Konkurrenz für Pfitzner

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Mit dem Oratorium Palestrina von Carl Loewe, das bei Rondeau auf einer CD veröffentlicht wurde, ist dem federführenden SWR Kultur eine große Überraschung gelungen. Der Sender hatte sich auf eine seiner Aufgabe aus den Gründerjahren besonnen, dem Publikum ohne Blick auf Quoten auch solche Werke anzubieten, die die Kassen nicht von selbst klingeln lassen. Besonders Verehrer des Komponisten, die in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf bekommen haben (ROP6284), werden das zu schätzen wissen. Nicht zuletzt ist diese Entwicklung auch ein Verdienst der in Löbejün, dem anhaltinischen Geburtsort des Komponisten, ansässigen internationalen Loewe-Gesellschaft, die ein reges kulturelles Treiben mit unterschiedlichsten Angeboten entfaltet und auch die Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk pflegt, um dem Komponisten zu verdienter Geltung zu verhelfen.

Das wirkt ansteckend. Palestrina ist bisher allenfalls als Titel wahrgenommen worden, der schon durch seine Namensgleichheit thematische Nähe zur musikalischen Legende von Hans Pfitzner herstellt. Der bekommt nun Konkurrenz. Im Konzert gehört hatte das Werk bislang niemand, denn es war ungedruckt geblieben und damit allenfalls einem ganz kleinen Kreis zugänglich. Das von den Streichern intonierte Vorspiel mutet fast kammermusikalisch an. Erst langsam entfaltet sich die für den Komponisten typische romantische Grundstimmung. Wer sich etwas auskennt, dürfte ganz automatisch Verknüpfung mit anderen großen Chorwerken Loewes herstellen.

Es spielt die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, die 1919 gegründet wurde und auf eine große Erfahrung mit romantischem Repertoire zurückblichen kann. Dafür stehen Pultlegenden wie der viel dirigierende Komponist Richard Strauss oder Hermann Abendroth. Die Neuproduktion wird von Tristan Meister geleitet. Der Sechsunddreißigjährige hat sich vor allem als Chordirigent einen Namen gemacht. Insofern ist er für dieses Oratorium, in dem der Chor etwa in der Hälfte der siebenundzwanzig Musiknummern mitwirkt, genau richtig. Der Auftakt und das ebenso in sich gekehrte Ende des Werkes werden von Chorstimmen dominiert, die sich gelegentlich auf nur scheinbar einfache Weise mit den Solisten verbinden, so dass eine raffinierte musikalische Einheit mit auffälligen opernhaften Zügen entsteht. Solche Passagen haben sogar Wiedererkennungswert. Einmal gehört, bleiben sie im Gedächtnis. Das Chorensemble Vox Quadrata, das von Meister 2015 ins Leben gerufen wurde, hat entscheidenden Anteil am Gelingen der Produktion. Es setzt sich aus Sängerinnen und Sängern aus dem gesamten Rhein-Neckar-Raum und darüber hinaus zusammen, die an Wochenende in Mannheim zu projektbezogen Veranstaltungen zusammentreffen und schon mehrere CD-Einspielungen vorweisen können.

Erstmals erklang das Oratorium von Carl Loewe 2025 in der Mannheimer Christuskirche / Foto Wikipedia

Die Titelrolle ist mit dem Tenor Lukas Siebert besetzt, der 2023 in Kassel als Tamino debütierte. Auch Pfitzner hatte einen Sänger dieses Fachs mit lyrischem Potenzial für seinen Kapellmeister an der Kirche St. Maria Maggiore in Rom bevorzugt, um dessen Empfindsamkeit und Weltschmerz zu charakterisieren. Karl Erb, der 1917 die Uraufführung sang, war ebenfalls als Tamino hervorgetreten und hinterließ sogar eine frühe Aufnahme der Bildnis-Arie. In dieser Tradition standen auch die Palestrina-Interpreten Pfitzners wie Julius Patzak, Fritz Wunderlich, Nicolai Gedda und Peter Schreier.

Siebert, der sich auch als Dirigent ausprobiert, klingt sehr jung, singt mit seinem leicht metallischen Einschlag stets wortverständlich und stellt einen betont diesseitigen und selbstbewussten Palestrina dar. An seiner Seite ist noch die Lebensgefährtin Fiametta, die von Johanna Beier so gesungen wird, als würde sie den Gatten künstlerisch nicht nur verstehen sondern ihn auch gegen seine Widersacher beschützen. Sie gibt ihm Halt. In mehreren Szenen kommt diese Aufrichtigkeit überzeugend und ergreifend zugleich zum Ausdruck. Dabei macht es ihr – wie auch den übrigen Mitwirkenden – der Textdichter des Oratoriums Ludwig Giesebrecht (1792-1873) nicht leicht. Seine oft schwerfällig gereimten Verse, die nicht von der Stelle zu kommen scheinen, fliegen den Sängern nicht mal eben zu. Giesebrecht ist kein geborener Poet.

Der italienische Komponist Giovanni Pierluigi da Palestrina gilt als Erneuerer der Kirchenmusik. Der Maler des Porträts ist nicht bekannt. / Foto Wikipedia

Solistische Aufgaben hält das Werk auch für den Kardinal Boromeo bereit, der nicht im Entferntesten so wortreich und bedrohlich agiert wie bei Pfitzner. Die dennoch wichtige Rolle übernahm der Bariton Johannes Hill, der Mitglied es WDR-Rundfunkchores ist und meist den Ensemblegesang pflegt. Seine gründliche musikalische Ausbildung reicht bin in die Kindheit zurück. Noch größeres Gewicht als im bedeutenden Vergleichswerk hat der Auftritt von Papst Pius IV., der im finalen dritten Teil des Oratoriums mehrfach zu hören ist – allein und im Chor. Magnus Piontek gibt ihm mit seiner mächtigen Bassstimme Würde und Macht. Weitere solistische Aufgaben haben Ferdinand Dehner (Tenor) als Paolo und Florian Hartmann (Bass) Pietro übernommen.

Der in Stettin wirkende Geschichtsprofessor Giesebrecht, der gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder als Freiwilliger des mecklenburg-strelitzschen Husarenregiments von 1813 bis 1815 in die Befreiungskriege gezogen war, greift im Text die bekannte Legende auf, der zufolge Giovanni Pierluigi da Palestrina mit seiner Missa Papae Marcelli die polyphone Vokalmusik in der katholischen Messe gerettet hat, nachdem das Konzil von Trient, das den historischen Hintergrund des Werkes bildet, diese gänzlich entfernen wollte. In einer einzigen Nacht soll er dieses Werk – von einem vom Himmel herabgestiegener Engel eingegeben – zu Papier gebracht und damit auch die Kirchenväter zufriedengestellt haben. Giesebrecht lässt die Messe in seinem Libretto erstmals im Petersdom zu Rom erklingen, der die Kulisse für den dritten Teil abgibt – und nicht in der historisch verbürgten Villa des Kardinals Vitelli, auf die auch der Musikwissenschaftler Fabio R. Freund im Booklet verweist. Es darf davon ausgegangen werden, dass Palestrina besagte Missa bereits im Jahr 1562 und damit ein Jahr vor Abschluss des Konzils verfasste und für die Komposition mehr als nur eine Nacht brauchte, so der Autor weiter. „Bemerkenswert ist aus musikalischer Sicht die Nahtlosigkeit, mit der Loewe die unterschiedlichen kirchenmusikalischen Stilrichtungen empfindsam miteinander verband. Palestrinas Musik wird an einigen Stellen direkt zitiert.“ In seiner Analyse spart Freund nicht mit konkreten Verweisen auf den Text, der im Booklet abgedruckt ist. Und er würdigt das Verdienst des Komponisten und Musikwissenschaftlers Klaus G. Werner, dem die Edition der handschriftlichen Partitur Loewes zu verdanken sei. „Wenngleich Giesebrechts Text aus heutiger Sicht stellenweise befremdlich wirken mag – etwa, wenn die Jesuiten missionierend zu ,Japans Palmenhainen‘ aufbrechen -, bleibt Carl Loewes Oratorium Palestrina ein eindrucksvolles Zeugnis einer Epoche, die sich infolge zahlreicher Umbrüche nach einer ,einfacheren‘ Zeit sehnte. Die Darstellung von Palestrinas Wirken im Kontext des Konzils von Trient fügt sich dabei ein in die Faszination, die seine Musik gerade auf die katholische Kirchenmusik im 19. Jahrhundert ausübte. Sie mündete schließlich in der Gründung des Allgemeinen Cäcilienvereins für die Länder deutscher Sprache im Jahr 1868“, heißt es im Booklet weiter.

Der Stettiner Historiker Ludwig Giesebrecht schrieb das Libretto für „Palestrina“. / Wikipedia

In seinem 1898 in Berlin in der Reihe „Berühmte Musiker“ erschienen Buch über Loewe geht der weitgereiste Musikschriftsteller und Dramaturg Heinrich Bulthaupt (1849-1905), der seinerzeit großes Ansehen genoss, vergleichsweise ausführlich auf Palestrina ein. Er dürfte die Partitur genau gekannt haben.  und spürte dieselben Schwachstellen des Werkes auf, die auch 2026 auffallen: Wie das Textbuch gekünstelt und gequält ist die Musik zwar durchaus nicht, aber es gibt auch auf dem Oratoriengebiet von Loewe größer empfundene und ausgeführte und vor allem stilistisch gleichmäßigere Schöpfungen. Und so oder so: Dem Ganzen (Text und Musik) fehlt der unmittelbare fortreißende Zug, und was die Partie Schönes enthält, das hätte man in den Dienst eines anderen Problems als der theologischen Doktorfrage nach der Zulässigkeit der Musik bei Messgottesdiensten gestellt zu sehen gewünscht.“

1843 ist als Entstehungsjahr überliefert. Mit siebenundvierzig Jahren stand Loewe künstlerisch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, das vornehmlich an Stettin gebunden blieb, wo Loewe von 1820 bis 1866 als Kantor und Organist an der Jakobikirche wirkte, zudem den Posten des städtischen Musikdirektors innehatte, Gymnasialunterricht erteilte und am zuständigen Seminar Lehrer ausbildete. Qua Amt war er es ihm untersagt, Opern zu komponieren. Daraus erklärt sich neben dem beträchtlichen Balladen- und Liedschaffen die starke Hinwendung zum Oratorium. Insgesamt sind siebzehn einschlägige Titel nachgewiesen. Innerhalb weniger Jahre hat die Firma Oehms gleich drei Oratorien auf den Markt gebracht. Auf das 2019 veröffentlichte Sühneoper des neuen Bundes (OC 1706) folgten Jan Hus (OC 1720) und zuletzt Hiob (OC 1719). Meist waren vielbeachtete Aufführungen vorausgegangen. Auch Palestrina ist der Mitschnitt eines Konzerts vom 27. April 2025 in der Mannheimer Christuskirche, das von SWR Kultur übertragen wurde. Dass es sich dabei um Erstaufführung, vielleicht sogar eine verspätete Uraufführung handelte – daran gibt es kaum Zweifel. Als zweiter Teil stand Felix Mendelssohn Bartholdys Erste Walpurgisnacht auf dem anspruchsvollen Programm. Das passte schon deshalb gut, weil es einen biografischen Bezugspunkt zwischen beiden Komponisten gibt. 1827 hatte Loewe in Stettin die Uraufführung der Ouvertüre zum Sommernachtstraum des achtzehnjährigen Mendelssohn dirigiert. (Abbildung oben:  Ausschnitt aus dem allegorischen Gemälde des Konzils von Trient, das den historischen Hintergrund des Oratoriums bildet. Der italienische Manirist Pasquale Cati malte es 1588.)  Rüdiger Winter