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Bei Capriccio – wo sonst? – ist jetzt Love Life, das am wenigsten bekannte Musical Kurt Weills, in einem im Januar 2025 im Grand Theatre in Leeds entstandenen Konzertmitschnitt von der Opera North erschienen (2 CDs C5550). Die genaue Stückbezeichnung lautet „A Vaudeville in Two Parts“. Das Stück erlebte am Broadway ab Oktober 1948 bis Mai 1949 trotz sehr geteilter Kritiken, die normalerweise das Aus bedeutet hätten, immerhin respektable 252 Aufführungen, galt aber als Misserfolg. Dabei waren die Voraussetzungen nicht schlecht. Book and Lyrics stammten vom Alan Jay Lerner, die Regie übernahm Elia Kazan, einer der einflussreichsten Hollywood- und Broadway-Regisseure, von dem mit A Streetcar Named Desire von Tennessee Williams mit Jessica Tandy und Marlon Brando und Arthur Millers neustem Stück Death of a Salesman dann gleichzeitig drei Produktionen am Broadway liefen. Obwohl „until recently, the absence of a published score, script, and recording has made it difficult for individuals to evaluate the landmark show“, wie Joel Galand im Beiheft ausführt, blieb Love Life wegen seines innovativen Ansatzes, der avantgardistische Versuche des amerikanischen Theaters à la Wilder aufgriff und den Weill selbst als „an entirely new form of theatre“ bezeichnete, eine unvergessene Rarität und beeinflusste eine jüngere Generation von Musical-Komponisten wie Sondheim. Der einflussreiche Theaterkritiker- und Wissenschaftler John Gassner erkannte, „Von Bedeutung ist weniger die Tatsache, dass Love Life uns beeindrucken kann, obgleich es nur ein halbfertiges Musical ist, als die, dass es so viele Möglichkeiten für intelligentes, nicht-naturalistisches Theater offenbar macht“. Da lag vermutlich das Problem, denn die einzelnen Szenen spielen von 1791 bis in die Gegenwart, also 1948, handeln von dem Ehepaar Susan und Sam Cooper und ihren Kindern Jonny und Elizabeth und der „amerikanischen Ehe“. Die pädagogische oder quasi dokumentarische Behandlung des Themas dürfte manchen Zeitgenossen an die „Lehrstücke“ und Weill Zusammenarbeit mit Brecht erinnert haben. Behandelt werden die Auswirkungen des Industriezeitalters, wirtschaftliche Problemen, der Eintritt der Frauen ins Berufsleben und die daraus entstehenden Doppelbelastungen. Die Ehe gerät in die Krise, was Nummern wie “Mother’s Getting Nervous“ und schließlich „The Divorce Ballett“ verdeutlichen. Während die Coopers quasi unverändert bleiben, sind zwischen ihre Szenen sogenannte Sketches eingebaut, historisch aufgerüschte Vaudeville-Stationen, die aus völlig disparaten musikalischen Nummern bestehen, die das eigentlich völlig überkommende Genre des Vaudevilles, das Lerner als „an American form of variety show that flourishes in the late nineteenth and early twentieth centuries“ charakterisiert, in allen Facetten aufgreift. Eine kunterbunte Revue ohne Bezug zur Handlung, aber mit hohem Unterhaltungswert, in der Weill seine stilistische Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt und bravourös mit Stilen jongliert, „Life Love incorporate madrigal, circus music, clogwaltz, fandango, foxtrott, boogie-woogie, jitterburg, barbershop quartett, blues, and torch songs“ bis hin zur „Minstrel Show“.
Erst 2017 machte sich Freiburg um das Stück verdient, 2025 folgten die Opera North und New Yorks City Center. Die lange Vernachlässigung ist völlig unverständlich, denn unter dem ausgewiesenen Weill-Kenner- und Spezialisten James Holmes, der die Opera North zu einem Weill-Festspielort gemacht hat, ist die musikalische Kraft und Phantasie Weills auf Anhieb zu spüren, seine Theaterpranke, mitreißende Energie und gewitzte Instrumentation. Chor und das 36-Mann-Orchester und die Ensemblemitglieder, die auch die acht Solisten in „Progress“ und die 16 Madrigalisten übernehmen, spielen, singen und agieren auf vorzüglichem Niveau und machen Lust, dem Stück auf der Bühne zu begegnen. Wenn der vielseitige Niederländer Quirijn de Lang als Sam in „Here I’ll stay“ die Phrase „There`s is no other world awaiting me“ mit baritonaler Inbrunst auflädt, legt er Susan quasi sein Herz zu Füßen. Das Ende ihrer Ehe verarbeitet er in den weitflächigen Reflektionen von „This is the Life“, die durch die freche „Minstrel Show“ vor zu viel Sentimentalität und Melancholie bewahrt werden. Susans Emanzipation scheint sich in der Breite von Stephanie Corleys Charaktersopran widerzuspiegeln, der am Ende zu neuerlicher Süße fähig ist, wenn sich Susan und Sam wieder annäherten, „Can we make it?“. Zwei Nummern, die sich nicht in der kritischen Edition von Joel Garland finden, wurden in den Konzerten nicht aufgeführt, aber für die CD hinzugefügt, darunter „The Locker Rom Boys“ mit den netten Zeilen „We’re the sexiest men on the walk … Andi if you believe it, you’re mad!“.
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Ein ganz anderer Weill begegnet uns im Konzert für Violine und Blasorchester. Das 1924 entstandene Konzert war bis zur Zweiten Symphonie von 1933 sein vorläufig letztes instrumentales Werk, da er sich dem Theater zuwandte. Das zunächst spröde und kantig wirkende, fast halbstündige Stück ist von sprechender Ausdruckskraft und gewinnt in den fünf Sätzen an Farbigkeit an Lebendigkeit. Auf der von HK Gruber, der seine Weill-Autorität mit dem Schwedischen Kammerorchester vielfach bewiesen hat, mit trockner Präzision dirigierten Aufnahme spielt der 32jährige Salzburger Benjamin Herzl das Konzert mit zwingender Lockerheit. Im Mittelpunkt der Aufnahme mit dem Swedish Chamber Orchester (BIS-2779) stehen die 1927 unter Erich Kleiber mit Delia Reinhardt an der Kroll-Oper uraufgeführte Kantate für Sopran, Violine und Orchester The New Orpheus bzw. Der neue Orpheus und das 1933 mit der Lenya und Tilly Losch im Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführte Ballet chanté The Seven Deadly Sins bzw. Die sieben Todsünden. Benutzt wurden bei der 2023 und 2024 in der Konzerthalle von Örebro entstandenen Aufnahme die englischen Übertragen der Werke, d.h. David Pountney Übersetzung von Iwan Golls Orpheus und W.H. Auden und Chester Kallman Übersetzung von Brechts Sieben Todsünden. Auf der Einspielung mit Wallis Giunta in den Sieben Todstünden überzeugt vor allem die britische Sopranistin Jennifer France in der Orpheus-Kantate durch Musikalität und spielerische Leichtigkeit. Rolf Fath.
