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„Déplorable Sion, qu’a tu fait de ta gloire?“. Mit der Frage dringt der Sprecher mitten in das Drama, das von Königin Esther handelt, die das jüdische Volk in seiner persischen Diaspora durch ihre Fürbitte beim König vor der Vernichtung rettet. Das fröhliche jüdische Purim-Fest erinnert seither an diese Rettung. Sein auf dem biblischen Buch Esther beruhendes Drama hatte Jean Racine 1689 auf Bitte der Madame de Maintenon verfertigt, die es sich für das von ihr gegründete Mädchenpensionat in der Nähe von Versailles wünschte und ausdrücklich ein biblisches Thema bestimmte. Eigentlich hatte sich Racine bereits zehn Jahre zuvor von der Bühne zurückgezogen, der er u.a. mit Bérénice und Phèdre zwei Ikonen des französischen Theaters geschenkt hatte, doch auf Wunsch der letzten Mätresse des Sonnenkönigs griff er nochmals zur Feder; zwei Jahre später tat er es mit Athalie ein allerletztes Mal. Wie in der griechischen Tragödie wollte Racine Chor und Gesänge mit der Handlung zu verbinden.
Nach einer kurzen Antwort des Chores tritt bereits Esther auf, die ihrer Jugendfreundin Élise erzählt, wie sie auf Wunsch ihres Vormunds Mordochée den König Assuérus heiratete und dadurch persische Königin wurde. Das ereignet sich in der Racine getreuen Esther-Oper des Thomas de Hartmann mit der Strenge eines Oratoriums, doch die Erzählungen Esthers sind in einem hochexplosiven Gesangsstil mit extremen Höhen gehalten. Auf Anhieb lässt sich diese stilistisch zwischen Jugendstil und Moderne oszillierende Oper schwer einordnen, die in den skythischen, griechischen, assyrischen und parthischen Tänzen zu Beginn des 3. Aktes das Orientalische beim Rimsky-Korskow aufgreift und in der Schlussapotheose die Grandeur einer grand opéra erreicht. An viele Name des frühen 20 Jahrhunderts von Strauss bis Korngold, von Honegger über Szymanowski und Enescu bis Strawinsky könnte man denken. Diese wiederentdeckte Esther stammt von Thomas de Hartmann, der zu den faszinierenden Komponisten seiner Zeit gehört (1885-1956).
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Olga und Thomas Hartmann mit dem Komponisten (und auch Hartmanns Lehrer) Sergej Tanejev ca 1910/Wikipedia
Thomas Alexandrowitsch von Hartmann war ein Großneffe des deutschen Philosophen Eduard von Hartmann und studierte ab 1900 in Moskau u.a. bei Arensky und Tanejew, lebte ab 1908 vier Jahre in München, wo er bei Felix Mottl Dirigieren lernte, sich Franz Marc sowie Kandinsky anschloss, für dessen Der gelbe Klang er die Musik schrieb, und den Dada-Mitbegründer Hugo Ball kennenlernte. Bestimmend wurde die Begegnung mit dem griechisch-armenischen Guru, Schriftsteller und Esoteriker Georges Gurdjieff, dem das Ehepaar de Hartmann in die Nähe von Paris folgte, wo Gurdjieff auf einem Schloss sein „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“ etablierte und seine Lehren verkündete. Nach Gurdjieffs Tod wanderte das Ehepaar 1951 nach Amerika aus, wo der Komponist u.a. die Musik zu rund 50 Filmen schrieb. Nach dem Tod von Thomas kümmerte sich seine Frau Olga (1885-1978), die auch eine konzertante Aufführung Esther initiert hatte, um sein Nachleben. Esther mit dem Text von Racine hatte de Hartmann, der selbst kein Jude war, 1946 unter dem Eindruck des Holocaust geschrieben. Nach Einspielungen des Violinkonzerts mit Joshua Bell und des Cellokonzerts mit Matt Haimowitz wie der Orchestermusik mit der Lviv Philharmonie gehört Esther zu den wichtigen Wiederentdeckungen.
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Vorträge un d Aufzeichnungen G. J. Gurdjiefs, Komponist und Mäzen Hartmanns im Verlag éliénne
In einer im September 2025 im Kulturzentrum von Poole in Dorset entstanden Aufnahme bringt de Hartmanns ukrainischer Landsmann Kirill Karabits diese Esther nun erstmals komplett zu Gehör (2 CD Pentatone PTC5187 424/ komplett insofern als zwei Jahrzehnte nach Thomas de Hartmanns Tod im Jahr 1956 Olga de Hartmann 1976 in Syracuse, New York, eine gekürzte, englischsprachige Konzertaufführung von „Esther“ organisierte, aufgeführt vom Oswego College Orchestra und Chor unter der Leitung von Robert Henry, mit Christine Flasch in der Rolle der Esther. Auf Olgas Anweisung hin wurde diese Aufführung aufgenommen und als Doppel-LP eines Independent-Labels veröffentlicht.).
Auf beispielhafte Weise, mit einem großartigen Ensemble. Eine Bühnenaufführung sollte nicht auf sich warten lassen. Das Bournemouth Symphonie Orchestra und der prachtvolle Grange Festival Chorus tauchen unter Kirill Karabits tief ein in diese geheimnisvolle Musik, in die so viele Stile, Richtungen und Moden von Jahrzehnten eingeflossen sind, ohne dass sie eklektizistisch klingt.
Die Besetzung, die Racines Verse in pathetischen Gesang und starke Exklamationen überführt, lässt keine Wünsche offen. Corinne Winters ist für ihre unbedingte Hingabe an die Titelpartie, ihre intensive Durchdringung der langen Monologe und leidenschaftlich strahlenden Gesang nicht genug zu preisen. Der Ukrainer Yuriy Yurchuk singt ihren Gatten Assuérus mit großformatig edlem Bariton, Andrew Foster-Williams ist ein markant auffahrender, um nicht zu sagen alttestamentarischer Mordochée, Bernhard Richter gibt den Aman/Haman mit sich geradezu überschlagenden ekstatischen, fast charaktertenoral schneidenden Höhenflügen, Edwin Crosley-Mercer ist ein dunkel raunender Hydaspe und Asaph, Olga Bezsmertna singt die Èlisa mit Mozartglanz und Paul Appelby gibt den Chantre mit der silbrigen Schönheit eines Bach‘schen Evangelisten. Rolf Fath
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Thomas and Olga de Hartmann´s graves at Princeton Cemetery/Foto Igor Heifetz /Wikipedia
Über Esther schreibt Evan A. MacCarthy / Gastdozent für Musikgeschichte an der University of Massachusetts Amherst im beiliegenden Booklet zur neuen Aufnahme bei Pentatone: Die Geschichte von Esther in der hebräischen Bibel erzählt, wie ein jüdisches Waisenmädchen, das von ihrem Onkel oder Vormund Mordechai aufgezogen wurde, Ahasveros, einen persischen König aus der Achämeniden-Dynastie, heiratete und wie es ihr als Königin gelang, ein vom obersten Minister des Königs erlassenes Dekret zur Auslöschung aller Juden im Reich aufzuheben. Diese Geschichte, an die während des Purimfestes erinnert wird, bekräftigt den Mut, die Frömmigkeit und die Hingabe Esthers, erinnert an die Erfahrung der Diaspora und das Überleben trotz der Gefahr der Auslöschung und feiert die Umkehrung der etablierten Ordnung.
Die Ursprünge von de Hartmanns Oper Esther lassen sich bis in den Zweiten Weltkrieg zurückverfolgen, als Thomas und Olga de Hartmann in Garches, einem Vorort von Paris, lebten. Dorthin waren sie 1938 gezogen, nachdem sie fast ein Jahrzehnt lang in Courbevoie, ebenfalls in den Pariser Vororten, gelebt hatten – nachdem sie die Residenz verlassen hatten, die sie gemeinsam mit dem Mystiker George Gurdjieff und anderen im Prieuré des Basses Loges in Fontainebleau aufgebaut hatten. Ihr auf einem Hügel gelegenes Haus in Garches wurde während der nationalsozialistischen Besetzung Frankreichs beschlagnahmt, um dort eine Flugabwehrbatterie zu errichten; daher nahmen Thomas und Olga ihr Klavier und einige Möbelstücke mit und zogen in ein verlassenes Haus in der Nähe, wo Thomas de Hartmann weiterhin Orchester- und Kammermusikwerke komponierte.

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Olga und Thomas Hartmann/Booklet zur Pentatone-Ausgabe
Während sie sich in ihrem neuen Zuhause einrichteten, entdeckte de Hartmann im Hühnerstall des Gartens ihres neuen Hauses eine im 18. Jahrhundert in Leder gebundene, vergoldete Ausgabe der Theaterstücke von Jean Racine (1639–1699) und begann, das erste Stück des Bandes zu lesen: Racines Esther. „Plötzlich“, so schrieb de Hartmann in seinen Memoiren, „dämmerte es mir: Oh, die Zeit, die wir gerade durchleben – ist das nicht die Zeit von Purim (die biblische Episode von Esther und Mordechai)? Ich verspürte den Drang, eine musikalische Tragödie nach dem Text von Racine zu schreiben.“
Im Bewusstsein von Hitlers Bestreben, das jüdische Volk zu vernichten, legte Thomas de Hartmann „Frieden und Gerechtigkeit“ als Leitmotive für seine Komposition von Esther fest. In einem Radiointerview im Jahr 1976 reflektierte Olga de Hartmann: „Esther ist ein Symbol und eine Inspiration für alle, die versuchen, die Welt vor dem Terror zu retten, der droht, ganz Europa zu verschlingen …“
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De Hartmanns Quelle für Esther ist also nicht der Bericht der hebräischen Bibel, sondern Racines nüchtern-religiöses Drama, das auf der antiken griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (der Septuaginta) und apokryphen Ergänzungen basiert. Auf Wunsch der königlichen Gouvernante und späteren heimlichen Ehefrau Ludwigs XIV., Madame de Maintenon (1635–1719), vollendete Jean Racine 1689 während der Regierungszeit Ludwigs XIV. sein dreiteiliges biblisches Drama Esther und beschrieb es als eine „Tragödie, die der Heiligen Schrift entnommen ist“. Racines Esther, das das „Thema der Frömmigkeit und Moral“ in den Vordergrund rückt und Esthers Reinheit und Tugend gegenüber ihrer Schönheit betont, wurde erstmals an einer Mädchenschule, der Maison Royale de Saint-Louis in Saint-Cyr unweit von Versailles, aufgeführt, mit Chorzwischenspielen von Jean-Baptiste Moreau (1656–1733). Racines Stück beginnt mit einem von der Frömmigkeit vorgetragenen Prolog und weicht insgesamt in mehrfacher Hinsicht vom Buch Ester ab, unter anderem durch die Kürzung der Erzählung über Ahasveros’ erste Frau Waschti und ihre Verbannung wegen Ungehorsams sowie durch das Auslassen des Massakers an den Verfolgern am Ende der Geschichte. Zu den musikalischen Interpretationen der Esther-Geschichte, die de Hartmanns Werk vorausgingen – unabhängig davon, ob sie sich an Racines Stück orientierten oder nicht –, gehören das erste englischsprachige Oratorium, Georg Friedrich Händels Esther (1718, überarbeitet 1732), Józef Kozłowskis Oper von 1816, Reynaldo Hahns Bühnenmusik für eine 1898 von Sarah Bernhardt inszenierte Aufführung von Racines Stück sowie Darius Milhauds Opéra-bouffe Esther de Carpentras, die 1925–26 nach einem Libretto von Armand Lunel komponiert und 1938 an der Opéra-Comique in Paris uraufgeführt wurde.
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Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: „Esther before Ahasuerus“, Franciszek Smuglewicz, 1778 /Wikipedia
De Hartmanns Libretto lehnt sich direkt an Racines Text an und vertont nur ein Drittel der Zeilen des Stücks, indem ganze Szenen und mehrere Chorpassagen gestrichen, Monologe komprimiert, Dialoge gekürzt und in einigen Fällen Zeilen neu angeordnet wurden. Nach Racines Vorbild bezeichnet de Hartmann seine Oper als „musikalische Tragödie“. Die Handlung spielt im Königspalast der persischen Hauptstadt Susa während der Zeit des babylonischen Exils der Juden. Neben einem gemischten Chor und Tänzern sieht de Hartmann ein Orchester aus Holzbläsern, Blechbläsern, Streichern, Schlagzeug, Klavier, Celesta, Harfe, Gitarre und Orgel vor. Sieben Sänger bilden die Besetzung dieser Oper: Esther (dramatische Sopranistin), Élise (Sopranistin), Aman (Tenor), der Kantor (Tenor), Mardochée (Bariton), König Assuérus (Bariton), Hydapse (Bariton). Drei Figuren aus Racines Stück werden von de Hartmann vollständig gestrichen oder drastisch reduziert: Amans Frau (Zarès), eine von Esthers Zofen (Thamar) sowie die Rolle des Asaph, eines Palastbeamten, der in einer Szene von de Hartmanns Fassung nur zwei Zeilen Text hat. Neben einer Reihe von Nummern, die formalen Arien ähneln, wird eine breite Palette an Gesangsstilen einbezogen, vom parlando oder „recitando“ (wie von de Hartmann angegeben) bis hin zu ausdrucksstarker, lyrischer Komposition, die an ältere Opernstile erinnert. Ob aufgrund des persischen Schauplatzes der Oper, der Verweise des Librettos auf die jüdische Identität oder der Tänze, die andere regionale Ethnien widerspiegeln – immer wieder werden durch Instrumentierung, rhapsodische Gesten oder modale Wendungen in der Harmonie Anklänge eines exotistischen Stils hervorgerufen, wie auch an anderen Stellen in de Hartmanns Orchesterwerk.
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Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Olga de Hartmann, Marc Koehler, Kandinsky, Campendonk, sitzend de Hartmann 1911/Foto Gabriele Münster/Wikipedia
Der erste Akt von de Hartmanns Oper folgt fast genau Racines Entwurf, mit kaum bis gar keinen Kürzungen und wenigen Versetzungen. Zu Beginn der Oper folgt auf eine kurze orchestrale Einleitung eine vom Chor gesungene Klage über den Verlust Zions („Déplorable Sion“), die sich auf Zeilen stützt, die die Töchter Zions in der zweiten Szene von Racines Stück bei ihrem Besuch bei Esther singen. Die erste Szene beginnt in Esthers Palastgemach mit Esther und ihrer Kindheitsfreundin Élise, die Esther besucht, nachdem sie geglaubt hatte, diese sei sechs Monate zuvor verschwunden und gestorben. Esther erzählt, wie sie unter der Führung ihres Vormunds Mardochée Assuérus heiratete und zur persischen Königin wurde; dabei singt sie die Arie „De mes faibles attraits“, während sie schildert, wie sie das Herz des Königs gewann, und gleichzeitig heimlich den ruinierten Zustand Jerusalems und seines Tempels beklagt („Hélas! durant ces jours“). Esther erklärt Élise, dass der König nicht weiß, dass sie Jüdin ist („Le Roi…ignore qui je suis“). Eine Gruppe jüdischer Jungfrauen wird eingeladen, sich zu ihnen in die Kammer zu gesellen, um ein Lied zu singen, das den Verlust Zions beklagt („Ô rives du Jourdain!“); dieses wird von einem Solo-Saxophon intoniert und enthält ein ausgedehntes Trio für zwei Flöten und Klarinette. Dann tritt Mardochée auf, um das verhängnisvolle Edikt zu überbringen, das Haman, der oberste Minister des Königs, erlassen hat, um das jüdische Volk aus dem Persischen Reich auszurotten („Au sanguinaire Aman nous sommes tous livrés“). Er drängt Esther, zu ihrem Ehemann Assuérus zu gehen und um das Leben der Juden zu bitten („Laissez les pleurs, Esther“), doch sie äußert die Befürchtung, dass sie, wie andere auch, eine Untertanin des Königs sei und sich ihm nicht nähern könne, es sei denn, sie werde gerufen („Hélas! Ignorez-vous quelles sévères lois“). Wütend behauptet Mordechai, dass es ihr Schicksal als Königin sei, sein Volk zu retten („sauver son peuple“) und dass Gott Amans kriminelle Anmaßung („l’audace criminelle“) zugelassen habe, um ihren Eifer auf die Probe zu stellen („éprouver votre zèle“). Nachdem sie beschlossen hat, sich selbst als Opfer für ihr Volk darzubringen, leitet ein Englischhorn-Solo Esthers gebetsvolle Arie „Ô mon souverain Roi“ ein, mit der der erste Akt endet, während sie nach Mut und den richtigen Worten sucht, um ihren Ehemann, den König, davon zu überzeugen, das gewalttätige Edikt aufzuheben.

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: Christine Flasch sang die Hauptrolle in der konzertanten ersten Aufführung am Oswego College unter Joseph Henry 1976, weitere Mitwirkende waren Harold Lerner, Phyllis Whithouse, Donald Miller, Leon Carapetyan unter Joseph Henry am POult des Oswego College Orchestra and Festival Chorus (Jerry Exil). Von diesem Konzert gab es – laut Discogs – 1979 eine LP-Ausgabe/Foto youtube (ebendort ein Ausschnitt mit Christine Flasch)
De Hartmann eröffnet den zweiten Akt mit einem aufgewühlten Chor, der „Adonai, ah, Adonai“ singt, inspiriert von Racines Chor-Schluss im ersten Akt, in dem die Chorfiguren die nahende Verfolgung fürchten und um Gottes Eingreifen flehen. Die Handlung des zweiten Aktes beginnt im Thronsaal des Königs, wo Hydaspe Aman anvertraut, dass der König durch einen Albtraum über Bedrohungen seines Lebens wach gehalten wurde. Aman offenbart Hydaspe das Motiv für sein Hinrichtungsedikt, das in zehn Tagen in Kraft treten soll: Mardochées unverschämte Weigerung, sich vor ihm zu verneigen, einem reichen und mächtigen Adligen, der in der Rangordnung nur dem König selbst nachsteht („Ah! Que ce temps est long à mon impatience!“). Seine Ungeduld veranlasst Aman und Hydaspe, einen Versuch in Betracht zu ziehen, Mardochée schon früher zu töten. In der nächsten Szene hat König Assuérus während seines schlaflosen Studiums der Hofakten erfahren, dass Mardochée ihn vor einem Attentat gerettet hatte und dass er Jude ist. Auf der Suche nach Rat, wie er einen treuen Untertan am besten ehren könne, bittet Assuérus Haman um Rat, der jedoch überzeugt ist, dass es um eine Ehre geht, die ihm selbst zusteht. Haman schlägt daher eine königliche Ehrung vor („O Seigneur, vous voulez d’un Sujet reconnaître le zèle“), woraufhin Assuérus Haman anweist, diese Ehren Mardochée zu erweisen („Je vois que la Sagesse elle-même t’inspire.“). Esther tritt ein und nähert sich dem König voller Furcht – in Racines Fassung fällt sie sogar in Ohnmacht –, was ihn zunächst beunruhigt, bis er sie erkennt und sie zunächst mit der Milde seines goldenen Zepter und dann mit liebevollem Lob beruhigt („Croyez-moi, chère Esther“). Esther spricht die Bitte an, ihr gegenwärtiges Leid zu beenden und sie zur glücklichsten aller Königinnen zu machen („Ô bonté, qui m’assure“), und erklärt, sie werde ihr Schweigen brechen, wenn sie zuvor ein Bankett für Assuérus ausrichten könne, an dem Haman teilnehmen müsse („Permettez avant tout qu’Esther puisse à table“). Assuérus willigt ein, und der zweite Akt endet damit, dass ein Solist den Chor anführt und den Gott Israels anruft, „diesen Schatten zu vertreiben“, „den Kummer des Propheten zu lindern“ und „den Schleier wegzunehmen“ („Dieu d’Israël, dissipe enfin cette ombre“).

Zu Thomas de Hartmanns Oper „Esther“: „Ester y Mardoqueo scribiendo a primera carta del Purim“; (Ester 9-20-21) /Aert de GELDER/Google Cultural Institute/Wikipedia
Für den dritten Akt strich de Hartmann die ersten drei Szenen aus Racines drittem Akt. An ihrer Stelle beginnt de Hartmann mit vier orchesterbegleiteten Tänzen, die jeweils die ethnische Herkunft der Frauen repräsentieren, die nach der Verbannung seiner ersten Frau aus dem gesamten Persischen Reich als mögliche Bräute für Assuérus herbeigebracht wurden: Skythen, Griechinnen, Assyrerinnen und Partherinnen. De Hartmann erklärte in einem Brief an den Organisten Jack Herman Ossewaarde, dass er sich nicht „Folklore-Themen“ zugewandt habe, sondern vielmehr danach strebte, „in den zeitgenössischen Tänzen alter Völker eine Inspiration für etwas Neues zu finden“. Die Handlung beginnt mit Assuérus, Esther und Aman in den Palastgärten bei Esthers Bankett, als Assuérus Esther bittet, endlich zu erklären, was sie bedrückt. Esther offenbart ihre jüdische Herkunft und singt drei ausgedehnte Monologe, in denen sie von der Zerstörung des Tempels und dem jüdischen Exil berichtet („Ces Juifs, dont vous voulez délivrer la Nature“), Amans Verrat aufdeckt („Notre Ennemi cruel“) und Mardochée verteidigt („Il restait seul de notre famille“). In seiner Rede fleht Haman Esther um Gnade an, worauf sie antwortet: „Va, traître, laisse-moi“ [„Geh, Verräter, lass mich in Ruhe“], und Ahasveros spricht eine einzige Zeile, um sein Leben zu beenden, während die Wachen ihn abführen. Mordechai, „chéri du Ciel“ [vom Himmel geliebt], trifft ein und wird von Ahasveros mit Hamans Amt als oberster Minister geehrt. Eine mitreißende Orchesterpassage leitet Esthers letzte Zeilen ein: „O Gott, auf welch seltsamen, dem Menschen unbekannten Wegen / webt Deine Weisheit ihren ewigen Plan!“ Die Szene verwandelt sich daraufhin in einen Tempel der Gerechtigkeit und des Friedens, und der abschließende, freudvolle Dankeschor an Gott für die Rettung des Volkes bildet den Höhepunkt der Tragödie.
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De Hartmann, der während der zahlreichen Stromausfälle des Krieges oft bei Kerzenschein schrieb, begann Anfang der 1940er Jahre mit der Komposition dieser Oper in drei Akten, vollendete die Partitur 1946 in Garches und schloss die Orchestrierung ab, nachdem Thomas und Olga 1951 nach New York City gezogen waren. In New York erstellte die Sopranistin Patricia Neway (1919–2012) (durch die LP-Aufnahme der „Iphigenie en Tauride“ bei Pathé und ihrer Mitwirkung beim dem Festival in Aix en Provence auch in Europa bekannt/G. H.), eine englische Übersetzung der Oper und versuchte, eine Aufführung ausgewählter Ausschnitte zu organisieren. Orchesterauszüge aus Esther wurden in den 1950er und 1960er Jahren mehrfach in den USA und in Europa aufgeführt.
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Der Autor: Evan A. MacCarthy is a Visiting Associate Professor of Music History University of Massachusetts Amherst. His expertise focuses on the 20th-century Ukrainian composer Thomas de Hartmann (1884–1956), with Dr. MacCarthy writing extensive album liner notes for recent de Hartmann revivals and helping to present documentaries on the composer’s legacy.
De Hartmann extrahierte die vier Tänze aus dem dritten Akt von Esther und stellte sie den Dirigenten Leopold Stokowski (1882–1977) und Nikolai Malko (1883–1961) zur Verfügung, die sie in ihr Programm für Aufführungen in Houston, Dallas, Chicago, Kopenhagen, England und an anderen Orten aufnahmen. Ann Holmes lobte 1955 in einem Artikel für den Houston Chronicle über Stokowskis erste Spielzeit an der Spitze des Houston Symphony Orchestra und seine Uraufführungen neuer Werke de Hartmanns Tänze für ihre „farbige Brillanz und unkonventionellen Klänge“ und hob dabei besonders die „pentatonischen Klänge hervor, die in den assyrischen Tänzen aus den Holzbläsern erklingen, sowie die zupfenden Bratschisten, die wie Gitarristen eine Serenade spielen. Exotisch und feierlich, üben sie einen ganz eigenen, sanften Zauber aus.“ Der Dirigent Nikolai Malko bemerkte, dass de Hartmann eine meisterhafte „Einheit der Komposition“ erreicht habe und keine Scheu vor „Einfachheit und Lakonismus“ gehabt habe; er sei in der Lage gewesen, „Eintönigkeit oder nachlassendes Interesse“ inmitten der Wiederholungen in den Tänzen zu vermeiden.
Zwei Jahrzehnte nach Thomas de Hartmanns Tod im Jahr 1956 organisierte Olga (de Hartmann) 1976 in Syracuse, New York, eine gekürzte, englischsprachige Konzertaufführung von „Esther“, aufgeführt vom Oswego College Orchestra und Chor unter der Leitung von Robert Henry, mit Christine Flasch in der Rolle der Esther. Auf Olgas Anweisung hin wurde diese Aufführung aufgenommen und als Doppel-LP eines Independent-Labels veröffentlicht. Evan A. MacCarthy / Gastdozent für Musikgeschichte / University of Massachusetts Amherst/Übersetzung DeepL/Redaktion G. H.
