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Der musikalische Jahresbeginn, auf den man sich stets aufs Neue freut und ohne den etwas fehlte, so die einen. Alle Jahre wieder alter Wein durch neue Schläuche, so die anderen. Ohne Frage ist das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker längst zum Neujahrskonzert schlechthin avanciert. Obwohl seine Wurzeln weit zurückreichen, wurde es zu dem großen Medienspektakel, das es heute wie selbstverständlich ist, eigentlich erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Mit Herbert von Karajan begann weiland 1987 die Reihe der alljährlich wechselnden Dirigenten. Dass sich in den letzten vier Jahrzehnten gleichwohl eine gewisse Wiederholungstendenz hinsichtlich der am Pult Agierenden eingestellt hat, ist kein Geheimnis. Der Dirigent im Vorjahr, Riccardo Muti, leitete das Neujahrskonzert seit 1993 beispielsweise bereits siebenmal. Da ist es ganz gut, wenn ab und zu wieder ein völlig neuer Wind durch die heiligen Hallen des Goldenen Musikvereinssaals weht.
Mit dem kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin scheint den Wiener Philharmonikern heuer ein echter Coup gelungen zu sein. Trotz seiner doch schon fünfzig, wirkt der musikalische Leiter sowohl des Philadelphia Orchestra als auch der New Yorker Metropolitan Opera erfrischend jugendlich. YNS, wie er landläufig genannt wird, stand erstmals während der Mozartwoche Salzburg 2010 am Pult der Wiener Philharmoniker und leitete sie seither über 30-mal. Sofort sei der Funke allerdings nicht übergesprungen, wie man seitens des für sein Selbstbewusstsein berüchtigten Orchesters kürzlich durchaus zugab. Erst ein Einspringen des Kanadiers während einer Amerika-Tournee der Wiener Anfang 2022, wo er anstelle des geschassten Waleri Gergijew gleichsam zum Retter in der Not mutierte, hat offenbar dazu beigetragen, ihn jetzt mit der Leitung des Neujahrskonzerts zu bedenken. Innerhalb der Dirigentenriege gilt dies mittlerweile angeblich wie eine Art Ritterschlag, auch wenn die Bedeutung des Konzerts damit zuweilen einigermaßen überstrapaziert wird.
Jedenfalls darf das heurige Neujahrskonzert als voller Erfolg gelten, woran neben dem unverbrauchten Debütanten auf dem Dirigentenpult auch die Programmauswahl ihren Anteil hat. Die Entwicklung hin von einem beinahe völlig auf die Strauss-Dynastie fixierten Repertoire hin zu einer breiteren Berücksichtigung anderer Komponistenpersönlichkeiten setzte sich auch 2026 fort. Als voll etabliert gelten darf mittlerweile Carl Michael Ziehrer, der sich gerade in Sachen Walzer durchaus auf Augenhöhe mit den „Sträussen“ befindet, wie die magyarisch angehauchten Donausagen – eine der sechs Neujahrskonzertpremieren – neuerlich unter Beweis stellten. Auch Joseph Lanner, vertreten mit dem Malapou-Galoppe, und Franz von Suppè mit seiner Ouvertüre zur Schönen Galathée (die den zweiten Konzertteil einleitete) müssen mittlerweile nicht mehr als allzu exotische Repertoireerweiterungen gelten. Natürlich kommt man nicht vorbei an Johann Strauss (Sohn), dessen Ouvertüre zu Indigo und die vierzig Räuber den quirligen Auftakt machte. Mit seiner Fledermaus-Quadrille wurden besonders populäre Melodien eingestreut. Später folgte neben der Diplomaten-Polka und den populären Rosen aus dem Süden noch der orientalisch anmutende Egyptische Marsch als besonderes Highlight. Während die Walzerqualitäten von Josef Strauss längst voll anerkannt sind – wovon die Darbietungen von Frauenwürde und Friedenspalmen kündeten –, scheint man dem jüngsten der Brüder, Eduard Strauss, nach wie vor bloß Polkas zuzutrauen. Immerhin erklang sein Brausteufelchen ebenfalls zum ersten Mal im Rahmen des Neujahrskonzerts. Der gemeinsame Vater Johann Strauss war seinerseits mit dem Galopp Der Karneval in Paris zugegen. Während Hans Christian Lumybe, der „dänische Strauss“, und insbesondere sein Kopenhagener Eisenbahn-Dampf-Galopp zumindest Eingeweihten geläufig gewesen sein dürften, standen vor allem die beiden Komponistinnen, die diesmal mit von der Partie waren, bereits seit der Ankündigung des Konzertprogramms im öffentlichen Rampenlicht. Mit der jung verstorbenen Josephine Weinlich, einer der markantesten Musikerinnen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde die Gründerin des ersten europäischen Damenorchesters bedacht. Ihre Polka mazur Sirenen Lieder (für Orchester gesetzt von Wolfgang Dörner) konnte tatsächlich als Bereicherung gelten. Dass mit Florence Price außerdem eine schwarze US-Amerikanerin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Zuge kam, wird man wohl als gekonnten Einwurf des Dirigenten YNS deuten dürfen. Gern hätte man mehr gehört als den lediglich dreieinhalbminütigen Rainbow Waltz (abermals orchestriert von Dörner), womit an dieser Stelle mit Recht auf ihre kunstfertig gearbeiteten Sinfonien, die zuweilen an Dvořák gemahnen, verwiesen werden darf.
Von den traditionell drei Zugaben war allein die erste, die Zirkus-Polka von Philipp Fahrbach dem Jüngeren, eine echte Überraschung. Nach dem Neujahrsgruß erklangen erwartbar der Donauwalzer sowie als Abschluss der Radetzky-Marsch. Bei letzterem ließ es sich Nézet-Séguin nicht nehmen, erstmals gleichsam aus dem Publikum heraus, mitten im Saal also, zu dirigieren. Sichtlich begeistert das manchmal schwer zufriedenzustellende Wiener Publikum. Stehende Ovationen wurden ihm zurecht zuteil. Zuletzt setzte der Dirigent noch ein Zeichen, indem er sich nach dem Konzert zu seinem Ehemann, der im Orchester als Bratschist beim abschließenden Marsch auf ausdrücklichen Wunsch der Wiener Philharmoniker ausnahmsweise und auch für YNS überraschenderweise mitgespielt hatte, vor aller Augen bekannte. In Summe also ein überaus geglücktes, weltoffenes Debüt und insofern hoffentlich nicht der letzte Auftritt von YNS beim Wiener Neujahrskonzert. Daniel Hauser
