Archiv des Monats: März 2026

Spiros Samaras´ Oper „Lionella“

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Unsere Liebe zu griechischen Opern ist ja Lesern von operalounge.de hinlänglich bekannt, unsere Hochachtung vor dem griechischen Dirigent, Musikwissenschaftler und Musik-Archäologen Byron Fidetzis ja auch – wir haben vielfach über ihn berichtet und haben inzwischen doch eine Menge an unkeannten griechischen Operntiteln vorgestellt. So auch jetzt.

Im Februar 2023 gab es in Athen konzertant die  Oper Lionella (die bei youtube nachzuerleben ist) von  Spyros Samaras, dessen Rhea zu den einigermaßen bekannteren gehört und dessen Mademoiselle de Belles Iles ebenso wie seine Tigra bei Naxos als CD vorliegt. Und zu Medgé vom Januar 2025 (ebenfalls bei youtube) gab es einen Artikel in unserer Reihe Die vergessene Oper im Oktober 2025. Nun also wieder eine vergessene.

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Zu Samaras „Lionella“: Giuseppina Pasqua, Teresa Stolz, Giuseppe Verdi, Leopoldo Mugnone (1899)/Archivio Storico Ricordi

Der eminente griechische Dirigent und Musikwissenschaftler Byron Fidetzis, der bei operalounge.de viele Male für seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der griechischen Oper erwähnt und gerühmt worden ist, hat eine weitere ans Tageslicht befördert: Spiros Samars Lionella, die es bislang nur mit einem ca. 15minütigem Musikstück gegeben hat, die sogenannte Ungarische Rhapsodie, ein beliebtes Musikstück im griechischen Konzertleben, das in realiter das Intermezzo im 2. Akt der Oper darstellt. Sonst galt die Oper als verschollen. Nun hat Fidetzis nicht nur zwei voneinander abweichende Klavierauszüge aus dem Hause des italienischen Musikverlags Sanzogno entdeckt, sondern er hat auch die Oper danach neu instrumentiert und sie im Januar 2023 in Athens Maria Callas Olympic Concert Hall in ihrer Gänze aufgeführt. Nachstehend ein Bericht von Elena Kiagkoudu zur Wiederentdeckung.

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Etappen in der Genesis von Samaras Oper, die nur ein einziges Mal, am 4. April 1891, auf ein Libretto von Ferdinando Fontana an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde: Die Forschungs-Arbeit des Dirigenten und leidenschaftlichen Champions für die griechische Oper, der Musikwissenschaftlers Byron Fidetzis , bringt ein weiteres Werk der griechischen Oper ans Licht. Lionella entstand gegen Ende der ersten und explosiven Kompositionsperiode des Komponisten Spyros Samaras aus Korfu und wurde im Frühjahr 1891 an der Mailänder Scala uraufgeführt.

Spiros Samaras/Ricordi

Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gab es mit Ausnahme der kleinen „Ungarischen Rhapsodie“ keine Spuren zu diesem Werk. Byron Fidetzis erstellte nun 2021 eine neue Orchestrierung auf der Grundlage der von Sonzogno gedruckten Opernreduktion (spartito) von Lionella, die offenbar die einzige Musik ist, die über die Jahre erhalten geblieben ist.

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Die Oper handelt von der Leidenschaft des ungarischen Adligen und Armeeoffiziers Andor für das Glücksspiel. Diese Leidenschaft gewinnt sogar seine Liebe zu Lionella, einer jungen, schönen Zigeunerin, die aufgrund ihrer großen Liebe zu Andor ihrer Familie und ihrem Stamm entsagt. Seine Besessenheit für das Kartenspiel führt dazu, dass er alles verliert und sogar Lionellas Liebe aufs Spiel setzt, sie als letzten Einsatz verpfändet, verkauft als Maitresse an einen reichen Regimentskollegen Lionella wird von einem jungen Zigeuner geliebt und in Sicherheit gebracht und somit vor der Schande bewahrt. Der junge Mann tötet Andros am Ende. Lionella bleibt ihrer Liebe zu Andros bis zum Schluss treu und stößt sich denselben Dolch ins Herz.

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Diese Oper von Samaras entstand 1891, am Ende des 19. Jahrhunderts und gehört zum Verismus. Es geht um Themen, die unsere Gesellschaft auch heute noch beschäftigen:  Liebe, Glücksspiel und seinen Folgen sowie Mord aus Eifersucht.

Dazu berichtet Byron Fidetzis den Sachstand: „Für Forscher, die sich mit Samaras‘ Werk beschäftigen, ist die Oper Lionella immer ein kompliziertes Rätsel gewesen. Der Komponist selbst brachte bei seiner Übersiedlung nach Griechenland im Jahr 1911 weder die Partitur noch die Orchesterstimmen noch die bereits gedruckte Fassung der Oper für Gesang und Klavier (spartito) mit, soweit man weiß. Folglich war und blieb Lionellas Musik völlig unbekannt.“

Zu Samaras´“Lionella“: der Librettist Ferdinando Fontana/Stich von Vespasiano Bignami/vor 1929/Archivio Storico Ricordi

In Italien, wo die einzige Aufführung der Oper am 4. April 1891 in der Mailänder Scala stattfand, wurde sie vom Verlag Sonzogno zweimal (!) gedruckt, erhielt aber nie eine zweite Chance, aufgeführt und kritisiert zu werden.

In der griechischen Hauptstadt waren die einzigen musikalischen Zeugnisse des Werkes, die bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts existierten, die handschriftlichen Manuskripte der Partitur und der dazugehörigen Orchesterstimmen einer ungarischen Rhapsodie mit dem Übertitel Lionella. Diese Manuskripte wurden in einem schmutzigen und ramponierten Katalog der Bibliothek des Athener Konservatoriums aufbewahrt und bleiben verschlossen. Erst Fidetzis fand sie wieder. Sie wurden fotokopiert und von Fidetzis musikalisch ergänzt und neu instrumentiert, zudem von ihm so ediert, dass sie aufgeführt werden konnten. Dies geschah 1979, als Fidetzis nach der Entdeckung und „Rückführung“ der gedruckten Partitur von La Biondinetta aus der Public Library of New York seine Nachforschungen über das allgemeine Schaffen von Samaras mit Energie vorantrieb.

Die sogenannte Ungarische Rhapsodie, die als Konzertstück eine gewisse Beliebtheit besaß, so fand er viel später heraus, war ein tänzerisches und rein orchestrales Stück und stammte als Zwischenspiel aus dem zweiten Akt des Werks. Die erschloss sich, nachdem Fidetzis 2007 im Konservatorium von San Pietro a Majella in Neapel die von Sonzogno gedruckte Opernreduktion (spartito) fotografiert hatte.

Was die Handlung anbelangt, war nach einigem Rätselraten der geografische Schauplatz Ungarn. Titel und einige musikalische Elemente, die bei der Aufführung von „Zigeuner“ und „Ungarn“ in der zweiten Hälfte des 19 erwähnt waren, wiesen auf das Land der Magyaren. Dies wurde bestätigt, als das gedruckte Libretto in der Bibliothek der Mailänder Scala gefunden wurde.

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Zu Samaras´“Lionella“/Konzert im Teatro Olimpico Maria Callas, Athen/youtube

Fidetzis hatte jedoch etwas musikalisch Wesentliches und besonders Wichtiges in der Hand: Eine – wahrscheinlich – originale Musik von Samaras aus der damals verschollenen Oper Lionella. Es versteht sich von selbst, dass er versuchte, diese Musik zum Leben zu erwecken und sie zu präsentieren, wo immer es möglich war, in Griechenland und im Ausland. Die Beherrschung der Form, die oft verblüffende harmonische Originalität und die brillante orchestrale Dimension der Ungarischen Rhapsodie sowie die spontane positive Reaktion der Musiker und des Publikums bei jeder Aufführung überzeugten ihn von der Echtheit der Partitur des Athener Konservatoriums und veranlassten ihn zu weiteren Nachforschungen, um die vollständige Oper zu finden. Die Neapolitaner hatten ihm aus ihren eigenen Gründen, die er zugegebenermaßen nicht nachvollziehen konnte, nicht erlaubt, den dortigen Klavierauszug von Lionella zu kopieren, aber er durfte sie fotografieren. Leider war ging das Fotografieren schlampig und zu schnell von statten, da er unter Zeitdruck war. Und das Endergebnis war nicht ganz zufriedenstellend. Es war jedoch dennoch möglich, die vollständige Lionella zum ersten Mal in Griechenland am 12. April 2011 in der Parnassos-Halle im Rahmen des siebten Zyklus der griechischen Musikfestivals vorzustellen, mit Solisten, Chor und einem Klavier als Ersatz für die verlorene Orchesterpartitur.

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Zu Samaras´“Lionella“: Anna Stylianaki in der Titelpartie im Athener Konzert 2025/youtube

Der Fall Samara ist sehr typisch. Die Rückkehr des bedeutenden korfiotischen Komponisten, der in jüngerer Zeit völlig in Vergessenheit geraten war und dessen Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika und in der Opernszene fast völlig ignoriert wurde, wurde endlich ans Tageslicht gebracht und seine Oper Lionella mit Erfolg 2023 in Athen konzertant aufgeführt….

Kurz nach dieser ersten Präsentation übergab einer der Protagonisten Fidetzis, Freund und Mitarbeiter Vangelis Hadjisimos, eine Fotokopie des Klavierauszugs, der in der Academia St. Cecilia in Rom gefunden wurde und der erhebliche Unterschied zu dem neapolitanischen aufweist.

Mit der Entdeckung der beiden Auszüge ist seines Erachtens das Rätsel gelöst, das diese Oper zumindest in der griechischen Presse immer wieder begleitet hat: Gab es wirklich eine Verbindung zwischen dem Teil der Arie von Canio aus Leoncavallos Pagliacci (Vesti lagiubba) und einer Phrase aus Lionella? Die rhythmische Ähnlichkeit und vor allem die melancholische Stimmung der Schlussphrase von Lionellas Arie am Ende des ersten Aktes ist meiner Meinung nach der Arie von Canio ähnlich, um nicht zu sagen sehr ähnlich.

Zu Samaras´“Lionella“: Paolina Rossini sang die Titelpartie/Foto von Studio Mora/ Sanzogno

Das Gerücht über den „Konflikt“ zwischen den beiden Komponisten war daher begründet, wenn man bedenkt: a) die Uraufführung von Lionella am 4. April 1891, b) den allmählichen Welterfolg der Pagliacci einige Jahre später (Uraufführung am 21. Mai 1892), c) den legitimen künstlerischen Wettbewerb zwischen zwei Komponisten, die in den 1890er Jahre als jung und talentiert galten.

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Warum also ist Lionella so unrühmlich vergessen? Dem Mosaik der Fragen, aus denen sich das Rätsel Lionella zusammensetzt, fügt sich die schwerwiegendste hinzu. Es handelt sich in Wahrheit um den Konflikt zwischen den beiden führenden Mailänder Musikverlegern am Ende des 19. Jahrhunderts: die Verlage Ricordi und Sonzogno, die beide Künstler-Agenturen und Agenten für künstlerische Produktionen waren. Folglich hatte jede ihrer eigenen Opernveröffentlichungen in Verbindung mit der Aufführung der Oper und der Verwaltung der daraus abgeleiteten geistigen Eigentumsrechte einen enormen finanziellen und werbetechnischen Einfluss auf die allgemeine Entwicklung ihres Verlags. Daher konnten Nebenaktionen, die zu eigenen Erfolgen oder den Misserfolgen der Konkurrenten beigetragen hätten, von Fall zu Fall organisiert werden und eine kleine, aber entscheidende Rolle sowohl für die künstlerische als auch die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens spielen. (Man denke an den Fall Puccini und Catalani, der zu Gunsten von Puccini zurückgehalten wurde. G. H.)

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Zu Samaras´“Lionella“: Cristiano Osvaldo Botero sang die Baritonpartie (hier als Gounods Mephisto/Ipernity

Es gibt also eine doppelte Fassung des Klavierauszugs von Sonzogno, was für eine Oper, die nur einmal aufgeführt wurde, äußerst merkwürdig ist! Man kann sich also zu Recht fragen, ob Lionella ein so wirklich schlechtes Stück war, um so unrühmlich zu durchzufallen. Und man fragt sich, ob der Dirigent und seine Solisten so schlecht oder unzureichend vorbereitet waren? Das Orchester, der Chor, das Ballett, das Bühnenbild, die Kostüme und die Inszenierung – alles so schlecht? So sehr, dass ihnen nicht einmal die Gnade einer zweiten Aufführung zu Teil wurde, aber der Verleger die Oper zweimal druckte…? Und doch war der Dirigent dieser einen und einzigen Aufführung Leopoldo Mugnone (1858-1941), einer der bedeutendsten italienischen Dirigenten seiner Zeit!

Fidetzis: „Als ich mir den Klavierauszug ansah, aber vor allem, als ich das gesamte Werk 2011 in Parnassus hörte, wurde mir klar, dass Lionella etwas Besseres verdient hat und dass sie restauriert werden musste. Aber um dies richtig und vollständig zu tun, war eine neue Orchestrierung erforderlich. Aufgrund meiner Erfahrungen mit der Orchestrierung der unvollendeten Tigra des Komponisten und meiner ähnlichen Arbeit an zwei Opern von Paolo Carrer zögerte er anfangs, in diese Richtung zu gehen, da er den Zeitaufwand für die Orchestrierung eines solchen Projekts, das seiner Meinung nach ein komplettes Orchester erforderte und das mindestens gleich groß, wenn nicht sogar größer als das von Samaras Rhea war, nur grob einschätzen konnte. Diese Zeit, die er zu diesem Zeitpunkt nicht hatte, wurde durch die Pandemie/Corona dann reichlich bereitgestellt. Er hatte bereits 2016 versucht, einige Seiten der Reprise zu orchestrieren, aber nur sehr wenige. Im Hinblick auf unsere bevorstehende Zwangs-Schließung/Lockdown im Herbst 2020, nahm er die Orchestrierung von Lionella ab dem 1. Oktober wieder auf, die er am 14. März 2021 abschloss.“

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Zu Samaras´“Lionella“: Manuel Suaña i Font (Emanuele Suagnes) sang die Tenorpartie /Retrats de Viñas i Suaña al col·leccionable L’òpera catalana de la A a la Z del diari «Avui». 1988

Der Fall Samara ist in dieser Hinsicht auf die Wertschätzung der eigenen Musik in Griechenland sehr typisch. Nachdem seine Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika völlig unbeachtet geblieben war und er in der Opernszene fast völlig fehlte, ist die Rückkehr des großen korfiotischen Komponisten in den letzten Jahren beeindruckend, sowohl was die Präsentation seiner Werke als auch was seine Diskographie und Bibliographie betrifft. Bei dieser Wiedergeburt von Samaras‘ Schaffen war der Beitrag der Musikalischen Ensembles der Stadt Athen entscheidend, und die konzertante Aufführung von Lionella ist ein weiterer Höhepunkt dieses bedeutenden kulturellen Beitrags.

 

Musikalische Leitung / Neue Orchestrierung von Byron Fidetzis; Chor: Stavros Beris; Musikalische Vorbereitung: Dimitris Vezyroglou; Lionsella: Anna Stylianaki; Antor: Dimitris Paksoglou; Eric: Christos Kechris; Elias / Schwarze; Vike: Christoforos Stamboglis; Philharmonisches Orchester Athen. Maria Callas Olympic Concert Hall Athen Januar 2023

 

Dirigent der Uraufführung war der berühmte Leopoldo Mugnone. dazu die Sänger Emanuele Suagnes (184?, 191?): Andor / Alfiere ; Pietro Buzzi (183?, 189?): Erik / Ufficiale ; Alfonso Mariani (184?, 191?): Vaic / Capitano ; Tito Scipione Terzi (182?, 188?): Elias / Capo di una Trib ; Paolina Rossini (184?, 191?): Lionella / Zingara ; Pio Marini (185?, 192?): Un oste.

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Zu Samaras´“Lionella“: Opernhaus Athen zur Jahrhundertwende/Wikipedia

Handlung: A1 Ungarn im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Soldat Andor erzählt seinen Freunden beim Militär von einer schönen Zigenerin, die ihn blutend auf dem Schlachtfeld gefunden und gesund gepflegt hat. Danach verschwand sie, und er sucht sie bis heute. Sie war so schön, dass er sie nicht vergessen konnte. Ihr Name war Lionella. Da klingt ein Lied herauf, ein Gesang. Die Soldaten führen eine junge Frau herein – sie soll singen. Sie weigert sich, sie drängen, schließlich beginnt sie zu singen., Da kommt Vador herein, sie erkennen sich. Die große Liebe. Alle begehren sie, machen Angebote, vor allem der Kaptän Vaic ist ganz besessen von ihr. Aber Lionella will bei Vador bleiben, trennt sich sogar von ihrer Familie und Gruppe. Wie bei Undine hat das seinen Preis, sollte er sie verlassen bestimmt das Gesetz der Zigeuner seinen Tod.

A2 Vador und Lionella im Glück, sie lieben sich und begehren sich. Ein wunderbares Intermezzo – berühmt als Samaras Ungarische Rhapsodie und häufiges Konzertstück – spiegelt die kommenden Konflikte wieder: seine Spielsucht und sein Ehrgeiz auf dem Schlachtfeld. Lonella hasst beides und lässt in schwören, davon abzulassen. A2 Intermezzo: Rhapsodie ungarese. A2 Ein Maskenball steht an, sie will nicht mitkommen, er überredet sie. Am Spieltisch verliert Vador alles und setzt gegen den Kapitän Vaic schließlich Lionella als letzten Einsatz ein. Er verliert, Lionella wird die Sex-Sklavin von Vaic, was wiederum den Soldaten und Regimentsgefährten Elias auf den Plan ruft, der sich als Zigeuner outet und Vaic im Duell tötet. Er entflieht mit Lionella. A3 Nach einem schönen Vorspiel Lionellas große Szene und wunderbare Arie, in der sie nach einem Jahr im Versteck ihre immer noch tiefe Liebe zu Vador sich selber zugibt. Elias tritt auf, er weiss um Lionellas Liebe und auch, dass Vador sie gefunden hat. Elias schwört dem Gesetz der Zigeuner zu folgen und Vador umzubringen. Aber er stellt sie vor die Wahl: Er liebt sie auch, und wenn sie die Seine wird, verschont er Andor. Er bietet ihr an, alles zu vergessen und mit ihr fortzugehen. Aber natürlich liebt sie Vador, will gerne eine Schwester für Elias sein, aber mehr nicht. Sie liebt eben, bedingungslos. Elias sagt, er werde das akzeptieren und der nächste Tag ihn bereits weit weg finden: So erfülle sich Vadors und auch sein Schicksal. Lionella ist beunruhigt. Und sie segnet Elias für seine Selbstlosigkeit.

Zu Samaras´“Lionella“: der Tenor Suanas war so berühmt, dass sein Koffer-Aufkleber im Museum von Catalonien in Barcelona aufbewahrt wird/BSA

Trompeten kündigen Vador an. Er bittet sie um Verzeihung, die sie zu gerne gewährt. Großes, langes Liebsduett. Da schleicht sich Elias heraus, ein fast walzergetragenes Terzett. Er ersticht Andor und schreit zu Lionella: Du sollst leben und leiden. Sie: Der Himmel verfluche dich. Schluss.

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Zum Komponisten: Spyridon-Filiskos Samara, Sohn des Vizekonsuls Skariatos, wurde am 17. November 1861 auf Korfu geboren, wo er unter anderem van dem Komponisten Xyndas unterrichtet wurde. Auf dessen Rat ging er an das Athener Konservatorium (1875), als sein Vater das Familienverm6gen verschleudert hatte. Dank der Aufopferung der Mutter Fani Courtenay und seines liebevollen Lehrers für Komposition, Enrico Stancabianco, konnte er seine Studien beenden und wechselte 1882 nach Paris, wo er in Marquis de Saint lllaire und weiteren Adligen großzügige Mäzene für seine weiteren Studien und die ersten Veröffentlichungen fand. Theodore Dubois und Leo Délibes zählten zu seinen Lehrern. Kurz nach Kompositionsbeginn zu seiner Oper Medge (1885) erreichte ihn der Auftrag des Mailänder Musikverlegers Edoardo Sonzogno für eine Oper, Flora mirabilis, auf das Libretto seines langen Bewunderers und Puccini-Librettisten Ferdinando Fontana. Die Premiere am Mailänder Teatro Camano 1886 wurde zum Beginn einer internationalen brillanten Karriere. Samaras Werke wurden in aller Welt enthusiastisch begrüßt – in Ägypten, Argentinien, Österreich, Frankreich, Deutschland, Griechenland und besonders ltalien, Malta, Rumänien, Russland und sogar der Türkei (Ankara und Istanbul hatten gutgehende, westlich orientierte Opernhäuser). Seine musikalische Persönlichkeit, sein Talent im Erschaffen von Bühnendramen und -handlungen und seine Begabung für die Analyse nahmen Puccini, Leoncavallo und die italienische veristische Bewegung des Naturalismus in der Oper voraus.

Zu Samaras´“Lionella“: Karikatur des Komponisten als Dirigent/Wikipedia

Dem ersten Werk folgten weitere: Medgé (Rom 1888; dazu der Artikel zur erneuten Erstaufführung in Athen 2025 bei operalounge), Lionella (Scala 1891, nur einmal aufgeführt und bislang verschollen). La Martire (Neapel 1894/ die Einfluss auf Puccinis La Bohème nahm), sowie die auf Shakespeare basierende La Furia domataDer Widerspenstigen Zähmung (Mailand 1895, bislang verschollen, Byron Fidetzis arbeitet an einer Edition) . 1891 kehrte Samara nach Paris zurück. Für die Wiedererweckung der Olympischen Spiele in Athen 1896 komponierte er eine Hymne, die später die offizielle der Spiele wurde (auf einen Text von Kostas Palamas). In der Folge wurden seine Libretti auf Französisch von Paul Milliet geschrieben: Une histoire d’amour (Mailand 1903), Mademoiselle de Belle Isle (nach Dumas, Genua 1905) und seine letzte vollständige Oper Rhea (in der Nachübersetzung ins ltalienische  durch  den  Komponisten  selbst, nun bei Naxos).

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Diese letzte große Inspiration zeigt einen endlosen Musikfluss und scharf umrissene Einheiten (wunderbare Duette), ein komplexes System von Eröffnungsmotiven (vor allem des eifersüchtigen Schurken Guarcas) und das himmlische Intermezzo, das einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt. 1911 hatte Samara, immer noch in Paris, den unvollendeten ersten Akt seiner Tigra nach einem Text von Simoni (Puccinis Librettisten) vorliegen. Nur seine enge Freundschaft zur königlichen Familie und das Versprechen, den kontroversen Vorgänger Georgios Nazos als Direktor des Athener Konservatoriums ablösen zu können, brachten Samara zurück in die Heimat. Nazos war ein unversöhnlicher Widersacher der lonischen Schule und von dem ,,Kollaborateur“ Syngros installiert worden. Nun rotteten sich Syngros‘ Gefolgsleute gegen Samara zusammen. Der junge Kalomiris griff ihn geradezu vitriolisch an, während Nazos – von stärkeren Schultern als denen des schwachen deutschen Königs Otto gestützt – unverändert feindlich blieb.

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Spiridon Samaras: Katalog zur Ausstellung anlässlich der Aufführung 1994 auf Korfu/Sonzogno

Samaras Heirat mit Anna Antonopoulou zwang ihn, für den Lebensunterhalt der Familie Geld verdienen zu müssen – er komponierte drei Operetten (herrliche Musik auf schreckliche Libretti). Er schrieb auch die Musik zu seiner eigenen Vorlage Triumph 1915 und viele Lieder. 1943 zerstörte ein Luftangriff die Büros seines italienischen Verlagshauses Sonzogno in Mailand, wo die meisten seiner Werke lagerten. Nur seine Witwe besaß nun noch einiges in einem alten Koffer. Seine Wiederauferstehung als Komponist begann erst 1985, vor allem durch  die beispiellose Initiative von  Byron Fidetzis.

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Die vorstehenden Texte entnahmen wir mit Dank dem Programmheft zur konzertanten Aufführung. Dank an Elena Kiagkoudu und natürlich an Byron Fidetzis, der wie kein anderer sich um die Opern seines Heimatlandes kümmert. G. H.

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Der Dirigent und Musikwissenschatler Byron Fidetzis, hier bei der Aufnahme zu Dionysos Lavragas´ „Dido“ 2025/BF

Ganz kurz ein Blick auf weitere verfügbare Dokumente von Samara: Die Mademoiselle de Belle Isle gab es als Mitschnitt bei Lyra von einem Konzert in Pasardijk/Bulgarien 1994 (Fidetzis/Arapi, Krilovici/ italienische Version von Amintore Galli nach Milliet auf die Komödie von Alexandre Dumas); die bekannteste Oper, Rhea – auf deren Ouvertüre die Olympia-Hymne zurückgeht – lag sogar mal als dicker, schicker LP-Kasten bei einer eingegangenen italienischen Firma vor, Booklet -De-Luxe einschließlich, und kam dann zu Lyra, inzwischen auch verblichen/s. operaloungeLa Martire ist 1990 ebenfalls in Pasardijk aufgenommen bei Lyra als CD erschienen (und liegt in der deutschen und damals viel im deutschsprachigen Raum gespielten Fassung bei Bote & Bock, heute Boosey & Hawk); ebenfalls bei Lyra gab es als CD La Biondinetta (1998 Pasardijk/Fidetzis mit Arapis und Stamboglis; erschienen bei Naxos/operalounge) und nun auch bei youtubeFlora Mirabilis gibt es in Ausschnitten von 1979 unter Odisseus Dimitroadis mit Frangiskos Voutsinos (der in Belgien eine Karriere machte). Und schließlich kann man den ersten Akt von La Tigra /operalounge bei youtube und bei Naxos hören, erneut dirigiert Byron Fidetzis. Lionella ist nun – wie oben berichtet – bei youtube als Konzertmitschnitt von 2023 aus der Maria Callas Olympic Concert Hall verfügbar. Ebenso Medgé/operalounge von 2025. Ein Blick zu youtube in Sachen Pavlos Carrer und Spyros Samaras lohnt sich! G. H.

 

Sensation!

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Rossini/Carafas Sémiramis (Venedig 1823/Paris 1860 mit Ballett!!!) in Bad Wildbad am 26.7. 26 und im SWR Radio. In der Spielzeit 1860 bot das Engagement der berühmten Marchisio-Schwestern die Gelegenheit, Rossinis Semiramide für die Opéra  einzurichten. Rossini überließ diese Bearbeitung weitestgehend seinem Busenfreund Michele Carafa, der die Prosodie der französischen  Übersetzung anpasste, die Oper ganz auf die Dreiecksbeziehung  Sémiramis-Arsace-Assur ausrichtete und sie mit der obligaten, eigens komponierten Ballettmusik versah. Rossini sagte nach der erfolgreichen Premiere zu seinen Belcanto-Sängerinnen: „Ihr habt einen Toten zu neuem Leben erweckt!“. Die konzertante moderne EA bildet den Anfang der neuen Serie „Rossini et le Belcanto en français“, die von der BadenWürttemberg-Stiftung großzügig unterstützt wird. Diana Haller und  Marina Viotti singen die beiden Hauptrollen, Mark Kurmanbayev den  Gegenspieler Assur. Der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych ist  international renommiert für seine Belcanto-Dirigate./Quelle Rossini in Bad Wildbad (zu dem Programm 2026 s. link)

Zudem bringt Naxos Michele Carafas Oper Masianello vom vergangenen Jahr aus Bad Wildbad im Herbst heraus – Heureka! (Abbildung oben: Die Schwestern Barbara und Carlotta Marchisio in Rossinis Semiramide/Wikipedia) G. H.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“

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Wie Erich Korngold auf dem Gebiet der Oper, so war Joseph Beer auf dem der Operette ein Frühvollendeter, dessen glänzend begonnene Karriere jäh durch die Herrschaft der Nationalsozialisten unterbrochen wurde, der sein Leben nur durch die Flucht erst nach Paris und dann in den Untergrund bei Nizza retten konnte und der nach 1945 ebendort nicht mehr an die alten Erfolge anknüpfen konnte.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/der Komponist etwa zur Zeit der Komposition/Verlag Felix Bloch Erben

Der Komponist ist ein aus Lemberg stammender Jude, der wenige Monate nach der letzten Uraufführung einer Lehar-Operette mit 24 Jahren seinen ersten und letzten großen Erfolg mit der Uraufführung von Der Prinz von Schiras in Zürich hatte, der anschließend auch im Theater an der Wien aufgeführt wurde, bei der Machtergreifung der Nazis in Österreich gerade zur Vorbereitung der französischen Erstaufführung in Paris weilte und bei Ausbruch des Kriegs nach Nizza fliehen konnte, wo er sich bis 1945 versteckt hielt. Für Paris war auch seine zweite Operette mit dem Titel Die polnische Hochzeit geplant gewesen, und zu den vorgesehenen Sängern hatten Jan Kiepura und Martha Eggert gehört.

In Nizza arbeitete der Komponist an einer  Oper mit dem Titel Stradella in Venedig, für die die Polnische Hochzeit war eine Umarbeitung in eine Operette über die Liebe zwischen Napoleon I. und die polnische Gräfin Maria Walewska vorgesehen, die den französischen Kaiser für einen unabhängigen polnischen Staat begeistern sollte, ihm einen Sohn gebar und ihn auf Elba in der Verbannung besuchte. Aus diesem Vorhaben wurde jedoch nichts. Die polnische Hochzeit wurde nach dem Tod des Komponisten am Stadttheater Regensburg mit großem Erfolg aufgeführt, ist bei cpo als CD erschienen, die nun auch die Regensburger Aufnahme des Prinzen von Schiras aus dem Jahre 2023 vorlegen, mit teilweise identischer Besetzung.

Es handelt sich beim Prinzen von Schiras um eine der beliebten, mit Exotik in schillernde Farben getauchten Liebesgeschichten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, doch was bei Lehars Land des Lächelns mit der Trennung der Liebenden aus West und Ost endet, kann sich bei Beers Operette über ein happy end freuen. Die junge Amerikanerin Violet verliebt sich auf einem Schiff, das von Japan nach Amerika unterwegs ist, in den Prinzen, und als eine Kaperung durch die Japaner droht, flieht sie mit ihm in sein Heimatland, wo er sich als Pascha, der er ist, auch aufspielt, so dass sie mit ihrem Gefolge flieht. Der Prinz folgt ihr, schwört die Annahme westlicher Verhaltensweisen, und dem happy end steht nichts mehr im Wege. Der Szenenwechsel ermöglicht natürlich die Verwendung unterschiedlichster musikalischer Stile, Jazzelemente stehen neben Fernöstlichem, der absolute Höhepunkt aber ist die Arie des Prinzen „Du warst der selige Traum“, die bei der Wiener Erstaufführung viermal wiederholt werden musste. Neben dem Hohen Paar gibt es noch drei weitere mit unterschiedlichen Liebeshändeln, wobei man in Regensburg das exotische Dienerpaar lustigerweise  mit vertauschten Stimmen, die Frau mit tiefer, der Mann im Sopran, singt. Sehr gelungen erscheint der Einfall, die gesprochenen Dialoge, die zum Glück nicht durch Peinlichkeit auffallen, durch ein Klavier begleiten zu lassen.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Regensburger Aufführung/Foto Marie Liebig

An die Stimme einer Lilian Harvey erinnert die von Kirsten Labonte, angenehm unangestrengt plaudernd widmet sie sich den Dialogen. Ein Schmelz- und Schmalztenor, der nicht nur die hohen Töne schmettert und die Schlager seiner Partie süffig darzubieten weiß, ist Carlos Moreno Pelizari als Prinz Nadir. Seine Schwester Jasmine, die sich in einen Vicomte verliebt, wird von Theodora Varga mit gut gerundeter Stimme gesungen, während das Objekt ihrer Begierde mit der Stimme von Matthias Störmer gut ausgestattet ist. Auch die beiden andren Paare, Nell (Scarlett Pulwey) und Jimmy (Paul Kmetsch) sowie Hassan (Fabiana Locke) und Fatme (Felix Rabas) tragen zum allgemeinen Vergnügen bei. Stefan Veselka entlockt  dem Opernchor Regensburg und dem Phiharmonischen Orchester Regensburg ein Höchstmaß an Temperament, Süße und akustischer Wollust und leistet viel an später Wiedergutmachung an einem Komponisten, der um seine Karriere betrogen wurde (cpo 555 670-2). Ingrid Wanja           

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Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Regensburger Aufführung/Foto Marie Liebig

Dazu der Artikel zum Werk und zum Komponisten von Stefan Frey aus dem Beiheft zur neuen Aufnahme bei cpo:

»Überraschungen auf dem Gebiete der Operette sind selten geworden. Die Erfolge der letzten Jahre sind an einige Namen geknüpft, die man an den Fingern einer Hand aufzählen kann. Und nun kommt plötzlich ein junger Mann von 24 Jahren, Joseph Beer, und legt ein Werk vor, das von außerordentlichem musikalischen Reiz ist, reichhaltig und persönlich in der Erfindung, sicher in der Durchführung und köstlich klingend in der Instrumentation.«

Das war im April 1934 in einer österreichischen Zeitschrift zu lesen. Die Überraschungs-Operette hieß Der Prinz von Schiras. Beers exotisches Erstlingswerk wurde bald in halb Europa nachgespielt. Nur wenige Monate vorher war Giuditta, das letzte Werk des beinahe 40 Jahre älteren Franz Lehár, an der Wiener Staatsoper uraufgeführt worden – der krönende Abschluss einer Operettenepoche, die sich spürbar dem Ende zuneigte. Die Zeit war also reif für einen Generationenwechsel.

Und Joseph Beer schien der geeignete Komponist dafür zu sein. Seit seinem fulminanten Vorsprechen an der Wiener Staatsakademie für Musik im Jahr 1927 eilte ihm der Ruf eines kompositorischen Wunderkinds voraus. Damals hatte er die Prüfungskommission so beeindruckt, dass ihm erlaubt wurde, die ersten vier Studienjahre zu überspringen. Direktor Joseph Marx nahm ihn umgehend in seine Meisterklasse auf, die Beer mit Auszeichnung abschloss.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Lillie Claus sang die weibliche Hauptrolle in der Wiener Erstaufführung/Amazon

Das überzeugte auch seinen Vater, der für ihn eigentlich ein Jurastudium vorgesehen hatte. Er war ein wohlhabender Bankier und wohnte mit seiner fünfköpfigen Familie im damals österreichischen Lemberg. Doch schon dort hatte Joseph parallel zum jüdischen Gymnasium auch das Konservatorium besucht. Es war seine Mutter, die seine Begabung früh erkannt und gefördert hat, nachdem sie entdeckt hatte, dass der gerade Siebenjährige ein eigenes Notationssystem zu entwickeln versuchte. Ohne zu wissen, dass es bereits eines gab, ging es ihm schlicht darum, seine Improvisationen festzuhalten. Schon damals hatte er zu komponieren begonnen und sich in allen musikalischen Gattungen versucht. Dass er sich schließlich der Operette zuwandte, mochte seinen Lehrer und Mentor Joseph Marx zwar enttäuscht haben, dennoch unterstützte er seinen früheren Vorzeigeschüler, wann immer er konnte. So vermittelte er ihm nach dem Examen eine Stelle als Korrepetitor und Dirigent der Ballettklasse, mit der er unter anderem nach Palästina auf Tournee ging.

Ausgerechnet dort nahm dann sein Schicksal die entscheidende Wendung. Er lernte nämlich einen Musiker kennen, der ihn bat, die Musik einiger befreundeter Kollegen Fritz Löhner-Beda vorzuspielen. Der war nicht nur überzeugter Zionist, sondern auch der erfolgreichste Operetten Librettist Wiens und verfasste für Lehár die Gesangstexte von Giuditta. Zurück in Wien spielte ihm Beer, wie versprochen, die Kompositionen aus Palästina vor. Erst als der sichtlich desinteressierte Löhner-Beda die Sitzung beenden wollte, wagte Beer zu fragen, ob er ihm einige eigene Kompositionen vorspielen dürfe. Was er dann hörte, begeisterte den Librettisten so sehr, dass er Beer die sofortige Zusammenarbeit anbot. Löhner-Beda wurde zum entscheidenden Kontakt von Beers Karriere. Er öffnete ihm die Türen zu den wichtigsten Leuten im Operettengeschäft.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Autogrammkarte mit Widmung und Noten/concerti

Und das befand sich damals aus verschiedenen Gründen in der Krise. Da war zum einen der erwähnte, bislang ausgebliebene Generationswechsel: Die maßgeblichen Komponisten waren alle zwischen50 und 60 Jahre alt. Da war zweitens die Weltwirtschaftskrise, die in Wien zur Schließung renommierter Operettenbühnen wie des Carl, des Bürger- oder des Johann-Strauss-Theaters geführt hatte. Letzteres wurde bezeichnenderweise in ein Kino umgewandelt, wo wiederum die Filmoperette dem Bühnengenre gewaltig Konkurrenz machte. Und der Tonfilm war der dritte Grund jener Krise.

Und schließlich war da noch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, die den meist jüdischen Wiener Autoren ab ihren wichtigsten Absatzmarkt entzog. In Wien selbst blieb für große Operettenproduktionen nur noch das traditionsreiche Theater an der Wien übrig, das allerdings finanziell so angeschlagen war, dass es sich nicht an die Uraufführung eines jungen, unbekannten Komponisten wagte. Dies übernahm dann das Stadttheater Zürich, wo Beers erste Zusammenarbeit mit Löhner-Beda, besagter Prinz von Schiras, am 31. März uraufgeführt wurde. Der Erfolg ermutigte nun auch Hubert Marischka, den Direktor des Theaters an der Wien, zu einer Aufführung. Er engagierte dafür die Staatsopernsängerin Lillie Claus, die künftige Gattin von Beers Kollegen Nico Dostal, die mit dessen Clivia in Berlin gerade ihren Durchbruch gehabt hatte, und den Tenor Serge Abramovic. Er musste seinen Schlager »Du warst der selige Traum«, der, wie die Neue Freie Presse monierte, »von Tauber-Lehár sein konnte, aber von Joseph Beer ist… gleich viermal – nach bekanntem Muster – teils mit ganzer Stimme, teils mezza voce mit jedesmal geändertem Schluß« vortragen. Die »für den ernsten Musiker wertvolle Seite« der »symphonischen Singspiel-Operette (die keine Operette im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist)«, zeigte sich für seinen Lehrer Joseph Marx hingegen darin, dass Beer, wie er in einem durchaus begeisterten Brief an ihn schrieb, »die klassische Polyphonie« kenne und daher »Figuratives und Kontrapunkt zu unterscheiden wisse, was sehr berühmte Operettenkomponisten nicht können. Darin liegt Ihre Stärke und Ihre – Zukunft!« Die Wiener Kritiken beurteilten den Prinz von Schiras trotzdem reserviert. So bescheinigte das Neue Wiener Journal Beer zwar »ein beachtliches Talent, das allerdings erst einen Wechsel auf Sicht ausgestellt« habe.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/der Komponist mit seiner Frau hanna, geb Königsberg/Wikipedia

Dagegen bereitete das Publikum dem jungen Komponisten »einen stürmischen Erfolg, der sich zu Riesendimensionen steigerte. Die Autoren wurden nach den Aktschlüssen unzählige Mal hervorgerufen«. Die Wiener Premiere wurde über Kurzwelle live übertragen und war auch in Lemberg zu hören, wo Familie Beer gespannt vor dem Radio saß. Der Vater maß mit der Stoppuhr in der Hand sogar die Dauer des Applauses und kam beim »Seligen Traum« Abramowic’ Dacapos eingerechnet – auf 17 Minuten. Der Prinz von Schiras wurde von Stockholm bis Madrid in ganz Europa nachgespielt. Und sein Komponist war plötzlich so ein gefragter Mann, dass Löhner-Beda für ihre nächste Operette, Polnische Hochzeit, sogar Alfred Grünwald als Mitarbeiter gewinnen konnte, den langjährigen Librettisten Emmerich Kálmáns.

Das erfolgreichste Autorenduo der Wiener Operette arbeitete nun gemeinsam für Joseph Beer. Das hatten sie zuvor nur für Paul Abraham getan, den sechzehn Jahre älteren ungarischen Komponisten, dessen Viktoria und ihr Husar die Operettenwelt revolutioniert hatte. Mit Abraham hat Beer viel gemeinsam, die jüdischen Wurzeln, den nervösen Charakter, vor allem aber die freche Stilmischung von Folklore und Jazz. Auch Beers Musik scheut weder drastische Komik noch Sentimentalität, weder große Gesten noch kleine Brüche, weder grelle Instrumentaleffekte noch leuchtenden Orchesterglanz. Alle Merkmale der Gattung sind bei ihm in gedrängter Form noch einmal vereint. Folkloristische Buffoduette in der Art Kálmáns stehen neben opernhaften Finali à la Lehár und Abrahamschen Tanzschlagern von rhythmischer Prägnanz. Beers zweite Operette Polnische Hochzeit (Uraufführung, Stadttheater Zürich) wurde in acht Sprachen übersetzt und von über 30 europäischen Bühnen nachgespielt. Die aufwendigste Neuproduktion war für den 1. Oktober 1939 im Théâtre du Châtelet geplant – mit dem Titel Les Noces Polonaises und dem damaligen Tonfilm Traumpaar Jan Kiepura und Marta Eggerth. Zwar kam sie wegen des Zweiten Weltkriegs nicht zustande, rettete Beer aber immerhin das Leben.

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Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Szene aus der Aufführung in Regensburg/Foto Marie Liebig

Als die Nazis in Österreich einmarschierten, ermöglichte ihm der Direktor des Châtelet die Flucht nach Paris. Dort hielt sich Beer mit Orchesterarrangements und Musik zum Film Festival du Monde über Wasser. Er wollte so schnell wie möglich in die USA, um dort »an ein Musical College als Lehrer zu gehen«, wie er an Joseph Marx schrieb. Doch er kam nur bis Nizza. Auf der Flucht vor der deutschen Besatzung gelang es ihm hier, bis Kriegsende unterzutauchen. In seinem Versteck komponierte er allen Widrigkeiten zum Trotz seine im Stil des Verismo gehaltene Oper Stradella in Venedig. Titelheld war der Renaissance- Komponist Alessandro Stradella, dessen skandalumwittertes Leben schon Friedrich von Flotow zu einer romantischen Oper inspiriert hatte. Zweifellos identizierte sich Beer mit dem zeitlebens – wenn auch aus erotischen Gründen – verfolgten Italiener. Nachdem die Oper unter dem verkürzten Titel Stradella  am Stadttheater Zürich uraufgeführt und vom bekannten Kritiker Kurt Pahlen als »komische Oper von höchstem Niveau« bezeichnet worden war, wurde sie von Andre Roussin, einem Mitglied der Académie Française, ins Französische übersetzt. Eine Aufführung kam allerdings nicht zustande. Seitdem unternahm Beer keine weiteren Versuche mehr, Stradella oder eines seiner anderen Werke auf die Bühne zu bringen und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Die Nachricht vom Tod seiner Eltern und Schwester in Auschwitz hatte ihm längst den Boden unter den Füßen weggezogen. Auch sein Mentor und Librettist Löhner-Beda war dort ermordet worden. Die meisten seiner früheren Mitarbeiter aber waren emigriert und über die ganze Welt zerstreut. Und mit denen, die in Deutschland und Österreich geblieben waren, wollte Beer nichts mehr zu tun haben. Trotzdem komponierte er weiterhin täglich instrumentale und geistliche Werke – ohne je an deren Aufführung zu denken. Vom Bruch, den das Dritte Reich in seiner Biographie hinterlassen hatte, blieb sein Schaffen weitgehend unberührt. Wie viele seiner Generation hielt er der Operettenwelt seiner Jugend die Treue und nahm von den radikalen Entwicklungen der zeitgenössischen Musik so gut wie keine Notiz und blieb zur Freude seines Lehrers Joseph Marx zeitlebens ein glühender Verfechter der Tonalität.

Joseph Beer: „Der Prinz von Schiraz“/Ludwig Herzer, Franz Léhar und Librettist Fritz Loehner-Beda/Wikipedia

Anfang der 1950er Jahre heiratete Beer die Holocaust-Überlebende Hanna Königsberg aus München und lebte mit ihr und den zwei gemeinsamen Töchtern Suzanne und Béatrice zurückgezogen in Nizza. Er nahm das Studium der Musikwissenschaft an der Sorbonne wieder auf, das er vor dem Krieg angefangen hatte und vollendete seine damals bei P.M. Masson begonnene Doktorarbeit über die Entwicklung des harmonischen Stils im Werk von Scriabin. Trotz einer »mention très honorable« und der ausdrücklichen Ermutigung seines nunmehrigen Doktorvaters Vladimir Jankélévitch sah er von einer Veröffentlichung ab. Erst im fortgeschrittenen Alter schrieb Beer wieder für die Bühne. Sein Singspiel Mitternachtssonne schildert das einfache Leben in einem von Fabelwesen bewohnten Norwegen der 1930er Jahre – vielleicht eine Geste der Dankbarkeit an ganz Skandinavien. Denn dort war seine Polnische Hochzeit unter dem Titel Masurkka längst ins Operettenrepertoire eingegangen und wurde bis zu Beers Tod im Jahre 1987 immer wieder gespielt.

Der Autor: der Theaterwissenschaftler und Operettenspezialist Stefan Frey/Foto Markus Konvalin/BR

Andere Aufführungen der Polnischen Hochzeit lehnte Beer bis zuletzt kategorisch ab, arbeitete er doch besessen an einer Neufassung mit dem Titel La Polonaise, in der es um Napoleons Affäre mit der polnischen Gräfin Maria Walewska gehen sollte. Er schrieb sogar den Text selbst, sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Erst nach seinem Tod entdeckten Töchter und Witwe einen Koffer unter seinem Schreibtisch, in dem sich das komplette Orchestermaterial der Originalfassung befand. (Auszug). Stefan Frey

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Der Artikel erscheint mit sehr freundlicher Genehmigung des Autors, zu dem und zu dessen Tätigkeit auf dem Gebiet der Operette es bei Wikipedia einen informativen Artikel gibt. Stefan Frey hat zudem beim Bayerischen Rundfunk eine Operetten-Dauer-Sendung, Operetten-Boulevard, dessen Preis der Prinz von Schiras vorletzte Spielzeit gewonnen hat. Wir danken dem Autor. G. H.

 

 

 

Mehr Kammerkätzchen als Königin

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Zwar bella, aber keineswegs furiosa, wie der Titel suggeriert, eher wie eine Mimi, die wehmütig über ihr Schicksal nachdenkt, deren Bild sich in rosafarbenen Wolken aufzulösen scheint, erscheint die israelische Sängerin Shira  Patchornik auf ihrer CD, und auch wenn sie den Begriff Furia nicht nur als Wut, sondern auch als Kampfesmut, Selbstbehauptung, Streben nach Gerechtigkeit verstanden haben will, fällt die Rosenarie der Susanna aus dem weitgesteckten Rahmen. Es handelt sich allerdings um die von Mozart für die Sängerin Adriana Ferrarese komponierte Arie, di zwar das selbe Rezitativ aufweist, aber ansonsten den Fähigkeiten des Soprans, die von denen der Uraufführungbesetzung abwichen, gerecht zu werden versuchte. Von Furia allerdings kann auch in ihr nicht die Rede sein, sondern von freudig-ungeduldiger Erwartung, und von der einfallsreichen, kecken, sich wehrhaft durch die Männerwelt kämpfenden Kammerzofe erwartet man etwas mehr Pep und noch viel mehr Zärtlichkeit in Erwartung der Hochzeitsnacht. Shira Patchornik besitzt einen  ideal auf kratzbürstige Kammerkätzchen zugeschnittenen Sopran mit leichtgängiger Höhe und weniger Mittellage, deren einige auch auf der CD vertreten sind, den adligen Damen, die edel schmachten und denen lyrische Emphase auch zur Zeit Mozarts und seiner Weggenossen nicht fremd ist, versagt sie doch etwas die notwendige dolce grandezza.

Den Live-Auftritten mit dem auf der CD verewigten Programm gingen eine intensive Archivarbeit und eine darauffolgende Tournee voraus, auf der CD gibt es nach einer großzügig bemessenen halben Stunde Gesang auch noch zwanzig Minuten Orchestermusik mit Mozarts Divertimento für Oboe, zwei Hörner und Streicher, auch als Nannerl-Septett bekannt.

 Niccolo Piccinni ist für den ersten und den letzten Track sowie einen weiteren auf der CD verantwortlich, einmal für die Arie der Livietta und zum anderen für die der Marchese aus der Oper La buona figliuola. In der ersten Arie überzeugt die Sängerin mit einer frei klingenden Höhe, kämpft etwas mit dem rasanten Tempo, und wenn es um furia gehen sollte, ist diese eher putzig als Angst einflößend. Die adlige Dame, die die furia di donna irrata zum Ausdruck bringen soll, ist  hoch virtuos gestaltet, man könnte sich trotz aller Gefühlsaufwallung aber den einen oder anderen Ton weniger spitz, etwas gerundeter denken. Kapriziös, frisch und keck gibt sich die Lisetta aus Haydns La vera costanza und kann ihrem Anliegen auch einigen Nachdruck verleihen. Auch der dreifach vertretene Piccinni hat eine Arie, die mit den Worten „Dove sono i bei monenti“ komponiert, die die Sängerin mit schöner Beiläufigkeit, wie hingetupft und manchmal leicht gespreizt darbietet, der Figur einen kindlichen Anstrich gebend und sie mit zierlichen Koloraturen ausstattend.  Leicht manieriert und damit schattierungsreich und gräflichem Unmut nachdrücklich Ausdruck verleihend, macht die Sängerin nachvollziehbar, dass Goethe sich für das Werk begeistern konnte. Als schelmischer Trotzkopf gibt sich die Serpina von Giovanni Paisiello in der Interpretation von Shira Patchornik zu erkennen, und auch hierbei sind ihr die Chaarts chamber artists einfühlsame Begleiter, die mit dem abschließenden Nannerl-Septett noch einen zusätzlichen Glanzpunkt bereitstellen (Solo Musica 553). Ingrid Wanja           

Vorbildliches Mäzenatentum

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Aus zweierlei Gründen ist die bei hänssler classic herausgekommene CD außer durch den titelgebenden Thomas Hampson interessant: Es geht um die Orchestrierung von eigentlich für Klavierbegleitung komponierte Lieder bedeutender Komponisten durch ebensolche Tondichter und um ein höchst interessantes, weil von staatlichen Subventionen freies, privates Mäzenatentum interessantem Programm ermöglichtes Orchester. Mit dem Namen Würth verbindet man gemeinhin Schrauben aller Art, es gibt aber auch ein gleichnamiges Orchester, das, nicht nur, aber auch im Reinhold Würth Saal des Carmen Würth Forums in Künzelsau auftritt, wo auch die vorliegende CD entstand.

Das Programm beinhaltet die Orchestrierung von Schubert-Liedern durch Johannes Brahms, Variationen Brahms‘ auf ein Thema von Josef Haydn, von dem man allerdings nicht hundertprozentig sicher weiß, ob es auch von diesem stammt, und  die Orchestrierung von Brahms‘ Vier ernsten Gesängen durch Detlev Glanert, denen jeweils ein Präludium vorangestellt ist und ein Postludium folgt. Die Variationen gelten als Übungsstücke vor dem Komponieren der ersten Sinfonie von Brahms, eine Art Bonus stellt Mendelssohn-Bartholdys Konzertouvertüre Die Hebriden dar.

Die CD ist die inzwischen dritte Publikation der 2017 gegründeten Würth Philharmoniker mit ihrem Dirigenten Claudio Vandelli.

Johannes Brahms nahm sich der Lieder Schuberts auf Texte von Schiller und Goethe an, dazu von Mayrhofer Memnon, die ersten drei balladenhaftmit Themen aus der griechischen Sagenwelt, die insbesondere nun mit Orchesterbegleitung eine recht dramatische Stimme erfordern, die der nunmehr siebzigjährige Thomas Hampson durchaus zur Verfügung stellen kann, dazu eine beispielhaft deutliche, völlig akzentfreie Diktion, eine exakt  fokussierte farbige Bassbaritonstimme, die die wechselhaften Stimmungen der Gedichte und der Musik, schließlich ist das letzte über des „Liebchens Äugel“ ein höchst neckisches, einzufangen wie widerzugeben weiß, besonders schön den „Duft der Träume“ im Rückert-Gedicht vernehmbar machend.

Hörbar mit Lust und Können beider Sache ist das Orchester bei den das Vivace bevorzugenden Variationen von Brahms über ein Haydn-Thema bei der Sache, wirkt mal verspielt, mal feierlich auftrumpfend  und ist überaus unterhaltsam.

Nicht fürchten müssen sich Brahms-Verehrer vor der Bearbeitung und Erweiterung der Vier ernsten Gesänge durch Detlev Glanert, deren Grundcharakter bewahrt bleibt, die die Stimme stets im Vordergrund dominieren lässt, das Orchester vor allem in den Präludien schillernd auf die ernsten Texte einstimmt und mit einem wundervollen Diminuendo am Schluss entzückt. Sänger und Orchester ergänzen einander in bewundernswerter Weise.

Auch in der abschließenden Hebriden-Ouvertüre kann das Orchester unter Claudio Vandelli unter Beweis stellen, zu welch beachtlichem Klangkörper es sich entwickelt hat (HC24021). Ingrid Wanja    

Zum 150. von Hermann Hesse

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Als „Eine musikalische Hommage zum 150. Geburtstag von Hermann Hesse will Oliver Gruhn, Posaunist, aber auch mit anderen Instrumenten vertraut, vor allem aber Komponist seine CD mit von ihm zu verantwortender Musik auf Gedichte des von ihm verehrten Schriftstellers, aber auch anderer Dichter, dazu zwei Lieder von Richard Strauss, die noch nach den Vier letzten Liedern entstandenen Malven und ein unvollendet gebliebenes mit dem Titel Nacht auf einen Text von Hesse, verstanden wissen. Letzteres könnte leicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen auf einen Text von Hermann von Gilm, beginnend mit der Zeile „Aus dem Walde tritt die Nacht“, während Hesses Werk mit den Worten „Mit Dämmerung und Amselschlageingeleitet wird. „Malven“ hingegen stammt von der Schweizer Schriftstellerin Betty Knobel, die auch weitere Texte auf der CD verfasst hat, auf der außerdem neben Hesse u.a. Otto Julius Bierbaum, Ricarda Huch und Christian Wagner vertreten sind. Malven komponierte Strauss kurz vor seinem Tod im Schweizer Exil und widmete das nur mit Klavierbegleitung vorgesehene Stück der von ihm verehrten Sängerin Maria Jeritza. Diese bewahrte das Lied 34 Jahre auf, ehe es seine Uraufführung erleben konnte.

Die CD Bezaubert von der Jeannedárt Stiftung umfasst vier Blöcke, zum einen die beiden von Oliver Gruhn teils komplettierten bzw. orchestrierten Strausslieder, danach den Zyklus Sommerliebe, in denen der Komponist außer einem Huch-Gedicht ausschließlich solche von Hesse vertont hat, danach Der König ohne Land mit ausschließlich Hesse-Texten und schließlich Brennendes Herz, wo Hesse nur zwei von acht Liedern zu verantworten hat. Die Vertonung erweckt durchaus den Eindruck, als sei sie zur gleichen Zeit wie die Gedichte entstanden, tonal, stimmfreundlich, hörbar von Richard Strauss und Zeitgenossen inspiriert, zwischen spätromantisch und impressionistisch sich bewegend, sehr angenehm und zum Träumen anregend. Die Musik ist hörbar von den Texten inspiriert und erweist sich damit als tatsächliche Hommage an den Dichter, von dem die meisten Texte stammen. Säger werden es lieben, diese Kompositionen aufzuführen.

Der König ohne Land wird von dem schwedischen Bassbariton Staffan Liljas gesungen, der in Die Blutbuche das Hauptgewicht auf „schwelgen“ legt, in August seine kraftvolle, farbige Stimme vom Orchester umschmeicheln lässt und für die Dunklen Augen Leidenschaft funkeln lässt.

Hermann Hesse/Wikipedia

Der deutsch-russischen Sopranistin Diana Schnürpel sind weitaus mehr Lieder anvertraut, beginnend mit denen von Strauss stammenden. Bereits in Malven zeigt sich die glückliche Verbindung eines leicht melancholischen Timbres mit einem feinen Leuchten der Stimme, allerdings auch eine wohl bei Strauss-Sopranen fast unvermeidliche Textunverständlichkeit. Schön umspielen die Symphoniker Hamburg unter dem erfahrenen Sebastian Lang-Lessing die Stimme, man meint ein weiteres der Vier letzten Lieder zu vernehmen. Von  Höhe des Sommers  bis zum Spätsommer reichen die Lieder unter dem Titel Sommerliebe, in denen der Sopran in Nelke zu orgiastischen Tönen findet, die Schmetterlinge im Spätsommer vom sehr Zarten zum Überschwänglichen finden, Ricarda Huch zu Intervallsprüngen animiert. Sinnlich in Klängen schwelgen lassen Ricarda Huch und der Komponist die Sängerin in Begierde, auch die zweite dichtende Dame, Betty Knobel, spürt „die zitternde Unruh“ in sich, und der Sopran weiß sie eindrucksvoll an den Hörer zu vermitteln, so wie die Kompositionen den Zeitgeist, aus dem die Dichtungen entstanden sind und der sie prägte (Jeannedart Stiftung EAN: 4020796501723/Abbildung oben/ Hermann Hesse/Aquarell/ Ausschnitt/ aboutcities.de). Ingrid Wanja

 

 

Zweimal Kurt Weill

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Fast zeitgleich auf dem Markt erschienen sind zwei CDs mit Aufnahmen von Songs von Kurt Weill aus seiner Berliner, der Pariser und schließlich der New Yorker Schaffensperiode. Bei Chandos hat die Mezzosopranistin Katie Bray unter dem Titel In Search of Youkali mit einem Ensemble aus Akkordeon, Bass und Klavier zusammengearbeitet, schlicht Kurt Weill nennt sich die bei Brillant Classics erschienen CD, auf der der Sopran Eleni Lydia Stamellou mit Pianobegleitung zu vernehmen ist.

Beide Damen widmen sich dem Tango Youkali, die CD von Bray bringt immer wieder rein orchestrale Zwischenspiele , die das Thema aufgreifen und abwandeln, ehe am Schluss der Titel von der Sängerin dargeboten wird. Aber auch die zweite CD setzt Youkali an den Schluss. Der helle, aber immerhin ein Mezzoaopran passt etwas besser zu den einzelnen Stücken, die zu einem großen Teil von enttäuschenden Lebenserfahrungen und enttäuschten Hoffnungen handeln, auch die Begleitung bietet einen stärker Atmosphäre schaffenden Hintergrund und Partner als das manchmal sich hart in den Vordergrund drängende Piano von Alexandra Listova.  Murray Grainger, Marianne Schofield und Wiliam Vann hingegen schaffen ein die Intentionen der Sängerin unterstützendes akustisches Umfeld.

Katie Bray singt eine kindlich verruchte Polly mit dem Barbara Song, mit einem schön geplärrten „Nein“, mit vielen Facetten, mal gehetzt, mal übermäßig getragen klingend. Für Berlin im Licht findet sie den richtigen Diseusensound, ist aber auch gern einmal deftige Rotzgöre. Von Strophe zu Strophe steigern kann sie sich für den Surabaya Johnny. Die Seine klagt und die unglücklich Liebende wechselt zwischen Sprech- und Singstimme auf Französisch eindrucksvoll und sich steigernd in einer Mischung aus Trotz und Trauer, ganz bewusst wohl einen „altmodischen“ Sound anstrebend. Als zärtliche Beschwörung entpuppt sich Speak low aus Lady in the Dark, ehe mit dem bereits erwähnten Tangolied Abschied genommen wird.

Eine Kinderstimme mit rauchigem Hauch setzt Eleni Lydia Stamellou für den Moon of Alabama ein, kindliche Naivität für das für Lotte Lenya komponierte Je ne l’aime pas, und hintergründiger könnte das in niedlichem Plauderton gehaltene Le roi d’Aquitaine sein. Schön aufblühen lässt die Sängerin ihren Sopran in Le train du ciel, fein Hingetupftes gelingt im September Song, und Bargeflüster scheint Johnny’s Song zu sein. Nanna’s lied erscheint lieblich belanglos, verhuscht der Salomon-Song, schön lasziv kommt schließlich Youkali nach einem wie Und was bekam des Soldaten Weib in anfechtbarem Deutsch gesungenen  Zu Potsdam unter den Eichen daher (Chan 20359/ Brillant Classics 97704). Ingrid Wanja

 

Clémence de Grandvals „Mazeppa“

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Kaum jemand hat vor dem verdienstvollen Konzert des Münchner Rundfunk Orchesters am 19. Januar 2025 je etwas von der Komponistin Clémence de Grandval (* 21. Januar in Saint-Rémy-des-Monts – † 15. Januar 1907 in Paris) gehört, deren Oper Mazeppa nun zum ersten Mal in moderner Zeit (auch in der daraus resultierenden Aufnahme des Palazzetto Bru Zane) erklang. Aber man stutzt als Opernkenner sofort, denn Mazeppa? Mazeppa? Ist der nicht von Tschaikowsky/Puschkin, von 1884/Moskau? Dieser hier nicht, und zudem von 1892/Grandmoguin & Hartmann nach Puschkin/Paris. Wie dicht aufeinander – haben sie sich gekannt? Sie hat sicher von ihm gehört, war er doch auch in Paris gewesen und war sicher als Komponist dort bekannt. Gibt es Quellen dazu? Puschkin zumindest war die Inspiration für Grandval. Wie bekannt waren russische Komponisten in Frankreich damals überhaupt? Paris war ja stets ein Sehnsuchtsort des Ostens gewesen.

Der griechische Bariton Tassis Christoyannis singt den Mazeppa in Clémence de Grandvals Oper/Palazzetto

Der Palazzetto schreibt zu dieser Oper: Wie andere bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit – wie ihr Lehrer Camille Saint-Saëns, der für die Aufführung von Étienne Marcel im Februar 1879 auf das Grand-Théâtre in Lyon zurückgreifen musste – wählte Clémence de Grandval Bordeaux für ihre Oper Mazeppa eher aus Zwang als aus Begeisterung für die musikalische Dezentralisierung. Die Pariser Oper, die noch intensiv Werke aus den Jahren 1830-1850 auf den Spielplan setzte, ließ damals wenig Raum für Neues. Nachdem Grandval das Präludium seiner Oper 1888 in Paris konzertant aufgeführt hatte, wartete er vier Jahre auf die erste Aufführung, die der Direktor von Bordeaux – Tancrède Gravière – zu einem nationalen Ereignis machte. Die Rolle der Matréna vertraute er seiner Frau Georgette Bréjan (-Silver) an. Das von Charles Grandmougin und Georges Hartmann verfasste Libretto basiert auf Puschkins düsterer Legende des ukrainischen Helden, die in Westeuropa von Lord Byron und Victor Hugo populär gemacht wurde. Diese Figur bietet den Librettisten vor allem die Gelegenheit, das Thema des Verrats umfassend zu behandeln: Liebe und kindliche Pflicht werden durch Ehrgeiz und Eifersucht auf die Probe gestellt. Die Überschreitung traditioneller Werte führt zu Wahnsinn und Tod. Die Oper wurde von den in Bordeaux anwesenden Journalisten gut aufgenommen – die Mazeppa in die Reihe der Produktionen Massenets stellten – und setzte ihre Karriere an anderen Theatern fort: Antwerpen (1896), Marseille (1897), Montpellier (1904) und Dijon (1905). Wie so oft bei Komponistinnen hielt ihre Verbreitung nach dem Tod der Autorin im Januar 1907 jedoch nicht mehr an.

Man erinnert dann die Dichtung von Lord Byron, dem umtriebigen englischen Tausendsassa, der sich in den griechischen Befreiungskriegen gegen die Osmanen einen Namen gemacht hatte. Der historische Mazeppa war zudem – wie aktuell heute – ein ukrainischer Edelmann und späterer, legendärer Nationalheld. Und prangt dort auf Geldscheinen und Münzen.

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Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Maurice de Vries war der erste Titelsänger/courtesy Charles Mintzer/Rudi van den Bulck Archive

Die Radioübertragung des Konzertes am 19. Januar (2025) erfüllte jede Erwartung und mehr. Und das gilt auch für die daraus folgende Aufnahme (in 3 Aufnahmetagen). So sensationell habe ich eine (in diesem Falle große französische) Oper kaum je gehört, und das sage ich nach einem langen Opernerleben. Nicole Carr übertrifft sich in der weiblichen Hauptrolle der Matréna um vieles, was ich von ihr kenne: solche leuchtenden Spitzennoten und dazu eine dramatische Kraft, unglaublich. Julien Dran ist der umwerfende Tenor Iskra mit unglaublicher Höhe und schönem Ton – das ist eine französische Tenorstimme von schon heldischem Format. Dazu dann Tassis Christoyannis in Bestform als Mazeppa, leidend, empfindsam, auftrumpfend, sonor, sensationell. Und auch die Übrigen (Ante Jerkunica, Paweł Trojak) sowie Chor des Bayerischen Rundfunks (Stellario Fagone) und das Rundfunk Orchester unter Mihhail Gerts schaffen ein Tongemälde von enormer Kraft, ohne die vielen, auch  gelegentlich russisch anmutenden lyrische Teile (wie zu Beginn des 3. Aktes) zu vernachlässigen (Tschaikowsky grüßte doch, dazu manche Assoziationen an Zeitgenössisches). Es war ein spannender Abend, der mich drei Stunden am Lautsprecher hielt und der mich die letzte CD dreimal nach einander spielen ließ. Auch wenn die zum Teil recht unterschiedliche Akustik das Hören per Kopfhörer die Schnitte deutlich macht …

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Dazu kam damals der absolut fabelhafte Service des Bayerischen Rundfunks, online das zweisprachige Libretto (runterladen und aufheben, denn die deutsche Übersetzung von Maria Kohler wurde eigens für dies Konzert erstellt und findet sich im englisch-französischen Palazetto-Buch dann nicht mehr) und das komplette Programmheft zur Verfügung zu stellen (und wie das Konzert für einen Monat als Podcast!). Das ist beispielhaft!

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Als Einführung zu dieser ungewöhnlichen Geschichte um Liebe und Rache in der Oper von Clémence de Grandval und zu jenem historischen Mazeppa äußern sich Florian Heurich sowie Natalia Mykhaylychenko zu Byron und Osteuropa, beide mit Dank nachstehend. G. H.

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Die Komponistin Clémence de Grandval/ resmusica

„Eine Prvilegierte des Himmels“: Clémence de Grandval und ihre Oper Mazeppa: „Sie wären sicherlich berühmt, wäre die Autorin nicht eine Frau, was für viele Menschen ein unabänderlicher Fehler ist“, schrieb Camille Saint-Saëns einst über die Lieder von Clémence de Grandval, die als Komponistin, Pianistin und Sängerin eine der vielseitigsten, produktivsten und auch angesehensten Persönlichkeiten des französischen Musiklebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war und dennoch bei der Nachwelt in Vergessenheit geriet. Zu einer Zeit, als das Komponieren, genauso wie Literatur, bildende Kunst und Politik, noch weitgehend eine Männerdomäne war, und komponierende oder musizierende Frauen vor allem als „Amateurinnen“ angesehen wurden, die Werke für den Hausgebrauch oder den semiprivaten Rahmen des Salons schufen, konnte sich Grandval als eigenständige Künstlerin behaupten. Ihr umfangreiches Œuvre umfasst kleine wie große Gattungen, von Kammermusik und Klavierliedern über Messen und sonstige geistliche und oratorische Werke bis hin zu groß besetzten symphonischen Arbeiten und mehreren Opern für verschiedene Pariser Konzertsäle und Theater.

Aber auch die aus adeligem Haus stammende und mit einem wohlhabenden Musikliebhaber verheiratete Grandval musste aufgrund ihrer gut situierten Lebensumstände gegen das Vorurteil einer Komponistin aus Liebhaberei ankämpfen. So schrieb der einflussreiche Musikkritiker und Biograph François-Joseph Fétis in seiner Biographie universelle des musiciens: „Obwohl Madame de Grandval wegen ihrer gehobenen Situation und ihres Vermögens nur als Amateurin angesehen werden kann, ist sie dennoch mit überaus bemerkenswerten Fähigkeiten und einer seltenen Schaffenskraft begabt, besonders für eine Frau, sodass man ihr ohne Gefälligkeit den Titel einer Künstlerin verleihen kann.“ Weniger gönnerhaft äußerte sich Saint-Saëns, der einer von Grandvals Lehrern war und den eine von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Freundschaft mit ihr verband: „Es soll mir erlaubt sein zu bemerken, dass mit allen Werken Berlioz’ und Grandvals das französische Repertoire sich nicht zu verstecken braucht.“ Bei mehreren Gelegenheiten stellte Saint-Saëns seine einstige Schülerin und Freundin in eine Reihe mit Gounod, Massenet, Bizet, Delibes und weiteren bedeutenden Komponisten der Zeit.

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Clémence de Grandval wurde am 21. Januar 1828 als Marie-Félicie-Clémence de Reiset auf Schloss Cour du Bois, dem Besitz der Familie Reiset, in Saint-Rémy-des-Monts im nordfranzösischen Département Sarthe geboren. Ihr Vater war ein hochrangiger Militär, ihre Mutter betätigte sich als Schriftstellerin. Früh zeichnete sich eine musikalische Begabung ab, und bereits ab dem Alter von sechs Jahren erhielt Clémence im privaten Rahmen eine fundierte Ausbildung in Gesang, Klavierspiel und später auch in Komposition. Chopin gab ihr Klavierstunden, ihr erster Kompositionslehrer war Friedrich von Flotow, ein Freund der Familie, bei dem sie ab 1842 Unterricht nahm. Mit 21 Jahren trat sie noch unter ihrem Mädchennamen Mademoiselle de Reiset erstmals öffentlich als Komponistin und Interpretin in Erscheinung. Bei einer Salonmatinee führte sie ein von ihr verfasstes Klaviertrio auf und sang einige eigene Lieder, worauf in der Revue et Gazette musicale de Paris zu lesen war, „dass eine Virtuosin mit dieser Stärke wie eine Privilegierte des Himmels erscheint“.

1851 heiratete sie den 15 Jahre älteren Charles-Grégoire Vicomte de Grandval, mit dem sie zwei Töchter hatte; eine starb bereits früh. Die Ehe hinderte sie allerdings nicht daran, weiterhin ihrer musikalischen Berufung zu folgen. Im Gegenteil, nun begann sie auf professioneller Ebene bei Camille Saint-Saëns Komposition zu studieren. Ihr Mann unterstützte ihr Talent und übernahm später sogar die Rolle eines Sekretärs, der mit Impresarios korrespondierte und Zeitungskritiken sammelte. Nach seinem Tod schrieb Clémence an ihre Freundin Pauline Viardot, Komponistin, Sängerin, Pianistin und Salondame wie sie: „Der Freund, den ich verloren habe, war mir so treu ergeben, wie es von nun an niemand mehr sein wird.“

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„Mazeppa“ von Eugène Delacroix, 1824/Wikipedia

Nach vielen Kammermusik- und Salonstücken schrieb Clémence de Grandval in den 1860er Jahren ihre ersten Bühnenwerke, zunächst jedoch noch unter Pseudonymen wie Caroline Blangy, Clémence Valgrand, Maria Felicita de Reiset oder Maria de Reiset Tesier. Für Frauen ihres Standes war das Komponieren für einen kleinen, elitären Kreis zwar durchaus akzeptiert, die Arbeit fürs Theater hatte hingegen immer einen fragwürdigen Beigeschmack, zumal Grandvals erste Bühnenstücke dem leichten Genre wie Operette, Vaudeville oder Opéra comique angehörten: Le sou de Lise wurde 1860 an den Bouffes-Parisiens uraufgeführt und Les fiancés de Rosa 1863 am Théâtre-Lyrique. Mit La Comtesse Eva, uraufgeführt 1864 in Baden-Baden, trat sie erstmals unter ihrem richtigen Namen als Opernkomponistin an die Öffentlichkeit. Es folgten noch La pénitente (Opéra-Comique, 1868), Piccolino (Théâtre-Italien, 1869) und wesentlich später Mazeppa, ihre umfangreichste Oper, die 1892 am Grand Théâtre de Bordeaux Premiere hatte. Nach vielen Jahren, in denen sich die Komponistin vor allem mit geistlicher und symphonischer Musik beschäftigt hatte, sprechen aus dieser Oper nun eine künstlerische Reife, eine emotionale Tiefe und eine Ernsthaftigkeit in Sujet und musikalischer Ausformulierung, die sie von den früheren Bühnenwerken abheben.

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Zu Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Illustration zum 4. Akt der Uraufführung/L’Univers illustré, 7 Mai 1892/Wikipedia

Da sie selbst Sängerin war, lag Grandval die menschliche Stimme besonders am Herzen. Dies schlug sich nicht nur in ihren Opern und Liedern nieder, sondern auch in einer Reihe von geistlichen Werken mit Gesang, von denen das erfolgreichste ein Stabat mater (1870) war, sowie in den Oratorien Sainte Agnès (1876) und La fille de Jaïre (1880) oder dem Poème lyrique La forêt für Soli, Chor und Orchester (1874). Darüber hinaus schrieb sie ein Oboenkonzert (1878), das oft von dem berühmten Solisten und Musikpädagogen Georges Gillet aufgeführt wurde und ein beliebtes Prüfungsstück des Pariser Konservatoriums war.

Die Komponistin war mehr und mehr zu einer bestens etablierten Größe des Pariser Musiklebens geworden, ihre Werke wurden in vielen Kirchen und Konzertsälen dargeboten, für La fille de Jaïre erhielt sie den von der Académie des Beaux-Arts verliehenen Prix Rossini, und eine neue Konzertreihe mit dem Titel L’art moderne widmete Grandval 1878 das Eröffnungskonzert. Sie spielte eine wichtige Rolle in der gerade gegründeten Société nationale de musique, wo sich die Avantgarde der französischen Musik traf, und bei deren Konzerten in der Salle Pleyel. Zudem kam in ihrem Salon alles zusammen, was Rang und Namen hatte: Daniel-François-Esprit Auber, Ambroise Thomas, Charles Gounod, Georges Bizet, Pauline Viardot, Giacomo Meyerbeer und viele weitere Musiker, Literaten, Künstler und Persönlichkeiten der Gesellschaft.

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„Mazeppa in the Romantic Arts“ von Albert Brussee bei AB Music Productions & Editions ist eine spannende Abhandlung zum Thema (Amazon und andere)

1886 war der Tod ihres Mannes, der während der Ehe meist hinter seine komponierende Frau zurückgetreten war und im Hintergrund vieles organisiert hatte, ein schwerer Schlag für Clémence de Grandval. Dennoch ging sie auch danach weiterhin ihrer Berufung nach, die schon längst zu einem den Lebensunterhalt sichernden Beruf geworden war. Mit Mazeppa schuf sie einen letzten Höhepunkt in ihrem Gesamtwerk. Bereits die Uraufführung in Bordeaux fand großen Anklang, und eine weitere Aufführung zwei Jahre später in der Pariser Salle Pleyel in einer Fassung mit Klavierbegleitung, bei der Grandval selbst den Klavierpart übernahm, wurde in der Presse als Ereignis gefeiert: „Mme de Grandval hat es verstanden, persönlich zu bleiben, ohne irgendetwas von der jungen Schule mit ihren Übertreibungen zu übernehmen und ohne alte Traditionen und einen aus der Mode gekommenen Stil, mit dem sich der moderne Geschmack nicht vertragen würde, zu bewahren. […] Die Gesetze der Tonalität werden beachtet, und die Melodien heben sich mit Regelmäßigkeit, perfekter Symmetrie und großer Intensität ab.“ Nach diesem letzten großen Bühnenwerk war die Künstlerin zwar nach wie vor präsent im französischen Musikleben, schränkte ihre Konzertauftritte jedoch mehr und mehr ein und komponierte immer weniger. Sie starb am 15. Januar 1907 in Paris.

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Mit der fünfaktigen Oper Mazeppa auf ein Libretto von Charles Grandmougin und Georges Hartmann schuf Grandval ein groß dimensioniertes Bühnenwerk, dessen Musiksprache dem Stil des späten 19. Jahrhunderts voll und ganz entspricht – mit längeren, durchkomponierten Szenenkomplexen, aus denen sich solistische Passagen im Sinne von Arien, Duetten oder Terzetten herausschälen. Die Wahl eines osteuropäischen Sujets, nämlich die Geschichte des ukrainischen Kosakenhauptmanns Mazeppa, die bereits Tschaikowsky zu einer Oper inspiriert hatte, erscheint ungewöhnlich für die französische Musik. Zwar unterscheidet sich die Handlung wesentlich von Tschaikowskys Oper, das Libretto basiert aber auf denselben Vorlagen, etwa auf dem Gedicht Poltawa von Alexander Puschkin, in dem die historischen Begebenheiten um den im 17. Jahrhundert lebenden Iwan Mazeppa als Legende geschildert werden. Möglicherweise war Grandval durch Achille de Lauzières – Librettist ihrer Oper Piccolino, der bereits einen Mazeppa-Text verfasst hatte – auf dieses Sujet gestoßen.

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Zu Clémence de Grandvals „Mazeppa“: Le Monde illustré, 23 avril 1892. Illustration reprise dans La Gironde illustrée (24 avril 1892) et dans le journal italien Il teatro illustrato/BNF/Gallica

In ihrer Musik greift Grandval das Nebeneinander einer historisch-politischen Handlung und einer Liebesgeschichte auf, mit effektvollen Ensembles und Massenszenen einerseits und intimen lyrischen Momenten andererseits. Die heroischen Taten des vom Volk gefeierten Mazeppa, der jedoch allmählich die Seiten wechselt, stehen neben der privaten Liebesbeziehung zwischen ihm und Matréna, wobei diese Verbindung schließlich zu einem Abhängigkeits-Verhältnis wird und im Wahnsinn Matrénas und der Verdammnis Mazeppas endet. Besonders wirkungsvoll sind das Finale des I. Akts, wenn Mazeppa dazu auserwählt wird, die Ukrainer zum Sieg zu führen, und vor allem das Finale des IV. Akts. Beginnend mit der Ankunft der gefangenen Ukrainer, unter denen sich auch der alte Kotchoubey, Matrénas Vater, befindet, entwickelt sich diese Szene in einer dramatischen Steigerung bis zum Fall und der Verfluchung des mittlerweile zum Verräter gewordenen Mazeppa.

„Mazeppa“: Die notorische amerikanischen Schauspielerin Ada Menken trat in England und Amerika als Mazeppa in einer Bühnenversion des Byron-Gedichtes mit großem Erfolg auf, hier das Poster zu eine Vorstellung im Londoner Adelphy 1886. Zu ihrem amerikanischen Wirken hiess es: „Her role in the melodrama Mazeppa (based on Lord Byron’s poem) which opened in 1861 in Albany, NY, created a sensation. Dressed in a flesh-colored body stocking which gave the illusion that she was nude, she appeared strapped to a horse which “galloped” down a ramp towards the audience.“/newyorkalmanack.com

Lyrisches Herzstück der Oper ist der III. Akt, der mit einer Arie der Titelfigur beginnt und zu einem ausgedehnten Duett mit Matréna wird. Auch in Matrénas Szene im II. Akt und im sich anschließenden Duett mit Iskra zeigt sich Grandval als eine Komponistin, die der Gesangsstimme dankbare Entfaltungsmöglichkeiten gibt. In den reinen Orchestersätzen wie dem Prélude, das Mazeppas wilden Ritt durch die Steppe schildert, dem Entracte zu Beginn des III. und dem Divertissement im IV. Akt, also der Ballettmusik mit ihren Anklängen an die osteuropäische Folklore, schreibt Grandval eine suggestive, farbenreiche und die Szenerie illustrierende Musik mit dezentem Lokalkolorit. Zudem werden die Hauptfiguren von Beginn an durch kurze, fast leitmotivische Themen charakterisiert, die immer wieder auftauchen. Die Oper endet in einer Art Wahnsinnsszene, in der Grandvals Gespür für Theatralik und musikdramatischen Effekt bestens zum Ausdruck kommt.

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In der Presse wurde der Wunsch laut, dass Mazeppa auch an der Pariser Opéra gespielt werden sollte, jedoch blieben Grandvals Versuche, ihr Werk an die führende Bühne der französischen Metropole zu bringen, erfolglos. Es wurde in den Jahren darauf noch in Antwerpen (1896), Marseille (1897), Montpellier (1904) und Dijon (1905) gezeigt, mit dem Tod Grandvals 1907 verschwand es jedoch von den Spielplänen. Aber auch wenn die Nachwirkung dieser Oper ausblieb, so ist sie doch das eindrucksvolle Hauptwerk einer vergessenen Komponistin des 19. Jahrhunderts, die sich neben Musikerinnen wie Louise Farrenc, Louise Bertin, Pauline Viardot oder Cécile Chaminade ihren Platz in einer Männerdomäne erkämpft hatte. Florian Heurich

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Florian Heurich ist Autor, Musikjournalist und Videoredakteur und lebt in München. Er schreibt und produziert Reportagen und Features für BR-Klassik, den SWR, den MDR und andere ARD-Anstalten über Themen in den Bereichen Oper, Literatur, Neue Musik und Weltmusik. Er schreibt für die Publikationen der Staatstheater Stuttgart und produziert Videoformate für die Bayerische Staatsoper und die Salzburger Osterfestspiele.

Legende und Wirklichkeit:  Iwan Mazeppa, ein Feldherr zwischen den Fronten. „Er rast, er fliegt, er fällt und steht als König wieder auf!“ Dies sind die letzten Worte in einem Gedicht von Victor Hugo, in dem er die Legende von Mazeppa schildert: Als Strafe für ein illegitimes Verhältnis mit einer Adligen wurde er nackt, Rücken an Rücken auf sein Pferd gebunden, das nun durch die Steppe galoppiert. Nach einigen Tagen stirbt das Tier, und auch Mazeppa ist dem Tode nah, als er von Kosaken aufgefunden wird, die ihn mit in die Ukraine nehmen und zu ihrem Anführer im Kampf gegen die Russen machen. Auch Lord Byron und Alexander Puschkin greifen diese Legende auf.

Aber wer war Mazeppa wirklich? Iwan Mazeppa wurde 1639 in der Ukraine geboren, war Page am polnischen Hof und stieg später zum Hetman (hochrangiger Feldherr) der Kosaken auf. Als Verbündeter des Zaren Peter I. kämpfte er zunächst für Russland, wechselte dann aber die Seiten und verbündete sich mit dem schwedischen König Karl XII., der versprach, die Ukraine zu beschützen. Mazeppa selbst beteuerte, dass seine Loyalität immer ausschließlich dem Kosakenheer und der ukrainischen Nation gelte, keinem König oder Zaren. Im Großen Nordischen Krieg zog er für Schweden in die Schlacht von Poltawa (Ukraine), verließ nach der Niederlage jedoch das Land, floh in Richtung Osmanisches Reich und starb 1709 im heutigen Transnistrien in Moldawien.

In der russischen Geschichtsschreibung gilt Mazeppa als negative Figur; Zar Peter I. ließ sein Bild am Galgen aufhängen, und die Russisch-orthodoxe Kirche belegte ihn mit dem Kirchenbann. In der Ukraine hingegen verehrt man ihn als Nationalhelden. So ist er etwa auf dem Zehn-Griwna-Schein abgebildet und wird von der Orthodoxen Kirche der Ukraine verehrt. Florian Heurich

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Jean-Pierre Norblin de la Gourdaine Mazeppa, 1775/ collections.artsmia.org

Zum Inhalt: In der Ukraine um 1700, mitten im Kosakenkrieg. 1.  Akt:  In der Steppe. 1. Szene. Im frühen Morgenrot liegt Mazeppa, ein polnischer Edelmann, ohnmächtig auf der Erde. Zu sich kommend, beklagt er sein schweres Los. Von weither sind Stimmen zu vernehmen, die Mazeppa aufgrund seiner Ermattung aber für Illusion hält. 2. Szene.  Matréna, die Tochter des Fürsten Kotchoubey, hat Mazeppas Hilfeschrei gehört und eilt herbei. Geblendet von ihrer Schönheit, fragt Mazeppa, wohin er sich verirrt habe. 3. Szene. Das Volk der Kosaken jubelt Kotchoubey, seinem Fürsten, zu. Dieser heißt Mazeppa willkommen und erkundigt sich nach seiner Herkunft und seinen Erlebnissen: Mazeppa, einst Page am polnischen Hof, ließ sich auf eine illegitime Liaison ein und zog dadurch die Eifersucht eines Nebenbuhlers auf sich. In dessen Machenschaften verstrickt, wurde er entführt und auf ein Pferd gebunden in die Steppe hinausgejagt. Kotchoubey lädt Mazeppa ein, sich dem ukrainischen Heer anzuschließen und gegen seine einstigen Landsmänner für die Freiheit der Ukraine zu kämpfen. 4. Szene.  Kotchoubey wird mit großer Zustimmung zum ukrainischen Anführer erkoren, doch er dankt Mazeppa zuliebe ab. Erbittert setzt sich Iskra dagegen zur Wehr. Seine Worte entfachen einen heftigen Zwist, den Kotchoubey aber zu beschwichtigen vermag. Unter allgemeinem Jubel, in den nun auch Matréna einstimmt, wird Mazeppa zum Feldherrn gekürt. Neidgetrieben gelobt Iskra Rache.

„Masepa und Karl XII. nach der Schlacht von Poltawa“ (Gustaf Cederström)/Wikipedia

2. Akt. 1. Bild. Im Haus von Kotchoubey. 1. Szene.Matréna ist von Mädchen umringt. Sie stimmen ein Gebet zur Jungfrau Maria an. Matréna bittet um die Rückkehr Mazeppas, der das ukrainische Heer in den Krieg geführt hat. 2. Szene.  Kotchoubey kommt hinzu und preist die Tapferkeit Mazeppas, der selbst den Tod nicht scheut. Sein heldenhaftes Opfer werde den ruhmreichen Sieg krönen. Matréna zuckt zusammen. Beschwichtigend weissagt Kotchoubey die glückliche Rückkehr Mazeppas. 3. Szene. Nachdem Kotchoubey sich entfernt hat, gesteht sich Matréna ihre Liebe zu Mazeppa ein. Verzückt wünscht sie ihn herbei. 4. Szene. Iskra, der sie unbemerkt beobachtet hat, ergeht sich in Liebesbeteuerungen. Kühl antwortet Matréna ihm, sie würden nie zusammenkommen – ihre Zuneigung ihm gegenüber sei die einer Schwester. Von Eifersucht durchdrungen, behauptet er, Mazeppa sei tot. Aus Verzweiflung bekennt sie gegenüber Iskra schließlich ihre Liebe zu Mazeppa. Von draußen ertönen Jubelrufe: „Es lebe Mazeppa.“

2. Akt. Platz in Poltawa. 1. Szene.  Volk und Heer bejubeln Mazeppa. Er wendet sich an Matréna: Ihr Bild habe ihm zum Sieg verholfen. Die Schar begibt sich zur Kirche. 2. Szene.  In finsteres Grübeln versunken, trauert Iskra seiner Liebe zu Matréna nach. Gegenüber Kotchoubey verdächtigt er Mazeppa des Verrats. Kotchoubey erliegt den Ränken Iskras, während aus der Kirche heraus das Volk noch dem neuen Anführer seine Ehre erweist. 3. Szene. Als das Volk aus der Kirche tritt, wirft Iskra Mazeppa Verrat vor. Mazeppa wiederum erinnert die wutentbrannte Menge an den Sieg, den er als Feldherr erkämpfte. Mit dem Volk nunmehr auf seiner Seite droht er Iskra, er werde sich für die Revolte rächen. Matréna erfleht Mazeppa zu Füßen Gnade für Iskra. Das Volk bricht abermals in Jubelrufe aus. Nur einer lässt sich nicht davon mitreißen: Kotchoubey.

Titelblatt zur Mazurka aus Themen der Oper „Mazeppa“ von Clémence de Grandval, Pauline Viardot gewidmet/Palazzetto Bru Zane

3. Akt. Kotchoubeys Garten. 1. Szene. Im Mondlicht wartet Mazeppa auf seine Geliebte. Von seinen Gefühlen beflügelt, gibt er der Furcht vor Iskra keinen Raum. 2. Szene.  Matréna erscheint und schwört Mazeppa ewige Liebe. Als das Paar beschließt zu fliehen, überkommt Matréna die Erinnerung an ihren Vater. Sie vernehmen Schritte und verbergen sich in einer Hütte. 3. SzeneKotchoubey befiehlt Iskra, den Zaren von Mazeppas Verrat – nämlich einem Bündnis mit den Schweden – zu unterrichten. Matréna hört im Verborgenen alles und bleibt dennoch unbeirrt in ihrem Vertrauen auf Mazeppas Unschuld. 4. Szene.  Nachdem Kotchoubey und Iskra sich entfernt haben, nötigt Mazeppa seiner Geliebten den Schwur zum Gehorsam ab.

4. Akt.  Im Palast von Baturyn. 1. Szene.  Im prunkvollen Palast von Baturyn wird reichlich getafelt. Mazeppa und seine Krieger stoßen auf das Volk und die Liebe an. Den Feierlichkeiten wohnt auch Matréna bei, die inmitten anderer Mädchen in Festtagskleidung erscheint. Sie besingt das Vaterland und die Liebe. Doch immer wieder beschleicht Wehmut ihr Lied. Ungeduldig heißt Mazeppa die Musikanten, einen beschwingten Tanz anzustimmen. Noch ehe dieser verklingt, ertönt von Weitem Trauermusik. Ungeachtet der bangen Fragen Matrénas gebietet Mazeppa der Kapelle weiterzuspielen. Im Hintergrund ist nun der Trauerzug zu sehen. Der zum Tode Verurteilte ist Kotchoubey. 2. Szene. Verzweifelt erfleht Matréna von Mazeppa Gnade für ihren Vater. Doch Kotchoubey weist seine Tochter grimmig ab und verflucht sie. Als der Trauerzug im Begriff ist, sich zu entfernen, stürmt Iskra mit seiner Eskorte herbei. Er tut das Urteil des Zaren kund: Mazeppa sei ein Verräter. Auf dessen nachdrückliche Anweisung, Iskra festzunehmen, reagieren die Wachen nicht. Der den Trauerzug anführende Archimandrit enthebt in seiner Funktion als Herold des Zaren Mazeppa seiner Stellung. Matréna fleht ihren Vater um Vergebung an. Unerbittlich verwünscht er sie samt Mazeppa. Iskra und das Volk stimmen in den Fluch ein.

5. Akt. In der Steppe. Mazeppa denkt an seine Abenteuer zurück und wünscht sich den Tod. Aus der Ferne ist Matrénas Stimme zu vernehmen. Vollkommen in sich gekehrt, erkennt sie ihn nicht. Mazeppa offenbart sich ihr und bittet um Vergebung, die sie ihm schroff versagt. Entseelt sinkt sie zu Boden. Mazeppa stürzt auf ihre Leiche. (Programmheft zum Konzert)

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„Mazeppa“: Lord Byron in albanischem Kostüm/ Ölbild von Thomas Philips, ca. 1835/Wikipedia

Dazu ein Einblick in die Geschichte Osteuropas durch Lord Byrons Gedicht Mazeppa: Im Jahr 1819 schrieb der bekannte englische Dichter der Romantik, Lord George Byron (1788-1824), ein erzählendes Gedicht über eine ukrainische historische Figur, Ivan Mazepa (1639-1709), die den Westeuropäern zu dieser Zeit kaum bekannt war. Im Laufe des 19. Jahrhunderts inspirierte Byrons Gedicht Mazeppa, von dem die Fisher-Bibliothek Toronto die erste Ausgabe besitzt, viele andere Künstler dazu, literarische, visuelle und musikalische Meisterwerke über ihn zu schaffen.

Ivan Mazepa (dies ist eine gebräuchlichere Schreibweise seines Namens im Gegensatz zu Mazeppa) war ein militärischer und politischer Anführer oder Hetman, der ukrainischen Kosaken-Hetmanate, einem autonomen Staat innerhalb Russlands zu dieser Zeit. Er war ein Adliger, ein geschickter und hochgebildeter Diplomat, polyglott, Förderer der Künste und Fürst des Heiligen Römischen Reiches. Mazepa ist für seine Rolle in der Schlacht von Poltawa im Jahr 1709 während des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) bekannt, als seine Kosakentruppen sich im Rahmen eines geheimen Austauschs für die Unterstützung der ukrainischen Unabhängigkeit durch Schweden auf die Seite der schwedischen Armee von König Karl XII. gegen Russland stellten. Die Schlacht und später der Krieg führten zum Sieg Russlands, wodurch das Land zu einem mächtigen Staat wurde und der Lauf der Geschichte in Osteuropa verändert wurde.

Lord Byrons Gedicht basiert auf einer legendären Episode aus Mazepas früherem Leben in Polen, wo er als Page am Hofe von Johann II. Kasimir Wasa diente. Der junge Mann verliebte sich in die Frau eines Grafen, und als ihr Ehemann von der Affäre erfuhr, ließ er Mazepa nackt an ein wildes Pferd binden und dieses loslassen. (Die Szene ist in einem Gemälde, Mazeppa, von Théodore Géricault dargestellt, siehe unten.) Das Pferd ritt ostwärts und brachte ihn zurück in den Kosakenstaat, wo Mazepa später Hetman wurde.

Iwan Masepa/russ./Wikiwand

Wie die meisten romantischen Gedichte konzentriert sich Mazeppa auf die emotionale Erfahrung und die innere Welt des Helden, die durch die Darstellung der Landschaften, die der junge Mann durchquert, anschaulich zum Ausdruck gebracht werden. Die tiefe Symbolik des Werkes trägt dazu bei, das Bild Mazepas zu enthüllen. Die lange und strapaziöse Reise auf dem Rücken des Pferdes durch die Wildnis der ukrainischen Steppen, Wälder und reißenden Flüsse ist eine farbenfrohe Metapher für Mazepas entschlossene und leidenschaftliche Natur. Wie in seinem wirklichen Leben musste Mazepa Hindernisse und Gefahren überwinden, die durch die Wölfe und Krähen verkörpert werden, denen er begegnete. Das ausdauernde Wildpferd, das den jungen Mann in seine Heimat trägt, spielt auf das Streben nach Freiheit an:

Away, away, my steed and I, /Upon the pinions of the wind, /All human dwellings left behind; /We sped like meteors through the sky, /When with its cracking sound the night/Is chequer’d with the northern light.

In der romantischen Literatur ist das Pferd ein Symbol für Glück und Schicksal. Die Darstellung des wilden Pferdes, das Mazepa durch Wälder und Steppen von Polen in die Ukraine trägt, veranschaulicht die Beharrlichkeit auf dem schwierigen Weg zwischen Leben und Tod.

„Mazeppa“ als Film: „Mazeppa, or the Wild Horse of Tartary „(1910)/ Selig Polyscope Company; 1919 findet sich zudem ein deutscher Film von Helmut Berger/B Z Film GmbH: „Mazeppa, Volksheld der Ukraine“, wie auf dem Poster für das Berliner Marmorhaus angezeigt.

Byron schrieb sein Gedicht Mazeppa während einer Reise durch Italien, das sich mitten in der Befreiungsbewegung gegen Österreich befand. Als begeisterter Anhänger des Unabhängigkeits-Kampfes europäischer Nationen, insbesondere Italiens und Griechenlands, könnte der Dichter aus diesem Grund motiviert worden sein, über den Anführer des Kosakenstaates zu schreiben, der ebenfalls darum kämpfte, sich von der kaiserlichen Herrschaft zu befreien. Lord Byron war nicht der einzige Künstler, dessen Fantasie vom außergewöhnlichen Schicksal Iwan Masepas gefesselt wurde.

Tatsächlich wurde Byron selbst dazu inspiriert, sein Gedicht über den dramatischen Vorfall aus dem Leben des jungen Hetmans zu schreiben, nachdem er in Voltaires Geschichte Karls XII., König von Schweden (1731) davon erfahren hatte. Nach Byron nahm Victor Hugo in seiner Sammlung Les orientales (1828) sein eigenes Gedicht Mazeppa als seine poetische Interpretation der Episode auf.

Die Legende über das Pferd, das mit dem zukünftigen Hetman ausgesetzt wurde, faszinierte viele französische Maler der Romantik – Géricault, Eugène Delacroix, Horace Vernet, Nathaniel Currier, Théodore Chassériau und Louis Boulanger. Die Geschichte fand auch Eingang in Musikwerke wie die symphonische Dichtung Mazeppa des ungarischen Komponisten Franz Liszt sowie in Theaterstücke (z. B. das Drama Mazepa des polnischen Dichters der Romantik Juliusz Słowacki). Diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig.

Das erzählende Gedicht Mazeppa zeigt die Kraft der Poesie, einer prägnanten und doch eloquenten Kunst, die es uns ermöglicht, in der Geschichte zurückzugehen und die geopolitische Lage der Zeit, die wichtigsten Entwicklungen und Persönlichkeiten der Staatsführer in nur wenigen tausend Worten zu erkunden. Durch symbolische Vergleiche, rhythmische Verse und eine lebendige Darstellung von Charakteren und Atmosphäre kann man leicht dazu verleitet werden, mehr über die Geschichte und den Aufbau der Nationen der heute existierenden Staaten zu erfahren. (…)  Natalia Mykhaylychenko, Akquisitionsspezialistin/Fisher Library Toronto

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Und schließlich noch ein Beitrag von der chinesischen KI-Datenbank DeepSeek zu Russischen Opern im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts:  In den 1870er und 1880er Jahren waren russische Opern in Paris noch relativ unbekannt, aber es gab einige bemerkenswerte Ereignisse, die dazu beitrugen, das Interesse an russischer Musik in der französischen Hauptstadt zu wecken.

Weltausstellung 1878 in Paris: Die Weltausstellung von 1878 in Paris war ein wichtiges Ereignis, bei dem auch russische Kultur und Musik präsentiert wurden. Russische Komponisten wie Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Borodin waren vertreten, und es gab Aufführungen russischer Musik, darunter auch Ausschnitte aus Opern. Dies war eine der ersten Gelegenheiten, bei der ein breiteres Pariser Publikum mit russischer Opernmusik in Kontakt kam.

Zu Grandvals „Mazeppa“: Ivan Korsow in der Titelrolle von Tschaikowskys gleichnamiger Oper in der Uraufführung des Werkes/Ipernity

Einfluss von Tschaikowsky: Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, einer der bekanntesten russischen Komponisten, begann in den 1870er und 1880er Jahren international anerkannt zu werden. Seine Werke, darunter auch Opern wie Eugen Onegin (1879), wurden jedoch in Paris in dieser Zeit noch nicht regelmäßig aufgeführt. Tschaikowsky selbst besuchte Paris mehrfach und seine Musik wurde dort gelegentlich gespielt, aber seine Opern waren noch nicht Teil des regulären Repertoires.

Russische Gastspiele: In den 1880er Jahren gab es vereinzelte Gastspiele russischer Künstler und Ensembles in Paris, die auch Opernaufführungen beinhalteten. Diese Veranstaltungen waren jedoch eher selten und richteten sich oft an ein spezialisiertes Publikum, das bereits ein Interesse an russischer Kultur hatte.

Einfluss der „Mächtigen Häuflein“: Die Gruppe der „Mächtigen Häuflein“ (auch bekannt als „Das mächtige Häuflein“ oder „Die Fünf“), zu der Komponisten wie Modest Mussorgski, Alexander Borodin und Nikolai Rimski-Korsakow gehörten, begann in den 1870er Jahren, eine eigenständige russische Musiktradition zu entwickeln. Ihre Werke, darunter Opern wie Mussorgskis Boris Godunow (1874), wurden in Russland aufgeführt, fanden aber nur langsam den Weg nach Westeuropa. In Paris waren diese Opern in den 1870er und 1880er Jahren noch kaum bekannt.

Kultureller Austausch: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Frankreich nahm in dieser Zeit langsam zu, insbesondere durch die Bemühungen von Musikverlegern und Kritikern. Einige französische Musiker und Intellektuelle begannen, sich für die russische Musik zu interessieren, was in den folgenden Jahrzehnten zu einer stärkeren Präsenz russischer Opern in Paris führte.

Fazit: In den 1870er und 1880er Jahren waren russische Opern in Paris noch nicht weit verbreitet, aber es gab erste Anzeichen eines wachsenden Interesses. Die Weltausstellung von 1878 und vereinzelte Gastspiele russischer Künstler trugen dazu bei, das Pariser Publikum mit russischer Musik vertraut zu machen. Die eigentliche Popularität russischer Opern in Paris sollte jedoch erst in den folgenden Jahrzehnten, insbesondere im frühen 20. Jahrhundert, mit den Ballets Russes und den Aufführungen von Werken wie Boris Godunow und Der goldene Hahn, zunehmen.

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Zu Grandvals „Mazeppa“: Georgette Silver-Bréval war die erste Matréna/Ipernity

Gibt es Hinweise darauf dass Tschaikowkis Oper Mazeppa damals in Westeuropa bekannt war? Tschaikowskis Oper Mazeppa, die 1884 uraufgeführt wurde, war in den 1880er Jahren in Westeuropa, einschließlich Frankreich, noch nicht sehr bekannt. Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, dass das Werk langsam an Aufmerksamkeit gewann, insbesondere in Kreisen von Musikern und Musikliebhabern, die sich für russische Musik interessierten.

Begrenzte internationale Präsenz: Mazeppa wurde am 15. Februar 1884 in Moskau uraufgeführt und später im selben Jahr in St. Petersburg aufgeführt. Obwohl die Oper in Russland erfolgreich war, dauerte es einige Zeit, bis sie außerhalb Russlands bekannt wurde. In den 1880er Jahren gab es nur wenige Aufführungen von Tschaikowskis Opern in Westeuropa, und Mazeppa war keine Ausnahme.

Tschaikowskys wachsender internationaler Ruf: Tschaikowsky selbst begann in den 1880er Jahren international anerkannt zu werden, vor allem durch seine symphonischen Werke und Ballette wie Schwanensee (1876) und Dornröschen (1890). Seine Opern, darunter Mazeppa, waren jedoch weniger bekannt. Tschaikowsky unternahm in den 1880er Jahren mehrere Reisen nach Westeuropa, darunter nach Paris, wo er seine Musik dirigierte und Kontakte zu westlichen Musikern knüpfte. Dies trug dazu bei, sein Gesamtwerk bekannter zu machen, aber Mazeppa blieb zunächst im Hintergrund.

Veröffentlichungen und Kritiken: Es gibt Hinweise darauf, dass Partituren und Klavierauszüge von Tschaikowskys Werken, darunter auch Mazeppa, in den 1880er Jahren in Westeuropa veröffentlicht wurden. Dies ermöglichte es Musikern und Kritikern, sich mit dem Werk vertraut zu machen, auch wenn es nicht häufig aufgeführt wurde. Einige westliche Musikkritiker begannen, sich für Tschaikowskys Opern zu interessieren, und es gab vereinzelte Erwähnungen von Mazeppa in Fachzeitschriften.

Erste Aufführungen außerhalb Russlands: Die erste Aufführung von Mazeppa außerhalb Russlands fand 1888 in Prag statt, was ein wichtiger Schritt für die internationale Verbreitung der Oper war. In Westeuropa, insbesondere in Frankreich, gab es jedoch in den 1880er Jahren noch keine nennenswerten Aufführungen. Die Oper wurde erst später, im frühen 20. Jahrhundert, in westeuropäischen Ländern bekannter.

Kultureller Austausch: Der kulturelle Austausch zwischen Russland und Westeuropa nahm in den 1880er Jahren zu, und Tschaikowsky spielte dabei eine wichtige Rolle. Seine Bekanntschaft mit westlichen Komponisten wie Antonín Dvořák und Edvard Grieg sowie seine Auftritte in Westeuropa trugen dazu bei, dass seine Musik, einschließlich seiner Opern, langsam auch im Westen bekannt wurde.

Fazit: In den 1880er Jahren war Tschaikowskis Oper Mazeppa in Westeuropa, einschließlich Paris, noch nicht weit verbreitet. Es gab jedoch erste Anzeichen eines wachsenden Interesses, insbesondere durch die Veröffentlichung von Partituren und die zunehmende internationale Anerkennung Tschaikowskys. Die eigentliche Popularität von Mazeppa in Westeuropa sollte erst in den folgenden Jahrzehnten zunehmen, als Tschaikowskys Werk insgesamt bekannter wurde und seine Opern häufiger auf internationalen Bühnen aufgeführt wurden. DeepSeek

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Dank an Florian Heurich und an Doris Sennefelder vom Rundfunk Orchester des Bayerischen Rundfunks sowie an Natalia Mykhaylychenko von der Fisher Library Toronto; das Konzert von Clémence de Grandvals Mazeppa wurde am 19. januiar 2025 auf BR gesendet und ist als Podcast einen Monat lang zu hören. Besetzung: Nicole Car/Matréna, Tochter von Kotchoubey; Julien Dran/Iskra; Tassis Christoyannis /Mazeppa; Paweł Trojak/Der Archimandrik; Ante Jerkunica/Kotchoubey; Chor des Bayerischen Rundfunks/Stellario Fagone; Münchner Rundfunkorchester/Mihhail Gerts.

Koproduktion mit Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française; Livemitschnitt für die Reihe der CD-Bücher „Opéra français“ unter dem Bru Zane Label; Liveübertragung im Radio auf BR-KLASSIK am 19. Januar 2025: rundfunkorchester.de/audio-video brklassik.de/programm/radio: Französisch-deutsches (!) Libretto: rundfunkorchester.de/mazeppa.

Dank auch an meinen Kollegen und Freund Matthias Käther für seinen Blick in die chinesische KI-Platform DeepSeek, die sich bei allen Vorbehalten als außerordentlich kompetent erweist. Und Dank an Veronika Lindenmayr von outhere für die digitale Unterstützung! (11.02.26)

Abbildung oben/Ausschnitt: Gemälde von Iwan Mazeppa, Pawliszak, Wacław (1866-1905); Nationalmuseum Warschau, Public Domain

Gegenwärtiges und Zukünftiges

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Die Crux der klassischen Musik generell und der Oper im besonderen ist es, dass seit den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts kaum noch Musik entstanden ist, die auch nur annähernd so volkstümlich wurde wie das mit gutem Grund bis zur Stunde der Uraufführung zurückgehaltene „La donna è mobile“ oder der Schöne Jungfrauenkranz, den zu Heinrich Heines Unmut selbst die Berliner Schusterjungen auf der Straße sangen. Was also tun, wenn man sein Publikum nicht nur für seine Stimme, sondern auch für das dargebotene Programm interessieren möchte? Man kann allzu Bekanntes mit vielleicht zu Unrecht Unbekanntem mischen und alles unter ein Motto stellen, so wie es nun der dänisch-französische Sopran Elsa Dreisig getan hat mit einer CD mit dem Titel Invocation, d.h. Anrufung, oft natürlich eines Gottes oder christlichen Heiligen, der Jungfrau Maria wie Elisabeth, Forza-Leonora, Desdemona oder Tosca, einer heidnischen Naturgottheit,  des Mondes, wie Rusalka oder Norma, die sonst nichts miteinander verbindet, vielleicht sogar eines geliebten Musikinstruments, wie es Sapho tut, ehe sie sich vom Felsen ins Meer stürzt. Ein Gebet ist meistens eine recht intime Angelegenheit, so dass eher Innigkeit als Volumen, eher Lyrisches als Dramatisches gefordert wird, so wie im Fall von Tosca oder Norma zwar die Invocation, kaum aber die gesamte Partie je oder zum jetzigen Zeitpunkt beherrscht werden kann.

Eine rasante Karriere, die bereits mit ziemlich allen Auszeichnungen, die die Opernwelt bereithält, mit gewonnenen Wettbewerben von Operalia bis Neue Stimmen bedacht wurde, hat Elsa Dreisig bisher vollzogen, war Mitglied des Opernstudios der Lindenoper und sieht dem Betrachter ihrer CD nicht etwa in die Augen, sondern verschließt sie, wohl in Andacht versunken, während sichtbar der Wind oder ein Föhn mit ihren blonden Haaren spielt. Auf der Tracklist, die offensichtlich noch mit der Umsetzung der Tosca kurzfristig geändert wurde, ist ein Konzept nicht auszumachen, weder folgt Neueres auf Älteres, noch ist eine Reihung nach Sprachen, immerhin Deutsch, Italienisch, Tschechisch, Norwegisch, Englisch, Französisch, auszumachen, auch wechselt sich allzu Bekanntes mit gänzlich Unbekanntem munter ab. Dabei fällt auf, dass bei Bizet die Micaela, die Dreisig schon häufig gesungen hat und die durchaus mit einer Invocation aufwartet, fehlt zugunsten der unbekannten Clotilde aus des Komponisten Clovis et Clotilde.

Es beginnt mit Rusalkas Lied an den Mond, für das die Sängerin den silbrigen Schimmer, den Glanz,   das schwerelose Schweben und die bruchlosen Übergänge in der Stimme hat. Ihre Jenufa hingegen überzeugt zunächst mit schöner Beiläufigkeit zu Beginn, mit der zunehmenden Dringlichkeit ihres Gebets, sie klingt schlicht, klar, ja glockenrein, während Dreisig für die nachfolgende Lauretta ein unwiderstehliches Dolcissimo hat, eine andere, eher gespielte Form der Naivität. „La vergine degli angeli“ aus Forza del Destino besticht durch di Schwerelosigkeit, lässt aber auch den Gedanken zu, dass die gesamte Partie (noch) nichts für die Stimme ist. „Casta diva“ lässt das Mondlicht schimmern, die Figur der Norma in ihrer Komplexität lässt sich nicht vernehmen.

Gounods Mireille hingegen offenbart sich mit „Voici la vaste plaine“ in ihrer ganzen Komplexität, die schöne Schlichtheit von Griegs Solveig weiß die Sängerin in deren Lied zu vermitteln. Verfremdet hört sich Tosca an, zu hell, zu leicht, zu wenig tragikumflort, während Heises Aase, nicht mit Peer Gynts Mutter zu verwechseln, wunderbar klar zu Wort kommt, Amy Beachs Extase seinem Titel Ehre macht.

Pech für Carolina Uccellis Anna di Resburgo war es, dass kurz vor ihrer Uraufführung die mit einem ähnlichen  Schicksal gestrafte Lucia di Lammermoor ihre Uraufführung erlebt hatte. Im World-premiere recording besticht Elsa Dreisig durch die bemerkenswerte Geläufigkeit, die mit Innigkeit gepaart ist. Wunderschön über den Chor erhebt sich der Sopran in der Arie der Palmyra aus Rossinis Le Siege de Corinthe, große Bögen, ein berührender elegischer Klang nehmen für diesen Track ein. Auch die tief liegende Sapho bereitet keine Schwierigkeiten, genau so wenig der dramatische Ausbruch, zu dem sie sich hinreißen lässt, eine mädchenhafte Desdemona lässt in wunderschöner Klarheit ihr Ave Maria gen Himmel schweben,  ehe die Letzte Rose Harriets aus Flotows Martha erblühen kann. Ein interessanter Blick auf das, was eine Ausnahmestimme noch in der Entwicklung momentan Schönes leisten und wozu sie sich in Zukunft noch hin bewegen kann, ist diese schöne CD. Dabei ist ihr Massimo Zanetti mit dem opernerprobten Orchester des Carlo Felice Genova ein kompetenter Begleiter (Erato 5026854093710). Ingrid Wanja                

 

Vis á vis: Doris Soffel

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Was soll man über Doris Soffel noch sagen, was noch nicht gesagt worden ist? Sie hat alle nur möglichen Akkoladen, Urkunden, Orden, Film-Porträts, Auszeichnungen erhalten, die sich eine Künstlerin nur wünschen kann (nicht zuletzt das deutsche Bundesverdienstkreuz, den Orden Royal Swedish Order of Northern Star, Ehrenmitgliedschaften und Kammersängerinnen-Ernennungen). Ihre Position als die herausragende Singschauspielerin ihrer Zeit ist unangefochten – und das über viele Jahre hindurch bis heute. Ihre Rollenporträts namentlich der letzten Zeit haben sich ins Gedächtnis der Zuschauer bleibend eingeprägt – wie ihre Vorgängerinnen etwa Martha Mödl, Astrid Varnay, oder auf einem anderen Feld auch Renata Scotto oder die Callas verbindet sie Singen mit überragender Intelligenz der Gestaltung und der klugen Verwaltung ihrer Mittel zu Darstellungen von eindringlicher Intensität.


Doris Soffel als Klytämnestra in Stuttgart/Foto: Martin Sigmund

In Hamburg war dies zuletzt in der Pique Dame in Willy Deckers Inszenierung zu erleben (noch bis zum 13. März 2026) , Anlass für ein Interview an der Hamburgischen Staatsoper, wo Teresa Grenzmann die Sängerin traf und über Stationen und Grundsätze im künstlerischen Leben von Doris Soffel sprach. Das ganze Interview steht auf der Website der Oper, und wir zitieren daraus einige Passagen. Anschließend noch ein paar Ausschnitte aus einem Gespräch mit Hanns-Horst Bauer in Stuttgart zu weiteren Themen. G. H.

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Wenn ich versuchen wollte, die Stationen Ihrer Laufbahn aufzuzählen, fiele mir die Auswahl schwer. Würden Sie selbst Einzelnes herausheben, was Ihnen besonders wichtig war – oder ist es eher die Gesamtheit der schönen Bögen, die den Kreis Stück für Stück rund macht? Innerhalb von mehr als 50 Jahren gibt es viele tolle Momente und sehr viele Länder weltweit, Festivals und Städte: sei es Salzburg, Bayreuth, Paris, Mailand, London, New York, Buenos Aires, etcetera etcetera … Aber manchmal geschehen in einer sogenannten Repertoirevorstellung an einem nicht so spektakulären Ort Magische Momente, die unvergesslich sind. Das ist das Schöne an diesem Beruf!

Doris Soffel als „Pique Dame“-Gräfin in Hamburg/Foto Beu

Es ist halt kein Beruf wie jeder andere. Ich liebe die Musik, ich liebe das Singen, ich pflege meine Stimme – das bin ich, das ist mein Ich! Ich bin also eine richtige Sängerin, ich sehe das nicht als Job, es ist meine Passion. Und ich bin auch neugierig: auf gute neue Regisseure, interessante Konzepte, Auseinandersetzungen, Dialoge, bei denen man gegenseitig etwas lernt, auch abseits einer klassischen Sichtweise, die man vor 30, 40 Jahren hatte. Das ist ja ein Work in progress. Auch mit Herrn Kratzer kam ich fantastisch aus; mit ihm habe ich Arabella in Berlin gemacht.

Ihr Repertoire umfasst über hundert Partien – was ja eigentlich unfassbar klingt. Ist das eine Hochrechnung oder führen Sie tatsächlich Buch? Ich habe Kalender, die zurückgehen bis ungefähr 1973, darin habe ich notiert, was ich alles gemacht habe. Und ich habe eine Dame, die seit Beginn mein Fan ist und alles notiert, das ist sehr praktisch. [Lacht.] Ich habe ja das ganze Repertoire von Bach, Mozart, Rossini, Donizetti, Verdi, alles durchgesungen … und sowohl Moderne als auch ungewöhnliche Opern wie La Fiamma von Respighi oder Königskinder von Humperdinck. Ich bin in keine Schublade zu stecken. Aber ich weiß nicht, ob das heute überhaupt noch möglich ist, dass man so vielseitig sein kann.

Doris Soffel als Klytämnestra in Valencia/Soffel

Als ich meine Karriere anfing, gab es noch keine Globalisierung. Dieser internationale Austausch ist gut und sehr interessant, aber man muss sich heute viel schneller entwickeln, sonst nimmt das Haus jemand anderen, das ist viel erbarmungsloser als zu meiner Zeit. Dieses Gefühl, gedrängt und gepresst zu werden, hatte ich nicht so sehr am Anfang der Karriere.

Wie viele dieser Partien würden Sie tatsächlich annehmen können und wollen, wenn die Staatsoper Hamburg oder der Rest der Welt Sie morgen rufen würde? Spontan: Klytämnestra in Elektra, Herodias in Salome, Madame de Croissy in Les dialogues des Carmélites und die Gräfin in Pique Dame sind sofort abrufbar! Und dann noch fünf bis sechs andere Partien mit etwas Vorbereitung. (…)

Die sogenannten bösen Frauenrollen sind herausfordernd, interessanter und ambivalenter in all dem Leid und der Enttäuschung, die sich hinter dem sogenannten Bösen oft versteckt. Ich versuche, auch immer noch das Gute in diesen Frauen zu finden – zum Beispiel in Klytämnestra aus Elektra –, welches oft tief verborgen ist. Mich interessiert das psychologische Element.

Die Pique Dame-Gräfin ist nicht böse, sie ist eigentlich nur frustriert und schlecht gelaunt, weil nichts mehr so wie früher ist. Sie lebt in der Welt von gestern: pure Nostalgie einer ehemaligen Schönheit und spielsüchtigen Celebrity am Hofe von Versailles. Sie singt ein weltberühmtes wehmütiges Chanson über all ihre Erfolge und erotischen Eroberungen. Pathetisch … und zugleich anrührend. Eine mystische Aura umgibt sie – nicht umsonst dominiert in dieser Inszenierung ein Porträt der jungen Greta Garbo die Bühne. Der spielsüchtige Hermann, von dem sie dann ermordet wird, ist besessen von dem Bild und dem Geheimnis der Gräfin. Doch das Gerücht um das Geheimnis der drei Karten hat sie nicht in die Welt gesetzt. Sie kann ihm nur die falsche Antwort geben, weil sie die richtige nicht weiß. Er bedrängt sie und dann stirbt sie. Und kommt als Geist zurück, als innere Stimme des Wahnsinns. Man muss es so spielen, dass man gerührt wird von dieser alten Frau.

Doris Soffel privat/Soffel

Wenn man über eine so lange Zeit auf Reisen ist, gastiert, national, international – wo verankern Sie Ihr Zentrum? Meine Familie ist wichtig. Und ich habe mir früh angewöhnt, verschiedene schöne Orte zu haben, an die ich gerne zurückkomme. Es muss nicht das eine Nest sein oder die absolute Oase. Ich bin fähig, mir Ruhepunkte zu schaffen; meine Tochter sagt, ich richte mich in jedem Hotelzimmer ein, als würde ich für Jahre einziehen. [Lacht.] Es ist eine Art Überlebenskunst: dass man sich wohlfühlen will. Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die ich mitnehme: bestimmte Tees, eine Tasse, die mir gut gefällt, Fotos, die ich dann aufstelle. Man muss es sich einfach schön machen. Damit man auch gern zur Arbeit geht und gern zurückkommt, die Füße hochlegt und sagt: So, das ist jetzt für zwei Monate mein Zuhause, Schluss!

Aus all Ihrer langjährigen Erfahrung heraus: Was ist das Klügste, das Sie einer jungen Sängerin raten können? Meine liebe junge Sängerin: Bleib Dir selbst treu! Bei der Auswahl Deiner Rollen versuche bitte die Balance zwischen Wagemut und Vernunft zu halten. Höre nie auf, an Dir zu arbeiten. Deine Stimme ist ein empfindliches Instrument. Pflege sie gut! Das Gespräch mit Doris Soffel führte Teresa Grenzmann am 13. Februar 2026/ https://www.die-hamburgische-staatsoper.de/de/artikel/interview-doris-soffel-pique-dame .

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Doris Soffel als Herodias in Washington/Soffel

Dazu noch zwei Ausschnitte aus einem  Interview bei operalounge, das Hanns-Horst Bauer in Stuttgart mit Doris Soffel führte: Was hat sich denn für Sängerinnen und Sänger in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Oh Gott, so vieles. Heute ist alles sehr schnelllebig und unruhig geworden. Die Sänger werden häufig in Rollen verschlissen, die sie gar nicht singen sollten. Im Ensemble, wie es das in Stuttgart zum Glück immer noch gibt, können Stimmen noch wachsen und reifen.

In Stuttgart hatten Sie am Beginn Ihrer Karriere unter anderem große Erfolge mit Belcanto-Partien. Wie hat sich Ihre Stimme im Lauf der Jahrzehnte entwickelt? Wie haben Sie sich darauf eingestellt? Ich habe ja schon mit 29 die Fricka im „Ring“ in Basel gesungen. Und als ich dieselbe Partie 1983 mit Georg Solti in Bayreuth gemacht habe, stand ich vor einer wichtigen Entscheidung, da ich fast zur gleichen Zeit Rossinis „Cenerentola“ in Schwetzingen und Stuttgart gesungen habe. Ich wollte in meinem Leben unbedingt einmal Primadonna sein, und das ist man bei Rossini und seinen Koloraturen wirklich. Koloraturen, Koloraturen, Koloraturen, das kann ich nur jedem Sänger empfehlen, da man so die Stimme nicht nur perfekt von unten bis oben und von oben bis unten unter Kontrolle, sondern sie auch frisch und elastisch hält. Zudem haben mich die Belcanto-Partien einfach glücklich gemacht.

Die Klytämnestra in der „Elektra“ von Richard Strauss ist eine Ihrer Paraderollen. Gehört sie auch zu Ihren Lieblingspartien? Inzwischen ja. Meine erste Klytämnestra durfte ich bereits 1996 mit Lorin Maazel und den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen singen, eingesprungen für die erkrankte Leonie Rysanek. Das war für mich damals etwas absolut Utopisches, habe ich doch zugleich Charlotte in Massenets „Werther“ und die Judith in Bartoks „Herzog Blaubarts Burg“ gesungen. Danach habe ich die Rolle dann lange liegen gelassen, weil ich mich noch zu jung dafür fühlte. Klytämnestra war für mich die Krönung aller Frauenrollen, ein wahres Monster, wo man alle stimmlichen und schauspielerischen Facetten zeigen muss. Klytämnestras kamen dann zurecht erst wieder ab 2009, nachdem ich Kundry, Ortrud und die Amme in „Frau ohne Schatten“ gemacht hatte. Das war auch gut so. Es folgten die unterschiedlichsten „Elektra“-Produktionen, und jedesmal entdeckte ich eine neue Dimension meiner Klytämnestra. Das ist einfach eine tolle Partie, in der man sich so richtig ausleben kann. (…)

Doris Soffel – zeitlos schön!/Soffel

Wenn mich ein Regisseur bremst, ist das für mich das Schlimmste. Wichtig bei der Zusammenarbeit ist, dass man offen und vernünftig miteinander über Probleme und Konzepte spricht. Als Sänger sollte man, wenn einem etwas nicht gefällt, immer gleich mindestens zwei Alternativen in petto haben. Oper ist zwar sehr emotional, aber diese Gefühlswelt sollte man nicht hysterisch Türen schlagend in einen Arbeitsprozess hineintragen.

Und wie sieht´s mit den Dirigenten aus? Da ist es leider so, dass es einige bisweilen gar nicht interessiert, was da auf der Bühne passiert. Wichtig für den Sänger ist deshalb immer, dass man äußerst präzise ist: Mit einem Auge natürlich schon immer beim Dirigenten, mit dem Kopf bei der Regie und mit dem Herzen bei sich selbst. Eigentlich bin doch ich derjenige, der da oben steht und seinen Kopf hinhalten muss. Das alles ist manchmal gar nicht so einfach zu vereinbaren. Hanns-Horst Bauer

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„La Fiamma“ Respighis an der Deutschen Oper Berlin/Szene mit Doris Soffel/Foto Monika Rittershaus

Zur Person: Doris Soffel, geboren in Hechingen, studierte Violine und Gesang an der Hochschule für Musik und Theater München. Sie war von 1973 bis 1982 Mitglied des Ensembles der Staatsoper Stuttgart. Sie gastierte regelmäßig weltweit und auf den Opernbühnen in München, Berlin, Dresden, Wien und Zürich, sowie bei den Festspielen in Bayreuth und Salzburg. Zu ihrem Repertoire, das über hundert Partien umfasst, gehören u. a. Cenerentola und andere Belcanto-Rollen, Fricka (Das RheingoldDie Walküre), Klytämnestra (Elektra), Amneris (Aida), Ježibaba (Rusalka), Kundry (Parsifal), Amme (Die Frau ohne Schatten), Madame de Croissy (Les dialogues des Carmélites), Gräfin (Pique Dame), Sinaide (Mosè in Egitto), Kassandra (Troades), Marfa (Chowanschtschina), Adelaide (Arabella) und Zia Principessa (Suor Angelica). Sie ist Kammersängerin, Ehrenmitglied der Deutschen Oper Berlin, Trägerin des königlichen schwedischen Nordstern-Ordens und des Bundesverdienstkreuzes am Bande. An der Hamburgischen Staatsoper gab sie 1983 ihr Debüt als Arcabonne (Amadis de Gaule). Hier hat sie auch Sesto (Clemenza di Tito), Dorabella (Così fan tutte), Octavian (Der Rosenkavalier), Maddalena (Rigoletto), Madame de Croissy (Les dialogues des Carmélites) und Erda (Das Rheingold und Siegfried) gesungen. In der Spielzeit 2025/26 kehrt sie als Herodias (Salome) und Gräfin (Pique Dame) an die Hamburgische Staatsoper zurück. (Stand: 11/2025) (Hamburgische Staatsoper)

 

 

 

 

Angestaubt

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Als Goethe seinen Urfaust, der später zur Kernzelle seines Faust I wurde, schrieb, war die Hinrichtung einer Kindsmörderin, in Frankfurt der Susanna Margaretha (!) Brand in des Dichters Heimatstadt, noch Realität, erst recht im Mittelalter, in dem Faust zu Hause ist. Warum in der Inszenierung von Charles Gounods Faust im Teatro Real von Madrid in der Inszenierung von Álex Ollé von La Fura dels Baus um ein uneheliches Kind noch so  viel Wesens gemacht wird, ist nicht nachvollziehbar. Das Stück spielt nun im Hier und Jetzt, ja, war bei der Premiere 2019 vielleicht seiner Zeit voraus, wenn die Kameraden Valentins modernste, drohnenresistente Ausrüstung tragen. Auf der Bühne (Alfons Flores) ist eine zweite Bühne, auf der zur Ouvertüre  an der Schaffung eines Homunculus gearbeitet wird (siehe Faust II), was jedoch Faust nicht befriedigen kann, so dass er die Schutzkleidung  (Kostüme (Lluc Castells) wütend von sich wirft. Er verliebt sich in ein Wesen mit meist blauem Haar (Lichtregie Urs Schönebaum), ebensolchen Armen bis zu den Handgelenken, in Hemdblusenkleid und mit roten Kniestrümpfen,  und die Handlung nimmt den bekannten Lauf, glücklicherweise ohne weitere Absonderlichkeiten außer zwischen Sexpuppen und Krankeschwestern wechselnden Choristinnen, ungeheuren aus den Blusen quellenden (Plastik)brüsten für Marthe Schwertlein und Altersgenossinnen, während die Herren im Fußballspielerdress oder bereits erwähnter Soldatenuniform, Faust nach der Verwandlung durchgehend in schlichtem Zivil, Mephistopheles in höchst phantasievoller Kostümierung von Jesus bis Rocker, Briefträger bis Phantasiewesen auftreten. Die Handlung wird also eher durch die wechselnden Kostüme als durch Veränderung der kahlen, eher durch Lichtregie als durch Requisiten dominierten Bühne vorangetrieben, gekennzeichnet durch eine sich breit auftuende Kluft zwischen dem naiv das Blumenorakel befragenden Gretchen und seiner mit allen modernen technischen und moralfreien Wassern gewaschenen Umgebung. Am Schluss sitzt Gretchen in einem von vielen Käfigen, mit einer Kapuze über dem Kopf, beide Herren zerren an ihr, aber in entgegengesetzte Richtungen, ehe die Erlösung recht unspektakulär erfolgt.

Zum Glück frappiert die Aufführung nicht nur durch die spektakulären Kostüme, sondern erfreut auch durch eine sehr gute Sängerbesetzung.

Piotr Beczala stand zur Zeit der Aufzeichnung wohl im Zenit seiner Karriere, der Tenor hatte noch Schmelz und eine unangefochtene Höhe, aber auch bereits dramatische Durchschlagskraft. Optisch allerdings wirkt er nicht nur durch die Kostümierung recht blass, die sich über alle Bedenken hinweg setzende Leidenschaft nimmt man ihm nicht so recht ab, und so bleibt er stets im Schatten des munter die Strippen ziehenden Kollegen Luca Pisaroni, der auch das absonderlichste Kostüm mit Anstand zu tragen weiß, vokal zwar nicht die mit Eleganz gepaarte Durchschlagskraft älterer Kollegen besitzt, aber doch stets das Zentrum der Inszenierung bleibt. Einen balsamisch klingenden Bariton hat Stéphane Degout für den Valentin, deftig, wie es sich gehört, ist die Marthe von Sylvie Brunet-Grupposo, und Serena Malfzi eichnet ein anrührendes, optisch wie akustisch Trost verbreitendes Portrait des Siébel. Alle Facetten Marguerites, vom schlichten König von Thule, über die koloraturgespickte Juwelenarie bis zum verzweifelten, dramatischen Kampf um das Seelenheil, zeichnet Marina Rebeka tadellos nach, sie ist der Star der Aufführung.

Der Chor des Teatro Real (Einstudierung Andrés Máspero) ist vorzüglich, im Wesentlichen steht ihm das Orchester unter Dan Ettinger nicht nach, nur manchmal hätte man sich mehr Eleganz und Zartheit gewünscht, was aber wiederum nicht mit der Bühne korrespondiert hätte (C-Major 771204). Ingrid Wanja 

Zweimal Kurt Weill

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Bei Capriccio – wo sonst? – ist jetzt Love Life, das am wenigsten bekannte Musical Kurt Weills, in einem im Januar 2025 im Grand Theatre in Leeds entstandenen Konzertmitschnitt von der Opera North erschienen (2 CDs C5550). Die genaue Stückbezeichnung lautet „A Vaudeville in Two Parts“. Das Stück erlebte am Broadway ab Oktober 1948 bis Mai 1949 trotz sehr geteilter Kritiken, die normalerweise das Aus bedeutet hätten, immerhin respektable 252 Aufführungen, galt aber als Misserfolg. Dabei waren die Voraussetzungen nicht schlecht. Book and Lyrics stammten vom Alan Jay Lerner, die Regie übernahm Elia Kazan, einer der einflussreichsten Hollywood- und Broadway-Regisseure, von dem mit A Streetcar Named Desire von Tennessee Williams mit Jessica Tandy und Marlon Brando und Arthur Millers neustem Stück Death of a Salesman dann gleichzeitig drei Produktionen am Broadway liefen. Obwohl „until recently, the absence of a published score, script, and recording has made it difficult for individuals to evaluate the landmark show“, wie Joel Galand im Beiheft ausführt, blieb Love Life wegen seines innovativen Ansatzes, der avantgardistische Versuche des amerikanischen Theaters à la Wilder aufgriff und den Weill selbst als „an entirely new form of theatre“ bezeichnete, eine unvergessene Rarität und beeinflusste eine jüngere Generation von Musical-Komponisten wie Sondheim. Der einflussreiche Theaterkritiker- und Wissenschaftler John Gassner erkannte, „Von Bedeutung ist weniger die Tatsache, dass Love Life uns beeindrucken kann, obgleich es nur ein halbfertiges Musical ist, als die, dass es so viele Möglichkeiten für intelligentes, nicht-naturalistisches Theater offenbar macht“. Da lag vermutlich das Problem, denn die einzelnen Szenen spielen von 1791 bis in die Gegenwart, also 1948, handeln von dem Ehepaar Susan und Sam Cooper und ihren Kindern Jonny und Elizabeth und der „amerikanischen Ehe“. Die pädagogische oder quasi dokumentarische Behandlung des Themas dürfte manchen Zeitgenossen an die „Lehrstücke“ und Weill Zusammenarbeit mit Brecht erinnert haben. Behandelt werden die Auswirkungen des Industriezeitalters, wirtschaftliche Problemen, der Eintritt der Frauen ins Berufsleben und die daraus entstehenden Doppelbelastungen. Die Ehe gerät in die Krise, was Nummern wie “Mother’s Getting Nervous“ und schließlich „The Divorce Ballett“ verdeutlichen. Während die Coopers quasi unverändert bleiben, sind zwischen ihre Szenen sogenannte Sketches eingebaut, historisch aufgerüschte Vaudeville-Stationen, die aus völlig disparaten musikalischen Nummern bestehen, die das eigentlich völlig überkommende Genre des Vaudevilles, das Lerner als „an American form of variety show that flourishes in the late nineteenth and early twentieth centuries“ charakterisiert, in allen Facetten aufgreift. Eine kunterbunte Revue ohne Bezug zur Handlung, aber mit hohem Unterhaltungswert, in der Weill seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt und bravourös mit Stilen jongliert, „Life Love incorporate madrigal, circus music, clogwaltz, fandango, foxtrott, boogie-woogie, jitterburg, barbershop quartett, blues, and torch songs“ bis hin zur „Minstrel Show“.

Erst 2017 machte sich Freiburg um das Stück verdient, 2025 folgten die Opera North und New Yorks City Center. Die lange Vernachlässigung ist völlig unverständlich, denn unter dem ausgewiesenen Weill-Kenner- und Spezialisten James Holmes, der die Opera North zu einem Weill-Festspielort gemacht hat, ist die musikalische Kraft und Phantasie Weills auf Anhieb zu spüren, seine Theaterpranke, mitreißende Energie und gewitzte Instrumentation. Chor und das 36-Mann-Orchester und die Ensemblemitglieder, die auch die acht Solisten in „Progress“ und die 16 Madrigalisten übernehmen, spielen, singen und agieren auf vorzüglichem Niveau und machen Lust, dem Stück auf der Bühne zu begegnen. Wenn der vielseitige Niederländer Quirijn de Lang als Sam in „Here I’ll stay“ die Phrase „There`s is no other world awaiting me“ mit baritonaler Inbrunst auflädt, legt er Susan quasi sein Herz zu Füßen. Das Ende ihrer Ehe verarbeitet er in den weitflächigen Reflektionen von „This is the Life“, die durch die freche „Minstrel Show“ vor zu viel Sentimentalität und Melancholie bewahrt werden. Susans Emanzipation scheint sich in der Breite von Stephanie Corleys Charaktersopran widerzuspiegeln, der am Ende zu neuerlicher Süße fähig ist, wenn sich Susan und Sam wieder annäherten, „Can we make it?“. Zwei Nummern, die sich nicht in der kritischen Edition von Joel Garland finden, wurden in den Konzerten nicht aufgeführt, aber für die CD hinzugefügt, darunter „The Locker Rom Boys“ mit den netten Zeilen „We’re the sexiest men on the walk … Andi if you believe it, you’re mad!“. 

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Ein ganz anderer Weill begegnet uns im Konzert für Violine und Blasorchester. Das 1924 entstandene Konzert war bis zur Zweiten Symphonie von 1933 sein vorläufig letztes instrumentales Werk, da er sich dem Theater zuwandte. Das zunächst spröde und kantig wirkende, fast halbstündige Stück ist von sprechender Ausdruckskraft und gewinnt in den fünf Sätzen an Farbigkeit an Lebendigkeit. Auf der von HK Gruber, der seine Weill-Autorität mit dem Schwedischen Kammerorchester vielfach bewiesen hat, mit trockner Präzision dirigierten Aufnahme spielt der 32jährige Salzburger Benjamin Herzl das Konzert mit zwingender Lockerheit. Im Mittelpunkt der Aufnahme mit dem Swedish Chamber Orchester (BIS-2779) stehen die 1927 unter Erich Kleiber mit Delia Reinhardt an der Kroll-Oper uraufgeführte Kantate für Sopran, Violine und Orchester The New Orpheus bzw. Der neue Orpheus und das 1933 mit der Lenya und Tilly Losch im Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführte Ballet chanté The Seven Deadly Sins bzw. Die sieben Todsünden. Benutzt wurden bei der 2023 und 2024 in der Konzerthalle von Örebro entstandenen Aufnahme die englischen Übertragen der Werke, d.h. David Pountney Übersetzung von Iwan Golls Orpheus und W.H. Auden und Chester Kallman Übersetzung von Brechts Sieben Todsünden. Auf der Einspielung mit Wallis Giunta in den Sieben Todstünden überzeugt vor allem die britische Sopranistin Jennifer France in der Orpheus-Kantate durch Musikalität und spielerische Leichtigkeit.    Rolf Fath.

 

Repertoire-Bereicherung

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So sehr einander ähnlich wie eineiige Zwillinge und wie es uns das Cover zur CD nahelegen will, sind die Zwei Witwen (Dvě vdovy), um die es in Bedřich Smetanas gleichnamiger Oper geht nicht, im Gegenteil: Während die eine in froher Selbstbestimmtheit weiterhin ehelos bleibt, findet die Andere in einer neuen Liebe ihr Glück. Dabei kommt es natürlich, ehe eine böhmische Polka das gute Ende feiert, zu allerlei Missverständnissen.

Das Libretto stammt von Emanuel Züngel und hat als Vorlage einen Einakter von Félicien Mallefille, wurde ins Deutsche übersetzt und erst von dort ins Tschechische, erlebte unter dem Dirigat des Komponisten 1874 in Prag seine nicht erfolgreiche Uraufführung, so dass, nachdem bereits aus dem Ein- ein Zweiakter geworden war, zusätzlich noch die Dialoge zu Rezitativen umgearbeitet und ein Buffopaar hinzugefügt wurde, das allerdings nur am Schluss der Oper zu Wort und Gesang kommt. 1878 wurde die Neufassung mit großem Erfolg aufgeführt, 1958 hatte Kurt Homolka mit der deutschen Übersetzung einen besonders großen Erfolg, bereits 1893 hatten Bote &Bock das Werk verlegt, aber Smetana war nicht gut auf „die Deutschen“ zu sprechen, weil diese von ihm weitere Änderungen verlangt hatten. Auch die Verlegung ins französische Rokoko stand zeitweise zur Debatte.

Nach 1945 wurden in SBZ bzw. DDR und in anderen „sozialistischen Bruderländern“ Aufführungen aus denselben zum Gebot der Stunde, aber im Gegensatz zu vielen ungeliebten Pflichtaufführungen handelt es sich bei den Zwei Witwen um ein der Verkauften Braut an musikalischem Einfallsreichtum, an Frische und Originalität in keiner Weise unterlegenen Stück. Vom ersten bis zum letzten Takt ist auch die Nähe zur böhmischen Volksmusik unüberhörbar und ein Garant für Originalität.

Das Personal besteht aus vier dankbaren Haupt-und zwei sparsam ausgestatteten Buffopartien und ist durchweg sehr gut besetzt. Einen wahren Star kann man mit Pavol Breslik aufbieten, der den empfindsamen Ladislav  mit einem strahlenden lyrischen Tenor, mit viel Emphase und sicherer Höhe ausstattet, der auch den volksliedhaften Ton einer seiner Arien gut zu treffen weiß und durchaus eine wenn auch slawische „lacrima nella voce“ hat. Nur eine hässliche Lache spricht gegen den Bassbariton Adam Plachetka, der den zuverlässigen Hausfreund Mumlal vollmundig-bärbeißig, aber auch mit bestrickender Wärme singt. Einen Buffotenor setzt Petr Nekoranec für den Tonik ein.

Diesem zugesellt ist mit Soubrettenstimmchen Jana Sibera als Lidunka. Ein winzige Prise slawischer Schärfe, gerade genug, um sie über Soubrettenniveau hinauszuheben, ist den sehr lyrischen Stimmen der beiden Witwen beigemischt und lässt beide, sowohl die elegische Anezka wie die energische Karolina, charaktervoll erscheinen. Fröhlich, neckisch, selbstbewusst und mit genügend corpo verteidigt Adelina Kučerová ihre Stellung als Gutsherrin, während Katerina Knežiková in ihrer großen Arie im  zweiten Akt apart ihrer Sehnsucht Ausdruck verleiht.

Pure Lebensfreude verbreiten der Chor des Prager Nationaltheaters  und das Prager Radio Symphony Orchestra unter Robert Jindra, mitreißend, gefühlvoll, wo es angebracht ist, den Hörer auf einer Woge der guten Laune mitreißend. Dieses Werk hätte es verdient, die Eintönigkeit der Opernspielpläne etwas aufzulockern (Naxos 8.660609-10). Ingrid Wanja

Sehnsucht nach dem alten Polen

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Gut und tapfer, ehrlich, tugendhaft und gläubig soll der Mann sein, der eine seiner beiden Töchter heiraten möchte, vertrauen müsse man ihm können, doch vor allem solle er Traditionen und nationale Gepflogenheiten achten und bereit sein, sein Blut für das Vaterland zu geben. In Opern erscheint es keinesfalls ausgeschlossen, dass sich solch eine Rarität findet, nicht nur eine, sondern gleich zwei, eine für jede der beiden Töchter des Marschalls, für die Sopranistin Hanna und die Mezzosopranistin Jadwiga. Im zweiten Akt von Moniuszkos Oper Das Gespensterschloss bzw. Straszny Dwór verkündet der Marschall im feierlichen Polonaisen-Rhythmus sein Loblied auf traditioneller Tugenden mit der Inbrunst und Überzeugungskraft eines Glaubensbekenntnisses, die Stanislaw Moniuszkos zweiter großen Opern nach der Halka ihre bis heute andauernde Popularität garantiert. Das Gespensterschloss ist ein Hohelied polnischer Gesinnung, Moral und Sitten im Kleide einer Komödie, bei der Jan Checiński auf die gleiche Sammlung von Kazimierz Woycicki zurückgriff, aus der schon Wlodzimierz Wolski den Halka-Stoff entlehnt hatte.

Die Umstände der Uraufführung in Zeiten von russischer Unterdrückung, Aufständen und nicht erlahmendem Patriotismus darf nicht außer Acht gelassen werden. Diese fand 1865 anlässlich der Wiedereröffnung des Teatr Wielki nach zweijähriger Schließung statt. Es gab nur drei Aufführungen, weitere Reprisen verhinderte die Zensur des Zaren. Das Gespensterschloss und das darin verklärte Polenbild des 18. Jahrhunderts setzten sich erst im 20. Jahrhunderts durch. Die beiden Heiratskandidaten lernen wir bereits zu Beginn der Oper kennen, es sind die beiden Brüder Stefan und Zbigniew, Tenor und Bariton, wodurch sich automatisch die Kombination der Paare ergeben wird. Doch die Brüder sind gerade erst aus dem Krieg in ihr Herrenhaus zurückgekehrt und wollen ihre Freiheit genießen und unverheiratet bleiben. Das wiederum passt ihrer Tante, der Truchsessin, nicht, die bereits Heiratspläne für die jungen Männer geschmiedet hat. Als sie erfährt, dass die Brüder auf das Schloss des Marschalls von Kalinowa reisen wollen, erfindet sie, wohl wissend, dass der Marschall zwei hübsche Töchter hat, welche ihre Pläne durchkreuzen könnten, die Geschichte vom Gespensterschloss. Das tatsächlich existierende Herrenhaus von Kalinowa gilt noch heute als pittoresker Inbegriff des alten Polen.

In Fabio Biondis nobler Moniuszko-Initiative, die bereits Halka, Die Gräfin, Verbum nobile und Paria umfasst, hat Das Gespensterschloss noch gefehlt, obwohl die markante rote Reihe der Moniuszko-Aufnahmen bei DUX erst vor wenigen Jahren die Danziger Einspielung unter Zygmunt Rychert präsentierte (DUX 1500/1501).

Die im Rahmen des 20. Chopin and His Europe-Festivals im August 2024 im Warschauer Teatr Wielki entstandene Einspielung punktet im ungemein umfangreichen, doch trotz Aufsatz und Inhaltsangabe nicht sonderlich informativen dicken CD-Buch (3 CDs NIFCCD 098-100) mit Europa Galante, dem historisch-informierten Spezialistenensemble. Straszny Dwór hat einen einheitlichen, von vielen polnischen Nationaltänzen durchflochtenen Ton, wird geprägt von tänzerischen beschwingten Männerchören mit den beiden Brüdern, großformatigen Szenen der Mädchen mit ihren Freundinnen und wirkungsvollen Ensemblesätzen bis zur Hochzeit, stets durchtränkt von Polonaise, Mazurka und Krakowiak, was dem Werk einen ähnlichen Schwung und mitreißenden Charakter wie Smetanas Verkaufter Braut verleiht. Biondi und seine Musiker fangen diese Schwung ebenso zündend ein wie beispielsweise die melancholischen Trübungen in der baladenhaften Arie der Jadwiga zu Beginn des zweiten Aktes, in der Agata Schmidt wenig Profil entwickelt, oder die theatralische Wucht im Finale des zweiten Aktes und die Eleganz in der Chor-Mazurka vor dem Finale mit dem strahlenden Podlasie Opera and Philharmonic Choir. Wirkungsvoll ist zweifellos die französisch spritzige Koloraturarie der Hanna im vieten Akt mit der effektiven Karen Gardezahal. Auch wenn die beiden Bräute nicht herausstechen, punkten die drei CDs mit einer ziemlich guten Besetzung: der Tscheche Petr Nekoranec gibt einen ausgesprochen feinen Stefan, dessen mit Anmut und Poesie gesungene Glockenspielarie im dritten Akt ein Höhepunkt der Aufnahme ist, etwas muskulöser, doch biegsam und geschmeidig wirkt der Kavaliersbariton Pawel Konik als sein Bruder Zbigniew. Mariusz Godlewski stattet ihren treuen Begleiter Macieij mit gegerbtem Bariton aus, Artur Ruciński gibt den Marschall mit der baritonal höhensicheren, brummig-gefühligen Attitüde des Granden, eine pralle Komödienfigur entwirft Agniewszka Rehlis, die bereits den Auftritt der alten Tante mit kullerigen Tönen garniert, auffallend Krystian Adam in der tenoralen Edelchargenfigur des verliebten Damazy, Rafal Siwek, dem als Skoluba die zentrale Erzählungen von der angeblichen Geisternacht zufallen, muss man den furchigen Bass nachsehen. Rolf Fath