Hamburger Team-Arbeit

 

cpo zählt für mich zu jenen Labels, die immer wieder Unbekanntes veröffentlichen. Vor allem frühe deutsche Opern stellen einen Kernpunkt des Repertoires der Firma dar. Jetzt wurde dieses um Reinhard Keisers Oper Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig erweitert. Der Kapellmeister der Hamburgischen Oper am Gänsemarkt ist seit der epochalen Aufführung seiner Oper Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus durch René Jacobs 1999 an der Berliner Staatsoper wieder im Gespräch, inzwischen sind sieben Opern des Komponisten auf CD verfügbar.

Der Carneval von Venedig wurde 1707 am Hamburger Theater am Gänsemarkt mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto von Johann August Meister fußt auf der französischen Comédie-Ballet gleichen Titels von André Campra, welche 1699 in Paris zur Premiere kam. Die Handlung kreist um zwei Paare, die sich untreu werden und am Ende wieder zueinander finden – vergleichbar mit Così fan tutte. Wie in Mozarts Oper gibt es auch hier ein drittes Paar – zwei deutsche Adlige, die sich als Celinde und Myrtenio in das venezianische Karnevalstreiben stürzen. Der Musik ist eine stilistische Vielfalt eigen. so dass man das Werk auch als Pasticcio bezeichnen kann. Teile der Komposition stammen von Christoph Graupner und wahrscheinlich auch von Johann Mattheson. Tanzeinlagen wurden aus Campras Comédie-Ballet übernommen.

Die vorliegende Einspielung auf 2 CDs entstand im Juli 2022 in Hamburg (cpo 555 581-2). Wieder einmal war das barockwerk hamburg unter seiner Leiterin Ira Hochman am Werk. Es musiziert mit Schwung, Frische und Vitalität. Schon die heiter-beschwingte Ouverture stimmt auf kommende Hörfreuden ein. Genussreich sind die zahlreichen Tanzeinlagen (Entrée, Rondeau, Bourrée, Passepied). Bei der Aufnahme handelt es sich um eine Rekonstruktion, da die Partitur nicht erhalten ist. Fehlende Nummern wurden durch Stücke aus anderen Werken Keisers ersetzt.

Das Solistenensemble weist keine Stars auf, ist aber zumeist solide. Die Sopranistin Hanna Zumsande als Leonora und der Bariton Andreas Heinemeyer als Leandro geben das erste Paar. Sie eröffnet den 1. Akt mit zwei Arien, klingt obertonreich und klar. Er beginnt gleichfalls mit zwei Soli, lässt aber eine etwas monotone, in der Höhe bemühte Stimme hören. Leandro verliebt sich in Isabella (die Sopranistin Fanie Antonelou mit keckem Ton), die von Rudolfo (der Bariton Matthias Vieweg mit markanter Stimmgebung) getrennt wird und sich in Leandro verliebt. Die Sopranistin Anna Herbst und der Tenor Mirko Ludwig nehmen die deutsche Prinzessin Celinde und ihren Verehrer, Prinz Myrtenio, wahr. Sie imponiert mit lyrischer Noblesse von melancholischer Stimmung („Lungi da me“) oder jubelnden Koloraturen („Grata mercé di costante fé“). Er setzt auf buffoneske Munterkeit. Im 3. Akt findet sich noch ein heiteres Intermezzo mit der Köchin Trintje (die Mezzosopranistin Geneviève Tschumi mit munteren Tönen) und ihrem Begleiter Brillo (der Tenor Mirko Ludwig mit witzigen Verfärbunden), die ihre Couplets auf Plattdeutsch vortragen, was dem Geschmack des Hamburger Publikums entsprach. Beide Solisten bilden gemeinsam mit Catherina Witting und Sönke Tams Freier auch das Vokalquartett, dem die Chorpartien anvertraut sind. Bernd Hoppe