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Man kann die Nase rümpfen. Freilich ist Intermezzo nichts weiter als eine aufgeblasene Belanglosigkeit, eine Komödie ohne Pointen und Witz, mit kindischen Aufgeregtheiten, Dienstmädchen-Missverständnissen und gemütlichen Skatrunden. Joachim Kaiser hat das einmal „eine Ehekrachoperette ohne Melodien, aber mit Happy -End“ genannt. Man kann aber auch das Stück einfach ohne die autobiografischen Verweise, die peinliche Selbstbespiegelung und das voyeuristische Augenzwinkern betrachten, mit denen der Komponist Vorkommnisse im Hause Strauss auf die Bühne brachte. Aus einerseits verständlichen Gründen greifen die Bühne nur selten und wie mit spitzen Fingern zu der altbackenen „bürgerlichen Komödie“, die Tobias Kratzer hundert Jahre nach der Dresdner Uraufführung von 1924 als Mittelteil seiner Strauss’schen Ehe-Trilogie mit Arabella und Die Frau ohne Schatten an der Deutschen Oper Berlin inszenierte. Andererseits bringen sich die Bühnen um den kunstvollen Konversationston aus Prosa, lockeren Rezitativen und ariosem Parlando, den Strauss derart verfeinerte, dass er so selbstverständlich wie in natürlichen Gesprächen dahinfließen sollte. Ohne Übertitel funktioniert das nicht. Das zeigen bereits die Eingangssequenzen der CD-Aufnahme vom April/Mai 2024, denn der von Strauss nach der Absage von Hermann Bahr und Hofmannsthal selbst verfasste Text ist vielfach besser als sein Ruf (Naxos 2 CD 8.660584-85, auch als DVD). Die von Strauss geforderte Textdeutlichkeit ist allerdings nicht gegeben.
Das Strauss-Alter Ego Hofkapellmeister Robert Storch befindet sich des morgens um 7 Uhr kurz vor der Abreise. Die Gattin Christine, ein wenig gefälliges Abbild der Komponistengattin Pauline de Ahna, ergeht sich in endlosen Tiraden über das Dienstmädchen („Anna, Anna! Wo bleibt denn nur die dumme Gans?“), kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, bis der Gatte davoneilt, „du unausstehliche Kratzbürste du! Adieu!“. Verstehen kann man das nicht. Die Christine klingt meist wie eine ständig unter Hochdruck schrillende Sirene. Dieser Gefahr entgeht auch Maria Bengtsson nicht immer, deren Christine bei schlank aufblühendem Ton doch recht exaltiert und hysterisch, scharf und gleichförmig klingt und deren reine Sprechtexte ein wenig ungelenk sind („Hagebuttenmark“). Nur selten, etwa in der steifen Liebelei mit dem Baron Lummer, zeigt die schwedische Sopranistin einen charmanten, leichten Ton, oder findet in der Szene mit dem „lieben Bubi“, den Elliott Woodruff sehr überzeugend spielt, zu innig ausdrucksvollen Momenten. Wenig Reiz und draufgängerischen Schneid verströmt Thomas Blondelle, dessen leichtsinniger Baron Lummer ein schon recht reifer lascher Student ist. In 13 Szenen wird der Alltag in der Villa, auf der Rodelbahn, im Prater, beim Notar breitgetreten, ranken sich die Gedanken von Frau Christine um den jungen Baron Lummer, den Brief einer Mieze Maier an den Hofkapellmeister Storch und die angebliche Untreue ihres Mannes. Alles löst sich in Wohlgefallen auf: Der Baron, mit dem sie heftig flirtet, wird verabschiedet, die Scheidung abgesagt, denn es handelt sich um eine banale Namensverwechslung des Hofkapellmeisters Storch mit seinem Kollegen Stroh. Das Resümee der Christine nach 2 ½ Stunden Musik und all den Bagatellen darf man durchaus ironisch verstehen oder mit einem Fragezeichen versehen, „Gelt, mein lieber Robert, das nennt man doch wahrhaftig eine glückliche Ehe?“ Der zweite Teil des Untertitels darf nicht übersehen werden, „eine bürgerliche Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen“, denn diese acht, teilweise geradezu überbordenden und mächtigen Zwischenspiele führen ein Eigenleben und sind die Höhepunkte der Intermezzo-Musik, in denen der Dirigent wollüstig in illustrativen Orchesterzaubereien und ironischen Klangspielereien schwelgen kann, was Sir Donald Runnicles und das ausgezeichnet instruierte Orchester der Deutschen Oper bravourös mit allen Hinweisen und Verweisen ausspielen. Philipp Jakal ist ein angenehm dezenter Robert Storch, der sich von der Aufgeregtheit der Gattin nicht anstecken lässt, die Skatrunde mit dem Kommerzienrat (Joel Allison), dem Kammersänger (Tobias Kehrer, der auch als Koch wirkungsvoll ist) und dem Justizrat (Simon Pauly) ist schwankhaft gefällig, unter den kleineren Partien machen Nadine Secunde als Frau des Notars und Lilli Davtyan als Zofe Effekt. Rolf Fath
