Archiv des Monats: September 2026

Oropesa auf dem Weg zum Gipfel

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Eine neue Einspielung von Donizettis Lucia di Lammermoor muss dem Vergleich mit einer Reihe von Referenz-Aufnahmen standhalten. EuroArts hat sich dieser Herausforderung gestellt und eine Gesamtaufnahme herausgebracht, für die vor allem Lisette Oropesa in der Titelrolle der Anlass war (2011175, 2 CDs). Die amerikanische Sopranistin mit kubanischen Wurzeln führt derzeit die Riege der lyrischen Koloratursopranistinnen an, reüssiert weltweit in diesem Fach. An der Berliner Staatsoper hat sie soeben mit großem Erfolg die Violetta und Gounods Juliette gesungen. Auch die Lucia zählt zu ihren Glanzpartien. 2017 trat sie damit am  Royal Opera House Covent Garden London auf, ein Jahr später am Teatro Real in Madrid, 2022 an der Wiener Staatsoper und 2023 an der Mailänder Scala. Es war also an der Zeit, ihre Interpretation zu dokumentieren, wofür die Mikrofone im sizilianischen Catania, der Geburtsstadt Bellinis, installiert wurden. Und natürlich kam es auch zur Verpflichtung von Chor und Orchester des Teatro Massimo Bellini di Catania. Dirigent ist Fabrizio Maria Carminati, der als Spezialist für das Belcanto-Repertoire gilt. Nach seinem Wirken als Artistic Director bzw. Intendant am Teatro Regio Torino, am Teatro Donizetti Bergamo und in der Arena di Verona ist er seit 2020 Artistic Director am Teatro Massimo Bellini di Catania. Er sorgt für eine spannende, dramatisch aufgeheizte Interpretation, die im Finale des 2. Aktes zu Atem beraubender Intensität eskaliert. Auch das oft gestrichene Duett zwischen Edgardo und Enrico zu Beginn des 3. Aktes profitiert von seinem Impetus. Engagiert und klangvoll singt der Coro des Theaters in der Einstudierung von Luigi Petrozziello.

Die Aufnahme spiegelt die reiche Bühnenerfahrung von Lisette Oropesa wider. Schon in der Auftrittsszene nimmt sie gefangen mit ihrem individuell timbrierten Sopran, dem melancholischen Klang und der souveränen Technik. Die Cabaletta „Quando rapito in estasi“ zeigt ihre Kompetenz beim bravourösen Zierwerk der Partie, die später in der langen Wahnsinnsszene ihren Höhepunkt findet. Ungemein berührend ist die Melancholie im Auftritt („Il colce suono“), die sich dann bei „Spargi d´amaro pianto“ zu ekstatischem Koloraturtaumel steigert. Vorher gab es das anfangs heftige, dann schwelgerische Duett mit Edgardo („Ah! Verranno no a te“), die von wehmütiger Stimmung gezeichnete Auseinandersetzung mit ihrem Bruder Enrico und die fatale Konfrontation mit Edgardo bei der Hochzeitszeremonie mit Arturo, welche in das berühmte Sextett mündet, das auch hier einen dramatischen Höhepunkt der Oper markiert. In all diesen Szenen kann die Sopranistin ihre gestalterischen Fähigkeiten einbringen und die Stimme zwischen lyrischer Finesse und dramatischem Furor glänzen lassen.

Neben ihr singt der Rumäne Stefan Pop einen energischen Edgardo mit virilem Tenor, zupackend in der Emphase und mit metallischem Glanz in der exponierten Lage. Nur lyrische Eleganz ist seine Sache nicht. Der Italienische Bariton Mattia Olivieri gibt dem Enrico mit markiger, vehement auffahrender Stimme markantes Profil. Nicht ganz dieses Niveau besitzt der italienische Bass Riccardo Zanellato als Beichtvater Raimondo, dessen Stimme etwas verquollen und in der Tiefe matt klingt. Auch der zweite Tenor, Didier Pieri als Arturo, bleibt mit flacher Stimme zurück. Trotz dieser Einschränkungen reiht sich die Einspielung würdig in die Vielzahl der vorhandenen Dokumente ein und dürfte für viele Musikfreunde auch eine willkommene Überraschung auf dem Gabentisch sein. Bernd Hoppe

100 Jahre „Intermezzo“

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Man kann die Nase rümpfen. Freilich ist Intermezzo nichts weiter als eine aufgeblasene Belanglosigkeit, eine Komödie ohne Pointen und Witz, mit kindischen Aufgeregtheiten, Dienstmädchen-Missverständnissen und gemütlichen Skatrunden. Joachim Kaiser hat das einmal „eine Ehekrachoperette ohne Melodien, aber mit Happy -End“ genannt. Man kann aber auch das Stück einfach ohne die autobiografischen Verweise, die peinliche Selbstbespiegelung und das voyeuristische Augenzwinkern betrachten, mit denen der Komponist Vorkommnisse im Hause Strauss auf die Bühne brachte. Aus einerseits verständlichen Gründen greifen die Bühne nur selten und wie mit spitzen Fingern zu der altbackenen „bürgerlichen Komödie“, die Tobias Kratzer hundert Jahre nach der Dresdner Uraufführung von 1924 als Mittelteil seiner Strauss’schen Ehe-Trilogie mit Arabella und Die Frau ohne Schatten an der Deutschen Oper Berlin inszenierte. Andererseits bringen sich die Bühnen um den kunstvollen Konversationston aus Prosa, lockeren Rezitativen und ariosem Parlando, den Strauss derart verfeinerte, dass er so selbstverständlich wie in natürlichen Gesprächen dahinfließen sollte. Ohne Übertitel funktioniert das nicht. Das zeigen bereits die Eingangssequenzen der CD-Aufnahme vom April/Mai 2024, denn der von Strauss nach der Absage von Hermann Bahr und Hofmannsthal selbst verfasste Text ist vielfach besser als sein Ruf (Naxos 2 CD 8.660584-85, auch als DVD). Die von Strauss geforderte Textdeutlichkeit ist allerdings nicht gegeben.

Das Strauss-Alter Ego Hofkapellmeister Robert Storch befindet sich des morgens um 7 Uhr kurz vor der Abreise. Die Gattin Christine, ein wenig gefälliges Abbild der Komponistengattin Pauline de Ahna, ergeht sich in endlosen Tiraden über das Dienstmädchen („Anna, Anna! Wo bleibt denn nur die dumme Gans?“), kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, bis der Gatte davoneilt, „du unausstehliche Kratzbürste du! Adieu!“. Verstehen kann man das nicht. Die Christine klingt meist wie eine ständig unter Hochdruck schrillende Sirene. Dieser Gefahr entgeht auch Maria Bengtsson nicht immer, deren Christine bei schlank aufblühendem Ton doch recht exaltiert und hysterisch, scharf und gleichförmig klingt und deren reine Sprechtexte ein wenig ungelenk sind („Hagebuttenmark“). Nur selten, etwa in der steifen Liebelei mit dem Baron Lummer, zeigt die schwedische Sopranistin einen charmanten, leichten Ton, oder findet in der Szene mit dem „lieben Bubi“, den Elliott Woodruff sehr überzeugend spielt, zu innig ausdrucksvollen Momenten. Wenig Reiz und draufgängerischen Schneid verströmt Thomas Blondelle, dessen leichtsinniger Baron Lummer ein schon recht reifer lascher Student ist. In 13 Szenen wird der Alltag in der Villa, auf der Rodelbahn, im Prater, beim Notar breitgetreten, ranken sich die Gedanken von Frau Christine um den jungen Baron Lummer, den Brief einer Mieze Maier an den Hofkapellmeister Storch und die angebliche Untreue ihres Mannes. Alles löst sich in Wohlgefallen auf: Der Baron, mit dem sie heftig flirtet, wird verabschiedet, die Scheidung abgesagt, denn es handelt sich um eine banale Namensverwechslung des Hofkapellmeisters Storch mit seinem Kollegen Stroh. Das Resümee der Christine nach 2 ½ Stunden Musik und all den Bagatellen darf man durchaus ironisch verstehen oder mit einem Fragezeichen versehen, „Gelt, mein lieber Robert, das nennt man doch wahrhaftig eine glückliche Ehe?“ Der zweite Teil des Untertitels darf nicht übersehen werden, „eine bürgerliche Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen“, denn diese acht, teilweise geradezu überbordenden und mächtigen Zwischenspiele führen ein Eigenleben und sind die Höhepunkte der Intermezzo-Musik, in denen der Dirigent wollüstig in illustrativen Orchesterzaubereien und ironischen Klangspielereien schwelgen kann, was Sir Donald Runnicles und das ausgezeichnet instruierte Orchester der Deutschen Oper bravourös mit allen Hinweisen und Verweisen ausspielen. Philipp Jakal ist ein angenehm dezenter Robert Storch, der sich von der Aufgeregtheit der Gattin nicht anstecken lässt, die Skatrunde mit dem Kommerzienrat (Joel Allison), dem Kammersänger (Tobias Kehrer, der auch als Koch wirkungsvoll ist) und dem Justizrat (Simon Pauly) ist schwankhaft gefällig, unter den kleineren Partien machen Nadine Secunde als Frau des Notars und Lilli Davtyan als Zofe Effekt. Rolf Fath

50 Jahre Schubertiade

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Die Schubertiade im österreichischen Vorarlberg feiert 2026 ihr 50-jähriges Bestehen, ein stolzes Jubiläum. Mit ihrem dichten Programm und rund 35.000 Besuchern jährlich gilt sie als das weltweit größte und renommierteste Festival rund um Franz Schubert. Seit 1976 gibt es hochkarätige Kammerkonzerte und Liederabende, wenn sich bedeutende Instrumentalisten und Kammermusik-Ensembles sowie berühmte Sängerinnen und Sänger mehrmals in Hohenems sowie im Juni und Spätsommer in Schwarzenberg/Bregenzerwald einfinden. Der Idee des Festivalgründers Hermann Prey, „die Werke Franz Schuberts in einem kleinen Rahmen auf exemplarische Weise zur Aufführung zu bringen“, ist die Schubertiade konsequent treu geblieben. Von Anfang an leitet das Festival, das ohne jede staatliche Unterstützung auskommt, der umtriebige Kulturmanager Gerd Nachbauer, der immer wieder aufstrebende Künstlerinnen und Künstler entdeckt und sie neben bewährten Interpreten auftreten lässt. Wir waren jetzt wieder in Schwarzenberg und erlebten dort in der traumhaft schönen Umgebung im wunderbaren Angelika-Kaufmann-Saal mit der weltweit gerühmten Akustik Kammermusik vom Feinsten und vor allem Liederabende mit wie immer herausragendem Niveau.

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Schubertiade 2026: Konstantin Krimmel, Ammiel Bushkewitz (c) SCHUBERTIADE

Am Abend des 22. August erlebte man mit den inzwischen äußerst erfahrenen Liedinterpreten Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz eine Sternstunde des Liedgesangs. Mit großer Intensität und Leidenschaft widmeten sich beide Interpreten Robert Schumanns Dichterliebe als Höhepunkt des Programms. Das gilt auch für Schumanns seltener zu hörende Drei Romanzen und Balladen op.45 und die Fünf Lieder op.40 sowie eine passende kleine Schubert-Gruppe dazwischen im ersten Teil des Abends. Mit prägnantem, kräftigem Bariton stieg Krimmel in Schumanns Der Schatzgräber ein, um zur zweiten Strophe („Die Engel Gottes sangen…“) in zauberhaft lyrischen Gesang mit dichtem Legato umzuschalten und seine feine interpretatorische und gesangstechnische Differenzierungskunst unter Beweis zu stellen. In der munteren Frühlingsfahrt  kam die großbogige Atemtechnik des Sängers zur Geltung, während die ruhig dahinfließende Abendunterhaltung Abends am Strand mit leichten, teils ironischen Akzentsetzungen hervorragende piano-Kultur  beider Künstler vermittelte. Die Schubert-Lieder wurden von dem eindringlichen Der Wanderer eröffnet, dem das hoffnungsvolle Wiedersehn und die die Liebe idealisierende Entzückung an Laura folgten. In Des Fischers Liebesglück überzeugte abermals eine große Ruhe und Ausstrahlung des Sängers, hier mit feinstem messa-di-voce gekrönt. Die recht unbekannten Fünf Lieder Schumanns nach Gedichten von Hans Christian Andersen in der Übersetzung von Adelbert von Chamisso begannen mit dem munter vorbeihuschenden Märzveilchen, gefolgt von dem textlich makabren Muttertraum. Ein krasser Gegensatz dazu waren der marschbetonte Der Soldat, der den Tod seines Freundes mit ansehen muss, und der todtraurige Der Spielmann, der zur Hochzeit seiner Geliebten selbst aufspielen muss. Die entzückend präsentierte Verratene Liebe, ein neugriechisches Gedicht ebenfalls von Chamisso übersetzt, diente wohl nur zur Stimmungsberuhigung und Abrundung der kleinen Gruppe op.40.

Zur Dichterliebe zogen die Künstler dann nochmal alle Register des gelungenen Zusammenspiels und variabler Gestaltungsfähigkeiten. Da ging stimmlich mit Krimmels freier Höhe sofort die Liebe im wunderschönen Mai auf, wie auch die Hoffnung aus seinen Tränen spross. Rose, Lilie, Taube und Sonne huschten fast zu schnell vorbei, wogegen Wenn ich in deine Augen seh ausdrucksstark gelang. Hervorragend geriet der Stimmungsumschwung vom innigen Ich will meine Seele tauchen zum vom Pianisten bestens vorbereiteten kraftvollen Im Rhein, im heiligen Strome. Starke Akzente setzte Bushakevitz mit der Zerrissenheit des Herzens im Nachspiel von Und wüßten’s die Blumen… wie auch beim langen Schluss-Nachspiel des Zyklus. Krimmel nahm man beim starken Ich grolle nicht wirklich jedes Wort ab, Am leuchtenden Sommermorgen leuchtete die Stimme trefflich und langen Atem bewies er wieder in Ich hab‘ im Traum geweinet.

Die Gestaltungsintensität beider Künstler war äußerst beeindruckend und bescherte einen herausragenden Abend, den das enthusiasmierte Publikum mit donnerndem, anhaltendem Applaus belohnte. Die Künstler reagierten mit zwei Zugaben, Schumanns Myrten und Rosen und Schuberts Nacht und Träume. (ME)

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Schubertiade 2026: Christiane Karg, David Fray (c) SCHUBERTIAD

Die Sopranistin Christiane Karg, die in letzter Zeit vorrangig im Konzertbereich tätig ist, regelmäßig bei der Schubertiade auf, diesmal in Begleitung des französischen Pianisten David Fray. Für das Konzert am Nachmittag des 23. August hatten die Beiden mit Schubert-Liedern ausschließlich nach Friedrich Schiller ein höchst anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das selbst ausgemachten Schubertiadern zum größten Teil unbekannt war. Der erste Teil enthielt mit Des Mädchens Klage und Der Jüngling am Bache zunächst Strophenlieder, bei denen sogleich auffiel, wie die Sängerin die natürlicherweise enthaltene gewisse Eintönigkeit zu vermeiden wusste. In Thekla (eine Geisterstimme) verfremdete sie ihre sonst so klare Stimme gekonnt zu einer im äußersten Pianissimo immer noch klingende Geisterstimme. Im bekannteren Der Pilgrim gefielen die locker servierten Verzierungen, wie sie überhaupt mit hoher Gestaltungskraft, guter Diktion, sicherer Intonation und ausgezeichnetem Legato für sich einnahm. Der Pianist erwies sich als stets mitgestaltender Begleiter, der es sich nicht nehmen ließ, in den passenden Liedern die Eigenständigkeit der Begleitung auszukosten. Am Schluss des ersten weitgehend sehr ernsten Teils stand die ca. 20-minütige Leichenfantasie, ein balladenartiges Werk, in dem sich der Vater am Grab seines Sohnes überaus schmerzlichen Gedanken hingibt. Hier war beeindruckend, wie eindringlich und variantenreich die beiden Künstler die inhaltliche Schwere des Lieds gestalteten. Der zweite Teil des Konzert enthielt nicht so viel Ernstes und Grüblerisches wie der erste. So erreichte die Erstfassung des Jüngling am Bache die Zuhörerschaft viel unmittelbarer als Schuberts spätere Überarbeitung. Auch die übrigen Lieder strahlten Heiterkeit und auch Schlichtes aus, was nicht immer zum dramatischen Gesichtsausdruck der Sängerin passen wollte, so beispielsweise in Hoffnung oder An den Frühling. In den beiden letzten Liedern bewiesen beide Künstler noch einmal ihre hohe Gestaltungskunst, so in Sehnsucht mit dem bravourösen Schluss und in Elysium, das wie eine Konzertarie wirkte, die ein virtuoses Finale beschloss. Man bedankte sich für den begeisterten Applaus mit einem weiteren Lied nach Schiller, dem bekannten Die Götter Griechenlands (GE).

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Schubertiade 2026: Konstantin Krimmel, Daniel Heide (c) SCHUBERTIADE

Eine weitere Sternstunde der diesjährigen Schubertiade bescherte uns Konstantin Krimmel am Nachmittag des 24. August, als er kurzfristig für den erkrankten André Schuen einsprang, dabei dessen Begleiter Daniel Heide und das Programm – Johannes Brahms: Die schöne Magelone  – übernahm. Die wohl eigentlich nicht eingeplanten Begleittexte sprach Krimmel ebenfalls, der somit geschlagene 90 Minuten den Marathon des Brahms-Zyklus‘ in stetem Wechsel sprach und sang, eine Bravourleistung! Mit Daniel Heide hatte er auch einen der bekanntesten und erfahrenen Begleiter, der dem Sänger eine sichere Stütze war, aber auch kräftige eigene Akzente zu setzen wusste. Auf diesem Klangteppich begann Krimmel mit voller Mittellage die Reise um den jungen Grafen Peter auf Freiersfüßen mit Keinen hat es noch gereut. Die fünfzehn unterschiedlichen Seelenbilder zu dem uralten Volksmärchen gaben ihm Gelegenheit, seinen flexiblen, durch alle Lagen exzellent durchgebildeten Bariton ausdrucksstark zu präsentieren. Lyrische Momente gelangen ihm ebenso anrührend wie aufrüttelnde Attacke zum Beispiel in Sind es Schmerzen, sind es Freuden oder seine aufbrechende Freude über Magelones positive Antwort mit So willst du des Armen dich gnädig erbarmen?. Krimmels ausgefeilte Atemtechnik und Heides einfühlsames Eingehen auf die wechselnden Stimmungen und variierenden Tempi erreichten mit Wir müssen uns trennen, geliebtes Saitenspiel einen der vielen Höhepunkte des Konzerts. Nach dem wiegenliedartigen Ruhe, Süßliebchen, im Schatten  folgte als starker Kontrast das dramatische So tönet denn, schäumende Wellen mit starkem Abschluss des Pianisten. Magelones Lied Wie schnell verschwindet so Licht als Glanz sang Krimmel passend sehr lyrisch mit weichem Legato, während die Verführungskünste Sulimas, der Tochter des Sultans, mit Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß? treibende Unruhe vor allem in der Klavierbegleitung ausstrahlten. Nachdem Peter schließlich Magelone wiedergefunden hat, gipfelte der glückliche Ausgang der Geschichte in dem fast opernhaften Finale Treue Liebe dauert lange, das die Künstler intensiv auskosteten. Die begeisterten Zuhörer spendeten lang anhaltenden Beifall, für den sich die beiden Künstler mit Schumanns Mondnacht bedankten und das Publikum in selbige entließen (ME).

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Schubertiade 2026: Sophie Rennert, Joseph Middleton (c) SCHUBERTIADE

Inzwischen ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass sich auch Sängerinnen des berühmten Liederkreises Winterreise von Franz Schubert annehmen; man denkt da an Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender oder auch an Nathalie Stutzmann und Angelika Kirchschlager. Dennoch war man am Abend des 25.08. gespannt, auf welche Weise Sophie Rennert und Joseph Middleton den „Zyklus schauerlicher Lieder“ (Schubert) interpretieren würden. Die gerade im Liedgesang inzwischen profilierte Mezzosopranistin, die vor einiger Zeit am Münchener Gärtnerplatztheater als Carmen Erfolge feierte, verfügt über eine farbenreiche, helltimbrierte Stimme, die sie mit bester Diktion und sicherer Gesangstechnik einzusetzen wusste. Ganz besonders gefiel die ausgeprägte Mimik im Dienste einer enormen Gestaltungsintensität, mit der sie die unterschiedlichen Stimmungen zur Wirkung brachte. So gab es da, wo es nötig ist, schmerzdurchbebte dramatische Attacken, wie z.B. in der stürmischen Wetterfahne , in Auf dem Flusse („Ob’s unter deiner Rinde wohl auch so reißend schwillt?“) oder in Mut („Sind wir selber Götter!“). Dabei vernachlässigte die Sängerin nicht, die lyrischen Phasen trotz einer deutlichen Neigung zu zügigen Tempi ruhig auszumalen, denen beispielsweise im Frühlingstraum dann aber ausgesprochen kontrastreich heftiges Aufbegehren gegenübergestellt wurde. Eine derartige Intensität gelingt nur dann, wenn der Pianist an der Gestaltung mitwirkt, und das tat der ausgezeichnete Liedbegleiter Middleton aufs Feinste. In den Nachspielen hielt er eindringlich die jeweilige Stimmung des Liedes wunderbar aufrecht und war mit gefühlvollen Übergängen ein die Sängerin bestens unterstützender Mitgestalter. Tief beeindruckend gelang das trostlose Schlusslied Der Leiermann, sodass sich das Publikum recht lange zurückhielt, um den Künstlern dann aber mit begeistertem, lang anhaltendem Beifall zu danken (GE).

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Schubertiade 2026: Nikola Hillebrand, Patricia Nolz, Mauro Peter, David Steffens  und Malcolm Martineau (c) SCHUBERTIADE

Ein passender Abschluss der Schubertiade war am 26. August der Liederabend, der ausschließlich Duette und Quartette von Franz Schubert im Programm hatte. Dazu hatten sich die Sänger Nikola Hillebrand (Sopran), Patricia Nolz (Mezzosopran), Mauro Peter (Tenor) und David Steffens (Bass) mit dem Pianisten Malcolm Martineau zusammengetan und präsentierten Lieder mit heiterer bis schwermütiger Stimmung sowie fast opernhafte Szenen mit viel Engagement und sichtbarer Freude am gemeinsamen Musizieren. Malcolm Martineau unterstützte sie dabei mit seiner dezenten, stets unterstützenden Begleitung am Flügel, die besonders wichtig ist, wenn aus vier Einzel-Sängern ein Quartett geformt wird. Bei Sopran-Tenor-Duetten berührten u.a. die opernhafte Szene Hektors Abschied  sowie Licht und Liebe stark: In ersterer kam Peters markanter lyrischer Tenor auch mit Attacke bestens zur Geltung, in letzterer verbanden sich beide Stimmen in der letzten Strophe nahezu ideal. Von den Duetten der tieferen Stimmen begeisterte vor allem die Intensität des schaurigen Zwiegesprächs in Eine schottische Ballade; mit Hermann und Thusnelda kamen die klare Stimme von Patricia Nolz und der charakteristische Bass von David Steffens gut zum Tragen. Schien das Gesangsquartett zu Beginn noch etwas unausgewogen, so entwickelte es sich im Laufe des Abends zu einer wunderbaren Einheit. Als Quartett mit der alles überstrahlenden Sopranistin Nikola Hillebrand erfreuten die Künstler u.a. gestalterisch besonders eindrucksvoll mit Gott im Ungewitter und mit An die Sonne, wo außer der Sonnenverehrung auch auf die Vergänglichkeit des Lebens hingewiesen wird. Die Freude am gemeinsamen Musizieren an diesem Abend wurde mit Die Geselligkeit (Alleinsein ist öde…) und Der Tanz besonders fröhlich heraus geschmettert, bevor sich alle Stimmen im Gebet zusammenfanden. Begeistert bedankte sich das Publikum bei allen Beteiligten und wurde mit Schuberts Zur guten Nacht D 903 auf den Heimweg geschickt (ME). Marion und Gerhard Eckels / Foto oben: Schubertiade in Schwarzenberg Dominic Kummer – Bregenzerwald Tourismus

Starkes Orchester, blasse Figuren

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Viel Aufhebens wird um die Menüfolge gemacht. Zuerst „Potage crème aux perles“, „Langoustines grillées sauce aux huïtres“, „Palombes roties natures“ und schließlich „Gâteau d’amandes au miel“. Seit zwanzig Jahren wartet Vanessa wartet auf die Rückkehr ihres einstigen Liebhabers Anatol. Jede Nuance der Neubegegnung will deshalb durchdacht sein. Die Spiegel hat sie verhängt, Bilder abgenommen. Anders als die Marschallin, die im Zeitmonolog leichthin sagen kann, „Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr!“, will Vanessa die Zeit anzuhalten. Als der Geliebte schließlich kommt, verharrt sie im Halbdunkel, möchte nicht, dass er sie anblickt und schreit erschrocken auf, als sie merkt, dass der Besucher ein anderer ist.

Es ist eine reichlich verschrobene Geschichte, die sich Samuel Barber und sein Lebenspartner Gian Carlo Menotti, der für Barber das Libretto verfasste, einfallen ließen. Die Vorlage fanden sie in den Seven gothic tales der Karen Blixen. Vanessa spielt in einem ungenannt bleibenden nördlichen Land um 1905. Nicht nur wegen dieser Orts- und Zeitangabe muss man an Strindberg und Ibsen denken, an das Puppenheim und Gespenster und an vergiftete Familienstrukturen. Vanessa Mutter, die alte Baronin, spricht nicht mehr, ihre Nichte Erika wird wie eine Bedienstete behandelt. Der Ankömmling ist der Sohn des Liebhabers, der wie sein verstorbener Vater Anatol heißt. Erika vertraut der Großmutter an, dass sie der junge Anatol bereits in der Nacht seiner Ankunft verführte und heiraten möchte. Vanessa gibt sich derweil ihrer Liebe zum jungen, reichlich gewissenlosen Anatol hin und lässt ihre Verlobung verkünden. Erika ist klug genug, den leichtfertigen Anatol zu durchschauen, dennoch stürzt sie sich bei winterlicher Kälte in den See. Erika wird gerettet, gesteht der allwissenden Baronin ihre Schwangerschaft, die sie durch den Sturz beendete. Als Anatol und Vanessa nach der Hochzeit in ihr neues Heim nach Paris aufbrechen, lässt Erika die Spiegel verhängen.

Der Hinweis auf die Marschallin dürfte Barber gefallen haben, dessen Musik schon zur Zeit ihrer Uraufführung 1958 an der Metropolitan Opera (Gianandrea Noseda dirigiert die dreiaktige Fassung von 1964) von einer spätromantischen Melancholie durchflort ist, freilich sehr retrospektiv, doch gekonnt und formvollendet gemacht, ein bisschen klischee- filmmusikhaft, das Orchester wird perfekt eingesetzt, die Vor- und Zwischenspiele sind ausgezeichnet, die ariosen Rezitative flüssig, die Lieder des Doktors eingängig, Erikas „Must the winter comeso soon“, die Ariosi Vanessas und ihr Duett mit Anatol sind große Opernmomente und das Schlussquintett, „to leave, to break, to find, to keep“ ist von einer Schönheit, als wolle Barber den Rosenkavalier zurückzaubern.

The cast and creative team of „Vanessa“ at the European premiere in Salzburg. Back row, L-R: Giorgio Tozzi (The Old Doctor), Ira Malaniuk (The Old Baroness), Samuel Barber (composer), Rudolf Bing (General Manager of the Met), Nathaniel Merrill (Assistant Stage Director) and Nicolai Gedda (Anatol). Front row, L-R: Rosalind Elias (Erika), Eleanor Steber (Vanessa) and Gian-Carlo Menotti (librettist)/Photo: Courtesy of the Metropolitan Opera Archives

Gianandrea Noseda und das National Symphony Orchestra, dessen Leitung er 2017 übernommen hat, haben das Werk am 30. Januar und 1. Februar 2025 in Washington aufgenommen. Kein Wunder, dass das Orchester dieses Zeugnis exzellenter Orchesterarbeit und ausgepichter Spielkultur auf seinem eigenen Label herausbrachte (2 CD NSO0023). Schlichtweg brillant ist die Einleitung zum zweiten Akt mit der Ballszene am Neujahrstages, ein witziges Gesangsstück die folgenden Szenen des Footman (Bassbariton Samuel Weiser) und des Major Domo (Bariton Jonathan Bryan), berührend das Intermezzo des dritten Akts mit den Soli der Holzbläser und Oboe. Allein wegen des ausgezeichneten Orchesterspiels sei diese Einspielung empfohlen. Doch das Konversationsstück, der Text und die filigranen Beziehungen, scheinen mir etwas auf der Strecke zu bleiben.

Samuel Barber: „Vanessa“/Gianandrea Noseda am Pult des National Symphony Orchestra Washington. D.C./Foto Hilary-Hahn -Christian-Palm

Bezeichnenderweise stechen die wirkungsvollen Chargen mit dem Barber-Experten Thomas Hampson als erstaunlich jungjovialer Old Doctor mit dem Lied „Under the willow tree two doves cry und die stimmpräsente Susan Graham als alte Baronin, die zwanzig Jahre zuvor auf einer Einspielung unter Slatkin die Erika gesungen hatte, aus dem Ensemble hervor. Mit süßem Stutzerton singt Matthew Polenzani den unsympathischen Verführer Anatol. Nicole Heaston und J’Nai Bridges, zwei wunderbare Sängerinnen, als die beiden von Anatol und seinem Vater sexuell ausgebeuteten und betrogenen Vanessa und Erika, klingen gelegentlich zu ähnlich, zudem wirkt Erika stimmlich reifer als Tante Vanessa, und ihre Figuren gewinnen wenig Individualität, vor allem Heston bleibt in ihrer langen Szene „He has come, he has come“ bei auslandender Mittellage und geschmeidiger Höhe ein wenig zu opernhaft allgemein.  Rolf Fath