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Geschickt zunutze gemacht haben sich der polnische Bassbariton Stanislaw Daniel Kotlinski und seine drei Musiker die Tatsache, dass der italienische Komponist Paolo Tosti, dessen von der Königin Victoria verliehenen Adelstitel sie bewusst auf dem Cover ihrer CD präsentieren, lange Zeit und innig mit der britischen Königsfamilie verbunden war. Das möchten sie offensichtlich auch sein oder werden und widmeten ihre CD mit Canzonen des Komponisten der Königin Elizabeth II., denn 2022 zur Zeit der Aufnahme lebte sie noch und konnte ihre 70 Jahre Königinnendasein feiern. Ihr und anderen hohen Persönlichkeiten wurde je ein Exemplar der ursprünglichen CD zugeschickt, später erhielten auch Charles III. und der Prince of Wales Kopien. Nun ist eine mit einem informationsreichen Booklet versehene Ausgabe erschienen, das auch zahlreiche Fotos von Tosti und mit ihm befreundeten Künstlern wie Enrico Caruso oder Gabriele D‘Annunzio enthält.
Es geht ausschließlich um in England A komponierte Canzonen, zu denen einige der bekanntesten Tostis gehören, so Marechiare oder ` A Vucchella, die einzelnen Blöcke werden von Orchestermusik von Giuseppe Verdi, Frank Bridge und Gaetano Braga unterbrochen. Violine, Cello und Klavier , auch teilweise nur letzteres bilden die Begleitung zum Gesang. Besonders das letzte Stück, Bragas Angel’s Serenade ist ein den Ohren schmeichelndes und das Herz erwärmendes, sehr angenehm zu hören wie auch der Walzer von Verdi, den man sich auch am Hofe des Duca di Mantova vorstellen könnte.
Im größten Teil der Canzonen geht es um verratene Liebe und Eifersucht, um Gefühle, die sich bis zur Todessehnsucht steigern können. Man erwartet an sich eine junge, eher helle Stimme, einen Tenor à la Giuseppe Di Stefano, einen Salon-Neapolitaner mit viel und genussvoll ausgestelltem Schmelz in der Stimme. Die Stimme von Stanislaw Daniel Kotlinski ist sehr dunkel, reif und recht herb, bereits beim Hören von Non t’amo più möchte man ihm begütigend auf die Schulter klopfen und zur Vernunft mahnen. Sehr schön hervorgehoben wird das „ideal“, und im folgenden Sogno wird der Kontrast zwischen Traum und Realität schön hervorgehoben. Weniger gut getroffen wird dann das „dolcissimo vagar“, und eher weinerlich als tragisch klingt es in Tormento.
Es gibt nicht nur italienische Canzoni, sondern auch französische Chansons, so auf einen Text von Alfred de Musset, oder das Chanson de la Adieu, zu denen das Timbre gut passt, immer wieder sorgen die Streicher, so in Tristezza, für viel Schmelz. Recht markig wird in „Donna, vorrei morir“ um mehr „calma“ gefleht, viel in der Stimmung wird mit Vorrei morire vermittelt, und Malia wartet mit viel „erbezza“ in der Stimme auf. Mehr Leichtigkeit, mehr Charme würde man von `A vucchella erwarten, die doch recht schwergängig daher kommt, ebenso wie das berühmte Marechiare. Ohne Fehl und Tadel und durchaus Italianità verbreitend musizieren Simon Zhu (Geige), Maciej Kulakowski (Cello) und Marco Balderi (Klavier) (Da Vinci Cassics CO1087). Ingrid Wanja
