Oper im Fluss der Zeit

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Alles fließt, konstatierte bereits der alte Grieche Heraklit, und warum sollte das der Oper nicht widerfahren, so dass der Titel von Reinhard Strohms Oper in Bewegung keine große Überraschung in sich birgt, eher etwas Selbstverständliches kundtut und dafür eine stattliche Anzahl von Beweisen liefert. Zeitlich begrenzt sich das Buch auf Barock und frühe Romantik, aus welchen Epochen einzelne Werke zur Beweisführung des Wandels auch in der Opernwelt herangezogen werden, die Kapitelüberschriften nennen zunächst das Thema des zu betrachtenden Werks und danach den Titel des Werks selbst.

Von Anfang an besticht das Buch durch die Fülle von Wissen, das vermittelt wird, sowie durch das geradezu mitreißende Engagement für das Thema, bereits im Vorwort ersichtlich, zudem durch die Ehrlichkeit, wenn darauf hingewiesen wird, dass einzelne Kapitel bereits u.a. als Texte für Programmhefte veröffentlicht wurden.  Das hat allerdings auch den Vorteil für den Leser, dass er im Buch umher schweifen und sich selbst Schwerpunkte für das Lesen und Reflektieren über Gelesenes auswählen kann.

Vertrautheit zwischen Verfasser und Leser stellt sich ein, wenn letzterer immer wieder direkt angesprochen, in die Entstehung von Erkenntnisprozessen einbezogen wird, was im Prolog, der auch von Prologen handelt, betont wird. Auch Arie und Rezitativ ist ein Kapitel gewidmet, ihrem Ursprung, ihrer Entwicklung, stets mit einer Fülle von Beispielen belegt und damit überprüfbar.

Viel in Bewegung war auch die erste Persönlichkeit, der eine nähere Betrachtung zuteil wird, Agostino Steffani, wobei besonders seine Beziehung zu Händel erwähnenswert ist. Purcells King Arthur spielt eine Rolle in der Festigung des britischen Herrschaftsanspruchs und ist damit ein immer wieder kehrendes Beispiel für die enge Verknüpfung der frühen Oper mit dem jeweiligen Fürstenhof, der die Künstler unterstützt, aber auch wie die Kirche Grenzen setzt.

Verblüfft stellt der Leser immer wieder fest, wie einige, allerdings nicht wenige Themen immer wieder zum Opernsujet werden, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verändert, meistens aus der antiken Sagenwelt, griechisch oder römisch, später auch aus den von Spaniern eroberten Gebieten in Amerika Stoffe liefernd, die dann selbst weniger ein Abbild dieser Zeiten und Landschaften liefern, als dass sie Spiegel der sie konsumierenden Gesellschaft sind, ob sie nun Rodelinda, Giustino oder Tamerlano heißen. „In Bewegung“ befinden auch sie sich, indem sie dem jeweiligen Zeit- oder besser Herrschergeschmack angepasst werden. Interessant ist die Entdeckung, „dass die damalige Oper nicht  „Charaktere“ in ihrer Entwicklung nachbildet, sondern eher die in den Personen schlummernden emotionalen Möglichkeiten nacheinander entfaltet.“

Der Autor und Musikwissenschaftler Reinhard Strohm/Premio Balzan

Ganz selten stößt man auf eigenartige Übersetzungen aus dem Italienischen, so wenn der Fluss Lethe, als pigro bezeichnet, statt als träge als dunkel bezeichnet wird oder wenn Anastasio in Vivaldis Giustino meint:“ Vanne,vinci! Mio nume è la tua spada“ und die Überersetzung meint: „Geh, sieg! Dein Schwert ist meine Gottheit!“ anstelle von:“Mein Gott ist dein Schwert!“

Natürlich darf der Name Pietro Metastasio nicht fehlen, durchzieht, und das zu Recht, fast das gesamte Buch mit der Begutachtung seiner Libretti und Schauspiele. Zwischen 1730 und 1760 sieht der Verfasser die Oper in besonders  schneller Bewegung, verbunden sowohl mit der Hofoper wie mit den zahlreichen Wanderopern, auch der ersten Pendleroper in Wien, dem Kärtnertor-Theater.  Zum Wanderer wird Strohm auch der Komponist Gluck in gleich zwei umfangreichen Kapiteln, verbunden mit wertvollen Informationen über das Verhältnis von Komponist, der auch Dirigent ist, Impresario und Truppe. Eine Tabelle verhilft zu Informationen über Änderungen „Ipermestra“, über die Verwandlung von Corneilles Augustus in Glucks und Mozarts Titus, von denen einzelne Arien untersucht werden.

Zu Ritualen in Mozarts späteren Opern führt das folgende Kapitel, klärt den Unterschied zum Klischee und spürt ihm in Zauberflöte, Tito und Così nach. Die Brücke zum heute wird geschlagen mit Betrachtungen über Versuche, sich dem Säkularisierungdprozess, dem der Verfasser auch die Kunst unterworfen sieht, zu entziehen. Friedrich II. und seine Beschäftigung mit Montezuma regt ihn dazu an, Betrachtungen über Schwulsein und „die männliche Brille des Aufklärers“ anzustellen, Peter WintersDas unterbrochene Opferfest“ ist für ihn zugleich Darstellung der Kultur der Inkas wie des Kampfes zwischen England und Spanien um Kolonien.

Vom Barock gelingt der Sprung in die Romantik mit der Interpretation von Rossinis La donna del lago, zum Vergleich von Fontanes Ballade mit Scotts Roman und schließlich dem Musikwerk, als neuen Opern-Typ bezeichnet Strohm  des Komponisten Guillaume Tell, den der Grand Opéra, was mit vielen Notenbeispielen dokumentiert wird. Donizettis Maria Stuarda ist ihm Anlass, die Unterschiede zwischen Rezitativ, Aria und Cabaletta herauszustellen, zum Abschluss befasst er sich mit dem Problem von Librettoübersetzungen und plädiert für die heute selbstverständliche Aufführung in der Originalsprache.

Das Buch bietet eine Fülle von Informationen auch kleinster, bisher vernachlässigter Details, ohne den großen Überblick zu verlieren, spricht gleichermaßen von Wissen über wie Liebe zur Gattung Oper und ist eine Quelle von bisher nicht oder kaum Erforschtem wie ein Born, aus dem Leidenschaft; für die Gattung geschöpft werden kann (Metzler- Verlag und Bärenreiter- Verlag Kassel/Berlin 2025; 320 Seiten ; ISBN 978 3 7618 7315 1 Bärenreiter; Foto oben: Der Fluss Drawa/rff reporter/Flussreporter). Ingrid Wanja