Archiv des Monats: Dezember 2025

Goldene Zeiten

.

Überaus emsig ist das Münchner Rundfunkorchester unter seinem Dirigenten Ivan Repušiċ und erfreut noch kurz vor Weihnachten seine Fans mit einer CD mit dem Titel Golden Age, womit das Zeitalter gemeint ist, in dem Komponisten die Grenzen der menschlichen Stimme ausloteten und Sänger zu Höchstleistungen herausforderten. Auf der CD vereinen der Koloratursopran Erin Morley und der Tenor Lawrence Brownlee ihre Stimmen in Duetten, singen aber auch hochvirtuose Arien. Dabei fällt auf, dass man zwar die  populären Stücke nicht generell meidet, aber auch solche ausgewählt hat, die nicht weniger reizvoll, aber weniger bekannt sind. So fehlt die mit Spitzentönen prunkende Arie des Tonio aus Donizettis Regimentstochter, nicht aber ein weniger spektakuläres Duett, kann man von Bizet aus dessen kaum bekannter Oper La jolie fille de Perth ein reizvolles  Duett, aber auch die berühmte Arie des Nadir aus den Perlenfischern hören.

Es beginnt mit dem bereits erwähnten Duett aus La fille du régiment, in dem der Sopran eine schnippisch-kess klingende Stimme hören lässt, sich aber auch lyrisch mädchenhaft geben kann, während der Tenor durchaus Leichtigkeit und Geschmeidigkeit der Stimme vermittelt, aber stellenweise auch etwas belegt klingt.  Besonders gut scheint ihm Rossini zu liegen, wie das Duett aus Le comte Ory verrät, in dem der Sopran sehr viel wissender, reifer klingt als zuvor, ironisch-zynische Lichter aufsetzt. Das dritte Duett ist das aus der bereits erwähnten Fille de Perth, die von den Schwierigkeiten eines jungen Paars handelt, sich gegenüber den Begierden der tieferen Stimmen zu behaupten, auch vorübergehender Wahnsinn des Soprans bedient einen beliebten Handlungsschlenker. Die des Smith ist eine Alfredo-Kraus-Partie, der Sopran erfreut mit schöner Innigkeit. Aus Delibes‘ Lakmé folgt nicht das berühmte Blütenduett, sondern logischerweise das zwischen Sopran und Tenor C’est le Dieux de la jeunesse, in dem sich am Schluss die beiden Stimmen harmonisch miteinander vereinen. Das letzte Duett stammt aus Don Pasquale, Tornami a dir che m’ami“, und liefert den Beweis dafür, dass die beiden Stimmen sehr gut zueinander passen.

Bei den Arien wird es generell populärer, da möchte jeder seinem künstlerischen Affen Zucker geben, was Brownlee mit der Arie des Nadir in schöner Ebenmäßigkeit gelingt, während er mit der Tenor-Arie aus Marino Faliero ein hoch virtuoses Stück gewählt hat, in dem er seine Höhensicherheit eindrucksvoll unter Beweis stellen kann. Der Sopran verlässt sich ebenfalls mit Gildas Caro Nome aufs Hochpopuläre, mit Lakmés Glöckchenarie aufs Hochvirtuose und kommt mit beidem gut zurecht.

Natürlich ist das Münchner Rundfunkorchester unter Ivan Repušiċ ein erfahrener und die Sänger perfekt unterstützender Begleiter (Pentatone PTC5187 400). Ingrid Wanja   

Zwischen Weinberln und Zibeben

.

Vor 143 Jahre betrat der slibowitzselige Gefängniswärter Frosch in der Fledermaus zum ersten Mal die Bühne. Für Johann Strauss Sohn war es nicht die erste Operette, die da am Theater an der Wien zur Aufführung kam. Schon drei Jahre vorher, 1871, hatte er am Theater an der Wien, wo auch Die Fledermaus herauskam, sein Debut als Operettenkomponist mit der Operette Indigo und die 40 Räuber gefeiert. Es war ein großes Ereignis gewesen, wie das Fremdenblatt am 12. Februar 1871 berichtete: „Denn gleich einer Seeschlange zog sich seit Jahren die Nachricht von der Aufführung des beliebten Walzerkomponisten durch die Blätter. Zahlreiche Texte wurden dem Genannten zur Verfügung gestellt; er hatte sie Alle verworfen … Selbst das endlich zur Benützung angenommene Textbuch hat eine ganze Leidensgeschichte für die Direktion, für den Kompositeur und – das ist das Bezeichnendste – für das Publikum … Das Haus bot an diesem Abend einen ganz eigenthümlichen Anblick. Die Schriftsteller und Journalisten Wiens, die bedeutendsten Kompositeure und Musiker, die unbeschäftigten Künstler aller Theater, sie hatten sich eingefunden und der Direktor des Hofoperntheaters, Herr Herbeck, der keinen Platz im Zuschauerraume gefunden hatte, folgte der Vorstellung auf einem improvisirten Sitze im Orchester.“

Erotischer Strauss: Marie Geistinger as Boccaccio, in Vienna/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Marie Geistinger als Boccaccio in Wien/Orca/Roser

Nur eine Spalte weiter ist dann allerdings zu lesen, dass der Erfolg „meistentheils der Musik, der glänzenden Ausstattung, dem trefflichen szenischen Arrangement und der über alles Lob erhabenen Vorstellung galt.“ Darauf folgt – quasi als dramaturgisches Statement – eine etwas merkwürdige Einschätzung des Werts eines Operettenlibrettos: „Zum Glück ist der Text einer Operette nichts weiter als die Folie für die Gesangsnummern und der Text zu ‚Indigo‘ kann daher auch nur als eine hölzerne Nothbrücke aufgefasst werden, welche die fließenden und munter einherhüpfenden Gesangsstellen miteinander verbindet.“ So ganz auf die Waagschale legen darf man die Äußerungen des Rezensenten auch sonst nicht.

.

„Seit Jahren“ kann sich die Entstehungsgeschichte von Indigo nicht durch die Blätter gezogen haben. Denn wenn man den Beginn der Wiener Operette mit dem Pensionat von Franz von Suppé 1860 ansetzt – auch wenn das noch keine ausgewachsene Operette war -, dann handelt es ich nur um ein knappes Dezennium, in dem sich die Wiener Operette von Einaktern, die im Spielplan mit Schauspielen gekoppelt wurden, über Zweiakter erst 1870 mit Suppés Jungfrau von Dragant zu einem allein einen Abend füllenden Dreiakter entwickelt hatte. Das initiale Pensionat Suppés war zwar kein einhelliger Presseerfolg gewesen, aber ein folgenschwerer Publikumserfolg, den auch Johann Strauss Sohn zur Kenntnis nehmen musste, als er Ende Oktober 1860 müde und erschöpft, wie Franz Mailer schreibt, von seinem Russland-Gastspiel nach Wien zurückgekehrt war. Seine aus Russland mitgebrachten Novitäten fanden weit weniger Interesse beim Publikum als die Neuschöpfung Suppés.

Ein alarmierender Anstoß für die Strauss-Familie, dem neuen Genre vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, ebenso natürlich seinem französischen Anreger Offenbach, den Wien mit viel echtem künstlerischem Enthusiasmus und frechen illegalen Urheberrechtsbrüchen an die Brust genommen hatte. Die Wiener Presse dachte zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs daran, in Johann Strauss Sohn einen zukünftigen Operettenkomponisten zu sehen: Als Bäuerles Theaterzeitung darüber sinnierte, wer ein wienerisches Pendant zu Offenbach werden könnte, fiel der Name von Strauss nicht.

Erotischer Strauss: Cover der originalen Noten/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Cover der Zeitschrift „Die Bombe“ mit einer Darstellung zur „Fledermaus“ 1847/Orca/Roser

Aber Johann Strauss wusste sich schon 1863 den Kontakt zu Jacques Offenbach zu sichern. Über den Kritiker Eduard Hanslick, der mit beiden befreundet war, bemühte er sich, den Offenbachschen Walzer Abendblätter für seinen Verlag zu sichern. Offenbach hatte diesen, so wie er seinen Walzer Morgenblätter op. 279, für denselben Concordia-Ball als Widmungswalzer komponiert. Beide Werke erschienen auch tatsächlich gemeinsam im Verlag C. A. Spina. In den Bereich der Legende verwies allerdings schon Franz Mailer die Mitteilung, Offenbach hätte 1864 bei einem Bankett Strauss den Rat erteilt, Operetten zu schreiben, auch wenn die Theaterzeitschrift Der Zwischenakt schon am Tag nach dem bewussten Concordia-Ball Johann Strauss bereits an einer einaktigen Operette arbeiten sah. Die Meldung entsprach den Intentionen von Jetty Strauss, der Ehefrau des Komponisten. Der Meister war jedoch absolut nicht dieser Meinung.

Strauss war in dieser Zeit mit Franz von Suppé enger befreundet und attestierte ihm zu Recht ein größeres Talent für Theatermusik. Denn seine musikalische Sozialisation hatte nicht, wie die Suppés, am Dirigentenpult eines Orchestergrabens und mit der Komposition von Bühnenmusik für diverse Schauspiele stattgefunden, sondern auf den Tanzböden mit der Komposition und Präsentation von Tanzmusik, die sich nicht um dramaturgische Bedürfnisse von Autoren kümmern musste, sondern allein der bis ins Rauschhafte gesteigerten erotischen Animation des tanzwütigen Publikums diente. Dieses erotische Bedürfnis zu befriedigen, strebte aber auch die junge Wiener Operette an, die sich in ihren Sujets zaghaft auf einen unverwechselbaren Stil hin bewegte. Man hatte dafür an den in den drei traditionellen Wiener Vorstadttheatern gespielten Volksstücken, Sittenbildern, Idyllen, Märchen und Possen angedockt, hatte musikalische Anregungen aus den am Kärntnertortheater aufgeführten Donizetti-Opern gezogen, was Franz von Suppé sogar den Vorwurf einbrachte, sich am „Donizettelkasten“ bedient zu haben, und man ließ sich in den Libretti auf die Frivolität der Offenbachschen Bühnenwerke ein. Deren hoch politische satirische Anspielungen konnte man wegen der zurückhaltenden Liberalität in der habsburgischen Monarchie nicht übernehmen, hatte vielleicht auch gar nicht die Absicht, weshalb man ihren erotischen Subtext zu intensivieren trachtete, selbst wenn dabei Offenbachs Eleganz und Charme verloren gingen.

.

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, nicknamed “Luzi Wuzi”/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, bekannt als “Luzi Wuzi”/ ORCA/Roser

Das noch länger biedermeierlich verklemmte Wien nahm die erotischen Spielchen mit Freuden zur Kenntnis. Wo der Alltag bis ans Jahrhundertende Frauen noch vom Hals bis zu den Zehen modisch verpackte, steckte man sie auf der Bühne – durch dramaturgische Notwendigkeit vorgeblich bedingt – als Männer in Hosen und enthüllte damit ihre körperlichen Reize. Das aus barocken und vorklassischen Resten noch in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts herüberschwappende Cross Dressing feierte fröhliche Urstände. Selbstverständlich nur bei den Damen. Die traditionellen Kittelrollen der Metamelodrammen der frühen opera buffa-Geschichte, für die man in den Operettenlibretti oft zwingendere Möglichkeiten gehabt hätte als für Damen in Hosen, ließ man dagegen links liegen. Das ganze Quidproquo dieses Cross Dressings schuf in der Rückblendung auf das reale Geschlecht pikante erotische Konstellationen. Sittenstrenges Theater mutierte zu einer geduldeten unmoralischen Anstalt. Junge Damen in Hosen wurden auf die absurdeste Weise aufgeboten, so dass zum Beispiel in der Originalfassung von Suppés Banditenstreichen zwei Damen in Hosen als Liebhaber einer jungen Dame nachstellten und der Chor der Räuber aus neun Damen in Strumpfhosen und nur vier Herren bestand.

So dick wollte sich selbst ein auf sexuelle Erregung erpichtes Männerpublikum nicht mehr antörnen lassen. Wer Stefan Zweigs Welt von gestern gelesen hat, vermag die Wirkung dieser erotischen Komponente in der Zeit zu begreifen und zu verstehen, dass das Publikum auch im Dekodieren eines erotischen Subtextes geschult war, der ihm versteckt das vermittelte, was offen noch immer nicht ausdrückbar war. Man spielte – und spielte an. Das Prinzip war nicht nur beim aufstrebenden Bürgertum gesellschaftsfähig, sondern auch bis in die höchsten aristokratischen Schichten. Die Presseberichte der Zeit vermerken mehrmals, wie selbst die kaiserliche Familie das neue Genre goutierte, in erster Linie Erzherzog Viktor Ludwig, der jüngste Bruder Kaiser Franz Josefs, in der Familie kurz Luzi Wuzi genannt. Er fand in den Spielsituationen der Libretti sogar seine homophilen Neigungen gespiegelt, die er im Alltag nur skandalträchtig ausleben konnte.

.

Der erotische Touch der Stücke war jedoch nicht der Grund, warum Gattin Henriette, kurz Jetty genannt, geborene Treffz-Chalupetzky, Johann Strauss Sohn zur Operette drängte. Sie war eigentlich prüde – trotz sieben unehelicher Kinder, deren letzte, zwei Mädchen, beim Vater, dem späteren Baron Todesco, im Palais Todesco auf der Kärntnerstraße zurückgeblieben waren, als sie sich dem Walzerkönig zuwandte. Aber sie hatte ähnlich gute Managerqualitäten wie die Mutter des Komponisten, Anna Strauss, geborene Streim, die die Strauss-Brüder weltweit etabliert und Sohn Johann zum Walzerkönig gekrönt hatte. Jetty erkannte die Möglichkeit, über immer wieder sprudelnde Tantiemen durch Operettenaufführungen mehr Geld in die private Kasse zu spielen, als durch Einmal-Bezüge bei Tanzmusik-Kompositionen, wo nur mit Auftrags- und Auftrittshonorar und durch den Notenverkauf Geld zu verdienen war. Und sie erkannte auch, dass die verkaufsfördernde Wirkung des Walzerkönigs nur mit seinem persönlichen Auftreten vor dem Orchester der Strauss-Familie erreicht werden konnte, wovon Johann Strauss immer mehr die Nase voll hatte.

.

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in Hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Bis zur Komposition von Indigo lagen bereits 342 Opuswerke mit Tanzmusik vor. So war nun die Zeit gekommen, sich den Absichten Jettys zu beugen. Erst 1863 war Johann Strauss vom Kaiserhof mit dem Ehrentitel Hofball-Musikdirektor ausgezeichnet worden, der einst für seinen Vater erfunden worden war. Am 5. Jänner 1871 suchte er um Enthebung von der Leitung der Hofball-Musik an, was im Vorfeld sicherlich mit dem Obersthofmeister Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst abgesprochen war. Denn bereits eine Woche später erreichte ihn die Bestätigung des Kaisers, der ihm den Titel auch weiterhin beließ und ihn für seine Verdienste mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph – Ordens auszeichnete. Am 27. März des Jahres erfolgte im neuen Musikvereinssaal am Karlsplatz der letzte gemeinsame Auftritt mit den Brüdern Josef und Eduard. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer als Operettenkomponist begann. Als Operettenkomponist im Theater an der Wien musste Johann Strauss Sohn nicht mehr als „Gunstwerber“ antreten, wie einer seiner Walzer im Debutkonzert am 15. Oktober 1844 im Casino Dommayer in Hietzing geheißen hatte. Die Gunst des Publikums war ihm gewiss. Aber er hatte nun mit einem Partner zu rechnen, den er nicht so recht einzuschätzen wusste: dem oder den Librettisten.

Und das begann schon bei Indigo und die 40 Räuber die Malaise, die – von der Presse deutlich artikuliert – ihn an der Richtigkeit seines Schrittes hätte zweifeln lassen können. Schulkamerad und Freund Anton Langer, Herausgeber der viel gelesenen humoristischen MonatsschriftHans Jörgel, versuchte nach der umjubelten Premiere die Zweifel zu zerstreuen: „Du hast Talent genug, dass eine Operette von Dir keine andere Ausstattung braucht, als Deine Musik. Du hast’s nicht notwendig, ein halbes Hundert halbnackte Weiber oder doch Weiber in Hosen hinaufzustellen.“ Er findet das Textbuch nicht schlechter als die Bücher für „unzählige Offenbach’sche Blöderien“, womit er unter anderem sicher auch Offenbachs Die Insel Tulipatan meint, angewidert von der erotischen Sprengkraft dieses Cross-Dressing-Einakters, dessen entschlüsselbare homophile Tendenz ihm nicht behagte. Mit dem Hinweis auf die Güte schlichter Offenbach-Stücke, die dem Singspiel nahestehen – wie zum Beispiel Verlobung bei der Laterne oder Fortunios Lied – warnt er vor Ausstattungsstücken, zu denen er Indigo zählt, ohne zu ahnen, dass die Operette schon sehr bald diesen Weg einschlagen wird und die Ausstattung zu einem stilbildenden Parameter.

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Für das nicht gerade vorbildliche Textbuch von Indigo und die 40 Räuber übernahm Maximilian Steiner die Verantwortung, der seit 1869 gemeinsam mit dem Star des Theaters an der Wien, der Schauspielerin Marie Geistinger, die Bühne leitete. Das vier Wochen vor der Premiere am 13. Jänner 1871 eingereichte Zensurlibretto trägt allerdings den Namen Richard Gené(e). Der gebürtige Danziger war noch von Friedrich Strampfer 1868 als Kapellmeister ans Theater an der Wien verpflichtet worden, dort allerdings nicht nur am Pult tätig, sondern als Mädchen für alles eingesetzt, so auch als Libretto-Retter oder besser: play doctor, wie man das im amerikanischen Musicalgeschäft nennt. Er war offensichtlich der Letzte, der am Libretto von Indigo Rettungsversuche vornahm, nachdem schon diverse Köche den Brei zu „verbessern“ gesucht hatten. Er beriet Johann Strauss auch in allen musikalischen Bühnenbelangen. Kurz gesagt: Strauss lieferte die Melodien, Genée setzte sie um.

Indigo führt auf die orientalische Insel Makassar, wo König Indigo ein von korrupten Ministerialen ausgeplündertes Volk regiert. Seine Lieblingsbajadere ist die in Wien geborene Fantasca. Sie hat mit ihrem Geliebten Janio auf einer Reise Schiffbruch erlitten und ist im Harem Indigos gelandet. Janio wurde quasi als Hofnarr von Indigo aufgenommen. Eine Räuberbande bedroht die Insel. Fantasca wird als Preis für den ausgesetzt, der die Räuber besiegt. Die Räuber sind aber schon längst bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen. So verkleiden sich die Bajaderen unter Führung Fantascas als Räuber, erbeuten die Schätze der ertrunkenen Räuber, Fantasca betäubt die Bajaderen mit Opium, lässt sie auf den Sklavenmarkt bringen, wo Janio von Indigo, der sich inzwischen zum Gott ausrufen ließ, als Besieger der Räuber die Hand Fantascas einfordert, worauf sie gemeinsam mit den Bajaderen nach Wien absegeln.

.

Ein bisschen viel action, viel Spiel – und kaum etwas zum Anspielen, sieht man von den korrupten Ministerialen und dem Damenchor in Hosen ab. Korruption sollte in der Folge zu einem mehrmals verwendeten Motiv der Wiener Operette werden, denken wir nur an den infamen Podestá Nasoni in Gasparone von Millöcker. Ein dramaturgisches Mittel, das auch heute noch von einem Publikum sofort verstanden wird. Das Wiener Theaterpublikum war nicht eben an große Bühnenliteratur gewöhnt. Man bedenke, dass selbst das Repertoire des hehren Burgtheaters von trivialen Stücken dominiert war, deren Text sich oft kaum von den Dialogen der Operetten unterschied und nur durch schauspielerisches Können veredelt wurde. Offensichtlich wirkte da noch immer ein Dekret des Gründungskaisers Joseph II. nach, das keine traurigen Stücke zulassen wollte, um die kaiserlichen Zuschauer beim Theaterbesuch nicht in traurige Stimmung zu versetzen. Die Konversationskomödie führte noch eine ziemlich banale Konversation.

Erotischer Strauss. Librettist Richard Gené hatte keinen kleinen Anteil am "Verrufenen/ORCA

Erotischer Strauss. Librettist Richard Genée hatte keinen geringen Anteil am „Verrufenen“/ORCA

Die reichlich absurde Handlung von Indigo hat das Publikum bestimmt nicht deprimiert, aber die Gesangstexte hätten das Publikum schon in traurige Stimmung fallen lassen können.Nur ein Beispiel – Fantasia singt: „In des Harems Heiligtume, in der Frauen heit’rem Kreise, blühe ich als stille Blume fern vom Welteng‘leise. Und wie Blumen welkt die Liebe in den Herzen hin allmählich, ach, nur einmal blüh’n die Triebe – und wer das glaubt, der wird selig!“  Selbstverständlich war das nicht parodistisch gemeint. Es sollte lustig wirken. Schwer vorstellbar, dass ein Mann wie Genée Urheber dieser Verse hätte sein sollen, der einmal der goldenen Wiener Operette die besten Libretti schreiben würde. Da waren sicher andere Autoren am Werk, weshalb letztendlich Genée auch nicht für das fertige Produkt zeichnete. Wir finden aber in diesem Textbuch von Indigo schon viele Motive, die die weitere Entwicklung der Wiener Operette bestimmen sollten. Da wäre zum Beispiel die Verherrlichung Wiens mit einem Walzer, die bis hinein ins nächste Jahrhundert immer wieder von Komponisten aufgegriffen wurde. Und da wäre auch der exotische Spielort, der Reiz des Fremden, der ebenso zu einem erotischen Stimulans wird und die erotische Komponente der Libretti in den Bereich des Märchens verschiebt. „Märchen für Erwachsene“ hat Robert Herzl, einer der letzten traditionellen Operettenregisseure, das Genre der Wiener Operette immer genannt. Märchen, die sich vom satirischen Vorbild der französischen Operette verabschiedet hatten, die das Faszinosum des Exotischen, das Offenbach als Maske einer kritischen Haltung benutzte, unreflektiert übernahmen und zunehmend in Exotismen aller Art schwelgten, wie Christian Glanz konstatierte. Märchen wurden auch gebraucht für die minderbemittelten Schichten der rapide wachsenden Stadt, für die armen, ausgebeuteten Arbeiter aus Böhmen und Mähren, die Ziegelböhmen, die das Wunderwerk der Ringstraße entstehen ließen und die in diesen Märchen auf den billigen Rangplätzen der Vorstadttheater ihrer bitteren Realität entflohen.

.

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Volker Klotz ließ Richard Genée spät, wie er selbst in einem Aufsatz bekennt, zu den Ehren kommen, die diesem Motor der Wiener Operette, wie er ihn nannte, zustehen. Johann Strauss scheint schneller die außerordentliche Begabung Genées erkannt zu haben, weil ab „Indigo“ zunächst keine seiner neuen Operetten ohne seine Mithilfe auskam. Klotz beschreibt Genée als „Gegenteil eines sendungsbesessenen Reformators“. „Die gelassene Haltung des selbstsicheren Fachmanns“ ermöglichte ihm, jedem Komponisten plausibel zu machen, was seinem Werk Not tut. Er kannte das Werk Offenbachs genauest und hatte selbst mit eigenen Werken im neuen Genre noch vor seinem Engagement nach Wien parallel zu Suppé und Kollegen erfolgreich experimentiert. Er wusste die Frivolität der Offenbachschen Libretti in seine Libretti für die Wiener Komponistentrias Suppé, Strauss und Millöcker zu retten, die weniger das Publikum auf den oberen Rängen interessierte, das ein gesundes Verhältnis zur Sexualität hatte, als das erstarkte Bürgertum und die assimilierte jüdische Gesellschaft. Seit 1860, im Jahr der ersten Wiener Operette, durften Juden in Wien Besitz erwerben. Begütert und angesehen wurden sie neben dem Adel zu Protagonisten der Wiener Ringstraßenzeit.

.

Die Operette wurde für sie das Zentrum des musikalischen Amusements, galt als etwas Fortschrittliches, das man wie auch das Neue in anderen künstlerischen Bereichen – nun endlich angstfrei, ohne drohende Pogrome im Nacken – fördern wollte. Genée stimmte also das junge musikalische Amüsiertheater wieder auf die großstädtische Pariser Wurzel zurück, die man für das Werden einer Metropole notwendig fand, auch wenn Wien etwas ganz anderes als Paris war. Genée wusste sich auch bei der katholisch konservativen Jetty Strauss durchzusetzen, die bei der Fledermaus ein Libretto zuließ, das thematisch schon eher der nicht gerade prüden Lebensart von Johann Strauss Sohn entsprach. Einmal noch wurde auch eine weitere große Hosenrolle mit dem Prinzen Orlofsky von Jetty akzeptiert, die den frivolen Hintergrund der Handlung – so wie heute mancher Regisseur – übersah oder tolerierte und nur die oberflächliche szenische Folie eines in jeder Beziehung rauschenden Festes zur Kenntnis nehmen wollte. Für die Darsteller war wieder Spielen und Anspielen gefragt. Man betrat wieder einen Boden, aus dem auch die Literaten der Zeit, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler, ihre Motivstränge zogen, auch wenn sie bei ihnen meist anders als in der Operette letal endeten. Der Kenner der französischen Literatur, Kapellmeister Genée, arbeitete bevorzugt mit Camillo Walzel zusammen, der sich als Schriftsteller F. Zell nannte, einem gebürtigen vielseitig begabten Magdeburger, der unter anderem Lithograph, Schauspieler, Schiffskapitän und eben Schriftsteller war, überaus belesen, so dass er die Handlungen der gemeinsamen Operettenlibretti vorgeben konnte und dabei behende fremdsprachige Quellen plünderte, was immer wieder zu verzwickten rechtlichen Situationen führte.

Für die Fledermaus wurde aber Genée mit einem Wiener Schriftsteller zusammengespannt, der die couleur locale in das Stück Le Réveillon von Meilhac und Halévy, dem Libretto-Wunderteam Offenbachs, einbringen sollte, mit Carl Haffner. Oswald Panagl und Fritz Schweiger beschreiben den damals bereits 70jährigen Hausdichter des Carl-Theaters als Prototyp eines „Hungerpoeten“, der seinem Theater jährlich zwölf neue Stücke liefern musste. Genée war mit der Übersetzung und wienerischen Einrichtung des Originals durch Haffner, den er übrigens nach eigener Auskunft nie gesehen hat, nicht einverstanden. Wahrscheinlich war sie so bieder ausgefallen, wie damals die Sprechstücke auf den Vorstadtbühnen zu sein pflegten. Das konnte man für eine Operette nicht brauchen. „Ich fand es unmöglich“, schrieb Genée, „erbat mir am anderen Morgen das französische Original und schrieb hiernach das Libretto. Von der Haffnerschen Posse, die ich zurückgab, benutzte ich nur die Namen der Personen. Auch von dem Original musste ich in Szenenbau und Charakteren weit abweichen… Um den altbewährten Schriftsteller Haffner nicht zu kränken, wurde er auf dem Theaterzettel mit meiner Zustimmung als Kollaborateur genannt.“ Genée war aber nicht nur als Librettist in den Entstehungsprozess der neuen Strauss-Operette involviert. Er war musikalischer Ratgeber, der dem berühmten Komponisten mit seinem Wissen über szenische Musik zur Hand ging und mit dem von ihm gestalteten berühmten Melodram mit der Schicksals-Musiknummer 13 im 3. Akt der Partitur Strauss zu der wohl theatertauglichsten Musik führte, die er geschrieben – oder eben nicht geschrieben hat.

.

Strauss: Hörptobe zu "Indigo" auf youtube

Strauss: Hörprobe zu „Indigo“ auf youtube

So wurde nun das Publikum des Theaters an der Wien am 5. April 1874 in einen Badeort in der Nähe einer großen Stadt geführt. Wenn in manchen Inszenierungen der Vorhang hochgeht, sieht man eine feudale Villa im Hollywood-Stil. Das war sicher nicht Genées Absicht. Pensionisten konnten sich vielfach das Leben in der Großstadt nicht mehr leisten und zogen sich deshalb in die Umgebung der Stadt zurück, wo das Leben billiger war. Der Ort der Handlung spielte also schon auf den Stand und die Vermögenslage der Protagonisten an, war unschwer als Baden bei Wien erkennbar und erregte beim Publikum Heiterkeit in Erinnerung an Bekannte, die ihm das real vorlebten. Dass in einem kleinen Ort jeder jeden kennt, ist selbstverständlich. Umso unverständlicher, wenn nun einer dort, der Richter, nicht so ticken will, wie es dem vor Gericht stehenden Rentier Eisenstein gefällt, der ihn bestens kennt und ihm bei Einladungen das Silberbesteck geborgt hat, wie man im französischen Original lesen kann. Gattin Rosalinde wiederum benutzt den verurteilenden Richter gleich als Alibi für ihr neuerliches Techtelmechtel mit einem ehemaligen Liebhaber. „Hätte er meinen Mann nicht verurteilt, könnte ich meinen ehemaligen Liebhaber nicht empfangen!“ In aller Unverblümtheit gestaltet sich da ein Sittenbild, das die angestochene Moral der Zeit reflektiert. Hebt sich dann im zweiten Akt der Vorhang, sieht man meistens einen prachtvollen Ballsaal. Hat sich Genée das wirklich so vorgestellt?

.

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Ich habe einmal mit dem großen Regisseur Giorgio Strehler über eine Inszenierung der “Fledermaus” gesprochen. Er war sich ohne langes Nachdenken der Hintergründigkeit der Szene bewusst, die Sein und Schein auseinander dividieren muss.Für ihn waren die Ballettratten nicht die ranken und schlanken Tänzerinnen des Hofopernballetts, sondern die Damen der letzten Reihe, die sich ihre knappen Gagen mit Beziehungen zu betuchten Herren aufpäppelten. Und Prinz Orlofsky war kein reicher russischer Magnat, sondern ein Schieber, der nur in der Provinz den feinen Mann spielen kann, auf den ihm die Gesellschaft in der Großstadt nicht hereinfallen würde und wo er sich auch mehr vor der Polizei hätte in Acht nehmen müssen. Wenn schließlich die mediokre Gesellschaft auf der Bühne champagner- und wodkagetränkt ins lallende „Dui-du“ der Verbrüderung fällt – dann weiß man genau, wohin das führt, wenn der Vorhang gefallen ist.

.

Spielen und anspielen, das ist es, was die Inszenierung einer guten Operette heute so unendlich schwer macht. Man will es nicht so genau wissen, aber genauest glauben, was eigentlich los ist. Der Schlussgesang der Fledermaus weist deutlich darauf hin, auch wenn gleich wieder der Champagner als Entschuldigung herangezogen wird, der alles verursacht haben soll: „Wir wollen ihm den Glauben, der selig macht nicht rauben.“ Der Zuschauer weiß, dass er einem eindeutig sexuell konnotierten Vexierspiel zugesehen hat, das oft die Pornographie streift, wenn zum Beispiel der enttarnte Gefängnisdirektor Frank das Stubenmädchen rügt: „Sie haben sich von mir die Hand küssen lassen!“ Und sie darauf antwortet: „Nicht nur die!“

.

Die berühmten Libretti von Zell und Genée greifen immer wieder dieses Brunftjagen nach dem anderen Geschlecht auf, das versteckt auch die zwischenmenschliche Realität der Zeit bestimmte. In Suppés Boccaccio geht es in erster Linie um Sex, im Bettelstudent benimmt man sich schon etwas gesitteter. Für Strauss ließen sich die beiden Herren noch einmal auf die erotische Jagd ein, die man aber diesmal nicht so unversteckt portraitierte wie in derFledermaus, sondern um den Faktor Romantik bereichert. Eine Nacht in Venedig hieß das Stück, wieder nach einer französischen Quelle, dem Opernlibretto zu Le Château Trompette von Eugène Cormon und Michel Carré, wieder mit den üblichen urheberrechtlichen Schwierigkeiten wegen literarischer Plünderung. Nur diesmal fand die Uraufführung nicht in Wien statt, da Strauss das Theater an der Wien meiden wollte, weil ihn seine zweite Frau Angelika Dittrich (Jetty war 1878 gestorben) verlassen hatte und nun mit dem neuen Direktor des Theaters, Franz Steiner, dem älteren Sohn des inzwischen verstorbenen Maximilian Steiner, zusammenlebte, also Frau Prinzipalin geworden war, was man in der Presse als Begründung auch nur „anspielen“ konnte.

.

Poster zu "Bocaccio", London 1882/ORCA

Poster zu „Bocaccio“, London 1882/ORCA

Die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig am 3. Oktober 1883 zur Eröffnung des Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin wird immer wieder als Misserfolg auf Grund des Librettos kommuniziert. Sicher, man hat das Libretto von Zell und Genée nicht geliebt. „Sie sind und bleiben des Sängers Fluch“, schrieb der Rezensent der Deutschen Zeitung am Tag nach der Premiere. Aber bei dieser entstand Unruhe beim Publikum nur beim Text des „Lagunenwalzers“, wo man auf die ursprünglichen Worte „Bei Nacht die Katzen sind grau, zärtlich ertönt ihr Miau“ mit Miauen reagierte. Schon am nächsten Tag war der Text geändert – und einem Berliner Erfolg des Werkes stand nichts mehr im Wege. Nur sechs Tage später kam die Nacht in Venedig bereits in Wien heraus. Natürlich im Theater an der Wien. Lili und Strauss hatten sich zwar nicht versöhnt, aber: „Non olet!“. Auf das ideale, den Erfolg bestimmende Ensemble, das einem vertraut war und einen Erfolg garantierte, wollte die Firma Strauss nicht verzichten. In Wien hatte man aber den Text des in Berlin Unruhe stiftenden Walzers schon längst geändert. Denn hier wurde der Walzer nicht wie in Berlin vom Herzog gesungen, sondern von Caramello, Herrn Girardi – und auf dessen Rolle hätte der ursprüngliche Text nicht gepasst. Sicher, die Berliner Uraufführungsverse waren nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz. In Wien hätte man sie wahrscheinlich als Anspielung darauf verstanden, dass ein Alter einer Jungen nachjagt. Schon im deutschen Libretto von Paisiellos Barbier von Sevilla begründet Doktor Bartolo seinen berechtigten Anspruch auf sein Mündel Rosina, dass in der Nacht alle Katzen grau seien, es also ganz egal sein kann, wer zu ihr ins Bett steigt, ein Junger oder ein Alter. Den Berlinern war das schlicht und einfach zu sehr um die Ecke gedacht. Da liebte man es direkter. Die Posse hätte da andere Parameter aufgefahren. Anspielen war nicht lustig. Aber die deftigsten, sexuell konnotierten Anspielungen finden sich seltsamerweise erst in den Wiener Änderungen, wenn zum Beispiel Pappacoda den Herzog fragt, ob er schon die Wirkung seines Apfelstrudels ohne Äpfel empfunden habe.

.

Johann Strauss: Poster zum "Zigeneunerbaron" 1885/ORCA

Johann Strauss: Poster zum „Zigeneunerbaron“ 1885/ORCA

„Zwischen Weinberl und Zibeben tu‘ ich gern was Scharfes legen. Es essen alte Herr’n Pikantes gar so gern – hinein dann in die heiße Röhr’n.“ In Wien ging die Nacht in Venedig umjubelt in Szene. Das Lachtheater war hier anders gestimmt als in Berlin. Und dennoch meckerte die Presse auch in Wien wieder am Textbuch herum. Bei allen Strauss-Operetten fällt das als Konstante auf, die auch auf den Komponisten Strauss abfärbte, dem nie diese bedingungslose Wertschätzung der Kritik bei den Operetten gezollt wurde wie bei seinen Schöpfungen im rein instrumentalen Bereich, bei den Walzern und Polkas, wo man ihn bereitwilligst „König“ nannte. Ich verdanke diesen Hinweis Marion Linhardt. Die Wiener Presse war meist ungnädig mit Operettenlibrettisten, was immer auch auf die Komponisten abfärbte. Strauss wurde wenigstens nicht wie Suppé der Talentlosigkeit geziehen. Aber die Reaktionen auf die Nacht in Venedig ließen Strauss von Zell und Genée abrücken. Sie sollten kein Libretto mehr für ihn verfassen.

.

Vielleicht war auch die Zeit des Anspielens in der Operette vorbei. Sie verfiel immer mehr dem Exotismus und ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 auch einem speziellen „Binnen-Exotismus“, wie Christian Glanz so treffend die Verortung der Handlungen auf die Kronländer der Monarchie bezeichnete. Mit diesem Binnenexotismus schritt auch die Tendenz zur Oper in den Operetten voran. Im Zigeunerbaron finden sich nur mehr am Rande erotische Anspielungen. So mag man das Dompfaff-Duett von Saffi und Barinkay als erotische Anspielung auf eine Befürwortung der freien Liebe empfinden. Angespielt wurde auf andere Dinge: Man mag zum Beispiel das untadelige Verhalten der Zigeuner als positive politische Äußerung im Vergleich zum kriegsbeuterisch unanständigen Schweinezüchter Zsupán empfinden. Éljen a Magyar! – auch wenn es rein wirtschaftlich darum ging, den ungarischen Musikmarkt zu erobern. Der Binnenexotismus zeigt auch deutlich die Unvernünftigkeit der Regierung, die nur Ungarn, nicht aber Böhmen und Mähren einen Ausgleich gewährte, weswegen Böhmen und Mähren bei Operettenlibretti nicht bestimmend wurden, obwohl sie bedeutendes musikalisches Kolorit jenseits der Polkas hätten beitragen können. Erst das 20. Jahrhundert gewann dann wieder der Operette die Erotik zurück – und dort oft noch deutlicher ins Pornographische verweisend.

.

Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Autor Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Dieses Abdriften der Operette des späten 19. Jahrhunderts ins Opernhafte ist nicht nur bei Johann Strauss Sohn zu beobachten.Es kann damit zusammenhängen, dass die Komponisten ihre Arbeit als Operettenkomponisten nicht als vollwertige künstlerische Tätigkeit empfinden konnten, weil ihnen die rückhaltlose Bewunderung des Publikums und der Rezensenten auf diesem Sektor nicht in dem Maße zu Teil wurde, die sie in anderen Bereichen ihres Künstlerlebens genießen durften. Die Oper stellte sich nicht als andere, sondern als höherwertige Kunstform dar. Deshalb der Drang von Suppé und Strauss zur Oper, mit der sie aber beide nicht reüssieren konnten. Das mag auch ihre zeitweiligen depressiven Verstimmungen ausgelöst haben wie auch manche private Spleens.

„Die Fledermaus ist nicht die beste Operette, sie ist die Operette …“ stellte der Dirigent Felix von Weingartner einmal fest. Volker Klotz bestätigt ihn, weil er in der Fledermaus eine Wiener Offenbachiade erkennen kann. Auf alle Fälle ist sie bis heute die Operette aller Operetten, auch wenn sie meist szenisch falsch interpretiert wird. Und sie hat der Operette des 20. Jahrhunderts mit dem Gerichtsdiener Frosch eine Figur geschenkt, die im 20. Jahrhundert zu einem ganz speziellen Rollentypus, dem 3. Akt-Komiker, führte, Spielfeld aller großer Komiker. Seltsamerweise hat kein Operettenlibrettist des 19. Jahrhunderts auf diesen Typus zurückgegriffen. Man blieb an der durchgehenden komischen Figur des bürgerlichen Lustspiels hängen. Erst als die Operettendramaturgie in Handlungsschablonen zu denken begann, entdeckte man wieder diesen Typus, den man nun in verschiedenen sozialen Konstellationen als Spaßmacher im musikalisch meist schwächelnden dritten Akt einsetzte, um das unausweichlich bereits vorhersehbare Finale, glücklich oder tragisch – was für die Operette überhaupt eine beliebte Unsinnigkeit war – mit einer letzten unterhaltsamen Steigerung einzuleiten. Im Slibowitz war also nicht nur Wahrheit, sondern auch Dramaturgie. Hans-Dieter Roser

.

.

Der vorstehende Text fasst einen Vortrag zusammen, den der leider 2022 verstorbene Hans-Dieter Roser, Professor in Wien, ehemaliger Künstlerischer Betriebsdirektor an der Berliner Staatsoper,  Vizedirektor der Volksoper Wien und Inhaber vieler weiterer wichtiger Positionen im internationalen Theaterbetrieb, im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ im März 2015 hielt. Er war der Eröffnungsvortrag der „Tanz-Signale“-Konferenz zum Thema „Johann Strauss und seine Operetten-Libretti“. Wir danken Professor Roser für die Erlaubnis zum „Nachdruck“. Der Text erschien erstmals bei den Kollegen des Operetta Research Center Amsterdam/Orca, denen wir ebenfalls danken. G. H.

.

Abbildung oben: Die Welt der Operette – Frivol, erotisch und modern: Glamour, Stars und Showbusiness. Anläßlich der gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen … Theatermuseum München 17.10.2012-10.3.2013 Gebundene Ausgabe – 14. September 2011 von Kevin Clarke (Autor), Marie-Theres Arnbom (Autor), Thomas Trabitsch (Hrsg.) (Autor)/Ausschnitt/Amazon

.

.

Und auf meine Frage nach „Zibeben“ schrieb mir Hans-Dieter Roser: Meine Kremser Großmutter kannte das Wort Rosine gar nicht, da war immer von Weinberln und Zibeben die Rede. Weinberln waren die saftigen Rosinen, Zibeben die trockenen, die vorher in Rum eingeweicht wurden. Wikipedia hat mich aufgeklärt, dass Zibeben schon getrocknet vom Weinstock geerntet werden. Ich nehme an, dass mit Weinberln jung und mit Zibeben alt gemeint war… Danke. G. H.

Soundtrack fürs Wunderspiel

.

Die Nonne Megildis, die eben noch Amt und Schlüssel als Sakristanin von ihrer hundertjährigen Vorgängerin empfing, erliegt den Verlockungen eines jungen  Ritters und verlässt mit ihm das Kloster. Ein geheimnisvoller Spielmann, der die schicksalhafte Begegnung herbeigeführt hatte und immer wieder in Erscheinung treten wird, gibt der Flucht fröhlich pfeifendes Geleit. Währenddessen ist die Muttergottes, als Marienstatue das Heiligtum des Klosters, vom Altar herabgestiegen und übernimmt  selbst den Dienst für die Entschwundene in deren Gestalt.

Sehr großzügig zusammengefasst endet damit der erste von zwei Akten der Pantomime Das Mirakel, die Engelbert Humperdinck 1911 zu einer Vorlage von Karl Vollmoeller (1878-1948) komponierte. Capriccio hat – wie auch auf dem Cover vermerkt – die erste komplette Einspielung herausgebracht (C5543). Sinfonische Teile aus dem Mirakel – in deutschsprachigen Ländern auch als Das Wunder bekannt geworden – waren gelegentlich auf Tonträger gelangt – zuletzt in einer von Adolf Lotter (1871-1942), einem tschechischen Zeitgenossen von Humperdinck, der auch in London wirkte, erarbeiteten fünfteiligen Suite bei Naxos (8.574177). Die bietet eine glänzende Einführung in die Stimmung des höchst sonderbaren und mit heutiger Erfahrung schwer nachvollziehbaren Stückes, das unweigerlich Assoziationen mit Filmmusiken der Zeit aufkommen lässt.

.

„Humperdincks Musik soll im Rahmen dieser Erstaufnahme der von Peter P. Pachl und Thomas Hennig neu edierten Originalpartitur … Zeugnis darüber ablegen, inwieweit sie in der Lage ist, ohne Worte und ohne inszenatorisches Brimborium das Mysterium nur mit Hilfe von Tönen glaubhaft zu erzählen“, heißt es im Booklet-Text von Steffen Georgi. Soll! Ob es tatsächlich gelingt, dürften Hörer auf sehr unterschiedliche Weise wahrnehmen. Von Hänsel und Gretel, dem populärsten Werk des Komponisten, ist das Mirakel meilenweit entfernt. Es gibt aber wenigstens eine Gemeinsamkeit, nämlich die dritte Szene des zweiten Bildes, in der Engel auf die Erde niedersteigen und die schlafenden Kinder bewachen. Sie ist in älteren Ausgaben des Librettos als Pantomime überschrieben, was offenkundig dem Original entspricht. Es braucht – und damit rede ich von mir – Geduld und Einfühlungsvermögen, um sich in das mit altbekannten Weihnachtsmelodien garnierte Werk hineinzufinden. Hier herrscht Symbolismus wie er im Buche steht. Autor Georgi versucht sich im Capriccio-Beiheft mit einer einiger Maßen erhellenden Inhaltsangabe. Dennoch ist zusätzlich die Lektüre des originalen Textes von Vollmoeller zu empfehlen, der über eine genaue Schilderung des stimmungsvollen Geschehens weit hinaus geht und ein literarisches Werk für sich bildet, was derzeit nur antiquarisch oder etwas versteckt im Netz zu finden ist, erschienen 1912 bei Bote & Bock in Berlin. Schade, dass der relativ kurze Text von Capriccio nicht übernommen, wenigsten aber verlinkt wurde.

.

Zu Humperdincks „Mirakel“: Karl Vollmöllers Vorlage „Das Wunder“/Cover/Wikipedia

Wer kennt Karl Vollmoeller? Dem ins Vergessen geratene Dichter begegnet man im Internet häufiger als anderswo. Einmal mehr bewährt sich dieses Medium, das ohne Bücherregale auskommt, als unerschöpfliche Informationsquelle. Der Algorithmus spült ständig Nachschub hervor. Einem umfänglichen Wikipedia-Artikel zufolge war Vollmoeller auch Archäologe, Philologe, Übersetzer, Rennfahrer, Flugzeugkonstrukteur, Unternehmer und Reformer des deutschen, europäischen und amerikanischen Theaters und zeitweise sogar Politiker. Als Pionier des Stumm- und Tonfilms wirkte er am Drehbuch des Blauen Engels nach dem Roman von Heinrich Mann mit, der Marlene Dietrich schlagartig bekannt machte. Er stammte aus Stuttgart und starb in Los Angeles. Im Berlin der 1920er Jahre erwarb er sich den Ruf eines stadtbekannten Dandys. Anwerbungsversuchen der Nationalsozialisten entzog er sich durch Emigration. „Vor seiner Auswanderung aus Europa lebte Karl Vollmoeller bis 1938 im Palazzo Vendramin in Venedig, jenem Anwesen, in dem Richard Wagner am 13. Februar 1883 seine Lebensbahn beendet hatte“, ist ergänzend im Booklet-Text zu lesen. Fotos seines fürstlichen Appartements (Gettyimages) lassen an die weitläufigen Zimmerfluchten eines Palastes denken. Wie Wagner schrieb auch Vollmoeller seinen Parsifal (Parcival) – allerdings in Gedichtform, der den Ruhm des jungen Dichters begründete.

.

Zu Humperdincks „Mirakel“: Der Textdichter Karl Vollmoeller 1942 in Los Angeles / Wikipedia

Das Mirakel-Motiv durchzieht zyklisch mehrere seiner Werke und erfährt durch Humperdinck eine wirkungsvolle musikalische Illustration. Da haben sich beide Zeitgenossen gesucht und gefunden.

Am ehesten lässt sich das als Pantomime angelegte Mysterienspiel noch dem Ballett vergleichen. Das Geschehen wird weder sprechend noch singend dargestellt. Vielmehr gibt es nur das „detailreiche Libretto mit zahlreichen pantomimischen Szenenanweisungen“, ist im Booklet zu lesen, wo sich lediglich die Texte finden, die tatsächlich gesungen werden, doch nicht eigentlich zur Handlung beitragen. Vollmoeller selbst hat sie der Buchausgabe unter der Überschrift „Gesänge“ separat als Anhang angefügt. In der Capriccio-Aufnahme übernehmen zwei Solistinnen – die Sopranistin Sophie Klußmann und die aus dem Chor tretende Mezzosopranistin Josette Micheler – die vornehmlich betrachtenden und kommentierenden Aufgaben, nicht selten gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin und dem Kinderchor des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums Berlin. Beide Chöre sind – wenn man so will – die eigentlichen vokalen Hauptakteure. Sie werfen sich mit einer Ernsthaftigkeit und Professionalität auf das gewiss auch ihnen bislang völlig unbekannte Stück, was großen Eindruck hinterlässt. Dass die Produktion insgesamt so stimmig wirkt, geht auch auf das Zusammenspiel mit dem glänzend aufgelegten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Steffen Tast zurück. Dieser Dirigent hat für den spätromantischen Wohlklang die richtige Hand und reduziert ihn nicht, wo er sich ausladend in immer neuen Steigerungen gefällt. Tast bringt Humperdinck-Erfahrung mit. Bei Capriccio hatte er bereits die Schauspielmusik zum Weihnachtsmärchen Der blaue Vogel eingespielt und auch an einer neuen Textfassung mitgearbeitet. Mögen noch mehr Projekte folgen.

.

Zu Humperdincks „Mirakel“: Engelbert Humperdinck wurde als Katholik getauft, trat aber 1914 aus der Kirche aus. Die Gründe sind nicht bekannt. /Wikipedia

Und wie geht nun die Geschichte vom Wunder weiter? In einem dramatischen Zwischenspiel, das zahlreiche Akteure auf wechselnden Schauplätzen bevölkern, werden die junge Nonne und ihr Ritter ein Paar. Doch eine Schar wilder Jäger überwältigt den Ritter und zwingt Megildis, um das Leben des Geliebten zu tanzen. Immer neuen Prüfungen wird sie ausgesetzt. In Person eines trotzigen Raubgrafes taucht plötzlich der „Herr des Waldes“ mit seinen Jägern auf, die den Ritter niederstrecken und die Nonne als Beute verschleppen. In ihrer Burg angelangt, ergötzt sich die trunkene Gesellschaft an Tänzen, zu denen sie abermals gezwungen wird. Der Königssohn, der beim Grafen um Unterkunft nachgesucht hatte, ist von Megildis ebenfalls hingerissen und beansprucht sie für sich. Streit entbrennt, der durch ein Wettspiel entschieden wird, bei dem der räuberische Graf alles verliert, zuletzt auch sein Leben. Noch bevor der Prinz mit dem Mädchen das väterliche Schloss erreicht, ist der undurchsichtige Spielmann, der – wie es bei Vollmoeller in verdrehter Anspielung auf Goethes Mephistos heißt – „stets das Gute will und das Böse schafft“, schon vor Ort. Geschäftig berichtet er dem alten König von den Streichen des übermütigen Sohnes. Der greift entschlossen ein indem er sich schützend vor die unglückliche Megildis stellt. Der Sohn aber will von dem Mädchen nicht lassen und richtet maskiert aus der Gruppe seiner Gefährten heraus den Dolch gegen den Vater. Im letzten Moment ist der Spielmann zur Stelle, bringt die Waffe an sich und drückt sie dem König in der Hand. Die Maske fällt, der alte König erkennt in dem Getöteten den eigenen Sohn und vesinkt in Wahnsinn. Megildis wird öffentlich vor Gericht gestellt. Doch ein Richter nach dem anderen weigert sich, den Stab über sie zu brechen. Auch das auf dem Markplatz versammelte Volk wird von der Schönheit und Anmut der Angeklagten ergriffen. Selbst der irre König sinkt betend vor ihr in die Knie.

Abermals schlägt die Stimmung um. Zur Melodie der Leidenschaft, die der Spielmann auf seiner Pfeife anstimmt, taumeln die Massen orgiastisch (bei Vollmoeller heißt es „wilder Orgasmus“) durcheinander und bedrängen Megildis. Landsknechte bemächtigen sich ihrer und führen sie unter schimpfenden Gebärden fort. Ein neugeborenes Kind im Arm bricht sie im Schnee auf dem nahen Elfenhügel zusammen. Von Ferne ertönen eine Klosterglocke und ein Kinderlied: „O König der Ehren, Herrscher der Heerscharen, du ruhst in der Krippen im Erdental.“ Megildis richtet sich empor. In der Maske des Todes führt der langsam schreitende der Spielmann den schattenhaftem Zug ihre Liebhaber an – den Ritter, den Graf, den Königsohn, den König und alle anderen Namenlosen, die sie besaßen. Ganz nah und deutlich sind nun Glocken, singenden Kinder und Nonnen zu hören. Ein warmer Schein wie aus einer hellen Weihnachtskirche fällt auf den Schnee. Mit ihrem Kind eilt Megildis dem Licht entgegen. Damit schließt das an Ereignissen und Wendungen reiche Zwischenspiel.

Zu Humperdincks „Mirakel“: Probenfoto zur Uraufführung am 23. Dezember 1911 im Londoner Olympia-Theater / Wikipedia

Im Innern der Klosterkirche spielt der finale zweite Akt. Noch steht der Altar leer. Weihnachten ist gekommen, die Kinder eilen singend herbei und werden reich beschenkt. Die Nonnen flehen die Mutter Gottes an, in dieser Nacht zurückzukehren – nichtsahnend, dass sie in Gestalt der entflohenen Sakristanin die ganze Zeit unerkannt unter ihnen weilte. Nachdem sich die Schwestern zurückgezogen haben, ist die Heilige im Begriffe, ihren angestammten Platz wieder einzunehmen als sich das Portal von selbst auftut. Auf der Schwelle liegt die im Schneegestöber hingesunkene Megildis, ihr totes Kind in den Armen. Noch einmal belebt sich das Gnadenbild der Madonna und hebt das tote Kind zu sich empor. Alle Glocken beginnen feierlich zu läuten. Aufgeschreckt eilen die Nonnen herbei, finden ihre Sakristanin auf dem Boden liegend und das Wunderbild wieder an seinem Platz. In diesem feierlichen Augenblick wird von draußen dreimal an das Tor geklopft. Mit höhnischem Gelächter lässt sich der Spielmann vernehmen. Megildis will entfliehen, wirft sich aber endlich vor dem Altar mit der Madonnenfigur nieder. In das dämonische Lachen mischen sich himmlische Gesänge. Eine einzelne Stimme verkündet die Gnade. Rote Rosen fallen herab und bedecken Schwestern und die ganze Kirche. Das Mysterienspiel ist zu Ende.

.

Zu Humperdincks „Mirakel“:  Die italienische Schauspielerin Maria Carmi als Madonna in der Uraufführung. Sie war Karl Vollmoeller verheiratet und spielte die Rolle auch im gleichnamigen Stummfilm von Max Reinhardt. / Wikipedia

Uraufgeführt wurde Das Mirakel am 23. Dezember 1911 in der Londoner Olympia Hall, die damals einer der weltweit größten Spielstätten war und rund  zehntausend Besucher fasste. Die Inszenierung besorgte Max Reinhardt. Der aus Österreich stammende Theaterregisseur hatte bereits in Berlin seine Neigungen zu spektakulären Ausstattungen erfolgreich ausgelebt. Dass die Wahl auf London fiel, dürfte auch dem Impresario Charles B. Cochran geschuldet gewesen sein, wie aus der faktenreichen Vollmoeller-Monographie von Frederik D. Tunnat hervorgeht, die 2011 in der Edition Vendramin erschien (ISBN 978-1-46377-572-8). Cochran verfügte über weitreichende Verbindungen und gilt als einer der Erfinder von großen Revuen. Mit seinen Erfahrungen stand er für den finanziellen Erfolg, der sich laut Tunnat auch üppig einstellte. Mehrere Quellen sprechen übereinstimmend von zweitausend Darstellern, Sängern, Tänzern und Statisten, hundertfünfzig Chorsängern und zweihundert Musikern im Orchester, welches teils auch vom Humperdinck selbst geleitet wurde. Auf eine Million Dollar sollen sich die Produktionskosten belaufen haben. Wie im Booklet zu lesen ist, machten Deutschland- und europaweite Tourneen in den Jahren 1912 bis 1914 das Werk immer bekannter „sogar noch während des Ersten Weltkriegs im neutralen Ausland (Schweden, Schweiz). 1924 hatte eine Neubearbeitung (ohne die Mitwirkung des 1921 verstorbenen Humperdinck) in New York Premiere, das Stück lief das ganze Jahr lang am Broadway, wurde von 1925 bis 1931 noch viele Male in Nordamerika, in Salzburg, Deutschland, Hollywood und noch einmal in London gezeigt“.  Bereits 1912 hatte Reinhardt den Stoff auch verfilmt. Bei youtube kann dieser Stummfilm fast vollständig angeschaut werden. Trotz der technisch sehr bescheidenen bewegten Bilder kann man sich eine musikalische Untermalung mit Humperdincks Musik vorstellen (der Tonfilm setzte sich erst zehn Jahre nach seinem Tod durch).

.

Zu Humperdincks „Mirakel“: Theatermann Max Reinhardt (hier bei den Aufnahmen zum „Sommernachtstraum“/Berliner Stadtmuseum

Mit dem Mirakel hatte Humperdinck die Form der herkömmlichen Schauspielmusik verlassen und war – freilich ungewollt – in die Welt der Filmmusik vorgestoßen. Von einem „Wegbereiter der Filmmusik“ spricht denn auch Matthias Corvin in seinem 2021 bei Schott erschienen einen Buch „Märchenerzähler und Visionär“ (ISBN 978-3-95983-619-7), in dem auch Das Mirakel gebührend abgehandelt wird. Bei der Uraufführung war dem Stück kein ungeteilter Erfolg beschieden, wie sich im Buch von Tunnat nachlesen lässt. Der Premierenabend sei nicht ausverkauft gewesen.

Während sich englische und amerikanische Kritiker vorwiegend begeistert zeigten, konnten deutsche Pressebeobachter mit „der neuartigen Form der Inszenierung“ nicht viel anfangen. Zitiert wird Rudolf Kommer („Deutsche Montags-Zeitung“ vom 8. Januar 1912) auch mit Seitenhieben gegen den Regisseur Reinhardt, der sich „auf dem Mückentanz von der Kunst zum Geschäft“ befinde. Es sei aber „groß“, wie dieser Mann „zweitausend Leibern alle Nuancen seines Willen aufzwingt. Und doch war es eine Kolportagepantomime“. Emil Ludwig („Schaubühne“, aus der die „Weltbühne“ hervorging), vermerkt lakonisch, dass „Professor Humperdinck“ die Musik „gemacht“ hat. „Als die Kinder alte deutsche Weihnachtslieder a capella sangen, wurde man dem Komponisten dankbar.“ Rüdiger Winter

 

West-östliches Experiment

.

Eine Aufführung von Mozarts Requiem in der Vollendung durch Franz Xaver Süßmayr hat das Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Dirigenten Michael Sanderling bei Warner Classics eingespielt, dem sich eine Komposition des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say mit dem Titel Mozart& Mevlana anschließt. Der Fragment-Charakter des Requiems brachte Say auf die Idee, der in seiner Komposition nicht eine Vollendung des Requiems, sondern ein Weiterdenken sieht, der sich die Frage gestellt hat, was es im Hörer auslöst und welche Fragen offen bleiben. Es ist nicht die erste an Mozart anknüpfende Komposition von Say, der bereits eine jazzige Improvisation auf den berühmten Türkenmarsch verfasst hat, in der er „Neue Musik, Jazz und traditionelle  Musik der Türkei“ miteinander verbunden hat zu dem, was er als „persönliche Weltmusik“ bezeichnet. Noch anspruchsvoller klingt, was er als Ziel seiner Musik ansieht, nämlich „eine Brücke von Liebe und Freundschaft zwischen Ost und West, getragen durch die Musik, in Klang übersetzt“, zu bauen.

Say beruft sich auch auf Goethe, der sich vom persischen Dichter Hafis inspirieren ließ, was der West-Östliche Diwan beweist, für ihn selbst waren Gedichte des im 13.Jahrhudert gelebt habenden Mevlana Rufi der Anstoß für eine Verbindung von Orient und Okzident. Das erste stellt eine erstaunliche Liberalität in Glaubensfragen unter Beweis, wenn das Ich Angehörige aller Religionen zur Bruderschaft aufruft, das zweite preist positive Charakterzüge wie Großzügigkeit, Mitgefühl oder Demut, die in den auf das Wirken des Dichters folgenden Jahrhunderten allerdings wenig Beachtung fanden.

Zum Luzerner Sinfonieorchester hat der Komponist seit langem ein besonders gutes Verhältnis, führte es doch bereits sein Violinkonzert auf, und Dirigent Michael Sanderling gab die Anregung zum vorliegenden Werk. Die Orchesterbesetzung ist für Mozart und Say die identische, außer dass für letzteren noch die türkischen Instrumente Rohrflöte (Ney) und Kerseltrommel (Kudüm) hinzugefügt wurden. Mozart-Elemente stammen aus dem Requiem, dem Klarinettenkonzert und der Fantasie in d-Moll.

Der Star der Aufnahme ist ohne jeden Zweifel der Rundfunkchor Berlin, der mit sehr viel mehr Energie als alle anderen Mitwirkenden an seine Aufgabe herangeht, der oft, so im Lacrymosa mit schönen Schwelltönen und reicher Agogik prunkt, der die Musik leuchten lässt und überaus textverständlich ist. Ein guter Partner ist ihm das Luzerner Sinfonieorchester, das auch den Solisten ein einfühlsamer Begleiter ist. Aus dem Quartett sticht der Mezzosopran von Marianne Crebassa durch Farbigkeit, Geschmeidigkeit und Leuchtkraft ihrer Stimme hervor. Ohne mit einem besonders schönen Timbre prunken zu können, ist Pene Pati mit einem lyrischen Tenor aus einem Guss ein angenehmer Partner, Fatma Said setzt einen klaren bis spitzen Sopran für ihren Part ein, Alexandros Stavrakakis`Bass klingt recht knarzig, auch oft gepresst und dumpf. In den beiden Liedern am Schluss kommen seine Qualitäten besser zur Geltung. Say sieht auch in der Tatsache, dass die Sänger aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, einen Vorzug der Aufnahme, welche Ansicht man nicht unbedingt teilen muss.

Die Musik zu den Mevlana-Texten ist sehr viel auftrumpfender als deren sanfte Botschaft erwarten lässt, was nicht zuletzt an dem Auftrumpfen der Trommel liegt. Insgesamt sind das ein interessantes Experiment und damit eine hörenswerte Aufnahme (Warner Classics 5021732754721). Ingrid Wanja     

„Gäste kamen und Gäste gingen“

.

.

Das obige Zitat aus der großen Erzählung der Sieglinde im ersten Aufzug der Walküre kann als knappe Beschreibung der Besetzungspolitik bei den Bayreuther Festspielen gelten. In den Jahren des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als heute. Mit jeder Vorstellung wurde versucht, das am besten geeignete Personal auf die Bühne zu stellen. Wieland und Wolfgang, die Enkel des Komponisten und Leiter des Sommerfestivals, konnten dabei aus dem Vollen schöpfen. Die wenigsten der Solisten hatten schon vor 1945 zum Ensemble gehört. Neubeginn sollte sich auch auf diese Weise ausdrücken.

Nachdem PAN CLASSICS bereits dem kompletten Ring des Nibelungen von 1953 auf den Markt brachte, sind nun auf dem Folgejahr 1954 Lohengrin, Tannhäuser, Die Walküre und Parsifal in einer gefälligen Box erschienen (PC 10469). Allesamt waren diese Mitschnitte bereits mehrfach bei anderen Firmen zu haben. Jetzt geht es darum, sie in möglichst verbesserter Tonqualität anzubieten. Sie können sich hören lassen. Wunder aber sind nicht zu erwartet. Mono bleibt was es ist. Die Plastizität und Räumlichkeit dieser Inszenierungen und der sagenhafte Klang des Hauses teilen sich in jedem Falle auch unter den historischen akustischen Verhältnissen überzeugend mit. In der Regel haben die Solisten und der Chor auch viel deutlicher gesungen als jetzt. Verständlichkeit hatte schon der Komponist eingefordert. Wie hätten sonst seine Musikdramen das Publikum erreichen sollen? Alle vier Werke sind leuchtende Beispiele für die Wirksamkeit dieses Prinzips.

In einer neuen Inszenierung durch Wieland Wagner wurde Tannhäuser in den Spielplan der Nachkriegszeit aufgenommen. Gespielt wurde die Dresdener Fassung mit der abgeschlossenen Ouvertüre, die der Dirigent Joseph Keilberth zu einem fulminanten Abschluss führt. Der Mitschnitt hält die Premiere vom 22. Juli 1954 fest. Damit tauchten auch neue Gesichter auf wie Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram, der für mich die eindrucksvollste Leistung der gesamten Vorstellung zu bieten hat. Wurde Wagner in so einem großen Haus wie diesem je präziser, erfüllter und solistischer gesungen? So, als würde er innerhalb der Aufführung einen Liederabend geben. Das hat auch seine Tücken. Mir scheint, er hebt sich über das Ensemble hinaus – ohne, dass er es will. Fischer-Dieskau kann nicht anders.

Traumpaar Martha Mödl und Ramon Vinay – als Walküre und privat/youtube

Der Chilene Ramon Vinay mit schwerem Heldentenor kehrte nach seinem aufsehenerregenden Tristan, nach Parsifal und Siegmund nun als Tannhäuser zurück und bewältigte alle sechs kräftezehrende Vorstellungen der Saison. Als feste Stütze im Ensemble galt schon damals Josef Greindl, den Landgraf mit unverwechselbarer Bassstimme gibt. Er sollte bis einschließlich 1969 in jedem der folgenden Jahre wiederkommen. Neuling auf dem Grünen Hügel war der Tenor Josef Traxel, der mit dem kurzen Solo des Walther von der Vogelweide vom „Bronnen, den uns Wolfram nannte“ für einen Moment die sich anbahnende Zuspitzung des Sängerkrieges aufzuhalten vermag. Ähnlich seinem betörenden Auftritt als Froh im Rheingold-Finale zur Feier des Regenbogen, der als Brücke nach Walhall führt, wird Traxel zu einer jener Sängerpersönlichkeiten, die Nebenrollen für den einen Moment zum Zentrum einer Vorstellung machen. Mit makellosem Deutsch empfiehlt sich die Holländerin Gré Brouwenstijn in der Rolle der Elisabeth als Bereicherung für das Festspielensemble. Das leichte Vibrato nimmt der Stimme nichts von ihrer Sicherheit, sondern steigert vielmehr den Ausdruck seelischer Erregung. Gemessen am hohen Niveau der Aufführung, die auch ein für die Zeit aufregenden Regiekonzept erahnen lässt, bleibt die grundsolide Herta Wilfert der Venus manches schuldig. Nahezu rührend fällt der Auftritt des jungen Hirten mit dem elfjährige Volker Horn aus. Er war damals noch bei den Regensburger Domspatzen, studierte später Gesang im Fach Tenor und kehrte 1980 als Edler in Lohengrin und Gralsritter in Parsifal nach Bayreuth zurück.

Max Lorenz, hier als Lohengrin/Wikipedia

Die anderen Werke der Edition waren Wiederaufführungen und sind auch unter anderen Labels bekannt. Mit Birgit Nilsson als Elsa begann eine der erfolgreichsten Festspielkarrieren auf der Bühne, nachdem sie bereits 1953 den Sopranpart in Beethovens 9. Sinfonie mitgewirkt hatte. Sie folgte auf die US-Amerikanerin Eleonore Steber, die im Vorjahr die Lohengrin-Premiere gesungen hatte, die bei Teldec offiziell herauskam. Weiter nach vorn an die Rampe trat Theo Adam aus der DDR als König Heinrich, den er alternativ mit Greindl und Ludwig Weber gab. Gleichzeitig – und das war in Bayreuth über Jahre übliche Praxis – war er als Gralsritter im Parsifal besetzt, der bis auf wenige Ausnahmen jährlich auf dem Spielplan stand, das dritte Mal in Folge mit Martha Mödl als Kundry und Wolfgang Windgassen in der Titelrolle. Als Sonderfall sollte die Walküre in die Annalen der Festspiele eingehen. Max Lorenz, der Siegmund von 1937 unter Wilhelm Furtwängler, wollte es noch einmal wissen und kehrte für die zwei Ring-Vorstellungen zurück. Die Mödl und Astrid Varnay alternierten als Brünnhilde. An einem Abend sang die Mödl ihre einzige Sieglinde. Mit Lorenz fand sie hörbar auch darstellerisch nicht zusammen – und er nicht mit ihr. Beide verkörperten unterschiedliche Welten, die Mödl die Zukunft, Lorenz die Vergangenheit (Foto oben: Bayreuther Festspielhaus um 1900/Wikipedia). Rüdiger Winter

Ludmila Dvorakova

.

In meiner Wohnung gehe ich mehrmals täglich an ihrem Foto vorbei. Es zeigt sie als Brünnhilde nach ihrer Erweckung aus langem Schlaf im dritten Aufzug von Wagners Siegfried: „Heil dir Sonne!“ Das berühmte Zitat hat sie selbst auf den unteren Bildrand geschrieben. Für mich – „Herrn Winter herzlichst Ludmila Dvorakova“. Das Foto hängt zwischen Inge Borkh und Martha Mödl. Ein guter Platz. Oft bleibe ich davor stehen. Einfach nur so. Weil mir das Foto gefällt. Ein anderes Mal geht mir durch den Kopf, was ich mit dieser Sängerin verbinde. Das sind vor allem die vielen aufregenden Abende in der Oper. Isolde, Fidelio-Leonore, Ariadne, Marschallin, Herodias, Kundry, Ortrud, Brünnhilde.

Heil dir Sonne! Das Foto als Brünnhilde in "Siegfried".

„Heil dir Sonne!“ Das Foto als Brünnhilde in „Siegfried“ mit Autogramm / Winter

Im Laufe der Jahre bin ich ihr ein paar Mal begegnet. Beruflich und als ihr leidenschaftlicher Verehrer. Die Jugend sucht gern direkten Kontakt zu ihren Auserwählten und bemerkt gar nicht, dass diese sich dadurch auch gestört fühlten könnten. Wenn es denn so gewesen ist, ließ sie es sich nicht anmerken. Erst im Nachhinein kommt es mir in den Sinn. Ich habe die Dvorakova als sehr zurückhaltend in Erinnerung. Sie war das, was man eine Dame nennt. Den Abstand, den sie allein durch ihre Erscheinung hielt, verband sie mit großer Freundlichkeit. Sie sprach leise, was man bei dem Volumen, das ihre Stimme auf der Bühne entfalten konnte, gar nicht erwartete. Einmal empfing sie mich in ihrer Garderobe in der Berliner Staatsoper vor einer Vorstellung der Frau ohne Schatten. Sie gab die Färbersfrau. Diese Rolle war für mich eine ihrer besten Leistungen, weil sie nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch völlig aus sich heraus ging. Nicht immer war das so. Das Gespräch drehte sich um die bevorstehende Neuinszenierung von Tristan und Isolde mit Jess Thomas in Covent Garden. Sie war die Ruhe selbst. Viel später erfuhr ich, dass sie panisch unter Lampenfieber litt. Alle großen Opernhäuser dieser Welt hat sie mehr von innen denn von außen wahrgenommen. Sie verbarrikadierte sich in ihren Hotels. Nur die jeweilige künstlerische Aufgabe vor sich. Die Weitgereiste hat nach eigenem Bekunden nicht viel von der Welt gesehen. Ludmila Dvorakova ist tot. Sie starb am frühen Morgen des 30. Juli 2015 mit 92 Jahren bei einem Brand in ihrem Haus in Prag. Mit ihr kam die 87järige Schwester ums Leben. Beide lebten gemeinsam in der Villa. Nach Angaben der Prager Feuerwehr kam jede Hilfe zu spät. Einzelheiten will und kann ich mir nicht vorstellen. Ich versuche mich im Rückblick.

Die erste Langspielplatte von Ludmila Dvorakova mit einem Wagner-Programm bei Supraphon.

Die erste Langspielplatte von Ludmila Dvorakova mit einem Wagner-Programm bei Supraphon.

Die Frage ist so alt wie die Schallplatte selbst: Kann das Medium die Ausstrahlung von Sängern bewahren oder gar wiederherstellen, die einst das zeitgenössische Publikum ergriff? Bereiten uns die Töne aus Lautsprechern dieselbe Erschütterung, das gleiche Glücksgefühl wie einst? Erleben wir noch einmal jenes Staunen, das uns vor vierzig Jahren ergriff und das von vielen anderen Eindrücken offenbar nur überlagert, nicht aber wirklich getilgt ist? Ich trete in den Zeugenstand und schwöre, dass dies im Falle von Ludmila Dvorakova so ist.

1923 im tschechischen Kolin bei Prag geborenen, stieg die Dvorakova in den frühen sechziger Jahren an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu Weltruhm auf. Nach einem Gastspiel als Fidelio-Leonore hatte sie der damalige Generalmusikdirektor Franz Konwitschny aus dem Stand als Octavian im Rosenkavalier engagiert. Damit zeichnete sich nach ersten Ausflügen ins jugendlich-dramatische Fach noch in der Tschechoslowakei (Rusalka, Figaro-Gräfin, Aida) zunächst eine Mezzo-Karriere ab. Ihre in die Tiefe neigende Stimme hätte das hergegeben. Es sollte anders kommen, weniger aus künstlerischen, denn – das dürfte einmalig sein – aus politischen Gründen. Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 setzte eine Zäsur im Leben der aufstrebenden Sängerin. Mehrere im Westen beheimatete hochdramatische Kolleginnen hatten Ostberlin den Rücken gekehrt und Ludmila Dvorakova sah sich plötzlich mit der Herausforderung konfrontiert, diese schmerzliche Lücke zu füllen – voller Selbstzweifel, die schwierige Aufgabe bestehen zu können. Sie bestand und eroberte sich in diesem Fach alsbald alle führenden Opernhäuser Europas, Nord- und Südamerikas.

Das Cover der CD zum 90. Geburtstag der Sängerin, erschienen ebenfalls bei Supraphon.

Das Cover der CD zum 90. Geburtstag der Sängerin, erschienen ebenfalls bei Supraphon.

Ihre Bühnenpräsenz war umwerfend. Eine schöne Frau von scheinbar ewiger Jugend – blond, natürlich, gertenschlank. Sie gab der Brünnhilde und der Isolde nicht nur die angemessene Stimme sondern auch die einzig mögliche Gestalt. Wenn sie die Bühne betrat, kamen Ohr und Auge des Publikums gleichermaßen auf ihre Kosten. Es grenzte immer an Wunder, mit welcher Kraft sie selbst den größten Raum erfüllte, das größte Orchester übertrumpfte. Die Dramatik ihres auch höhensicheren Organs kannte scheinbar keine Beschränkungen. Trotz ihrer Vielseitigkeit machte sie um bestimmte Rollen einen großen Bogen. Es blieb 1973 bei einer einzigen Elektra in Graz, und sie unterlag nicht der Verlockung, an der Metropolitan Opera die Turandot zu singen. Hätte sie das nicht doch gekonnt? Das ist die typische Frage der Fans, die sich gern nach dem verzehren, was nicht ist. Ludmila Dvorakova hat anders entschieden und damit ohne Zweifel ihre Karriere verlängert, die an ihrem Stammhaus, der Deutschen Staatsoper Berlin, 1987 endete, ohne dass sie sich dort zum Abschied eine Traumrolle verwirklichen konnte, die ihr ohne Zweifel zugestanden hätte – die Küsterin in der Oper Jenufa ihres Landmannes Leos Janacek. Aber in der DDR mangelte es auch bei solchen Gelegenheiten an Stilempfinden.

Auf den Grünen Hügel kam sie erstmals 1965 und trat dort in insgesamt fünf Sommern in Folge als Venus, Ortrud, Kundry, Brünnhilde (Walküre und Siegfried) und auch als Gutrune in Erscheinung. Offiziell ist nur die Gutrune in der legendären bei Philips veröffentlichten Gesamtaufnahme des Ring des Nibelungen unter Karl Böhm überliefert. Das ist wenig, wenngleich sie diese an sich undankbare Partie sehr eindringlich gestaltet. Es war über Jahre Bayreuther Besetzungspolitik, dass sich beispielsweise die Kundry von heute bereits morgen als Norn oder eben Gutrune wiederfand. Martha Mödl hat das ebenso völlig uneitel praktiziert wie Astrid Varnay, und die Botschaft ist, dass es in den Werken Richard Wagners keine unwichtigen Rollen gibt. Diese Art von Ensemblegeist wurde nirgends sonst so konsequent gepflegt wie in Bayreuth zu Zeiten von Wieland Wagner. Und die Küsterin selbst erzählte gern, dass in einer Götterdämmerung gleich vier Brünnhilden auf der Bühne versammelt waren: Birgit Nilsson, die Varnay als dritte Norn, die Mödl als Waltraute und sie selbst als Gutrune.

Der Titel der Zeitschrift "Opera" von Dezember 1966 kündigt die Brünnhilde in London an.

Der Titel der Zeitschrift „Opera“ von Dezember 1966 kündigt die Brünnhilde in London an.

Als Berlin noch geteilt war, gab es am Bahnhof Friedrichstraße einen tschechoslowakischen Shop. Dort stöberte ich eine Dvorakova-LP des Labels Supraphon auf, die ausschließlich Wagner gewidmet ist, aufgenommen 1966 in Prag. Darauf meine allererste Aufnahme des Schlussgesangs der Brünnhilde aus der Götterdämmerung. Ich höre die Platte ohne Ende, habe sie heute noch, bei allen Umzügen mit mir genommen. Es dauerte bis zu ihren 90. Geburtstag, dass sie endlich auf CD gelangte, aufgefüllt mit Szenen aus Opern von Bedrich Smetana. Längst vergriffen ist eine weitere frühe tschechische LP, auf der sich die Szene Senta-Erik aus dem Fliegenden Holländer mit dem unvergessenen DDR-Heldentenor Ernst Gruber findet. Nicht zu reden von gleichfalls verschollenen Szenen aus der Dvorák-Oper Dimitrij und einer kleinen Platte unter anderem mit der Arie der Santuzza. Greifbar als CD indessen ist der Lohengrin-Querschnitt von Berlin Classics mit der Szene zwischen Ortrud und Telramund zu Beginn des zweiten Aufzugs. Walhall überraschte vor wenigen Jahren mit einem bis zur Unkenntlichkeit gekürten Don Carlos in deutscher Sprache aus der Berliner Anfangszeit. Bei allen Kürzungen dieser großen Oper, die einst üblich waren, kommt die Rolle der Elisabeth immer noch am besten weg. So auch hier. Mehr wäre nicht, wenn es nicht das umsichtige Golden-Melodram-Label gegeben hätte, das die Venus (1966) und die Ortrud (1968) aus Bayreuth sowie die Londoner Brünnhilde in der Walküre von 1967 zur Veröffentlichung auftrieb. Wer sich als hartnäckiger musikalischer Pfandfinder betätigt, stößt auf Radiobänder der BBC aus Covent Garden mit kompletten Mitschnitten von Götterdämmerung und Tristan – jener Produktion mit Jess Thomas – unter Georg Solti.

Venus und Tannhäuser: Ludmila Dvorakova und Spas Wenkoff als Venus und Tannhäuser in der Berliner Inszenierung.

Venus und Tannhäuser: Ludmila Dvorakova und Spas Wenkoff in der Berliner Inszenierung von 1982 – ein Screenshot aus dem Film.

Es versteht sich von selbst, dass auch die bereits eingangs erwähnte Färbersfrau in der poetischen Harry-Kupfer-Inszenierung der Frau ohne Schatten in Berlin ebenso erhalten ist wie die Ariadne auf Naxos aus San Francisco, die Sieglinde (erster Aufzug Walküre) aus Budapest beziehungsweise Kopenhagen oder auf die Katerina Ismailowa von Dmitri Schostakowitsch aus Wien, die übrigens die erste Bühnenrolle in ihrer Heimat nach dem Gesangsstudium war. Auch die Ortrud an der Metropolitan Opera New York von 1968 und ein Fidelio mit Wolfgang Windgassen als Florestan von 1969 aus Bern finden sich in privaten Sammlungen. Das Download-Label Pappilon (www.opera-club.net) hat jüngst wieder andere Quellen erschlossen, darunter Auszüge aus einem Tristan aus Torino. Beim DDR-Fernsehfunk wurde 1982 die damals aktuelle Inszenierung des Tannhäuser von Chefregisseur Erhard Fischer abgefilmt. Vor einigen Jahren wurde die Produktion im Festival-Kultursender der ARD gezeiegt. Ludmila Dvorakova ist die Venus, Celestina Casapietra die Elisabeth und Spas Wenkoff der Tannhäuser.

Das Archiv des Prager Rundfunks bewahrt viele Dokumente aus der frühen Zeit, als die Stimme noch sehr leicht war und nur das unverwechselbare Timbre keinen Zweifel lässt, dass es die „Dvorscha“ ist, wie sie von ihrer großen Fangemeinde genannt wurde. Der bisher letzte Fund im neunzigsten Jahr ihres langen erfolgreich Lebens hat mich sehr berührt: die Peri in Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Ja, die Peri, die sich am Schluss mit atemberaubenden stimmlichen Höhen in den Himmel emporschwingt: „O ew’ge Freude, mein Werk ist getan.“ Plötzlich finden wir uns 1954 im Prager Smetana-Saal wieder. Das ist wie Zeitmaschine. Ein Kreis schließt sich. Ich bin dieser Künstlerin unendlich dankbar. Rüdiger Winter

.

.

Das große Foto oben zeigt Ludmila Dvorakova als Venus in Tannhäuser. Es ist ein Screenshot aus  dem Film, der 1982 nach der Inszenierung der Berliner Staatsoper gedreht wurde. Die ARD zeigte ihn in ihrem Festival-Kanal.

Die Eifersucht ist eine Plage

.

Gelosia! heißt das neue Album von Philippe Jaroussky bei seiner Stammfirma Erato/Warner (5054197998713). Es offeriert fünf Cantate da camera für Solostimme und kleines Instrumentalensemble, welche das Laster und die Qual der Eifersucht reflektieren. Der Titel der Platte resultiert aus Porporas Kantate La Gelosia auf einen Text von Metastasio – eine der beiden Weltpremieren dieser Sammlung. Sie wurde 1746 im galanten Stil komponiert und enthält eine zusätzlich eingefügte Sinfonia. Koloraturgirlanden und Triller stehen für die bekannte Virtuosität des Komponisten und finden sich vor allem im letzten Satz, einem lebhaften Allegretto. Jaroussky erweist sich hier noch immer als Meister in der Beherrschung des vokalen Zierwerks.

Den Text vertonte auch Baldassare Galuppi, dessen Komposition die Programmfolge beschließt und gleichfalls eine Weltersteinspielung darstellt. Mehr als auf Bravour konzentriert sich das Stück auf den Ausdruck mit einer  getragenen und einer munter beschwingten Arie.

Den Beginn der CD markiert Alessandro Scarlattis Kantate „Ombre tacite e sole“, deren zwei Arien beide mit Lento ausgewiesen sind, was der Stimme des Interpreten perfekt entspricht. Sie ist mit ihrer weichen Textur und dem zuweilen weinerlichen Ausdruck für Partien mit dramatischer Attacke und heroischer Vehemenz weniger geeignet (obwohl er solche durchaus interpretiert hat), besser liegen ihm jugendliche und introvertierte Figuren mit lyrischem Stimmcharakter. Die erste Arie mit mehreren Pausen reflektiert den verwirrten Zustand eines wegen der Untreue seiner Geliebten verzweifelten Liebhabers, die zweite ist ein Siciliano und schildert die Gewissensbisse der Untreuen. Die Stimme klingt sanft, gar lieblich und verträumt, lässt von seelischer Pein kaum etwas vernehmen.

Zwei bekannte Stücke ergänzen das Programm: Vivaldis „Cessate, omai cessate“ und Händels „Mi palpita il cor“. Erstere schildert in der Einleitung die Qualen eines betrogenen Liebhabers, später werden Wut und Tränen musikalisch ausgedrückt. Jaroussky hat sich mit diesem Komponisten jahrelang auseinandergesetzt, ihm bereits drei Alben gewidmet. Diese Beschäftigung ist spürbar durch  spannende Akzente und eine reiche Farbpalette. Auch die begleitenden Instrumente erzielen mit harschen, klirrenden Akkorden eine faszinierende Klangwelt. Das abschließende Allegro („Nell´orrido albergo“) ist ein Höhepunkt der CD mit rasenden Läufen und dem erregten Gesang des Counters, der hier wirklich von existentieller Not kündet. Händels Komposition gehört zu seinen Meisterwerken in diesem Genre, lebt von ungemein intensiven Rezitativen und sinnlichen Arien. Die erstere, „Agitata è l´alma mia“, verlangt aber trotz ihrer Kürze auch Koloraturemphase. Die zweite, „Ho tanti affani“, ist ein kantabler Dialog zwischen Flöte und Stimme, während die letzte, „Se un dì m´adora la mia crudele“, ein stürmisches Finale markiert.

Den Sänger begleitet das von ihm gegründete Ensemble ARTASERSE, das er auch selbst dirigiert. In ihm hat er die denkbar beste Unterstützung. Bernd Hoppe

Berlin-Export

.

In die Freude über eine weitere Aufnahme einer von der Berliner Operngruppe dem Berliner Publikum offerierte Opernrarität, nun bei Oehms Classics als CD erschienen, mischt sich die Besorgnis darüber, dass es in Zukunft keine habszenischen Aufführungen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mehr geben wird, denn im ablaufenden Jahr wartete man vergeblich auf eine Ankündigung und bisher scheint auch für 2026 keine Aufführung geplant zu sein. Seit 2010 gab es, zunächst im Radialsystem V und danach im Konzerthaus jedes Jahr eine bisher noch nie oder nur selten in Berlin zu erlebende Oper aus dem italienischen Repertoire, darunter Brocken wie Attila oder Edgar, und Oehms hat davon bereits Mascagnis Iris, Wolf-Ferraris Il segreto di Susanna und Donizettis a Dalind auf den Markt gebracht. Das sind Aufnahmen aus den späteren Jahren, als das aus zarten Wurzeln sich entwickelt habende Orchester sich unter Felix Krieger, der auch Initiator des Unternehmens ist, zu einem professionellen, hoch motivierten und höchst erfolgreichen Klangkörper entwickelt hatte, auch der Chor, denke man nur an Iris, leistete immer wieder Erstaunliches. Hoffen wir also im Interesse aller Berliner Opernfreunde, dass es im nächsten Jahr wieder eine Opernentdeckung geben wird.

In dem Einakter Zanetto geht es um die vielleicht erste und wohl letzte Liebe zwischen einem jungen fahrenden Sänger und einer fiorentinischen Adligen, die den sie anbetenden jungen Mann hinaus in die Welt schickt, damit er Erfahrungen sammelt, statt sich der Liebe hinzugeben. Mit diesem Stoff ist Mascagni weit entfernt von der veristischen Cavalleria Rusticana, wie mit vielen anderen Sujets darum bemüht, an den Erfolg seiner ersten Oper anzuschließen, was ihm übrigens nie mehr gelingen sollte.

Wie so oft ist es Felix Krieger auch mit Zanetto gelungen, in Berlin noch nicht bekannte, aber überaus gut für ihre Partien geeignete Sänger, bzw. in diesem Fall nur Sängerinnen zu gewinnen. Zunächst aber muss unbedingt der Chor genannt werden, der in Zanetto ohne Text, nur auf einem Vokal singend, die Sinfonia bestreitet. Das gelingt ganz ausgezeichnet und stellt eine feine Einstimmung auf das sich um zarte Gefühle handelnde Stück dar.

Silvia heißt die von einem Sopran gesungene Dame, der Narine Yeghigan eine klare, reine, zärtlich klingende Sopranstimme guter Diktion verleiht. Schön aufblühen kann sie aus sanften Melodiewellen sich erhebend und Zärtlichkeit verströmend. Wie dem ganz jungen Cherubino ist dem Zanetto eine weibliche, die Stimme eines Mezzosoprans zugeordnet. Yajie Zhang singt ihn mit zugleich jugendlichem Ungestüm wie feiner, weicher Tongebung. Beide Stimme heben sich schön voneinander ab, einmal das stürmisch Drängende, zum anderen das zögerlich Weiche verkörpernd. „Dolce è la melodia“ gilt auch für das Orchester, das einfühlsam, geschmeidig und den Gesangsstimmen einen fürsorglichen Teppich unterbreitend seiner Aufgabe auf schöne Weise gerecht wird (Oehms OC993/ Foto oben: der Dirigent Felix Krieger/Foto Bertelsmann). Ingrid Wanja

    

 

 

 

behlcanto!

.

Ein doppeltes Rätsel gibt da Cover der neuesten CD von Daniel Behle dem Betrachter auf: Was hat ein Operntenor heute noch neben einem Schalltrichter von vor über hundert Jahren zu suchen und warum heißt es anstelle von Belcanto nun behl canto!?  Nun, der deutsche Tenor war schon immer zu Scherzen aufgelegt und zudem ein Meister im Überschreiten von Grenzen, setzte er selbst sich auch nicht die eines Interpreten, sondern ist zugleich Schöpfer mit einer Operette wie Hopfen und Malz oder vielen Stücken für Bläser, studierte er doch selbst neben Gesang und Komposition auch das Spiel auf der Posaune. Nun gibt es im Bereich der klassischen Musik kaum Neues und zugleich Stimme und Ohren gleich angenehm Singbares, was liegt also näher, als sich des Alten zu bedienen, es mit einer neuen Begleitung, hier das Alliage Quartett aus Piano und vier Saxophonen, zu ummanteln und so aus einem deutschen lyrischen Tenor einen gestandenen Sänger von gleichermaßen Blumen- wie Sternenarie erstehen zu lassen. Dabei sind die meisten Arien in der Originalsprache geblieben, einige werden aber auch, und das mit erstaunlichem Effekt, wie ganz früher in Deutsch gesungen, was ganz unterschiedliche Wirkungen erzeugt. Behle selbst begründet die jeweilige Wahl der Sprache mit seiner Experimentierfreudigkeit, genauso stark aber dürfte die Freude am Lavieren „zwischen Augenzwinkern und tiefer Empfindung“ gewesen sein, das Spiel mit Farben und Nuancen.

Zu den deutsche gesungenen Titeln gehören Klein-Zack und O sole mio mit völlig unterschiedlichem Ergebnis. Während ersterer, besonders wenn so wunderbar textverständlich gesungen, die einzig richtige Wahl zu sein scheint, gerät die neapolitanische Canzone zur kitschtriefenden, kaum genießbaren  Schmonzette und macht das Stück für lange Zeit für den erschrockenen Hörer ungenießbar. Das hört sich schon beinahe wie ein Racheakt an allen bisher sich in der musikalischen Sonne Italiens sich aalenden.Tenöre an.

Interessant ist das Verhältnis zwischen Stimme und  Orchester, bei Klein-Zack  hüllt es die Stimme liebevoll ein, bei Gounods Faust unterstützt es Intimität und Individualität, und der Spitzenton am Ende der Arie gereicht jedem französischen Tenor zur Ehre. Allgemein ist die Stimme Behles dem französischen Fach nicht abhold, gerät Nadirs Arie auf dem dunklen orchestralen Grund so ätherisch wie bisher selten gehört. Das trifft übrigens auch auf die Blumenarie aus Carmen zu, die aus dem Kontrast zwischen allerfeinstem Schluss und eher martialischem Beginn eine besondere Wirkung erzielt.

Mit allen technischen Wassern gewaschen ist die in halsbrecherischem Deutsch gesungene La Danza, nach dunkelglühender Einleitung durch das Orchester zeigt E lucevan le stelle, zwar in Italienisch, aber ohne das dazu gehörende Legato, parodistische Züge. Immer wieder kann man bewundern, wie durch ganz leichte Akzentsetzung völlig neue Hörerlebnisse wachgekitzelt werden. Nie sollte der Hörer zu dem Trugschluss kommen, ihn Irritierendes sei nicht lausbubenhafte Absicht des Sänger gewesen.

Kalaf offenbart einmal mehr, wie blödsinnig ein deutscher Text sein kann,  Canio hingegen ist zugleich Parodie und Über-Verismo, von dem sich das Orchester in feiner Schlankheit distanziert.  Bonisolli würde erblassen, könnte er die Stretta des Manrico in dieser Version hören, in der Solist und Orchester einander an Dramatik zu übertreffen versuchen.

Die CD überzeugt durch vielerlei Meriten: Sie beweist, dass Daniel Behle auch singen könnte, was man ihm bisher nicht angeboten hat, sie zeigt, wie eine diverse Orchesterbegleitung ganz neue Seiten altvertrauter  Musik vermitteln  und das man mit klassischer Musik sehr viel Spaß haben kann. Mit dem Booklet übrigens auch, aus dem mehr oder weniger düstere Herren mit Schnurr- oder Voll- oder keinem Bart dem Betrachter ernst entgegen schauen, wahrscheinlich aber auch ihren Spaß an der Umgestaltung ihrer Musik hätten (Prosporo 124/Foto oben Daniel Behle/ © Marco Borggreve/ Edel Classics ). Ingrid Wanja

 

 

 

Pavarotti zum 90.

.

Einen so kostbar aussehenden wie reich gefüllten Schuber widmet die DECCA ihrem einstigen Star Luciano Pavarotti (* 12. Oktober 1935 in Modena; † 6. September 2007) zu dessen fiktiven 90. Geburtstag, der 30jährigen Wiederkehr eines veritablen Konzerts und der sogar 70jährigen eines Chorwettbewerbs ausgerechnet in dem kleinen walisischen Ort Llangollen. Dort gewann der Chor aus Modena, dem der erst 19jährige Luciano Pavarotti neben seinem Vater angehörte, den ersten Preis eines Wettbewerbs und soll aus diesem Anlass entdeckt haben, dass man mit dem Einsatz seiner Stimme hier nur Ruhm und Ehre, später als Solist auch Reichtümer gewinnen kann.

Vierzig Jahre später kehrte der Tenor, nun ein Weltstar, ins walisische Llangollen zurück und gab ein sensationelles Konzert. Lange galt die Aufzeichnung der Gala als verschollen, wurde aber wiederentdeckt und bietet dem Hörer unter dem Titel The lost Concert (Decca 487 1399 – 2 CD sowie auch eine DVD mit demselben Titel und Programm) eine bunte Mischung aus berühmten italienischen Opernarien aus, Cavalleria Rusticana Manon Lescaut, Macbeth, dazu Canzoni und auch Chornummern, dargeboten vom Corale Giochino Rossini unter Paolo Rossin, während das BBC Philharmonic Orchestra unter Leone Magiera begleitet.  Außerdem sind zwei Tracks angefügt, die zwei Chornummern, in denen Vater und Sohn Pavarotti mitsangen, und zwar in zwei barocken Chorälen.

Das Konzert fand kurz nach der Erreichung des Höhepunkts von Pavarottis Karriere statt, nach dem Konzert der Drei Tenöre in Rom anlässlich der Fußballweltmeisterschaft und den beiden Superkonzerten im Londoner Hyde Park und dem im New Yorker Central Park. Entsprechend ist die Aufmerksamkeit, die man der Sensation tief in der walisischen Provinz widmete. Da ist das Bild des Sängers in ein Feld gemäht, gibt es ein Plakat mit dem Tenor nebst Fazoletto, von dem ein Faksimile dem Schuber beiliegt, gibt es neben der CD mit der Wiedergabe des Konzerts auch noch ein ausführliches Interview  mit eingeschobenen Musikstücken unter dem Titel A 90th anniversary portrait: pilgrimage to Pesaro, wo der Tenor bekanntlich seine Sommervilla besaß und seine letzte Lebenszeit verbrachte.

Spätestens mit dem Erscheinen des Schubers dürfte Llangollen zumindest in der gesamten musikalischen Welt bekannt werden, denn es gibt auch viele Fotos von Städtchen und Landschaft, der typisch walisischen mit grünen Weiden und sanften Hügeln. Man findet viele historische Aufnahmen, so vom Chor, der den Namen Rossinis trägt, aus Modena mit dem jungen Pavarotti genau neben dem Träger der Trophäe, die man gerade errungen hatte. T-Shirts mit dem Portrait des Gefeierten wurden damals verkauft, und eine Unmenge von Zeitungsausschnitten bezeugt noch heute, welch immense Bedeutung man der Wiederkehr des Tenors, der vom Chormitglied zum Superstar wurde, beimaß.

In drei Sprachen, Englisch, Walisisch und Deutsch sind die Texte gehalten.  Es beginnt mit einem Artikel von Roger Pines zum im Oktober dieses Jahres stattgefunden habenden 90.Geburtstag Pavarottis, gefolgt vom einem Karriereüberblick einschließlich der verfügbaren Aufnahmen. Über das International Musical Eisteddfod , das sich bis in das Jahr 1176 zurückverfolgen lässt, berichtet Chris Adams.  Zwei Jahre vor dem Sieg des Chors, dem die Pavarottis angehörten, trugen übrigens die Schaumburger Märchensänger den ersten Preis davon., 1984 sang hier der Waliser Bryn Terfel. Auch die inzwischen wieder verheiratete Witwe Pavarottis, Nicoletta Mantovani, und ihre Fondazione zur Förderung der Erinnerung an den Gatten und zur Förderung junger Talente finden ihren Platz.

Obschon das Programm des Konzerts allseits bekannte Stücke beinhaltet, sind alle Texte abgedruckt, dazu gibt es zahlreiche Hinweise auf digital erreichbare Quellen. Zu schätzen weiß der Opernfreund, dass das Konzert so zu hören ist, wie es 1995 die unmittelbaren Zuhörer wahrnahmen, einschließlich kleiner Unebenheiten, die man bei einer Studioaufnahme nicht dulden würde. Die Authentizität macht einen nicht vernachlässigbaren Vorteil der Aufnahme aus, da sie die allgemeine Freude und Festlichkeit hörbar macht, die damals in Llangollen herrschten.

Luciano Pavarotti äußerste beim Abschied vom International Musical Eisteddfod 1995 den Wunsch wiederzukommen. Ob das nur eine Höflichkeitsfloskel oder ein echter Herzenswunsch war, konnte nicht geprüft werden, denn es mussten nicht einmal die vierzig Jahre zwischen dem ersten und zweiten Konzert vergehen, ehe er  zwölf Jahre nach dem Ereignis, das ein kleines Dorf tief im ländlichen Wales zum Mittelpunkt der Opernwelt werden ließ, verstarb.

Die Decca hat ihm nun ein so würdiges wie seine Fans bereicherndes Denkmal gesetzt. Ingrid Wanja

Les Mesdames Beauharnais

.

Ist man heutzutage gerade eifrig dabei, das schöpferische Wirken von Frauen zu entdecken und ins rechte Licht zu rücken, hätte man gut und gerne anstelle des Titels  Au salon de Joséphine den Namen ihrer Tochter Hortense Beauharnais auf das Cover der CD setzen können, die nun zwar einige Tracks mit Musik der Stieftochter Napoleons I. und Mutter Napoleons III. enthält, ihr Schaffen aber kaum ins rechte Licht zu setzen weiß. Schließlich war ihr „ Partant pour la Syrie“ die inoffizielle Hymne des Zweiten Kaiserreichs, und auch „Cantinelle“ sehr populär 1809 im Krieg in Spanien.

Hortense de Beauharnais/Gemälde von Francois Gérard/Wikipedia

Nun gibt es immerhin drei Stücke von der offensichtlich hochbegabten Hortense, die wahrscheinlich im Salon ihrer Mutter aufgeführt wurden, Romanzen im Stil des Empire, gekennzeichnet durch eine sanfte Melancholie, außerdem Arien aus Opern der damals belieben Komponisten Gaspare Spontini, Andrè-Ernest Grétry und Giovanni Paisiello. Die Begleitinstrumente sind Klavier und Harfe, wobei man sich, um die Authentizität zu erhöhen, solcher aus der napoleonischen Zeit bedient. Auch der Gesangsstil, ein Mit- und Gegeneinander von Gesang und Deklamation klingt an, und wie sehr italienische Musik weiterhin den Geschmack der Zeit trifft, beweist die Auswahl der Stück in teilweise auch italienischer Sprache.

Die drei Hortense zuzuschreibenden Stücke sind L’Hirondelle ganz im Stil der Schäferromantik, wie sie bereits die enthauptete Marie Antoinette gepflegt hatte und für die der Mezzosopran Coline Dutilleile sowohl für eine professionell ausgebildete wie für eine gut geschulte Liebhaberstimme gelten kann, welcher Eindruck wohl gewollt ist, um der Situation von vor knapp zweihundert Jahren nahe zu kommen. Das zweite Stück Hortenses ist „Complainte d’Heloise au Paraclet“, in dem die titelgebende Dame ihr schweres Schicksal beklagt, während in „L’Orage“ das traurige Ende eines liebenden Paares Anlass zu schon eher balladenhafter Dramatik ist. Dieses Stück erfordert von der Sängerin bereits etwas an Kraft, die anstandslos geliefert wird. Ein Hauch von Melancholie durchweht hingegen Louis-Emmanuel Jadins La Mort de Werther.

Josephine de Beauharnais/Gemälde von Guillaume Guillon Lethière/Wikipedia

Aus Spontinis auch heute noch zumindest bekannter, wenn auch kaum gespielter Oper La Vestale stammt „O nume tutelar“, wo die Sängerin die Opernstimme herauskehren kann und die Harfe als Begleitung sehr stimmig klingt. I zingari in fiera nennt sich die heute völlig unbekannte Oper von Paisiello, dem auch ein vor dem Rossinis sehr bekannter und viel gespielter Barbiere di Siviglia zu verdanken ist. Da plätschert es ebenso munter wie in den zwischen die Gesangsnummern eingestreuten Stücken für Klavier oder Harfe oder beides. In ihnen wie in der Begleitung für die Sängerin zeigen Aline Zylberajch (Klavier) und Pernelle Marzorati  ihr musikalisches Einfühlungsvermögen.

Noch heute vertraut ist als einziges Stück Jean-Paul-Ègide Martinis Plaisir d’amour, das von der Sängerin sehr charmant dargeboten wird, so wie man insgesamt einen Eindruck vom Salonleben der napoleonischen Zeit erhält, als die trotz der Scheidung noch immer den Titel Kaiserin tragende Josephine  in ihrem Schlösschen Malmaison die im Booklet erwähnten Damen, oft Ehefrauen von Napoleons Marschällen, empfing. Liest man allerdings die Namen Junot und Ney in diesem Zusammenhang, dann entgeht dem Historiker nicht, dass beide Herren nach dem Sturz des Kaisers durch Selbstmord endeten, was einen Schatten auf die harmlos-unbeschwerte Atmosphäre, die die CD vermitteln kann, wirft. Aber da war Josephine längst tot, ihr Salon für immer geschlossen (RAM 3410/ 05.12.25). Ingrid Wanja

 

Liebesfrühling in Perugia

.

Complete Songs for Voices & Piano von Robert Schumann sind bei Brilliant Classic erschienen (97410). Die Edition besteht aus vier CDs, die zwischen 2023 und 2025 in Perugia aufgenommen worden. Im Unterschied zu herkömmlichen Liedern, kommen bei diesen Vokalduetten, Trios und Quartette mehrere Solisten in verschiedenen Stimmlagen zum Einsatz. Für die Neuerscheinung wurden begleitet von Filippo Farinelli am Klavier die Italienerinnen Valentina Valente (Sopran), Elisabetta Lombardi (Mezzosopran), Elisabetta Pallucchi (Alt), der Engländer Mark Milhofer (Tenor) und der ebenfalls aus Italien stammende Mauro Borgioni (Bariton) gewonnen. Eine Werkgruppe, nämlich die Drei Gedichte von Emanuel Geibel Op. 29, ist mit Maria Ielli (Sopran), Matteo Mencarelli (Tenor) sowie Hyukwoo Kwon, Nachwuchssängern, die erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen hatten, besetzt. Mit dem ungewöhnlichen deutschen Repertoire tuen sie sich allerdings schwerer als ihre erfahreneren Kolleginnen und Kollegen.

Immerhin beschert die Box eine günstige Gelegenheit, sich wieder einmal näher mit dem Liedschaffen von Schumann, an dem auch seine Frau Clara schöpferischen Anteil hat, zu beschäftigen. Leicht wird das allerdings nicht gemacht. Bis auf das bereits erwähnte Opus, das den Textdichter Geibel bereits im Titel trägt, ist in der Trackliste kein anderer Poet genannt. Erst der kenntnisreiche Text von Bianca Maria Antolini im Booklet, die am Konservatorium von Perugia Musikgeschichte lehrte, gibt Aufschlüsse. Er wurde offenbar aus dem Italienischen ins Englisch übersetzt, denn hinter dem Namen der renommierten Autorin findet sich der rätselhaft anmutende Hinweis „Translation: BC“. Hätte sich nicht auch noch eine deutsche Übertragung bewerkstelligen lassen, zumal der Inhalt der Edition ein ausgesprochen deutsches Thema ist. Wer damit nicht genauer vertraut ist, muss sich also möglichst mit dem Stift durch die neun Seiten arbeiten, um zu erfahren, auf welche Dichter welche literarischen Vorlagen zurückgehen. Oder aber andere Sammlungen zu Rate ziehen wie die großen Editionen der Schumann-Lieder von Hyperion oder Sony, die akribischer mit den Vorlagen umgehen. Mit der Neuerscheinung bei Brilliant Classics wird schließlich kein Neuland beschritten. Sämtliche Titel sind mehrfach auf Tonträgern dokumentiert. Auf der Rückseite des Booklet wird zwar darauf verwiesen, dass sich „Sung texts and Italian notes“ auf der Internetseite der Firma fänden. Mir war es nicht gegeben, sie dort ausfindig zu machen. Vielleicht kommt das ja noch.

Schumann war literarisch hoch gebildet und hatte seine individuellen poetischen Lieblinge. Neben Goethe und Heine gehören etwa Friedrich Rückert, Hoffmann von Fallersleben, Robert Reinick oder Siegfried August Mahlmann dazu. Emanuel Geibel tritt auch als Übersetzer der teils anonymen Vorlagen für die Spanischen Liebeslieder und des Liederspiels in Erscheinung. Mit den Mädchenliedern (Op. 103) bedient sich Schumann bei Elisabeth Kulmann, deren Schicksal ihn tief bewegte. Ihr Konterfei soll über seinem Schreibtisch gehangen haben. Die deutsch-russische Dichterin starb 1825 in St. Petersburg mit nur siebzehn Jahren. Sie beherrschte angeblich zehn Sprachen. Goethe soll ihr prophezeit haben, in der künftigen Literatur einen ehrenvollen Rang einzunehmen, was ihr früher Tod verhinderte. Schumann wurde erst 1851 auf ihre Gedichte aufmerksam und erkannte darin auch eine Wesensverwandtschaft mit sich selbst. Der jugendlichen Dichterin war nämlich sehr bewusst, dass sie früh sterben müsse. Schumann hatte noch fünf Jahre zu leben, als er ihre Lieder innerhalb weniger Tage vollendete.

Die Booklet-Autorin nennt es Schumanns tiefes Streben, Poesie in Musik zu übersetzen. Indem er sich den deutschen Dichtern der Romantik zugewandt habe, schuf er musikalische Formen, in denen sich Stimme und Klavier ergänzen. Durch ihn sei das einfache Lied zur Kunstform der Romantik erhoben worden. Als besonders interessant werden die Zwölf Gedichte aus Rückerts Liebesfrühling (Op. 37) herausgestellt. Neun Lieder stammen von Robert, drei von Clara (Nr. 2, 4 und 11), was auch in der Track-Übersicht genau benannt ist. Einige Titel seien strophisch, andere durch motivische Wechselwirkungen miteinander verbunden. Es handele sich um die einzige beiderseitige kompositorische Zusammenarbeit des Paares, die bezeichnenderweise in den ersten Monaten ihres gemeinsamen Lebens entstand.

Ein Vorzug des Sängerensembles ist die Unterschiedlichkeit, die persönliche Vortragsweise, die selbstbewusst ausgelebt wird. So darf und soll es sein. Schließlich agieren die Solisten nicht als fein aufeinander abgestimmter Chor sondern als Individuen mit unterschiedlichen Temperamenten, was bitte auch herausgehört werden darf. Auch wenn die Textverständlichkeit gelegentlich zu wünschen übrig lässt, die situationsbezogenen Gefühle, Befindlichkeiten und inneren Botschaften der Sänger sind unmissverständlich. Mir hat am besten der Tenor Mark Milhofer gefallen, der die Stärken und Traditionen englischer Gesangskunst in der Liedinterpretation auch für die Gegenwart bezeugt. Rüdiger Winter

Hinreissende Orchestrierung

.

Beim Label der Stiftung Palazzetto Bru Zane ist dankenswerter Weise nicht noch eine Oper von Saint-Saens sondern von Ambroise Thomas ausgegraben worden. Psyché. Beim Hamlet kann man ja doch sagen, dass der eine Wiederentdeckung ist, die voll eingeschlagen hat. Das Werk setzt sich bis heute durch. Bestehen bei dieser „neuen“ Oper ähnliche Hoffnungen? Ich habe meine Zweifel. Dieser glanzvolle Ruhm des Hamlet wird dem Werk wohl nicht beschieden sein. Trotzdem ist Psyché ein spannendes Werk und wurde bei der Premiere 1857 als epochales Jahrhundertwerk gefeiert, als Meilenstein, als Monolith von der Bedeutung des Gluckschen Orphée. Das sagten nicht nur die Journalisten sondern eben auch Musikerkollegen, die völlig aus dem Häuschen waren. Selbst Berlioz, der ja sonst immer mäkelte. Wenige Jahre später war das Werk dann völlig vergessen. Damals, 1857, erschien Psyché eben als eine sehr spannende, sehr sorgfältig instrumentierte Oper, stilistisch vielfältig. Inhaltlich flott und innovativ. Wenn man diese hymnischen Kritiken liest, wundert man sich heute vielleicht, dass die Musikwelt so entzückt über die Orchestrierung war. Später und auch heute kannte man und kennen wir so etwas eben aus der Carmen von Bizet oder Faust von Gounod, wo es denn doch opulenter klingt. Und man war auch so begeistert von dem zu dieser Zeit neuen frechen Konzept in die hehre Welt der antiken Sage komische Szenen hineinzupacken, dies einfach kommentarlos. So etwas kennen wir heute viel überzeugender aus Straußens Ariadne auf Naxos – 1857 in Psyché ein echter Aufreger.

Thomas: „Psyché“ 1857/Zeitschriften-Illustration/ Gallica BNF

Inhaltlich geht es um die Legende von Amor und Psyche. Jules Barbier, der Librettist, setzt ganz auf feine Details und Anspielungen. Sehr schön im Einzelnen überlegt und ausgedacht, wenngleich literarisch auch nicht gerade die Speerspitze der Avantgarde. Manches erinnert mich natürlich an Jacques Offenbach. Ganz eindeutig hört man die „Anleihen“ vom ersten Finale der Psyché. Offenbach hat das fast notengetreu in der Belle Hélène durch den Kakao gezogen.

Ich bin in großen Teilen zufrieden mit der Qualität der Aufnahme. Wenngleich: Ein bisschen wehmütig ist man da schon. Eigentlich war die Titelpartie dieser Produktion gedacht und zugeschnitten für Julie DeVos, die leider vor kurzem verstarb. Eingesprungen ist jetzt Hélène Guilmette, durchaus eine Spur herber im Klang als Julie DeVos. Ein passabler Ersatz, aber nicht ganz so befriedigend wie diese große, leider zu früh verstorbene Koloratursopranistin. Das Ensemble um sie herum ist bis auf eine Ausnahme hervorragend. Wieder mit dabei ist Tassis Christoianis, hier als Merkur. Ein Sänger, der nie enttäuscht. Also auch hier nicht. Mokant, vollstimmig und auch eben ein sehr guter Sing-Schauspieler. Das große Aber ist Antoinette Dennefeld in der Hosenrolle des Eros. Sie hat hier leider viel zu singen, ist gar nicht frech oder jungenhaft. Eros ist ja die Inkarnation der Sinnlichkeit. Und Dennefeld klingt zu mütterlich bei knappen Spitzennoten. Ihr saures Timbre frisst an der filigranen Musik und macht aus dem feinen musikalischen Gespinst eher brüchiges Rauhleder.

Insgesamt mag man, wie schon erwähnt, die Kritik von damals, die frenetische Begeisterung, nicht ganz verstehen. Man war sicher vor allem von den prachtvollen Kostümen und Dekorationen der Premiere 1857 geblendet. Die haben wir jetzt natürlich nicht vor uns, zumal das auch „nur“ konzertant in Budapest mitgeschnitten wurde. Man braucht eine Weile, um in das Werk reinzukommen, um die Schönheiten zu entdecken. Aber dies ist eine extrem gut komponierte Oper. Da gibt es gar keinen Zweifel. Die Orchestrierung ist hinreißend und kann es wirklich mit Meyerbeer, an einigen Stellen sogar mit Berlioz aufnehmen. Diese Beweglichkeit des Orchesters ist bewunderungswürdig. Das funkelt pausenlos wie so ein akustisches Kaleidoskop, geht weit über eine Tagesproduktion heraus, zumal auch sehr gut rausgekitzelt von György Vashegyi am Pult des Hungarian National Philharmonic Orchestra und des Hungarian National Choir, der Raffinesse und Schmelz aus der Musik herausholt.

Vielleicht gibt es ja auch einen neuen Versuch, die Oper nochmal aufzunehmen in anderer Besetzung, denn es existiert eine andere Fassung von 1878, bei der Thomas selbst nochmal einiges verbesserte, viele Veränderungen eingeführt hat, das ganze ohne Dialoge mit Rezitativen. Da lohnt sich vielleicht eine zweite Einspielung (Palazzetto Bru Zane BZ 1062, 2 CD, CD-Buchausgabe mit Aufsätzen von Alexandre Dratwicki, Alban Rambaut und Arthur Pougin sowie dem französisch-englischen Libretto/ 18. 11. 25). M. K./G. H.