Archiv des Monats: Juni 2026

Frisch gemacht

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Mit Wagners Tristan und Isolde hatte Orfeo 2003 seine auf mindestens siebzehn Alben angewachsene Reihe Bayreuther Festspiele live eröffnet. Es handelte sich um den Mitschnitt der Premiere vom 23. Juli 1952. Der damalige Festspielleiter Wolfgang Wagner (1919-2010) bot seine ganze Autorität auf, um diese Edition zu ermöglichen (damals für orfeo). Im Booklet schrieb er: „Ich selbst freue mich, dass es nach vielfältigen Überlegungen, nach der Überwindung mancher Vorbehalte und dem Ausräumen gewisser Zweifel nunmehr dazu kommt, der Öffentlichkeit musikalisch erstrangige Aufnahmen aus der langen Geschichte der Festspielaufführungen vorzustellen. Es sind konservierte Augenblicke einstiger Lebendigkeit. Das Theater ist eine transitorische Kunst, aber die technischen Möglichkeiten der Gegenwart helfen bei der Bewahrung des Kostbaren, Unwiederbringlichen.“ Sammler konnten ihre auf dem grauen Markt ergatterten Mittelschnitt, die meist dumpf tönten, ersetzen. Die Veröffentlichung mit dem Segen Bayreuths eröffnete nach gut einem halben Jahrhundert neue Klangräume. Vom ersten Ton an wurden die Hörer an den Lautsprechern Zeugen des hochdramatischen musikalischen Geschehens. Sie vernahmen auch das Atmen der Sänger, die Stille, die zum Zerreißen gespannten Pausen – und manchmal auch den Souffleur. Es grenzte damals an Wunder, was Restauratoren mit dem Wissen und der Erfahrung ihrer Zeit aus den Originalbändern des Bayerischen Rundfunks herausgeholt hatten. Für das erste digitale Remastering zeichnete die Railroad Tracks GmbH verantwortlich. „Klanglich schrille Präsenzen der Stimmen wurden abgemildert, Bandrauschen und technische Störungen wie Klicks und Knacker mit Sonic Solutions entfernt. Noch vorhandene Geräusche wie Husten und Räuspern sind Teil der Liveaufführung und auch als solche erhalten geblieben.“ Das war neu. Die Anmerkungen im Booklet glichen einem Garantieschein. Alle klanglichen Veränderungen, hieß es weiter, seien nach mehrmaligen Tests mit der Leitung der Bayreuther Festspiele, mit dem Bayerischen Rundfunk und Orfeo abgeklärt worden.

Inzwischen sind fast fünfundzwanzig Jahre vergangen. Es ist an der Zeit, musikgeschichtlich bedeutende historische Aufnahmen neu zugänglich zu machen. Ein Gedanke, mit dem der Medienversanhändler jpc die neue Überspielung im Rahmen der CD-Heritage-Serie von Note 1 begleitet (NO H0001). „Die legendäre Aufführung vom 23. Juli 1952 im Festspielhaus Bayreuth gilt als eines der markanten Dokumente der frühen Nachkriegsjahre und der künstlerischen Erneuerung des Festivals in der Ära des sogenannten Neu-Bayreuth. Am Pult steht Herbert von Karajan, dessen Dirigat die dramatische Spannung der Partitur stetig verdichtet und schließlich in einem geradezu sphärischen Liebestod kulminieren lässt. Im Zentrum steht ein außergewöhnliches Sängerpaar: Martha Mödl, eine der dominierenden hochdramatischen Stimmen ihrer Zeit, und Ramon Vinay, dessen kraftvoller, leidenschaftlicher Tristan zu den großen Interpretationen dieser Rolle zählt. Ihre Begegnung vereint zwei gegensätzliche Temperamente zu einer elektrisierenden musikalischen Dramaturgie – von eruptiver Leidenschaft bis zu meditativer Innerlichkeit. Ergänzt wird die Besetzung durch herausragende Bayreuther Kräfte wie Hans Hotter als Kurwenal, Ludwig Weber als König Marke und Ira Malaniuk als Brangäne. Der Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks – lange Zeit vergriffen und nun klanglich neu aufbereitet – offenbart die Atmosphäre einer Aufführung, deren Intensität und Unmittelbarkeit schon damals als außergewöhnlich gefeiert wurde. Als erste Veröffentlichung der Reihe Note One Heritage lädt diese Edition dazu ein, ein Schlüsselereignis der Opern- und Festspielgeschichte neu zu entdecken.“ Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, wenigstens kurz auf die besondere Geschichte dieses Mitschnittes zu verweisen. Vergleiche beider Ausgaben fallen zugunsten der Neuerscheinung aus, die frischer und noch etwas präsenter klingt – damit also mehr als berechtigt ist. RW