Im rotchinesischen Meer

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Ganz sicher zu den Garanten für das Fortleben der klassischen Musik gehören in Europa die Asiaten, seien es Japaner, Koreaner oder auch Chinesen, die nicht nur beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker oder weniger prominenten Ereignissen im Saal sitzen, sondern auch die vielen Chormitglieder und Orchestermusiker, die inzwischen in keinem europäischen Klangkörper fehlen. Viele Opernhäuser kommen nicht mehr ohne die Solisten aus Fernost aus, die nicht nur eine Butterfly oder Turandot verkörpern, sondern längst auch im Wagnerfach reüssierten. Gastspiele in Fernost sind seit Jahrzehnten hochwillkommene Einnahmequellen und Prestigeförderer, sei es die Arena di Verona, die Scala oder jedes nur denkbare Orchester aus Europa oder den USA.  Es gibt aber auch, und das ist weniger bekannt, durchaus  rennomierte Orchester und Chöre in Fernost selbst, die sich neben der eigenen auch der klassischen europäischen Musik widmen, oft unter der Leitung von Europäern und Amerikanern, aber durchaus nicht ausschließlich.

Zu ihnen gehören das Hong Kong Philharmonic Orchestra und der Hong Kong Philharmonic Chorus, beide bereits vor der Übernahme aus der Obhut Großbritanniens durch die Volksrepublik China gegründet  und als erstes asiatisches Orchester vom Label Naxos mit Aufnahmen des Ring und nun des Fliegenden Holländers, mit Mahlers und Schostakowitschs Zehnter  auf den Markt gebracht. 2019 wurde es von der britischen Musikzeitschrift Gramophone zum Orchester des Jahres gekürt. Von 2012 bis 2024 leitete Jaap van Zweden, jetzt in Seoul tätig, das Orchester, und unter seiner Leitung wurde auch der Fliegende Holländer aufgenommen.

Der Dirigent führt das Orchester im Vorspiel mit feinen Schattierungen, rundem, vollmundigem Klang sehr einfühlsam durch die Motive bis hin zu dem der Erlösung, lässt sich Zeit damit, sie behutsam zu entfalten. Der Damenchor lässt eher an zarte Asiatinnen als an beherzte norwegische Spinnerinnen denken, obwohl der Netherlands Radio Choir zur Verstärkung eingesetzt wurde, während die Herren durchaus die kernig-ungestümen Seeleute zu verkörpern wissen.

Die Solisten sind durchweg nicht aus Asien stammend.  Mit guter Diktion und sich  nicht darauf verlassend, dass Textungenauigkeiten in Hong Kong kaum auffallen dürften, ist Brian Mulligan ein Holländer, dem Baritonhöhen wie Basstiefen der vertrackten Partie keine Schwierigkeiten bereiten, der auch den kleinen Notenwerten zu ihrem Recht verhilft, seine große Auftrittsarie mit einem schönen Schwellton auf „Auf“ beendet und nur bei „Erfahre das Geschick“ etwas unsicher wirkt. Nicht ganz so textsicher wirkt Ain Anger als Daland, etwas unausgeglichen zwischen machtvoll und dumpf, aber insgesamt doch mit einer soliden Leistung erfreuend. Einen farbigen Zwischenfachtenor setzt Bryan Register für den unseligen Erik ein, mit guter Diktion erfreuend, in der ersten Arie souveräner als in der zweiten, besonders was die Höhe betrifft. Ein schönes Timbre eines lyrischen Tenors hat Richard Trey Smagur für den Steuermann, der hörbar vorsichtig seine Aufgaben angeht. Eine ungewohnt jugendlich und erotisch wirkende Mary ist dem Mezzosopran von Maya Yahav Gour anvertraut. Einen so lieblich klingenden wie leuchtenden Sopran hat Jennifer Holloway für die Senta, die Intervallsprünge mit geschmeidiger, höhensicherer Stimme meistert, im Duett mit Erik im zweiten Akt so leidenschaftlich wie empfindsam klingt und deren Höhe unangestrengt bleibt. Kurz und gut- diese Aufnahme aus fernen Landen kann sich hören lassen! (Naxos 8.660572-73) Ingrid Wanja