.
Die Nachricht vom Tode des belgischen Bass-Bariton José van Dam am 17. Februar 2006 holte eine ganze Welt an Erinnerungen an diesen wunderbaren Sänger mit der hocherotischen, dunklen Bariton-Stimme bei mir hervor, der ich ihn während meiner und seiner Anfangsjahre an der Deutschen Oper Berlin so oft gehört hatte. Ab dem Ende der Sechziger sang er hier, an meinem Heimat- und Lehr-Haus in Sachen Oper viele Rollen seines Fachs und trat in Konzerten sowie in Radio-Aufnahmen in West-Berlin auf.

José van Dam als Wagners Holländer an der Deutschen Oper Berlin/Foto Crohnen/DOB
Unvergessen ist mir sein Dappertutto, sein Paolo (Simon Boccanegra neben Ingvar Wixell), sein Monterone/Rigoletto, sein Holländer („Die Frist ist um!“ unvergessen!), ebenso wie die wunderbare Aufnahme aus Paris unter Varviso später), sein Orest neben Ursula Schröder-Feinens Elektra, sein Leporello neben Cesare Siepi, sein Masetto neben Dietrich Fischer-Dieskau und manchen anderen und natürlich sein Attila neben Gundula Janowitz/Lou-Ann Wyckoff und Franco Tagliavini (u. a.), natürlich auch sein Escamillo; sicher noch in manchen anderen Rollen, in denen man den nahezu balsamischen Fluss seiner bombensicheren Stimme lauschte und sich einfach dem schieren Klang hingab. Dabei war er ein blendender Schauspieler voller Würde und Hingabe an die Rolle.

José van Dam als Orest und Ursula Schröder -Feinen als Elektra an der Deutschen Oper Berlin/Foto Buhs/DOB
Spätere Partien an den großen Häusern der Welt, aber vor allem in Genf und Brüssel, scheinen mir diese Magie nicht mehr ganz gehabt zu haben. Physisch nicht gerade ein Riese überzeugte mich sein Boris Godunow in Brüssel ebenso wenig wie sein Simon Boccanegra oder Hans Sachs. Mir fehlte da neben dem bekannten Wohlklang eine Dimension der darstellerischen und stimmlichen Überzeugung, vielleicht auch das Fehlen einer gewissen, notwendigen Schwärze des Organs. Dennoch – van Dam war, spätestens nach Herbert von Karajans Parsifal mit ihm (gefolgt vom Fliegenden Holländer, Ein deutsches Requiem, die Messa da Requiem, Il trovatore, Salome und Pelléas et Mélisande), der ganz große Vertreter seines Fachs. Sein verdischer König Philippe später in Brüssel und London gehört für mich – trotz der vielleicht etwas zu hellen oder schmalen Stimme zu den Immortellen meiner Live-Erinnerungen.
Zu seinen großen Leistungen gehörte auch seine Hinwendung zum Lied, namentlich zur französischen mélodie, dessen Komponisten wie Fauré oder Debussy und natürlich viele andere er mit Hingabe und reichlich aufnahm. Viele Einspielungen zeugen davon.
Mir hat er viele Live-Abende und Hörerlebnisse voll seiner Kunst und eben dem Genuss an dieser unvergleichlichen, hinreißend sonoren Stimme gegeben. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. G. H.
Im Folgenden ein kurzer Abriss seiner Karriere aus dem wie stets unersetzlichen Wikipedia: José van Dam (* 25. August 1940 in Brüssel als Joseph Van Damme) studierte am Königlichen Konservatorium Brüssel. Er debütierte 1961 an der Pariser Oper (mit dem Priam in den Troyens!), in deren Ensemble er bis 1965 Mitglied blieb. 1965–1967 war er in Genf, in dem Jahrzehnt darauf in West-Berlin, Köln und Mannheim engagiert. Ab Anfang der 1990er Jahre gab er hauptsächlich Gastspiele oder sang in seiner Heimatstadt am Théâtre de la Monnaie.
José van Dam war einer der Lieblingssänger Herbert von Karajans in dessen letztem Lebensjahrzehnt. Dieser nahm mit ihm unter anderem den Fliegenden Holländer, Ein deutsches Requiem, die Messa da Requiem, Il trovatore, Salome und Pelléas et Mélisande auf – die Rolle des Golaud war über ein Vierteljahrhundert eine der Paraderollen des Sängers. Auch als Hans Sachs (Die Meistersinger von Nürnberg) genoss van Dam weltweites Ansehen, spätestens seit der CD-Aufnahme unter der Leitung von Georg Solti (1995).
Eine weitere Glanzpartie ist jene des Leporello aus Don Giovanni, die er auch in der Verfilmung von Joseph Losey verkörperte. Auch der Elias aus Mendelssohns gleichnamigen Oratorium gehörte zum Repertoire des belgischen Bass-Baritons, ebenso wie die Titelrolle in Puccinis Oper Gianni Schicchi. Auch sang er 1983 die Titelrolle von Olivier Messiaens Saint François d’Assise bei der Uraufführung an der Pariser Oper und bei mehreren weiteren Produktionen dieses Werks u. a. bei den Salzburger Festspielen und bei der RuhrTriennale in Bochum.
1988 spielte José van Dam in dem Film Maestro die Rolle des Opern-Stars Dallayrac. Der Film war das Regiedebüt von Gérard Corbiau (auch Regie bei Farinelli) und erhielt 1988 eine Oscar-Nominierung.
José van Dam besaß eine warme, sehr voluminöse und biegsame Stimme. Er beherrschte akzentfrei sowohl Französisch als auch Deutsch und Italienisch. Seine Diskografie ist entsprechend umfangreich.
1973 wurde van Dam mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Der belgische König verlieh ihm 1998 den Ehrentitel eines Barons. José van Dam, Brüssel 2006
Am 8. Mai 2010 verabschiedete sich van Dam im Théâtre de la Monnaie von der Opernbühne, in einer Rolle von Jules Massenets Don Quichotte unter der Leitung von Marc Minkowski.
Am 17. Februar 2026 starb er im Alter von 85 Jahren.
