Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Chansons perpétuelles

Die kanadische Altistin Marie-Nicole Lemieux, renommiert vor allem im Barockgesang und  Belcanto-Repertoire, hat sich auch im Liedgesang einen Namen gemacht. Bei ihrer Stammfirma naïve veröffentlichte sie bereits mehrere Alben dieses Genres, so eine Schumann-Auswahl oder französische mélodies unter dem Titel „L’heure exquise“. Solche Kompositionen hat sie auch in ihr neues Programm „Chansons perpétuelles“ aufgenommen, erweiterte dieses aber um Lieder von Charles Koechlin, Guillaume Lekeu, Serge Rachmaninoff und Hugo Wolf (V 5355). Alle Werke entstanden zwischen 1890 und 1900, was sie auch stilistisch in einen Zusammenhang stellt. Begleitet wird die Sängerin von Roger Vignoles am Flügel sowie bei zwei Titeln vom Quator Psophos. Mit den selten zu hörenden Trois poèmes von Guillaume Lekeu eröffnet sie das Programm: 1893 in Brüssel uraufgeführt, sind diese Gesänge von melancholischer Grundstimmung und Lemieux kann hier mit ihrer berückenden Stimme von warmer Sinnlichkeit prunken. Subtile Nuancen und feine Piani bestimmen „Sur une tombe“, munterer erklingt das tänzerisch angelegte „Ronde“, wo der Alt in der Höhe einen herben Zug annimmt, wieder ganz träumerisch und schwebend das „Nocturne“ am Schluss, wo das Streichquartett einen warmen Teppich unter die Stimme breitet. Aus Hugo Wolfs Italienischem Liederbuch wählte die Interpretin vier Titel, beginnend mit dem bekannten „Auch kleine Dinge“, das sie sehr poetisch und gänzlich unmanieriert formuliert. „Du denkst mit einem Fädchen“, „Mein Liebster singt“ und „Wohl kenn’ ich Euren Stand“ sind die weiteren Lieder – zwar nicht idiomatisch in der Wortbehandlung, aber mit wohllautender Stimme vorgetragen. Vignoles kann hier seine Kunst der empfindsamen Begleitung ins beste Licht rücken und markante Akzente setzen. Mit Gabriel Faurés Cinq mélodies „de Venise“ greift Lemieux das Genre der früheren CD  „L’heure exquise“ auf, zu dem sie als Kanadierin eine besondere Affinität hat. Ihre Stimme erklingt hier mit Raffinement, erotischem Flair und Eleganz. Wunderbar schwebt sie in „En sourdine“ und „À Clymène“, klingt entrückt und sich immer mehr in Trance steigernd bei „C’est l’extase“.

Einen Ausflug in unbekanntere Gefilde stellen die Kompositionen von Serge Rachmaninoff dar – vier aus seinen Sechs, eine aus den Zwölf Romanzen. Die Sängerin interpretiert sie im originalen Russisch und vermag ihrem Alt einen leidenschaftlichen, beschwörenden Klang zu verleihen. Man könnte sie sich sofort als Gräfin in Tschaikowskys Pique Dame vorstellen. Geradezu magische Töne hört man in „V moltchan e notchi taynoy“, wo nächtliche Sehnsüchte bezwingend eingefangen sind, von trauriger Stimmung erfüllt ist „Ne poy, krasavitsa“, schillernd und farbig der Gesang in „Ostrovok“.

Die Beispiele von Charles Koechlin in französischer Sprache stammen ebenfalls aus zwei Liederzyklen – den Cinq mélodies op. 5 und den Sept rondels op. 8. Betörend und flirrend „Si tu le veux“, beklommen „Menuet“, ausgelassen „La Pêche“, geheimnisvoll „L’Hiver“ und kokett „La Lune“ – die unterschiedlichen Stimmungen dieser Stücke werden von der Lemieux bezwingend eingefangen. Ernest Chaussons „Chanson perpétuelle“, das der Platte den Titel gab, beendet das Programm und gibt dem Quartett nochmals Gelegenheit für eine atmosphärische Untermalung dieses von der Solistin mit impressionistischem Flirren ausgebreiteten Gesanges, der bei seiner dramatischen Steigerung die Stimme wieder in ihrer vibrierenden Strenge vernehmen lässt. Bernd Hoppe

Eine Überraschung

Ganz ehrlich gesagt war mir der aserbaijanische Bariton Muslim Magomayev gar kein Begriff. Um so überraschender ist seine Wirkung auf der „neuen“ Melodya-CD (MEL CD 10 02345; noch bis vor kurzem als LP vertrieben und nun opportun auf dem probateren Medium)´mit Arien von Mozart, Rossini, Bizet, Gounod, viel Verdi und Leoncavallo, dazu Borodin, Tschaikowsky im üblichen Repertoire von Figaro, Don Giovanni, Barbiere bis hin zu den Pagliacci oder Rigoletto, Otello und mehr. Mehr in diesem Fall auch Zazà im Original, während Faust in Russisch und Carmen in Italienisch gegeben werden. Spannend sind die beiden raren aserbaijanischen Komponisten, nämlich Uzeyir Hajibeyev (Hassans Arie aus Der Sohn des blinden Mannes) und Magomayev grand-père (Asians Arie aus Schah Ismayil) – ich muss erneut gestehen: never heard before.  Was es alles gibt. Was man hört ist eine kraftvolle, schöntimbrierte Baritonstimme mit sehr guter Höhe, einem stabilen Kern und großer Ausdruckskraft. Und einem kräftigen Schuss Sinnlichkeit – der Mann kann „verkaufen“! Und er kann sich mit vielen wie Masurok und anderen Berühmten messen. Eine Entdeckung!

Magomayev magomayev mit Tamara Sinyavskaya/Wiki

Magomayev Magomayev mit Tamara Sinyavskaya/Wiki

Ein Blick ins Netz verrät mehr über ihn, denn der höchst blumige, mit Superlativen gespickten Artikel von Boris Mukosey ist sicher aus dem Russischen übersetzt und klingt wie die Anleitung zu einer Kaffeemaschiene aus Fernost.. . Muslim Magomayev (17. August 1942 – 25. Oktober 2008) gilt als der König der aserbaijanischen Sänger (so Wikipedia) und als „King of Songs“ oder auch der „Sowjetische Sinatra“ (naja). Er war einer der führenden sowjetischen Baritone und Popsänger der 60er und 70er, ein wirklich gut aussehender Mann, dessen Jugendfoto auf dem Cover der Melodya-CD den Betrachter anspricht wegen seines Lächelns und seiner Spontaneität. Muslim Magomayev repräsentierte eine der sehr respektierten Künstlerdynastien in Aserbaijan. Sein Großvater desselben Namens (1885 – 1937) war ein Freund und Zeitgenosse des aserbaijanischen National-Komponisten Hajibeyov und Begründer des modernen aserbaijanischen Musikstils. Vater Mahammad kämpfte gegen die Deutschen und starb kurz vor Kriegsende – er war ein renommierter bildender Künstler. Mutter Aishet Knizhalova galt als eine brühmte  Schauspielerin. Die Familie hatte türkische, georgische und aserbaijanische Wurzeln, was man der Beweglichkeit der Stimme Muslim Magomayevs anmerkt.

Magomayev: Jugendauftritt als Rossinis Barbniere im sowjetischen TV/Wiki

Magomayev: Jugendauftritt als Rossinis Barbiere im sowjetischen TV/Wiki

Der Sänger wuchs im polyglotten Haus seiner Großeltern auf und lernte dort früh amerikanische Jazz-Musik, italienische Lieder und verschiedene Stilrichtungen des populären Genres kennen. Am Konservatorium von Baku studierte er Klavier und Gesang. Der erste Auftritt führte ihn zu einem Jugendfestival in Helsinki. Die berühmt-berüchtigte Yekaterina Furtzeva, Kulturministerin der UdSSR (mit der wüsten Hochfrisur), wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm eine  Solistenposition am Bolshoi Moskau an, was er ablehnte. Er wollte sich vervollkommnen und trat erstmals in Moskau 1962 bei aserbaijanischen Kulturveranstaltungen im Kongresspalast auf. Über Nacht wurde er berühmt. Es folgte ein Jahr später ein Solokonzert in der ausverkauften Moskauer Tschaikowsky-Halle. Und er wurde Solist in Baku am Asebaijanischen Staatstheater. 1964 und 1965 folgten Auftritte an der Scala, aber er lehnte erneut Einladungen vom Bolshoi ab. Stattdessen widmete er sich der Popmusik und erreichte Millionen in der UdSSR damit. Er wurde zu einer Kultfigur, auch der Vertreter einer jungen  Generation. 1966 und 1969 trat er mit sehr großem Erfolg im Pariser Olympia auf.

Magomayev auf einer aserbaijanischen Briefmarke/Wiki

Magomayev auf einer aserbaijanischen Briefmarke/Wiki

Weitere Angebote aus Paris scheiterten am Widerstand Furtzevas, weil sich Muslim Magomayev weigerte, an „offiziellen“ parteiorientierten Konzerten in Moskau teilzunehmen. Auf der Midem 1960 erhielt er in Cannes den Gold Disc Award für den Verkauf von mehr als 45 Millionen Schallplatten. 1973 erhielt Magomayev den Nationalen Orden „People´s Artist oft he UdSSR“ (wohl nicht unbedingt mit dem Segen von Frau Furtzeva, die entmachtet im Jahr darauf starb… ). Muslim Magomeyev zog um nach Moskau in den frühen Siebzigern und wurde Dirigent des Azerbaijan State Bandstand-Symphonic Orchestra, mit dem er Tourneen durch Frankreich, Bulgarien, Finnland und Kanada machte. Er komponierte zudem auch selbst, namentlich Soundtracks, und trat als Schauspieler in Filmen auf. Er erhielt zahlreiche nationale Auszeichnungen; und sogar ein kleinerer Planet in der Milchstrasse, 4980 Magomayev, wurde nach ihm benannt…. Er war ein Massenidol. G. H.

Jessica Pratt

Viertelstündiger Jubel nach einer großen Arie, „Bis!“- und „Primadonna assoluta!“-Rufe. Man wähnt sich Jahrzehnte in der Vergangenheit, als Primadonnen noch Opernvorstellungen mit Bravourarien zum Stillstand gebracht haben. Dabei steht eine junge Sopranistin auf der Bühne: Die in Großbritannien geborene australische Sopranistin Jessica Pratt. Seit längerem schon auf den wichtigsten internationalen Bühnen etabliert, gilt sie bei vielen Melomanen und Kritikern als Erbin der fast schon verloren geglaubten großen italienischen Belcanto-Tradition. William Ohlsson traf für Opera Lounge die Sängerin vor ihrem Auftritt bei der Bonner Aids-Gala am 9. Mai 2015.

 

Jessica Pratt/Foto Pratt

Jessica Pratt/Foto Pratt

Die Lucia di Lammermoor gilt als Ihre Paradepartie, die Sie schon an vielen großen Opernhäusern wie der Deutschen Oper Berlin, der Mailänder Scala, der Niederländischen Oper Amsterdam oder am Opernhaus Zürich gesungen haben. Sie selbst bezeichnen sie als ihre Lieblingsrolle. Was reizt Sie an der Lucia besonders ? Mir macht die Bewältigung der verschiedenen technischen Schwierigkeiten großen Spaß, und mich fasziniert dieser Charakter. Sie ist ein junges Mädchen, die sich ihrer Familie widersetzt und heimlich heiratet. Am Ende treibt sie die männerdominierte Gesellschaft in den Wahnsinn. Vor Lucia di Lammermoor wurden die meisten weiblichen Charaktere wegen der Liebe verrückt, aber kommen wieder zu sich, wenn sie wieder mit ihren Geliebten vereint sind. Wie zum Beispiel die Elvira in I puritani. Lucia ist eine der ersten Figuren in der Opernliteratur, die völlig wahnsinnig bleibt und nicht wieder zu Verstand kommt.

als Lucia di Lammermoor in Neapel/Foto Luciano Romano

Jessica Pratt: als Lucia di Lammermoor in Neapel/Foto Luciano Romano

Nach Ihren Mailänder Vorstellungen als Lucia wurden Sie von der italienischen Fachpresse als die Lucia unserer Tage bezeichnet. Auch mit Ihrer Landmännin Joan Sutherland wurden Sie verglichen… Solche Art von Vergleiche liegen in der menschlichen Natur, schränken aber ein und stecken Leute oder Dinge in bestimmte Schubladen. Ich bin relativ groß, habe rote Haare und komme aus Australien… Zum Glück habe ich keine schwarzen Haare und komme nicht aus Griechenland! Die Realität ist, dass wir sehr verschiedene Stimmen und Persönlichkeiten haben und sich nur ein kleiner Teil unseres Repertoires überschneidet. Lucia ist eine dieser Partien. Es war natürlich eine wirklich große Ehre, die erste Australierin nach Joan Sutherland zu sein, die die Titelpartie in Lucia di Lammermoor an der Mailänder Scala gesungen hat. Und sie ist natürlich eine meiner Lieblingssängerinnen und ein großartiges Beispiel dafür, welche Möglichkeiten die menschliche Stimme hat, welche Sphären sie erreichen kann und sie ist eine Künstlerin, die mich sehr inspiriert.

 

Jessica Pratt: als Gilda in Sevilla/Foto Guillermo mendo/Pratt

Jessica Pratt: als Gilda in Sevilla/Foto Guillermo Mendo/Pratt

Partien aus der Feder Gioachino Rossinis scheinen Sie besonders zu interessieren, haben Sie doch seit Beginn Ihrer Karriere von ihm die größte Anzahl an Rollen verkörpert. Ganze neun haben wir gezählt, von der Lisinga in Demetrio e Polibio bis zur Matilde in Guillaume Tell. Es fällt vor allem die Vielfalt an Rollen auf, die Sie in Ihrem Repertoire haben, sowohl Colbran-Partien wie Armida oder Desdemona in Otello, als auch Manfredini-Partien wie die Amenaide in Tancredi. Was sind die jeweiligen Herausforderungen dieser sehr verschieden geschriebenen Rollen und welche liegen Ihnen am besten? Ich würde sagen, dass die Manfredini-Partien von Natur aus meiner Stimme momentan besser liegen. Diese konnte ich alle ohne jegliche Schwierigkeiten sofort singen, quasi gleich nachdem ich mir die Partituren zum ersten Mal angeschaut habe. Bei den Colbran-Rollen musste ich mich stärker auf meine Technik konzentrieren und erst einmal herausfinden, wie ich eine gewisse lyrische Qualität in der Mittellage und Tiefe erreiche. Das war eine nützliche Übung für mich, da die Entwicklung, die meine Stimme Dank der Colbran-Partien gemacht hat auch für manche Passagen in Werken Bellinis oder sogar in Lucia di Lammermoor sind. Um bei Bellini zu bleiben: Partien wie die Elvira in I puritani und die Amina in La sonnambula sind ebenfalls fester Bestandteil Ihres Repertoires. Bei Ihren stimmlichen Möglichkeiten stellt sich unweigerlich die Frage nach Ihrer ersten NormaNicht in der nahen Zukunft.

Jessica Pratt: als Lucia di Lammermoor in Neapel/Foto Luciano Romano

Jessica Pratt: als Lucia di Lammermoor in Neapel/Foto Luciano Romano

In Covent Garden haben Sie sehr erfolgreich als Königin der Nacht debütiert, seitdem haben Sie diese Rolle allerdings nicht mehr gesungen. Warum? Und sind weitere Mozart-Rollen in Planung? Konstanze in der Entführung müsste Ihnen doch wunderbar liegen! Die Konstanze würde ich liebend gerne singen, nur hat sich die richtige Gelegenheit leider noch nicht ergeben. Was die Königin der Nacht betrifft, hatte ich nach London Angst, nicht mehr genug Zeit für Partien wie Lucia und Elvira zu haben und habe die Rolle bisher abgelehnt. Ich werde sie in der nahen Zukunft wieder singen, will sie aber wirklich nur als kleinen Teil meines Repertoires behalten und nicht allzu oft singen.

Im September wird bei Opus Arte eine Lieder-CD erscheinen. Können Sie uns schon Details verraten? Es handelt sich um eine CD mit Liedern von unter anderem Rossini, Donizetti, Bellini, Massenet, Gounod und Delibes, die ich diesen Monat mit dem Pianisten Vincenzo Scalera im Rahmen unseres Londoner „Rosenblatt Recitals“ in der Wigmore Hall aufnehmen werde.

Jessica Pratt: "Ciro in Babilonia" in Pesaro/Foto Eugenio Pini/Pratt

Jessica Pratt: „Ciro in Babilonia“ in Pesaro/Foto Eugenio Pini/Pratt

Zu Ihren Anfängen: Wann war für Sie klar, dass Sie Opernsängerin werden wollten und mit wem haben Sie in Australien studiert? Und wie verlief Ihr Werdegang bis zu Ihrem professionellen Operndebüt als Lucia im Jahr 2007? Mein Vater ist Tenor und Gesangslehrer, meine Mutter bildende Künstlerin. Wir Kinder wurden von Beginn an ständig mit Kunst und Musik konfrontiert. Mein Vater hat uns Opernarien vorgesungen, bevor wir schlafen gingen und erzählte uns Opernhandlungen statt Märchen, und meine Mutter hat unsere Schlafzimmer angemalt. Ich habe erst Bildhauerei studiert und habe sehr gerne gemalt, habe aber zur selben Zeit auch Musik studiert. Das Problem war, dass ich meine Kunstwerke nicht verkaufen, sondern sie für mich selbst behalten wollte und so kann man ja leider keine Karriere als bildende Künstlerin machen… Als ich 18 war, habe ich begonnen, ernsthaft Gesang zu studieren. Ich wollte immer schon Sängerin werden, weil das einfach das war, was wir in meiner Familie gemacht haben, aber mein Vater weigerte sich, mich zu unterrichten, bis ich 18 war. Er wollte, dass sich meine Stimme auf natürliche Art und Weise entwickelt und bestand darauf, dass ich erstmal für mindestens 10 Jahre lernen sollte, ein Blasinstrument zu spielen. Ich habe dann Trompete gelernt, als Teenager in Orchestern und Jazzbands gespielt und als ich alt genug war, um anzufangen, Gesang zu studieren, begann ich damit und gab die Trompete auf. In Australien besuchte ich abgesehen von den Gesangsstunden mit meinem Vater die Musikhochschule. In Australien hat mich Maestro Gelmetti bei einem Wettbewerb in Australien gehört und mich nach Rom eingeladen, wo ich mit ihm gearbeitet und monatelang alle Proben und Vorstellungen verfolgt habe. Anschließend habe ich in der Accademia Santa Cecilia mit Renata Scotto studiert, bevor ich dann mein Operndebüt als Lucia in Como gab.

Jessica Pratt: als Cunigonde in "Candide" in Rom/Foto M. Falsini/Pratt

Jessica Pratt: als Cunigonde in „Candide“ in Rom/Foto M. Falsini/Pratt

Was konnten Sie von Lehrern wie Renata Scotto und Lella Cuberli lernen? Mit Renata Scotto habe ich hauptsächlich an Interpretation und der Stimmlinie gearbeitet, nicht an der Technik, weil sie fand, dass man, wenn man ihr Schüler war, schon im Besitz einer ausgereiften Technik sein musste. Sie ist sehr intelligent und war deshalb eine sehr gute Lehrerin für Interpretation. Sie kann ihren Schülern in ihren Gesangsstunden ganz genau sagen, was sie von ihnen will und erwartet. Lella Cuberli hilft mir sehr, meine Technik immer weiter zu verbessern, und sie hat viele Rollen gesungen, die ich im Repertoire habe. Sie ist eine große Hilfe, wenn es darum geht, verschiedene technische Aspekte des Belcanto zu verstehen und sie versteht es wunderbar, Interpretation und Phrasierung zu lehren. Abgesehen davon ist sie eine extrem liebenswürdige Person. Da sie Amerikanerin ist und nach Italien zog , wo sie auch viel gearbeitet hat, kann sie viele Dinge, persönliche sowie Karrierefragen, gut nachvollziehen und die letzten Jahre wären ohne sie für mich viel schwieriger gewesen

 

Jessica Pratt: als Violetta in Melbourne/ Foto Jeff Busby/Pratt

Jessica Pratt: als Violetta in Melbourne/ Foto Jeff Busby/Pratt

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Jahr ist in Italien ein Buch über Sie und Ihren Hund Fede erschienen. Fede ist leider letztes Jahr gestorben, er war ein kleiner Hund aus dem Tierheim, der schwer misshandelt wurde, nur ein Auge und ein lahmes Bein hatte. Als ich ihn bekommen habe, hatte er fast kein Fell wegen all dem Stress im Tierheim. Zuerst hat er sich nur im Schrank und unter dem Bett versteckt, dann hat er langsam angefangen, mir und später auch anderen Menschen zu vertrauen. Er hatte erst große Angst, wenn er alleine gelassen wurde, also nahm ich ihn überall hin mit, auch ins Theater. Man konnte ihn nur alleine lassen, wenn er in meiner Garderobe und der Lautsprecher an war! Wenn er mich singen und proben hörte, ging es ihm gut, auch wenn er alleine war. Er wurde irgendwann eine kleine Berühmtheit in den italienischen Theatern und die Opernfans wollten nach den Vorstellungen immer auch Fotos von ihm machen und ihn begrüßen. Eines Abends fragte mich Federica Fanizza, ob ich mit dem Autor Mauro Neri darüber sprechen würde, ein Buch über Fede und sein Leben aus dem Tierheim in die Opernhäuser Italiens zu schreiben. Daraus ist dann ein Kinderbuch entstanden, in dem Fedes Geschichte erzählt wird, mit der die Kinder an die Oper herangeführt werden, etwas über Tiere lernen und dazu erzogen werden sollen, Haustiere nicht auszusetzen. Das Buch ist beim

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italienischen Verlag Squilibri erschienen und wird in vielen italienischen Schulen beim Musikunterricht verwendet..

Foto oben: Jessica Pratt als Lucia di Lammermoor am Teatro San Carlo in Neapel/Foto Luciano Romano

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Geistliches fürs Konzert

Joshua ist eines der spektakulären Oratorien von Georg Friedrich Händel – die Mauern Jerichos werden zum  Einsturz gebracht, Mond und Sonne müssen still stehen, ein Liebespaar findet sein Glück und Händel hat wunderbare Musik dazu komponiert. Dennoch gehört Joshua nicht zu den bekanntesten Werken des Hallensers. Christopher Hogwood urteilte, dass es sich weniger um eine zusammenhängende Handlung und mehr um eine Aneinanderreihung von Ereignissen handle. Eine Live-Aufnahme von den Göttinger Händel Festspielen 2014 bringt das zu Unrecht selten gespielte Werk aus dem Jahr 1748 zurück in die Aufmerksamkeit der Händel-Fans. Joshua ist eines der vier militaristischen Oratorien (neben dem Occasional Oratorio, Judas Maccabaeus und Alexander Balus), die im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Jakobiten-Aufstands von 1746 entstanden, bei dem der katholische Charles Edward Stuart aus Schottland von der englischen Armee unter Wilhelm August, Herzog von Cumberland, dem Sohn des englischen Königs Georg II. aus Hannover geschlagen wurde. Joshua ist ein Huldigungs- und Siegeswerk mit patriotischer Bedeutung – es gibt Schlachten mit Hörnern, Trompeten und Trommeln, Triumphchöre und Jubelgesänge. Und hier liegt auch eine der Stärken dieser Neueinspielung: Der NDR Chor, einstudiert von Robert Blank, bringt den Glanz und den Jubel der Israeliten mitreißend zum Tönen. Die vier individuell gezeichneten Solistenrollen sind ebenfalls sehr gut besetzt: Joshua singt Kenneth Tarver als strahlenden Held mit klarem, offenem und klangschönem Tenor – eine Referenzbesetzung! Bariton Tobias Berndt verleiht Caleb eine patriarchalische Würde, das Liebespaar Achsah und Othniel sind mit dem Sopran von Anna Dennis und dem Alt von Renata Pokupić ebenfalls ausgezeichnet besetzt. Dirigent Laurence Cummings, dessen Vertrag als musikalischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele vor wenigen Monaten bis 2021 verlängert wurde, und das Festspielorchester Göttingen zeigen die musikalische Ausdruckskraft Händels beim Einsturz der Mauern von Jericho zum Klang von Trompeten (aber keinen Posaunen wie Händel sie z.B. in Saul verwendete) und den affektreichen Arien. Auch ein Ohrwurm ist enthalten: „See, the conqu’ring hero comes“ wurde in den bekannteren Judas Maccabaeus übernommen und ertönt seit 1826 gerne zur Adventszeit – Theologe Friedrich Heinrich Ranke machte daraus „Tochter Zion, freue dich“. (2 CDs, Accent/note 1, ACC26403)

bach israeliten dhmKeine drei Wochen vor der obigen Aufnahme aus Göttingen wurde in Leipzig anlässlich des 300. Geburtstags Carl Philip Emanuel Bachs Oratorium Die Israeliten in der Wüste eingespielt, das musikhistorisch als wichtiges Bindeglied zwischen Barock und Frühklassik gilt und 20 Jahre nach Händels Joshua entstand. Die Israeliten in der Wüste wurde zu einer Kircheneinweihung 1768 in Hamburg uraufgeführt, mit der Bach auch die Nachfolge von Telemann antrat. Das lyrische Oratorium sollte nach dem Willen Bachs aber auch außerhalb der Kirche zu Feierlichkeiten gespielt werden – Händels Londoner Modell scheint hier auf dem Kontinent angekommen zu sein und tatsächliche war Bach damit Erfolg beschieden, wie Aufführungen in anderen Städten und die Drucklegung zeigen. Der Text verzichtet auf Bibelzitate und bietet leidende Seelenzustände der durch die Wüste irrenden und von Gott geprüften Israeliten im ersten Teil  und Lobpreisung und Danksagung im zweiten. Das Beiheft bezeichnet das als Stil der Empfindsamkeit, der bewusst auf Handlungsdramatik und Erzählstränge verzichtet und Situationen gefühlsbetont und kontemplativ deuten will. Bachs musikalischer Stil ist anschaulich, gelegentlich tonmalerisch und einfühlsam zwischen Flehen und Freude. Ein Zeitgenosse rühmte den „fliessenden, angenehmen und natürlichen Gesang“. Ein geschätztes Oratorium, das innerhalb weniger Jahre drei Einspielungen erlebte: 2008 mit Wolfgang Brunne und der Salzburger Hofmusik (CPO), 2014 mit Frieder Bernius und dem Barockorchester Stuttgart (Carus) sowie nun bei deutsche harmonia mundi.

Johannes Weisser på "Jul på slottet"/youtube

Johannes Weisser på „Jul på slottet“/youtube

Dirigent Christoph Spering erklärt im Beiheft, wie durch die neue Edition der Werke C.P.E. Bachs die Frage der nicht ornamentierten Da Capo-Arien aufgeworfen wurde und dass er zusammen mit den Sängern Verzierungen erarbeitet hat und eine größere Orchesterbesetzung gewählt hat, um orchestral farbigere Ausdrucksmöglichkeiten zu erzielen. Spering als Experte für historische Aufführungspraxis gelingt mit den sehr gutv gewählten Sängern, dem Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester einen authentisch klingender und gestisch ausdrucksstarker Höreindruck. Das Solistenenquartett besteht aus dem dramatisch-ausdrucksstarken Sopran von Sarah Maria Sun und dem schlanken, klaren Sopran von Anja Petersen in den Rollen der beiden Israelitinnen sowie dem norwegischen Bariton Johannes Weisser als beeindruckender Moses und dem stimmschönen Tenor von Daniel Johannsen als Aaron. (1CD, dhm/Sony 88875016302). Marcus Budwitius

Götterfrevel zum Zweiten

Spätestens seit Cecilia Bartolis mit viel Hype begleiteten Bemühungen um den Komponisten, Diplomaten und Bischof  Agostino Steffani, die sich 2012 in einem mehrteiligen Project bei Decca niederschlugen, steht der 1654 in Castelfranco Veneto geborene Italiener, der später in München und Hannover wirkte, wieder im Blickpunkt des musikalischen Interesses. Nach Bartolis Einspielungen von diversen Arien und seinem Stabat Mater gibt es seit einigen Jahren Bestrebungen, sein 1688 in München uraufgeführtes Dramma per musica Niobe, regina di Tebe wiederzuerwecken (wenngleich die früheren Ansätze wie die von Newell Jenkins oder Günther Kehr in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts nicht unerwähnt bleiben sollen). Erst kürzlich erschien bei Erato eine Studioeinspielung von 2013 aus dem Sendesaal Bremen mit Katarina Gauvin und Philippe Jaroussky in den zentralen Partien der Niobe und des Anfione, welche einer Produktion beim Boston Early Music Festival 2011 folgte. (Die Veröffentlichung wurde von meinem Kollegen Geerd Heinsen auf diesen Seiten besprochen.) Nun legt Opus Arte den Mitschnitt einer Aufführungsserie im September 2010 am Royal Opera House London unter Thomas Hengelbrock vor, der durch die abweichende Besetzung besonders Interesse erweckt. Vor allem der polnische Sopranist Jacek Laszczkowski als Anfione, König von Theben, der die Rolle bereits in Schwetzingen gesungen hatte und inzwischen in das Fach des Heldentenors gewechselt ist, versprach ein gänzlich anderes Rollenporträt als Jaroussky. Singt der Franzose mit purer Reinheit und Schönheit des Tons, hört man vom Polen wieder seine bekannt hysterischen Ausbrüche (wie in „Ascendo alle stelle“ zu Beginn des 2. Aktes), die zu verschiedenen Rollen (Nerone in Monteverdis Poppea) perfekt passten. Insgesamt aber lässt die Stimme nicht mehr die einstige Souveränität erkennen, klingt oft verschwommen und wattig, in der exponierten Höhe streng vibrierend und in manchen Szenen geradezu kläglich jammernd. Dann wieder vernimmt man Momente, in denen das besondere Timbre des Sängers zu reizvoller Wirkung kommt, wie in der Szene im Palast der Harmonie, wo die Stimme mit ätherisch entrücktem Ausdruck betört, oder in manchen Extremtönen von perfektem Sitz und magischer Aura. Vor allem die wehmütig-getragenen Arien überzeugen, zu denen auch der ergreifende Abschiedsmonolog seiner Selbstmordszene gehört – insgesamt ein uneinheitliches Rollenporträt.

In Katarina Gauvin bei Erato hat Véronique Gens in London eine starke Konkurrenz, aber sie behauptet sich respektabel mit ihrem eingedunkelten, empfindsamen Sopran und dem innigen, schlichten Ausdruck. Bewegend ihr Liebesbekenntnis zu Anfione mit berückender Tongebung („Amami“), ergreifend beider Zwiegesang („Mia fiamma“). In den furiosen Arien mit erregten Koloraturen wirkt der Fluss der Stimme zuweilen etwas bemüht („Qui la Dea“ zu Beginn des 2. Aktes), in den schmerzlichen Gesängen entfaltet die Stimme dagegen ihre ganze Noblesse und Kultur, wozu auch Niobes letzte Szene („Funeste immagini“) gehört. Ein Trumpf der Londoner Besetzung ist Delphine Galou als Amme Nerea mit dunklem Mezzo von beherztem Zugriff, der bestens zur Partie passt. Deren Arien sind durchweg von energisch-resolutem Charakter und munterem Rhythmus, zum Teil vom Orchester reizvoll begleitet mit tänzerischen Affekten, und die Sängerin interpretiert sie in idealer Weise, übertrifft damit die Altus-Besetzung bei Erato, wenngleich diese historisch korrekter sein dürfte. Countertenöre gibt es auch in London: Als Prinz Creonte lässt Iestyn Davies eine Stimme von recht larmoyantem Klang hören, zeigt in seinen Arien („Dove, sciolti“ und „Lascio l’armi“) aber eine bravouröse Flexibilität im Fluss der Koloraturen. Im Duett mit Niobe („T’abbraccio“) verschlingen sich die beiden Stimmen in schöner Harmonie. Und ihm fällt das letzte Solo des Werkes zu, wenn er mit festlichem Trompetenglanz zum neuen Herrscher von Theben gekürt wird und in „Di palme e d’allori“ Koloraturjubel verströmt. Der zweite Counter ist Tim Mead als Höfling Clearte, auch er von melancholisch bis weinerlichem Timbre. Da bildet die heitere Arie „Tutta gioia“ im 3. Akt einen willkommenen Kontrast, und der Sänger amüsiert durch sein atemloses Plappern. Freilich ist diese Stimmung trügerisch, denn kurz darauf folgt ein schreckliches Erdbeben, vom Orchester mit Donnergrollen untermalt. Das glückliche Paar des Stückes sind Tiberino, Sohn des Königs von Alba, und die Priesterin Manto, die am Ende von Creonte vereint werden. Lothar Odinius glänzt mit seinem Tenor, der sich wunderbar entwickelt hat, erfüllt ist von reifer Männlichkeit und auftrumpfender Energie. Aber er überzeugt auch in der reizvollen, von Flöten lieblich umspielten Arie „Quanto sospirera“ am Ende des 1. Aufzugs. Einmal mehr gibt der Sänger einen überzeugenden Beweis einer bedachtsam aufgebauten und klug geführten Karriere. Amanda Forsythe ist die Manto bei Erato und in London, mit ihrem feinen lyrischen Sopran, der vor allem in der nobel gesungenen Arie „Nel mio seno“ bezaubert, eine denkbar stimmige Besetzung. Ihr Vater, der Hohepriester Tiresia, ist eine der beiden tiefen Partien dieses Dramma per musica, die von Bruno Taddia mit grimmigem Bassbariton wahrgenommen wird. Die andere ist Creontes Ratgeber Poliferno, in der Alastair Miles mit zwar dumpfem, auch dröhnendem Bass zu hören ist, aber durch seine enorme Autorität, noch immer gebührende Gelenkigkeit („Nuovo soglio“) und das furiose Rasen im zweiten Akt  („Numi tartarei“) überzeugt.

Hengelbrock nimmt zuweilen sehr breite Tempi, welche die Aufführung im Vergleich zu Paul O’Dette und Stephen Stubbs bei Erato getragener und ernster wirken lassen. Gemessen-feierlich beginnt die Ouvertüre, wechselt dann zu martialischem Fanfarengeschmetter, wo das Balthasar-Neumann-Ensemble ebenso großen Effekt macht wie in den rhythmisch prägnanten Tänzen, ob zur Jagd oder bei Schäfer-Szenen, und beim pompösen Freudenfinale. Das Publikum in Covent Garden reagiert enthusiastisch auf die Aufführung. (Agostino Steffani: Niobe, regina di TebeGens, Laszczkowski, Davies, Miles, Galou, Odinius, Forsythe; Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock;  3 CD, Opus Arte OA CD9008). Bernd Hoppe

Méhuls Oper „Adrien“

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Zu den spannendsten Erscheinungen unter den Komponisten der Revolutionszeit (davor und danach einschließlich) gehört in Frankreich Étienne-Nicolas Méhul, der die Schrecken der Commune überlebte, zu Glanz unter Napoleon aufstieg, aber auch in der Nachrevolutionszeit sich einen bedeutenden Namen machte. Er lebt im Erbe Glucks und nimmt in seinen Sinfonien und Opern in vielem Beethoven und die kommende Klassik voraus . Er hat diesen drängenden Gluck-Drive, diese spannende Behandlung der orchesterbegleiteten Rezitative und den Atem für großangelegte Solo- und Ensembleszenen. Ein Blick zu Amazon oder jpc zeigt, dass es doch reichlich Méhul auf dem Markt gibt, seine Opern, an erster Stelle Stratonice (unter Christie/Erato), sowie Joseph (verschiedene Aufnahmen, namentlich die aus Compiegne/cdm), L´irato und anderes mehr, vor allem auch die Sinfonien und reichlich Kammermusik.

.Aber nur Stratonice ist diesem Adrien an Nachdruck und Würde gewachsen, Joseph bleibt in anbiedernder Bibelnähe stecken und kündigt ein neues Genre an, das der pietätvoll gedämpften Bürgerlichkeit eines Benda oder auch Cherubini in dessen kleineren Kompositionen wie Julie ou le pot des fleurs, L’hôtellerie portugaise und vor allem Les deux journées – Werke, die eine andere Ästhetik vorbereiten. Vielleicht ist dies auch der Ort, an dem man auf weiteres von Méhul hinweisen sollte, das Sammler natürlich haben: einen Horatius mit Orliac und Massard gab es beim französischen Rundfunk 196-, Uthal kursierte auf rabenschwarzen Scheiben in einem abenteuerlichen und auch abenteuerlich zusammengebastelten Live-Mitschnitt aus London von 1972 unter Stanford Robinson bei UORC (gekoppelt mit einem dto. Irato) und nun im Konzert 2015 in Paris (mit hoher Wahrscheinlichkeit einer CD-Dokumentation bei Ediciones Singolares), verschiedene Aufführungen vom L´irato kommen aus Tours 1985 und Bonn 2005, vom Joseph gibt es sogar ein Dokument aus Amiens mit Vanzo und Massis 1989.

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Méhul, 1817 (Palazetto Bru Zane)

Méhul, 1817 (Palazetto Bru Zane)

Vom Palazetto Bru Zane gab es (dem Vernehmen nach nur als mp3- und wma-download bei quobuz/Seite nicht mehr verfügbar!) die Neu- und Erstaufnahme des Adrien, die Geschichte vom kriegerischen, aber auch großmütigen Kaiser Hadrian, der seine Feinde begnadigt und ihnen die Freiheit schenkt. Dies 1799 mit deutlichem Hinweis auf Gnade und Großzügigkeit angesichts der Grauen der Revolution, auch in Hinsicht auf Napoleon, ein gütiger Kaiser zu sein. György Vashegyi leitet eine Einspielung von 2012 aus Budapest (die gabs sogar als optischen stream) mit einem hochprofilierten Cast, angeführt von Philippe Do in der Titelrolle, weiters singen Gabrielle Philiponet, der erfahrene Marc Barrad, Jennifer Borghi, Philippe Talbot und weitere Solisten, die schon auf anderen Aufnahmen des Palazetto Bru Zane, der im Rahmen seines Sponsorentums um die Wiedererweckung der Romantischen franzözischen Oper auch diese Ausgabe unterstützte. Nach einer kurzen Einleitung mit einem informativen Text von Wikipedia folgt hier der hochinteressante Aufsatz von Alexandre Dratwicki (in Englisch, sorry), dem Musikwissenschaftler und „Drahtzieher“ der Reihe beim Palazetto Bru Zane, dem man nicht genug Dank sagen kann. G. H.

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Der junge Méhul (Palazetto Bru Zane)

Der junge Méhul (Palazetto Bru Zane)

Étienne-Nicolas Méhul begann seine musikalische Ausbildung als Organist, und zwar im Franziskanerkloster seines Heimatortes. Später studierte er bei dem Organisten Wilhelm Hanser und wurde 1778 dessen Assistent oder Hilfsorganist an der Klosterkirche der Benediktiner von Lavaldieu in den Ardennen. Im Jahr 1779 übersiedelte er nach Paris, wo er bei dem Straßburger Komponisten und Cembalisten Jean Frédéric Edelmann Kompositionsunterricht nahm. Möglicherweise verdiente er seinen Lebensunterhalt als Organist, wofür es aber bisher keine Beweise gibt. In den 1780er Jahren arbeitete er als Lehrer und veröffentlichte in dieser Zeit zwei Bände mit Klaviersonaten. Der zweite Band war mit einer sogenannten „überlegten“ Violinstimme erschienen, die die Thematik im Klavier verdoppelt. Neben François-Joseph Gossec galt er als der Komponist der Französischen Revolution. Sein Chant national du 14 Juillet 1800, der von Napoleon nach der Schlacht von Marengo bestellt worden war, bekam fast den Rang einer Nationalhymne, und 1794 entstand seine Revolutionsoper Horatius Coclès. 1795 wurde er Inspektor des Conservatoire und Mitglied der Académie des beaux-arts. Méhul wurde vor allem durch seine mehr als vierzig Opern bekannt, von denen Joseph in Ägypten auch gegenwärtig noch aufgeführt wird; Carl Maria von Weber leitete eine Aufführung des Werkes 1817 anlässlich der Gründung der deutschen Hofoper in Dresden. Die bekannteste Melodie aus dieser Oper, die Romanze des Joseph A peine au sortir de l’enfance (dt. Ich war ein Jüngling noch an Jahren) wurde fälschlich als Vorlage für das Horst-Wessel-Lied ausgegeben, dieses geht jedoch vermutlich auf das deutsche Bänkellied Ich lebte einst im deutschen Vaterlande zurück. Neben den Opern komponierte Méhul sechs große Klaviersonaten, drei Ballette, sechs Sinfonien, Bühnenmusiken und Messen. Er hat sich – neben seinem Zeitgenossen und Rivalen Jean-François Lesueur – um die Erweiterung der Stoffe in der Oper sehr verdient gemacht. Auf ihn gehen einige kühne Neuerungen in der Orchestrierung zurück, und Méhul gilt als Pionier in der Verwendung von Leitmotiven. Méhuls Meisterschaft im Umgang mit sinfonischen Formen und rein orchestralen Werken kommt bereits in den Ouvertüren zu seinen Opern zum Ausdruck. Aus Ludwig van Beethovens Briefen ist zu ersehen, dass er den Kompositionen Méhuls großes Interesse entgegengebracht hat; der Einfluss des Franzosen auf seine Oper Fidelio ist unverkennbar. Wikipedia

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Der Autor Alexandre Dratwicki (Palazetto Bru zane)

Der Autor Alexandre Dratwicki (Palazetto Bru Zane)

Und nun der Artikel von Alexandre Dratwicki in der Beilage  zur Download-Ausgabe: Étienne-Nicolas Méhul: Adrien (1791) “Adrien, another composition of the same time, was in every wayworthy of Méhul’s creative power, with a multitude of new effects,admirable choruses and a recitative that was in no way inferiorto Gluck’s; but by some sort of ill fate, the various successive governments proscribed the work every time it was revived.” (Fétis, Biographie universelle des musiciens.)

Born in Givet (Ardennes), Étienne-Nicolas Méhul received the first rudiments of his musical education from the German organist Wilhelm Hanser. Having arrived in Paris in 1779 with a letter of recommendation to Gluck, he continued his training with the Alsatian harpsichordist and composer Jean-Frédéric Edelmann, who most likely introduced him to the music of Mozart and Carl Philipp Emanuel Bach. During that time his first two sets of keyboard sonatas were published (1781). By 1789 Méhul had written his first opera, Cora, for the Académie Royale de Musique (the Paris Opéra), but after rehearsals were abandoned (the Opéra was going through financial difficulties at the time) he turned to the opéra comique genre at the Théâtre Favart, where his most important stage works were to be given.

Méhul: Cover für das Libretto der "Stratonice" (Palazetto bru zane)

Méhul: Frontespièce für das Libretto der „Stratonice“ (Palazetto Bru Zane)

The first of them, Euphrosine (1790), was a new kind of opéra comique marked by the severe heroic style – Méhul referred to the latter as ‘musique de fer’, music of iron – and perfectly in keeping with the expectations of audiences in those Revolutionary times. Stratonice (1792), Mélidore et Phrosine (1794) and Ariodant (1799) all broke out of the narrow confines of the old comédie mêlée d’ariettes (a form of French opéra comique consisting of a spoken comedy interspersed with short arias, which had developed in the mid-eighteenth century) and made opéra comique into the crucible from which the French Romantic opera was to emerge.

Méhul: Einsetzung des Conseil d´ Ètat (Palazetto Bru zane)

Méhul: Einsetzung des Conseil d´ Ètat (Palazetto Bru Zane)

Méhul’s quest for ever-greater dramatic expressivity led him to experiment with orchestration: in Uthal, for instance, an Ossianic opera written under the Empire (1806), he replaced the violins in the orchestra with violas for a darker sound. Between 1808 and 1810 he composed his five symphonies. But it was his biblical opera Joseph that was to ensure his fame in Europe in the nineteenth century. Méhul, like the painter Jacques-Louis David, kept pace in his style with the many political upheavals of that period in France. Under the Restoration he composed La Journée aux aventures (1816), recalling in its style and plot the opéra comique of the Ancien-Régime. Méhul died in 1817 of tuberculosis.

Méhul: Brief an den Bürger Langlet (Palazetto bru Zane)

Méhul: Brief an den Bürger Langlet (Palazetto Bru Zane)

In its revised version (recorded here), Adrien begins with a grand overture borrowed from an earlier one-act opera, Horatius Coclès (1794) that is nevertheless very appropriate to its subject; indeed, audiences of the time recognised in it now the solemnity of the emperor’s triumph, now the sighs and tears of his captive, Princess Émirène. The classical structure of the piece naturally opposed two contrasting motifs, easily identifiable as contrary emotions that were relevant to both works. The beginning of the opera contains long passages of mostly ‘dry’ recitative (i. e. with only a simple chordal accompaniment), which the modern listener may find somewhat disconcerting. Composers of that time were actively seeking new ways of modernising the declamation in operatic works, for indeed many critics and also some operagoers strongly objected to a musical style that made shouting obligatory for singers to be heard above the orchestra. Clearly Méhul chose to solve that problem by creating a freer vocal line, less subordinate to the instruments. Furthermore, dry recitative permitted greater freedom of expression, enabling the singers to lend more subtlety to the words of Adrien, Cosroès and Sabine, and bring out the underlying meaning by the use of pauses and however much rubato they deemed necessary; it also facilitated the expression of irony.

Méhul: Kaiser Hadrian in einer zeitgenössischen Darstellung (Palazetto Bru Zane)

Méhul: Kaiser Hadrian in einer zeitgenössischen Darstellung (Palazetto Bru Zane)

Spoken texts predominate in Act I, where they are used to establish the dramatic situation; but after that, the proportion of spoken and sung texts is reversed, with arias and duos providing a finer psychological perception of the characters. In Act I, there are only two sung episodes: a duo for Pharnaspe and Cosroès near the beginning and another one for Émirène and Adrien at the end. The dramatic progression of the latter results in a finale d’acte, a finale to the act, that looks forward to those of Meyerbeer, fifty years hence! There is no orchestral conclusion to encourage applause and the heated conversation between the emperor and his captive is interrupted by a chorus of terrified Romans as the Parthians attack the city. In the ensuing battle, the Parthians are put to flight and the people acclaim Adrien, who has captured Pharnaspe. This scene, superimposing the contrary affects of five soloists and three choruses (chorus of priests and vestals; chorus of Roman soldiers, alternating, then simultaneous with the chorus of Parthians), attains a maximum volume that was unbelievable at that time, and the composer even indulges in the luxury of an amazing symphonic episode.

Méhul: Die Solisten der neuehn Aufnahme (Palazetto Bru Zane)

Méhul: Die Solisten der neuen Aufnahme (Palazetto Bru Zane)

There is another captivating orchestral piece in the work, apart from the overture. It accompanies the scene in pantomime in which the Parthian soldiers slay their adversaries and strip them of their weapons and clothing in order to disguise themselves as Romans. This purely musical episode – much longer than one might have expected – reflects the use at that time of the pantomime and gesture, both realistic and experimental, that had been developed in Paris since the 1780s within the context of the modern ballet, championed by Noverre and later Gardel. While dance played an important part in the divertissements of the tragédie lyrique, it was rare for the choreography in a work to be represented only by a pantomime scene. Concerning the first version of Adrien, it is difficult to ascertain whether or not there were ballets at the end of the various scenes in celebration of Adrien’s triumph, but it is highly likely that the choruses at the end of Acts I and III were danced as well as sung. Furthermore, the marches that occur at several points in the work must have provided an opportunity for processions or spectacular theatrical actions. Why then did Fétis (born in 1784 and writing many years after the event) explain the work’s short run as follows: ‘While [Méhul’s]Ariodant was being performed at the Opéra-Comique, the administration of the Paris Opéra finally obtained permission from the Directory to stage Adrien, a fine composition, severe in style, that was praised by the critics but which, devoid of spectacular qualities and dancing, was unable to hold the stage for long’? Perhaps the real explanation for the opera’s only brief success was simply that too much time had elapsed between the work’s composition and its performance: what had been modern in 1791 was no longer so, despite the changes the composer had made, in 1799, just before the dawn of the new century of Romanticism. (Übersetzung Mary Pardoe)

 

mehul coverDen Artikel von Alexandre Dratwicki entnahmen wir der  Beilage der Download-Aufnahme bei www.quobuz.com, die inzwischen nicht mehr verfügbar ist und die  im Juni in 2012 in Budapest unter György Vashegyi mit dem Purcell Choir und dem Orfeo Orchestra eingespielt wurde. Zu den Solisten zählen Philippe Do/Adrien, Gabrielle Philiponet/èmiréne, Marc Barrad/Cosroés, Jennifer Borghi/Sabine und weitere rein Frankophone: Fotos Palazetto Bru Zane/Private Collection. Abbildung oben: Méhul in 1799; portrait by Antoine Gros/ Wikipedia

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Von Legrenzi bis Graun

Eine hochinteressante CD hat die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg bei harmonia mundi eingespielt. Sie nennt sich Agrippina, was eine Untertreibung ist, denn es geht gleich um drei Agrippinen, zwar miteinander verwandt durch den gemeinsamen Vater/Großvater, den Konsul Marcus Vipsanius Agrippa, aber mit sehr unterschiedlichen, wenn auch durchweg grausamen Schicksalen. Die Sängerin selbst hat sich damit gründlich beschäftigt, so wie sie es auch bei der Suche nach Barock-Opern tat, die eine der Drei zur Heldin haben, von denen nur die Händels allgemein bekannt sein dürfte. Agrippina I ist die ältere Halbschwester von Agrippina II und die Tante von Agrippina III, der Händelschen, die wiederum die Tochter von Agrippina II und die Nichte von Agrippina I ist. Sie ist gleichzeitig die Schwester der berüchtigten Wüstlings Caligula und die Mutter von Nero, dem sie zum Thron verhalf und der auf vielerlei Weise versuchte, sie umzubringen, was ihm schließlich erst mit Hilfe seiner

Soldaten gelang.

Das traurige Schicksal von Agrippina I bestand darin, dass sie sich von ihrem geliebten Mann, mit dem sie schon in der Wiege verheiratet worden war, scheiden lassen musste und trotz Wiederverheiratung bald danach starb. Agrippina II war die glückliche Ehegattin von Germanicus, Mutter seiner sechs Kinder und seine Witwe, als die sie auf eine einsame Insel verbannt wurde, wo sie Hungers starb. Gibt das Schicksal von Agrippina I nur wenig her für einen Opernstoff ( eine einzige erhalten gebliebene Oper), ist das bei Agrippina II schon etwas anders (drei Opern) und Agrippina III gar inspirierte eine Vielzahl von Librettisten und Komponisten, von denen sechs auf der CD vertreten sind. Die Sängerin und ihre Mitarbeiter haben offensichtlich keine Mühe gescheut, Agrippina-Opern aufzuspüren, wie viele davon verschollen sind, konnten sie natürlich auch nicht klären, wohl aber warum diese Figuren für das Barockpublikum so interessant waren, wovon im Booklet ausführlich und kompetent die Rede ist. Interessant sind auch die Ausführungen von Holger Schmitt-Hallenberg über die Musik, die auf der CD zu hören ist. Track 13 und 14 sind Agrippina I gewidmet, die Musik stammt von Giovanni Battista Sammartini und erscheint zunächst weniger tragisch als der Text, doch gibt es in 14 einen zwar kurzen, aber sehr schönen Adagio-Teil, in dem der wohllautende Mezzo geradezu baden kann, wird die Bruststimme wirkungsvoll als Ausdrucksmittel eingesetzt. Agrippina II fand auch die Aufmerksamkeit von Nicola Antonio Porpora, seit kurzem erst quasi wiederentdeckt. Eine feine Naturstimmung ist in der ersten Arie eingefangen, in schönem Ebenmaß und mit seelenvollem Klang nimmt sich die Sängerin in schwerelos erscheinendem Singen des Stücks an. Für „Deh, lasciami in pace“ hat sie einen schwermütig-holden Glockenklang zu düsterer Orchesterbegleitung. Ein interessantes Zwiegespräch mit dem Orchester schrieb Telemann in seiner Oper Germanicus für die unglückliche Agrippina II. Germanico sul Reno nennt sich das Werk von Giovanni Legrenzi, aus dem eine weitere Arie stammt. Opernreif und deswegen vielfach als Opernstoff benutzt ist natürlich das Schicksal von Agrippina III, sei es wegen der Intrigenhandlung um die Einsetzung Neros als Kaiser, sei es wegen der Art und Weise, in der der Sohn dies der Mutter dankte. Außer natürlich Händel sind noch die Komponisten Perti, Graun, Orlandini, Mattheson und Magni vertreten. In seiner Oper Britannico nach Racine komponierte Graun mit „Se la mia vita, oh figlio“ eine sanfte Klage, in der die Sängerin wunderschöne Bogen singt, und mit „Mi paventi il figlio“ raffinierte Koloraturen, wie hingetupft klingende Höhen, man vermeint auch einen leicht falschen Zungenschlag zu vernehmen, als wenn der Charakter der Figur so durchschimmern sollte, und ein ganz neuer Ton kommt mit dem beherzter Wut in die zweite Arie. Mit Giacomo Antonio Perti beginnt und endet die CD, wobei man mit den ersten Tönen bereits die sehr feminin klingende Stimme der feinen Konturen, die Fähigkeit zu Fermaten ohne Kontrollverlust über die Ebenmäßigkeit des Tons, die Wärme, die der Mezzo ausstrahlt, bewundern kann. Gift und Galle sprühen kann sie aber auch, so in Orlandinis „Tutta furie e tutta sdegno“. Drei Arien stammen aus Händels Agrippina-Oper, so „Ogni vento“, wo auch eine gesunde tiefe Lage zu hören ist sowie eine großzügige Phrasierung, „Pensieri, voi mi tormentate“ mit raffiniert furiosem zweitem Teil und „L’alma ma fra le tempeste“ mit leicht hingetupften Koloraturen. Durchweg ein kongenialer Begleiter ist der Sängerin Il Pomo d’Oro unter Riccardo Minasi, ausgewiesener Experte, der aus dem erst seit 2012 bestehenden Ensemble bereits ein weltweit akklamiertes geschaffen hat (deutsche harmonia mundi 88875055982). Ingrid Wanja

Paul Asciak

 

Im Alter von 92 Jahren starb am 29. April 2015 der maltesische Tenor Paul Asciak in seinem Heimatort La Valetta. 1923 geboren war er einer der wenigen Sänger der Mittelmeer-Insel, die sich international eine Position erkämpft hatten. Das hat sich mit seinem Schüler Joseph Calleja drastisch geändert, der den Namen Maltas in die Welt trägt. Paul Asciak machte seine Karriere namentlich in Italien, auch in Großbritanien und Irland, war Flavio zur Norma der Callas, aber sang, wie im nachstehenden Text seiner offiziellen website nachzulesen ist, auch als Partner vieler berühmter und renommierter anderer Diven und Kollegen. Und er hatte ein breites Repertoire, das ihm von Wagner bis Bellini ein reiches Betätigungsfeld sicherte. Neben der besagten Norma (der Live-Mitschnitt der Callas aus London 1952) kam vor rund 15 Jahren eine CD mit ihm heraus (s. unten). G. H.

Pau Asciak als Canio/Paul Asciak Website

Pau Asciak als Canio/Paul Asciak Website

Paul Asciak was born in Valletta, Malta on January 28, 1923. His talent showed early enough and he spent years of singing in the famed Schola Cantorum at St James Church, Valletta under the direction of Maestro Carlo Diacono one of Malta’s foremost composers. He started taking his first singing lessons with Maltese tenor Nicoló Baldacchino. He made his operatic debut as Turiddu in Mascagni’s Cavalleria Rusticana at the Radio City Opera House in Malta in 1946. In January 1950 after being coached by Mro Luigi Cantoni, Paul Asciak took the role of Radames in Verdi’s Aida with the visiting Italian Opera Company „Impresa Cantoni“ at the Radio City Opera House in Malta. In the same year Asciak was invited to sing with the visiting famous Italian tenor Tito Schipa and with the renowned Italian soprano Maria Caniglia in March and May respectively. He was encouraged to further his studies by the latter and he went to Rome in March 1950. Caniglia’s initiative led to Asciak’s being entrusted to Mro Alberto Paoletti of Rome’s Teatro dell’Opera. In 1951 he won the Concorso per Giovani Cantanti Lirici together with, among others, Franco Corelli and Anita Cerquetti. He was granted a bursary for voice and histrionic training under the guidance of Mro Luigi Ricci and Riccardo Picozzi at the Teatro dell’Opera, Rome. In the same theatre’s Spoleto production of Aida in 1951, Anita Cerquetti singing the title role, Asciak sang the part of Radames. During his stay in Italy, Paul Asciak sung various roles in various cities throughout Italy. He would have included La Gioconda and Un Ballo in Maschera in his repertoire were it not for the fact that he had to leave Italy and go to London to join the Royal Opera House Covent Garden Company.

Im Buch verewigt: Paul Asciak

Im Buch verewigt: Paul Asciak

 

Asciak was a member of the Royal Opera House Covent Garden Company 1952 to 1954, and as guest artist up to 1958. He appeared over fifty times in various roles such as Melot in Tristan und Isolde, the Tenor Singer in Der Rosenkavalier, Flavio in Norma, Pinkerton in Madama Butterfly and Radames in Aida, apart from other operatic roles. He sang with the Welsh National Opera Company from its very early years, the Dublin Grand Opera, Carl Rosa Opera Company, and others up to 1961. He performed several times on BBC sound and vision as well as on ITV (1952-59). Other leading roles in the UK included Martha, Rigoletto, Il Trovatore, Cavalleria Rusticana, Pagliacci, La Fanciulla del West(BBC TV), Carmen, Balfe’s Bohemian Girland also the part of Arvino in I Lombardi.Asciak gave numerous concerts and recitals as well as Verdi’s Requiem, mainly in Wales. His guest appearances in Malta at the Radio City Opera House, the Orpheum Theatre, and the Argotti Gardens summer productions were eagerly looked forward to and received much critical acclaim. With visiting Italian companies he sung leading roles in Ernani, Carmen, Aida, Pagliacci, Il Trovatore and Verdi’s Otello. It is sad to recall that the last of the three performances of Il Trovatore, held on Sunday 25th November 1959, was the last opera performed in the final season at the Radio City Opera House, Hamrun. Throughout his operatic career other than the above, Asciak performed in the company of renowned singers like Maria Callas, Dame Joan Sutherland, Anita Cerquetti, Dame Joan Hammond, Amy Shuard, Ebe Stignani, Giulietta Simionato, Margreta Elkins, Anselmo Colzani, Carlo Tagliabue, Benvenuto Franci, Piero Cappuccilli, Peter Glossop, Sir Geraint Evans, Giulio Neri, Giacomo Vaghi, Ludwig Suthaus, Hans Braun and conductors like Anton Guadagno, Ottavio Ziino, Vittorio Gui, Peter Gellhorn, John Pritchard, Eric Kleiber, Sir John Barbirolli, Sir Charles Groves and others.

Paul Ascial als Duca di Mantova/Paul Asciak Website

Paul Ascial als Duca di Mantova/Paul Asciak Website

Asciak retired from the stage in May 1961 and dedicated his time to his family and teaching. He joined the Education Department in 1961 and retired as Head of Department of Music in 1984. In the meantime he was also Director of Music at St Edward’s College between 1967 and 1973. Between 1965 and 1988, he was also Honorary Representative of Trinity College of Music, London, for Malta and Gozo. He managed to conserve his voice up to an advanced age. During his term as General Manager at the Manoel Theatre, Malta’s National Theatre, he went to Poland in 1989 to engage an opera company for an open air season in Malta. He was asked to replace the tenor in the title role of Verdi’s Otello during the dress rehearsal for the first night which was scheduled for the following day. This was the only solution to avoid cancelling the performance.

Asciak lent his vast experience to a number of young Maltese singers by teaching them vocal technique and interpretation. In view of the setbacks caused by the second world war, it is surely through his pioneering spirit and that of other singers of the time that so many of today’s singers found the courage to pursue their studies abroad. It is undoubtedly with young tenor Joseph Calleja that his name will remain indelibly linked. Asciak has been Calleja’s sole tutor, and he still closely follows the increasingly renowned young opera star who is turning out to be one of the most successful Maltese opera singers of all times. (Paul-Asciak-website)

asciak ariasDokumente: A Portrait Paul Asciak (Orchestra and piano accompaniment; Songs and Arias by Russo-Nutile, De Curtis, Fusco-Falvo, Buzzi-Peccia, Bingham-Capel, Puccini, Giordano, Verdi, Cilea and Leoncavallo) Live recordings 1950s, first time release on CD Michael Storrs Music; (und als Flavio in der Live-Norma 1952 mit der Callas aus London 1951/EMI). Auf oben angegebener Website finden sich auch Filmclips mit dem Tenor in verschiedenen Rollen sowie weitere Details zu seinem Leben und seiner Karriere. Bei google findet man viele Hinweise auf den maltesischen Tenor und weitere Fotos (www.paulasciak.com; oben als Radamès). Zudem gibt es bei youtube einiges, so ein Interview mit dem Tenor.

Bidu Sayao

 

Unbestritten „wunderbar“ ist die brasilianische Sopranistin Bidu Sayao, deren hochkonzentrierte, silbrige Sopranstimme über die Zeit zu uns herüber leuchtet, wie vor allem auf den doch recht vielen Dokumenten (namentlich bei CBS/Sony) nachzuhören ist. Ihre Aufnahmen französischer mélodies und Arien vor allem sind bis heute unerreicht. 

Sayao als Mimì an der Met/CBS

Sayao als Mimì an der Met/CBS

Zuletzt öffentlich in Erscheinung getreten bei der Hundert-Jahr-Feier der Met – sie saß, immer noch eine schöne Frau, schmal und zierlich in der zweiten Reihe der illustren Met-Stars der Vergangenheit –, ist die Sopranistin Bidy Sayao (1904 – 1999/eigentlich Bolduina de Oliveira Sayao) vielleicht nicht mehr vielen Opernfans ein Begriff. Sie hatte in den Jahren ab 1943 an der Met eine unerschütterliche Position inne: als Susanna, Zerlina, Mimì, Juliette, auch als Violetta und Marguérite. Für Bruno Walter war sie ebenso wie für Erich Leinsdorf und viele andere große Dirigenten die ideale Verkörperung ihrer Rollen. Wie die Dokumente beweisen, war ihre Stimme für die kühle Schönheit des Timbres ebenso zu Recht berühmt wie für die Langlebigkeit und gesunde Technik. Als Schülerin des großen Sängers der Jahrhundertwende, Jean de Reszke, umspannt Bidu Sayao mit ihrer Kunst die Operngeschichte des letzten Jahrhunderts – Anlass für dieses Interview 1990 von Susan Gould (der renommierten amerikanischen Musikjournalistin-Journalistin, mit der ich die Ehre hatte, befreundet zu sein), das die  Ansichten und Grundsätze einer ebenso großen wie klugen Künstlerin widerspiegelt. Geerd Heinsen

Jean de Reszke: „Man fragt mich immer nach Jean de Reszke! Ja, er war sehr wichtig für mich, ich möchte aber über meine Erfahrungen mit mir sprechen! Hätte ich nicht schon mit 13 eine großartige Lehrerin gehabt, Helena Teodorini aus Rumänien, die meine Stimme aufgebaut hat, dann hätte mich de Reszke nie als Schülerin genommen.“

Sayao als Juliette/OBA

Sayao als Juliette/OBA

Kaum hatte ich Bidu Sayaos Apartment im Mayflower Hotel in New York betreten (wo sie den Winter verbringt, den Rest des Jahres lebt sie in ihrem Haus in Maine), da geriet ich sofort in den Bann der zierlichen Frau. Überschäumend und energiegeladen war sie während ihrer ganzen Karriere gewesen, und so findet man sie noch heute bei den Musikereignissen in New York. Erstaunlich frisch ist sie mit ihren 85 Jahren („Bitte nennen Sie mein wirkliches Alter. Ich bin nicht 1902 geboren, wie Herr Rasponi in seinem Buch schreibt. Dann wäre ich ein echtes Phänomen!“). Ihr Charme und ihr Temperament sind geradezu ansteckend. Ich war fasziniert von ihrem Esprit, musste aber zunächst einige Fragen zu de Reszke stellen. Sie nahm an einem kleinen Tisch mit Blick auf den Central Park Platz und sprach über ihre „Erfahrung mit mir“ und de Reszke. Die erste Platte, die ich wirklich anhörte, war Caruso in ‚Ridi, Pagliaccio‘ . Ich hörte sie mir an, wenn ich allein war, und spielte das ganze so lange, bis ich die Platte ruiniert hatte. Am meisten beeindruckten mich sein Schluchzen und Lachen. Das war mein erster Operneindruck! Als ich elf Jahre alt war, nahm mich meine Mutter in eine Matinee des Barbiere mit – das war später meine erste Oper! Die große spanische Koloratursängerin Maria Barrientos und Tito Schipa sangen – im Traum hätte ich nicht gedacht, dass ich später so viele Opern mit ihm singen würde! Zwei Jahre später begann ich dann mein Gesangsstudium, nicht weil ich dachte, ich würde Sängerin werden – ich hatte ja gar keine Stimme: Ich wollte Theater spielen! Das war nun wirklich ein Tabu in unserer Familie. Meine Mutter und mein Bruder, der 16 Jahre älter und wie ein Vater für mich war, sagten: ‚Nie!‘ Damals war es eine Schande für eine Familie, wenn die Tochter Schauspielerin werden wollte.  Da war Gesang noch das kleinere Übel. So landete ich bei einer wunderbaren Gesangslehrerin, Helena Teodorini, die zu ihrer Zeit eine bedeutende Künstlerin galt. Und das sollte mein großes Glück sein. Natürlich war ich zu jung, Mme. Teodorini wollte mich nicht nehmen, denn mit 13 ist eine Stimme nicht reif genug. Als ich heulte, meinte sie: ‚Na, vielleicht ein paar Vokalisen‘. Ich hatte wirklich eine kindliche Stimme, vier oder fünf Töne. Aber nach einem Jahr Übungen, nie auch nur ein Ton eines Liedes – ich war ungeheuer geduldig – machte ich große Fortschritte.

Manchmal denke ich, es ist gut, wenn Gott einem nicht gleich eine Stimme verliehen hat, denn dann muss man kämpfen und hart arbeiten, um Erfolg zu haben. Wenn man von Natur aus eine herrliche Stimme besitzt, studiert man nicht so ausdauernd; man singt bald und zu schnell in der Öffentlichkeit. Man hat keine solide Technik, bekommt früher Stimmprobleme und versteht nicht, was nicht mit einem in Ordnung ist, weil alles so natürlich kam und man so leicht Karriere machte. Und scheitert früh und ist ausgesungen. Wie viele Sänger habe ich so scheitern sehen!

Sayao als Susanna mit Lawrence Tibbett/OBA

Sayao als Susanna mit Lawrence Tibbett/OBA

Nachdem ich lange genug bei Mme. Teodorini gewesen war, um vor Publikum zu singen, nahm sie mich nach Bukarest mit – natürlich begleitete mich meine Mutter, ich war ja noch so jung. Ich sang für Königin Maria von Rumänien, der meine Stimme gefiel. Ich lernte rumänische Lieder; und als sie einen großen Empfang für Kronprinz Hirohito von Japan gab, sang ich auch für ihn (ein Jahr später wurde er Kaiser). Das Publikum bestand aus gekrönten Häuptern. Ich trug eine reich bestickte bäuerliche Tracht, die mir meine Lehrerin geschenkt hatte. Ich sang drei rumänische Lieder, die ich phonetisch gelernt hatte. Das war mein erster öffentlicher Auftritt!

Schließlich musste ich Mme. Teodorini verlassen, denn sie war schon sehr alt, und mir einen anderen Lehrer suchen. Ich war damals noch nicht 17 und fühlte mich sehr einsam. Meine Technik war gut, ich konnte Koloraturarien singen, aber mir fehlte die Erfahrung. Man riet mir, nach Paris zu gehen und bei de Reszke das französische Liedrepertoire zu studieren. Ich sang ihm in Nizza vor, wo er unterrichtete. Er sagte, ‚Sie sind sehr jung, aber Sie haben eine gute Technik. Ihre Stimme ist klein, aber schön im Timbre. Wenn Sie in Nizza bleiben wollen, dann werde ich Sie unterrichten.‘ Der Name de Reszke ist heute eine Legende, und er war es schon damals. Er stammte aus einer Familie, deren drei Kinder alle berühmte Sänger wurden, er als Tenor allen voran. Sein jüngerer Bruder war ebenfalls ein berühmter Sänger, Bruder Edouard war Bass, seine Schwester Sopran. Beide zählten zur Spitze, aber Jean war einmalig gewesen: Er konnte in einer Woche den Tristan, Tannhäuser und Siegmund singen und in der folgenden den Roméo. Er muss eine imposante Erscheinung gewesen sein, sehr elegant, mit enormer Bühnenpräsenz. Als ich ihm begegnete, war er bereits 89 Jahre alt, sehr korpulent und besaß keine Stimme mehr. Er hatte ein märchenhaftes Haus in Paris und die Villa in Nizza. Aber sein Leben war sehr traurig. Sein einziger Sohn war im Ersten Weltkrieg gefallen. Das war eine Tragödie für ihn und vor allem für seine Frau. Ich sah sie gelegentlich in Nizza, sie war wie ein Schatten, immer in Schwarz gekleidet.

Edouard de Reszke als Méphistophèles/OBA

Edouard de Reszke als Méphistophèlès/OBA

Ich hatte bei ihm drei Stunden in der Woche, darauf bestand er, und er hatte recht. Der Unterricht dauerte volle 60 Minuten – nicht wie man das heute macht und wahnsinnig viel Geld dafür verlangt. Er sagte zu mir: ‚Ich gebe keinen Gesangsunterricht, ich lehre Interpretation und den individuellen Stil eines Komponisten. Sie müssen die Bedeutung der Worte erfassen, Sie müssen an das denken, was Sie singen. Töne allein genügen nicht – hinter den Tönen stehen die Worte, dann kommt die Interpretation ganz natürlich.‘ Wir studierten Diktion und Aussprache. Er sagte: ‚Auch wenn das Publikum die Sprache nicht versteht, muss es die Worte durch die Töne verstehen. Sie haben Ihre Technik, aber Sie werden natürlich jeden Tag studieren und  Vokalisen singen.‘ Zuerst also die Vokalisen, dann Lieder, einige Arien, vor allem von Mozart, Händel, die frühen italienischen Komponisten, dann Grétry, Gluck, schließlich Chausson, Debussy, Ravel, Fauré, ja sogar einige „moderne“ Italiener und Spanier. De Reszke erarbeitete mit mir die Arie der Ophélie die sang ich bei meinen Recitals, und den Walzer aus Roméo et Juliette.

Immer wenn de Reszke für eine Woche nach Paris fuhr, nahm er seine Lieblingsschüler mit. Wir wohnten in seinem Palast (es war wirklich ein Palast!), er veranstaltete musikalische Soiréen mit uns. Er hatte eine Bühne bauen lassen –  das war eine fantastische Erfahrung! Man lernte, sich auf dem Theater zu bewegen, aber auch gute Manieren, schönes Französisch, den Stil der Sprache. Die Franzosen verstehen sehr viel von Diktion.

Jean de Reszke als Roméo/OBA

Jean de Reszke als Roméo/OBA

Was de Reszke damals mit uns machte, würde man heute als Meisterklasse bezeichnen. Heute macht ja jeder Meisterklassen, auch wenn die Leute gar nicht wissen, was das ist. Aber das waren wirklich welche. Nichts ist mit dem zu vergleichen, was ich bei ihm gelernt habe. Selbstverständlich wurde meine Stimme besser bei diesem wunderbaren Training in Diktion, Aussprache und Wortprojektion. Da wirkte alles zusammen. De Reszke rührte nie an meine Stimme, er wollte sie nicht verletzen. Er sagte, ‚Sie sind jetzt eine Koloratursängerin, weil Sie sehr jung sind, aber mit 30 wird Ihre Stimme runder sein, und Sie können ein bisschen lirico versuchen – Juliette, Massenets Manon, vielleicht Mimì, aber sonst keinen Puccini.‘ Das ist der Grund, warum meine Karriere 30 Jahre währte! Ich habe nie etwas gesungen, was meine Karriere hätte verkürzen können. Ich hatte viele Angebote, Partien wie die Butterfly zu singen, für mein Leben gern, auch Tosca, Manon Lescaut. Ich hasste mein Repertoire, ich hasste das Koloratursingen. Aber ich kannte meine Stimme – und verzichtete.

Joséphine de Reszke (1855 - 1891)/OBA

Joséphine de Reszke (1855 – 1891)/OBA

Meine ganze Karriere hindurch musste ich auf die Partien verzichten, die ich mir eigentlich wünschte! Im zweiten Jahr sagte er, ‚Sie müssen eine Oper einstudieren. Sie werden auf der Bühne stehen‘. Und ich entgegnete, ‚Maestro, meine Stimme ist zu klein für die Oper, man kann mich nicht hören‘. Er erwiderte, ‚Das Volumen ist klein, aber so, wie Sie singen, die Methode, die Sie bei mir gelernt haben, zusammen mit einer deutlichen Aussprache, das alles wird Ihre Stimme tragen. In einigen Jahren werden Sie die Juliette singen. Ich werde es Ihnen beibringen Ich habe es selbst mit den Berühmtheiten meiner Zeit gesungen, einschließlich der Melba. Sie werden es so singen, wie es die Sopranistinnen früher sangen.‘ So begannen wir. Am Klavier saß Reynaldo Hahn, der Komponist – oh, es war herrlich. Wir hatten schon gemeinsam neue Lieder einstudiert, darunter auch seine eigenen. Nun erarbeitete er mit mir die Juliette. Ich übte mit ihm, dann vor dem Maestro. So lernte ich den Stil, die Musikalität, das Gefühl.

Was für ein schöner Mann: Jean de Reszke als Tristan/OBA

Was für ein schöner Mann: Jean de Reszke als Tristan/OBA

Ich arbeitete mit de Reszke in seinen beiden letzten Lebensjahren. Als er sagte, er wolle nun nicht mehr unterrichten, weil er sich sehr krank fühle, war ich bestürzt und unglücklich. Aber ich dachte, nun muss ich sehen, ob ich Oper singen kann. Während eines Italien-Urlaubs lernte ich Emma Corelli kennen, die Managerin des Teatro Costanzi in Rom, die zu ihrer Zeit eine große Sängerin gewesen war. Ich sang einige Arien vor: Caro nome„, Una voce poco fa und ähnliches. Ich hatte keine einzige Schauspielstunde gehabt, als ich Mme. Corelli vorsang, ich hatte noch keinen Ton auf der Bühne gesungen – und sie sagte, ich solle im Barbiere di Siviglia debütieren! Ich konnte es nicht fassen. Meine Mutter war so aufgeregt, dass sie gleich sagte, „Nein, Du gehst nicht zur Bühne!“ Worauf ich erwiderte, „Mama, das ist mein Schicksal. Wenn ich scheitere, dann werde ich es nie wieder versuchen, aber lass mich es wenigstens versuchen. Das ist eine phantastische Chance!“ Die Besetzung be­stand nur aus Berühmtheiten: Galeffi de Angeli – ein einzigartiger Bass, Azzolini, und der Tenor war Tito Schipa! Es gab keine Orchesterprobe, denn der Barbiere war im Repertoire, und die Sänger wollten keine Proben mehr haben. Stellen Sie sich vor, ich war noch keine 18, hatte noch nie einen Ton auf einer Bühne gesungen! Auch der Dirigent, Ettore Vitale, war berühmt. Er saß in der Ecke und hörte zu, während ich mit dem Korrepetitor Ricci arbeitete. Mit Galeffi und Schipa probte ich ein bisschen, damit wir in den Duetten übereinstimmten, das war alles. Soweit also mein Debüt. Das war ein Erfolg, und meine Mutter musste mir ihre Zustimmung geben.

Als Künstlerin – ich hoffe, ich darf mich als solche bezeichnen – überträgt man den Stil und die Eleganz des Liedgesangs auf die Opernarbeit. Wir haben gelernt, dass beim Liedgesang der Ausdruck nicht durch Gesten oder Bewegungen entsteht, sondern mit den Augen, denn man steht völlig ruhig da. Ich meine den Liedgesang, nicht Konzertarien. Entweder man ist, oder man ist nicht! Ich liebte die Liederabende. Wenn man sein Publikum nicht mit dem ersten Lied in Bann schlägt, dann gelingt es nie. Eine Art von Fluidum geht auf das Publikum über; und es teilt mir mit, dass es mich hören will – sooft man singt, ist es ein Debüt.

Sayao als Ophélie/OBA

Sayao als Ophélie/OBA

Begegnung mit Giuseppe Danisi: Ich fuhr dann nach Neapel, um die Gilda zu singen. Das Teatro San Carlo war der große Rivale der Scala und des Costanzi. Giuseppe Danisi war dort der Rigoletto. Zu Beginn seiner Karriere hatte er drei Jahre in Russland gesungen und war dann mit einem sagenhaften Ruf und einem großen Repertoire nach Italien zurückgekehrt. Dort begann seine Weltkarriere. Als ich  ihn  am San Carlo zuerst in der Forza hörte, war ich ungeheuer stolz, dass ich mit diesem großen Bariton singen würde! Ich musste  viel herumreisen, in Rom Manon auf Italienisch singen, in Paris Rigoletto auf Französisch, wie es damals üblich war. Es war schrecklich, man stelle sich Wagner auf Französisch,  Carmen auf Deutsch vor! Aber es war ein gutes Training für eine junge Sängerin. Danisi und ich verliebten uns ineinander und heirateten. Mittlerweile hatten wir auch Puritani und Traviata zusammen gesungen, neben einigen anderen Opern. Aber dann sagte er, „Zwei Sänger in einer Familie, das ist nicht gut. Ich habe meine Karriere gehabt, ich höre auf, solange ich noch bei guter Stimme bin, dann kann ich Dich und andere unterrichten.“ Er war 20 Jahre älter als ich. Er war ein wunderbarer Lehrer, sehr streng und sehr anspruchsvoll. Wie de Reszke betonte er stets die Bedeutung der Worte und sagte, Das Rezitativ ist die Vorbereitung der Arie, besonders bei Bellini, Verdi, Mozart – mitunter ist es wichtiger als die Arie und die Cabaletta. Bekommt es nicht den richtigen Stellenwert, dann verliert auch das Folgende seine Bedeutung.“ Natürlich half es mir, dass ich Französisch und Italienisch sprach, wie die meisten Sänger damals. Als ich in Amerika ankam, verstand ich jedoch kaum Englisch. Ich hatte einen englischen Liedbegleiter, er lehrte mich englische Lieder – phonetisch. Ich wusste zwar, was ich sang, aber es kam nicht von innen heraus. Später dann, als ich Englisch sprach, da hätten Sie den Unterschied hören sollen! Die Grundstimmung war eine ganz andere.

Sayao als Fiora von Montemezzi/OBA

Sayao als Fiora von Montemezzi/OBA

So ließ ich viele Gelegenheiten aus, die Sophie im Rosenkavalier einzustudieren. Sie hätte mir ausgezeichnet gelegen, aber ich sagte Nein, denn ich hätte nicht nur Deutsch lernen müssen, sondern Wienerisch. Die Zerbinetta sang ich auf Italienisch, in Italien, mit Antonino Votto! Ich studierte ein umfangreiches Repertoire mit meinem Mann (der Bariton Giuseppe Danisi), und nach und nach konnte ich in das eher lyrische Repertoire überwechseln, aber zunächst noch sehr behutsam. Später dann in Amerika, bot man mir die Fiora in L’amore dei tre Re an, mit dem Komponisten Montemezzi selber am Pult. Ich studierte das mit ihm zusammen ein, aber mein Mann meinte: „Nein, den 1. Akt kannst Du singen, aber der 2. hat eine Orchestrierung wie Wagner, und Du stehst sehr weit weg, oben auf dem Turm, also wirst Du forcieren und Deine Stimme ruinieren.“ Auch auf die Desdemona verzichtete ich. Ich sang die Arie im Konzertsaal, aber nie in der Oper. Das Duett mit Otello im 3. Akt ist sehr dramatisch, da braucht man Volumen, eine kräftige Mittellage, und beides hatte ich nicht.

Sayao als Manon an der Met/CBS

Sayao als Manon an der Met/CBS

Junge Sänger: Ich war später eine Zeit lang Jurymitglied bei Gesangswettbewerben. Die meisten jungen Sänger sind nicht sorgsam! Ich nahm an einem Wettbewerb in New York und einem in New Jersey teil. Ich habe mindestens dreihundert Sänger gehört – alle haben forciert. Alle wollten uns beeindrucken, zeigen, dass sie große Stimmen haben. Ich bat sie, mit ihrer eigenen Qualität zu singen, Quantität würde mich nicht beeindrucken. Sie gingen aufs Podium und brüllten – alle! Ich predige ihnen, nichts zu überstürzen, aber heutzutage gibt es so viele Verlockungen, TV, Platten­aufnahmen, Film. Ich ziehe Jurys vor, die nur mit Sängern besetzt sind. Es ist unser Metier, wir kennen alle Probleme. Doch am Ende vergibt die Organisation drei Preise, wir müssen dem einen oder anderen den Preis zuerkennen; und manchmal haben wir den Eindruck, der Falsche habe ihn gewonnen. Das ist sehr unangenehm, denn wir haben uns um eine faire Entscheidung bemüht.

Sayao als Violetta auf einer Fanpostkarte/ebay

Sayao als Violetta auf einer Fanpostkarte/ebay

Aber ich wollte niemals selber unterrichten. Ich hatte genug vom Studium, ich hatte wirklich keine Lust zu mehr. Heute hat auch keiner mehr die Geduld, die ich zu Beginn meiner Karriere hatte, nämlich ein Jahr lang nur zu üben, ehe man Lieder und Arien singt, alle diese legati, staccati, picchiettati usw. Heute machen sie eine Minute Vokalisen – und das wäre es dann. Manchmal fragen mich junge Sänger, ob ich ihnen helfen würde. Ich gebe keinen Unterricht, ich berate sie in Fragen der Interpretation, wie damals de Reszke. Sie müssen mehr als einmal in der Woche kommen, sonst hat ein Unterricht keinen Sinn. Aber die jungen Sänger haben keine Zeit, beteuern, dass sie alles in die Klavierauszüge notieren würden. Und was passiert? In der folgenden Woche haben sie alles vergessen, was ich ihnen gesagt hatte. Das ist die Normalität heute. Alle wollen viele Arien singen. Aber auf eine Arie muss man sich konzentrieren – mit vielen Vokalisen, dann sitzt sie für immer. Außerdem werden heute für eine Unterricht exorbitante Preise verlangt. Wie sollen die jungen Leute das bezahlen? Sie müssen dafür arbeiten, gehen kellnern, sind müde von der Arbeit und können sich nur eine Stunde pro Woche leisten. Das ist zu wenig, das ist verschleudertes Geld. Das ist gut für den Lehrer, aber nicht für die Schüler! Ich würde nur 50 Dollar verlangen, sonst ließe mich mein Gewissen nachts nicht schlafen. Aber dann würden die Schüler nicht zu mir kommen, weil sie dächten, ich tauge nichts. Ich müsste so viel verlangen wie die anderen, dann würden sie sagen, „Ah, sie muss sehr gut sein, sie ist teuer!“ Zudem nehmen viele Lehrer Geld von Leuten, die keine Aussicht auf Überleben und Erfolg haben. Wenn mein Mann einen Schüler eine Zeit lang unterrichtet hatte und sah, dass es an Musikalität und Gefühl für Darstellung fehlte, dass er keine Fortschritte machte, sagte er, „Mein Lieber, Sie sind nicht zum Sänger geboren, ich will keine Zeit vergeuden, Ihre nicht und meine nicht. Sie werden nie ein erstklassiger Sänger sein, bestenfalls ein comprimario. Das ist meine Meinung, ich muss ehrlich zu Ihnen sein.“ Der Schüler ging, nahm sich einen anderen Lehrer, gab noch viel mehr Geld aus und machte nie Karriere. Ehrlichkeit wurde nicht geschätzt, und das ist heute nicht anders. Aus diesem Grunde lasse ich niemanden mehr vorsingen. Ich habe mir früher immer gerne junge Leute angehört, umsonst, aus Dankbarkeit gegenüber diesem Land, in dem ich eine so wunderbare Karriere hatte. Aber das mache ich heute nicht mehr, es ist zu frustrierend.

Die alte Met/OBA

Die alte Met/OBA

In Amerika: 1936 kam ich zum ersten Mal nach Amerika, als Touristin. Ich hatte damals keine Absicht, in Nordamerika Karriere zu machen. Ich war selig, im Zuschauerraum der Met zu sitzen! Ich besuchte Maestro Toscanini, den ich von der Scala kannte. Er lud mich ein, in der Carnegie Hall zu singen. Wie hätte ich Nein zu Toscanini sagen können? Allerdings wandte ich ein: „Maestro, niemand kennt mich hier, niemand weiß was ich gesungen habe.“ Und er sagte „Reicht es nicht, dass ich Sie vorstelle?! Sie werden drei Aufführungen  der Damoiselle élue mit mir in der Carnegie Hall singen.“ Ich hatte dann das Glück, dass sich damals Lucrezia Bori, die große Sopranistin, von der Bühne ziemlich plötzlich zurückzog. Sie beherrschte dort mein lyrisches Repertoire, nicht das Koloraturfach. Die Met hatte in diesem Jahr Manon und Roméo et Juliette für die Bori geplant, und sie hatten keinen Ersatz für sie! Erst später erfuhr ich, dass Toscanini den Met-Direktor Edward Johnson angerufen hatte, er solle mich nehmen, da mein Französisch perfekt, ich sehr gut vorbereitet und sehr musikalisch sei. Der Maestro selber hat mir das nie erzählt. Das habe ich von Bruno Zirato, dem Manager des New York Philharmonic, ein guter Freund von ihm. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, für Maestro Toscanini und für die Met, und blieb für immer hier. Können Sie sich das vorstellen? Arthur Judson, der Präsident von Columbia Artists Management, engagierte mich für eine Recital-Tournee. Ich sang soviel landauf, landab und an der Met, dass ich keine Zeit mehr hatte, nach Südamerika zu gehen, außer um dort als Sängerin aufzutreten. Ich bin auch nie mehr nach Europa gekommen, obwohl ich dort eine hübsche Karriere aufgebaut hatte, vor allem in Frankreich, Italien und dem Balkan. Natürlich verhinderte der Krieg eine Rückkehr für viele Jahre. Amerika nahm mich, die unbekannte Sängerin, mit offenen Armen auf. Hier fand ich ein neues Leben, und jetzt lebe ich schon mehr als fünfzig Jahre hier.

Auch im Alter eine schöne Frau: Bidy Sayao/Foto Opera News

Auch im Alter eine schöne Frau: Bidu Sayao/Foto Opera News

Was beschäftigt Sie heute, neben Ihrer Tätigkeit bei Gesangswettbewerben?  That’s it mostly. Ich besuche Freunde, gehe in Konzerte und Liederabende, weniger in die Oper; ich habe davon genug. Ich liebe symphonische Musik, ich besuche Parties, was ich nie konnte, solange ich sang, denn mein Leben stand ganz im Zeichen meiner Karriere. Mein Mann und ich kauften 1947 ein Haus in Maine. Dort verbrachten wir den Sommer. Ich konnte mich erholen, neue Rollen einstudieren, mein Recital-Repertoire erweitern. Zwei Monate lang nahm ich keine Engagements an. Den Rest des Jahres lebten wir in New York, viele Jahre im Ausonia-Hotel, wo es Apartements gibt. Caruso hatte dort gelebt, einige Zeit auch Toscanini, und viele Sänger und Dirigenten. Jetzt ist es umgekehrt, ich bin zwei Monate in New York, die übrige Zeit verbringe ich in meinem Haus in Maine. Dort erhole ich mich. Ich lese sehr viel, arbeite in meinem Garten und besuche Freunde – aber ich höre kaum Musik! Das war übrigens ein weiterer Grund für meine erfolgreiche Karriere: Ich ruhte mich im Sommer aus. Heute singen die meisten Sänger das ganze Jahr, und dann sind sie ausgebrannt. Die Stimmbänder sind auch nur menschlich. Man kann sie nicht austauschen wie die Saiten eines Instruments, wenn sie verschlissen sind. Man muss seine Stimme lieben, sie hegen, sonst verliert man sie. Pavarotti und Domingo singen fast jeden Tag. Mein Gott! Und sie reisen immerzu. Ich begreife nicht, wie sie das aushalten. Man kann auch nicht jeden Tag eine andere Partie singen, ohne Zeit zur Vorbereitung und zum Nachdenken zu haben. Ich habe immer einige Tage gebraucht, um eine Partie wirklich zu durchdringen, die ganze Atmosphäre in mich aufzunehmen, sonst wäre alles mechanisch gewesen. Genau das sind die heutigen Sänger zuweilen. Man gibt die Seele hin, um zu singen, danach fühlt man sich leer, man ist nicht mehr die eigene Person. Der Geist muss arbeiten, nicht bloß die Stimmbänder. Man kann es nicht deutlich genug sagen, damit es die junge Generation verstehen lernt, sonst ist die Oper sehr bald am Ende!

Der Stolz von Brasilien: Sayao in Comic-Heften/OBA

Der Stolz von Brasilien: Sayao in Comic-Heften/OBA

Befürchten Sie, dass es dahin kommen wird? Manchmal ja. Nicht weil es keine Sänger gibt ­ da liegt ja das Problem. Jeder singt! Dreihundert Sänger in einigen Wettbewerben. Aber wer ist die wirklich große Sängerin wie Maria Callas, wenn sie gut bei Stimme war? Selbst wenn sie nicht so gut bei Stimme war – sie war für mich die allergrößte! Und Tebaldi, Simionato, Pinza. Wer trat an Pinzas Stelle? Keiner. Und dann die Tenöre und Baritone …

Es gab doch Siepii! Gewiss. Er war ein großer Sänger, und Ramey ist auch einer, aber eben nur einer zu einer bestimmten Zeit. Früher gab es fünf Bässe wie Pinza in Italien. Und ich weiß nicht, wie viele wunderbare Sopranistinnen. Heute wundert man sich schon, wenn man einen wirklich exzellenten Sänger findet. Ich frage mich, wer an die Stelle der Berühmtheiten von heute treten wird. In den letzten Jahren habe ich nur wenige wirklich vielversprechende Sänger gehört, und selbst darunter waren viele, die zu früh an schwere Partien herangegangen waren, die sagten, sie seien Verdi-Sänger – und dann mit 35 Jahren keine Stimme mehr hatten.

Wie oft haben Sie in der Woche gesungen? Manchmal habe ich drei Liederabende in einer Woche gegeben, mit Reisen dazwischen, das war sehr anstrengend. Vor allem während des Krieges, wegen der beschränkten Transportmittel. Natürlich sang ich damals mehr als üblich. Sie können sich nicht vorstellen, in wie vielen Lazaretten ich gesungen habe! In der Oper hatte ich natürlich einen ganz anderen Rhythmus. Ich wurde pro Vorstellung engagiert, nicht pro Woche. Ich sang einmal, manchmal zweimal, und nur selten dreimal pro Woche. Einmal musste ich nach der Mimì am  nächsten Nachmittag die Rosina singen, das war hart!

aus ganz jungen Jahren...Sayao als Manon/Wiki

aus ganz jungen Jahren…Sayao als Manon/Wiki

Welches war Ihre schwerste Partie? Meine letzte Partie, ehe ich mich von der Bühne zurückzog: die Margherita im Mefistofele von Boito! Ich mochte die Marguerite im Faust nie singen, warum, weiß ich nicht, aber die andere, die liebte ich. Sie ist sehr viel dramatischer. Ich wusste, dass ich vorhatte, mich zurückzuziehen, also ging ich zu Maestro Merola in San Francisco und sagte, dass ich das schrecklich gerne singen würde. Er meinte, das sei nichts für mich, es sei zu schwer. Ich erinnerte ihn daran, dass ich immer alles gesungen hatte, was er wollte, und nun wollte ich mal etwas. Er willigte schließlich ein, aber im Gegenzug sollte ich die Nedda singen. Das war viel schlimmer. Die Rezitative lagen meiner Stimme nicht, aber ich sang beides. Ich glaube nicht, dass ich eine gute Nedda war, aber als Margherita war ich in Ordnung. Und ich bin sehr glücklich, dass ich die Partie gesungen habe! Das war mein Abschied von der Bühne. Sehr schwierig war für mich auch die Traviata. Im ersten Akt muss man stimmlich leicht klingen. Wir sangen ja stets in der Originaltonart. Für mich war der 2. Akt sehr schwer, der 3. war nicht schlecht. Bei dieser Partie haben fast alle irgendwelche Schwierigkeiten. In dieser Rolle konnte ich es meinem Mann nie recht machen. Das beste, was er sagte, war: „Nicht schlecht!“

Sayao als bezaubernde Mimì/Wiki

Sayao als bezaubernde Mimì/Wiki

Sie haben sich sehr oft über die Bedeutung der Worte und der Interpretation geäußert. Bei Ihrem Debüt an der Met – Sie sangen die Manon – schrieb die New York Times, ihre Stimme sei zum Vehikel des dramatischen Ausdrucks geworden. Sie brachten also zur Anwendung, was Sie und Ihre Lehrer während Ihres Studiums gemeinsam erarbeitet hatten. Sicher, das kam aber auch daher, dass ich nie Sängerin werden wollte, sondern Schauspielerin! Ich habe also gespielt. Wenn ich wieder auf die Welt käme, würde ich kein zweites Mal Sängerin, sondern Schauspielerin! Wenn ich heute Sängerin wäre, hätte ich Schwierigkeiten mit den Regisseuren, denn heute sind die die wahren Primadonnen. Sie sagen dem Sänger, wie er zu sitzen, wie er ein Glas zu nehmen, wie er es abzusetzen hat! Ich könnte das nicht. Ich war völlig spontan, ich änderte das je nach Laune, führte die gleiche Geste nie auf die gleiche Weise in zwei Vorstellungen aus. Natürlich ist es wichtig, dass einem der Regisseur sagt, durch welche Tür man kommen, in welche Richtung man gehen soll, sonst würde alles durcheinander geraten. Meine Interpretation aber war meine eigene, niemand rührte daran. Manche Opern hatte ich nie gesehen, ehe ich sie sang, daher konnte ich niemand kopieren. Es waren meine Gefühle. Pelléas beispielsweise – ich liebte Partien wie die Mélisande, denn da konnte ich wirklich spielen! Im nächsten Leben könnte ich vielleicht auch Tänzerin sein. Ich liebe das Ballett, ich liebe schöne Menschen! Aber sie hören früh auf, wenn sie einen guten Eindruck hinterlassen wollen.

Glamorous Bidu Sayao/Wiki

Glamorous Bidu Sayao/Wiki

Viele sind der Meinung, dass Sie viel zu früh von der Bühne abgetreten sind? Ich habe das richtige getan! Ich hätte auch weitermachen können, ich hatte noch viele Liederabende vor, und ich wollte noch nach Brasilien, um addio zu sagen, doch dann wurde ich eingeladen, nochmal Debussys Damoiselle elue in der Carnegie Hall zu singen; zwar ohne Toscanini, aber doch wie bei meinem amerikanischen Debüt vor mehr als 20 Jahren. Der Text ist so herrlich, und das Werk hatte mir solches Glück mit Toscanini gebracht, dass ich zusagte. Ich dachte: Das ist der Augenblick, um Abschied zu nehmen! Mein Mann meinte: Überlege dir das genau, denn wir müssen alles andere absagen. Vielleicht wirst du es bereuen und dich nicht zurückziehen wollen. Wenn du es aber immer noch willst, dann endgültig! Der Entschluss fällt schwer, denn das Leben eines Künstlers ist voll von Glanz und erregenden Dingen, man hat immerzu Menschen um sich, Blumen, Fotografen, Interviews, Applaus, Reisen… Plötzlich hört alles auf, eine große Stille und Lere umgibt einen, das ist besonders hart, wenn man noch bei Stimme ist. Dennoch tat ich es. Bei meinem letzten Konzert sagte ich, dass ich mich nun zurückziehe und alle meine Konzerte abgesagt hätte, obgleich die Kritiken immer noch gut waren. Ich sagte, dass ich keine Note mehr singen würde, und das tat ich auch – ein Jahr lang. Dann rief mich Villa-Lobos an, er wollte The Forest of the Amazon aufnehmen. Er hatte die Musik zu dem Film Green Mansions komponiert, die man nicht weiter verwendet hatte. Deshalb war er wütend und beschloss eine Schallplatte davon zu machen – mit mir. Er drängte sehr, wir waren befreundet, außerdem war er krank. Ich begann also mit einigen Vokalisen, um meine Stimme wieder in Form zu bringen. Es ist eine herrliche Musik, sehr symphonisch. Er setzte die Stimme ein wie ein Vogel im Walde, sehr hoch und schwebend. Ich fühlte mich wie eine Flöte oder Oboe. Ich sagte: „Warum bin ich überhaupt da, Sie hätten ein Instrument verwenden können.“ Er kehrte dann nach Brasilien zurück, sechs Monate später starb er. Und ich habe niemals wieder gesungen.

Sayao vor dem Konservatorium von Rio de janairo/CSRB

Sayao vor dem Konservatorium von Rio de Janeiro/CSRB

In der Tat habe ich, und viele andere auch, den Namen Villa-Lobos immer mit dem Ihren verbunden, eben wegen der Bachianas Brasileiras Nr. 5. Sie haben das zum ersten Mal und Maßstab setzend aufgenommen, damals dirigierte der Komponist. Es war eines der ersten Alben, die meine Mutter für uns kaufte. Ich war damals noch ein Kind und habe es immer und immer wieder angehört. Kennen Sie die Geschichte dieser Plattenaufnahme? Ich hörte das Stück in einem Konzert in Brasilien. Es spielten acht Celli und eine Violine. Die Melodie blieb mir ihm Ohr. Ich ging zu Villa-Lobos, wir waren alte Freunde. Ich sagte ihm, dass ich das singen wolle, ob er es für eine Stimme einrichten könne. Er entgegnete: „Unmöglich‘ Wie kann ich es für eine Stimme einrichten, es ist für eine Geige!“ Ich erwiderte, ich würde den Geigenpart übernehmen, ich würde ihn summen. Ich habe immer meine Vokalisen gesummt. ehe ich auf die Bühne ging, um zu sehen, ob ich gut bei Stimme war. Er fragte, wie ich das machen wolle. „Summen kann die Geige imitieren“, antwortete ich. Schließlich sagte er, er würde Worte in den mittleren Teil einfügen. Er selbst schrieb den Text und machte ein Arrangement. Er würde dann im Aufnahmestudio entscheiden, ob es im Konzert gespielt werden könne. Wir gingen ins Studio von Columbia-Records, und ich wartete eine Stunde, während er mit den Celli arbeitete, denn es war sehr schwierig, sie alle in Einklang zu bringen, es sollte wie eine Gitarre klingen, wobei ein Cello die Melodie spielte. Damals waren Plattenaufnahmen schrecklich primitiv, da stand nur ein kleines Mikrofon vor mir. Schließlich sagte Villa-Lobos „Und nun alle zusammen! Keine Unterbrechung, auch wenn ein Fehler passiert, weitermachen!“   Es war sehr schwierig, den richtigen Abstand zum Mikrofon zu finden, aber ich machte das ganz instinktiv. Danach gingen wir in den Kontrollraum, und Villa-Lobos fand es in Ordnung. Zu mir sagte er: „Was meinen Sie?“ Ich hatte schreckliche Angst es nochmal machen zu müssen. Unglaublich, ein Take mit allen diesen rallentandi, die nicht drin stehen, denn er setzte die Musik und wollte dann andere Effekte, während man sie aufführte. Er behandelte die Stimme wie ein Instrument. Man musste einen Wahnsinnsatem haben, um diese endlosen Phrasen singen zu können. Diese Aufnahme war genau das, was ihm vorgeschwebt hatte, sie ist etwas ganz besonderes. Sie haben Recht, viele hörten damals meine Stimme zum ersten Mal.

Sayao: und noch einmal die Erfolgspartie der Manon, in Buenos Aires/OBA

Sayao: und noch einmal die Erfolgspartie der Manon, in Buenos Aires/OBA

Einige Ihrer Kollegen kam schließlich zum Film. Ich kann es nicht glauben, dass Sie niemand gefragt haben sollte, oder lehnten Sie ab? Einige Sänger haben Filme gedreht, Lily Pons z. B., aber das waren keine Opernfilme. Die Sänger sangen an einer bestimmten Stelle, selbst wenn das mit der Story nichts zu tun hatte. Sie sahen nicht gut aus auf der Leinwand, bis auf Lily, denn sie war hübsch und charmant. In den Hollywood­ Filmen mussten die Sänger singen, ob sie spielen konnten, war nicht wichtig. Doch ich wollte spielen. Damals verfilmte man keine ganze Oper so wie heute. Deshalb sang  ich keine Opernpartien im Film.

Schade, man stelle sich einen Film mit Ihnen und Schipa vor! Sie haben aber im Rundfunk gesungen und auch in einigen der frühen Fernsehprogrammen?  Oh ja. Zunächst gab es einige Radioprogramme: die Bell Telephone Hour, the Voice of Firestone u.ä. In den letzten Jahren meiner Karriere ging Firestone dann ins Fernsehen, und ich hatte drei Sendungen. Das war der erste Versuch, den sie im Fernsehen unternahmen. In dem Jahr, in dem ich mich zurückzog, wurde die Telephone Hour aus der Carnegie Hall übertragen: 13 Jahre hatte ich vier Radioprogramme pro Jahr mit ihnen gemacht. Als sie dann zum Fernsehen übergingen, hatte ich bereits aufgehört zu singen, es war also zu spät für mich. Firestone hingegen hatte bereits Shows mit mir gemacht und ebenso mit all den großen Sängern: Tebaldi, die Tenöre, die Bassisten – jetzt hat eine Gesellschaft alles aufgekauft und als Video überspielt. Sie wollten meine Zustimmung. Ich sah also eine Show, während die anderen noch in Vorbereitung waren. Ich muss gestehen, ich fand das sehr nett. Ich sang eine Arie, dann etwas aus der Lustigen Witwe, und ich tanzte auch! Dann sang ich Si mes vers avaient des ailes, das hatte ich mit dem Komponisten Reynaldo Hahn einstudiert. Es war rührend: Sie hatten einen kleinen Tisch mit einem Vögelchen hingestellt, denn der Text spricht davon. Meine Stimme klang ganz glockenrein. Ich sehe lustig aus, ein bisschen fülliger, als ich damals war, ein kleines rundes Gesicht. Mehr so wie heute. Damals wurde alles live gemacht. Wir probten von 9 Uhr bis 7 Uhr abends, dann folgte eine Stunde zum Ankleiden und Schminken. Und dann kam alles live! Wenn wir einen Fehler machten, dann blieb es so. Sie änderten nichts. Für uns war es etwas ganz Besonderes, das allererste Mal im Fernsehen aufzutreten.

sayao cbs quer

Übersetzung/Redaktion: Carola Dietlmeier/Textredaktion: Geerd Heinsen, Dank auch an Wolfgang Denker für die Texthilfe

 

Flórez als Rossinis Arnold

Das Problem mit Graham Vick ist, dass seine Inszenierungen wie die von Robert Carsen oft so tun, als ob sie neue Sichten vermitteln. Aber in Wirklichkeit wiederholt auch er nur seine bekannten Formeln: Updating in eine nahe Vergangenheit (gerne die Dreißiger oder die Fünfziger), zeitlich-stilistische Brüche in Kostümen und Optik, Mäntel, grelle Farben und weiße Treppen, eine nur scheinbare Modernität der Beziehungen und Gesten. Ich gebe zu, ich bin kein Fan von ihm, aber er ist aus der Riege der britischen Erfolgsregisseure noch einer der Ansehbarsten, auch wenn sich für mich seine Figuren stets im gleichen Ambiente wiederfinden, ob nun im Boris Godunov oder in Andrea Chénier oder hier im Guillaume Tell. Den gibt’s nun bei Decca starbesetzt aus Pesaro 2013, wo Vick, umjubelt aber auch stark bebuht, das Rossinisches Freiheitsdrama auf die Bühne brachte. Und man muss zugeben, dank der vielen Großaufnahmen von Tiziano Mancini für die RAI entgeht dem Zuschauer vieles an brutaler Pseudo-Marzialität, die das Pesareser Publikum so erzürnt hatte. Dabei zeichnet Vick durchaus auch Personen-Beziehungen, die anrühren –  so die zwischen Arnold und Mathilde, die im flotten Dreißiger-Fummel ganz bezaubernd aussieht. Arnold trägt gerne Hosenträger unter seiner feschen grünen Uniform und sieht auf dem ausgestopften Pferd ungemein sexy aus, während im weißen Kubus der allgemeinen Szene mit wechselnden Rundhorizonten sich viel Volk mit roten Halstüchern und offenen Hemden, Kattunkleidern und eben bergvölkisch-schlicht  gewandet der Freiheit widmet, soweit sie nicht von Geslers gemeinen Schergen darin unterbrochen werden. Paul Brown ist für die ebenso opportune wie palatable Arme-Leute-Optik verantwortlich, Ron Howell choreographierte das resche Ballett. Und das Ganze ist absolut ansehbar und tut niemandem weh. Oper für Besitzer von teuren Karten und für die große Flórez-Gemeinde. Denn die wartet ja nun sehnsüchtig auf diese Decca-DVDs. Und auf den ungekürzten Tell in Französisch.

Musikalisch ist da viel zu loben. Michele Mariotti am Pult des Orchesters vom Teatro Comunale Bologna entfacht ein wahres Feuerwerk in der Ouvertüre (inszeniert, wie ich das hasse) und vertieft Rossinis  wunderbare Melodien von Fischern, Revoluzzern und Alpenglühen, lässt seine Solisten atmen und gibt ihnen Raum für die Soli. Die Chöre aus Bologna (Andea Faidutti) sind erfahrene Darsteller und können  Freiheitswillen und Ländliches gleichermaßen „mit Schmackes“ produzieren – man versteht sogar la lingua francese, und das will was heißen. Star ist natürlich der Arnold von Juan Diego Flórez, dessen Stimme enorm an Fülle und Mitte (und sogar Farbe!) gewonnen hat. Er eifert Gedda nach und ist darin klug. Anders als sein Kollege Hymel singt er Rossini-erfahren seine reichlichen do´s aus der Mischstimme und nicht nur di petto. Und in diesem Rahmen ist die Stimme groß genug, denn Arnold ist ja kein Brüller á la Bonisolli, sondern ein sensibler, zerquälter Rossini-Tenor der hohen Virtuosität und der gemein hohen Lage mit baritonalen Notwendigkeiten. Flórez kann das, scheinbar fast mühelos meistens, legt sich die Partie klug zurecht (es wurden wohl mehrere Aufführungen mitgeschnitten, im Radio war das nicht ganz so leicht hingelegt). Und er sieht absolut sexy aus, kann sich bewegen, ist ein ganzer, stürmischer junger Zorniger, dem die Verliebtheit genau so gut ansteht wie die Rachegedanken, wo er im „Asile hériditaire“ an seine Grenzen gerät. Kein Wunder.  Ist auch eine gemeine, schwierige Arie gegen Ende der Oper. Ich finde Fórez absolut überzeugend und freute mich über diese Rollenerweiterung. Vielleicht ist er auf dem Wege in das Gedda-Fach eines Enée, Berlioz-Faust oder Benvenuto Cellini. Die Kunst dafür hat er, Hut ab!

Der Rest ist mehr als ordentlich. Nicola Alaimo mag nicht Bacquier sein, und seine Stimme ist nicht sonderlich französisch, aber er ist im Moment, nach Pertusi, der meist gefragte Guillaume Tell, bringt Statur und physische Glaubhaftigkeit für die Partie mit und bleibt im Ganzen eher phlegmatisch-gelassen als aufgeregt, was ja für Tell auch richtig ist. Ihm fehlt das Visionäre auf dem Rütli, das Mythisch-Kraftvolle, das ich an Rouillon oder vor allem an van Dam so bewundert habe, die beide mit ihren vokalen Mitteln strömten und per Musik Autorität verbreiteten. Aber Alaimo macht einen wirklich guten Job. Marina Rebeka hat sich irgendwie, nach Amsterdam und London, als Mathilde in die erste Reihe gesungen, was mir wirklich unverständlich ist, weil ich sie stimmlich so langweilig finde. Sie singt auf Linie und zeigt einen Mittelklasse-Sopran, aber viel zu wenig an Persönlichkeit, zu wenig an Aplomb im dunklen Wald und vor allem auch bei der Rettung Jemmys. Die Übrigen bleiben  in dieser Kategorie, nicht eben unrecht, aber auch nicht wirklich aufregend  – Simon Orfila macht einen sonoren Walter Fürst, Simone Alberghini den bemitleidenswerten Vater Arnolds. Amanda Forsythe gibt wenig her als Jemmy. Veronica Simeoni, vor kurzem noch Meyerbeers Sélika in Venedig, darf hier nur die besorgte Edwige singen, das ist ja immer eine dankbare Parrtie. Celso Abelo lässt als Fischer zu Beginn der Oper aufhorchen (ein neuer Arnold?). Luca Tittoto und Alessandro Luciano vertreten die fiese Obrigkeit als Gesler und sein Henkersknecht (die Apfelschuss-Szene ist wirklich gut gelöst). Das ist alles wirklich rollendeckend und anständige Folie für den Star-Tenor, der seinen Arnold mit viel Wissen und Einsatz gestaltet und uns eine gelungene Überraschung beschert – auf ins große lyrische Fach (2 DVD, Decca 0743870). G. H.

Francesco Gasparinis „Bajazet“

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Gasparini… Gasparini? Ein Name, der wirklich nur gestandenen Barockfans ein Begriff ist. Bei Amazon oder jpc gibt´s Diverses an Kantaten, Kammermusik, ein bisschen an Opern-Intermezzi von Bongiovanni. Aber wirklich Eindrucksvolles eher nicht (in meiner Sammlung finden sich Ausschnitte aus seinem Amleto von 1971 Neapel). Das ändert sich gerade mit der neuen Aufnahme eines Bajazet von Glossa unter Carlo Ipata in der Folge der Festivitäten der Opera Barga in der italienischen Toscana oberhalb von Lucca, wo seit vielen Jahren feines Barock in stimmungsvoller Open-Air-Atmosphäre gegeben wird.

Im letzten Jahr dann eben der Bajazet, der nun ins Studio und über uns gekommen ist – eine ebenso spannende Aufnahme wie ein interessantes Idiom. Kein Händel, aber doch dicht bei ihm. Anders und doch vertraut – das hat seinen Grund, wie Carlo Ipata im nachstehenden Artikel aus dem Booklet der Neuaufnahme nachweist. G. H.

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London, 31. Oktober 1724, King’s Theatre am Haymarket: Auf dem Programm steht Georg Friedrich Händels Tamerlano. Die Partitur hatte der Komponist im Sommer des vorangegangenen Jahres ausgearbeitet, sie wurde genau am 23. Juli fertiggestellt, das Datum ist in der Handschrift des Komponisten im autographen Manuskript vermerkt. Es war ein gewagtes Unterfangen: Händel hatte damit begonnen, ein Libretto seines treuen Freundes Nicola Haym zu vertonen, basierend auf Il Tamerlano von Augusto Piovene (das Werk kam 1711 im Teatro San Cassiano in Venedig mit Musik von Francesco Gasparini zur Aufführung). Außerdem verwendete er, wie die Korrekturen in der handschriftlichen Partitur zeigen, auch einzelne Teile aus einem anderen Libretto über das gleiche Sujet: Il Bajazet, 1719 aufgeführt im Theater von Reggio Emilia mit »neuer« Musik von Gasparini.

Illustration zu Racines Drama "Bajazet"/Paris 1735

Illustration zu Racines Drama „Bajazet“/Paris 1735/OBA

Der eigentliche Star in Händels Tamerlano war der berühmte Tenor-Bariton Francesco Borosini, der vom Wiener Hof eigens nach London gekommen war, um die Rolle des Bajazet zu singen. Aller Wahrscheinlichkeit nach lernte Händel das Libretto und die Partitur zu Gasparinis Oper aus dem Jahr 1719 durch Borosini kennen, der die Titelrolle gesungen hatte. Es ist bekannt, dass eine der handschriftlichen Quellen des Bajazet von 1719, die heute in Meiningen aufbewahrt wird, in Borosinis Besitz war. Wahrscheinlich hat er diese Noten nach London mitgebracht und sie Händel gezeigt. In der Händelforschung wurde schon vor einiger Zeit dargelegt, dass es genaue stilistische Kongruenzen zwischen Händel und Gasparini gibt. Das betrifft nicht nur Il Bajazet, sondern auch eine spätere Händel-Oper, nämlich Faramondo. Diese kam im Jahr 1738 in London auf die Bühne und ist zu einem großen Teil aus Gasparinis Faramondo abgeleitet, der 1720 im Teatro Alibert in Rom uraufgeführt wurde.

In Il Bajazet gibt es zahlreiche Querverbindungen, angefangen mit der Eröffnungsarie des Bajazet »Forte e lieto a morte andrei« in C-Dur in beiden Werken, die jeweils von einer Gesangslinie charakterisiert ist, in der dem Wort Forte besonderer Nachdruck verliehen wird (ein Oktavsprung bei Händel und ein langes Melisma bei Gasparini). Aber die offensichtlichste Verbindung findet sich sicherlich in der berühmten Selbstmordszene des Bajazet im dritten Akt, die Händel im letzten Augenblick noch hastig änderte und in deren Aufbau er exakt Gasparinis Ideen aus der Version von 1719 übernimmt. Das offensichtlichste Merkmal ist dabei der 12/8-Abschnitt im Siciliano-Rhythmus über Bajazets Text »Figlia mia non pianger«, den Händel notengetreu wiederverwendet, wobei er die fünf Takte aus Gasparinis Partitur weiterentwickelt. Weitere, eher unterschwellige Bezüge (wie etwa die auf Tonrepetitionen und einer absteigenden chromatischen Figur beruhende Basslinie, wenn Bajazet sich an Asteria wendet, »Sì, figlia, io moro«), dass Gasparinis Partitur und insbesondere diese dramatisch äußerst wirksame Szene eindeutig als Vorbild für Händels Tamerlano  gedient hat  –  eine Oper, die unbestritten zu den herausragendsten Bühnenwerken Händels gehört. Das unterstreicht noch die grundlegende Bedeutung des italienischen und insbesondere des römischen Stils in den ersten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, ebenso wie seinen Einfluss auf Händel. Vor allem aber lädt diese Feststellung dazu ein, Gasparini  in neuem Licht zu betrachten und ihn als wichtigen Protagonisten in der Welt der Oper zu Beginn des 18. Jahrhunderts einzustufen – eine Welt, in der er bisher lediglich eine Nebenrolle zu spielen schien.

Frontespiece zur Racines "Bajazet"-Ausgabe 1955/OBA

Frontespiece zu Racines „Bajazet“-Ausgabe 1955/OBA

Das wechselvolle Leben des stolzen türkischen Herrschers Bajazet und seiner Tochter Asteria, die vom grausamen tatarischen Machthaber Tamerlan besiegt und gefangen gehalten wurden, sollten in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts eines der am häufigsten vertonten Opernsujets werden. Im Repertoire dieser Zeit erlebte dieser Stoff eine lange Erfolgsgeschichte und wurde von einer ganzen Reihe bedeutender Komponisten verwendet (Alessandro Scarlatti, Leo, Vivaldi, Duni, Lampugnani und natürlich Händel, um nur einige zu nennen). Francesco Gasparini hat sogar drei verschiedene Fassungen des Dramas hinterlassen, jeweils über einen Text von Agostino Piovene, einem adligen venezianischen Schriftsteller, der sich seinerseits auf eine Tragödie von Jacques Pradon aus dem Jahr 1675 bezog (Tamerlan ou La mort de Bajazet). Gasparinis erste Fassung geht auf das Jahr 1711 zurück und kam unter dem Titel Tamerlano  im Teatro  San  Cassiano  in Venedig zur Aufführung, wo der Komponist zu dieser Zeit als Leiter des Chores am Ospedale della Pietà angestellt war. Nach seiner Zeit in Venedig ließ Gasparini sich in Rom nieder, wo er eine großartige Zeit als Komponist erlebte: Er arbeitete an einem der freigiebigsten Höfe Roms für den Fürsten Francesco Maria Ruspoli, für den er zahlreiche Kantaten mit Violinen, geistliche Musik und Opern schrieb. Auch als sein Dienst bei Fürst Ruspoli beendet war, blieb Gasparini der Stadt Rom verbunden (1719 ist er als »Kammervirtuose« beim Fürsten Borghese nachzuweisen) und wirkte bei Aufführungen vieler seiner Opern im Teatro Alibert (Lucio Vero, Astianatte), aber auch in weiteren italienischen Städten mit.

Karikatur zu Bajazet von Daumier 1841/ Staatsbibliothek Berlin

Karikatur zu „Bajazet“ von Daumier 1841/ Staatsbibliothek Berlin/Wikipedia

Aus dieser Zeit stammt die zweite Fassung der Oper, diesmal mit dem Titel Il Bajazet. Diese Oper wurde während der Karnevalszeit 1719 in Reggio Emilia uraufgeführt, gesungen von einer Starbesetzung dieser Zeit: Die vier Hauptrollen übernahmen der bereits erwähnte Francesco Borosini (Bajazet), Antonio Bernacchi (Tamerlano), Marianna Benti Bulgarelli (Asteria) und Faustina Bordoni (Irene). Das Libretto dieser zweiten Version beruht abermals auf Piovenes Text und wurde für diesen Anlass von dem aus der Emilia- Romagna stammenden Ippolito Zanelli bearbeitet. Dies geht aus der Protesta hervor, die im Textbuch abgedruckt wurde und in der angegeben ist, dass »das Drama, nun unter dem Titel Bajazet, das gleiche ist, das in anderen Theatern unter dem Namen Tamerlano gegeben wurde«, dass es aber nötig war, »gewisse Dinge zu vertiefen und eine große Anzahl anderer gründlich zu überarbeiten«. Aus der ersten (also Tamerlano) und der dritten Fassung (aus dem Jahr 1723, aufgeführt in Venedig im Teatro San Samuele) sind leider nur einzelne Arien überliefert, aber zum Glück ist die Partitur der Version von 1719, die in Reggio Emilia aufgeführt wurde, fast vollständig erhalten; sie wird heute in Wien aufbewahrt.

Diese Fassung wurde für die vorliegende CD-Ausgabe bei Glossa von den Auser Musici eingespielt. Der einzige Teil, der in der Wiener Partitur fehlt, ist die Ouvertüre; an ihre Stelle wurde eine sinfonia gesetzt, die aus Gasparinis Oper Ambleto stammt, die 1705 in Venedig aufgeführt wurde. Dieser Satz mit seinem Fugato und den punktierten Rhythmen zeichnet Bajazets erhabenen und zugleich zornigen Charakter sehr treffend nach, wie er im stolzen Tonfall des besiegten Herrschers in den ersten  Worten zu Beginn des ersten Aktes zum Ausdruck kommt  (»Al Tamerlan? Da lui libertà non vogl’io […] Son Bajazet ancora, bench’io sia prigionier«).

"Bajazet"/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

„Bajazet“/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

Wie in den meisten Musikdramen dieser Zeit wird auch in Il Bajazet ein eigentlich politischer Handlungsstrang (der Sieg Tamerlans sowie die Gefangennahme Bajazets und seiner Tochter) mit einem eher affektbetonten, sentimentalen Thema verflochten. Dieses wird gleich doppelt, einmal durch die Familienbande (Bajazet-Asteria) sowie in der allgemein üblichen Weise durch verschiedene Liebesbeziehungen (Asteria- Andronico, Irene-Tamerlano) dargestellt, denen die politischen Verhältnisse entgegenstehen. Auf der Bühne steht also ein breites Spektrum sich ergänzender und miteinander kontrastierender Gefühle, die Gasparini mit zahlreichen verschiedenen Ansätzen zur Geltung bringt. Als erstes ist die Vielfalt der Orchestrierung und die farbenreiche instrumenten-spezifische Kompositionsweise in konzertanten Abschnitten zu nennen, mit deren Hilfe Gasparini auf äußerst raffinierte Weise den Charakter der jeweiligen Figur herausarbeitet. Ein Beispiel ist die großartige erste Arie der Irene (»Vieni vola«), ein Siciliano mit obligater Violine, in dem man bereits  die  außerordentlichen  Fähigkeiten Faustina Bordonis ahnen kann, die im Jahr 1719 mit 22 Jahren am Beginn ihrer Karriere stand.

"Bajazet"/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

„Bajazet“/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

In diesem Kontext muss man außerdem die Schlussarie des zweiten Aktes »Cor di padre« nennen, in der sich Asterias Stimme mit einer obligaten  Cello-Linie  verflicht. Ähnlich  komponiert sind auch Asterias »Vendetta sì farò« mit obligater Oboe, Clearcos Arie »Dolce è l’amar« mit solistischer Flöte sowie die bewundernswerte Arie »Adispetto d’un volto amoroso«, in der die Mischung aus Oboe und Hörnern die Koloraturstimme Tamerlano/Bernacchis  ergänzt. Die Sorgfalt, mit der die Instrumentierung behandelt wird, und die Akribie in Hinsicht auf die vokalen Linien wird durch  die Ausdünnung  des Satzes in der Tiefe noch offensichtlicher. Dem tragen die Auser Musici in ihrer Interpretation Rechnung, indem sie die Bassetto- Partien von Streichern ausführen lassen. Dies ist zum Beispiel in der ersten Arie »Forte e lieto« (bei »della figlia il grande amor«) der Fall, und die bereits erwähnte Arie »Vieni vola« ist durch eine so feinziselierte Schreibweise charakterisiert, wie sie für Kammermusik typisch ist. In der Arie »Dolce è l’amar« unterstützen die Streicher die Arabesken der Soloflöte, nur von einer Gitarre begleitet, die die klangliche Verschmelzung der Streicher und der Bläser wirkungsvoll bereichert.

Das Streben nach einer großen Vielfalt instrumentaler  Klangfarben wird durch gewagte harmonische Fortschreitungen in den Rezitativen und in den B-Teilen der Arien noch vervollständigt. Außerdem zeigt die raffinierte, brillante und virtuose Weise, in der Gasparini die Gesangsstimmen behandelt, was für ein überragender Opernkomponist er war (besonders in den Arien für Borosini-Bajazet).  So kann  man ein völlig neuartiges Bild von Gasparini zeichnen, der eben nicht nur ein großer Basso-continuo-Theoretiker war (ein Ruf, den er vor allem seiner 1708 in Venedig gedruckten Abhandlung L’armonico pratico al cembalo verdankt), sondern auch ein geist- und kenntnisreicher Opernkomponist.

"Bajazet"/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

„Bajazet“/Opera Barga 2014/Szene/c Foto Rudy Pessina/Glossa

Sein Stil wurde allzu schnell durch jenen »abstoßenden Schmus des  modernen  Geschmacks«  abgelöst, um einen Abschnitt aus jenem berühmten Brief zu zitieren, den Gasparini 1724 an Per Francesco Tosi richtete. Dies ging mit dem Aufkommen des neuen Stils einher, den z.B. Porpora, Vivaldi, Farinelli und Carestini aufbrachten und durch den das Opernschaffen Gasparinis schnell in Vergessenheit geriet. Wenn man jedoch diese Aufnahme anhört – die erste, die sich mit dieser Facette in Gasparinis Schaffen beschäftigt – kann man seinen Opernstil in historisch exakter Weise neu verorten. Das Werk ist nicht nur im Oeuvre dieses toskanischen Komponisten, sondern im gesamten italienischen Opernrepertoire des frühen 18. Jahrhunderts ein Juwel.

Einige musikalische Erwägungen: Il Bajazet stellt durch sein historisches und stilistisches Umfeld, das noch stark in der römischen Arkadien- Bewegung verhaftet war, eine gewisse Interpretations-Problematik, mit der sich der moderne Musiker auseinandersetzen muss. An erster Stelle steht die unglaubliche Qualität der Rezitative, in denen Gasparini mit sicherer und erfahrener Hand die tragischen und hochexpressiven Komponenten der Handlung vorantreibt. Die durchgängige Verwendung dissonanter, unvorhersehbarer Harmonien, die plötzliche Gegenüberstellung weit entfernter Tonarten, unerwartete und gewagte Intervallsprünge innerhalb von kurzen Melodielinien (die man beinahe als Ariosi bezeichnen könnte), der Einsatz der Metrik und der Interpunktion in phrygischen und ausgedehnten plagalen Kadenzen, und schließlich der dichte Chorcharakter bestimmter Ensembleszenen – dies alles trägt zu einer durchgängigen Spannung beim Zuhören bei, die Gasparini uns aufzwingt – ein Komponist, der dem 17. Jahrhundert noch sehr verhaftet war.

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bajazet liebigEs gibt keine Unterteilung der Continuogruppe im eigentlichen Sinne, nur eine Ausdünnung beim häufig eingesetzten Beiseite-Sprechen, das von einer Theorbe oder einem Cembalo solistisch begleitet wird. In diesen Passagen werden die innerlichen Vorgänge der Figuren besonders zur Geltung gebracht. Beim Ensemblespiel müssen die einzelnen Interpreten alle expressiven Möglichkeiten ausnutzen, die Gasparini mit großer Präzision vorschreibt. Die Sterbeszene Bajazets ist sicher das wichtigste Beispiel: Der Komponist setzt alle genannten Elemente mit äußerster Exaktheit ein, was sogar so weit geht, dass er bei der Dauer der Akkorde, die die letzten Seufzer des Sultans begleiten, genaue Unterschiede zwischen Vierteln und Achteln macht.

Die Instrumental-Besetzung haben wir anhand des überlieferten Notenmaterials festgelegt (das in zwei Quellen überliefert ist, eine in der Österreichischen Nationalbibliothek Wien und eine in der Sammlung Musikgeschichte der Meininger Museen). Dort sind neben den Streichern Solopartien für Geige, Violoncello, Flöte, eine und zwei Oboen sowie zwei Hörner vorgesehen. Außerdem haben wir eine zweite Blockflöte und ein Fagott besetzt, was mit der überlieferten Praxis der Entstehungszeit übereinstimmt. Auf diese Weise entspricht die instrumentale Unterstützung der Stimmen der großen stilistischen Vielfalt der Arien, so zum Beispiel in »Questa sola è il mio tesoro«, deren feiner Charakter die Besetzung mit zwei Flöten und Fagott nahelegt. Carlo Ipata

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Den Artikel des Dirigenten Carlo Ipata in der deutschen Übersetzung von Susanne Lowien entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung von Note 1 dem Beiheft zur Neuaufnahme der Oper Il Bajazet von Francesco Gasparini bei Glossa (3 CD, GCD 923504). Unter der Leitung von Carlo Ipata am Pult von Auser Music singen Leonoardo De Lisi, Filippo Meneccia, Giuseppina Bridelli, Ewa Gubanska, Anronio Giovanni, Benedetta Mazzucato, Raffaele Pe und Giorgia Cinciripi. Die Aufnahme entstand im Juni/Juli 2014 im italienischen Barga beim dortigen Festival; die verwendeten Fotos von Rudy Pessina stammen von der szenischen Aufführung ebendort und sind gleichfalls dem Booklet entnommen.

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Römische Nachklänge

Bizet hat in seinen 37 Lebensjahren nicht allzu viele Kompositionen hinterlassen, vieles ist Fragment geblieben, und die Orchesterwerke würden auf rund 3 CDs passen. Sucht man da die wenig gespielten aus, ist man auch schnell beim Bodensatz des Gesamtwerkes angelangt, das heißt bei den Werken, die eigentlich unter der Grenze des Gelungenen liegen. Also ob A-Dur Ouvertüre, Trauermarsch, Vaterlandsouvertüre oder Rom-Sinfonie, es handelt sich um Musik, die wir vermutlich heute nicht mehr hören würden, wenn nicht der Name Bizet draufstünde. Das Tragische an Bizet ist, dass er kein Musiker war, der schnell seine individuelle Sprache, seine Souveränität gefunden hat – anders als Mozart, Bellini oder Schubert hat er fast verzweifelt danach gesucht. Natürlich konnte Bizet immer mal wieder auch vor der Carmen einen Volltreffer landen, doch oft dokumentiert seine Orchester-Musik auch ein sehr verkrampftes Erfolg-Haben-Wollen. Gerade die Bizet wichtigen Werke wie die Rom-Symphonie, an der der Rom-Preisträger ein ganzes Leben herumgefeilt hat, erweist sich – auch bei erneutem Hören auf dieser Scheibe – als recht anämische und schwunglose Angelegenheit. Beim Blick auf die CD sollte man eigentlich vermuten, dass man trotzdem an der unausgegorenen Musik Bizets einigen Spaß haben kann. Der Dirigent Jean-Luc Tingaud, ein Ur-Pariser, gehört zu den pfiffigen Aufwertern „halbseidener“ Musik.  Ich mag diesen Dirigenten; er ist als Mitvierziger für einen Orchesterleiter noch relativ jung und hat bei Opernfreunden vor allem als Festivaldirigent einen Stein im Brett. Ob Wexford, Martina Franca oder Wildbad, er konnte da viele Zuhörer begeistern mit seiner leidenschaftlichen, energiegeladenen Art, und live ist er ein echter Zauberer, wenn es darum geht, dem Publikum weniger bekannte Werke würdig zu präsentieren. Doch hier ist irgendwas schiefgelaufen. Mit dem irischen RTE-Orchester in seiner zweiten Studioaufnahme für Naxos bleibt er über weite Strecken enttäuschend, uninspiriert und ohne Feuer. Und auch wenn alles immer präzise, gut geprobt und solide klingt, springt der Funke doch eigentlich nur in den besseren Stücken wie der Petite suite op. 22  über. Wer einen Tingaud in Bestform hören will, sollte sich Rossinis Siege de Corinth unter seiner Leitung beim selben Label besorgen (Georges Bizet: Roma, Rom-Sinfonie, Petite suite op.22 u.a.; RTE National Symphony Orchestra, Jean-Luc Tingaud, Naxos 8.573344). M. K.

 

Italienische Oratorien

Wenn im 17. und 18. Jahrhundert nach der Karnevalsaison während der Fastenzeit bis zur Karwoche und Ostern die Opernhäuser geschlossen wurden, begann die Zeit der Oratorien. Den Komponisten standen bei den Aufführungen oft die Spitzensänger der Oper zur Verfügung, die operngemäße musikalische Abfolge durch Einteilung in Rezitativ und Arie sowie die auch mit Handlungselementen angereicherte Mischung aus religiöser Betrachtung, Erzählung und Dramatik rückte das Oratorium in der Neuzeit in die Perspektive einer geistlichen Oper. Zwei Ersteinspielungen italienischer Oratorien bieten nun interessante und unterschiedliche Höreindrücke.

Giovanni Maria Casini (1652-1719) war ein florentinischer Priester, Cembalist, Organist und Komponist über dessen Leben nur wenig überliefert ist. Sein Oratorium Il Viaggio di Tobia (nicht nur die Musik, auch das Libretto stammt von Casini) wurde 1695 in Florenz uraufgeführt und erlebte auch später noch erfolgreiche Wiedergaben. Die Handlung stammt aus dem apokryphen Buch Tobias und wurde noch 80 Jahre später durch Joseph Haydn vertont. Casinis Werk besteht auf der Trackliste der vorliegenden Einspielung aus insgesamt 71 Musiknummern, kaum eine überschreitet vier Minuten Spielzeit, viele kaum zwei Minuten. Schnelle Wechsel zwischen Rezitativen und kurzen gesungenen Miniaturen und Arien, vier Duette, zwei Terzette und gelegentlicher Chor – der Priester Casini setzte auf Handlungsfluss, rasche Wechsel und unterschiedliche Affekte. Für heutige Ohren scheint sogar eine szenische Fassung dieses Werks möglich.
Der musikalische Ausdruck ist überwiegend durch eine schlichte Innigkeit geprägt und mit fünf sehr schönen Stimmen besetzt: den beiden Sopranistinnen Claudine Ansermet als junger Tobias und Laura Antonaz als Erzengel Raphael sowie Mezzospran Mya Fracassini (Hanna), Tenor Jeremy Ovenden (Raguel) und Bassist Sergio Foresti (Tobit). Der Coro della Radiotelevisione Svizzera sowie das Orchesterensemble I Barocchisti werden vom Barockexperten Diego Fasolis umsichtig und verlässlich geleitet. Nur schade, dass die vorliegende Aufnahme kein Libretto enthält, um dieser durchaus kurzweiligen Reise des Tobias besser folgen zu können. (2 CDs, Dynamic, 77051-2, Aufnahmejahr: 2004)

Morte e Sepoltura di Christo Caldara GlossaKnapp 30 Jahre nach Casinis Tobias wurde in der Fastenzeit 1724 das Oratorium Morte e sepoltura di Christo von Antonio Caldara (1671-1736) in Wien durch die dortige Hofkapelle aufgeführt. Der Habsburger Kaiser Karl VI. ließ dort durch seine Hofkapellmeister bis zu sechs neue Oratorien vor Ostern aufführen. Das Oratorio al Sepolcro gilt dabei als spezieller Typ des Wiener Hofs, der Ernstes wünschte. Morte e sepoltura (Tod und Grablegung) – fünf biblischen Charaktere beklagen in 15 Arien die Kreuzigung und bekräftigen ihre Liebe zu Jesus. Ein Oratorium ohne Handlung, Eintönigkeit kommt dabei dennoch nicht auf: Caldara verwendet spannende Klangfarben (bspw. obligates Fagott, Posaune oder Soloviolone) und unterschiedlich kombinierte Begleitinstrumente für abwechselnde Stimmungen, um das emotionale und affektreiche Libretto akustisch auch ohne optische Bühnenreize zu verdeutlichen. Ungewöhnlich erscheint die Entscheidung des Dirigenten und Violinisten Fabio Biondi, Caldaras Oratorium durch weitere Musik zu ergänzen: eine Sonata Vivaldis und ein Largo Johann Josephs Fux sowie zwei Motetten und eine orchestrale Sonata Caldaras strukturieren bei Biondi das Werk und sorgen für zusätzliche Abwechslung zwischen den Arienblöcken. Puristen können das ablehnen und überspringen, für den heutigen Zuhörer wirkt Biondis Entscheidung akustisch homogen und passend eingefügt. Das Sängerquintett hat nicht unbedingt die schönsten, aber ausdrucksstarke und sichere Stimmen: die beiden Soprane Maria Grazia Schiavo (Maria die Giacobbe), Silvia Frigato (Maria Amddalena), die Altistin Martina Belli (Giuseppe d’Arimatea), Tenor Anicio Zorzi Giustiniani (Nicodemo) und der Bassisten Ugo Guagliardo (Centurione) überzeugen in ihren Rollen. Das hörenswerte norwegische Stavanger Symphony Orchestra hat nun bereits die dritte CD mit Fabio Bondi auf den Markt gebracht und arbeitet seit 1990 regelmäßig mit namhaften Barockexperten wie Frans Brüggen oder Philippe Herreweghe zusammen. Eine Einspielung, die den Komponisten Caldara weiter in den Fokus eines breiteren Interesses von Barockfreunden rücken kann. (2 CDs, Glossa / Note 1 Musikvertrieb, GCD 923403, Aufnahmejahr: 2014). Marcus Budwitius

 

Lohnt sich die Mühe?

Warum eigentlich diese luxuriös ausgestatteten Übernahmen ehemaliger DG-Ausgaben nun bei Pentatone? Vor ca. vierzig Jahren hatte die Deutsche Grammophon, obwohl es noch keine Abspielmöglichkeiten dafür gab, Mehrkanal-Aufnahmen herstellen lassen, die jetzt in einem komplizierten technischen Remastering-Prozess für moderne Abspielgeräte und für die mehrkanalige Super-Audio-CD bei Pentatone aufbereitet wurden. Aber reicht das?

Zumindest ist eine der beiden Opern des Ragtime-Komponisten Scott Joplin mit dem ungewöhnlichen Titel Treemonisha wieder auf dem Markt, nachdem sie als Budget-Ausgabe lange im Universal-Katalog gehandelt wurde. Das Werk, 1910 und 1911 komponiert, hat eine bewegte Geschichte, ging bei einem Brand wenn nicht durch Feuer, so doch durch Wasserschaden verloren, was die Orchestrierung betrifft. Scott Joplin erlebte seine Uraufführung nicht, lediglich die einer Klavierfassung, deren Druck der Komponist, der 1917 in geistiger Umnachtung starb, selbst finanziert hatte. 1972 wurde die Oper in Atlanta uraufgeführt in einer der vielen Versionen, die es inzwischen davon gab. Die Houston Grand Opera folgte 1975 mit der von Gunther Schuller hergestellten Fassung, die sich stark an europäischen Vorbildern orientiert. So klingt dann vieles nach Operette, Marschner sogar, weniges nach amerikanischem Musical, und eine „Schwarzen“-Oper kann man höchstens an einigen Chorpassagen ausmachen. Ob eine neuere Fassung von Rick Benjamin mit Ragtime-Einflüssen mehr dem Willen Joplins entspricht, kann man bezweifeln, der eine amerikanische, aber halt eine Oper für großes Orchester im Sinn hatte. Ihm wurde übrigens 1976 posthum der Pulitzer-Preis verliehen. Und die damalige Erstausgabe bei DG wurde als nationale amerikanische Oper gefeiert und hat sich kaum im Repertoire gehalten. Gelegentlich gibt es eine bemühte Aufführung ohne nennenswertes Echo. Der Name der Opern-Heldin leitet sich von dem ihrer Ziehmutter Monisha und der Tatsache ab, dass sie unter einem Baum gefunden wurde. Das erfährt  man in einer langen Erzählung der Mutter, wie überhaupt nicht eine Handlung im Vordergrund steht, sondern Erinnerung und Vorausschau auf ein neues Leben in Selbstbestimmtheit das Thema sind. Während Treemonisha von einer Weißen erzogen wurde, hängt die Dorfgemeinschaft dem Aberglauben, von selbsternannten Zauberern ausgenutzt, an. Diese wollen das Mädchen für seine Aufklärungsarbeit bestrafen und entführen es, der Freund Remus rettet sie, die Zauberer werden entlarvt, die Dorfgemeinschaft schwört Abkehr vom dunklen Werk und wählt Treemonisha zu ihrer Anführerin beim Marsch in eine von Aufklärung erhellte Zukunft. Irgendwie denkt man an moralische Aufrüstung und Agitprop auf Amerikanisch. Während Treemonisha dank ihrer Erziehung ein perfektes Amerikanisch singt, ergehen sich die Dorfgenossen in einem heute sicherlich als diskriminierend empfundenen Slang. Den durchweg schwarzen Sängern merkt man ihre Herkunft unterschiedlich stark an. Die Titelheldin wird von Carmen Balthrop mit schönem lyrischem Sopran, dem man auch eine Pamina anvertrauen könnte, gesungen. Den Gegenpol gibt der stark chargierende und Stereotype bedienende Ben Harney als Zauberer Zodzetrick ab. Leicht guttural klingt die Stimme von Betty Allen als Mutter, mit farbiger, etwas steifer dunkler Stimme singt Willard White den Vater Ned. Einen leichten Tenor hat Curtis Rayam für den Retter Remus. Gunther Schuller betont mit dem Orchester der Houston Opera eher das optimistisch Beschwingte der Musik als das Lehrhaft-Dozierende. Das vom Komponisten verfasste Libretto dürfte zu moralisierend, die Musik zu wenig originell sein, als dass dem Werk eine große Zukunft sicher sein könnte (PTC 5186 221).

Schlimm ist die Carmen-Aufnahme mit immerhin so berühmten Sängern wie Marilyn Horne, James McCracken, Tom Krause und Adriana Maliponte – ein Nachklang jener monströsen Met-Produktionen der Zeit, die mit dem Werk selbst wenig zu tun haben. Die Misere beginnt schon beim Orchester unter Bernstein , der gedehnt und pathetisch dem Stück alles austreibt, was französisch oder spanisch an ihm ist. Auch die Titelheldin lässt mit viel Bruststimme jede Eleganz und Erotik vermissen, ist vulgär und hat von stilistischer Reinheit kaum eine Ahnung. Ohne Schmelz und Geschmeidigkeit ist der Don José McCrackens eher ein Otello, den er wirklich gut sang. Tom Krause gibt einen recht anständigen, aber weniger guten als sonst von ihm gehörten Escamillo, Adriana Maliponte ist ein Lichtpunkt, aber das reicht natürlich nicht, um einen solchen wie den oben beschriebenen Aufwand zu betreiben (PTC5186 216)

Ingrid Wanja  

Rossini in Paris

Fast seit Anbeginn hat sich Rossini in Wildbad nicht nur um die Bespielung des kaum 10.000 Einwohner-Ortes im Nordschwarzwald, der kurz zuvor noch schlicht Wildbad hieß, gekümmert, sondern sich aller nie geahnten Lücken in unseren Plattenregalen angenommen. Neben Rossinis Opern fanden auch Werke von Mayr, Pavesi, Vaccaj sowie Meyerbeer und Mercadante – von jenen die herrliche Semiramide und die nicht weniger bemerkenswerten I Briganti   – ihren Weg auf die CD. Die Besetzungen der ersten Jahre waren nicht durchwegs dazu angetan, den Ruhm der Festspiele zu mehren. Darüber, dass es keine DVDs gibt, wollen wir, da wir nicht mit dem häufig anzutreffenden szenischen Desaster konfrontiert sind, nicht undankbar sein. Für den Guillaume Tell, der in der Inszenierung des Festspielleiters Jochen Schönleber alles andere als begeisternd ausfiel, ist nun eine DVD angekündigt. Bei Naxos, quasi dem Stammhaus von Rossini in Wildbad, erschienen mit Le Siége de Corinthe (Naxos 8.660329-30) und Guillaume Tell (Naxos 8.660363-66) zwei Aufnahmen, die jetzt viele Scharten der Vergangenheit ausmerzen und den französischen Rossini beleuchten. Über den Siège de Corinthe, seine Werk-, Aufführungs- und Aufnahmegeschichte hat Geerd Heinsen alles gesagt.

siege de corinth naxosEs war ein schrecklich schwüler Sonntagnachmittag, als im Juli 2010 in Bad Wildbad die erste konzertante Aufführung des Siège de Corinthe in der Trinkhalle stattfand und man in den beiden Pausen japsend ins Freie flüchtete. Es herrschte eine Schwere, die sich zunehmend auch auf die Aufführung legte, was man der im Rahmen von drei Aufführungen entstandenen Aufnahme nicht anmerkt. Nach dem Mitschnitt aus Lyon von 2001 und jenem zehn Jahre älteren aus Genua, bei dem Geerd Heinsen zu recht die Nase rümpfte, liegt nun eine kompetente Aufnahme der Oper vor, mit der Rossini den Bogen von der Revolutionsoper zum Pomp des Zweiten Kaiserreiches schlug, womit der Siège zum Vorbild aller Werke wurde, die in den nächsten Jahrzehnten an der Opéra herauskamen. Der Kampf der Griechen gegen die Türken nahm die panhellenischen Begeisterung in ganz Europa auf, mit der sich auch das Bürgertum unter den Bourbonen identifizierte. Das Werk endet mit einer Schwerterweihe und der Beschwörung eines aus der Asche auferstehenden Griechenland, die geradewegs zu Didos Vision eines neuen Troja in den Troyens von Berlioz zu führen scheint. Von Jean-Luc Tingaud geht auf der Aufnahme mehr Spannung aus, als man es von der Live-Aufführung in Erinnerung hatte. Er hat Sinn für das französische Idiom, natürlich, ist ein sanfter Pultstratege, der die Tableaux geschickt aufbaut und die Sänger behutsam anleitet. Majella Culllagh singt die zwischen Liebe zum Vaterland und dem Feind, also Korinth und Mahomet, schwankende Palmyra ohne größere innere Anteilnahme, aber mit der gesammelten Erfahrung ihrer Belcanto-Beschäftigung, gewinnt der Partie trotz ihres flachen Soprans und dem grisselig grauen Timbre berückende Momente ab, darunter im Finale in „Juste ciel“ (aber das macht fast jede Interpretin dieser Arie, muss man fairerweise sagen, sie ist einfach effektvoll geschrieben…).  Besser als in Erinnerung auch Miachel Spyres als sensibler Néocles, dessen kometenhaften Aufstieg man damals nicht unbedingt vorhergesagt hätte, und Marc Sala in der Vaterrolle des Cléomène. Lorenzo Regazzo, so Geerd Heinsen, „beweist seine Klasse im Dramatischen mit einem dräuenden Mahomet“. Recht länglich ist das Ballett zu Beginn des zweiten Aktes des Siège.

Ebenso wie der Pas de trois et Choeur tyrolien, der im Mitschnitt des gut vierstündigen und kompletten Guillaume Tell, den Antonino Fogliani im Sommer 2013 zum 25jährigen Bestehen der Festspiele dirigierte, in der Version original angehängt ist; dazu zwei weitere Ergänzungen, darunter Rossinis neues Finale für die dreiaktige Pariser Fassung von 1831 (interessanterweise in anderer Besetzung gegenüber der Gesamtaufnahme mit u. a. Giulio Pelligra als Arnold und Marco Filippo Romano als Guillaume). Hier zeigt Fogliani, wie packend und spannend er die Ensembles zu gliedern versteht, wie er die Virtuosi Brunensis aus Brünn und den Camarata Bach Choir aus Posen dramatisch befeuert, er Soloeinwürfe in die Tableaux einschmilzt, alles steigert und griffig serviert. Sicherlich fehlt es in den Soloszenen, in den Duos und Trios an passionierter Gestaltung, an Individualität, Tiefe und Reife, doch alles kann man nicht haben. Andrew Foster-Williams ist mit seinem kernig-konzisen und dunklen Bariton, eher Bass-Bariton, in der Titelrolle ein markanter Gestalter, er verfügt über eine sichere Technik mit gutem Atem, liefert aber trotz allem eine eher blässliche Interpretation. Als seine Frau Hedwige und Sohn Jemmy sind die pastose, manchmal klanglich unausgeglichene Alessandra Volpo und die lyrisch dünne Tara Stafford recht gut. Michael Spyres singt den Arnold fast ein wenig unscheinbar, freilich mit schönem baritonalem Fundament, guter, nie auftrumpfender Strahlkraft in „Asile héréditaire“, wo er die Anstrengung nicht verhehlen kann, aber im Duo mit Guillaume „Mathilde, idole de mon âme“ und im Duo mit Mathilde bleibt er doch fast phlegmatisch. Alles, was Judith Howarth als Mathilde macht, wirkt, wenn nicht wirklich frisch, so doch klug gestaltet, behutsam und bedacht gesungen, oftmals zu kalkuliert, aber in „Sombre forêt“ breitet sie den Glanz einer majestätischen Rossini-Szene aus. Ausgezeichnet Nahuel Di Pierro als alter Melchthal und Walter Fürst, Artavazd Sargsyan als Fischer Ruodi und Marco Filippo Romano als Leuthold.  Sehr lesenswert ist Reto Müllers Text im Beiheft, der Rossinis Rückzug von der Bühne mit der Julirevolution, der Abdankung Karl X. und der neuen Regierung des Bürgerkönigs Louis-Philippe erklärt.

An Richard Bonynge, der 2005 die oben erwähnte Semiramide dirigiert hatte, erinnert eine andere Naxos-Aufnahme (8.573254), auf der er Bearbeitungen für Klavier und Orchester nach Motiven aus Norma, Frau Diavolo, Pacinis Gli Arabi nelle Gallie und der von Rubini in Il Pirata eingelegten Arie „Tu vedrai la ventura“ dirigiert, die Carl Czerny mit feinem Geschäftsinn kurz nach den jeweiligen Uraufführungen auf den Mark gebracht hatte. Die im Dezember 2013 in London mit der australischen Pianistin Rosemary Tuck und dem English Chamber Orchestra entstandene Aufnahme der vier umfangreichen Variationswerke zeigt, welche hurtige Brillanz die Komponisten der Zeit darauf verwandten, die Zugstücke der Epoche einem breiteren Publikum in glänzendem Licht zu präsentieren. Das hört man doch gerne nochmals.

R.F.