Geballter Ritt durch die Nacht

.

Eine Edition von Aufnahmen des Erlkönigs von Goethe in verschiedenen Vertonungen dürfte es bisher noch nicht gegeben haben. Allenfalls finden sich vergleichend die Fassungen von Franz Schubert und Carl Loewe beieinander, weil sie sich auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Einzeln ist die Komposition Schuberts mit dem höchsten Bekanntheitsgrad unzählige Male eingespielt worden – und zwar in allen Stimmlagen. Von manchen Sängern wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Hermann Prey mehrfach. Es gibt diverse Bearbeitungen – meist nicht zum Vorteil des Originals. Sogar mit verteilten Rollen wurde die Ballade gesungen. Orchesterfassungen besorgten Franz Liszt, Max Reger und Hector Berlioz. Bei Loewe findet sich der Erlkönig, den Hans Pfitzner mit Orchesterstimmen versah, als Teil von Opus 1- sozusagen als Versprechen auf sein gesamtes künftigen Balladenschaffen, das den Mittelpunkt seines Werkes bildet.
Écoutez records hat derer 13 produziert (LC 100602). Der Bariton Johannes Held wird von Dorina Tchakarova begleitet, die dabei nach eigenen Angaben drei verschiedene Klaviere benutzt, um unterschiedliche Stimmungen zu verdeutlichen. Selbst der Laie kann das hören. Bei einer Spieldauer von knapp sechzig Minuten hätte die Kapazität der CD noch mehr Platz geboten. LiederNet Archive, das durch Spenden unterstützte Web-Archiv für Kunstlieder und Chortexte, listet mehr als fünfundzwanzig Titel auf. Obwohl auch die Pianistin reichlich fündig wurde, bestand der Sänger auf 13, „weil die Zahl so schön symbolträchtig ist“, lässt er im Booklet verlauten. Die Dreizehn ist eine ungerade Primzahl. Sie kann je nach Kultur und Legende Glück oder Unglück verheißen. Nur die sprichwörtliche Uhr kann dreizehn schlagen, die echte nicht, wodurch Überraschung zum Ausdruck gebracht werden sollen. Überraschend ist auch die musikalische Fülle der ambitionierten Neuerscheinung. Gleich der Beginn der Trackliste lässt aufhorchen. Ein Erlkönig von Ludwig van Beethoven? Dabei handelt es sich um ein Fragment. „Von Beethoven ist nur die Melodie und das Begleitmotiv“, klärt die Pianistin auf. Wie weiter zu erfahren ist, hat der Dresdener Komponist Reinhold Becker das Lied erst 1897 vollendet und sich dabei offenbar von Schuberts Intensität inspirieren lassen. Neben Schubert, Loewe und Beethoven finden sich Carl Blum (1786-1844), Émile Mathieu (1844 -1932), Carl Friedrich Zelter (1758 -1832), Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), Louis Spohr (1784-1859), Carl Czerny (1791-1857) und Louis Schlottmann, dessen Geburts- und Sterbejahr auf dem Cover (1810-1872) nicht mit den Daten übereinstimmen, die das Netz hergibt (1826 – 1905). Als einziger zeitgenössischer Komponist ist Stefan Schulzki berücksichtigt, der vor allem durch seine Filmmusik bekannt geworden ist. Und dass die einzig nachweisbaren Erlkönig-Komponistinnen Emilie Mayer (1812-1883) und Corona Schröter (1751-1802) vertreten sind, versteht sich heutzutage von selbst. Die Vertonungen von Schröter und Reichardt begleitet Neo Gundermann mit der romantischen Gitarre, während die Geigerin Victoria Wong beim Erlkönig von Spohr den Klavierpart wirkungsvoll verstärkt. Abgerundet wird das CD-Programm mit dem ebenfalls von Held gesprochenen Original Goethes.
Wer die Ballade auswendig weiß, ist bei dieser CD klar im Vorteil. Die Vertonungen sind in ihrer Unterschiedlichkeit schneller und genauer zu erfassen. Man weiß genau, was als nächstes kommt und darf also gespannt sein, wie ein Komponist diese oder jene Stelle musikalisch umsetzt. Schnell sind natürlich auch eigene Bevorzugungen ausgemacht. Wenn nach Goethes Freund Zelter, der seine Vertonung im gesetzten Alter von Fünfzig schuf, der achtzehnjährige  Schubert den Vater mit dem ächzenden Kind auf des Pferdes Rücken durch die Nacht rasen lässt, ist schnell klar, warum diese Komposition, die an nur einem Tag entstand, ein Geniestreich ist. Trotzdem stellt sich in keinem Moment der Eindruck ein, dass die Komponisten gegeneinander ausgespielt oder in einen Wettbewerb um das beste Ergebnis geschickt werden sollen. Johannes Held und seine flexiblen Begleiter widmen sich den einzelnen Titeln mit ein und derselben Hingabe. Es ist auch Entdeckerfreude dabei. Dennoch teilt er seinen Hörern sogar schriftlich mit, dass seine „Lieblingsversion“ von Loewe stammt. Sie „geht einfach los, kommt aus dem Nichts und ist wahnsinnig kühn komponiert“. Im Booklet ist zudem vermerkt, dass die Aufnahmesitzungen im Juli 2025 im Berliner Pianosalon Christophori stattfanden – also nicht an einem einzigen Tag, was man sich auch nicht vorstellen kann. Dafür sind Stile und Formsprachen zu unterschiedlichen. Die einzige Gemeinsamkeit ist nun mal der Text, den Held sehr wortverständlich vermittelt. Sein flexibler Bariton ist dem Projekt besonders zuträglich. Diese Stimmlage zahlt sich ebenfalls bei Stefan Schulzki aus, der in der Trackliste um drei Jahre älter gemacht wird. Wikipedia und andere Quellen geben sein Geburtsjahr mit 1970 an. Auch er lässt Goethe unangetastet. Seine Fassung, die mit fünf Minuten zu den längeren in der CD-Sammlung gehört, klingt dennoch besonders frei nach Art einer Fantasie über das Erlkönig-Thema, welches plötzlich bedrohliche nahe kommt. Rüdiger Winter