Nicht homogen, aber interessant

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Da muss ein Italiener kommen, um uns zu zeigen, wie man Hänsel und Gretel spielt“, hieß es bewundernd und verwundert in der Berliner Staatskapelle in den Neunzigern, als Fabio Luisi das erste Mal die Humperdinck-Oper in der Lindenoper dirigierte. Muss es nun heißen:“Da muss ein Italiener ein amerikanisches Orchester dirigieren, um uns darüber zu belehren, wie man den Ring spielt? “

Keineswegs, aber immerhin kann man erstaunt und beglückt zur Kenntnis nehmen, dass dieses, und zwar das Dallas Symphony Orchestra, mit der Einspielung von konzertanten Aufführungen während des Jahres 2024 eine sehr interessante Aufnahme zur Diskussion stellt. Von den ersten zarten Klängen bis hin zum Schluss, der das ansonsten überaus beifallsfreudige Publikum zunächst verstummen und danach in tosenden Applaus ausbrechen ließ, besticht die Aufnahme durch Klarheit, Eleganz, ein wunderbar ausgewogenes Verhältnis zwischen Stimmen und Orchester, klar umrissene Konturen, durch Durchsichtigkeit, durch die Zeit, die das Orchester sich nimmt, um „prominente“ Passagen vorzubereiten, die um so eindringlicher gelingen, je behutsamer sie vorbereitet wurden. Nicht selten wird durch „Entschlackung“ ein umso rauschhafterer Eindruck erzeugt, und die Sängerstimmen werden nie zugedeckt, sondern von der Begleitung behutsam getragen.

Nicht homogen, aber interessant ist die Sängerbesetzung, eine Mischung aus erfahrenen, reich an Wissen um die Partie seienden, aber auch erste Defizite aufweisenden, was die Frische der Stimme betrifft, mit Newcomern, die für sich die Unverbrauchtheit des Organs in Anspruch nehmen können.

Zu den ersteren gehören der Wotan von Mark Delavan und die Brünnnhilde von Lise Lindstrom. Der Bassbariton strahlt im Rheingold viel vokale Autorität aus, die nicht nur auf dem hörbaren Textverständnis beruht, klingt in der Walküre manchmal dumpf, aber weiß eine hochspannende Szene mit der Fricka der Walküre zu gestalten, um als Wanderer ein lustvolles Ping-Pong-Spiel mit Mime zu veranstalten,  geringe Stimmermüdungen geschickt als Gestaltungsmittel in der Auseinandersetzung mit Siegfried einzusetzen. Ein reifes, bewegendes Rollenportrait!

Die Siegfried-Brünnhilde mit ihrer vergleichsweise hohen Tessitura passt am besten zum   turandotgestählten Sopran von Lise Lindstrom, die beim Erwachen mühelos das Orchester überstrahlen kann, die mädchenhaft jung klingt und „Ewig war ich“ zu ihrer bemerkenswertesten Leistung werden lässt. In den beiden anderen Teilen vermisst man eine präsentere Mittellage, hört man auch manchmal Schärfe und reichlich Vibrato anstelle von Fülle, allerdings auch eine Todesverkündigung von schöner Sanftheit, und in der Götterdämmerung zwar keine Hochdramatische, aber eine hoch dramatisch vokal Agierende, so dass das Weltendrama würdig zum Ende kommt.

Über eine noch junge, gesunde Stimme kann man sich bei Daniel Johanssons Siegfried freuen, kraftvoll eingesetzt, über eine gute Diktion verfügend und unangefochten in den Schmiedeliedern voller vokalen Übermuts. Besser noch passt das männliche Timbre in die Götterdämmerung, wo er bei der Täuschung Brünnhildes einen Grauschleier über den Tenor zu legen scheint und für die „Heilige Braut“ viel Leuchten und Strahlen aufbringen kann, aber aus der Rolle keine Brüllpartie macht, sondern mit schöner messa di voce aufwarten kann.

Seinen Vater Siegmund singt Christopher Ventris mit nicht mehr ganz junger, aber Wissen und Erfahrung verratender Stimme, deren Höhe strahlen und den Hörer für die Figur interessieren kann. Mädchenhaft sanft ist die Sieglinde von Sara Jakubiak, die ihr Schicksal in höchst anrührender Weise dem Hörer zu vermitteln vermag und ihn im „Rette die Mutter“  erschauern lässt.

Eine im Rheingold etwas sopranlastig klingende Fricka ist Deniz Uzun, die in der Walküre viel vokale Autorität versprüht, unzählige Nuancen der Überredung sich steigernd bereit hält und hier auch wie ein echter Mezzosopran klingt, der auch der Waltraute gut ansteht. Eine sehr schöne Leistung!

Langjährige Erfahrung mit der Partie kennzeichnet  den Alberich von Tómas Tómasson, der durch Textverständlichkeit, seinen Widersacher Wotan manchmal an Stimmgewalt übertreffend, manchmal fast zu edel klingt, einen angsteinflößenden Fluch beisteuert und in der Götterdämmerung noch einmal großartigen Wagnergesang demonstriert.

Lise Lindstrom/Foto Rosie Hardy/Deutsche Oper Berlin

Mime ist Michael Laurenz mit dem die Partie charakterisierenden Greinen, ein durchdringender Charaktertenor, phänomenal textverständlich, mit allen Schattierungen der Falschheit in der Stimme im Siegfried aufwartend.

Noch einmal die phänomenale DDR-Diktionskultur im Operngesang aufblitzen lässt Roman Trekel als Gunther, geschmeidig verführerisch singt Kathryn Henry die Gutrune, während der Bass von Stephen Millings Hagen so schwarz und abgrundtief für den Hagen ist  wie dessen Seele.

Tamara Mumford wirkt als Rheingold-Erda noch wenig autoritär, weniger „sehend“ und „beschwörend“ als das Orchester. Im Siegfried gelingt der Sängerin ein feines Gespinst aus geheimnisvollen Tönen.

Gut aufeinander abgestimmt ist das Terzett der Rheintöchter mit dem schwebenden Sopran von Valentina Farcas ( auch ein munter zwitschernder Waldvogel) , dem handfesten Mezzo von Kimberly Gratland James und dem leichte Schärfen verratenden Alt von Renée Tatum. Geheimnisvolles Raunen verbindet die Nornen von Tamara Mumford, Jennifer Johnson Cano und Kathryn Henry.

Die beide Riesen sind mit dem tiefdunkel timbrierten, markanten Bass von Liang Li für den Fasolt und dem etwas dumpfer und geheimnisvoll klingenden ebenfalls Bass von Andrew Harris rollendeckend

Noch nicht von Verjüngungsapfelabstinenz gezeichnet sind die Stimmen von Laura Wilde (Freia), Jamez McCorkle  (Froh) und Hunter Enoch (Donner). Stefan Margita ist der feine Gesangsfäden spinnende Loge.

Man fühlt sich durch den Genuss dieses Ring des Nibelungen bereichert und wird in Zukunft bei Dallas nicht mehr an eine amerikanische Serie, sondern an Wagner denken (Delos 2026/ Abb. oben: Bühnenbild für Akt III von Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold von Richard Wagner von Max Bruckner/Ausschnitt/Wikipedia) Ingrid Wanja