Gegenwärtiges und Zukünftiges

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Die Crux der klassischen Musik generell und der Oper im besonderen ist es, dass seit den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Musik entstanden ist, die auch nur annähernd so volkstümlich wurde wie das mit gutem Grund bis zur Stunde der Uraufführung zurückgehaltene „La donna è mobile“ oder der Schöne Jungfrauenkranz, den zu Heinrich Heines Unmut selbst die Berliner Schusterjungen auf der Straße sangen. Was also tun, wenn man sein Publikum nicht nur für seine Stimme, sondern auch für das dargebotene Programm interessieren möchte? Man kann allzu Bekanntes mit vielleicht zu Unrecht Unbekanntem mischen und alles unter ein Motto stellen, so wie es nun der dänisch-französische Sopran Elsa Dreisig getan hat mit einer CD mit dem Titel Invocation, d.h. Anrufung, oft natürlich eines Gottes oder christlichen Heiligen, der Jungfrau Maria wie Elisabeth, Forza-Leonora, Desdemona oder Tosca, einer heidnischen Naturgottheit,  des Mondes, wie Rusalka oder Norma, die sonst nichts miteinander verbindet, vielleicht sogar eines geliebten Musikinstruments, wie es Sapho tut, ehe sie sich vom Felsen ins Meer stürzt. Ein Gebet ist meistens eine recht intime Angelegenheit, so dass eher Innigkeit als Volumen, eher Lyrisches als Dramatisches gefordert wird, so wie im Fall von Tosca oder Norma zwar die Invocation, kaum aber die gesamte Partie je oder zum jetzigen Zeitpunkt beherrscht werden kann.

Eine rasante Karriere, die bereits mit ziemlich allen Auszeichnungen, die die Opernwelt bereithält, mit gewonnenen Wettbewerben von Operalia bis Neue Stimmen bedacht wurde, hat Elsa Dreisig bisher vollzogen, war Mitglied des Opernstudios der Lindenoper und sieht dem Betrachter ihrer CD nicht etwa in die Augen, sondern verschließt sie, wohl in Andacht versunken, während sichtbar der Wind oder ein Föhn mit ihren blonden Haaren spielt. Auf der Tracklist, die offensichtlich noch mit der Umsetzung der Tosca kurzfristig geändert wurde, ist ein Konzept nicht auszumachen, weder folgt Neueres auf Älteres, noch ist eine Reihung nach Sprachen, immerhin Deutsch, Italienisch, Tschechisch, Norwegisch, Englisch, Französisch, auszumachen, auch wechselt sich allzu Bekanntes mit gänzlich Unbekanntem munter ab. Dabei fällt auf, dass bei Bizet die Micaela, die Dreisig schon häufig gesungen hat und die durchaus mit einer Invocation aufwartet, fehlt zugunsten der unbekannten Clotilde aus des Komponisten Clovis et Clotilde.

Es beginnt mit Rusalkas Lied an den Mond, für das die Sängerin den silbrigen Schimmer, den Glanz,   das schwerelose Schweben und die bruchlosen Übergänge in der Stimme hat. Ihre Jenufa hingegen überzeugt zunächst mit schöner Beiläufigkeit zu Beginn, mit der zunehmenden Dringlichkeit ihres Gebets, sie klingt schlicht, klar, ja glockenrein, während Dreisig für die nachfolgende Lauretta ein unwiderstehliches Dolcissimo hat, eine andere, eher gespielte Form der Naivität. „La vergine degli angeli“ aus Forza del Destino besticht durch di Schwerelosigkeit, lässt aber auch den Gedanken zu, dass die gesamte Partie (noch) nichts für die Stimme ist. „Casta diva“ lässt das Mondlicht schimmern, die Figur der Norma in ihrer Komplexität lässt sich nicht vernehmen.

Gounods Mireille hingegen offenbart sich mit „Voici la vaste plaine“ in ihrer ganzen Komplexität, die schöne Schlichtheit von Griegs Solveig weiß die Sängerin in deren Lied zu vermitteln. Verfremdet hört sich Tosca an, zu hell, zu leicht, zu wenig tragikumflort, während Heises Aase, nicht mit Peer Gynts Mutter zu verwechseln, wunderbar klar zu Wort kommt, Amy Beachs Extase seinem Titel Ehre macht.

Pech für Carolina Uccellis Anna di Resburgo war es, dass kurz vor ihrer Uraufführung die mit einem ähnlichen  Schicksal gestrafte Lucia di Lammermoor ihre Uraufführung erlebt hatte. Im World-premiere recording besticht Elsa Dreisig durch die bemerkenswerte Geläufigkeit, die mit Innigkeit gepaart ist. Wunderschön über den Chor erhebt sich der Sopran in der Arie der Palmyra aus Rossinis Le Siege de Corinthe, große Bögen, ein berührender elegischer Klang nehmen für diesen Track ein. Auch die tief liegende Sapho bereitet keine Schwierigkeiten, genau so wenig der dramatische Ausbruch, zu dem sie sich hinreißen lässt, eine mädchenhafte Desdemona lässt in wunderschöner Klarheit ihr Ave Maria gen Himmel schweben,  ehe die Letzte Rose Harriets aus Flotows Martha erblühen kann. Ein interessanter Blick auf das, was eine Ausnahmestimme noch in der Entwicklung momentan Schönes leisten und wozu sie sich in Zukunft noch hin bewegen kann, ist diese schöne CD. Dabei ist ihr Massimo Zanetti mit dem opernerprobten Orchester des Carlo Felice Genova ein kompetenter Begleiter (Erato 5026854093710). Ingrid Wanja