Archiv des Monats: Mai 2026

Eher interessant als überzeugend

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Immer noch relativ sicher vor inszenatorischen Entgleisungen kann man bei Produktionen von jenseits der Alpen sein, insbesondere natürlich bei Aufführungen aus dem Teatro Regio von Parma, der Verdi-Stadt par excellence und in früheren Jahren berüchtigt als überkritisch in der Beurteilung von Sängern. Dem Label Dynamic ist es zu verdanken, dass man weltweit in den Genuss der Aufführungen kommen kann, in diesem Fall einer ganz besonderen, denn es handelt sich um die ebenfalls weltweit erste Video-Aufnahme der französischen Fassung von Macbeth. Seine erste Shakespeare-Oper hatte Verdi 1847 in Italienisch für Florenz komponiert, wo sie einen nicht überragenden Erfolg erzielte. Die Pariser Oper bat den Komponisten um eine französische Fassung, die 1865 in Paris uraufgeführt wurde, natürlich mit einem umfangreichen Ballett. 1874 wurde an der Scala die ins Italienische zurückübersetzte Oper aufgeführt, die heutzutage  als die allgemein gültige gilt, mal mit, mal ohne Ballett aufgeführt wird. Aus diesem Rahmen fällt ab und zu noch eine Produktion der ersten Fassung, so besonders bemerkenswert die vom experimentierfreudigen Martina Franca aus dem Jahre 1997.

Pierre Audi ist der Regisseur dieses Macbeth, der zunächst im Freien aufgeführt wurde, was die Kargheit auf der Bühne von Michele Taborelli erklärt, die eigentlich nur eine Spiegelung des Zuschauerraums bietet mit ab und zu einigen Stühlen, die von den Hexen in der Luft hin- und hergeschwenkt werden oder ihnen als Sitzgelegenheit dienen, wenn sie zum Bankett eingeladen sind. In der Mitte der Bühne ist eine Vorrichtung, die das Versenken der Personen in die Tiefe ermöglicht, wovon häufig, aber nicht durchweg mit Erfolg, Gebrauch gemacht wird.  Farbwechsel, so in Rot, wenn Böses geschieht,  in Macbeth bekanntlicherweise nicht selten,  ein rotes Kainsmal schmückt kurz einmal die Stirn von Lord und Lady, sorgen für optische Abwechslung.  Die Kostüme von Robby Duiveman scheinen im wesentlichen an solche aus der Entstehungszeit des Werks angelehnt zu sein, strecken ihre Fühler aber auch in andere Epochen aus, besonders bei der Einkleidung des Militärs, das im Schlussbild sogar mit Stahlhelmen einher kommt.

Die Regie lässt die Sänger oft auch auf der Bühne verharren, wenn sie nichts zu singen haben, so Banquo mit Sohn lange vor seiner Hinmetzelung, und auch Macbeth erlebt die Reaktion seiner Lady nach Empfang seines Schreibens vom Schlachtfeld hautnah. Ansonsten bleibt die Personenregie konventionell, stört zumindest nicht. Für das Ballett hat sich Pim Veulings eine Art Ringen um Nachkommenschaft zwischen Macbeth und drei Ladies ausgedacht, wobei der Ausgang trotz zeitweise gewölbter Leiber der Tänzerinnen  offen bleibt.

Den Höhepunkt der Vorstellung bietet zumindest musikalisch der Chor der Flüchtlinge, die hier „Ô patrie! Ô noble terre!“ zu singen haben und das mit wunderbaren Schwelltönen, mit unglaublicher Gesangskultur darbieten. Auch sonst ist der Chor (Martino Faggiani) die sichere Bank der gesamten Aufführung. Dahinter kaum zurück steht das Orchester unter Roberto Abbado, denn wo sollte man Italianità finden, wenn nicht hier, und Macbeth bleibt trotz der Übersetzung ins Französische eine italienische Oper.  Sogar die Solistenbesetzung kann mit, abgesehen von der Lady, Italienern in den Hauptpartien aufwarten. Die Russin Lidia Fridman ist eine optisch attraktive, ihren Partner an Körpergröße übertreffende Lady, die vokal den Vorstellungen, die Verdi von der Partie hatte, entspricht: eine nicht schöne, aber durchschlagskräftige Sopranstimme mit üppiger, dunkler Tiefe und nicht ohne (angemessene!) schrille Töne in der Höhe, mit Koloraturen wie Eiszapfen und in der Nachtwandlerszene mit facettenreicher Mühelosigkeit.  Viel auf allen Vieren muss sich der Macbeth von Ernesto Petti bewegen und singt trotzdem mit schöner Phrasierung, allerdings nicht durchgehend diszipliniert, sondern häufig in vokale Kraftmeierei verfallend, sein abschließendes „Honneurs“ allerdings kultiviert, wenn auch wenig Emotionen auslösend, darbietend. Macduff Luciano Ganci wird zu seiner Arie mit der in Folie gewickelten Familie, darunter Baby-Zwillinge, konfrontiert, bewältigt seine Klage mit schöner Agogik und angenehmem Timbre. Für ihn hat sich die Regie noch einen inneren Kampf um Verzicht oder Kampf um den Thron ausgedacht, eine schöne Idee und gut umgesetzt. Banquo ist Michele Pertusi und damit das As der Solistenbesetzung, wunderbar phrasierend, markant und voller Würde. David Astorga behauptet sich als Malcolm, Natalia Gavrilan, in dieser Fassung als La Comtesse, stützt zuverlässig im ersten Finale.   

Die Begegnung mit dieser Macbeth-Version ist interessant, wäre es noch mehr mit muttersprachlichen Sängern und kann doch dem italienischen Macbetto den Rang nicht ablaufen (Dynamic 58063). Ingrid Wanja

Zwischen Grand Opéra und Avantgarde

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Das Märchen von Dornröschen erinnern wir vor allem als großes Ballett von Tchaikovsky. Gelungene Opernversionen sind aber kaum bekannt. Dabei bietet der Stoff doch alles, was man für eine Oper braucht. Spezialeffekte, Gruselpotenzial, große Liebesduette, üppige Festszenen. Jetzt ist tatsächlich eine opulente Dornröschenoper erschienen, in einer Weltpremiere ausgegraben vom Palazzetto Bru Zane. Der Komponist heißt Charles Silver, und seine französische Märchenoper wurde in Marseille 1902 uraufgeführt. Als eine hochsubventionierte  féerie lyrique“ (ein opernhaftes Feen-Spektakel) in vier Akten und neun Tableaus, einschließlich eines Prologs. Die féerie war ein etabliertes Genre, das seit dem späten 18. Jahrhundert beliebt war und in der Romantik noch an Ambition gewann (so nachstehend Alexandre Dratwicki).

Ein schöner Mann: der Komponist Charles Siver/BNF/Gallica

Es gibt aber erstaunlicherweise doch eine ganze Menge Opern mit dem Dornröschen-Thema. Der Stoff ist ja ideal für ein Bühnenwerk. Schon die Aktaufteilung schreibt sich von selbst. Erstmal diese Taufparty. Dann ein Zeitsprung, als sich Dornröschen an der Spindel sticht. Der Rest spielt 100 Jahre danach in Rosenhecken. Der Stoff für eine Oper, in Silvers Falle eine grandiose, großformatige, ernstgemeinte, fast etwas humorlose. Denn die meisten Mitbewerber nähern sich dem Stoff doch eher ironisch oder auf wenig traditionelle Weise. Humperdinck zum Beispiel macht ein Melodram daraus. Respighi eine sehr freche Funkoper, ein Kammeroratorium fürs Heim. Und Lecoq eine frivole Parodie, eben eine Operette.

Aber diese „Schöne im schlafenden Gehölz“ (so die genaue Übersetzung) ist für mich eine wirkliche trouvaille, weil sie in weiten Teilen so ernst genommen wird, ein Märchenspektakel von 1902. Wir befinden uns gerade in der Hochphase der Märchenopern, und Charles Silver hat diesen magischen Ton, den man von so einem Stück erwartet: eine ganz irre Mischung hier,  wie ein psychodelischer Wagner, ein Puccini Light und auch ein bisschen John Williams.

Charles Silver (who?) – man ist geneigt, ihn englisch auszusprechen, aber er ist Franzose, Kind russischer Einwanderer, eben Charles Silvèr (der accent ist von mir).  Er hat als Opern- und Ballettkomponist eine interessante Karriere gemacht, sogar den renommierten Prix de Rome gewonnen. Seine bekannteste Oper zu Lebzeiten war die Shakespeare-Vertonung der Widerspenstigen Zähmung. Bemerkenswert ist vielleicht auch, dass er einer der Lieblingsschüler von Jules Massenet und der Ehemann der großen Prima Donna, Georgette Bréjean-Silver war – eine phänomenale Sopranistin mit strahlenden Höhen und stupender Koloraturtechnik (und spätere Carmen der Uraufführung).

Beides hatte Auswirkungen auf dieses Werk, sowohl die Nähe zu Massenet wie auch die Gattin mit der goldenen Kehle. Und die beiden Musiker dürften sich sehr eng ausgetauscht haben (man denke an Cendrillon). Das heißt, Silver konnte Georgette Bréjean-Silver diese Rolle des Dornröschen direkt in den Hals schreiben. Eigentlich hat sie sogar zwei Rollen, nicht nur Aurore (i. e.  Dornröschen), sondern auch noch ihre eigene im ersten Akt singende Mutter, die Königin.

Im Folgenden erst einmal ein längerer Artikel zum Komponisten und Werk von Alexandre Dratwicki aus dem üppigen CD-Buch beim Palazzetto Bru Zane. Danach dann ein persönlicher Eindruck der Aufnahme. M. K./G. H.

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Charles Silvers „La Belle au bois dormant“/Uraufführung in Marseille/ Szene/Tableau V (Akt 3)/Palazzetto

Und nun zuerst Alexandre Dratwickis Einschätzung von Komponist und Werk: Charles Silverder Golden Boy unter den Komponisten? Der Komponist, 1868 in Paris als Sohn eines Handelsreisenden russischer Herkunft geboren, musste die französische Staatsbürgerschaft beantragen, um zur Teilnahme am Wettbewerb um den Prix de Rome für Musikkomposition teilnehmen zu dürfen. Er war 1886 Schüler am Conservatoire geworden und hatte den Harmoniekurs von Théodore Dubois sowie den Kompositionskurs von Jules Massenet besucht. Nachdem er 1889 seine Einbürgerungsurkunde erhalten hatte, bewarb er sich um den Premier Prix de Rome und gewann ihn 1891 mit der Kantate L’Interdit. Abgesehen von den Werken, die in der Villa Medici entstanden (insbesondere eine Ouvertüre zu Bérénice, aufgeführt 1895 am Institut de France, und eine biblische Oper mit dem Titel Tobie), waren seine frühen Opus-Nummern Mélodies und patriotische Lieder (darunter En avant! nach einem Text von Paul Déroulède). Es gelang ihm, sich in den großen Pariser Konzertvereinen mit einer Reihe von Stücken zu etablieren, die um die Jahrhundertwende uraufgeführt wurden, darunter eine Rapsodie sicilienne (Concerts Lamoureux, 1899) und das Poème carnavalesque (Monaco, 1906, komponiert in der Villa Medici). Verheiratet mit der Sängerin Georgette Bréjean (einer führenden Interpretin von Massenets „Manon“ in den späten 1890er Jahren), wandte sich Silver auch der Oper zu, wie „La Belle au bois dormant“ (in Rom geschrieben und 1902 in Marseille uraufgeführt) beweist; „Le Clos“ (1906 an der Opéra- Comique uraufgeführt); Negililde (ein ballet mêlé de chants, uraufgeführt in Monte Carlo 1909); Myriane (ein drame lyrique, uraufgeführt in Nizza 1913); La Mégère apprivoisée (uraufgeführt an der Opéra 1922); und schließlich La Grand-Mère (1930) und Quatre-Vingt-Treize (1936). 1919, nach dem Tod von Lavignac, zum Professor für Harmonielehre am Pariser Konservatorium ernannt, wurde er 1926 zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt und starb mehr als zwanzig Jahre später, im Jahr 1949.

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Mme Bréjean-Silver als Princesse Aurore. Cliché Fabre (Marseille)/Palazetto (ob dies nicht doch die Sopranistin als Königin im 1. Akt abgebildet ist?)

Das Thema von Dornröschen wurde in Frankreich vor den 1890er Jahren, als Silver begann, sich damit zu befassen, nur selten vertont. Lediglich eine Oper von Carafa und ein Ballett von Hérold, beide in den 1820er Jahren komponiert, hatten die Pariser Opéra dazu bewegt, sich für Perraults Märchen zu interessieren.  Im Gegensatz dazu löste es zu Silvers Zeiten ein viel lebhafteres Wiederaufleben des Interesses aus: Innerhalb weniger Jahre wurden eine Mélodie von Debussy, eine symphonische Dichtung von Alfred Bruneau, eine Romance von Edmond Missa und eine Opéra-bouffe von Charles Lecocq unter diesem Titel veröffentlicht. Silvers féerie stand schon lange ganz oben auf der Liste der Kuriositäten, die das Palazzetto Bru Zane für eine Erkundung ausgewählt hatte. Ein Auszug wurde von Jodie Devos in einem der Märchenmusik gewidmeten Recital gesungen und 2016 von Alpha Classics aufgenommen.

Es blieb nur noch, den Sprung zu wagen und das gesamte Werk wieder aufleben zu lassen. Unsere Zusammenarbeit mit dem Ungarischen National Chor und Orchester – deren erste Früchte Davids Herculanum, Massenets Werther und Lalos Le Roi d’Ys waren – erwies sich als idealer Rahmen für dieses Vorhaben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Aufnahme wird eine szenische Fassung der Oper auch an der Opéra de Saint-Étienne in Koproduktion mit dem Palazzetto Bru Zane präsentiert. Alles deutet darauf hin, dass die Zeit reif ist für die Wiederbelebung eines Werks mit solcher Anziehungskraft auf das Publikum. Oder zumindest haben die Feen die Mühe auf sich genommen, den vor mehr als einem Jahrhundert gesprochenen Fluch für eine Weile zu brechen. Ein großes Dankeschön an alle Künstler und Mitwirkenden dieses Aufnahmeprojekts, und vor allem an György Vashegyi, der von einer unerschütterlichen Leidenschaft und Neugier für das französische Opernrepertoire von Lully bis Massenet angetrieben wird.

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Mme J. Passama and M. Chalmin als Fee Urgèle und Barnabé/Palazzetto

„Dormez, dormez…“ Trotz seines verlockenden Titels, dessen Potenzial von Tschaikowski und später von Walt Disney voll ausgeschöpft wurde, schlummerte Charles Silvers La Belle au bois dormant länger als seine Titelheldin, denn es hat fast 130 Jahre gedauert, bis die Partitur ihren Weg zurück in die Konzertsäle und auf die Bühne fand. Die Oper wurde um 1895 in Rom, innerhalb der Mauern der Villa Medici, begonnen, als der junge Komponist dort ankam, kurz nachdem er den Kompositionspreis des Institut de France gewonnen hatte. Er verbrachte mehrere Jahre auf dem Pincio-Hügel dank des Aufenthaltsstipendiums der französischen Akademie in Rom, mit Perraults Märchen in unmittelbarer Nähe.

Nachdem Silvers Hoffnungen auf eine Aufführung in Paris letztlich zunichte gingen: La Belle au bois dormant wurde zehn Jahre später vom Direktor des Grand-Théâtre de Marseille, Albert Vizentini, begeistert aufgenommen. Letzterer war umso motivierter, als ihm diese Premiere ermöglichte, die staatliche Subvention in Anspruch zu nehmen, die Theatern für die Aufführung eines bisher nicht gespielten Werks gewährt wurde. Darüber hinaus rückte Marseille infolge dieser Dezentralisierungsinitiative ins Rampenlicht der Pariser Presse, die diesen Schritt begrüßte: Nur sehr wenige Opernhäuser hatten die von der Regierung genehmigte künstlerische Politik umgesetzt, in der Provinz Werke zu schaffen, die anderswo noch nie zu hören waren.

Am 3. Januar 1902 offenbarte La Belle au bois dormant dem Publikum in Marseille die Feinheiten seiner zarten Melodien und seiner feinen Orchestrierung. Im Theater saß Silvers Lehrer – Massenet selbst –, der gekommen war, um seinen Schützling zu ermutigen, neben Adrien Bernheim, Inspecteur des Beaux-Arts, Raoul Gunsbourg, Direktor der Opéra de Monte-Carlo, und dem Verleger Gitis; das Quartett wurde von zahlreichen lokalen Würdenträgern flankiert.Diue Zeitschrift Le Ménestrel fügte hinzu, dass die gesamte Pariser Presse zu der Veranstaltung eingeladen worden sei. Vizentini hoffte, den früheren Theaterruhm Marseilles wieder aufleben zu lassen, nach einer Phase des Niedergangs, die den Ruin seines Vorgängers herbeigeführt hatte. Silvers Werk war somit Teil einer ehrgeizigen und aufmerksam verfolgten Spielzeit.

Marseille. Le Grand-Théâtre. Carte postale, 1904/Palazzetto

Für die Inszenierung jeder der geplanten Opern wurde eine kolossale (staatliche) Subvention versprochen, und der Journalist von Le Sémaphore de Marseille versicherte seinen Lesern, dass diese Behauptung im Fall von La Belle au bois dormant keineswegs übertrieben war: Die Partitur wird nicht einfach als opéra bezeichnet, sondern genauer als „féerie lyrique in vier Akten und neun Tableaus, einschließlich eines Prologs“. Die féerie (opernhaftes Spektakel) war ein etabliertes Genre, das seit dem späten 18. Jahrhundert beliebt war und in der Romantik noch an Anpsruch gewann. Silvers Tableaux bieten uns zur Bewunderung „Die Taufe“ (Prolog), „Der Schlummer der Aurore“, „Hundert Jahre später“, „Urgèles Höhle“, „Die azurblaue Grotte“, „Der verzauberte Wald“, „Die schlafende Schönheit“, „Das Erwachen“ und „Die Feen (Apotheose)“.

Während die Librettisten Michel Carré und Paul Collin die wichtigsten Episoden aus Perraults Version nachzeichnen, nehmen sie sich zwei Freiheiten gegenüber dem Original. Erstens ersetzen sie die bösartige Spindel, die Aurore woanders in einen hundertjährigen Schlaf versetzt, durch den Kuss eines fahrenden Ritters (denn die grausame Urgèle hat tatsächlich vorausgesagt, dass die Liebe die Ursache für den Schlaf der Prinzessin sein wird). Dann, um den französischen Geschmack für demi-caractère (den Märchen besonders lieben) zu befriedigen, führen die Librettisten die komische Figur des Barnabé ein, der sich als Rivale des Prinzen bei der Suche nach Aurore erklärt. Carré und Collin paaren diesen Einfaltspinsel mit Jacotte, ein ehrliches, kluges Bauernmädchen, das in ihn verliebt ist. Diese besonders gelungene Mischung aus Komödie und Tragödie verleiht der Partitur eine Würze und einen abgerundeten Charakter, wie man sie in Opern jener Zeit selten findet. Der Journalist von Le Petit Provençal lobte die Idee: Ein letztes Element vervollständigt diese moderne féerie: die herausragende Rolle des Tanzes. Neben einem echten Ballett, das eine Abfolge abwechslungsreicher Nummern entfaltet, bietet fast jede Szene reichlich Gelegenheit, die Beine der Tänzerinnen zu bewundern, und zwar in einem solchen Maße, dass Le Ménestrel die Partitur als „fast ein Opéra-ballet“ bezeichnete, „da sie vier getanzte Divertissements enthält, die äußerst ansprechend wirken“. Die Kritiker interessierten sich vor allem für die Leistung des Komponisten.

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Als Schüler von Massenet und Gewinner des Prix de Rome von 1891 stellte Silver eine der größten Hoffnungen der französischen Musik zu einer Zeit dar, als Debussy, Charpentier, Caplet und der junge Ravel ihre „dissonanten“ Stimmen inmitten des harmonischen Konzerts der konservativen Postromantik ertönen ließen. Da sie stets zögerlich waren, wenn es darum ging, die Moderne anzunehmen, bewunderten die Kritiker Silvers „zarte und charmante Musik“ (Le Ménestrel), die angeblich „große Flexibilität in der Vokal- und Instrumentalstimme“ zeigte, „die der Frische der Inspiration und einer ausgeprägten poetischen Sensibilität in den Dienst gestellt wurde“ (Le Petit Provençal). Jean Gheerbrandt ging in einem Artikel in La Vedette ausführlicher auf seine Eindrücke ein: Überall löste das Werk aufrichtige Komplimente aus: „glückliche Einfälle“ und „besonders raffinierte harmonische Passagen“ (La Charente); „poetische Klangbilder“ und „ein präzises Gespür für die Situationen, mit denen der Komponist umgehen muss“ (Le Monde artiste). In diesem Lobgesang scheint eine Eigenschaft vorzuherrschen: die Meisterschaft der Orchestrierung, die zu einem der wichtigsten Kennzeichen der französischen Fin-de-siècle-Schule geworden war.

Die Spätromantik, mit ihrer Vorliebe für symbolistisches Sfumato, schickte ihre jungen Komponisten auf eine rasende Suche nach neuen Klangfarben. Keine Kombination von Klangfarben brachte sie aus der Fassung, kein Experiment schreckte sie ab. Silver führte, ohne in Richtung Debussy zu blicken, Massenets Erkundungen auf äußerst überzeugende Weise fort. Und wenn seine Musik als „mit größter Sorgfalt orchestriert“ (Le Ménestrel) empfunden wurde, dann deshalb, weil er eine „perfekte Technik“ (Le Monde artiste) an den Tag legte, die „in ihrer Fließendheit und Transparenz an die Kunstfertigkeit von Delibes erinnert (La Charente).

Mme Bréjean-Gravière als Massenets Manon. Photographie Becque-Bary/Palazzetto

Das war kein geringes Kompliment. Dieser letzte Punkt hebt, ohne darauf einzugehen, einen Aspekt hervor, dessen Bedeutung die Kritiker in erstaunlichem Maße übersahen: die Verwendung wiederkehrender Motive, die zu einer strukturellen Technik geworden war, seit die Vorherrschaft Wagners sie unverzichtbar gemacht hatte. Silver übernimmt die Methode seines Lehrers Massenet, die darin besteht, sich auf die periodische Wiederkehr bedeutungsvoller Motive zu konzentrieren, anstatt auf einen transformativen Prozess, der von psychologischen Untertönen belastet ist. In La Belle au bois dormant wird jeder der Hauptfiguren ein Thema zugewiesen, das – im weiteren Sinne – eine Emotion oder einen Charakterzug verkörpert. Aurore wird mit einem Sehnsuchtsmotiv assoziiert, dessen Anfang in Triolen direkt einem Klavierstück von César Franck entlehnt ist, Prélude, fugue et variation, das Silver sicherlich gekannt haben muss. Mittels dieses Motivs verbindet er die Prinzessin mit dem Gefühl der Melancholie.

Dem Prinzen, zugleich Abenteurer und Verführer, werden mehrere Melodien zugewiesen, deren Verwendung sich nicht über die einzelnen Episoden hinaus erstreckt, in die er verwickelt ist.  Diejenige, die im Gedächtnis haften bleibt, ist natürlich mit der Liebe verbunden: Sie entfaltet sich in ihrer ganzen einhüllenden, umschlingenden Struktur während der abschließenden Erweckungsszene, wird aber bereits im ersten Duett der Protagonisten angedeutet, als der Vorfahr des Prinzen – der fahrende Ritter – die junge Prinzessin dazu bringt, sich seinem verhängnisvollen Kuss hinzugeben. Ein weitläufiges, martialisches Motiv, das zu hören ist, wenn die Fee Primevère kommt, um Urgèles Fluch zu neutralisieren, wird später den Triumph der Liebe symbolisieren und die abschließende Apotheose („Peuple, voici votre reine!“) einleiten. Der König, dessen Auftritt sich auf den Prolog und den ersten Akt beschränkt, erscheint, eingeleitet und dann begleitet von einem gewundenen Motiv, dessen Kontur an die schützende Liebkosung eines besorgten Vaters erinnert. Es verkörpert das Gefühl der Angst. Dieses Motiv wird sich auf großartige Weise mit dem von Aurore zu einem Kontrapunkt verflechten, der die Qual der Familie schildert, während die Stunde des Fluchs näher rückt. Im Gegensatz dazu ist Barnabé das Sinnbild grotesker Selbstherrlichkeit. Sein wiederkehrendes Thema, begleitet von schweren, abgehobenen Achtelnoten, nimmt eine volkstümliche Form an, die auf jegliche komplexe Harmonie verzichtet und ohne Variation wiederholt wird, wie die stumpfsinnigen Gedanken eines einfältigen Geistes. Der bösen Fee Urgèle schließlich wird ein Stakkato-Motiv vorangestellt oder durch sie heraufbeschworen, das aus einem beunruhigenden verminderten Septakkord gebildet ist. Eine ergänzende Zelle mit einem synkopierten, akzentuierten Incipit wird mit ihr assoziiert oder erscheint manchmal allein. Urgèle steht natürlich für Zorn und den Drang nach Rache.

„Mme Bréjean-Silver as Sleeping Beauty“. Le Petit Marseillais,/Palazzeto

Silver verwendet auch einige wiederkehrende Themen eher konzeptioneller Natur. Dies sind Stimmungsmotive. Beim Auftritt der Königin führt die Klarinette eine lyrische Idee an, die sich stufenweise eine aufsteigende Tonleiter hinaufbewegt: Dies ist das Motiv von Aurores Geburt, das metaphorisch gesehen zu dem ihres Erwachens im letzten Akt wird. Der Komponist stellt dem später die „Fluch“-Formel gegenüber: zwei sich abwechselnde Akkorde, von denen der zweite mit seiner verminderten Harmonie von einer düsteren gotischen Farbe durchzogen ist. Dies ist mehrfach zu hören, als Erinnerung an Urgèles Verfluchung („Avant même qu’elle ait vingt ans…“, vorgetragen „in der Art einer Prophezeiung“, so die Angabe in der Partitur). Jacotte ihrerseits singt eine großzügige lyrische Phrase, die als Motiv der Vergebung. Trotz ihres großen Erfolgs wurde Silvers Oper am 5. Februar in Marseille aus dem Spielplan genommen, „dem Tag, an dem Mme Bréjean-Silvers Vertrag auslief“ (La Dépêche).

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Der Musikwissenschaftler und Prinzipal des Palazetto, Alexandre Dratwicki (Palazetto Bru zane)

Wie zu befürchten war, verschmähte Paris das Werk wegen seiner provinziellen Herkunft und weil es nicht mehr die Anziehungskraft einer Subvention mit sich brachte. Silver glaubte eine Zeit lang, dass andere Opernhäuser ausreichen würden, um La Belle au bois dormant im ständigen Repertoire zu etablieren, insbesondere nach Aufführungen in Lyon im Jahr 1903 und – vor allem – an der La Monnaie in Brüssel im Jahr 1904 (mit mehreren wesentlichen Überarbeitungen der Partitur). Doch der sich wandelnde Geschmack und die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf die europäischen Opernprogramme entschieden anders … bis zu ihrer konzertanten Wiederaufführung und Dokumentation in Budapest im Jahr 2025 und auf der Bühne der Opéra de Saint-Étienne im Jahr 2026, in Koproduktion mit dem Palazzetto Bru Zane. Alexandre Dratwicki/DeepL

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Alexandre Dratwickis Aufsatz entnahmen wir dem wie stets luxuriös ausgestatteten Buch-Beiheft der neuen Aufnahme beim Palazzetto Bru Zane mit Dank! Abbildung oben Edmond Dulac 1910/Wikipedia/Ausschnitt.

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Zur Aufnahme selbst. Die erwähnte Sopran-Doppelrolle für Silvers Gattin, die Sängerin Georgette Bréjean-Silver, liegt nicht einfach und ist kompliziert komponiert. Sie wird hier von Ghislaine Girard gegeben, mir vielleicht eine Nuance zu scharfstimmig, aber durchaus souverän angesichts einer so ambitionierten Partie.

Im Großen und Ganzen folgt die Handlung von Michel Carré und Paul Collin der Vorlage von Charles Perrault, dem französischen Kunstmärchendichter. Aber die uns von den Grimms her bekannten klassischen Komponenten bleiben erkennbar. Der Fluch, dann die Dornenhecke natürlich, der berühmten Kuss. Allerdings gibt es hier eine sehr merkwürdige Abänderung. Denn nicht die Spindel löst dann das Ganze aus, sondern Aurore darf sich nicht verlieben, schon gar nicht in den Falschen, sonst schläft sie ein mitsamt Hofstaat. Was sie Tut. Aber erstmal kommt ein Prinz vorbei, der nicht der Richtige ist (der Vorfahr des späteren Prinzen). Der küsst sie oder sie ihn, und dann schläft sie eben ein. Das ist der Fluch. Bis sie von dem Richtigen dann geweckt wird. Ich habe mich gefragt, warum zwei Prinzen? Großvater und Ennkel. Bis mir dann klar wurde, dass diese Konstellation ideal für eben zwei Liebesduette ist. Also eins vor und eins nach dem Einschlafen. Wobei das richtig tolle, große Liebesduett das mit dem falschen Prinzen (eben dem Großvater, der als Fahrender Ritter vorbeireitet) ist, mit dem richtigen hält sich das Ganze eher bescheiden, ist viel kürzer, flotter und geht sehr schnell dem Ende entgegen. Merkwürdig, aber auch lustig. Nachteilig finde ich in Sachen Plot den Einbau von unnötigen Nebenhandlungen. Ein Charakter namens Barnabé möchte da auch mitmischen, hat zudem noch eine Freundin namens Jacotte, beide mit (zu) viel Parlando (á la Massenets Grisélidis) und hier mit nicht so attraktiven Stimmen, was eher aufhält. Darauf könnte man verzichten, denn die Oper selbst, also der „seriöse“ Teil ist einfach toll, rasant, großformatig.

 

Charles Silvers „La Belle au bois dormant“/Uraufführung in Marseille/ Szene/Tableau III (Akt 2)/Palazzetto

In Sachen Wertung bleibt Silver letztendlich „nur“ ein Epigone, keine Bildungslücke. Aber eine Bereicherung Man muss ihn nicht kennen. Aber mich hat begeistert, mit welcher Lässigkeit Silver  seine Einfälle zusammenrührt, aus den Trends seiner Zeit einen flotten Mainstream herstellt. Dessen Farben erinnern an manches von Puccini, Massenet, Wagner, ein bisschen von Offenbach, auch von Tchaikovsky natürlich (der große Walzer). Es ist dies keine Oper für Spezialisten, sondern eher eine zum Zurücklehnen, Genießen, Beine hoch. Ein Nischenprodukt zwischen Operette und Avantgarde, keine wichtige Musik (und was ist schon wichtig?), aber eine erstaunlich vergnügliche. Ein bisschen wie ein Besuch im Pariser Musée d´Orsay, wo die Große Kunst neben der Alltagsware hängt. So auch hier.

Weitgehend gibt es gute Solisten (Guylaine Girard, Julien Dran – als richtiger Prinz toll wie immer, Thomas Dolié – als König ebenfalls in gewohnter Qualität, Kate Aldrich – als böse Fee mir ein bisschen sehr herb, Matthieu Lécroart, Clémence Tilquin als die gute Fee sowie Adrien Fournaison, sodann The Hungarian National Philharmonic Orchestra und der Hungarian National Choir unter György Vashegyi – mir gelegentlich mit zu schwerer Hand dirigiert, das rumst mir zu sehr – ist aber doch eine Grand Opéra, das solls ja auch rumsen).

Diesmal hat der Palazzetto nach gelegentlichen kleinen Durststrecken wieder einen Volltreffer gelandet. Wir haben hier wirklich eine tolle Märchenoper geschenkt bekommen. M. K./G. H. (06. 06. 26)

Gelungener Fachwechsel

.Als „strahlend“, „funkelnd“ und „silbrig“ wird der Sopran der Schwedin Malin Byström bezeichnet, was ihn natürlich für Richard Strauss prädestinieren würde, weniger Erwartungen weckt ihre CD mit dem Titel German Opera Scenes and Arias, wenn man sie auch für eine „singende Schauspielerin“ hält- das abschätzen zu können, bedürfe es der Optik, die der Tonträger erwartungsgemäß vorenthält.  Auf jeden Fall ist das Programm schon einmal ein strausslastiges mit der Szene der Helena, auch als „Zweite Brautnacht“ bekannt, aus Die ägyptische Helena“,  der Schlusszene von Capriccio mit der großen Szene der Madeleine und zum Abschluss derjenigen von Salome. Dazu kommen Webers Agathe, Beethovens Leonore und Korngolds Marietta und beweisen zusätzlich, wie weit sich die vormals als lyrischer Sopran geschätzte Künstlerin ins dramatische Fach vorgewagt, wie sehr sie „die Sehnsucht nach Dramatischem“ angetrieben hat. Immerhin hat sie bereits 2018 für ihre Salome den Internationalen Opera Award errungen und ist zudem Schwedische Hofsängerin. Das Cover der neun CD allerdings zeigt sie noch elfengleich zart und mädchenhaft und damit den inzwischen abgelegten Partien verbunden.

Besonders interessant ist natürlich die Szene aus der selten gespielten Ägyptischen Helena, für die sich das für seine Vorliebe für Raritäten bekannte Opernhaus von Cagliari eingesetzt hat, die aber auch an der Deutschen Oper Berlin aufgeführt wurde. Malin Byström hat das Glück, dass die CD mit ihrer Begleitung durch das Royal Stockholm Philharmonic Orchestra unter Thomas Søndergård für ein ausgewogenes Klangbild sorgt, das Orchester zwar straussgemäß üppig wogen darf, sie aber nie zudeckt, so dass man ihre Beherrschung der Intervallsprünge bewundern darf, ebenso wie die Kaskade von Spitzentönen am Schluss und den hörbaren Wandel zwischen dem durch Zauber erlangten jungfräulichen Zustand und dem Bekenntnis zu Reife und Schuld. Natürlich ist auch für diese Sängerin die Textverständlichkeit bei den hohen Strauss-Stimmen ein Problem. Einen fein aristokratisch versnobten Anstrich gibt die Sängerin ihrer Interpretation der Capriccio-Gräfin und macht es möglich, dass der Hörer zwischen zitierter Poesie und  Selbstdarstellung zu unterscheiden vermag. Die schöne Nachdenklichkeit der Atmosphäre vermag sie perfekt zu vermitteln.  Weit gespannt ist der Bogen zwischen Zärtlichkeit, so auf „Jochanaan“, Plauderton und Ekstase, zwischen Sprechgesang und Kantilene für Salome, für die sie auch Schärfen einsetzt, für die sie unerfahren jung wie seherinnenhaft erscheint, ihren Gesang mit einem sehr schönen „Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“ krönt.

Kraftvolle Intervallsprünge, eine reife, farbige Mittellage und weitgespannte Bögen zeichnen die Leonore der Byström aus. Nun zeigt sich auch die gute Diktion, mit er sie die Partie ausstatteten, die sie hörbar machen kann, wenn die Begleitung es gestattet. Lyrischer ist natürlich die Agathe angelegt, mit einem schönen, zarten Schwellton auf „ihn“ oder „schöne“, tragfähigem Piano und sanftem, den Stimmungsumschwung andeutendem  Wechsel in den Stimmfarben. Viel Aufmerksamkeit finden die kleinen Notenwerte und Verzierungen im Lied der Marietta aus Die tote Stadt, über dem ein feiner Schimmer liegt. Das Debüt auf der Bühne stand zur Zeit der Aufnahme noch bevor, der Wechsel in ein neues Fach scheint der Sängerin gelungen zu sein (BIS 2775). Ingrid Wanja      

Neuer Stern am Counter-Himmel

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Seit ein paar Jahren sorgt der französische Countertenor Paul-Antoine Bénos-Djian mit seinen Auftritten für Schlagzeilen in den Medien. Berliner Opernfreunde erinnern sich an seine fulminante Mitwirkung in der konzertanten Aufführung von Domènech Terradellas´ Barockoper Merope in der Staatsoper 2025, im selben Jahr sang er den Farnace in Mozarts Mitridate bei den Salzburger Festspielen.

Nun erschien beim Label ALPHA-CLASSICS seine CD mit dem Titel Masques, welche Musik von Vivaldi präsentiert in einer reizvollen und abwechslungsreichen Mischung aus Vokal- und Instrumentalwerken. Für letztere ist – neben der Begleitung des Gesangssolisten – das Ensemble Café Zimmermann unter seinem Gründer, dem Geiger Pablo Valetti, zuständig. Es eröffnet das Programm mit der dreisätzigen Sinfonia in F-Dur aus Bajazet und interpretiert später noch einige Concerti (für Violine, Flöte und zwei Hörner). Das solistisch besetzte Ensemble musiziert so kultiviert wie temperamentvoll und Affekt betont.

Paul-Antoine Bénos-Djian/ Foto Laurent Laurent/Bach Kantatas

Der Solist beginnt mit der Arie des Melindo „I lacci tende più forti“ aus La verità in cimento, uraufgeführt 1720 in Venedig, in welcher der osmanische Prinz befürchtet, dass seine Geliebte seinen Halbbruder heiraten könnte, um in den adeligen Rang zu gelangen. Die Stimme ist nobel  timbriert, ausgeglichen und rund bis in die hohe Lage. Bénos-Djian stellt später noch eine Ersatzarie für diesen Titel vor („Mi vuoi tradir“). Stürmisch bewegt, steht sie für einen erregten Zustand der Figur. Die folgende Arie, „Sol da te“, stammt aus Orlando furioso (Venedig, 1727) und ist eine Liebeserklärung Ruggieros an die Zauberin Alcina. In seinem elegischen Charakter und der makellosen legato-Kultur des Interpreten ist dieser Titel ein Höhepunkt des Programms. Später erklingt noch Ruggieros Solo „Piangerò sin che l´onda“, auch diese  stellt in ihrem getragenen Duktus die Schönheit der Stimme imponierend aus. Aus den 1720er Jahren stammt die geistliche Arie „Longe mala, umbrae, terores“, welche als Introduzione zu einer Solo-Motette bestimmt war. Hier wartet der Sänger mit energischem Vortrag und stupenden Glockentönen auf. Einen effektvollen Ausklang bietet er mit der Bravourarie der aztekischen Königin Mitrena, „S´impugni la soada“, aus dem unvollständig erhaltenen Motezuma. Vivaldis Lieblingssängerin Anna Girò kreierte die Nummer 1733 in Venedig. Mit Koloraturen gespickt und von zwei Hörnern begleitet, ist sie für den Sänger ein cavallo di battaglia, und Bénos-Djian beweist das mit seinem bravourösen Feuerwerk. Die Platte wurde 2025 im belgischen Namur produziert und ist ein Vivaldi-Album der Extra-Klasse (ALPHA 1195/ 28. 05. 26)). Bernd Hoppe

Joachim Raffs „Dame Kobold“

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Im Schatten Wagners hatte es im letzten Drittel des 19 Jahrhunderts eine eigenständige deutsche, insbesondere komische Oper schwer, galten doch die häufig monströs langatmigen Meistersinger als das Maß der Dinge. Umso mehr erfreut und überrascht eine Aufnahme aus Mariánske Lázné, Marienbad, wo im Dezember 2024 im dortigen Casino der Chor des Theaters aus dem nordböhmischen Ústi nad Laben, früher Aussig, und das Marienbader West Bohemian Symphony Orchester eine 1870 in Weimar uraufgeführte Oper des Deutsch-Schweizers Joachim Raff präsentierten.

Raffs Dame Kobold bleibt bodenständig, besitzt einen eigenen leichtflüssigen Ton, der Parlando und ariose Passagen, kleine Arien und Duette elegant und schwungvoll verbindet. Das klingt natürlich ein bisschen französisch angehaucht, ein wenig nach Rossini-Mustern und vorweggenommenen Wolf-Ferrari, steht aber im Umfeld von Der Widerspenstigen Zähmung (1874) von Hermann Goetz und Hugo Wolfs Der Corregidor (1896) oder in der Folge des ebenfalls in Weimar uraufgeführten Barbier von Bagdad des Peter Cornelius ziemlich eigenständig da und verdient nicht nur wegen seiner leichten Aufführbarkeit unbedingt Aufmerksamkeit. Trotzdem war dem Stück kein Erfolg beschieden, der sich auch nach der von Brigitte Fassbaender inszenierten ersten Wiederaufnahme 2020 in Regensburg nicht einstellte. Nun also die Naxos-Aufnahme (2 CD 8.660619-20). Die Grundlage bietet die Ausgabe der Edition Nordstern von Volker Tosta, der bereits im Herbst 2022 in Weimar die Uraufführung von Raffs nachwagnerisch heroischen Oper Samson 170 Jahre nach ihrer Entstehung durch seine Edition ermöglicht hatte.

Der 1822 im schweizerischen Lachen geborene Raff war weitgehend Autodidakt. Maßgeblichen Einfluss auf seine Laufbahn als Komponist hatte Franz Liszt, dessen Assistent und Sekretär Raff nach Aufenthalten in Stuttgart, wo er in Hans von Bülow einen weiteren Förderer kennenlernte, und Hamburg ab 1849 in Weimar wurde. In Weimar wollte er seinem Traum näherkommen, als Komponist von seiner Musik leben zu können. Der Traum erfüllte sich für Raff erst in den produktiven 1870er Jahren, als er in Wiesbaden lebte, 1878 wurde er Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt, wo er vier Jahre später starb. In Weimar kam 1851 seine große heroische Oper König Alfred heraus, hier entstand der besagte Samson und in Weimar folgte 1870 schließlich die erste Aufführung der Dame Kobold. Zwei weitere komische Opern gelangten erst in unserem Jahrhundert zu Aufführung, das symphonische Werk des bedeutendsten Schweizer Komponisten des 19. Jahrhunderts ist dagegen weitgehend erschlossen. Die Anregung zu Dame Kobold stammte von Ludwig Schnorr von Carolsfeld, den sich Raff für seinen Samson gewünscht hätte. Schnorr von Carolsfeld lieferte auch ein Libretto, das sich Raff von dem Basler Gelegenheitsdichter Paul Reber modifizieren ließ. Ausgangspunkt ist die Mantel- und Degenkomödie La dama duende (Madrid 1629) des bis in die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts noch vielgespielten spanischen Shakespeare-Zeitgenossen Padro Calderón de la Barca, dessen Das Leben ein Traum, Der Richter von Zalamea und Das große Welttheater einst zum Kanon des Welttheaters gehörten. Dame Kobold wurde auch von Felix von Weingartner und später Gerhard Wimberger vertont.

Raffs Dame Kobold in Regensburg 2020/Szene/Foto Martin Siegmund – dazu eine Rezension im Bayerischen Rundfunk.

Raff hat die drei Akte mit Behändigkeit eines virtuosen Verwechslungsspiels komponiert, die Dirigent Dario Salvi und das West Bohemian Symphony Orchestra so lustvoll ausspielen, dass die 110 Minuten rasch vergehen. Im Mittelpunkt stehen Donna Angela, die als Witwe zurückgezogen im Haus ihres Bruder Don Juan lebt und den Umgang mit fremden Männern meidet, sowie Don Manuel, der Quartier im Haus eines Freunde Don Juan bezieht und irgendwie in den Bann der geisternden Witwe gerät. Das ausführliche Duett Don Manuels mit seinem Diener Rodrigo zu Beginn des zweiten Aktes ist ebenso reizvoll wie das Duett der Donna Angela mit ihrer Dienerin Beatrice im ersten Akt (Nun Beatrice?), die Szene der Männer ist aber besonders pikant, da sie sich durch die heimlich im Alkoven auftauchenden Angela zum Terzett weitet.

Der Komponist Joachim Raff/ Schweizerische Joaschim Raff Gesellschaft

Es gibt zahlreiche solcher szenisch wie musikalisch reizvoller Szenen, darunter das Trio Don Juan, Don Manuel und Rodrigo oder das Trio von Don Juan, seiner Schwester und Don Manuel, aber alle Nummern sind kurz und bündig, gleiten von Sprechgesang ins Ariose, eine Ausnahme stellt Angelas ausführlichere Szene und Arie Soll ich mein Glück, mein Leben dar. Das Gegenstück ist Manuels Romanze Sei mir gegrüßt, dämonisches Haus, die der Däne Gustav Wenzel Most auf ideale Weise mit erfreulicher tenoraler Wendigkeit, zarten Piani und edler Innigkeit singt, Lukas Krimmel gibt seinen Diener Rodrigo mit jugendlich kernigem Bass ein Gesicht, die Sopranistinnen Lara Rieken als Angela und Julia Surushkina als Beatrice klingen etwas spitz, doch die Primadonna singt mit gutem Ausdruck und die Zofe besitzt den Spielwitz und die quecksilbrige Singlaune aller Kammerkätzchen. Matthias Lika sorgt mit festem Kavaliersbariton dafür, dass im Haus des Don Juan die Dinge nach den Geistererscheinungen wieder in Ordnung kommen: Die Lerche schlägt, der Tag erwacht! Vorüber ist die bange Nacht! Und Geisterspuk und Zauberlist wird von der Sonne weggeküsst!   Rolf Fath

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Foto oben: Raffs „Dame Kobold“ am Theater Regensburg 2020/Ausschnitt/Szene/Foto Martin Siegmund – dazu eine Rezension im Bayerischen Rundfunk.

 

 

Tosti & Kollegen am Hofe Victorias

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Geschickt zunutze gemacht haben sich der polnische Bassbariton Stanislaw Daniel Kotlinski und seine drei Musiker die Tatsache, dass der italienische Komponist Paolo Tosti, dessen von der Königin Victoria verliehenen Adelstitel sie bewusst auf dem Cover ihrer CD präsentieren, lange Zeit und innig mit der britischen Königsfamilie verbunden war. Das möchten sie offensichtlich auch sein oder werden und widmeten ihre CD mit Canzonen des Komponisten der Königin Elizabeth II., denn 2022 zur Zeit der Aufnahme lebte sie noch und konnte ihre 70 Jahre Königinnendasein feiern. Ihr und anderen hohen Persönlichkeiten wurde je ein Exemplar der ursprünglichen CD zugeschickt, später erhielten auch Charles III. und der Prince of Wales Kopien. Nun ist eine mit einem informationsreichen Booklet versehene Ausgabe erschienen, das auch zahlreiche Fotos von Tosti und mit ihm befreundeten Künstlern wie Enrico Caruso oder Gabriele D‘Annunzio enthält.

Es geht ausschließlich um in England A komponierte Canzonen, zu denen einige der bekanntesten Tostis gehören, so Marechiare oder ` A Vucchella, die einzelnen Blöcke werden von Orchestermusik von Giuseppe Verdi, Frank Bridge und Gaetano Braga unterbrochen. Violine, Cello und Klavier , auch teilweise nur letzteres bilden die Begleitung zum Gesang. Besonders das letzte Stück, Bragas Angel’s Serenade  ist ein den Ohren schmeichelndes und das Herz erwärmendes, sehr angenehm zu hören wie auch der Walzer von Verdi, den man sich auch am Hofe des Duca di Mantova vorstellen könnte.

Im größten Teil der Canzonen geht es um verratene Liebe und Eifersucht, um Gefühle, die sich bis zur Todessehnsucht steigern können. Man erwartet an sich eine junge, eher helle Stimme, einen Tenor à la Giuseppe Di Stefano, einen Salon-Neapolitaner mit viel und genussvoll ausgestelltem Schmelz in der Stimme. Die Stimme von Stanislaw Daniel Kotlinski ist sehr dunkel, reif und recht herb, bereits beim Hören von Non t’amo più möchte man ihm begütigend auf die Schulter klopfen und zur Vernunft mahnen. Sehr schön hervorgehoben wird das „ideal“, und im folgenden Sogno wird der Kontrast zwischen Traum und Realität schön hervorgehoben. Weniger gut getroffen wird dann das „dolcissimo vagar“, und eher weinerlich als tragisch klingt es in Tormento.

Es gibt nicht nur italienische Canzoni, sondern auch französische Chansons, so auf einen Text von Alfred de Musset, oder das Chanson de la Adieu, zu denen das Timbre gut passt, immer wieder sorgen die Streicher, so in Tristezza, für viel Schmelz. Recht markig wird in „Donna, vorrei morir“ um mehr „calma“ gefleht, viel   in der Stimmung wird mit Vorrei morire vermittelt, und Malia wartet mit viel „erbezza“ in der Stimme auf. Mehr Leichtigkeit, mehr Charme würde man von `A vucchella erwarten,  die doch recht schwergängig daher kommt,  ebenso wie das berühmte Marechiare. Ohne Fehl und Tadel und durchaus Italianità verbreitend musizieren Simon Zhu (Geige), Maciej Kulakowski (Cello) und Marco Balderi (Klavier) (Da Vinci Cassics CO1087). Ingrid Wanja

Tour de Force

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Nicht mit halben Sachen begnügen mag sich der Sopran Sondra Radvanovsky, spielte sie doch 2022 gleich alle drei Königinnen Donizettis ein und ließ diesen nun 2025 so gut wie alle Puccini Heroines  folgen, ausgenommen nur  Liù und Giorgetta aus Il Tabarro , erstere wohl, weil sie allzu weit entfernt von den Anforderungen an die Stimme im Vergleich zur das Konzert beendenden Turandot ist, letztere vielleicht wegen des Fehlens einer populären Arie.

Erstaunlich ist dann allerdings, wie es die Sängerin schafft, nach dem hochdramatischen Auftrittslied der chinesischen Prinzessin als Zugabe, denn es handelt sich um den Mitschnitt eines Konzerts in Chicago, die vokal leichtgewichtige Musetta ihr Walzerlied trällern und  die ebenfalls sehr lyrische Lauretta ihr „O mio babbo caro“ flehen zu lassen.

Debütiert hat die Radvanovsky vor ungefähr dreißig Jahren mit der Mimi, zunächst bildeten der Belcanto und Verdi Schwerpunkte ihrer Karriere, 2023 war sie an der Seite von Jonas Kaufmann Turandot, die künstlerische Heimstatt war neben vielen Gastspielen ihre Geburtsstadt Chicago, wo auch die nun vorliegende Aufnahme mit Enrique  Mazzola am Dirigentenpult entstand.

Um der Sängerin immer wieder Erholungspausen zu gönnen, gibt es neben den Arien , falls vorhanden, Vor- und Zwischenspiele, und es beginnt gleich mit dem Preludio zu dem Erstling Puccinis, Le Villi, aus dem die Arie der Anna folgt, der die Sängerin eine dunkel grundierte Mittellage und eine strahlende Höhe angedeihen lässt, weniger mädchenhaft rein und unerfahren als den Stürmen des Lebens bereits ausgeliefert klingend. Ebenfalls bereits der Partie entwachsen ist der Sopran, was die Bohéme-Mimi im ersten Akt betrifft, für die man sich mehr dolcezza wünscht, die sich Verspieltes erkämpft und in der Höhe recht schneidend erscheint. Eine emphatisch klingende Tosca mit schönem hohem B und einem beeindruckenden Aufschrei auf „Signor“ schließt sich an, auch Butterfly mit ihren hohen Ansprüchen an die Mittellage, mit schöner mezza voce zu Beginn ihres „Un bel di“ und beeindruckenden Schwelltönen entspricht dem Entwicklungsstand der Stimme. La Fanciulla del West lässt das kurze „Laggiù nel Soledad“ zwischen Robustheit und Zartheit mit seinem hohen C ertönen, während die Magda aus La Rondine den „Sogno di Doretta“ elegant und voller Wärme erblühen, eine wissende Stimme vernehmen lässt.

Aus Manon Lescaut wählte die Sängerin wohl mit Bedacht die letzte Arie, stellt geschickt den Gegensatz zwischen dem erhofften „asil di pace“ und dem verzweifelten „non voglio morir“ heraus. Verhangen, nur im Aufschrei sich aufhellend, singt Suor Angelica ihren Abschied von der Welt, sehr dunkel, vor allem wenn man bedenkt, dass es noch eine Mezzopartie in Edgar gibt, klingt die Fidelia.

Wirklich angelangt ist die Stimme in der Partie der Turandot, in deren „In questa reggia“ der dramatische Sopran mit tragischem Unterton nichts erzwungen, alles natürlich erscheinen lässt. Nicht jede Sängerin wäre danach in der Lage gewesen, noch eine Musetta und eine Lauretta zu Wort konmen zu lassen.  Für Enrique Mazzola ist das Konzert natürlich ein Heimspiel und das Orchester der Lyric Opera of Chicago natürlich ein versierter Begleiter (PTC 5187 491). Ingrid Wanja 

 

 

 

Tralala

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Auf den ersten Blick könnte man die Straßensängerin und Blumenverkäuferin Sonja für Eliza Doolittles Cousine halten. Doch während diese unwissentlich in das linguistische Experiment zweier ältlicher Freunde gerät und sich zu einer Fair Lady mausert, lässt sich die Protagonistin der Operette, die Leo Fall 1922 auf ein heiteres Libretto von Lo Portem und August Neidhart komponierte, ganz bewusst als Gegenstand einer Wette gebrauchen: Der amerikanische Millionär Brown will seine Tochter Mabel aus finanziellen Gründen mit dem Erfinder Mr. George verheiraten; diese hat aber ein Auge auf Georges Sekretär geworfen und will sich nur fügen, wenn ihr offizieller Verlobter ein x-beliebiges Straßenmädchen binnen dreier Wochen in eine »interessante Frau« umwandeln kann. Eine köstliche, »einFallsreiche« Musik begleitet das muntere, mit volkstümlichen Redensarten gespickte Treiben, dessen augenzwinkerndes Happy End die Vorzeichen der ursprünglichen Wette umkehrt … (mit Mirjam Neururer, Nora Lentner, Shin Taniguchi, Joshua Whitener, Andreas Rainer, Chor der Musikalischen Komödie Leipzig, Orchester der Musikalischen Komödie Leipzig, Tobias Engeli; CPO 11964790. Aufnahmejahr ca.: 2024/Quelle cpo).

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Nun sind Neuerscheinungen gerne auch mal ein gemischtes Glück, so auch hier. Bei allem Verdienst um Ersteinspielungen und Entdeckungen. Diese Wiedergabe findet nicht wirklich leuchtende Augen, wie auch Kollege Matthias Käther in seiner akustischen Kritik bei Radio 3 vom RBB am 15. 05. 2026 fand. Hier seine Einschätzung.

 

 

 

 

Gemischtwaren

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Als ihre zweite Heimat sieht die norwegische Sopranistin Lise Davidsen die New Yorker MET an und akzeptierte deswegen 2023 gern das Angebot von General Manager Peter Gelb von einem Soloabend gemeinsam mit dem Pianisten James Baillieu, der nun von DECCA auf den Markt gebracht worden ist. Die Sängerin ist dem New Yorker Publikum vor allem als Wagner- und Strauss-Sängerin bekannt, hat aber auch das italienische Repertoire und Tschaikowsky hier gesungen, wird von vielen Opernfreunden als eine Nachfolgerin von Birgit Nilsson und Kirsten Flagstad wegen ihrer skandinawischen Herkunft und wegen ihres Repertoires angesehen. Auch bei ihrem Konzert musste das Publikum sich auf Deutsches und Italienisches einstellen, dazu noch auf Liedgut in Finnlandschwedisch (Sibelius) und Norwegisch (Grieg). Allein ein auch besonders heftig akklamierter Titel war in der Muttersprache der Zuhörer: Elizas „I could have danced all night“ aus My Fair Lady. Dass die Sängerin da auch noch eins ihrer berühmten hohen Cs einschob, rief natürlich besondere Begeisterungsstürme hervor.

Begonnen hatte Lise Davidsen mit Toscas „Vissi d’arte“ in weicher, runder Mittellage, viel Metall in der Höhe einem schneidenden B als verzweifeltem Aufschrei, Amelias „Morrò ma prima.“.profitiert von der reichen Mittellage, ist eher ein Fordern als ein Flehen mit schöner Fermate, weit gespannten Bogen, und nur ein Quäntchen mehr dolcezza würde man sich wünschen. Wie auch bei den anderen Opernarien fällt die Zurückhaltung des Klaviers auf, das weit davon entfernt ist, ein Orchester annähernd zu ersetzen.

Auch für die Lieder von Richard Strauss hätte man sich als Begleitung für eine so reiche Stimme ein Orchester gewünscht. In Zueignung imponiert deren schönes Schimmern, in Allerseelen ihr sehnsuchtsvolles, abwechslungsreiches „wie einst im Mai“, und manchmal triumphiert die Opernsängerin über die Liedgestalterin. Strahlend scheint die Sonne in Morgen, fein verharrend im Piano und in schöner Schlichtheit.

Von Franz Schubert singt die Norwegerin Gretchen am Spinnrad und weiß dem Hörer das Schicksal der Verlassenen nahe zu bringen, verharrend in schöner Schlichtheit und ganz ohne Opernallüren. Allerseelen ist erfüllt von erhabener Feierlichkeit.

Ohne Text bleibt natürlich Sibelius‘ Liedschaffen ein auf die Freude an perfekter Stimmbeherrschung und Reichtum an Nuancen beschränktes Vergnügen. Das gilt auch für Grieg, der ganz am Schluss steht und auch die Zugabe beiträgt.

Davor gibt es noch drei Highlights mit „Heia, heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ aus Kálmáns Csárdásfürstin, das das Publikum zum rhythmischen Klatschen animiert, genussvoll „Ungarisches“ ausmalend und doch eine Spur zu kühl bleibend. Ein zusätzliches hohes C wird der Fair Lady in „I could have danced all night“ zugestanden, das Wallegewand der Solistin passt allerdings eher zur Elisabeth, deren Hallenarie mit mädchenhafter Wärme und kraftvollen Höhen gesungen das Publikum besonders begeistert.

Klarheit und Reinheit zeichnen die Darbietung von Griegs Liedern, die am Schluss stehen und auch die Zugabe liefern, aus.

Ein schönes Sängerportrait, das beweist, dass in einer gestandenen Wagnersängerin noch viele andere Gestaltungsmöglichkeiten verborgen sein können (DECCA 487 0691). Ingrid Wanja    

Antizipatorische Moderne

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So verdienstvoll es ist, dass Naxos nun „legendäre“ Aufnahmen der Plattenfirma VOX wieder herausbringt, fallen doch allzu deutlich Probleme ins Auge – auf die schon Geerd Heinsen an dieser Stelle hingewiesen hat: Zum einen erfolgt die Veröffentlichung ausschließlich in digitaler Form – als Stream. Streaming, also elektronischer Download auf das Smartphone, einen PC oder Laptop (nicht gerade die üblichen Abspielgeräte von Klassik-Liebhabern!), schränkt die Nutzung und Käuferzahlen ziemlich sicher ein.

Und ob unter jüngeren Klassik-Freunden überhaupt solche sind, die sich z. B. für Jascha Horenstein interessieren, sei bezweifelt. Zum anderen aber bekommt der Kunde (und auch der Rezensent!) keine Detailinformationen, kein Booklet mehr in die Hände, sondern nur das Titelblatt eines Covers. Die Stücke und Urheber sind immerhin auffindbar, doch die einzelnen Sätze der Symphonien, die Laufzeiten der Werke und vor allem die Aufnahmedaten kann man sich nur sehr umständlich besorgen. Das schmälert den Gewinn der Aktion deutlich. Und überhaupt: Eigentlich möchte man seine Musikschätze garnicht von einem Computer oder Telefon  abspielen!

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Die Wiederveröffentlichung einiger Beethoven-Symphonien mit dem Dirigenten Jascha Horenstein (1898-1973) ist erfreulich, weil sie unsere Kenntnis seiner Arbeit erweitern oder bereichern kann. Horenstein gehörte zu den Dirigenten des 20. Jahrhunderts, die ihrer Bedeutung und ihrem Einfluss auf die musikalische Interpretation gemäß nicht genügend gewürdigt wurden. Im Bewusstsein heutiger Hörergenerationen dürften sie nur noch eine geringe Rolle spielen. Außerdem fragt man sich: Wer hatte schon die Gelegenheit, Horenstein, den vergleichsweise früh gestorbenen Dirigenten noch selbst zu erleben.

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Jascha Horenstein war nie Exklusivkünstler eines bestimmten Plattenlabels. Seine Diskographie ist umfangreich, aber auch verwirrend. Er war früh ein Pionier von Aufnahmen klassischer Musik. Seine ersten Schallplattenproduktionen entstanden 1928/29 – darunter Bruckners Siebte mit den Berliner Philharmonikern als erste Einspielung einer kompletten Bruckner-Symphonie, aufgenommen mit elektrischen Mikrophonen. In den 1950er-Jahren nahm Horenstein für die Firma VOX vor allem symphonische Werke mit den Wiener Symphonikern auf. Das Orchester musste sich allerdings aus rechtlichen Gründen „Pro Musica Orchester“ nennen. In den 1960er-Jahren entstanden für RCA/Readers Digest Produktionen. 1969 bis 1973 erschienen Horensteins Aufnahmen mit verschiedenen Orchestern bei Unicorn, EMI und weiteren Labels, später als CD auch bei Chandos, Music and Arts und anderen. Helge Grünewald

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Horensteins Repertoire war breit gestreut. Er nahm mit unterschiedlichen Orchestern Werke des 18., 19. und 20. Jahrhunderts auf – von Bach (Brandenburgische Konzerte, erste Einspielung auf alten Instrumenten!), Bartók, Beethoven (vor allem die Symphonien), Berlioz, Brahms, Bruckner (Symphonien 3, 5, 7 bis 9), Haydn, Mozart, Tschaikowsky – um nur die wichtigsten zu nennen. Musik des 20. Jh. war z. B. mit Busoni, Janáček, Nielsen und Schostakowitsch vertreten. Nicht zu vergessen Gustav Mahler, mit dessen Werk sich Horenstein immer wieder befasste. Er dirigierte die Symphonien Nr. 1, 3, 4, 6 bis 9 sowie das Lied von der Erde. Dabei dürften die Einspielungen der Dritten (London Symphony Orchestra) und Sechsten Symphonie (Stockholmer Philharmoniker) als exemplarisch gelten. Horenstein widmete sich engagiert der Zweiten Wiener Schule, nahm Kompositionen von Alban Berg und Arnold Schönberg (Verklärte Nacht, Kammersymphonie Nr. 1) in immer noch herausragenden Interpretationen auf.

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Das Problem der vorliegenden Wiederveröffentlichungen ist der Klang, den die Aufnahmen vermitteln. Hier spielt kein nur mittelmäßiges Orchester spielt – das waren die Wiener Symphoniker wahrlich nicht –, sondern wird die Leistung des Orchesters akustisch nicht angemessen präsentiert. Man fragt sich, wie die originalen Bänder und die ersten Veröffentlichungen auf Platte geklungen haben. Der Klang lässt hörbar zu wünschen übrig – einmal mehr, einmal weniger. Vor allem im Forte und Fortissimo wird es problematisch: Es klingt undeutlich, pauschal, schroff, der Klang brodelt und blubbert. Die Pauke hört man dumpf, die hellen Streicher klingen unsauber.

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Horensteins Beethoven-Interpretationen sind, wie man anhand der Wiener Aufnahmen aus den 1950er-Jahren lernen kann, in mancher Hinsicht die Antizipation dessen, was einige Jahre später die „historische“ – oder dann „historisch informiert“ genannte – Aufführungspraxis brachte. Insgesamt bevorzugt der Dirigent eher zügige, bis rasche Tempi, setzt auf ein schlankes, schlackenfreies, rhythmisch sehr nuanciertes Musizieren. Manchmal neigt er auch dazu, die Pauke überakzentuiert spielen zu lassen. Beethovens Dritte ist für Horensteins Stil ein gutes Beispiel. Der Kopfsatz setzt schlagartig, schroff ein, wird zügig genommen. Leider wird die Exposition nicht wiederholt, was oft praktiziert wird, aber im Fall gerade der „Eroica“ die Balance stört. Der Trauermarsch ist sehr gemessen, langsam schreitend.

Anders als bei Furtwängler fehlt ihm aber die große Spannung, ja auch Dramatik, das Moment des Unerbittlichen. – Die Fünfte Symphonie hört man überwiegend Allegro, frei von falschem Pathos. Der Sechsten („Pastorale“) fehlt ein wenig das Besondere, die Individualität, auch der Charme. Der Kopfsatz entwickelt sich munter fließend. Im zweiten Satz dominiert ein leichtes Drängen; das Liebliche, ja titelgebende pastorale Element wird eher zurückhaltend, vorsichtig gezeichnet. Der „Sturm“ schlägt zu harmlos zu, Blitz und Donner fahren nicht heftig drein wie bei (vgl. nur Furtwängler oder Toscanini). Im Finale schließlich vermeidet Horenstein die Emotion, die nicht mit Sentimentalität zu verwechseln ist. Der Klang ist bescheiden, die Balance mittelmäßig.

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Schließlich die Neunte Symphonie. Der Kopfsatz beginnt nicht geheimnisvoll, schwebend, sondern entfaltet sich kraftvoll und energisch. Hier fällt jedoch besonders positiv auf, wieviel Aufmerksamkeit Horenstein der Faktur der Musik widmet. Stimmen, Themen, Details sind stets überaus deutlich zu hören. Das dem munteren Presto folgende, ausgedehnte Adagio fließt langsam, wird aber nicht schleppend oder schwer genommen. Am spannendsten inszeniert Horenstein das Finale – vom dramatischen Beginn an bis zum furiosen Schluss. Die vokalen Kräfte – das eindrucksvolle Solistenquartett mit Wilma Lipp, Elisabeth Hoengen, Julius Patzak und Otto Wiener sowie der Chor des Wiener Musikvereins – sind weitgehend präsent, wenn auch nicht durchgehend klar hörbar (das gilt besonders für den Chor). Gesungen wird erfreulich deutlich.

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Dass die ausgewählten Beethoven- Ouvertüren keine Nebensachen, sondern „ernste“ Orchestermusiken sind, die den Symphonien an Bedeutung nicht nachstehen, erfährt man an Horensteins Interpretationen gut. Am meisten gelungen erschienen mir Die Weihe des Hauses (erst zeremoniell und feierlich, dann freudig und bewegt) und Die Geschöpfe des Prometheus (sehr temperamentvoll). Der Ouvertüre zu Coriolan fehlt es an innerer Dramatik (man erinnere sich  nur, wie Wilhelm Furtwängler oder Carlos Kleiber das mit den Berliner Philharmonikern in Szene setzen konnten). Die Egmont-Ouvertüre ist, vor allem gemessen am Sujet bei aller Strenge und Bewegtheit doch etwas unterakzentuiert. Für die dritte Leonoren-Ouvertüre werben Orchester und Dirigent dagegen sehr eindrücklich.

Schade, dass nur die vorliegenden vier Symphonien wieder veröffentlicht wurden. Man hätte doch zu gerne (neu oder wieder) gehört, wie Jascha Horenstein z. B. mit den oft unterschätzten Symphonien Nr. 2 oder Nr. 4 oder der stark rhythmisch geprägten Siebten Symphonie umging. Helge Grünewald

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Ausgewählte Diskographie/Quelle

Jascha Horenstein. A CD Discography, by Donald Clarke (2004)

Jascha Horenstein Discography, by Deryk Barker (Version 2012)

Jaschaq Horenstein: Resistance and Exile/Holocaust Music

 

 

Geballter Ritt durch die Nacht

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Eine Edition von Aufnahmen des Erlkönigs von Goethe in verschiedenen Vertonungen dürfte es bisher noch nicht gegeben haben. Allenfalls finden sich vergleichend die Fassungen von Franz Schubert und Carl Loewe beieinander, weil sie sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Einzeln ist die Komposition Schuberts mit dem höchsten Bekanntheitsgrad unzählige Male eingespielt worden – und zwar in allen Stimmlagen. Von manchen Sängern wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Hermann Prey mehrfach. Es gibt diverse Bearbeitungen – meist nicht zum Vorteil des Originals. Sogar mit verteilten Rollen wurde die Ballade gesungen. Orchesterfassungen besorgten Franz Liszt, Max Reger und Hector Berlioz. Bei Loewe findet sich der Erlkönig, den Hans Pfitzner mit Orchesterstimmen versah, als Teil von Opus 1- sozusagen als Versprechen auf sein gesamtes künftigen Balladenschaffen, das den Mittelpunkt seines Werkes bildet.
Écoutez records hat derer 13 produziert (LC 100602). Der Bariton Johannes Held wird von Dorina Tchakarova begleitet, die dabei nach eigenen Angaben drei verschiedene Klaviere benutzt, um unterschiedliche Stimmungen zu verdeutlichen. Selbst der Laie kann das hören. Bei einer Spieldauer von knapp sechzig Minuten hätte die Kapazität der CD noch mehr Platz geboten. LiederNet Archive, das durch Spenden unterstützte Web-Archiv für Kunstlieder und Chortexte, listet mehr als fünfundzwanzig Titel auf. Obwohl auch die Pianistin reichlich fündig wurde, bestand der Sänger auf 13, „weil die Zahl so schön symbolträchtig ist“, lässt er im Booklet verlauten. Die Dreizehn ist eine ungerade Primzahl. Sie kann je nach Kultur und Legende Glück oder Unglück verheißen. Nur die sprichwörtliche Uhr kann dreizehn schlagen, die echte nicht, wodurch Überraschung zum Ausdruck gebracht werden sollen. Überraschend ist auch die musikalische Fülle der ambitionierten Neuerscheinung. Gleich der Beginn der Trackliste lässt aufhorchen. Ein Erlkönig von Ludwig van Beethoven? Dabei handelt es sich um ein Fragment. „Von Beethoven ist nur die Melodie und das Begleitmotiv“, klärt die Pianistin auf. Wie weiter zu erfahren ist, hat der Dresdener Komponist Reinhold Becker das Lied erst 1897 vollendet und sich dabei offenbar von Schuberts Intensität inspirieren lassen. Neben Schubert, Loewe und Beethoven finden sich Carl Blum (1786-1844), Émile Mathieu (1844 -1932), Carl Friedrich Zelter (1758 -1832), Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), Louis Spohr (1784-1859), Carl Czerny (1791-1857) und Louis Schlottmann, dessen Geburts- und Sterbejahr auf dem Cover (1810-1872) nicht mit den Daten übereinstimmen, die das Netz hergibt (1826 – 1905). Als einziger zeitgenössischer Komponist ist Stefan Schulzki berücksichtigt, der vor allem durch seine Filmmusik bekannt geworden ist. Und dass die einzig nachweisbaren Erlkönig-Komponistinnen Emilie Mayer (1812-1883) und Corona Schröter (1751-1802) vertreten sind, versteht sich heutzutage von selbst. Die Vertonungen von Schröter und Reichardt begleitet Neo Gundermann mit der romantischen Gitarre, während die Geigerin Victoria Wong beim Erlkönig von Spohr den Klavierpart wirkungsvoll verstärkt. Abgerundet wird das CD-Programm mit dem ebenfalls von Held gesprochenen Original Goethes.
Wer die Ballade auswendig weiß, ist bei dieser CD klar im Vorteil. Die Vertonungen sind in ihrer Unterschiedlichkeit schneller und genauer zu erfassen. Man weiß genau, was als nächstes kommt und darf also gespannt sein, wie ein Komponist diese oder jene Stelle musikalisch umsetzt. Schnell sind natürlich auch eigene Bevorzugungen ausgemacht. Wenn nach Goethes Freund Zelter, der seine Vertonung im gesetzten Alter von Fünfzig schuf, der achtzehnjährige  Schubert den Vater mit dem ächzenden Kind auf des Pferdes Rücken durch die Nacht rasen lässt, ist schnell klar, warum diese Komposition, die an nur einem Tag entstand, ein Geniestreich ist. Trotzdem stellt sich in keinem Moment der Eindruck ein, dass die Komponisten gegeneinander ausgespielt oder in einen Wettbewerb um das beste Ergebnis geschickt werden sollen. Johannes Held und seine flexiblen Begleiter widmen sich den einzelnen Titeln mit ein und derselben Hingabe. Es ist auch Entdeckerfreude dabei. Dennoch teilt er seinen Hörern sogar schriftlich mit, dass seine „Lieblingsversion“ von Loewe stammt. Sie „geht einfach los, kommt aus dem Nichts und ist wahnsinnig kühn komponiert“. Im Booklet ist zudem vermerkt, dass die Aufnahmesitzungen im Juli 2025 im Berliner Pianosalon Christophori stattfanden – also nicht an einem einzigen Tag, was man sich auch nicht vorstellen kann. Dafür sind Stile und Formsprachen zu unterschiedlichen. Die einzige Gemeinsamkeit ist nun mal der Text, den Held sehr wortverständlich vermittelt. Sein flexibler Bariton ist dem Projekt besonders zuträglich. Diese Stimmlage zahlt sich ebenfalls bei Stefan Schulzki aus, der in der Trackliste um drei Jahre älter gemacht wird. Wikipedia und andere Quellen geben sein Geburtsjahr mit 1970 an. Auch er lässt Goethe unangetastet. Seine Fassung, die mit fünf Minuten zu den längeren in der CD-Sammlung gehört, klingt dennoch besonders frei nach Art einer Fantasie über das Erlkönig-Thema, welches plötzlich bedrohliche nahe kommt. Rüdiger Winter

Ehrung eines Vernachlässigten

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Lortzing 26 in Leipzig: Leipzig ehrt Albert Lortzing zu seinem 225. Geburtstag und 175. Todestag mit einem zehntägigen Festival. Obwohl 1801 in Berlin geboren, wo er 1851 auch verarmt starb, ist der Komponist doch ein Sohn der Stadt an der Pleiße. Hier lebte und arbeitete er die meiste Zeit seines Lebens als Sänger und Schauspieler am Stadttheater; hier wurden nicht weniger als acht seiner Opern uraufgeführt. Die beiden in Leipzig neu gezeigten Werke  – das eine populär, das andere gänzlich unbekannt – zählen nicht dazu.

Albert Lortzing/Wikipedia

Die komische Oper Der Waffenschmied, 1846 im Theater an der Wien uraufgeführt, eröffnete am 24. 4. 2026 in der Musikalischen Komödie das Festspielprogramm. Der Spieloper um den Grafen von Liebenau, der sich aus Liebe zu Marie, Tochter des Waffenschmiedes Stadinger, bei diesem unter dem Namen Konrad als Geselle verdingt, wird biedermeierliche Behäbigkeit nachgesagt. Regisseurin Sonja Trebes versucht, diesen Ruf zu entkräften und rückt das Stück in die Nähe einer Revue, indem sie mehrere Musiknummern mit Balletteinlagen von zweifelhaftem Geschmack garniert. In der biederen Choreografie von Mirko Mahr tummeln sich Matrosen, Piraten und Girls in Pailletten, Strass und Federboas (Kostüme: Uta Meenen), ohne dass ihre Darbietungen irgendeinen Bezug zur Handlung hätten. Ein weiterer seltsamer Regie-Einfall ist der  von Anfang bis zum Ende herumgeisternde und mit dem Schwert fuchtelnde Ritter in silberner Rüstung und rotem Federbusch. Trebes hat die Dialoge neu geschrieben und das Geschehen damit in die jüngere Vergangenheit und sogar die Gegenwart geholt. Da werden Mobiltelefone mit langen Antennen genutzt, werden aus dem Kofferradio Titel von Henry Mancini und Nino Rastelli eingespielt, soll Stadingers Firma am Ende von Investoren übernommen werden. Das weckte gerade beim Leipziger Publikum traurige Erinnerungen an die Wendezeit mit den Betriebsschließungen und der drohenden Arbeitslosigkeit. Da wird Stadingers populäres Lied „Auch ich war ein Jüngling“ zu einem berührenden Moment, wenn er alle Lichter im Raum löscht, sein Gesang immer verhaltener, introvertierter wird und der Text mit seinem Appell an die Menschlichkeit und das Ende des Kapitals leider eine Utopie beschwört. Uwe Schenker-Primus singt die Nummer mit schöner Schlichtheit, dabei warmem und sonorem Bass von angemessener Fülle.

Albert Lortzing: „Der Waffenschmied“ an der Musikalischen Komödie Leipzig/Szene/Foto Kirsten Nijhof

Die Szene wäre für die Aufführung ein stimmiges, zum Nachsinnen animierendes Ende gewesen, denn danach folgte ein mehr als verworrenes Finale mit einer Schar von Investoren in Bauhelmen, angeführt von Liebenau, dessen einstiger Diener Georg nun als sein Chauffeur fungiert, dem Einsatz der Abrissbirne, dem über den Boden kriechenden Ritter und der emanzipierten Marie, die als Chefin die Firma übernimmt.

Neben Schenker-Primus ist auch die übrige Besetzung sehr erfreulich. Elissa Huber ist eine energische, selbstbewusste  Marie von burschikoser Erscheinung mit substanzreichem Sopran. Ihre bekannte Arie „Wir armen, armen Mädchen“ singt sie mit Nachdruck und Entschlossenheit. Martin Häßler als Graf von Liebenau/Konrad gefällt mit jugendlicher Optik und angenehmem Kavaliersbariton. Sven Hjörleifsson als sein Diener Georg bedient trefflich den Part des Tenorbuffos und hat mit „Man wird ja einmal nur geboren“ und „Wie herrlich ist´s im Grünen“ zwei Schlager der Oper zu singen. Ein anderer ist Maries Erzieherin Irmentraut zugedacht: „Welt, du kannst mir nicht gefallen“. Kathrin Göring serviert ihn mit starker Präsenz, Ironie und hellem, klangvollem Mezzo.

Albert Lortzing: „Undine“ an der Oper Leipzig/Foto Kirsten Nijhof

Dem Chor fallen zentrale Szenen zu, die der Chor der Musikalischen Komödie in der Einstudierung von Mathias Drechsler mit vokalem Engagement und Spielfreude wahrnimmt. Gleich in der Eingangsszene müssen die Choristen in Blaumännern und Lederschürzen als streikende Werkarbeiter im weißen Werkstattraum (Bühne: Dirk Becker) agieren – eine Novität in der Geschichte der Operngattung. Michael Nündel am Pult des Orchesters der Musikalischen Komödie setzt auf ein flottes Tempo, federnde Leichtigkeit und Transparenz, so dass die Sänger nie in Verlegenheit kommen und die bei Lortzing so wichtigen Ensembles zu gebührender Wirkung kommen. Eines davon hat die Regisseurin gekonnt inszeniert, indem sie jeder Figur einen eigenen Bewegungsduktus verordnete und damit an legendäre Rossini-Interpretationen erinnerte. Die Premiere endete im wohlwollendem Publikumsbeifall.

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Albert Lortzing: „Regina“ an der Oper Leipzig“/Szene/Foto Tom Schulze

Am nächsten Abend kam im Opernhaus Lortzings letzte Oper Regina zur Premiere. Er selbst hat eine Aufführung nie erlebt, und auch später wurde das Werk fast nie gezeigt. Erst 1998 erfolgte (in Gelsenkirchen) die erste szenische Aufführung. Auch dieses Stück beginnt mit einem Streik – dem der Arbeiter in Simons Fabrik. Dessen Tochter Regina wird vom Vorarbeiter Richard geliebt, aber auch vom politisch radikalen Werkmeister Stephan, der Regina entführt und am Ende von ihr erschossen wird. Unter dem Jubel der Menge kehrt sie in ihr wohlsituiertes Milieu zurück.

Albert Lortzing: „Zar und Zimmermermann“ an der Oper Leipzig/Foto Tom Schulze

Regisseur Bernd Mottl zeigt zur Ouvertüre pantomimisch eine Vorgeschichte, in der Regina von dem kommunistisch gesinnten Stephan im roten T-Shirt mit dem Porträt von Karl Marx als Aufdruck (Kostüme: Alfred Mayerhofer) einen Heiratsantrag bekommt und auch akzeptiert. Seine Verhaftung setzt beider Beziehung ein jähes Ende. Im Bühnenbild von Friedrich Eggert führt der 1. Akt in einen noblen holzgetäfelten Raum mit Schreibtisch, Lüster und einer Ahnengalerie. Hier setzen die Arbeiter in blau/gelber Kleidung mit „Wir wollen nicht!“ und Transparenten ein Zeichen des Protestes gegen ungerechte Arbeitsbedingungen. Der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler de Lint) singt klangvoll und mit hohem szenischem Einsatz. Constantin Trinks setzt mit dem Gewandhausorchester erfolgreich auf eine stimmige Verbindung von Elementen des Singspiels und der großen heroischen Freiheitsoper.

Albert Lortzing Feier 1901; Museum im Schloss Bad Pyrmont/Inventarnummer P3965

Unausgewogen ist die Besetzung, die Mathias Hausmann als Stephan anführt. Sein viriler Bariton setzt die stärksten Akzente des Abends, während Andreas Hermann als sein Gegenspieler Richard mit gequält klingendem Tenor stark abfällt. Auch Oliver Weidinger als Firmenoberhaupt Simon ist mit seinem oft belegten und intonationstrüben Bass keine ideale Besetzung. Jacquelyn Wagner als Titelheldin lässt einen lyrischen Sopran von schöner Substanz hören, der nur in der exponierten Höhe Spuren von Grellheit offenbart. Besonders gefiel ihr Solo „Zum Vater schau ich auf“ mit seinem innigen Ausdruck. Bei „Er naht! O Seligkeit“ fiel dagegen die bemühte Koloratur auf. In den Nebenrollen überzeugten Dan Karlström als Angestellter Kilian mit buffoneskem Tenor und Marie-Luise Dreßen als seine Mutter Barbara, die ihr Couplet „Nur im Frieden“ wie einen Brecht-Song serviert.

Albert Lortzing und Philipp Reger, Librettist für Lortzings „Hans Sachs“/ Daguerrographie 1848/OBA

Weitere Schauplätze der Handlung sind eine Werkskantine der Waffenfabrik Simons und ein Lagerraum voller Granaten, in welchem die entführte Regina gefesselt in einem Regal liegt. Stephan ist nahe daran, den Raum in die Luft zu sprengen, was Regina durch den Schuss aus einer Pistole verhindert. Dann stürmt ein schwer bewaffnetes Spezialkommando herein und führt die Inszenierung immer näher an die Gegenwart heran. Diesen Aspekt bedient die Regie auch mit dem Finale. Zunächst sieht man eine Abendgesellschaft in festlicher Kleidung, wo Simon Kriegsversehrte mit Orden schmückt. Der Chor trägt mit „Ertönet, frohe Jubellieder“ zur patriotischen Stimmung bei. Bald werden Deutschland-Fahnen geschwenkt, hat die feine Gesellschaft Militärmantel in Camouflage-Musterung über die Abendroben gezogen, fährt ein monströses Torpedo herein – die Nation zeigt sich in akuter Kriegsbereitschaft. Regina verfolgt die Szene zunehmend verstört, zumal die pathetische Einigkeit der Menge schnell in aggressiven und handgreiflichen Streit kippt. Das Publikum hatte offenbar Mühe, die mehr als plakative Lösung zu goutieren und reagierte mit zögerlichem Beifall.

Für die Oper Leipzig ist Lortzing 26 in jedem Fall ein verdienstvolles Unternehmen, denn neben den beiden Neuproduktionen ergänzten Zar und Zimmermann und Undine aus dem Repertoire das Programm zu einem ansehnlichen und weltweit einzigartigen Lortzing-Festival. Bernd Hoppe

Blaupause

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„Ut desint vires …“ lernte ich im Lateinunterricht: Wenn auch die Kräfte fehlen so ist das Bemühen doch zu loben. Denn dünn gesungen und nicht wirklich aufregend tut die neue Einspielung der Traetta-Oper Ifigenia in Tauride dem interessierten Liebhaber dieser musikalisch so spannenden Umbruchs-Epoche nur bedingt einen Gefallen, bietet eher nur eine Blaupause des Möglichen. Was ich nicht verstehe ist, dass sich Dirigent und Spezialist Christoph Rousset mit dieser Besetzung zufriedengibt (wenngleich er auch früher zu manchen diskutablen Kompromissen neigte – siehe die problematische Médee Cherubinis aus Brüssel bei Bel Air/DVD, die ich ihm wirklich übelnahm).

Tommaso Traetta/Wikipedia

Die Crux liegt in der Dokumentation selbst (recorded by Magnolia Classics – sehr vage/wann genau? –  in August 2025 at the Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Austria).  Sicher, ein-zwei Abende im Innsbrucker Landestheater 2025 sind eine andere Sache als eine CD festgehalten davon, zumal man wieder den Beifall rausgeschnitten hat. Damit bekommt die nun nur akustische Vorlage etwas Unverrückbares, Verbindliches, Ultimatives, statt eines Eindrucks von einem sicher unterhaltsamen Abend. Das ist eine falsche Veröffentlichungspolitik (wie auch bei anderen Labels). Hörte man rasenden Applaus, Begeisterung, Publikum, wäre das Ganze als ein subjektives Erlebnis nachzuhören, man hätte Anteil an einem passabel  gesungenen, vor allem musikalisch wegen Traettas genialer Musik interessanten Abend, einem Live-Abend, nicht dem Dokument! Ein Theater-Abend in Innsbruck eben, an dem man hinterher noch Chinesisch essen geht und die laue Sommerluft der schönen Stadt genießt. Bei Aparté hat man nun festzementierte  Kunst mit Anspruch, der nicht eingelöst wird. Und da werden eben andere Erwartungen geweckt und nicht eingelöst. Ein Radio-Live-Mitschnitt wird gütiger beurteilt. Da nimmt man Rücksicht auf die Abend-Verfassung, hört und urteilt ganz anders. Live ist nichts Ehernes. Eine Binsenwahrheit.

Denn die Titelheldin (Hohe Priesterin von Tauris, die Gestrandeten öfter mal die Kehle durchschneidet, immerhin doch mit einer gewissen blutrünstigen Karriere bis ihr Bruder auftaucht) niedlicht so vor sich hin, gibt eher das Kammerkätzchen denn die Heroine, was nicht an Traetta liegt, der mit einer anderen Interpretin einen Vorgeschmack auf späteren Belcanto liefern könnte – Joan Sutherland, Marina Rebeka (kommende Médée), Lisette Oropresa u. a. hätten viel, viel mehr daraus gemacht. Als Ifigenia streift Rocio Perez das Dünne. Diese Gluck vorangehende Traetta-Version lässt bei allem Unterschied zur späteren Fassung durchaus das Heroische zu, Koloratur ist ja nicht gleichzeitig Oberflächlichkeit. Tommaso Traetta war Italiener und der Geläufigkeit seines nationalen Idioms verpflichtet (und nicht gewisser teutonischer Dickblütigkeit, sorry).

Christian Beier schreibt im Booklet: Vor allem aber in den Soloszenen der Ifigenia offenbart sich Traettas doppelbödiger Umgang mit Konvention: Ihr Auftritt zu Beginn des zweiten Aktes ist ein tiefenscharfes Seelengemälde. In einem deklamatorischen Accompagnato wird mittels expressiver Orchesteraufwallungen das Schaudern vor dem ihr übertragenen Menschenopfer mitfühlbar. Die anschließende Bravourarie verlangt der Interpretin standardgemäß alles ab, was ihr Stimmapparat zu geben vermag. Zugeständnis an die Tradition? Mitnichten! Aus dem Blickwinkel der konkreten Situation betrachtet, munitioniert sich Ifigenia im Erregungszustand exaltierten Pathos’ zum Widerstand auf. Ausgezierte Melodik wird zur Selbstsuggestion. Das kann ich bei bester Absicht hier nicht nachempfinden.

Dirigent Christophe Rousset/©-Nathanael Mergui/Aparté

Den zweiten herben Eindruck vermittelt der Counter Rafal Tomkiewicz in der Kastratenpartie des Oreste, Muttermörder und Flüchtiger, kein netter Charakter eigentlich und hier unheroisch, Register-problematisch und im Klang meinem Ohr unfreundlich. Es will mir wirklich nicht in den Kopf, dass die Alte-Musik-Szene sich um jede Darmseite oder Piccolo-Provenienz kümmert, und eine Guadagno (!!!)-Partie mit so einer dürftigen Virtuosität besetzt. So hat das damals wirklich nicht geklungen, zumal diese großen Solorollen nie mit Falsettisten besetzt wurden, die bestenfalls im Chor stützten. Was für ein – seit Alfred Deller anhaltender – Irrtum. „Hose macht nicht die Rolle“ kann man vereinfacht sagen, und auch Traetta hätte wie seine Kollegen in Abwesenheit von geeigneten Kastraten feststimmige Altistinnen genommen. Piccinni, Gluck oder Salieri machen´s ja vor.  Rousset früher auch!!! Ach ja.

Christian Beier schreibt erneut im Beiheft: 4. Oktober 1763, Schlosstheater in Schönbrunn zu Wien. Die Festivitäten zu den Namenstagen des Kaiserpaares (4. und 15. Oktober) stehen an. Dem gedruckten Libretto ist vorangestellt: „Festeggiandosi li felicissimi nomi delle loro maesta imperiali e reali.“ („Wir feiern die glücklichen Namen Ihrer kaiserlichen und königlichen Majestäten.“) Als Oreste ist der Alt-Kastrat – wie nun? Kastrat im Ruhestand oder ein Alto? –  Gaetano Guadagni besetzt. Händel hat ihm Bravourrollen in die Kehle geschrieben, im Jahr zuvor hat er bei der Uraufführung den Orfeo von Gluck gesungen. Das Starehepaar Rosa und Giuseppe Tibaldi geben Ifigenia und Toante. Wie Giovanni Toschi (Pilade) sind sie ebenfalls erprobte Gluck-Sänger*innen. Gluck höchstselbst leitet die Premiere.

Davon sind wir weit entfernt. Denn auch die übrigen (Suzanne Jerosme/Pilade, Alasdair Kent/Toante und Karolina Bentsson/Dori) sind sicher „ordentlich“ (das ist bei diesen hochvirtuosen Opern nicht genug!), bringen aber nicht wirklich Rasantes auf die CD, was die Musik unter Rousset ja hergeben würde, der im Ganzen durchaus engagiert dirigiert. Aber seine ältere Antigona von Traetta bei Decca ist da ein ganz anderes Kaliber (trotz der mir stets zu greinenden Maria Bayo als Titelsängerin), oder auch die Traetta-Bearbeitung Ippolito ed Aricia bei Take2. Da hört man, was diese Komponisten um Gluck herum ausmacht, und was Rousset am Pult seines Hausorchesters Les Talens Lyriques und des Chores Novocanto (Wolfgang Kostner) hätte draus machen können. Wir werden eben alle älter (07. 05. 26/ Abbildung oben: französische Schule, 18. Jahrhundert/Wikipedia). G. H.

Opera Rara´s Donizetti-Songs: Endspurt

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Opera Rara ist bei ihrer Anthologie der Donizetti Songs inzwischen bei Vol. 7 angelangt und nähert sich damit dem Abschluss des auf acht CDs konzipierten Projektes (ORR260). No. 8 ist im Juni 20226 erhältlich (s. nachstehend). Die neue Ausgabe von No. 7 wird von der Italienerin Rosa Feola bestritten, die mit ihrem lyrischen Koloratursopran derzeit eine gesuchte Interpretin der Lucia, Gilda und Violetta ist. Sie steht damit in einer Reihe mit den Fachvertreterinnen Lisette Oropesa, Nadine Sierra und Aida Garifullina.

Die Sammlung der 24 zum Teil unbekannten Lieder beginnt mit dem melodisch delikaten „Or che l´età ne invita“, welches Donizetti dem befreundeten Komponisten Giovanni Agostino Perotti widmete. Die Stimme der Sopranistin ist von großem Reiz, auch wegen der leichten Herbheit, und individueller Tönung, weshalb sich nie ein Anflug von Soubrettensüßlichkeit herstellt. Der zweite Titel ist „La Gondoliera“ benannt und entwickelt sich zu einem munteren Dialog zwischen Stimme und dem begleitenden Instrument. Wieder sitzt Carlo Rizzi, Artistic Director der Firma und Initiator des Projektes, am Flügel und steuert delikate Klänge bei. Eine weitere Begleiterin ist Sally Pryce an der Harfe, die bei „La fidanzata“ melancholische Töne hören lässt, welche zum wehmütigen Gesang der Sopranistin ideal korrespondieren. „Il trovatore“ zeigt in den Verzierungen den Einfluss von Rossini. Auch die frühe Komposition „D´un genio che m´accende“, wahrscheinlich aus der allersten veröffentlichten Lieder-Sammlung Donizettis, verweist in den Ornamenten auf den regierenden Maestro der Zeit. Già presso al termine de`suoi martiri“ könnte sogar als studentische Übung gelten und auch hier ist die Nähe Rossinis spürbar, besonders im crescendo am Ende. Bemerkenswert ist das um 1838 komponierte „La sultana“, war es doch einer der größten Sopranistinnen jener Zeit gewidmet: Giulia Grisi. Sie trat in mehreren Donizetti-Rollen auf, war darüber hinaus eine bedeutende Norma, obwohl sie in der Uraufführung der Oper noch die Adalgisa gesungen hatte. Das erklärt vielleicht die Bellini-Spuren im Melos des Stückes. An eine Oper erinnert auch „La Bohèmienne“ – diesmal aber an eine von Donizetti selbst. Denn im letzten Akt von Don Pasquale taucht im Gesang Norinas die Melodie dieses Liedes auf. Feola hat hier Gelegenheit für ein kesses Auftrumpfen. Opernhaft mit Rezitativ, Arie und abschließender Cabaletta stellt sich auch „Luce che brilla da bei lidi suoi“ dar, das Donizetti einem Freund namens Pietro Pangrati widmete. „La zingara“ erinnert an eine weitere legendäre Sopranistin, Henriette Sontag, die sich 1830 wegen ihrer Vermählung mit dem Grafen Carlo Rossi von der Bühne zurückzog. Die Virtuosität des Stückes in der Version von 1842 lässt den früheren Ruhm der Diva wieder auferstehen. Feola wird diesem Anspruch imponierend gerecht. Vom berühmten Librettisten Felice Romani stammt der Text zu „La lontananza“ – ein Titel von wehmütiger Lyrik mit schlichter Klavierbegleitung, den Feola in ein melancholisches Gewand hüllt. „Licandro pastorello“ gehört zu jener Gruppe von 15 Liedern, die lange als verloren galt, bis sie in der Bibliothek eines Klosters nahe Linz wiedergefunden wurde. Auch die frühe Komposition „La vendetta“, welche ein Schäfer-Idyll beschreibt, überlebte dank einer klösterlichen Sammlung.

Virtuose Stücke stehen am Schluss der Anthologie. „Tu mi chiedi“ verlangt Brillanz sowohl von der Sängerin als auch vom Pianisten, ebenso „Io son farfalla e volo“ und das Rubini gewidmete „A mezzanotte“. „Io son pazza, capricciosa“, auf die Worte eines unbekannten Dichters vereint französische Stilelemente und italienische Lyrismen, gibt der Sopranistin noch einmal Gelegenheit für Koketterie und Delikatesse im Vortrag. Bernd Hoppe

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Donizetti Songs Vol. 5 & 6. Die ambitionierte, auf acht CDs konzipierte Edition der Donizetti-Songs von OPERA RARA ist nun bei Vol. 5 & 6 angelangt (ORR 258, 2 CDs). Beide Ausgaben bestreitet die armenische Sopranistin Ermonela Jaho. Wieder begleitet am Flügel der Artistic Director des Labels, Carlo Rizzi, als bewährter Mitstreiter bei dem Unternehmen mit sensiblem Einfühlungsvermögen. Die Paradepartien der Sängerin sind die Violetta und Cio-Cio-San, doch zeigte sie im März dieses Jahres an der Staatsoper Hamburg in der Titelpartie von Donizettis Maria Stuarda auch ihre Affinität und Kompetenz für das Belcanto-Repertoire. Nun hat sie Gelegenheit, auf zwei CDs mit italienischen und französischen Liedern des Komponisten aus Bergamo ihren Hamburger Erfolg zu bestätigen.

Die Stimme der Sängerin ist reizvoll und persönlich timbriert, vermag mit einer Fülle von Farben und Nuancen den Liedern individuelle Konturen zu verleihen. Ein Markenzeichen der Sopranistin ist die gestalterische Intensität, welche ihre Bühnenfiguren zu prallem Leben erweckt. Auch die Lieder, obwohl zumeist kurz, erzählen Geschichten und Schicksale, sind quasi Opern en miniature. Daher fordern sie vom Interpreten oder von der Interpretin ein reiches Ausdrucksspektrum.

Die erste Platte offeriert 18 italienische Lieder, beginnend mit „La ninna-nonna“ auf einen Text von Achille de Lauzières und entstanden in den 1830er Jahren, als der Komponist nach Paris ging. Mit behutsamen, sanften Tönen beginnt Jaho dieses Wiegenlied und steigert es später zu emphatischer Innigkeit. Der folgende Titel, „Quando il mio ben“, auf Worte eines unbekannten Dichters wurde in einem Kloster nahe Linz entdeckt und wechselt zwischen Beklommenheit und Leidenschaft. Von dort stammt auch ein weiterer Fund: „Dell´anno novello“ von einem unbekannten Autor. Ein anderes Stück auf den Text von de Lauzières, „Il pescatore“, ähnelt in seinem melodramatischen Gestus Schuberts „Erlkönig“, auch weil es als Dialog zwischen Fischer und Loreley komponiert ist. Spannend und differenziert breitet die Sängerin die dramatische Handlung aus und imponiert mit leuchtenden hohen Tönen. Mit Felice Romani als Textautor von „L´amor mio“ taucht ein Name auf, der als Librettist vieler Opern Rossinis, Bellinis und Donizettis bekannt wurde.

Donizetti Songs bei Opera Rara: Roger Parker/ Foto Russell Duncan

Das Lied in seinem erregten Duktus weist dann auch opernhafte Züge auf. Auch der berühmte Pietro Metastasio findet sich in der Anthologie mit „Che non mi disse un dì“ in zwei Varianten und „La tradita“. Als Finalarie einer Oper könnte man sich „Giovanna Gray – Io morrò!“ vorstellen und Jaho interpretiert sie auch mit gebührend dramatischem Impetus.  Eine canzone napoletana ist „La trademiemento“, geschrieben in neapolitanischem Dialekt von einem unbekannten Dichter und komponiert in tänzerischem Schwung. Zu dieser Gattung zählt auch „La connocchia“ auf Worte von Giovanni Emanuele Bidera. Das ist eine von Donizettis populärsten Liedkompositionen, temperamentvoll im Rhythmus und dem berühmten Bass Luigi Lablache gewidmet. In ihrem fließenden Melos erinnert die Romanze „Non m´ami più“ an Bellini, gewidmet ist sie dem polnischen Tenor Józef Michal Poniatowski, der in seiner kurzen Gesangskarriere in mehreren Donizetti-Partien auftrat. Und der letzte Titel, „Lamento per la morte di Bellini“ erinnert sogar an den großen Rivalen Donizettis, der 1835 mit nur 33 Jahren in Paris gestorben war. In dieser Trauer-Ode mit dem Text von Andrea Maffei, komponiert im Januar 1836, nimmt Donizetti mit lyrischer Noblesse und ausgedehnter Gesangslinie den Stil des Verstorbenen auf.

 

Donizetti Songs bei Opera Rara: Ermonela Jaho/ Foto Russell Duncan

Die zweite Platte bringt 19 französische Lieder zu Gehör, die fast alle während der letzten sieben Jahre von Donizettis Schaffensperiode entstanden. Sie beginnt mit „La Mère et

l´enfant“ auf den Text von Auguste Richomme, einer dramatischen Szene als anspruchsvolle Komposition, welche der Interpretin emphatische Aufschwünge abverlangt. Später folgt von diesem Dichter noch „Au pied d´une croix“, das von einer Frau erzählt, die von ihrer Mutter verflucht wurde und ihr Kind verliert. Trauer und Wehmut bestimmen das Stück, das die lyrische Substanz von Jahos Sopran ins beste Licht rückt. „Au tic-tac des castagnettes“ von einem unbekannten Dichter stammt aus den 1820er Jahren, also der frühen Schaffensperiode des Komponisten. Es ist eine heitere Komposition in lebhaftem Rhythmus, die Jaho mit einer gehörigen Portion Humor serviert. „Depuis qu´une autre a su te plaire“ ist dagegen Donizettis letzten aktiven Jahren zuzuordnen – eine melancholische Romanze, die mit emotionaler Intensität erklingt. Das munter-beschwingte „J´attends toujours“ folgt als stimmiger Kontrast. „La Jeune Malade“ auf Worte von Pierre Grolier ist ein Lamento von beklommenem Ausdruck, der sich bis zur Verzweiflung steigert. Auch hier folgt mit „La Chanson de l´abeille“ ein lebhafter Gegensatz. An seine Linda di Chamounix von 1842 erinnert „La Savoyarde“ in der munteren Melodik. „Le Bal masquè“ auf den Text von Paul Lacroix, den der Komponist sehr schätzte, ist eines seiner späten Zeugnisse, fängt im Rhythmus atmosphärisch die Stimmung in einem Ballsaal ein. Ebenfalls von Lacroix stammt „Les Revenans“, welches dem „Maskenball“ sehr ähnelt. Mit der Romanze „Il serait là“ auf Worte eines unbekannten Dichters endet die Sammlung eindrucksvoll und zeigt noch einmal das reiche gestalterische Vermögen  der Sängerin. Bernd Hoppe

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DONIZETTI SONGS VOLUME 8 (ORR261)  NICOLA ALAIMO, BASS-BARITONE | CARLO RIZZI, PIANO  ; Digital launch & YouTube premiere: Thursday 4 June, register here; Release date: Friday 5 June -> Audio files, cover, PDF booklet with essays and more – ; Wigmore Hall recital: Tuesday 16 June, 1pm BST, details here

On Friday 5 June, Opera Rara releases the eighth and final volume of its Donizetti Song Project, featuring 14 songs performed by bass-baritone Nicola Alaimo and the charity’s Artistic Director Carlo Rizzi. Track 4 “O doloroso addio” was a last-minute addition to the project when the autograph score of the song was discovered in December 2023 for sale in Christie’s online auction.

 Volume 8 is the second album with Alaimo and Rizzi following the release of Volume 2, featuring 26 songs for baritone, in October 2024: “Alaimo’s singing, performed in his native tongue, demonstrates a deep contemplation and thorough assimilation of the composer’s intent within both the poetry and the melody. This is an outstanding album.” – Record Geijutsu, Best Albums of 2024. On Tuesday 16 June, Alaimo, Rizzi and cellist Hetty Snell (who also appears on Volume 2) will come together at London’s Wigmore Hall for Opera Rara’s final Donizetti & Friends concert to celebrate the culmination of the recording cycle.

The music of Gaetano Donizetti has been a touchstone for Opera Rara since its founding more than half a century ago, and the charity continues to return to his work to this day. Led by Carlo Rizzi, Opera Rara’s Donizetti Song Project is curated by Repertoire Consultant Roger Parker. Beginning in 2020, Parker spent two years tracing Donizetti’s complete output of solo songs – almost 200 in total – many of which had not been heard in modern times. His new edition of the Donizetti solo songs, completed in collaboration with Ian Schofield, will soon be made publicly available for performers, scholars and audiences alike. Opera Rara’s new international partnership with the Donizetti Opera Festival in Bergamo, presenting the complete solo songs over three years with Giulio Zappa and the festival’s young artists, will continue this autumn.  Opera Rara

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Mit acht CDs ist das neue Projekt von Opera Rara, DonizettiSongs, groß angelegt. Die ersten beiden Alben (ORR254&255) sind bereits erschienen, jeweils mit Carlo Rizzi, dem Artistic Director des Labels, am Flügel. Den Reigen eröffnete der im Donizetti-Repertoire namhafte Tenor Lawrence Brownlee, der auch bei dieser Auswahl seinen vitalen Gesang, seine gestalterische Emphase und die strahlende Höhe wirkungsvoll einsetzen kann. Im ersten Lied, „L´amante spagnuolo“, einer schwungvollen Tarantella, die vor allem in der Mittellage notiert ist, kann sich tenoraler Glanz in der exponierten Lage freilich noch nicht entfalten. Das ändert sich schon im nächsten Lied „Con le grazie“ und im folgenden. „Il donativo“, einem schwärmerischen Stück, das Brownlee perfekt in der Kehle liegt.

Donizettis Lieder, von denen es an die 200 gibt, können schwärmerische Kanzonen sein oder melancholische Kantilenen. Nicht selten vernimmt man die stürmische Verve einer Cabaletta oder den vehementen Rhythmus einer Stretta. Mehrfach erkennt man aus Donizettis Opern bekannte Motive, wie „Il sogno“, das Edgardos letzte Kavatine aus der Lucia zitiert. Viele Kompositionen entstanden auf Texte unbekannter Dichter, wie das populäre, übermütige „Amor marinaro“, einige Vorlagen stammen aus der Feder des berühmten Pietro Metastasio, wie „Trova un sol, mia bella Clori“, das sogar in zwei Versionen existiert, oder des von Bellini- und Verdi-Opern bekannten Librettisten Felice Romani. Dessen „Ella riposa“ ist mit Rezitativ, Cavatina und Cabaletta wie eine Opernszene angelegt und war dem polnischen Tenor Józef Michal Poniatowski gewidmet. Melodisch reizvoll sind die melancholische  Barcaruole „Sovra il remo“ und die Canzonetta „Or che la notte invita“ mit obligater Klarinette. Der Instrumentalist Jernej Albreht vereint sich hier mit dem Sänger zu einem innigen Duett. In doppelter Version existiert auch „Quando verrà sul colle“, wobei die zweite Fassung in ihrer elegischen, dem Konkurrenten Bellini verwandten Melodie opernnäher scheint, war sie doch dem legendären Tenor Giovanni Battista Rubini gewidmet. Brownlee kann hier seine glanzvollen Spitzentöne demonstrieren, welche dem berühmten Vorbild alle Ehre machen. Im nächsten Stück, „Il sospiro“, ist dagegen die tiefe Lage gefordert und auch hier zeigt sich der Sänger souverän. Die Sammlung der 28 Lieder endet mit der frühen  Komposition „Non giova il sospirar“, welche in ihren Ornamenten noch ganz den Einfluss Rossinis zeigt, aber auch schon Donizettis Energie aufweist, und die Platte heiter enden lässt.

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Giovanni Battista Rubini, Gaetano Donizetti, and Luigi Lablache, from the book The World of fashion and continental feuilletons, 1824. Internet Archive

Die zweite Ausgabe vereint 26 Lieder in der Interpretation des italienischen Baritons Nicola Alaimo, der seine Karriere beim Rossini Festival in Pesaro startete und dort beispielsweise Erfolge als Titelheld in Guillaume Tell feierte. Als Auftakt erklingt das heroische „La partenza del criocato“, dessen erste Zeile „Al campo della gloria“ bereits den Inhalt verrät. Donizetti übernahm die Melodie aus dem Duett Belisario/Alamiro seiner 1836 im Teatro La Fenice uraufgeführten Oper. Alaimo singt hier mit energischer Verve, um im nächsten Stück, „Ov´è la voce magica“, mit lyrischer Kantilene aufzuwarten.

In der Anthologie finden sich auch vier französische Kompositionen und eine deutsche. Letztere, „Auf dem Meere“ auf Worte eines unbekannten Dichters, stammt aus der Sammlung Das singende Deutschland. „J´aime trop pour être heureux“ in schmerzlichem Duktus wird von einer Soloviola (Abigail Fenna) begleitet. Die Stimme des Baritons ist keine noble, klingt eher robust und aufgeraut. Dadurch fehlen Liedern wie „Te dire adieu“ und „“L´amor funesto“ (mit Herry Snell am Cello) lyrische Valeurs und Eleganz. In „O Cloe“ evoziert er mit ganz leichter Tongebung eine Figur aus einer Buffa. Bei „Non v´è nume“ gibt es mit Daniel de Fry an der Harfe noch einen weiteren Instrumentalisten. Die Komposition erweckt die Stimmung von Lucias Auftrittskavatine und Alaimo nimmt sich hier stimmlich sehr zurück, überrascht mit weichen, warmen Tönen. Davon profitiert auch „Le Dernier Chant du Troubadour“. Das energische „Il crociato“ lässt nicht vermuten, dass es der namhaften Sopranistin Laure Cinti-Damoreau gewidmet, eher dass das urige „Il trovatore in caricatura“ dem bekannten Bariton Giorgio Ronconi zugedacht war. Einem anderen Vertreter dieser Stimmgattung, dem Franzosen Paul Barroihet, war „Un baiser pour espoir“ zugeeignet, das zwischen introvertierten und lebhaften Passagen wechselt. Die Platte endet mit „Quando mio ben t´adoro“, das bis vor kurzem als verloren galt und in einem österreichischen Kloster wiedergefunden wurde. Die beiden CDs machen neugierig auf die Fortsetzung des Projektes.

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Opera Rara setzt ihre auf acht CDs konzipierte Ausgabe der Donizetti-Songs mit Volume 3 und 4 fort. Zwei prominente Sänger sind angetreten, um dem Liedschaffen des Komponisten aus Bergamo zu größerer Bekanntheit zu verhelfen. Vor allem Michael Spyres in Vol. 3 (ORR256) dürfte dazu beitragen, zählt er doch zu den gegenwärtig populärsten und kompetentesten Tenören im Belcanto-Fach und französischen Repertoire. Bei Opera Rara hat er bereits in mehreren Rossini- und Donizetti-Aufnahmen erfolgreich mitgewirkt. Der mittlerweile sogar im heldischen Wagner-Fach tätige Sänger überzeugt auch in diesem lyrischen Repertoire mit Phrasierungseleganz und feinen  legato-Bögen, mit reichem Farbspektrum und brillanten Spitzentönen, subtilen Text-Nuancen und messa di voce-Raffinement.

Zu hören sind 18 Kompositionen, fast alle in Französisch bis auf die überraschende Ausnahme in Track 8, wo ein Berglied in deutscher Sprache erklingt („Rings ruht die grüne Alpenhut“). Die Stücke stammen aus den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts während eines Paris-Aufenthaltes des Komponisten, sind somit seiner späten Schaffensphase zuzuordnen. Den Auftakt der Anthologie bildet Le Retour au désert, ein Lied voller Energie und Virtuosität. Die Begleitung des Klaviers im Bolero-Rhythmus imitiert galoppierende Hufe. Das nächste Lied, „Morte! et pourtant hier“, schildert als Trauer-Ode den Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen und verklärt diesen zu einem Engel. Das ausgedehnte Rondo „Ah! si tu voulais, toi que j´ aime“ existiert auch als italienische Version („Ah! se d´ amore un palpito), da sein Charakter aber eher einem französischen Salonstück nahe steht, entschied man sich für die französische Fassung. An Schuberts „Erlkönig“ erinnert La Dernière Nuit d´un Novice in ihrem Dialog zwischen Gott und Teufel. Donizetti schrieb das Stück für die Tenor-Legende Adolphe Nourrit. Ein seltenes Beispiel für die Verbindung von Oper und Lied ergibt sich mit Un Rêve de bonheur, dessen Klavierbegleitung unvollständig überliefert war und rekonstruiert werden konnte, da der Komponist das Motiv später im Eingangschor zum 2. Akt der Adelia wiederholte. Auch das elegische „Je ne me plaignis pas“ lässt an ein anderes Stück denken – Maries „Il faut partir“ aus der Fille du régiment, für die es die Vorlage bildete. In der letzten Liedgruppe finden sich einige bemerkenswerte Titel, zum einen solche, wo zum Klavier noch ein weiteres Instrument kommt, wie Le Violon de Crémone mit der Geigerin Eloisa-Fleur Thom und Le Petit Joueur de harpe mit der Harfenistin Sally Pryce oder die inbrünstige Kantilene „Si tu m´as fait à ton image“ auf den Text von Nourrit vor seinem Suizid. Spyres gelingt erine bewegende Interpretation mit schmerzlichen, verschatteten Klängen.                                                            Wieder ist Carlo Rizzi, Artistic Director des Labels, der umsichtige und inspirierende Begleiter am Flügel.

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Bei Vol. 4 (ORR257) mit der franco-kanadische Mezzosopranistin Marie-Nicole Lemieux gibt es dagegen einen Wechsel am Instrument. Hier kommt der italienische Pianist Giulio Zappa zum Einsatz, der damit sein Debüt bei Opera Rara gibt. Er ist spezialisiert auf das Belcanto-Repertoire und hat viele Jahre bei den Festivals in Pesaro und Bergamo gearbeitet. Die 21 Lieder, welche die Sängerin präsentiert, sind in italienischer und französischer Sprache komponiert. beginnend mit „Bei labbri che Amore formò“. Das ist eine Canzone von keckem Duktus, die  Mozarts Dorabella suggeriert und sie zeigt eine bedeutende Ausdrucksfacette der Sängerin, die diese noch in vielen anderen Kompositionen einbringen kann. Das folgende „Occhio nero incendiator“ zählt zu Donizettis populärsten Liedern und wurde von ihm später auch zu einer französischen Variante umgearbeitet.

Die Stimme der Solistin ist von schöner Fülle und seltenem dunklem Klang, von reizvoll herbem Timbre, das aber auch zu strengen Tönen in der Höhe mit bohrendem Klang ausufern kann.

Die Canzonetta „Del colle in sul pendio“ ist ein Beispiel für die frühe Periode des Komponisten (etwa 1821), das muntere „Sospiri, aneliti“ eines für die vielen verloren geglaubten Stücke aus seiner Feder. Es befand sich im Besitz einer Contessa von Medici in Rom, die es einem Kloster nahe Linz übergab. Mit La Folle de S. Hélène ergibt sich eine Verbindung zum Album mit Spyres, denn der Text stammt von Nourrit. Die berühmte Mezzosopranistin Rosina Stoltz sang das ausgedehnte, energische Stück 1838 in Neapel. Lemieux klingt hier streng vibrierend. Für das zärtliche „Ti sento, sospiri“ schrieb Metastasio die Verse, wie auch für das kantable „Se tu non vedi“. Von Rossinis Ornamentik beeinflusst sind „Quel nome se ascolto“ und „Ah! rammenta, o bella Irene“, zeigen aber auch das Bemühen Donizettis, sich gegen den großen Konkurrenten zu behaupten. Sehr delikat singt Lemieux La trovatella, die aus Donizettis letzten Schaffensjahren stammt. Einer engen Mailänder Freundin, Giuseppina Appiani, in deren Salon auch der junge Verdi verkehrte, ist „Che cangi tempra“ gewidmet.

Auch in diesem Album findet sich eine Komposition, in der neben dem Klavier ein weiteres begleitendes Instrument vorgeschrieben ist: La Novice mit Edward Batting am Harmonium. Die dramatische Szene, an einen Auftritt in der Oper erinnernd, fordert der Interpretin großen Einsatz ab, was nicht ohne Schärfen in der Höhe abgeht. Das charmante „Sull´ onda cheta e bruna“, das an venezianische Gondoliere denken lässt, ist dann wieder ein vokales Fest mit feinen Nuancen und reichen Zwischentönen. Fast an Couplets von Offenbach erinnern La Prière à S. Catherine und Les Lendemains, was Lemieux mit Koketterie und Humor vorträgt. Auch der letzte Titel, Pas d´autre amour que toi, ist von heiterem Duktus und lässt die Anthologie beschwingt ausklingen. Bernd Hoppe                                                                                             .

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Donizetti-Songs: Roger Parker & Carlo Rizzi (c) Russell Duncan

Der namhafte Musikwissenschaftler und Belcanto-Spezialist, zudem Herausgeber dieser Sammlung, Roger Parker schreibt in den Beiheften zu den ersten zwei CDs von Opera Rara sehr ausführlich über die Zielsetzung des Projektes. Eines der ehrgeizigsten Projekte in der 50-jährigen Geschichte von Opera Rara ist die Aufnahme aller Sololieder von Gaetano Donizetti. Eine Handvoll dieser Lieder sind seit langem bekannt und werden oft in Konzerten aufgeführt; viele weitere sind in Fachkatalogen aufgeführt, werden aber nur sehr selten oder gar nicht aufgeführt; andere wiederum galten als verloren oder völlig unbekannt. Jüngste Forschungen im Zusammenhang mit diesem Projekt, die vom Autor dieses Artikels in Zusammenarbeit mit Ian Schofield durchgeführt wurden, haben ergeben, dass Donizetti im Laufe  seiner 30-jährigen Karriere insgesamt etwa 200 Sololieder geschrieben hat. Die Erstellung moderner Ausgaben dieses umfangreichen Korpus war eine mühsame Aufgabe:

Die Quellen für die Lieder sind in europäischen Bibliotheken und darüber hinaus verstreut, die Autographen des Komponisten wurden zum Zeitpunkt der Komposition oft versehentlich weitergegeben (in der Regel als Geschenk des Komponisten) an den Widmungsträger). In ihrer Gesamtheit sind diese Kompositionen jedoch ein schlagkräftiges Argument für Donizetti als Schlüsselfigur des häuslichen Musizierens im 19. Jahrhundert: jemand, dessen Leistungen auf diesem Gebiet es verdienen, besser bekannt zu sein; ein Werk, das allein schon ein schlagkräftiges Argument für die Bedeutung der italienischen „Schule“ in einem Bereich, der lange Zeit von deutschen und französischen Komponisten dominiert wurde, ein starkes Argument darstellt. Das schiere Ausmaß des ursprünglichen Editionsprojekts war auf den ersten Blick eine extreme Herausforderung. Viele der bisher unbekannten Lieder sind in einer einzigen Manuskriptkopie erhalten, wenn auch oft in der oft hastigen Handschrift des Komponisten und manchmal unvollständig. Die populäreren Lieder – diejenigen, die im 19. Jahrhundert zumindest eine gewisse Verbreitung hatten – werden uns wahrscheinlich in einer Reihe verschiedener und oft widersprüchlicher Quellen überliefert Quellen überliefert: vielleicht (wenn wir Glück haben) in der autographen Partitur des Komponisten; vielleicht in Manuskriptkopien anderer; vielleicht in einer gedruckten Version (oft mit Änderungen und Ergänzungen, die die Zustimmung des Komponisten hatten oder auch nicht); vielleicht als Teil einer größeren veröffentlichten Sammlung; vielleicht übersetzt in eine andere Sprache.

Donizetti-Songs: Recording session (c) Russell Duncan

Buchstäblich Tausende von einzelnen Quellen, eine verwirrende Mischung aus gedrucktem und Manuskriptmaterial, mussten in einem ersten Schritt gesammelt und zusammengestellt werden. Zu unserem großen Glück wurde ein großer Teil dieses Materials kürzlich digitalisiert und ist online verfügbar; dadurch geht das Zusammenstellen viel schneller als noch vor 20 Jahren; in der Tat ist die Tatsache, dass dieses Projekt Jahre statt Jahrzehnte gedauert hat, hauptsächlich auf diese Digitalisierung zurückzuführen. Erleichtert wird die Arbeit auch dadurch, dass sich Donizettis Werke sich vor allem auf drei Sammlungen konzentrieren (die Bibliothèque nationale de France in Paris, die Bibliothek des Conservatorio San Pietro a Majella in Neapel und verschiedene Bestände im Besitz des Komponisten). Heimatstadt Bergamo). Die Art der Liedproduktion – in der Regel häuslich, gelegentlich, feierlich – bedeutet jedoch, dass Donizettis Autogramme oft verschwunden sind und dass anderes Material weit verstreut ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein enorm wichtiger Fundus an Manuskriptmaterial, der etwa 20 Lieder enthält, von denen man bisher annahm, dass sie sich in Privatbesitz befinden und nicht erhältlich sind, tauchte im Musikarchiv des Benediktinerklosters Stift Kremsmünster in einer kleinen österreichischen Stadt zwischen Salzburg und Linz. Es ist leicht zu erraten, warum sich verschiedene unschätzbare antike Relikte in einem 777 n. Chr. gegründeten Kloster befinden; aber die Frage, wie solche Donizetti-Raritäten in seine Mauern gelangten, bleibt ein Rätsel.

Francesco Coghetti: Gaetano Donizetti/Wikipedia

Die Lokalisierung all dieses Materials war natürlich eine notwendige erste Forschungsphase. Die Bearbeitung – das Durchsuchen der Quellen für jedes Lied, um die zuverlässigste Version zu finden, die Ermittlung literarischer Quellen, die Übersetzung der Liedtexte, das Verfassen eines kritischen Kommentars, der auf wichtige Varianten aufmerksam macht und schwierige Textentscheidungen diskutiert – war dann ein fortlaufender Prozess, der am Ende mehr als 1500 Seiten Noten und 500 Seiten beigefügten Kommentar hervorbrachte, die alle mehrere Korrekturphasen durchliefen.

Was in den ersten Monaten des Jahres 2020 als „Lockdown-Projekt“ begann, wurde für eine gewisse Zeit zu einer alles verzehrenden Beschäftigung, an der Bibliothekare von Stockholm bis zur Westküste Amerikas und darüber hinaus beteiligt waren, ganz zu schweigen von der Zusammenarbeit mit Donizetti-Freunden an vielen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Orten.

Als die Arbeit fortgesetzt wurde und das volle Ausmaß des Korpus zutage trat, begannen eine Reihe von umfassenderen Fragen, die einer kritischen Betrachtung bedurften. Das erste, keineswegs einfache Problem war die Festlegung der Stimmtypen.  Gelegentlich gibt es Lieder im Tenor- oder Bassschlüssel, was bedeutet, dass offensichtlich Männerstimmen gemeint sind. Für den Rest der Lieder mussten jedoch Entscheidungen getroffen werden. In seiner frühen Karriere schrieb Donizetti die Melodielinien meist im sogenannten „Sopranschlüssel“, später verwendete er meist den Violinschlüssel; in beiden Fällen blieb unklar, ob ein bestimmtes Lied für eine Männer- oder Frauenstimme gedacht war. Bei unseren Aufnahmen gehen wir normalerweise davon aus, dass die „musikalische Stimme“ mit der „poetischen Stimme“ übereinstimmen sollte (d. h. mit der vom Dichter angenommenen Persona).

So wird beispielsweise das Klagelied eines Troubadours über seine verlorene Liebe von einer Männerstimme gesungen, während eine junge Frau, die an ihrem Fenster Fäden spinnt, von einer Frauenstimme gesungen wird. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass solche solche Fragen in der heutigen Zeit wahrscheinlich von größerer Bedeutung sind als im 19. Jahrhundert. Zu Donizettis Zeiten war die „Geschlechterverwirrung“ (das Singen von Männerrollen durch Frauen und umgekehrt) ein häufiges Merkmal auf der Opernbühne, und es gibt Belege dafür, dass sich diese Einstellung auf den häuslichen Gesangsbereich ausbreiten konnte, wobei junge Frauen – die häufigsten Darstellerinnen im familiären Umfeld – häufig eine männliche poetische Rolle annahmen, wenn sie für die versammelte Gesellschaft sangen. Hinzu kommt die Tatsache, dass Stimmlagen wie Wir wissen, dass sie sich heute etwas von denen zu Donizettis Zeiten unterscheiden, wobei die Unterscheidung zwischen „Sopran“ und „Mezzo“ und – insbesondere – zwischen „Tenor“ und „Bariton“ häufig unsicher ist.

Donizetti-Songs: Lawrence Brownlee & Carlo Rizzi (c) Russell Duncan

Unter den gegebenen Umständen haben wir die Lieder in überaus Donizetti-typischer Manier entsprechend den Fähigkeiten unserer einzelnen Sänger aufgeteilt, anstatt irgendwelche abstrakten Prinzipien von Stimmlage und Geschlecht anzuwenden.

Eine weitere Schwierigkeit betrifft die grundlegendere Frage, was ein „Lied“ ausmacht. Für die vorliegende Ausgabe haben wir uns entschieden, Sololieder von Duetten und größeren Ensembles zu trennen. Diese Entscheidung wurde in erster Linie aus praktischen Gründen getroffen (die Aufführungsmöglichkeiten für Sololieder sind heute so viel größer als die für Duette, Trios usw.), und dies trotz der Tatsache, dass eine solche Trennung uns von einigen der wichtigsten veröffentlichten Sammlungen von Donizetti-Liedern aus den 1830er Jahren entfernt, in denen Soli und Duette bewusst in unmittelbarer Nähe zueinander stehen. Es stellen sich jedoch auch größere Fragen: Wie kann in manchen Fällen ein „religiöses Werk“ auch Anspruch auf den Titel „Lied“ erheben (ein Ave Maria, das zur Klavierbegleitung gesungen wird, wäre ein Beispiel dafür)? Oder wie kann eine „Solokantate“ nach einem Manuskript in einem anderen ein ‚Lied‘ sein könnte; oder – vielleicht die größte Schwierigkeit – worin der Unterschied zwischen einem ‚Lied‘ und einer Opernarie besteht, die uns begleitet von einem Klavier überliefert wurde. Auf diese Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten; es wird immer unscharfe Grenzen der einen oder anderen Art geben. In der vorliegenden Ausgabe haben wir uns weitgehend an die Taxonomie früherer Donizetti-Lieder-Katalogisierern gefolgt, aber wir haben – im Gegensatz zu ihnen – immer versucht, Opernnummern auszuschließen, die ohne die aktive Mitarbeit des Komponisten in nicht-opernhafte Texte eingebaut wurden.

Es gibt auch das Problem der Übersetzung. Lieder können in einer Sprache begonnen haben (entweder Italienisch oder, in Donizettis späteren Jahren zunehmend, Französisch) und dann in eine andere gewandert sein, wo sie vielleicht „Repertoire“-Status erlangte. Manchmal ist es aufgrund der Quellenlage unmöglich zu wissen, in welcher Sprache ein Lied ursprünglich konzipiert wurde. In einem Fall beginnt die Geschichte eines bestimmten Liedes (soweit wir wissen)mit einer gedruckten Quelle in italienischer Sprache (der natürlich eine heute verlorene autographe Partitur vorausgegangen sein muss); dann – zu einem späteren Zeitpunkt – verwendete Donizetti die Musik erneut, um einen französischen Text zu vertonen, wobei er diesmal eine Autograph, das erhalten geblieben ist; und noch später wurde dasselbe Lied in gedruckter Form weit verbreitet, allerdings in einer neuen italienischen Übersetzung des französischen Textes.

Donizetti-Songs: Daniel de Fry & Carlo Rizzi (c)Russell Duncan

Weitere Probleme betreffen die Urheberschaft des literarischen Textes (häufig nicht identifiziert) und die Identität der Widmungsträger (oft sowohl in Autographen als auch in gedruckten Partituren erwähnt), die beide stundenlange Recherchen erfordern können, aber – dank unserer internetgestützten Welt – oft überraschende Zusammenhänge und chronologische Besonderheiten aufdecken, die alle früheren Kommentatoren zwangsläufig außer Acht lassen mussten. Darüber hinaus können, wenn Donizetti vertonte jeden Text, sei es ein Libretto oder ein lyrisches Gedicht, und änderte die Worte routinemäßig, manchmal radikal: Ein Lied hat eine poetische Quelle, die tragisch endet, während seine Donizetti-Vertonung in Hoffnung und Wiedergeburt endet: Wir könnten an Opern erinnert werden, in denen manchmal im letzten Moment oder bei späteren Wiederaufnahmen, ein tragisches Ende in ein „Happy End“ verwandelt wird (oder umgekehrt). In all diesen Fällen folgen wir natürlich der Textversion des Komponisten, obwohl in extremen Fällen in den begleitenden kritischen Anmerkungen die alternative Richtung des Originalgedichts erwähnt wird.

Ein letztes Problem betrifft mehrere Versionen desselben Liedes. Es entspricht ganz dem Geist dieses Repertoires, dass Donizetti, wenn er später in seiner Karriere zu einem Lied zurückkehrte, fast immer eine Überarbeitung der Musik vorlegte, wobei er manchmal das, was er zuvor komponiert hatte, komplett neu schrieb. In vielen Fällen kann man sich vorstellen, dass es einen einfachen, praktischen Grund für diese kreative Verschwendung gab: Wenn er beschloss, ein Lied wiederzubeleben, vielleicht für einen Verleger, vielleicht für einen anderen häuslichen Anlass, war sein „Original“ nicht mehr zur , sodass er gezwungen war, die Worte und die Musik aus dem Gedächtnis neu zu erschaffen. Aber es gibt auch die Tatsache, dass ein solcher Erfindungsreichtum im Mittelpunkt seines Kompositionsprozesses stand: Selbst bei seinen berühmtesten Opern hat man selten das Gefühl, dass er ein bestimmtes Werk als „fertig“ betrachtete; wenn er zu einer Oper oder einem Lied zurückkehrte, brachte die Erfahrung fast immer neue Ideen, inspiriert von neuen Darstellern. In den meisten Fällen haben die vorliegenden Aufnahmen wurde aus Platz- und Zeitgründen eine Version gegenüber anderen bevorzugt; bei einigen Liedern waren die Alternativen jedoch so unterschiedlich, dass beide Versionen aufgenommen wurden.

Donizettis Grabmal in Bergamo/Wikipedia

Wie aus dieser ersten Aufnahme mit Liedern aus allen Lebensabschnitten des Komponisten hervorgeht, ist Donizettis kreatives Spektrum in diesem Repertoire bemerkenswert. In seiner frühen Karriere (bis ca. 1823) gibt es einige sehr einfache Erfindungen, oft „Canzonette“ genannt, die auf das 18. Jahrhundert zurückzugehen scheinen; und die stärker von der

Oper beeinflussten Nummern aus dieser Zeit ähneln in ihrer Verwendung von Vokalverzierungen unweigerlich Rossini.

In den späteren 1820er Jahren tauchen jedoch Lieder auf, die, obwohl ihre Poesie oft auf ein früheres Zeitalter zurückgeht, in ihrer Gestaltung und Ausführung offen experimentell sind, vielleicht auf konventionelle Weise beginnen, sich dann aber in unvorhersehbare melodische und harmonische Richtungen bewegen, oft als Reaktion auf Details im verbalen Text. In den 1830er Jahren, der Zeit von Donizettis größten italienischsprachigen Opern, lag sein Schwerpunkt auf Liedern für die Veröffentlichung, aufwendigeren Stücken, die für professionelle oder nahezu professionelle Darsteller und mit besonderem Schwerpunkt auf exotischen Stimmungen: der Troubadour, die Jungfrau im Turm, der liebeskranke Ruderer, der religiöse Einsiedler, der Kreuzritter, der leidenschaftliche romantische Außenseiter.

Und dann, in einer erstaunlichen späten Blütezeit, sah man in den 1840er Jahren Donizetti, der nun in Paris und Wien lebte, sich als „internationaler“ Komponist neu zu erfinden, indem er französische Gedichte in einem modernen Stil vertonte und sich in einer völlig anderen lyrischen Tradition fließend ausdrückte. Bei all diesen Stilen und Manieren bleibt ein Aspekt konstant: Wenn wir Donizetti und seine musikalische Sprache durch seine Opernwerke kennen, werden uns die Lieder weiterhin überraschen. Obwohl sie uns gelegentlich an die Manieren der Oper erinnern, beschreiten diese Kompositionen meistens einen anderen Weg: einen, bei dem die musikalische Reise in der Regel viel kürzer ist, bei dem eine Gefühlswelt in Momenten eingefangen werden muss und bei dem die raffinierte musikalische Sensibilität des Komponisten, seine Fähigkeit, poetische Stimmungen und Affekte einzufangen, auf jeder Seite offensichtlich ist.

Donizettis „Esule di Roma“, London 2023/Nicola Alaima und Albina Shagimuratova/Foto Russel Duncan/Opera Rara

Wie bereits zu Beginn dieses Essays erwähnt, sind die Lieder, die Donizetti während seiner Komponistenkarriere komponierte zu Unrecht vernachlässigt wurden. Diese Aufnahmen zielen in der Tradition von Opera Rara darauf ab, ihre Wiederbelebung bestmöglich zu fördern. Das Projekt hat aber auch ein größeres Ziel: Es soll ein neues Licht auf die gesamte italienische Tradition des häuslichen Musizierens im 19. Jahrhundert geworfen werden, eine Tradition, die sich über die gesamte Halbinsel ausbreitete und einen enorm reichen Musikkörper hervorbrachte, der es verdient, einen Platz im internationalen Liedrepertoire einzunehmen. © 2024 Roger Parker/DeepL

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ROGER PARKER (operalounge.de-Lesern absolut kein Unbekannter wegen seiner klugen Artikel zu einzelnen Belcanto-Opern bei uns)  ist der Repertoireberater von Opera Rara. Er ist zudem emeritierter Professor für Musik am King’s College London und unterrichtete zuvor in Cornell, Oxford und Cambridge. Er ist (zusammen mit Gabriele Dotto) Generaleditor der kritischen Donizetti-Ausgabe,  die bei Ricordi veröffentlicht wird. Seine neuesten Bücher sind Remaking the Song: Operatic Visions and Revisions from Handel to Berio (University of California Press, 2006) und A History of Opera: The Last 400 Years (Penguin, UK/Norton, US, 2012), das er gemeinsam mit Carolyn Abbate verfasst hat. Derzeit arbeitet er an einem Buch über Musik im London der 1830er Jahre. Von 2013 bis 2018 war er als Direktor des vom ERC finanzierten Projekts „Music in London, 1800–1851“ am King’s College tätig. (Quelle Opera Rara/DeepL)

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Dank an Opera Rara und vor allem Roger Parker für seinen Text zur Ausgabe, den wir mit großem Dank in unserer Übersetzung/DeepL übernahmen. G. H.

Marianna Bottinis „Elena e Gerardo“

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Marianna Bottinis Elena e Gerardo in Rugby. Marianna Bottini wurde 1802 in Lucca geboren. Im Alter von 20 Jahren schrieb sie ihre einzige Oper, Elena e Gerardo. Ein Jahr später heiratete sie, und das war das Ende ihrer musikalischen Karriere. Obwohl ihre geistliche Musik weiterhin aufgeführt wurde, lag diese Oper vergessen in einem Archiv in ihrer Heimatstadt. Erst jetzt wurde sie von Random Opera für eine einzige Aufführung im Temple Speech Room in Rugby (am 28. Oktober 23) wiederentdeckt, einer kleinen Stadt in der Mitte Englands, die für ihren Eisenbahn-Knotenpunkt und ihre Public (d. h. private) Schule bekannt ist, in der das Spiel Rugby Union geboren wurde.

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Zu Bottinis „Elena e Gerardo“ in Rugby“/The Temple Room/operabase

Die Handlung erinnert an Romeo und Julia. Elena hat heimlich Gerardo geheiratet, der sich zu Beginn der Oper auf einer diplomatischen Mission im Ausland befindet. Sie ist deprimiert und ihr Vater Pietro beschließt, dass die Heirat mit dem Mann, den sie liebt, das Heilmittel sein wird. Leider denkt er, dass es sich dabei um Vittorio handelt, einen engen Freund von Elena, der in sie verliebt ist, und den besten Freund von Gerardo. In dem Glauben, dass ihr Vater sie für Gerardo bestimmt hat, willigt Elena in die Heirat ein. Doch als Gerardo zurückkehrt und sich herausstellt, dass Elena bereits verheiratet ist (auch wenn Gerardo noch keinen Namen hat), verstößt Pietro sie, Elena bricht wie tot zusammen, und wir werden mit ihrer Beerdigung konfrontiert. Obwohl Vittorio sie großmütig an Gerardo abtritt, ist Pietro so gekränkt, dass er sie vor die Wahl stellt, zwischen echter kindlicher Pflicht und ebenso echter Liebe zu ihrem Mann zu wählen. Schließlich lenkt Pietro ein und die Oper endet glücklich.

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Der Flyer der Random Opera versprach: „Ein barockes Belcanto-Juwel, ein Werk voller virtuoser Koloraturen, die an ihren Zeitgenossen Rossini erinnern“. Über das Wort „barock“ mag man sich streiten, aber nach einmaligem Hören trifft der Rest dieser Beschreibung voll zu. Der Abend war praktisch ein einziges Vergnügen. Es gibt in der Tat sehr viele Rossini-Koloraturen, und diese wurden größtenteils sehr eindrucksvoll dargeboten. Herausragend war die Sopranistin Kelli-Ann Masterson als Elena, die eine schöne, ungezwungene Stimme hatte, die in Bottinis ausgefeilten Koloraturen schwelgte. Ebenfalls bewundernswert in dieser blumigen Musik waren Mezzo Katie Macdonald als Gerardo (eine Hosenrolle) und Tenor Rhydian Jenkins als Vittorio. Der Temple Speech Room ist um einiges resonanter als ideal, und dies betraf die Artikulation von Martin Lamb als Pietro, der ansonsten hervorragend war. Sián Griffiths als Laura, Elenas Vertraute oder vielleicht ihre Mutter (ich entschuldige mich für meine Verwirrung), vervollständigte die Besetzung. Es gab einen ausgezeichneten kleinen Chor, von dem fünf die Hauptrollen verkörperten, und ein sehr angemessenes Kammerorchester. Der Dirigent war Thomas Payne, ein Absolvent des Jette-Parker-Programms des Royal Opera Houses; er hielt alles zusammen, alle seine Tempi schienen genau richtig zu sein und er zeigte eine echte Affinität zur Belcanto-Oper. Der Generaldirektor der Random Opera, Richard Tegid Jones, führte Regie, und seine Darsteller überzeugten mit ihrem Spiel und ihren Bewegungen. Alle sahen auf der Bühne gut aus. Es gab kein Bühnenbild und die Requisiten beschränkten sich auf ein paar Stühle. Die Kostüme sahen für meine ungeübten Augen überzeugend nach dem frühen neunzehnten Jahrhundert aus.

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Was das Musikalisache betrifft, hatte ich ein Problem. Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht eine kleine Obsession habe, aber mir sind viele „stumpfe“ Phrasenenden aufgefallen, vor allem, aber nicht nur, in den Rezitativen. Meiner Meinung nach hätten Appoggiaturen eingefügt werden müssen. Ist es Zufall, dass Bellini und Mercadante, die ihre Appoggiaturen ausgeschrieben haben, beide in Neapel studiert haben, während Rossini, Donizetti und Bottini, deren Opern Sänger brauchen, um sie einzufügen, alle in Bologna studiert haben? Unterschiedliche Traditionen vielleicht, aber sie alle schrieben in der gleichen lingua franca.

Marianna Bottini née Motroni-Andreozzi (7 November 1802 – 25 Januar 1858)

Und was ist mit der Oper selbst? Ich zögere, nach einmaligem Hören ein verbindliches Urteil zu fällen, aber ich fand den Abend sehr aufregend. Immer wieder sind mir gelungene orchestrale Details aufgefallen, vor allem in den Holzbläsern. Ich hörte auch Dinge, die mich an den frühen Bellini und Donizetti erinnerten; in einem Moment kam mir Donizettis Chiara e Serafina in den Sinn. Manches wirkte wie ein Rückblick auf die Jahrhundertwende und die Komponisten, die in Band 1 (1800 -1810) von Opera Rara’s „A Hundred Years of Italian Opera“ vorgestellt werden. Es stimmt, dass Rossini nie zu weit weg war, wenn auch ohne die ultimative rhythmische Energie, die ihn auszeichnet – aber auch keiner seiner „Nachfolger“ erreicht sie ganz. Diejenigen, für die Belcanto-Oper nichtssagend oder oberflächlich ist, werden Elena e Gerardo nicht nach ihrem Geschmack finden. Aber diejenigen unter uns, die blumigen Gesang an sich berührend finden, werden es sicher genießen. Die Koloraturen halten zu Beginn des zweiten Aktes inne, wenn Gerardo den „Tod“ von Elena über ihrem leblosen Körper auf dem Katafalk betrauert, eine lange und bemerkenswerte Szene mit ausdrucksstarkem Arioso. Es gibt nicht viele Doppelarien, aber es gibt eine Vielzahl von Formen, von einsätzigen Arien bis zu mehrteiligen Ensembles. Die Oper ist dramaturgisch nicht perfekt. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass das Libretto ein wenig nach Jugendliteratur riecht, aber Marianna war kaum aus dem Teenageralter heraus, als sie es schrieb – ja, sie schrieb sowohl Text als auch Musik. Und ja, Pietro bleibt etwas zu lange der starrköpfige Patriarch. Aber alles in allem kann ich dem Urteil von Random Opera nur zustimmen, dass Elena e Gerardo ein Werk ist, das eine Wiederbelebung und Aufführung verdient. Es ist sicherlich eine bemerkenswerte Leistung für eine Zwanzigjährige um 1820, und wir müssen bedauern, dass, wie bei vielen anderen Frauen auch, die gesellschaftlichen Konventionen ihre Karriere stoppten, bevor sie richtig begonnen hatte.

Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass es sich bei dem autographen Manuskript nicht um ein fertiges Werk handelt, sondern eher um einen ersten Entwurf mit Markierungen für orchestrale Details. Die Aufgabe, die Aufführungsausgabe zu erstellen, wurde von den Musikwissenschaftlern Ian Schofield und Matthew Smith übernommen, und Richard Jones erkennt auch den Beitrag von Professor Alessandra Fiori an, die zufällig ihre eigenen Forschungen am Istituto Boccherini in Lucca durchführte, wo die Partitur aufbewahrt wird. Unser Dank gilt ihnen allen. Und den Sängerinnen und Sängern, die ihre Partien nur für eine einzige Aufführung gelernt haben. Jetzt, da es eine Aufführungspartitur gibt, ist zu hoffen, dass andere Kompanien sie übernehmen werden. Mir wurde gesagt, dass die Aufführung gefilmt wurde und auf youtube verfügbar sein wird. Alan Jackson (mit Dank an den Autor und die Londoner Donizetti Society)

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