Archiv des Monats: Januar 2026

Pracht für Auge und Ohr

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In wacher Erinnerung ist die szenische Aufführung von Nicola Porporas Oper Polifemo 2019 in der Salzburger Felsenreitschule im Rahmen der dortigen Pfingstfestspiele. Julia Lezhneva sang damals die weibliche Hauptrolle der Galatea. Der russischen Sopranistin, eine Ikone der Barockszene, begegnet man nun wieder in einer Veröffentlichung des Labels Château de Versalles, das zwei Aufführungen des Werkes 2024 im Hoftheater des Schlosses von Versailles mitgeschnitten hat. Wie immer ist die Präsentation in einer prachtvoll ausgestatteten Box mit drei CDs und einer DVD lobend zu erwähnen (CVS 159).

Am Pult des Orchestre de l´Opéra Royal steht sein Chefdirigent Stefan Plewniak – ein Spezialist für das Genre, der schon mehrere erfolgreiche Einspielungen beim französischen Label verantwortet hat. Ihm gelingt es, das dreistündige Werk lebendig und unterhaltsam zu realisieren. Die Besetzung trägt zum großen Hörvergnügen bei, angeführt von Paul-Antoine Bénos-Dijan als Ulisse. Wenn Lezhneva und Franco Fagioli als Aci auch die renommiertesten Interpreten der Aufnahme sind, so ist der französische Countertenor für mich doch der Star der Produktion. Seine Stimme ist von betörender Schönheit, aufregender Sinnlichkeit und bemerkenswertem Empfindungsreichtum. Mit dem auftrumpfenden „Core avezzo al furore“ im 1. Akt führt er sich imponierend ein, mit dem wiegenden, zärtlich intonierten „Fa´ ch´io ti provi“ und dem schmeichelnden „Fortunate pecorelle“ kann er die Schönheit seines Materials nachdrücklich herausstellen. Bezaubernd tupft er die Töne in seinem Solo am Ende des 2. Aktes, „Dell´immortal bellezza“, und hat am Ende des 3. Aktes eine Arie zu absolvieren, „Quel vasto, quel fiero“, die als tour de force der rasenden Koloraturen eine besondere Herausforderung an den Interpreten stellt.

Die berühmteste Arie des Werkes fällt jedoch Aci zu. Im 3. Akt, von Polifemo mit einem Felsen erschlagen und von Jupiter in einen Quell verwandelt, singt er „Alto Giove“ – jene Nummer, welche der legendäre Kastrat Farinelli jahrelang in Madrid dem depressiven spanischen König Philipp V. vorsang und dabei immer wieder neue Variationen und Verzierungen erfand. Die Stimme Fagiolis, der hier als barocker Held gewandet ist und eine Krone trägt, hat im Timbre an Wohllaut etwas eingebüßt und an Vibrato zugenommen, so dass die Arie hier nicht so mirakulös schwebend erklingt, wie man es ihm von früheren Aufnahmen kennt. Doch noch immer besitzt der Vortrag den Ausdruck der Magie und des Entrücktseins. Davon zeugt auch seine Auftrittsarie, „Dolci, fresche aurette“. Unvermindert bewundernswert ist seine Virtuosität, was er im 2. Akt mit zwei Arien beweisen kann. „Lusingato dalla speme“ ist eine der längsten Arien des Werkes, von bukolischem Zuschnitt und reich verziert. Die Koloraturen nehmen hier freilich einen meckernden Klang an – ein inzwischen häufiger zu vernehmender Eindruck. In der furiosen Bravour-Arie „Nell´attendere il mio bene“ lässt der Sänger aber keinen Zweifel an seiner Ausnahmestellung und brennt ein Feuerwerk an technischen Finessen ab. Porpora hat ihm ganz am Ende mit „Senti il fato“ noch eine ausgedehnte, mit reichen Verzierungen ausgestattete Arie verordnet, in welcher der Interpret noch einmal die Rangordnung in der Besetzung klarstellt.

Nach wie vor ist Lezhnevas Gesang höchst kunstvoll und delikat. Ihre Triller und abellimenti sind wahre Kunststücke. Und all diese absolviert sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Den 1. Akt beschließt sie mit der bravourösen Arie „Ascoltar no“, wo sich Koloraturen und Triller schier überschlagen. Bei dem übermütigen „Fidatta alla speranza“ im 2. Akt wiederholt sich das und wieder brilliert die Sängerin, was das Publikum angemessen honoriert. Schmerzlich umflort ertönt die Arie „Smanie d´affanno“ im 3. Akt, wenn Galatea vergeblich ihren Aci sucht und ihren Schmerz in einer ausgedehnten Kadenz ausdrückt. Mit flirrendem Sopran von berückender Süße stimmt sie auch das Schlussterzett mit Aci und Ulisse an. nach welchem das Publikum alle Interpreten ausgiebig feiert. was diese  mit einem Da capo belohnen.

Recht klein ist die Titelrolle des Polifemo, dennoch kann sich José Coca Loza in einem monströsen Kostüm als Zottelmonster mit seinem resonanten Bass nachdrücklich profilieren, vor allem im letzten Akt. Èléonore Pancrazi komplettiert die Besetzung als muntere Nymphe Calipso mit energischem Mezzo von satter, gurrender Tiefe. Die kleine Partie der Nymphe Nerea ist gestrichen.

Die DVD hält die opulente Inszenierung von Justin Way in Versailles fest. Pierre-François Dollé hat die Tänze im barockisierenden Stil choreografiert und sich dabei durchaus einige ironische Tupfer gestattet. Die sechs Herren der Académie de danse baroque de l´Opéra Royal sind die denkbar besten Interpreten. Die Bühne von Roland Fontaine zeigt einen marmornen Steinbruch am Fuße des Ätna. Die spektakulären Kostüme in haute couture-Manier von Christian Lacroix sind von einzigartiger Pracht, die extravaganten Perücken ganz von barocker Dekadenz. Selten kann man heute einen derartigen Ausstattungsluxus sehen. So ist die Ausgabe gleichermaßen ein Geschenk für Auge und Ohr (13. 01. 2026). Bernd Hoppe

Hamburger Team-Arbeit

 

cpo zählt für mich zu jenen Labels, die immer wieder Unbekanntes veröffentlichen. Vor allem frühe deutsche Opern stellen einen Kernpunkt des Repertoires der Firma dar. Jetzt wurde dieses um Reinhard Keisers Oper Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig erweitert. Der Kapellmeister der Hamburgischen Oper am Gänsemarkt ist seit der epochalen Aufführung seiner Oper Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus durch René Jacobs 1999 an der Berliner Staatsoper wieder im Gespräch, inzwischen sind sieben Opern des Komponisten auf CD verfügbar.

Der Carneval von Venedig wurde 1707 am Hamburger Theater am Gänsemarkt mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto von Johann August Meister fußt auf der französischen Comédie-Ballet gleichen Titels von André Campra, welche 1699 in Paris zur Premiere kam. Die Handlung kreist um zwei Paare, die sich untreu werden und am Ende wieder zueinander finden – vergleichbar mit Così fan tutte. Wie in Mozarts Oper gibt es auch hier ein drittes Paar – zwei deutsche Adlige, die sich als Celinde und Myrtenio in das venezianische Karnevalstreiben stürzen. Der Musik ist eine stilistische Vielfalt eigen. so dass man das Werk auch als Pasticcio bezeichnen kann. Teile der Komposition stammen von Christoph Graupner und wahrscheinlich auch von Johann Mattheson. Tanzeinlagen wurden aus Campras Comédie-Ballet übernommen.

Die vorliegende Einspielung auf 2 CDs entstand im Juli 2022 in Hamburg (cpo 555 581-2). Wieder einmal war das barockwerk hamburg unter seiner Leiterin Ira Hochman am Werk. Es musiziert mit Schwung, Frische und Vitalität. Schon die heiter-beschwingte Ouverture stimmt auf kommende Hörfreuden ein. Genussreich sind die zahlreichen Tanzeinlagen (Entrée, Rondeau, Bourrée, Passepied). Bei der Aufnahme handelt es sich um eine Rekonstruktion, da die Partitur nicht erhalten ist. Fehlende Nummern wurden durch Stücke aus anderen Werken Keisers ersetzt.

Das Solistenensemble weist keine Stars auf, ist aber zumeist solide. Die Sopranistin Hanna Zumsande als Leonora und der Bariton Andreas Heinemeyer als Leandro geben das erste Paar. Sie eröffnet den 1. Akt mit zwei Arien, klingt obertonreich und klar. Er beginnt gleichfalls mit zwei Soli, lässt aber eine etwas monotone, in der Höhe bemühte Stimme hören. Leandro verliebt sich in Isabella (die Sopranistin Fanie Antonelou mit keckem Ton), die von Rudolfo (der Bariton Matthias Vieweg mit markanter Stimmgebung) getrennt wird und sich in Leandro verliebt. Die Sopranistin Anna Herbst und der Tenor Mirko Ludwig nehmen die deutsche Prinzessin Celinde und ihren Verehrer, Prinz Myrtenio, wahr. Sie imponiert mit lyrischer Noblesse von melancholischer Stimmung („Lungi da me“) oder jubelnden Koloraturen („Grata mercé di costante fé“). Er setzt auf buffoneske Munterkeit. Im 3. Akt findet sich noch ein heiteres Intermezzo mit der Köchin Trintje (die Mezzosopranistin Geneviève Tschumi mit munteren Tönen) und ihrem Begleiter Brillo (der Tenor Mirko Ludwig mit witzigen Verfärbunden), die ihre Couplets auf Plattdeutsch vortragen, was dem Geschmack des Hamburger Publikums entsprach. Beide Solisten bilden gemeinsam mit Catherina Witting und Sönke Tams Freier auch das Vokalquartett, dem die Chorpartien anvertraut sind. Bernd Hoppe

 

Vermächtnis

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Gleichermaßen alter wie hochmoderner Musik verpflichtet fühlte sich der Mezzosopran Lorraine Hunt Lieberson, viel zu früh wie bereits vorher ihre Schwester an Krebs verstorben, nachdem sie als letztes Vermächtnis eine CD mit Liedern ihres Gatten eingespielt hatte. Ursprünglich an der Bratsche ausgebildet, hatte sie als Sängerin ihren Durchbruch in Glyndebourne in der Peter-Sellars-Inszenierung von Händels Theodora in der Partie der Irene. Der einspringende Dirigent war damals Harry Bicket, der sie auch auf ihrer Händel-CD mit Arien aus den Opern Theodora, Serse und der Cantata La Lucrezia begleitet, einmal als Dirigent, dann als Organist.

Es beginnt mit den Arien der Irene, Vertraute Theodoras und mit Anteilnahme deren Schicksal verfolgend.

As with rosy steps te morn“ lässt die Stimme in schöner Ruhe strömen, Ergebenheit in das Schicksal sich geschickt steigernd lassend mit schönen Schwelltönen, leuchtender Höhe, die Extreme nicht scheuend, was die Lautstärke betrifft, rubatobewusst, während das Orchester pure Beschaulichkeit vermittelt.

Eine schimmernde Mittellage lässt sich im Rezitativ „O bright exampleof all goodness!“ vernehmen, in der darauf folgenden Arie „Bane of virtue, nurse of passion“ wird es etwas geschmäcklerisch und damit zusätzlich reizvoll, den weiten Spielraum zwischen Beiläufigkeit und Bedeutungsschwere auskostend. Breit ist die Spanne zwischen Verhaltenheit und dem gewaltigen Aufblühen des Mezzos am Schluss mit „And pure religion feeds the flame“.

Hochpräsent ist die Stimme auch im Pianissmo von „The clouds begin to veil“, in der sich anschließenden Arie betört ein inniges Gebet mit „Defend her Heav`n!“ Es folgt „Lord to Thee each night“ in schöner Schlichtheit und beachtlicher Geläufigkeit im schnellen Teil.

Im Rezitativ „She`s gone“ überzeugt die feine Nachdenklichkeit, in der Arie „New scenes of joy“ ist pure Abgeklärtheit zu vernehmen.

La Lucrezia wurde bereits in Rom komponiert, um dort die von der römischen Kirche vorgeschriebene opernlose Fastenzeit  vergnüglich zu überbrücken, auch wenn das Sujet bekannlich ein sehr betrübliches ist. Die Sprache ist dementsprechend Italienisch, und auch in diesem weiß die Sängerin um die Bedeutung der Rezitative, führt ihre Stimme in der Arie „Già superbo del mio affanno“ in Mezzoqualitäten in die Höhe und verstört nur in  „Il suol che preme“ mit leicht verwaschener Diktion. Einfach toll ist das Furioso „Questi la disperata anima“ mit seinem unverhofften Wechsel  zum Adagio, von berührender Innigkeit „A voi, a voi, padre, consorte“, und auch das Furioso „Ma se qui non m`e dato“ verdient seine Bezeichnung in dieser Darbietung.

Der  letzte Teil bringt Arien aus Serse, natürlich, und das als krönenden Schluss „Ombra mai fu“, das man sich inniger nicht denken kann, nachdem bereits die widerstreitenden Gefühle von „Se bramate“ in atemberaubender Geläufigkeit und Strahlkraft imponieren konnten. Hier wie bereits zuvor sind der Sängerin Harry Bicket und das Orchestra oft the age of Englishtenment würdige Begleiter (AV2792). Ingrid Wanja

Entdeckerfreude, Klarheit und Leidenschaft

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Diese Warner/EMI-Box mit 63 CD ist eine imponierende Sammlung von Zeugnissen des großen, in Deutschland vielleicht doch zu wenig bekannten Charles Mackerras (1925–2010). Sie dokumentiert einen Großteil des Repertoires eines sehr vielseitigen Konzert- und Operndirigenten, der in vielen Genres der Klassischen Musik „zuhause“ war (5021732623560).

Jahre des Studierens – nach einer kurzen Laufbahn als Oboist in Sydney –  bei dem legendären Dirigenten Vaclav Talich in Prag Mackerras entscheidend und weckten früh seine Begeisterung für die tschechische Musik. So galt der in den USA geborene Australier später sogar als der die tschechische Tradition am besten fortsetzende Dirigent. Davon legen seine Interpretationen der Symphonien Nr. 7 bis Nr. 9 und der Variationen für Orchester von Antonín Dvořák mit dem London Philharmonic Orchestra Zeugnis ab. Sie sind exemplarisch in Idiomatik, Dramaturgie, Dynamik, ebenso was Klarheit, Transparenz und das „böhmische“ Kolorit angeht. Leider enthält die Box nur eine CD mit Musik von Leoš Janáček: die Sinfonietta (nicht pathetisch, wie häufig zu hören) und vier Opernouvertüren – mit dem besonderen Tonfall, dessen diese Musik bedarf (Pro Arte Orchester).

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Mozarts Werke bildeten einen Schwerpunkt in Mackerras´ Arbeit. Hier imponieren weniger die Symphonien Nr. 36 „Linz“ und Nr. 38 „Prag“ oder die Nr. 40 und Nr. 41 (klassisch, ausgewogen, aber doch etwas nüchtern und mulmig im Klang) als das Flötenkonzert, die Bläser-Concertante Es-Dur sowie die Klavierkonzerte Nr. 21 und Nr. 23 mit dem hierzulande kaum bekannten Pianisten Alan Schiller (jeweils mit dem London Philharmonic Orchestra). – Zügig genommene Allegri, viel „brio“, Energie, ausgehörte Klanglichkeit und Transparenz zeichnen die Aufnahmen der Symphonien Beethovens mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra aus den 1990er Jahren aus, bei denen das Orchester freilich gelegentlich an seine Grenzen kommt.

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Charles Mackerras war ein Opernpraktiker von hohem Rang. Von 1948 bis 1977 war er zunächst Dirigent, später Generalmusikdirektor des Sadler’s Wells Theatre in London. In den Jahren 1961 bis 1963 arbeitete er an der Staatsoper in Berlin, 1965 bis 1970 an der Hamburgischen Staatsoper. Seit 1964 dirigierte er zudem am Royal Opera House Covent Garden in London und an der Londoner ENO. Seine bedeutende Opernarbeit ist allerdings in der Box unterrepräsentiert (weil zu wenig bei EMI eingespielt). Zu hören sind vor allem Häppchen: Auszüge aus Wagners Götterdämmerung, Mozart-Arien mit Barbara Frittoli, Puccini-Arien mit Montserrat Caballé, „Great Opera Duets“, dazu Ouvertüren und Zwischenspiele. Dafür kann man als einzige vollständige Oper, Mozarts Idomeneo erleben – in der am meisten kompletten und damit auch längsten Fassung. In der orchestralen Besetzung (Scottish Chamber Orchestra) und dem Musizieren folgt Mackerras zwar historischen Erkenntnissen. Er war selbst ein Pionier der „historisch informierten“ Aufführung, freilich nicht so radikal wie John Eliot Gardiner oder René Jacobs in ihren Aufnahmen. Ein Handicap der Idomeneo-Aufnahme ist die Besetzung der Titelrolle mit Ian Bostridge, dessen nasaler Ton oft befremdlich wirkt.

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Mackerras hatte auch ein Gespür für das Ballett und dessen Dramaturgie, wie die Aufnahmen von Ballettmusiken – von Chopin und Delibes bis zu Offenbach zeigen. Die sind immer unterhaltend und lassen sich auch ohne die dazugehörende Handlung gut anhören. Überhaupt hatte der Dirigent ein Händchen für das Tänzerische. So inspiriert er das Philharmonia Orchestra zu Höhenflügen mit Tänzen von Dvořák, Smetana, Brahms, Bartók oder Enescu. Nicht zu vergessen eine hochamüsante CD mit Mackerras´eigener Bearbeitung von Themen aus Verdis Opern als abendfüllendes Ballett.

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Von einem quasi britischen Dirigenten erwartet man einen gewissen Einsatz für die britische Musik. Mackerras bot den reichlich, aber dosiert. Die Box enthält die ambitionierte, klassische Symphonie Nr. 1 von William Walton und die ungewöhnliche Dritte Symphonie von Havergal Brian, ferner Elgars Falstaff mit seiner großen Kunst der Charakterisierung des dicken Ritters sowie die Enigma-Variationen in exemplarischen Interpretationen. Raphael Wallfisch spielt das rhapsodisch angelegte Cellokonzert von Frederick Delius mit großem Ton und subtiler Gestaltung. Eine wahre Entdeckung ist das von Mackerras restaurierte Cellokonzert von Arthur Sullivan, der hierzulande als Komponist von eher „leichter“ Musik gilt. Julian Lloyd Webber spielt es mit großer Intensität und Virtuosität. Überhaupt hatte Mackerras ein Faible für Sullivan. Allein von der erfolgreichen Ballettmusik Pineapple Poll sind hier gleich drei Einspielungen zu erleben. Schließlich fehlen nicht Gustav Holsts Planets (als Ton-„Dichtung“ musiziert, farbig, detailreich, nicht pompös oder knallig wie häufig zu hören!) oder die in Großbritannien beliebte Musik von Eric Coates.

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In den 1980er- und 1990er-Jahren arbeitete Charles Mackerras mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment zusammen. Das 1986 gegründete Ensemble führt vor allem Musik aus der Zeit der Aufklärung (englisch „Enlightenment“) auf historischen Instrumenten auf. Es hat sein Repertoire nach und nach erweitert hin zu Werken des 19. und 20. Jahrhunderts. Sehr gelungene Zeugnisse der der künstlerischen Arbeit mit Mackerras sind die Einspielungen von Mendelssohns Vierter Symphonie und Sommernachtstraum-Musik (animiert, klar, akzentuiert) sowie der Schubertschen Symphonien Nr. 5, Nr. 7 h-Moll (in der komplettierten Fassung) und Nr. 8 C-Dur. Mit Monica Huggett entstanden die Violinkonzerte von Beethoven und Mendelssohn.

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Die Box enthält auch Raritäten wie Tschaikowskys selten aufgeführtes einsätziges Drittes Klavierkonzert, Saint-Saens‘ charmanten „Wedding Cake“, vor allem aber das hochvirtuose Concerto symphonique von Henry Litolff – gespielt von Joseph Cooper. Als Kuriosa nimmt man zur Kenntnis: das „Christmas Album“ von Elisabeth Schwarzkopf (eine für mich überflüssige Geschmacksverirrung), „A little nonsense“ mit Owen Branigan und anderen (wohl eher nur etwas „for a British audience“) oder „Folksongs of the British Isles“ mit dem seinerzeit berühmten walisischen Tenor Richard Lewis.

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Charles Mackerras lernt man als profunden MahlerInterpreten mit „Wunderhorn“-Liedern mit Ann Murray und Thomas Allen sowie der Ersten und Fünften Symphonie (jeweils mit dem London Philharmonic Orchestra) kennen. Den Aufführungen kommt zugute, dass es Mackerras auch darum geht, die Struktur eines Werkes offen zu legen – freilich nicht mit kühlem analytischem Blick, sondern mit großer Aufmerksamkeit für den jeweils eigenen Ton, die Stimmung und das Melos der Musik.

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Werke von Georg Friedrich Händel eröffnen die Sammlung auf sieben CDs. Die Einspielung der Feuerwerksmusik aus dem Jahre 1959 – schwer und zeremoniell anhebend, dann langsam Fahrt aufnehmend – imponiert mehr als Kuriosität Kuriosität: Die Musik wurde in einer Besetzung mit 26 Oboen und 14 Fagotten eingespielt – das war nur in einer nächtlichen Aufnahmesitzung möglich. Die drei Suiten aus der Wassermusik, fast 20 Jahre später mit dem Prager Kammerorchester aufgenommen, sind interessanter, aber auch recht old-fashioned. Das Oratorium Messiah mit prominenten Solisten, den Ambrosian Singers und dem English Chamber Orchestra (1966) klingt heute, mit der Erfahrung dessen, was sich in der Aufführung Alter Musik getan hat, einigermaßen antiquiert. Breite, teils zu schwere Zeitmaße irritieren doch, man vermisst Spannung und Suggestivität der Klangrede.

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Die Einspielungen Aufnahmen ganz unterschiedlicher Musik demonstrieren die Vielseitigkeit des Musikers, Musikgelehrten und Opernpraktikers Charles Mackerras gut, ebenso seine Universalität und Entdeckerfreude – und das ein ganzes Künstlerleben lang. Leider ist die Nutzung der Edition nicht einfach. Man muss manchmal umständlich suchen, ehe man ein bestimmtes Werk findet. Das Booklet ist recht lieblos. Zwar enthält es einen informativen, sehr lesenswerten Aufsatz von Nigel Simeone über Mackerras und einige charakteristische Fotos. Indes fehlt eine detaillierte Auflistung des Inhalts der Box mit Werken, einzelnen Tracks und Interpreten, die einen schnellen Zugriff auf Gesuchtes ermöglicht. Stattdessen ist nur eine Liste der Werke, geordnet nach Komponisten, abgedruckt.

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So genannte „komplette Editionen“ wie auch diese „Complete Warner Edition Charles Mackerras“ haben erfahrungsgemäß ihre Nachteile, wenn sie nach Tonträgerfirmen geordnet erscheinen. Präsentiert wird nur ein Teil des Vermächtnisses eines Künstlers. Bei anderen Labels findet sich garantiert nicht nur ebenfalls Hörenswertes, sondern vielleicht sogar eine der herausragendsten Interpretationen des selben Künstlers. Das gilt auch im Fall von Charles Mackerras. Die Warner-Edition bietet zwar alle für die EMI und ihre Tochtergesellschaften entstandenen Aufnahmen. Zum Gesamtbild gehören aber eben auch z. B. maßgebliche Einspielungen der späten Mozart-Symphonien mit dem Scottish Chamber Orchestra (bei Telarc) sowie exemplarische Interpretationen von Janáček-Opern mit den Wiener Philharmonikern (bei Decca). Wer sich umfassend über Mackerras’ Kunst informieren will, der tut gut daran, sich noch weitere, bei anderen Labels veröffentlichte Aufnahmen anzuhören. Helge Grünewald

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Mit Werken von: Tomaso Albinoni (1671-1751) Albert Arlen (1905-1993) Thomas Arne (1710-1778) Bela Bartok (1881-1945) Ludwig van Beethoven (1770-1827) Alban Berg (1885-1935) Hector Berlioz (1803-1869) Ronald Binge (1910-1979) Alexander Borodin (1833-1887) William Boyce (1711-1779) Johannes Brahms (1833-1897) Havergal Brian (1876-1972) und weitere

Mitwirkende: Elizabeth HarwoodJanet BakerPaul EsswoodRobert TearBarbara FrittoliIan BostridgeLorraine Hunt LiebersonLisa MilneAnthony Rolfe JohnsonDella JonesBryn TerfelMontserrat Caballe und weitere; 63 CDs

Ludwig van Beethoven: Symphonien Nr. 1-9; Violinkonzert op. 61
+Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo, Re di Creta KV 366; Symphonien Nr. 36, 38, 40, 41; Klavierkonzerte Nr. 20 & 23; Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b; Flötenkonzert Nr. 1 KV 313; Les Petites Riens KV Anh. 10; Divertimento KV 113; 6 Deutsche Tänze KV 600; 2 Märsche KV 408; 2 Menuette KV 604; Konzertarie KV 528; Arien aus Cosi fan tutte, Don Giovanni, Idomeneo, Le Nozze di Figaro
+Georg Friedrich Händel: Der Messias HWV 56; Concerti grossi op. 3 Nr. 1-6; Concerti grossi HWV 335a & 335b; Feuerwerksmusik HWV 351 (in zwei Einspielungen); Wassermusik-Suiten HWV 348-350; Concerto a due cori Nr. 2 HWV 333; Concerto a due cori F-Dur nach HWV 333 & 334; Trompetenkonzert HWV 367a; Berenice-Ouvertüre HWV 38; Wassermusik-Suite (arr. Hamilton Harty)
+Gustav Mahler: Symphonien Nr. 1 & 5; Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
+Franz Schubert: Symphonien Nr. 5, 8, 9 (Nr. 8 in der 4-sätzigen Fassung von Brian Newbould); Ballettmusik Nr. 2 aus Rosamunde D. 797
+Hector Berlioz: Le Carnaval romain op. 9; La Damnation de Faust op. 24; Marche troyenne aus Les Troyens
+Antonin Dvorak: Symphonien Nr. 7-9; Symphonische Variationen op. 78; Streicherserenade op. 22; Legenden op. 59; Nocturne op. 40; Romanze op. 11 für Violine & Orchester; Slawische Tänze op. 46 Nr. 1-3; op. 72 Nr. 2
+Edward Elgar: Falstaff op. 68; Romanze op. 62 für Cello & Orchester; Enigma-Variations op. 36
+Gustav Holst: The Perfect Fool-Ballettmusik; The Planets op. 32
+Leos Janacek: Capriccio für Klavier linke Hand & Kammerensemble; Concertino für Klavier & Kammerensemble; Aus einem Totenhaus-Ouvertüre; Jealousy-Ouvertüre; Kata Kabanova-Ouvertüre; Die Sache Makropulos-Ouvertüre; Sinfonietta
+Felix Mendelssohn: Symphonie Nr. 4; Violinkonzert op. 64; Ein Sommernachtstraum (Ouvertüre op. 21 & Bühnenmusik op. 61
+Modest Mussorgsky: Eine Nacht auf dem kahlen Berge (in zwei Einspielungen); Bilder einer Ausstellung; Gopak aus Sorochinsky Fair
+Sergej Rachmaninoff: Symphonie Nr. 3; Symphonische Tänze op. 45
+Richard Strauss: Don Juan op. 20; Till Eulenspiegel op. 28
+Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps; Feu d’artifice op. 4; Zirkuspolka für einen jungen Elefanten
+Peter Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 3; 1812-Ouvertüre op. 49; Walzer aus Eugen Onegin, Nussknacker-Suite, Dornröschen, Schwanensee, Symphonie Nr. 5
+Havergal Brian: Symphonien Nr. 7 & 31; The Tinker’s Wedding-Overture
+Eric Coates: By the Sleepy Lagoon; Oxford Street March aus London again-Suite; At the Dance aus Summer Days-Suite; The Merrymakers-Overture; The three Bears-Suite; Queen Elizabeth II March aus The three Elizabeths-Suite; The Man from the Sea aus The three Men-Suite
Leo Delibes: Coppelia-Suite; Ballettmusik aus La Source; Ballettmusik aus Lakme; Sylvia-Ballettsuite
+William Walton: Symphonien Nr. 1 & 2; Siesta
+Arthur Sullivan: Cellokonzert D-Dur; Iolanthe-Ouvertüre; The Mikado-Ouvertüre; Ruddigore-Ouvertüre; The Yeomen of the Guard-Ouvertüre
+Arthur Sullivan / Charles Mackerras: Pineapple-Poll-Ballettmusik (in zwei Einspielungen); Pineapple Poll-Ballettsui
+Frederick Delius: Cellokonzert; Konzert für Violine, Cello, Orchester; Paris – The Song of a Great City
+Aaron Copland: El Salon Mexico-Ballettmusik; The Quiet City; Hoe down aus Rodeo
+Tomaso Albinoni: Trompetenkonzerte op. 7 Nr. 3 & 6
+Emmanuel Chabrier: Espana; Fete polonaise aus Le Roi malgre lui
+Richard Wagner: Götterdämmerung (Auszüge); Lohengrin-Vorspiel (3. Akt)
+Giuseppe Verdi: Alzira-Ouvertüre; La Forza del Destino-Ouvertüre; Luisa Miller-Ouvertüre; Nabucco-Ouvertüre; Otello-Ballettmusik; Il Trovatore-Ballettmusik; I Vespri siciliani-Ballettmusik
+Giuseppe Verdi / Charles Mackerras: The Lady and the Fool-Ballettmusik; The Lady and the Fool-Ballettsuite
+Giacomo Puccini: Arien aus La Boheme, Gianni Schicchi, Madama Butterfly, La Rondine, Tosca, Turandot, Le Villi (Montserrat Caballe)
+Ermanno Wolf-Ferrari: I Gioielli della Madonna-Suite; Ouvertüre & Intermezzo aus I Quattro rusteghi; Il Segreto di Susanna-Ouvertüre
+Carl Maria von Weber: Konzertstück op. 79 für Klavier & Orchester
+Jaromir Weinberger: Polka & Fuge aus Schwanda, der Dudelsackpfeifer
+Dag Wiren: Scherzo & Marsch aus Serenade op. 11
+Alban Berg: Frühe Lieder Nr. 1-3
+Bela Bartok: Rumänische Volkstänze

+Alexander Borodin: Ouvertüre & Polowetzer Tänze aus Fürst Igor
+Johannes Brahms: Ungarische Tänze WoO 1 Nr. 5 & 6
+Paul Burkhard: Der Schuss von der Kanzel-Ouvertüre
+Frederic Chopin: Les Sylphides-Ballettmusik
+Gaetano Donizetti: Don Pasquale-Ouvertüre; La Fille du Regiment-Ouvertüre
+George Enescu: Rumänische Rhapsodie Nr. 1
+Manuel de Falla: Der Dreispitz-Ballettmusik
+Alexander Glasunow: Konzertwalzer Nr. 1
+Reinhold Gliere: Russian Sailor’s Dance aus The Red Poppy
+Michael Glinka: Ruslan & Ludmilla-Ouvertüre (in zwei Einspielungen)
+Charles Gounod: Faust-Ballettmusik (in zwei Einspielungen)
+Victor Herbert: Cellokonzert Nr. 2
+Johann Wilhlem Hertel: Trompetenkonzert Nr. 1
+Mikhail Ippolitov-Ivanov: Procession of the Sardar aus Kaukasische Skizzen op. 10
+Henry Litolff: Scherzo aus Concerto symphonique Nr. 4
+Andre Messager: Les Deux Pigeons-Ballettsuite
+Giacomo Meyerbeer: Les Patineurs-Ballettsuite
+Jacques Offenbach: La Gaite parisienne-Ballettmusik
+Amilcare Ponchielli: Tanz der Stunden aus La Gioconda
+Max Reger: An die Hoffnung op. 124
+Emil von Reznicek: Donna Diana-Ouvertüre
+Nikolai Rimsky-Korssakoff: Dance of the Tumblers aus The Snow Maiden; Hummelflug aus Tsar Saltan
+Gioacchino Rossini: Willhem Tell-Ballettmusik
+Camille Saint-Saens: Wedding Cake op. 76
+Bedrich Smetana: Ouvertüre & Polka furiant aus Die verkaufte Braut
+Johann Strauss II: Perpetuum mobile; Tritsch-Tratsch-Polka; Unter Donner und Blitz
+Johann Strauss II / Antal Dorati: Graduation Ball-Ballettmusik
+Georg Philipp Telemann: Konzert D-Dur TWV 53: D2 für 2 Oboen, Trompete, Streicher
+Joaquin Turina: Rapsodia sinfonica op. 66
+Jeremiah Clarke: Trumpet Voluntary „Prince of Denmark’s March“
+Gordon Jacob: Fanfare for „God save the King“
+God save the King
+“Montserrat Caballe & Bernabe Marti – Great Opera Duets“ – Duette aus Opern von Gaetano Donizetti, Umberto Giordano, Giacomo Meyerbeer, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi
+“The Elisabeth Schwarzkopf Christmas Album“ – Stille Nacht; Weihnachten (Humperdinck), Vom Himmel hoch; The first Nowell; I saw three Ships; Panis angelicus (Franck); In einem kühlen Grunde (Gluck); Maria auf dem Berge; O come all ye faithfull; O du fröhliche; In dulci jubilo; Sandmännchen (Brahms)
+“Richard Lewis – Folk Songs of the British Isles“ – Bingo; All through the Night; The Briery Bush; Buy broom buzzems; Dafydd y garreg wen; Fine Flow’rs in the Valley; The Foggy, Foggy Dew; Grand geal mo chridh; The Helston Furry DanceI will give my love an apple; King Arthur’s Servants; Leezie Lindsay; O Love, it is a killing Thing; O Waly, Waly; She moved thro‘ the Fair; The shuttering Lovers; There’s non to soothe
+“Peter Dawson sings“ – Albert Arlen: Clancy of the Overflow / Walter Hedgecock: Mandalay Scena
+“Owen Brannighan – A Little Nonsense“ – Werke von Ronald Binge, j. Michael Diack, Liza Lehmann, Victor Hely-Hutchinson; Traditionals
+“Owen Brannighan & Elizabeth Harwood – Sing the Songs of Britain“ – Werke von William Boyce, Thomas Arne, John Davy, Charles Edward Horn, Thomas Morley, Richard Stevens; Traditionals

ROBERT MASSARD

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Robert Mas­sard: die sinnliche Baritonstimme Frank­reichs und der „Grande Tradition“. Kaum eine andere „turnt“ mich so an wie die des Franzosen Ro­bert Massard! Zusammen mit der von Ettore Bastianini, Michel Dens, Bruno Laplante, Paolo SIlveri und Josef Metternich zählt seine etwas körnige, markige und (für mich) äußerst sierotische zu den aufregendsten der Operngeschichte, zumal der französischen seit dem letzten Weltkrieg.

Und ich hatte noch das große Glück (die berühmte Gnade der frühen Geburt), ihn noch als Schüler an der Opéra-Comique als Escamillo zu erleben: ein Ereignis, das bei mir bis heute nachhallt. Denn in dieser schwieri­gen Rolle, bei deren Auftritt sich für die Baritone bereits entscheidet, dass  sie diese Figur nicht sind (weil eben viele außermusikalische Komponenten wie schöne Beine und robustes Auftreten zusam­menkommen), war  Massard einfach Escamillo: jeder Zoll ein Mann und ein at­traktiver, verführerischer dazu. Wie bei Siepi (der noch im Alter bei einem seiner letzten Auftritte an der Deutschen Oper Berlin als Don Giovanni schlichtweg über­wältigend war und wie ein Wiesel über die hohe Friedhofsmauer kletterte) vereinten sich in Massard Sexappeal, Virilität und Klangkultur zu einer seltenen Einheit. Dazu kam diese besondere, für seine Generation typische französische Diktion, die seine Sprache so unvergleichlich und singbar macht.

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Robert Massard im Konzert 1966 in Toronto/Arie des Escamillo/youtube

Robert Massard wurde am 15. 8. 1925 in Pau geboren und studierte ebendort und in Bayonne, stammt also aus dem Süden, was der Musik sehr entgegen­kommt (das – r-roullant, eben das rollende -r-). Als Grand Pretre im Samson gab er im Pariser Palais Garnier 1952 nach verschiedenen kleineren Rollen sein Hauptrollen-Debüt und blieb dem Haus bis 1976 als erster Bariton erhalten.Aber auch er wurde mehr oder weniger ein Opfer der neuen Politik Liebermanns, als dieser mit internationalem Spielplan und einer ebensolchen Besetzung das Regime der Opera übernahm und die ur-französischen Sänger in die Provinz verdräng­te.

Dennoch – Massard konnte sich in sei­ner ersten Position in Paris, in Frankreich und im internationalen Ausland behaup­ten. Seine glanzvolle Karriere, die alle großen Partien seines Faches im Franzö­sischen und im Italienischen einschloss (Valentin, Thoas, Escamillo, Enrico Ashton – u. a. 1957 mit Maria Callas in Paris -, Rigoletto, Luna, Ramiro von Ravel und viele andere) führte ihn an die großen Bühnen der Welt, wo er als einer der Exponenten bei der Wiedererweckung von Gluck und Berlioz galt. Er sang an der Scala (Valentin), in Südamerika (1964 Buenos Aires), in den USA (New York und Chicago), in der Sowjetunion (1962 Rigoletto in Moskau).

Robert Massard als Marouf/Künstlerkarte/RM

Namentlich in Covent Garden war er ein bewegen­der Chorebe in den Troyens, ein ver­schmitzter Fieramosca im Cellini, ein zerquälter Oreste in der wunderbaren Aufführung der Iphigénie en Tauride 1973 mit Sena Jurinac unter John Eliot Gardiner (das waren noch Zeiten!).

Mas­sard sang natürlich in Aix (beginnend 1952) und Edinburgh (erstmals 1961, dann 1968 in Glucks Alceste sowie noch als Thoas in der Iphigénie, wie auf der Aufnahme unter Giulini bei EMI nachzuhören ist).

Er blieb nicht im stagnierenden Fahrwasser stehen. 1957 nahm er an der französischen Erstaufführung von Strauss‘ Capriccio an der Opera-Comique teil und sang die Hauptrolle des Harfners in Barrauds Oper Numance 1 955, eben­so die Titelrolle in Milhauds Malheurs d’Orphee, aber auch den Nerone in Monteverdis Poppea neben der sensationelle Jane Rhodes in Aix, wo er ein Stammgast blieb. Noch in den Siebzigern fügte er den Pêre des Grieux/Manon und andere Partien seinem Repertoire hinzu, noch 1974 dann den Sancho Pansa neben Ghiaurovs Don Quichotte in Paris. Und selbst viele Operetten finden sich in seinem Repertoire.

Was Metternich für Deutschland war Mas­sard für unsere französischen Nachbarn – eine Ausnahmestimme voller stimmlicher Tugenden und eben jener Wärme, Individualität und technischer Perfektion, wie man sie selten findet, darin seinen Landsleuten Alain Vanzo oder Andree Esposito und Michel Dens ver­gleichbar und ebenbürtig.

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Massards warme, sehr persönlich ge­tönte und in wirklich allen Lagen äußerst sicher geführte Stimme ist sofort wiederkennbar, ein besonderes Plus für einen Sänger. Die Schallplatten zeigen diese unschätzbare Qualität aufs Beste, wenngleich vielleicht sein Magnetismus der Bühne sich in ei­ner gewissen monochromen Farbe auf dem akustischen Dokument weniger er­schließt: Er war sicher eher ein Sänger als ein faszinierender Sänger-Darsteller, aber das gilt für seine Generation im Allgemeinen.

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Robert Massard als Massenets Don Quichote/RM

Glücklicherweise gibt es eine ganze Fülle von tollen  Aufnahmen Massards (darunter vieles nun bei youtube), so sein Zurga neben Vanzos Na­dir noch auf LP bei Vogue, sein Escamillo mit der späten Callas bei EMI und live neben Verrett in Rom bei Frequenz, sein Thoas unter Giulini ebenfalls bei EMI, den Valentin neben Sutherlands Marguerite. Und natürlich nicht zu vergessen sein magisterialer Chorebe neben der Veasey bei Philips auf den Troyens von Davis und sein köstlicher Fieramosca bei Philips‘ Benvenuto Cellini.  Bei Gala findet/fand man einen ganz wunderbaren Faust  mit ihm und Lance sowie der von mir geliebten Esposito aus Amsterdam 1962.

Auf CD gibt es bei Musidisc seinen französischer Ashton neben Mado Robins Lucie, seinen Oreste neben der Crespin live in Buenos Aires 1964 bei Rodolphe, sein eleganter Nevers in den Huguenots mit Vanzo bei der Firma Plein Vent vom Rundfunk 1976, vor allem auch sein Athanael neben der bemerkenswerten Thais der Renee Doria bei Accord und der sich um ihr Leben sin­genden Andree Esposito bei Chant du Monde.

Überhaupt hat Massard reichlich beim Rundfunk gesungen, woher viele der heute verfügbare Aufnahmen stammen. So sein brutaler Ourrias in der Mireille mit der energisch-scharfen Doria bei Accord (der Produzent Dumazert war der Gatte der Dame und gab auch die antiken Aufnahmen des Labels Malibran heraus), sein gebieterischer Herode (dto.), sein milder Mönch Boniface neben Alain Vanzos Jongleur de Notre-Dame (dto.),  sein anrührender Hirte Eurymaque in Faures Penelope mit der Crespin und Vanzo (ehemals bei Ro­dolphe), aber auch sein bedrohlicher Karnac in Lalos Roi d’Ys mit dem starken Trio Rhodes, Guiot und Vanzo bei Chant du Monde. Und besonders markant sein Hagen in dem hinreißenden Sigurd Ernest Reyers in Starbesetzung unter Rosenthal bei Chant du Monde. Dies ist nur eine Auswahl der erhältlichen Doku­mente, die ich jedem nur ans Herz legen kann, um diese wunderbare, geschmei­dige Stimme nachzuhören. Sammler haben natürlich auch seinen Posa neben Vanzo vom Rundfunk und vieles mehr.

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Robert Massard und Jane Rhodes in Monteverdis „Incorronazione di Poppea“ in Aix/youtube

Sein bedeu­tendes Recital mit Arien aus Iphigenie, vor allem Hamlet (welche Eleganz!), Don Carlos (en francais, bien sur!), Herodiade, Barbiere, Traviata, Rigoletto und Ballo unter Reynaldo Giovaninetti ehemals bei Mondiophone ist leider noch nicht von der CD-Industrie wiederentdeckt worden, aber auch ein Muss für Fans (Discorps). Live kursiert na­türlich noch viel mehr: besagte Iphige­nie aus London, sein Grand Pretre (Samson) mit der Cossotto und Chauvet aus Paris 1975, eine komplette Herodiade mit Sarroca und Delvaux Paris 1963. Dieser Tage erreichte mich ein Querschnitt aus seinem Hamlet (mit Mady Mesplé) und ein italienischer Macbeth – man sieht, die Quellen versiegen nie. Der von mir so geliebte Bariton starb am 26. Dezember 2026. G. H.

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2022 führte der französische Musikjournalist und Herausgeber Jean Jordy ein Interveiw mit dem Sänger: Robert Massard –  ein Leben für die Oper.

Sie halten, glaube ich, einen Rekord. Die größte Anzahl an Aufführungen an der Pariser Oper, 1003.  Und anderswo 1113 Aufführungen, 32 Jahre Karriere, mehr als 100 Rollen. Das sind fünfzig Aufführungen pro Jahr. Addiert man die Provinz, erhält man diese Zahlen.  Ich konnte das nur, weil es die Pariser Opéra und ihre damalige Truppe gab. Ein berühmter Bariton, Charles Cambon, ein Mann großer Güte, nahm mich unter seine Fittiche, sobald ich an der [Pariser] Oper ankam. Er sagte: „Junge, sing immer mit dem Interesse, sing niemals mit dem Kapital.“ Das bedeutet, nicht mit einer Stimme zu singen, die nicht die eigene ist.  Viele junge Künstler, die ihre Stimmen künstlich aufblähen, würden davon profitieren, diesem wertvollen Rat zu folgen. Aus vokaler Sicht habe ich nie meine natürlichen Grenzen überschritten, bin meinem Material treu geblieben. Dazu keine Exzesse aus physischer Sicht (ich musste mit dem Skifahren aufhören, was formal nicht verboten war, aber es war eine nutzlose Anstrengung). Es ist nicht möglich, außerhalb des Singen zu viele physische Anstrengungen zu unternehmen.

Robert Massard als Valentin/“Faust“ an der Scala 1967/RM

Singen erfordert Entspannung, Bauchatmung, was es dann ermöglicht, Töne, besonders hohe Töne, zu halten. Sie sollten auch vermeiden, zu viele Gerichte mit dicker Soße oder Gewürzen zu essen, zu rauchen oder Alkohol zu trinken. Ein bisschen Wein, aber mäßig. Kurz gesagt, es ist 30 Jahre lang die Diät eines Sportlers. Wir können es uns nicht leisten, wie alle anderen zu leben. Am Vorabend der Aufführung erlaubte ich mir nicht, rauszugehen, nicht zu Freunden eingeladen zu werden. Die menschliche Stimme ist zwar solide aber auch sehr zerbrechlich. Sie muss daher bewahrt werden.

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Robert Massard als Rigoletto/youtube

Ihr erstes Vorsprechen fand am 8. Juni 1951 statt, am selben Tag wie Nicolai Gedda und Victoria de los Angeles! Sie hatten nie Musiktheorie- oder Gesangsunterricht gehabt. Was passierte dann? Ich liebte zu singen wirklich sehr. Mein Vater hatte eine sehr schöne Stimme. Er hatte nie eine musikalische Ausbildung erhalten, genau wie ich. Aber er hatte Opernplatten gekauft, die von Georges Thill, Caruso, großen Künstlern jener Zeit. Ich bin in diesem Klima aufgewachsen und es war eine Leidenschaft für mich.

Am Tag des ersten Vorsprechens sang ich das Rigolettos Arie aus dem dritten Akt. Der Intendant M. Hirsch fragte mich, ob ich Musiker sei, „Non Monsieur“, ob ich auf der Bühne „Non Monsieur“ gesungen habe, ob es mir „Mais oui  Monsieur“ gefiel. „Ich stelle dich ein“, sagte er sofort. „Aber du bekommst nicht viel (450 Francs im Monat, das war nicht wirklich viel). Du wirst sowohl studentische Künstler als auch Absolvent des Konservatoriums sein.“ Er hat mich eingestellt als… Tenor für Wagnerpartien! Kurz darauf bat mich seine Frau, Madeleine Matthieu, die Tenor-Arie aus Carmen zu singen. Ihr Urteil lautete: „Für mich bist du kein Tenor, sondern Bariton. Du bist sehr jung (26 Jahre alt), deine Stimme wird reifen“. Und ich verstand, dass sie Recht hatte.

Ich wurde für ein Jahr an der Pariser Oper eingestellt. Doch sehr schnell entstand ein Problem.  Nach M. Lehmann, der das Châtelet geleitet hatte, kam M. Hirsch. Der mochte besonders die Operette, berücksichtigte die verfügbaren Stimmen nicht und interessierte sich eher nur für Künstler, die wussten, wie man sich auf der Bühne bewegt. Da ich ein Anfänger war, der von nichts eine Ahnung hatte, kam ich ihm gerade richtig. Am Tag meiner Ankunft, dem 1. Oktober 1951, erfuhr ich vom Bühnenmanager, dass ich vor dem 1. Januar nichts zu singen hatte.  Und während der vier Jahre seiner Amtszeit hatte M. Lehmann nur eine Idee: meinen Vertrag zu kündigen. Er gab mir anfangs Urlaub, in Genf zu singen, Figaro im Barbier, mit dieser Vorhersage: „Das wird ihm das Genick brechen.“ 

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Sie sangen erstmals am 18. Juni 1952 auf der Bühne der Pariser Oper in Samson et Dalila (Hoherpriester), und einen Monat später beim Festival d’Aix am 26. Juli 1952 in Glucks Iphigénie en Tauride unter der Leitung von Giulini in der Rolle des Thoas.Das war reiner Zufall. Eine Freundin meiner Schwester lädt mich zum Mittagessen bei sich nach Hause in Paris ein. Dort treffe ich ihren Bruder, der mir einen seiner Bekannten vorstellt… den Direktor des Aix-Festivals, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Gabriel Dussurget.  Der lässt mich vorsprechen, immer meine Rigoletto-Arie, meine Visitenkarte.  Eine lange Stille. Dann sagt er: „Ich möchte Dich in der Rolle hören, in der ich Dich vielleicht beschäftigen kann. Arbeite doch mal an diesen beiden Arien von Glucks Thoas und komm in zwei Wochen wieder.“

Robert Massard und Maria Callas bei „Carmen“-Aufnahmen in Paris/EMI

Ich komme zurück, ich singe. Die gleiche lange Stille. Dann: „Ich gehe Risiken ein, aber es scheint mir, als hättest du etwas zu sagen. Ich stelle Dich in Aix ein. Der Vertrag wird nicht wunderbar sein“„Geld interessiert mich nicht, Monsieur. Ich bin nur leidenschaftlich am Singen interessiert, aber ich weiß nicht wie.“„Du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus?“ „Nein.“ „Ich stelle dich trotzdem ein.“ Als Maurice Lehmann bemerkte, dass ich um Erlaubnis für das Festival in Aix bat, machte es bei ihm Klick: „Sier werden dort nicht anfangen. Wir werden Ihnen eine Rolle derselben Wichtigkeit an der Opéra geben.“ Und sie gaben mir die Rolle des Hohepriesters in Samson und Dalila mit José Luccioni. Der hatte bereits das Alter des Hohepriesters und ich das Alter von Samson. Und ich fand mich nach einer einzigen Orchesterprobe auf der Bühne der Opéra wieder.  Aber alles lief gut. Dann bin ich nach Aix aufgebrochen. Gabriel Dussurget lädt mich ein, den Dirigenten im Théâtre de l’Archevêché zu treffen. Sehr gutaussehender Mann, 1:85 groß. Und Dussurget sagte zu ihm: „Carlo Maria, ich präsentiere dir den jungen Massard. Er weiß nichts.“ Und Giulini – denn er war es – antwortete ihm [Robert Massard mit italienischem Akzent]: „Mein lieber Gabriel, selbst wenn er drei oder vier Takte verpasst, das werde ich schon ausbügeln.“ Da waren dann Léopold Simoneau, ein ausgezeichneter Tenor, Patricia Neway, eine sehr große Künstlerin, und Pierre Mollet. Alles lief sehr gut. Doch das änderte Lehmanns Urteil über mich nicht.

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Drei Treffen waren daher entscheidend für Ihren Beginn, Hirsch, Dussurget und auchMadeleine Milhaud hinzugefügt. Ist das richtig? Stimmt Aber ich bin gezwungen, etwas zurückzugehen. Ein sehr netter Herr, Camille Rouquetty, sprach mich in den Korridoren der Opéra  an; „Es heißt, du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus.“ Ich bestätige. „Das ist ernst. Du hast keinen Anspruch auf das Pariser Konservatorium, da du als studentischer Künstler eingestellt bist. Du hast aus denselben Gründen keinen Anspruch auf das Conservatoire d’arrondissement. Und ebenso hast Du keinen Anspruch auf die École Normale de Musique. Vielleicht gibt es eine Lösung. Ich kenne den Direktor der Schola Cantorum sehr gut.“. Sehr schnell empfing mich der Direktor und sagte mir, dass er mich in eine Anfängerklasse schicken müsse, mit 10-jährigen Kindern! Ihre Lehrerin war Madeleine Milhaud.  Und ich war 26 Jahre alt. So habe ich meine Gesangstheorie gelernt und nach und nach für mich entschlüsselt, wie man singt. Sie war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Einige Jahre später sagte sie mir: „Mein Mann schrieb eine Oper. Christoph Kolumbus. Sie wird in Frankreich aufgeführt. Wir werden an den beiden Arien arbeiten und du wirst sie vor meinem Mann singen.“ Das Vorsingen verlief gut, so dass ich die Oper 1955 in Frankreich uraufgeführt habe [es gibt eine Live-Aufnahme davon aus dem Jahr 1956] mit Manuel Rosenthal als Dirigent. Unter seiner Regie sang ich erstmals außerdem [1957] Il Poverello von Henri Tomasi, die Geschichte des heiligen Franz von Assisi.

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Ein paar Worte zu ihrer Stimme … Ich hatte immer eine leichte Höhe. Meine Stimme hat Gestalt angenommen und ist etwas dunkler geworden. Es gibt eine Aufnahme der Iphigenie aus Aix. Man hört es: Ich war mehr Tenor als Simoneau. Ich habe niemals, niemals eine Gesangsstunde genommen, und jemand sagte zu mir: „Du bist nicht auf ein Konservatorium gegangen. Gut so. Es hätte dein Pech sein können.“ Manche Lehrer können Deine Gewohnheiten ändern, manchmal zum Besseren, aber manchmal ist der Effekt weniger erfolgreich.

Ich hatte diese Begabung für das Singen schon immer. Mein Vater selbst hat es mir wunderschön vorgemacht. Es könnte auch der Einfluss der pyrenäischen Herkunft gewesen sein. Wir haben dort immer besser artikuliert als in Paris. Eben diese natürliche Artikulation hat mir sehr geholfen, nicht nur fürs Französische, sondern auch fürs Italienische. Wie ich früher zu den jungen Sängern sagte: „Sing den Satz, sing nicht den Ton.“.

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Sie waren eines der bedeutenden Mitglieder der Pariser Operntruppe. Was machte diese so interessant? Sie war interessant, weil es dort in erster Linie beste musikalische Studienleiter gab, fordernd und präzise. Diese Gesangslehrer kannten die Opern perfekt und führten dich, gaben dir alle Hilfe. Und die ständige Verbindung zu Künstlern wie Crespin, Gorr, Sarroca, Vanzo und vielen anderen war zwangsläufig vorteilhaft.

Die Opéra war damals ein „Korb von Krabben“ (vielleicht: Nest von Vipern).  Es gab viel Druck, viel Bevorzugung, zum Beispiel von Politikern, diese oder jene Person sehr gut zu protegieren. Die Opéra war ein Haus, in das die Hälfte der Künstler nicht hineingehörte.  Besonders unter Rolf Liebermann. Herr Liebermann mochte die Franzosen nicht. Nicht, dass er mich nicht eingestellt hätte. Er hat mich eingestellt. Liebermann machte oft großartiges, schönes Theater, aber mit Befangenheit. Zum Beispiel durch eine deutliche Erhöhung von Domingos Gehaltszahlungen im Vergleich zur MET. Das Gleiche galt für die Caballé, Freni, Gedda. Liebermann fand die Opéra in einem schlechten Zustand vor. Aber sie war noch maroder, als er ging. Wie sich herausgestellt hat. In früheren Intendanzen hatten die Direktoren junge französische Sänger eingestellt und ihnen so ihre Chancen gegeben. Liebermann hat das absolut nicht eingehalten. Er hatte zu sehr seine Vorlieben und Abneigungen. Im aktuellen System hätte mir heute niemand eine Chance gegeben

Régine Crespin war eine große Künstlerin. Aber auch die Freni, sehr freundlich, sehr einfach und sehr talentiert. Und die Callas, die ich nur für die Aufnahme von Carmen kennenlernte, aber was für eine Künstlerin! Als ich ihrer Norma zuhörte, hatten ich Tränen in den Augen. Zu Beginn meiner Karriere wusste ich nicht, dass ich so empfindsam bin. Das erinnert mich an meine erste Oper-Erinnerung, Thaïs. Als ich Thaïs‘ Meditation hörte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Aber ich wusste nicht, wie ich diese Sensibilität ausdrücken sollte. Eine schöne Stimme allein bewegt nicht. Aber wenn du willst, dass andere etwas fühlen sollen, musst du geben, was du fühlst. Jean Jordy/DeepL

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Dank an den renommierten Musikjournalisten und Herausgeber mancher Musik- und Opernbücher Jean Jordy (operagazet und viele andere), uns sein Interview mit Robert Massard überlassen zu haben. Redaktion G. H.