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Das obige Zitat aus der großen Erzählung der Sieglinde im ersten Aufzug der Walküre kann als knappe Beschreibung der Besetzungspolitik bei den Bayreuther Festspielen gelten. In den Jahren des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als heute. Mit jeder Vorstellung wurde versucht, das am besten geeignete Personal auf die Bühne zu stellen. Wieland und Wolfgang, die Enkel des Komponisten und Leiter des Sommerfestivals, konnten dabei aus dem Vollen schöpfen. Die wenigsten der Solisten hatten schon vor 1945 zum Ensemble gehört. Neubeginn sollte sich auch auf diese Weise ausdrücken.
Nachdem PAN CLASSICS bereits dem kompletten Ring des Nibelungen von 1953 auf den Markt brachte, sind nun auf dem Folgejahr 1954 Lohengrin, Tannhäuser, Die Walküre und Parsifal in einer gefälligen Box erschienen (PC 10469). Allesamt waren diese Mitschnitte bereits mehrfach bei anderen Firmen zu haben. Jetzt geht es darum, sie in möglichst verbesserter Tonqualität anzubieten. Sie können sich hören lassen. Wunder aber sind nicht zu erwartet. Mono bleibt was es ist. Die Plastizität und Räumlichkeit dieser Inszenierungen und der sagenhafte Klang des Hauses teilen sich in jedem Falle auch unter den historischen akustischen Verhältnissen überzeugend mit. In der Regel haben die Solisten und der Chor auch viel deutlicher gesungen als jetzt. Verständlichkeit hatte schon der Komponist eingefordert. Wie hätten sonst seine Musikdramen das Publikum erreichen sollen? Alle vier Werke sind leuchtende Beispiele für die Wirksamkeit dieses Prinzips.
In einer neuen Inszenierung durch Wieland Wagner wurde Tannhäuser in den Spielplan der Nachkriegszeit aufgenommen. Gespielt wurde die Dresdener Fassung mit der abgeschlossenen Ouvertüre, die der Dirigent Joseph Keilberth zu einem fulminanten Abschluss führt. Der Mitschnitt hält die Premiere vom 22. Juli 1954 fest. Damit tauchten auch neue Gesichter auf wie Dietrich Fischer-Dieskau als Wolfram, der für mich die eindrucksvollste Leistung der gesamten Vorstellung zu bieten hat. Wurde Wagner in so einem großen Haus wie diesem je präziser, erfüllter und solistischer gesungen? So, als würde er innerhalb der Aufführung einen Liederabend geben. Das hat auch seine Tücken. Mir scheint, er hebt sich über das Ensemble hinaus – ohne, dass er es will. Fischer-Dieskau kann nicht anders.

Traumpaar Martha Mödl und Ramon Vinay – als Walküre und privat/youtube
Der Chilene Ramon Vinay mit schwerem Heldentenor kehrte nach seinem aufsehenerregenden Tristan, nach Parsifal und Siegmund nun als Tannhäuser zurück und bewältigte alle sechs kräftezehrende Vorstellungen der Saison. Als feste Stütze im Ensemble galt schon damals Josef Greindl, den Landgraf mit unverwechselbarer Bassstimme gibt. Er sollte bis einschließlich 1969 in jedem der folgenden Jahre wiederkommen. Neuling auf dem Grünen Hügel war der Tenor Josef Traxel, der mit dem kurzen Solo des Walther von der Vogelweide vom „Bronnen, den uns Wolfram nannte“ für einen Moment die sich anbahnende Zuspitzung des Sängerkrieges aufzuhalten vermag. Ähnlich seinem betörenden Auftritt als Froh im Rheingold-Finale zur Feier des Regenbogen, der als Brücke nach Walhall führt, wird Traxel zu einer jener Sängerpersönlichkeiten, die Nebenrollen für den einen Moment zum Zentrum einer Vorstellung machen. Mit makellosem Deutsch empfiehlt sich die Holländerin Gré Brouwenstijn in der Rolle der Elisabeth als Bereicherung für das Festspielensemble. Das leichte Vibrato nimmt der Stimme nichts von ihrer Sicherheit, sondern steigert vielmehr den Ausdruck seelischer Erregung. Gemessen am hohen Niveau der Aufführung, die auch ein für die Zeit aufregenden Regiekonzept erahnen lässt, bleibt die grundsolide Herta Wilfert der Venus manches schuldig. Nahezu rührend fällt der Auftritt des jungen Hirten mit dem elfjährige Volker Horn aus. Er war damals noch bei den Regensburger Domspatzen, studierte später Gesang im Fach Tenor und kehrte 1980 als Edler in Lohengrin und Gralsritter in Parsifal nach Bayreuth zurück.

Max Lorenz, hier als Lohengrin/Wikipedia
Die anderen Werke der Edition waren Wiederaufführungen und sind auch unter anderen Labels bekannt. Mit Birgit Nilsson als Elsa begann eine der erfolgreichsten Festspielkarrieren auf der Bühne, nachdem sie bereits 1953 den Sopranpart in Beethovens 9. Sinfonie mitgewirkt hatte. Sie folgte auf die US-Amerikanerin Eleonore Steber, die im Vorjahr die Lohengrin-Premiere gesungen hatte, die bei Teldec offiziell herauskam. Weiter nach vorn an die Rampe trat Theo Adam aus der DDR als König Heinrich, den er alternativ mit Greindl und Ludwig Weber gab. Gleichzeitig – und das war in Bayreuth über Jahre übliche Praxis – war er als Gralsritter im Parsifal besetzt, der bis auf wenige Ausnahmen jährlich auf dem Spielplan stand, das dritte Mal in Folge mit Martha Mödl als Kundry und Wolfgang Windgassen in der Titelrolle. Als Sonderfall sollte die Walküre in die Annalen der Festspiele eingehen. Max Lorenz, der Siegmund von 1937 unter Wilhelm Furtwängler, wollte es noch einmal wissen und kehrte für die zwei Ring-Vorstellungen zurück. Die Mödl und Astrid Varnay alternierten als Brünnhilde. An einem Abend sang die Mödl ihre einzige Sieglinde. Mit Lorenz fand sie hörbar auch darstellerisch nicht zusammen – und er nicht mit ihr. Beide verkörperten unterschiedliche Welten, die Mödl die Zukunft, Lorenz die Vergangenheit (Foto oben: Bayreuther Festspielhaus um 1900/Wikipedia). Rüdiger Winter
