Sehnsucht nach dem alten Polen

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Gut und tapfer, ehrlich, tugendhaft und gläubig soll der Mann sein, der eine seiner beiden Töchter heiraten möchte, vertrauen müsse man ihm können, doch vor allem solle er Traditionen und nationale Gepflogenheiten achten und bereit sein, sein Blut für das Vaterland zu geben. In Opern erscheint es keinesfalls ausgeschlossen, dass sich solch eine Rarität findet, nicht nur eine, sondern gleich zwei, eine für jede der beiden Töchter des Marschalls, für die Sopranistin Hanna und die Mezzosopranistin Jadwiga. Im zweiten Akt von Moniuszkos Oper Das Gespensterschloss bzw. Straszny Dwór verkündet der Marschall im feierlichen Polonaisen-Rhythmus sein Loblied auf traditioneller Tugenden mit der Inbrunst und Überzeugungskraft eines Glaubensbekenntnisses, die Stanislaw Moniuszkos zweiter großen Opern nach der Halka ihre bis heute andauernde Popularität garantiert. Das Gespensterschloss ist ein Hohelied polnischer Gesinnung, Moral und Sitten im Kleide einer Komödie, bei der Jan Checiński auf die gleiche Sammlung von Kazimierz Woycicki zurückgriff, aus der schon Wlodzimierz Wolski den Halka-Stoff entlehnt hatte.

Die Umstände der Uraufführung in Zeiten von russischer Unterdrückung, Aufständen und nicht erlahmendem Patriotismus darf nicht außer Acht gelassen werden. Diese fand 1865 anlässlich der Wiedereröffnung des Teatr Wielki nach zweijähriger Schließung statt. Es gab nur drei Aufführungen, weitere Reprisen verhinderte die Zensur des Zaren. Das Gespensterschloss und das darin verklärte Polenbild des 18. Jahrhunderts setzten sich erst im 20. Jahrhunderts durch. Die beiden Heiratskandidaten lernen wir bereits zu Beginn der Oper kennen, es sind die beiden Brüder Stefan und Zbigniew, Tenor und Bariton, wodurch sich automatisch die Kombination der Paare ergeben wird. Doch die Brüder sind gerade erst aus dem Krieg in ihr Herrenhaus zurückgekehrt und wollen ihre Freiheit genießen und unverheiratet bleiben. Das wiederum passt ihrer Tante, der Truchsessin, nicht, die bereits Heiratspläne für die jungen Männer geschmiedet hat. Als sie erfährt, dass die Brüder auf das Schloss des Marschalls von Kalinowa reisen wollen, erfindet sie, wohl wissend, dass der Marschall zwei hübsche Töchter hat, welche ihre Pläne durchkreuzen könnten, die Geschichte vom Gespensterschloss. Das tatsächlich existierende Herrenhaus von Kalinowa gilt noch heute als pittoresker Inbegriff des alten Polen.

In Fabio Biondis nobler Moniuszko-Initiative, die bereits Halka, Die Gräfin, Verbum nobile und Paria umfasst, hat Das Gespensterschloss noch gefehlt, obwohl die markante rote Reihe der Moniuszko-Aufnahmen bei DUX erst vor wenigen Jahren die Danziger Einspielung unter Zygmunt Rychert präsentierte (DUX 1500/1501).

Die im Rahmen des 20. Chopin and His Europe-Festivals im August 2024 im Warschauer Teatr Wielki entstandene Einspielung punktet im ungemein umfangreichen, doch trotz Aufsatz und Inhaltsangabe nicht sonderlich informativen dicken CD-Buch (3 CDs NIFCCD 098-100) mit Europa Galante, dem historisch-informierten Spezialistenensemble. Straszny Dwór hat einen einheitlichen, von vielen polnischen Nationaltänzen durchflochtenen Ton, wird geprägt von tänzerischen beschwingten Männerchören mit den beiden Brüdern, großformatigen Szenen der Mädchen mit ihren Freundinnen und wirkungsvollen Ensemblesätzen bis zur Hochzeit, stets durchtränkt von Polonaise, Mazurka und Krakowiak, was dem Werk einen ähnlichen Schwung und mitreißenden Charakter wie Smetanas Verkaufter Braut verleiht. Biondi und seine Musiker fangen diese Schwung ebenso zündend ein wie beispielsweise die melancholischen Trübungen in der baladenhaften Arie der Jadwiga zu Beginn des zweiten Aktes, in der Agata Schmidt wenig Profil entwickelt, oder die theatralische Wucht im Finale des zweiten Aktes und die Eleganz in der Chor-Mazurka vor dem Finale mit dem strahlenden Podlasie Opera and Philharmonic Choir. Wirkungsvoll ist zweifellos die französisch spritzige Koloraturarie der Hanna im vieten Akt mit der effektiven Karen Gardezahal. Auch wenn die beiden Bräute nicht herausstechen, punkten die drei CDs mit einer ziemlich guten Besetzung: der Tscheche Petr Nekoranec gibt einen ausgesprochen feinen Stefan, dessen mit Anmut und Poesie gesungene Glockenspielarie im dritten Akt ein Höhepunkt der Aufnahme ist, etwas muskulöser, doch biegsam und geschmeidig wirkt der Kavaliersbariton Pawel Konik als sein Bruder Zbigniew. Mariusz Godlewski stattet ihren treuen Begleiter Macieij mit gegerbtem Bariton aus, Artur Ruciński gibt den Marschall mit der baritonal höhensicheren, brummig-gefühligen Attitüde des Granden, eine pralle Komödienfigur entwirft Agniewszka Rehlis, die bereits den Auftritt der alten Tante mit kullerigen Tönen garniert, auffallend Krystian Adam in der tenoralen Edelchargenfigur des verliebten Damazy, Rafal Siwek, dem als Skoluba die zentrale Erzählungen von der angeblichen Geisternacht zufallen, muss man den furchigen Bass nachsehen. Rolf Fath