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Immer wieder überrascht der italienische Countertenor Filippo Mineccia mit seinen Alben, die nicht das gängige Repertoire bedienen, sondern stets Unbekanntes offerieren. So stellte er bei Glossa eine Platte mit Arien von Attilio Ariosti vor oder nahm für Pan Classics Alto-Arien von Leonardo Vinci auf. Auch seine Glossa-CD mit dem Titel Orlando, amore, gelosi, follia mit Arien von Steffani, Vivaldi, Porpora, Händel und Wagenseil war eine sehr besondere Ausgabe.
Auf seiner neuesten Platte finden sich nicht weniger als 16 kaum populäre Komponisten, und auch der Titel, Arias for Giovanni Rubinelli, verspricht Entdeckungen (GCD 923544). Der Sänger folgt damit seinen CDs (wieder bei Glossa) Siface – L´amor castrato und Il castrato del granduca, welche Arien bot, die für den Kastraten des toskanischen Großherzogs, Gaetano Berenstadt, komponiert wurden. Giovanni Rubinelli wird auf dem Cover der aktuellen CD „The Great Castrato of the Late 18th Century“ genannt. Er war mit seiner begnadeten Alto-Stimme neben Luigi Marchesi und Gaspare Pacchiarotti einer der letzten großen Vertreter der Gattung. Mineccia zeichnet in seinem Album die Karriere des Sängers nach.
Das Programm beginnt mit einer Arie des Agricane aus Calliroe von Antonio Sacchini, „Suon funesto notte e giorno“ – Rubinellis Debüt als Sechzehnjähriger in Ludwigsburg. Mineccia macht in diesem stürmischen, von Hörnerklang eingeleiteten Stück gute Figur – die Stimme hat perfekten Sitz, die Höhe spricht mühelos an und der Ausdruck ist gebührend erregt. Einen schönen Kontrast bildet die folgende Arie des Cecilio, „A partir tu mi condanni“ aus Pasquale Anfossis Lucio Silla, weil sie in ihrem getragenen, kantablen Duktus die Stimme in ihrer Sinnlichkeit und Schönheit zu optimaler Wirkung bringt. Rubinelli wirkte auch bei der Einweihung der Mailänder Scala 1778 in Antonio Salieris L´ Europa riconosciuta mit, woran das Duett der Titelheldin mit Isseo „Perder l´ ogetto amato“ erinnert, wo sich zu Mineccia die rumänische Sopranistin Alexandra Tarniceru gesellt. Mi reizvollem, obertonreichem Timbre lässt sie aufhorchen. Sie ist auch seine Partnerin als Berenice im Duett „Non temer“ aus Giovanni Paisiellos Antigono, wo Rubinelli 1785 im Teatro San Carlo Neapel den Demetrio sang. Er hatte auch sehr erfolgreiche Auftritte in London, sang u.a. den Titelhelden in Giulio Cesare 1787, weshalb Mineccia zwei Händel-Szenen ins Programm aufgenommen hat, womit sich der populärste Komponist der Anthologie findet: die Arie „Se possono tanto“ aus Poro, re delle Indie – ein Bravourstück, das ursprünglich für Senesino komponiert wurde, und das Duett „T´amo, si“ aus Ricciardo Primo, re d´Inghilterra. Bemerkenswert ist die Arie des Annio, „Se fidel mi serbi amore“ aus Francesco Bianchis Cajo Mario, weil sie Zeugnis ablegt von Rubinellis stimmlicher Agilität, welche der Komponist Jomelli so gelobt hatte, der britische Adlige Mount Edgumbe aber Jahrzehnte später in Abrede stellte. Die Sprünge in der Tessitura und die anspruchsvollen Koloraturpassagen sprechen für sich und sind auch für Mineccia eine Herausforderung, die er aber glänzend meistert.

Barockstars: die Sopranistin Elisabeth Mara und der Kastrat Giovanni Maria Rubinelli/Quell´Usignolo
Das Programm der CD bietet neben Arien, die eigens für Rubinelli komponiert wurden, auch solche, die ursprünglich einem anderen Kastraten zugedacht waren, dann aber von Rubinelli in sein Repertoire übernommen wurden. Dazu zählen die für Gaetano Guadagni komponierten Arien des Sesto, „Ah non resiste il core“, aus Niccolò Piccinnis Tigrane, welche Mineccia in der Version von Johann Adolf Hasse für dessen La clemenza di Tito eingespielt hat, und die des Oreste, „Ah! per pietà“, aus Tommaso Traettas Ifigenia in Tauride. Erstere ist von aufgewühltem Duktus, was Mineccia in seinen Ausdrucksmöglichkeiten sehr entgegen kommt. Die zweite ist dagegen sanft, aber auch eindringlich und flehentlich. Das Programm endet mit einer Besonderheit, einem Beispiel sakraler Musik, der Arie „Quoniam tu solus Sanctus“ aus der gleichnamigen Kantate von Carlo Lenzi. Dies ist ein feierlicher Ausklang des abwechslungsreichen Programms mit seinen reichen Funden.
Mineccia ist ein beeindruckendes Porträt eines legendären Sängers gelungen, der die Brücke bildete zwischen der Bravour der Kastraten und Glucks Reformbestrebungen. Er wird bestens unterstützt vom Ensemble istante collective, das unter seiner Konzertmeisterin Beatrice Scaldini lebhaft musiziert und mit vielen orchestralen Details erfreut. Bernd Hoppe
