Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Sternstunde der französischen Oper

Weder Regen noch Kälte konnten den Eindruck verwischen, dass das Massenet-Festival von 1999 mit seiner Neuproduktion von Massenets Roi de Lahore eine Sternstunde der französischen Oper bot, wie man sie nicht mehr für möglich gehalten hatte. lch kann mich selbst heute kaum erinnern, eine vergleichbar dichte und rundherum befriedigende Aufführung in Frankreich gesehen zu haben – sowohl in optischer wie auch in musikalischer Hinsicht. Wegen des Brandes des wirklich hässlichen alten Theaters in St. Etienne hatte man das Ereignis um ein Jahr verschoben und in einer Messehalle ein praktisches, gut einsehbares und vor allem akustisch befriedigendes Ersatztheater gebaut (ein flüchtiges Theater und deshalb – typisch französisch – Théâtre éphemère benannt). Dies nutzte der Regisseur und Hausherr Jean-Louis Pichon zu dichtester Wirkung, indem er von seinen Ausstattern Alexandre Heyraud und Fréderic Pineau eine leere, mit königsblauen Soffitten ausgestattete und blau beleuchtete Bühne erstellen ließ, die vorne und hinten von unterschiedlich angestrahlten Perlenvorhängen abgeschlossen wurde. Die geschmackvollen Kostüme im klassischen indischen Stil waren durchweg in Weiß gehalten, so dass sich Chor und Solisten in einer wirkungsvollen Choreographie wie eine weiße Woge über die blaue Fläche bewegten. Einzig für das Paradiesbild, wenn der gefallene König den Gott Indra um ein zweites Leben bittet, um mit seiner Geliebten vereint zu werden, leistete sich Pichon den Spaß, den Indra-Sänger (sehr ordentlich René Schirrer) als fetten, grünen Buddha mit leuchtend roten Fingern und Kopfputz auf die Bühne zu setzen, umringt von herabschwebenden weiteren Gottheiten, die die Ballettmusik belebten.

"Le Roi de Lahore" in St. Etienne: Michèle Lagrange und Luca Lombardi/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

„Le Roi de Lahore“ in St. Etienne: Michèle Lagrange und Luca Lombardi/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

War die Optik bereits ein Fest, so ist die musikalische Seite vom November 1999 (ausgerechnet am Waffenstillstandstag des 1. Weltkrieges, den die Nation mit Umzügen und patriotischen Reden feiert) kaum zu übertreffen und stellt in ihrer Summe geradezu vorbildhaft das Beste dar, das Frankreich zu bieten hatte. Nicht nur, dass Patrick Fournillier das ortsansässige Orchester zu packender, ebenso üppiger wie rasanter und – eben typisch französisch – auch streicherlastiger, seidiger Bestleitung antreibt, nachdem er mehr als zwei Jahre über der Partitur gesessen und die Fehler der Druckausgabe beseitigt hatte. Wer das Werk nur von der Bonynge­ Decca-Aufnahme kennt, erlebt beim Hören seine Überraschung, denn vieles klingt hier nun anders, straffer, dramatischer und vor allem auch sinnlicher. Fournillier zeigt sich wieder einmal als einer der bedeutenden unter den Dirigenten Frankreichs. Aber auch seine Besetzung trägt auf dem hier festgehaltenen Mitschnitt die Vorstellung in grandiosem Maße. Unterstützt von den prachtvollen Chören des Opernhauses Bordeaux (mit dem St. Etienne eine Koproduktion eingegangen war, die Oper lief dort drei Wochen später, und von dort stammt auch der Mitschnitt) singt eine erste Equipe, angeführt von der wunderbaren, großzügigen, leuchtenden und die Opernhimmel öffnenden Michèle Lagrange als Hindu-Priesterin Sita – eine wirkliche Falcon-Stimme mit bester Höhe und eben jenem Mittensitz der individuellen, dramatisch zupackenden Stimme, der die Voraussetzung für diese Partien wie die Sita, Charlotte, Sélika und auch Carmen ist. Sicher, sie brustet gelegentlich ein wenig vieI für den modernen (und weniger kenntnisreichen) Geschmack, aber ein Vergleich mit älteren Sängeraufnahmen zeigt, dass dies in der Vergangenheit (einer Félia Litvinne oder Jeanne Hatto) durchaus üblich war. Die Lagrange fängt zögernd an (wegen der Matinee um 15.00 Uhr!) und steigert sich von einem weichen, timiden Mädchen zu einer mythischen Heldin (dabei auch van präsenter Bühnenwirkung).

"Le Roi de Lahore" in St. Etienne: Michèle Lagrange/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

„Le Roi de Lahore“ in St. Etienne: Michèle Lagrange/L´Esplanade St. Etienne/Foto Sabatier

Und es ist eine – bezeichnende – Schande, dass die Langrange eben keine wirklich große Karriere gemacht hat, weder im eigenen Land noch international. Wie so oft beklagt, ging spätestens mit dem Bogianchino-Régime in Paris  die Glanzzeit der größeren französischen Stimmen in Frankreich zu Ende. Die Langrange hatte an der Opéra (Garnier) Bedeutendes wie Norma oder Alice/Robert le Diable gesungen, danach gab´s keine Partien mehr für sie dort. Sie ging, wie viele nationale Kollegen, in die Provinz, wo sie im Sigurd in Montpellier, im Simon Boccanegra, sogar in der Gioconda oder eben bei Massenet-Festival in St. Etienne zu hören war. Vielen ging es wie ihr. Die Lagrange musste sogar Partien wie die Leitmetzerin (die dann in Paris!) annehmen. Unkenntnis und Hochmut in der Hauptstadt führte zum Niedergang an französischen Stimmen für das Grand Répertoire, von dem sich die französische Szene nur sehr mühsam erholt.

Zurück zum Roi de Lahore. Der Mann an ihrer Seite, König Alim, ist Luca Lombardo, einer der wenigen großen Tenöre in Frankreich, mit nicht ausgesprochen schönem Timbre eines Thill, aber mit wunderbarer Diktion (wie seine Kollegen) und mit einem beneidenswerten Höhenpeng. Jean-Marc Ivaldi ist der begehrliche Wesir Sindia, der ein Auge auf seine Nichte geworfen hat und der den König umbringt, um sie zu erringen. lvaldi ist für mich genau der Bariton, von dem man in so vielen französischen Opern träumt – er sieht sehr gut aus und verfügt über eine typisch französisch timbrierte, etwas gedeckte Stimme großer Tragweite und Leuchtkraft – ein idealer Albert, Bertram, Nevers. Dazu kommen auf diesem Mitschnitt der ägyptische Bass Reda al Wakil aIs sonorer Oberpriester Timur und der leichte Mezzo von Claire Larcher, die namentlich im reizenden Duett mit ihrer Herrin gefiel. Man wohnt einer exzeptionellen Matinee bei, die nun bei Fiori erstmals offiziell erscheint und die allen Liebhabern der französischen Oper zu empfehlen ist.  

Geerd Heinsen

Und zu weiterem nun die Texte von opera-club.net selbst; wie stets in Englisch. First of all Jules Massenet was an opera-composer. He was versatile, full of nuances and turns, and turned this richness into his creating credo. Massenet’s tendency to vary and differentiate is obvious in details. He demands a constant change in pitch, style of presentation and expression, precisely documenting and commenting, with hundreds of clues for intonation, phrasing, dynamic etc. In this context the treatment and the meaning of the language in Massenet’s style of composition is very important. To fit his music to the fullest with the language, Massenet always learned the text of the libretto by heart before he started composing. The musical finesses folded themselves to the French idiom. Even not being a great fan of much demanding libretti, for him it was always about the theatrical effectual descriptions in music of the – preferable instable – state of the souls. Sometimes he knew to surpass the aria’s in finesse by the recitative-dialogic passages – a core argument against the reproach that Massenet was a “pure melodic”. Always staying close to the music is also contributing to the floating quality of the music, for her lyricism, evolving in the bearing power of the musical Feminité. A characteristic always present in the style of composing of Massenet is his refinement and his delicacy, his subtle play with tempo and timbre. But that’s also the danger for the performers: playing merely his notes doesn’t result in anything more than meager sounds. Not feeling the music in a sensible enough way means inevitably that the sensitiveness, the fragility and the transparence disappear and what remains is artificiality and emphasis.

Massenet: "Le Roi de Lahore"/Bühnenbild der Uraufführung von Chaperon/Theaterwiss. Institut Perugia

Massenet: „Le Roi de Lahore“/Bühnenbild der Uraufführung von Chaperon/Wikipedia

Massenet’s early Le Roi de Lahore was a stunning success in its time, presumably due to its successful mix of some memorable tunes with sensual exoticism and fantastic escapism. It is a delightfully atmospheric score displaying Massenet’s melodic instinct and ability to create varied but usually lush orchestral textures to underpin soaring vocal solos. On the whole it is far from his best work, but it sufficiently well-written and colorful to give you an evening’s pleasure. There’s no greater difference than between the Decca recording with Joan Sutherland under Richard Bonynge and the recording from St. Etienne with Michèle Lagrange under Patrick Fournillier. With Bonynge the orchestral music comes first. Widely spread like a recording for a wide-screen movie. One can’t say much about the soloists vocally other than they sing the notes, often without any know-how of the French language. The sound quality of the recording from St. Etienne is no doubt less than Decca’s, but if one manages to overlook that, one hears a collaboration of orchestra and singers only the French, in their own language, know the secret of. Not to be missed: this is what French opera is all about.

 

Massenet 1887/Wiki

Massenet 1887/Wiki

La Navarraise is widely agreed to be Massenet’s answer to Italian verismo and was very popular in its day, often being performed on a double bill with Mascagni’s Cavalleria rusticana. Its popularity has waned since operatic tastes changed in the early part of the twentieth century, and today the opera is rarely performed. Massenet niftily compresses the action into a 40-minute opera divided into two acts and a brief intermezzo. While his characters are less developed than the Sicilians of “Cavalleria Rusticana,” Massenet’s deft score — featuring music of stirring momentum and soaring lyricism — easily rivals Mascagni’s. With a turbulent, full-blooded overture, the music is frequently interjected with hearty doses of folkloric color like offstage bugles, regimental songs, Basque dances, clapping, castanets and gunshots. It’s tenor Roberto Alagna (Araquil) drawing the most attention, and rightfully so. In this repertoire he effortlessly proves to be the French tenor of the moment (Roberto Alagna, Karine Deshayes; Fréderic Chaslin in Paris 2012)

 

Emma Luart, auf youtube in "La mort de Thais"/youtube

Emma Luart, auf youtube in „La mort de Thais“/youtube

Thais 1929: Emma Luart was a Belgian operatic soprano. A graduate of the Brussels Conservatory, she made her official stage début at The Hague in 1914. She was committed to the Monnaie in Brussels from 1918-1922 where she excelled in lyric soprano roles like Louise, Mélisande, and Manon. She spent the remainder of her career as a member of the Opéra-Comique in Paris. Her career was disrupted by the outbreak of World War II, and she was not heard on the stage again after this point. Roger Bourdin started at the Opera Comique in Paris in 1922. He was noticed instantly because of his warm musical voice, stage presentation, and sensitiveness. In 1933 he switched to operetta, which he managed easily and later formed a well-known duo with his wife, soprano Géori Boué. In 1940 he returned to the Opera Comique and in 1942 he was hired at the Opera. He has sung more than a hundred roles and wrote over twenty books, among others about Milhaud, Ibert, Bondeville, etc.. He retired in 1965 as Academic at the Conservatory of Paris (Fiori FI-1371).

Referenzaufnahmen

Die Rappresentatione di Anima et di Corpo von Emilio de Cavalieri wurde im Jahre 1600 in Rom uraufgeführt und gilt als eine der Urformen am Beginn der Operngeschichte. Es handelt sich um eine religiös-erbauliche Erörterung zwischen allegorischen Figuren wie bspw. Seele, Körper, Verstand, Vergnügen, Welt und Schutzengel. Ein Aufeinandertreffen, das in einem sakralen Umfeld entstand und aufgeführt wurde – eine religiöse Frühoper, die innovative Lösungen mit Folgen für die Operngeschichte fand. Laut Booklet „der erste dokumentierte Versuch, Handlung und Musik zu verknüpfen“ – gesungen wird dabei italienisch, nicht in Latein. Die vorliegende Studioaufnahme aus dem Jahr 2014 ist eine Folge der szenischen Produktion der Berliner Staatsoper im Schillertheater (Premiere 2012) von Regisseur Achim Freier und Dirigent René Jacobs.
cavalieri jacobs hmfMusikalisch ist die Rappresentatione für heutige Ohren einfach komponiert. Jacobs soll in einem Interview eingeräumt haben, dass sie ihm selber sogar zu Beginn primitiv erschien. Umso erstaunlicher, was Jacobs daraus zu machen verstand – originell orchestriert, federnd und farbig musiziert und motivisch beredt, ergänzt durch instrumentale Zwischenspiele zweier anderer Komponisten – es ergeben sich kurzweilige 93 Minuten voller Phantasie und instrumentaler Ideen. Abwechslungsreichtum prägt bereits Cavalieris Werk: er kontrastiert Stimmungen, Sänger, Ensembles und Chöre. Das mag manchen schematisch erscheinen, erfüllt aber auch beim heutigen

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Zuhören noch seinen Zweck. Die Sänger lösen ihre Aufgaben bei diesem singenden Sprechen – dem recitar cantando -, bei dem der erforderliche Stimmumfang aber gering bleibt, durchweg sehr gut und ausdrucksstark und werden vom Chor auf hohem Niveau ideal ergänzt. Musiker und Sänger überbrücken die über 400 Jahre Zeitdifferenz und erschaffen mit dieser Aufnahme eine lebendiges Plädoyer für eine alte Kunst. Es ergibt sich ein suggestives Hörerlebnis, dass dieses durchaus für heutige Ohren spröde Frühwerk zu einem spannenden akustischen Erlebnis macht, bei dem es sich unbedingt lohnt, im ausführlichen Booklet (mehrsprachig, mit Aufsätzen der renommierten Musikwissenschaftlerin Silke Leopold und René Jacobs sowie Libretto) die gesungenen Texte mitzulesen und sich ihre intelligente akustische Umsetzung auch vor Augen zu führen. Jacobs gelingt hier eine weitere Referenzaufnahme. René Jacobs verbindet eine umfangreiche Aufnahmen-Diskographie von Opern und anderen frühen Werken mit dem Label harmonia mundi. Er schafft es nun schon über vier Jahrzehnte, ungewöhnliche und beachtenswerte Aufnahmen mit Referenzcharakter vorzulegen, wobei die Besonderheiten überwiegend bei der Orchesterbehandlung zu suchen ist. Jacobs erweist sich stets als einfallsreich und Aufnahmen wie bspw, Händels Giulio Cesare (1991), Cavallis La Calisto (1993), Keisers Croesus (1999) oder mehrere eingespielte Mozart-Opern gewannen hohe Aufmerksamkeit und oft begeisterte Rezensionen.

In der Reihe hmHeritage veröffentlicht harmonia mundi nun besondere Aufnahmen erneut und legt in diesem Zusammenhang die hochgelobte und als Referenzwerk betrachtete Aufnahme von Georg Friedrich Händels Frühwerk Rinaldo vor, die auch heute noch ihren musikalischen Rang behauptet. Die Meriten dieser außergewöhnlichen Aufnahme sind unbestritten – die Neuauflage wird dem weniger gerecht. Die Box ist vom Umfang auf die Hälfte geschrumpft, das Libretto gestrichen und René Jacobs´ Einführung unverständlicherweise ebenfalls. Musikalisch und sängerisch bleibt die klare Empfehlung bestehen – wer Rinaldo hören will, kommt an Jacobs nicht vorbei. Wer die alte Box im Laden findet, ist mit dieser besser bedient.

Marcus Budwitius

Emilio de Cavalieri: Rappresentatione di Anima et di Corpo mit Marie-Claude Chappuis (Anima), Johannes Weisser (Corpo), Gyula Orendt (Tempo, Consiglio), Mark Milhofer (Inteletto, Piacere), Marcos Fink (Mondo, Secondo Compagno di Piacere, Anima dannata); Staatsopernchor Berlin, Concerto vocale, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs (Dirigent); harmonia mundi, 2CDs, HMC 902200.01
Georg Friedrich Händel: Rinaldo mit Vivica Genaux (Rinaldo), Inga Kalna (Armida), Miah Persson (Almirena), Lawrence Zazzo (Goffredo), James Rutherford (Argante), Christophe Dumaux (Eustazio), Dominique Visse (Mago cristiano); Freiburger Barockorchester, René Jacobs (Dirigent)
hmHeritage, 3 CDs, HMY 2921796.98

 

 

Victor Herberts „Fortune Teller“

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In Dublin geboren, in Deutschland aufgewachsen und am Stuttgarter Konservatorium als Cellist ausgebildet, spielte Victor Herbert (1859-1924) eine Zeitlang in der Kapelle von Johann Strauß in Wien und folgte dann seiner Frau Therese Förster, die als Sopranistin an die Metropolitan Opera engagiert wurde, nach Amerika, wo er sich erst als Musiker, dann als Dirigent und schließlich als Komponist durchsetzte. Er gilt als der Vater der amerikanischen Operette und hat an die 50 Stücke dieser Gattung geschrieben, von denen einige auch verfilmt wurden, so Babes in Toyland (mit Laurel & Hardy) und Naughty Marietta (mit Jeanette MacDonald). Auch große Operndiven von Amelita Galli-Curci bis Dorothy Kirsten, Eleanor Steber und Beverly Sills haben seine „Schlager“ gesungen. Auf deutschsprachigen Bühnen werden Herberts Stücke – trotz ihres europäischen Backgrounds – merkwürdigerweise nicht gespielt, was ein Versäumnis ist, wie man aus diversen amerikanischen CD-Importen schließen kann.

The Fortune Teller, Herberts sechste, als „comic opera“ ausgewiesene  Operette (1898), entstand als Vehikel für die Diva Alice Nielsen, die am Broadway als Kassenmagnet galt und eine eigene Company unterhielt. Gleich drei Rollen konnte sie in diesem Stück übernehmen, in denen sie bei permanentem Kostümwechsel praktisch den ganzen Abend ununterbrochen auf der Bühne stand: die Ballett-Elevin Irma, die noch nichts von ihrer großen Erbschaft weiß, ihren Bruder Fedor, der wegen einer Liebschaft mit einer Opernsängerin aus der Armee desertiert ist, und die Zigeunerin und dem Stück den Titel gebende Wahrsagerin Musette. Der Librettist Harry B. Smith bedient sich zweier uralter Komödienmotive – Doppelgänger und Zwillinge -, um eine hanebüchene, aber kurzweilige Intrige in Gang zu setzen.

Budapest als Schauplatz der Handlung und der Auftritt der Zigeunertruppe liefern dem Komponisten Musikanlässe ohne Zahl. Walzer und Csárdás dominieren einen großen Teil der Nummern, die nicht durchweg dramaturgisch begründet sind, sondern um ihrer selbst willen goutiert sein wollen. Herbert, der sich bei Johann Strauss offensichtlich einiges abgeguckt hat, transportiert die klassische Wiener Operette mit Glück in die Neue Welt. Aber es gibt in den Couplets auch Einflüsse von Sullivan und einige Songs nehmen schon den Stil späterer Musicals vorweg. Ein Hit jagt den nächsten, regelrechte Ohrwürmer sind der Csárdás „Romany Life“, der „Gypsy Love Song“ und die Medley-artigen „Serenades of All Nations“.

Die Produktion der Comic Opera Guild ist als „Weltpremiere“ deklariert. Da Teile des Aufführungsmaterials seit Jahrzehnten verschwunden waren, haben die Leiter der Truppe, Adam Aceto und Thomas Petiet, einige Nummern neu orchestriert bzw. neu getextet. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um den Mitschnitt konzertanter Aufführungen aus dem Village Theater in Canton/Michigan vom Februar 2008. Wie man in Ausschnitten bei youtube sehen kann, hatten die aber durchaus theatralischen Charakter, denn die Sänger traten in Kostüm und Maske auf und deuteten szenische Aktionen zumindest an. So erklärt sich die gute Stimmung des Publikums, die sich auch auf der Audio-Konserve durchgehend mitteilt.

Victor Herbert:  signiertes Foto des Komponisten/OBA

Die ungewöhnliche Ankündigung auf dem Cover „Full Orchestra and Chorus“ ist wohl damit zu erklären, dass die Werke Herberts heute oft in semiprofessionellen Aufführungen mit stark reduzierter Besetzung auf die Bühne kommen. Der Dirigent Aceto lässt The Fortune Teller die Sorgfalt angedeihen, die dem Werk eines Meisters zukommt, und vermittelt mit seinen Musikern Schwung und mitreißende Theaterlaune. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Kimberley Dolanski, eine versierte Koloratursopranistin, die trotz ihres soubrettigen Timbres genügend Farben zeigt, um die drei Rollen voneinander abzusetzen und offenbar über viel komödiantisches Temperament verfügt. Die übrigen Sänger, voran Barbara Scanlon als überdrehte Operndiva Mlle. Pompon und David Troiano als adliger Möchtegern-Komponist Berezovski, geben ihren Rollen charakteristisches Profil. Der Bariton Donald Regan als Zigeuner Sandor, dem einige der schönsten Gesangsstücke zufallen, bleibt dagegen mit uninteressantem Material ziemlich blass.

Drei Jahre nach dieser Aufführung hat auch die Opera Light Ohio eine Produktion der Operette herausgebracht und beim Label Albany auf CD veröffentlicht. Den wenigen Ausschnitten nach zu urteilen, die ich daraus hören konnte, stellt sie aber keine ernstliche Konkurrenz zu dieser Pioniertat dar (Operetta Archives OA 1022). Ekkehard Pluta

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Oper als Reich des Scheins

 

Angemessene Würdigung: Einen so prachtvollen wie interessanten vor allem Bildband gibt es aus dem Henschel-Verlag über und mit dem Regisseur Nikolaus Lehnhoff, zweisprachig, wobei der englische Titel eher zutreffender als der deutsche ist. „Illusion“ heißt es in englischer Sprache, was  im Deutschen Die Oper ist das Reich des Scheins  lautet und eher abwertend klingen könnte, denkt man an „mehr Schein als Sein“. Wie hoch aber der Regisseur und Verfasser das Reich des Scheins schätzt, kann man auf jeder Seite des Buchs feststellen, wenn auf einer halben bis zwei Seiten für dreißig Opern, die Lehnhoff einmal oder mehrfach inszeniert hat, die Sicht auf das jeweilige Werk erläutert wird und dann eine Reihe von Fotos zur Verdeutlichung folgt. Allerdings geben Fotos eher die Arbeit des Szenographen als die des Regisseurs wieder, verraten wenig über die Personenregie,  aber in den einführenden Artikeln wird deutlich, wie eng die Zusammenarbeit zwischen Lehnhoff und seinem jeweiligen Bühnenbildner war und wie viel von seinen Ideen zum Stück in die Optik der Bühne eingeflossen ist.

Nikolaus Lehnhoff/youtube

Nikolaus Lehnhoff/youtube

Der mit dem umfangreichen Band nicht zuletzt Geehrte betont einleitend, dass er bei seiner Arbeit stets vom Stück ausgeht, dass für ihn der singende Mensch im Vordergrund steht. Herausgegeben wurde der Band mit kostbarem Papier von Birgit Pargner, die in ihrem Vorwort darüber berichtet, wie stark der Regisseur von Wieland Wagner beeinflusst wurde, die Beispiele für die Personenführung, so im Baden Badener Lohengrin und in Così fan tutte anführt und die betont, wie sehr viel wichtiger Lehnhoff in den vierzig Jahren seines bisherigen Wirkens Architektonisches im Vergleich zu Illusorischem war. 30 Opern wurden ausgewählt, um dafür den Beweis anzutreten.

Ein Portrait Lehnhoffs von Manuel Brug schließt sich dem Vorwort an, das den Karriereweg des Regisseurs nachzeichnet, vom Regieassistenten bei Sellner und Wieland Wagner, an der Met, seine erste große Regiearbeit in Paris mit Die Frau ohne Schatten, protegiert von Böhm, sein Wirken als „nobler Außenseiter“ in Bezug auf das moderne Regietheater. Kurz umrissen wird der Regiestil des Portraitierten, werden besonders aufsehenerregende Arbeiten erwähnt wie der Tristan in Orange, die drei Janácek-Inszenierungen in Glyndebourne, wohin er auch den ersten Tristan bringt, das Schwimmen gegen den Strom der Regietendenzen, wenn er es wagt, Stücke in der Zeit anzusiedeln, die das Libretto vorsieht. Der Hauptteil des Buches ist alphabetisch nach Komponistennamen gegliedert. Nicht nur einen jeweils vorangestellten Text, sondern auch neben jedem Foto Bemerkungen gibt es zu den einzelnen Inszenierungen, dazu die Besetzungen, oft unterschiedliche, wenn eine Produktion an mehreren Bühnen gezeigt wurde, so wie der Fidelio, für den Enzensberger einen Text schrieb, der die gesprochenen Dialoge ersetzte. Für Bonn und Salzburg wurden dann andere Lösungen gefunden. Allemonde als Seelenraum im Wechselspiel zwischen Realismus und poetischer Überhöhung ließ sich Lehnhoff von Raimund Bauer, in den letzten Jahren sein künstlerischer Begleiter, entwerfen, die Vision eines Idealstaates in München 1992 für Der Prinz von Homburg von Gottfried Pilz mit einem blauen „Sehnsuchtsraum“ entwerfen. Für die Salzburger Felsenreitschule schuf er Inszenierungen von Idomeneo und Schrekers Die Gezeichneten, die Mozart-Oper 1990 als die einer Gesellschaft, in der Angst ein Dauerzustand ist, den Schreker in Endzeitstimmung. 2003 entstand in Hamburg eine Inszenierung der Karmeliterinnen, bei denen der Regisseur neue Konstellationen im Verhältnis zwischen Blanche und Constance und  zwischen Mére Marie und Lidoine entdeckte. Nicht ganz nachvollziehen kann man seine Meinung über das Personal der Fanciulla, das für ihn aus profitgierigen Kleinkriminellen besteht, die immerhin einem der Ihren die Heimreise bezahlen. Auch Cavaradossi als Handlanger Scarpias, des gefallenen Engels, dürfte nicht für jeden Opernbesucher und Leser nachvollziehbar sein (Amsterdam 2009). Ein geheimnisvoller Satz wie „Die Existenz wird dem Menschen zur Todesfalle“ hilft da nicht viel weiter. Es fällt auf, wie häufig Lehndorff in Amsterdam gearbeitet hat, eine Turandot mit Berio-Schluss gehört dazu. Besonders häufig widmete er sich Salome, so 1989 an der Met, 1994 in Leipzig und 2011 in Baden Baden. Verdi ist nur mit Rigoletto in Leipzig vertreten, Wagner umso häufiger, und wer erinnert sich nicht an den vor sich hin komponierenden Lohengrin in der Brautnacht aus Baden Baden. Mehr Freud und Strindberg als Kaiser- oder Nazizeit sieht Lehnhoff in dem Werk, geht aber fehl, wenn er in Heinrich den Angreifer gegen die Ungarn sieht. Nicht klar wird, ob die Ruine auf der Festwiese der Meistersinger an der Scala frei nach C.D Friedrich gestaltet sein oder einen Teil des verwüsteten Nürnberg darstellen soll. Überlieferten hier die Italiener die Schreibweise für den Stolzing „Peter Seiferth“ und für „Petra Schnitzer“ ohne Maria? Der Bühnenbildner jedenfalls ist mit Ezio Toffolutti ein solcher. „Der Schauplatz dieser Handlung ist die Seele“, stellt das Buch für Tristan fest, für den in Orange eine raffinierte Lichtregie gestaltet wurde. Interessant sind auch die Ausführungen zum Ring (San Francisco und München), über die drei möglichen Schlüsse und die drei Erbsünden, die vor dem Goldraub begangen werden. Der Welt Becketts verwandt schließlich sieht Lehnhoff Wagners Parsifal, den er für London, Chicago, Baden Baden und Barcelona inszenierte. Ein Anhang aus einem Inszenierungsverzeichnis, einem Fotonachweis und dem Impressum vervollständigt das Werk (Henschel Verlag ISBN 978-3-89487-774-3).

Ingrid Wanja

  

Eine Komponistin des 18. Jahrhunderts

Die österreichische Komponistin, Cembalistin und Sängerin Marianna Martines (1744-1812) hatte ein interessantes Leben. Joseph Haydn unterrichtete sie musikalisch, der Opernlibrettist Metastasio lehrte sie u.a. Sprachen und vererbte ihr und ihrer Familie als väterlicher Freund sein Vermögen. Martines spielte Cembalo vor Kaiserin Maria Theresia und erlebte zu Lebzeiten öffentliche Aufführungen und Auftritte. Die Accademia Filarmonica di Bologna nahm sie 1773 als erste Frau in ihre Reihen auf. Martines galt als anerkannte Komponistin von Oratorien, Messen, Kantaten (auf Texte ihres Freundes Metastasio) und Cembalomusik. Und auch sie hatte wie viele ihrer Kolleginnen des späten 18. Jahrhunderts als Komponistin kaum Nachwirkungen und geriet in Vergessenheit. Viele Werke sind verschollen, bspw. sind von mindestens 31 Sonaten für Cembalo heute nur noch drei erhalten.

Die Cembalistin und Dirigentin Nicoleta Paraschivescu spielte bereits 2011 eine CD mit Frühwerken Martines‘ ein. Als Sängerin wurde damals für „Il primo amore“ Núria Rial gewonnen. Nun liegt eine zweite CD von Paraschivescu und dem kleinen Ensemble La Floridiana vor: drei Kantaten, ein Cembalokonzert und eine Cembalosonate – Werke aus den Jahren 1769 bis 1786 sind auf der bei CD „La tempesta“ (Sony/DHM) vereint, wobei vor allem die Kantaten ausnahmslos überzeugen und die Instrumentalmusik überwiegend gefällig erscheint.

Die CD beginnt mit einer 1786 entstanden Scena für Mezzosporan und es ist hörbar ein Werk, das Mozart’sche Einflüsse verrät. Ein Zusammentreffen zwischen ihm und Martines scheint nicht dokumentiert, doch da die Komponisten ihr ganzes Leben in Wien verbrachte und in ihrem stadtbekannten musikalischen Salon die Größen ihrer Zeit empfing, Cembalo spielte und dazu sang, werden beide einander nicht unbekannt geblieben sein. Martines‘ Musik ist ein typisches Beispiel für ihre Zeit, und zwar auf sehr gutem Niveau: sie ist beredet, schwungvoll und flüssig – charmante, spielfreudige Rokokomusik und liebliche Kantatentexte. Man hört sowohl virtuose Cembaloklänge als auch höfisch-geprägte, galante Liebesnöte zu einer Musik, die auf der Höhe der Zeit war und von Paraschivescu und ihrem Ensemble durchweg ideal balanciert und phrasiert wird. Für die Kantaten hat man eine Luxusbesetzung gewinnen können. Die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus singt sechs Arien auf dieser CD und trifft dabei in den Arien und Rezitativen exakt den Tonfall aus Empfindsamkeit und Anmut, Verlangen und Sehnsucht, der sie auch zu einer gefragten Mozart-Sängerin macht. Durch Bonitatibus‘ hervorragende Stimme gewinnen Martines‘ Kantaten ein bemerkenswertes Format.

Für Freunde der Musikperiode an der Schwelle von Rokoko zu Frühklassik ist das eine lebendig musizierte und lohnenswerte Entdeckung und eine sehr schöne Repertoire-Erweiterung, bei der man vor allem die Kantaten mit der wunderbaren Anna Bonitatibus öfters hören kann (Marianna Martines – La tempesta mit Nicoleta Paraschivescu / La Floridiana / Anna

Bonitatibus; deutsche harmonia mundi/Sony 88875026722)
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Marcus Budwitius

Zwischen David Lynch und Edgar Wallace

Eine schöne Idee für lange Zugfahrten: Was fällt uns zu Städtenamen ein.  Im Eltern-Kind-Abteil ist damit für Abwechslung gesorgt.  Bei Irrelohe im Pfalztheater Kaiserslautern, eigentlich Irrenlohe,  ist das Ergebnis klar. Eine Geschichte über die „irre Lohe“ kann nur einen Schauerroman, ein Grusical, einen Schocker ergeben. Franz Schreker (Foto oben, Wiklipedia) erzählte, „Ich fuhr – es ist noch nicht lange her – von Dresden nach Nürnberg. Meine Gedanken – ich hatte eben die Partitur des Schatzgräbers vollendet – weilten sehnsüchtig bei neuen dichterischen Plänen. Der Zug hielt. Das schien es mir, als riefe der Schaffner den Namen Irrelohe. Ganz deutlich. Und ich blickte hinaus und buchstabierte wahrhaftig am Stationsgebäude den Namen einer Ortschaft Irrelohe. Da war es mit klar, dass dieser Name, über dessen möglicherweise höchst prosaische Entstehung ich nicht weiter nachfragen wollte, der Keim einer Dichtung in sich trage. Und so war es. Die Oper, an der ich eben arbeite, trägt ihn; das Buch war in drei Tagen vollendet: Irrelohe – Flammen aus einem Wahn!“  Eine nette Geschichte, die bei keiner Betrachtung von Schrekers siebter, 1924 in Köln unter Otto Klemperer uraufgeführter Oper fehlen darf.  Die im 18. Jahrhundert spielende Geschichte um Schloss und Dorf Irrelohe, die sich Schreker als sein eigener Librettist erdachte, ist eine Variation der  im 18. Jahrhundert aufkommenden britischen Schauerromane, der  Gothic Novel, ein bisschen schwarze Romantik, Edgar Allan Poe & Co und Tanz der Vampire, auch ein bisschen Psychoanalyse und Sexualphilosophie der vorletzten Jahrhundertwende.

Das Pfalztheater Kaiserslautern realisierte, nach dem außerordentlichen Friedenstag zu Beginn der Spielzeit, eine fesselnde Aufführung. Eine fast leere Bühne. Wo sonst das Orchester sitzt, im hoch gefahrenen Orchestergraben, türmen sich Müllsäcke,  das Orchester spielt auf der hinteren Bühnenhälfte, halb versenkt, fährt erst im dritten Akt, wenn das Schloss in Flammen steht und Schrekers Musik sehrende Glut annimmt, nach oben.  Das ergibt weite Wege aus dem Bühnenhintergrund, wo der Chor und die Solisten auftauchen und das Orchesterquadrat umrunden müssen, auch etwas Lauerndes und Unheimliches, ziemlich schnell entsteht die typische Gruselatmosphäre: alle wissen von einem Geheimnis,  das sich dem Zuschauer erst langsam enthüllt. Ein moderner zeitloser Thriller, aufgeladen und ausgeleuchtet durch die Lichtkegel, die die Akteure aufeinander richten. Holger Müller-Brandes und sein Bühnenbildner Thomas Dörfler haben einen schlichten und auch klanglich überraschend gut funktionierenden Raum geschaffen, in dem die Geschichte, leicht gekürzt, in gut 2 1/2 Stunden zu spannendem Musiktheater wird. Aus dem Orchester steigt ein Spieler mit Geigenkasten. Es ist, wie sich bald zeigt, Christobald, die Figur des Spielmanns, die in kaum einer der Opern Schrekers fehlt. Auch die anderen Musikanten, die gemeinsam mit ihm Feuer legen, seit ein Verbrechen über dem Ort liegt,  sind Orchestermusiker. Zunächst tapst die alte Lola nach vorn, erzählt, „einmal war ich schön, einmal war ich jung“, immer wiederkehrend, wie Azucena, was Katja Boorst mit ruhig wohlig fließendem Alt eindrucksvoll vermittelt, ist doch die Geschichte der Halbbrüder, Graf Heinrich oben auf der Burg und Lolas Sohn Peter, der in die Förstertöchter Eva verliebt ist, fast wie die im Trovatore. Mädchen umkreisen – wie Models auf einem Laufsteg mit gefährlichen High Heels und monströsen Hutkreationen – die vordere Spielfläche, mit verschmierte Gesichten, wie Halbtote.  Ein bisschen David Lynch, ein bisschen Edgar Wallace. Schwarz weiß.

Franz Schrekers "Irrelohe" in Kaiserslautern/Szene/Foto Stephan Walzl

Franz Schrekers „Irrelohe“ in Kaiserslautern/Szene/Foto Stephan Walzl

Auf dem Schloss laboriert Graf Heinrich mit Schaufensterpuppen, schraubt lieber an deren Gliedern herum als sich auf Eva zu stürzen, die sich ihm anbietet. Adelheid Fink und Heiko Börner sind als Eva und Heinrich merklich gefordert von den strapaziösen Partien,  Finks harscher Sopran klingt denn doch oft in den Höhen schrill und in der Mittellage flach,  wirft sich aber mit unbedingter Hingabe in  ihre Aufgabe, die alle stimmlichen Scharten vergessen macht, ebenso wie Börner, dessen lyrisch federnder Tenor manchmal in den Orchesterfluten untergeht, doch am Schluss noch über einen festen Klang verfügt; aber im Tristan-Zitat, dem Duett am Ende des 2. Aktes,  klingen beide über die Maßen verzagt.  Wieland Satter singt den aus einer Vergewaltigung hervorgegangenen Peter mit roh scheinendem lauterem Bariton, der im dritte Akt charaktervolle Farben zeigt. Gelungen Uwe Eikötters Christobald, überragend die Leistung Uwe Sanders (7. März 2015), der sich über die Jahre zu einem Spezialisten für die Oper der 1920er Jahre entwickelte,  und diese vor allem in den orchestralen Zwischenspielen spätromantisch und filmmusikhaft wuchernden Klänge mit Leidenschaft und Gespür zum Klingen brachte; manches ist in Irrelohe erstaunlich konventionell, etwa das mühsame reziativische Singen, manches melodiös verführerisch, wie die Passagen, die aus der kurz zuvor uraufgeführten Frau ohne Schatten entliehen sein könnten.

Rolf Fath

Foto oben: Szene aus Schrekers Irrelohe/Foto Stephan Walzl/Pfalztheater

Ambitions justifiées

Wie angenehm für den Rezensenten, wenn mit der CD gleich eine Kritik mitgeliefert wird, so mit der von Piotr Beczala, der, ehe er den Lohengrin in Dresden und Bayreuth in Angriff nimmt, noch französische Tenorarien aufgenommen hat. The French Collection nennt sich die bei der Deutschen Grammophon erschienene CD, wobei auch Arien aus der französischen

Fassung von zwei Donizetti-Opern und die Arie des Don Carlos aus dem ersten Akt der fünfaktigen Fassung vertreten sind. Jürgen Kesting bescheinigt dem polnischen Tenor im Booklet die perfekte Stimme für das französische Fach, auch wenn er nicht immer die viel beschworene voix mixte einsetze,aber vor allem, weil er „mit der Stimme singt, die er hat – und nicht mit der, die er gern hätte“.

Piotr Beczala selbst erklärt die relativ späte Hinwendung zu neuen Ufern damit, dass er das langsame Erklimmen eines Bergs mehr schätzt als die plötzliche Landung auf demselben, die die Gefahr des Absturzes in sich birgt. Um sich seiner Terminologie zu bedienen: Es gibt durchaus einige Punktlandungen mit allerdings schnellem Wieder- Abflug, so Don Josès Blumenarie oder den bereits erwähnten Don Carlos, zu deren Gesamtpartie man ihm nicht raten würde. Sänge er den Don José einschließlich des 3. Akts, würde wahrscheinlich der wunderschön im Pianissimo auf dem hohen B gesungene Ton anders ausfallen, die insgesamt „duftig“ wirkende Darbietung so nicht mehr möglich sein. Für den Carlos hat der Tenor ein empfindsames Rezitativ, vermeidet, der Situation eingedenk, auch jeden tragischen Klang für „Je l’ai vue, et dans son sourire“, sondern lässt die tenorale Sonne scheinen. In den beiden Donizetti-Arien hat er für La Favorite eine bemerkenswerte Fermate, den „Ange si pur“ aus Dom Sébastian die notwendige Sensibilität.

Eingeleitet wird das Programm mit dem dem Sänger vertrauten Werther, für den die mühelose, sanfte Emission der Stimme überzeugt, der geschickte Aufbau bis hin zum Spitzenton, der fast als Schrei gerät. „printemps“ kann sich einer schier endlosen Fermate erfreuen. Ebenfalls von Massenet ist die Arie des Cid, deren Ausführung durch eine großzügige Phrasierung besticht, durch einen schönen Fluss der Stimme, durch eine beinahe schon übermäßig idiomatisch klingende Artikulation, als wolle der Sänger französischer klingen als ein Franzose, was eigentlich kein Grund zur Kritik sein sollte. Auch das Finale ist ein Massenet-Stück, das Duett aus Manon in St. Sulpice, in dem Diana Damrau eine Manon ist, die an Charakterisierungskunst ihren wackeren Partner noch übertrifft und einfach unwiderstehlich wirkt.

Kaum noch gespielt wird Boieldieus La dame blanche, früher äußerst beliebt, vor allem die Tenorarie, die genau zu der Stimme passt, wie sie sich augenblicklich präsentiert, und es fallen dem Hörer sicherlich viele andere Opern dieses Genres ein, die kaum noch aufgeführt werden und die perfekte Partien für Beczala bieten würden. Marcello Viotti hatte sich im Venezianer Teatro Malibran dieses Repertoires angenommen und damit durchaus Erfolg gehabt.

Berlioz ist mit La Damnation de Faust und Béatrice und Bénédict vertreten, Ersterer mit einem zärtlichen, fast gehauchten „jeune fille“, Letzterer in schöner Unangestrengtheit und bruchlosem Durchmessen der Register. Für Gounods Roméo wünscht man sich ein noch jugendlicheres Timbre, für seinen Faust verfügt der Tenor über eine makellose Gesangslinie und eine ebensolche Höhe. Am Gelingen der Aufnahme und an ihrer unzweifelhaften Qualität hat mit Alain Altinoglu samt dem Orchestre de l’Opéra National de Lyon ein Kenner des Repertoires maßgeblichen Anteil (DG 479 4101)

Ingrid Wanja

Ungewöhnliche Biographie

Fast am Schluss ihres Gesprächsbuches stellt Vera Baur fest, dass ihr Partner Christian Gerhaher „ein Grübler und Zweifler“ sei, das aber hat auch der vom Protagonisten gefesselte Leser längst bemerkt und von dem nachdenklichen und zum Nachdenken auffordernden Werk profitiert. Wer dem vor allem und zunächst dem Lied, erst später und nun in zunehmendem Maße der Oper zugewandten Sänger durch das Liedertitel als Kapitelüberschriften verwendenden Buch bis dahin gefolgt ist, hat nicht nur, aber auch eine Menge insbesondere über Robert Schumann, den der Bariton über alles schätzt, ganz besonders aber dessen Komposition zu Goethes Faust erfahren. Der Untertitel des Buches Halb Worte sind’s, halb Melodie stammt von Joseph von Eichendorff.

Vera Baur berichtet in ihrem Vorwort darüber, wie man sich kennen lernte und auf die Idee kam, aus bereits stattgefundenen und noch zu führenden Gesprächen ein Buch werden zu lassen. In dessen erstem Kapitel, Lied eines Schmiedes, klingt ein Thema an, das das gesamte Buch durchziehen wird, die Hochschätzung Schumanns und die zumindest teilweise Ablehnung anderer Komponisten, so Brahms‘, hier wegen seiner Variationen einer Schumann-Komposition, später Richard Strauss wegen seiner frühen Lieder.  Gerhaher scheut sich nicht, sehr bestimmte, persönliche Urteile abzugeben, einen Musikgeschmack zu bekunden, der vom weit verbreiteten, so das Spätwerk Schumanns betreffend, stark abweicht.  Der Schluss des Buches wird eine beinahe hymnische Verteidigung  („manische Begeisterung“) der oft geschmähten Vertonung von Textstellen aus Goethes Faust sein.

Es gibt durchaus aber auch Persönliches zu lesen, so über die unterschiedlichen Studiengänge Philosophie und Medizin, die der Hinwendung zur Musik vorausgingen, die Verpflichtung nur gegenüber Inge Borkh und Michael Stumpf, die Bedeutung des Freundes und Pianisten Gerold Huber, dessen Foto die Rückseite des Buches ziert. Der Sänger scheut sich nicht, die Dirigenten zu nennen, die er besonders schätzt: Blomstedt, Nagano, Thielemann (trotz Operette!), Rattle und Harding.

Mit Lotosblume überschrieben ist das Kapitel, in dem es unter anderem um die sogenannte Hochkultur geht, ihre Gefährdung durch die Sucht nach Events, das Problem oft schlechter Texte für wunderbare Kompositionen. Rundfunk, Fernsehen und Kultusminister sieht der Sänger in der Pflicht, ein Publikum für die Zukunft heranzubilden. „Man muss Ansprüche stellen“, nicht durch Kultur light den Menschen die Klassik schmackhaft machen wollen. Wichtig erscheint Gerhaher, dass Kultur ein Geheimnis bewahrt, nicht vollständig erklärbar ist. Manch ein Leser wird den Kopf über die Meinung schütteln, bei der Sängerausbildung würde zu viel Wert auf die Praxis gelegt, komme die Literatur zu kurz. Sonst hört man das ganz anders.

In Liebesbotschaft kann der Leser erfahren, wie Gerhaher zur Musik und speziell zum Lied kam, welche Rollen er auf der Opernbühne verkörpert, wobei es nicht verwundert, dass es die eher introvertierten Charaktere sind, die er bevorzugt,  Wolfram, den Prinzen von Homburg oder Pelléas. Don Giovanni passt eigentlich nicht in diesen Kanon, ist aber der Bewunderung für Mozart geschuldet. Fotos des Opern- und Liedsängers gibt es im zweiten Fotoblock, der erste zeigt eher den Privatmenschen von Kindesbeinen an.

Zwar kehrt der Bariton immer wieder zu Schumann zurück, doch kommen praktische Erörterungen wie die über das Passaggio, Vibrato, über Werktreue, die Gestaltung von Liedprogrammen nicht zu kurz. Interessant sind die Vergleiche zwischen Schumann und Schubert, bzw. deren Liedern.

Im Kapitel  Die Löwenbraut geht es um „freundliche“ und „gute“ Dirigenten, um das Fremdeln gegenüber Puccini, um die Arbeit mit Christof Loy und mit Einschränkungen um ein Plädoyer für das Regietheater.  Ausführlich wird das Verhältnis zwischen Tannhäuser und Wolfram, wie es sich für den Bariton darstellt, erörtert. Zum Nachdenken regen Sätze wie „Der vorgestellte Klang ist das heiligste Gut des Sängers“ an.  Leichter wird es dem Leser gemacht, der Meinung zuzustimmen, eine gewisse Distanz des darstellenden Künstlers gegenüber dem Werk müsse bleiben.

Wieder Schumann widmet sich das Kapitel Der schwere Abend, in dem von der „Konzeptkunst“ des Komponisten die Rede ist, Fragen der Lied-Programm-Gestaltung erörtert werden und der Leser zum Nachdenken über den Satz „Das Defizit ist das Interessantere“ angeregt wird. Oft löckt der Sänger gegen den allgemein „gültigen“ Stachel“, so wenn er die „Verschwommenheit“ eines Liedtextes preist, wenn er Brahms‘ allgemein geschätzte Volksliedvertonungen als die Institutionalisierung der Sentimentalität bezeichnet, die das Volkslied volksliedhafter macht, als es eigentlich ist. Gerade durch die vielen Behauptungen, die den allgemeinen Vorstellungen widersprechen, wird das Buch besonders lesenswert und nachhaltig.

Dem von Gerhaher ansonsten geschätzten Gustav Mahler ist ein besonders Kapitel gewidmet, in dem, unter anderem – wieder bisher ungehört und vielleicht auch unerhört –  In diesem Wetter aus den Kindertotenliedern als „indiskret“ kritisiert wird. In einem späteren Kapitel bekennt er sich zum Schönberg der Hängenden Gärten, schreibt über Hollinger und Rihm, die für ihn komponierten und es weiterhin tun.

Wieder um Praktisches aus dem Sängeralltag geht es in Freisinn, um Timbre, Außenwirkung, Karriereaufbau. Und auch hier kann sich Staunen regen, denn zwar war die Gefahr von Glottis allgemein bekannt, nicht aber, dass man auch zu sehr „in die Maske Singen“, zu sehr den Ton abdunkeln kann, Vokale nicht verfärben solle.  Das spricht gegen manche von anerkannten Gesangslehrern verbreitete Glaubenssätze.

Nicht nur ungewöhnliche Meinungen, sondern auch die Offenheit, mit der der Bariton über Zweifel und Probleme spricht, machen sein Buch zu einer ganz besonderen Lektüre. Der hohe Anspruch an sich selbst setzt sich durchaus fort in der unausgesprochenen Forderung an den Leser, sich auf ein ungewöhnliches Buch mit ebensolchen Meinungen einzulassen (Henschel Bärenreiter Verlag ISBN 978 3 89487 942 6).

Ingrid Wanja

Erotik und Ironie

Ob eine Renaissance der Operette auf deutschen Bühnen bevorsteht oder möglicherweise schon im Gange ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Einzelne Signale sprechen dafür, denkt man an die Aktivitäten der Dresdner Staatsoperette, der Komischen Oper Berlin oder des Schallplatten-Labels cpo; ganz unzweifelhaft aber ist das wissenschaftliche Interesse, das seit einiger Zeit der so lange verschmähten Gattung entgegen gebracht wird. Operettenkongresse und Operettenbücher beschwören den hohen kulturgeschichtlichen und ästhetischen Stellenwert dieser Ausprägung der leichten Muse.

Albert Giers nun von der Bamberg University Press vorgelegter Versuch einer Phänomenologie des Genres kann sich also bereits auf eine – wenn auch junge – Tradition stützen: Das Standardwerk von Volker Klotz, auf das er sich häufig, wenn auch gelegentlich kontrovers beruft, aber auch Publikationen von Stefan Frey und Kevin Clarke. Sein eigener Beitrag zum Thema überrumpelt durch eine gewaltige Materialfülle auf engem Raum und die umfassende Belesenheit des Autors, der immer wieder, gleichsam aus dem Handgelenk, Querverbindungen zu anderen Künsten und Geisteswissenschaften herstellt und auch in der Philosophie heimisch zu sein scheint.

Im einleitenden Essay über die Gattung als solche ruft Gier gewichtige Kronzeugen auf: Schopenhauer, Nietzsche, Bloch, Adorno, Proust. Und Karl Kraus, dessen Definition, die Operette nehme „eine Welt als gegeben, in der sich der Unsinn von selbst versteht und in der er nie die Reaktion der Vernunft herausfordert“, besonders triftig erscheint. Die Musik hat dabei nach Kraus die Funktion, „den Krampf des Lebens zu lösen, dem Verstand Erholung zu schaffen und die gedankliche Tätigkeit entspannend wieder anzuregen“. Die Operette bewegt sich in einem „Paralleluniversum“ (Gier), in dem die Gesetzmäßigkeiten der realen Welt weitgehend außer Kraft gesetzt sind.

Giers Ausgangsthese: „Der uneigentlichen sprachlichen steht die Aussage der Musik als eigentliche gegenüber“. Das bedeutet: „die Musik drückt klar und eindeutig erotisches Begehren aus, das unverstellt zu benennen Konventionen verbieten“. Nach Adorno ist die Musik für den Hörer „Mittel zu Zwecken seiner eigenen Triebökonomie“. In der Operette tritt die „rückhaltlose Bejahung triebhaften Begehrens“ (Gier) an die Stelle der romantischen Liebe, die in der Oper im Zentrum steht. In Offenbachs Operetten und in denen seiner besten Nachfolger sind nach Gier „sinnliche Eigentlichkeit und die Uneigentlichkeit des antiillusionistischen Spiels untrennbar miteinander verbunden“.

Was das konkret bedeutet, wird in zwei langen Kapiteln zu den Themen „Uneigentlichkeit“ und – daraus resultierend – „Intertextualität“ an zahlreichen Beispielen festgemacht. Das „(postmodern anmutende) intertextuelle Spiel der Entlehnungen, der kreativen Anverwandlung, polemischen Abgrenzung, parodistischen Korrektur bis hin zum Plagiat“ sei ein Hauptmerkmal der „komischen Operette“, die Gier deutlich vom „musikalischen Tränentheater“ abhebt, das in den Tauber-Operetten Lehárs seine Vollendung fand. Intertextualität meint Rückbezüge auf Opern, Schauspiele, erzählende Literatur, aber auch andere Operetten, die gleichsam recycelt oder neu weiter erzählt werden.

In Reynaldo Hahns Ciboulette (1923) sieht Gier den Prototyp einer komischen Operette, es handelt sich gleichsam um eine „Operette über die Operette“ und zugleich um eine Hommage an Jacques Offenbach, auf dessen Stücke nicht nur die Schauplätze der Handlung verweisen. Eine zentrale Rolle fällt darin Duparquet zu, dem Rechnungsprüfer der Markthallen, der sich überraschend als Rodolphe aus Murgers Vie de Bohème zu erkennen gibt und auf Anfrage mitteilt, dass auch seine drei Künstlerfreunde mittlerweile Staatsbeamte geworden sind. Im deutschen Sprachraum haben Egon Friedell und Alfred Polgar etwas Ähnliches versucht wie Hahns Librettisten Robert de Flers und Francis de Croisset: die als solche bezeichnete „Muster“operette Der Petroleumkönig oder Donauzauber (1908).

Weitere Kapitel des Buches widmen sich der Affinität der Operette zum Märchen und zur Kolportage, untersuchen die zahlreichen Spielarten von Erotik und Humor in diesem Genre und verfolgen Spuren zeitgenössischer Realität in verschiedenen Libretti. Ein relativ knapp gehaltener Ausklang verbindet eine Hommage an Fritzi Massary, der kreativen Interpretin, mit Aspekten der Aufführungsgeschichte der folgenden Jahrzehnte. Interessant ist der Hinweis auf das Pasticcio Frou-Frou-les Bains von Patrick Haudecoeur (2001), von dem es auch eine deutsche Version gibt: Eine Meta-Operette mit Versatzstücken aus französischen und deutschen Werken.

Für den Romanisten Gier bieten sich vor allem die französischen Beispiele der Gattung für genauere Analysen an – neben den Werken Offenbachs und Ciboulette sind das Victor Rogers Joséphine vendue par ses soeurs und Maurice Yvains „Pas sur la bouche“ (1925). Das letztgenannte Stück, an dem die Erotik in der Operette exemplifiziert wird, ist bei uns allerdings unbekannt geblieben und auch seine prominent besetzte Verfilmung durch den großen Cinéasten Alain Resnais (2003) kam nie ins deutsche Kino; es gibt davon eine bei Pathé veröffentliche DVD, die allerdings keine deutschen Untertitel enthält.

Die Dramaturgie gerät in diesem zitaten- und fußnotenprallen Werk gegenüber der Poetik ein wenig ins Hintertreffen. Aspekte der Bühnenwirklichkeit werden nur angerissen. Wie die Stücke aufgebaut sind, wie sich Text und Musik, Gesang und Tanz zueinander verhalten, mit welchen Mitteln komische und sinnliche Wirkungen erzielt werden, mit einem Wort: wie diese Stücke „funktionieren“ – dem geht Gier nur am Rande nach. Dafür bietet er ein riesiges Kompendium der in den Libretti verwendeten Topoi; dabei werden einige hundert Titel angetippt, von denen auch der fortgeschrittene Operettenfreund noch nie gehört hat und die er höchstwahrscheinlich auch niemals zu hören geschweige denn zu sehen bekommen wird.

Ekkehard Pluta

 

Der Autor: Albert Gier/Foto BR

Der Autor: Albert Gier/Foto BR

„Wär’ es auch nichts als ein Augenblick“ : Poetik und Dramaturgie der komischen Operette / Albert Gier, Bamberg: Univ. of Bamberg Press, 2014, (Romanische Literaturen und Kulturen ; 9), ISBN 978-3-86309-258-0

 

Gerhahers Lieblingswerk

Eigentlich lag die Doppel-CD mit Schumanns Szenen aus Goethes Faust noch ziemlich weit unten im Stapel der zu rezensierenden DVDs und CDs, aber das wiederholte Loblied auf das Werk in Christian Gerhahers Buch (s. Rezension in operalounge.de) muss einfach in jedem Leser den Wunsch wecken, sich näher mit der späten und nicht so recht anerkannten Arbeit des Komponisten zu beschäftigen, umso mehr als die Aufnahme mit Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Daniel

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Harding den Bariton in der Titelpartie verzeichnet.

Trotz der manchmal kritisierten „dicken“ Instrumentierung gelingt es dem Dirigenten, einen durchsichtigen Klang zu erzeugen, umspielt das Orchester zart Gretchens Gesang, gelingt das Vorspiel zur Arie des Ariel wunderschön schwebend. Bedürfte es einer Ehrenrettung für die FaustSzenen, dann gelingt sie, was das Orchester betrifft, Daniel Harding vortrefflich. Der Chor, zu dem sich der Kammerchor der Augsburger Domsingknaben im letzten der drei Teile gesellt, kann seine Klangfarben erstaunlich ändern, je nachdem ob er Lemuren gespenstisch oder als Chorus Mysticus in ätherischer Feierlichkeit zu singen hat. Bei „der Zeiger fällt…“ sieht man vor dem inneren Auge das Geschehen.

Auch die Solisten lassen keinerlei Wunsch offen. An ihrer Spitze steht Christian Gerhaher als Faust, Pater Seraphicus und Doctor Marianus. Zärtlich drängend und dabei die Intimität der Szene wahrend singt der wunderschön timbrierte Bariton die Gartenszene aus Faust I, die Diktion des Liedsängers bewährt sich auch hier durch ihre Klarheit, sinnvoll entwickelt wird „Des Lebens Pulse…“ unter besonderer Hervorhebung von „am farbigen Abglanz“. Die besondere Kunst des Sängers besteht darin, dass die Stimme sich auf die jeweilige Situation und die Entwicklung der Figur einzustellen weiß, ihr dabei aber im Grundton treu bleibt. Wie grauer Schleier legt es sich nach der Erblindung Fausts auf die Stimme, seherisch klingt „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin..“, um sich noch zu steigern auf „Solch ein Gewimmel möchte‘ ich sehn“ in zunehmender Vergeistigung. Für den Pater Seraphicus hat der Bariton beschwingtere Töne, als Marianus klingt er wie von Erdenlast befreit.

Gretchen im Dies- und Jenseits ist Christiane Karg mit klarer, reiner Sopranstimme, sanft und im dritten Teil mit schönem Jubelton. Bewährt stilvollsingt Alastair Miles den Mephistopheles, der nicht nur in „Ihn sättigt keine Lust“, zeigt, wie man eine schöne Stimme hässlich erscheinen lassen kann. Einen feinen lyrischen Tenor besitzt Andrew Staples für Ariel, den Pater Ecstaticus und kleinere Aufgaben, bei Letzterem lässt er den frommen Rausch hörbar werden. Das „Ewig-Weibliche“ verkörpert am besten Bernarda Fink mit kultiviertem Mezzo. Kurt Rydl ist der markante Pater Profundus, der seinem Namen Ehre macht. Mari Eriksmoens Sopran ist für Marthe und Sorge zu frisch mädchenhaft, passt viel besser zum Jüngeren Engel. Vor allem der dritte Teil der Szenen, aus Faust II stammend, macht die Begeisterung des Faust-Interpreten für das Werk nachvollziehbar (BR Klassik 900 122).

Ingrid Wanja

Lucine Amara

 

Am Sonntag, dem 1. März 2015, wurde die langjährige Met-Sopranistin Lucine Amara 90 Jahre alt – man sieht als Älterer, wie die Zeit fliegt, wenn die „Haushalts“-Sänger, mit denen man aufgewachsen ist, nun stolze Alter erreichen. Das lässt einen doch noch einmal seine Vor- und Nachlieben überdenken. Namentlich eine so solide Sängerin wie Lucine Amara, nie ein Weltstar, aber doch von großer Qualität und von unglaublich konstanten Auftritten, wäre heute kaum noch denkbar. Ganze Generationen von Met-Besuchern konnten sich an ihrer zeitübergreifenden Präsenz und Vielseitigkeit erfreuen. Sie war eine im wahren Sinne eine universelle Sängerin mit einer enormen Bandbreite. Und Wagner-Fans wird sie mit ihrer Studio-Elsa neben Kónya bei RCA/Teldec/Decca in Erinnerung sein, von zahlreichen Aufnahmen der alten CBS ganz abgesehen. Zum Geburtstag nun eine Würdigung, die wir von dem interessanten Blog Opera Fresh übernommen haben – in Englisch sorry.

Lucine Amara als Aida an der Met/Melancon/Metropolitan Opera Archives/

Lucine Amara als Aida an der Met/Melancon/Metropolitan Opera Archives

Lucine Amara began her career as a chorister with the San Francisco Opera. After starting out as a contralto, she switched to soprano and by 1946 was making her debut at the War Memorial Auditorium. The biggest part of her career was on the East coast at The Metropolitan Opera where she sang from 1950-1991 in 748 performances. She debuted as the Celestial Voice in Verdi’s Don Carlo with a cast that included Jussi Björling, Delia Rigal, Robert Merrill, Fedora Barbieri, Cesare Siepi, and Jerome Hines. Her roles at the beginning of her career in New York tended to be mostly comprimario: First Lady (Die Zauberflöte), Ines (Il Trovatore), Wellgunde (Götterdämmerung), Kate Pinkerton (Madama Butterfly), Priestess (Aida), Countess Ceprano (Rigoletto), Frasquita (Carmen), Serving Woman (Elektra), Leaders of the People (Alceste), Flower Maiden (Parsifal), Annina (La Traviata). Rare exceptions in the first two years of performing at the MET were the roles of Nedda in I Pagliacci and Micaela in Carmen.

Lucine Amara als Tatjana mit George London/Onegin/Melancon/Metropolitan Opera Archives/

Lucine Amara als Tatjana mit George London/Onegin/Melancon/Metropolitan Opera Archives

By 1953 she was singing Mimì in La Bohème under the baton of Alberto Erede. She would go on to sing Pamina (Die Zauberflöte), Countess Almaviva (Le Nozze di Figaro), Donna Elvira (Don Giovanni), Desdemona (Otello), Antonia (Les Contes d’Hoffmann), Tatiana (Eugene Onegin), Leonora (La Forza del Destino), Liù (Turandot), Fiordiligi (Così fan tutte), Eva (Die Meistersinger von Nürnberg), Ariadne (Ariadne auf Naxos), Marguerite (Faust), Ellen Orford (Peter Grimes), Luisa (Luisa Miller), Maddalena (Andrea Chénier), Alice Ford (Falstaff), Cio-Cio San (Madama Butterfly), Elsa (Lohengrin), Amelia (Un Ballo in Maschera), and the title roles inAida and Tosca. Her final roles at the MET were Mother Marie (Dialogues des Carmélites), Santuzza (Cavalleria Rusticana), Gertrude (Hänsel und Gretel), and Madelon (Andrea Chénier). Be sure to visit the birthday tribute page for more photos and audio clips.

 

Das Foto oben zeigt Lucine Amara als Madama Butterfly/Melancon/Metropolitan Opera Archives

 

 

Menschlichkeit und Können

Helene Schneiderman in einem Interview zu begegnen war seit Jahren unser Wunsch – was für eine vielseitige Künstlerin mit einer der interessantesten, aussagekräftigsten Mezzostimmen, die ich kenne. Was hat die Frau alles gesungen und gestaltet, und das bei jahrelanger gleichbleibender Qualität, unglaublich!  Gefeiert wird sie auf den großen Opernbühnen in aller Welt. Doch so richtig und besonders geliebt wird sie in Stuttgart, wo sie seit 30 (!) Jahren zum Ensemble der Staatsoper gehört. Mit der bezaubernden  Mezzosopranistin, die aktuell an der Oper Stuttgart die Lucilla in Jommellis Berenike (s. die Kritik in operalounge.de) singt, sprach Hanns-Horst Bauer über Karriere und Familie, Zumutungen und Emotionen. G. H.

Helene Schneiderman  ©Hanns-Horst Bauer

Helene Schneiderman ©Hanns-Horst Bauer

Sie sind seit drei Jahrzehnten festes Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart und dort seit elf Jahren Kammersängerin. Hat es Sie nicht manchmal gereizt, nur noch frei schaffend tätig zu sein? Ich habe mich von Anfang an in Stuttgart herzlich aufgenommen gefühlt. Schon bei der Vorbereitung meiner  ersten großen Partie, das war Rossinis Cenerentola, hat das Orchester bei der Probe ganz spontan geklatscht. Das war ein ganz tolles Gefühl. Für mich war es immer sehr wichtig, ein richtiges Zuhause zu haben. Wenn ich schon nicht mehr in meinem Heimatland USA sein sollte, dann wollte ich hier wenigstens Fuß fassen und Wurzeln schlagen.

Helene Schneiderman  ©Hanns-Horst Bauer

Helene Schneiderman ©Hanns-Horst Bauer

Sicher hätte ich auch in Heidelberg bleiben können, wo ich mein Herz an Michael, meinen Mann, verloren  habe. Aber als die Einladung nach Stuttgart kam, konnte ich einfach nicht Nein sagen. Vor allem hat mir mein fester Vertrag hier die Möglichkeit geboten, verhältnismäßig frei zu leben, und das hieß für mich, auch eine Familie gründen zu können. So habe ich jetzt zwei wunderbare Töchter – Liviya (25) und Lara (22) –  und konnte eine ganz normale Ehe führen, was bei Sängern leider nicht immer selbstverständlich ist.  Irgendetwas muss man ja meist aufgeben, wenn man eine große Karriere machen will. Doch ich wollte meiner tollen Familie, in der ich mich immer noch so geborgen fühle, nichts opfern. Sie haben die Familie ganz klar vor die berufliche Karriere gestellt? Ja, unbedingt. Aber vielleicht wollen Opernliebhaber und Fans so etwas gar nicht hören und erwarten, dass man das Singen über alles in der Welt stellt.  Eine Diva wollten Sie also nicht werden? Nein, im negativen Sinn des Wortes ganz bestimmt nicht. Ich setze auch heute noch lieber auf Überraschungseffekte und will das Publikum nicht nur mit meinem Namen, sondern vor allem mit meiner Leistung überzeugen und begeistern. Das garantiert eine lange, beständige Karriere auf hohem Niveau; sonst ist  man unter Umständen bereits nach zehn, zwanzig Jahren oder gar schon früher weg von der Bühne.

 

Helene Schneiderman in "Die glückliche Hand -Schicksal" in Stuttgart ©A.T.Schaefer

Helene Schneiderman in „Die glückliche Hand -Schicksal“ in Stuttgart ©A.T.Schaefer

Ihre Karriere haben Sie ganz bewusst langsam und wohl durchdacht angegangen. Das scheint Ihren jahrzehntelangen Erfolg auszumachen. Ganz bestimmt. Ich habe den Eindruck, dass Sänger, die sich genau so verhalten, auch immer besser werden. Da stellt sich dann unweigerlich die Frage, welche Rollen ich noch wirklich überzeugend singe, wenn ich älter werde. Ein Mezzo hat es da aber zum Glück leichter als ein Sopran. Ich könnte beispielsweise in Mozarts Figaro fast alle weiblichen Hauptrollen singen. Hat es Sie nicht doch manchmal gereizt, ein wenig mehr in der medialen Öffentlichkeit präsent zu sein? Natürlich ist es reizvoll, mit einem coolen Gesicht auf einem CD-Cover oder auf einem Werbeposter im Bus in Salzburg oder sonst wo auf sich aufmerksam zu machen. Da hätte ich allerdings einige Entscheidungen anders fällen müssen. Doch wo wäre ich dann heute? Wäre ich so glücklich wie jetzt?

 

Helene Schneidermann als Silla/"Berenike" in Stuttgart ©A.T.Schaefer

Helene Schneiderman als Silla/“Berenike“ in Stuttgart ©A.T.Schaefer

Zweifellos gehören Sie zu den ganz großen Publikumslieblingen, und das nicht nur in Stuttgart. Wie gehen Sie mit einer solchen emotionalen Zuneigung, ja frenetischen Begeisterung um? Das ist für mich schon eine Verpflichtung, ja eine enorme  Herausforderung. Deshalb bin ich vor einer Premiere immer ganz schön nervös, habe richtig Lampenfieber. Aber da packt mich auch der Ehrgeiz. Ich will ja mein Publikum nicht enttäuschen. Und in Sachen Kritik bin ich glücklicherweise etwas verwöhnt, da ich fast nur positive Kritiken bekomme. Trotzdem habe ich ein bisschen Angst, sie zu lesen, weil ich ein sehr sensibler und vielleicht auch ein wenig abergläubischer Mensch bin. Oft warte ich deshalb einfach, bis mir jemand davon erzählt oder mir die Kritik, wie das meine Nachbarin gerne macht, an die Haustüre hängt. Manchmal lasse ich sie auch erst meinen Mann lesen, der übrigens neben mir selbst einer meiner strengsten Kritiker ist. Leider können Kritiken herzlos, ja sogar gemein und bösartig sein. Eigentlich sollte man sie gar nicht lesen, aber das ist ja wohl kaum möglich.

 

Helene Schneiderman in "Teseo" in Stuttgart ©Martin Sigmund

Helene Schneiderman in „Teseo“ in Stuttgart ©Martin Sigmund

Sie waren sechs Jahre lang als Professorin am Salzburger Mozarteum tätig und geben nach wie vor viele Meisterkurse. Da müssen Sie selbst Kritik üben. Was versuchen Sie den jungen Sängerinnen und Sängern  zu vermitteln? Ich rate ihnen, in sich hineinzuhören und auf ihre Stimme aufzupassen. Ganz wichtig sind höchste Disziplin und die Einsicht, dass man nicht alles haben kann, dass man auch Nein sagen können muss. Zum Singen gehört nicht nur eine schöne Stimme, gefordert wird immer die ganze Person. Wo liegen für Sie beim zeitgenössischen Musiktheater die Grenzen des Zumutbaren? Was erwarten Sie von einem Regisseur? Er muss das Potential, das in einem Sänger steckt, erkennen und fördern. Natürlich habe ich für mich ganz persönlich Grenzen gesetzt. Solange ich beispielsweise schauspielerisch und menschlich klären kann, warum ich auf dem Kopf stehen muss, wenn ich eine Arie singe, dann würde ich auch auf dem Kopf stehen und singen. Sonst nicht. Wenn ein Regisseur zu wenig von mir verlangt, auch das kommt bisweilen vor, dann muss ich mir selber etwas einfallen lassen und ihn davon überzeugen.

 

Helene Schneiderman in "Eugen Onegin" in Stuttgart/ ©A.T.Schaefer

Helene Schneiderman in „Eugen Onegin“ in Stuttgart/ ©A.T.Schaefer

Welche der gut 70 verschiedenen Rollen, die Sie auf der Bühne verkörpert haben, würden Sie als Traumrollen bezeichnen? Haben Sie überhaupt noch neue Partien auf Ihrer Wunschliste? Das waren zu Beginn meiner Karriere ganz sicher die großen Rossini- und Mozart-Partien, doch inzwischen sind mir Händel, Puccini und viele andere Komponisten genauso lieb. Ich lasse mich da gerne überraschen. Es gibt  ganz sicher viele Rollen, von denen ich gar  nichts weiß. Vielleicht komponiert ja sogar jemand etwas ganz speziell für mich? Sehr gerne würde ich noch Jacques Offenbach singen, die Schöne Helena, La Périchole, die Großherzogin von Gerolstein. Und natürlich jede Menge Händel. Ihn singe ich leidenschaftlich gern. Mit welchen Rollen konnten Sie sich zuletzt auseinandersetzen? Unter anderem mit ganz vielen Marcellinas in Mozarts Figaro. Ob mit David Mc Vicar in London, Emilio Sagi in Madrid, Dieter Dorn in München oder jetzt wieder in Stuttgart in der Produktion von Nigel Lowery, es ist einfach spannend und interessant, ein- und dieselbe Rolle aus unterschiedlichen Blickwinkeln kennenzulernen. Im April werde ich die Rolle im Theater an der Wien singen, wo Marc Minkowski am Pult steht. In seiner neuen Holländer-CD-Aufnahme habe ich zuletzt die Mary gesungen. Richtig fasziniert hat mich im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit Richard Jones in Glyndebourne. Dort war ich Anina im Rosenkavalier. Es war einfach fantastisch, und ich habe sehr viel dazugelernt.

 

Helene Schneiderman in "Pelléas et Mélisande" in Stuttgart/©A.T.Schaefer

Helene Schneiderman in „Pelléas et Mélisande“ in Stuttgart/©A.T.Schaefer

Wie sind Sie denn überhaupt zur Musik und zum Gesang gekommen? Ich habe gesungen, solange ich zurückdenken kann.  Bei uns zu Hause wurde auch immer musiziert. Theaterblut lag in der Familie. Meine Eltern haben sich nach dem schrecklichen Holocaust, den beide zum großen Glück überlebt haben, auf der Bühne eines Displaced Persons Camp in Landsberg kennengelernt. Aber mit einem Aha-Erlebnis, einer spektakulären Initialzündung kann ich nicht dienen. Eigentlich wollte ich ja Lehrerin werden, doch dann hat man mir geraten, Gesangsstunden zu nehmen, da ich offensichtlich eine schöne, klare Stimme hatte. Ganz besonders beeindruckt haben mich  Mezzosopranistinnen wie Teresa Berganza oder Frederica von Stade, aber auch große Soprane wie die Callas oder Edita Gruberová.

 

Helene Schneidermann in "La Sonnambula" in Stuttgart/©A.T.Schaefer

Helene Schneiderman in „La Sonnambula“ in Stuttgart/©A.T.Schaefer

Bei Ihrem vollen Terminkalender dürften Sie nicht viel Freizeit haben? Wenn ich in meinen Terminkalender schaue, bekomme ich manchmal richtig Bauchweh und frage mich, wann ich das alles lernen soll. In meiner freien Zeit gehe ich nicht nur gerne mit Mann und Hund im Wald spazieren, sondern  koche auch mit Begeisterung. Und das nicht nur für die Familie, sondern ganz mutig sogar für TV-Sternekoch Vincent Klink? Ja, ich habe nicht nur ganz vorzüglich in seinem Restaurant gespeist, sondern habe es sogar gewagt,  für ihn bei mir zu Hause Cincinatti-Chili zu kochen. Wir haben dann auch gemeinsam mit dem Littmann Quartett Rossini-Matineen auf verschiedenen Schlössern und auf der Insel Mainau veranstaltet. Vincent hat moderiert, und ich habe ein paar passende Arien dazu beigetragen.

Bessere Auflösung!Sie stammen aus einer jüdischen Familie. Ihre Eltern haben den Holocaust in Auschwitz, Buchenwald und Dachau überlebt. Wie hat Sie diese schreckliche Vergangenheit Ihrer Familie geprägt? Sie hat mich und meine drei Brüder stark geprägt und beeinflusst. Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, ist mir damals nicht leicht gefallen.  Doch die Chancen für eine junge Nachwuchssängerin, ich war damals 26, waren hier einfach größer als in Amerika. Meine Eltern haben mir, obwohl  ihnen das ganz sicher sehr, sehr schwer gefallen ist,  sogar dazu geraten, weil sie für mich einfach das Beste wollten und mir vermittelt haben: Wir lieben unsere Tochter mehr, als wir je einen Menschen hassen könnten. Ihnen habe ich jetzt eine bei Carus erschienene CD mit jiddischen Liedern gewidmet, auf der auch vier Originalaufnahmen von meinen Eltern zu hören sind: „Makh tsu di Eygelekh“ – „Mach deine Augen zu“. Es ist das erste Lied, an das ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Meine Mutter sang mich damit in den Schlaf. Sie hat es unzählige Male liebevoll und geduldig wiederholt, bis auch ich es singen konnte.

 

Helene Schneiderman  ©Hanns-Horst Bauer

Helene Schneiderman ©Hanns-Horst Bauer

Vita: Helene Schneiderman wurde in Flemington (New Jersey) geboren und erhielt ihre Ausbildung in Princeton und Cincinnati, die sie mit dem Grad eines Masters of Music und mit dem Operndiplom abschloss. Nach einem zweijährigen Engagement in Heidelberg wurde die lyrische Mezzosopranistin 1984 Mitglied des Ensembles der Staatsoper Stuttgart, dem sie heute noch angehört. In den USA sang sie an der New York City Opera sowie an den Opernhäusern in San Francisco und Seattle.  Sie gastierte erfolgreich unter anderem in Dresden und München, in Amsterdam, Rom, Tel Aviv und Paris. Außerdem wirkte sie bei den Festspielen in Ludwigsburg, Schwetzingen, Pesaro, Glyndebourne und Salzburg  mit, wo sie in Verdis Oper La traviata neben Anna Netrebko und Rolando Villazón auftrat.  Von 2007 bis 2013 war sie Professorin für Sologesang an der Universität Mozarteum Salzburg.

Ihr umfangreiches Repertoire reicht von den Opern Monteverdis, Jomellis und Händels bis zum Rosenkavalier von Richard Strauss und zu Adriana Hölzkys Bremer Freiheit, von den Mozart-Partien Dorabella und Sesto bis zur Carmen und Nancy in Flotows Martha. Zu ihren Paraderollen gehören Rossinis Koloraturpartien Isabella, Cenerentola und Rosina.

Helene Schneiderman, für die Oratorienkonzerte und  Liederabende zum unverzichtbaren Schwerpunkt ihrer künstlerischen Laufbahn gehören, wurde 1998 zur Kammersängerin ernannt und erhielt 2008 die Otto-Hirsch-Medaille für ihre Verdienste um die christlich-jüdische Zusammenarbeit und ihren Einsatz für jiddisches Liedgut. 2010 wurde die Sängerin mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.

CDs hat Helene Schneiderman bei verschiedenen Plattenfirmen aufgenommen, darunter Donizettis Anna Bolena mit Edita Gruberova (Nightingale Classics), Songs von Aron Copland unter  Dennis Russell Davies (Nimbus), Händels Teseo als Live-Mitschnitt der Stuttgarter Oper (Carus) oder, ebenfalls bei Carus, Volks- und Wiegenlieder. Auf DVD gibt’s unter anderem die Stuttgarter Produktionen von La Sonnambula und Alcina, die Traviata aus Salzburg sowie einen Marthaler-Figaro aus Paris mit dem Stuttgarter GMD Sylvain Cambreling am Pult. H.-H. B.

François-Xavier Mercier

 

Eigentlich bin ich ja nicht wirklich der ganz große Fan von Schellacks, die mir – nur mir natürlich! – zu dünn und oft plärrig aus dem Lautsprecher entgegenschallen und mich glauben machen sollen, dass dies die Stimmen der berühmten Sänger der Vergangenheit, der Urauffürungen von Verdi, Mascagni oder D´Albert sein sollen. Ich weiß, ich mache mir jetzt wirklich Feinde, und ich will wirklich nicht die rabiaten Sammler von Altertümern kränken, die jetzt die Stirn runzeln ob meiner Ignoranz. Ich höre diese fernen Aufnahmen nicht gerne, und egal wie wunderbar Caruso, Siems, Hempel oder Soot  (ausgenommen z. B. Destinn) gesungen haben mögen – sie sind mir fern, zu fern für meine Beurteilung und vor allem für mein Vergnügen. Aber es gibt eben doch diese unerklärlichen kleinen chemisch-physiologischen Überraschungen, wenn ich plötzlich an eine Stimme gerate, die in meinem Herzen etwas anrührt, eine Empathie herstellt, die über den tiefen Zeitgraben, über alle Unbill von Kratzern und Trichter, Wachs und Walze hinweg plötzlich eine Verbindung schafft, die an heutiges Hörvermögen anknüpft, die mich innehalten lässt, die mir etwas sagt und mit mir kommuniziert.

Dies eben geschieht mir mit dem kanadischen Tenor François-Xavier Mercier, der 1932 mit 65 Jahren  starb und der um 1900 herum zu den glanzvollen Tenören im französischen Fach gehörte. Ich hatte ihn einmal auf einer Anthologie kanadischer Stimmen gefunden, wo er mir auffiel und irgendwie im Gedächtnis blieb, und ich begegnete ihm erneut und nun nachdrücklich auf dem Blog greatestoperasingers des Armeniers Ashot Arakelyan, der sich auf historische Aufnahmen spezialisiert hat und diese in CD-Kompilationen auch verkauft (s. nachstehend). Das Netz bietet ja unendlich viele dieser interessanten websites, auf denen Sammler und Händler ihre Artikel ausstellen und auch verkaufen. Letzteres mag mancher vielleicht kritisch beurteilen, aber man muss ja auch nicht zugreifen, wenn man das nicht möchte. Bei den greatestoperasingers jedenfalls erwartet das suchende Auge eine Fülle an Namen und auch klingenden Beispielen, und schon beim Aufklicken ertönt ein ganz wunderbares Solo des Nadir aus den Pêcheurs de Perles in Russisch (Piotr Slovtsov), ah – welche Kultur, welcher Schmelz, welche verlorene Kunst. Da kann für mich nur Alain Vanzo mithalten. Als Hörprobe erlebt man dann einen Ausschnitt aus Raouls Arie aus den Huguénots mit Mercier. Eben!  Im Folgenden also eine Vita Merciers und Details zu diesem spannenden Blog mit seinen vielen historischen Stimmen-de luxe. G. H.

François-Xavier Mercier/OBA

François-Xavier Mercier/OBA

François-Xavier Mercier (Tenor) (Québec, Canada 1867 – Québec, Canada 1932). He sang in Quebec City from his early childhood, especially at the Church of the Congregation of Notre-Dame (now Jacques-Cartier). He performed as a soloist in the hall of the Académie commerciale and thus came to the notice of the school’s director, who accepted him as a non-paying student at the institution and in 1891 found a position for him as bookkeeping teacher at the Collège Mont-St-Louis, Montreal. Mercier lived 1892-4 in Toronto, where he studied elocution with J. H. Cameron and solfège with Adèle Lemaître. In Boston he performed the role of the Duke in Rigoletto at Castle Square but soon returned to Toronto to open a voice studio. With means of a subscription and the proceeds of some concerts given at Massey Hall, Mercier went to Paris and studied voice for five years with Jacques Bouhy and solfège and stage techniques with T. Valdejo. In January 1899 he was chosen from among 18 tenors to sing at the Opéra-Comique; he made his debut in Méhul’s Joseph. Le Gaulois commented: ‚Mercier’s tone was superb. A powerful voice, perfect diction, expressive features; he is actor and singer rolled into one.‘ Later he sang in Carmen, Mireille, and Manon. In 1901 Mercier performed in Faust, Les Huguenots, Carmen, Roméo et Juliette, and Le Roi d’Ys at Covent Garden, London, in casts which included Calvé, Journet, Melba, Plançon, Scotti, and Tamagno. He returned to Paris to learn the role of Arnold in Guillaume Tell, which he later sang in Bordeaux and in Rouen, where according to Le Nouvelliste, he received seven curtain calls for his performance of the aria ‚Asile héréditaire.‘ After singing in Faust, L’Africaine, Les Huguenots, Sigurd, and La Juive on tour in France, he visited Italy and Switzerland. He repeated his roles in Les Huguenots at The Hague and Guillaume Tell at Spa with Noté. In December 1906, while preparing for a season at the theatre in Lyons, he had to return to Quebec City because of his mother’s death. In 1907 he sang in Toronto and in Quebec City, and that November he left once again for Paris. Mercier spent the 1908-19099 season in Constantine (Algeria), where he triumphed in Les Hugénots, and then in Werther, Carmen, La Navarraise, I Pagliacci, Marie-Magdeleine, Sigurd, and Hérodiade. In Algiers and Oran, he sang Tell and La Juive. His next undertaking was to participate in 22 opera and oratorio concerts at Queen’s Hall, London, under Sir Henry Wood. After another tour of Franceand Algeria, he returned to Quebec City in August 1913 with his wife, the singer Isabelle de Besson (Mlle Jeynevald), whom he had met in Constantine and married in Lyons in 1909.

In 1914 Mercier founded the Institut d’art vocal. He taught there until his death. In 1931 he was named honorary president of the newly founded Association des chanteurs de Québec. He wrote a series of articles, ‚Classement et pose de la voix‘ which appeared in La Musique in 1919, and in 1923 he published Souvenirs de ma carrière artistique, reprinted under the title ‚Gerbe de souvenirs‘ in his study Technique de musique vocale (Quebec City 1928). He composed numerous songs, including ‚Ce que je chante‘ Opus 65, which was published in 1918, and ‚France et Canada‘ Opus 106, published in 1929. A number of his works are held at the ANQ in Quebec. greatestoperasingers

 Auf der CD und als Hörprobe: Columbia, New York 1915 : Les Huguénots (Meyerbeer): L’entrée de Raoul E2376 45649; sowie  Chanson de l’adieu (Tosti)  E2377 45659 France  E2380 45652; La Huronne E2377; Marie Magdeleine (Massenet): Heureux ceux qui vivront E2375; Mireille (Gounod): La foi de son flambeau divin with Isa Jeynevald  E2375; Musette du XVIIe siècle E2378 45658; Ô Canada, mon pays, mes amours! E2378;Tosca (Puccini): Oh! des beautés régales,;; Zingarella  E2380 45656 – CD contains 30 tracks and costs 30 $ + 5 $ for World wide shipping, including post and packing.

forgottenoperasingers@gmail.com Ashot Arakelyan, Armenia. Erevan, Street Tamanyan 2, Apartment 20, Postal code 0009, Tel: +37410 56 80 48, Payment methods accepted Bank Transfer Payment, Payments by mail and International Money Transfers Systems. 5$ for World wide shipping, including post and packing. GREATEST OPERA SINGERS is the most comprehensive site on greatest opera singers on the World Wide Web. It provides biographies, chronological Information, photos, labels and sound samples to over 900 singers. Payment methods accepted/ Bank Transfer Payment/ Payments by mail / International Money Transfers Systems

Das Foto oben zeigt Mercier als Vasco in der Africaine/greatestoperasingers/ OBA

Quellfrisch

„Schon beim ersten Blick auf das Programm dieses Liederabends stellt sich unwillkürlich der Eindruck einer gezielten Dreigliedrigkeit ein, die sich in Bereichen der Musik auch sonst vielfach wiederfindet. Man denke nur an die häufig dreiaktige Spezies der Oper, an die dreiteilige Liedform, an das Trio oder den Prototyp des triadischen Solokonzerts“. Die gezierten und gedrechselten Vergleiche, die im Beiheft bemüht werden und nach Rechtfertigungen und Entschuldigungen klingen, hat dieser Liederabend gar nicht nötig. Am 23. Januar 2000 sang Barbara Bonney, begleitet von André Previn, im Großen Saal der Stiftung Mozarteum Salzburg Lieder von Mozart, Previn und Strauss (belvedere 10156), eigentlich Frau Professor Bonney, wie sie wiederum im Beheft, wo sie im lockeren Gespräch von den Begleitumständen des Konzerts erzählt, österreichisch korrekt angesprochen wird, unterrichtet sie doch seit 2007 am Mozarteum. Mozarts Kleine deutsche Kantate sowie sechs seiner Lieder, fünf Lieder von Strauss inklusive des „September“ aus Vier letzte Lieder sowie Previns Salie Chisum remembers Billy the Kid, das er für Bonney geschrieben hat, und Four Songs for Soprano, Cello and Piano ergeben ein Konzert, das alle Qualitäten der amerikanischen Sopranistin spiegelt, deren Stimme mit einem quellfrischen Bach verglichen wurde: Natürlichkeit – auch in der Ansprache an das Publikum – etwa in Mozarts Sehnsucht nach dem Frühling mit dem Beginn Komm, lieber Mai, Hurtigkeit und Temperament, die nichts mit soubrettiger Munterkeit gemein haben, in Mozarts französischen Ariettes Dans un bois solitaire und Oiseaux, si tous les ans, die lyrische Biegsamkeit ihres Soprans, der hinreichend Gewicht besitzt, um in den Previn-Liedern den Text zu gestalten, (Bonney: „Auf Englisch zu singen, ist für mich dagegen wirklich schwer, weil ich das nie gelernt habe.“) und endlich den strahlenden, nie engen oder spitzen Klang und die bezaubernden leisen Töne in der Höhe bei Strauss, in „Septembe“r. Man hat es von ihr nicht anders erwartet. Das ist alles klug und ausgewogen, ausgesprochen geschmackvoll, auch ziemlich textdeutlich, und zeigt einfach, dass sich Bonney intensiv und lange mit den Liedern beschäftigt hat und weiß, was sie singt. Als Zugabe gibt es „Zueignung“ und eine Vocalise for Soprano, Cello und Piano von Previn.                                  

Rolf Fath

Requiem für die Oper?

Ebenso gut wie Opernschule könnte sich Michael Hampes Buch auch Requiem für die Oper nennen, denn neben vielen sicherlich für Sänger und Regisseure nützlichen Ratschlägen liefert das Buch einen Abgesang auf die Oper als Kunstwerk, das Schönheit und große Gefühle in die trübe Alltagswelt ihrer Besucher bringt. Dabei scheint es dem Verfasser aber schwer gefallen zu sein, einen knapp 200 Seiten umfassenden Band mit durchweg neuem Material zu füllen, denn was am Ende jedes Kapitels als „nützliche Regeln“ besonders im Gedächtnis des Leser haften bleiben soll, wird zur Gänze noch einmal am Ende des Buches wiederholt. Zudem werden die einzelnen Kapitel im zweiten Teil inhaltlich identisch noch einmal in Form eines Spiels mit verteilten Rollen geboten, so dass eigentlich der Leser alle Informationen bereits dann erhalten hat, wenn er das Werk zur Hälfte gelesen hat.

hampe opernschule böhlauDer Verlag verspricht Lesestoff, der „lehrreich“, „pointiert“ und „unterhaltsam“ sein soll. Lernen kann man durchaus, so was Oper eigentlich ist, wie man sich auf der Bühne zu positionieren hat, welche sechs Fragen man stellen sollte, ehe man sich zur Interpretation einer Bühnenfigur entscheidet und vieles andere mehr. Pointiert geht es vor allem dann zu, wenn es um „den Dilettantismus in der Opernregie“ geht, und unterhaltsam wird es besonders dann, wenn der Autor von persönlichen Erfahrungen zu berichten weiß, so mit dem großen, aber auch schwierigen Bariton Tito Gobbi, dessen Gattin meinte, er  könne dem Regisseur Hampe bedingungslos vertrauen.

Anzustreben ist, so verkündet das Buch, die „Wahrheit des Herzens“ auf die Bühne zu bringen. In mal betulich altväterlichem, mal humorvollem Stil (Entsetzen der Schwarzkopf über Sex in Così fan tutte) werden aber auch praktische Ratschläge in anschaulicher Weise erteilt, so wenn von der Drittelung der Bühne, vom „Panther-Tiger-Gang“ oder von „The Tenor’s Turn“ die Rede ist. Eine „musikalische Bewegungslehre“ könnte vielen Sängern helfen, auf der Bühne eine überzeugendere Figur abzugeben.  Davon habe, wie von so vielem Unverzichtbaren, die moderne Regie durch Dilettanten keine Ahnung, wenn sie Bewegungen „gegen die Musik“ von den dadurch benachteiligten Sängern fordert. Grundsätzlich müsse das Gefühl größer sein als die Geste, mit der es ausgedrückt wird. Eine „Bewegungspartitur“ könnte an die Seite der eigentlichen Partitur treten. Vieles leuchtet ein, so die Überzeugung, dass „Bequemlichkeit der Feind des Ausdrucks“ sei, Hindernisse den Ausdruck steigern können oder das „Beteuerungstheater“ der Feind jeder Natürlichkeit sei. Der lernende Leser kann viel erfahren über die Wichtigkeit des Auftakts, Karajans „Trizophrenie“ oder die Forderung nach „masticare le parole“.

Eine große Rolle spielt Mozart in diesem Buch, das immer wieder aus seinen Opern Beispiele für die Thesen des Autors anführt und ihm zuschreibt, dass mit ihm die „Emanzipierung des Orchesters“ begonnen  hat. Aus diesem Kapitel kann man wertvolles Wissen um die Wichtigkeit der Rezitative schöpfen, die so oft als lästig und kürzungswürdig angesehen werden. Praktische Ratschläge gibt es auch für den schwierigen Übergang vom Rezitativ zur Arie, aufgeräumt wird mit dem Irrtum, Kaiser Joseph II. habe sich mit seiner Bemerkung über die vielen Noten in der Entführung als unmusikalischer Mensch enttarnt.

Immer wieder kommt der Verfasser auf das Thema zurück, dass ihm sichtlich nicht nur am Herzen, sondern auch schwer auf dem Magen liegt: moderne Regie, deren Vertreter auch als „Musikterroristen“ bezeichnet werden.  Damit spricht er sicherlich vielen Opernbesuchern aus dem Herzen, besonders auch wenn er meint, man müsse „zeitgenössisch lesen und werkgerecht interpretieren“. Ein weiterer Stein des Anstoßes, den fast alle Opernkomponisten als solchen angesehen haben, ist der „Apparat“, der aber letztendlich der Oper als „mehrdimensionaler Kunst“ nicht den Garaus machen kann. Kühne Gedanken finden sich in den Auslassungen über die Geschichte der Gattung, deren Geburtsstunde mit der Entdeckung des Universums zusammenhing und die sich nun mit  dem Wissen um das Multiversum auseinander zu setzen hat.

Ein besonderes Kapitel ist den Lehrern und Vorbildern Michael Hampes gewidmet: Max Reinhardt, Louis Krasner, Joseph Offenbach (der Schauspieler), Fritz Kortner, Leopold Lindtberg, Caspar Neher, Walter Felsenstein, Giorgio Strehler, Friedrich Dürrenmatt, Jean-Louis Barrault.. Dem Leser wird nicht vorenthalten, worin die Vorbildfunktion der jeweiligen Persönlichkeit bestand. Vor allem war Hampes Bestreben die Verbindung des „strengen Realismus“ von Felsenstein mit der „formalen Eleganz“ Strehlers. Das Buch lässt besonders den Leser nachdenklich und traurig zurück, der viele der hier geäußerten Meinungen teilt, sich aber auch eingestehen muss, dass der Autor damit auf verlorenem Posten steht (Böhlau Verlag 2015 ISBN 978 3 412 22500 1).

Ingrid Wanja