Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Frühes von Mayr, Spätes von Rossini

Nach einer nicht all zu umfangreichen und unaufgeregten Sinfonia führt Simon Mayrs JakobOratorium mitten in die Episoden um Abrahams Nachkommen, wie sie im Buch Genesis ab Kapitel 25 aufgeführt sind: Jakob hatte seinen Bruder Esau um das Erstgeburtsrecht betrogen und war zu seinem Onkel Laban geflohen. Dort diente er sieben Jahre um Labans Tochter Rahel, wurde aber von Laban getäuscht und erhielt die ältere Lea, worauf er nochmals sieben Jahre um Rahel diente. Er beschließt, in die Heimat zurückzukehren, überlistet bei der Teilung der Vierherde den Onkel, worauf er des Betrugs beschuldigt wird und mit beiden Frauen flieht. Laban eilt den Flüchtenden nach und stellt sie nach sieben Tagen. Viel Konfliktpotenzial. In seinem ersten Oratorium Jacob a Labano fugiens goss Mayr, der ab 1789 in Bergamo und Venedig studiert hatte, das Geschehen in wohlgefällige Formen, die nur selten etwas vom biblischen Furor ahnen lassen: jeder der vier Protagonisten, Jacob, Laban und die beiden Töchter Leah und Rahel, erhalten zwei Arien, der in der Bibel unerwähnte Hirte nur eine; inklusive Ouvertüre und vier Terzetten, wobei der Begriff für den abschließenden Rundgesang etwas hoch gegriffen ist, dauert das zweiteilige Werk 80 Minuten. Doch lassen wir uns nicht von der schmeichelnden Sanftmut Mayrs täuschen: Gleich Labans erste Arie „Nil a vindicata extrema“ zeigt ein heftiges Seelengemälde wie eine barocke Rachearie, wodurch sich die Norwegerin Siri Karoline Thornhill mit ihrem festen, höhensicheren Sopran vorteilhaft von dem mit vier Sopranen und einem Mezzosopran für Jacob etwas gleichförmig besetzten Ensemble abheben kann. Julie Comparini finde ich für den Jacob etwas uninteressant – sowohl im dreisätzigen „Vade, a me fuge infida“ wie in der Abschiedsklage „Date mihi extremum vale“. Andrea Lauren Brown und Gunhild Lang-Alsvik erhalten ebenfalls Gelegenheit sich als Labans Töchter zu entfalten, vor allem Lang-Alsvik im Bläser begleiteten Rondo der Rahel. Die Begegnung mit Jakob auf der Flucht vor Laban verdanken wir Franz Hauk, der sich mit seinem Simon Mayr Chor und Ensemble vielfach für den oberbayerischen Komponisten einsetzte und sich im September 2011 auch dessen italienischen Erstversuch, der wie damals üblich, auf dem Gebiet der geistlichen Musik stattfand, nicht entgehen lassen wollte (Naxos 8.573237). Mayr erinnert sich an Mozart, klingt wie der ganz frühe Rossini, die Arien ergeben sich aus Klang gewordenen rezitativischen Gesten, beziehen gelegentlich den Chor mit ein, der Einsatz der Soloinstrumente, gesteigert durch gute Kombinationen, ist durchdacht, und obwohl stark kontrastierende Arien auf einander folgen, bleibt der Fluss der Handlung gleichförmig, findet alles im Rahmen des Bekannten und Gewohnten statt.  Rolf Fath

rossini messe naiveEine wahrhaft deliziöse Aufnahme ist die von Rossinis Petite Messe Solenelle in der Fassung für Orchester mit dem Orchestre de Chambre de Paris, aufgenommen im Juni 2014 in der Basilika Saint-Denis. Dirigent Ottavio Dantone hält das kleine, aber feine Orchester zu kontrastreichem Spiel an, einem demütig klingenden „Kyrie“ und gleich danach einem dramatisch zupackenden „Gloria“, einem „Gratias“ voller Elan und einem Orgel-Vorspiel (Christophe Henry) mit beinahe opernhaften Zügen in seinem Sichsteigern. Generell werden zügige Tempi bevorzugt, gibt es aber auch ein schönes Verklingen vom „Qui tollis“. Leichtzüngig äußert sich der Chor Accentus im Cum sancto spiritu, ein ausgesprochen fröhlich klingendes Glaubensbekenntnis mit kraftvoll bestätigendem Amen gelingt ihm ebenfalls. Vorzüglich sind die Solisten. Der schlanke, reine Sopran von Julia Lezhneva ist leicht dunkel getönt, sehr eindringlich im „Miserere nobis“, eine schöne, bewegte Klage gelingt ihr im „Cruzifixus“, ausdrucksvoll weiß sie im Salutaris zwischen Angst- und Jubelton zu wechseln. Delphine Galou singt die Altpartie mit schönem, einheitlichem Stimmfluss, harmoniert perfekt mit der Sopranstimme und hat für das abschließende Agnus Dei das eindringliche Bitten in der Stimme. Michael Spyres scheint in dieser Aufnahme eine viel hellere Stimme zu haben als auf seiner CD mit französischen Arien. Der Tenor klingt herb, schneidig, schlank und ist höhensicher, wie man es von ihm kennt. Viel dunkler und voluminöser, als aus seinem Engagement an der Berliner Staatsoper erinnerlich, ist der Bass von Alexander Vinogradov, dabei ist er geschmeidig geblieben wie eh und je, sein Beitrag zu dieser Aufnahme ein beachtlicher (Naive V5409). Ingrid Wanja  

 

Jugend übt sich

 

Im 18. Jahrhundert war die Olympiade noch nicht wieder zum Sportereignis geworden, sondern erlebte auf der Opernbühne ihre Rückkehr. Pietro Metastasios berühmtes Opernlibretto soll ca. 60 mal vertont worden sein, zuerst 1733 von Caldera, in der Folge u.a. von Vivaldi (1734), Pergolesi (1735), Hasse (1756), Jommelli (1761), Cimarosa (1784), sogar Donizetti erwog 1817 noch eine Vertonung und hinterließ ein Fragment. Ungefähr in der vertonungshistorischen Mitte befindet man sich sich bei Josef Myslivečeks Version der L’Olimpiade, die 1778 in Neapel zuerst auf die Bühne kam. Der Tscheche Mysliveček (1737-1781) war beim neapolitanischen Publikum sehr beliebt, neun Opern komponierte er für das Teatro San Carlo, L’Olimpiade war die achte; 17 Opern schrieb er u.a. für andere namhafte Opernstädte – alle zur Gattung der Opera seria gehörend und überwiegend auf Libretti Metastasios. Mysliveček gehörte zu den Top-Verdienern seiner Zeit. 1770 befreundete er sich mit dem vierzehnjährigen Wolfgang Amadeus Mozart, der ihn 1777 in München im Krankenhaus besuchte und über die schwere Syphilis-Erkrankung an seinen Vater berichtete. 1781 starb er verarmt in Rom

Der in Prag geborene Josef Mysliveček gehört zu den diskographisch bisher weniger wiederentdeckten Komponisten. Er schrieb nicht nur Opern, sondern hinterließ auch Messen, Oratorien, Kantaten und Orchester- und Kammermusik. Die vorliegende Operneinspielung ist ein weiterer interessanter Beitrag zur musikgeschichtlichen Aufarbeitung der Opera seria, wobei Myslivečeks Fassung zeitgemäß und musikalisch inspiriert eine vielfältige Ausdruckspallette zeigt, die

viagra24onlinepharmacy.comherbal viagra gncpharmacypharmacy aber der typischen Formenwelt verhaftet bleibt: 16 Arien, bei denen es kaum noch umfängliche da capo-Reprisen gibt, ein Duett, dreimal übernimmt der Chor in L‘Olimpiade. Nur wenige Arien aus Metastasios Libretto fehlen.Myslivečeks Oper erlebte namentlich in jüngster Zeit einige Wiederbelebungen, vor allem im heimatlichen Prag, wo in den letzten vierzig Jahre drei Radio- und TV-Aufnahmen zu finden sind (zuletzt 2013 mit Johannes Chum unter Vaclav Luks). Die Live-Aufnahme des Teatro Comunale in Bologna aus dem Jahr 2012 ist eine Produktion der Scuola dell’Opere Italiana, die 2014 beim Label Bongiovanni erschien. Man setzte dabei auf junge Nachwuchssänger, die zuvor kaum oder wenig in Erscheinung traten. Das hört man auch an manchen Stellen: eine gute Aufführung mit Stärken und Schwächen, da es sängerisch gelegentlich an Erfahrung, Perfektion und Ausdruck mangelt. Bei den Sängerinnen hinterlässt die bereits bühnenerfahrene Sporanistin Pervin Çakar (Megacle)

und der Sopran von Maria Teresa Leva (Argene) einen vielversprechenden Eindruck. Countertenor Carlo Vistoli (Licida) und Tenor Pasquale Scircoli (Aminta) fügen sich bei den Männern stimmlich flexibel und überzeugend in ihre Rollen ein. Chor und Orchester des Teatro Communale werden von Oliver von Dohnányi sicher und schwungvoll geleitet. Es ergibt sich ein frischer, zupackender und akustisch gut balancierter Höreindruck. Nur wenige Bühnen- und Zuschauergeräusche sind hörbar. Eine verdienstvolle Aufnahme, die aber kaum als richtungsweisende Referenz taugt. (2 CDs, Bongiovanni GB 2469/70-2). Marcus Budwitius

Frühe Meisterwerke

Francesco Cavalli – der bedeutendste venezianische Komponist in der Mitte des 17. Jahrhunderts und Schüler Monteverdis – schuf ca. 30 seiner 42 Opern für Venedig. Die seit 1637 bestehende venezianische Oper – das Teatro San Cassiano – war nicht höfisch, sondern kommerziell. Jedermann konnte gegen Eintrittsgeld das Spektakel besuchen. Es ging ums Geld – das Orchester wurde kleiner: Streicher, Laute, Theorbe und Cembalo. Es war keine prunkvolle Besetzung, umso erstaunlicher was Cavalli daraus an stimmungsvoller Begleitung schuf.

L’Ormindo (1644) und Giasone (1649) liegen nur wenige Jahre auseinander und folgten der in Venedig uraufgeführten L’Incoronazione die Poppea (1642) von Monteverdi. Typisch für die Zeit sind Verwechslungs- und Verschwörungsopern, bei denen die Helden von komischen Nebenfiguren kontrastiert werden (in Giasone darf ein Sänger stottern) und die mit einem lieto fine enden: in beiden Opern finden die glücklichen Paare zueinander. L’Ormindo ist nun (nach der bahnbrechenden, wenngleich stilistisch anfechtbaren Aufnahme aus Glyndebourne bei Decca mit Janet Baker) bei Pan Classics neu aufgelegt worden und immer noch erstaunlich. Die französische Studioproduktion aus dem Jahre 2006 engagierte zehn Sänger und neun Musiker. Jérôme Correas leitet vom Cembalo aus das kleine Ensemble Les Paladins, das sich in der Summe aus fünf Streichern, Harfe, Theorbe und zwei Cembalisten (inklusive Orgel) zusammensetzt. Das klingt und ist etwas karg, entwickelt aber beim Zuhören seine Reize durch eine dezente gehaltene, aber lebendige Aufführung der unterschiedlichen Stimmungen zwischen Pathos und Komik, Liebe und Verzweiflung. Das Hauptgewicht liegt dennoch auf den Sängern, die vor allem artikulatorisch gefordert sind. Für den kurzen Prolog hatte man Sandrine Piau verpflichtet, die eine sehr gute und homogene Besetzung anführt, aus der man die beiden Soprane Stéphanie Révidat als Erisbe und Magali Léger als Sicle sowie den Tenor Howard Crook als Amida hervorheben kann. Eine der beeindruckendsten Szene findet sich gegen Ende: Das Liebespaar Ormindo (gesungen vom Countertenor Martin Oro) und Erisbe nimmt Abschied und trinkt gemeinsam Gift, das sich allerdings dann als Schlaftrunk herausstellt. Monteverdis Kunst des Lamento stand hier als Vorbild. Das Booklet enthält eine deutsche Zusammenfassung und das Libretto in Italienisch und Englisch. Eine puristische Referenzaufnahme (mit Sandrine Piau (L’Armonia), Martin Oro (Ormindo), Stéphanie Révidat (Erisbe), Howard Crook (Amida, Magali Léger (Sicle), Jean-François Lombard (Erice), Jacques Bona (Hariadeno), Karine Deshayes (Mirinda), Dominique Visse (Nerillo), Benoît Arnould (Osmano), Les Paladins, Jérôme Correas (Dirigent); Pan Classics, 2 CDs,PC10330).

Pier Francesco Cavalli Il Novello GiasoneCavallis Giasone – der Jason der Argonautensage – ist die vielleicht erfolgreichste italienische Oper des 17. Jahrhunderts. Über 40 Jahre lang wurde sie nach der Uraufführung im Karneval 1649 gespielt und mehrfach für andere Bühnen bearbeitet. René Jacobs spielte sie 1988 für dhm ebenfalls beispielhaft ein. Beim italienische Label Bongiovanni ist 2014 eine prominente Bearbeitung erschienen. Die hier vorliegende Aufnahme von Il novello Giasone wurde 1671 ein großer Erfolg in Roms erstem kommerziellen Opernhaus, dem Teatro Tordinona. Papst Clemens X. tolerierte sogar Sängerinnen auf der Bühne, sein Nachfolger Innozenz XI. schloss dann das Theater 1676 für 15 Jahre. Il novello Giasone wurde deutlich verändert – Alessandro Stradella bearbeitete Cavallis Werk und komponierte neue Musik hinzu, ein Librettist ergänzte den Text, schrieb neue Arien, erweiterte den Prolog und fügte ein Zwischenspiel sowie eine Tanzszene ein. Diese Version wurde nach über 300 Jahren im Sommer 2011 erstmals wieder szenisch beim Valle d’Itria Festival im Teatro Verdi in Martina Franca aufgeführt und live mitgeschnitten. Die 18 Sänger werden von zehn Musikern begleitet, darunter nun auch Flöte und Kornett für mehr instrumentale Abwechslung. Der Live-Charakter verleiht dieser Aufnahme dabei einen zusätzlichen Schwung und Lebendigkeit, aber auch eine weniger klare Akustik. Die Hauptrollen sind dabei überwiegend sehr gut besetzt, im Gegensatz zum obigen L’Ormindo wird vieles stimmlich intensiver und artikulatorisch dramatischer gestaltet. Das Booklet schlüsselt sehr knapp die Unterschiede der Stradella-Bearbeitung auf und enthält eine Zusammenfassung und das komplette Libretto in Italienisch und Englisch. Eine interessante Rarität für Liebhaber (mit Borja Quiza (Giasone), Aurora Tirotta (Medea), Roberta Mameli (Isifele), Mirko Guadagnini (Egeo), Luigi De Donato (Besso), Paolo Lopez (Delfa), Luca Tittoto (Oreste), Gaia Petrone (Alinda), Masashi Mori (Ercole), Krystian Adam (Demo), Pavol Kuban (Volano), Maria Luisa Casali (Sole), Gabriella Costa (Musica), Giuseppina Bridelli (Poesia), Gaia Petrone (Pittura), Krystian Adam (Architettura), Pavol Kuban (Satiro), Giuseppina Bridelli (Amore)
OIDI Festival Baroque Ensemble, ; Antonio Greco (Dirigent); Bongiovanni (3 CDs), GB2464/66-2).

Marcus Budwitius

Thomas Walker

Vor drei Jahren begeisterte Thomas Walker in der Premiere von Calixto Bieitos Inszenierung der Rameau-Oper Platée an der Staatsoper Stuttgart. Nun kehrt er im März 2015 in der anspruchsvollen Haute-contre-Rolle nach Stuttgart zurück. Im Interview mit operalounge.de spricht der Tenor unter anderem über die Anforderungen der Travestipartie, die Herausforderungen der Stuttgarter Inszenierung und weitere spannende Barockpläne.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Diese Spielzeit singen Sie wieder die Titelpartie in Rameaus Platée an der Stuttgarter Oper, eine Rolle „en travestie“. Worin liegt die größte Herausforderung, diese recht ungewöhnliche Partie darzustellen? Neben den hohen musikalischen Anforderungen ist die größte Herausforderung, dass man überzeugend eine Frau darstellen muss. In Bieitos Inszenierung ist Platée ein Transvestit, also nicht unbedingt eine attraktive Frau. Trotzdem muss sie meist sehr weiblich aussehen und sich vor allem wie eine Frau verhalten und bewegen. Das war erst eine große Herausforderung für mich, da Männer, die Frauen spielen, oft eher wie deine Großmutter aussehen oder einfach übertrieben theatralisch dargestellt werden, wie eine Drag-Queen. Diese Platée ist ganz anders. Sie ist sehr plump, fast schon geschmacklos, was ihre Kleidung und Sprache anbelangt. Da ich von Natur aus nicht so bin, war es erst nicht leicht, einen Weg finden, das überzeugend darzustellen.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und was sind die stimmlichen Herausforderungen der Rolle? Vor allem die Tessitura. Wir führen das Stück mit einem modernen Orchester in Originaltonart auf – das heißt, dass alles ein Ganzton höher ist. Das Schwierige sind nicht einzelne Töne, sondern, dass die Rolle konstant hoch liegt. Dazu kommt noch, dass man bestimmte Effekte mit der Stimme erzeugen muss, weil viel von dem, was ich singe, das Publikum erheitern soll. Es ist also wichtig, einen Weg zu finden, die Stimme unterschiedlich einzufärben, und das in dieser extremen Lage. Das ist nicht leicht und eine wahre Kunst. Dazu kommt noch die Länge der Partie. Wenn man die Bühne erstmal betreten hat, verlässt man sie bis zum Ende des Stückes nicht mehr. Ich bin sehr froh, Teil dieser Produktion zu sein, und genieße die Herausforderungen dieser Rolle. Was wäre schon der Sinn der Sache, wenn man nicht herausgefordert wird?

In Calixto Bieitos Inszenierung müssen Sie im wahrsten Sinne des Wortes „alle Hüllen“ fallen lassen“… Das stimmt. In dieser Produktion habe ich recht komplizierte Unterwäsche an, die vor allem dazu dient, mir weiblichere Formen zu verleihen, wenn ich mein Kostüm trage. Männer haben ja keine sehr ausgeprägten Hüften und dafür gut definierte Taillen. Ich trage also die ganze Aufführung über ein gepolstertes Korsett, aber abgesehen davon ziehe ich irgendwann alles aus. In meiner Auftrittsarie muss ich meinen Penis entblößen. Für mich ist das kein so schockierender Moment, wie man vielleicht denken könnte. Es ist ein sehr privater und eigentlich ziemlich schöner, intimer Moment. Platée zieht sich an, und das Publikum schaut dabei zu. So einfach ist das. Aber ja, nackt auf einer leeren Bühne in prallem Scheinwerferlicht zu stehen, ist vielleicht nicht unbedingt etwas, das alle Sänger machen würden.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Barockrepertoire spielt in Ihrer Karriere insgesamt eine wichtige Rolle, Sie beschränken sich aber keineswegs darauf. Wie groß ist die Gefahr, als „Barocksänger“ in eine Fachschublade gesteckt zu werden? Wahrscheinlich ist diese Gefahr nicht so gering, da ich immer mehr Barockopern singe. Früher habe ich vor allem in Konzerten Barockrepertoire gesungen, und anderes Repertoire auf der Opernbühne. Aber das hat sich über die Jahre geändert. Ich sehe jedoch kein Problem darin, in eine „Barockschublade” gesteckt zu werden, da ich diese Musik liebe und froh wäre, noch viele weitere Barockpartien zu singen, die auf meiner Wunschliste stehen. Viele dieser Wunschpartien sind übrigens von Rameau! Eigentlich ist es so, dass wir modernen Sänger ein weitaus vielfältigeres Repertoire singen, als das Sänger in der Vergangenheit getan haben. Und man erwartet von uns, dass man sich nicht zu sehr in einem Feld spezialisiert, da das sonst andere Türen verschließt. Aber Dank des Inputs meiner Agentin und meinem eigenen Entscheidungsprozess hoffe ich, meinen Kalender so ausgewogen wie möglich zu halten.

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Thomas Walker/Foto Robert Workman

Welche neuen Partien stehen in Zukunft auf Ihrem Kalender? Ich fürchte, noch mehr Barockrollen (lacht). Ohne genaue Details nennen zu können, kann ich schon verraten, dass Arnalta in L’incoronazione di Poppea kommen wird. Wieder eine Travestipartie, und wieder eine sehr schwierige. Dann kommt Sospiro in Gassmanns L’opera seria am La Monnaie in Brüssel unter der musikalischen Leitung von René Jacobs. Keine Travestiterolle, und keine besonders hohe Partie. Das geht eher in Richtung Tamino, was sicher mit der gewissen Schwere, die meine Stimme auch haben kann, toll zu singen sein wird. Ich werde dann nicht ständig daran denken müssen, den Stimmklang für die hohen Töne auszudünnen. Außerdem werde ich die Titelpartie von Händels Belshazzar singen – wieder eine Rolle, in der eher die Mittellage und die Koloraturen wichtig sind. Das wird sicher ein Riesenspaß, denn es ist schon eine Weile her, dass ich zum letzten Mal ein Oratorium von Händel szenisch gesungen habe! Von Rameau werde ich die Titelpartie von Zoroastre singen, und damit wieder zum Haute-contre-Repertoire zurückkehren. Bei Zoroastre handelt es sich jedoch im Gegensatz zu Platée um eine opera seria Rameaus, und, noch wichtiger, um einen Mann, nicht um eine Frau. Auch darauf freue ich mich sehr.

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Thomas Walker als Platée in Stuttgart/ Foto A.T. Schaefer / Staatsoper Stuttgart

Und abgesehen davon werde ich wie immer viele Konzerte singen, die meist die Hälfte meines Kalenders füllen. Spielt das Lied in Ihrer Karriere eine Rolle? Ja, das Lied spielt eine Rolle in meiner Karriere, aber ich würde ihm sehr gerne mehr Zeit widmen. Aber es ist sehr schwierig, den richtigen Pianisten, Ort und genug Zeit dafür zu finden. Man muss wirklich intensiv mit dem Begleiter arbeiten, der beim Lied ein gleichwertiger musikalischer Partner ist und man muss eine gemeinsame Stimme finden. Das braucht seine Zeit – Zeit, die ich bisher nicht wirklich hatte, und es scheint mir nicht sehr wahrscheinlich, dass ich sie auf absehbare Zeit finden werde. Aber wer weiß…

Und in Deutschland nach der Stuttgarter Platée? Nach Platée werde ich im Juni für eine Konzerttournee mit Musik Arvo Pärts nach Deutschland zurückkehren, mit Vittorio Ghielmi an der Viola da gamba. Wir werden unter anderem bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen und in Berlin auftreten. Ebenfalls im Juni werde ich mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment in Händels Messiah beim Rheingau Musik Festival zu hören sein.

 

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Ulisse von Monteverdi in London/ Foto English National Opera/ Robert Workman

Und zum Schluss ein paar Worte über die Anfänge? Ich habe sehr spät mit dem Singen angefangen. Als ich herausfand, dass ich eine gute Stimme habe, war ich 21. Bis dahin habe ich ein wenig als Tenor in Chören gesungen, aber wirklich nur zum Spaß. Ich hatte keine Ahnung, dass ich einmal eine Karriere als Sänger machen könnte. Studiert habe ich am Royal College of Music in London mit Ryland Davies. Es war eine Zeit voll von großen Veränderungen und Entdeckungen für mich und ich werde Ryland immer sehr dankbar dafür sein, dass er mir Mut gemacht und mich so gut geleitet hat. Ich wusste nun, dass es Ernst mit dem Gesang wurde, als ich beim Royal College of Music aufgenommen wurde. Ich hatte damals schon ein anderes Studium abgeschlossen und mich dann dafür entschieden, zu schauen, wie weit mich das Gesangsstudium im Hauptfach bringen würde. Ich hatte das Glück, während des Studiums viele Gelegenheiten zu haben, aufzutreten und das hat mich auf den Weg gebracht, den ich heute noch beschreite.

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in "The Indian Queen" Purcells/ in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Thomas Walker als Don Pedrarias Dávila in „The Indian Queen“ Purcells in London/Foto English National Opera/ Robert Workman

Bedeutend und nachhaltig wurde für mich diese Produktion von Platée. Ja, ich habe in vielen Produktionen mitgewirkt, die mich in jeglicher Hinsicht gefordert haben, aber diese Inszenierung war für mich entscheidend. Es war damals meine erste „Haute contre”-Partie und eine darstellerische Herausforderung. Es ist eine Inszenierung, von der mir der Abschied sehr schwer fallen wird, da sie etwas wirklich Besonderes ist, mit wunderschöner Ausstattung und Bühnenbild. Es wäre nicht fair, hier bestimmte Regisseure und Dirigenten zu nennen, mit denen ich besonders gut zusammengearbeitet habe. Was letztere angeht, kommt man schnell darauf, wer das sein könnte, da ich immer wieder mit denselben Dirigenten und Orchestern arbeite.

„Walker has performed Platée on stage and his experience showed in his confident (despite the frock), even macho negotiation of some fearsomely high-lying music and in expressing not just Platée’s vanity and grossness (guttural consonants spat into various faces) but also her likeability…Walker’s virtuoso turn…“  – The Times

William Ohlsson führte das Interview für operalounge.de

http://www.thomaswalkertenor.com; (und dort auch ein kurzes Live-Interview mit der BBC); facebookTwitter.com/tomwalkertenorFoto oben: Robert Workman/ Termine für die Platée in Stuttgart

Fibichs & Schillers „Braut von Messina“

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Am 14. März 2015 kam  nach Vaccajs Schillervertonung  La Sposa di Messina (2009 in Wildbad) mit der Deutschen Erstaufführung der OperNevesta Messinska (Die Braut von Messina) von Zdeněk Fibich eine der bedeutendsten Opern der tschechischen Romantik im Theater Magdeburg zur Aufführung.  Bildhaftigkeit und Suggestivkraft sind die hervorstechenden Merkmale der Musik von Zdeněk Fibich (1850 – 1900), der – in der Tradition eines Smetanas stehend – neben Dvořák zu den prägenden tschechischen Komponisten des 19. Jahrhunderts gehört. Musikalisch wie dramaturgisch von Wagners Musikdramen beeinflusst, schuf Fibich mit der »Braut von Messina« ein durchkomponiertes Werk, das aufgrund seines deklamatorischen Stils als Höhepunkt der tragischen tschechischen Oper gilt.

Zdenek Fibich/fibich.cz

Zdenek Fibich/fibich.cz

War die Uraufführung 1884 in Prag noch von kritischen Tönen begleitet – zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster – fand diese frühe Literaturoper ab 1909 einen festen Platz im nationalen Musiktheaterrepertoire. Seiner dritten Oper legen Fibich und sein Librettist, der Ästhetiker und Musikwissenschaftler Otakar Hostinský, das gleichnamige »Trauerspiel mit Chören« von Schiller zugrunde, das vor dem Hintergrund eines tödlichen Bruderzwists die Frage nach der Beziehung zwischen Politik und Moral und dem Verhältnis von persönlicher Freiheit und Gesellschaft aufgreift. Fibich war einer der ersten Komponisten überhaupt, der ein Schauspiel nahezu wörtlich vertonte. Dass er dabei einen deutschen Autor wählte, stellte in Anbetracht der sich zu jener Zeit formierenden Nationalkultur Tschechiens eine Besonderheit dar. Ein besonderer Coup gelang Fibich mit der Behandlung der Chöre, denen Schiller als antikes Element besonderes Gewicht verlieh. Bei Schiller eher kommentierend, werden sie in der Oper zu Akteuren, die die Handlung wirklich vorantreiben. Den konkurrierenden Söhnen Manuel und César an die Seite gestellt, greifen sie immer wieder ins Geschehen ein und machen das Gewaltpotential der aufgestauten Konflikte erfahrbar.

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Raupachs Illustration zu Schillers "Braut von Messina", Stuttgart 1865/Berliner Staatsbibliothek

Raupachs Illustration zu Schillers „Braut von Messina“, Stuttgart 1865/Berliner Staatsbibliothek

Inszeniert wurde die Deutsche Erstaufführung von Cornelia Crombholz, die Schauspieldirektorin am Theater Magdeburg ist und hier bereits 2011 mit ihrer Inszenierung von Leoš Janáčeks »Jenůfa« ihr Debüt als Musiktheaterregisseurin gab. Mit dem Bühnenbildner Marcel Keller und der Kostümbildnerin Marion Hauer erzählt sie die schicksalshafte Familiengeschichte vor dem Hintergrund einer totalitär geprägten Gesellschaft und konfrontiert damit die humanistischen Ideale Schillers und die romantische Musik Fibichs mit den menschlichen Tragödien und historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. »Fibich macht aus den Schwächen des Schauspiels ›Die Braut von Messina‹ – die große Bedeutung der Chöre, die pathetische Sprache, und die unrealistisch-fatale Familienkonstellation – die besonderen Stärken. Von den Chören gehen immer wieder dramatische Steigerungen aus. Dramatik ist immer Zuspitzung und Überhöhung. Zwei nette Brüder sind kein Thema, sondern die Frage, wie es geschehen kann, dass einer den anderen umbringt.« (Cornelia Crombholz)

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Dazu die Regisseurin Cornelia Crombholz über die Wiederentdeckung von Zdeněk Fibichs Oper »Die Braut von Messina« im Gespräch mit Ulrike Schröder, der Dramaturgin am Theater Magdeburg: Fibichs »Braut von Messina«, 1884 in Prag uraufgeführt, ist eine frühe Literaturoper nach einem Schauspiel von Friedrich Schiller. Dieser Weimarer Klassiker hatte im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur wegen seines »hohen Tons«, mit dem er das humanistische Ideal verfocht. Heute wird das eher belächelt und der lebenskluge Goethe (der ja auch viel älter wurde) läuft ihm den Rang ab.

Der Librettist Otakar Hostinský/ encyklopedie.brna.cz

Der Librettist Otakar Hostinský/ encyklopedie.brna.cz

Was sind Ihre Erfahrungen mit Schiller? Auch heute spielen wir noch Schiller und ich liebe einige seiner Stücke sehr, z. B. »Maria Stuart« und »Don Karlos«, während mir andere deutlich weniger sagen. Er ist ein sehr fordernder Autor, nicht einfach zu inszenieren. Seine Stücke sind sehr durchkonstruiert, sehr clever gebaut. Das bringt eine Inszenierung aber auch in die Gefahr, dass sie statisch wird, und dagegen muss man als Regisseurin arbeiten. Schiller zeigt immer Menschen in politischen Gefügen, in Zwängen, in denen sie kämpfen, Entscheidungen treffen müssen und meist scheitern. Dieser Aspekt bestimmt auch die »Braut von Messina«, wo die politischen Konflikte mit den familiären verquickt sind: Die verwitwete Fürstin Isabella muss den drohenden Bürgerkrieg verhindern und ihre beiden Söhne versöhnen. Diese, der ältere Manuel und der jüngere Cesar, stehen unter dem Druck sich politisch durchzusetzen. Und die Tochter Beatrice, die unerkannt im Kloster aufgezogen wurde und nicht um ihre Herkunft weiß, ist von allen Seiten fremdbestimmt.

Zdeněk Fibich, der von 1850 bis 1900 lebte und lange in einem Atemzug mit Smetana und Dvořák genannt wurde, hat sich sehr intensiv mit der europäischen Literatur, auch mit Shakespeare und Byron, beschäftigt. Wie gehen er und sein Librettist Hostinský mit der Vorlage um? »Die Braut von Messina«, 1802 nach der »Jungfrau von Orléans« entstanden, ist der Versuch Schillers, die antike Tragödie neu zu beleben – ein gescheiterter Versuch, wie bereits die Zeitgenossen meinten. Aber das, was als Schauspiel nicht gut funktioniert – die große Bedeutung von Sprechchören, die pathetische Sprache und die unrealistisch-fatale Familienkonstellation – machen dieses Werk besonders »opernkompatibel«: In Fibichs Oper werden die Chöre, bei Schiller nach antikem Vorbild eher kommentierend, zu Akteuren, die die Handlung wirklich vorantreiben. Aufgeteilt als Truppen der beiden konkurrierenden Söhne greifen sie immer wieder ein, sind als ständige Gewaltdrohung anwesend und peitschen sich gegenseitig hoch. Das hat Fibich in wirklich packende dramatische Musik umgesetzt. Auch die Verknappung des Textes gegenüber dem Schauspiel kommt der Überzeugungskraft der Handlung sehr zugute. Die Oper ist durchkomponiert, es überwiegt ein deklamatorischer Gesangsstil, der sich – auch in der tschechischen Übersetzung – recht genau an das Original hält und der sich immer wieder zu ariosen Formen öffnet. In dieser Textgestaltung ist Fibich natürlich deutlich von Richard Wagner beeinflusst.

Friedrich Schiller im Porträt von Kügelgen/Wikipedia

Friedrich Schiller im Porträt von Kügelgen/Wikipedia

Das, was uns heute an Schiller fasziniert, ist sein Freiheitsbegriff: Das große humanistische Ideal, dass der Mensch frei in seinen Entscheidungen ist, sein Leben frei gestalten kann, frei denken und reden kann. Auch in der »Braut von Messina« verhandelt er dieses Ideal, indem er zeigt, dass wir unter den gegebenen Umständen eben nicht frei sind, dass wir die falschen Entscheidungen treffen, vielleicht vor langer Zeit schon getroffen haben, und so das Unheil nicht aufhalten können. Uns kommt die Geschichte nahe, weil wir die Familientragödie so gut nachvollziehen können. Ich finde es sehr spannend, wie besonders in der Oper jede Figur in den Fokus gerückt wird, dass wir die Emotionen jedes einzelnen nachvollziehen können. Deshalb verfolge ich in der Inszenierung gemeinsam mit den Sängern sehr genau die Entwicklung, die die Figuren im Laufe der Handlung durchmachen. Ihre Verstrickung in ein politisches Machtsystem können wir – denke ich – gerade heute alle sehr gut nachvollziehen.

Glücklicherweise kann ich mich in der tschechischen Sprache einigermaßen orientieren. Natürlich ist es – gerade für mich als Schauspielregisseurin – auch befremdend, in einer Fremdsprache zu inszenieren. Aber das ist eine Befremdung, die ich sehr anregend finde. Es ist wie ein Filter, der über das Stück gelegt ist. Und dann konzentriere ich mich – wie die Zuschauer vielleicht auch – auf etwas anderes als auf das gesprochene bzw. gesungene Wort: Es ist viel mehr Emotionalität im Spiel. Ich bewundere übrigens die Sänger, wie selbstverständlich sie damit umgehen, sich auf der Bühne so oft in anderen Sprachen auszudrücken als in ihrer eigenen. Und sie wissen doch immer erstaunlich genau, was sie singen. Das ist für die überzeugende Darstellung natürlich unerlässlich.

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Bei Supraphon gibt´s bereits eine nationalsprachige Aufnahme.

Bei Supraphon gibt´s bereits eine nationalsprachige Aufnahme.

»Die Braut von Messina« und die Folgen? »Die Braut von Messina«, sein Hauptwerk dieser Zeit, zum Ausdruck. Sie entstand als »Tragische Oper« op. 18 gemeinsam mit Otakar Hostinský 1882/1883 im Zuge eines Wettbewerbs, mit dem Repertoire für das Nationaltheater entwickelt werden sollte. Zwar erlitt das nationale Opernwesen durch einen Brand nur wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung des Gebäudes einen schweren Rückschlag, aber eine beispiellose Spendenaktion erbrachte so viel Geld, dass die Spielstätte am 18. November 1883 endlich mit Smetanas »Libuše« eröffnet werden konnte. Am 28. März 1884 stand dann »Die Braut von Messina « unter der musikalischen Leitung von Adolf Čech erstmals auf dem Spielplan. Die Aufnahme war geteilt. Während das Publikum durchaus positiv reagierte, stieß die Schiller-Vertonung auf völliges Unverständnis bei der Kritik, von der sie als zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster oder zu tragisch verdammt wurde. Nach sieben Vorstellungen wurde das Werk abgesetzt und erst im 20. Jahrhundert auf tschechischen Bühnen ein Stück weit rehabilitiert, wozu auch die kritische Ausgabe der Fibichschen Werke in den 1950er Jahren beigetrug. Fibich traf der Misserfolg bei den professionellen Vertretern des tschechischen Musiklebens so schwer, dass er für zehn Jahre die Opernkomposition völlig aufgab und sich ganz auf ein Genre konzentrierte, in dem er seinen in der »Braut von Messina« entwickelten Stil weiter zuspitzen konnte. Die Gesangslinien der Oper sind ganz von der Deklamation der gesprochenen Sprache bestimmt
und weiten sich nur vorübergehend zu ariosen Abschnitten. Es erscheint als logische Konsequenz, auf die musikalische Deklamation ganz zu verzichten und stattdessen die »reine« gesprochene Sprache mit instrumentaler Begleitung zu verbinden. Diese Gattung des Melodrams hatte im 18. Jahrhundert der böhmische Komponist Jiří Antonín Benda zu einer ersten Blüte gebracht. Fibich führte Bendas »Medea« und »Ariadne auf Naxos« 1875 am Interimstheater auf und ließ ihnen eine Reihe von eigenen Melodramen folgen, die 1888 –1891 in der Trilogie »Hippodamie « gipfelte – szenisch aufzuführende Melodramen nach Stoffen der griechischen Antike. Mit diesem unzeitgemäßen Experiment erregte der Komponist schließlich auch außerhalb seiner Heimat einiges Aufsehen, was die Gattung aber nicht nachhaltig belebte.

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Fibichs Leidenschaft, Anezka Schulzoba/Fibich.cz

Fibichs Leidenschaft, Anezka Schulzova/Fibich.cz

Das Theater Magdeburg präsentiert »Die Braut von Messina« als Deutsche Erstaufführung, da Fibichs Oper tatsächlich noch niemals außerhalb des tschechischen Sprachraums aufgeführt wurde. Es ist also »neue Musik« für unsere Ohren, wenn auch als spätromantische Musik vertraut. Wie hören Sie  unbekannte Musik? Zunächst wirklich ganz informativ, und so habe ich es auch bei der »Braut von Messina« gemacht: Ich höre zu und warte auf einen Anknüpfungspunkt, auf den Moment, wo mich die Musik unmittelbar anspringt. Das hat sie dann auch gleich an mehreren Stellen getan: Zunächst der Anfangsmonolog der Isabella, wirklich wunderschön, das hat mich auch gleich szenisch interessiert. Und dann die Chöre, die ungeheuer kraftvoll sind, dabei aber sehr differenziert. Sie haben nichts »Genrehaftes« z. B. als typischer Volks- oder Bauernchor. Fibich verwendet keinerlei volkstümlichen böhmischen Motive, aber für mich klingt das einfach slawisch! Toll ist, wie von den Chören immer wieder dramatischen Steigerungen ausgehen. Ich mag das, das gehört sich einfach so, das ist Theater! Und es ist ein Vorzug der Oper, dass Musik solche Steigerungen ungeheuer befördert. Dramatik ist immer Zuspitzung und Überhöhung! Zwei nette Brüder sind kein Thema, sondern die Frage, wie es geschehen kann, dass einer den anderen umbringt. (Das Gespräch entnahmen wir dem Mitteilungsblatt des Theters Magdeburg, Thema.)

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Und hier die Kritik zur Erstaufführung:Aus dem mit „Lohengrin“, „Cosi fan tutte“, „La Bohéme“, „Die lustige Witwe“, „Der Wildschütz“ und einem Gershwin-Musical reichlich konventionellen Musiktheaterspielplan dieser Saison ragt die nur Kennern einigermaßen bekannte Oper „Die Braut von Messina, eine der bedeutendsten Opern der tschechischen Romantik, wohltuend heraus, deren deutsche Erstaufführung jetzt in Magdeburg Premiere hatte. Zdenek Fibich (1850-1900) war ein in Europa weit gereister Komponist, der u.a. in Wien, Paris und Leipzig studiert hatte, in Polen sowie Litauen lehrte und anschließend bis zu seinem Tod in Prag wirkte. Neben zahlreichen kammermusikalischen und sinfonischen Werken schuf er sieben Opern. Musikalisch wie dramaturgisch von Wagners Musikdramen beeinflusst, schuf Fibich mit „Die Braut von Messina“ ein durchkomponiertes Werk, das aufgrund seines deklamatorischen Stils als ein Höhepunkt der tragischen tschechischen Oper gilt. War die Uraufführung 1884 in Prag noch von kritischen Tönen begleitet – zu deutsch, zu wagnerisch, zu düster – fand diese frühe Literaturoper ab 1909 einen festen Platz im nationalen Musiktheaterrepertoire. Fibich und sein Librettist Otakar Hostinský hatten das gleichnamige „Trauerspiel mit Chören“ von Schiller zugrunde gelegt, das vor dem Hintergrund eines tödlichen Bruderzwists die Frage nach der Beziehung zwischen Politik und Moral und dem Verhältnis von persönlicher Freiheit und Gesellschaft aufgreift. Schiller hatte den Chören als antikes Element besonderes Gewicht verliehen, indem sie die Handlung kommentieren. Bei Fibich werden sie zu Akteuren, die die Handlung geradezu vorantreiben. Die Magdeburger Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz hat die schicksalshafte Familiengeschichte in das 20. oder vielleicht sogar ins 21. Jahrhundert verlegt: Zu Beginn wurde durch die Nachrichten im Staatsfernsehen schnell klar, dass die Gefolgsleute der zerstrittenen Brüder gegeneinander Krieg führen. Während „ordentlich“ Uniformierte von Don Manuel, dessen Porträt an der Wand hängt, angeführt werden, befehligt Don César militärisch locker gekleidete Rebellen (in der Ost-Ukraine?). Diese sehr konkrete Verlegung aus dem Mittelalter in die Moderne verdeutlichte die tragische Schuld-Verstrickung der handelnden Personen, die im Zentrum der Oper steht, in keiner Weise. Bei der hochromantischen Musik erwartet man auf der Bühne nun keine ebensolche Ausstattung; aber derart nüchtern und unfertig wirkend musste die helle Holzkonstruktion auf der Drehbühne, die sich allzu oft und auch grundlos drehte, auch nicht sein (Bühnenbild: Marcel Keller). Die Kostüme von Marion Hauer blieben in ihrer Stil-Vielfalt irgendwie unentschieden. Das militärische Gehabe der Chöre auf beiden Seiten der Streitparteien wurde dreimal durch Traumbilder und Visionen aufgebrochen, wenn Manuel von seiner ersten Begegnung mit der wie eine Braut gekleideten Beatrice schwärmt und wenn er sich nach seiner Ermordung erhebt und zum Trauermarsch à la „Götterdämmerung“ über die Drehbühne irrt und dabei einen Todesengel trifft; schließlich verfällt Isabella am Schluss in Wahnsinn, wenn sie dem getöteten Manuel Baby-Kleidung auf die Bahre legt und ihre drei kleinen Kinder in die Arme nimmt. Nur diese Bilder finden in der romantisch gefärbten Musik durchaus ihre Entsprechung.

Gabiela Nenackova als Isabella in einer Prager Aufführung der „Nevesta Messinska“, der die Sopranphon-Aufnahme zu Grunde liegt/youtube

Maßgeblich für den Erfolg der Erstaufführung in tschechischer Sprache war die musikalische Gestaltung durch die am Premierenabend bestens disponierte Magdeburgische Philharmonie unter Kimbo Ishii. Magdeburgs GMD leitete mit deutlicher Zeichengebung und brachte die teilweise geradezu rauschhaften Klänge und die subtile Leitmotivik Fibichs überzeugend zur Geltung. Auch das Sänger-Ensemble war in guter Verfassung, allen voran Lucia Cervoni als Donna Isabella. Wie sie die zentrale Figur der schuldig gewordenen Mutter darstellte, das hatte hohes Niveau; dazu kam ihr in allen Lagen ausgeglichener, kultivierter Mezzo, den sie ausdrucksintensiv einzusetzen wusste. Der hier als Aufrührer gezeichnete Don César war bei dem tschechischen Tenor Richard Samek in guten Händen; er beeindruckte durch höhenstarken, strahlenden Glanz. Sein Gegenspieler Don Manuel war Thomas Florio, der gekonnt die lyrischen Phrasen seiner Partie auskostete, seinen charaktervollen Bariton aber auch mit der nötigen Attacke versah. Mit apart timbriertem Sopran und anrührender Darstellung gefiel Noa Danon als unglückliche Beatrice. In den kleineren Rollen bewährte sich die Solidität des Magdeburger Opernensembles, von Martin-Jan Nijkamp mit ausdrucksvollem Bassbariton als Manuels Gefolgsmann Kajétan, dem Manfred Wulfert als Césars Adlatus Bohemund gegenüberstand, über Johannes Stermann mit charakteristischem Bass als Isabellas getreuer Diener Diego bis zum Pagen Panos (klarstimmig Hale Soner). Der Chor, dessen beide Gruppen gestalterisch ziemlich allein gelassen wirkte und von der Regie eher plakativ aufgestellt war, ließ in schöner Ausgewogenheit enorme Klangpracht hören (Einstudierung: Martin Wagner) Das Premierenpublikum war über die spannende Ausgrabung begeistert und applaudierte heftig und anhaltend. Gerhard Eckels für den „opernfreund“

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"Navesta Messinska": Szenenfoto einer Aufführung in Prag/Tod des Manuel/youtube

„Navesta Messinska“: Szenenfoto einer Aufführung in Prag/Tod des Manuel/youtube

Dazu noch ein Blick auf Wikipedia: Zdeněk Fibich (* 21. Dezember 1850 in Všebořice (Scheborschitz), Böhmen; † 15. Oktober 1900 in Prag) war ein böhmischer Komponist.Er wurde als Kind eines Oberförsters geboren. In der Musik unterrichtete ihn zunächst seine Mutter, die auch bald sein musikalisches Talent entdeckte und ihn zum Studium animierte. Bereits mit vierzehn Jahren dirigierte er eine eigene Sinfonie und ein Jahr später begann er seine erste Oper zu komponieren. (…) Fibich studierte in Wien, in Prag bei Bedřich Smetana, am Conservatorium Leipzig, in Paris und am Mannheimer Konservatorium. Er lehrte in Polen, Wilna (Litauen) und kehrte 1874 nach Prag zurück, um sich dort seinen Kompositionen zu widmen. Zwischen 1875 und 1878 wirkte er als zweiter Kapellmeister am Prozatímní divadlo (Einstweiligen Theater) und hatte von 1878 bis 1880 die Leitung des Chores in der dortigen russischen Kirche inne. 1899 wurde Fibich zum Operndramaturgen des Prager Nationaltheaters in Prag ernannt. Seine erste Frau starb nach zweieinhalb Jahren Ehe. Er heiratete ihre Schwester, eine hervorragende Altistin am Prozatímní divadlo und am Nationaltheater (Prag). Für sie schrieb er drei seiner Opernfiguren; die bekannteste ist die Isabell in Nevěsta mesinská. Die Ehe hielt nicht lange. Anežka Schulzová, seine dritte Frau, hatte auf Fibichs Musik den größten Einfluss. Sie schrieb das Libretto seiner Oper Šárka und inspirierte ihn zu vielen seiner Stücke. Im 50. Lebensjahr verstorben, wurde er auf dem Vyšehrad beigesetzt.Fibich gehört neben Antonín Dvořák und Bedřich Smetana zu den wichtigsten tschechischen Komponisten.

"Nadestva messinska": Vaclav Zitek als Don Manuel/youtube

„Navesta Messinska“: Vaclav Zitek als Don Manuel/youtube

Doch ist Šárka ein unbestrittenes Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, und es lohnt sich, sich wieder mit ihr zu beschäftigen, ebenso mit den ihr zeitlich benachbarten, nicht weniger reizvollen Die Braut von Messina nach Schiller (1882/83), Der Sturm nach Shakespeare (1893/94) und einer äußerst originellen Schöpfung: den szenischen Melodramen, genauer: der Trilogie Hippodamie (1890/91) nach einer Dichtung von Jaroslav Vrchlický, die im 19. Jahrhundert zahlreiche Nachfolger inspirierte. Während seine sieben vollendeten Opern reizvolle und dankbare Gesangspartien aufweisen, beschäftigte Fibich sich dort mit einer ästhetischen Fragestellung, die auf das Problem der natürlichen und ausdrucksvollen Deklamation zielt und letztlich zum Melodram führt. Fibich war ein äußerst gebildeter und belesener Komponist, der mit mehreren Dichtern eng befreundet war und zusammenarbeitete. Schon in der Braut von Messina entwickelte er in Auseinandersetzung mit dem Kunsttheoretiker Otakar Hostinský, der Schillers Drama für Fibichs Oper übersetzte und bearbeitete, einen eigenen deklamatorischen Vokalstil, den man als hochmelodiöse Rezitativik bezeichnen könnte und die Figuren und Situationen durch Leitmotive psychologisch ausdeutet. Schon Schiller ließ in seinem „Trauerspiel mit Chören” den Chor in Anlehnung an die antiken Vorbilder eine aktive und prominente Rolle einnehmen, darüber hinaus schafft Fibich in der Opernfassung mit den Chornummern musikalisch glanzvolle, liedartige oder ariose Tableaus und Momente höchster Intensität. Die Braut von Messina, im deutschsprachigen Raum bisher nicht aufgeführt, interessiert aber nicht nur wegen ihrer originellen Konzeption, sondern ist auch ein dramatisch wirkungsvolles, musikalisch äußerst faszinierendes Werk, das es allerdings in Prag nach der Uraufführung schwer hatte, weil es als zu wagnerianisch und düster abgetan wurde. (so Marie Luise Maintz in takte 1/2008).

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Fibichs "Nevest Messinska" im zeitgenössischen Klavierauszug/OBA

Fibichs „Nevesta Messinska“ im zeitgenössischen Klavierauszug/OBA

Bekannt ist er als Schöpfer von sieben (teilweise von Richard Wagner beeinflussten) Opern, von Sinfonien, Klavierstücken und szenischen und konzertanten Melodramen. Zu seinen Opern zählen: BukovínBlaníkNevěsta messinská (Die Braut von Messina), Bouře (Der Sturm; nach Shakespeares Drama), HedyŠárkaMedea, Pád Arkuna (Der Fall von Arkun, gerade im Programm der Prager Oper unter John Fiore) Wikipedia 

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Zum Inhalt: Die verwitwete Fürstin Isabella von Messina möchte ihre beiden verfeindeten Söhne Manuel und César versöhnen und ein lang gehütetes Geheimnis lüften: Trotz einer Prophezeiung, ihre Tochter würde das Ende des Fürstengeschlechts verursachen, hatte sie die kleine Beatrice vor dem Tod gerettet und unerkannt in einem Kloster aufziehen lassen. Doch das Schicksal lässt sich nicht aufhalten: Beide Brüder verlieben sich in die schöne Unbekannte, ihr Hass flammt wieder auf und am Ende sind sie tot – und die überlebenden Frauen mit ihren Schuldgefühlen allein. Hei Foto oben: Lucia Cervoni als Donna Isabella in Magdeburg/Foto Nilz Böhme

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

 

Virtuoses und Träumerisches

Viel zu kurz ist für mich die neue (und letzte) CD von Valer Sabadus bei OEHMS, denn inzwischen ist der rumänische Countertenor zur Sony gewechselt, wo er mit Gluck-Arien („Le belle immagini“) bereits sein erstes Recital vorgelegt hat. Hier nun präsentiert er unter dem Titel Mozart Castrato Arias (OC 1814) einige jener Kompositionen, die der Salzburger Genius berühmten Kastratensängern der Zeit auf deren Stimmbänder geschrieben hat. Das Programm, eine Live-Aufnahme, beginnt mit zwei Arien des Ramiro aus der Finta giardiniera, die 1775 in München mit dem Sopranisten Tommaso Consoli uraufgeführt wurde. Sabadus hat mit der Tessitura der Partie kein Problem, denn gerade die strahlende, unangefochtene Höhe ist sein absoluter Trumpf. „Se l’augellin sen fugge“ schmeichelt mit weichem, zärtlichem Stimmklang und imponiert mit mühelos geformten Verzierungen. Ähnlich betört „Dolce d’amor compagna“, das der Sänger träumerisch schwebend vorträgt und Spitzentöne mit delikater Süße tupft. Der Cecilio in Lucio Silla wurde gleichfalls für einen Sopranisten, Venanzio Rauzzini, komponiert, der für seine Starallüren bekannt war. „Pupille amate“ lobpreist die schönen Augen der geliebten Giunia in berührendem Melos – für Sabadus Gelegenheit, in seinen Vortrag eine tiefe Empfindung einfließen zu lassen, die gleichwohl von wunderbarer Schlichtheit ist. Das ausgedehnte, bewegte „Il tenero momento“ bietet vielfache Möglichkeiten für den Solisten, Bravour und Expressivität zu zeigen. Virtuose Koloraturen, das Ausreizen der Register von der Tiefe bis zur exponierten Höhe und eine stupende Kadenz machen diese Nummer zu einem Höhepunkt der Sammlung. Den Sesto in seiner letzten Oper La clemenza di Tito schrieb Mozart für den Kastraten Domenico Bedini. Das Rondo „Deh, per questo istante solo“ ist erfüllt von introvertiertem Ausdruck, der dann zu leidenschaftlichem Ausbruch wechselt – Sabadus erfüllt beide Aspekte  imponierend. Große Probleme hatte der Komponist mit dem Kastraten Vincenzo del Prato, der in Idomeneo den Idamante sang, mit seinen vokalen Defiziten jedoch am hohen Anspruch der Partie fast gescheitert wäre. Davon kann bei Sabadus keine Rede sein, denn „No ho colpa“ zeugt von seiner souveränen Beherrschung aller geforderten Fähigkeiten. Cherubinos zweite Arie aus Le nozze di Figaro beschließt die Auswahl, die durchaus noch um ein weiteres Solo von Idamante und Sesto hätte ergänzt werden können. Was den Cherubino betrifft, so ist dieser eine klassische Hosenrolle für einen Mezzosopran und keineswegs eine Kastratenpartie. Aber mit Sabadus’ delikatem Vortrag und seiner hier besonders süßen und berückenden Stimme ist „Voi che sapete“ in der Auswahl durchaus willkommen. Michael Hofstetter begleitet den Sänger mit dem Ensemble recreation – Großes Orchester Graz mit meist moderaten Tempi, weiß aber in der Ouvertüre zu Lucio Silla mit dramatisch pulsierendem Zugriff einen starken Akzent zu setzen.

Ebenfalls bei OEHMS erschien eine CD mit Werken von Sergej Rachmaninov, bei der Valer Sabadus als Interpret der Vocalise cis-Moll op. 34 Nr. 14 mitwirkt und das kantable Stück mit träumerischer Melancholie und schwelgerischem Klang ausbreitet (OC 441). Das Gürzenich Orchester Köln begleitet den Sänger und sorgt außerdem unter Dmitrij Kitajenkos Leitung für eine mitreißende Wiedergabe der Symphonie Nr. 2 e-Moll op. 27, die alle Facetten der Musik – slawische Schwermut, packende Dramatik, überschäumendes Temperament und vitale Lebensfreude – auslotet.

Bernd Hoppe

Fiamma del Belcanto

Zu hören sind auf der neuen Erato-CD die üblichen Verdächtigen: Bellini, Donizetti, Verdi. Und überraschenderweise hat Diana Damrau hier auf einem langen, langen Album von fast 80 Minuten quasi als Zugabe noch zwei Arien aus der Verismo-Epoche hinzugefügt, die stilistisch nicht so recht passen, paradoxerweise aber zu den Höhepunkten der CD zählen. Die Damrau gehört zu den vielseitigsten und erfolgreichsten Opernsängerinnen der Gegenwart. Jetzt ist ihr neues Album da – und verschafft erstaunliche Einblicke. Eins wird beim Zuhören wieder einmal klar – Diana Damrau ist keine klassische Diva. Sicher, sie tritt selbstbewusst und energiegeladen auf, aber sie bleibt doch immer das singende Mädchen von nebenan, ins Übergroße projiziert. Das hat Vor- und Nachteile. Einer Sutherland oder Callas glaubte man jede Königin – deren Grandezza wirkt noch heute ehrfurchtgebietend. Selbst die Caballé konnte als Maria Stuart in Donizettis Oper einen Saal in Atem halten. In den fragileren Rollen waren diese Superstars dann aber oft Wölfinnen im Schafskleid. Bei Diana Damrau ist es umgekehrt. Ich glaube ihr sofort eine Konstanze oder eine Mimì, aber keine Königin. Ihre Rosmonda oder Maria bleiben höflich in der Trauer;  der Zorn der Stuarda ist bei ihr ein Sturm im Wasserglas, der Elisabetta der Ersten kaum schlaflose Nächte bereiten dürfte.

Aber sie ist eben immer da großartig, wenn sie Frauen gestaltet, die mit ihren Sorgen und Freuden auch uns heute noch nahe sind. Ihre Violetta ist hochindividuell, mondän und klassisch zugleich, denn die Damrau schafft es, in diese Rolle drei Aspekte gleichzeitig hineinzulegen: die Liebende, die Todkranke und die Kurtisane. Letztere wird fast immer vergessen. Bei der Damrau schwingt immer mit, wieviel Violetta über die Welt, insbesondere die Männer, weiß.  Die Vorlage, der Dumas’sche Esprit, schimmert bei ihr durch. Sehr überzeugend (vielleicht auch, weil auf der Bühne gesungen?)!

Hohes Niveau mit kleinen Schönheitsfehlern: Bei einer Künstlerin wie Diana Damrau kann man sich als Kritiker den Luxus gönnen, rein gestalterische Aspekte zu benörgeln, und das ist ein großes Kompliment bei dieser extrem schwierigen Gesangskunst, die in ihrer Qualität völlig unangefochten  bleibt, abgesehen vielleicht von einigen Spitzentönen, die etwas weicher und runder noch belacantesker gewirkt hätten. Ihren Donizetti finde ich – wie in ihrer Lucia-Gesamtaufnahme – doch recht facettenlos, hübsch gesungen, aber ohne Abgründe. Bellinis große Bögen gelingen ihr anrührender, besonders in der Sonnambula, wo sie wieder ihre schöne allürenfreie Natürlichkeit ausspielen kann. Und so bleibt Diana Damrau in ihren besten Momenten aufregend, spannungsgeladen und anrührend, besonders beeindruckend bei Verdi, Puccini und Leoncavallo. Deren Charaktere scheinen ihr insgesamt näher zu sein. Neddas Arie ist ein verführerischer Appetizer – die Partie möchte man danach sofort komplett mit ihr hören.  Aber mal schauen, vielleicht ist Erato beim  Produzieren des Albums ja selber auf diesen Gedanken gekommen (Fiamma del Belcanto: Diana Damrau, Sopran; Orchestra Teatro Regio Torino; Gianandrea Noseda: Erato LC 00200)

M. K./G. H.

 

Unterhaltsame Reflektionen

Von hohem Unterhaltungswert ist die neunte und damit letzte der Silberscheiben, die Warner Classics mit Aufnahmen von Angela Gheorghiu in einer Kassette vereint hat, denn im Unterschied zu den acht (aus den Beständen der übernommenen EMI-)CDs handelt es sich bei ihr um eine DVD mit Aufnahmen aus Konzerten in Dresden, Mailand und London, um eine Würdigung des Opernstars durch Franco Zeffirelli und ein Foto-Shooting, in das, unterbrochen von Statements der Diva zur Interpretation von Norma , „Casta Diva“ erklingt. 1999 sang die rumänische Sopranistin, vom damaligen Gatten Roberto Alagna sekundiert, das Duett aus dem  ersten Akt von Madama Butterfly, mit dunklem Timbre und unter Beachtung aller Anweisungen des Komponisten einfach perfekt, mimte dazu ganz die demütig- anschmiegsame Geisha, was Alagna offensichtlich  vergnügt betrachtete, während er selbst ganz Strahlemann-Tenor (quanti anni fa…) mit pathetischer Gestik blieb, wonach beim Orchesternachspiel  das Paar ein gegenseitiges Hingerissensein ostentativ zelebrierte. Fünf Jahre später entstand die Aufnahme  von „Un bel di vedremo“, wobei die Sängerin auf einem Hotelflur singt, während ein japanisches Pärchen eine offensichtliche Beziehungskrise mimt. Auch die zweite Arie der Liù, für die La Gheorghiu eine heroische in eine Demutsgeste übergehen lässt und an ihrem Gesang nichts auszusetzen ist, hat wie Butterfly als Begleiter Giuseppe Sinopoli mit der Dresdner Staatskapelle. Feine Pianogespinste lässt die Sängerin dem „Babbino caro“ angedeihen, für „Pace, pace“ hatte sie vor anderthalb Jahrzehnten noch nicht genug corpo, war die Stimme zu leicht-lyrisch, lässt so die Arie allzu säuselig klingen. In römischem Stil frisiert und kostümiert, äußert sich die Sopranistin schelmisch-kokett über ihre Rollenauffassung, was die Norma betrifft, in der sie, „sie bekommt, was sie will“, eigene Charakterzüge zu erkennen glaubt.

Das Booklet  gibt dem Hörer wertvolle Hinweise dazu, was er in der schönen Stimme von Angela Gheorghiu zu hören hat, so die „echten Gefühle“ der Dalila, die „liebevolle Intimität“ der Carmen oder ein „intensives, doch gedämpftes Pathos“ bei Manon.  Die erste CD zeigt, dass die Gheorghiu nicht erst jetzt in Wien mit der Charlotte eine Mezzopartie gesungen hat, sondern auch Carmen und Dalila. Sie steht unter dem Titel Femmes fatales. Es folgen Puccini Heroines (Tosca, Liù, Butterfly), Daughters (Simone-Amelia, Gilda, Juliette und andere, wobei ja irgendwie jede Frau auch eine Tochter ist, auch Maria aus West Side Story). CD 4 bringt Arien From Baroque to Bel Canto, CD 5 Verdi-Arien (darunter aus La Traviata), desselben Songs und das Requiem in Ausschnitten. Der Verismo, French Arias and Mélodies and Romanan Songs sind auf CD 6 und 7 vertreten.  Die achte und letzte CD bringt ein Interview und ein Portrait von Jon Tolansky;  hier werden Leben und Karriere des Stars, ihre wichtigsten Partien beleuchtet, zu denen die Sängerin selbst ihre Kommentare gibt. Von der Entwicklung der Stimme kann sich der Hörer selbst ein Bild machen, Partner und Aufnahmejahr sind jeweils verzeichnet. Für den Gheorghiu-Fan erweis sich  diese Sammlung von Ausschnitten sicherlich ein wahres  Schatzkästlein, sollte er nicht bereits  im Besitz der entsprechenden Gesamtaufnahmen sein (Warner Classics 0825646190478).

Ingrid Wanja        

Sternstunde der französischen Oper

Weder Regen noch Kälte konnten den Eindruck verwischen, dass das Massenet-Festival von 1999 mit seiner Neuproduktion von Massenets Roi de Lahore eine Sternstunde der französischen Oper bot, wie man sie nicht mehr für möglich gehalten hatte. lch kann mich selbst heute kaum erinnern, eine vergleichbar dichte und rundherum befriedigende Aufführung in Frankreich gesehen zu haben – sowohl in optischer wie auch in musikalischer Hinsicht. Wegen des Brandes des wirklich hässlichen alten Theaters in St. Etienne hatte man das Ereignis um ein Jahr verschoben und in einer Messehalle ein praktisches, gut einsehbares und vor allem akustisch befriedigendes Ersatztheater gebaut (ein flüchtiges Theater und deshalb – typisch französisch – Théâtre éphemère benannt). Dies nutzte der Regisseur und Hausherr Jean-Louis Pichon zu dichtester Wirkung, indem er von seinen Ausstattern Alexandre Heyraud und Fréderic Pineau eine leere, mit königsblauen Soffitten ausgestattete und blau beleuchtete Bühne erstellen ließ, die vorne und hinten von unterschiedlich angestrahlten Perlenvorhängen abgeschlossen wurde. Die geschmackvollen Kostüme im klassischen indischen Stil waren durchweg in Weiß gehalten, so dass sich Chor und Solisten in einer wirkungsvollen Choreographie wie eine weiße Woge über die blaue Fläche bewegten. Einzig für das Paradiesbild, wenn der gefallene König den Gott Indra um ein zweites Leben bittet, um mit seiner Geliebten vereint zu werden, leistete sich Pichon den Spaß, den Indra-Sänger (sehr ordentlich René Schirrer) als fetten, grünen Buddha mit leuchtend roten Fingern und Kopfputz auf die Bühne zu setzen, umringt von herabschwebenden weiteren Gottheiten, die die Ballettmusik belebten.

"Le Roi de Lahore" in St. Etienne: Michèle Lagrange und Luca Lombardi/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

„Le Roi de Lahore“ in St. Etienne: Michèle Lagrange und Luca Lombardi/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

War die Optik bereits ein Fest, so ist die musikalische Seite vom November 1999 (ausgerechnet am Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges, den die Nation mit Umzügen und patriotischen Reden feiert) kaum zu übertreffen und stellt in ihrer Summe geradezu vorbildhaft das Beste dar, das Frankreich zu bieten hatte. Nicht nur, dass Patrick Fournillier das ortsansässige Orchester zu packender, ebenso üppiger wie rasanter und – eben typisch französisch – auch streicherlastiger, seidiger Bestleitung antreibt, nachdem er mehr als zwei Jahre über der Partitur gesessen und die Fehler der Druckausgabe beseitigt hatte. Wer das Werk nur von der Bonynge­ Decca-Aufnahme kennt, erlebt beim Hören seine Überraschung, denn vieles klingt hier nun anders, straffer, dramatischer und vor allem auch sinnlicher. Fournillier zeigt sich wieder einmal als einer der bedeutenden unter den Dirigenten Frankreichs. Aber auch seine Besetzung trägt auf dem hier festgehaltenen Mitschnitt die Vorstellung in grandiosem Maße. Unterstützt von den prachtvollen Chören des Opernhauses Bordeaux (mit dem St. Etienne eine Koproduktion eingegangen war, die Oper lief dort drei Wochen später, und von dort stammt auch der Mitschnitt) singt eine erste Equipe, angeführt von der wunderbaren, großzügigen, leuchtenden und die Opernhimmel öffnenden Michèle Lagrange als Hindu-Priesterin Sita – eine wirkliche Falcon-Stimme mit bester Höhe und eben jenem Mittensitz der individuellen, dramatisch zupackenden Stimme, der die Voraussetzung für diese Partien wie die Sita, Charlotte, Sélika und auch Carmen ist. Sicher, sie brustet gelegentlich ein wenig vieI für den modernen (und weniger kenntnisreichen) Geschmack, aber ein Vergleich mit älteren Sängeraufnahmen zeigt, dass dies in der Vergangenheit (einer Félia Litvinne oder Jeanne Hatto) durchaus üblich war. Die Lagrange fängt zögernd an (wegen der Matinee um 15.00 Uhr!) und steigert sich von einem weichen, timiden Mädchen zu einer mythischen Heldin (dabei auch van präsenter Bühnenwirkung).

"Le Roi de Lahore" in St. Etienne: Michèle Lagrange/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

„Le Roi de Lahore“ in St. Etienne: Michèle Lagrange/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

Und es ist eine – bezeichnende – Schande, dass die Langrange eben keine wirklich große Karriere gemacht hat, weder im eigenen Land noch international. Wie so oft beklagt, ging spätestens mit dem Bogianchino-Régime in Paris  die Glanzzeit der größeren französischen Stimmen in Frankreich zu Ende. Die Langrange hatte an der Opéra (Garnier) Bedeutendes wie Norma oder Alice/Robert le Diable gesungen, danach gab´s keine Partien mehr für sie dort. Sie ging, wie viele nationale Kollegen, in die Provinz, wo sie im Sigurd in Montpellier, im Simon Boccanegra, sogar in der Gioconda oder eben bei Massenet-Festival in St. Etienne zu hören war. Vielen ging es wie ihr. Die Lagrange musste sogar Partien wie die Leitmetzerin (die dann in Paris!) annehmen. Unkenntnis und Hochmut in der Hauptstadt führte zum Niedergang an französischen Stimmen für das Grand Répertoire, von dem sich die französische Szene nur sehr mühsam erholt.

Zurück zum Roi de Lahore. Der Mann an ihrer Seite, König Alim, ist Luca Lombardo, einer der wenigen großen Tenöre in Frankreich, mit nicht ausgesprochen schönem Timbre eines Thill, aber mit wunderbarer Diktion (wie seine Kollegen) und mit einem beneidenswerten Höhenpeng. Jean-Marc Ivaldi ist der begehrliche Wesir Sindia, der ein Auge auf seine Nichte geworfen hat und der den König umbringt, um sie zu erringen. lvaldi ist für mich genau der Bariton, von dem man in so vielen französischen Opern träumt – er sieht sehr gut aus und verfügt über eine typisch französisch timbrierte, etwas gedeckte Stimme großer Tragweite und Leuchtkraft – ein idealer Albert, Bertram, Nevers. Dazu kommen auf diesem Mitschnitt der ägyptische Bass Reda al Wakil aIs sonorer Oberpriester Timur und der leichte Mezzo von Claire Larcher, die namentlich im reizenden Duett mit ihrer Herrin gefiel. Man wohnt einer exzeptionellen Matinee bei, die nun bei Fiori erstmals offiziell erscheint und die allen Liebhabern der französischen Oper zu empfehlen ist.  

Geerd Heinsen

Und zu weiterem nun die Texte von opera-club.net selbst; wie stets in Englisch. First of all Jules Massenet was an opera-composer. He was versatile, full of nuances and turns, and turned this richness into his creating credo. Massenet’s tendency to vary and differentiate is obvious in details. He demands a constant change in pitch, style of presentation and expression, precisely documenting and commenting, with hundreds of clues for intonation, phrasing, dynamic etc. In this context the treatment and the meaning of the language in Massenet’s style of composition is very important. To fit his music to the fullest with the language, Massenet always learned the text of the libretto by heart before he started composing. The musical finesses folded themselves to the French idiom. Even not being a great fan of much demanding libretti, for him it was always about the theatrical effectual descriptions in music of the – preferable instable – state of the souls. Sometimes he knew to surpass the aria’s in finesse by the recitative-dialogic passages – a core argument against the reproach that Massenet was a “pure melodic”. Always staying close to the music is also contributing to the floating quality of the music, for her lyricism, evolving in the bearing power of the musical Feminité. A characteristic always present in the style of composing of Massenet is his refinement and his delicacy, his subtle play with tempo and timbre. But that’s also the danger for the performers: playing merely his notes doesn’t result in anything more than meager sounds. Not feeling the music in a sensible enough way means inevitably that the sensitiveness, the fragility and the transparence disappear and what remains is artificiality and emphasis.

Massenet: "Le Roi de Lahore"/Bühnenbild der Uraufführung von Chaperon/Theaterwiss. Institut Perugia

Massenet: „Le Roi de Lahore“/Bühnenbild der Uraufführung von Chaperon/Wikipedia

Massenet’s early Le Roi de Lahore was a stunning success in its time, presumably due to its successful mix of some memorable tunes with sensual exoticism and fantastic escapism. It is a delightfully atmospheric score displaying Massenet’s melodic instinct and ability to create varied but usually lush orchestral textures to underpin soaring vocal solos. On the whole it is far from his best work, but it sufficiently well-written and colorful to give you an evening’s pleasure. There’s no greater difference than between the Decca recording with Joan Sutherland under Richard Bonynge and the recording from St. Etienne with Michèle Lagrange under Patrick Fournillier. With Bonynge the orchestral music comes first. Widely spread like a recording for a wide-screen movie. One can’t say much about the soloists vocally other than they sing the notes, often without any know-how of the French language. The sound quality of the recording from St. Etienne is no doubt less than Decca’s, but if one manages to overlook that, one hears a collaboration of orchestra and singers only the French, in their own language, know the secret of. Not to be missed: this is what French opera is all about.

 

Massenet 1887/Wiki

Massenet 1887/Wiki

La Navarraise is widely agreed to be Massenet’s answer to Italian verismo and was very popular in its day, often being performed on a double bill with Mascagni’s Cavalleria rusticana. Its popularity has waned since operatic tastes changed in the early part of the twentieth century, and today the opera is rarely performed. Massenet niftily compresses the action into a 40-minute opera divided into two acts and a brief intermezzo. While his characters are less developed than the Sicilians of “Cavalleria Rusticana,” Massenet’s deft score — featuring music of stirring momentum and soaring lyricism — easily rivals Mascagni’s. With a turbulent, full-blooded overture, the music is frequently interjected with hearty doses of folkloric color like offstage bugles, regimental songs, Basque dances, clapping, castanets and gunshots. It’s tenor Roberto Alagna (Araquil) drawing the most attention, and rightfully so. In this repertoire he effortlessly proves to be the French tenor of the moment (Roberto Alagna, Karine Deshayes; Fréderic Chaslin in Paris 2012)

 

Emma Luart, auf youtube in "La mort de Thais"/youtube

Emma Luart, auf youtube in „La mort de Thais“/youtube

Thais 1929: Emma Luart was a Belgian operatic soprano. A graduate of the Brussels Conservatory, she made her official stage début at The Hague in 1914. She was committed to the Monnaie in Brussels from 1918-1922 where she excelled in lyric soprano roles like Louise, Mélisande, and Manon. She spent the remainder of her career as a member of the Opéra-Comique in Paris. Her career was disrupted by the outbreak of World War II, and she was not heard on the stage again after this point. Roger Bourdin started at the Opera Comique in Paris in 1922. He was noticed instantly because of his warm musical voice, stage presentation, and sensitiveness. In 1933 he switched to operetta, which he managed easily and later formed a well-known duo with his wife, soprano Géori Boué. In 1940 he returned to the Opera Comique and in 1942 he was hired at the Opera. He has sung more than a hundred roles and wrote over twenty books, among others about Milhaud, Ibert, Bondeville, etc.. He retired in 1965 as Academic at the Conservatory of Paris (Fiori FI-1371).

Referenzaufnahmen

Die Rappresentatione di Anima et di Corpo von Emilio de Cavalieri wurde im Jahre 1600 in Rom uraufgeführt und gilt als eine der Urformen am Beginn der Operngeschichte. Es handelt sich um eine religiös-erbauliche Erörterung zwischen allegorischen Figuren wie bspw. Seele, Körper, Verstand, Vergnügen, Welt und Schutzengel. Ein Aufeinandertreffen, das in einem sakralen Umfeld entstand und aufgeführt wurde – eine religiöse Frühoper, die innovative Lösungen mit Folgen für die Operngeschichte fand. Laut Booklet „der erste dokumentierte Versuch, Handlung und Musik zu verknüpfen“ – gesungen wird dabei italienisch, nicht in Latein. Die vorliegende Studioaufnahme aus dem Jahr 2014 ist eine Folge der szenischen Produktion der Berliner Staatsoper im Schillertheater (Premiere 2012) von Regisseur Achim Freier und Dirigent René Jacobs.
cavalieri jacobs hmfMusikalisch ist die Rappresentatione für heutige Ohren einfach komponiert. Jacobs soll in einem Interview eingeräumt haben, dass sie ihm selber sogar zu Beginn primitiv erschien. Umso erstaunlicher, was Jacobs daraus zu machen verstand – originell orchestriert, federnd und farbig musiziert und motivisch beredt, ergänzt durch instrumentale Zwischenspiele zweier anderer Komponisten – es ergeben sich kurzweilige 93 Minuten voller Phantasie und instrumentaler Ideen. Abwechslungsreichtum prägt bereits Cavalieris Werk: er kontrastiert Stimmungen, Sänger, Ensembles und Chöre. Das mag manchen schematisch erscheinen, erfüllt aber auch beim heutigen

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Zuhören noch seinen Zweck. Die Sänger lösen ihre Aufgaben bei diesem singenden Sprechen – dem recitar cantando -, bei dem der erforderliche Stimmumfang aber gering bleibt, durchweg sehr gut und ausdrucksstark und werden vom Chor auf hohem Niveau ideal ergänzt. Musiker und Sänger überbrücken die über 400 Jahre Zeitdifferenz und erschaffen mit dieser Aufnahme eine lebendiges Plädoyer für eine alte Kunst. Es ergibt sich ein suggestives Hörerlebnis, dass dieses durchaus für heutige Ohren spröde Frühwerk zu einem spannenden akustischen Erlebnis macht, bei dem es sich unbedingt lohnt, im ausführlichen Booklet (mehrsprachig, mit Aufsätzen der renommierten Musikwissenschaftlerin Silke Leopold und René Jacobs sowie Libretto) die gesungenen Texte mitzulesen und sich ihre intelligente akustische Umsetzung auch vor Augen zu führen. Jacobs gelingt hier eine weitere Referenzaufnahme. René Jacobs verbindet eine umfangreiche Aufnahmen-Diskographie von Opern und anderen frühen Werken mit dem Label harmonia mundi. Er schafft es nun schon über vier Jahrzehnte, ungewöhnliche und beachtenswerte Aufnahmen mit Referenzcharakter vorzulegen, wobei die Besonderheiten überwiegend bei der Orchesterbehandlung zu suchen ist. Jacobs erweist sich stets als einfallsreich und Aufnahmen wie bspw, Händels Giulio Cesare (1991), Cavallis La Calisto (1993), Keisers Croesus (1999) oder mehrere eingespielte Mozart-Opern gewannen hohe Aufmerksamkeit und oft begeisterte Rezensionen.

In der Reihe hmHeritage veröffentlicht harmonia mundi nun besondere Aufnahmen erneut und legt in diesem Zusammenhang die hochgelobte und als Referenzwerk betrachtete Aufnahme von Georg Friedrich Händels Frühwerk Rinaldo vor, die auch heute noch ihren musikalischen Rang behauptet. Die Meriten dieser außergewöhnlichen Aufnahme sind unbestritten – die Neuauflage wird dem weniger gerecht. Die Box ist vom Umfang auf die Hälfte geschrumpft, das Libretto gestrichen und René Jacobs´ Einführung unverständlicherweise ebenfalls. Musikalisch und sängerisch bleibt die klare Empfehlung bestehen – wer Rinaldo hören will, kommt an Jacobs nicht vorbei. Wer die alte Box im Laden findet, ist mit dieser besser bedient.

Marcus Budwitius

Emilio de Cavalieri: Rappresentatione di Anima et di Corpo mit Marie-Claude Chappuis (Anima), Johannes Weisser (Corpo), Gyula Orendt (Tempo, Consiglio), Mark Milhofer (Inteletto, Piacere), Marcos Fink (Mondo, Secondo Compagno di Piacere, Anima dannata); Staatsopernchor Berlin, Concerto vocale, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs (Dirigent); harmonia mundi, 2CDs, HMC 902200.01
Georg Friedrich Händel: Rinaldo mit Vivica Genaux (Rinaldo), Inga Kalna (Armida), Miah Persson (Almirena), Lawrence Zazzo (Goffredo), James Rutherford (Argante), Christophe Dumaux (Eustazio), Dominique Visse (Mago cristiano); Freiburger Barockorchester, René Jacobs (Dirigent)
hmHeritage, 3 CDs, HMY 2921796.98

 

 

Victor Herberts „Fortune Teller“

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In Dublin geboren, in Deutschland aufgewachsen und am Stuttgarter Konservatorium als Cellist ausgebildet, spielte Victor Herbert (1859-1924) eine Zeitlang in der Kapelle von Johann Strauß in Wien und folgte dann seiner Frau Therese Förster, die als Sopranistin an die Metropolitan Opera engagiert wurde, nach Amerika, wo er sich erst als Musiker, dann als Dirigent und schließlich als Komponist durchsetzte. Er gilt als der Vater der amerikanischen Operette und hat an die 50 Stücke dieser Gattung geschrieben, von denen einige auch verfilmt wurden, so Babes in Toyland (mit Laurel & Hardy) und Naughty Marietta (mit Jeanette MacDonald). Auch große Operndiven von Amelita Galli-Curci bis Dorothy Kirsten, Eleanor Steber und Beverly Sills haben seine „Schlager“ gesungen. Auf deutschsprachigen Bühnen werden Herberts Stücke – trotz ihres europäischen Backgrounds – merkwürdigerweise nicht gespielt, was ein Versäumnis ist, wie man aus diversen amerikanischen CD-Importen schließen kann.

The Fortune Teller, Herberts sechste, als „comic opera“ ausgewiesene  Operette (1898), entstand als Vehikel für die Diva Alice Nielsen, die am Broadway als Kassenmagnet galt und eine eigene Company unterhielt. Gleich drei Rollen konnte sie in diesem Stück übernehmen, in denen sie bei permanentem Kostümwechsel praktisch den ganzen Abend ununterbrochen auf der Bühne stand: die Ballett-Elevin Irma, die noch nichts von ihrer großen Erbschaft weiß, ihren Bruder Fedor, der wegen einer Liebschaft mit einer Opernsängerin aus der Armee desertiert ist, und die Zigeunerin und dem Stück den Titel gebende Wahrsagerin Musette. Der Librettist Harry B. Smith bedient sich zweier uralter Komödienmotive – Doppelgänger und Zwillinge -, um eine hanebüchene, aber kurzweilige Intrige in Gang zu setzen.

Budapest als Schauplatz der Handlung und der Auftritt der Zigeunertruppe liefern dem Komponisten Musikanlässe ohne Zahl. Walzer und Csárdás dominieren einen großen Teil der Nummern, die nicht durchweg dramaturgisch begründet sind, sondern um ihrer selbst willen goutiert sein wollen. Herbert, der sich bei Johann Strauss offensichtlich einiges abgeguckt hat, transportiert die klassische Wiener Operette mit Glück in die Neue Welt. Aber es gibt in den Couplets auch Einflüsse von Sullivan und einige Songs nehmen schon den Stil späterer Musicals vorweg. Ein Hit jagt den nächsten, regelrechte Ohrwürmer sind der Csárdás „Romany Life“, der „Gypsy Love Song“ und die Medley-artigen „Serenades of All Nations“.

Die Produktion der Comic Opera Guild ist als „Weltpremiere“ deklariert. Da Teile des Aufführungsmaterials seit Jahrzehnten verschwunden waren, haben die Leiter der Truppe, Adam Aceto und Thomas Petiet, einige Nummern neu orchestriert bzw. neu getextet. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um den Mitschnitt konzertanter Aufführungen aus dem Village Theater in Canton/Michigan vom Februar 2008. Wie man in Ausschnitten bei youtube sehen kann, hatten die aber durchaus theatralischen Charakter, denn die Sänger traten in Kostüm und Maske auf und deuteten szenische Aktionen zumindest an. So erklärt sich die gute Stimmung des Publikums, die sich auch auf der Audio-Konserve durchgehend mitteilt.

Victor Herbert:  signiertes Foto des Komponisten/OBA

Die ungewöhnliche Ankündigung auf dem Cover „Full Orchestra and Chorus“ ist wohl damit zu erklären, dass die Werke Herberts heute oft in semiprofessionellen Aufführungen mit stark reduzierter Besetzung auf die Bühne kommen. Der Dirigent Aceto lässt The Fortune Teller die Sorgfalt angedeihen, die dem Werk eines Meisters zukommt, und vermittelt mit seinen Musikern Schwung und mitreißende Theaterlaune. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Kimberley Dolanski, eine versierte Koloratursopranistin, die trotz ihres soubrettigen Timbres genügend Farben zeigt, um die drei Rollen voneinander abzusetzen und offenbar über viel komödiantisches Temperament verfügt. Die übrigen Sänger, voran Barbara Scanlon als überdrehte Operndiva Mlle. Pompon und David Troiano als adliger Möchtegern-Komponist Berezovski, geben ihren Rollen charakteristisches Profil. Der Bariton Donald Regan als Zigeuner Sandor, dem einige der schönsten Gesangsstücke zufallen, bleibt dagegen mit uninteressantem Material ziemlich blass.

Drei Jahre nach dieser Aufführung hat auch die Opera Light Ohio eine Produktion der Operette herausgebracht und beim Label Albany auf CD veröffentlicht. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die ich daraus hören konnte, stellt sie aber keine ernstliche Konkurrenz zu dieser Pioniertat dar (Operetta Archives OA 1022). Ekkehard Pluta

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Oper als Reich des Scheins

 

Angemessene Würdigung: Einen so prachtvollen wie interessanten vor allem Bildband gibt es aus dem Henschel-Verlag über und mit dem Regisseur Nikolaus Lehnhoff, zweisprachig, wobei der englische Titel eher zutreffender als der deutsche ist. „Illusion“ heißt es in englischer Sprache, was  im Deutschen Die Oper ist das Reich des Scheins  lautet und eher abwertend klingen könnte, denkt man an „mehr Schein als Sein“. Wie hoch aber der Regisseur und Verfasser das Reich des Scheins schätzt, kann man auf jeder Seite des Buchs feststellen, wenn auf einer halben bis zwei Seiten für dreißig Opern, die Lehnhoff einmal oder mehrfach inszeniert hat, die Sicht auf das jeweilige Werk erläutert wird und dann eine Reihe von Fotos zur Verdeutlichung folgt. Allerdings geben Fotos eher die Arbeit des Szenographen als die des Regisseurs wieder, verraten wenig über die Personenregie,  aber in den einführenden Artikeln wird deutlich, wie eng die Zusammenarbeit zwischen Lehnhoff und seinem jeweiligen Bühnenbildner war und wie viel von seinen Ideen zum Stück in die Optik der Bühne eingeflossen ist.

Nikolaus Lehnhoff/youtube

Nikolaus Lehnhoff/youtube

Der mit dem umfangreichen Band nicht zuletzt Geehrte betont einleitend, dass er bei seiner Arbeit stets vom Stück ausgeht, dass für ihn der singende Mensch im Vordergrund steht. Herausgegeben wurde der Band mit kostbarem Papier von Birgit Pargner, die in ihrem Vorwort darüber berichtet, wie stark der Regisseur von Wieland Wagner beeinflusst wurde, die Beispiele für die Personenführung, so im Baden Badener Lohengrin und in Così fan tutte anführt und die betont, wie sehr viel wichtiger Lehnhoff in den vierzig Jahren seines bisherigen Wirkens Architektonisches im Vergleich zu Illusorischem war. 30 Opern wurden ausgewählt, um dafür den Beweis anzutreten.

Ein Portrait Lehnhoffs von Manuel Brug schließt sich dem Vorwort an, das den Karriereweg des Regisseurs nachzeichnet, vom Regieassistenten bei Sellner und Wieland Wagner, an der Met, seine erste große Regiearbeit in Paris mit Die Frau ohne Schatten, protegiert von Böhm, sein Wirken als „nobler Außenseiter“ in Bezug auf das moderne Regietheater. Kurz umrissen wird der Regiestil des Portraitierten, werden besonders aufsehenerregende Arbeiten erwähnt wie der Tristan in Orange, die drei Janácek-Inszenierungen in Glyndebourne, wohin er auch den ersten Tristan bringt, das Schwimmen gegen den Strom der Regietendenzen, wenn er es wagt, Stücke in der Zeit anzusiedeln, die das Libretto vorsieht. Der Hauptteil des Buches ist alphabetisch nach Komponistennamen gegliedert. Nicht nur einen jeweils vorangestellten Text, sondern auch neben jedem Foto Bemerkungen gibt es zu den einzelnen Inszenierungen, dazu die Besetzungen, oft unterschiedliche, wenn eine Produktion an mehreren Bühnen gezeigt wurde, so wie der Fidelio, für den Enzensberger einen Text schrieb, der die gesprochenen Dialoge ersetzte. Für Bonn und Salzburg wurden dann andere Lösungen gefunden. Allemonde als Seelenraum im Wechselspiel zwischen Realismus und poetischer Überhöhung ließ sich Lehnhoff von Raimund Bauer, in den letzten Jahren sein künstlerischer Begleiter, entwerfen, die Vision eines Idealstaates in München 1992 für Der Prinz von Homburg von Gottfried Pilz mit einem blauen „Sehnsuchtsraum“ entwerfen. Für die Salzburger Felsenreitschule schuf er Inszenierungen von Idomeneo und Schrekers Die Gezeichneten, die Mozart-Oper 1990 als die einer Gesellschaft, in der Angst ein Dauerzustand ist, den Schreker in Endzeitstimmung. 2003 entstand in Hamburg eine Inszenierung der Karmeliterinnen, bei denen der Regisseur neue Konstellationen im Verhältnis zwischen Blanche und Constance und  zwischen Mére Marie und Lidoine entdeckte. Nicht ganz nachvollziehen kann man seine Meinung über das Personal der Fanciulla, das für ihn aus profitgierigen Kleinkriminellen besteht, die immerhin einem der Ihren die Heimreise bezahlen. Auch Cavaradossi als Handlanger Scarpias, des gefallenen Engels, dürfte nicht für jeden Opernbesucher und Leser nachvollziehbar sein (Amsterdam 2009). Ein geheimnisvoller Satz wie „Die Existenz wird dem Menschen zur Todesfalle“ hilft da nicht viel weiter. Es fällt auf, wie häufig Lehndorff in Amsterdam gearbeitet hat, eine Turandot mit Berio-Schluss gehört dazu. Besonders häufig widmete er sich Salome, so 1989 an der Met, 1994 in Leipzig und 2011 in Baden Baden. Verdi ist nur mit Rigoletto in Leipzig vertreten, Wagner umso häufiger, und wer erinnert sich nicht an den vor sich hin komponierenden Lohengrin in der Brautnacht aus Baden Baden. Mehr Freud und Strindberg als Kaiser- oder Nazizeit sieht Lehnhoff in dem Werk, geht aber fehl, wenn er in Heinrich den Angreifer gegen die Ungarn sieht. Nicht klar wird, ob die Ruine auf der Festwiese der Meistersinger an der Scala frei nach C.D Friedrich gestaltet sein oder einen Teil des verwüsteten Nürnberg darstellen soll. Überlieferten hier die Italiener die Schreibweise für den Stolzing „Peter Seiferth“ und für „Petra Schnitzer“ ohne Maria? Der Bühnenbildner jedenfalls ist mit Ezio Toffolutti ein solcher. „Der Schauplatz dieser Handlung ist die Seele“, stellt das Buch für Tristan fest, für den in Orange eine raffinierte Lichtregie gestaltet wurde. Interessant sind auch die Ausführungen zum Ring (San Francisco und München), über die drei möglichen Schlüsse und die drei Erbsünden, die vor dem Goldraub begangen werden. Der Welt Becketts verwandt schließlich sieht Lehnhoff Wagners Parsifal, den er für London, Chicago, Baden Baden und Barcelona inszenierte. Ein Anhang aus einem Inszenierungsverzeichnis, einem Fotonachweis und dem Impressum vervollständigt das Werk (Henschel Verlag ISBN 978-3-89487-774-3).

Ingrid Wanja

  

Eine Komponistin des 18. Jahrhunderts

Die österreichische Komponistin, Cembalistin und Sängerin Marianna Martines (1744-1812) hatte ein interessantes Leben. Joseph Haydn unterrichtete sie musikalisch, der Opernlibrettist Metastasio lehrte sie u.a. Sprachen und vererbte ihr und ihrer Familie als väterlicher Freund sein Vermögen. Martines spielte Cembalo vor Kaiserin Maria Theresia und erlebte zu Lebzeiten öffentliche Aufführungen und Auftritte. Die Accademia Filarmonica di Bologna nahm sie 1773 als erste Frau in ihre Reihen auf. Martines galt als anerkannte Komponistin von Oratorien, Messen, Kantaten (auf Texte ihres Freundes Metastasio) und Cembalomusik. Und auch sie hatte wie viele ihrer Kolleginnen des späten 18. Jahrhunderts als Komponistin kaum Nachwirkungen und geriet in Vergessenheit. Viele Werke sind verschollen, bspw. sind von mindestens 31 Sonaten für Cembalo heute nur noch drei erhalten.

Die Cembalistin und Dirigentin Nicoleta Paraschivescu spielte bereits 2011 eine CD mit Frühwerken Martines‘ ein. Als Sängerin wurde damals für „Il primo amore“ Núria Rial gewonnen. Nun liegt eine zweite CD von Paraschivescu und dem kleinen Ensemble La Floridiana vor: drei Kantaten, ein Cembalokonzert und eine Cembalosonate – Werke aus den Jahren 1769 bis 1786 sind auf der bei CD „La tempesta“ (Sony/DHM) vereint, wobei vor allem die Kantaten ausnahmslos überzeugen und die Instrumentalmusik überwiegend gefällig erscheint.

Die CD beginnt mit einer 1786 entstanden Scena für Mezzosporan und es ist hörbar ein Werk, das Mozart’sche Einflüsse verrät. Ein Zusammentreffen zwischen ihm und Martines scheint nicht dokumentiert, doch da die Komponisten ihr ganzes Leben in Wien verbrachte und in ihrem stadtbekannten musikalischen Salon die Größen ihrer Zeit empfing, Cembalo spielte und dazu sang, werden beide einander nicht unbekannt geblieben sein. Martines‘ Musik ist ein typisches Beispiel für ihre Zeit, und zwar auf sehr gutem Niveau: sie ist beredet, schwungvoll und flüssig – charmante, spielfreudige Rokokomusik und liebliche Kantatentexte. Man hört sowohl virtuose Cembaloklänge als auch höfisch-geprägte, galante Liebesnöte zu einer Musik, die auf der Höhe der Zeit war und von Paraschivescu und ihrem Ensemble durchweg ideal balanciert und phrasiert wird. Für die Kantaten hat man eine Luxusbesetzung gewinnen können. Die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus singt sechs Arien auf dieser CD und trifft dabei in den Arien und Rezitativen exakt den Tonfall aus Empfindsamkeit und Anmut, Verlangen und Sehnsucht, der sie auch zu einer gefragten Mozart-Sängerin macht. Durch Bonitatibus‘ hervorragende Stimme gewinnen Martines‘ Kantaten ein bemerkenswertes Format.

Für Freunde der Musikperiode an der Schwelle von Rokoko zu Frühklassik ist das eine lebendig musizierte und lohnenswerte Entdeckung und eine sehr schöne Repertoire-Erweiterung, bei der man vor allem die Kantaten mit der wunderbaren Anna Bonitatibus öfters hören kann (Marianna Martines – La tempesta mit Nicoleta Paraschivescu / La Floridiana / Anna

Bonitatibus; deutsche harmonia mundi/Sony 88875026722)
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Marcus Budwitius

Zwischen David Lynch und Edgar Wallace

Eine schöne Idee für lange Zugfahrten: Was fällt uns zu Städtenamen ein.  Im Eltern-Kind-Abteil ist damit für Abwechslung gesorgt.  Bei Irrelohe im Pfalztheater Kaiserslautern, eigentlich Irrenlohe,  ist das Ergebnis klar. Eine Geschichte über die „irre Lohe“ kann nur einen Schauerroman, ein Grusical, einen Schocker ergeben. Franz Schreker (Foto oben, Wiklipedia) erzählte, „Ich fuhr – es ist noch nicht lange her – von Dresden nach Nürnberg. Meine Gedanken – ich hatte eben die Partitur des Schatzgräbers vollendet – weilten sehnsüchtig bei neuen dichterischen Plänen. Der Zug hielt. Das schien es mir, als riefe der Schaffner den Namen Irrelohe. Ganz deutlich. Und ich blickte hinaus und buchstabierte wahrhaftig am Stationsgebäude den Namen einer Ortschaft Irrelohe. Da war es mit klar, dass dieser Name, über dessen möglicherweise höchst prosaische Entstehung ich nicht weiter nachfragen wollte, der Keim einer Dichtung in sich trage. Und so war es. Die Oper, an der ich eben arbeite, trägt ihn; das Buch war in drei Tagen vollendet: Irrelohe – Flammen aus einem Wahn!“  Eine nette Geschichte, die bei keiner Betrachtung von Schrekers siebter, 1924 in Köln unter Otto Klemperer uraufgeführter Oper fehlen darf.  Die im 18. Jahrhundert spielende Geschichte um Schloss und Dorf Irrelohe, die sich Schreker als sein eigener Librettist erdachte, ist eine Variation der  im 18. Jahrhundert aufkommenden britischen Schauerromane, der  Gothic Novel, ein bisschen schwarze Romantik, Edgar Allan Poe & Co und Tanz der Vampire, auch ein bisschen Psychoanalyse und Sexualphilosophie der vorletzten Jahrhundertwende.

Das Pfalztheater Kaiserslautern realisierte, nach dem außerordentlichen Friedenstag zu Beginn der Spielzeit, eine fesselnde Aufführung. Eine fast leere Bühne. Wo sonst das Orchester sitzt, im hoch gefahrenen Orchestergraben, türmen sich Müllsäcke,  das Orchester spielt auf der hinteren Bühnenhälfte, halb versenkt, fährt erst im dritten Akt, wenn das Schloss in Flammen steht und Schrekers Musik sehrende Glut annimmt, nach oben.  Das ergibt weite Wege aus dem Bühnenhintergrund, wo der Chor und die Solisten auftauchen und das Orchesterquadrat umrunden müssen, auch etwas Lauerndes und Unheimliches, ziemlich schnell entsteht die typische Gruselatmosphäre: alle wissen von einem Geheimnis,  das sich dem Zuschauer erst langsam enthüllt. Ein moderner zeitloser Thriller, aufgeladen und ausgeleuchtet durch die Lichtkegel, die die Akteure aufeinander richten. Holger Müller-Brandes und sein Bühnenbildner Thomas Dörfler haben einen schlichten und auch klanglich überraschend gut funktionierenden Raum geschaffen, in dem die Geschichte, leicht gekürzt, in gut 2 1/2 Stunden zu spannendem Musiktheater wird. Aus dem Orchester steigt ein Spieler mit Geigenkasten. Es ist, wie sich bald zeigt, Christobald, die Figur des Spielmanns, die in kaum einer der Opern Schrekers fehlt. Auch die anderen Musikanten, die gemeinsam mit ihm Feuer legen, seit ein Verbrechen über dem Ort liegt,  sind Orchestermusiker. Zunächst tapst die alte Lola nach vorn, erzählt, „einmal war ich schön, einmal war ich jung“, immer wiederkehrend, wie Azucena, was Katja Boorst mit ruhig wohlig fließendem Alt eindrucksvoll vermittelt, ist doch die Geschichte der Halbbrüder, Graf Heinrich oben auf der Burg und Lolas Sohn Peter, der in die Förstertöchter Eva verliebt ist, fast wie die im Trovatore. Mädchen umkreisen – wie Models auf einem Laufsteg mit gefährlichen High Heels und monströsen Hutkreationen – die vordere Spielfläche, mit verschmierte Gesichten, wie Halbtote.  Ein bisschen David Lynch, ein bisschen Edgar Wallace. Schwarz weiß.

Franz Schrekers "Irrelohe" in Kaiserslautern/Szene/Foto Stephan Walzl

Franz Schrekers „Irrelohe“ in Kaiserslautern/Szene/Foto Stephan Walzl

Auf dem Schloss laboriert Graf Heinrich mit Schaufensterpuppen, schraubt lieber an deren Gliedern herum als sich auf Eva zu stürzen, die sich ihm anbietet. Adelheid Fink und Heiko Börner sind als Eva und Heinrich merklich gefordert von den strapaziösen Partien,  Finks harscher Sopran klingt denn doch oft in den Höhen schrill und in der Mittellage flach,  wirft sich aber mit unbedingter Hingabe in  ihre Aufgabe, die alle stimmlichen Scharten vergessen macht, ebenso wie Börner, dessen lyrisch federnder Tenor manchmal in den Orchesterfluten untergeht, doch am Schluss noch über einen festen Klang verfügt; aber im Tristan-Zitat, dem Duett am Ende des 2. Aktes,  klingen beide über die Maßen verzagt.  Wieland Satter singt den aus einer Vergewaltigung hervorgegangenen Peter mit roh scheinendem lauterem Bariton, der im dritte Akt charaktervolle Farben zeigt. Gelungen Uwe Eikötters Christobald, überragend die Leistung Uwe Sanders (7. März 2015), der sich über die Jahre zu einem Spezialisten für die Oper der 1920er Jahre entwickelte,  und diese vor allem in den orchestralen Zwischenspielen spätromantisch und filmmusikhaft wuchernden Klänge mit Leidenschaft und Gespür zum Klingen brachte; manches ist in Irrelohe erstaunlich konventionell, etwa das mühsame reziativische Singen, manches melodiös verführerisch, wie die Passagen, die aus der kurz zuvor uraufgeführten Frau ohne Schatten entliehen sein könnten.

Rolf Fath

Foto oben: Szene aus Schrekers Irrelohe/Foto Stephan Walzl/Pfalztheater

Ambitions justifiées

Wie angenehm für den Rezensenten, wenn mit der CD gleich eine Kritik mitgeliefert wird, so mit der von Piotr Beczala, der, ehe er den Lohengrin in Dresden und Bayreuth in Angriff nimmt, noch französische Tenorarien aufgenommen hat. The French Collection nennt sich die bei der Deutschen Grammophon erschienene CD, wobei auch Arien aus der französischen

Fassung von zwei Donizetti-Opern und die Arie des Don Carlos aus dem ersten Akt der fünfaktigen Fassung vertreten sind. Jürgen Kesting bescheinigt dem polnischen Tenor im Booklet die perfekte Stimme für das französische Fach, auch wenn er nicht immer die viel beschworene voix mixte einsetze,aber vor allem, weil er „mit der Stimme singt, die er hat – und nicht mit der, die er gern hätte“.

Piotr Beczala selbst erklärt die relativ späte Hinwendung zu neuen Ufern damit, dass er das langsame Erklimmen eines Bergs mehr schätzt als die plötzliche Landung auf demselben, die die Gefahr des Absturzes in sich birgt. Um sich seiner Terminologie zu bedienen: Es gibt durchaus einige Punktlandungen mit allerdings schnellem Wieder- Abflug, so Don Josès Blumenarie oder den bereits erwähnten Don Carlos, zu deren Gesamtpartie man ihm nicht raten würde. Sänge er den Don José einschließlich des 3. Akts, würde wahrscheinlich der wunderschön im Pianissimo auf dem hohen B gesungene Ton anders ausfallen, die insgesamt „duftig“ wirkende Darbietung so nicht mehr möglich sein. Für den Carlos hat der Tenor ein empfindsames Rezitativ, vermeidet, der Situation eingedenk, auch jeden tragischen Klang für „Je l’ai vue, et dans son sourire“, sondern lässt die tenorale Sonne scheinen. In den beiden Donizetti-Arien hat er für La Favorite eine bemerkenswerte Fermate, den „Ange si pur“ aus Dom Sébastian die notwendige Sensibilität.

Eingeleitet wird das Programm mit dem dem Sänger vertrauten Werther, für den die mühelose, sanfte Emission der Stimme überzeugt, der geschickte Aufbau bis hin zum Spitzenton, der fast als Schrei gerät. „printemps“ kann sich einer schier endlosen Fermate erfreuen. Ebenfalls von Massenet ist die Arie des Cid, deren Ausführung durch eine großzügige Phrasierung besticht, durch einen schönen Fluss der Stimme, durch eine beinahe schon übermäßig idiomatisch klingende Artikulation, als wolle der Sänger französischer klingen als ein Franzose, was eigentlich kein Grund zur Kritik sein sollte. Auch das Finale ist ein Massenet-Stück, das Duett aus Manon in St. Sulpice, in dem Diana Damrau eine Manon ist, die an Charakterisierungskunst ihren wackeren Partner noch übertrifft und einfach unwiderstehlich wirkt.

Kaum noch gespielt wird Boieldieus La dame blanche, früher äußerst beliebt, vor allem die Tenorarie, die genau zu der Stimme passt, wie sie sich augenblicklich präsentiert, und es fallen dem Hörer sicherlich viele andere Opern dieses Genres ein, die kaum noch aufgeführt werden und die perfekte Partien für Beczala bieten würden. Marcello Viotti hatte sich im Venezianer Teatro Malibran dieses Repertoires angenommen und damit durchaus Erfolg gehabt.

Berlioz ist mit La Damnation de Faust und Béatrice und Bénédict vertreten, Ersterer mit einem zärtlichen, fast gehauchten „jeune fille“, Letzterer in schöner Unangestrengtheit und bruchlosem Durchmessen der Register. Für Gounods Roméo wünscht man sich ein noch jugendlicheres Timbre, für seinen Faust verfügt der Tenor über eine makellose Gesangslinie und eine ebensolche Höhe. Am Gelingen der Aufnahme und an ihrer unzweifelhaften Qualität hat mit Alain Altinoglu samt dem Orchestre de l’Opéra National de Lyon ein Kenner des Repertoires maßgeblichen Anteil (DG 479 4101)

Ingrid Wanja