Archiv des Monats: August 2026

Kriegs-Romanze

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Kaum ist Montenegro seit einigen Jahren als Reiseland begehrt, erscheinen auf wundersame Weise montenegrinische Opern auf der Musikbühne. Vor zwei Jahren La montagne noire der Augusta Holmés, deren Pariser Grand Opera von 1895 in Dortmund wiederentdeckt wurde und inzwischen auch eine Wiederaufführung in Frankreich erlebte.

In diesem Februar kam es in Mailands Teatro Dal Verme zu der von Decca (1 CD 576 7566) eingespielten Uraufführung von Umberto Giordanos Marina, wozu eigens der Chor des Teatro Petruzzelli von Bari die weite Reise von Apulien in den Norden unternommen hatte. Das Hausorchester Orchestra I Pomeriggi Musicale di Milano hatte keinen so weiten Weg.

Mit der zu seinen Lebzeiten nie aufgeführten Oper nahm Giordano 1888 an Sonzognos Wettbewerb für Operneinakter teil, ohne eine wertschätzende Erwähnung zu erhalten. Immerhin nahm ihn der Verleger dennoch unter Vertrag. Giordanos folgende Oper Mala Vita wurde ein Erfolg. Von der Wettbewerbsoper hatten sich allerdings alle Spuren verloren. Erst der Musikwissenschaftler Andreas Gies stieß vor vier Jahren in der Koch Collection der Beinecke Library in Yale auf das Autograf und verfertigte die Critical Edition. Es gibt, das soll nicht unerwähnt bleiben, einige wenige originäre Opern Montenegros, darunter Die balkanische Kaiserin des Verdi- und Puccini-Zeitgenossen mit dem schönen Namen Dionisio De Sarno San Giorgio.

Umberto Giordanos Oper „Marina“: konzertante Uraufführung in Mailand 2026/ Eleonora Buratto und Freddi Di Tommaso/youtube

Marina ist eine hübsche Fingerübung des 21jährigen Giordano, der die Schablonen der Oper kennt und geschmackvoll ausprobiert. Die Oper für die Enrico Gorlischi, der vor allem durch zwei Libretti für Wolf-Ferrari bekannt geblieben ist, den Text geschrieben hat, ist wie Cavalleria rusticana durch ein Intermezzo in zwei Teile gegliedert. Marina beginnt mit einer stürmischen Bläserintroduktion, die in einen Chor hinter Bühne mündet, der die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Serben schildert, und packt in die 50 Minuten Spielzeit ungemein viele Nummern. Die beiden Szenen/ Duette der Marina mit dem serbischen Soldaten Giorgio stehen im Mittelpunkt. Marina verliebt sich in den verwundeten Soldaten, dann kommen ihr Bruder Daniele und der Heiratskandidat Lambro hinzu, der den Mann tötete, der für den Tod von Danieles und Marinas Vater verantwortlich ist. Es stellt sich heraus, dass Giorgio der Sohn jenes Mannes ist. Die Blutrache fordert ihren Tribut. Giorgio droht die Hinrichtung. Marina gesteht Giorgio ihre Liebe und verhilft ihm zur Flucht. Bei der Flucht wird er erschossen. Der eifersüchtige Lambro tötet die Verräterin Marina.

Der Konflikt in der zwischen Montenegrinern und Serben spielende Oper besteht in der Zuneigung der Montenegrinerin Marina zum verwundeten serbischen Soldaten Giorgio, dem sie zur Freiheit verhilft und dadurch ihre Heimat verrät. Das ist raffiniert und farbenreich orchestriert, die Ensembleszene am Ende des ersten Aktes lässt den Dramatiker des Andrea Chenier erkennen. Doch alles in allem lodert in Marina das veristische Feuer noch verhalten. Und manches wirkt doch etwas artig aneinandergereiht.

Eleonora Buratto, die für Sonya Yoncheva eingesprungen war, ist eine damenhafte Marina mit einem ausgesprochen schönen Timbre, edel in der Höhe, leuchtstark in den betörend gesponnenen Kantilenen. Freddie de Tommaso ein oft veristisch draufhauender, phlegmatischer Giorgio mit anämischen Piani, der Rumäne Mihai Damian als Lambro, bei dessen Canzona montenegrina man ein bisschen an Alfio denken könnte, und der Brite Nicolas Mogg als Daniele vervollständigen das Solistenquartett. Der Chor aus Bari weiß, was er dem Reißer schuldig ist, das Orchester unter Vincenzo Milletari verschwendet sich. Rolf Fath

„Le Mozart noir“

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Bereits in dem Artikel zur Oper Morgiane des amerikanischen schwarzen Südstaatlers Edmond Dédée war hier in operalounge von einem europäischen schwarzen Komponisten die Rede, der Im Frankreich des 18. Jahrhunderts eine bemerkenswerte soziale Position innehatte: Joseph Bologne de Saint-George. Er schrieb Opern und für anderen Genres der klassischen Musik  und brachte es sogar bis zum Klavierlehrer der Königin Marie Antoinette (ein Spielfilm mit Kirsten Dunst und Kelvin Harrison thematisierte vor nicht so langer Zeit diese Beziehung: er entkam jedoch der Guillotine). Bereits in der Vergangenheit gab es die eine oder andere Veröffentlichung namentlich seiner Violinwerke (als deren Exponent er in seiner Zeit berühmt war), nun ist bei Chateau de Versailles eine „gemischte“ CD erschienen (luxuriös aufgemacht und ausgestattet wie stets bei dieser Firma), die Vokales mit Instrumentalem von ihm vereint. Seine Vita ist ebenso bemerkenswert wie seine Kompositionen, daher im Folgenden zwei Artikel zum Thema.

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Le Chévalier de Saint-George/Wikipedia

Joseph Bologne de Saint-George (1745 – 1799) genannt Chevalier de Saint-George Saint-George wurde am 25. Dezember 1739 in Guadeloupe geboren.  Er war ein französischer Violinist, Dirigent, Komponist und Soldat afrikanischer Abstammung. Darüber hinaus zeichnete er sich als Fechter, Athlet und versierter Tänzer aus. Seine historische Bedeutung liegt zum Teil in seinem besonderen Hintergrund als freier Mann gemischter Herkunft. Bologne war der erste klassische Komponist afrikanischer Abstammung, der in der europäischen Musikszene breite Anerkennung fand. Er komponierte eine Reihe von Violinkonzerten, Streichquartetten, Sinfonia concertantes, Violinduetten, Sonaten, zwei Sinfonien und verschiedene Bühnenwerke, insbesondere der Opéra comique.
Er wurde in der französischen Kolonie Guadeloupe geboren. Sein Vater, Georges Bologne de Saint-Georges, war ein wohlhabender weißer Plantagenbesitzer, während seine Mutter zu den Kreolen gehörte, die Georges als Sklaven hielt. Im Alter von sieben Jahren wurde er nach Frankreich gebracht, wo er seine formale Ausbildung begann. Als junger Mann gewann er einen Fechtwettbewerb, was dazu führte, dass er von König Ludwig XVI. zum „Gendarme de la garde du roi” ernannt wurde. Nachdem er Musik- und Kompositionsunterricht erhalten hatte, trat er dem Orchester Le Concert des Amateurs bei, was 1773 in seiner Ernennung zum Dirigenten gipfelte.

Chevalier Saint-George: Im Columbia-Film 2003 war er der Musiklerer von Marie-Antoinette, hier in dem Film von  Sofia Copola mit Kirsten Dunst und Kelvin Harrison/Foto Sony

1776 begann Saint-Georges, die Pariser Oper zu dirigieren. Dieses Vorhaben wurde jedoch durch den Widerstand bestimmter Künstler vereitelt, die sich gegen die Leitung durch eine Person mit dunkler Hautfarbe wehrten. Zu dieser Zeit verlagerte er seinen Schwerpunkt auf das Komponieren von Opern. 1781 trat er einem neuen Orchester bei, Le Concert de la Loge Olympique. Bis 1785 hatte er das Komponieren von Instrumentalwerken vollständig aufgegeben.
Nach dem Ausbruch der Französischen Revolution 1789 ging Saint-Georges nach England. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich trat er der Nationalgarde in Lille bei und diente anschließend als Oberst in der Légion St.-Georges, die sich aus „farbigen Bürgern” zusammensetzte. Seine sozialen und beruflichen Verbindungen zu prominenten Persönlichkeiten wie Marie Antoinette und dem Herzog von Orléans machten ihn zu einem Ziel der Schreckensherrschaft, was schließlich zu einer mindestens elfmonatigen Haftstrafe führte.
Saint-Georges, ein Zeitgenosse Mozarts, wurde manchmal als „schwarzer Mozart” bezeichnet. Einige kritisierten diese Bezeichnung als rassistisch, andere nutzten sie, um Saint-Georges zu verteidigen. (Wikipedia/DeepL)

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Saint-Géorge im Fechtduell mit Madame d´Éon Robineau/Wikipedia

Der Dirigent Théotime Langlois de Swarte schreibt im Beiheft zur neuen Aufnahme: Der Chevalier de Saint-George, Musiker, Schwertkämpfer, Geiger und Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts, verkörpert für mich seit jeher ein Bild von Elan. Als Vertreter unserer Kunstgesellschaft zwingen uns seine militärische Karriere und seine Virtuosität dazu, über ein Leben nachzudenken, das zwischen Bogenhaaren und Schwertkante schwebt. Er ist zugleich rätselhaft und liebenswert und heute ein Träger symbolischer Bedeutung; er ist einer der wenigen Komponisten mit dunkler Hautfarbe , die im 18. Jahrhundert bekannt waren. Er überwand die gesellschaftlichen Barrieren seiner Zeit und wurde zu einer wirklich bedeutenden Hofpersönlichkeit im Pariser Musikleben.

In seiner Musik – der eines Komponisten und Interpreten zugleich – entdeckt man wahre Juwelen: Sonaten für Klavier und Violine, Streichquartette, Konzerte, Opéras-comiques, Konzertarien, Sinfonien. Manche Werke zeichnen sich durch eine berührende Lyrik und einen ausgeprägten Sinn für Theatralik aus und verbinden kraftvollen Gesang mit kontrastreichen orchestralen Einleitungen.

Saint-George verstand es, Stimmungen zu schaffen – von den intimsten bis zu den prunkvollsten, von der luftigen Süße einer italienischen Konzertarie bis hin zu einer Tanzsuite, die wie ein Spektakel im Taschentheater auftritt. Die Affekte sind vorhanden, fein differenziert, und auch für die Violine wird stets die vokale Qualität angestrebt. Die schnellen Sätze sind im Konzept geradlinig und erinnern daran wie es bei den meisten Musikern jener Zeit der Fall war – erfüllten eine Repräsentationsfunktion: das Konzert zu schreiben, das er selbst beim nächsten Konzert spielen würde. Es war unerlässlich, den größtmöglichen Eindruck auf das Publikum zu machen, wobei Technik und Virtuosität zu seinen wertvollsten Stärken zählten. Saint-George beherrschte die Kunst des gut platzierten Anschlags. In seinem Schaffen, das die frühe Mannheimer Schule variiert, bietet er uns klassische Einfachheit und Prägnanz der Sprache – eine Art thematische Effizienz. Tanzmotive und wiederkehrende Rondos erinnern an die volkstümlichen Bilder der Landschaften, die den Hintergrund von Fragonards Gemälden bilden.

Mit dieser Aufnahme haben wir versucht, eine weitere, weniger bekannte Facette von Saint-George hervorzuheben – durch eine Sammlung selten eingespielter Stücke, die aus verschiedenen Aufführungskontexten seiner Zeit stammen. Dieses Kaleidoskop von Formen ist als intimes Porträt gedacht, als eine weitere Sichtweise auf diese bedeutende Gestalt des 18. Jahrhunderts – einen Komponisten, der uns sowohl durch seinen Elan als auch durch die Vielfalt und Sensibilität seines musikalischen Schaffens bewegt. (DeepL)

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Zur CD: Sinfonia, Ballettmusik & Szenen aus „L’Amant anonyme“ (1780); Violinkonzert C-Dur op. 3 Nr. 2; Streichquartett op. 1 Nr. 4; Szene „Ernestine, que vas-tu faire?“ aus Ernestine (1777); Tempo di Minuetto B-Dur; Allegro & Rondeau gracioso aus Sonate g-moll; Airs „Sospiri, volato“, „Nina non dir di no“, „Rose d’amour“; Adagio cantabile aus Violinkonzert Nr. 7; Adagio aus Violinkonzert Nr. 5; Lauranne Oliva (Sopran), Bastien Rimondi (Tenor), Victor Sicard (Bariton), Orchestre de l’Opera Royal, Theotime Langlois de Swarte (Violine & Dirigat). Chateau der Versailles CVS 130/08. 08. 26

Finalmente!

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Michele Caravas Oper Masaniello (aufgeführt beim Festival Rossini in Wildbad) erscheint am 9. Oktober 2026 beim Label Naxos auf einer Doppel-CD. Katalognummer: 8.660614-15 (2 CDs). Mitwirkende: Mert Süngü, Catherine Trottmann, Kraków Philharmonic Orchestra u.a. unter der Leitung von Nicola Pascoli. Dazu auch unsere Beitrag in der Reihe Die vergessene Oper.