Archiv des Autors: Geerd Heinsen

José van Dam

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Die Nachricht vom Tode des belgischen Bass-Bariton José van Dam am 17. Februar 2006 holte eine ganze Welt an Erinnerungen an diesen wunderbaren Sänger mit der hocherotischen, dunklen Bariton-Stimme bei mir hervor, der ich ihn während meiner und seiner Anfangsjahre an der Deutschen Oper Berlin so oft gehört hatte. Ab dem Ende der Sechziger sang er hier, an meinem Heimat- und Lehr-Haus in Sachen Oper viele Rollen seines Fachs und trat in Konzerten sowie in Radio-Aufnahmen in West-Berlin auf (zu meinen absoluten Schätzen gehören sein Prolog mit Agnes Baltsa aus Hans Heiling, dto Lysiart mit Els Bolkestein aus Euryanthe, sein Bertram/Robert der Teufel und sein Gremin – alle aus den späten Sechzigern/frühen Siebzigern beim Berliner SFB).

José van Dam als Wagners Holländer an der Deutschen Oper Berlin/Foto Crohnen/DOB

Unvergessen ist mir sein Dappertutto, sein Paolo (Simon Boccanegra neben Ingvar Wixell), sein Monterone/Rigoletto, sein Holländer („Die Frist ist um!“ unvergessen!), ebenso wie die wunderbare Aufnahme aus Paris unter Varviso später), sein Orest neben Ursula Schröder-Feinens Elektra, sein Leporello neben Cesare Siepi, sein Masetto neben Dietrich Fischer-Dieskau und manchen anderen und natürlich sein Attila neben Gundula Janowitz/Lou-Ann Wyckoff und Franco Tagliavini (u. a.), natürlich auch sein Escamillo; sicher noch in manchen anderen Rollen (so 1969 als Angelotti!), in denen man den nahezu balsamischen Fluss seiner bombensicheren Stimme lauschte und sich einfach dem schieren Klang hingab. Dabei war er ein blendender Schauspieler voller Würde und Hingabe an die Rolle.

José van Dam als Orest und Ursula Schröder -Feinen als Elektra an der Deutschen Oper Berlin/Foto Buhs/DOB

Spätere Partien an den großen Häusern der Welt, aber vor allem in Genf und Brüssel, scheinen mir diese Magie nicht mehr ganz gehabt zu haben. Physisch nicht gerade ein Riese überzeugte mich sein Boris Godunow in Brüssel ebenso wenig wie sein Simon Boccanegra oder Hans Sachs. Mir fehlte da neben dem bekannten Wohlklang eine Dimension der darstellerischen und stimmlichen Überzeugung, vielleicht auch das Fehlen einer gewissen, notwendigen Schwärze des Organs. Dennoch – van Dam war, spätestens nach Herbert von Karajans Parsifal mit ihm (gefolgt vom Fliegenden Holländer, Ein deutsches Requiem, die Messa da Requiem, Il trovatore, Salome und Pelléas et Mélisande), der ganz große Vertreter seines Fachs. Sein verdischer König Philippe später in Brüssel und London gehört für mich – trotz der vielleicht etwas zu hellen oder schmalen Stimme zu den Immortellen meiner Live-Erinnerungen.

Zu seinen großen Leistungen gehörte auch seine Hinwendung zum Lied, namentlich zur französischen mélodie, dessen Komponisten wie Fauré oder Debussy und natürlich viele andere er mit Hingabe und reichlich aufnahm. Viele Einspielungen zeugen davon.

Mir hat er viele Live-Abende und Hörerlebnisse voll seiner Kunst und eben dem Genuss an dieser unvergleichlichen, hinreißend sonoren Stimme gegeben. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. G. H.

 

Im Folgenden ein kurzer Abriss seiner Karriere aus dem wie stets unersetzlichen Wikipedia: José van Dam (* 25. August 1940 in Brüssel als Joseph Van Damme) studierte am Königlichen Konservatorium Brüssel. Er debütierte 1961 an der Pariser Oper (mit dem Priam in den Troyens!), in deren Ensemble er bis 1965 Mitglied blieb. 1965–1967 war er in Genf, in dem Jahrzehnt darauf in West-Berlin, Köln und Mannheim engagiert. Ab Anfang der 1990er Jahre gab er hauptsächlich Gastspiele oder sang in seiner Heimatstadt am Théâtre de la Monnaie.

José van Dam war einer der Lieblingssänger Herbert von Karajans in dessen letztem Lebensjahrzehnt. Dieser nahm mit ihm unter anderem den Fliegenden Holländer, Ein deutsches Requiem, die Messa da Requiem, Il trovatore, Salome und Pelléas et Mélisande auf – die Rolle des Golaud war über ein Vierteljahrhundert eine der Paraderollen des Sängers. Auch als Hans Sachs (Die Meistersinger von Nürnberg) genoss van Dam weltweites Ansehen, spätestens seit der CD-Aufnahme unter der Leitung von Georg Solti (1995).

Eine weitere Glanzpartie ist jene des Leporello aus Don Giovanni, die er auch in der Verfilmung von Joseph Losey verkörperte. Auch der Elias aus Mendelssohns gleichnamigen Oratorium gehörte zum Repertoire des belgischen Bass-Baritons, ebenso wie die Titelrolle in Puccinis Oper Gianni Schicchi. Auch sang er 1983 die Titelrolle von Olivier Messiaens Saint François d’Assise bei der Uraufführung an der Pariser Oper und bei mehreren weiteren Produktionen dieses Werks u. a. bei den Salzburger Festspielen und bei der RuhrTriennale in Bochum.

1988 spielte José van Dam in dem Film Maestro die Rolle des Opern-Stars Dallayrac. Der Film war das Regiedebüt von Gérard Corbiau (auch Regie bei Farinelli) und erhielt 1988 eine Oscar-Nominierung.

José van Dam besaß eine warme, sehr voluminöse und biegsame Stimme. Er beherrschte akzentfrei sowohl Französisch als auch Deutsch und Italienisch. Seine Diskografie ist entsprechend umfangreich.

1973 wurde van Dam mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Der belgische König verlieh ihm 1998 den Ehrentitel eines Barons. José van Dam, Brüssel 2006

Am 8. Mai 2010 verabschiedete sich van Dam im Théâtre de la Monnaie von der Opernbühne, in einer Rolle von Jules Massenets Don Quichotte unter der Leitung von Marc Minkowski.

Am 17. Februar 2026 starb er im Alter von 85 Jahren.

Zauberoper ohne Zauber

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Aus Frankreich kommen gegenwärtig immer neue Opernaufnahmen mit hat – man das Gefühl – immer denselben Sängern, namentlich bei Glossa und dem Chateau de Versailles. Nun eben bei Glossa mit Jean-Baptiste Cardonnes Omphale. Wieder mit wieder dabei sind Judith van Wanroy und Reinoud van Mechelen. Beide eine sichere Bank in solchen Einspielungen von französischen Barockopern. Mir tauchen sie in letzter Zeit zu viel auf. Aber man weiß, wenn man diese Namen sieht, wie auch den des Dirigenten György Vashegyi, da kann man nicht so viel falsch machen. Das ist solide, und bei diesem Namen, Cardonne, von ich auch nie vorher etwas gehört habe, schlägt man dann doch nochmal für eine Einspielung zu. Verdientermaßen?

Wer war Jean-Baptiste Cardonne? Er ist geradezu die Inkarnation eines Übergangskomponisten, wie aus dem Lehrbuch. Wir schreiben das Jahr 1769. Und einerseits gibt es in Paris die Oldschool-Fans, die noch an Lully und Rameau hängen. Aber es gibt andererseits auch die Junge-Wilde-Szene, wo Komponisten wie Gretry und Philidor neue Töne anschlagen. Cardonne sitzt genau dazwischen. Er hängt noch an Lully, vertont mit Omphale ein altes Libretto, lässt aber doch manchmal schon den neuen Stil hören. Besonders bei den Tänzen und Ensemble-Nummern. Da horcht man auf. Gluck ist nicht weit.

Worum geht es in dem angestaubten Libretto? Omphale ist eine Königin aus der Mythologie. Ist das nicht denn auch schon ein Statement und ein eher bequemes Bekenntnis zur Tradition? Cardonne wollte es allen recht machen. Das hat die Kritik von 1769 rügend angemerkt.

Omphale ist eine charismatische Königin, sie liebt einen von zwei Rivalen, gibt das aber nicht zu. Einer dieser beiden wird wiederum von einer mächtigen Zauberin geliebt. Die ist eifersüchtig auf die Königin und auf ihren Favoriten, den sie begehrt. Sie benimmt sich ein bisschen wie die 13. Fee in Dornröschen. Sie stört und nervt die ganze Zeit. Was erstmal ganz spannend klingen könnte. Aber ihre Auftritte werden wirklich dauernd von rein dekorativen Chören und Tänzen unterbrochen. Wie in der alten französischen barocken Oper üblich. Zudem ist dies nicht der spannendste Plot.

Ich habe beim Zuhören gedacht, wie merkwürdig es ist, dass man heute viel leichter den Zugang zu so einer Geschichte aus dem 18. Jahrhundert als zu späteren des 19. Jahrhunderts findet, weil das Frauenbild in der Barock-Oper viel progressiver war. Man findet kaum Frauen in Opferrollen. Sie sind megastarke Akteurinnen, Zauberinnen, Königinnen, auf Augenhöhe mit den Männern und oft den Männern überlegen, die nur ihre Spielbälle sind (man denke an Alcina).

Cardonne hat diese eigentlich eingängige Handlung oft in sehr, sehr langweiligen Rezitativen vertont, die noch wie von Lully klingen. Gefühlt die Hälfte in dieser Oper, und irgendwann schläft man beim Hören ein. Das klingt nicht sehr innovativ und war es auch damals nicht mehr.

Warum kommt das dann auf die CD? Das fragt ich mich manchmal und auch hier. Ich war sehr amüsiert, dass Benoit Dratwitzki, selber großer Experte für barocke Oper, im Booklet schreibt, Omphale sei ein Beispiel für eine elegante Fusion von alten und neuen Stilmitteln. Hatte ich jetzt wirklich die richtige CD eingelegt, weil ich das völlig anders hörte. Ich muss für mich sagen, dass ich kaum je eine Oper gehört habe, in der altes und neues so unglücklich verbunden wurde wie hier. Da klafft schon sehr viel auseinander. Aber zur Ehrenrettung: Es gibt dann doch immer wieder eine Menge Charme. Namentlich bei den Chören und Tänzen, die wirklich flott und wunderschön klingen. Sie erinnern an Rameau, also doch rückwärts.

Die Umsetzung insgesamt ist wieder auf hohem Niveau. Nichts anderes habe ich erwartet. Nun ist es leider auch so, dass man sich so schnell an so ein hohes Niveau gewöhnt hat und schnell eben auf diesem mäkelig wird, weil vieles zu oft immer gleich klingt. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass sich bei den Interpreten (und vielleicht auch bei uns Hörern?) eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Sie sind eben inzwischen auf fast jeder Aufnahme zu hören. Ich habe namentlich bei barocken Opern aus Frankreich dieses Gefühl immer die sechs selben zugegebenermaßen guten Sänger oder Sängerin zu erleben, so wie hier Judith van Wanrooy, Reinoud van Mechelen und andere (Jerome Boutillier, Jehanne Amzal, Purcell Choir, Orfeo Orchestra, Glossa 2 CDs, GCD924016). Sicher toll, aber sie bestreiten inzwischen gefühlt drei Viertel des Katalogs dieser Opern. Da fehlt mir das frische Blut. Und auch György Vashegyi schaltet mir zu sehr auf Autopilot. Ich vermisse die frechen Dynamiken seiner frühen Jahre, den Mut, ein bisschen effekthascherischer, ein bisschen lauter oder krachender in den Tänzen zu sein, mit den Tempi mehr zu machen. Dies ist eine Zauberoper. Und da könnte man doch wirklich auf den Putz hauen. Und zaubern! Aber zaubern tut er nicht wirklich. Was hätten Pichon oder Minkowski daraus gemacht.  Also insgesamt ist dies eine interessante Oper zwischen den Stilen aus dem Mittelfeld der Zeit, gut gesungen, aber ich weiß nicht, ob ich mich nächstes Jahr noch daran erinnere (8. 2. 2026). M. K./G. H.

Edmond Dédès Oper „Morgiane“

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Opernliebhaber erleben dieser Tage beim Label Delos eine absolute Überraschung: eine im märchenhaften Isphahan angesiedelte Story in der Vertonung eines schwarzen amerikanischen Komponisten mit Sitz in Bordeaux um 1880, nie aufgeführt, aber für eine Premiere in eben seiner Wahlheimat beabsichtigt, erst 2008 durch Zufall in einer riesigen Manuskripten-Sammlung in Harvard entdeckt, nun 2025 konzertant an der Universität von Maryland aufgeführt und bei Delos mitgeschnitten. Was für eine Geschichte!

 

Edmond Dédé, ein 1827 in New Orleans geborener Freigelassener der vierten Generation, hatte eine unglaublich erfolgreiche Karriere als Dirigent und Komponist in Bordeaux, Frankreich, und schrieb fast 100 von Kritikern und Publikum gefeierte Werke für die französische Bühne. Sein Hauptwerk jedoch – „Morgiane ou le Sultan d´Isphahan“, eine vieraktige französische Grand Opéra zu Themen aus „Ali Baba und die 40 Räuber“ – wurde bis zu seinem Tod noch nicht uraufgeführt und lag über ein Jahrhundert lang unbeachtet in Privatsammlungen und Bibliotheken.

1893 betrat der schwarze Geiger und Komponist Edmond Dédé zum ersten Mal seit mehr als dreißig Jahren wieder seine Heimatstadt New Orleans. Die Reise aus Frankreich war schwierig gewesen, sein Schiff war unterwegs gesunken – sein gesamtes Gepäck und seine Noten gingen im Golf von Mexiko verloren. Seit seiner Abreise war ein ganzer Krieg um die Zwangsarbeit der Afrikaner geführt worden, die Sklaven waren befreit worden. Er war nun kein freier Farbiger mehr, sondern ein schwarzer Kreole – denn nun waren alle „frei”. Aber die rassistischen Spannungen waren vielleicht noch größer als zu der Zeit, als er fortgegangen war, und die Vorurteile und Beschränkungen der Jim-Crow-Gesetze lasteten schwer auf der Stadt.

Seine Rückkehr, nachdem er sich in Frankreich über Jahrzehnte eine erfolgreiche Karriere als Dirigent und Komponist aufgebaut hatte, war eine Gelegenheit, seiner Geburtsstadt seinen Erfolg zu präsentieren. Und das tat er auch: Er wurde von seiner eigenen Gemeinschaft der schwarzen Kreolen willkommen geheißen und sogar zum Ehrenmitglied der schwarzen Bruderschaft Société des Jeunes-Amis ernannt. Während seiner Zeit in New Orleans gab er mehrere Konzerte, wurde aber letztendlich in den renommiertesten Veranstaltungsorten der Stadt einfach aufgrund seiner Hautfarbe nicht willkommen geheißen und nicht anerkannt.

Edmond Dédé: „Morgiane ou Le Sultan d´Ispahan“ (sic): The 1887 manuscript of „Morgiane“ was owned by a Parisian music collector until 1999/Houghton Library, Harvard University

Es heißt, dass er zum Abschied das Lied „Patriotisme“ schrieb – in Trauer darüber, dass sein Schicksal aufgrund der Vorurteile, denen er in seiner Heimat ausgesetzt war, jenseits des Ozeans liegen musste.

Nach 138 Jahren erlebt die erste bekannte Oper eines schwarzen amerikanischen Komponisten ihre Weltpremiere (vor der Entdeckung von Morgiane wurde das älteste bekannte Werk eines afroamerikanischen Opernkomponisten Harry Lawrence Freemans „The Martyr“ aus dem Jahr 1893 zugeschrieben. Noch älter ist John Thomas Douglass‘ Oper „Virginia’s Ball“ aus dem Jahr 1868, obwohl dieses Werk heute verloren ist.). Ein einziges handschriftliches Manuskript von Edmond Dédés Oper wurde 2007 von der Houghton Library der Harvard University erworben. Nach der Digitalisierung des Manuskripts wurden seine 60.000 Noten in 18 Monaten mühsam in offizielle Orchestrierungen übertragen, wodurch diese längst überfällige Aufführung möglich wurde.

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Der Name des Komponisten Edmond Dédé wird unter Wissenschaftlern, die sich mit der Musik des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten beschäftigen, immer bekannter. Sally McKees („The Exile’s Song: Edmond Dédé and the Unfinished Revolutions of the Atlantic World” /Yale University Press, 2017) hat die Aufmerksamkeit vieler auf sich gezogen, die sich für eine breitere Repräsentation in der klassischen Musik einsetzen oder daran interessiert sind, die Verbindungen zwischen der Alten und der Neuen Welt in einer genaueren Sichtweise zu betrachten, die die Arbeit von Menschen anderer Hautfarbe würdigt.

Dennoch ist dieser Mann den Meisten noch unbekannt. Allein seine Reisen würden die Fantasie der Leser anregen, und seine Kompositionen vermitteln ein klares Bild der Musikwelt des späten 19. Jahrhunderts in Frankreich – geprägt von Elementen, die eine Verbindung zum karibischen New Orleans herstellen.

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Edmond Dédé „Morgiane“/Stationen/Grand Théatre de Bordeaux/Wikipedia

Dédé wurde 1827 in New Orleans als Sohn freier Menschen mit dunkler Hautfarbe geboren und zeigte schon früh musikalisches Talent. Bis 1850 hatte er bei Constantin Debergue, dem Leiter der „Negro Philharmonic“ (um den Namen des Musikwissenschaftlers James Trotter aus dem 19. Jahrhundert für das Orchester zu verwenden, das sich aus Männern verschiedener ethnischer Gruppen in New Orleans zusammensetzte), und bei Ludovico Gabici, dem Dirigenten des St. Charles Theater der Stadt, Musikverleger und Komponisten, Violine gelernt. Dédé verließ Louisiana 1848, um nach Mexiko zu gehen, kehrte aber 1851 zurück. 1852 veröffentlichte er sein erstes Lied „Mon pauvre cœur”, ein kurzes Lied für Gesang und Klavier, im Selbstverlag. Bald darauf verließ er die Vereinigten Staaten erneut, kehrte aber 1893 für Auftritte zurück.

Nachdem er in Frankreich und Belgien umhergereist war und einen kurzen Abstecher nach England gemacht hatte, ließ sich Dédé 1859 in Bordeaux nieder. Er nahm eine Stelle als zweiter Dirigent des Balletts am Grand Théâtre an – einer Institution, an der große Opern wie Halévys „La Juive“ und Meyerbeers „Les Huguenots“ regelmäßig aufgeführt wurden. Er komponierte Musik für dieses Theater, darunter mehrere Ballette, und etablierte sich so sehr, dass Paul Lavigne in der lokalen Zeitung Le Renard vorschlug, dem Komponisten zusammen mit mehreren anderen in der Stadt zu erlauben, während der Ferien der großen Oper einige einaktige komische Opern aufzuführen. Es ist nicht bekannt, ob dieser Vorschlag umgesetzt wurde, aber eine Liste seiner Werke, die um 1880 veröffentlicht wurde, enthält solche Stücke.

Edmond Dédé Morgiane/Stationen/Algier/Le Théatre et la Place Bresson, Lucien Levy Postcard

Professionelle Musiker gaben kleinere Konzerte und Recitals, wenn sie nicht mit ihren Theaterauftritten beschäftigt waren, und Dédé war da keine Ausnahme. Eine solche Veranstaltung war der Salon des cercles artistique im April 1864, wo er in einem Septett von Beethoven Violine spielte. Noch bedeutender für seine Karriere war, dass er etwa zu dieser Zeit begann, sich um Anstellungen in Cafés-Concerts und Casinos zu bemühen, und bis 1870 war Dédé durch seine Arbeit im Alcazar und im Café-Delta lokal bekannt geworden. Er reiste auch viel und verdiente seinen Lebensunterhalt und den seiner jungen Familie durch seine Arbeit im Casino in Marseille und im Opernhaus in Algier! Seine Veröffentlichungen aus dieser Zeit bestätigen seine Affinität zu den populären Stilen, die von solchen Einrichtungen verlangt wurden, und viele davon enthalten Widmungen an prominente Künstler, insbesondere an diejenigen der berühmten Pariser Veranstaltungsorte wie dem Eldorado, das heute durch Toulouse-Lautrecs Plakat von Aristide Bruants Auftritt dort im Jahr 1892 bekannt ist.

Edmond Dédé „Morgiane“/Stationen/“The Negro Gallery“/At the Opera, 1872, engraving by Alfred Rudolph Waud/HNOC-1974.25.41-3

1888 widmete Dédé seine „La Malagaise” L. Brunet aus Bordeaux – bei dem es sich wohl um Louis Brunet handelte, der für das Libretto zu Morgiane verantwortlich war. Das erhaltene Manuskript der Oper aus dem Jahr 1887 führt auf der ersten Seite sowohl Dédé als auch Brunet als Komponisten und Librettisten auf. Ein L. Brunet aus der Gironde, der Region, in der Bordeaux liegt, gehörte in den 1860er Jahren ebenso wie Dédé dem L’Institut d’Afrique an. Diese Organisation von Männern afrikanischer Herkunft, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte, umfasste Mitglieder aus den Vereinigten Staaten, Europa, Afrika und Inselstaaten in weiten Teilen der Welt. Dass zwei schwarze Männer aus Bordeaux zu ihren Mitgliedern zählen und dass zwei Männer, von denen mindestens einer nachweislich afrikanischer Abstammung ist, gemeinsam an einer Oper gearbeitet haben, deren Grundlage die Rasse ist, kann kein Zufall sein.

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Edmond Dédé „Morgiane“/A scene from the Jan. 24 preview of „Morgiane“ at New Orleans’ St. Louis Cathedral Credit Amber Johnson Historic New Orleans Collection

In dieser Oper, Morgiane, stehen gute Araber bösen Persern gegenüber, wobei Figuren aus Ali Baba und die vierzig Räuber (nur dem Namen nach) einfließen. Zu Beginn feiern Amine (Sopran) und Ali (Tenor) ihren Hochzeitstag. Sie bittet ihre Mutter Morgiane (Mezzosopran), ihr den Namen ihres Vaters zu verraten. Seit sie sich erinnern kann, lebt sie bei ihrem Stiefvater Hagi Hassan (Bariton). Morgiane weigert sich, aber Ali sagt, dass es keine Rolle spielt, und erinnert Amine daran, dass er selbst ein Waisenkind ist. Am Ende des ersten Aktes treffen persische Soldaten des Sultans unter der Führung von Beher (Bariton) ein und nehmen Amine mit. Der zweite Akt spielt auf einem Markt in Persien, wo Ali, Morgiane und Hassan einen Plan schmieden, um Amine zu retten und den Sultan zu töten. Wir lernen den Sultan, dessen Name Kourouschah (Bass) ist, schließlich im dritten Akt kennen, als er seinen Plan offenbart, Amine vorübergehend zu seiner Sultana zu machen, und bemerkt, dass die Einheimischen sich freuen sollten, wenn er ihre Töchter schwängert. Amine protestiert vergeblich gegen seine Annäherungsversuche. Bei einem großen Fest treten Ali, Morgiane und Hassan als Unterhaltungskünstler auf und erzählen eine Geschichte, in der ein reicher Hirte das Lieblingsschaf eines armen Hirten stiehlt. Als dieser sich darüber beschwert, dass dies langweilig sei, verliert Ali die Beherrschung und entlarvt ihre Verkleidungen, was dazu führt, dass sie verhaftet und eingesperrt werden. Im vierten Akt stellt Kourouschah Amine vor die Wahl, entweder seine Geliebte zu werden oder mit ihrer Familie zu sterben. Sie entscheidet sich für Letzteres. Als der Sultan beginnt, über das Quartett zu urteilen, enthüllt Morgiane, dass er Amines Vater ist und sie vor Jahren seine Sultana war. Als Kourouschah dies erfährt, bittet sie um Vergebung, segnet die Vereinigung von Ali und Amine, und alles ist gut.

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Edmond Dédé „Morgiane“/ Soprano Nicole Cabell (right) with cast and OperaCreole Chorus in Morgiane, conducted by Patrick Dupre Quigley/Photo Jennifer Packard/ Opera Lafayette

Im Mittelpunkt dieser schwarzen Komödie steht eine Frage: Können wir jemanden allein aufgrund seiner Rasse beurteilen? Was als klare Trennung zwischen Arabern und Persern begann, wird zu einer verworrenen Geschichte, in deren Mittelpunkt zwei Frauen stehen, die Persien verlassen haben, um nach Arabien zu gehen. Die Parallele zu Dédés eigenem Leben – er verließ den größten Sklavenmarkt der Vereinigten Staaten, um in einem Land zu leben, in dem die Sklaverei abgeschafft wurde, aber seine Hautfarbe weiterhin das erste Merkmal ist, mit dem die Menschen ihn beschreiben – muss berücksichtigt werden, wenn man Morgiane versteht. Verweise auf die weiße Hautfarbe von Amine und Morgiane verkomplizieren diese Erzählung noch weiter.

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Dédé hat Morgiane nie auf der Bühne gesehen, aus Gründen, über die man nur spekulieren kann. Viele Kommentatoren in französischen Zeitschriften beklagten sich über die Schwierigkeiten, neue Opern auf die Bühne zu bringen, unter anderem weil die Direktoren zögerten, die für die Uraufführung neuer Werke erforderlichen Summen auszugeben. Auch die Rasse könnte eine Rolle gespielt haben.

Edmond Dédé „Morgiane“/Mary Elizabeth Williams as Morgiane/Jennifer Packard, Courtesy of Opera Lafayette

Trotz seiner Ablehnung oder Vernachlässigung im 19. Jahrhundert überlebte Morgiane auf wundersame Weise. Alle Gedanken, die der Direktor des Grand-Théâtre (von Bordeaux) in den 1880er Jahren, Tancrède Gravière, über Dédés Partitur hatte, sind nicht erhalten geblieben. Dédé reichte sie bei ihm ein, aber ihre weitere Geschichte ist unklar. Der erste bekannte Besitzer des heutigen Manuskripts war Jean-Marie Martin, ein bekannter Sammler französischer Opernquellen. Von ihm gelangte das Manuskript zu Bernard Peyrotte, der einen Musikladen in der Rue de Rome in Paris betrieb, und die Houghton Library der Harvard University erwarb es von Peyrotte. Die Mitarbeiter der Houghton Library haben Morgiane digitalisiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das Manuskript ist die einzige erhaltene Quelle und glücklicherweise als vollständige Partitur erhalten, d. h. es enthält sowohl die Instrumentalstimmen als auch die Gesangsstimmen. Es ist jedoch unübersichtlich, da es an zahlreichen Stellen kopiert, korrigiert und überarbeitet wurde. Diese Änderungen lassen vermuten, dass einige Personen die Musik gehört haben und Dédé anschließend Änderungen vorgenommen hat. Wenn dem so ist, wurden möglicherweise Teile für diese Aufführungen kopiert. Heute besteht das Manuskript aus zwei gebundenen Bänden, aber wann diese gebunden wurden, bleibt ein Rätsel. Eine neue Titelseite leitet den dritten Akt ein, was stark darauf hindeutet, dass es als zwei separate Manuskriptbände kopiert wurde. Eine Klavier-/Gesangspartitur ist verschwunden, wird aber im Houghton-Manuskript erwähnt.

Edmond Dédé „Morgiane“: French Opera Opening Night /Interior, New Orleans, c.1901/Wikipedia

Die Transkription von Morgiane hat einige Jahre gedauert. Teile davon, insbesondere der dritte Akt, erfordern erhebliche Schlussfolgerungen seitens des Transkribierenden, um grundlegende Informationen wie die Frage, welches Instrument welche Linie in der Partitur übernimmt, zu bestimmen. In vielen Fällen befindet sich ein Part, z. B. eine Klarinette in A, auf der vierten Zeile von oben auf einer Seite, nur um dann beim Umblättern auf der sechsten Zeile zu finden zu sein, und manchmal sind die Parts nicht in der richtigen Reihenfolge, z. B. befindet sich das Fagott unter den Blechbläsern. Dédé schrieb für Instrumente, die physische Veränderungen erforderten, um in nicht verwandten Tonarten zu spielen, z. B. Waldhörner ohne Ventile, aber oft wurden die Übergänge von einem Rohrblatt zum anderen ausgelassen. Nur durch Ausprobieren lassen sich diese Probleme entschlüsseln. Der Komponist hat auch ein Instrumentalensemble auf der Bühne vorgesehen, eine Banda, aber wie sich diese vom Orchestergraben unterschied, wird nicht erklärt, außer dass sie zusammen mit den Sängern und Tänzern auftrat. Eine große Schlagzeuggruppe, die dem Klang der Oper eine exotische Note verleiht, hat notierte Parts, aber wir könnten davon ausgehen, dass ein Teil davon improvisiert wurde, um näher an einem außereuropäischen Ensemble zu klingen.

Edmond Dédé „Morgaine“/Original-Manuskript/ _p230_231_msHarvard Houghton

Die Aufführungen – und die Aufnahme – werden die erste Tonaufnahme von Edmond Dédés Musik außerhalb seiner Lieder für Klavier und Gesang oder seiner Walzer für Tanzbands bieten und zweifellos den Beginn einer Wiederbelebung seiner Musik markieren. Vor bekannteren Männern wie Samuel Coleridge-Taylor, einem schwarzen englischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, und William Grant Still, bekannt als „Dekan der afroamerikanischen Komponisten”, komponierte Dédé Musik für große Ensembles im westlichen klassischen Stil und steuerte Werke in verschiedenen Stilen bei, die mit der französischen Theatermusik in Verbindung stehen. Da nur so wenig davon erhalten geblieben ist, werden wir nie das ganze Ausmaß seines Schaffens erfahren, aber Morgiane beweist seine Meisterschaft in Orchestrierung, opernhaften Gesangskonventionen und Musikdrama. Zum Glück können wir es endlich hören. Candace Bailey

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Edmond Dédé „Morgiane“/Der Ausdruck Jim Crow („Jim, [die] Krähe“) war in den USA im 19. Jahrhundert die Bezeichnung für das Stereotyp eines tanzenden, singenden Schwarzen, der vor allem in den Minstrel Shows ein beliebtes Thema war. Geschaffen wurde die Bühnenfigur vermutlich vor 1832 von dem weißen Komiker Thomas D. Rice, der mit Blackface auftrat.
Der Begriff wurde mit der Zeit im Rahmen der Rassendiskriminierung von Afroamerikanern und anderen Schwarzen kritisch genutzt, vor allem für die „Jim-Crow-Gesetze“. Heute dient Jim Crow als Bezeichnung für das umfassende System zur Aufrechterhaltung einer Rassenhierarchie in allen Bereichen der amerikanischen Gesellschaft/Wikipedia

Die Entdeckung: Dass Morgiane überhaupt erhalten geblieben ist, grenzt an ein Wunder. Dédés 545-seitiges handgeschriebenes Manuskript – zwei wuchtige Bände – landete in einer Privatsammlung von fast 10.000 Partituren, die die französischen Sammler Bernard Peyrotte und Jean-Marie Martin über fünf Jahrzehnte hinweg zusammengetragen hatten. Im Jahr 2000 erwarb die Harvard University das gesamte Archiv. Acht Jahre später öffnete die Musikbibliothekarin Andrea Cawelti beim Katalogisieren der Materialien eine Kiste und fand Morgiane. Sie erkannte dessen Bedeutung, scannte die Partitur heimlich ein und veröffentlichte sie – und gab damit Dédés lange verschwiegenen Oper eine zweite Chance. Dieser Scan erreichte schließlich zwei gebürtige Musikbegeisterte aus New Orleans: Giovonna Joseph, Gründer von OperaCreole, und Patrick Dupre Quigley. Beide sind an amerikanischen Konservatorien ausgebildet worden, wo selbst die Idee eines schwarzen amerikanischen Grand-Opern-Komponisten des 19. Jahrhunderts nie erwähnt worden war. Und doch war sie da – Morgiane, aus Dédés eigener Hand. Ryan Brown, Gründer und künstlerischer Leiter der Opera Lafayette, lud Quigley ein, Morgiane an der Opera Lafayette zu präsentieren, und stellte Joseph und Quigley einander vor. So begannen OperaCreole und Opera Lafayette eine ungewöhnliche Zusammenarbeit, um die Oper zum Leben zu erwecken.

Wie zu erwarten war, gestaltete sich der gesamte Prozess schwierig (…). Die Partitur, die von mehreren Personen niedergeschrieben und nie von einem Lektor überarbeitet worden war, war voller Unstimmigkeiten: vertauschte Notenzeilen, verschmierte Texte, widersprüchliche Harmonien, Kurzschrift-Notationen und alternativen Endungen. An einigen Stellen zeigten ausgelöschte Librettozeilen nichts als die gespenstische Abwesenheit von Silben und zerbrochener Syntax, was eine mutmaßliche Wiederherstellung erforderlich machte. Unter der Leitung des Herausgebers Maurice Saylor gab ein engagiertes Team jede Note, jede Pause und jede dynamische Markierung sorgfältig in eine moderne Notationssoftware ein und entschlüsselte sie dabei. Es war musikalische Archäologie im großen Stil: eine Rettungsmission durch die Zeit.

Das Team arbeitete im Juli 2024 mit Unterstützung von Evans Mirageas bei der Cincinnati Opera’s Opera Fusion:New Works an Morgiane und verfeinerte es dann durch eine Vorschau auf Szenen in New Orleans, die in Zusammenarbeit mit The Historie New Orleans Collection und dem Louisiana Philharmonie Orchestra präsentiert wurde.

Opera Lafayette und OperaCreole präsentierten gemeinsam die Weltpremiere mit einer Besetzung aus internationalen Solisten, dem Chor von OperaCreole und dem Opera Lafayette Orchestra, das auf Instrumenten aus Dédés Zeit spielte: Violinen mit Darmsaiten, Blasinstrumente aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, Krummhörner und Trompeten – sogar das heute nicht mehr gebräuchliche Ophikleide. Diese Entscheidungen waren nicht nostalgisch, sondern unerlässlich, um Morgiane so zu hören, wie Dédé es sich vorgestellt haben könnte. Giovanna Joseph/ Patrick Dupré Quickley

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Edmond Dédé Morgiane“/Joseph Bologne, Chevalier de Saint-George(s); Franzose; 25. Dezember 1745 – 9. Juni 1799) war ein französischer Violinist, Dirigent, Komponist und Soldat afrikanischer Abstammung. Darüber hinaus zeichnete er sich als Fechter, Athlet und versierter Tänzer aus. Seine historische Bedeutung liegt zum Teil in seinem besonderen Hintergrund als freier Mann gemischter Herkunft. Bologne war der erste klassische Komponist afrikanischer Abstammung, der in der europäischen Musikszene breite Anerkennung fand. Er komponierte eine Reihe von Violinkonzerten, Streichquartetten, Sinfonia concertantes, Violinduetten, Sonaten, zwei Sinfonien und verschiedene Bühnenwerke, insbesondere Opéra comique.
Er wurde in der französischen Kolonie Guadeloupe geboren. Sein Vater, Georges Bologne de Saint-Georges, war ein wohlhabender weißer Plantagenbesitzer, während seine Mutter zu den Kreolen gehörte, die Georges als Sklaven hielt. Im Alter von sieben Jahren wurde er nach Frankreich gebracht, wo er seine formale Ausbildung begann. Als junger Mann gewann er einen Fechtwettbewerb, was dazu führte, dass er von König Ludwig XVI. zum „Gendarme de la garde du roi” ernannt wurde. Nachdem er Musik- und Kompositionsunterricht erhalten hatte, trat er dem Orchester Le Concert des Amateurs bei, was 1773 in seiner Ernennung zum Dirigenten gipfelte.
1776 begann Saint-Georges, die Pariser Oper zu dirigieren. Dieses Vorhaben wurde jedoch durch den Widerstand bestimmter Künstler vereitelt, die sich gegen die Leitung durch eine Person mit dunkler Hautfarbe wehrten. Zu dieser Zeit verlagerte er seinen Schwerpunkt auf das Komponieren von Opern. 1781 trat er einem neuen Orchester bei, Le Concert de la Loge Olympique.[6] Bis 1785 hatte er das Komponieren von Instrumentalwerken vollständig aufgegeben.
Nach dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 ging Saint-Georges nach England. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich trat er der Nationalgarde in Lille bei und diente anschließend als Oberst in der Légion St.-Georges, die sich aus „farbigen Bürgern” zusammensetzte. Seine sozialen und beruflichen Verbindungen zu prominenten Persönlichkeiten wie Marie Antoinette und dem Herzog von Orléans machten ihn zu einem Ziel der Schreckensherrschaft, was schließlich zu einer mindestens elfmonatigen Haftstrafe führte.
Saint-Georges, ein Zeitgenosse Mozarts, wurde manchmal als „schwarzer Mozart” bezeichnet. Einige kritisierten diese Bezeichnung als rassistisch, andere nutzten sie, um Saint-Georges zu verteidigen./DeepL

Die Aufnahme: Naturgemäß oder vielleicht historisch-kulturell gemäß reagieren US-amerikanische Medien/Zuhörer/Musikliebhaber anders als europäische, und die begeisterte Kritik vor allem eines schwarzen Publikums (zumal im Süden), auch der Konzertbesucher in New York oder New Orleans, angesichts dieser frisch entdeckten Oper eines schwarzen Komponisten/Dirigenten ist verständlich. Die bislang erste vollständige Oper eines in Frankreich erfolgreichen Musikers aus New Orleans, eines Schwarzen zudem. Denn die Ethnie ist hier das Ausschlaggebende. Was sich auch in den enthusiastischen Rezensionen („black is beautiful.“) einiger deutscher Kollegen widerspiegelt…

Für uns Europäer gelten vielleicht andere Parameter in der Einordnung dieses Werkes in den angestrebten Kanon eine Grand Opéra (für Paris? für Bordeaux, dem zeitweiligen Wohnsitz Dédés?). Wir kennen viele Beispiele von USA-Flüchtigen nach Europa, von den Gis der Nachkriegszeit bis zu Kulturflüchtlingen der Gegenwart. Allein in meinem Freundeskreis gibt es zahlreiche Amerikaner, Weiße und Schwarze, die nicht mehr in die USA zurückwollen und finden, dass sie hier freier und besser leben können und wollen. Vor allem Schwarze. Das ist für uns nichts neues. (Zudem zeigt sich ja auch in der Gegenwart die Liebe Frankreichs zu schwarzen amerikanischen Künstlern, von Josephine Baker bis zu Jessye Norman, die bei unseren Nachbarn Göttinnen-Status innehatten. Und eine Parallele zu Dédés schwarzen Vorgänger-Kollegen in Frankreich, den Chévallier de St. Georges, bietet sich ebenfalls an.)

Neu oder weniger üblich ist die Variante des flüchtenden Künstlertums, die Erkenntnis, dass sich von der Ethnie unabhängiges Schöpfertum in Europa eher verwirklichen lässt wie im Falle des Schwarzen Edmond Dédè. Eine erfolgreiche Dirigenten-Karriere im französischen Bordeaux war auch für das Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich eher eine Seltenheit, wenngleich unser Nachbarland schon durch seine Kolonien an Schwarze im Berufsleben gewöhnt war und die ersten Freien sich bereits in der Literatur des 18. Jahrhunderts als Unternehmer, Anwälte oder auch Mediziner finden. In einer Zeit, als es noch Sklaven gab und Schwarze auch gewärtig sein mussten, auf offener Straße entführt und zurück in die Kolonien verkauft zu werden. Sie mussten deswegen ständig ihre Identitätspapiere mit der Beglaubigung des Frei-Status bei sich tragen. Erst Napoleon änderte vieles.

Diese lange Einleitung zu nachstehend Gesagtem scheint mir nötig, um meine eher weniger jubelnde Einschätzung der neuen Aufnahme verständlich zu machen.Das Libretto ist so absdurd-abenteuerlich wie viele andere einer eher vergangenen Epoche (wir sind aber auch in der Epoche von Gounod, Thomas oder Massenet mit plausibleren Plots).  Ich finde jedoch die Musik nicht überwältigend. Morgiane ist mir eine instrumental schwerblütige, zwischen Anleihen hin und her wechselnden Oper im Stile eher einer Opéra-Comique oder Opéra légere denn einer Grand-Opéra mit einigen flotten Nummern, aber ohne genügend musikalisches oder dramatisches Gewicht, um sie zu einem fesselnden Werk zu machen. Zumal sich die Einfälle verpulvern und mir der Musikfluss zu inkonsistent ist. Ganz sicher finden sich in der Komposition viele Anklänge an Musik der Zeit des ausgehenden Jahrhunderts, zu viele vielleicht. Andere sehen das anders:

„Die Musik in seiner Oper spiegelt die umfangreichen Erfahrungen des Komponisten in den Café-Konzerten der Stadt (sowie in Casinos anderer Städte) wider und spiegelt die eingängigen Melodien und den harmonischen Stil wider, die dort zu hören waren. Wenn man all die Facetten der Vokalmusik für die französische Bühne am Ende des 19. Jahrhunderts berücksichtigt, wird Dédés stilistische Position unter seinen Zeitgenossen deutlicher. Ein Großteil von Morgiane lässt sich auf die melodiösen Lieder der Café-Konzerte zurückführen. Die Verwendung des Chores als Teilnehmer am Drama stammt aus der Praxis der Grand Opéra, ebenso wie das große Orchester und die farbenfrohe Orchestrierung. Andere Aspekte der Oper verraten mehr über den individuellen Stil des Komponisten, wie beispielsweise die Übernahme karibischer Rhythmen in einigen Tänzen oder der einfallsreiche Kontrapunkt, der in Chören und zwischen Solosängern und Instrumenten auftaucht. Seine gelegentlichen Anspielungen auf ältere Werke, wie Mozarts Le nozze di Figaro, verleiten uns zu der Annahme, dass er entweder sein Wissen über das klassische Repertoire zur Schau stellt oder bewusst auf bestimmte Szenen in bekannten Werken Bezug nimmt – oder beides. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Dédés Musik in Morgiane seine Vertrautheit mit der Operntradition bestätigt, die er mit leichten Gesangsstilen untermalt, die durch dramatische Orchesterklänge unterstrichen werden, während er gleichzeitig seine Verbindungen zu seinen US-amerikanischen Wurzeln und seinem persönlichen Stil beibehält.“ schreiben Giovanna Joseph/ Patrick Dupré Quickley im Beiheft zur neuen Aufnahme.

Das mag alles sein. Aber das offenbart sich mir nicht. Keine der Nummern („melodiöse Lieder der Café-Konzerte“) bleiben mir im Ohr, weder in Bezug auf die Melodie noch auf die Harmonie noch auf Erfindung (schon garnicht). Da ist mir vieles zu eklektisch (und ganz ehrlich: manches auch gähnend langweilig-dahin dümpelnd…). Und über das oben Gesagte kann man geteilter Meinung sein. Mozart scheint mir doch sehr weit entfernt zu sein … „Nozze di Figaro“: nun wirklich ….

Edmond Dédé „Morgiane“: Kenneth Kellogg as Kourouschah, the Sultan/Jennifer Packard, Courtesy of Opera Lafayette

Die Ausführung ist für mich dem Anspruch einer französischen Grand Opéra ebenfalls nicht wirklich nahe. So sorry. Ich kann das Ereignis als solches und für die OperaCreole und für die Beteiligten als wichtiges durchaus würdigen, aber die Aufnahme vermittelt mir nicht wirklich angestrebtes französisches Flair, zumal man wenig Französisch versteht (was auch an der Akustik der Universitäts-Aula von Maryland liegen mag, die Herren kommen besser herüber).

Ich hätte mir eine andere Besetzung gewünscht, vielleicht mit Ausnahme von Nicole Cabell mit höhensicherem Sopran. Der beste ist der Bass Kenneth Kellogg als letztendlich gütiger Sultan mit einiger vokaler Gestaltung. Seine resonante Stimme zeigt nicht nur virile Kraft, sondern auch Legato-Eignung. Elizabeth Williams als Titelsängerin, Tenor Chauncey Parker und andere haben für mich keine besonders gute Stimmprojektion, die in der gelegentlich schweren Instrumentierung manchmal untergeht.

Sänger von OperaCréole, drei davon auch kurz als Solisten, bestreiten die Chorstücke, wobei die Männerstimmen in lauten Momenten zu oft dominieren. Das Orchester der Opera Lafayette ist aufgrund der von Dédé verwendeten breiten Instrumentierung größer als üblich. Dirigent Patrick Dupré Quigley macht einen guten Job. Sein Orchester spielt mit Dichte, die Balance mit den häufigen Blechbläsern, verstärkt durch vier Hörner, drei Posaunen und einem Ophikleide (ungewöhnlich auch für die Zeit), ist auf der Aufnahme nicht so gut eingefangen (besagte Akustik, bei der die tutti zum Amorphen neigen). Aber der Orchesterklang ist üppig und bejaht Dédés Anspruch, nun doch eine Grand Opéra beabsichtigt zu haben, die hier zum ersten Mal erklingt. Das eben ist das Ereignis. G. H.

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Zum Inhalt: Akt 1: Eine Hochzeitsfeier. An ihrem Hochzeitstag erfährt Amine, dass Hassan, der Mann, der sie aufgezogen hat, nicht ihr Vater ist. Verzweifelt versucht sie, die Identität ihres leiblichen Vaters herauszufinden, und fleht ihre Mutter Morgiane an, doch ihre Bitten werden zurückgewiesen. Der Bräutigam Ali versucht, sie zu trösten. Plötzlich unterbrechen Soldaten unter der Führung von Beher, dem grausamen Diener des Sultans, die Feierlichkeiten und entführen die schöne Amine.

Edmond Dédé „Morgiane“/Osmanische Prinzessin Süleyman’ın_Kızı Cameria (Mihrimah Sultan) 1522 – 1578/ Wikipedia

Akt 2: Der Markt von Isfahan. Ali, Morgiane und Hassan durchqueren die Wüste auf der Suche nach Amine. Sie kommen an einem geschäftigen Markt in Isfahan an, das vom Sultan regiert wird. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie Beher Amine in Ketten zum Palast des Sultans schleppt. Am Abend schmieden sie einen gewagten Rettungsplan.

Akt 3: Der Königspalast. Der Sultan plant, Amine zu verführen, doch sie widersetzt sich ihm tapfer. Als Unterhaltungskünstler verkleidet, hoffen Ali, Morgiane und Hassan, den Sultan davon zu überzeugen, sie freizulassen. Als ihre Geschichte ihn nicht beeindruckt, wird Ali wütend und zieht einen Dolch. Beher entlarvt die Unterhaltungskünstler, enthüllt ihre wahre Identität, und sie werden verhaftet.

Akt 3: Das Gefängnis. Der Sultan stellt Amine vor die Wahl: Entweder sie wird seine Geliebte und rettet ihre Familie, oder sie lehnt ab und wird zusammen mit ihnen hingerichtet. Amine wählt den Tod statt Verrat. Bevor der Sultan das Urteil verkündet, konfrontiert Morgiane ihn und zeigt ihm einen Diamantring, der um ihren Hals hängt. „Das ist der Ring, den Sie mir, Ihrer Frau und Sultana, am Tag der Geburt unserer Tochter geschenkt haben. Sie waren ein grausamer Ehemann, und ich bin an diesem Tag geflohen, um meine Tochter zu verschonen. Sie können die Frau, die Sie entführt haben, nicht heiraten, denn Amine ist auch Ihre Tochter.“ Der Sultan, beschämt und reumütig, befreit seine Gefangenen und erklärt, dass das Todesurteil aufgehoben ist. G. H.

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Den Text von Candace Bailey entnahmen mit sehr freundlicher Genehmigung der Autorin ihrem Beitrag in: Folger Shakespeare Library/Shakespeare and beyond – A lost Opera is found: Edmonhd Dédé´s Morgiane;   Giovanna Joseph/ Patrick Dupré Quickley musikalische Einschätzung entstammt dem Beiheft zur neuen Aufnahme der Oper bei Delos, einem Konzertmitschnitt vom 9. Februar 2005 in der Dekelboum Concert Hall in The Clarice Smith Performing Arts Center at the University of Maryland/USA.

Die Mitwirkenden waren Morgiane: Mary Elizabeth Williams, Kourouschah: Keneth Kellogg, Amine: Nicole Cabell, Hagi Hassan: Joshua Conyers, Ali: Chauncey Pa cker, Be4her: Jonathan Wooley, OperaCreole Ensemble, Opera Lafayette Orchestra, Dirigent: Patrick Dupré Quickley, Creative collaborator; Giovanna Joseph. 2 CD Delos 2628 mit französisch-englischem Libretto (leider ohne Inhaltsangabe und wie das gesamte Booklet in Optiker-freundlichem Kleinstdruck) (14. 02. 26 ).

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Edmond Dédé „Morgiane“/die Autorin Candace Bailey/ clbaileymusicologist.com

Candace Bailey ist eine Neville Distinguished Professorin für Bildende und Darstellende Kunst an der North Carolina Central University, einer HBCU in Durham, North Carolina. Ihre aktuellen Interessen konzentrieren sich auf die Musikkultur des 19. Jahrhunderts im Süden der USA, insbesondere auf Frauenmusik, gebundene Musikbände als kulturelle Signifikanten (in den USA, Südamerika und Europa) und Frauenmusik im England der Restaurations- und Regency-Zeit. Baileys Arbeit über Edmond Dédé geht auf ihre Forschungen zur Musik in New Orleans zwischen 1830 und 1880 und den Einfluss sozialer Netzwerke unter Menschen mit dunkler Hautfarbe in der Crescent City zurück. Sie ist Trägerin mehrerer Auszeichnungen und Stipendien, darunter von ACLS, NEH und dem National Humanities Center. Ihr preisgekröntes BuchUnbinding Gentility: Women Making Music in the Nineteenth-Century South” (University of Illinois Press, 2021) hinterfragt Annahmen über Musik, Geschlecht und Rasse in einer turbulenten Phase der US-amerikanischen Geschichte./DeepL

 

 

 

 

 

Saverio Mercadante: „Francesca da Rimini“

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Oper Frankfurt: Deutsche Erstaufführung. Fast alles ist vor Beginn der Oper schon geschehen. Francesca, die Tochter des Herrn von Ravenna, wurde aus politischen Gründen mit Lanciotto, dem Sohn des Herrschers von Rimini, verheiratet. Da Lanciotto missgebildet ist, gibt man dessen Bruder Paolo als Bräutigam aus. Francesca verliebt sich auf den ersten Blick in den schönen Paolo. In der Hochzeitsnacht muss sie feststellen, dass man sie getäuscht hat. Bei der Rückkehr aus einer Schlacht, und da setzt Saverio Saverio Mercadantes Oper Francesca da Rimini einspürt Lanciotto Francesca Abweisung und wird misstrauisch. Bis zum Tod der beiden Liebenden benötigt Mercadante gut drei Stunden Musik. Es braucht geduldige und ausdauernde Hörer, doch die bestrickt Mercadante mit allen Finessen eines italienischen Melodramma romantico. Vor allem den ersten, fast eindreiviertel Stunden langen Akt überzieht er mit einer rossinischen Ornamentik, die die Seelenlage der drei Protagonisten auf subtile Weise auszisiliert und in der Schwebe lässt, bevor er im zweiten Akt zupackt.

Ein beliebter Topos, nicht nur für die Oper: „Paolo und Francesca“, hier nun von Anselm Feuerbach 1865/ Wikipedia

Doch Francesca entstand vor der Reformoper Il Giuramento. Nicht nur die Hosenrolle des Paolo rückt Francesca in die Nähe von Bellinis I Capuleti e i Montecchi über das andere berühmte Liebespaar Italiens. Die Oper Frankfurt brachte Mercadantes Francesca und deren hochromantischen an Rossini und Bellini geschulten Sinnestaumel jetzt in einer im Vorjahr bei den Tiroler Festspielen Erl gezeigten Produktion zur Deutschen Erstaufführung. Hans Walter Richters Inszenierung macht auf fast unmerkliche Weise alles richtig. In dem angeschnittenen Bühnenraum von Johannes Leiacker verweisen die ausgesprochenen geschmackvollen Kostüme der Raphaela Rose und die wenigen Möbelstücke auf die Entstehungszeit. Gelegentlich öffnet sich, wenn Francesca und Paolo sich wegträumen, die Rückwand und zeigt Caspar David Friedrichs Ruine einer gotischen Kirche, deren filigranes Maßwerk wie Stein gewordene Musik wirkt. Die gar nicht kunstgewerblich hingetupften Tanzdoubles von Francesca, Paolo und Lanciotto greifen das Doppelgängermotiv der Romantik geschickt auf. Auch wenn Lanciotto mal wütend Stühle schmeißt, sein Vertrauter Guelfo das böse Buch anzündet, durch dessen Lektüre der Geschichte vom ehebrecherischen Verhältnis des Lancelot und der Guinevere sich Francesca und Paolo näherkommen, und überhaupt im zweiten Teil die Landschaft wie verkohlt wirkt, dominieren die Bilder keinesfalls die von Ramón Tebar mit Geschmack ausgefalteten Formen und Formeln der italienischen Oper der 1830er Jahre und deren virtuose Ausbreitung in den nahtlos ineinanderfließenden vokalen Linien. Von diesem Sog lässt sich auch Frankfurter Opern- und Museumsorchester zunächst sperrig, doch dann durchwegs inspiriert mitreißen.

Saverio Mercandate / Wikipedia/ Gemälde von Cefaly/ Wiki

Er scheint einer anderen Epoche anzugehören, obgleich Saverio Mercadantes Lebensdaten (1795-1870) nahezu identisch mit jenen Rossinis (1792-1867) sind. Wie der fast gleichaltrige Giovanni Pacini (1796-1867) profitierte er von Rossinis Rückzug von der Bühne. In den Schatten gedrängt wurde beider Schaffen zeitweise durch die Werke von Donizetti (1797-1848) und Bellini (1801-35). Doch über seine lange Schaffenszeit gelang es Mercadante eine bedeutende Schanierfunktion zwischen Rossini und Verdi einzunehmen. Mercadantes erste Oper kam 1819 in Neapel heraus, wo er mehr als 45 Jahre und rund 60 Opern später sein Schaffen 1866 mit der letzten vollendeten Oper Virginia beendete. Der ebenso fleißige Pacini brachte es zwischen 1813 und 1858 auf 70 bis 80 Opern. Geboren wurde Mercadante im schönen auf einer Anhöhe etwa 45 südwestlich von Bari und nicht weit vom Weltkulturerbe Matera liegenden Städtchen Altamura. Weniger als 100 Kilometer sind es bis Martina Franca, wo das Festival della Valle d’Itria viel für die Wiederentdeckung von Mercadantes Werken tat. Dazu gehörte 2016 auch die späte Uraufführung der Francesca da Rimini.

Nachdem er in Neapel als Hauskomponist am San Carlo Rossini nachgefolgt war, hielt sich Mercadante 1827-30 in Spanien auf, wo bei seinem zweiten Besuch in Madrid 1831 die geplante Uraufführung der Francesca da Rimini, ebenso wie später in Mailand, nicht zustande kam. Francesca wirkt wie aus einer anderen Zeit. Das liegt auch an einer gewissen metastasianischen Steifheit, mit der Felice Romani die Geschichte erzählt. Mercadantes große Werke der Reifezeit folgten erst wenige Jahre später mit I Briganti für Paris, Il Giuramento und Il Bravo für die Mailänder Scala; später konzentrierten sich die Uraufführungen auf das San Carlo. Mit seinem ursprünglich 1823 für Giuseppina Strepponis Vater Feliciano entstandenen Libretto folgte Felice Romani der von Mazzini ausgerufenen Rückbesinnung auf Dante, in dessen Werk sich „passione, amor patrio, orgoglio e forza nazionale“ vereinen und der in seiner Göttlichen Komödie im 5. Gesang des Inferno die Geschichte Francescas erzählt. Insgesamt schrieb Romani elf Libretti für Mercadante, der darüber hinaus weitere sechs Textbücher verwendete, die Romani bereits für andere Komponisten verfasst hatte.

Mercadantes „Francesca da Rimini“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ © Barbara Aumüller

Getreu alter Muster hat Mercadante den drei Protagonisten jeweils ihre Arie im ersten Akt und ihre Szene im zweiten Akt zugeteilt. Er weitet die Seelenräume durch wenige Terzette und Quartette, wo Francescas Vater Guido hinzutritt, und umklammert und durchgliedert sie mit Chören, die mehr als nur Kommentar bieten. Die schicksalhaft von der Liebe zu Lanciottos jüngerem Bruder Paolo erfasste Francesca ist bei Jessica Pratt gut aufgehoben, die lange kristalline Kantilenen über die Ensembles spannt und deren etwas weißer Sopran vor allem in der Höhe Zauber und Reiz besitzt. In ihrer von der Harfe begleiteten Cavatina singt Pratt noch etwas schwerfällig lasch und mit körperloser Tiefe, doch ihre Gefängnisszene mit Englischhorn steigert sie mit stupendem Ziergesang zu einer bravourösen Primadonnennummer. Als Lanciotto besticht Theo Lebow nicht durch das verführerischste Timbre, aber sein charaktertenoral weinerlicher Ton greift das „Herzklopfen“ des betrogenen Ehemanns passgenau auf. Trotz der gekrähten Höhe realisiert Lebow die schwere Partie mit seinen Möglichkeiten sehr gut, da er ist ein sensibler Deuter ist, der in seiner großartigen mit süßen Zwischentönen ausgeleuchteten Szene zu Beginn des zweiten Akts zeigt, welche Wucht in Mercadantes Musik liegt.

Mit ihrem hellen, technisch fundierten, nicht allzu großen, aber vielfarbigen Mezzosopran zeigt Kelsey Lauritano nicht nur in ihrer Rossini-Nummer im ersten Akt lieblich unaufdringliche Koloraturkunst und in ihrer Szene im zweiten Akt gestalterische Intensität, sondern ist Francesca und Lanciotto eine stilsichere Duett-Partnerin. Ausgezeichnet der farbenreich frische Bariton von Erik van Heyningen als Francescas liebevoller Vater Guido (26.2.23).    Rolf Fath

Pracht für Auge und Ohr

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In wacher Erinnerung ist die szenische Aufführung von Nicola Porporas Oper Polifemo 2019 in der Salzburger Felsenreitschule im Rahmen der dortigen Pfingstfestspiele. Julia Lezhneva sang damals die weibliche Hauptrolle der Galatea. Der russischen Sopranistin, eine Ikone der Barockszene, begegnet man nun wieder in einer Veröffentlichung des Labels Château de Versalles, das zwei Aufführungen des Werkes 2024 im Hoftheater des Schlosses von Versailles mitgeschnitten hat. Wie immer ist die Präsentation in einer prachtvoll ausgestatteten Box mit drei CDs und einer DVD lobend zu erwähnen (CVS 159).

Am Pult des Orchestre de l´Opéra Royal steht sein Chefdirigent Stefan Plewniak – ein Spezialist für das Genre, der schon mehrere erfolgreiche Einspielungen beim französischen Label verantwortet hat. Ihm gelingt es, das dreistündige Werk lebendig und unterhaltsam zu realisieren. Die Besetzung trägt zum großen Hörvergnügen bei, angeführt von Paul-Antoine Bénos-Dijan als Ulisse. Wenn Lezhneva und Franco Fagioli als Aci auch die renommiertesten Interpreten der Aufnahme sind, so ist der französische Countertenor für mich doch der Star der Produktion. Seine Stimme ist von betörender Schönheit, aufregender Sinnlichkeit und bemerkenswertem Empfindungsreichtum. Mit dem auftrumpfenden „Core avezzo al furore“ im 1. Akt führt er sich imponierend ein, mit dem wiegenden, zärtlich intonierten „Fa´ ch´io ti provi“ und dem schmeichelnden „Fortunate pecorelle“ kann er die Schönheit seines Materials nachdrücklich herausstellen. Bezaubernd tupft er die Töne in seinem Solo am Ende des 2. Aktes, „Dell´immortal bellezza“, und hat am Ende des 3. Aktes eine Arie zu absolvieren, „Quel vasto, quel fiero“, die als tour de force der rasenden Koloraturen eine besondere Herausforderung an den Interpreten stellt.

Die berühmteste Arie des Werkes fällt jedoch Aci zu. Im 3. Akt, von Polifemo mit einem Felsen erschlagen und von Jupiter in einen Quell verwandelt, singt er „Alto Giove“ – jene Nummer, welche der legendäre Kastrat Farinelli jahrelang in Madrid dem depressiven spanischen König Philipp V. vorsang und dabei immer wieder neue Variationen und Verzierungen erfand. Die Stimme Fagiolis, der hier als barocker Held gewandet ist und eine Krone trägt, hat im Timbre an Wohllaut etwas eingebüßt und an Vibrato zugenommen, so dass die Arie hier nicht so mirakulös schwebend erklingt, wie man es ihm von früheren Aufnahmen kennt. Doch noch immer besitzt der Vortrag den Ausdruck der Magie und des Entrücktseins. Davon zeugt auch seine Auftrittsarie, „Dolci, fresche aurette“. Unvermindert bewundernswert ist seine Virtuosität, was er im 2. Akt mit zwei Arien beweisen kann. „Lusingato dalla speme“ ist eine der längsten Arien des Werkes, von bukolischem Zuschnitt und reich verziert. Die Koloraturen nehmen hier freilich einen meckernden Klang an – ein inzwischen häufiger zu vernehmender Eindruck. In der furiosen Bravour-Arie „Nell´attendere il mio bene“ lässt der Sänger aber keinen Zweifel an seiner Ausnahmestellung und brennt ein Feuerwerk an technischen Finessen ab. Porpora hat ihm ganz am Ende mit „Senti il fato“ noch eine ausgedehnte, mit reichen Verzierungen ausgestattete Arie verordnet, in welcher der Interpret noch einmal die Rangordnung in der Besetzung klarstellt.

Nach wie vor ist Lezhnevas Gesang höchst kunstvoll und delikat. Ihre Triller und abellimenti sind wahre Kunststücke. Und all diese absolviert sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Den 1. Akt beschließt sie mit der bravourösen Arie „Ascoltar no“, wo sich Koloraturen und Triller schier überschlagen. Bei dem übermütigen „Fidatta alla speranza“ im 2. Akt wiederholt sich das und wieder brilliert die Sängerin, was das Publikum angemessen honoriert. Schmerzlich umflort ertönt die Arie „Smanie d´affanno“ im 3. Akt, wenn Galatea vergeblich ihren Aci sucht und ihren Schmerz in einer ausgedehnten Kadenz ausdrückt. Mit flirrendem Sopran von berückender Süße stimmt sie auch das Schlussterzett mit Aci und Ulisse an. nach welchem das Publikum alle Interpreten ausgiebig feiert. was diese  mit einem Da capo belohnen.

Recht klein ist die Titelrolle des Polifemo, dennoch kann sich José Coca Loza in einem monströsen Kostüm als Zottelmonster mit seinem resonanten Bass nachdrücklich profilieren, vor allem im letzten Akt. Èléonore Pancrazi komplettiert die Besetzung als muntere Nymphe Calipso mit energischem Mezzo von satter, gurrender Tiefe. Die kleine Partie der Nymphe Nerea ist gestrichen.

Die DVD hält die opulente Inszenierung von Justin Way in Versailles fest. Pierre-François Dollé hat die Tänze im barockisierenden Stil choreografiert und sich dabei durchaus einige ironische Tupfer gestattet. Die sechs Herren der Académie de danse baroque de l´Opéra Royal sind die denkbar besten Interpreten. Die Bühne von Roland Fontaine zeigt einen marmornen Steinbruch am Fuße des Ätna. Die spektakulären Kostüme in haute couture-Manier von Christian Lacroix sind von einzigartiger Pracht, die extravaganten Perücken ganz von barocker Dekadenz. Selten kann man heute einen derartigen Ausstattungsluxus sehen. So ist die Ausgabe gleichermaßen ein Geschenk für Auge und Ohr (13. 01. 2026). Bernd Hoppe

Hamburger Team-Arbeit

 

cpo zählt für mich zu jenen Labels, die immer wieder Unbekanntes veröffentlichen. Vor allem frühe deutsche Opern stellen einen Kernpunkt des Repertoires der Firma dar. Jetzt wurde dieses um Reinhard Keisers Oper Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig erweitert. Der Kapellmeister der Hamburgischen Oper am Gänsemarkt ist seit der epochalen Aufführung seiner Oper Der hochmütige, gestürzte und wieder erhabene Croesus durch René Jacobs 1999 an der Berliner Staatsoper wieder im Gespräch, inzwischen sind sieben Opern des Komponisten auf CD verfügbar.

Der Carneval von Venedig wurde 1707 am Hamburger Theater am Gänsemarkt mit großem Erfolg uraufgeführt. Das Libretto von Johann August Meister fußt auf der französischen Comédie-Ballet gleichen Titels von André Campra, welche 1699 in Paris zur Premiere kam. Die Handlung kreist um zwei Paare, die sich untreu werden und am Ende wieder zueinander finden – vergleichbar mit Così fan tutte. Wie in Mozarts Oper gibt es auch hier ein drittes Paar – zwei deutsche Adlige, die sich als Celinde und Myrtenio in das venezianische Karnevalstreiben stürzen. Der Musik ist eine stilistische Vielfalt eigen. so dass man das Werk auch als Pasticcio bezeichnen kann. Teile der Komposition stammen von Christoph Graupner und wahrscheinlich auch von Johann Mattheson. Tanzeinlagen wurden aus Campras Comédie-Ballet übernommen.

Die vorliegende Einspielung auf 2 CDs entstand im Juli 2022 in Hamburg (cpo 555 581-2). Wieder einmal war das barockwerk hamburg unter seiner Leiterin Ira Hochman am Werk. Es musiziert mit Schwung, Frische und Vitalität. Schon die heiter-beschwingte Ouverture stimmt auf kommende Hörfreuden ein. Genussreich sind die zahlreichen Tanzeinlagen (Entrée, Rondeau, Bourrée, Passepied). Bei der Aufnahme handelt es sich um eine Rekonstruktion, da die Partitur nicht erhalten ist. Fehlende Nummern wurden durch Stücke aus anderen Werken Keisers ersetzt.

Das Solistenensemble weist keine Stars auf, ist aber zumeist solide. Die Sopranistin Hanna Zumsande als Leonora und der Bariton Andreas Heinemeyer als Leandro geben das erste Paar. Sie eröffnet den 1. Akt mit zwei Arien, klingt obertonreich und klar. Er beginnt gleichfalls mit zwei Soli, lässt aber eine etwas monotone, in der Höhe bemühte Stimme hören. Leandro verliebt sich in Isabella (die Sopranistin Fanie Antonelou mit keckem Ton), die von Rudolfo (der Bariton Matthias Vieweg mit markanter Stimmgebung) getrennt wird und sich in Leandro verliebt. Die Sopranistin Anna Herbst und der Tenor Mirko Ludwig nehmen die deutsche Prinzessin Celinde und ihren Verehrer, Prinz Myrtenio, wahr. Sie imponiert mit lyrischer Noblesse von melancholischer Stimmung („Lungi da me“) oder jubelnden Koloraturen („Grata mercé di costante fé“). Er setzt auf buffoneske Munterkeit. Im 3. Akt findet sich noch ein heiteres Intermezzo mit der Köchin Trintje (die Mezzosopranistin Geneviève Tschumi mit munteren Tönen) und ihrem Begleiter Brillo (der Tenor Mirko Ludwig mit witzigen Verfärbunden), die ihre Couplets auf Plattdeutsch vortragen, was dem Geschmack des Hamburger Publikums entsprach. Beide Solisten bilden gemeinsam mit Catherina Witting und Sönke Tams Freier auch das Vokalquartett, dem die Chorpartien anvertraut sind. Bernd Hoppe

 

Oper im Fluss der Zeit

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Alles fließt, konstatierte bereits der alte Grieche Heraklit, und warum sollte das der Oper nicht widerfahren, so dass der Titel von Reinhard Strohms Oper in Bewegung keine große Überraschung in sich birgt, eher etwas Selbstverständliches kundtut und dafür eine stattliche Anzahl von Beweisen liefert. Zeitlich begrenzt sich das Buch auf Barock und frühe Romantik, aus welchen Epochen einzelne Werke zur Beweisführung des Wandels auch in der Opernwelt herangezogen werden, die Kapitelüberschriften nennen zunächst das Thema des zu betrachtenden Werks und danach den Titel des Werks selbst.

Von Anfang an besticht das Buch durch die Fülle von Wissen, das vermittelt wird, sowie durch das geradezu mitreißende Engagement für das Thema, bereits im Vorwort ersichtlich, zudem durch die Ehrlichkeit, wenn darauf hingewiesen wird, dass einzelne Kapitel bereits u.a. als Texte für Programmhefte veröffentlicht wurden.  Das hat allerdings auch den Vorteil für den Leser, dass er im Buch umher schweifen und sich selbst Schwerpunkte für das Lesen und Reflektieren über Gelesenes auswählen kann.

Vertrautheit zwischen Verfasser und Leser stellt sich ein, wenn letzterer immer wieder direkt angesprochen, in die Entstehung von Erkenntnisprozessen einbezogen wird, was im Prolog, der auch von Prologen handelt, betont wird. Auch Arie und Rezitativ ist ein Kapitel gewidmet, ihrem Ursprung, ihrer Entwicklung, stets mit einer Fülle von Beispielen belegt und damit überprüfbar.

Viel in Bewegung war auch die erste Persönlichkeit, der eine nähere Betrachtung zuteil wird, Agostino Steffani, wobei besonders seine Beziehung zu Händel erwähnenswert ist. Purcells King Arthur spielt eine Rolle in der Festigung des britischen Herrschaftsanspruchs und ist damit ein immer wieder kehrendes Beispiel für die enge Verknüpfung der frühen Oper mit dem jeweiligen Fürstenhof, der die Künstler unterstützt, aber auch wie die Kirche Grenzen setzt.

Verblüfft stellt der Leser immer wieder fest, wie einige, allerdings nicht wenige Themen immer wieder zum Opernsujet werden, teilweise bis zur Unkenntlichkeit verändert, meistens aus der antiken Sagenwelt, griechisch oder römisch, später auch aus den von Spaniern eroberten Gebieten in Amerika Stoffe liefernd, die dann selbst weniger ein Abbild dieser Zeiten und Landschaften liefern, als dass sie Spiegel der sie konsumierenden Gesellschaft sind, ob sie nun Rodelinda, Giustino oder Tamerlano heißen. „In Bewegung“ befinden auch sie sich, indem sie dem jeweiligen Zeit- oder besser Herrschergeschmack angepasst werden. Interessant ist die Entdeckung, „dass die damalige Oper nicht  „Charaktere“ in ihrer Entwicklung nachbildet, sondern eher die in den Personen schlummernden emotionalen Möglichkeiten nacheinander entfaltet.“

Der Autor und Musikwissenschaftler Reinhard Strohm/Premio Balzan

Ganz selten stößt man auf eigenartige Übersetzungen aus dem Italienischen, so wenn der Fluss Lethe, als pigro bezeichnet, statt als träge als dunkel bezeichnet wird oder wenn Anastasio in Vivaldis Giustino meint:“ Vanne,vinci! Mio nume è la tua spada“ und die Überersetzung meint: „Geh, sieg! Dein Schwert ist meine Gottheit!“ anstelle von:“Mein Gott ist dein Schwert!“

Natürlich darf der Name Pietro Metastasio nicht fehlen, durchzieht, und das zu Recht, fast das gesamte Buch mit der Begutachtung seiner Libretti und Schauspiele. Zwischen 1730 und 1760 sieht der Verfasser die Oper in besonders  schneller Bewegung, verbunden sowohl mit der Hofoper wie mit den zahlreichen Wanderopern, auch der ersten Pendleroper in Wien, dem Kärtnertor-Theater.  Zum Wanderer wird Strohm auch der Komponist Gluck in gleich zwei umfangreichen Kapiteln, verbunden mit wertvollen Informationen über das Verhältnis von Komponist, der auch Dirigent ist, Impresario und Truppe. Eine Tabelle verhilft zu Informationen über Änderungen „Ipermestra“, über die Verwandlung von Corneilles Augustus in Glucks und Mozarts Titus, von denen einzelne Arien untersucht werden.

Zu Ritualen in Mozarts späteren Opern führt das folgende Kapitel, klärt den Unterschied zum Klischee und spürt ihm in Zauberflöte, Tito und Così nach. Die Brücke zum heute wird geschlagen mit Betrachtungen über Versuche, sich dem Säkularisierungdprozess, dem der Verfasser auch die Kunst unterworfen sieht, zu entziehen. Friedrich II. und seine Beschäftigung mit Montezuma regt ihn dazu an, Betrachtungen über Schwulsein und „die männliche Brille des Aufklärers“ anzustellen, Peter WintersDas unterbrochene Opferfest“ ist für ihn zugleich Darstellung der Kultur der Inkas wie des Kampfes zwischen England und Spanien um Kolonien.

Vom Barock gelingt der Sprung in die Romantik mit der Interpretation von Rossinis La donna del lago, zum Vergleich von Fontanes Ballade mit Scotts Roman und schließlich dem Musikwerk, als neuen Opern-Typ bezeichnet Strohm  des Komponisten Guillaume Tell, den der Grand Opéra, was mit vielen Notenbeispielen dokumentiert wird. Donizettis Maria Stuarda ist ihm Anlass, die Unterschiede zwischen Rezitativ, Aria und Cabaletta herauszustellen, zum Abschluss befasst er sich mit dem Problem von Librettoübersetzungen und plädiert für die heute selbstverständliche Aufführung in der Originalsprache.

Das Buch bietet eine Fülle von Informationen auch kleinster, bisher vernachlässigter Details, ohne den großen Überblick zu verlieren, spricht gleichermaßen von Wissen über wie Liebe zur Gattung Oper und ist eine Quelle von bisher nicht oder kaum Erforschtem wie ein Born, aus dem Leidenschaft; für die Gattung geschöpft werden kann (Metzler- Verlag und Bärenreiter- Verlag Kassel/Berlin 2025; 320 Seiten ; ISBN 978 3 7618 7315 1 Bärenreiter; Foto oben: Der Fluss Drawa/rff reporter/Flussreporter). Ingrid Wanja

E. T. A. Hoffmanns „Aurora“

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Am 24. Januar 2026  jährt sich der 250. Geburtstag des Allround-Künstlers E. T. A. Hoffmann. Schriftsteller, Musiker, Theatermann und natürlich (gern vergessen) Jurist in Preußischen Diensten in Bamberg, Posen, Würzburg und Berlin. Die berühmte Darstellung von Hoffmann (eigentlich Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, * 24. Januar 1776 in Königsberg, Ostpreußen; † 25. Juni 1822 in Berlin) und seinem Freund, dem Schauspieler Devrient im Schauspielhaus-nahen Lutter & Wegner ist heute, auch Dank des noch immer verkauften Sektes, allen Weinkennern bekannt, weil auf dem Etikett abgebildet. Das Berliner Restaurant seines Namens am nämlichen Ort ist auch eine gute Adresse. Und natürlich hat ihm Offenbach ein – wenn auch verzerrendes – musikalisches Denkmal gesetzt.

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Aber Hoffmann als Komponist ist in Vergessenheit geraten. Gelegentlich tauchen Aufführungen seiner kurzen, heiteren Stücke auf, aber seine großen Opern wie Undine oder Aurora oder auch Dirna liegen wie Blei und existieren nur in vergriffenen Einspielungen bei Bayer-Records unter dem verdienstvollen Hermann Dechant (1995) und  (Dirna) bei cpo als WDR-Übernahme von 1998 unter Johannes Goritzki.

cpo hat nun eine Hoffmann-Hommage herausgegeben und in die Bestände der Firma mit eben jener Dirna und einigem an Kammermusik gegriffen.

Undine gibt es zudem unter Sammlern in einer schönen Rundfunkeinspielung vom BR/1971 mit Rita Streich in der Titelrolle – die CD-Übernahme fiel dem Copyright-Bann zum Opfer. Ähnlich erging es der Radioübertragung unter Robert Heger mit der anmutigen Antonia Fahberg aus Bamberg 1959, die Musikliebhaber natürlich ihr Eigen nennen.  Glaube, Liebe und Eifersucht, eines der lässlicheren Singspiele wurde in Schwetzingen vom Theater Heidelberg 1982 wiederbelebt.

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E.T.A. Hoffmann und sein Zechkumpan, der Schauspieler Ludwig Devrient, im Weinkeller von Lutter und Wegner in Berlin/ Staatsbibliothek Berlin/ E. T. A. Hoffmannportal

Hoffmanns Undine folgt mit Abweichungen dem vom Kollegen Lortzing bekannten Plot. Unbekannt ist hingegen seine Aurora, die wir als Hommage an den genialen Theatermann und Literaten Hoffmann in seinem Todesjahr 2022 vorstellen wollen. Sein Chef und Freund, der Bamberger Theaterleiter Franz von Holbein, verfasste das Textbuch zu Aurora und Cephalus (so der Originaltitel). Auch von dieser Oper sind kaum Aufführungen bekannt, wurde sie doch durch widrige Umstände erst 1933 in Bamberg in malträtierter Fassung erstaufgeführt. Ein Gastspiel aus Posen 2008 ließ in einer drastisch gekürzten Form (neuer Titel: Cephalus und Procris) das Bamberger Publikum ratlos zurück, Rainer Lerwandowskis Inszenierung galt als nicht besonders werkdienlich. Der Bayer-CD unter Hermann Dechant ging eine Konzertante Aufführung in Bamberg 1999 voraus.

So war es die geniale Bearbeitung von Librettist und Regisseur Peter Lund an der Neuköllner Oper 1993 (Doppel-l weil nach dem alten Berliner Vorort Neu-Kölln benannt), die dem Berliner Operngänger bleibend im Gedächtnis ist.

Zu dieser Aufführung schrieb Jürgen Maier für das Programmheft den nachstehenden Artikel, den wir mit Dank an den Autor und die Neuköllner Oper Berlin wiederholen. E. T. A. hätte sich darüber sicher gefreut – denn von weiteren Ehrungen an den Opernhäusern von Berlin (wo sein Grabstein auf dem Friedhof am Halleschen Tor und das ehemalige Kammergericht/ heute Jüdisches Museum von seinem Wirken zeugen), Bamberg (immerhin sitzt dort die E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft), Posen und anderen Stationen seines Lebens hört man bisher gar nichts. Deutschland und seine Künstler eben … Aber vielleicht bringt 2026 ja Überraschendes. G. H.

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E. T. A. Hoffmanns Aurora“ an der Neuköllner Oper in Berlin1993/ Szene/ NKO

Und nun eine Einführung von Jürgen Maier: „Zum Musiker bin ich nun einmal geboren, das habe ich von meiner frühesten Jugend an gefühlt und mit mir herumgetragen. Nur der mir innewohnende Genius der Musik kann mich aus meiner Misere reißen – es muss jetzt etwas geschehen, etwas Großes muss ge­schaffen werden im Geiste der Bach, Händel, Mozart, Beethoven!“ So begeistert und überzeugt von seiner mu­sikalischen Sendung äußert sich E.T.A. Hoff­mann noch 1812, dem Jahr der Fertigstellung der Aurora. Aus unserer 180 Jahren späte­ren Perspektive verwundert es immer wieder, wie sehr der Literat Hoffmann sein Schicksal mit der Musik verband und wie spät er erst zur Literatur und damit zum Erfolg fand.

1776 in Königsberg geboren, wächst Hoff­mann nach der Trennung der Eltern unter der Obhut der Familie seiner Mutter auf. Er erhält früh musikalischen Unterricht durch seinen Onkel, später dann durch den Domorgani­sten Podbielski. Aus familiärer Tradition her­aus studierter Jura, vertieft aber parallel seine musikalischen Kenntnisse und versucht sich, der Zeitströmung entsprechend, im Verfassen von Romanen. Nach einer ersten Anstellung am Gericht in Glogau kommt Hoffmann 1798 nach Berlin ans Kammergericht. Hier gerät er erstmals in Kontakt mit den modernen Strö­mungen in der Musik und Literatur und lernt u. a. auch den herumreisenden Gitarristen und späteren Librettisten der Aurora, Franz von Holbein (1779-1855), kennen. 1799 schreibt und komponiert er seine erstes Singspiel Die Maske, das er in der Folgezeit vergebens dem Königlichen Nationaltheater zur Aufführung anbietet.

E. T. A. Hoffmanns „Aurora“ als „Cephalus und Procris“ im Gastspiel aus Posen in Bamberg 2008 / Bayern3

1800 wird Hoffmann nach Posen befördert, von wo er aber nach nur zwei Jahren in das Provinznest Plock strafver­setzt wird. Der Grund hierfür sind von Hoffmann gezeich­nete Karikaturen der Posener Gesellschaft, die auf einer Karnevalsredoute verteilt werden und offenbar so treffend sind, daß die Posener Honoratioren einen Regierungs-As­sessor Hoffmann für nicht mehr tragbar halten. In Plock lernt Hoffmann seine spätere Frau Mischa kennen, mit der er nach dem Tod einer gemeinsamen zweijährigen Tochter alleine bis an sein Lebensende zusammenbleiben wird. 1804 gelingt es Hoffmann, seine Versetzung nach War­schau zu erwirken. Dort bietet sich ihm in der von ihm mit gegründeten „Musikalischen Gesellschaft Warschau“ endlich auch ein weites Betäti­gungsfeld für seine vielseitigen künstlerischen Fähigkeiten. Er besorgt die Inneneinrichtung der neuen Räume, er komponiert und diri­giert, gestaltet Programmzettel und Bühnen­bild und ist bald ein angesehenes Mitglied der Warschauer Gesellschaft.

Das Glück währt aber nur kurz. Ende 1806 marschieren die Franzosen ein, und der preu­ßische Beamte Hoffmann verliert seine Stel­lung. Hoffmann geht deshalb 1807 zum zweiten Mal nach Berlin, wo er ein Jahr großer Not erlebt, gleichzeitig aber versucht, die Kunst zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen.

E. T. A. Hoffmann/ Selbstbildnis/ Alte Nationalgallerie Berlin/ Winter

Mit einer 1807 veröffentlichten Anzeige gelingt es Hoffmann, eine Anstellung als Musikdirektor am Bamberger Theater zu be­kommen, die er im Herbst 1808 antritt. Der erhoffte künstlerische Erfolg tritt aber zunächst nicht ein. Das Theater hat finanzielle Proble­me, es gelingt Hoffmann aber auch nicht, das Orchester für sich zu gewinnen, sodass er die Orchesterleitung niederlegt und als Theater­komponist mit geringerem Gehalt angestellt wird. 1810 übernimmt Franz von Holbein die Leitung des Theaters, und es beginnt nun eine fruchtbare Zeit der Zusammenarbeit, in der das Bamberger Theater auch überregionale Bedeutung erhält. Holbein, dem die Leitung des Theaters angetragen wurde, ist ein erfah­rener, weitgereister Theatermann. Er wird später seine Karriere als Direktor des Burgthea­ters und der Hofoper in Wien beschließen. Hoffmann lernt von Holbein viel über die Theatermaschinerie und die Dramaturgie des Theaters. In dieser Zeit beginnt er, seine Theorien zur wahren romantischen Oper zu entwickeln.

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Hoffmann hat umfangreiche Schriften zur Musik hinterlassen. Hier ist er ein Erneuerer, und seine Einflüsse reichen weit ins 19. Jahr­hundert. Mit seinem musikalischem Werk gelingt ihm dies nicht, wenngleich diese Werke in technischer wie künstlerischer Hinsicht durchaus auf der Höhe ihrer Zeit waren und viele Elemente der Romantik beinhalten und vorwegnehmen. 1811, als Hoffmann mit der Aurora beginnt, liegt seine letzte Oper drei Jahre zurück. Er hat in diesen Jahren eine Wandlung durchgemacht, die ihn von Mozart zu Gluck führte und die er erstmals 1 810 in einer Rezension von Glucks Iphigenie in Aulis zum Ausdruck brachte Hoffmann kritisiert dort sicherlich auch sein früheres Schaffen, weshalb die Aurora als ein erster Schritt in jene Richtung zu werten ist, die später mit Wagner ihren Höhepunkt hatte: das Posen als die höchste Verschmelzung von Musik, Wort und Bild.

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E. T. A. Hoffmanns „Aurora“ in der bislang einzigen Aufnahme bei Bayer Records, inzwischen vergriffen/ Hermann Dechant dirigiert in der Folge des Konzertes in Bamberg 1990.

Die Oper: Ob die Aurora damals jene Lust ausgelöst hätte – man weißes nicht. Der Stoff der Aurora, die Geschichte von Cephalus und Procris war damals ein durchaus bekanntes und eingeführtes Theater- und Opernthema. Es ist von Holbein im Stile der Opera seria dahingehend bearbeitet, dass der Ehebruch und die politischen Intrigen völlig fehlen und alle Hauptfiguren recht emotional angelegt sind. Die Liebe, deren Erfüllung und die Entsagung aus Größe sind die Themen des Librettos, ganz im Stile der frühen Romantik. Der dramaturgische Aufbau ist sehr zielsicher auf die damaligen Möglichkeiten der Theatermaschinerie gesetzt, die Handlung ist nicht zwingend, aber einigermaßen logisch, auch wenn die Titelfigur Aurora erst ab dem 2. Akt recht spärlich auftaucht und die Geschichte letztendlich auch ohne ihr Zutun ihre Lösung finden würde. Für unsere heutigen Ohren nur schwerlich nachvollzieh­bar ist das Pathos der Verse und insbesondere der Sprechdialoge. Hoffmann mag aber seinen Gefallen daran gefunden haben, denn „der Plan, die Idee der Oper, wie der Dichter sie gibt, muss den Komponisten begeistern; und war sie dazu geeignet, die Phantasie aufzuregen, so wird ihre im Einzelnen matte oder verfehlte Ausführung ihn nicht aus der Begeisterung reißen“.

Die spärlichen Tagebucheintragungen Hoffmanns aus dem Jahre 1811 zeigen jedenfalls, dass Hoffmann sich mit viel Energie an die Arbeit machte. Ist der Stoff eigentlich ein Opera-seria-Sujet, so weist die Dominanz der Ensemble-Nummern in Richtung Opera buffa. Die Dialoge dürften, da Hoffmann sie eigentlich nicht mochte, dem damaligen Trend zum Singspiel geschuldet sein. Was schon beim ersten Hören für diese Oper einnimmt, sind die Transparenz und Leichtigkeit des Orchestersatzes. Dies wird erreicht durch die meist große Selbständigkeit der Streicher- und Bläsergruppen, die in ständigem Dialog miteinander stehen. Nur selten setzt Hoffmann den vollen Orchesterapparat ein. Auch verzichtet er auf große virtuose Anforderungen an das Orchester. Vielmehr versucht er überzeugend, die Musik in den Dienst des dramatischen Verlaufs zu stellen. Die Singstimmen entfalten sich frei über dem Orchester, die Ensembles sind meist Dialogszenen, in denen die Handlung spannungsreich und musikalisch stringent vorangetrieben wird. Nur selten werden die Stimmen vom Orchester gestützt, unnötige Verzierungen findet man kaum, und die Koloraturen sind ausgeschrieben. Auch zeigt Hoffmann ein sehr genaues Gefühl forden Sprachduktus. Ungewöhnlich vielfarbig ist die Einbindung der großen Chöre. Hoffmann setzt sie zur Erzeugung räumlicher Effekte ebenso ein wie als Hinter­grund-Rahmen und vor allem als handlungshemmendes und damit spannungsförderndes Element. Ungewöhnlich zart und stilistisch neu ist der Einsatz von Orchester und Chor bei der Zeichnung stimmungsvoller Bilder, wie z. B. der Sphärenwelt der Aurora. Nicht nur hier, sondern auch beim Einsatz von Erinnerungsmusiken, die in Richtung Leitmotiv weisen, verlässt Hoffmann seine Vorbilder, so dass die Aurora zu einem spannungsreichen Werk zwischen Klassik und Romantik wird.

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E. T. A. Hoffmann und Frau in der Berliner Taubenstrasse/ eigenhändige Zeichnung/ Berliner Staatsbibliothek

Das Scheitern des Ideals: Im Vergleich zu den ersten beiden Aktschlüssen wirkt das große Finale sehr zerfahren und kann überraschenderweise nicht die geweckten Erwartungen erfüllen. Man kann spekulieren, dass Hoffmann, während er die Aurora schrieb, in seine fünfzehnjährige Gesangsschülerin Julia Marc verliebt war, die mit dieser Liebe zwar kokettierte, jedoch nie ernsthaft eine Beziehung in Erwägung zog. Diese Liebe machte ihn, wie sein Tagebuch belegt, ob ihrer Unmöglichkeit in der engstirnigen Bamberger Gesellschaft beinahe wahnsinnig, und Hoffmann konnte sich bei der Fertigstellung der Aurora vermutlich weder in ein erfülltes Liebesgefühl noch in stille Entsagung einfinden.

Das Problem der gebrochenen Darstellung der Erfüllung und des Glücks begegnet uns aber auch in Hoffmanns literarischem Werk. Hier gelingt es ihm jedoch mit den Mitteln der Ironie, die ihm in der Musik seiner Zeit noch nicht zur Verfügung standen, diese Unzulänglichkeit, die zwangsläufig aus dem irdischen Dasein entspringt, zu umgehen und das wahre Empfinden seinen Lesern zu überlassen. Dass nach der Aurora nur noch die Undine folgte, ist neben äußeren Umständen sicher auch der Tatsache geschuldet, dass Hoffmann die Zerrissenheit seiner Existenz, aber auch das nahe Scheitern des rein poetischen Lebensgefühls der Romantik spürte. Dies darzustellen, fiel ihm als Schriftsteller offenbar leichter.

Der überbordende Idealismus der Aurora macht es schwer, heutzutage an eine Inszenierung zu denken. Jedoch bietet das Werk neben seiner wichtigen musikgeschichtlichen Stellung gerade durch sein leises Scheitern viele Ansatzpunkte, die auf das Abgleiten der poetischen Romantik in das Biedermeier verweisen.

E. T. A. Hoffmanns Aurora“ an der Neuköllner Oper in Berlin 1993/ Szene/ NKO/Peter Lund

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Die weitere Geschichte: Dem Bamberger Theater geht das Geld aus, eine geplante Auffüh­rung der Aurora in Würzburg entfällt wegen des Krieges. Hoffmann verlässt 1813 Bamberg und wird Musikdi­rektor der Secondaschen Operntruppe in Leipzig und Dresden. Auch hier eckt er schnell an, offen­bar gibt es Differenzen mit dem Direktor darüber, wie dem Publikumsgeschmack Genüge getan werden kann. Nach der Kündigung nimmt Hoff­mann wieder, zunächst kostenlos, eine Stellung als Staatsbeamter in Berlin an. Mittlerweile eilt ihm durch seine Erzählungen Der goldene Topf und Ritter Gluck schon ein gewisser Ruf voraus, so dass er problemlos weitere Geschichten verkaufen kann. Mit der Aufführung der Undine im August flackert noch einmal kurz die Möglichkeit einer musikalischen Karriere auf, die Hoffnung, eine Kapellmeisterstelle zu bekommen, erfüllt sich aber nicht. Mit dem Brand des Schauspielhauses werden unter anderem die Dekorationen der Undine zerstört und damit offenbar auch alle weiteren Ambitionen Hoffmanns in diese Rich­tung.

Bis zu seinem Tode 1822 schreibt er noch einige Gelegenheitskompositionen. Anerkennung und Ruhm aber wird ihm nun endlich durch sein überaus reges literarisches Schaffen zuteil. Er verbringt seine letzten Jahre als anerkanntes Mit­glied der Künstlergemeinde Berlins und erlangt auch durch seine gesellige Trinkfestigkeit eine stadtweite Bekanntheit. Sein Tod ist überschattet von dem Konflikt um die Novelle Meister Floh, in der er die restaurative Gesinnung der Restauration persifliert. Die sich vermutlich zu Recht getroffen fühlenden juristischen Kollegen Hoffmanns starten eine Kampagne, die der kränkelnde Hoffmann nicht überlebt. Wenn sich die schnöde Wirklich­keit der Poesie annimmt, dann scheint die Poesie verloren.

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E. T. A. Hoffmanns Aurora“ / Staatsbibliothek Berlin

Von der Partitur der Aurora verbleibt das Original in Würzburg und wird dort vergessen. Eine Abschrift landet in Wien, geht durch mehrere Hände und ist bis 1962 verschollen, als sie auf einer Auktion auftaucht und von der Staatsbiblio­thek Bamberg erworben wird. Im November 1933 findet eine auf dem Würzburger Material basie­rende Aufführung des „Kampfbundes für Deutsche Kultur“ statt. Musik und Text erfahren dabei aber starke Eingriffe, die das Werk unkenntlich ma­chen, so dass von einer Uraufführung nicht gespro­chen werden kann. Somit ist die Inszenierung der Neuköllner Oper in Berlin 1993 tatsächlich die erste szenische Aufführung, ziemlich genau 180 Jahre nachdem Hoffmann die letzten Stimmen und Ab­schriften fertiggestellt hat.

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Der Seltenheit wegen nun der Inhalt der Oper:  1. Akt: Procris, eine Königstochter, hat auf der Jagd einen flötenden Hirtenjungen kennen und lieben gelernt. Als Pfand überreicht Procris ihm eine Blumengirlande. Der junge Hirte mischt sich unter das Jagdgefolge und folgt Procris.

Im königlichen Garten teilt Erechtheus seinem Feldherrn Polybius mit, daß er Procris mit König Dejoneus vermählen will. Überraschend teilt Poly­bius mit, daß er selbst auch Procris zu heiraten wünscht. Als Procris mit dem Jagdgefolge eintrifft, stellt er sie vor die Wahl. Verzweifelt verlangt Procris Aufschub. In ihrem Gemach offenbart sie Polybius ihre neu gefundene Liebe, der daraufhin großmütig verzichtet und Procrisverspricht, ihrbei der Erfüllung ihrer Liebe zu helfen. Sie solle zum Schein ihn als Bräutigam wählen.

Hoffmanns Grabstein auf dem Friedhof am Halleschen Tor, Berlin/ für uns Heutige überraschend ist das W. als drittes Inizial/ A. für Amadeaus war ein selbstgegebener Vorname, aber auf dem Grabstein musste der originale Wilhelm erscheinen/ Foto Winter

Im Inneren eines prächtigen Tempels sind Volk und Priester anwesend, und alle harren der Ent­scheidung Procris‘. Wie vereinbart wählt sie Poly­bius. Dejoneus will zu den Waffen greifen, der Vater ist entsetzt. Plötzlich tritt der junge Hirte hen/or und will sich in sein Schwert stürzen, da er sich von Procris verraten glaubt. Procris wirft sich in seine Arme. Die Priester sind bestürzt über diese Entweihung des Tempels. Philarcus, Leibwächter des Dejoneus, scheint etwas an dem Hirten zu erkennen, doch wagt er nichts darüber zu sagen. Die Fürsten und Priester fordern den Tod des Hirten, und Polybius bietet sich an, das Urteil zu vollstrecken.

2. Akt: Im Tempel der Aurora am Meeresrand versteckt Polybius den jungen Hirten. Der Hirte bittet die Göttin um Gnade und Schutz. Die Mor­genröte naht, und Aurora steigt aus den Fluten. Sie nähert sich dem Jüngling und verliebt sich sogleich in den Unglücklichen. Sie lockt ihn in ihr Reich, indem sie verspricht, ihm bei der Erlangung seiner Liebe zu helfen, dabei sich selbst meinend. Polybi­us meldet unterdessen Erechtheus den Vollzug des Todesurteils. Der hinzukommende Dejoneus will die erlittene Schmach nur vergessen, wenn ihm Procris als Sklavin übergeben wird. Dies versetzt Erechtheus in Rage, und er will das Schwert ziehen, als Procris, um Gnade für den Hirten flehend, hereinstürzt. Erechtheus verweist auf die Meldung von Polybius, woraufhin Procris sich endgültig verraten glaubt. Es gelingt jedoch Poly­bius, im Verlauf des Streites Procris unauffällig die Wahrheit mitzuteilen. Ihre freudige Reaktion er­klärterden beiden Königen als Geistesverwirrung aus Liebesschmerz. In ihrem Palast gesteht Aurora dem jungen Hirten ihre Liebe, unterstützt von Flötenspiel und Sirenengesang. Der Jüngling bleibt jedoch standhaft, allein Procris gilt seine Liebe. Aurora gibt sich geschlagen. Sie will ihm helfen.

“ L´Aurore“/ Gemälde von Fragonard/ Louvre Paris

3. Akt: Im königlichen Garten findet Dejoneus Philarcus im Schlafe redend. Ersprichtvon Diome- des, der verstorbenen Frau des Dejoneus, die offenbar die Tötung ihres gemeinsamen Sohnes Cephalus befohlen hatte. Ein Leibwächter gesteht, daß Diomedes ihm aufgrund eines Orakels, worin es hieß, der Sohn werde einst dem Vater das Teuerste entreißen, befohlen habe, Cephalus zu töten. Er sei hierzu aber unfähig gewesen und habe das Kind mit einem Brandzeichen versehen in einem Kahn ausgesetzt. Eben dieses Zeichen habe er nun bei dem jungen Hirten wiederent­deckt. Durch das erneute Todesurteil sei der Sohn nun endgültig verloren. Dejoneus will Philarcus daraufhin töten. Die hinzukommenden Procris und Polybius verhindern dies. Im Laufe des Gesprächs gesteht Polybius, daß er Cephalus nicht getötet habe. Für Dejoneus hat sich so sein Orakel erfüllt: Der Sohn entreißt ihm die teure Procris, was er aber nun gutheißt. Cephalus beschließt, als Frem­der aufzutreten und Procris auf die Probe zu stellen. Im Tempel werden schon Hochzeitsvorbe­reitungen getroffen. Cephalus tritt als fremder König auf, der um die Hand der Königstochter anhält. Erechtheus bedeutet ihm, daß seine Toch­ter bereits vergeben sei. Cephalus ziehtdas Schwert, woraufhin sich Dejoneus ihm entgegenstellt. Just in diesem Moment taucht Polybius auf und gesteht, daß er den Tempel der Aurora leer vorgefunden habe. Cephalus hat unterdessen begriffen, daß es um ihn geht, nimmt seinen Helm ab und gibt sich zu erkennen. Vater und Sohn umarmen sich. Cephalus führt Procris zu Aurora, vor der beide niederknien. Die Göttin verwandelt sich, und die Aussicht „zerfließt in einen ganz rothen Horizont, in deßen Milte Aurorens Stern, den ganzen Tem­pel roth überstrahlend, schwebt. Alle sinken auf die Knie, Aurora winkt allen, sich zu erheben“.  Jürgen Maier

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Der Autor des Artikels, Jürgen Maier, war zum Zeitpunkt der Aufführung Geschäfts­führer der Neuköllner Oper, die das Werk 1993 in ihrer Originalfassung szenisch uraufführte; Winfried Radecke hatte die musikalische Lei­tung, Peter Lund besorgte die Regie in der Ausstat­tung von Ulrike Reinhard und Daniela Thomas; in den Hauptrollen sangen Regine Gebhard/Auro­ra, Barbara Hoos de Jokisch/Cephalus, Stefan Stoll/Dejoneus, Hans Arthur Falckenrath/Erech­theus, Lothar Odinius/Philacrus, Berthold Kogut/ Polybius und Bettina Eismann/Procris.

Von der Bamberger konzertanten Aufführung 1999 mit dem dortigen Jugendorchester unter Hermann Dechant gibt es einen CD-Mitschnitt bei Bayer Records, inzwischen vergriffen wie auch die Undine. Dirna und einiges an vokalem „Kleinkram“ wurde nun von cpo wieder aufgelegt. Wir danken dem Autor Jürgen Maier und der Neuköllner Oper Berlin. G. H.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge in unserer Reihe Die vergessene Oper findet sich auf dieser Serie hier.

Vermächtnis

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Gleichermaßen alter wie hochmoderner Musik verpflichtet fühlte sich der Mezzosopran Lorraine Hunt Lieberson, viel zu früh wie bereits vorher ihre Schwester an Krebs verstorben, nachdem sie als letztes Vermächtnis eine CD mit Liedern ihres Gatten eingespielt hatte. Ursprünglich an der Bratsche ausgebildet, hatte sie als Sängerin ihren Durchbruch in Glyndebourne in der Peter-Sellars-Inszenierung von Händels Theodora in der Partie der Irene. Der einspringende Dirigent war damals Harry Bicket, der sie auch auf ihrer Händel-CD mit Arien aus den Opern Theodora, Serse und der Cantata La Lucrezia begleitet, einmal als Dirigent, dann als Organist.

Es beginnt mit den Arien der Irene, Vertraute Theodoras und mit Anteilnahme deren Schicksal verfolgend.

As with rosy steps te morn“ lässt die Stimme in schöner Ruhe strömen, Ergebenheit in das Schicksal sich geschickt steigernd lassend mit schönen Schwelltönen, leuchtender Höhe, die Extreme nicht scheuend, was die Lautstärke betrifft, rubatobewusst, während das Orchester pure Beschaulichkeit vermittelt.

Eine schimmernde Mittellage lässt sich im Rezitativ „O bright exampleof all goodness!“ vernehmen, in der darauf folgenden Arie „Bane of virtue, nurse of passion“ wird es etwas geschmäcklerisch und damit zusätzlich reizvoll, den weiten Spielraum zwischen Beiläufigkeit und Bedeutungsschwere auskostend. Breit ist die Spanne zwischen Verhaltenheit und dem gewaltigen Aufblühen des Mezzos am Schluss mit „And pure religion feeds the flame“.

Hochpräsent ist die Stimme auch im Pianissmo von „The clouds begin to veil“, in der sich anschließenden Arie betört ein inniges Gebet mit „Defend her Heav`n!“ Es folgt „Lord to Thee each night“ in schöner Schlichtheit und beachtlicher Geläufigkeit im schnellen Teil.

Im Rezitativ „She`s gone“ überzeugt die feine Nachdenklichkeit, in der Arie „New scenes of joy“ ist pure Abgeklärtheit zu vernehmen.

La Lucrezia wurde bereits in Rom komponiert, um dort die von der römischen Kirche vorgeschriebene opernlose Fastenzeit  vergnüglich zu überbrücken, auch wenn das Sujet bekannlich ein sehr betrübliches ist. Die Sprache ist dementsprechend Italienisch, und auch in diesem weiß die Sängerin um die Bedeutung der Rezitative, führt ihre Stimme in der Arie „Già superbo del mio affanno“ in Mezzoqualitäten in die Höhe und verstört nur in  „Il suol che preme“ mit leicht verwaschener Diktion. Einfach toll ist das Furioso „Questi la disperata anima“ mit seinem unverhofften Wechsel  zum Adagio, von berührender Innigkeit „A voi, a voi, padre, consorte“, und auch das Furioso „Ma se qui non m`e dato“ verdient seine Bezeichnung in dieser Darbietung.

Der  letzte Teil bringt Arien aus Serse, natürlich, und das als krönenden Schluss „Ombra mai fu“, das man sich inniger nicht denken kann, nachdem bereits die widerstreitenden Gefühle von „Se bramate“ in atemberaubender Geläufigkeit und Strahlkraft imponieren konnten. Hier wie bereits zuvor sind der Sängerin Harry Bicket und das Orchestra oft the age of Englishtenment würdige Begleiter (AV2792). Ingrid Wanja

Entdeckerfreude, Klarheit und Leidenschaft

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Diese Warner/EMI-Box mit 63 CD ist eine imponierende Sammlung von Zeugnissen des großen, in Deutschland vielleicht doch zu wenig bekannten Charles Mackerras (1925–2010). Sie dokumentiert einen Großteil des Repertoires eines sehr vielseitigen Konzert- und Operndirigenten, der in vielen Genres der Klassischen Musik „zuhause“ war (5021732623560).

Jahre des Studierens – nach einer kurzen Laufbahn als Oboist in Sydney –  bei dem legendären Dirigenten Vaclav Talich in Prag Mackerras entscheidend und weckten früh seine Begeisterung für die tschechische Musik. So galt der in den USA geborene Australier später sogar als der die tschechische Tradition am besten fortsetzende Dirigent. Davon legen seine Interpretationen der Symphonien Nr. 7 bis Nr. 9 und der Variationen für Orchester von Antonín Dvořák mit dem London Philharmonic Orchestra Zeugnis ab. Sie sind exemplarisch in Idiomatik, Dramaturgie, Dynamik, ebenso was Klarheit, Transparenz und das „böhmische“ Kolorit angeht. Leider enthält die Box nur eine CD mit Musik von Leoš Janáček: die Sinfonietta (nicht pathetisch, wie häufig zu hören) und vier Opernouvertüren – mit dem besonderen Tonfall, dessen diese Musik bedarf (Pro Arte Orchester).

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Mozarts Werke bildeten einen Schwerpunkt in Mackerras´ Arbeit. Hier imponieren weniger die Symphonien Nr. 36 „Linz“ und Nr. 38 „Prag“ oder die Nr. 40 und Nr. 41 (klassisch, ausgewogen, aber doch etwas nüchtern und mulmig im Klang) als das Flötenkonzert, die Bläser-Concertante Es-Dur sowie die Klavierkonzerte Nr. 21 und Nr. 23 mit dem hierzulande kaum bekannten Pianisten Alan Schiller (jeweils mit dem London Philharmonic Orchestra). – Zügig genommene Allegri, viel „brio“, Energie, ausgehörte Klanglichkeit und Transparenz zeichnen die Aufnahmen der Symphonien Beethovens mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra aus den 1990er Jahren aus, bei denen das Orchester freilich gelegentlich an seine Grenzen kommt.

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Charles Mackerras war ein Opernpraktiker von hohem Rang. Von 1948 bis 1977 war er zunächst Dirigent, später Generalmusikdirektor des Sadler’s Wells Theatre in London. In den Jahren 1961 bis 1963 arbeitete er an der Staatsoper in Berlin, 1965 bis 1970 an der Hamburgischen Staatsoper. Seit 1964 dirigierte er zudem am Royal Opera House Covent Garden in London und an der Londoner ENO. Seine bedeutende Opernarbeit ist allerdings in der Box unterrepräsentiert (weil zu wenig bei EMI eingespielt). Zu hören sind vor allem Häppchen: Auszüge aus Wagners Götterdämmerung, Mozart-Arien mit Barbara Frittoli, Puccini-Arien mit Montserrat Caballé, „Great Opera Duets“, dazu Ouvertüren und Zwischenspiele. Dafür kann man als einzige vollständige Oper, Mozarts Idomeneo erleben – in der am meisten kompletten und damit auch längsten Fassung. In der orchestralen Besetzung (Scottish Chamber Orchestra) und dem Musizieren folgt Mackerras zwar historischen Erkenntnissen. Er war selbst ein Pionier der „historisch informierten“ Aufführung, freilich nicht so radikal wie John Eliot Gardiner oder René Jacobs in ihren Aufnahmen. Ein Handicap der Idomeneo-Aufnahme ist die Besetzung der Titelrolle mit Ian Bostridge, dessen nasaler Ton oft befremdlich wirkt.

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Mackerras hatte auch ein Gespür für das Ballett und dessen Dramaturgie, wie die Aufnahmen von Ballettmusiken – von Chopin und Delibes bis zu Offenbach zeigen. Die sind immer unterhaltend und lassen sich auch ohne die dazugehörende Handlung gut anhören. Überhaupt hatte der Dirigent ein Händchen für das Tänzerische. So inspiriert er das Philharmonia Orchestra zu Höhenflügen mit Tänzen von Dvořák, Smetana, Brahms, Bartók oder Enescu. Nicht zu vergessen eine hochamüsante CD mit Mackerras´eigener Bearbeitung von Themen aus Verdis Opern als abendfüllendes Ballett.

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Von einem quasi britischen Dirigenten erwartet man einen gewissen Einsatz für die britische Musik. Mackerras bot den reichlich, aber dosiert. Die Box enthält die ambitionierte, klassische Symphonie Nr. 1 von William Walton und die ungewöhnliche Dritte Symphonie von Havergal Brian, ferner Elgars Falstaff mit seiner großen Kunst der Charakterisierung des dicken Ritters sowie die Enigma-Variationen in exemplarischen Interpretationen. Raphael Wallfisch spielt das rhapsodisch angelegte Cellokonzert von Frederick Delius mit großem Ton und subtiler Gestaltung. Eine wahre Entdeckung ist das von Mackerras restaurierte Cellokonzert von Arthur Sullivan, der hierzulande als Komponist von eher „leichter“ Musik gilt. Julian Lloyd Webber spielt es mit großer Intensität und Virtuosität. Überhaupt hatte Mackerras ein Faible für Sullivan. Allein von der erfolgreichen Ballettmusik Pineapple Poll sind hier gleich drei Einspielungen zu erleben. Schließlich fehlen nicht Gustav Holsts Planets (als Ton-„Dichtung“ musiziert, farbig, detailreich, nicht pompös oder knallig wie häufig zu hören!) oder die in Großbritannien beliebte Musik von Eric Coates.

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In den 1980er- und 1990er-Jahren arbeitete Charles Mackerras mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment zusammen. Das 1986 gegründete Ensemble führt vor allem Musik aus der Zeit der Aufklärung (englisch „Enlightenment“) auf historischen Instrumenten auf. Es hat sein Repertoire nach und nach erweitert hin zu Werken des 19. und 20. Jahrhunderts. Sehr gelungene Zeugnisse der der künstlerischen Arbeit mit Mackerras sind die Einspielungen von Mendelssohns Vierter Symphonie und Sommernachtstraum-Musik (animiert, klar, akzentuiert) sowie der Schubertschen Symphonien Nr. 5, Nr. 7 h-Moll (in der komplettierten Fassung) und Nr. 8 C-Dur. Mit Monica Huggett entstanden die Violinkonzerte von Beethoven und Mendelssohn.

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Die Box enthält auch Raritäten wie Tschaikowskys selten aufgeführtes einsätziges Drittes Klavierkonzert, Saint-Saens‘ charmanten „Wedding Cake“, vor allem aber das hochvirtuose Concerto symphonique von Henry Litolff – gespielt von Joseph Cooper. Als Kuriosa nimmt man zur Kenntnis: das „Christmas Album“ von Elisabeth Schwarzkopf (eine für mich überflüssige Geschmacksverirrung), „A little nonsense“ mit Owen Branigan und anderen (wohl eher nur etwas „for a British audience“) oder „Folksongs of the British Isles“ mit dem seinerzeit berühmten walisischen Tenor Richard Lewis.

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Charles Mackerras lernt man als profunden MahlerInterpreten mit „Wunderhorn“-Liedern mit Ann Murray und Thomas Allen sowie der Ersten und Fünften Symphonie (jeweils mit dem London Philharmonic Orchestra) kennen. Den Aufführungen kommt zugute, dass es Mackerras auch darum geht, die Struktur eines Werkes offen zu legen – freilich nicht mit kühlem analytischem Blick, sondern mit großer Aufmerksamkeit für den jeweils eigenen Ton, die Stimmung und das Melos der Musik.

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Werke von Georg Friedrich Händel eröffnen die Sammlung auf sieben CDs. Die Einspielung der Feuerwerksmusik aus dem Jahre 1959 – schwer und zeremoniell anhebend, dann langsam Fahrt aufnehmend – imponiert mehr als Kuriosität Kuriosität: Die Musik wurde in einer Besetzung mit 26 Oboen und 14 Fagotten eingespielt – das war nur in einer nächtlichen Aufnahmesitzung möglich. Die drei Suiten aus der Wassermusik, fast 20 Jahre später mit dem Prager Kammerorchester aufgenommen, sind interessanter, aber auch recht old-fashioned. Das Oratorium Messiah mit prominenten Solisten, den Ambrosian Singers und dem English Chamber Orchestra (1966) klingt heute, mit der Erfahrung dessen, was sich in der Aufführung Alter Musik getan hat, einigermaßen antiquiert. Breite, teils zu schwere Zeitmaße irritieren doch, man vermisst Spannung und Suggestivität der Klangrede.

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Die Einspielungen Aufnahmen ganz unterschiedlicher Musik demonstrieren die Vielseitigkeit des Musikers, Musikgelehrten und Opernpraktikers Charles Mackerras gut, ebenso seine Universalität und Entdeckerfreude – und das ein ganzes Künstlerleben lang. Leider ist die Nutzung der Edition nicht einfach. Man muss manchmal umständlich suchen, ehe man ein bestimmtes Werk findet. Das Booklet ist recht lieblos. Zwar enthält es einen informativen, sehr lesenswerten Aufsatz von Nigel Simeone über Mackerras und einige charakteristische Fotos. Indes fehlt eine detaillierte Auflistung des Inhalts der Box mit Werken, einzelnen Tracks und Interpreten, die einen schnellen Zugriff auf Gesuchtes ermöglicht. Stattdessen ist nur eine Liste der Werke, geordnet nach Komponisten, abgedruckt.

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So genannte „komplette Editionen“ wie auch diese „Complete Warner Edition Charles Mackerras“ haben erfahrungsgemäß ihre Nachteile, wenn sie nach Tonträgerfirmen geordnet erscheinen. Präsentiert wird nur ein Teil des Vermächtnisses eines Künstlers. Bei anderen Labels findet sich garantiert nicht nur ebenfalls Hörenswertes, sondern vielleicht sogar eine der herausragendsten Interpretationen des selben Künstlers. Das gilt auch im Fall von Charles Mackerras. Die Warner-Edition bietet zwar alle für die EMI und ihre Tochtergesellschaften entstandenen Aufnahmen. Zum Gesamtbild gehören aber eben auch z. B. maßgebliche Einspielungen der späten Mozart-Symphonien mit dem Scottish Chamber Orchestra (bei Telarc) sowie exemplarische Interpretationen von Janáček-Opern mit den Wiener Philharmonikern (bei Decca). Wer sich umfassend über Mackerras’ Kunst informieren will, der tut gut daran, sich noch weitere, bei anderen Labels veröffentlichte Aufnahmen anzuhören. Helge Grünewald

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Mit Werken von: Tomaso Albinoni (1671-1751) Albert Arlen (1905-1993) Thomas Arne (1710-1778) Bela Bartok (1881-1945) Ludwig van Beethoven (1770-1827) Alban Berg (1885-1935) Hector Berlioz (1803-1869) Ronald Binge (1910-1979) Alexander Borodin (1833-1887) William Boyce (1711-1779) Johannes Brahms (1833-1897) Havergal Brian (1876-1972) und weitere

Mitwirkende: Elizabeth HarwoodJanet BakerPaul EsswoodRobert TearBarbara FrittoliIan BostridgeLorraine Hunt LiebersonLisa MilneAnthony Rolfe JohnsonDella JonesBryn TerfelMontserrat Caballe und weitere; 63 CDs

Ludwig van Beethoven: Symphonien Nr. 1-9; Violinkonzert op. 61
+Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo, Re di Creta KV 366; Symphonien Nr. 36, 38, 40, 41; Klavierkonzerte Nr. 20 & 23; Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b; Flötenkonzert Nr. 1 KV 313; Les Petites Riens KV Anh. 10; Divertimento KV 113; 6 Deutsche Tänze KV 600; 2 Märsche KV 408; 2 Menuette KV 604; Konzertarie KV 528; Arien aus Cosi fan tutte, Don Giovanni, Idomeneo, Le Nozze di Figaro
+Georg Friedrich Händel: Der Messias HWV 56; Concerti grossi op. 3 Nr. 1-6; Concerti grossi HWV 335a & 335b; Feuerwerksmusik HWV 351 (in zwei Einspielungen); Wassermusik-Suiten HWV 348-350; Concerto a due cori Nr. 2 HWV 333; Concerto a due cori F-Dur nach HWV 333 & 334; Trompetenkonzert HWV 367a; Berenice-Ouvertüre HWV 38; Wassermusik-Suite (arr. Hamilton Harty)
+Gustav Mahler: Symphonien Nr. 1 & 5; Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
+Franz Schubert: Symphonien Nr. 5, 8, 9 (Nr. 8 in der 4-sätzigen Fassung von Brian Newbould); Ballettmusik Nr. 2 aus Rosamunde D. 797
+Hector Berlioz: Le Carnaval romain op. 9; La Damnation de Faust op. 24; Marche troyenne aus Les Troyens
+Antonin Dvorak: Symphonien Nr. 7-9; Symphonische Variationen op. 78; Streicherserenade op. 22; Legenden op. 59; Nocturne op. 40; Romanze op. 11 für Violine & Orchester; Slawische Tänze op. 46 Nr. 1-3; op. 72 Nr. 2
+Edward Elgar: Falstaff op. 68; Romanze op. 62 für Cello & Orchester; Enigma-Variations op. 36
+Gustav Holst: The Perfect Fool-Ballettmusik; The Planets op. 32
+Leos Janacek: Capriccio für Klavier linke Hand & Kammerensemble; Concertino für Klavier & Kammerensemble; Aus einem Totenhaus-Ouvertüre; Jealousy-Ouvertüre; Kata Kabanova-Ouvertüre; Die Sache Makropulos-Ouvertüre; Sinfonietta
+Felix Mendelssohn: Symphonie Nr. 4; Violinkonzert op. 64; Ein Sommernachtstraum (Ouvertüre op. 21 & Bühnenmusik op. 61
+Modest Mussorgsky: Eine Nacht auf dem kahlen Berge (in zwei Einspielungen); Bilder einer Ausstellung; Gopak aus Sorochinsky Fair
+Sergej Rachmaninoff: Symphonie Nr. 3; Symphonische Tänze op. 45
+Richard Strauss: Don Juan op. 20; Till Eulenspiegel op. 28
+Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps; Feu d’artifice op. 4; Zirkuspolka für einen jungen Elefanten
+Peter Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 3; 1812-Ouvertüre op. 49; Walzer aus Eugen Onegin, Nussknacker-Suite, Dornröschen, Schwanensee, Symphonie Nr. 5
+Havergal Brian: Symphonien Nr. 7 & 31; The Tinker’s Wedding-Overture
+Eric Coates: By the Sleepy Lagoon; Oxford Street March aus London again-Suite; At the Dance aus Summer Days-Suite; The Merrymakers-Overture; The three Bears-Suite; Queen Elizabeth II March aus The three Elizabeths-Suite; The Man from the Sea aus The three Men-Suite
Leo Delibes: Coppelia-Suite; Ballettmusik aus La Source; Ballettmusik aus Lakme; Sylvia-Ballettsuite
+William Walton: Symphonien Nr. 1 & 2; Siesta
+Arthur Sullivan: Cellokonzert D-Dur; Iolanthe-Ouvertüre; The Mikado-Ouvertüre; Ruddigore-Ouvertüre; The Yeomen of the Guard-Ouvertüre
+Arthur Sullivan / Charles Mackerras: Pineapple-Poll-Ballettmusik (in zwei Einspielungen); Pineapple Poll-Ballettsui
+Frederick Delius: Cellokonzert; Konzert für Violine, Cello, Orchester; Paris – The Song of a Great City
+Aaron Copland: El Salon Mexico-Ballettmusik; The Quiet City; Hoe down aus Rodeo
+Tomaso Albinoni: Trompetenkonzerte op. 7 Nr. 3 & 6
+Emmanuel Chabrier: Espana; Fete polonaise aus Le Roi malgre lui
+Richard Wagner: Götterdämmerung (Auszüge); Lohengrin-Vorspiel (3. Akt)
+Giuseppe Verdi: Alzira-Ouvertüre; La Forza del Destino-Ouvertüre; Luisa Miller-Ouvertüre; Nabucco-Ouvertüre; Otello-Ballettmusik; Il Trovatore-Ballettmusik; I Vespri siciliani-Ballettmusik
+Giuseppe Verdi / Charles Mackerras: The Lady and the Fool-Ballettmusik; The Lady and the Fool-Ballettsuite
+Giacomo Puccini: Arien aus La Boheme, Gianni Schicchi, Madama Butterfly, La Rondine, Tosca, Turandot, Le Villi (Montserrat Caballe)
+Ermanno Wolf-Ferrari: I Gioielli della Madonna-Suite; Ouvertüre & Intermezzo aus I Quattro rusteghi; Il Segreto di Susanna-Ouvertüre
+Carl Maria von Weber: Konzertstück op. 79 für Klavier & Orchester
+Jaromir Weinberger: Polka & Fuge aus Schwanda, der Dudelsackpfeifer
+Dag Wiren: Scherzo & Marsch aus Serenade op. 11
+Alban Berg: Frühe Lieder Nr. 1-3
+Bela Bartok: Rumänische Volkstänze

+Alexander Borodin: Ouvertüre & Polowetzer Tänze aus Fürst Igor
+Johannes Brahms: Ungarische Tänze WoO 1 Nr. 5 & 6
+Paul Burkhard: Der Schuss von der Kanzel-Ouvertüre
+Frederic Chopin: Les Sylphides-Ballettmusik
+Gaetano Donizetti: Don Pasquale-Ouvertüre; La Fille du Regiment-Ouvertüre
+George Enescu: Rumänische Rhapsodie Nr. 1
+Manuel de Falla: Der Dreispitz-Ballettmusik
+Alexander Glasunow: Konzertwalzer Nr. 1
+Reinhold Gliere: Russian Sailor’s Dance aus The Red Poppy
+Michael Glinka: Ruslan & Ludmilla-Ouvertüre (in zwei Einspielungen)
+Charles Gounod: Faust-Ballettmusik (in zwei Einspielungen)
+Victor Herbert: Cellokonzert Nr. 2
+Johann Wilhlem Hertel: Trompetenkonzert Nr. 1
+Mikhail Ippolitov-Ivanov: Procession of the Sardar aus Kaukasische Skizzen op. 10
+Henry Litolff: Scherzo aus Concerto symphonique Nr. 4
+Andre Messager: Les Deux Pigeons-Ballettsuite
+Giacomo Meyerbeer: Les Patineurs-Ballettsuite
+Jacques Offenbach: La Gaite parisienne-Ballettmusik
+Amilcare Ponchielli: Tanz der Stunden aus La Gioconda
+Max Reger: An die Hoffnung op. 124
+Emil von Reznicek: Donna Diana-Ouvertüre
+Nikolai Rimsky-Korssakoff: Dance of the Tumblers aus The Snow Maiden; Hummelflug aus Tsar Saltan
+Gioacchino Rossini: Willhem Tell-Ballettmusik
+Camille Saint-Saens: Wedding Cake op. 76
+Bedrich Smetana: Ouvertüre & Polka furiant aus Die verkaufte Braut
+Johann Strauss II: Perpetuum mobile; Tritsch-Tratsch-Polka; Unter Donner und Blitz
+Johann Strauss II / Antal Dorati: Graduation Ball-Ballettmusik
+Georg Philipp Telemann: Konzert D-Dur TWV 53: D2 für 2 Oboen, Trompete, Streicher
+Joaquin Turina: Rapsodia sinfonica op. 66
+Jeremiah Clarke: Trumpet Voluntary „Prince of Denmark’s March“
+Gordon Jacob: Fanfare for „God save the King“
+God save the King
+“Montserrat Caballe & Bernabe Marti – Great Opera Duets“ – Duette aus Opern von Gaetano Donizetti, Umberto Giordano, Giacomo Meyerbeer, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi
+“The Elisabeth Schwarzkopf Christmas Album“ – Stille Nacht; Weihnachten (Humperdinck), Vom Himmel hoch; The first Nowell; I saw three Ships; Panis angelicus (Franck); In einem kühlen Grunde (Gluck); Maria auf dem Berge; O come all ye faithfull; O du fröhliche; In dulci jubilo; Sandmännchen (Brahms)
+“Richard Lewis – Folk Songs of the British Isles“ – Bingo; All through the Night; The Briery Bush; Buy broom buzzems; Dafydd y garreg wen; Fine Flow’rs in the Valley; The Foggy, Foggy Dew; Grand geal mo chridh; The Helston Furry DanceI will give my love an apple; King Arthur’s Servants; Leezie Lindsay; O Love, it is a killing Thing; O Waly, Waly; She moved thro‘ the Fair; The shuttering Lovers; There’s non to soothe
+“Peter Dawson sings“ – Albert Arlen: Clancy of the Overflow / Walter Hedgecock: Mandalay Scena
+“Owen Brannighan – A Little Nonsense“ – Werke von Ronald Binge, j. Michael Diack, Liza Lehmann, Victor Hely-Hutchinson; Traditionals
+“Owen Brannighan & Elizabeth Harwood – Sing the Songs of Britain“ – Werke von William Boyce, Thomas Arne, John Davy, Charles Edward Horn, Thomas Morley, Richard Stevens; Traditionals

ROBERT MASSARD

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Robert Mas­sard: die sinnliche Baritonstimme Frank­reichs und der „Grande Tradition“. Kaum eine andere „turnt“ mich so an wie die des Franzosen Ro­bert Massard! Zusammen mit der von Ettore Bastianini, Michel Dens, Bruno Laplante, Paolo SIlveri und Josef Metternich zählt seine etwas körnige, markige und (für mich) äußerst sierotische zu den aufregendsten der Operngeschichte, zumal der französischen seit dem letzten Weltkrieg.

Und ich hatte noch das große Glück (die berühmte Gnade der frühen Geburt), ihn noch als Schüler an der Opéra-Comique als Escamillo zu erleben: ein Ereignis, das bei mir bis heute nachhallt. Denn in dieser schwieri­gen Rolle, bei deren Auftritt sich für die Baritone bereits entscheidet, dass  sie diese Figur nicht sind (weil eben viele außermusikalische Komponenten wie schöne Beine und robustes Auftreten zusam­menkommen), war  Massard einfach Escamillo: jeder Zoll ein Mann und ein at­traktiver, verführerischer dazu. Wie bei Siepi (der noch im Alter bei einem seiner letzten Auftritte an der Deutschen Oper Berlin als Don Giovanni schlichtweg über­wältigend war und wie ein Wiesel über die hohe Friedhofsmauer kletterte) vereinten sich in Massard Sexappeal, Virilität und Klangkultur zu einer seltenen Einheit. Dazu kam diese besondere, für seine Generation typische französische Diktion, die seine Sprache so unvergleichlich und singbar macht.

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Robert Massard im Konzert 1966 in Toronto/Arie des Escamillo/youtube

Robert Massard wurde am 15. 8. 1925 in Pau geboren und studierte ebendort und in Bayonne, stammt also aus dem Süden, was der Musik sehr entgegen­kommt (das – r-roullant, eben das rollende -r-). Als Grand Pretre im Samson gab er im Pariser Palais Garnier 1952 nach verschiedenen kleineren Rollen sein Hauptrollen-Debüt und blieb dem Haus bis 1976 als erster Bariton erhalten.Aber auch er wurde mehr oder weniger ein Opfer der neuen Politik Liebermanns, als dieser mit internationalem Spielplan und einer ebensolchen Besetzung das Regime der Opera übernahm und die ur-französischen Sänger in die Provinz verdräng­te.

Dennoch – Massard konnte sich in sei­ner ersten Position in Paris, in Frankreich und im internationalen Ausland behaup­ten. Seine glanzvolle Karriere, die alle großen Partien seines Faches im Franzö­sischen und im Italienischen einschloss (Valentin, Thoas, Escamillo, Enrico Ashton – u. a. 1957 mit Maria Callas in Paris -, Rigoletto, Luna, Ramiro von Ravel und viele andere) führte ihn an die großen Bühnen der Welt, wo er als einer der Exponenten bei der Wiedererweckung von Gluck und Berlioz galt. Er sang an der Scala (Valentin), in Südamerika (1964 Buenos Aires), in den USA (New York und Chicago), in der Sowjetunion (1962 Rigoletto in Moskau).

Robert Massard als Marouf/Künstlerkarte/RM

Namentlich in Covent Garden war er ein bewegen­der Chorebe in den Troyens, ein ver­schmitzter Fieramosca im Cellini, ein zerquälter Oreste in der wunderbaren Aufführung der Iphigénie en Tauride 1973 mit Sena Jurinac unter John Eliot Gardiner (das waren noch Zeiten!).

Mas­sard sang natürlich in Aix (beginnend 1952) und Edinburgh (erstmals 1961, dann 1968 in Glucks Alceste sowie noch als Thoas in der Iphigénie, wie auf der Aufnahme unter Giulini bei EMI nachzuhören ist).

Er blieb nicht im stagnierenden Fahrwasser stehen. 1957 nahm er an der französischen Erstaufführung von Strauss‘ Capriccio an der Opera-Comique teil und sang die Hauptrolle des Harfners in Barrauds Oper Numance 1 955, eben­so die Titelrolle in Milhauds Malheurs d’Orphee, aber auch den Nerone in Monteverdis Poppea neben der sensationelle Jane Rhodes in Aix, wo er ein Stammgast blieb. Noch in den Siebzigern fügte er den Pêre des Grieux/Manon und andere Partien seinem Repertoire hinzu, noch 1974 dann den Sancho Pansa neben Ghiaurovs Don Quichotte in Paris. Und selbst viele Operetten finden sich in seinem Repertoire.

Was Metternich für Deutschland war Mas­sard für unsere französischen Nachbarn – eine Ausnahmestimme voller stimmlicher Tugenden und eben jener Wärme, Individualität und technischer Perfektion, wie man sie selten findet, darin seinen Landsleuten Alain Vanzo oder Andree Esposito und Michel Dens ver­gleichbar und ebenbürtig.

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Massards warme, sehr persönlich ge­tönte und in wirklich allen Lagen äußerst sicher geführte Stimme ist sofort wiederkennbar, ein besonderes Plus für einen Sänger. Die Schallplatten zeigen diese unschätzbare Qualität aufs Beste, wenngleich vielleicht sein Magnetismus der Bühne sich in ei­ner gewissen monochromen Farbe auf dem akustischen Dokument weniger er­schließt: Er war sicher eher ein Sänger als ein faszinierender Sänger-Darsteller, aber das gilt für seine Generation im Allgemeinen.

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Robert Massard als Massenets Don Quichote/RM

Glücklicherweise gibt es eine ganze Fülle von tollen  Aufnahmen Massards (darunter vieles nun bei youtube), so sein Zurga neben Vanzos Na­dir noch auf LP bei Vogue, sein Escamillo mit der späten Callas bei EMI und live neben Verrett in Rom bei Frequenz, sein Thoas unter Giulini ebenfalls bei EMI, den Valentin neben Sutherlands Marguerite. Und natürlich nicht zu vergessen sein magisterialer Chorebe neben der Veasey bei Philips auf den Troyens von Davis und sein köstlicher Fieramosca bei Philips‘ Benvenuto Cellini.  Bei Gala findet/fand man einen ganz wunderbaren Faust  mit ihm und Lance sowie der von mir geliebten Esposito aus Amsterdam 1962.

Auf CD gibt es bei Musidisc seinen französischer Ashton neben Mado Robins Lucie, seinen Oreste neben der Crespin live in Buenos Aires 1964 bei Rodolphe, sein eleganter Nevers in den Huguenots mit Vanzo bei der Firma Plein Vent vom Rundfunk 1976, vor allem auch sein Athanael neben der bemerkenswerten Thais der Renee Doria bei Accord und der sich um ihr Leben sin­genden Andree Esposito bei Chant du Monde.

Überhaupt hat Massard reichlich beim Rundfunk gesungen, woher viele der heute verfügbare Aufnahmen stammen. So sein brutaler Ourrias in der Mireille mit der energisch-scharfen Doria bei Accord (der Produzent Dumazert war der Gatte der Dame und gab auch die antiken Aufnahmen des Labels Malibran heraus), sein gebieterischer Herode (dto.), sein milder Mönch Boniface neben Alain Vanzos Jongleur de Notre-Dame (dto.),  sein anrührender Hirte Eurymaque in Faures Penelope mit der Crespin und Vanzo (ehemals bei Ro­dolphe), aber auch sein bedrohlicher Karnac in Lalos Roi d’Ys mit dem starken Trio Rhodes, Guiot und Vanzo bei Chant du Monde. Und besonders markant sein Hagen in dem hinreißenden Sigurd Ernest Reyers in Starbesetzung unter Rosenthal bei Chant du Monde. Dies ist nur eine Auswahl der erhältlichen Doku­mente, die ich jedem nur ans Herz legen kann, um diese wunderbare, geschmei­dige Stimme nachzuhören. Sammler haben natürlich auch seinen Posa neben Vanzo vom Rundfunk und vieles mehr.

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Robert Massard und Jane Rhodes in Monteverdis „Incorronazione di Poppea“ in Aix/youtube

Sein bedeu­tendes Recital mit Arien aus Iphigenie, vor allem Hamlet (welche Eleganz!), Don Carlos (en francais, bien sur!), Herodiade, Barbiere, Traviata, Rigoletto und Ballo unter Reynaldo Giovaninetti ehemals bei Mondiophone ist leider noch nicht von der CD-Industrie wiederentdeckt worden, aber auch ein Muss für Fans (Discorps). Live kursiert na­türlich noch viel mehr: besagte Iphige­nie aus London, sein Grand Pretre (Samson) mit der Cossotto und Chauvet aus Paris 1975, eine komplette Herodiade mit Sarroca und Delvaux Paris 1963. Dieser Tage erreichte mich ein Querschnitt aus seinem Hamlet (mit Mady Mesplé) und ein italienischer Macbeth – man sieht, die Quellen versiegen nie. Der von mir so geliebte Bariton starb am 26. Dezember 2026. G. H.

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2022 führte der französische Musikjournalist und Herausgeber Jean Jordy ein Interveiw mit dem Sänger: Robert Massard –  ein Leben für die Oper.

Sie halten, glaube ich, einen Rekord. Die größte Anzahl an Aufführungen an der Pariser Oper, 1003.  Und anderswo 1113 Aufführungen, 32 Jahre Karriere, mehr als 100 Rollen. Das sind fünfzig Aufführungen pro Jahr. Addiert man die Provinz, erhält man diese Zahlen.  Ich konnte das nur, weil es die Pariser Opéra und ihre damalige Truppe gab. Ein berühmter Bariton, Charles Cambon, ein Mann großer Güte, nahm mich unter seine Fittiche, sobald ich an der [Pariser] Oper ankam. Er sagte: „Junge, sing immer mit dem Interesse, sing niemals mit dem Kapital.“ Das bedeutet, nicht mit einer Stimme zu singen, die nicht die eigene ist.  Viele junge Künstler, die ihre Stimmen künstlich aufblähen, würden davon profitieren, diesem wertvollen Rat zu folgen. Aus vokaler Sicht habe ich nie meine natürlichen Grenzen überschritten, bin meinem Material treu geblieben. Dazu keine Exzesse aus physischer Sicht (ich musste mit dem Skifahren aufhören, was formal nicht verboten war, aber es war eine nutzlose Anstrengung). Es ist nicht möglich, außerhalb des Singen zu viele physische Anstrengungen zu unternehmen.

Robert Massard als Valentin/“Faust“ an der Scala 1967/RM

Singen erfordert Entspannung, Bauchatmung, was es dann ermöglicht, Töne, besonders hohe Töne, zu halten. Sie sollten auch vermeiden, zu viele Gerichte mit dicker Soße oder Gewürzen zu essen, zu rauchen oder Alkohol zu trinken. Ein bisschen Wein, aber mäßig. Kurz gesagt, es ist 30 Jahre lang die Diät eines Sportlers. Wir können es uns nicht leisten, wie alle anderen zu leben. Am Vorabend der Aufführung erlaubte ich mir nicht, rauszugehen, nicht zu Freunden eingeladen zu werden. Die menschliche Stimme ist zwar solide aber auch sehr zerbrechlich. Sie muss daher bewahrt werden.

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Robert Massard als Rigoletto/youtube

Ihr erstes Vorsprechen fand am 8. Juni 1951 statt, am selben Tag wie Nicolai Gedda und Victoria de los Angeles! Sie hatten nie Musiktheorie- oder Gesangsunterricht gehabt. Was passierte dann? Ich liebte zu singen wirklich sehr. Mein Vater hatte eine sehr schöne Stimme. Er hatte nie eine musikalische Ausbildung erhalten, genau wie ich. Aber er hatte Opernplatten gekauft, die von Georges Thill, Caruso, großen Künstlern jener Zeit. Ich bin in diesem Klima aufgewachsen und es war eine Leidenschaft für mich.

Am Tag des ersten Vorsprechens sang ich das Rigolettos Arie aus dem dritten Akt. Der Intendant M. Hirsch fragte mich, ob ich Musiker sei, „Non Monsieur“, ob ich auf der Bühne „Non Monsieur“ gesungen habe, ob es mir „Mais oui  Monsieur“ gefiel. „Ich stelle dich ein“, sagte er sofort. „Aber du bekommst nicht viel (450 Francs im Monat, das war nicht wirklich viel). Du wirst sowohl studentische Künstler als auch Absolvent des Konservatoriums sein.“ Er hat mich eingestellt als… Tenor für Wagnerpartien! Kurz darauf bat mich seine Frau, Madeleine Matthieu, die Tenor-Arie aus Carmen zu singen. Ihr Urteil lautete: „Für mich bist du kein Tenor, sondern Bariton. Du bist sehr jung (26 Jahre alt), deine Stimme wird reifen“. Und ich verstand, dass sie Recht hatte.

Ich wurde für ein Jahr an der Pariser Oper eingestellt. Doch sehr schnell entstand ein Problem.  Nach M. Lehmann, der das Châtelet geleitet hatte, kam M. Hirsch. Der mochte besonders die Operette, berücksichtigte die verfügbaren Stimmen nicht und interessierte sich eher nur für Künstler, die wussten, wie man sich auf der Bühne bewegt. Da ich ein Anfänger war, der von nichts eine Ahnung hatte, kam ich ihm gerade richtig. Am Tag meiner Ankunft, dem 1. Oktober 1951, erfuhr ich vom Bühnenmanager, dass ich vor dem 1. Januar nichts zu singen hatte.  Und während der vier Jahre seiner Amtszeit hatte M. Lehmann nur eine Idee: meinen Vertrag zu kündigen. Er gab mir anfangs Urlaub, in Genf zu singen, Figaro im Barbier, mit dieser Vorhersage: „Das wird ihm das Genick brechen.“ 

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Sie sangen erstmals am 18. Juni 1952 auf der Bühne der Pariser Oper in Samson et Dalila (Hoherpriester), und einen Monat später beim Festival d’Aix am 26. Juli 1952 in Glucks Iphigénie en Tauride unter der Leitung von Giulini in der Rolle des Thoas.Das war reiner Zufall. Eine Freundin meiner Schwester lädt mich zum Mittagessen bei sich nach Hause in Paris ein. Dort treffe ich ihren Bruder, der mir einen seiner Bekannten vorstellt… den Direktor des Aix-Festivals, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Gabriel Dussurget.  Der lässt mich vorsprechen, immer meine Rigoletto-Arie, meine Visitenkarte.  Eine lange Stille. Dann sagt er: „Ich möchte Dich in der Rolle hören, in der ich Dich vielleicht beschäftigen kann. Arbeite doch mal an diesen beiden Arien von Glucks Thoas und komm in zwei Wochen wieder.“

Robert Massard und Maria Callas bei „Carmen“-Aufnahmen in Paris/EMI

Ich komme zurück, ich singe. Die gleiche lange Stille. Dann: „Ich gehe Risiken ein, aber es scheint mir, als hättest du etwas zu sagen. Ich stelle Dich in Aix ein. Der Vertrag wird nicht wunderbar sein“„Geld interessiert mich nicht, Monsieur. Ich bin nur leidenschaftlich am Singen interessiert, aber ich weiß nicht wie.“„Du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus?“ „Nein.“ „Ich stelle dich trotzdem ein.“ Als Maurice Lehmann bemerkte, dass ich um Erlaubnis für das Festival in Aix bat, machte es bei ihm Klick: „Sier werden dort nicht anfangen. Wir werden Ihnen eine Rolle derselben Wichtigkeit an der Opéra geben.“ Und sie gaben mir die Rolle des Hohepriesters in Samson und Dalila mit José Luccioni. Der hatte bereits das Alter des Hohepriesters und ich das Alter von Samson. Und ich fand mich nach einer einzigen Orchesterprobe auf der Bühne der Opéra wieder.  Aber alles lief gut. Dann bin ich nach Aix aufgebrochen. Gabriel Dussurget lädt mich ein, den Dirigenten im Théâtre de l’Archevêché zu treffen. Sehr gutaussehender Mann, 1:85 groß. Und Dussurget sagte zu ihm: „Carlo Maria, ich präsentiere dir den jungen Massard. Er weiß nichts.“ Und Giulini – denn er war es – antwortete ihm [Robert Massard mit italienischem Akzent]: „Mein lieber Gabriel, selbst wenn er drei oder vier Takte verpasst, das werde ich schon ausbügeln.“ Da waren dann Léopold Simoneau, ein ausgezeichneter Tenor, Patricia Neway, eine sehr große Künstlerin, und Pierre Mollet. Alles lief sehr gut. Doch das änderte Lehmanns Urteil über mich nicht.

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Drei Treffen waren daher entscheidend für Ihren Beginn, Hirsch, Dussurget und auchMadeleine Milhaud hinzugefügt. Ist das richtig? Stimmt Aber ich bin gezwungen, etwas zurückzugehen. Ein sehr netter Herr, Camille Rouquetty, sprach mich in den Korridoren der Opéra  an; „Es heißt, du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus.“ Ich bestätige. „Das ist ernst. Du hast keinen Anspruch auf das Pariser Konservatorium, da du als studentischer Künstler eingestellt bist. Du hast aus denselben Gründen keinen Anspruch auf das Conservatoire d’arrondissement. Und ebenso hast Du keinen Anspruch auf die École Normale de Musique. Vielleicht gibt es eine Lösung. Ich kenne den Direktor der Schola Cantorum sehr gut.“. Sehr schnell empfing mich der Direktor und sagte mir, dass er mich in eine Anfängerklasse schicken müsse, mit 10-jährigen Kindern! Ihre Lehrerin war Madeleine Milhaud.  Und ich war 26 Jahre alt. So habe ich meine Gesangstheorie gelernt und nach und nach für mich entschlüsselt, wie man singt. Sie war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Einige Jahre später sagte sie mir: „Mein Mann schrieb eine Oper. Christoph Kolumbus. Sie wird in Frankreich aufgeführt. Wir werden an den beiden Arien arbeiten und du wirst sie vor meinem Mann singen.“ Das Vorsingen verlief gut, so dass ich die Oper 1955 in Frankreich uraufgeführt habe [es gibt eine Live-Aufnahme davon aus dem Jahr 1956] mit Manuel Rosenthal als Dirigent. Unter seiner Regie sang ich erstmals außerdem [1957] Il Poverello von Henri Tomasi, die Geschichte des heiligen Franz von Assisi.

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Ein paar Worte zu ihrer Stimme … Ich hatte immer eine leichte Höhe. Meine Stimme hat Gestalt angenommen und ist etwas dunkler geworden. Es gibt eine Aufnahme der Iphigenie aus Aix. Man hört es: Ich war mehr Tenor als Simoneau. Ich habe niemals, niemals eine Gesangsstunde genommen, und jemand sagte zu mir: „Du bist nicht auf ein Konservatorium gegangen. Gut so. Es hätte dein Pech sein können.“ Manche Lehrer können Deine Gewohnheiten ändern, manchmal zum Besseren, aber manchmal ist der Effekt weniger erfolgreich.

Ich hatte diese Begabung für das Singen schon immer. Mein Vater selbst hat es mir wunderschön vorgemacht. Es könnte auch der Einfluss der pyrenäischen Herkunft gewesen sein. Wir haben dort immer besser artikuliert als in Paris. Eben diese natürliche Artikulation hat mir sehr geholfen, nicht nur fürs Französische, sondern auch fürs Italienische. Wie ich früher zu den jungen Sängern sagte: „Sing den Satz, sing nicht den Ton.“.

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Sie waren eines der bedeutenden Mitglieder der Pariser Operntruppe. Was machte diese so interessant? Sie war interessant, weil es dort in erster Linie beste musikalische Studienleiter gab, fordernd und präzise. Diese Gesangslehrer kannten die Opern perfekt und führten dich, gaben dir alle Hilfe. Und die ständige Verbindung zu Künstlern wie Crespin, Gorr, Sarroca, Vanzo und vielen anderen war zwangsläufig vorteilhaft.

Die Opéra war damals ein „Korb von Krabben“ (vielleicht: Nest von Vipern).  Es gab viel Druck, viel Bevorzugung, zum Beispiel von Politikern, diese oder jene Person sehr gut zu protegieren. Die Opéra war ein Haus, in das die Hälfte der Künstler nicht hineingehörte.  Besonders unter Rolf Liebermann. Herr Liebermann mochte die Franzosen nicht. Nicht, dass er mich nicht eingestellt hätte. Er hat mich eingestellt. Liebermann machte oft großartiges, schönes Theater, aber mit Befangenheit. Zum Beispiel durch eine deutliche Erhöhung von Domingos Gehaltszahlungen im Vergleich zur MET. Das Gleiche galt für die Caballé, Freni, Gedda. Liebermann fand die Opéra in einem schlechten Zustand vor. Aber sie war noch maroder, als er ging. Wie sich herausgestellt hat. In früheren Intendanzen hatten die Direktoren junge französische Sänger eingestellt und ihnen so ihre Chancen gegeben. Liebermann hat das absolut nicht eingehalten. Er hatte zu sehr seine Vorlieben und Abneigungen. Im aktuellen System hätte mir heute niemand eine Chance gegeben

Régine Crespin war eine große Künstlerin. Aber auch die Freni, sehr freundlich, sehr einfach und sehr talentiert. Und die Callas, die ich nur für die Aufnahme von Carmen kennenlernte, aber was für eine Künstlerin! Als ich ihrer Norma zuhörte, hatten ich Tränen in den Augen. Zu Beginn meiner Karriere wusste ich nicht, dass ich so empfindsam bin. Das erinnert mich an meine erste Oper-Erinnerung, Thaïs. Als ich Thaïs‘ Meditation hörte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Aber ich wusste nicht, wie ich diese Sensibilität ausdrücken sollte. Eine schöne Stimme allein bewegt nicht. Aber wenn du willst, dass andere etwas fühlen sollen, musst du geben, was du fühlst. Jean Jordy/DeepL

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Dank an den renommierten Musikjournalisten und Herausgeber mancher Musik- und Opernbücher Jean Jordy (operagazet und viele andere), uns sein Interview mit Robert Massard überlassen zu haben. Redaktion G. H.

 

 

 

Goldene Zeiten

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Überaus emsig ist das Münchner Rundfunkorchester unter seinem Dirigenten Ivan Repušiċ und erfreut noch kurz vor Weihnachten seine Fans mit einer CD mit dem Titel Golden Age, womit das Zeitalter gemeint ist, in dem Komponisten die Grenzen der menschlichen Stimme ausloteten und Sänger zu Höchstleistungen herausforderten. Auf der CD vereinen der Koloratursopran Erin Morley und der Tenor Lawrence Brownlee ihre Stimmen in Duetten, singen aber auch hochvirtuose Arien. Dabei fällt auf, dass man zwar die  populären Stücke nicht generell meidet, aber auch solche ausgewählt hat, die nicht weniger reizvoll, aber weniger bekannt sind. So fehlt die mit Spitzentönen prunkende Arie des Tonio aus Donizettis Regimentstochter, nicht aber ein weniger spektakuläres Duett, kann man von Bizet aus dessen kaum bekannter Oper La jolie fille de Perth ein reizvolles  Duett, aber auch die berühmte Arie des Nadir aus den Perlenfischern hören.

Es beginnt mit dem bereits erwähnten Duett aus La fille du régiment, in dem der Sopran eine schnippisch-kess klingende Stimme hören lässt, sich aber auch lyrisch mädchenhaft geben kann, während der Tenor durchaus Leichtigkeit und Geschmeidigkeit der Stimme vermittelt, aber stellenweise auch etwas belegt klingt.  Besonders gut scheint ihm Rossini zu liegen, wie das Duett aus Le comte Ory verrät, in dem der Sopran sehr viel wissender, reifer klingt als zuvor, ironisch-zynische Lichter aufsetzt. Das dritte Duett ist das aus der bereits erwähnten Fille de Perth, die von den Schwierigkeiten eines jungen Paars handelt, sich gegenüber den Begierden der tieferen Stimmen zu behaupten, auch vorübergehender Wahnsinn des Soprans bedient einen beliebten Handlungsschlenker. Die des Smith ist eine Alfredo-Kraus-Partie, der Sopran erfreut mit schöner Innigkeit. Aus Delibes‘ Lakmé folgt nicht das berühmte Blütenduett, sondern logischerweise das zwischen Sopran und Tenor C’est le Dieux de la jeunesse, in dem sich am Schluss die beiden Stimmen harmonisch miteinander vereinen. Das letzte Duett stammt aus Don Pasquale, Tornami a dir che m’ami“, und liefert den Beweis dafür, dass die beiden Stimmen sehr gut zueinander passen.

Bei den Arien wird es generell populärer, da möchte jeder seinem künstlerischen Affen Zucker geben, was Brownlee mit der Arie des Nadir in schöner Ebenmäßigkeit gelingt, während er mit der Tenor-Arie aus Marino Faliero ein hoch virtuoses Stück gewählt hat, in dem er seine Höhensicherheit eindrucksvoll unter Beweis stellen kann. Der Sopran verlässt sich ebenfalls mit Gildas Caro Nome aufs Hochpopuläre, mit Lakmés Glöckchenarie aufs Hochvirtuose und kommt mit beidem gut zurecht.

Natürlich ist das Münchner Rundfunkorchester unter Ivan Repušiċ ein erfahrener und die Sänger perfekt unterstützender Begleiter (Pentatone PTC5187 400). Ingrid Wanja   

Zwischen Weinberln und Zibeben

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Vor 143 Jahre betrat der slibowitzselige Gefängniswärter Frosch in der Fledermaus zum ersten Mal die Bühne. Für Johann Strauss Sohn war es nicht die erste Operette, die da am Theater an der Wien zur Aufführung kam. Schon drei Jahre vorher, 1871, hatte er am Theater an der Wien, wo auch Die Fledermaus herauskam, sein Debut als Operettenkomponist mit der Operette Indigo und die 40 Räuber gefeiert. Es war ein großes Ereignis gewesen, wie das Fremdenblatt am 12. Februar 1871 berichtete: „Denn gleich einer Seeschlange zog sich seit Jahren die Nachricht von der Aufführung des beliebten Walzerkomponisten durch die Blätter. Zahlreiche Texte wurden dem Genannten zur Verfügung gestellt; er hatte sie Alle verworfen … Selbst das endlich zur Benützung angenommene Textbuch hat eine ganze Leidensgeschichte für die Direktion, für den Kompositeur und – das ist das Bezeichnendste – für das Publikum … Das Haus bot an diesem Abend einen ganz eigenthümlichen Anblick. Die Schriftsteller und Journalisten Wiens, die bedeutendsten Kompositeure und Musiker, die unbeschäftigten Künstler aller Theater, sie hatten sich eingefunden und der Direktor des Hofoperntheaters, Herr Herbeck, der keinen Platz im Zuschauerraume gefunden hatte, folgte der Vorstellung auf einem improvisirten Sitze im Orchester.“

Erotischer Strauss: Marie Geistinger as Boccaccio, in Vienna/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Marie Geistinger als Boccaccio in Wien/Orca/Roser

Nur eine Spalte weiter ist dann allerdings zu lesen, dass der Erfolg „meistentheils der Musik, der glänzenden Ausstattung, dem trefflichen szenischen Arrangement und der über alles Lob erhabenen Vorstellung galt.“ Darauf folgt – quasi als dramaturgisches Statement – eine etwas merkwürdige Einschätzung des Werts eines Operettenlibrettos: „Zum Glück ist der Text einer Operette nichts weiter als die Folie für die Gesangsnummern und der Text zu ‚Indigo‘ kann daher auch nur als eine hölzerne Nothbrücke aufgefasst werden, welche die fließenden und munter einherhüpfenden Gesangsstellen miteinander verbindet.“ So ganz auf die Waagschale legen darf man die Äußerungen des Rezensenten auch sonst nicht.

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„Seit Jahren“ kann sich die Entstehungsgeschichte von Indigo nicht durch die Blätter gezogen haben. Denn wenn man den Beginn der Wiener Operette mit dem Pensionat von Franz von Suppé 1860 ansetzt – auch wenn das noch keine ausgewachsene Operette war -, dann handelt es ich nur um ein knappes Dezennium, in dem sich die Wiener Operette von Einaktern, die im Spielplan mit Schauspielen gekoppelt wurden, über Zweiakter erst 1870 mit Suppés Jungfrau von Dragant zu einem allein einen Abend füllenden Dreiakter entwickelt hatte. Das initiale Pensionat Suppés war zwar kein einhelliger Presseerfolg gewesen, aber ein folgenschwerer Publikumserfolg, den auch Johann Strauss Sohn zur Kenntnis nehmen musste, als er Ende Oktober 1860 müde und erschöpft, wie Franz Mailer schreibt, von seinem Russland-Gastspiel nach Wien zurückgekehrt war. Seine aus Russland mitgebrachten Novitäten fanden weit weniger Interesse beim Publikum als die Neuschöpfung Suppés.

Ein alarmierender Anstoß für die Strauss-Familie, dem neuen Genre vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, ebenso natürlich seinem französischen Anreger Offenbach, den Wien mit viel echtem künstlerischem Enthusiasmus und frechen illegalen Urheberrechtsbrüchen an die Brust genommen hatte. Die Wiener Presse dachte zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs daran, in Johann Strauss Sohn einen zukünftigen Operettenkomponisten zu sehen: Als Bäuerles Theaterzeitung darüber sinnierte, wer ein wienerisches Pendant zu Offenbach werden könnte, fiel der Name von Strauss nicht.

Erotischer Strauss: Cover der originalen Noten/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Cover der Zeitschrift „Die Bombe“ mit einer Darstellung zur „Fledermaus“ 1847/Orca/Roser

Aber Johann Strauss wusste sich schon 1863 den Kontakt zu Jacques Offenbach zu sichern. Über den Kritiker Eduard Hanslick, der mit beiden befreundet war, bemühte er sich, den Offenbachschen Walzer Abendblätter für seinen Verlag zu sichern. Offenbach hatte diesen, so wie er seinen Walzer Morgenblätter op. 279, für denselben Concordia-Ball als Widmungswalzer komponiert. Beide Werke erschienen auch tatsächlich gemeinsam im Verlag C. A. Spina. In den Bereich der Legende verwies allerdings schon Franz Mailer die Mitteilung, Offenbach hätte 1864 bei einem Bankett Strauss den Rat erteilt, Operetten zu schreiben, auch wenn die Theaterzeitschrift Der Zwischenakt schon am Tag nach dem bewussten Concordia-Ball Johann Strauss bereits an einer einaktigen Operette arbeiten sah. Die Meldung entsprach den Intentionen von Jetty Strauss, der Ehefrau des Komponisten. Der Meister war jedoch absolut nicht dieser Meinung.

Strauss war in dieser Zeit mit Franz von Suppé enger befreundet und attestierte ihm zu Recht ein größeres Talent für Theatermusik. Denn seine musikalische Sozialisation hatte nicht, wie die Suppés, am Dirigentenpult eines Orchestergrabens und mit der Komposition von Bühnenmusik für diverse Schauspiele stattgefunden, sondern auf den Tanzböden mit der Komposition und Präsentation von Tanzmusik, die sich nicht um dramaturgische Bedürfnisse von Autoren kümmern musste, sondern allein der bis ins Rauschhafte gesteigerten erotischen Animation des tanzwütigen Publikums diente. Dieses erotische Bedürfnis zu befriedigen, strebte aber auch die junge Wiener Operette an, die sich in ihren Sujets zaghaft auf einen unverwechselbaren Stil hin bewegte. Man hatte dafür an den in den drei traditionellen Wiener Vorstadttheatern gespielten Volksstücken, Sittenbildern, Idyllen, Märchen und Possen angedockt, hatte musikalische Anregungen aus den am Kärntnertortheater aufgeführten Donizetti-Opern gezogen, was Franz von Suppé sogar den Vorwurf einbrachte, sich am „Donizettelkasten“ bedient zu haben, und man ließ sich in den Libretti auf die Frivolität der Offenbachschen Bühnenwerke ein. Deren hoch politische satirische Anspielungen konnte man wegen der zurückhaltenden Liberalität in der habsburgischen Monarchie nicht übernehmen, hatte vielleicht auch gar nicht die Absicht, weshalb man ihren erotischen Subtext zu intensivieren trachtete, selbst wenn dabei Offenbachs Eleganz und Charme verloren gingen.

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Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, nicknamed “Luzi Wuzi”/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, bekannt als “Luzi Wuzi”/ ORCA/Roser

Das noch länger biedermeierlich verklemmte Wien nahm die erotischen Spielchen mit Freuden zur Kenntnis. Wo der Alltag bis ans Jahrhundertende Frauen noch vom Hals bis zu den Zehen modisch verpackte, steckte man sie auf der Bühne – durch dramaturgische Notwendigkeit vorgeblich bedingt – als Männer in Hosen und enthüllte damit ihre körperlichen Reize. Das aus barocken und vorklassischen Resten noch in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts herüberschwappende Cross Dressing feierte fröhliche Urstände. Selbstverständlich nur bei den Damen. Die traditionellen Kittelrollen der Metamelodrammen der frühen opera buffa-Geschichte, für die man in den Operettenlibretti oft zwingendere Möglichkeiten gehabt hätte als für Damen in Hosen, ließ man dagegen links liegen. Das ganze Quidproquo dieses Cross Dressings schuf in der Rückblendung auf das reale Geschlecht pikante erotische Konstellationen. Sittenstrenges Theater mutierte zu einer geduldeten unmoralischen Anstalt. Junge Damen in Hosen wurden auf die absurdeste Weise aufgeboten, so dass zum Beispiel in der Originalfassung von Suppés Banditenstreichen zwei Damen in Hosen als Liebhaber einer jungen Dame nachstellten und der Chor der Räuber aus neun Damen in Strumpfhosen und nur vier Herren bestand.

So dick wollte sich selbst ein auf sexuelle Erregung erpichtes Männerpublikum nicht mehr antörnen lassen. Wer Stefan Zweigs Welt von gestern gelesen hat, vermag die Wirkung dieser erotischen Komponente in der Zeit zu begreifen und zu verstehen, dass das Publikum auch im Dekodieren eines erotischen Subtextes geschult war, der ihm versteckt das vermittelte, was offen noch immer nicht ausdrückbar war. Man spielte – und spielte an. Das Prinzip war nicht nur beim aufstrebenden Bürgertum gesellschaftsfähig, sondern auch bis in die höchsten aristokratischen Schichten. Die Presseberichte der Zeit vermerken mehrmals, wie selbst die kaiserliche Familie das neue Genre goutierte, in erster Linie Erzherzog Viktor Ludwig, der jüngste Bruder Kaiser Franz Josefs, in der Familie kurz Luzi Wuzi genannt. Er fand in den Spielsituationen der Libretti sogar seine homophilen Neigungen gespiegelt, die er im Alltag nur skandalträchtig ausleben konnte.

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Der erotische Touch der Stücke war jedoch nicht der Grund, warum Gattin Henriette, kurz Jetty genannt, geborene Treffz-Chalupetzky, Johann Strauss Sohn zur Operette drängte. Sie war eigentlich prüde – trotz sieben unehelicher Kinder, deren letzte, zwei Mädchen, beim Vater, dem späteren Baron Todesco, im Palais Todesco auf der Kärntnerstraße zurückgeblieben waren, als sie sich dem Walzerkönig zuwandte. Aber sie hatte ähnlich gute Managerqualitäten wie die Mutter des Komponisten, Anna Strauss, geborene Streim, die die Strauss-Brüder weltweit etabliert und Sohn Johann zum Walzerkönig gekrönt hatte. Jetty erkannte die Möglichkeit, über immer wieder sprudelnde Tantiemen durch Operettenaufführungen mehr Geld in die private Kasse zu spielen, als durch Einmal-Bezüge bei Tanzmusik-Kompositionen, wo nur mit Auftrags- und Auftrittshonorar und durch den Notenverkauf Geld zu verdienen war. Und sie erkannte auch, dass die verkaufsfördernde Wirkung des Walzerkönigs nur mit seinem persönlichen Auftreten vor dem Orchester der Strauss-Familie erreicht werden konnte, wovon Johann Strauss immer mehr die Nase voll hatte.

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Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in Hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Bis zur Komposition von Indigo lagen bereits 342 Opuswerke mit Tanzmusik vor. So war nun die Zeit gekommen, sich den Absichten Jettys zu beugen. Erst 1863 war Johann Strauss vom Kaiserhof mit dem Ehrentitel Hofball-Musikdirektor ausgezeichnet worden, der einst für seinen Vater erfunden worden war. Am 5. Jänner 1871 suchte er um Enthebung von der Leitung der Hofball-Musik an, was im Vorfeld sicherlich mit dem Obersthofmeister Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst abgesprochen war. Denn bereits eine Woche später erreichte ihn die Bestätigung des Kaisers, der ihm den Titel auch weiterhin beließ und ihn für seine Verdienste mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph – Ordens auszeichnete. Am 27. März des Jahres erfolgte im neuen Musikvereinssaal am Karlsplatz der letzte gemeinsame Auftritt mit den Brüdern Josef und Eduard. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer als Operettenkomponist begann. Als Operettenkomponist im Theater an der Wien musste Johann Strauss Sohn nicht mehr als „Gunstwerber“ antreten, wie einer seiner Walzer im Debutkonzert am 15. Oktober 1844 im Casino Dommayer in Hietzing geheißen hatte. Die Gunst des Publikums war ihm gewiss. Aber er hatte nun mit einem Partner zu rechnen, den er nicht so recht einzuschätzen wusste: dem oder den Librettisten.

Und das begann schon bei Indigo und die 40 Räuber die Malaise, die – von der Presse deutlich artikuliert – ihn an der Richtigkeit seines Schrittes hätte zweifeln lassen können. Schulkamerad und Freund Anton Langer, Herausgeber der viel gelesenen humoristischen MonatsschriftHans Jörgel, versuchte nach der umjubelten Premiere die Zweifel zu zerstreuen: „Du hast Talent genug, dass eine Operette von Dir keine andere Ausstattung braucht, als Deine Musik. Du hast’s nicht notwendig, ein halbes Hundert halbnackte Weiber oder doch Weiber in Hosen hinaufzustellen.“ Er findet das Textbuch nicht schlechter als die Bücher für „unzählige Offenbach’sche Blöderien“, womit er unter anderem sicher auch Offenbachs Die Insel Tulipatan meint, angewidert von der erotischen Sprengkraft dieses Cross-Dressing-Einakters, dessen entschlüsselbare homophile Tendenz ihm nicht behagte. Mit dem Hinweis auf die Güte schlichter Offenbach-Stücke, die dem Singspiel nahestehen – wie zum Beispiel Verlobung bei der Laterne oder Fortunios Lied – warnt er vor Ausstattungsstücken, zu denen er Indigo zählt, ohne zu ahnen, dass die Operette schon sehr bald diesen Weg einschlagen wird und die Ausstattung zu einem stilbildenden Parameter.

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Für das nicht gerade vorbildliche Textbuch von Indigo und die 40 Räuber übernahm Maximilian Steiner die Verantwortung, der seit 1869 gemeinsam mit dem Star des Theaters an der Wien, der Schauspielerin Marie Geistinger, die Bühne leitete. Das vier Wochen vor der Premiere am 13. Jänner 1871 eingereichte Zensurlibretto trägt allerdings den Namen Richard Gené(e). Der gebürtige Danziger war noch von Friedrich Strampfer 1868 als Kapellmeister ans Theater an der Wien verpflichtet worden, dort allerdings nicht nur am Pult tätig, sondern als Mädchen für alles eingesetzt, so auch als Libretto-Retter oder besser: play doctor, wie man das im amerikanischen Musicalgeschäft nennt. Er war offensichtlich der Letzte, der am Libretto von Indigo Rettungsversuche vornahm, nachdem schon diverse Köche den Brei zu „verbessern“ gesucht hatten. Er beriet Johann Strauss auch in allen musikalischen Bühnenbelangen. Kurz gesagt: Strauss lieferte die Melodien, Genée setzte sie um.

Indigo führt auf die orientalische Insel Makassar, wo König Indigo ein von korrupten Ministerialen ausgeplündertes Volk regiert. Seine Lieblingsbajadere ist die in Wien geborene Fantasca. Sie hat mit ihrem Geliebten Janio auf einer Reise Schiffbruch erlitten und ist im Harem Indigos gelandet. Janio wurde quasi als Hofnarr von Indigo aufgenommen. Eine Räuberbande bedroht die Insel. Fantasca wird als Preis für den ausgesetzt, der die Räuber besiegt. Die Räuber sind aber schon längst bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen. So verkleiden sich die Bajaderen unter Führung Fantascas als Räuber, erbeuten die Schätze der ertrunkenen Räuber, Fantasca betäubt die Bajaderen mit Opium, lässt sie auf den Sklavenmarkt bringen, wo Janio von Indigo, der sich inzwischen zum Gott ausrufen ließ, als Besieger der Räuber die Hand Fantascas einfordert, worauf sie gemeinsam mit den Bajaderen nach Wien absegeln.

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Ein bisschen viel action, viel Spiel – und kaum etwas zum Anspielen, sieht man von den korrupten Ministerialen und dem Damenchor in Hosen ab. Korruption sollte in der Folge zu einem mehrmals verwendeten Motiv der Wiener Operette werden, denken wir nur an den infamen Podestá Nasoni in Gasparone von Millöcker. Ein dramaturgisches Mittel, das auch heute noch von einem Publikum sofort verstanden wird. Das Wiener Theaterpublikum war nicht eben an große Bühnenliteratur gewöhnt. Man bedenke, dass selbst das Repertoire des hehren Burgtheaters von trivialen Stücken dominiert war, deren Text sich oft kaum von den Dialogen der Operetten unterschied und nur durch schauspielerisches Können veredelt wurde. Offensichtlich wirkte da noch immer ein Dekret des Gründungskaisers Joseph II. nach, das keine traurigen Stücke zulassen wollte, um die kaiserlichen Zuschauer beim Theaterbesuch nicht in traurige Stimmung zu versetzen. Die Konversationskomödie führte noch eine ziemlich banale Konversation.

Erotischer Strauss. Librettist Richard Gené hatte keinen kleinen Anteil am "Verrufenen/ORCA

Erotischer Strauss. Librettist Richard Genée hatte keinen geringen Anteil am „Verrufenen“/ORCA

Die reichlich absurde Handlung von Indigo hat das Publikum bestimmt nicht deprimiert, aber die Gesangstexte hätten das Publikum schon in traurige Stimmung fallen lassen können.Nur ein Beispiel – Fantasia singt: „In des Harems Heiligtume, in der Frauen heit’rem Kreise, blühe ich als stille Blume fern vom Welteng‘leise. Und wie Blumen welkt die Liebe in den Herzen hin allmählich, ach, nur einmal blüh’n die Triebe – und wer das glaubt, der wird selig!“  Selbstverständlich war das nicht parodistisch gemeint. Es sollte lustig wirken. Schwer vorstellbar, dass ein Mann wie Genée Urheber dieser Verse hätte sein sollen, der einmal der goldenen Wiener Operette die besten Libretti schreiben würde. Da waren sicher andere Autoren am Werk, weshalb letztendlich Genée auch nicht für das fertige Produkt zeichnete. Wir finden aber in diesem Textbuch von Indigo schon viele Motive, die die weitere Entwicklung der Wiener Operette bestimmen sollten. Da wäre zum Beispiel die Verherrlichung Wiens mit einem Walzer, die bis hinein ins nächste Jahrhundert immer wieder von Komponisten aufgegriffen wurde. Und da wäre auch der exotische Spielort, der Reiz des Fremden, der ebenso zu einem erotischen Stimulans wird und die erotische Komponente der Libretti in den Bereich des Märchens verschiebt. „Märchen für Erwachsene“ hat Robert Herzl, einer der letzten traditionellen Operettenregisseure, das Genre der Wiener Operette immer genannt. Märchen, die sich vom satirischen Vorbild der französischen Operette verabschiedet hatten, die das Faszinosum des Exotischen, das Offenbach als Maske einer kritischen Haltung benutzte, unreflektiert übernahmen und zunehmend in Exotismen aller Art schwelgten, wie Christian Glanz konstatierte. Märchen wurden auch gebraucht für die minderbemittelten Schichten der rapide wachsenden Stadt, für die armen, ausgebeuteten Arbeiter aus Böhmen und Mähren, die Ziegelböhmen, die das Wunderwerk der Ringstraße entstehen ließen und die in diesen Märchen auf den billigen Rangplätzen der Vorstadttheater ihrer bitteren Realität entflohen.

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Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Volker Klotz ließ Richard Genée spät, wie er selbst in einem Aufsatz bekennt, zu den Ehren kommen, die diesem Motor der Wiener Operette, wie er ihn nannte, zustehen. Johann Strauss scheint schneller die außerordentliche Begabung Genées erkannt zu haben, weil ab „Indigo“ zunächst keine seiner neuen Operetten ohne seine Mithilfe auskam. Klotz beschreibt Genée als „Gegenteil eines sendungsbesessenen Reformators“. „Die gelassene Haltung des selbstsicheren Fachmanns“ ermöglichte ihm, jedem Komponisten plausibel zu machen, was seinem Werk Not tut. Er kannte das Werk Offenbachs genauest und hatte selbst mit eigenen Werken im neuen Genre noch vor seinem Engagement nach Wien parallel zu Suppé und Kollegen erfolgreich experimentiert. Er wusste die Frivolität der Offenbachschen Libretti in seine Libretti für die Wiener Komponistentrias Suppé, Strauss und Millöcker zu retten, die weniger das Publikum auf den oberen Rängen interessierte, das ein gesundes Verhältnis zur Sexualität hatte, als das erstarkte Bürgertum und die assimilierte jüdische Gesellschaft. Seit 1860, im Jahr der ersten Wiener Operette, durften Juden in Wien Besitz erwerben. Begütert und angesehen wurden sie neben dem Adel zu Protagonisten der Wiener Ringstraßenzeit.

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Die Operette wurde für sie das Zentrum des musikalischen Amusements, galt als etwas Fortschrittliches, das man wie auch das Neue in anderen künstlerischen Bereichen – nun endlich angstfrei, ohne drohende Pogrome im Nacken – fördern wollte. Genée stimmte also das junge musikalische Amüsiertheater wieder auf die großstädtische Pariser Wurzel zurück, die man für das Werden einer Metropole notwendig fand, auch wenn Wien etwas ganz anderes als Paris war. Genée wusste sich auch bei der katholisch konservativen Jetty Strauss durchzusetzen, die bei der Fledermaus ein Libretto zuließ, das thematisch schon eher der nicht gerade prüden Lebensart von Johann Strauss Sohn entsprach. Einmal noch wurde auch eine weitere große Hosenrolle mit dem Prinzen Orlofsky von Jetty akzeptiert, die den frivolen Hintergrund der Handlung – so wie heute mancher Regisseur – übersah oder tolerierte und nur die oberflächliche szenische Folie eines in jeder Beziehung rauschenden Festes zur Kenntnis nehmen wollte. Für die Darsteller war wieder Spielen und Anspielen gefragt. Man betrat wieder einen Boden, aus dem auch die Literaten der Zeit, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler, ihre Motivstränge zogen, auch wenn sie bei ihnen meist anders als in der Operette letal endeten. Der Kenner der französischen Literatur, Kapellmeister Genée, arbeitete bevorzugt mit Camillo Walzel zusammen, der sich als Schriftsteller F. Zell nannte, einem gebürtigen vielseitig begabten Magdeburger, der unter anderem Lithograph, Schauspieler, Schiffskapitän und eben Schriftsteller war, überaus belesen, so dass er die Handlungen der gemeinsamen Operettenlibretti vorgeben konnte und dabei behende fremdsprachige Quellen plünderte, was immer wieder zu verzwickten rechtlichen Situationen führte.

Für die Fledermaus wurde aber Genée mit einem Wiener Schriftsteller zusammengespannt, der die couleur locale in das Stück Le Réveillon von Meilhac und Halévy, dem Libretto-Wunderteam Offenbachs, einbringen sollte, mit Carl Haffner. Oswald Panagl und Fritz Schweiger beschreiben den damals bereits 70jährigen Hausdichter des Carl-Theaters als Prototyp eines „Hungerpoeten“, der seinem Theater jährlich zwölf neue Stücke liefern musste. Genée war mit der Übersetzung und wienerischen Einrichtung des Originals durch Haffner, den er übrigens nach eigener Auskunft nie gesehen hat, nicht einverstanden. Wahrscheinlich war sie so bieder ausgefallen, wie damals die Sprechstücke auf den Vorstadtbühnen zu sein pflegten. Das konnte man für eine Operette nicht brauchen. „Ich fand es unmöglich“, schrieb Genée, „erbat mir am anderen Morgen das französische Original und schrieb hiernach das Libretto. Von der Haffnerschen Posse, die ich zurückgab, benutzte ich nur die Namen der Personen. Auch von dem Original musste ich in Szenenbau und Charakteren weit abweichen… Um den altbewährten Schriftsteller Haffner nicht zu kränken, wurde er auf dem Theaterzettel mit meiner Zustimmung als Kollaborateur genannt.“ Genée war aber nicht nur als Librettist in den Entstehungsprozess der neuen Strauss-Operette involviert. Er war musikalischer Ratgeber, der dem berühmten Komponisten mit seinem Wissen über szenische Musik zur Hand ging und mit dem von ihm gestalteten berühmten Melodram mit der Schicksals-Musiknummer 13 im 3. Akt der Partitur Strauss zu der wohl theatertauglichsten Musik führte, die er geschrieben – oder eben nicht geschrieben hat.

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Strauss: Hörptobe zu "Indigo" auf youtube

Strauss: Hörprobe zu „Indigo“ auf youtube

So wurde nun das Publikum des Theaters an der Wien am 5. April 1874 in einen Badeort in der Nähe einer großen Stadt geführt. Wenn in manchen Inszenierungen der Vorhang hochgeht, sieht man eine feudale Villa im Hollywood-Stil. Das war sicher nicht Genées Absicht. Pensionisten konnten sich vielfach das Leben in der Großstadt nicht mehr leisten und zogen sich deshalb in die Umgebung der Stadt zurück, wo das Leben billiger war. Der Ort der Handlung spielte also schon auf den Stand und die Vermögenslage der Protagonisten an, war unschwer als Baden bei Wien erkennbar und erregte beim Publikum Heiterkeit in Erinnerung an Bekannte, die ihm das real vorlebten. Dass in einem kleinen Ort jeder jeden kennt, ist selbstverständlich. Umso unverständlicher, wenn nun einer dort, der Richter, nicht so ticken will, wie es dem vor Gericht stehenden Rentier Eisenstein gefällt, der ihn bestens kennt und ihm bei Einladungen das Silberbesteck geborgt hat, wie man im französischen Original lesen kann. Gattin Rosalinde wiederum benutzt den verurteilenden Richter gleich als Alibi für ihr neuerliches Techtelmechtel mit einem ehemaligen Liebhaber. „Hätte er meinen Mann nicht verurteilt, könnte ich meinen ehemaligen Liebhaber nicht empfangen!“ In aller Unverblümtheit gestaltet sich da ein Sittenbild, das die angestochene Moral der Zeit reflektiert. Hebt sich dann im zweiten Akt der Vorhang, sieht man meistens einen prachtvollen Ballsaal. Hat sich Genée das wirklich so vorgestellt?

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Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Ich habe einmal mit dem großen Regisseur Giorgio Strehler über eine Inszenierung der “Fledermaus” gesprochen. Er war sich ohne langes Nachdenken der Hintergründigkeit der Szene bewusst, die Sein und Schein auseinander dividieren muss.Für ihn waren die Ballettratten nicht die ranken und schlanken Tänzerinnen des Hofopernballetts, sondern die Damen der letzten Reihe, die sich ihre knappen Gagen mit Beziehungen zu betuchten Herren aufpäppelten. Und Prinz Orlofsky war kein reicher russischer Magnat, sondern ein Schieber, der nur in der Provinz den feinen Mann spielen kann, auf den ihm die Gesellschaft in der Großstadt nicht hereinfallen würde und wo er sich auch mehr vor der Polizei hätte in Acht nehmen müssen. Wenn schließlich die mediokre Gesellschaft auf der Bühne champagner- und wodkagetränkt ins lallende „Dui-du“ der Verbrüderung fällt – dann weiß man genau, wohin das führt, wenn der Vorhang gefallen ist.

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Spielen und anspielen, das ist es, was die Inszenierung einer guten Operette heute so unendlich schwer macht. Man will es nicht so genau wissen, aber genauest glauben, was eigentlich los ist. Der Schlussgesang der Fledermaus weist deutlich darauf hin, auch wenn gleich wieder der Champagner als Entschuldigung herangezogen wird, der alles verursacht haben soll: „Wir wollen ihm den Glauben, der selig macht nicht rauben.“ Der Zuschauer weiß, dass er einem eindeutig sexuell konnotierten Vexierspiel zugesehen hat, das oft die Pornographie streift, wenn zum Beispiel der enttarnte Gefängnisdirektor Frank das Stubenmädchen rügt: „Sie haben sich von mir die Hand küssen lassen!“ Und sie darauf antwortet: „Nicht nur die!“

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Die berühmten Libretti von Zell und Genée greifen immer wieder dieses Brunftjagen nach dem anderen Geschlecht auf, das versteckt auch die zwischenmenschliche Realität der Zeit bestimmte. In Suppés Boccaccio geht es in erster Linie um Sex, im Bettelstudent benimmt man sich schon etwas gesitteter. Für Strauss ließen sich die beiden Herren noch einmal auf die erotische Jagd ein, die man aber diesmal nicht so unversteckt portraitierte wie in derFledermaus, sondern um den Faktor Romantik bereichert. Eine Nacht in Venedig hieß das Stück, wieder nach einer französischen Quelle, dem Opernlibretto zu Le Château Trompette von Eugène Cormon und Michel Carré, wieder mit den üblichen urheberrechtlichen Schwierigkeiten wegen literarischer Plünderung. Nur diesmal fand die Uraufführung nicht in Wien statt, da Strauss das Theater an der Wien meiden wollte, weil ihn seine zweite Frau Angelika Dittrich (Jetty war 1878 gestorben) verlassen hatte und nun mit dem neuen Direktor des Theaters, Franz Steiner, dem älteren Sohn des inzwischen verstorbenen Maximilian Steiner, zusammenlebte, also Frau Prinzipalin geworden war, was man in der Presse als Begründung auch nur „anspielen“ konnte.

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Poster zu "Bocaccio", London 1882/ORCA

Poster zu „Bocaccio“, London 1882/ORCA

Die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig am 3. Oktober 1883 zur Eröffnung des Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin wird immer wieder als Misserfolg auf Grund des Librettos kommuniziert. Sicher, man hat das Libretto von Zell und Genée nicht geliebt. „Sie sind und bleiben des Sängers Fluch“, schrieb der Rezensent der Deutschen Zeitung am Tag nach der Premiere. Aber bei dieser entstand Unruhe beim Publikum nur beim Text des „Lagunenwalzers“, wo man auf die ursprünglichen Worte „Bei Nacht die Katzen sind grau, zärtlich ertönt ihr Miau“ mit Miauen reagierte. Schon am nächsten Tag war der Text geändert – und einem Berliner Erfolg des Werkes stand nichts mehr im Wege. Nur sechs Tage später kam die Nacht in Venedig bereits in Wien heraus. Natürlich im Theater an der Wien. Lili und Strauss hatten sich zwar nicht versöhnt, aber: „Non olet!“. Auf das ideale, den Erfolg bestimmende Ensemble, das einem vertraut war und einen Erfolg garantierte, wollte die Firma Strauss nicht verzichten. In Wien hatte man aber den Text des in Berlin Unruhe stiftenden Walzers schon längst geändert. Denn hier wurde der Walzer nicht wie in Berlin vom Herzog gesungen, sondern von Caramello, Herrn Girardi – und auf dessen Rolle hätte der ursprüngliche Text nicht gepasst. Sicher, die Berliner Uraufführungsverse waren nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz. In Wien hätte man sie wahrscheinlich als Anspielung darauf verstanden, dass ein Alter einer Jungen nachjagt. Schon im deutschen Libretto von Paisiellos Barbier von Sevilla begründet Doktor Bartolo seinen berechtigten Anspruch auf sein Mündel Rosina, dass in der Nacht alle Katzen grau seien, es also ganz egal sein kann, wer zu ihr ins Bett steigt, ein Junger oder ein Alter. Den Berlinern war das schlicht und einfach zu sehr um die Ecke gedacht. Da liebte man es direkter. Die Posse hätte da andere Parameter aufgefahren. Anspielen war nicht lustig. Aber die deftigsten, sexuell konnotierten Anspielungen finden sich seltsamerweise erst in den Wiener Änderungen, wenn zum Beispiel Pappacoda den Herzog fragt, ob er schon die Wirkung seines Apfelstrudels ohne Äpfel empfunden habe.

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Johann Strauss: Poster zum "Zigeneunerbaron" 1885/ORCA

Johann Strauss: Poster zum „Zigeneunerbaron“ 1885/ORCA

„Zwischen Weinberl und Zibeben tu‘ ich gern was Scharfes legen. Es essen alte Herr’n Pikantes gar so gern – hinein dann in die heiße Röhr’n.“ In Wien ging die Nacht in Venedig umjubelt in Szene. Das Lachtheater war hier anders gestimmt als in Berlin. Und dennoch meckerte die Presse auch in Wien wieder am Textbuch herum. Bei allen Strauss-Operetten fällt das als Konstante auf, die auch auf den Komponisten Strauss abfärbte, dem nie diese bedingungslose Wertschätzung der Kritik bei den Operetten gezollt wurde wie bei seinen Schöpfungen im rein instrumentalen Bereich, bei den Walzern und Polkas, wo man ihn bereitwilligst „König“ nannte. Ich verdanke diesen Hinweis Marion Linhardt. Die Wiener Presse war meist ungnädig mit Operettenlibrettisten, was immer auch auf die Komponisten abfärbte. Strauss wurde wenigstens nicht wie Suppé der Talentlosigkeit geziehen. Aber die Reaktionen auf die Nacht in Venedig ließen Strauss von Zell und Genée abrücken. Sie sollten kein Libretto mehr für ihn verfassen.

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Vielleicht war auch die Zeit des Anspielens in der Operette vorbei. Sie verfiel immer mehr dem Exotismus und ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 auch einem speziellen „Binnen-Exotismus“, wie Christian Glanz so treffend die Verortung der Handlungen auf die Kronländer der Monarchie bezeichnete. Mit diesem Binnenexotismus schritt auch die Tendenz zur Oper in den Operetten voran. Im Zigeunerbaron finden sich nur mehr am Rande erotische Anspielungen. So mag man das Dompfaff-Duett von Saffi und Barinkay als erotische Anspielung auf eine Befürwortung der freien Liebe empfinden. Angespielt wurde auf andere Dinge: Man mag zum Beispiel das untadelige Verhalten der Zigeuner als positive politische Äußerung im Vergleich zum kriegsbeuterisch unanständigen Schweinezüchter Zsupán empfinden. Éljen a Magyar! – auch wenn es rein wirtschaftlich darum ging, den ungarischen Musikmarkt zu erobern. Der Binnenexotismus zeigt auch deutlich die Unvernünftigkeit der Regierung, die nur Ungarn, nicht aber Böhmen und Mähren einen Ausgleich gewährte, weswegen Böhmen und Mähren bei Operettenlibretti nicht bestimmend wurden, obwohl sie bedeutendes musikalisches Kolorit jenseits der Polkas hätten beitragen können. Erst das 20. Jahrhundert gewann dann wieder der Operette die Erotik zurück – und dort oft noch deutlicher ins Pornographische verweisend.

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Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Autor Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Dieses Abdriften der Operette des späten 19. Jahrhunderts ins Opernhafte ist nicht nur bei Johann Strauss Sohn zu beobachten.Es kann damit zusammenhängen, dass die Komponisten ihre Arbeit als Operettenkomponisten nicht als vollwertige künstlerische Tätigkeit empfinden konnten, weil ihnen die rückhaltlose Bewunderung des Publikums und der Rezensenten auf diesem Sektor nicht in dem Maße zu Teil wurde, die sie in anderen Bereichen ihres Künstlerlebens genießen durften. Die Oper stellte sich nicht als andere, sondern als höherwertige Kunstform dar. Deshalb der Drang von Suppé und Strauss zur Oper, mit der sie aber beide nicht reüssieren konnten. Das mag auch ihre zeitweiligen depressiven Verstimmungen ausgelöst haben wie auch manche private Spleens.

„Die Fledermaus ist nicht die beste Operette, sie ist die Operette …“ stellte der Dirigent Felix von Weingartner einmal fest. Volker Klotz bestätigt ihn, weil er in der Fledermaus eine Wiener Offenbachiade erkennen kann. Auf alle Fälle ist sie bis heute die Operette aller Operetten, auch wenn sie meist szenisch falsch interpretiert wird. Und sie hat der Operette des 20. Jahrhunderts mit dem Gerichtsdiener Frosch eine Figur geschenkt, die im 20. Jahrhundert zu einem ganz speziellen Rollentypus, dem 3. Akt-Komiker, führte, Spielfeld aller großer Komiker. Seltsamerweise hat kein Operettenlibrettist des 19. Jahrhunderts auf diesen Typus zurückgegriffen. Man blieb an der durchgehenden komischen Figur des bürgerlichen Lustspiels hängen. Erst als die Operettendramaturgie in Handlungsschablonen zu denken begann, entdeckte man wieder diesen Typus, den man nun in verschiedenen sozialen Konstellationen als Spaßmacher im musikalisch meist schwächelnden dritten Akt einsetzte, um das unausweichlich bereits vorhersehbare Finale, glücklich oder tragisch – was für die Operette überhaupt eine beliebte Unsinnigkeit war – mit einer letzten unterhaltsamen Steigerung einzuleiten. Im Slibowitz war also nicht nur Wahrheit, sondern auch Dramaturgie. Hans-Dieter Roser

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Der vorstehende Text fasst einen Vortrag zusammen, den der leider 2022 verstorbene Hans-Dieter Roser, Professor in Wien, ehemaliger Künstlerischer Betriebsdirektor an der Berliner Staatsoper,  Vizedirektor der Volksoper Wien und Inhaber vieler weiterer wichtiger Positionen im internationalen Theaterbetrieb, im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ im März 2015 hielt. Er war der Eröffnungsvortrag der „Tanz-Signale“-Konferenz zum Thema „Johann Strauss und seine Operetten-Libretti“. Wir danken Professor Roser für die Erlaubnis zum „Nachdruck“. Der Text erschien erstmals bei den Kollegen des Operetta Research Center Amsterdam/Orca, denen wir ebenfalls danken. G. H.

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Abbildung oben: Die Welt der Operette – Frivol, erotisch und modern: Glamour, Stars und Showbusiness. Anläßlich der gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen … Theatermuseum München 17.10.2012-10.3.2013 Gebundene Ausgabe – 14. September 2011 von Kevin Clarke (Autor), Marie-Theres Arnbom (Autor), Thomas Trabitsch (Hrsg.) (Autor)/Ausschnitt/Amazon

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Und auf meine Frage nach „Zibeben“ schrieb mir Hans-Dieter Roser: Meine Kremser Großmutter kannte das Wort Rosine gar nicht, da war immer von Weinberln und Zibeben die Rede. Weinberln waren die saftigen Rosinen, Zibeben die trockenen, die vorher in Rum eingeweicht wurden. Wikipedia hat mich aufgeklärt, dass Zibeben schon getrocknet vom Weinstock geerntet werden. Ich nehme an, dass mit Weinberln jung und mit Zibeben alt gemeint war… Danke. G. H.

West-östliches Experiment

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Eine Aufführung von Mozarts Requiem in der Vollendung durch Franz Xaver Süßmayr hat das Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Dirigenten Michael Sanderling bei Warner Classics eingespielt, dem sich eine Komposition des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say mit dem Titel Mozart& Mevlana anschließt. Der Fragment-Charakter des Requiems brachte Say auf die Idee, der in seiner Komposition nicht eine Vollendung des Requiems, sondern ein Weiterdenken sieht, der sich die Frage gestellt hat, was es im Hörer auslöst und welche Fragen offen bleiben. Es ist nicht die erste an Mozart anknüpfende Komposition von Say, der bereits eine jazzige Improvisation auf den berühmten Türkenmarsch verfasst hat, in der er „Neue Musik, Jazz und traditionelle  Musik der Türkei“ miteinander verbunden hat zu dem, was er als „persönliche Weltmusik“ bezeichnet. Noch anspruchsvoller klingt, was er als Ziel seiner Musik ansieht, nämlich „eine Brücke von Liebe und Freundschaft zwischen Ost und West, getragen durch die Musik, in Klang übersetzt“, zu bauen.

Say beruft sich auch auf Goethe, der sich vom persischen Dichter Hafis inspirieren ließ, was der West-Östliche Diwan beweist, für ihn selbst waren Gedichte des im 13.Jahrhudert gelebt habenden Mevlana Rufi der Anstoß für eine Verbindung von Orient und Okzident. Das erste stellt eine erstaunliche Liberalität in Glaubensfragen unter Beweis, wenn das Ich Angehörige aller Religionen zur Bruderschaft aufruft, das zweite preist positive Charakterzüge wie Großzügigkeit, Mitgefühl oder Demut, die in den auf das Wirken des Dichters folgenden Jahrhunderten allerdings wenig Beachtung fanden.

Zum Luzerner Sinfonieorchester hat der Komponist seit langem ein besonders gutes Verhältnis, führte es doch bereits sein Violinkonzert auf, und Dirigent Michael Sanderling gab die Anregung zum vorliegenden Werk. Die Orchesterbesetzung ist für Mozart und Say die identische, außer dass für letzteren noch die türkischen Instrumente Rohrflöte (Ney) und Kerseltrommel (Kudüm) hinzugefügt wurden. Mozart-Elemente stammen aus dem Requiem, dem Klarinettenkonzert und der Fantasie in d-Moll.

Der Star der Aufnahme ist ohne jeden Zweifel der Rundfunkchor Berlin, der mit sehr viel mehr Energie als alle anderen Mitwirkenden an seine Aufgabe herangeht, der oft, so im Lacrymosa mit schönen Schwelltönen und reicher Agogik prunkt, der die Musik leuchten lässt und überaus textverständlich ist. Ein guter Partner ist ihm das Luzerner Sinfonieorchester, das auch den Solisten ein einfühlsamer Begleiter ist. Aus dem Quartett sticht der Mezzosopran von Marianne Crebassa durch Farbigkeit, Geschmeidigkeit und Leuchtkraft ihrer Stimme hervor. Ohne mit einem besonders schönen Timbre prunken zu können, ist Pene Pati mit einem lyrischen Tenor aus einem Guss ein angenehmer Partner, Fatma Said setzt einen klaren bis spitzen Sopran für ihren Part ein, Alexandros Stavrakakis`Bass klingt recht knarzig, auch oft gepresst und dumpf. In den beiden Liedern am Schluss kommen seine Qualitäten besser zur Geltung. Say sieht auch in der Tatsache, dass die Sänger aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, einen Vorzug der Aufnahme, welche Ansicht man nicht unbedingt teilen muss.

Die Musik zu den Mevlana-Texten ist sehr viel auftrumpfender als deren sanfte Botschaft erwarten lässt, was nicht zuletzt an dem Auftrumpfen der Trommel liegt. Insgesamt sind das ein interessantes Experiment und damit eine hörenswerte Aufnahme (Warner Classics 5021732754721). Ingrid Wanja     

Die Eifersucht ist eine Plage

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Gelosia! heißt das neue Album von Philippe Jaroussky bei seiner Stammfirma Erato/Warner (5054197998713). Es offeriert fünf Cantate da camera für Solostimme und kleines Instrumentalensemble, welche das Laster und die Qual der Eifersucht reflektieren. Der Titel der Platte resultiert aus Porporas Kantate La Gelosia auf einen Text von Metastasio – eine der beiden Weltpremieren dieser Sammlung. Sie wurde 1746 im galanten Stil komponiert und enthält eine zusätzlich eingefügte Sinfonia. Koloraturgirlanden und Triller stehen für die bekannte Virtuosität des Komponisten und finden sich vor allem im letzten Satz, einem lebhaften Allegretto. Jaroussky erweist sich hier noch immer als Meister in der Beherrschung des vokalen Zierwerks.

Den Text vertonte auch Baldassare Galuppi, dessen Komposition die Programmfolge beschließt und gleichfalls eine Weltersteinspielung darstellt. Mehr als auf Bravour konzentriert sich das Stück auf den Ausdruck mit einer  getragenen und einer munter beschwingten Arie.

Den Beginn der CD markiert Alessandro Scarlattis Kantate „Ombre tacite e sole“, deren zwei Arien beide mit Lento ausgewiesen sind, was der Stimme des Interpreten perfekt entspricht. Sie ist mit ihrer weichen Textur und dem zuweilen weinerlichen Ausdruck für Partien mit dramatischer Attacke und heroischer Vehemenz weniger geeignet (obwohl er solche durchaus interpretiert hat), besser liegen ihm jugendliche und introvertierte Figuren mit lyrischem Stimmcharakter. Die erste Arie mit mehreren Pausen reflektiert den verwirrten Zustand eines wegen der Untreue seiner Geliebten verzweifelten Liebhabers, die zweite ist ein Siciliano und schildert die Gewissensbisse der Untreuen. Die Stimme klingt sanft, gar lieblich und verträumt, lässt von seelischer Pein kaum etwas vernehmen.

Zwei bekannte Stücke ergänzen das Programm: Vivaldis „Cessate, omai cessate“ und Händels „Mi palpita il cor“. Erstere schildert in der Einleitung die Qualen eines betrogenen Liebhabers, später werden Wut und Tränen musikalisch ausgedrückt. Jaroussky hat sich mit diesem Komponisten jahrelang auseinandergesetzt, ihm bereits drei Alben gewidmet. Diese Beschäftigung ist spürbar durch  spannende Akzente und eine reiche Farbpalette. Auch die begleitenden Instrumente erzielen mit harschen, klirrenden Akkorden eine faszinierende Klangwelt. Das abschließende Allegro („Nell´orrido albergo“) ist ein Höhepunkt der CD mit rasenden Läufen und dem erregten Gesang des Counters, der hier wirklich von existentieller Not kündet. Händels Komposition gehört zu seinen Meisterwerken in diesem Genre, lebt von ungemein intensiven Rezitativen und sinnlichen Arien. Die erstere, „Agitata è l´alma mia“, verlangt aber trotz ihrer Kürze auch Koloraturemphase. Die zweite, „Ho tanti affani“, ist ein kantabler Dialog zwischen Flöte und Stimme, während die letzte, „Se un dì m´adora la mia crudele“, ein stürmisches Finale markiert.

Den Sänger begleitet das von ihm gegründete Ensemble ARTASERSE, das er auch selbst dirigiert. In ihm hat er die denkbar beste Unterstützung. Bernd Hoppe