Erinnerungswürdige Produktion

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Fast könnte man glauben, der deutsche Dichter Lessing habe mit seinem Nathan der Weise das Textbuch zu des französischen Komponisten Fromental Halévy Oper La Juive geschrieben, ähneln sich doch die Probleme, wenn auch die Auflösung der Handlungsverstrickungen ganz unterschiedlich ist. Bei Lessing wie bei Halévy verliert ein Jude durch die Schuld von Christen seine Familie, zieht ein zufällig gefundenes Christenkind, Recha oder Rachel,  als sein eigenes auf, allerdings Lessings Nathan ohne religiöse Bindung an das Judentum, sogar mit einer christlichen Kinderfrau, Halévys Eléazar seine Rachel streng im jüdischen Glauben. Damit erweist sich als logisch, dass Nathan der Weise mit einem happy end schließen kann, weil sich stärker als der jeweilige Glauben Toleranz und Humanität durchsetzen, während der Hass auf den tatsächlichen Vater Rachels, den Kardinal Brogni, stärker ist als die  Bereitschaft zur Vergebung.

Wie insgesamt das französische Repertoire, abgesehen von einigen Ausnahmen, vernachlässigt, ist Halévys einst vielgespielte Oper vor zwei Jahren an der Oper Frankfurt in der Regie von Tatjana Gürbaca  zu einem triumphalen Erfolg geführt worden, der sich vielleicht zu Beginn der Premiere noch nicht abzeichnete, das alles auf die schon gewohnte und oft erlittene Art auf ein instinktloses Versetzen der Handlung in die Neuzeit hinauszulaufen scheint, zunehmend aber sich eine glückliche Verbindung zwischen dieser und einer historischen Aufführungspraxis herstellt.

Bühnenbildner Klaus Grünberg hat ein für alle fünf Akte für das an unterschiedlichen Schauplätzen spielende Werk ein Einheitsbühnenbild geschaffen, eine noch unvollendete Hauswand mit vielen Luken und kleinen separaten Schauplätzen für die intimeren Szenen, die Kostüme von Silke Willrett sind zu Beginn noch fast ausschließlich die üblichen hässlichen modernen, allerdings in lichten Farben, ehe sich mit dem Fortlaufen der Handlung immer mehr zum Teil ironisch übertreibende historische Gewänder durchsetzen. Nur die arme Rachel muss bis zum bitteren Ende das ihr von der eifersüchtigen Eudoxie verordnete Nuttenkostüm beibehalten. Einiges bleibt in dieser Inszenierung rätselhaft, so das Händewaschen in Blut, einiges überflüssig wie das Kinderspielzeug Panzer, einiges zu detailverliebt wie der rauchende Wächter. Aber insgesamt ist das eine Inszenierung, die zu fesseln und Anteilnahme für das leidende Personal zu wecken weiß. Ein besonders begrüßenswerter Einfall ist die Umwandlung der für eine Grand Opéra unverzichtbare Balletteinlage in einen Film von den „Heldentaten“ des unseligen Léopold.

Durchweg reine Freude bereiten die darstellerischen und gesanglichen Leistungen des Chors und der Solisten, die auch typgerecht und deswegen besonders glaubwürdig erscheinen. Ambur Braid ist eine ansehnliche Rachel mit höhensicherem, durchschlagskräftigem Sopran mit reichem Farbspektrum. Kühler, klar und geschmeidig ist die Stimme von Monika Buczkowska für die Eudoxie, die beachtliche Koloraturen zu singen hat und sich mit zwei sehr netten, nicht im Libretto vorgesehenen Kindern schmücken darf. Als Rossini-und Belcantotenor bekannt geworden ist John Osborn, dessen große Arie des Èléazar „Rachel, quand du Seigneur la grace tutelaire“ immer ein Lieblingsstück für Tenöre geblieben ist und der hier mit hohen Tönen, aber auch mit einem leichten Tonansatz, mit stimmlicher Beweglichkeit und anrührendem Spiel begeistern kann. Als windiger Typ wird der Léopold von Gerard Schneider gesehen, der mit einem hell timbrierten lyrischen Tenor für sich einnehmen kann. Mit wunderbar samtiger, sonorer Bassstimme und viel menschliche Wärme ausstrahlend ist Simon Lim ein fast schon zu sympathisch wirkender Cardinal  Brogni. Jeweils einen angenehmen Bariton setzen Sebastian Geyer (Ruggiero) und Danylo  Matviienko (Albert) für zwei Wurzen ein. Henrik Nánási führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu einfühlsamem, transparentem, trotz auch dem Forte zugetanem Agieren sängerfreundlich durch die Vorstellung.  Naxos sei Dank, dass sie die Produktion konservierten (Naxos NBD0190V). Ingrid Wanja