollem Klang und diskretem Alte-Musik-Eindruck auf kleinem Instrumentarium (mit Hans-Ulrich Mielsch und  Ursula Buckel als das Hohe Paar, Eugenia Zareska/Ottavia, Graston Burgess/Ottone, Eduard Wollitz/Seneca, Genia Wilhelm/Drusilla, Sonia Karamanian/Arnalta, Antonia Fahberg als leuchtender Amor, Reinhold Bartel, August Messthaler und André Peysang als Gefolge/Soldaten).

An kompletten Opern gibt’s noch Smetanas Verkaufte Braut von 1951 „live“ (so Ommer, aber das stimmt wohl nicht) aus Berlin unter Hans Lenzer mit Traute Richter, Johanna Blattter, Sebastian Hauser und Robert Koffmane, den ich noch an der Deutschen Oper im Rahmen des dortigen Ami-Kontingents jener Jahre erlebte (VOX-NX-2813), sicher nicht originale Vox, vielleicht altes Radioglück, stimmlich für mich zu  gestrig. Dazu schreibt die KI bei Google als Schnellinfo: „Die Aufnahme entstand im Jahr 1951. In Bezug auf den Aufnahmeort und das beteiligte Ensemble gibt es jedoch eine wichtige Unterscheidung zu beachten. Die Aufnahme wurde mit dem Orchester der Städtischen Oper Berlin (später Deutsche Oper Berlin) und dem zugehörigen Chor eingespielt. Die Städtische Oper befand sich im Bezirk Charlottenburg und somit in West-Berlin. Obwohl einige Quellen die Aufnahme heute unter dem Namen „Orchester der Staatsoper Berlin“ (die in Ost-Berlin ansässig war) führen, weisen die zeitgenössischen Veröffentlichungen (z. B. auf Labels wie BASF) explizit das Orchester der Städtischen Oper Berlin aus.“  Zudem enthüllt der BASF-Querschnitt derselben Aufnahme noch einmal den ganzen Cast: Robert Koffmane/Kruschina, Traute Richter/Marie, Johanna Blatter/Kathinka, Wilhelm Lang/Micha, Emmi Hagemann/Agnes, Ralph Peters/Wenzel, Sebastian Hauser/Hans und Kurt Böhme/Kezal & Rita Streich/Esmeralda – das ganze mit dem Chor und Orchester der Städtischen Oper Berlin (damals noch im Theater des Westens) unter Hans Lenzer – ecco!. (Dank an meinen Kollegen Rüdiger Winter für die Recherche.) 

Auch Beethovens Fidelio aus den späten Fünfzigern findet sich in einer originalen Stereoaufnahme bei Vox. Karl Böhm dirigiert die Kräfte der Wiener Staatsoper und kann sich über eine damals glanzvolle Besetzung freuen, die so auch an einem Abend im Wiener Haus auftrat: Hilde Konetznis starke Leonore zeigt sie in ihrer ganzen Kraft der vollen Stimme und Gestaltung als bewegende Leonore, dazu stehen ihr Irmgard Seefried/gewohnt melodisch als Marcelline, Paul Schöffler (toller Pizarro), Tomislav Neralic/Don Fernando, Torsten Ralf/, Peter Klein/Jacquino und Herbert Alsen/Rocco leistungsgewohnt zur Seite (die beiden Ersten Gefangenen sind unterschlagen, vielleich aus dem Chor?)- man hatte diesen Fidelio völlig vergessen, was nun ein schönes Wieder-Hören  ist (VOX-NX-2800, ehemals 3 LPs), zumal bei dem Super-Sound.

Passend zum Weber-Jahr 2026 kommt bei Vox auch der alte Freischütz unter Rudolf Kempe von 1969 am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden erneut ans Tageslicht mit einem wie beim Fidelio ähnlich starken und erprobten Ensemble am Dresdner Haus (im Ausweichquartier), das von E(lfride) Trötschel und I(rma) Beilke als Agathe und Ännchen angeführt wird (wieder nur Inizialen bei den Namen, dafür platzgreifend die Stimmlagen, was albern  ist, und irgendwie ist keine Logik erkennbar, was oder wer nun mit vollem Namen oder auch nicht auf den Covers erscheint). B(ernd) Aldenhoff und K(urt) Böhme teilen sich die männlichen Hauptrollen als Max und Kaspar. Interessanter Weise liest man bei Discogs, dass die französische Ausgabe für Fratelli Fabbri lizensiert war, also am Kiosk unter diesem Label verkauft wurde. Eine schöne Aufnahme, die aber reichlich bei anderen Firmen kursierte (ehemals 3 LPs, nun VOX-NX-2819).

 

Haydns Schöpfung zeichnet sich durch Jascha Horensteins briskes Tempo aus (Mimi Coertse, Deszö Ernster, Julius Patzak), alles an der Wiener Volksoper unter dem Genannten (VOX-NX-2641). Mozarts Requiem unter H(ans) Bader weist immerhin U(rsula) Buckel, M(argarethe) Bence, H(ans)-U(lrich) Mielsch und E(duard) Wollitz auf und kann sich absolut hören lassen (VOX-NX-2741). Wieder mal tolle Besetzung und Super-Sound.

Das gilt auch für Beethovens „Christus am Ölberg“ mit (diesmal wieder ausgeschrieben) Lieselotte Rebmann, Renhold Bartel (ein sehr eindringlicher, gutgeführter Tenor) und August Messthaler (dto. eine bemerkenswerte Bass-Stimme) unter Josef Bloser am Pult des Stuttgart Philharmonic Orchestra & Chorus – gut dirigiert und vor allem auch mit dem nötigen Nachdruck in den Partien gesungen ( VOX-NX-2852).

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Und dann wird’s wirklich nostalgisch, denn Vox hatte einige wirklich ungewöhnlich besetzte Opernquerschnitte im Programm, wie damals Fratelli Fabbri oder auch frühe Supraphon-Aufnahmen, mit – bei uns absolut unbekannten – Sängern der italienischen Provinz, die wirklich nicht zu verachten sind. Ich war hingerissen von der Kraft und dem Elan dieser Ensembles, die woanders kaum auftauchen. Gino Sarri wurde erwähnt, Anna La Pollo ebenfalls. Ines Bardini, die stimmgewaltige Mezzosopranistin Lucia Discacciati-Gianni sowie der tolle Tenor Manlio Rocchi bestreiten den quergeschnittenen Ballo in Maschera Verdis unter Edoardo Brizio (VOX-NX-2849) mit absolutem Avec, dass einem die Spucke wegbleibt.

Nicht ganz so Lobendes gilt für die Combi aus einer rudimentären Norma nebst einer dto. Sonnambula, unter (Norma:) Alberico Vitalini mit Maria Luisa Barducci, Sonia Fortunati und einem stemmenden Renato Francesconi; Oroveso ist Bernardino Di Bagno. Bellinis Nachtwandelnde vereint unter Edoardo Brizio die etwas dünnstimmige Sonia Fortunato neben Manlio Rocchis tollem Elvino, dazu wieder Bernardino Di Bagno und Gabriella Noviello, beide bei The Rome Lyric Opera (VOX-NX-2802).

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Moira Morera und Kolleginnen  verarbeiten ein etwas kryptisch betiteltes Album „Contralto Vocal Music“, wo absolut keine Info auf das Programm vorbereitet: Mahler „Rückert-Lieder“ GMW 39 – 43; Wagner „Wesendonck-Lieder“ (arr. Felix Mottl); Brahms „Alt-Rhapsodie“; dazu Ausschnitte aus Schumanns „Requiem für Mignon“, alles mit dem Innsbruck Symphony Orchestra; Dirigent Robert Wagner (VOX-NX-2767). Muss es auch geben, aber kauft das jemand?

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Die Perle zum Schluss: Berlioz ´Lelio unter (ausgeschrieben!) René Leibowitz mit Joachim Kérol und Gabriel Bacquier als Vokalsolisten, dazu André Charpak von der Académie Royal als Erzähler und dem New Paris Symphony Association Chorus & Orchestra (who?) unter der superben Hand von Maestro Leibowitz (VOX-NX-2794), von dem es bei Naxos International auch die ganz aufregenden Beethoven-Sinfonien ebenfalls in dto. bestem Klang und dto. digital-only gibt (seine enorm lustige Grand Duchesse de Gerolstein mit Eugenia Zareska oder weiterer Offenbach von ihm bei Vox harren ihrer Veröffentlichung bei Naxos, Glucks Alceste wurde erwähnt, mehr von ihm und weitere Vokaltiteln bei Vox bitte, so Händels Belshazar (immerhin unter Rilling), Monteverdis Ulisse oder auch die beiden Oratorien von Mendelssohn, Paulus und Elias, letzterer superb gesungen von Eduard Wollitz!). Vielleicht dann sorgfältiger und Informations-reicher ediert? G. H.

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Noch ein Wort zu den Digital-only-Ausgaben bei Naxos wie eben diese historischen Vox-Neuerscheinungen:  Verwirrender Weise steht bei Google und Naxos „im Fachhandel“ erhältlich. Auf Nachfrage bei Naxos wird dies korrigiert.

Tatsächlich sind die Downloads im „Download-Fachhandel“ zu kaufen, und das sind Streaming-Dienste wie Qobuz, Amazon (dort kann man auch Downloads kaufen, nicht nur streamen), iTunes (nicht zu verwechseln mit Apple Music, dem Streaming-Portal).  Die Vox-Re-releases wurden in erster Linie fürs Streaming konzipiert. Downloads machen nur noch einen sehr geringen Teil am Umsatz aus. Deswegen ja auch die spartanische Ausstattung. Trotzdem gibt es ja mittlerweile Streamingportale (Idagio, Apple Music Classical, Presto Music Streaming und natürlich die fabelhaft Naxos Music Library, die ich jedem empfehlen kann, denn sie enthält, mehr noch als Spotify ein unendliches Archiv von hoch-aufgelösten Aufnahmen, oft mit Booklets und mehr Informationen als andere Streaming-Portale), die mehr Informationen anzeigen können (Besetzung, Booklet, Anmerkungen usw.). Soweit die Information von Naxos.

Dennoch hätte ich mir gewünscht, die digitalen Downloads wären physisch verfügbar, für die eigene Festplatte und nach dem Kauf unabhängig vom Netz-Zugang. Aber das ist wohl nicht mehr möglich. G. H.

Hörvergnügen

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Ein großes Hörvergnügen bereitet die Live-Aufnahme von Vivaldis Il Bajazet aus dem Teatro Malibran Venedig (Juni 2024), die NAXOS auf drei CDs herausgebracht hat (8.660616-18). Das musizierende Orchestra del Teatro La Fenice di Venezia ist kein auf Alte Musik spezialisierter Klangkörper und spielt auch nicht auf historischen Instrumenten. Mit Federico Maria Sardelli steht aber ein in diesem Genre kompetenter Dirigent am Pult, der für ein straffes dynamisches Klangbild sorgt und eine insgesamt spannende und mitreißende Aufführung garantiert. Als ausgesprochener Vivaldi-Kenner hat er die Pasticcio-Form des Werkes aufgenommen und einige verlorene Arien durch Kompositionen anderer Tonsetzer, zumeist neapolitanischer Herkunft, ersetzt. Die eingefangenen Bühnengeräusche empfindet man kaum als Störung, sondern als Zeugnisse eines turbulenten Geschehens auf der Szene.

Das Dokument muss sich gegen Fabio Biondis Einspielung von 2004 bei VIRGIN behaupten, kann auch nicht mit der prominenten Besetzung der Vorgänger-Aufnahme konkurrieren. Vor allem gegen Ildebrando D´Arcangelo als Titelheld hat es Renato Dolcini  schwer. Sein Bariton klingt zwar weich und resonant, auch wohllautend, besitzt aber nicht die Autorität des Italieners. Immerhin findet er in einigen Arien, so im Auftritt mit „Del destin non dee lagnarsi“  oder dem erregten „Dov´è la figlia?“ im 2. Akt zu energischer Attacke, ist also durchaus ein solider Rollenvertreter.

Im Libretto von Agostino Piovene wird der osmanische Sultan Bajazet vom tatarischen Herrscher Tamerlano gefangen genommen, der sich jedoch in Bajazets Tochter Asteria verliebt, obwohl er mit Prinzessin Irene verlobt ist. Asteria wiederum liebt den griechischen Prinzen Andronico und wird am Ende mit ihm vereint, nachdem Bajazet freiwillig aus dem Leben geschieden ist, um seine Würde zu wahren.

Die problematischste Besetzung in der Neuaufnahme ist die italienische Altistin Sonia Prina als Tamerlano, der eigentlich zumeist von einem Countertenor wahrgenommen wird, wie auch bei VIRGIN von David Daniels. Aber Prina, renommiert und seit Jahrzehnten in der Alten Musik unterwegs, enttäuscht hier mit einer allzu robusten, zuweilen gar hässlichen Stimme. Schon der wilde Auftritt („In si torbida procella“) irritiert mit heulenden Tönen – der Szenenapplaus danach zeugt von ihrer hohen Beliebtheit. Nicht minder irritieren „Cruda sorte“ im 2. und das keifende „Barbero traditor“ im 3. Akt. Dafür ist hier der Andronico mit einem Countertenor besetzt, den bei VIRGIN die junge Elina Garanca singt. Raffaele Pe ist seit Jahren ein Counter der zweiten Reihe, dabei grundsolide in seiner Gesangskunst. Doch er hat eben berühmtere Sänger vor sich. In der NAXOS-Aufnahme imponiert er besonders mit der expressiven Gestaltung der Rezitative, findet aber auch Wohlklang für manche Arie, so beim schmeichelnden „Non ho nel sen costanza“ am Ende des 1. Aktes oder dem kosenden „La sorte mia spietata“ im 2. Akt.

Die weibliche Hauptrolle der Asteria ist der Mezzosopranistin Loriana Castellano anvertraut, die etwas matt und in der Tiefe flach klingt, mit den hohen Passagen ihrer Partie besser zurecht kommt. Den stärksten Eindruck hinterlässt „La cervetta timidetta“ im 2. Akt, von wiegender Melodik und reichem Zierwerk. Auch die Arie im 3. Akt, „Qual furore“ ist eine bekannte Nummer und gelingt mit starkem Einsatz und souveräner Geläufigkeit.

Idaspe, der Vertraute Andronicos, ist in beiden Aufnahmen ein Sopran – nach Patrizia Ciofi bei VIRGIN nun Valeria La Grotta, die eine hübsche leichte Stimme hören lässt und mit feinen staccati gefällt. Auch die mit Koloraturen gespickte Arie „Anch´il mar par che sommerga“ zu Beginn des 2. Aktes gelingt blendend.

Die Besetzung komplettiert die Mezzosopranistin Lucia Cirillo als Irene (bei VIRGIN Vivica Genaux), die mit „Qual guerriero in campo armato“ einen stürmischen Auftritt hat, den sie beherzt angeht und dabei manch missratenen Ton riskiert. Ihr fällt die berühmteste Arie der Tragedia zu, Sposa, son disprezzata“, die sich auf vielen Recitals findet. Mit harschen Akkorden eingeleitet, nimmt die Sängerin die ernste Stimmung auf und findet zu einem strengen, auch larmoyanten Klagegesang.

Alle Solisten vereinen sich am Ende zum jauchzenden Chor „Coronata di gigli e di rose“ und werden vom Publikum stürmisch gefeiert (und wer Lust auf eine optische Wiedergabe dieses Live-Mitschnittes hat, findet dies auf der gleichnahmigen Bluray DVD DYN-58056 bei Naxos). Bernd Hoppe

Schmissiger Schöpfungskrimi

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Josef Haydns Schöpfung zählt nicht nur zu den beliebtesten Werken des Komponisten. Es gehört auch zu den populärsten Oratorien überhaupt und von Anfang an. Schon ein Jahr nach der Wiener Uraufführung wurde an der Pariser Oper die glanzvolle französische Premiere angekündigt. Angemeldet hatte sich dafür Napoleon höchstpersönlich. Jetzt ist genau diese Pariser Version zum ersten Mal auf CD erschienen.

Aber zunächst mal ist interessant, was genau an diesem schicksalshaften Weihnachtsabend 1800 gegeben wurde. Denn dieser Tag ist wegen eines anderen Vorfalls in die Geschichte eingegangen: Es war Tag eines spektakulären Sprengstoffattentat, ausgeübt von fanatischen Royalisten. Die wollten Napoleon auf dem Weg in die Oper im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg räumen. Die Dynamit-Ladung ging nicht rechtzeitig hoch und verfehlte die Kutsche, hatte aber eine so ungeheure Wucht, dass 15 Häuser zerstört und zahlreiche Menschen getötet wurden. Die französische Fassung der Schöpfung (La Création du Monde), also die Uraufführung dieser Version, fand trotzdem statt! Was zeigt, wie wichtig den Parisern diese Schöpfung war. Das Opernhaus selbst war nicht beschädigt worden. Die Bombe detonierte etwa 600 Meter entfernt, man beschloss eben dennoch zu spielen, zumal Napoleon trotz des Anschlags die Aufführung besuchte – auch um ein Zeichen zu setzen, denke ich. Der Kunstgenuss war wohl nicht so toll, kann man ja auch verstehen, denn die Interpreten standen unter Schock. Aber man wechselte nach der zweiten Aufführung die Solistin, und dann wurde La Création du Monde ein Riesenerfolg. Immerhin sang dann die berühmte Caroline Branchu neben den Kollegen Richer und Chéron – ein Ensemble de luxe.

La Creation du Monde wurde so berühmt, dass es für das weniger kunstsinnige Publikum sogar eine Parodie darauf im Théatre Favart gab: Le Premier Homme ou La Création du sommei. (kurz gesagt: Um Adam in den Schlaf zu wiegen und seine Gefährtin Eva zu verführen, muss er sich ein lautes Oratorium anhören, das Haydns Modulationen und Orchestrierung nachahmt – und das langweilt ihn zu Tode. Ein großer Erfolg!)

Das vielleicht auffälligste Ergebnis dieser Haydn-Uraufführung war, dass die Opéra zunehmend Interesse an der Möglichkeit entwickelte, Inszenierungen religiösen Charakters aufzuführen, um mit ihren Konkurrenten zu wetteifern. Letztendlich verdanken wir es Haydn, dass Kalkbrenners „Saül“, Persuis’ „Jérusalem délivrée“, Lesueurs „La Mort d’Adam“, Kreutzers „La Mort d’Abel“ und in der Zeit der Restauration sogar Rossinis „Moïse“ entstanden sind.

Zunächst war das Oratorium natürlich (von Joseph-Alexandre de Ségur) ins Französische übersetzt worden (Daniel Steibelt feilte für die neue Aufnahme noch mal daran; die kritische Edition stammt von Julien Dubruque und Thomas Tacquet). In Paris gab es nichts Fremdsprachliches. Man findet in der Musik auch ein paar Retuschen bei Chor und Orchester wegen der neuen Rhythmik der anderen Sprache. Und hat auch orchestral ein bisschen an die Traditionen der Oper in Paris angepasst. Es ist nicht ganz geklärt, ob da nicht vielleicht sogar eine Ballettmusik eingefügt wurde. Was ich mir ziemlich schräg vorstelle, was aber auch nicht ungewöhnlich gewesen wäre – die Leute wollten sich unterhalten und durchaus gerne die Mädels sehen. Aber das erfahren wir hier aus dieser Aufnahme nicht. Die beschränkt sich auf die reine Musik von Haydn.

Diese französische Fassung überhaupt zu hören ist bestimmt interessant. Aber ist das über den historischen Kontext hinaus überhaupt ein Gewinn für uns? Seit ein paar Jahren ist musikalisch in Frankreich gerade in Hinsicht auf deutsche Musik viel los. Es gab z. B. eine französische Entführung aus dem Serail und eine französische Zauberflöte. Dennoch war ich beim Zuhören überrascht, warum mich diese Version von Anfang an so in den Bann gezogen hat: Es ist dieser hochdramatische opernhafte Ton der Wiedergabe, bei dem ich mich fragte, warum sollte diese Pariser Fassung einen solchen haben und die Wiener Originalfassung nicht? Zumal ja die Wiener Fassung auch bei ihrer Premiere auf einer Bühne aufgeführt wurde, im Burgtheater. Bis mir klar wurde, dass mein Eindruck auch mit der andersprachlichen Übersetzung zu tun hat. Dieser Originaltext von Franz von Swieten wirkt (auf mich) recht naiv, auch entzückend, eher galant. Und die französische Übersetzung löst eine Distanz aus bei den Sängern, anders im Deutschen. Dort gibt es bei den Interpreten so eine Art religiöse Vornehmheit, wie man aus der Bach-Oratorien-Tradition. Und diese weltläufigere französische Version hingegen ist vielleicht weniger poetisch, aber insgesamt dichter an der Opernpraxis.

Julien Chauvin Foto Franck Juery Wikipedia

Genau das erlebt man bei den drei Solisten, die sich so richtig dem Text hingeben, so ein  echtes Musikdrama schaffen, eben nicht mehr so eine steife Galerie an hübschen Illustrationen abgeben, sondern einen richtigen Schöpfungskrimi schaffen, befördert natürlich noch durch den Dirigenten Julien Chauvin. Der macht richtig flotte Tempi. Und das macht richtig Spaß zum Zuhören. Julien Chauvin am Pult von Le Concert de la Loge ist ein Glücksfall für diese Aufnahme. Er setzt nicht auf Glätte und pure (und wie woanders getragene) Eleganz, ist ein bisschen raubeiniger, mit dem Akzent auf der Dramatik, ohne aber zu übertreiben. Chauvin hat immer eine wunderbare Balance, schafft es in allen seinen Aufnahmen hervorragend, dieses Neue, Unverwechselbare und Sensationelle aus den Werken hervorzukehren. So auch als schönstes Beispiel hier, wo man im Beethovenschen Sinne die Schöpfung als eine Art Urknall erlebt, eben als Schöpfungsakt, aufregend und für mich aufregender als in der deutschsprachigen Originalfassung.

Diese Aufnahme bei alpha (ALPHA1186) ist eine Welt-Ersteinspielung, und das Material wurde erst jetzt gefunden. Das Werk galt in der Gesamtheit dieser Fassung als verschollen. Man kannte nur Fragmente und wusste eben davon. Chauvin höchstselbst stieß bei einer Auktion auf diese Partitur, hat mitgeboten und sie gekauft. Und das ist jetzt hier eben erstmals zu hören.

Bei den Solisten ragt der Bassist Nahuel de Pierro besonders heraus (Ange Raphael/Adam) . Ich habe ja schon dessen Fähigkeit zur dramatischen Diktion gelobt: Unglaublich, mit welcher Leidenschaftlichkeit hier gesungen wird, auch die anderen, mit fantastischen Koloraturen wunderbar opernhaft. Leider zieht die Sopranistin Julie Roset nicht ganz so mit, aber sie singt mit belkantesker Akkuratesse (Ange Gabriel/Éve) , die ganz wunderbar ist. Und der Tenor Stanislas de Barbeyrac gibt seinen Part (Ange Uriel) wirklich als so eine Art von Opernheld. Man hat das Gefühl, man ist in einer bewegten Rettungsoper von Cherubini oder in einer Spontini-Oper mit ihm als Helden gelandet. Der Kammerchor Namur hat auch einen sehr guten Ruf, dem wird er auch hier wieder gerecht. Alles in allem ein wirklicher Erfolg. Und ich sage unverstellt: Dies ist die spannendste Schöpfung, die ich je gehört habe (24. 04. 26). M. K./G. H.

Spiros Samaras´ Oper „Lionella“

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Unsere Liebe zu griechischen Opern ist ja Lesern von operalounge.de hinlänglich bekannt, unsere Hochachtung vor dem griechischen Dirigent, Musikwissenschaftler und Musik-Archäologen Byron Fidetzis ja auch – wir haben vielfach über ihn berichtet und haben inzwischen doch eine Menge an unkeannten griechischen Operntiteln vorgestellt. So auch jetzt.

Im Februar 2023 gab es in Athen konzertant die  Oper Lionella (die bei youtube nachzuerleben ist) von  Spyros Samaras, dessen Rhea zu den einigermaßen bekannteren gehört und dessen Mademoiselle de Belles Iles ebenso wie seine Tigra bei Naxos als CD vorliegt. Und zu Medgé vom Januar 2025 (ebenfalls bei youtube) gab es einen Artikel in unserer Reihe Die vergessene Oper im Oktober 2025. Nun also wieder eine vergessene.

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Zu Samaras „Lionella“: Giuseppina Pasqua, Teresa Stolz, Giuseppe Verdi, Leopoldo Mugnone (1899)/Archivio Storico Ricordi

Der eminente griechische Dirigent und Musikwissenschaftler Byron Fidetzis, der bei operalounge.de viele Male für seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der griechischen Oper erwähnt und gerühmt worden ist, hat eine weitere ans Tageslicht befördert: Spiros Samars Lionella, die es bislang nur mit einem ca. 15minütigem Musikstück gegeben hat, die sogenannte Ungarische Rhapsodie, ein beliebtes Musikstück im griechischen Konzertleben, das in realiter das Intermezzo im 2. Akt der Oper darstellt. Sonst galt die Oper als verschollen. Nun hat Fidetzis nicht nur zwei voneinander abweichende Klavierauszüge aus dem Hause des italienischen Musikverlags Sanzogno entdeckt, sondern er hat auch die Oper danach neu instrumentiert und sie im Januar 2023 in Athens Maria Callas Olympic Concert Hall in ihrer Gänze aufgeführt. Nachstehend ein Bericht von Elena Kiagkoudu zur Wiederentdeckung.

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Etappen in der Genesis von Samaras Oper, die nur ein einziges Mal, am 4. April 1891, auf ein Libretto von Ferdinando Fontana an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde: Die Forschungs-Arbeit des Dirigenten und leidenschaftlichen Champions für die griechische Oper, der Musikwissenschaftlers Byron Fidetzis , bringt ein weiteres Werk der griechischen Oper ans Licht. Lionella entstand gegen Ende der ersten und explosiven Kompositionsperiode des Komponisten Spyros Samaras aus Korfu und wurde im Frühjahr 1891 an der Mailänder Scala uraufgeführt.

Spiros Samaras/Ricordi

Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gab es mit Ausnahme der kleinen „Ungarischen Rhapsodie“ keine Spuren zu diesem Werk. Byron Fidetzis erstellte nun 2021 eine neue Orchestrierung auf der Grundlage der von Sonzogno gedruckten Opernreduktion (spartito) von Lionella, die offenbar die einzige Musik ist, die über die Jahre erhalten geblieben ist.

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Die Oper handelt von der Leidenschaft des ungarischen Adligen und Armeeoffiziers Andor für das Glücksspiel. Diese Leidenschaft gewinnt sogar seine Liebe zu Lionella, einer jungen, schönen Zigeunerin, die aufgrund ihrer großen Liebe zu Andor ihrer Familie und ihrem Stamm entsagt. Seine Besessenheit für das Kartenspiel führt dazu, dass er alles verliert und sogar Lionellas Liebe aufs Spiel setzt, sie als letzten Einsatz verpfändet, verkauft als Maitresse an einen reichen Regimentskollegen Lionella wird von einem jungen Zigeuner geliebt und in Sicherheit gebracht und somit vor der Schande bewahrt. Der junge Mann tötet Andros am Ende. Lionella bleibt ihrer Liebe zu Andros bis zum Schluss treu und stößt sich denselben Dolch ins Herz.

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Diese Oper von Samaras entstand 1891, am Ende des 19. Jahrhunderts und gehört zum Verismus. Es geht um Themen, die unsere Gesellschaft auch heute noch beschäftigen:  Liebe, Glücksspiel und seinen Folgen sowie Mord aus Eifersucht.

Dazu berichtet Byron Fidetzis den Sachstand: „Für Forscher, die sich mit Samaras‘ Werk beschäftigen, ist die Oper Lionella immer ein kompliziertes Rätsel gewesen. Der Komponist selbst brachte bei seiner Übersiedlung nach Griechenland im Jahr 1911 weder die Partitur noch die Orchesterstimmen noch die bereits gedruckte Fassung der Oper für Gesang und Klavier (spartito) mit, soweit man weiß. Folglich war und blieb Lionellas Musik völlig unbekannt.“

Zu Samaras´“Lionella“: der Librettist Ferdinando Fontana/Stich von Vespasiano Bignami/vor 1929/Archivio Storico Ricordi

In Italien, wo die einzige Aufführung der Oper am 4. April 1891 in der Mailänder Scala stattfand, wurde sie vom Verlag Sonzogno zweimal (!) gedruckt, erhielt aber nie eine zweite Chance, aufgeführt und kritisiert zu werden.

In der griechischen Hauptstadt waren die einzigen musikalischen Zeugnisse des Werkes, die bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts existierten, die handschriftlichen Manuskripte der Partitur und der dazugehörigen Orchesterstimmen einer ungarischen Rhapsodie mit dem Übertitel Lionella. Diese Manuskripte wurden in einem schmutzigen und ramponierten Katalog der Bibliothek des Athener Konservatoriums aufbewahrt und bleiben verschlossen. Erst Fidetzis fand sie wieder. Sie wurden fotokopiert und von Fidetzis musikalisch ergänzt und neu instrumentiert, zudem von ihm so ediert, dass sie aufgeführt werden konnten. Dies geschah 1979, als Fidetzis nach der Entdeckung und „Rückführung“ der gedruckten Partitur von La Biondinetta aus der Public Library of New York seine Nachforschungen über das allgemeine Schaffen von Samaras mit Energie vorantrieb.

Die sogenannte Ungarische Rhapsodie, die als Konzertstück eine gewisse Beliebtheit besaß, so fand er viel später heraus, war ein tänzerisches und rein orchestrales Stück und stammte als Zwischenspiel aus dem zweiten Akt des Werks. Die erschloss sich, nachdem Fidetzis 2007 im Konservatorium von San Pietro a Majella in Neapel die von Sonzogno gedruckte Opernreduktion (spartito) fotografiert hatte.

Was die Handlung anbelangt, war nach einigem Rätselraten der geografische Schauplatz Ungarn. Titel und einige musikalische Elemente, die bei der Aufführung von „Zigeuner“ und „Ungarn“ in der zweiten Hälfte des 19 erwähnt waren, wiesen auf das Land der Magyaren. Dies wurde bestätigt, als das gedruckte Libretto in der Bibliothek der Mailänder Scala gefunden wurde.

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Zu Samaras´“Lionella“/Konzert im Teatro Olimpico Maria Callas, Athen/youtube

Fidetzis hatte jedoch etwas musikalisch Wesentliches und besonders Wichtiges in der Hand: Eine – wahrscheinlich – originale Musik von Samaras aus der damals verschollenen Oper Lionella. Es versteht sich von selbst, dass er versuchte, diese Musik zum Leben zu erwecken und sie zu präsentieren, wo immer es möglich war, in Griechenland und im Ausland. Die Beherrschung der Form, die oft verblüffende harmonische Originalität und die brillante orchestrale Dimension der Ungarischen Rhapsodie sowie die spontane positive Reaktion der Musiker und des Publikums bei jeder Aufführung überzeugten ihn von der Echtheit der Partitur des Athener Konservatoriums und veranlassten ihn zu weiteren Nachforschungen, um die vollständige Oper zu finden. Die Neapolitaner hatten ihm aus ihren eigenen Gründen, die er zugegebenermaßen nicht nachvollziehen konnte, nicht erlaubt, den dortigen Klavierauszug von Lionella zu kopieren, aber er durfte sie fotografieren. Leider war ging das Fotografieren schlampig und zu schnell von statten, da er unter Zeitdruck war. Und das Endergebnis war nicht ganz zufriedenstellend. Es war jedoch dennoch möglich, die vollständige Lionella zum ersten Mal in Griechenland am 12. April 2011 in der Parnassos-Halle im Rahmen des siebten Zyklus der griechischen Musikfestivals vorzustellen, mit Solisten, Chor und einem Klavier als Ersatz für die verlorene Orchesterpartitur.

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Zu Samaras´“Lionella“: Anna Stylianaki in der Titelpartie im Athener Konzert 2025/youtube

Der Fall Samara ist sehr typisch. Die Rückkehr des bedeutenden korfiotischen Komponisten, der in jüngerer Zeit völlig in Vergessenheit geraten war und dessen Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika und in der Opernszene fast völlig ignoriert wurde, wurde endlich ans Tageslicht gebracht und seine Oper Lionella mit Erfolg 2023 in Athen konzertant aufgeführt….

Kurz nach dieser ersten Präsentation übergab einer der Protagonisten Fidetzis, Freund und Mitarbeiter Vangelis Hadjisimos, eine Fotokopie des Klavierauszugs, der in der Academia St. Cecilia in Rom gefunden wurde und der erhebliche Unterschied zu dem neapolitanischen aufweist.

Mit der Entdeckung der beiden Auszüge ist seines Erachtens das Rätsel gelöst, das diese Oper zumindest in der griechischen Presse immer wieder begleitet hat: Gab es wirklich eine Verbindung zwischen dem Teil der Arie von Canio aus Leoncavallos Pagliacci (Vesti lagiubba) und einer Phrase aus Lionella? Die rhythmische Ähnlichkeit und vor allem die melancholische Stimmung der Schlussphrase von Lionellas Arie am Ende des ersten Aktes ist meiner Meinung nach der Arie von Canio ähnlich, um nicht zu sagen sehr ähnlich.

Zu Samaras´“Lionella“: Paolina Rossini sang die Titelpartie/Foto von Studio Mora/ Sanzogno

Das Gerücht über den „Konflikt“ zwischen den beiden Komponisten war daher begründet, wenn man bedenkt: a) die Uraufführung von Lionella am 4. April 1891, b) den allmählichen Welterfolg der Pagliacci einige Jahre später (Uraufführung am 21. Mai 1892), c) den legitimen künstlerischen Wettbewerb zwischen zwei Komponisten, die in den 1890er Jahre als jung und talentiert galten.

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Warum also ist Lionella so unrühmlich vergessen? Dem Mosaik der Fragen, aus denen sich das Rätsel Lionella zusammensetzt, fügt sich die schwerwiegendste hinzu. Es handelt sich in Wahrheit um den Konflikt zwischen den beiden führenden Mailänder Musikverlegern am Ende des 19. Jahrhunderts: die Verlage Ricordi und Sonzogno, die beide Künstler-Agenturen und Agenten für künstlerische Produktionen waren. Folglich hatte jede ihrer eigenen Opernveröffentlichungen in Verbindung mit der Aufführung der Oper und der Verwaltung der daraus abgeleiteten geistigen Eigentumsrechte einen enormen finanziellen und werbetechnischen Einfluss auf die allgemeine Entwicklung ihres Verlags. Daher konnten Nebenaktionen, die zu eigenen Erfolgen oder den Misserfolgen der Konkurrenten beigetragen hätten, von Fall zu Fall organisiert werden und eine kleine, aber entscheidende Rolle sowohl für die künstlerische als auch die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens spielen. (Man denke an den Fall Puccini und Catalani, der zu Gunsten von Puccini zurückgehalten wurde. G. H.)

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Zu Samaras´“Lionella“: Cristiano Osvaldo Botero sang die Baritonpartie (hier als Gounods Mephisto/Ipernity

Es gibt also eine doppelte Fassung des Klavierauszugs von Sonzogno, was für eine Oper, die nur einmal aufgeführt wurde, äußerst merkwürdig ist! Man kann sich also zu Recht fragen, ob Lionella ein so wirklich schlechtes Stück war, um so unrühmlich zu durchzufallen. Und man fragt sich, ob der Dirigent und seine Solisten so schlecht oder unzureichend vorbereitet waren? Das Orchester, der Chor, das Ballett, das Bühnenbild, die Kostüme und die Inszenierung – alles so schlecht? So sehr, dass ihnen nicht einmal die Gnade einer zweiten Aufführung zu Teil wurde, aber der Verleger die Oper zweimal druckte…? Und doch war der Dirigent dieser einen und einzigen Aufführung Leopoldo Mugnone (1858-1941), einer der bedeutendsten italienischen Dirigenten seiner Zeit!

Fidetzis: „Als ich mir den Klavierauszug ansah, aber vor allem, als ich das gesamte Werk 2011 in Parnassus hörte, wurde mir klar, dass Lionella etwas Besseres verdient hat und dass sie restauriert werden musste. Aber um dies richtig und vollständig zu tun, war eine neue Orchestrierung erforderlich. Aufgrund meiner Erfahrungen mit der Orchestrierung der unvollendeten Tigra des Komponisten und meiner ähnlichen Arbeit an zwei Opern von Paolo Carrer zögerte er anfangs, in diese Richtung zu gehen, da er den Zeitaufwand für die Orchestrierung eines solchen Projekts, das seiner Meinung nach ein komplettes Orchester erforderte und das mindestens gleich groß, wenn nicht sogar größer als das von Samaras Rhea war, nur grob einschätzen konnte. Diese Zeit, die er zu diesem Zeitpunkt nicht hatte, wurde durch die Pandemie/Corona dann reichlich bereitgestellt. Er hatte bereits 2016 versucht, einige Seiten der Reprise zu orchestrieren, aber nur sehr wenige. Im Hinblick auf unsere bevorstehende Zwangs-Schließung/Lockdown im Herbst 2020, nahm er die Orchestrierung von Lionella ab dem 1. Oktober wieder auf, die er am 14. März 2021 abschloss.“

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Zu Samaras´“Lionella“: Manuel Suaña i Font (Emanuele Suagnes) sang die Tenorpartie /Retrats de Viñas i Suaña al col·leccionable L’òpera catalana de la A a la Z del diari «Avui». 1988

Der Fall Samara ist in dieser Hinsicht auf die Wertschätzung der eigenen Musik in Griechenland sehr typisch. Nachdem seine Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika völlig unbeachtet geblieben war und er in der Opernszene fast völlig fehlte, ist die Rückkehr des großen korfiotischen Komponisten in den letzten Jahren beeindruckend, sowohl was die Präsentation seiner Werke als auch was seine Diskographie und Bibliographie betrifft. Bei dieser Wiedergeburt von Samaras‘ Schaffen war der Beitrag der Musikalischen Ensembles der Stadt Athen entscheidend, und die konzertante Aufführung von Lionella ist ein weiterer Höhepunkt dieses bedeutenden kulturellen Beitrags.

 

Musikalische Leitung / Neue Orchestrierung von Byron Fidetzis; Chor: Stavros Beris; Musikalische Vorbereitung: Dimitris Vezyroglou; Lionsella: Anna Stylianaki; Antor: Dimitris Paksoglou; Eric: Christos Kechris; Elias / Schwarze; Vike: Christoforos Stamboglis; Philharmonisches Orchester Athen. Maria Callas Olympic Concert Hall Athen Januar 2023

 

Dirigent der Uraufführung war der berühmte Leopoldo Mugnone. dazu die Sänger Emanuele Suagnes (184?, 191?): Andor / Alfiere ; Pietro Buzzi (183?, 189?): Erik / Ufficiale ; Alfonso Mariani (184?, 191?): Vaic / Capitano ; Tito Scipione Terzi (182?, 188?): Elias / Capo di una Trib ; Paolina Rossini (184?, 191?): Lionella / Zingara ; Pio Marini (185?, 192?): Un oste.

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Zu Samaras´“Lionella“: Opernhaus Athen zur Jahrhundertwende/Wikipedia

Handlung: A1 Ungarn im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Soldat Andor erzählt seinen Freunden beim Militär von einer schönen Zigenerin, die ihn blutend auf dem Schlachtfeld gefunden und gesund gepflegt hat. Danach verschwand sie, und er sucht sie bis heute. Sie war so schön, dass er sie nicht vergessen konnte. Ihr Name war Lionella. Da klingt ein Lied herauf, ein Gesang. Die Soldaten führen eine junge Frau herein – sie soll singen. Sie weigert sich, sie drängen, schließlich beginnt sie zu singen., Da kommt Vador herein, sie erkennen sich. Die große Liebe. Alle begehren sie, machen Angebote, vor allem der Kaptän Vaic ist ganz besessen von ihr. Aber Lionella will bei Vador bleiben, trennt sich sogar von ihrer Familie und Gruppe. Wie bei Undine hat das seinen Preis, sollte er sie verlassen bestimmt das Gesetz der Zigeuner seinen Tod.

A2 Vador und Lionella im Glück, sie lieben sich und begehren sich. Ein wunderbares Intermezzo – berühmt als Samaras Ungarische Rhapsodie und häufiges Konzertstück – spiegelt die kommenden Konflikte wieder: seine Spielsucht und sein Ehrgeiz auf dem Schlachtfeld. Lonella hasst beides und lässt in schwören, davon abzulassen. A2 Intermezzo: Rhapsodie ungarese. A2 Ein Maskenball steht an, sie will nicht mitkommen, er überredet sie. Am Spieltisch verliert Vador alles und setzt gegen den Kapitän Vaic schließlich Lionella als letzten Einsatz ein. Er verliert, Lionella wird die Sex-Sklavin von Vaic, was wiederum den Soldaten und Regimentsgefährten Elias auf den Plan ruft, der sich als Zigeuner outet und Vaic im Duell tötet. Er entflieht mit Lionella. A3 Nach einem schönen Vorspiel Lionellas große Szene und wunderbare Arie, in der sie nach einem Jahr im Versteck ihre immer noch tiefe Liebe zu Vador sich selber zugibt. Elias tritt auf, er weiss um Lionellas Liebe und auch, dass Vador sie gefunden hat. Elias schwört dem Gesetz der Zigeuner zu folgen und Vador umzubringen. Aber er stellt sie vor die Wahl: Er liebt sie auch, und wenn sie die Seine wird, verschont er Andor. Er bietet ihr an, alles zu vergessen und mit ihr fortzugehen. Aber natürlich liebt sie Vador, will gerne eine Schwester für Elias sein, aber mehr nicht. Sie liebt eben, bedingungslos. Elias sagt, er werde das akzeptieren und der nächste Tag ihn bereits weit weg finden: So erfülle sich Vadors und auch sein Schicksal. Lionella ist beunruhigt. Und sie segnet Elias für seine Selbstlosigkeit.

Zu Samaras´“Lionella“: der Tenor Suanas war so berühmt, dass sein Koffer-Aufkleber im Museum von Catalonien in Barcelona aufbewahrt wird/BSA

Trompeten kündigen Vador an. Er bittet sie um Verzeihung, die sie zu gerne gewährt. Großes, langes Liebsduett. Da schleicht sich Elias heraus, ein fast walzergetragenes Terzett. Er ersticht Andor und schreit zu Lionella: Du sollst leben und leiden. Sie: Der Himmel verfluche dich. Schluss.

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Zum Komponisten: Spyridon-Filiskos Samara, Sohn des Vizekonsuls Skariatos, wurde am 17. November 1861 auf Korfu geboren, wo er unter anderem van dem Komponisten Xyndas unterrichtet wurde. Auf dessen Rat ging er an das Athener Konservatorium (1875), als sein Vater das Familienverm6gen verschleudert hatte. Dank der Aufopferung der Mutter Fani Courtenay und seines liebevollen Lehrers für Komposition, Enrico Stancabianco, konnte er seine Studien beenden und wechselte 1882 nach Paris, wo er in Marquis de Saint lllaire und weiteren Adligen großzügige Mäzene für seine weiteren Studien und die ersten Veröffentlichungen fand. Theodore Dubois und Leo Délibes zählten zu seinen Lehrern. Kurz nach Kompositionsbeginn zu seiner Oper Medge (1885) erreichte ihn der Auftrag des Mailänder Musikverlegers Edoardo Sonzogno für eine Oper, Flora mirabilis, auf das Libretto seines langen Bewunderers und Puccini-Librettisten Ferdinando Fontana. Die Premiere am Mailänder Teatro Camano 1886 wurde zum Beginn einer internationalen brillanten Karriere. Samaras Werke wurden in aller Welt enthusiastisch begrüßt – in Ägypten, Argentinien, Österreich, Frankreich, Deutschland, Griechenland und besonders ltalien, Malta, Rumänien, Russland und sogar der Türkei (Ankara und Istanbul hatten gutgehende, westlich orientierte Opernhäuser). Seine musikalische Persönlichkeit, sein Talent im Erschaffen von Bühnendramen und -handlungen und seine Begabung für die Analyse nahmen Puccini, Leoncavallo und die italienische veristische Bewegung des Naturalismus in der Oper voraus.

Zu Samaras´“Lionella“: Karikatur des Komponisten als Dirigent/Wikipedia

Dem ersten Werk folgten weitere: Medgé (Rom 1888; dazu der Artikel zur erneuten Erstaufführung in Athen 2025 bei operalounge), Lionella (Scala 1891, nur einmal aufgeführt und bislang verschollen). La Martire (Neapel 1894/ die Einfluss auf Puccinis La Bohème nahm), sowie die auf Shakespeare basierende La Furia domataDer Widerspenstigen Zähmung (Mailand 1895, bislang verschollen, Byron Fidetzis arbeitet an einer Edition) . 1891 kehrte Samara nach Paris zurück. Für die Wiedererweckung der Olympischen Spiele in Athen 1896 komponierte er eine Hymne, die später die offizielle der Spiele wurde (auf einen Text von Kostas Palamas). In der Folge wurden seine Libretti auf Französisch von Paul Milliet geschrieben: Une histoire d’amour (Mailand 1903), Mademoiselle de Belle Isle (nach Dumas, Genua 1905) und seine letzte vollständige Oper Rhea (in der Nachübersetzung ins ltalienische  durch  den  Komponisten  selbst, nun bei Naxos).

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Diese letzte große Inspiration zeigt einen endlosen Musikfluss und scharf umrissene Einheiten (wunderbare Duette), ein komplexes System von Eröffnungsmotiven (vor allem des eifersüchtigen Schurken Guarcas) und das himmlische Intermezzo, das einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt. 1911 hatte Samara, immer noch in Paris, den unvollendeten ersten Akt seiner Tigra nach einem Text von Simoni (Puccinis Librettisten) vorliegen. Nur seine enge Freundschaft zur königlichen Familie und das Versprechen, den kontroversen Vorgänger Georgios Nazos als Direktor des Athener Konservatoriums ablösen zu können, brachten Samara zurück in die Heimat. Nazos war ein unversöhnlicher Widersacher der lonischen Schule und von dem ,,Kollaborateur“ Syngros installiert worden. Nun rotteten sich Syngros‘ Gefolgsleute gegen Samara zusammen. Der junge Kalomiris griff ihn geradezu vitriolisch an, während Nazos – von stärkeren Schultern als denen des schwachen deutschen Königs Otto gestützt – unverändert feindlich blieb.

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Spiridon Samaras: Katalog zur Ausstellung anlässlich der Aufführung 1994 auf Korfu/Sonzogno

Samaras Heirat mit Anna Antonopoulou zwang ihn, für den Lebensunterhalt der Familie Geld verdienen zu müssen – er komponierte drei Operetten (herrliche Musik auf schreckliche Libretti). Er schrieb auch die Musik zu seiner eigenen Vorlage Triumph 1915 und viele Lieder. 1943 zerstörte ein Luftangriff die Büros seines italienischen Verlagshauses Sonzogno in Mailand, wo die meisten seiner Werke lagerten. Nur seine Witwe besaß nun noch einiges in einem alten Koffer. Seine Wiederauferstehung als Komponist begann erst 1985, vor allem durch  die beispiellose Initiative von  Byron Fidetzis.

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Die vorstehenden Texte entnahmen wir mit Dank dem Programmheft zur konzertanten Aufführung. Dank an Elena Kiagkoudu und natürlich an Byron Fidetzis, der wie kein anderer sich um die Opern seines Heimatlandes kümmert. G. H.

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Der Dirigent und Musikwissenschatler Byron Fidetzis, hier bei der Aufnahme zu Dionysos Lavragas´ „Dido“ 2025/BF

Ganz kurz ein Blick auf weitere verfügbare Dokumente von Samara: Die Mademoiselle de Belle Isle gab es als Mitschnitt bei Lyra von einem Konzert in Pasardijk/Bulgarien 1994 (Fidetzis/Arapi, Krilovici/ italienische Version von Amintore Galli nach Milliet auf die Komödie von Alexandre Dumas); die bekannteste Oper, Rhea – auf deren Ouvertüre die Olympia-Hymne zurückgeht – lag sogar mal als dicker, schicker LP-Kasten bei einer eingegangenen italienischen Firma vor, Booklet -De-Luxe einschließlich, und kam dann zu Lyra, inzwischen auch verblichen/s. operaloungeLa Martire ist 1990 ebenfalls in Pasardijk aufgenommen bei Lyra als CD erschienen (und liegt in der deutschen und damals viel im deutschsprachigen Raum gespielten Fassung bei Bote & Bock, heute Boosey & Hawk); ebenfalls bei Lyra gab es als CD La Biondinetta (1998 Pasardijk/Fidetzis mit Arapis und Stamboglis; erschienen bei Naxos/operalounge) und nun auch bei youtubeFlora Mirabilis gibt es in Ausschnitten von 1979 unter Odisseus Dimitroadis mit Frangiskos Voutsinos (der in Belgien eine Karriere machte). Und schließlich kann man den ersten Akt von La Tigra /operalounge bei youtube und bei Naxos hören, erneut dirigiert Byron Fidetzis. Lionella ist nun – wie oben berichtet – bei youtube als Konzertmitschnitt von 2023 aus der Maria Callas Olympic Concert Hall verfügbar. Ebenso Medgé/operalounge von 2025. Ein Blick zu youtube in Sachen Pavlos Carrer und Spyros Samaras lohnt sich! G. H.

 

Mehr Kammerkätzchen als Königin

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Zwar bella, aber keineswegs furiosa, wie der Titel suggeriert, eher wie eine Mimi, die wehmütig über ihr Schicksal nachdenkt, deren Bild sich in rosafarbenen Wolken aufzulösen scheint, erscheint die israelische Sängerin Shira  Patchornik auf ihrer CD, und auch wenn sie den Begriff Furia nicht nur als Wut, sondern auch als Kampfesmut, Selbstbehauptung, Streben nach Gerechtigkeit verstanden haben will, fällt die Rosenarie der Susanna aus dem weitgesteckten Rahmen. Es handelt sich allerdings um die von Mozart für die Sängerin Adriana Ferrarese komponierte Arie, di zwar das selbe Rezitativ aufweist, aber ansonsten den Fähigkeiten des Soprans, die von denen der Uraufführungbesetzung abwichen, gerecht zu werden versuchte. Von Furia allerdings kann auch in ihr nicht die Rede sein, sondern von freudig-ungeduldiger Erwartung, und von der einfallsreichen, kecken, sich wehrhaft durch die Männerwelt kämpfenden Kammerzofe erwartet man etwas mehr Pep und noch viel mehr Zärtlichkeit in Erwartung der Hochzeitsnacht. Shira Patchornik besitzt einen  ideal auf kratzbürstige Kammerkätzchen zugeschnittenen Sopran mit leichtgängiger Höhe und weniger Mittellage, deren einige auch auf der CD vertreten sind, den adligen Damen, die edel schmachten und denen lyrische Emphase auch zur Zeit Mozarts und seiner Weggenossen nicht fremd ist, versagt sie doch etwas die notwendige dolce grandezza.

Den Live-Auftritten mit dem auf der CD verewigten Programm gingen eine intensive Archivarbeit und eine darauffolgende Tournee voraus, auf der CD gibt es nach einer großzügig bemessenen halben Stunde Gesang auch noch zwanzig Minuten Orchestermusik mit Mozarts Divertimento für Oboe, zwei Hörner und Streicher, auch als Nannerl-Septett bekannt.

 Niccolo Piccinni ist für den ersten und den letzten Track sowie einen weiteren auf der CD verantwortlich, einmal für die Arie der Livietta und zum anderen für die der Marchese aus der Oper La buona figliuola. In der ersten Arie überzeugt die Sängerin mit einer frei klingenden Höhe, kämpft etwas mit dem rasanten Tempo, und wenn es um furia gehen sollte, ist diese eher putzig als Angst einflößend. Die adlige Dame, die die furia di donna irrata zum Ausdruck bringen soll, ist  hoch virtuos gestaltet, man könnte sich trotz aller Gefühlsaufwallung aber den einen oder anderen Ton weniger spitz, etwas gerundeter denken. Kapriziös, frisch und keck gibt sich die Lisetta aus Haydns La vera costanza und kann ihrem Anliegen auch einigen Nachdruck verleihen. Auch der dreifach vertretene Piccinni hat eine Arie, die mit den Worten „Dove sono i bei monenti“ komponiert, die die Sängerin mit schöner Beiläufigkeit, wie hingetupft und manchmal leicht gespreizt darbietet, der Figur einen kindlichen Anstrich gebend und sie mit zierlichen Koloraturen ausstattend.  Leicht manieriert und damit schattierungsreich und gräflichem Unmut nachdrücklich Ausdruck verleihend, macht die Sängerin nachvollziehbar, dass Goethe sich für das Werk begeistern konnte. Als schelmischer Trotzkopf gibt sich die Serpina von Giovanni Paisiello in der Interpretation von Shira Patchornik zu erkennen, und auch hierbei sind ihr die Chaarts chamber artists einfühlsame Begleiter, die mit dem abschließenden Nannerl-Septett noch einen zusätzlichen Glanzpunkt bereitstellen (Solo Musica 553). Ingrid Wanja           

Zum 150. von Hermann Hesse

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Als „Eine musikalische Hommage zum 150. Geburtstag von Hermann Hesse will Oliver Gruhn, Posaunist, aber auch mit anderen Instrumenten vertraut, vor allem aber Komponist seine CD mit von ihm zu verantwortender Musik auf Gedichte des von ihm verehrten Schriftstellers, aber auch anderer Dichter, dazu zwei Lieder von Richard Strauss, die noch nach den Vier letzten Liedern entstandenen Malven und ein unvollendet gebliebenes mit dem Titel Nacht auf einen Text von Hesse, verstanden wissen. Letzteres könnte leicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen auf einen Text von Hermann von Gilm, beginnend mit der Zeile „Aus dem Walde tritt die Nacht“, während Hesses Werk mit den Worten „Mit Dämmerung und Amselschlageingeleitet wird. „Malven“ hingegen stammt von der Schweizer Schriftstellerin Betty Knobel, die auch weitere Texte auf der CD verfasst hat, auf der außerdem neben Hesse u.a. Otto Julius Bierbaum, Ricarda Huch und Christian Wagner vertreten sind. Malven komponierte Strauss kurz vor seinem Tod im Schweizer Exil und widmete das nur mit Klavierbegleitung vorgesehene Stück der von ihm verehrten Sängerin Maria Jeritza. Diese bewahrte das Lied 34 Jahre auf, ehe es seine Uraufführung erleben konnte.

Die CD Bezaubert von der Jeannedárt Stiftung umfasst vier Blöcke, zum einen die beiden von Oliver Gruhn teils komplettierten bzw. orchestrierten Strausslieder, danach den Zyklus Sommerliebe, in denen der Komponist außer einem Huch-Gedicht ausschließlich solche von Hesse vertont hat, danach Der König ohne Land mit ausschließlich Hesse-Texten und schließlich Brennendes Herz, wo Hesse nur zwei von acht Liedern zu verantworten hat. Die Vertonung erweckt durchaus den Eindruck, als sei sie zur gleichen Zeit wie die Gedichte entstanden, tonal, stimmfreundlich, hörbar von Richard Strauss und Zeitgenossen inspiriert, zwischen spätromantisch und impressionistisch sich bewegend, sehr angenehm und zum Träumen anregend. Die Musik ist hörbar von den Texten inspiriert und erweist sich damit als tatsächliche Hommage an den Dichter, von dem die meisten Texte stammen. Säger werden es lieben, diese Kompositionen aufzuführen.

Der König ohne Land wird von dem schwedischen Bassbariton Staffan Liljas gesungen, der in Die Blutbuche das Hauptgewicht auf „schwelgen“ legt, in August seine kraftvolle, farbige Stimme vom Orchester umschmeicheln lässt und für die Dunklen Augen Leidenschaft funkeln lässt.

Hermann Hesse/Wikipedia

Der deutsch-russischen Sopranistin Diana Schnürpel sind weitaus mehr Lieder anvertraut, beginnend mit denen von Strauss stammenden. Bereits in Malven zeigt sich die glückliche Verbindung eines leicht melancholischen Timbres mit einem feinen Leuchten der Stimme, allerdings auch eine wohl bei Strauss-Sopranen fast unvermeidliche Textunverständlichkeit. Schön umspielen die Symphoniker Hamburg unter dem erfahrenen Sebastian Lang-Lessing die Stimme, man meint ein weiteres der Vier letzten Lieder zu vernehmen. Von  Höhe des Sommers  bis zum Spätsommer reichen die Lieder unter dem Titel Sommerliebe, in denen der Sopran in Nelke zu orgiastischen Tönen findet, die Schmetterlinge im Spätsommer vom sehr Zarten zum Überschwänglichen finden, Ricarda Huch zu Intervallsprüngen animiert. Sinnlich in Klängen schwelgen lassen Ricarda Huch und der Komponist die Sängerin in Begierde, auch die zweite dichtende Dame, Betty Knobel, spürt „die zitternde Unruh“ in sich, und der Sopran weiß sie eindrucksvoll an den Hörer zu vermitteln, so wie die Kompositionen den Zeitgeist, aus dem die Dichtungen entstanden sind und der sie prägte (Jeannedart Stiftung EAN: 4020796501723/Abbildung oben/ Hermann Hesse/Aquarell/ Ausschnitt/ aboutcities.de). Ingrid Wanja

 

 

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“

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Wie Erich Korngold auf dem Gebiet der Oper, so war Joseph Beer auf dem der Operette ein Frühvollendeter, dessen glänzend begonnene Karriere jäh durch die Herrschaft der Nationalsozialisten unterbrochen wurde, der sein Leben nur durch die Flucht erst nach Paris und dann in den Untergrund bei Nizza retten konnte und der nach 1945 ebendort nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen konnte.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/der Komponist etwa zur Zeit der Komposition/Verlag Felix Bloch Erben

Der Komponist ist ein aus Lemberg stammender Jude, der wenige Monate nach der letzten Uraufführung einer Lehar-Operette mit 24 Jahren seinen ersten und letzten großen Erfolg mit der Uraufführung von Der Prinz von Schiras in Zürich hatte, der anschließend auch im Theater an der Wien aufgeführt wurde, bei der Machtergreifung der Nazis in Österreich gerade zur Vorbereitung der französischen Erstaufführung in Paris weilte und bei Ausbruch des Kriegs nach Nizza fliehen konnte, wo er sich bis 1945 versteckt hielt. Für Paris war auch seine zweite Operette mit dem Titel Die polnische Hochzeit geplant gewesen, und zu den vorgesehenen Sängern hatten Jan Kiepura und Martha Eggert gehört.

In Nizza arbeitete der Komponist an einer  Oper mit dem Titel Stradella in Venedig, für die die Polnische Hochzeit war eine Umarbeitung in eine Operette über die Liebe zwischen Napoleon I. und die polnische Gräfin Maria Walewska vorgesehen, die den französischen Kaiser für einen unabhängigen polnischen Staat begeistern sollte, ihm einen Sohn gebar und ihn auf Elba in der Verbannung besuchte. Aus diesem Vorhaben wurde jedoch nichts. Die polnische Hochzeit wurde nach dem Tod des Komponisten am Stadttheater Regensburg mit großem Erfolg aufgeführt, ist bei cpo als CD erschienen, die nun auch die Regensburger Aufnahme des Prinzen von Schiras aus dem Jahre 2023 vorlegen, mit teilweise identischer Besetzung.

Es handelt sich beim Prinzen von Schiras um eine der beliebten, mit Exotik in schillernde Farben getauchten Liebesgeschichten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, doch was bei Lehars Land des Lächelns mit der Trennung der Liebenden aus West und Ost endet, kann sich bei Beers Operette über ein happy end freuen. Die junge Amerikanerin Violet verliebt sich auf einem Schiff, das von Japan nach Amerika unterwegs ist, in den Prinzen, und als eine Kaperung durch die Japaner droht, flieht sie mit ihm in sein Heimatland, wo er sich als Pascha, der er ist, auch aufspielt, so dass sie mit ihrem Gefolge flieht. Der Prinz folgt ihr, schwört die Annahme westlicher Verhaltensweisen, und dem happy end steht nichts mehr im Wege. Der Szenenwechsel ermöglicht natürlich die Verwendung unterschiedlichster musikalischer Stile, Jazzelemente stehen neben Fernöstlichem, der absolute Höhepunkt aber ist die Arie des Prinzen „Du warst der selige Traum“, die bei der Wiener Erstaufführung viermal wiederholt werden musste. Neben dem Hohen Paar gibt es noch drei weitere mit unterschiedlichen Liebeshändeln, wobei man in Regensburg das exotische Dienerpaar lustigerweise  mit vertauschten Stimmen, die Frau mit tiefer, der Mann im Sopran, singt. Sehr gelungen erscheint der Einfall, die gesprochenen Dialoge, die zum Glück nicht durch Peinlichkeit auffallen, durch ein Klavier begleiten zu lassen.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Regensburger Aufführung/Foto Marie Liebig

An die Stimme einer Lilian Harvey erinnert die von Kirsten Labonte, angenehm unangestrengt plaudernd widmet sie sich den Dialogen. Ein Schmelz- und Schmalztenor, der nicht nur die hohen Töne schmettert und die Schlager seiner Partie süffig darzubieten weiß, ist Carlos Moreno Pelizari als Prinz Nadir. Seine Schwester Jasmine, die sich in einen Vicomte verliebt, wird von Theodora Varga mit gut gerundeter Stimme gesungen, während das Objekt ihrer Begierde mit der Stimme von Matthias Störmer gut ausgestattet ist. Auch die beiden andren Paare, Nell (Scarlett Pulwey) und Jimmy (Paul Kmetsch) sowie Hassan (Fabiana Locke) und Fatme (Felix Rabas) tragen zum allgemeinen Vergnügen bei. Stefan Veselka entlockt  dem Opernchor Regensburg und dem Phiharmonischen Orchester Regensburg ein Höchstmaß an Temperament, Süße und akustischer Wollust und leistet viel an später Wiedergutmachung an einem Komponisten, der um seine Karriere betrogen wurde (cpo 555 670-2). Ingrid Wanja           

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Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Regensburger Aufführung/Foto Marie Liebig

Dazu der Artikel zum Werk und zum Komponisten von Stefan Frey aus dem Beiheft zur neuen Aufnahme bei cpo:

»Überraschungen auf dem Gebiete der Operette sind selten geworden. Die Erfolge der letzten Jahre sind an einige Namen geknüpft, die man an den Fingern einer Hand aufzählen kann. Und nun kommt plötzlich ein junger Mann von 24 Jahren, Joseph Beer, und legt ein Werk vor, das von außerordentlichem musikalischen Reiz ist, reichhaltig und persönlich in der Erfindung, sicher in der Durchführung und köstlich klingend in der Instrumentation.«

Das war im April 1934 in einer österreichischen Zeitschrift zu lesen. Die Überraschungs-Operette hieß Der Prinz von Schiras. Beers exotisches Erstlingswerk wurde bald in halb Europa nachgespielt. Nur wenige Monate vorher war Giuditta, das letzte Werk des beinahe 40 Jahre älteren Franz Lehár, an der Wiener Staatsoper uraufgeführt worden – der krönende Abschluss einer Operettenepoche, die sich spürbar dem Ende zuneigte. Die Zeit war also reif für einen Generationenwechsel.

Und Joseph Beer schien der geeignete Komponist dafür zu sein. Seit seinem fulminanten Vorsprechen an der Wiener Staatsakademie für Musik im Jahr 1927 eilte ihm der Ruf eines kompositorischen Wunderkinds voraus. Damals hatte er die Prüfungskommission so beeindruckt, dass ihm erlaubt wurde, die ersten vier Studienjahre zu überspringen. Direktor Joseph Marx nahm ihn umgehend in seine Meisterklasse auf, die Beer mit Auszeichnung abschloss.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Lillie Claus sang die weibliche Hauptrolle in der Wiener Erstaufführung/Amazon

Das überzeugte auch seinen Vater, der für ihn eigentlich ein Jurastudium vorgesehen hatte. Er war ein wohlhabender Bankier und wohnte mit seiner fünfköpfigen Familie im damals österreichischen Lemberg. Doch schon dort hatte Joseph parallel zum jüdischen Gymnasium auch das Konservatorium besucht. Es war seine Mutter, die seine Begabung früh erkannt und gefördert hat, nachdem sie entdeckt hatte, dass der gerade Siebenjährige ein eigenes Notationssystem zu entwickeln versuchte. Ohne zu wissen, dass es bereits eines gab, ging es ihm schlicht darum, seine Improvisationen festzuhalten. Schon damals hatte er zu komponieren begonnen und sich in allen musikalischen Gattungen versucht. Dass er sich schließlich der Operette zuwandte, mochte seinen Lehrer und Mentor Joseph Marx zwar enttäuscht haben, dennoch unterstützte er seinen früheren Vorzeigeschüler, wann immer er konnte. So vermittelte er ihm nach dem Examen eine Stelle als Korrepetitor und Dirigent der Ballettklasse, mit der er unter anderem nach Palästina auf Tournee ging.

Ausgerechnet dort nahm dann sein Schicksal die entscheidende Wendung. Er lernte nämlich einen Musiker kennen, der ihn bat, die Musik einiger befreundeter Kollegen Fritz Löhner-Beda vorzuspielen. Der war nicht nur überzeugter Zionist, sondern auch der erfolgreichste Operetten Librettist Wiens und verfasste für Lehár die Gesangstexte von Giuditta. Zurück in Wien spielte ihm Beer, wie versprochen, die Kompositionen aus Palästina vor. Erst als der sichtlich desinteressierte Löhner-Beda die Sitzung beenden wollte, wagte Beer zu fragen, ob er ihm einige eigene Kompositionen vorspielen dürfe. Was er dann hörte, begeisterte den Librettisten so sehr, dass er Beer die sofortige Zusammenarbeit anbot. Löhner-Beda wurde zum entscheidenden Kontakt von Beers Karriere. Er öffnete ihm die Türen zu den wichtigsten Leuten im Operettengeschäft.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Autogrammkarte mit Widmung und Noten/concerti

Und das befand sich damals aus verschiedenen Gründen in der Krise. Da war zum einen der erwähnte, bislang ausgebliebene Generationswechsel: Die maßgeblichen Komponisten waren alle zwischen50 und 60 Jahre alt. Da war zweitens die Weltwirtschaftskrise, die in Wien zur Schließung renommierter Operettenbühnen wie des Carl, des Bürger- oder des Johann-Strauss-Theaters geführt hatte. Letzteres wurde bezeichnenderweise in ein Kino umgewandelt, wo wiederum die Filmoperette dem Bühnengenre gewaltig Konkurrenz machte. Und der Tonfilm war der dritte Grund jener Krise.

Und schließlich war da noch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, die den meist jüdischen Wiener Autoren ab ihren wichtigsten Absatzmarkt entzog. In Wien selbst blieb für große Operettenproduktionen nur noch das traditionsreiche Theater an der Wien übrig, das allerdings finanziell so angeschlagen war, dass es sich nicht an die Uraufführung eines jungen, unbekannten Komponisten wagte. Dies übernahm dann das Stadttheater Zürich, wo Beers erste Zusammenarbeit mit Löhner-Beda, besagter Prinz von Schiras, am 31. März uraufgeführt wurde. Der Erfolg ermutigte nun auch Hubert Marischka, den Direktor des Theaters an der Wien, zu einer Aufführung. Er engagierte dafür die Staatsopernsängerin Lillie Claus, die künftige Gattin von Beers Kollegen Nico Dostal, die mit dessen Clivia in Berlin gerade ihren Durchbruch gehabt hatte, und den Tenor Serge Abramovic. Er musste seinen Schlager »Du warst der selige Traum«, der, wie die Neue Freie Presse monierte, »von Tauber-Lehár sein konnte, aber von Joseph Beer ist… gleich viermal – nach bekanntem Muster – teils mit ganzer Stimme, teils mezza voce mit jedesmal geändertem Schluß« vortragen. Die »für den ernsten Musiker wertvolle Seite« der »symphonischen Singspiel-Operette (die keine Operette im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist)«, zeigte sich für seinen Lehrer Joseph Marx hingegen darin, dass Beer, wie er in einem durchaus begeisterten Brief an ihn schrieb, »die klassische Polyphonie« kenne und daher »Figuratives und Kontrapunkt zu unterscheiden wisse, was sehr berühmte Operettenkomponisten nicht können. Darin liegt Ihre Stärke und Ihre – Zukunft!« Die Wiener Kritiken beurteilten den Prinz von Schiras trotzdem reserviert. So bescheinigte das Neue Wiener Journal Beer zwar »ein beachtliches Talent, das allerdings erst einen Wechsel auf Sicht ausgestellt« habe.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/der Komponist mit seiner Frau hanna, geb Königsberg/Wikipedia

Dagegen bereitete das Publikum dem jungen Komponisten »einen stürmischen Erfolg, der sich zu Riesendimensionen steigerte. Die Autoren wurden nach den Aktschlüssen unzählige Mal hervorgerufen«. Die Wiener Premiere wurde über Kurzwelle live übertragen und war auch in Lemberg zu hören, wo Familie Beer gespannt vor dem Radio saß. Der Vater maß mit der Stoppuhr in der Hand sogar die Dauer des Applauses und kam beim »Seligen Traum« Abramowic’ Dacapos eingerechnet – auf 17 Minuten. Der Prinz von Schiras wurde von Stockholm bis Madrid in ganz Europa nachgespielt. Und sein Komponist war plötzlich so ein gefragter Mann, dass Löhner-Beda für ihre nächste Operette, Polnische Hochzeit, sogar Alfred Grünwald als Mitarbeiter gewinnen konnte, den langjährigen Librettisten Emmerich Kálmáns.

Das erfolgreichste Autorenduo der Wiener Operette arbeitete nun gemeinsam für Joseph Beer. Das hatten sie zuvor nur für Paul Abraham getan, den sechzehn Jahre älteren ungarischen Komponisten, dessen Viktoria und ihr Husar die Operettenwelt revolutioniert hatte. Mit Abraham hat Beer viel gemeinsam, die jüdischen Wurzeln, den nervösen Charakter, vor allem aber die freche Stilmischung von Folklore und Jazz. Auch Beers Musik scheut weder drastische Komik noch Sentimentalität, weder große Gesten noch kleine Brüche, weder grelle Instrumentaleffekte noch leuchtenden Orchesterglanz. Alle Merkmale der Gattung sind bei ihm in gedrängter Form noch einmal vereint. Folkloristische Buffoduette in der Art Kálmáns stehen neben opernhaften Finali à la Lehár und Abrahamschen Tanzschlagern von rhythmischer Prägnanz. Beers zweite Operette Polnische Hochzeit (Uraufführung, Stadttheater Zürich) wurde in acht Sprachen übersetzt und von über 30 europäischen Bühnen nachgespielt. Die aufwendigste Neuproduktion war für den 1. Oktober 1939 im Théâtre du Châtelet geplant – mit dem Titel Les Noces Polonaises und dem damaligen Tonfilm Traumpaar Jan Kiepura und Marta Eggerth. Zwar kam sie wegen des Zweiten Weltkriegs nicht zustande, rettete Beer aber immerhin das Leben.

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Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Aufführung in Regensburg/Foto Marie Liebig

Als die Nazis in Österreich einmarschierten, ermöglichte ihm der Direktor des Châtelet die Flucht nach Paris. Dort hielt sich Beer mit Orchesterarrangements und Musik zum Film Festival du Monde über Wasser. Er wollte so schnell wie möglich in die USA, um dort »an ein Musical College als Lehrer zu gehen«, wie er an Joseph Marx schrieb. Doch er kam nur bis Nizza. Auf der Flucht vor der deutschen Besatzung gelang es ihm hier, bis Kriegsende unterzutauchen. In seinem Versteck komponierte er allen Widrigkeiten zum Trotz seine im Stil des Verismo gehaltene Oper Stradella in Venedig. Titelheld war der Renaissance- Komponist Alessandro Stradella, dessen skandalumwittertes Leben schon Friedrich von Flotow zu einer romantischen Oper inspiriert hatte. Zweifellos identizierte sich Beer mit dem zeitlebens – wenn auch aus erotischen Gründen – verfolgten Italiener. Nachdem die Oper unter dem verkürzten Titel Stradella  am Stadttheater Zürich uraufgeführt und vom bekannten Kritiker Kurt Pahlen als »komische Oper von höchstem Niveau« bezeichnet worden war, wurde sie von Andre Roussin, einem Mitglied der Académie Française, ins Französische übersetzt. Eine Aufführung kam allerdings nicht zustande. Seitdem unternahm Beer keine weiteren Versuche mehr, Stradella oder eines seiner anderen Werke auf die Bühne zu bringen und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die Nachricht vom Tod seiner Eltern und Schwester in Auschwitz hatte ihm längst den Boden unter den Füßen weggezogen. Auch sein Mentor und Librettist Löhner-Beda war dort ermordet worden. Die meisten seiner früheren Mitarbeiter aber waren emigriert und über die ganze Welt zerstreut. Und mit denen, die in Deutschland und Österreich geblieben waren, wollte Beer nichts mehr zu tun haben. Trotzdem komponierte er weiterhin täglich instrumentale und geistliche Werke – ohne je an deren Aufführung zu denken. Vom Bruch, den das Dritte Reich in seiner Biographie hinterlassen hatte, blieb sein Schaffen weitgehend unberührt. Wie viele seiner Generation hielt er der Operettenwelt seiner Jugend die Treue und nahm von den radikalen Entwicklungen der zeitgenössischen Musik so gut wie keine Notiz und blieb zur Freude seines Lehrers Joseph Marx zeitlebens ein glühender Verfechter der Tonalität.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Ludwig Herzer, Franz Léhar und Librettist Fritz Loehner-Beda/Wikipedia

Anfang der 1950er Jahre heiratete Beer die Holocaust-Überlebende Hanna Königsberg aus München und lebte mit ihr und den zwei gemeinsamen Töchtern Suzanne und Béatrice zurückgezogen in Nizza. Er nahm das Studium der Musikwissenschaft an der Sorbonne wieder auf, das er vor dem Krieg angefangen hatte und vollendete seine damals bei P.M. Masson begonnene Doktorarbeit über die Entwicklung des harmonischen Stils im Werk von Scriabin. Trotz einer »mention très honorable« und der ausdrücklichen Ermutigung seines nunmehrigen Doktorvaters Vladimir Jankélévitch sah er von einer Veröffentlichung ab. Erst im fortgeschrittenen Alter schrieb Beer wieder für die Bühne. Sein Singspiel Mitternachtssonne schildert das einfache Leben in einem von Fabelwesen bewohnten Norwegen der 1930er Jahre – vielleicht eine Geste der Dankbarkeit an ganz Skandinavien. Denn dort war seine Polnische Hochzeit unter dem Titel Masurkka längst ins Operettenrepertoire eingegangen und wurde bis zu Beers Tod im Jahre 1987 immer wieder gespielt.

Der Autor: der Theaterwissenschaftler und Operettenspezialist Stefan Frey/Foto Markus Konvalin/BR

Andere Aufführungen der Polnischen Hochzeit lehnte Beer bis zuletzt kategorisch ab, arbeitete er doch besessen an einer Neufassung mit dem Titel La Polonaise, in der es um Napoleons Affäre mit der polnischen Gräfin Maria Walewska gehen sollte. Er schrieb sogar den Text selbst, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Erst nach seinem Tod entdeckten Töchter und Witwe einen Koffer unter seinem Schreibtisch, in dem sich das komplette Orchestermaterial der Originalfassung befand. (Auszug). Stefan Frey

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Der Artikel erscheint mit sehr freundlicher Genehmigung des Autors, zu dem und zu dessen Tätigkeit auf dem Gebiet der Operette es bei Wikipedia einen informativen Artikel gibt. Stefan Frey hat zudem beim Bayerischen Rundfunk eine Operetten-Dauer-Sendung, Operetten-Boulevard, dessen Preis der Prinz von Schiras vorletzte Spielzeit gewonnen hat. Wir danken dem Autor. G. H.

 

 

 

Vorbildliches Mäzenatentum

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Aus zweierlei Gründen ist die bei hänssler classic herausgekommene CD außer durch den titelgebenden Thomas Hampson interessant: Es geht um die Orchestrierung von eigentlich für Klavierbegleitung komponierte Lieder bedeutender Komponisten durch ebensolche Tondichter und um ein höchst interessantes, weil von staatlichen Subventionen freies, privates Mäzenatentum interessantem Programm ermöglichtes Orchester. Mit dem Namen Würth verbindet man gemeinhin Schrauben aller Art, es gibt aber auch ein gleichnamiges Orchester, das, nicht nur, aber auch im Reinhold Würth Saal des Carmen Würth Forums in Künzelsau auftritt, wo auch die vorliegende CD entstand.

Das Programm beinhaltet die Orchestrierung von Schubert-Liedern durch Johannes Brahms, Variationen Brahms‘ auf ein Thema von Josef Haydn, von dem man allerdings nicht hundertprozentig sicher weiß, ob es auch von diesem stammt, und  die Orchestrierung von Brahms‘ Vier ernsten Gesängen durch Detlev Glanert, denen jeweils ein Präludium vorangestellt ist und ein Postludium folgt. Die Variationen gelten als Übungsstücke vor dem Komponieren der ersten Sinfonie von Brahms, eine Art Bonus stellt Mendelssohn-Bartholdys Konzertouvertüre Die Hebriden dar.

Die CD ist die inzwischen dritte Publikation der 2017 gegründeten Würth Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Claudio Vandelli.

Johannes Brahms nahm sich der Lieder Schuberts auf Texte von Schiller und Goethe an, dazu von Mayrhofer Memnon, die ersten drei balladenhaftmit Themen aus der griechischen Sagenwelt, die insbesondere nun mit Orchesterbegleitung eine recht dramatische Stimme erfordern, die der nunmehr siebzigjährige Thomas Hampson durchaus zur Verfügung stellen kann, dazu eine beispielhaft deutliche, völlig akzentfreie Diktion, eine exakt  fokussierte farbige Bassbaritonstimme, die die wechselhaften Stimmungen der Gedichte und der Musik, schließlich ist das letzte über des „Liebchens Äugel“ ein höchst neckisches, einzufangen wie widerzugeben weiß, besonders schön den „Duft der Träume“ im Rückert-Gedicht vernehmbar machend.

Hörbar mit Lust und Können beider Sache ist das Orchester bei den das Vivace bevorzugenden Variationen von Brahms über ein Haydn-Thema bei der Sache, wirkt mal verspielt, mal feierlich auftrumpfend  und ist überaus unterhaltsam.

Nicht fürchten müssen sich Brahms-Verehrer vor der Bearbeitung und Erweiterung der Vier ernsten Gesänge durch Detlev Glanert, deren Grundcharakter bewahrt bleibt, die die Stimme stets im Vordergrund dominieren lässt, das Orchester vor allem in den Präludien schillernd auf die ernsten Texte einstimmt und mit einem wundervollen Diminuendo am Schluss entzückt. Sänger und Orchester ergänzen einander in bewundernswerter Weise.

Auch in der abschließenden Hebriden-Ouvertüre kann das Orchester unter Claudio Vandelli unter Beweis stellen, zu welch beachtlichem Klangkörper es sich entwickelt hat (HC24021). Ingrid Wanja    

Zweimal Kurt Weill

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Fast zeitgleich auf dem Markt erschienen sind zwei CDs mit Aufnahmen von Songs von Kurt Weill aus seiner Berliner, der Pariser und schließlich der New Yorker Schaffensperiode. Bei Chandos hat die Mezzosopranistin Katie Bray unter dem Titel In Search of Youkali mit einem Ensemble aus Akkordeon, Bass und Klavier zusammengearbeitet, schlicht Kurt Weill nennt sich die bei Brillant Classics erschienen CD, auf der der Sopran Eleni Lydia Stamellou mit Pianobegleitung zu vernehmen ist.

Beide Damen widmen sich dem Tango Youkali, die CD von Bray bringt immer wieder rein orchestrale Zwischenspiele , die das Thema aufgreifen und abwandeln, ehe am Schluss der Titel von der Sängerin dargeboten wird. Aber auch die zweite CD setzt Youkali an den Schluss. Der helle, aber immerhin ein Mezzoaopran passt etwas besser zu den einzelnen Stücken, die zu einem großen Teil von enttäuschenden Lebenserfahrungen und enttäuschten Hoffnungen handeln, auch die Begleitung bietet einen stärker Atmosphäre schaffenden Hintergrund und Partner als das manchmal sich hart in den Vordergrund drängende Piano von Alexandra Listova.  Murray Grainger, Marianne Schofield und Wiliam Vann hingegen schaffen ein die Intentionen der Sängerin unterstützendes akustisches Umfeld.

Katie Bray singt eine kindlich verruchte Polly mit dem Barbara Song, mit einem schön geplärrten „Nein“, mit vielen Facetten, mal gehetzt, mal übermäßig getragen klingend. Für Berlin im Licht findet sie den richtigen Diseusensound, ist aber auch gern einmal deftige Rotzgöre. Von Strophe zu Strophe steigern kann sie sich für den Surabaya Johnny. Die Seine klagt und die unglücklich Liebende wechselt zwischen Sprech- und Singstimme auf Französisch eindrucksvoll und sich steigernd in einer Mischung aus Trotz und Trauer, ganz bewusst wohl einen „altmodischen“ Sound anstrebend. Als zärtliche Beschwörung entpuppt sich Speak low aus Lady in the Dark, ehe mit dem bereits erwähnten Tangolied Abschied genommen wird.

Eine Kinderstimme mit rauchigem Hauch setzt Eleni Lydia Stamellou für den Moon of Alabama ein, kindliche Naivität für das für Lotte Lenya komponierte Je ne l’aime pas, und hintergründiger könnte das in niedlichem Plauderton gehaltene Le roi d’Aquitaine sein. Schön aufblühen lässt die Sängerin ihren Sopran in Le train du ciel, fein Hingetupftes gelingt im September Song, und Bargeflüster scheint Johnny’s Song zu sein. Nanna’s lied erscheint lieblich belanglos, verhuscht der Salomon-Song, schön lasziv kommt schließlich Youkali nach einem wie Und was bekam des Soldaten Weib in anfechtbarem Deutsch gesungenen  Zu Potsdam unter den Eichen daher (Chan 20359/ Brillant Classics 97704). Ingrid Wanja

 

Clémence de Grandvals „Mazeppa“

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Kaum jemand hat vor dem verdienstvollen Konzert des Münchner Rundfunk Orchesters am 19. Januar 2025 je etwas von der Komponistin Clémence de Grandval (* 21. Januar in Saint-Rémy-des-Monts – † 15. Januar 1907 in Paris) gehört, deren Oper Mazeppa nun zum ersten Mal in moderner Zeit (auch in der daraus resultierenden Aufnahme des Palazzetto Bru Zane) erklang. Aber man stutzt als Opernkenner sofort, denn Mazeppa? Mazeppa? Ist der nicht von Tschaikowsky/Puschkin, von 1884/Moskau? Dieser hier nicht, und zudem von 1892/Grandmoguin & Hartmann nach Puschkin/Paris. Wie dicht aufeinander – haben sie sich gekannt? Sie hat sicher von ihm gehört, war er doch auch in Paris gewesen und war sicher als Komponist dort bekannt. Gibt es Quellen dazu? Puschkin zumindest war die Inspiration für Grandval. Wie bekannt waren russische Komponisten in Frankreich damals überhaupt? Paris war ja stets ein Sehnsuchtsort des Ostens gewesen.

Der griechische Bariton Tassis Christoyannis singt den Mazeppa in Clémence de Grandvals Oper/Palazzetto

Der Palazzetto schreibt zu dieser Oper: Wie andere bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit – wie ihr Lehrer Camille Saint-Saëns, der für die Aufführung von Étienne Marcel im Februar 1879 auf das Grand-Théâtre in Lyon zurückgreifen musste – wählte Clémence de Grandval Bordeaux für ihre Oper Mazeppa eher aus Zwang als aus Begeisterung für die musikalische Dezentralisierung. Die Pariser Oper, die noch intensiv Werke aus den Jahren 1830-1850 auf den Spielplan setzte, ließ damals wenig Raum für Neues. Nachdem Grandval das Präludium seiner Oper 1888 in Paris konzertant aufgeführt hatte, wartete er vier Jahre auf die erste Aufführung, die der Direktor von Bordeaux – Tancrède Gravière – zu einem nationalen Ereignis machte. Die Rolle der Matréna vertraute er seiner Frau Georgette Bréjan (-Silver) an. Das von Charles Grandmougin und Georges Hartmann verfasste Libretto basiert auf Puschkins düsterer Legende des ukrainischen Helden, die in Westeuropa von Lord Byron und Victor Hugo populär gemacht wurde. Diese Figur bietet den Librettisten vor allem die Gelegenheit, das Thema des Verrats umfassend zu behandeln: Liebe und kindliche Pflicht werden durch Ehrgeiz und Eifersucht auf die Probe gestellt. Die Überschreitung traditioneller Werte führt zu Wahnsinn und Tod. Die Oper wurde von den in Bordeaux anwesenden Journalisten gut aufgenommen – die Mazeppa in die Reihe der Produktionen Massenets stellten – und setzte ihre Karriere an anderen Theatern fort: Antwerpen (1896), Marseille (1897), Montpellier (1904) und Dijon (1905). Wie so oft bei Komponistinnen hielt ihre Verbreitung nach dem Tod der Autorin im Januar 1907 jedoch nicht mehr an.

Man erinnert dann die Dichtung von Lord Byron, dem umtriebigen englischen Tausendsassa, der sich in den griechischen Befreiungskriegen gegen die Osmanen einen Namen gemacht hatte. Der historische Mazeppa war zudem – wie aktuell heute – ein ukrainischer Edelmann und späterer, legendärer Nationalheld. Und prangt dort auf Geldscheinen und Münzen.

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Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Maurice de Vries war der erste Titelsänger/courtesy Charles Mintzer/Rudi van den Bulck Archive

Die Radioübertragung des Konzertes am 19. Januar (2025) erfüllte jede Erwartung und mehr. Und das gilt auch für die daraus folgende Aufnahme (in 3 Aufnahmetagen). So sensationell habe ich eine (in diesem Falle große französische) Oper kaum je gehört, und das sage ich nach einem langen Opernerleben. Nicole Carr übertrifft sich in der weiblichen Hauptrolle der Matréna um vieles, was ich von ihr kenne: solche leuchtenden Spitzennoten und dazu eine dramatische Kraft, unglaublich. Julien Dran ist der umwerfende Tenor Iskra mit unglaublicher Höhe und schönem Ton – das ist eine französische Tenorstimme von schon heldischem Format. Dazu dann Tassis Christoyannis in Bestform als Mazeppa, leidend, empfindsam, auftrumpfend, sonor, sensationell. Und auch die Übrigen (Ante Jerkunica, Paweł Trojak) sowie Chor des Bayerischen Rundfunks (Stellario Fagone) und das Rundfunk Orchester unter Mihhail Gerts schaffen ein Tongemälde von enormer Kraft, ohne die vielen, auch  gelegentlich russisch anmutenden lyrische Teile (wie zu Beginn des 3. Aktes) zu vernachlässigen (Tschaikowsky grüßte doch, dazu manche Assoziationen an Zeitgenössisches). Es war ein spannender Abend, der mich drei Stunden am Lautsprecher hielt und der mich die letzte CD dreimal nach einander spielen ließ. Auch wenn die zum Teil recht unterschiedliche Akustik das Hören per Kopfhörer die Schnitte deutlich macht …

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Dazu kam damals der absolut fabelhafte Service des Bayerischen Rundfunks, online das zweisprachige Libretto (runterladen und aufheben, denn die deutsche Übersetzung von Maria Kohler wurde eigens für dies Konzert erstellt und findet sich im englisch-französischen Palazetto-Buch dann nicht mehr) und das komplette Programmheft zur Verfügung zu stellen (und wie das Konzert für einen Monat als Podcast!). Das ist beispielhaft!

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Als Einführung zu dieser ungewöhnlichen Geschichte um Liebe und Rache in der Oper von Clémence de Grandval und zu jenem historischen Mazeppa äußern sich Florian Heurich sowie Natalia Mykhaylychenko zu Byron und Osteuropa, beide mit Dank nachstehend. G. H.

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Die Komponistin Clémence de Grandval/ resmusica

„Eine Prvilegierte des Himmels“: Clémence de Grandval und ihre Oper Mazeppa: „Sie wären sicherlich berühmt, wäre die Autorin nicht eine Frau, was für viele Menschen ein unabänderlicher Fehler ist“, schrieb Camille Saint-Saëns einst über die Lieder von Clémence de Grandval, die als Komponistin, Pianistin und Sängerin eine der vielseitigsten, produktivsten und auch angesehensten Persönlichkeiten des französischen Musiklebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war und dennoch bei der Nachwelt in Vergessenheit geriet. Zu einer Zeit, als das Komponieren, genauso wie Literatur, bildende Kunst und Politik, noch weitgehend eine Männerdomäne war, und komponierende oder musizierende Frauen vor allem als „Amateurinnen“ angesehen wurden, die Werke für den Hausgebrauch oder den semiprivaten Rahmen des Salons schufen, konnte sich Grandval als eigenständige Künstlerin behaupten. Ihr umfangreiches Œuvre umfasst kleine wie große Gattungen, von Kammermusik und Klavierliedern über Messen und sonstige geistliche und oratorische Werke bis hin zu groß besetzten symphonischen Arbeiten und mehreren Opern für verschiedene Pariser Konzertsäle und Theater.

Aber auch die aus adeligem Haus stammende und mit einem wohlhabenden Musikliebhaber verheiratete Grandval musste aufgrund ihrer gut situierten Lebensumstände gegen das Vorurteil einer Komponistin aus Liebhaberei ankämpfen. So schrieb der einflussreiche Musikkritiker und Biograph François-Joseph Fétis in seiner Biographie universelle des musiciens: „Obwohl Madame de Grandval wegen ihrer gehobenen Situation und ihres Vermögens nur als Amateurin angesehen werden kann, ist sie dennoch mit überaus bemerkenswerten Fähigkeiten und einer seltenen Schaffenskraft begabt, besonders für eine Frau, sodass man ihr ohne Gefälligkeit den Titel einer Künstlerin verleihen kann.“ Weniger gönnerhaft äußerte sich Saint-Saëns, der einer von Grandvals Lehrern war und den eine von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Freundschaft mit ihr verband: „Es soll mir erlaubt sein zu bemerken, dass mit allen Werken Berlioz’ und Grandvals das französische Repertoire sich nicht zu verstecken braucht.“ Bei mehreren Gelegenheiten stellte Saint-Saëns seine einstige Schülerin und Freundin in eine Reihe mit Gounod, Massenet, Bizet, Delibes und weiteren bedeutenden Komponisten der Zeit.

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Clémence de Grandval wurde am 21. Januar 1828 als Marie-Félicie-Clémence de Reiset auf Schloss Cour du Bois, dem Besitz der Familie Reiset, in Saint-Rémy-des-Monts im nordfranzösischen Département Sarthe geboren. Ihr Vater war ein hochrangiger Militär, ihre Mutter betätigte sich als Schriftstellerin. Früh zeichnete sich eine musikalische Begabung ab, und bereits ab dem Alter von sechs Jahren erhielt Clémence im privaten Rahmen eine fundierte Ausbildung in Gesang, Klavierspiel und später auch in Komposition. Chopin gab ihr Klavierstunden, ihr erster Kompositionslehrer war Friedrich von Flotow, ein Freund der Familie, bei dem sie ab 1842 Unterricht nahm. Mit 21 Jahren trat sie noch unter ihrem Mädchennamen Mademoiselle de Reiset erstmals öffentlich als Komponistin und Interpretin in Erscheinung. Bei einer Salonmatinee führte sie ein von ihr verfasstes Klaviertrio auf und sang einige eigene Lieder, worauf in der Revue et Gazette musicale de Paris zu lesen war, „dass eine Virtuosin mit dieser Stärke wie eine Privilegierte des Himmels erscheint“.

1851 heiratete sie den 15 Jahre älteren Charles-Grégoire Vicomte de Grandval, mit dem sie zwei Töchter hatte; eine starb bereits früh. Die Ehe hinderte sie allerdings nicht daran, weiterhin ihrer musikalischen Berufung zu folgen. Im Gegenteil, nun begann sie auf professioneller Ebene bei Camille Saint-Saëns Komposition zu studieren. Ihr Mann unterstützte ihr Talent und übernahm später sogar die Rolle eines Sekretärs, der mit Impresarios korrespondierte und Zeitungskritiken sammelte. Nach seinem Tod schrieb Clémence an ihre Freundin Pauline Viardot, Komponistin, Sängerin, Pianistin und Salondame wie sie: „Der Freund, den ich verloren habe, war mir so treu ergeben, wie es von nun an niemand mehr sein wird.“

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„Mazeppa“ von Eugène Delacroix, 1824/Wikipedia

Nach vielen Kammermusik- und Salonstücken schrieb Clémence de Grandval in den 1860er Jahren ihre ersten Bühnenwerke, zunächst jedoch noch unter Pseudonymen wie Caroline Blangy, Clémence Valgrand, Maria Felicita de Reiset oder Maria de Reiset Tesier. Für Frauen ihres Standes war das Komponieren für einen kleinen, elitären Kreis zwar durchaus akzeptiert, die Arbeit fürs Theater hatte hingegen immer einen fragwürdigen Beigeschmack, zumal Grandvals erste Bühnenstücke dem leichten Genre wie Operette, Vaudeville oder Opéra comique angehörten: Le sou de Lise wurde 1860 an den Bouffes-Parisiens uraufgeführt und Les fiancés de Rosa 1863 am Théâtre-Lyrique. Mit La Comtesse Eva, uraufgeführt 1864 in Baden-Baden, trat sie erstmals unter ihrem richtigen Namen als Opernkomponistin an die Öffentlichkeit. Es folgten noch La pénitente (Opéra-Comique, 1868), Piccolino (Théâtre-Italien, 1869) und wesentlich später Mazeppa, ihre umfangreichste Oper, die 1892 am Grand Théâtre de Bordeaux Premiere hatte. Nach vielen Jahren, in denen sich die Komponistin vor allem mit geistlicher und symphonischer Musik beschäftigt hatte, sprechen aus dieser Oper nun eine künstlerische Reife, eine emotionale Tiefe und eine Ernsthaftigkeit in Sujet und musikalischer Ausformulierung, die sie von den früheren Bühnenwerken abheben.

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Zu Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Illustration zum 4. Akt der Uraufführung/L’Univers illustré, 7 Mai 1892/Wikipedia

Da sie selbst Sängerin war, lag Grandval die menschliche Stimme besonders am Herzen. Dies schlug sich nicht nur in ihren Opern und Liedern nieder, sondern auch in einer Reihe von geistlichen Werken mit Gesang, von denen das erfolgreichste ein Stabat mater (1870) war, sowie in den Oratorien Sainte Agnès (1876) und La fille de Jaïre (1880) oder dem Poème lyrique La forêt für Soli, Chor und Orchester (1874). Darüber hinaus schrieb sie ein Oboenkonzert (1878), das oft von dem berühmten Solisten und Musikpädagogen Georges Gillet aufgeführt wurde und ein beliebtes Prüfungsstück des Pariser Konservatoriums war.

Die Komponistin war mehr und mehr zu einer bestens etablierten Größe des Pariser Musiklebens geworden, ihre Werke wurden in vielen Kirchen und Konzertsälen dargeboten, für La fille de Jaïre erhielt sie den von der Académie des Beaux-Arts verliehenen Prix Rossini, und eine neue Konzertreihe mit dem Titel L’art moderne widmete Grandval 1878 das Eröffnungskonzert. Sie spielte eine wichtige Rolle in der gerade gegründeten Société nationale de musique, wo sich die Avantgarde der französischen Musik traf, und bei deren Konzerten in der Salle Pleyel. Zudem kam in ihrem Salon alles zusammen, was Rang und Namen hatte: Daniel-François-Esprit Auber, Ambroise Thomas, Charles Gounod, Georges Bizet, Pauline Viardot, Giacomo Meyerbeer und viele weitere Musiker, Literaten, Künstler und Persönlichkeiten der Gesellschaft.

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„Mazeppa in the Romantic Arts“ von Albert Brussee bei AB Music Productions & Editions ist eine spannende Abhandlung zum Thema (Amazon und andere)

1886 war der Tod ihres Mannes, der während der Ehe meist hinter seine komponierende Frau zurückgetreten war und im Hintergrund vieles organisiert hatte, ein schwerer Schlag für Clémence de Grandval. Dennoch ging sie auch danach weiterhin ihrer Berufung nach, die schon längst zu einem den Lebensunterhalt sichernden Beruf geworden war. Mit Mazeppa schuf sie einen letzten Höhepunkt in ihrem Gesamtwerk. Bereits die Uraufführung in Bordeaux fand großen Anklang, und eine weitere Aufführung zwei Jahre später in der Pariser Salle Pleyel in einer Fassung mit Klavierbegleitung, bei der Grandval selbst den Klavierpart übernahm, wurde in der Presse als Ereignis gefeiert: „Mme de Grandval hat es verstanden, persönlich zu bleiben, ohne irgendetwas von der jungen Schule mit ihren Übertreibungen zu übernehmen und ohne alte Traditionen und einen aus der Mode gekommenen Stil, mit dem sich der moderne Geschmack nicht vertragen würde, zu bewahren. […] Die Gesetze der Tonalität werden beachtet, und die Melodien heben sich mit Regelmäßigkeit, perfekter Symmetrie und großer Intensität ab.“ Nach diesem letzten großen Bühnenwerk war die Künstlerin zwar nach wie vor präsent im französischen Musikleben, schränkte ihre Konzertauftritte jedoch mehr und mehr ein und komponierte immer weniger. Sie starb am 15. Januar 1907 in Paris.

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Mit der fünfaktigen Oper Mazeppa auf ein Libretto von Charles Grandmougin und Georges Hartmann schuf Grandval ein groß dimensioniertes Bühnenwerk, dessen Musiksprache dem Stil des späten 19. Jahrhunderts voll und ganz entspricht – mit längeren, durchkomponierten Szenenkomplexen, aus denen sich solistische Passagen im Sinne von Arien, Duetten oder Terzetten herausschälen. Die Wahl eines osteuropäischen Sujets, nämlich die Geschichte des ukrainischen Kosakenhauptmanns Mazeppa, die bereits Tschaikowsky zu einer Oper inspiriert hatte, erscheint ungewöhnlich für die französische Musik. Zwar unterscheidet sich die Handlung wesentlich von Tschaikowskys Oper, das Libretto basiert aber auf denselben Vorlagen, etwa auf dem Gedicht Poltawa von Alexander Puschkin, in dem die historischen Begebenheiten um den im 17. Jahrhundert lebenden Iwan Mazeppa als Legende geschildert werden. Möglicherweise war Grandval durch Achille de Lauzières – Librettist ihrer Oper Piccolino, der bereits einen Mazeppa-Text verfasst hatte – auf dieses Sujet gestoßen.

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Zu Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Le Monde illustré, 23 avril 1892. Illustration reprise dans La Gironde illustrée (24 avril 1892) et dans le journal italien Il teatro illustrato/BNF/Gallica

In ihrer Musik greift Grandval das Nebeneinander einer historisch-politischen Handlung und einer Liebesgeschichte auf, mit effektvollen Ensembles und Massenszenen einerseits und intimen lyrischen Momenten andererseits. Die heroischen Taten des vom Volk gefeierten Mazeppa, der jedoch allmählich die Seiten wechselt, stehen neben der privaten Liebesbeziehung zwischen ihm und Matréna, wobei diese Verbindung schließlich zu einem Abhängigkeits-Verhältnis wird und im Wahnsinn Matrénas und der Verdammnis Mazeppas endet. Besonders wirkungsvoll sind das Finale des I. Akts, wenn Mazeppa dazu auserwählt wird, die Ukrainer zum Sieg zu führen, und vor allem das Finale des IV. Akts. Beginnend mit der Ankunft der gefangenen Ukrainer, unter denen sich auch der alte Kotchoubey, Matrénas Vater, befindet, entwickelt sich diese Szene in einer dramatischen Steigerung bis zum Fall und der Verfluchung des mittlerweile zum Verräter gewordenen Mazeppa.

„Mazeppa“: Die notorische amerikanischen Schauspielerin Ada Menken trat in England und Amerika als Mazeppa in einer Bühnenversion des Byron-Gedichtes mit großem Erfolg auf, hier das Poster zu eine Vorstellung im Londoner Adelphy 1886. Zu ihrem amerikanischen Wirken hiess es: „Her role in the melodrama Mazeppa (based on Lord Byron’s poem) which opened in 1861 in Albany, NY, created a sensation. Dressed in a flesh-colored body stocking which gave the illusion that she was nude, she appeared strapped to a horse which “galloped” down a ramp towards the audience.“/newyorkalmanack.com

Lyrisches Herzstück der Oper ist der III. Akt, der mit einer Arie der Titelfigur beginnt und zu einem ausgedehnten Duett mit Matréna wird. Auch in Matrénas Szene im II. Akt und im sich anschließenden Duett mit Iskra zeigt sich Grandval als eine Komponistin, die der Gesangsstimme dankbare Entfaltungsmöglichkeiten gibt. In den reinen Orchestersätzen wie dem Prélude, das Mazeppas wilden Ritt durch die Steppe schildert, dem Entracte zu Beginn des III. und dem Divertissement im IV. Akt, also der Ballettmusik mit ihren Anklängen an die osteuropäische Folklore, schreibt Grandval eine suggestive, farbenreiche und die Szenerie illustrierende Musik mit dezentem Lokalkolorit. Zudem werden die Hauptfiguren von Beginn an durch kurze, fast leitmotivische Themen charakterisiert, die immer wieder auftauchen. Die Oper endet in einer Art Wahnsinnsszene, in der Grandvals Gespür für Theatralik und musikdramatischen Effekt bestens zum Ausdruck kommt.

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In der Presse wurde der Wunsch laut, dass Mazeppa auch an der Pariser Opéra gespielt werden sollte, jedoch blieben Grandvals Versuche, ihr Werk an die führende Bühne der französischen Metropole zu bringen, erfolglos. Es wurde in den Jahren darauf noch in Antwerpen (1896), Marseille (1897), Montpellier (1904) und Dijon (1905) gezeigt, mit dem Tod Grandvals 1907 verschwand es jedoch von den Spielplänen. Aber auch wenn die Nachwirkung dieser Oper ausblieb, so ist sie doch das eindrucksvolle Hauptwerk einer vergessenen Komponistin des 19. Jahrhunderts, die sich neben Musikerinnen wie Louise Farrenc, Louise Bertin, Pauline Viardot oder Cécile Chaminade ihren Platz in einer Männerdomäne erkämpft hatte. Florian Heurich

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Florian Heurich ist Autor, Musikjournalist und Videoredakteur und lebt in München. Er schreibt und produziert Reportagen und Features für BR-Klassik, den SWR, den MDR und andere ARD-Anstalten über Themen in den Bereichen Oper, Literatur, Neue Musik und Weltmusik. Er schreibt für die Publikationen der Staatstheater Stuttgart und produziert Videoformate für die Bayerische Staatsoper und die Salzburger Osterfestspiele.

Legende und Wirklichkeit:  Iwan Mazeppa, ein Feldherr zwischen den Fronten. „Er rast, er fliegt, er fällt und steht als König wieder auf!“ Dies sind die letzten Worte in einem Gedicht von Victor Hugo, in dem er die Legende von Mazeppa schildert: Als Strafe für ein illegitimes Verhältnis mit einer Adligen wurde er nackt, Rücken an Rücken auf sein Pferd gebunden, das nun durch die Steppe galoppiert. Nach einigen Tagen stirbt das Tier, und auch Mazeppa ist dem Tode nah, als er von Kosaken aufgefunden wird, die ihn mit in die Ukraine nehmen und zu ihrem Anführer im Kampf gegen die Russen machen. Auch Lord Byron und Alexander Puschkin greifen diese Legende auf.

Aber wer war Mazeppa wirklich? Iwan Mazeppa wurde 1639 in der Ukraine geboren, war Page am polnischen Hof und stieg später zum Hetman (hochrangiger Feldherr) der Kosaken auf. Als Verbündeter des Zaren Peter I. kämpfte er zunächst für Russland, wechselte dann aber die Seiten und verbündete sich mit dem schwedischen König Karl XII., der versprach, die Ukraine zu beschützen. Mazeppa selbst beteuerte, dass seine Loyalität immer ausschließlich dem Kosakenheer und der ukrainischen Nation gelte, keinem König oder Zaren. Im Großen Nordischen Krieg zog er für Schweden in die Schlacht von Poltawa (Ukraine), verließ nach der Niederlage jedoch das Land, floh in Richtung Osmanisches Reich und starb 1709 im heutigen Transnistrien in Moldawien.

In der russischen Geschichtsschreibung gilt Mazeppa als negative Figur; Zar Peter I. ließ sein Bild am Galgen aufhängen, und die Russisch-orthodoxe Kirche belegte ihn mit dem Kirchenbann. In der Ukraine hingegen verehrt man ihn als Nationalhelden. So ist er etwa auf dem Zehn-Griwna-Schein abgebildet und wird von der Orthodoxen Kirche der Ukraine verehrt. Florian Heurich

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Jean-Pierre Norblin de la Gourdaine Mazeppa, 1775/ collections.artsmia.org

Zum Inhalt: In der Ukraine um 1700, mitten im Kosakenkrieg. 1.  Akt:  In der Steppe. 1. Szene. Im frühen Morgenrot liegt Mazeppa, ein polnischer Edelmann, ohnmächtig auf der Erde. Zu sich kommend, beklagt er sein schweres Los. Von weither sind Stimmen zu vernehmen, die Mazeppa aufgrund seiner Ermattung aber für Illusion hält. 2. Szene.  Matréna, die Tochter des Fürsten Kotchoubey, hat Mazeppas Hilfeschrei gehört und eilt herbei. Geblendet von ihrer Schönheit, fragt Mazeppa, wohin er sich verirrt habe. 3. Szene. Das Volk der Kosaken jubelt Kotchoubey, seinem Fürsten, zu. Dieser heißt Mazeppa willkommen und erkundigt sich nach seiner Herkunft und seinen Erlebnissen: Mazeppa, einst Page am polnischen Hof, ließ sich auf eine illegitime Liaison ein und zog dadurch die Eifersucht eines Nebenbuhlers auf sich. In dessen Machenschaften verstrickt, wurde er entführt und auf ein Pferd gebunden in die Steppe hinausgejagt. Kotchoubey lädt Mazeppa ein, sich dem ukrainischen Heer anzuschließen und gegen seine einstigen Landsmänner für die Freiheit der Ukraine zu kämpfen. 4. Szene.  Kotchoubey wird mit großer Zustimmung zum ukrainischen Anführer erkoren, doch er dankt Mazeppa zuliebe ab. Erbittert setzt sich Iskra dagegen zur Wehr. Seine Worte entfachen einen heftigen Zwist, den Kotchoubey aber zu beschwichtigen vermag. Unter allgemeinem Jubel, in den nun auch Matréna einstimmt, wird Mazeppa zum Feldherrn gekürt. Neidgetrieben gelobt Iskra Rache.

„Masepa und Karl XII. nach der Schlacht von Poltawa“ (Gustaf Cederström)/Wikipedia

2. Akt. 1. Bild. Im Haus von Kotchoubey. 1. Szene.Matréna ist von Mädchen umringt. Sie stimmen ein Gebet zur Jungfrau Maria an. Matréna bittet um die Rückkehr Mazeppas, der das ukrainische Heer in den Krieg geführt hat. 2. Szene.  Kotchoubey kommt hinzu und preist die Tapferkeit Mazeppas, der selbst den Tod nicht scheut. Sein heldenhaftes Opfer werde den ruhmreichen Sieg krönen. Matréna zuckt zusammen. Beschwichtigend weissagt Kotchoubey die glückliche Rückkehr Mazeppas. 3. Szene. Nachdem Kotchoubey sich entfernt hat, gesteht sich Matréna ihre Liebe zu Mazeppa ein. Verzückt wünscht sie ihn herbei. 4. Szene. Iskra, der sie unbemerkt beobachtet hat, ergeht sich in Liebesbeteuerungen. Kühl antwortet Matréna ihm, sie würden nie zusammenkommen – ihre Zuneigung ihm gegenüber sei die einer Schwester. Von Eifersucht durchdrungen, behauptet er, Mazeppa sei tot. Aus Verzweiflung bekennt sie gegenüber Iskra schließlich ihre Liebe zu Mazeppa. Von draußen ertönen Jubelrufe: „Es lebe Mazeppa.“

2. Akt. Platz in Poltawa. 1. Szene.  Volk und Heer bejubeln Mazeppa. Er wendet sich an Matréna: Ihr Bild habe ihm zum Sieg verholfen. Die Schar begibt sich zur Kirche. 2. Szene.  In finsteres Grübeln versunken, trauert Iskra seiner Liebe zu Matréna nach. Gegenüber Kotchoubey verdächtigt er Mazeppa des Verrats. Kotchoubey erliegt den Ränken Iskras, während aus der Kirche heraus das Volk noch dem neuen Anführer seine Ehre erweist. 3. Szene. Als das Volk aus der Kirche tritt, wirft Iskra Mazeppa Verrat vor. Mazeppa wiederum erinnert die wutentbrannte Menge an den Sieg, den er als Feldherr erkämpfte. Mit dem Volk nunmehr auf seiner Seite droht er Iskra, er werde sich für die Revolte rächen. Matréna erfleht Mazeppa zu Füßen Gnade für Iskra. Das Volk bricht abermals in Jubelrufe aus. Nur einer lässt sich nicht davon mitreißen: Kotchoubey.

Titelblatt zur Mazurka aus Themen der Oper „Mazeppa“ von Clémence de Grandval, Pauline Viardot gewidmet/Palazzetto Bru Zane

3. Akt. Kotchoubeys Garten. 1. Szene. Im Mondlicht wartet Mazeppa auf seine Geliebte. Von seinen Gefühlen beflügelt, gibt er der Furcht vor Iskra keinen Raum. 2. Szene.  Matréna erscheint und schwört Mazeppa ewige Liebe. Als das Paar beschließt zu fliehen, überkommt Matréna die Erinnerung an ihren Vater. Sie vernehmen Schritte und verbergen sich in einer Hütte. 3. SzeneKotchoubey befiehlt Iskra, den Zaren von Mazeppas Verrat – nämlich einem Bündnis mit den Schweden – zu unterrichten. Matréna hört im Verborgenen alles und bleibt dennoch unbeirrt in ihrem Vertrauen auf Mazeppas Unschuld. 4. Szene.  Nachdem Kotchoubey und Iskra sich entfernt haben, nötigt Mazeppa seiner Geliebten den Schwur zum Gehorsam ab.

4. Akt.  Im Palast von Baturyn. 1. Szene.  Im prunkvollen Palast von Baturyn wird reichlich getafelt. Mazeppa und seine Krieger stoßen auf das Volk und die Liebe an. Den Feierlichkeiten wohnt auch Matréna bei, die inmitten anderer Mädchen in Festtagskleidung erscheint. Sie besingt das Vaterland und die Liebe. Doch immer wieder beschleicht Wehmut ihr Lied. Ungeduldig heißt Mazeppa die Musikanten, einen beschwingten Tanz anzustimmen. Noch ehe dieser verklingt, ertönt von Weitem Trauermusik. Ungeachtet der bangen Fragen Matrénas gebietet Mazeppa der Kapelle weiterzuspielen. Im Hintergrund ist nun der Trauerzug zu sehen. Der zum Tode Verurteilte ist Kotchoubey. 2. Szene. Verzweifelt erfleht Matréna von Mazeppa Gnade für ihren Vater. Doch Kotchoubey weist seine Tochter grimmig ab und verflucht sie. Als der Trauerzug im Begriff ist, sich zu entfernen, stürmt Iskra mit seiner Eskorte herbei. Er tut das Urteil des Zaren kund: Mazeppa sei ein Verräter. Auf dessen nachdrückliche Anweisung, Iskra festzunehmen, reagieren die Wachen nicht. Der den Trauerzug anführende Archimandrit enthebt in seiner Funktion als Herold des Zaren Mazeppa seiner Stellung. Matréna fleht ihren Vater um Vergebung an. Unerbittlich verwünscht er sie samt Mazeppa. Iskra und das Volk stimmen in den Fluch ein.

5. Akt. In der Steppe. Mazeppa denkt an seine Abenteuer zurück und wünscht sich den Tod. Aus der Ferne ist Matrénas Stimme zu vernehmen. Vollkommen in sich gekehrt, erkennt sie ihn nicht. Mazeppa offenbart sich ihr und bittet um Vergebung, die sie ihm schroff versagt. Entseelt sinkt sie zu Boden. Mazeppa stürzt auf ihre Leiche. (Programmheft zum Konzert)

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„Mazeppa“: Lord Byron in albanischem Kostüm/ Ölbild von Thomas Philips, ca. 1835/Wikipedia

Dazu ein Einblick in die Geschichte Osteuropas durch Lord Byrons Gedicht Mazeppa: Im Jahr 1819 schrieb der bekannte englische Dichter der Romantik, Lord George Byron (1788-1824), ein erzählendes Gedicht über eine ukrainische historische Figur, Ivan Mazepa (1639-1709), die den Westeuropäern zu dieser Zeit kaum bekannt war. Im Laufe des 19. Jahrhunderts inspirierte Byrons Gedicht Mazeppa, von dem die Fisher-Bibliothek Toronto die erste Ausgabe besitzt, viele andere Künstler dazu, literarische, visuelle und musikalische Meisterwerke über ihn zu schaffen.

Ivan Mazepa (dies ist eine gebräuchlichere Schreibweise seines Namens im Gegensatz zu Mazeppa) war ein militärischer und politischer Anführer oder Hetman, der ukrainischen Kosaken-Hetmanate, einem autonomen Staat innerhalb Russlands zu dieser Zeit. Er war ein Adliger, ein geschickter und hochgebildeter Diplomat, polyglott, Förderer der Künste und Fürst des Heiligen Römischen Reiches. Mazepa ist für seine Rolle in der Schlacht von Poltawa im Jahr 1709 während des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) bekannt, als seine Kosakentruppen sich im Rahmen eines geheimen Austauschs für die Unterstützung der ukrainischen Unabhängigkeit durch Schweden auf die Seite der schwedischen Armee von König Karl XII. gegen Russland stellten. Die Schlacht und später der Krieg führten zum Sieg Russlands, wodurch das Land zu einem mächtigen Staat wurde und der Lauf der Geschichte in Osteuropa verändert wurde.

Lord Byrons Gedicht basiert auf einer legendären Episode aus Mazepas früherem Leben in Polen, wo er als Page am Hofe von Johann II. Kasimir Wasa diente. Der junge Mann verliebte sich in die Frau eines Grafen, und als ihr Ehemann von der Affäre erfuhr, ließ er Mazepa nackt an ein wildes Pferd binden und dieses loslassen. (Die Szene ist in einem Gemälde, Mazeppa, von Théodore Géricault dargestellt, siehe unten.) Das Pferd ritt ostwärts und brachte ihn zurück in den Kosakenstaat, wo Mazepa später Hetman wurde.

Iwan Masepa/russ./Wikiwand

Wie die meisten romantischen Gedichte konzentriert sich Mazeppa auf die emotionale Erfahrung und die innere Welt des Helden, die durch die Darstellung der Landschaften, die der junge Mann durchquert, anschaulich zum Ausdruck gebracht werden. Die tiefe Symbolik des Werkes trägt dazu bei, das Bild Mazepas zu enthüllen. Die lange und strapaziöse Reise auf dem Rücken des Pferdes durch die Wildnis der ukrainischen Steppen, Wälder und reißenden Flüsse ist eine farbenfrohe Metapher für Mazepas entschlossene und leidenschaftliche Natur. Wie in seinem wirklichen Leben musste Mazepa Hindernisse und Gefahren überwinden, die durch die Wölfe und Krähen verkörpert werden, denen er begegnete. Das ausdauernde Wildpferd, das den jungen Mann in seine Heimat trägt, spielt auf das Streben nach Freiheit an:

Away, away, my steed and I, /Upon the pinions of the wind, /All human dwellings left behind; /We sped like meteors through the sky, /When with its cracking sound the night/Is chequer’d with the northern light.

In der romantischen Literatur ist das Pferd ein Symbol für Glück und Schicksal. Die Darstellung des wilden Pferdes, das Mazepa durch Wälder und Steppen von Polen in die Ukraine trägt, veranschaulicht die Beharrlichkeit auf dem schwierigen Weg zwischen Leben und Tod.

„Mazeppa“ als Film: „Mazeppa, or the Wild Horse of Tartary „(1910)/ Selig Polyscope Company; 1919 findet sich zudem ein deutscher Film von Helmut Berger/B Z Film GmbH: „Mazeppa, Volksheld der Ukraine“, wie auf dem Poster für das Berliner Marmorhaus angezeigt.

Byron schrieb sein Gedicht Mazeppa während einer Reise durch Italien, das sich mitten in der Befreiungsbewegung gegen Österreich befand. Als begeisterter Anhänger des Unabhängigkeits-Kampfes europäischer Nationen, insbesondere Italiens und Griechenlands, könnte der Dichter aus diesem Grund motiviert worden sein, über den Anführer des Kosakenstaates zu schreiben, der ebenfalls darum kämpfte, sich von der kaiserlichen Herrschaft zu befreien. Lord Byron war nicht der einzige Künstler, dessen Fantasie vom außergewöhnlichen Schicksal Iwan Masepas gefesselt wurde.

Tatsächlich wurde Byron selbst dazu inspiriert, sein Gedicht über den dramatischen Vorfall aus dem Leben des jungen Hetmans zu schreiben, nachdem er in Voltaires Geschichte Karls XII., König von Schweden (1731) davon erfahren hatte. Nach Byron nahm Victor Hugo in seiner Sammlung Les orientales (1828) sein eigenes Gedicht Mazeppa als seine poetische Interpretation der Episode auf.

Die Legende über das Pferd, das mit dem zukünftigen Hetman ausgesetzt wurde, faszinierte viele französische Maler der Romantik – Géricault, Eugène Delacroix, Horace Vernet, Nathaniel Currier, Théodore Chassériau und Louis Boulanger. Die Geschichte fand auch Eingang in Musikwerke wie die symphonische Dichtung Mazeppa des ungarischen Komponisten Franz Liszt sowie in Theaterstücke (z. B. das Drama Mazepa des polnischen Dichters der Romantik Juliusz Słowacki). Diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig.

Das erzählende Gedicht Mazeppa zeigt die Kraft der Poesie, einer prägnanten und doch eloquenten Kunst, die es uns ermöglicht, in der Geschichte zurückzugehen und die geopolitische Lage der Zeit, die wichtigsten Entwicklungen und Persönlichkeiten der Staatsführer in nur wenigen tausend Worten zu erkunden. Durch symbolische Vergleiche, rhythmische Verse und eine lebendige Darstellung von Charakteren und Atmosphäre kann man leicht dazu verleitet werden, mehr über die Geschichte und den Aufbau der Nationen der heute existierenden Staaten zu erfahren. (…)  Natalia Mykhaylychenko, Akquisitionsspezialistin/Fisher Library Toronto

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Und schließlich noch ein Beitrag von der chinesischen KI-Datenbank DeepSeek zu Russischen Opern im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts:  In den 1870er und 1880er Jahren waren russische Opern in Paris noch relativ unbekannt, aber es gab einige bemerkenswerte Ereignisse, die dazu beitrugen, das Interesse an russischer Musik in der französischen Hauptstadt zu wecken.

Weltausstellung 1878 in Paris: Die Weltausstellung von 1878 in Paris war ein wichtiges Ereignis, bei dem auch russische Kultur und Musik präsentiert wurden. Russische Komponisten wie Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Borodin waren vertreten, und es gab Aufführungen russischer Musik, darunter auch Ausschnitte aus Opern. Dies war eine der ersten Gelegenheiten, bei der ein breiteres Pariser Publikum mit russischer Opernmusik in Kontakt kam.

Zu Grandvals „Mazeppa“: Ivan Korsow in der Titelrolle von Tschaikowskys gleichnamiger Oper in der Uraufführung des Werkes/Ipernity

Einfluss von Tschaikowsky: Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, einer der bekanntesten russischen Komponisten, begann in den 1870er und 1880er Jahren international anerkannt zu werden. Seine Werke, darunter auch Opern wie Eugen Onegin (1879), wurden jedoch in Paris in dieser Zeit noch nicht regelmäßig aufgeführt. Tschaikowsky selbst besuchte Paris mehrfach und seine Musik wurde dort gelegentlich gespielt, aber seine Opern waren noch nicht Teil des regulären Repertoires.

Russische Gastspiele: In den 1880er Jahren gab es vereinzelte Gastspiele russischer Künstler und Ensembles in Paris, die auch Opernaufführungen beinhalteten. Diese Veranstaltungen waren jedoch eher selten und richteten sich oft an ein spezialisiertes Publikum, das bereits ein Interesse an russischer Kultur hatte.

Einfluss der „Mächtigen Häuflein“: Die Gruppe der „Mächtigen Häuflein“ (auch bekannt als „Das mächtige Häuflein“ oder „Die Fünf“), zu der Komponisten wie Modest Mussorgski, Alexander Borodin und Nikolai Rimski-Korsakow gehörten, begann in den 1870er Jahren, eine eigenständige russische Musiktradition zu entwickeln. Ihre Werke, darunter Opern wie Mussorgskis Boris Godunow (1874), wurden in Russland aufgeführt, fanden aber nur langsam den Weg nach Westeuropa. In Paris waren diese Opern in den 1870er und 1880er Jahren noch kaum bekannt.

Kultureller Austausch: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Frankreich nahm in dieser Zeit langsam zu, insbesondere durch die Bemühungen von Musikverlegern und Kritikern. Einige französische Musiker und Intellektuelle begannen, sich für die russische Musik zu interessieren, was in den folgenden Jahrzehnten zu einer stärkeren Präsenz russischer Opern in Paris führte.

Fazit: In den 1870er und 1880er Jahren waren russische Opern in Paris noch nicht weit verbreitet, aber es gab erste Anzeichen eines wachsenden Interesses. Die Weltausstellung von 1878 und vereinzelte Gastspiele russischer Künstler trugen dazu bei, das Pariser Publikum mit russischer Musik vertraut zu machen. Die eigentliche Popularität russischer Opern in Paris sollte jedoch erst in den folgenden Jahrzehnten, insbesondere im frühen 20. Jahrhundert, mit den Ballets Russes und den Aufführungen von Werken wie Boris Godunow und Der goldene Hahn, zunehmen.

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Zu Grandvals „Mazeppa“: Georgette Silver-Bréval war die erste Matréna/Ipernity

Gibt es Hinweise darauf dass Tschaikowkis Oper Mazeppa damals in Westeuropa bekannt war? Tschaikowskis Oper Mazeppa, die 1884 uraufgeführt wurde, war in den 1880er Jahren in Westeuropa, einschließlich Frankreich, noch nicht sehr bekannt. Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, dass das Werk langsam an Aufmerksamkeit gewann, insbesondere in Kreisen von Musikern und Musikliebhabern, die sich für russische Musik interessierten.

Begrenzte internationale Präsenz: Mazeppa wurde am 15. Februar 1884 in Moskau uraufgeführt und später im selben Jahr in St. Petersburg aufgeführt. Obwohl die Oper in Russland erfolgreich war, dauerte es einige Zeit, bis sie außerhalb Russlands bekannt wurde. In den 1880er Jahren gab es nur wenige Aufführungen von Tschaikowskis Opern in Westeuropa, und Mazeppa war keine Ausnahme.

Tschaikowskys wachsender internationaler Ruf: Tschaikowsky selbst begann in den 1880er Jahren international anerkannt zu werden, vor allem durch seine symphonischen Werke und Ballette wie Schwanensee (1876) und Dornröschen (1890). Seine Opern, darunter Mazeppa, waren jedoch weniger bekannt. Tschaikowsky unternahm in den 1880er Jahren mehrere Reisen nach Westeuropa, darunter nach Paris, wo er seine Musik dirigierte und Kontakte zu westlichen Musikern knüpfte. Dies trug dazu bei, sein Gesamtwerk bekannter zu machen, aber Mazeppa blieb zunächst im Hintergrund.

Veröffentlichungen und Kritiken: Es gibt Hinweise darauf, dass Partituren und Klavierauszüge von Tschaikowskys Werken, darunter auch Mazeppa, in den 1880er Jahren in Westeuropa veröffentlicht wurden. Dies ermöglichte es Musikern und Kritikern, sich mit dem Werk vertraut zu machen, auch wenn es nicht häufig aufgeführt wurde. Einige westliche Musikkritiker begannen, sich für Tschaikowskys Opern zu interessieren, und es gab vereinzelte Erwähnungen von Mazeppa in Fachzeitschriften.

Erste Aufführungen außerhalb Russlands: Die erste Aufführung von Mazeppa außerhalb Russlands fand 1888 in Prag statt, was ein wichtiger Schritt für die internationale Verbreitung der Oper war. In Westeuropa, insbesondere in Frankreich, gab es jedoch in den 1880er Jahren noch keine nennenswerten Aufführungen. Die Oper wurde erst später, im frühen 20. Jahrhundert, in westeuropäischen Ländern bekannter.

Kultureller Austausch: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Westeuropa nahm in den 1880er Jahren zu, und Tschaikowsky spielte dabei eine wichtige Rolle. Seine Bekanntschaft mit westlichen Komponisten wie Antonín Dvořák und Edvard Grieg sowie seine Auftritte in Westeuropa trugen dazu bei, dass seine Musik, einschließlich seiner Opern, langsam auch im Westen bekannt wurde.

Fazit: In den 1880er Jahren war Tschaikowskis Oper Mazeppa in Westeuropa, einschließlich Paris, noch nicht weit verbreitet. Es gab jedoch erste Anzeichen eines wachsenden Interesses, insbesondere durch die Veröffentlichung von Partituren und die zunehmende internationale Anerkennung Tschaikowskys. Die eigentliche Popularität von Mazeppa in Westeuropa sollte erst in den folgenden Jahrzehnten zunehmen, als Tschaikowskys Werk insgesamt bekannter wurde und seine Opern häufiger auf internationalen Bühnen aufgeführt wurden. DeepSeek

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Dank an Florian Heurich und an Doris Sennefelder vom Rundfunk Orchester des Bayerischen Rundfunks sowie an Natalia Mykhaylychenko von der Fisher Library Toronto; das Konzert von Clémence de Grandvals Mazeppa wurde am 19. januiar 2025 auf BR gesendet und ist als Podcast einen Monat lang zu hören. Besetzung: Nicole Car/Matréna, Tochter von Kotchoubey; Julien Dran/Iskra; Tassis Christoyannis /Mazeppa; Paweł Trojak/Der Archimandrik; Ante Jerkunica/Kotchoubey; Chor des Bayerischen Rundfunks/Stellario Fagone; Münchner Rundfunkorchester/Mihhail Gerts.

Koproduktion mit Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française; Livemitschnitt für die Reihe der CD-Bücher „Opéra français“ unter dem Bru Zane Label; Liveübertragung im Radio auf BR-KLASSIK am 19. Januar 2025: rundfunkorchester.de/audio-video brklassik.de/programm/radio: Französisch-deutsches (!) Libretto: rundfunkorchester.de/mazeppa.

Dank auch an meinen Kollegen und Freund Matthias Käther für seinen Blick in die chinesische KI-Platform DeepSeek, die sich bei allen Vorbehalten als außerordentlich kompetent erweist. Und Dank an Veronika Lindenmayr von outhere für die digitale Unterstützung! (11.02.26)

Abbildung oben/Ausschnitt: Gemälde von Iwan Mazeppa, Pawliszak, Wacław (1866-1905); Nationalmuseum Warschau, Public Domain

Diskrete Opulenz

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Mit der zweiten Veröffentlichung von mehr als zwanzig Mélodies für Gesang und Orchester von Jules Massenet schließt der Palazzetto Bru Zane die vollständige Aufnahme seiner Werke von Massenet ab und setzt seine vor genau zehn Jahren begonnene Verteidigung und Illustration des Genres fort.

Anlässlich eines Festivals, das Camille Saint-Saëns gewidmet war, entdeckte das Redaktionsteam des Centre de musique romantique française 2017 etwa dreißig Werke von Massenet für diese Besetzung, die ein reichhaltiges und farbenfrohes Korpus bilden, das bisher nur wenige Musiker oder Musikwissenschaftler identifiziert hatten. Das Lied mit Orchesterbegleitung – das in Frankreich noch immer auf wenige Beispiele von Duparc und vor allem Berlioz – einen neuen Aspekt und weckte neues Interesse. Unsere Forschung wurde dann mit der schrittweisen Wiederentdeckung Dutzender solcher Stücke von Gounod, Hahn, Dubois, Guilmant, Godard, Jaëll, Bonis, Holmès, Thomas, Caplet, Vierne, Fauré und anderen Und es stellte sich heraus, dass auch Massenet dem Reiz dieser lyrischen Miniaturen nicht widerstehen konnte: Mehr als fünfzig seiner Werke warteten noch auf ihre Veröffentlichung und Aufnahme. Mit dem Erscheinen dieser CD ist diese Mission nun erfüllt.

Die Schwierigkeiten der Covid-Pandemie im Jahr 2020 boten eine unerwartete Gelegenheit, einen ersten Band mit Massenet-Liedern aufzunehmen, an dem sechs Solisten in Zusammenarbeit mit dem Orchestre de Chambre de Paris unter der Leitung von Hervé Niquet mitwirkten. Die sehr positive Resonanz auf diese CD, insbesondere in der Presse, veranlasste die Fortsetzung des Projekts und die Entscheidung, einen zweiten (und letzten) Teil aufzunehmen. Diesmal tritt ein Sängerquartett mit dem Orchestre de l’Opéra Normandie Rouen unter der Leitung von Pierre Dumoussaud.

Der zweite Band präsentiert zwei Zyklen von beeindruckender Originalität. Zunächst Chansons des bois d’Amaranthe, oft fälschlicherweise für eine Reihe von Chören mit Klavier gehalten, die verschiedene Kombinationen eines Solistenquartetts und eines flexiblen Orchesters nutzt; die Fluidität des letzteren beruht auf der unerwarteten Präsenz eines Klaviers, das die orchestrale Textur mit seinen wortreichen Noten belebt. Der Ton wechselt zwischen dem Opernhaften, insbesondere im abschließenden Chantez!, und dem Introspektiven, dank der Verwendung von A-cappella-Kompositionen oder intimeren Duetten und Trios. Die im Februar 1901 komponierte Partitur wurde kurz darauf – im Sommer 1902 – orchestriert, aber diese Orchesterfassung scheint nicht veröffentlicht worden zu sein. Der andere bemerkenswerte Zyklus hier wurde für die Altistin Lucy Arbell komponiert, eine enge Freundin von Massenet, für die er mehrere anspruchsvolle Opernrollen schrieb (darunter Perséphone in Ariane und Posthumia in Roma).

Die Originalität des Zehn-Teile-Zyklus Expressions lyriques liegt im Wechsel von gesungenen Passagen und gesprochenen Passagen mit musikalischer Begleitung.  Massenet hielt einige dieser Stücke für so gelungen, dass er sie orchestrierte und so einen neuen, kleineren Zyklus schuf. Wie im Fall der Chansons des bois d’Amaranthe ist auch diese Orchesterfassung bis heute unveröffentlicht geblieben.

 Lucy Arbelle war Massenets Favorin/ (hier aals Perséphone in  Massenets „Ariane“) BNF Gallica

Das Programm wird durch eine Anthologie einzelner Lieder ergänzt, von denen einige in letzter Minute bei öffentlichen Auktionen wieder auftauchten oder nur wenige Wochen vor Abschluss des Projekts gefunden wurden, wie beispielsweise das hervorragende La Nuit, in dem Harfe und Klavier ihre kristallklaren Klangfarben miteinander verweben und so eine beunruhigende Atmosphäre schaffen. Es liegt in der Natur dieses Repertoires, „lyrische Ausdrucksformen” zu bieten, die alle unterschiedlich, alle bemerkenswert und alle originell sind. Wie hätte Massenet, dieser Meister der opernhaften Emotionen, bei ihrer Komposition nicht sein vollendetes musikalisches Handwerk unter Beweis stellen können? Palazzetto Bru Zane/DeepL

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Dazu die Besprechung: Von Jules Massenet gibt es frisch im Archiv gefundene Orchesterlieder Vol. II, herausgekommen beim Label Palazzetto Bru Zane. Es gibt eine ganze Menge Lieder mit Orchesterbegleitung aus Frankreich. Ein gewaltiges Liedschaffen. Und davon sind ungefähr 10% tatsächlich kostbare, nämlich selbst instrumentierte Orchesterlieder. Die anderen sind Klavierlieder. Ein wichtiger Grund für diese Ausgrabungen ist, dass eben diese intensive Liedforschung selbst in Frankreich relativ jung ist. Verstärkt in den letzten 20 Jahren hat man sich wirklich nach dem nationalen Erbe gefragt. Was ruht eigentlich noch in den Archiven? Dann hat man systematisch diese durchkämmt und erstaunlicherweise erst so um 2015 darauf gestoßen, dass es wirklich sehr viel davon gibt. Man hat an Orchesterliedern 1000 Stück ungefähr gefunden. Zuerst hat man sich mit der Veröffentlichung den wichtigsten Komponisten gewidmet. Nun kommen wir in den Genuss dieser wirklich sehr, sehr schönen Massenet-Lieder, hier nun mit dem Orchester de l’Opera Normandie Rouen.

Massenet ist ein großer Komponist, natürlich nicht so ein Schwergewicht wie Debussy oder Saint-Saëns. Aber er kann eigene Akzente setzen und wurde ja auch im 21. Jahrhundert als Opernkomponist rehabilitiert. Natürlich er hat auch die Ambition, das ist nicht zu leugnen, dass eben die Orchesterlieder auch ein bisschen so klingen: Sie unterscheiden sich manchmal nicht so sehr von den Highlights seiner Opern. So ein Tenorlied könnte auch ein Trinklied aus einer Oper sein. Es ist nur filigraner orchestriert. Da fällt einem diese typische Massenet-Sinnlichkeit auf. Das Besondere ist hier, dass er zwar auf seine Erfahrung als Opernkomponist zurückgreift, aber er will nicht überwältigen. Er war ja ein guter Orchestrierer und gilt darin als einer der Besten in seinem Fach neben Rimsky und Schreker. Aber hier ist alles doch diskreter, fast ätherisch. Vielleicht auch, weil er nicht wollte, dass die Sänger von dieser Orchestermusik. zu sehr erdrückt werden. Er wollte sie in den Vordergrund stellen. Das finde ich was sehr Besonderes. Massenet war eben auch ein innovativer Liedkomponist und auf Augenhöhe mit den Großen seiner Zeit.

Mit dieser zweiten CD liegt das Gesamtschaffen an seinen Orchesterliedern vor. Die knapp 40 sind jetzt alle da. Er hat sie über eine lange Zeit komponiert, von den 1870ern bis ungefähr 1910. Natürlich gibt es auch schwächere – oder sagen wir mal höflich – dekorativere Stücke. Aber in seinen besten Momenten schließt er überraschend auf zur Avantgarde. Eine große Überraschung auf diesem Album ist ein ganz später Zyklus für Mezzosopran. Es ist ein Zyklus, hier zum ersten Mal zu hören, der um 1910 entstanden ist, also kurz vor seinem Tod, mit einer spannenden Mischung aus Deklamation und Gesang auf engstem Raum. Das nimmt ähnliche Experimente von Schönberg vorweg, oder von Weill, und hat mir doch großen Respekt eingeflößt.

Die neue CD umfasst den zweiten Teil dieser Orchesterlieder, die aufgenommen wurden. So gut wie der erste? Ich habe es schon erwähnt: Es gibt ungefähr 40 Orchesterlieder, die kriegt man gut auf jeweils zwei CDs unter. Die neuen knüpfen an den ersten Teil von 2020 an, der eine kleine Sensation war. Und natürlich bindet der jetzt nicht so viel Aufmerksamkeit wie Nummer 1, weil damals eben der Hauch der Sensation noch da war. Man hat insgesamt gut gemischt, innovative Knaller hören wir eben erst jetzt auf dem zweiten Album.

Apropos Massenets Liebe zu Goethe: Alain Vanzo als Werther/OBA

Das hat aber vielleicht auch mit der Qualität der Kompositionen überhaupt zu tun, die durchgehend sehr gut ist. Hier nun gibt es auch kleine Ensembles, Lieder, die er quasi wie eine Mini-Opernszene geschrieben hat. Das finde ich wunderbar. Man hört diesmal Hélène Guilmette, Marie-Andrée Bouchard-Lésieur, Julien Henric, Thomas Dolie und das Orchester de l’Opera Normandie-Rouen unter Leitung von Pierre Dumousseaud. Nicht die Sänger von der ersten Ausgabe. Das ist vielleicht eine winzige Schwäche dieses zweiten Teils. Der erste Teil von 2020 war eine Charmeoffensive sondergleichen. Mit dabei die leider inzwischen verstorbene Jodie Devos, der wirklich bezaubernde französische Tenor Cyril Dubois, damals in Bestform, sowie Véronique Gens. Und am Pult standApropos ein Meister des Repertoires, Hervé Niquet. Das haben wir hier nicht mehr. Die „neuen“ sind eben noch nicht so bekannte Sänger, die gerade auch ihre Karriere machen. Und wenn das jetzt noch nicht so legendär ist, ist es vielleicht doch in ein paar Jahren legendär, ähnlich wie das erste Album. Wenn man nicht immer auf die Namen schaut und wirklich nur zuhört, sehe ich hier überhaupt keinen Qualitätsabfall. Ich finde das neue, genau wie das erste Album, rundherum sehr sehr gelungen.

Zum Schluss ein Hinweis auf eine Kuriosität, hier quasi als Bonus angehängt. Massenet hat sich sehr für die deutsche Liedtradition interessiert, überhaupt für deutsche Literatur. Er hat sich deutsche Gedichte ins Französische übersetzen lassen, um sie zu vertonen. Seine Liebe zu Goethe ist ja dokumentiert durch seinen berühmten Werther. Und es gibt hier seine Orchesterversion eines Schubert-Liedes, eines späten, Am Meer (aus dem Schwanengesang). Hier nun als eine Orchesterbearbeitung. Überhaupt nicht effekthascherisch, ganz ruhig-verhalten, wunderbar. Obwohl es hier „nur“ als Bonus auftaucht, ist es eigentlich für mich das Highlight des Albums. M. K./G. H.

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Jules Massenet: Songs with Orchestra vol. I; Hervé Niquet conductor
Orchestre de Chambre de Paris, Nicole Car soprano, Jodie Devos soprano, Cyrille Dubois tenor, Étienne Dupuis baritone, Véronique Gens soprano, Chantal Santon Jeffery soprano; 1 CD – 80 pages, Booklet in French, English and German; Sung texts in French and English

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Jules Massenet: Songs with Orchestra vol. II, Pierre Dumoussaud conductor, Orchestre de l´Opera Normandie Rouen,
Hélène Guilmette soprano, Marie-Andrée Bouchard-Lesieur mezzo-soprano, Julien Henric tenor, Thomas Dolié baritone, 22 Songs with Orchestra / World Premiere Recording, 1 CD – 92 pages, Booklet and sung texts in French, English and German

Augusta Holmès: „La Montagne Noire“

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La Montagne Noire von Augusta Holmès. Der accent grave auf dem „e“ irritiert: Holmès. Augusta Mary Anne Holmes wurde 1847 als Tochter eines irischen Vaters und einer schottischen Mutter in Paris geboren, wo sie 56 Jahre später auch starb. Sie lebte zeitlebens in Frankreich und betrachte sich als Französin, weshalb sie bereits Jahre bevor sie 1879 offiziell eingebürgert wurde, den Makel des englischen Namens beseitigte und sich fortan Holmès schrieb. Schwerer wog, dass ihr wegen der fehlenden französischen Staatsbürgerschaft ein Studium am Pariser Konservatorium verwehrt blieb. Privatunterricht, darunter, zusammen mit Vincent d’Indy und Ernest Chausson, bei César Frank bot den nötigen Ausgleich für die junge Dame, die früh durch ihre Kompositionen auffiel, welche sie anfangs unter dem männlichen Pseudonym Hermann Zenta veröffentlichte. Ganz so hart, wie sie es schildert, dürfte der Kampf nicht gewesen sein, den Holmès als Komponistin und Frau zu bestehen hatte. Durch den Tod des Vaters, mit dem gemeinsam sie noch die Rheingold- UA und schließend Wagner in Tribschen besucht hatte, war sie abgesichert und wohlhabend genug, um ein unabhängiges Leben zu führen und über ihr Vermögen zu bestimmen, das im Falle einer Heirat an ihren Gatten gefallen wäre. Holmès blieb unverheiratet, was sie nicht davon abhielt, mit dem verheirateten Schriftsteller Catulle Mendès eine Beziehung einzugehen und mit ihm fünf Kinder zu haben. Sicherlich spricht aus manchen Sätzen der Türkin Yamina, die in La Montagne Noire, den montenegrinischen Krieger Mirko skrupellos manipuliert und für ihre Ziele einspannt, ganz offen die Komponistin. Zumindest in den Passagen, wo die versklavte Yamina den Bäuerinnen, die ihre Gatten ebenso verehren und ihnen gehorchen wie Christus, ihre Unfreiheit vorhält.

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Augusta Holmes´“Montagne noir“ in Dortmund/ Foto Björn Hickmann

La Montagne noire ist die einzige der vier Opern von Holmès, die aufgeführt wurde und zwar als zweite Oper einer Komponistin, die jemals an der Pariser Opéra zur Uraufführung gelangte – die erste war die Esmeralda der Louise Bertin, deren Fausto in zwei Wochen in Essen neuerlich auf die Bühne gelangen wird. Beide Male, also in Dortmund wie in Essen, hat auch der Palazzetto Bruno Zane, der sich um die entsprechenden Editionen kümmert, die Hände mit im Spiel. La Montagne Noire kam im Februar 1895 heraus, dirigiert vom damaligen Chefdirigenten Paul Taffanel, die Yamina sang die dramatische Sopranistin Lucienne Bréval, die später Kundry und Brünnhilde und mehrere Partien in den Uraufführungen u.a. von Massenet, Dukas, Février sang, den Mirko übernahm der dramatische Tenor Albert Alvarez, der ein Jahr zuvor den Nicias in Thais kreiert hatte, und Marcel Renaud, der erste Bariton des Hauses, sang seinen Blutsbruder Aslar. Der Erfolg für die im 17. Jahrhundert in Montenegro spielende Oper war durchwachsen. Die Aufführung der Oper Dortmund ist die erste Produktion seit der Uraufführung vor 129 Jahren. Sie schließt sich im Sinn einer ausgesprochen phantasievollen und klugen Dramaturgie des Opernintendanten Heribert Germeshausen an die deutsche Erstaufführung von Ernest Guirauds Frédégonde sowie Spontinis Fernand Cortez an.

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Zum Zeitpunkt ihrer Montagne Noire-Uraufführung war Holmès eine angesehene Komponistin, die mit ihren patriotischen Tondichtungen Irlande und Pologne Anfang der 1880er Jahre Aufmerksamkeit erregt hatte und spätestens 1889 mit den Ode triomphale en l’honneur de Centenaire de 1789, wofür sie 900 Choristen und 300 Musiker zur Erinnerung an die Revolution aufbot, eine Berühmtheit wurde. Fast jeder kennt in Frankreich, und nicht nur dort, heute noch ihren Weihnachtsschlager Trois anges sont venus ce soir. Einigermaßen verwunderlich war die Wahl des Stoffes, einer wackeligen Heldengeschichte aus Montenegro (= La Montagne Noire), das in stete Konflikte mit den Türken verwickelt 1878, kurz bevor Holmès sich dem Thema zuwandte, unabhängig geworden war. Holmès schrieb den Text selbst, was die einzige tatsächliche Wagner-Reminiszenz bei dieser Oper ist, die in die Zwickmühle zwischen Wagner-Begeisterung und politisch motoviertem Widerstand gegen diesen Wagnerisme geriet und nach 13 Aufführungen verschwand; der Holmès-Geliebte Mendès gehörte übrigens zur Vielzahl der von Wagner begeisterten Literaten.

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Augusta Holmes´“Montagne noir“ in Dortmund/ Foto Björn Hickmann

Den Kern des Drame lyrique en quatre actes et cinq tableaux bildet zum einen die in einer religiösen Zeremonie sanktionierte Blutsbrüderschaft der siegreich aus dem Kampf gegen die Türken heimgekehrten Mirko und Aslar, wofür Holmès sich in der slawischen Geschichte umsah und Mirko dem Helden Marko Kraljević und den Priester, Père Sava, dem Gründer der serbisch-orthodoxen Kirche nachempfand. Zum anderen die Liebe des bereits mit Héléna verlobten Mirko zu Yamina. Es sind die Muster der Grand opera Ende des 19. Jahrhunderts. Man spürt die etwas farblose Weitschweifigkeit der frühen historischen Opern von Massenet, man erkennt Saint-Saens und seine Dalila in der Figur der Verführerin Yamina, überhaupt ist es interessant, wie negativ, brutal und herzlos die geradezu idealtypisch angelegte femme fatale durch eine Frau gezeichnet wird. Immerhin lässt ihr Holmès am Ende die Freiheit, während die beiden Kämpfer Mirko und Aslar tot sind. Durch seine Liebe zu Yamina und die gemeinsame Flucht hat Mirko seine Gemeinschaft, seine Verlobte und seinen Blutsbruder verraten. Aslar folgt den Fliehenden, kann aber den völlig verzückten Mirko nicht zur Umkehr bewegen, weshalb er ihn tötet und selbst im Gefecht mit den Türken umkommt. Die heimischen Legenden stilisieren beide zu Freiheitshelden, wie es im fünften Bild anklingt, das in Dortmund in der Originalfassung uraufgeführt wurde. In diesem Dreieck kommt Héléna zu kurz. Sie ist die stille Dulderin, die, anders als ihr Vorbild Micaela, sich im Gebet an die Madonna sogar auf den Beistand von Mirkos Mutter Dara stützen kann. Anna Sohn singt das zart zwitschernd und anmutig, während Alisa Kolosova die Dara drastisch und orgelnd als Mutterautorität gibt. Sie bleibt eine dralle Randfigur wie der mit grobmaschigem Schwarzbass singende Denis Velev als Père Sava.

Das gilt ein wenig leider auch für den Mirko, den Sergey Radchenko wie einen Bruder des übertölpelten und fremdgesteuerten Don José mit schönen heldischem, silbrigem Trompetenton und feinen Zwischentönen gibt. Doch seine langen Erzählungen, gleich zu Beginn des zweiten Aktes, geraten etwas prosaisch, was nicht unbedingt an fehlender gestalterischer Phantasie liegt, sondern an der Langatmigkeit der Holmès, der Langweiligkeit der Situationen, an der fehlenden Dramatik, am großen Bogen. Man bewundert das, doch man liebt es nicht. Zwischen diesen Polen ist die unsympathische Yamina, die alle Facetten der Verführung ausspielen kann, scheinbar die duldsame Sklavin gibt, dann wieder die doppelzüngige Schlange ist, eine gesanglich dankbare Partie und ein Puzzle aus Carmen, Dalila, Charlotte. Aude Extrémo gibt sie mit lodernder Intensität, erdiger Tiefe, gleißender Höhe, schäumender Leidenschaft und einigen Brüchen, ohne dass sich das zu einem Porträt fügt.

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Augusta Holmés/Wikipedia

Eine Figur, die in ihrer geraden Aufrichtigkeit Statur gewinnt, ist Aslar, in dessen Bravourarie am Ende des zweiten Aktes Mandla Mndebele mit Wärme und schöner Höhe glänzt. Trotz der exotischen Farben, fehlt es dem Vierakter an Sinnenreiz- und Glanz, da gibt es Siegesfeiern und Trinkszenen im ersten und vierten Akt, Haremsdamen und Krieger, doch vieles wirkt blutleer, dabei hat Holmès glänzend instrumentiert und wird im dritten und vierten Akt in dieser Hinsicht noch virtuoser und ekstatischer, wobei man an Camille Saint-Saëns denken muss, der von Mademoiselle Holmès sagte, „In ihrer Musik explodieren die Blechbläser wie Feuerwerkskörper; die Töne prallen aufeinander, die Modulationen kollidieren mit einem stürmischen Lärm…alle Klangfarben des Orchesters, einer Art intensiver Kultivierung unterworfen, erzeugen maximale Effekte und die Violinen werfen Raketen ab, vor denen selbst das Klavier zurückweichen würde; die große Trommel, die Becken, die Harfe tanzen einen wilden Reigen.“

Diese zunehmende Sinnlichkeit des Gesangs und instrumentale Virtuosität reizen Motonori Kobayashi und die Dortmunder Philharmoniker, unterstützt von Chor und Extrachor, präzise und mit pompöser Klangfülle aus, wodurch der Schlussapplaus heftiger als zur Pause ausfällt. Emily Hehl hat dieses balkanesische Drame lyrique ausgesprochen überlegt und sorgfältig auf die Bühne gewuchtet und ihm durch die Gestalt einer Gusla-Spielerin, welche die in uralten Erzählungen tradierte Heldengeschichte des Marko Kraljević vorträgt, einen Rahmen gegeben. Im deftigen rezitierenden Schrei-Gesang gibt Bojana Peković einen glühenden Ton vor, den die Dorfgemeinde nur schwer aufnehmen kann. Zusammen mit den sanft stilisierten Trachten und den bildträchtigen Überwürfen für die Frauen und weißen Faltenröcken für die Männer (Kostüme: Emma Gaudiano) kreiert Hehl in der typischen grauschieferigen Frank Philipp Schlössmann-Kiste, die nach hinten spitz abknickt, sich geschickt heben und schieben lässt, eine zwischen Raum und Zeiten schwebende Geschichte, in der ein Esel ebenso seinen Platz hat wie ein Auto, die im Krieg erbeuteten türkischen Teppiche ebenso wie abnehmbare Heiligenscheine. Rolf Fath

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