Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Das Beste sind die Chöre

Der konzertante Mitschnitt des Fliegenden Holländer aus Amsterdam entstand am 24. und 26. Mai 2013 und ist nun bei dem hauseigenen Label des Royal Concertgebouw Orchestras erschienen (RCO 14004 im Vertrieb von Naxos). Andris Nelsons, der von 2010 bis 2014 in Bayreuth den Lohengrin leitete, kann seine Wagner-Kompetenz am Pult des  konzentriert aufspielenden Concertgebouw Orchestra durchaus einbringen. Seine Interpretation zeichnet sich durch eine sorgfältige und in den Details überzeugende Lesart aus,  allerdings schlägt er eine insgesamt etwas zu ruhige Gangart an. Die Ouvertüre hat man schon weitaus aufregender und „sturmdurchtoster“ gehört und den dramatischen Höhepunkten fehlt es etwas am letzten Quäntchen Spannung und Leidenschaft. Das große Duett zwischen dem Holländer und Senta wird allerdings sehr organisch entwickelt. Und bei der Chorszene „Steuermann, lass die Wacht“ lässt er das Orchester ordentlich aufstampfen. Überhaupt die Chöre: Sie sind mit das Beste, was diese Aufnahme zu bieten hat. Immerhin sind hier der Chor des Bayerischen Rundfunks, der NDR Chor und der WDR Rundfunk Chor versammelt. Das Ergebnis ist überwältigend und von berauschender Klangsinnlichkeit.

Die Aufnahme ist auch ein Dokument für den 1943 geborenen Bariton Terje Stensvold. Der war zum Zeitpunkt der Aufnahme fast 70 Jahre alt (Opera Lounge brachte eine Würdigung zum runden Geburtstag) und konnte in der Titelpartie mit immer noch beachtlichem Stimmpotential beeindrucken. Der Norweger  war in dieser Partie (aber vor allem auch als Wotan) international erfolgreich (zu seinem Bühnenabschied s. unten). Beim Monolog „Die Frist ist um“ schleudert er die trotzige Verachtung seines Schicksals  eindrucksvoll heraus. Sein Bariton hat nicht ganz die dunkle Farbe, die andere in diese Rolle einbringen konnten, aber sein Rollenporträt nimmt weitgehend gefangen. Kwangchul Youn ist da als Daland nicht ganz so souverän, manchen Tönen hört man die Mühe an. Und die Figur strahlt eher Behäbigkeit aus; das Berechnende bleibt auf der Strecke. Zu den Pluspunkten zählt Anja Kampe als Senta, die die Ballade ohne Kraftmeierei meistert und der Figur anrührende Momente mitgibt, auch wenn das Exaltierte etwas auf der Strecke bleibt. Ihren lyrischen Sopran führt sie dabei weitgehend ebenmäßig,

Aufhorchen lässt Russell Thomas, der als Steuermann einen kräftigen, virilen Tenor einbringt. Ihm würde man auch den Erik zutrauen, womit aber nichts gegen Christopher Ventris gesagt werden soll, der die Partie ansprechend singt und ihr mit viel Engagement auch eigenständiges Profil gibt. „Italienischen“ Schmelz, den ein Sänger des Erik durchaus haben sollte, vermisst man bei ihm aber weitgehend. Für die Mary wurde die verdienstvolle Jane Henschel mit Gewinn  aufgeboten. Fazit: Eine solide Aufnahme, die für vor allem für die Anhänger von Stenvold und Kampe interessant ist, die aber auch mit prachtvollem Chorgesang punktet.

 Wolfgang Denker

Bühnenabschied Terje Stensvolds an der Frankfurter Oper 2014/Foto Wolfgang Runkel/Oper Frankfurt

Bühnenabschied Terje Stensvolds an der Frankfurter Oper 2014/Foto Wolfgang Runkel/Oper Frankfurt

Am 16. November vergangenen Jahres beendete der finnische Bariton in Frankfurt seine Bühnenkarriere – dazu ein Auszug aus der Pressemitteilung der Oper Frankfurt: Seit der Premiere der Inszenierung von Richard Strauss‘ Die Frau ohne Schatten in der Regie von Christof Nel am 2. Februar 2003 an der Oper Frankfurt ist der norwegische Bariton Terje Stensvold als Barak besetzt. Der Sänger, zudem u.a. stark akklamierter Wotan im Frankfurter Ring, gab nun als Färber in der Frau ohne Schatten am 16. November 2014 im Alter von 71 Jahren seinen Abschied von Frankfurt und beendete damit auch gleichzeitig seine außergewöhnliche Bühnenkarriere. Der norwegische Bariton gastierte seit dem Jahr 2000 regelmäßig an den großen Opernhäusern wie u.a. den Staatsopern in Hamburg, München, Berlin und Wien, der Deutschen Oper Berlin, Nederlandse Opera Amsterdam, Königlichen Oper Stockholm, dem Théâtre La Monnaie Brüssel, Opernhaus Zürich, Gran Teatre del Liceu Barcelona, Teatro alla Scala Mailand, ROH Covent Garden London, weiterhin in Toronto und bei den Salzburger Festspielen. Als ehemaliges Ensemblemitglied der Norske Opera Oslo sang er etwa achtzig Rollen: von Jago (Otello) und Klingsor (Parsifal) bis Gianni Schicchi, von Mozarts Figaro und Don Giovanni bis Danilo (Die lustige Witwe) und Professor Higgins (My Fair Lady). Auch an der Oper Frankfurt, wo er zuletzt für seine Wotan-Interpretation unter der Leitung von Sebastian Weigle (Ring, CD und DVD bei OehmsClassics) gefeiert wurde, sang Terje Stensvold regelmäßig. Hier gab er außerdem den Fliegenden Holländer, Jochanaan (Salome), Balstrode (Peter Grimes), Alfio und Tonio (Cavalleria rusticana / I Pagliacci), Dr. Schön und Jack the Ripper (Lulu) und Don Pizarro (Fidelio). Konzertant war er zudem mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle und bei den London Proms unter Daniel Barenboim zu erleben. Weiterhin arbeitete der Bariton u.a. mit Leif Segerstam, Philippe Jordan, Donald Runnicles, Kent Nagano und Franz Welser-Möst zusammen. Zu seinen jüngsten Gastengagements zählt Wotan in Melbourne, wofür er den Helpmann-Award als Bester männlicher Opernsänger einer australischen Produktion erhielt. Kürzlich wurde Terje Stensvold als erst vierter norwegischer Opernsänger in die Kirsten Flagstad Hall of Fame aufgenommen. 2008 wurde er vom norwegischen König zum Ritter 1. Klasse des St. Olav-Ordens ernannt. Seine Diskografie umfasst u.a. eine Gesamteinspielung des Fliegenden Holländer unter Bruno Weil (harmonia mundi) und Jeanne d’Arc von Walter Braunfels unter Manfred Honeck (DECCA). Engelhardt/Oper Frankfurt

 

Belcanto à la Marchesi

Zumindest die Namen sind klingend, bis heute: Nellie Melba, die sängerisch das British Empire regierte, Mary Garden, die erste Mélisande, die „Sarah Bernhardt der Oper“, Emma Calvé, die legendäre Carmen. Oder auch Selma Kurz, deren Triller nicht nur die Wiener Hofoper berückte, Frances Alda, die oftmalige Caruso-Partnerin der MET, Sibyl Sanderson, die Schönheit, der Massenet verfallen war, was sich in einer Reihe von „Sanderson-Opern“ von ihm niederschlug. Und alle – von Nellie Melba bis Selma Kurz – waren sie Schülerinnen von Mathilde Marchesi, geborene Graumann, in Paris ausgebildet bei Manuel García dem Jüngeren, legendäre Figur der Gesangshistorie auch er, (und ihre Tochter Blanche Marchesi, die erst 1940 starb und viele große Sängerinnen unterrichtete, G. H.). Mathilde Marchesi und ihre Gesangsschule steht für das, was an „Belcanto“ ins beginnende 20.Jahrhundert zu retten war. Trotzdem wird es zumindest so faszinierend sein, neben dem ihre Schülerinnen Verbindenden auch dem Trennenden nachzuspüren: dem Individuellen, soweit es in Tonaufnahmen von ehedem konserviert ist (so die Kollegin Tina Tengel als Einleitung ihrer dokumentarischen Sendung „Stimmen hören“ im ORF am 28. November 2013).

"The Marchesi school": Mathilde Castrone-Marchesi/OBA

„The Marchesi School“: Mathilde Castrone-Marchesi/OBA

Eine absolut faszinierende CD bei Symposium in der Reihe der Harold-Wayne-Collection beschäftigt sich mit den akustischen Hinterlassenschaften dieser Sängerinnen, die durch die formbildende, formbewahrende Schule der Mathilde Marchesi und ihrer nicht minder wichtigen Tochter Blanche Marchesi gegangen waren. Zu den wirklich raren Tondokumenten gesellt sich ein hochinformativer Artikel des bedeutend englischen Stimmbildners (dazu Autors zahloser Artikel über Oper, Opern und Aufführungen) John Freestone (1910 – 2006), selber einer der letzten Schüler von Blanche Marchesi und Lehrer des Tenors Laurence Dale, der zum einen die Belcanto-Methode der Marchesis aufbrezelt und zum anderen die Schülerinnen und Nachkommen dieser bedeutenden, authentischen Gesangsschule vorstellt, die ihre Auswirkungen bis heute hat und die selbst in unseren Tagen Sängerinnen wie Elisabeth Schwarzkopf (über Lula Mysz-Gmeiner, die eine Schülerin von Blanche Marchesi war), Joan Sutherland, Maria Callas (durch Elvira de Hidalgo) oder Marilyn Horne (und in letzten Ausläufern auch Cecilia Bartoli in ihrer Beschäftigung mit Maria Malibran) zur „richtigen“ Gesangstechnik und zur perfekten Beherrschung des Belcanto geholfen hat. Im Folgenden also der Artikel von John Freestone (wieder mal im originalen Englisch).

"The Marchesi school": Blanche Marchesi als Santuzza/OBA

„The Marchesi School“: Blanche Marchesi als Santuzza/OBA

The Marchesi SchoolMathilde Marchesi, the most celebrated singing-teacher of her time, was born on the 24th March 1821 in Frankfurt am Main, her maiden name being Graumann. Her father, a prosperous merchant, lost his fortune, and Mathilde, who had been brought up to understand that she would never have to earn her living, was sent, despite her desire to study singing, to be a governess to a wealthy Austrian family. She was very unhappy in her work and managed to have singing lessons from the composer Nicolai. Her aunt, Baroness Dorothea von Erdtmann, dedicatee of Beethoven’s Piano Sonata Opus 101, took her to Pauline Viardot who said that she must study with her brother. Eventually, in 1845, her father grudgingly consented to her going to Paris where she did indeed study with Manuel Garcia and had the advantage of hearing legendary singers like Persiani, Grisi, Alboni, Duprez, Tamburini and Lablache. She also took lessons in declamation from Samson, the teacher of Rachel. Garcia was so impressed with her abilities that when, as a result of a broken arm, he was forced to give up teaching for a time, he entrusted all his pupils to her. She had an excellent mezzo-soprano voice and for some years sang very successfully as a concert singer but, in deference to her father’s wishes, not in opera. She made a number of successful concert tours, including one to England.

"The Marchesi school": Mathilde Marchesi und Nelli Melba/OBA

„The Marchesi School“: Mathilde Marchesi und Nelli Melba/OBA

In 1852 she married Salvatore, Cavaliere di Castrone, Marchese della Raiata, who sang and taught under the name of Marchesi to avoid offending the susceptibilities of his family, and from 1854 Mathilde taught singing in Vienna. Many people nowadays are inclined to think that she only produced coloratura sopranos, but certainly in Vienna she trained many other great artists, including the dramatic soprano Gabrielle Krauss, who was for years the undisputed queen of the Paris Opera; the mezzo-soprano Antonietta Fricci; Lima de Murska; and the celebrated contralto Caroline Dory, who was especially famous for her Arsace in Rossini’s Semiramide. She only taught female singers for the very simple reason that her husband, also a Garcia pupil, instructed the male pupiIs.

After a while she felt that she should move in a wider circle, so in 1861 she moved to Paris, where she rapidly became the most famous singing teacher of her generation. Pupils flocked to her studio. She insisted that all her pupils practice exercises which involved agility because she maintained that this was essential for the preservation of the voice, and this may have helped to create the impression that she tried to make all her pupils specialise in coloratura roles.

"The Marchesi school": Lehrer und tenor Manuel Garcia (als Otello von Rossini)/OBA

„The Marchesi School“: Lehrer und tenor Manuel García (als Otello von Rossini)/OBA

Of course she was not the right teacher for every artist. One famous singer who was not happy with Marchesi was Mary Garden. In her biography she says that she had lessons for three weeks and then, after a short holiday, she wrote to Mathilde saying that she did not wish to continue her lessons. Madame’s reply was brief and to the point: „Mary Garden, a rolling stone gathers no moss. Don’t cry till you come out of the woods. Mathilde Marchesi“. Amy Castles was another who moved on. Nevertheless, the vast majority of Marchesi’s pupils were happy with their tuition and many had highly successful careers..

"The Marchesi school": Mathilde Marchesi, 1896/OBA

„The Marchesi School“: Mathilde Marchesi, 1896/OBA

The Marchesis had four daughters, Theresa, Stella, Clare, who died in infancy, and, lastly, Blanche. The last named was the only one who wished to become a singer. She studied with her mother and was perhaps the only student taught entirely by her. She acquired a formidable technique, but unfortunately her natural voice was not of particular promise and it was only her great musical intelligence and her wonderful gift for interpretation which made her an artist of distinction. She sang with the Moody-Manners Opera Company for a while but was never heard at Covent Garden in the international seasons. Blanche herself put this down to the machinations of Melba, but the truth was that her voice was of insufficient volume and range for an operatic career. She was highly successful as a concert artist, and the recordings of her which are included on this Compact Disc show that even after her seventieth birthday, when she made her last recordings, she was still able to show her mastery of style in a unique manner.

"The Marchesi school": Garcia Tochter und Lehrerin/Schülerin Paulinbe Viardot/OBA

„The Marchesi School“: García Tochter und Lehrerin/Schülerin Pauline Viardot/OBA

Blanche settled in London at number 78, Lancaster Gate and taught singing from her home for many years. I became her pupil in 1938 and stayed with her until 1940 when I was called up into the Royal Artillery. I recall my lessons vividly. After an audition she said that I had been badly taught but she felt that she could correct this, and proceeded to give me exercises for the first year of my tuition. She insisted that men’s‘ voices only used one register, but that the top notes from E natural upwards should be covered, and never sung with an open sound.

"Ther Marchesi school": John Freestone in "The Gondoliers", 1936/OBA

„Ther Marchesi School“: John Freestone in „The Gondoliers“, 1936/OBA

Once she was satisfied that my technique was sufficiently sound she spent most of my lessons dealing with questions of interpretation. Her voice by this time was virtually non-existent but I remember her singing Schubert’s Erlkönig in a husky voice with so much dramatic conviction that I have never forgotten it. She explained that

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one needed four distinct voices for the song. The narrator should always sound uninvolved, the father should start off sounding warm and comforting, but should gradually become more agitated, the boy should sound progressively more terrified, but the Erlking should remain an icy whisper throughout, and should never become a creature of flesh and blood.

"The Marchesi school": Miriam Licette/OBA

„The Marchesi School“: Miriam Licette/OBA

Certainly Blanche’s teaching gave the lie to the suggestion that the Marchesi school was interested only in vocal technique. Nothing could be further from the truth, and, as I have said, Blanche’s own recordings make this point very clearly.

Both Mathilde and Blanche Marchesi taught that the female voice consists of three registers – the chest, the medium and the head. Beginners were always given exercises to place the chest voice correctly first, using an open „Ah“ sound up to and including the lower E in the treble clef. The medium register was developed next, using the French U sound up to the high F. The head register, which was introduced last, on the „Ah“ sound, starting always from F at the top of the treble clef. These were practiced until the registers were equal in quality, and then scales and arpeggios were given to ensure the matching of the tones.

"The Marchesi school": Selma Kurz (als Lakmé)/OBA

„The Marchesi School“: Selma Kurz (als Lakmé)/OBA

Of course this method of practise was only used for complete beginners. Once the registers were firmly established further exercises were given to ensure they were blended smoothly. The final result was to produce a voice which was even throughout its entire range, and which sounded as though there were no separate registers. Listening to the records of Arnoldson, Calvé, Eames, Kurz and Melba one is very seldom conscious of a change of gear, unless the singer for dramatic reasons wishes to make the change apparent. For example, Blanche deliberately emphasises a very telling chest register in parts of her recording of the „Sicilian cart driver’s song“, and the result is quite magical.

Mathilde Marchesi was often criticised by other teachers and singers who said that her method was only suitable for light sopranos. Many Italians felt that the typical Marchesi pupils sang with great purity of tone, but were too sexless and lacking in warmth. Indeed this type of voice was appreciated more in Anglo-Saxon than in Latin countries.

"The Marchesi school": Emma Eames/OBA

„The Marchesi School“: Emma Eames/OBA

Blanche Marchesi continued to teach like her mother, but she also had male pupils. She claimed that all men sang in one register, covering the higher notes. To begin with pupils had to sing on the open vowel „Ah“ but the covered quality was obtained by singing the higher notes on the French „U“ sound or the English „E“ in the initial stages of instruction. Breathing was taught on the „Lateral costal“ principle, filling and expanding the lower part of the lungs and slightly pulling in the abdomen to give the necessary support.

While the Marchesi school was the most favoured one of its day, there were other highly successful teachers. For example, Lamperti senior, whose pupils include Albani and Sembrich, and Giovanni Sbriglia who taught Jean and Edouard de Reszke, Nordica, Sybil Sanderson (who also had lessons from Mathilde Marchesi) and Plangon.

"The Marchesi school": Laurence Dale war Schüler von John Freestone/OBA

„The Marchesi School“: Laurence Dale war Schüler von John Freestone/OBA

It was, however, the extraordinary success of Marchesi, whose pupils included Sigrid Arnoldson, Emma Calvé, Emma Eames, Etelka Gerster and Melba, which made her pre-eminent in her time. Fortunately there are records of a number of the later generation of her pupils, and these remain as a wonderful testimony to a very great teacher. (SYMPOSIUM 1188 The Harold Wayne Collection: The Marchesi School) John W. Freestone

"Marchesi School": die berühmte dramatische Sängerin gabrielle Krauss als Gounods Sapho in einer Fotographie von Benque/Gallica

„The Marchesi School“: die berühmte dramatische Sängerin Gabrielle Krauss als Gounods Sapho in einer Fotographie von Benque/Gallica

Zu den vielen Schülerinnen der beiden Marchesis gibt es von Freestone amüsante Anmerkungen, die er von Blanche Marchesi kolportiert. Die lange Liste der heute noch bekannten und vieler vergessener Sängerinnen findet sich am Ende des Artikels im Booklet der Symposium-Ausgabe, so: Frances Alda (1872 Cambridge, Massachusetts – 1953 London), Sigrid Arnoldson (1861 Stockholm – 1943 Stockholm), Blanche Arral (1864 Lidge – 1945 New York), Emma Calvé (Décazeville – 1942 Millau), Ada Crossley, Emma Eames (August 13, 1865 – June 13, 1952), Selma Kurz (1874 Bielietz, Schlesien – 1933 Wien), Elizabeth Parkina, Ellen Beach Yaw (1869 Boston – 1947 Covina, California), Yvonne de Tréville (1881 Galveston, Texas – 1954 New York), natürlich Blanche Marchesi, Suzanne Adams (28 November 1872 – 5 February 1953), Nina de Friede (1859 – 1942) und prime of place Nelly Melba (geb. Armstrong; 1861 Burnley, nahe Melbourne – 1931 Sydney) sowie Etelka Gerster (25 June 1855, Košice – 20 August 1920, Pontecchio), Julia Culp (6 October 1880 – 13 October 1970), Sigrid Onegin (June 1, 1889 – June 16, 1943), Sybil Sanderson (December 7, 1864 – May 16, 1903), Jeanne Horovitz, Miriam Licette (9 September 1885 – 11 August 1969), Esther Pallisser, Nadine Boulichoff, Ida Bayer, Amalia Stagl, Elisa Wiedemann, Carolina Smeroschi, Anna d´Angeri, Antoinette Sterling, die berühmte Gabrielle Krauss, Ilma de Murska (i. e.Ema Pukšec/ February 6, 1834 – January 14, 1889) und viele mehr. Beide Marchesi-Damen waren tüchtig…

"The Marchesi school": Emma Calvé/OBA

„The Marchesi School“: Emma Calvé/OBA

Auch von Pearl gibt es eine “Marchesi”-CD (Pearl 0067), und dazu liest man: An exceptionally interesting disc (Pearl 0067) is testimony to the remarkable legacy of the great voice teacher of the late 19th century, Mathilde Marchesi(1863-1940). Her pupils were mostly lyric sopranos, and all of them displayed the hallmarks of her teaching: evenness of tone production throughout the chest, middle, and head registers, precision of attack and intonation, and perfect trills in which both notes are given equal value (for a good example, listen to Ellen Beach Yaw singing Masse’s „Nightingale Song“). Some of her students became famous (Alda, Calvé, Eames, Kurz, Melba), others were less well known (including Mathilde’s daughter Blanche and one tenor, John Freestone). The 21 selections on the disc were well chosen to display the vocal characteristics of each of the 16 singers represented, though the acoustic horn was more congenial to some than to others. Melba’s studio recordings usually make her sound soulless, but the warmth and excitement that were reported of her performances are apparent in Mimi’s „Addio“ (from La Bohème), recorded live at her 1926 farewell concert at Covent Garden. Alda’s vibrancy and color (in Giordano’s „Sempre cosi“) and Kurz’s spectacular agility and precise placement (in Auber’s „Air and Variations“) come through with remarkable vividness. The transfers are generally good, though there are lapses of intonation on some tracks that probably come from the recording process rather than the singers. This release is important and valuable for historical performance enthusiasts and for all lovers of vocal artistry. Dazu auch ein interessanter Eintrag auf dem blog Voice talk über Garcia und Marchesi

John Freestone 1938/OBA

John Freestone 1938/OBA

Zum Autor: John Freestone (1910 – 2006) was a student of Mme Marchesi. „She was old and physically weak but her character held an almost superhuman strength….Blanche asked me to sing a scale and an arpeggio and finally an aria. She then said “ You have a voice of good quality, but your method is all wrong and the voice would soon have been ruined, but I will restore it“. A few months later she died and Freestone had to join the army. Listen to him in Grieg’s I love thee and Geehl’s for you alone record around that time. Freestone became involved in education and writing on music. He also taught voice. (Freestone/Blanche Marchesi zu hören auf youtube)

http://www.classical.net/music/recs/reviews/r/rom82017a.php

 

CD Marchesi schoolDas britische Label Symposium hat neben zahlreichen anderen historischen Veröffentlichungen dankenswerterweise auch die wichtigsten akustischen Schätze aus der legendären Sammlung Harold Wayne allgemein zugänglich gemacht. Diese editorische Großtat in insgesamt 40 Folgen war umso wichtiger, als Waynes unvergleichliche Sammlung nach seinem Tod zwar noch geschlossen verkauft wurde, nach dem Ableben des neuen Besitzers Paul Getty aber durch Auktionen in alle Winde verstreut wurde.

Die Folge 25 (Symposium 1188) widmet sich der sogenannten Marchesi-Schule, entwickelt von der gebürtigen Deutschen Mathilde Marchesi. Sie selbst war Schülerin des legendären Manuel Garcia II gewesen, Bruder der Malibran und Pauline Viardots. Typisch für diese, bis in das frühe 20. Jahrhundert sehr gebräuchliche Gesangstechnik ist der fast ausschließliche Gebrauch der Kopfstimme, der allerdings bis zur höchsten Virtuosität entwickelt wurde. Nicht zuletzt durch das Erscheinen eines neuen, große Stimmen erfordernden Repertoires auf der Opernbühne trat diese Technik mehr und mehr in den Hintergrund. In ihrer Blütezeit bedienten sich aber praktisch alle bedeutenden Sopranistinnen dieser Technik.

Die Liste der berühmten Schülerinnen Marchesis liest sich wie ein who’s who der Operngeschichte des späten 19. Und frühen 20. Jahrhunderts. Eine ihrer erfolgreichsten Schülerinnen war die eigene Tochter, Blanche Marchesi, von der auf der vorliegenden CD so gut wie sämtliche überlieferten Aufnahmen enthalten sind. Die berühmtesten Schülerinnen waren zweifellos Nellie Melba, Selma Kurz, Emma Calve , Sigrid Arnoldson und Emma Eames. Sie sind hier ebenso vertreten, wie Suzanne Adams, Frances Alda, Blanche Arral, Ada Crossley, Nina de Friede, Elizabeth Parkina, Yvonne de Treville und Ellen Beach-Yaw. Jeder dieser Titel ist eine Zeitreise, die nicht nur mit heute ungewohnter Gesangstechnik vertraut macht, sondern darüber hinaus auch teilweise vergessenes Repertoire zu Gehör bringt. Ein lohnender Ausflug!

Peter Sommeregger

 

und Foto oben: Nellie Melba gegen Luisa Tettrazini: Karikatur zum Streit der Gesangsschulen (Tetrazzini versus Melba for For the Gramophone & Typewriter Company 1904)

Wahnsinn mit Marchesi-Kadenz

Die konzertante Aufführung von Donizettis Lucia di Lammermoor aus dem Münchner Gasteig im Juli 2013 mit Diana Damrau in der Titelrolle übertrug der BR auch im TV und es ist schade, dass  Erato nicht diese Video-Aufzeichnung als DVD herausgebracht hat, sondern nur den akustischen Mitschnitt des Abends auf zwei CD. Denn die Sopranistin ist stets ein Gesamtereignis, in ihrem mimischen und gestischen Ausdruck so beredt, dass sie mühelos den Rahmen einer Aufführung auf dem Konzertpodium vergessen machen, die Szene evozieren und suggerieren kann. Sie hat die Rolle in Bilbao, an der New Yorker Met, bei deren Gastspiel in Japan und auch an der Deutschen Oper Berlin gesungen, diese war eine wichtige Vorstufe für ihre Violetta, der inzwischen internationalen Erfolgspartie der Sängerin. Für die Lucia wiederum war die Linda di Chamounix am Gran Teatre del Liceu Barcelona mit Juan Diego Flórez im Dezember 2011 die perfekte Vorbereitung – ein Beispiel für die kluge Rollenwahl und Karriereplanung der Sopranistin, die in diesem Repertoire inzwischen international als die Vorzeigekünstlerin unter den deutschen Fachvertreterinnen gilt. Wer die Fernsehübertragung gesehen hat, wird diese Interpretation schwerlich vergessen und manch gestresste Spitzentöne vielleicht gar nicht wahrgenommen haben. Und wenn – dann empfand man sie als Aufschreie einer Seele in Not. Natürlich vermittelt auch die CD noch einen starken Eindruck von diesem singulären Ereignis, zumal der Damrau exquisite Partner zur Seite standen. Joseph Calleja ist ein schmachtender Edgardo, der sich mit einer sehr intensiven Auftrittsszene einführt, die den tragischen Ausgang der Geschichte schon ahnen lässt.

Auch Damrau ist in Lucias bangen, träumerisch-introvertierten Entgegnungen schon ganz in ihrer Rolle. Beider Stimmen mischen sich ideal, und man bedauert, dass Donizetti ihnen nicht noch ein zweites Duett geschrieben hat. Aber sie singen im Sextett des 2. Aufzuges mit überwältigender Emphase und existentieller Passion, dass sie diese Nummer ganz dominieren. Von ähnlicher Verve und erhitzter Stimmung ist das Duett Edgardo mit Lucias Bruder, Lord Enrico Ashton, im Turm von Wolferag erfüllt, in dem sich beide zum Duell am nächsten Morgen verabreden. Mit dem Bariton Ludovic Tézier ist dieser Gegenspieler glänzend besetzt. Er hat sich nach vielen Partien im angestammten französischen Repertoire seit einiger Zeit erfolgreich mit den dramatischen Rollen Verdis beschäftigt und dürfte darin derzeit konkurrenzlos sein. Auch diese Figur Donizettis profitiert von seiner energisch-virilen Tongebung, wie man sie schon im Auftritt  („Cruda, funesta smania“) vernehmen kann und auch im Duett mit Lucia im 2. Akt  („Soffriva nel pianto“) hört. Damrau gestaltet diese Szene bereits als Vorwegnahme des späteren Wahnsinns mit verhangen-somnambulen Tönen. Lucias Erzieher, Raimondo, hat mit Nicolas Testé einen soliden Interpreten, der Bass mit maskulin-körnigem Timbre singt auch das oft gestrichene Duett mit Lucia im 2. Akt  („Ah! cedi, cedi“), in welchem er sie zum Wohle de Familie Ashton zur Heirat mit dem ungeliebten Lord Arturo überredet. Diesen singt David Lee mit frischem Tenor, der besonders im Sextett des 2. Aktes zur Wirkung kommt. Testé überzeugt vor allem auch in seinem Auftritt vor der Wahnsinnsszene  („Dalle stanze“), in welchem er Lucias Sinneswandlung mit beschwörenden Tönen bekannt gibt. Als Alisa, Lucias Kammerdame, gibt es ein Wiederhören mit der einst im lyrischen Sopranfach international reüssierenden Marie McLaughlin, die nun Mezzopartien singt und hier mit reifem Ton eine mütterliche Vertraute der Lucia gibt.

Jesús López-Cobos, der 1975 die Edition des Urtextes der Partitur Donizettis besorgt und sie ein Jahr später in einer Einspielung mit Montserrat Caballé erstmals in neuer Zeit vorgestellt hat, findet mit dem Münchener Opernorchester die richtigen Farben für dieses romantische Schauerdrama, leitet Lucias Wahnsinnsszene gemeinsam mit Sascha Reckert an der Glasharmonika mit gespenstisch-fahlen Tönen ein und die Sopranistin nimmt exakt diese Stimmung auf, formuliert  „Il dolce suono“ mit bang-verhangenem Klang, findet für „Ardon gli incensi“ eine Vielzahl von Nuancen und Stimmungen – beklommen, weltentrückt, verzückt, ängstlich-verschreckt, ekstatisch. Und sie singt jene Kadenz, welche Mathilde Marchesi ihrer Schülerin Nellie Melba für eine Aufführung an der Covent Garden Opera 1888 geschrieben hatte. Bei aller staunenswerten Vituosität – es gibt durchaus Extremtöne, welche die Sängerin bis an ihre Grenze führen und dies auch deutlich hören lassen. Aber als fesselndes Gesamtporträt dürfte diese bedeutende Interpretation in die Geschichte eingehen. Das letzte Wort gehört Edgardo mit der Szene an den Gräbern seiner Ahnen, wo er mit der Nachricht von Lucias Tod konfrontiert wird und sich das Leben nimmt. Calleja singt das mit bewegenden, Schmerz erfüllten Tönen und meistert auch die heikle Tessitura dieser Nummer mit ihrem entrückt-verklärten Schluss beachtlich. Das Booklet verzichtet leider auf das Libretto, bringt aber einen informativen Einführungstext von Stephen Jay-Taylor und zwei Fotos vom Konzert, in dem Diana Damrau ein Atem beraubendes schwarzes Kleid trug. Ich habe sie nie in einer spektakuläreren Robe gesehen. (Gaetano Donizetti: Lucia di Lammermoor (Damrau, Calleja, Tézier, Testé, McLaughlin, Lee; Münchener Opernchor, Münchener Opernorchester, Jesús López-Cobos) Erato 0825646219018).

Bernd Hoppe

 

Und dazu auch die Sängerin selbst:  As a soprano describing the legacy and huge debt owed to Maria Callas, it is near-impossible to avoid those often-stated clichés; impossible to avoid because every one of them is true. I first heard Callas as Rosina in a recording of Il Barbiere di Siviglia and was entranced by her employment of vocal coloration to portray the lightning-quick changes of mood and temperament that characterise Rosina. Her coquettish yet defiant ‚ma‘ in the aria Una voce poco fa is one of many examples of this. She was able to invest so much meaning into such a tiny, little word.

Like countless others, I too marveled at the video recording of Tosca with Tito Gobbi as her Scarpia; a masterclass in how minimal gesture and movement could be used to such a thrillingly powerful effect. Rather than the semaphoric, baroque acting so ubiquitous at the time, her physicalisation was so very internal and really drew the audience’s eye to her portrayal of Floria Tosca’s plight. The fact this performance still stands as a benchmark in our time demonstrates just how ahead of her own time Callas was.

One catches a glimpse of her magisterial, magnetic presence in those few performances captured forever on film. It is impossible to take your eyes off her from the moment the camera is on her as she radiates that ‚diva‘ aura, a fascinating, untouchable, unattainable personification of the divine, all united in her deeply felt incarnation of the energy of the interpreted situation and music.

Having recently performed the title role in Verdi’s La Traviata a great deal, indeed on many of the same stages Callas herself performed the piece, I have become particularly attached to her Violetta. One can hear the subtext she invests into the piece in her phrasing, pauses and rhythmic choices. Such instincts even enable her to portray an emotional weakness in the first act; this is particularly hard to do given the overt bravura of a great deal of the vocal writing. Nevertheless, it is all there. The vulnerability, the need to be loved and protected so intrinsic to Violetta.

As fans and performers, we are so, so lucky to have her recordings, but for me there will always be question marks and ‚what-ifs‘ as well. I long to hear how she would have played the fury and fire of both Tudor Elizabeths; Donizetti’s Roberto Devereux would have no doubt been seminal in its intensity and virtuosity, and one can only wish that the planned debut of the title role in Britten’sGloriana at La Scala would have gone ahead. Her naturally commanding vocal authority and stage presence would have suited both of these parts magnificently.

As both a Brünhilde and Amina, Maria Callas was indeed one-of-a-kind and will continue to be a shining beacon to everyone from the casual opera fan to prima donna for her authenticity, stage-craft and musicianship.(Warner)

 

 

Montemezzis Oper “La Nave”

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Im Jahre 2012 gab es in New York im Rose Theatre von der Opern-Compagnie  Grattacielo  (unter der langjährigen Leitung der Intendantin Duane D. Printz) eine international besonders beachtete Premiere: La Nave von Italo Montemezzi, den Opernliebhaber wenn überhaupt dann nur als den Komponisten der Dreikönigs-Oper L´amore di tre re kennen, die es relativ reichlich dokumentiert gibt (namentlich mit Virginia Zeani, aber zuletzt abenteuerlich mit Anna Moffo in den letzten Zügen ihrer Karriere). La Nave von 1918 (also dem Jahr des Endes des 1. Weltkriegs) besitzt ein kompliziertes, heute politisch fragwürdiges Libretto des berühmten italienischen Nationaldichters Gabriele D´Annunzio, das nicht nur damit endet, dass die Heldin an den Bug des die Welt/Äthiopien/die Adriatischen Gebiete erobernden Schiffes genagelt wird, sondern das ganz unverstellt den Anspruch des aufkommenden Faschismus verherrlicht – der alte D´Annunzio hatte sich wirklich zu einer Hymne auf die neue Bewegung hinreißen lassen, und Montemezzi folgte ihm darin enthusiastisch, ebenso wie auch Mascagni, Pizetti und viele andere mehr.

montemezzi75Andererseits ist  La Nave das musikalische Testament Montemezzis, stilistisch aufregend in seiner Vision einer Verblendung von Musik und Text (und was für ein literarisch unglaublicher Text!), von visonärer Kraft der Auflösung der bekannten tonalen Strukturen, von dynamisch-barbarischer Brutalität und feinstem, dicht gesponnenem musikalischem Geflecht

"La Nave": Gabriele D´Annunzio 1922/OBA

„La Nave“: Gabriele D´Annunzio 1922/OBA

Der britische Musikwissenschaftler und Autor David Chandler (zudem Professor für Englische Literatur im japanischen Koyoto) hat sich seit langem mit dem Verismo in Italien beschäftigt und gilt als der Fachmann auf diesem Gebiet. Nach seinen Büchern über Catalani stellte er für die New Yorker Aufführung des Teatro Grattacielo einen Band mit Texten zur Oper La Nave zusammen (Essays on the Montemezzi-D´Annunzio Opera La Nave), der neben einer eigenen Einschätzung der Oper auch zeitgenössische Berichte/Kritiken aus der Zeit der Premiere 1918 umfasst (Pizetti, Navarra, Barilli, Montemezzi selbst u. a.), und der neben Chandlers eigenem Text auch ein kluges Vorwort von Duane D. Printz enthält, deren unerschütterliche Beharrlichkeit schlussendlich in einer glanzvollen Aufführung in New York mündete (der sogar ein Eissturm nichts anhaben konnte). G. H.

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"La Nave": Entworf von Marusi für A1 der Uraufführung/Grattacielo

„La Nave“: Entwurf von Marusi für A1 der Uraufführung/Grattacielo

Im Folgenden also ein Artikel von David Chandler: La Nave – Italo Montemezzi’s Career-Ending Magnum Opus. Die kompositorische Laufbahn von Italo Montemezzi (1875-1952) stellt ein faszinierendes strukturelles Problem dar. Die erste Hälfte, 1896 – 1918, zeigt eine breite Aufwärtskurve von Leistung und Erfolg. Montemezzi trat 1896 in das Königliche Konservatorium in Mailand ein (Abschluss 1900); seine erste Oper, Bianca (1901), gewann den Bonetti-Preis des Konservatoriums; seine zweite, Giovanni Gallurese (1905), war ein großer Publikumserfolg und etablierte Montemezzi in der italienischen Opernszene; seine dritte, Héllera (1909), war zwar ein deutlicher künstlerischer Fortschritt gegenüber Giovanni Gallurese, aber ein unerwarteter Misserfolg; Sein viertes Werk, L’Amore dei Tre Re (1913), war ein großer internationaler Triumph und wurde von vielen amerikanischen Kritikern als die größte italienische Oper seit Verdi gefeiert. Sein fünftes Werk, La Nave (1918), war eindeutig sein bis dahin ehrgeizigstes Werk, das kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs an der Scala Premiere hatte. So weit, so gut. Doch die zweite Hälfte von Montemezzis Karriere, 1919-52, folgt einem steilen Abstieg. In den 1920er Jahren zog Montemezzi verschiedene Opernprojekte in Betracht und gab sie wieder auf, und erstaunlicherweise schuf er überhaupt kein neues Werk. Seine nächste Oper nach La Nave war der weit weniger ehrgeizige Einakter La Notte di Zoraima (1931); danach sollte es nur noch eine weitere Oper geben, ebenfalls ein Einakter, L’Incantesimo (1943).  Bis Mitte der 1920er Jahre war Montemezzi fast ausschließlich als Komponist von  bekannt. Im Jahr 1927 verglich ihn der führende amerikanische Kritiker W. J. Henderson mit „Single Speech Hamilton“ (dem englischen Politiker William Gerard Hamilton) und nannte ihn „single opera Montemezzi“ – ein Spott, der um so bösartiger war, als dahinter ein großes Gefühl der Enttäuschung steckte.[1] Henderson hatte L’Amore dei Tre Re 1914 in Amerika als eines der großen musikalischen Ereignisse der Zeit begrüßt.

„La nave“: Entwurf für A3 von Norman Bel geddes für die Aufführung in Chicago 1919/Grattacielo

Wie ist dieser außergewöhnliche Zusammenbruch einer der vielversprechendsten musikalischen Karrieren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu erklären? Dahinter steckt eine Kombination aus persönlichen und beruflichen Faktoren; meiner Meinung nach ist jedoch der relative Misserfolg von La Nave im Vergleich zu L’Amore dei Tre Re am wichtigsten. Montemezzi konnte dies nie verwinden, und es erschütterte sein Selbstvertrauen schwer. Im Gegensatz zu zeitgenössischen Komponisten wie Schönberg und De Falla, die viele Jahre an Werken arbeiteten, die sie für ihre Meisterwerke hielten, und sie unvollendet ließen, glaubte Montemezzi, sein Meisterwerk komponiert zu haben. Das Problem war nur, dass die Welt davon nicht überzeugt war. Mit der Zeit wurden seine Äußerungen in dieser Angelegenheit immer drängender und verzweifelter. Am 18. Juli 1930 schrieb er an Mussolini, nicht weniger: La Nave … ist mein Hauptwerk. / Ich bestehe darauf: mein Hauptwerk. Ich rufe es zu den Dächern, damit ich gehört werde. / Ich möchte wirklich verstanden werden, bevor ich sterbe! Ich schreie, denn nach dem Credo des Künstlers, der die Kunst unter dem Gesichtspunkt der Schönheit und nur der Schönheit betrachtet, bin ich sicher, dass ich es verdiene, dass mein Kirchenschiff in gutem Glauben betrachtet wird. / Es wurde zu einem Zeitpunkt komponiert, als alle auf die andere Seite der Adria blickten [d.h. während des Ersten Weltkriegs, als Italien hoffte, ehemalige venezianische Gebiete zurückzuerobern], mit Augen voller Tränen und Hoffnung und einem von erhabener Liebe geschwollenen Herzen. Es war mein größter Traum: Italien eine Oper zu schenken, die ausschließlich und typisch italienisch ist, die keinen Präzedenzfall hat und die ein bescheidener Beitrag eines treuen und vernarrten Künstlers sein sollte.

„La Nave“ Standfoto aus dem gleichnamigen Film mit Ida Rubinstein 1921 (An Ambrosio-Zanotta film production; Directed by Gabriellino (D’Annunzio and Mario Roncoroni; Produced by Arturo Ambrosio
Cinematography by Narciso Maffeis/ Grattacielo)

Diese Aussage ist sicherlich ein wenig verworren, und die Verwirrung ist aufschlussreich. Einerseits unterstreicht Montemezzi den rein ästhetischen Anspruch von La Nave, andererseits zögert er nicht, seine politische und nationalistische Inspiration zu erwähnen. Im folgenden Jahr ging er in Bezug auf Letzteres sogar noch weiter und empfahl La Nave als geeignete Oper für den „zehnten Jahrestag des Faschismus [1932]. … Sicherlich kann keine andere Oper besser geeignet sein als La Nave, um die Macht unserer Rasse zu verherrlichen“[ii] Darüber hinaus ist Montemezzis Beschreibung einer „rein und charakteristisch italienischen Oper“ sehr seltsam, ja sogar unaufrichtig, wenn man bedenkt, dass die italienischen Kritiker die Oper 1918 einhellig als sehr, ja sogar übermäßig wagnerianisch bezeichnet hatten: etwas, das nach dem Ersten Weltkrieg nicht sehr wohlwollend betrachtet wurde. Diese Verquickung von Kunst und Politik, von Nationalismus und internationalem Wagnerismus, hat La Nave und damit auch Montemezzis Karriere zum Scheitern gebracht.

„La Nave“ Standfoto aus dem gleichnamigen Film mit Ida Rubinstein 1921 (An Ambrosio-Zanotta film production; Directed by Gabriellino (D’Annunzio and Mario Roncoroni; Produced by Arturo Ambrosio
Cinematography by Narciso Maffeis/ Grattacielo)

Es hätte auch ganz anders kommen können. Nach L’Amore dei Tre Re schloss Montemezzi einen Vertrag mit Casa Ricordi, seinem mächtigen Verleger, über die Lieferung von zwei weiteren abendfüllenden Opern. Aus seiner Korrespondenz mit Ricordi, die im Ricordi-Archiv aufbewahrt wird, geht hervor, dass seine erste Wahl des Themas Edmond Rostands Versdrama La Princesse lointaine von 1895 war. Dies war ein Thema, auf das er jahrelang immer wieder zurückkam, und meiner Meinung nach hätte es perfekt zu ihm gepasst; es war eine unpolitische Geschichte von internationalem und romantischem Interesse, und wenn er eine solche Oper geschrieben hätte, wäre sie wahrscheinlich L’Amore dei Tre Re in das internationale Repertoire gefolgt. Aber Tito Ricordi konnte oder wollte die Rechte an Rostands Stück nicht erwerben, und Montemezzi musste sich zwangsläufig nach einem anderen Stoff umsehen. Als er im April 1914 in einem Mailänder Restaurant saß, kam ihm zum ersten Mal Gabriele D’Annunzios La Nave in den Sinn, und er las das Stück gleich noch einmal – offenbar schickte er einen Kellner los, um eine Kopie zu besorgen! In seinem frühesten Bericht an Vincenzo Bucci über das, was dann geschah, wird deutlich, dass er sich von der Schwierigkeit, ein so langes, komplexes, stark rhetorisches Stück in eine Oper zu verwandeln, überwältigt fühlte: Der Maestro schloss das Buch, geblendet von der grandiosen Vision. Was für ein Thema für einen Komponisten, was für eine Skizze, die es zu einem Meisterwerk auszufüllen galt![iii] Doch das Ausmaß des Bildes und die Größe der Tragödie, die sich kaum auf die kleinen Proportionen eines Librettos reduzieren ließ, ließen ihn ratlos zurück. Er ging nach Hause, warf das Buch auf den Tisch und schlug es eine Zeit lang nicht wieder auf[iv].

„La Nave“: Rosa Raisa im Kostüm der Basilola Chicago 1919/Grattacielo

Wahrscheinlich wäre es für Montemezzis Karriere besser gewesen, wenn er La Nave nicht wieder aufgeschlagen hätte. Aber Anfang 1915, als die Frage, ob Italien auf der Seite der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintreten sollte, heftig diskutiert wurde, fasste er den schicksalhaften Entschluss, dass D’Annunzios Stück von so großer Aktualität war, dass er die Oper komponieren sollte. Tito Ricordi stimmte zu und bereitete eine gekürzte Fassung des Stücks vor, die Montemezzi als Literaturoper vertonte.

In La Nave (1908) wollte D’Annunzio offenbar einen Mythos von der Gründung Venedigs schaffen, der mit dem von der Gründung Roms vergleichbar ist, in dem Romulus seinen Bruder Remus tötet. In La Nave tötet Marco Gratico seinen Bruder Sergio auf Betreiben von Basiliola, dem Vertreter der älteren Faledro-Dynastie. Am Ende verspricht er, sein Verbrechen zu sühnen, indem er mit dem „Schiff“ des Titels lossegelt, um „die Adria zu erlösen“: ein Projekt, das für das Italien des frühen 19. Jahrhunderts von großer Aktualität war und mit D’Annunzios eigener bewaffneter Eroberung von Fiume (heute Rijeka in Kroatien) im Jahr 1919 seinen Höhepunkt fand. So kurz zusammengefasst, mag die Geschichte klar genug erscheinen, aber im episodischen Verlauf des Stücks ist die Motivation der Hauptfiguren bemerkenswert unklar, und dies gilt erst recht für das gekürzte Libretto. Der amerikanische Kritiker William L. Hubbard brachte auf den Punkt, was immer ein Grundproblem bleiben wird: „“The Ship“ in Librettoform ist mehrdeutig und verwirrend. Es gibt große Löcher im Drama, die für die Köpfe von Herrn Ricordi und Herrn Montemezzi gut gefüllt sein mögen, die aber derjenige, der mit dem ursprünglichen Drama von D’Annunzio nicht vertraut ist, nicht ausgleichen kann.“[v]

„La Nave“: The composer/conductor rehearsing the cast – Montmezzi, Raisa, Dolci, Crimi, Chicago, 1919/Grattacielo

Die hilfreichste Interpretation der Handlung, die ich gefunden habe, ist die von Bucci, der, nachdem er Montemezzi zu diesem Thema interviewt hatte, die Handlung als „Kampf des Helden gegen die obskuren Kräfte, die versuchen, das heldenhafte Leben zu vereiteln“ beschreibt – wobei die „obskuren Kräfte“ vor allem Basiliolas verführerische List und das Erbe vergangener Gewalt sind[vi]. Mit dieser Hilfe ist es möglich, das meiste von dem, was in der Oper geschieht, zu verstehen, selbst mit Hubbards „großen Löchern“. Eine positive Sicht auf die eher fragmentarische Struktur liefert einer von Montemezzis wohlwollendsten Kritikern, Adriano Lualdi, der vorschlägt, dass die Oper „einer Reihe großer Fresken“ ähnelt: das heißt, einer Reihe miteinander verbundener, detaillierter „Bilder“, zwischen denen der Zuschauer imaginative Sprünge machen muss.[vii]

Montemezzi arbeitete während der Kriegsjahre an La Nave, und es ist klar, dass er von seinem Libretto stark inspiriert und überzeugt war, eine Oper von nationaler Bedeutung zu komponieren. In L’Amore dei Tre Re war er seinem Ideal eines italienischen „Musikdramas“, das von den Vorbildern Wagners lernen, sich aber nicht von ihnen überwältigen lassen sollte, schon weit näher gekommen. Dazu gehörte eine streng dramatische Behandlung der Melodie: Die Melodie führt praktisch nie ein freies Eigenleben, sondern bleibt streng an den Text und die Handlung gebunden. In La Nave setzte er dieses Verfahren fort, aber die Andersartigkeit des Textes, in dem es keine romantische Liebe gibt, sondern eher ein Reden, führte zu einer Oper, in der es viel dramatisches Rezitativ und vergleichsweise wenig reine Lyrik gibt – was die italienischen Kritiker 1918 bemängelten. Andererseits erlaubte das Thema eine Weiterentwicklung der reichen orchestralen und vokalen Polyphonie, die Montemezzi in der früheren Oper geschaffen hatte, und La Nave stellt vor allem durch die gründliche Integration eines Chorelements einen Fortschritt gegenüber L’Amore dei Tre Re dar. Im Grunde handelt es sich um die Geschichte eines Volkes; Matteo Incagliati hatte Recht, wenn er die Oper als „Choroper“ bezeichnete und das Modell von Boris Godunow heraufbeschwor.[viii] Im Allgemeinen waren sich die Kritiker über die Vorzüge und Nachteile der Oper einig, lobten Montemezzis Orchestrierung und den Einsatz des Chors und kritisierten seine Wahl des Librettos und den Mangel an Lyrik.

„La Nave“: Cover des Klavierauszugs von RicordiGrattacielo

Trotz alledem sind es die politische Botschaft und der erfolglose Versuch, die Bewegung der Geschichte einzufangen (das moderne Italien hat die Adria nie „erlöst“ und wird es vermutlich auch nie tun), sowie die Kosten für die Aufführung, die zweifellos am meisten gegen die Produktion von La Nave gesprochen haben. Nach zehn Aufführungen an der Scala im Jahr 1918 (3. November 1918, Elena Rakowska, Giulio Cirino, Edoardo Di Giovanne bzw. Edward Johnson/Tullio Serafin) wurde die Oper im darauffolgenden Jahr in Chicago (Rosa Raisa, Alessandro Dolci) mit großem internationalem Erfolg getauft. Doch hier geriet die Bühnenkarriere ins Stocken; das Scheitern des ursprünglichen Plans, die Chicagoer Produktion nach New York zu bringen, war sehr unglücklich. Eine dritte Inszenierung fand 1923 in Verona statt, eine vierte 1938 in Rom (Gina Cigna, Mario Basiola/ Tullio Serafin): Das ist der Umfang der bisherigen szenischen Aufführungen. Die Aufführungen in Verona und Rom hätten ohne die Lobbyarbeit von Montemezzi wahrscheinlich nicht stattgefunden.

Trotz dieser wenig vielversprechenden Bühnengeschichte, die in auffälligem Kontrast zu den Hunderten von Aufführungen von L’Amore dei Tre Re steht, wurde denjenigen von uns, die das Glück hatten, bei der konzertanten Wiederaufführung von La Nave durch das Teatro Grattacielo in New York im Jahr 2012 dabei zu sein, eine erstaunliche Offenbarung zuteil. Wenn Montemezzis Karriere mit diesem Werk zusammenbrach, dann zumindest auf spektakuläre Weise, und wie sehr man auch von einer alternativen Geschichte träumen mag, in der er eine erfolgreiche Princesse lointaine schrieb und weitere populäre Opern folgen ließ, La Nave bleibt ein großer Erfolg.

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Gustaaf Francies de Pauw: „Bellida“

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Kennt irgendjemand den Namen Gustaaf Francies de Pauw? Ich nicht, muss ich gestehen, und dennoch ist er der Komponist einer faszinierenden Spät-Belcanto-Oper namens Bellida, die gerade bei der Firma 401DutchOperas.com zum Downloaden herausgekommen ist. Der Musik-Journalist und dto. Kultur-Macher René Seghers hat nach einer Serie von Live-Aufführung in Belgien die Oper 2004 mitgeschnitten und nun auf die Download-CDs/DVDs bei der genannten Organisation herausgebracht – ein Besuch auf deren Seite lohnt allemal, weil man vieles Anregendes zum Thema flämische/niederländische Musik findet.

Der Komponist: Gustaaf Francies de Pauw/401DutchOperas.com

Der Komponist: Gustaaf Francies de Pauw/401DutchOperas.com

Die Premiere erlebte Bellida 1897 in Maastricht, dann folgten Aufführungen in Amsterdam. Dann eine lange Phase des Vergessens, bis die rumänische Oper von Timisoara sich 2003 der Oper wieder annahm und sie erst zu Hause und dann 2004 in Belgien (Bergen op Zoom, Oostburg, Weert, Maastricht) wieder aufführte. Namhafte rumänische Sänger wirken mit: Nicoleta Colceiar, Florian Belean, Dan Pataca und andere unter dem Dirigenten Ladislau Rooth.

Bellida verdankt ihre Wiedergeburt dem Regisseur Frans Meewis, der in einem Buch über das Theater der Uraufführung, das Bonbonière in Maastricht, den Titel entdeckte und durch ein Foto der Originalproduktion sein Interesse geweckt sah. Die handgeschriebene Partitur (keine gedruckte, auch kein Klavierauszug) wurde transkribiert, und die Oper von Timisuara interessierte sich dafür. Laszlo Rooth besorgte die Transcripts. Und die Aufführungen in Rumänien ebenso wie Belgien waren ein großer Erfolg.

Der Plot spielt im Italien um 1800 und handelt vom Schicksal Bellidas, der Tochter des ehrgeizigen Adligen, der seine Tochter mit Gewinn mit einem Noblen verheiraten möchte, um sozial aufzusteigen. Natürlich gibt es einen anderen jungen Mann, den Bellinda liebt und der in eine Heirat mit einer ungeliebten anderen Frau getrickst wird. Am Ende stirbt der Bösewicht und Bellida bekommt ihren Lorenzo – ein Finale á la Donizetti und Manzoni, aber eben happy (nebst einer Unglücklichen und einem Toten).

"Bellida": Szene Oper Timisuara/youtube

„Bellida“: Szene Oper Timisoara/youtube

So bedient sich denn der Komponist de Pauw auch anderer Vorlagen wie Mignon, Tannhäuser, Faust oder Mireille, Don Carlo – sowohl handlungsmäßig wie auch in musikalischer Nähe, ohne in blankem Plagiatismus zu enden (schreibt René Seghers auf seiner website). Er hat durchaus seine eigene Musiksprache, scheut die großaufgebauten Szenen nicht und schafft ein wirkungsvolles Nebeneinander von Massenszenen wie auch intimen Momenten. Besondere, wie Bellidas große Arie oder sehr stimmungsvolle Duette, gehören zu den Perlen dieser Oper. Gleichzeitig ist dies auch ein gelungenes Beispiel für die musikalisch fruchtbare Periode in den niederländischen Provinzen, die heute vergessen ist und die das Vorurteil widerlegt, es gäbe kaum eigenes musikalisches Leben ebenhier.

"Bellida"/Szene Oper Timisoara/youtube

„Bellida“/Szene Oper Timisoara/youtube

Der Komponist Gustaaf Francies de Pauw (1867 Oostburg – 1943 Maastricht) wurde am Konservatorium in Gent ausgebildet und studierte dort Dirigieren und Trompete. Der Militärdienst bot ihm erste Möglichkeiten sich als Kapellmeister zu betätigen, was er nach seiner Entlassung weiterhin tat – so  beim Koninklijke Harmonie Weergalm der MaasKoninklijke Harmonie St. Caecilia EchtKoninklijke Fanfare St. Cecilia, Kanne und die  Harmonie Sint Petrus Gulpen. Ebenfalls betätigte er sich als Organist und schrieb Stücke für Bläser (Märsche, Harmoniemusiken etc.), aber auch Bühnenwerke, darunter zahlreiche Singspiele, Operetten und eine einzige Opern. 1896 heiratete er die Mezzosopranistin Charlotte Berlée. Seine opus magnum   Bellida in 3 Akten kam 1897 auf ein Libretto von J.M. Heijnens in Maastricht mit seiner Frau als Giusta heraus (vergl. auch den Eintrag bei der belgischen Wikipedia).

Liebhaber der unbekannten Großen Oper werden an der Aufnahme bei 401DutchDivas.com ihre Freude haben. Die optische (DVD-)Darstellung bleibt sehr im Konventionell-Illustrativen, neben einer mehr als anständigen musikalischen (CD-)Seite gibt es zudem ein umfangreiches pdf-Booklet mit dem Libretto und Anmerkungen zur Werk – sehr empfehlenswert und allemal 15,- Euro wert! Die Bezahlung erfolgt u. a. mit Paypal – bequemer gehts nicht. Geerd Heinsen

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Höchst Willkommen

Gut daran getan hat Berlin Classics, die CD mit Orchester-Liedern von Richard Strauss, gesungen von Michaela Kaune, aus dem Jahre 2006 mit einem leicht veränderten, frischeren Cover wieder auf den Markt zu bringen. Die Aufnahme besticht nach wie vor durch die Frische und Natürlichkeit, die eine Raffinesse und Virtuosität in der Interpretation nicht ausschließt, sondern diese auf eine höhere Ebene als die von reiner Bewältigung technischer Schwierigkeiten stellt. Bereits beim Bundeswettbewerb für Gesang, aus dem die Sängerin als Siegerin hervorging, hatte man nicht nur die Schönheit des Timbres und die technische Perfektion der Darbietungen bewundert, sondern war vor allem durch die Fähigkeit überrascht worden, wie überzeugend und selbstverständlich sich der Sopran in Charaktere wie den der Agathe, die alles andere als „modern“ zu sein scheinen,  einzufühlen wusste. Auch im weiteren Verlauf der Karriere waren es immer wieder die „altmodischen“ Mädchen- und Frauengestalten gewesen, die die Kaune überaus überzeugend und wahrhaftig zu gestalten wusste, so eine Arabella, eine Jenufa oder eine Marschallin.

Auch die Strauss-Lieder, von denen die CD bekannte und weniger vertraute und vom Text her teilweise heikle vereint, erscheinen in der Interpretation von Michaela Kaune wie der allernatürlichste Ausdruck von Empfindungen, seien es die einer jungen Mutter in Wiegenliedern oder die eigentlich für eine Männerstimme gedachten.  In Traum durch die Dämmerung  gefallen die leichte Emission der Stimme, die den verhaltenen Ton im Piano über große Bögen hinweg durchhalten kann und über „mildes Licht“ einen feinen Schimmer legt. In Wiegenlied erfreuen die Ebenmäßigkeit in den Stimmfarben, das stufenlose An- und Abschwellen des Tons und seine durchgehende Frische. In Meinem Kinde ist der innige Ausdruck, den die Stimme annimmt, besonders berührend.  Von großer Feierlichkeit, aber ohne falsches Pathos, ist der Gesang der Apollopriesterin gekennzeichnet, in dem das Strahlen der Stimme schön mit dem Aufblühen des Klangs im Orchester, der NDR Radiophilharmonie unter Eiji Oue, korrespondiert. Fein variiert wird in Allerseelen das „wie einst im Mai“, bei den dramatischen Teilen von Ruhe meine Seele bleiben die Konturen fein und klar, hat  der Sopran für „lichter Sonnenschein“ ein helles Strahlen. Cäcilie zeichnet sich durch eine zunehmende Steigerung der Ausdrucksintensität aus, eine schöne Klarheit Mein Auge. Selten hört man ein so farbiges, so konstant durchgehaltenes Piano wie in Waldseligkeit, vokaler Glanz liegt in Morgen! auf „die Glücklichen“ ein leichter Schleier auf „Schweigen“, die Diktion allerdings leidet manchmal unter dem Bemühen, mit rein klanglichen Mitteln ein Höchstmaß an Empfindung zu erreichen. So blüht die Stimme in Befreit auf „oh Glück“ auf, nimmt bei dessen letzter Wiederholung  aber eine dunkle Schattierung an.

Den letzten Teil der CD nehmen Strauss‘ Vier letzte Lieder ein, bei denen in Frühling  schwerelose Klanggirlanden gewunden werden, in September die Stimmfarben perfekt auf die des Orchesters eingestellt sind, in Beim Schlafengehen sich der Sopran wie schwerelos in höchste Höhen schraubt und in Im Abendrot  dem Erstaunen in der letzten Zeile jede Farbe entzogen wird. Berührender kann man diesen Zyklus kaum singen (BC 0300624BC).

Ingrid Wanja

Leidenschaftliches Plädoyer

Viel vorgenommen hatte sich Paolo Petronio, als er genau am 2. August 2007 auf einem Schiff im Atlantischen Ozean mit seinem Buch über Alfredo Catalani begann: die Rehabilitierung eines nach Meinung des Autors zu Unrecht zwar nicht vollkommen vergessenen, aber weit unterschätzten Komponisten. Dieses Vorhaben ist er mit so viel Leidenschaft wie Akkuratesse, so viel Kampfgeist wie Unbeirrbarkeit angegangen und hat auf 535 Seiten nicht nur ein Lebensbild Catalinas nachgezeichnet, sondern vor allem eine detaillierte, kenntnisreiche und einfühlsame Analyse sämtlicher Werke des früh verstorbenen, da von klein auf an Tuberkulose leidenden Musikers geliefert. Zahl- und umfangreiche Notenbeispiele untermauern seine Untersuchungen, wobei deren Studium durch die abfotografierten Blätter nicht einfach ist, wenn auch die Authentizität des Ganzen dadurch einen zusätzlichen Touch erhält.

 Alfredo Catalani vor der Mailänder Scala (OBA)

Alfredo Catalani vor der Mailänder Scala (OBA)

Wie viele Italiener insbesondere aus den nördlichen Landesteilen hegt der Verfasser eine gewisse Verachtung gegenüber dem eigenen Land und seinen Möglichkeiten und versäumt keine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie aufmerksam man sich in „Mitteleuropa“ gegenüber dem Werk seines Favoriten verhält, wie „ordinato“ es in Institutionen jenseits der Alpen zugeht, wenn man Vergleiche mit denen Italiens anstellt. Selbst in der sehr umfang- und kenntnisreichen Diskographie schneidet dann auch die Aufnahme von La Wally unter Pinkas Steinberg mit Interpreten von diesseits der Alpen besser ab als die z.B. mit der Tebaldi, deren Sopran der „valkiria della neve“, die die Wally darstellt, nicht gewachsen war. Schnöde findet der Autor, dass die Büste Catalanis aus dem Scala-Foyer nach der Renovierung des Operhauses verschwunden ist, dass das nach ihm benannte Theater in der Nähe seiner Geburtsstadt Lucca nun „La Bomboniera“ heißt.

Von David Chandler gibt es ebenfalls eine Catalani-Monographie

Von David Chandler gibt es ebenfalls eine Catalani-Monographie

Die ersten musikalischen Eindrücke, die der Autor empfing, waren Ausschnitte aus Catalanis La Wally, weitere Begegnungen mit dessen Musik fallen mit wichtigen Ereignissen in der Familie, so dem Tod der Großmutter, zusammen. Man merkt nach wenigen Seiten, dass der Komponist für Petronio mehr als ein Studiengegenstand ist, dass Kritiker des Idols als persönliche Feinde angesehen werden wie Michelangelo Zurletti. Dagegen ist die Firma Bongiovanni in Bologna von Lichtgestalten bevölkert, ist sie es doch, die die kaum bekannten Werke aus der Frühzeit zumindest in einer Aufnahme auf den Markt gebracht hat.

Da es bereits Biographien Catalanis gibt, liegt das Hauptaugenmerk des Verfassers auf dessen Werken, besonders den Opern, aber auch die Geschichte von Triest, Südtirols, eine ausführlich Inhaltsangabe des Romans von Wilhelmine von Hillern, der die Vorlage für das Libretto von La Wally war, finden neben vielen anderen Themen, die das Schicksal Catalanis berührten, Platz in dem umfangreichen Buch. Dazu gehört auch ein Vergleich von Roman und Libretto sowie der der beiden unterschiedlichen Schlüsse der Oper.  Auch hier erweist sich der Autor als Kenner, wenn er nachweist, wie viel theaterwirksamer der Freitod Wallys im Vergleich zu dem beide Liebenden betreffenden Tod durch Lawinenabgang ist.

Ausschnitt aus dem Deckblatt zum Klavierauszug der "Loreley" Catalanis/OBA

Ausschnitt aus dem Deckblatt zum Klavierauszug der „Loreley“ Catalanis/OBA

Immer wieder kommt es zu Vergleichen zwischen Catalani und Puccini, beide aus Lucca stammend und nicht nur wegen unterschiedlichen Talents für die Oper sich voneinander unterscheidend, sondern auch durch die unterschiedliche Behandlung durch das Verlagshaus Ricordi, das Catalinis von dessen Verlegerin gekaufte Partituren zurückhielt, um Puccini zu fördern. Neben Ricordi gibt es noch andere Sündenböcke wie Toscanini, der zwar Catalani aufführte, aber sich über dessen Musik zweideutig äußerte, andererseits seine Kinder Wally und Walter nannte. Gavazzeni schneidet da weitaus besser ab. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Autor aus Liebe zu seinem Sujet im Aufspüren von Widersachern etwas über das Ziel hinaus schießt.

Liebevoll geschildert wird di Musikstadt Lucca, wird die Familie Catalanis, nicht ohne einen Seitenhieb auf die heutige Musikausbildung. Falsche Zuordnungen wie die zu den Veristen oder dem Kreis der Scapigliati werden zurück gewiesen. Verdi wird als „rozzo contadino“ im Vergleich zum feinsinnigen, zartbesaiteten Catalani bezeichnet.

Der Hauptteil des Buches gilt den Werken des Komponisten, deren Entstehungs- und größtenteils mageren Rezeptionsgeschichte. Inhaltsangaben werden gefolgt durch Analysen der Musik, die den eigentlichen, großen Wert des Buches ausmachen. Der historische Hintergrund, soweit es einen solchen gibt, wird dem Leser zur Kenntnis gebracht. Abschließend gibt es eine Bewertung, eine Einordnung in das Gesamtschaffen und eine Darstellung der Änderungen, teilweise durch Intendanten, die man auch versteht, wenn man mit den Klavierauszügen nichts anfangen kann. La Falce, Elda, Dejanice, Edmea, Loreley (Umarbeitung von Elda und Verlegung von der Ostsee an den Rhein) und La Wally werden so nacheinander abgehandelt, wobei auch Vertonungen des Stoffs durch andere Komponisten, das trifft insbesondere auf Loreley zu, nicht nur eine knappe Erwähnung finden. Ein tabellarischer Vergleich von Elda und Loreley erweist sich durch seine Übersichtlichkeit als hilfreich.

Catalanis Grabplatte in Mailand (OBA)

Catalanis Grabplatte in Mailand (OBA)

La Wally ist auch Anlass für ausführliche Schilderungen der geographischen Gegebenheiten, wobei zum ersten Mal ein Defekt auffällt, der ansonsten typisch für italienische Autoren ist: die Fehler beim Schreiben ausländischer Namen. Hier gibt es nun mal ein Schnals (richtig), mal ein Schnalz oder gar ein Schmalz als Ortsangabe, während zuvor der Verfasser seine Hochachtung gegenüber Mitteleuropa auch durch die korrekte Schreibweise von Namen aus diesem Bereich bewies. Dass La Wally nach Petronio eine „opera tedesca“ ist, dürfte umstritten, die Entscheidung aber nicht von besonderer Relevanz sein.

Abschließend vor dem umfangreichen Anhang stellt sich Petronio noch einmal die Frage nach den Gründen für die mangelnde Popularität seines Helden und findet sie in der zu intensiven sinfonischen Orientierung auch seiner Opern, der Melancholie ohne kraftvolle Handlung, dem Mangel an Leidenschaft bei den Personen und- natürlich- Verleger Ricordi. In dem Verfasser seiner Biographie jedenfalls hat der Komponist posthum den leidenschaftlichen Unterstützer gefunden, der ihm zu Lebzeiten versagt blieb (2014 Zecchini Editore, ISBN 978 88 6540 111 8)

Ingrid Wanja                

Auf den Spuren von Farinelli

Der Musikfreund und -sammler freut sich über jede Ersteinspielung, so auch im Falle von Veracinis 1735 uraufgeführtem Dramma per musica Adriano in Siria. Die Arie des Farnaspe „Amor, dover, rispetto“ aus diesem Werk gilt als die schwierigste Gesangsnummer der gesamten Barockliteratur, geschrieben für Farinelli, der sie in der mit Senesino als Titelheld, Francesca Cuzzoni als Emirena und dem Bassbariton Antonio Montagnana als Osroa spektakulär besetzten Uraufführung an der Opera of the Nobility in London kreiert hatte. In der konzertanten Aufführung im Wiener Konzerthaus im Januar 2014 singt die geschätzte Mezzosopranistin Ann Hallenberg diese Partie und gibt ein beeindruckendes Zeugnis ihrer Gesangskunst ab. Schon ihre erste Arie, „Già presso al termine“, eine der längsten des Werkes, profitiert vom energischen Stimmeinsatz und dem spielerisch behänden Umgang mit den Koloraturen. Das nächste Solo, „Parto, sì“, von großem Schmerz erfüllt, zeigt die Wandlungsfähigkeit der Sängerin und ihre gestalterische Tiefe. Das zärtlich wiegende „Ascolta idol mio“ stellt die Schönheit der Stimme, die hier besonders weich und schmeichelnd klingt, deutlich heraus. Ähnlich überzeugend gelingt ihr „Quel ruscelletto“ im 2. Akt, an dessen Ende sich die bewusste Arie findet. Es ist ein Stück von heroischer Bravour mit artistischen Koloraturläufen, die Hallenberg in stupender Manier meistert. Das Wiener Konzerthaus dürfte sich danach im Ausnahmezustand befunden haben. Prinz Farnaspe, Freund des Partherkönigs Osroa und verlobt mit Emirena, fällt auch das letzte Solo der Oper zu, „Son sventurato“, kurz vor dem Schlussduett und -chor, in welchem die Solistin noch einmal mit ihrem noblen Timbre betört.

Emirena, die vom römischen Kaiser Adriano gefangen gehalten wird, wird erst in der Mitte des 1. Aktes eingeführt und könnte hier vor allem mit der ergreifenden Arie „Prigioniera abbandonata“ starke Wirkung erzielen. Roberta Invernizzi singt sie jedoch mit herbem Sopran von zuweilen bohrendem Ton. Auch das „Un lampo di speranza“, geprägt von munter tänzelnden Koloraturen, klingt unliebenswürdig keifend, „Per te d’eterno allori“ zu Beginn des 2. Aktes larmoyant und in den langen Koloraturketten bemüht, wie auch „Quel cor“ im letzten Aufzug.

Für zwei tiefe Stimmen wurden der Titelheld und die Rolle der Sabina, Adrianos Verlobte, notiert. Ersterer ist mit Sonia Prina besetzt, die nicht zu meinen Favoritinnen zählt wegen ihres recht groben Timbres und der allzu robusten Stimmführung. In ihrer Auftrittsarie, „Dal labbro“, hält sie sich diesbezüglich allerdings zurück und klingt recht verhalten. Auch das bewegte „È vero che oppresso“ wirkt einigermaßen gemäßigt hinsichtlich der vokalen Exzesse und ist darüber hinaus von virtuosen Koloraturgirlanden geprägt. Am besten gefällt sie mir in dem nachsinnenden „La ragion“ mit ausgeglichener Stimmführung. Die resoluten Nummern „Tutti nemici“ und „Va’, superbo“ im 3. Akt dagegen zeigen ihre Untugenden deutlich. Romina Basso als Sabina überzeugt wieder mit dem sonoren Klang ihres tiefen Mezzos, in „Ah, ingrato“ im 2. Akt aber auch mit eloquentem und mühelosem Fluss der Stimme. Sehr delikat, auch kokett klingt sie in der Arie des 3.

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Aktes, „Digli ch’è un infedele“, und im Finalduett „Prendi, o cara“ mit Adriano erweist sie sich klar als die Meisterin der beiden tiefen Stimmen.

Die Schurkenrolle des Osroa, König der Parther und Vater Emirenas, ist eine Herausforderung für jeden Bassisten wegen ihrer ungewöhnlichen Harmonien und der extravaganten Wendungen. Ugo Guagliardo besteht diese Prüfung glänzend, gefällt sogleich in seiner ersten Arie „Sprezza il furor del vento“ mit ungestüm-expressivem Einsatz und schönem Fluss der Koloraturen. Auftrumpfend-martialisch gerät „Se mai piagato“ am Ende des 2. Aktes, das die tiefe Lage des Sängers und die Virtuosität in der Koloratur imposant herausstellt.

Die Mezzosopranistin Lucia Cirillo ergänzt die Besetzung als Idalma, die heimlich in Adriano verliebte Vertraute Emirenas. Ihre heiter-verspielte Arie „Per punir l’ingrato amante“ gerät im Tonfall recht streng. „Saggio guerriero“ zeigt zwar ihre souveräne Beherrschung virtuoser Koloraturpassagen, allerdings mit recht gewöhnlichem Klang. Am besten, weil angenehm in der Stimmführung, gelingt ihr das munter-bewegte „Più bella“ im 3. Akt.

Adriano ist Veracinis erste Oper (vor La clemenza di Tito, Partenio und Rosalinda) und ganz dem Stil der opera seria verpflichtet – prächtig in der orchestralen Ausschmückung und immer wieder ist hörbar, dass der Komponist auch ein exzentrischer Geigenvirtuose war. Sogleich zu Beginn der Ouverture vernimmt man die Violinen in solistischem Einsatz und auch später werden sie noch oft gefordert. Die Musik balanciert zwischen affektreichem Schwung, pompösem Bläsergeschmetter und kantabel ausschwingenden Lyrismen. Das Ensemble Europa Galante spielt unter Fabio Biondis Leitung musikantisch und differenziert auf, kann sich neben der inspirierten Begleitung der Solisten in drei Sinfonie auch orchestral bewähren.

Bernd Hoppe

Francesco Maria Veracini: Adriano in Siria (Prina, Hallenberg, Invernizzi, Basso, Cirillo, Guagliardo; Europa Galante, Fabio Biondi) fra bernardo 1409491, 3 CD

 

 

 

 

 

 

Orientspektakel: Grétrys „Caravane du Caire“

 

André-Modeste Grétry (1741-1813) rutscht immer irgendwie durch. Aus unserer deutschen Sicht ist seine Musik für den Barock zu spät und will nicht so recht zu unserem durch Wien geprägtem Bild der Klassik passen. Dabei ist der Zeitgenosse Haydns und Mozarts für die Entwicklung des französischen Musiktheaters eminent wichtig, speziell für die weite Strecken des 19. Jahrhunderts dominierende Opéra-Comique und ihre verwandten Formen.

André-Modeste Grétry/OBA

André-Modeste Grétry/OBA

Etwa ein Dutzend der über 60 Bühnenwerke Grétrys waren und sind auf Tonträger verfügbar, Zémir et Azor und Richard, Cœur de Lion, unter Edgar Doneux 1974 und 1977 mit Mady Mesplé für die EMI eingespielt, dürften wohl die bekanntesten sein. Da ist es erfreulich, dass im Zuge der von Palazzo Bru Zane geförderten Wiederentdeckung französischen Repertoires einer „musique romantique française“ (was eine Spanne von ca. 1780 bis Anfang des 20. Jahrhunderts meint) auch ein zentrales Werk Grétrys mit Edition, Aufführung und Aufnahme bedacht wird. Es handelt sich dabei um La Caravane du Caire, ein Unterhaltungsstück, Ende Oktober 1783 in Fontainebleau vor dem französischen Hof uraufgeführt und bereits im Januar 1784 in Paris von der Académie an der Opéra gespielt und bis 1829 mit über 500 Aufführungen eines der erfolgreichsten und populärsten Werke des belgischen Komponisten in der Seinemetropole.

Bereits 1991 von Mark Minkoswki ebenfalls historisch informiert und mit ebenfalls dem bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts an der Académie royal de musique üblichen tiefen Kammerton von 392 kHz eingespielt, ist dies die zweite Aufnahme der Orientoper. Beide Aufnahmen erschienen zudem beim selben Label: Ricercar. Der Unterschied ist vor allem einer der Fassungen. Guy Van Waas’ Neuaufnahme bedient sich einiger alternativer Instrumentalstücke für die Ballette, „die von Grétry selbst anlässlich späterer Wiederaufnahmen seiner Oper eingefügt worden waren“, wie das sehr informative Beiheft unterrichtet. „Darunter befindet sich ein sehr erstaunliches Stück nur für drei Harfen, das von der Begeisterung für dieses von der Königin Marie-Antoinette in Mode gebrachte Instrument zeugt.“ Zudem leitet ein ägyptischer Marsch mit erstaunlich modernen Klängen die große Basar-Szene ein. Außerdem hat man sich entschlossen, Grétrys Instrumentierung mit Percussion-Instrumenten, ganz im Sinne der damaligen Türkenoper-Mode, aufzustocken; ein musikhistorisch und musikpraktisch gesehen sicherlich zulässiges Mittel. Mit einer Spielzeit von 140 Minuten ist die Neuaufnahme etwa zwanzig Minuten länger als Minkowskis Erstaufnahme von 1991.

Grétrys Orientoper, fast zeitgleich zu Mozarts Entführung aus dem Serail (1782) entstanden, folgt dem europäischen Faible für alles Orientalische, das sich u.a. musikalisch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in zahlreichen ‚Türkenopern’ niederschlug. Eine Mode, die spätestens mit der erfolgreichen Abwehr der Türken vor Wien im Jahre 1683 begann und sich in Frankreich als Orientoper lang hielt und prominent bis zu Massenet und Rabaud reicht. Mitte der 1780er Jahre wird Grétry wegen seiner zahlreichen Bühnenerfolge von der Opéra ermuntert, Stil und Genre zu weiter zu entwickeln. Das Ergebnis waren Werke wie La Caravane du Caire. Lyrische Komödien, bei denen der optische Eindruck einer Bühnenshow hochwertig neben dem Musikalischen stand. Die mit großem Aufwand produzierten, spektakulären Tableaux an exotischen Schauplätzen, mit Bühneneffekten, Beleuchtung, Balletten, Menschenmassen können als direkte Vorläufer der Grand Opéra gesehen werden. Im vorliegenden Falle spielt das Wek an den Ufern des Nils, im Palast des Pascha in Kairo, auf einem orientalischen Basar – dankbare Aufgaben für jeden Ausstatter und Bühnenillusionisten. Pascha, Serail, Sklaven, Harem sind dabei die entscheidenden Assoziationsstichworte.

Eine Audioaufnahme von La Caravane du Caire kann daher nur einen sehr bedingten Begriff davon geben, wie die Wirkung des Werkes tatsächlich war. (Ja, der Gedanke eines Gesamtkunstwerkes in der Oper ist keine Erfindung Richard Wagners, wie auch hieran zu sehen ist). Grétry vermengt geschickt Elemente verschiedener Gattungen und Genres, er nimmt Anleihen beim Opéra-Ballet und der Opéra comique, Elemente der Comédie, des Drame héroïque, der Tragédie en musique fließen zusammen, alles ganz im Sinne einer neuen, den Zuseher überwältigenden Wirkungsästhetik. Oper als Spektakel mit exotischen Ballettszenen und Zwischenspielen, mit Dialogen, Rezitativen und Nummerndramaturgie, mit Koloraturarien im italienischen Stil und französischen Airs. Alles scheint erlaubt. Die Handlung besteht aus Versatzstücken gelernter Handlungsmodelle: ein herrischer Pascha, ein christlicher Sklave, eine Entführung aus dem Serail, ein wieder gefundener Sohn, die Gnade des Herrschers – all das kennen wir aus unzähligen Schauspielen und Opern des 18. Jahrhunderts. Eine besondere ‚Botschaft’ bleibt das durchschnittliche Textbuch von Ètienne Morel de Chédeville dabei schuldig.

gretry caravane ricercarIn der künstlerischen Qualität der Interpretation stehen beide Aufnahmen – Minkowskis und Van Waas’ – gleichberechtigt neben einander, keiner würde ich den Vorzug geben. Allenfalls sind die Sänger bei Van Waas etwas im Vorteil. Katia Velletaz, Jennifer Borghi, Cyrille Dubois, Tassis Christoyannis, Julien Véronèse, Alain Buet, Reinoud van Mechelen, Caroline Weynants u.a. singen dann doch mehr mit einer moderneren Erfahrung historischer Aufführungspraxis als dies Jules Bastin, Gilles Ragon, Philippe Huttenlocher, Guy de Mey Vincent Le Texier, Isabelle Poulenard u.a vor über zwanzig Jahren möglich war. Schon die Anzahl der Interpretennamen verweist auf die personenreiche Handlung bzw. die zahlreichen Genreszenen, die es zu gestalten gibt. Der beständig durch Ballette u.ä. unterbrochene, im Grunde simple Handlungsstrang, ist denn auch entsprechend einfallslos.

Guy Van Waas und sein brillantes belgisches Ensemble Les Agrémens gehören inzwischen zu den festen Größen für derartiges Repertoire, was sie unter anderem auch regelmäßig in Versailles unter Beweis stellen. Und auch der Chœur de Chambre de Namur ist durchaus stilistisch erfahren und fügt sich klangvoll in das idiomatische Gesamtbild der Aufnahme ein. Die Musik selbst ist gefällig und melodiös, ohne lange haften zu bleiben. Dramaturgisch gesehen überwiegt beim bloßen Hören, der Eindruck der Unausgeglichenheit. So ist diese Aufnahme vor allem musikhistorisch interessant, als musikalisches Werk selbst kann Grétrys Orientspektakel aus heutiger Sicht kaum mit einem Grand Spectacle-Vorbild wie Rameaus Les fêtes de l’Hymen et de l’Amour (1747) oder Türkenopern wie Mozarts Entführung aus dem Serail oder selbst Glucks simplen Le Cadi dupé (1761)  mithalten. – Dennoch überzeugt die Aufnahme rundum, bildet sie doch auf zeitgemäßem Niveau aktuelles kulturhistorisches Verständnis und musikhistorische Informiertheit mustergültig ab. Vorbildlich ist auch die Edition im Buchformat gelungen, mit ausführlichen Einleitungstexten zu Komponist, Werk und Aufnahme, sowie dem Libretto im französischen Original und englischer Übersetzung. Moritz Schön

Andre Modeste Gretry: La Caravane du Caire mit Katia Velletaz, Jennifer Borghi, Cyrille Dubois, Tassis Christoyannis, Julien Véronèse, Alain Buet, Reinoud van Mechelen, Caroline Weynants u.a. Les Agrémens. Chœur de Chambre de Namur. Guy Van Waas. (Ricercar RIC 345)

Heimweh

Tschaikowskys Sechste aus dem Jahr 1893 und die Sechste von Dmitri Schostakowitsch sind dem lettischen Dirigenten Mariss Jansons seit seiner Lehrzeit bei Jewgeni Mrawinski, der mehrere Sinfonien seines Freundes Schostakowitsch uraufführte, und 1939 eben auch die Sechste, bestens vertraut; Mrawinkis Tschaikowsky-Aufnahmen sind nicht minder legendär. Mariss Jansons präsentiert uns sozusagen einen Schostakowitsch aus erster Hand, malt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den Widerhall der Kriegsgräuel und die bittere Ironie der Musik mit gespenstischen Farben aus. Bald nachdem Jansons als Nachfolger Lorin Maazel in München angetreten war, hatte er mit seinem neuen Orchester Tschaikowskys Pathétique interpretiert.

tschaikowsky pathetique jansons brIm Juni 2013 setzte er die rätselhafte „musikalische Lebensbeichte“ abermals auf das Programm, schöpfte die schwermütigen Farben aus, ohne sich bei aller virtuosen Orchestermacht dem Gefühlsüberschwang auszuliefern. Die beiden in München – im Herkulessaal und im Gasteig – aufgenommenen Sechsten sind ein Ergebnis von Jansons lebenslanger, doch stets penibel neu erarbeiteten Verbundenheit mit dieser Musik (BR Klassik 9001235).

Verdi und Strauss komponierten beide jeweils nur ein Streichquartett, eng verwandt durch die zeitliche Nähe und die Bewunderung für entsprechende Vorbilder bei Haydn und Beethoven. Bei Verdis e-Moll-Quartett von 1873 handelt es sich um ein Spätwerk zwischen Aida und Otello, bei Strauss um ein 1860 entstandenes Frühwerk des 16jährigen Gymnasiasten. Das in New York beheimatete Quartett, benannt nach dem Kreis-Symbol aus der japanschen Kalligraphie, hat die beiden Stücke, wobei der Strauss in seiner spätromantisch blühenden Anlage besser erfasst ist als der Verdi (das Amadeus-Quartett hatte das Werk einst sehr gut gespielt und reizvoll mit Tschaikowsky und Smetana), um Puccinis Crisantemi und drei gefällige Minuten-Minuette ergänzt (Naxos 8.573108).

dvorak decca weilersteinIm wunderschönen Rudolfinum in Prag nahm die Amerikanerin Alisa Weilerstein im Juni 2013 Dvořáks zweites Cellokonzert auf, welches er während seines Amerika-Aufenthaltes Ende 1894 und Anfang 1895 geschrieben hatte (Decca 478 5705). Die 1982 geborene Alisa Weilerstein, die – hochprominent von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin begleitet – ihr Decca-Debüt mit dem eng mit Barenboims verstorbener Ehefrau Jacqueline du Pré assoziierten Cellokonzert Edgars sowie Carters Cellokonzerte gegeben hat (478 2735), ist in dem zentralen Werk ihres Repertoires eine technische brillante und selbstbewusste, dabei manchmal zu überbordend sentimentale Interpretin mit schwerem Ton. Virtuos lässt sie bei Dvořák ihr Cello zwischen schwerblütigem Heimweh und böhmisch musikantischer Leichtigkeit changieren, glänzend begleitet von Czech Philharmonic Orchestra unter Jiri Bělohlávek, der gekonnt gegen Weilersteins Gefühlsfluss steuert. Den zweiten Teil der CD bilden einige kleinere Kompositionen, darunter aus den Zigeunerliedern und Slawischen Tänzen, die Weilerstein zusammen mit der Pianistin Anna Polonsky in New York eingespielt hat.

R.F.

Vielseitig und strahlend: Adolf Dallapozza

 

Adolf Dallapozza: Alle Wege der Musik führen nach Wien. Und viele Wege der Oper führen aus Wien in die musikalische Welt. Zur Gesangskunst insbesondere, die ihre Quellen unbestreitbar in Italien hat, doch ohne den Präsenzplatz Wien seit mehr als zwei Jahrhunderten kaum vorstellbar wäre – auch weil epo­chale Gesangskünstler/innen in großer Zahl ungeachtet ihrer Herkunfts­bindungen historisch mit Wien verbunden blieben. Um nur auf Tenöre zu schauen, erinnern wir exemplarisch: die Deutschen Winkelmann, Schu­bert, Völker, Lorenz, die Böhmen Walter und Slezak, die Dänen Schmedes und Rosvaenge, die Österreicher Patzak und Friedrich, den Norweger Oestvig, den Briten Piccaver, den Rumänen Grosavescu, den Polen Kiepura, den Ungarn Pataky, den Bulgaren Mazarov, den Slowenen Dermota.

Adolf Dallapozza: Rodolfo mit Helen Donath/Mimì/Fernsehfilm

Adolf Dallapozza: Rodolfo mit Helen Donath/Mimì/ZDF-Fernsehfilm/youtube

Ein solcher Überblick wird dominiert von den Stimmfächern lirico spinto und drammatico, also Jugendlicher und Heldentenor. Nur wenige Wiener Jahrhundert-Tenöre gehörten dem reinen, unverfälschten Lirico-Fach an. Selbst die beiden Wiener Lyriker mit der glanzvollsten Position in Wien nach dem zweiten Weltkrieg – Anton Dermota und Waldemar Kmentt – vermochten nach ihrer Etablierung auf dem Parnass behutsam, doch fol­genreich Wege in dramatischere Wirkungsfelder zu beschreiten.

Die reinen Lyriker hingegen, auch nach Kriegsende in großer Zahl vorhan­den und durchwegs von gutem Niveau, sprengten nur selten den weltstadt­regionalen Rahmen, stiegen kaum in die erste Reihe deutschsprachiger Tenorstars auf: Hugo Meyer-Welfing, Willy Friedrich, Wenko Wenkoff, Peter Baxevanos, Hans Decker, Max Lichtegg, Rudolf Christ oder der zu Medienwirkung gekommene Karl Terkal. Die meisten gelten im Rückblick trotz vieler Auftritte am Wiener „ersten“ Haus, der weltweit renom­mierten Staatsoper, auch (und fallweise vorrangig) als Haustenöre der Wiener Volksoper, deren Bedarf an primär lyrischen Stimmen sich schon aus ihrem Kernrepertoire ergab.

Adolf Dallapozza als Zigeunerbaron/Fernsehfilm/HafG

Adolf Dallapozza als Zigeunerbaron/Fernsehfilm/HafG

Was danach kam, lässt sich, soweit eine „erste Reihe“ zur Rede steht, auf die Weltrang-Tenöre Dermota und Kmentt beschränken – der eine von fremdartigem melancholisch-exotischem Wohllaut, der andere mit edlem Timbre und strahlendem do di petto, der eine bis zu Florestan und Palestrina, der andere zu Pedro und Stolzing schreitend. Was sich sonst im Fach der lirichi in Wien einfand, zählte von Simoneau bis Wunderlich natürlich zur Europa- und Weltspitze, war aber nicht dauer­fest in Wien, sondern kam meist als Abendgast.

Ein Debüt mit Langzeitwirkung: Umso bemerkenswerter, ja erstaunlicher, mag deshalb 1962 das Wiener Debüt eines jungen Tenors registriert worden sein, der genau dem Ideal des Stimmfachs entsprach, um das es hier geht: „Lyrischer Tenor“, auch tenore leggero und di grazia, in Kloibers Typologie mehr optimistisch als realistisch „mit einer Tonspanne von C-D“ positioniert – und charakteri­siert als „weiche, bewegliche Stimme mit schönem Schmelz und großer Höhe“.

Adolf Dallapozza: "Zigeunerliebe"/Fernsehfilm

Adolf Dallapozza: „Zigeunerliebe“/Fernsehfilm/youtube

Mit der Höhe ist ein Optimum bezeichnet, das sich in der Praxis nicht häufig realisiert. Das C“ ist vielen, auch erstrangigen Fachvertretern al­lenfalls in Jugendjahren erreichbar; ein D“ beherrschen zuverlässig nur Ausnahmekönner. Dieser Tenor aber verfügte über solche Höhenregion mit geradezu organisch wirkender (wenngleich konzentriert trainierter) Selbstverständlichkeit, leicht, locker, schwingend, in beinahe lässig-spie­lerischer Grandezza. Schon damit setzte er Auftritt für Auftritt Standards, die in weitem europäischem Umgriff, so auch in einem Mekka der Oper wie Wien, Aufsehen machen mussten.

Dieser tenore lirico, Adolf Dallapozza, zeigte sich nicht nur als wahrhaft universeller Allessänger = Alleskönner, sondern auch als attraktiver Darsteller jugendlicher Mannsgestalten, mehr noch: über Stim­me und Gesangskunst hinaus als Verkörperung all der Attribute, mit de­nen man junge Liebhaber, Charmeure, Naturburschen und Kavaliere zu charakterisieren pflegt. Solch eine singende Bühnenerscheinung war und ist die Idealbesetzung fürs ganze Reich der Barock-, Mozart-, Romantik- und Spieloper, für die Protagonisti der Opera buffa und die Röles senti­mentales der Opéra comique, dann vor allem – wir sind in Wien – für ein universelles Operetten-Repertoire.

Adolf Dallapozza: "Zigeunerliebe" mit Janet Perry/Fernsehfilm

Adolf Dallapozza: „Zigeunerliebe“ mit Janet Perry/Fernsehfilm/youtube

Dallapozza, zunächst vielfach mit Comprimario-Aufgaben be­dacht (neben dem Erstfach-Sänger Jean Cox gab er noch 1964 etwa den Arminio in Verdis l Masnadieri, dokumentiert auf HAfG 30304) fand in all diesen Genres und Fächern Aufgaben fast ohne Grenzen. Seine spezifi­sche Einheit von jugendlicher Attraktivität, berückendem lirico-Timbre und fabelhafter Leichtigkeit der Tonbildung bis in die Stratosphären eines, wie das populär heißt: „C-Tenors“.

Die zentrale Erfolgszeit Dallapozzas liegt in der Phase vor der gegenwärtigen weltweiten Belcanto-Renaissance. Zu seinem Repertoire gehörten in einer Fülle von lirico-Partien jeden Genres, jeder Provenienz und Ausrichtung auch Partien des engeren Belcanto-Repertoires: des ro­mantischen dramma lirico und der opera buffa, von Rossini, Bellini, Donizetti, also jener Werke, die dem Tenor bei voller Ausdeutung der Partiturvorgaben eine Beherrschung des canto fiorito, der Kunst des ver­zierten Singens, abverlangen. Tenöre, die in dieser Disziplin zu glänzen vermögen, waren in den 1960-80er Jahren erst langsam wieder im Kom­men. Ihnen wird die Kategoriebezeichnung tenore di grazia zugeordnet. Sie stellen auch die Idealbesetzung der Tenorpartien in den Barockwerken (…).

Adolf Dallapozza: Wilhelm Meister in "Mignon" HafG

Adolf Dallapozza: Wilhelm Meister in „Mignon“ HafG

Diese künstlerischen Fertigkeiten standen bis in die 1980er Jahre nur einer kleinen Zahl mitteleuropäischer Tenöre zur Verfügung. Heute, da dieses anspruchsvolle Gesangsfach für ein wiederentdecktes Belcanto-Repertoire unverzichtbar geworden und reicher besetzt ist, erscheinen seine wenigen Repräsentanten in den Jahrzehnten zuvor fast als Raritäten, ihre Leistun­gen oftmals eher als Annäherungen – so etwa von Landi, Martini, Valletti, Monti, Alva, Bottazzo, Misciano et al.

Klassisches Instrument – lehrbuchhafte Technik: Adolf Dallapozza war die Wiener Version des tenore di grazia – und insofern ein Zeitgenosse und Nachfolger des bedeutenden Kollegen Kraus. Nur dass er diesen auch noch mit einem weiter gezogenen Rollenfundus, hin­über in andere lirico-Fächer, übertraf.

Adolf Dallapozza: Gasparone/HafG

Adolf Dallapozza: Gasparone/HafG

Seine Naturstimme konnte mit weichem Wohllaut prunken. Farbe und Klang entsprachen dem klassischen Maß des leggero– Ideals, näher bei Legenden des Golden Age wie Clement, Bonci, Giorgini. Übertragen auf Stil- und Sprachregeln deutscher Art, ist damit recht ge­nau das Hörbild eines Mozart-Tenors nach dem „Wiener Mozartstil“ erfasst: Mittleres Schallvolumen, idealer Umfang (exemplarisch nach Kloiber), fabelhaft-leichte Höhen bis auf´s D“ und E“, nahezu vollkommenes, souveränes passaggio, elegante Phrasierung, integrierte Dynamik selbst bei effektvollen Akzentsetzungen. Und vor allem perfekte Intonation, praktisch ohne Einschwingphasen; hierin ist der Wiener Tenor bedeutenden Vorgängern wie Ludwig, Anders, Schock überlegen, kommt Wunderlich gleich.

Adolf Dallapozza: Paganini/Fersehfilm

Adolf Dallapozza: Paganini/Fersehfilm

Ein Wiener „von draußen“: Adolf Dallapozza wurde am 14. März 1940 in Bozen/Südtirol geboren (da­her der Familienname), kam aber schon wenige Monate darauf nach Wien, wuchs dort auf, sozialisierte sich als das, was man einen echten Wiener nennt. Durch sein Elternhaus beeinflusst, suchte der Jüngling seinen Platz im kulturellen Metier. Er begann eine Einzelhandelsausbildung in einer Musikalienhandlung. Sein Traum war die Laufbahn eines Klavier­virtuosen. Seine Freizeit füllte er außerdem mit sängerischer Ausbildung, unter anderen bei der Wiener Gesangspädagogik-Koryphäe schlechthin:

Elisabeth Rado, die auch Sängerprominenz wie Waldemar Kmentt, Fritz Uhl, Werner Krenn, Eberhard Waechter, Kieth Engen zur Bühnenreife führte. Seine ersten Bühnenschritte machte der junge Tenor als Mitglied im Chor der Wiener Volksoper. Schließlich fand sich die Gelegen­heit zu einem Vorsingen vor dem Volksoperndirektor Franz Salmhofer. Der junge Tenor erhielt einen Elevenvertrag. Der führte ihn durch zahlreiche Klein- und Nebenaufgaben zu einem ersten schnellen Protagonisten-Debüt als Ernesto in Donizettis Don Pasquale. Womit auch die Karriere vorgezeichnet war: im Fach des tenore di grazia.

Adolf Dallapozza in "Il Turco in Italia"/HafG

Adolf Dallapozza in „Il Turco in Italia“/HafG

Zehn Jahre lang war Dallapozza dann der erste Tenor der Wiener Volksoper, neben Gaststars von Rang und Ruf ein Zentrum des gerade damals ins Stadium seiner „großen Jahre“ tretenden, nur nomi­nell zweiten Wiener Opernhauses. (…) Auf dieser von breiter Popularität getragenen Musikbühne reihte der neue Tenorstar nun Erfolg auf Erfolg. So als lirico autentico in allen Bereichen des Spielplans, mit Belcanto im Mittelpunkt, aber auch im deutschen, fran­zösischen, slawischen Repertoire und nicht zuletzt als Operetten-Bonvivant. Auf dem Feld des lirico serioso war er wiederum in allen Sparten präsent, von Monteverdi bis Britten und Einem, vom Barock über Belcanto zur Spätromantik und klassischen Moderne. Herausragend stehen in der Er­innerung seine bravourösen Auftritte als Chapelou in Adams Postillon von Lonjumeau, mit rasant attackiertem, ganz aus der Legatolinie entwickeltem D“, und sein famoser Tonio in Donizettis Regimentstochter, glanzvoll mit locker hingelegten C“-Stakkatofolgen. So etwas hatte man selbst in Wien kaum je zu hören bekommen. Entsprechend rasend war jeweils der Beifall und dauerhaft die Liebe des Wiener Publikums.

Adolf Dallapozza: "Madame Pompadour" mit Ingeborg hallstein/HafG

Adolf Dallapozza: „Madame Pompadour“ mit Ingeborg Hallstein/HafG

Perfektion mit Intensität und Flair: An seinem Stammhaus, der Volksoper, trug Dallapozza ein breites Repertoire. Was einen Groß­teil seiner Arbeit ausfüllte und seinen Stand in der Gesangshistorie wohl ungenau, ja unzureichend akzentuierte: Er war der führende Operetten­held in einem Genre, das den Spielplan des Hauses seit jeher großteilig bestimmt. Hier glänzte er in zahlreichen Produktionen, vor allem in den Werken der Goldenen Ära: Als konkurrenzlose Traumbesetzung des Vogelhändlers Adam aus Tirol und bei Offenbach, Strauß, Millöcker, Zeller, Zierer, Fall bis zu Lehär und Kálmán. In den Johann-Strauß-Dauerbrennern Die Fledermaus, Der Zigeunerbaron oder Wiener Blut sammelte er Erfol­ge ohne Ende, in der Fledermaus souverän zwischen beiden Tenorpartien wechselnd. Als Operettensänger erreichte er auch seine größten Medien­erfolge.

Adolf Dallapozza: Eisenstein in der Wiener Volksopern-Produktion/Wiener Volksoper

Adolf Dallapozza: Eisenstein in der Wiener Volksopern-Produktion/Wiener Volksoper

Als Mitglied des Volksopern-Ensembles, doch auch als Solo-Gast, entfal­tete der Tenor seit Beginn der 1970er dazu eine internationale Karriere, mit Auftritten an den Staatsopern München und Hamburg, an der Mai­länder Scala, der New York City Opera, in Buenos Aires und Mexico City, in Tokio, Berlin, Zürich, Brüssel, Basel, Bologna, Köln, bei den Kornneuburger, Bregenzer und Mörbischer Festspielen – und natürlich an der Wiener Staatsoper, wo er 1973 sein zweites Wiener Fest­engagement antrat. Dort ist er mit klassischem und romantischem Re­pertoire aufgelistet: als Mozarts Belmonte, Ferrando, Idamante, Beetho­vens Jaquino, Rossinis Almaviva, Verdis Cassio, Wagners Steuermann, dazu als Richard Strauss‘ Narraboth, Matteo und die Tenorsänger in Der Rosenkavalier und Capriccio, weiter in Werken von Puccini, Leoncavallo, Smetana. An der Volksoper glänzte er auch als Händels Giustino, Donizettis Nemorino, Offenbachs Hoffmann, Puccinis Rodolfo, Thomas‘ Wilhelm Meister, Massenets Werther. Als besonders wertvoll können nun die bisher nahezu unbekannten Mitschnitte aus Produktionen von Kienzls, Bittners und Sutermeisters gelten, die den Tenor auch als spinto– und Charaktersänger von Wohllaut dokumentieren.

Adolf Dallapozza: als Orfeo mit Antonia Fahberg/HafG

Adolf Dallapozza: als Orfeo mit Antonia Fahberg/HafG

Ein „notorischer Zweiter“? Damit ist Dallapozzas Medienkarriere angesprochen. Er zählt zu den meistaufgenommenen, meistgesendeten, meistpräsentierten Tenören des letzten Jahrhundertdrittels im deutschen Sprachraum – wozu seine attraktive Erscheinung nicht wenig beitrug. Ein langlebiger Schallplatten­vertrag mit EMI brachte zahlreiche schöne Rollenportraits, zumeist in Werken der Klassik und der Spieloper, dazu eine Flut von Operetten­Interpretationen in Gesamtaufnahmen, Querschnitten, Sammlungen, Recitals. In Radioarchiven, vor allem beim BR München und ORF Wien, häufen sich die Tondokumente von Auftritten aller Art, nicht zuletzt in Funkkonzerten. Auch im Fernsehen war er vielfältig präsent.

Adolf Dallapozza/"Albert Herring"/Hafg

Adolf Dallapozza/“Albert Herring“/Hafg

Trotz dieser Fülle wird die per Medien greifbare Hinterlassen­schaft der Leistung und Bedeutung des Sängers nur teilweise ge­recht. Er ist dem großen Publikum fast ausschließlich als Operetten­sänger im Bewusstsein – ein Großteil seiner Glanzpartien auf der Opernbühne wurde nie eingespielt oder in Mitschnitten veröffentlicht. Bei EMI hinterließ er Kabinettstücke, wahre Glanzleistungen in „zweiten Rollen“, so als Baron Lummer im Intermezzo und als Matteo in Arabella – einen grandioseren Interpreten beider Richard-Strauss-Partien gibt es, trotz Dermota, kaum im Aufnahmenkatalog. In der Gesamtaufnahme von Mozarts Idomeneo unter Hans Schmidt-Isserstedt war er ein wundervol­ler Idamante neben bzw. hinter Nicolai Gedda, in Willi Boskovskys Fledermaus-Aufnahme war es wieder so: Gedda war Eisenstein, Dallapozza Alfred. Immer, wenn es an die ganz wichtigen, die dominanten, die stargemäßen Partien ging, stand dem Wiener ein Weltstar im Wege, meist Gedda, dann Wunderlich; sogar bei weitem nicht so glanzvolle Peter Schreier wurde ihm vorgezogen. So blieb es bislang bei einer Einordnung als gern gehörter Operettenstar, die fast einer Abstempelung gleichkommt.

Adolf dallapozza: mit Biograf und Fan Thorsten Schneider/Foto TS

Adolf Dallapozza: mit Biograf und Fan Thorsten Schneider/Foto TS

Representante e Benveluto: Der unvermindert vitale, neugierig-aktive Kammersänger beging 2008 auf der Bühne der Wiener Volksoper als Eisenstein sein 50jähriges Bühnenjubiläum – in herausfordernder Frische und bezwingender Jugendlichkeit, mit unverminderter Stimmpracht und intaktem sängerischem  Können. Ein Vielgeliebter, der durch Leistung und Persönlich­keit zum Repräsentanten wurde. Er widmet sich nun der Formung jun­ger Gesangstalente, nimmt wach und engagiert am Wiener Kulturleben teil – ein Wunder nicht nur begeisternden Künstlertums, sondern an anhaltender Jugendfrische.

Klaus Ulrich Spiegel

Den vorstehenden Text entnahmen wir der Beilage zu den drei CD-Boxen mit zum Teil sehr seltenen Dokumenten Adolf Dallapozzas beim Hamburger Archiv für Gesangskunst: Ausgabe 1 (4 CDs 10514) enthält Opernarien von Händel, Mozart, Beethoven, Weber, Schubert, Nicolai, Adam, Thomas, Offenbach, Rossini, Verdi (Masnadieri!), Donizetti, Puccini, Giordano (Fedora), Leoncavallo, Kienzl (Auszug aus dem auch als Ganzes erhaltenen Kuhreigen des ORF), Strauss, Bittner (Der Musikant), Sutermeister (Romeo und Julia);   Ausgabe 2 (3 CDs 10515) Operetten von Offenbach, Suppé, Zeller, Fall, Künnecke, Charles Kálman und anderen; Ausgabe 3 (3 CDs 10516) erneut Operetten von Léhar, Emmerich Kálman und Robert Stolz in großzügigen Ausschnitten. (Textredaktion G. H.) Die Fotos von der Wiener Volksoper übernahmen wir mit freundlicher Genehmigung und Dank.

Foto oben: Adolf Dallapozza als Eisenstein in der Produktion der Fledermaus an der Wiener Volksoper/WVO/Dank an Eva Wopmann

www.vocal-classics.com / KUS@ku-spiegel.de

Adolf Dallapozza in "Zigeunerliebe"/Arthaus

Adolf Dallapozza in „Zigeunerliebe“/Arthaus

 

Liebe am Gemüsestand

Hat je jemand drüber nachgedacht, was aus Rodolfo wird, wenn Mimì gestorben ist? Um die Wahrheit zu sagen – ich nicht. Zumindest nicht bis ich plötzlich wieder auf Rodolfo stieß. In einer Operette namens Ciboulette aus dem Jahr 1923 von Reynaldo Hahn.

hahn ciboulette fra opera-comiqueDer ehemalige Puccini-Held hat inzwischen auf dem DVD-Mitschnitt aus der Opéra-Comique bei fraMusica von 2013 der Liebe und der Dichtkunst  abgeschworen, einen Job als Beamter und den Namen Duparquet angenommen und kontrolliert nun den Verkehr in den legendären Gemüsehallen von Paris (die es damals ja noch gab). Wie eine gute Fee hilft er den Händlern die Liebe ihrer Leben zu finden – so  zumindest in einem Falle. Er spielt den Kuppler zwischen einem jungen Bauernmädchen namens Ciboulette und Antonin, einem jungen, blasierten Aristokraten…..

Reynaldo Hahn: "Ciboulette"/Szene/ Paris 2013 Trailer Oéera-Comique

Reynaldo Hahn: „Ciboulette“/Szene/ Paris 2013 Trailer Opéra-Comique

… schreibt unsere Amsterdamer Freundin und Journalistin  Basia Jaworski im Folgenden in Englisch weiter, wobei Kollege  Kevin Clarke vom Operetta Research Center ORCA liebenswürdiger Weise die Übersetzung aus dem Holländischen gemacht und uns die Übernahme des dort erschienenen Artikels gestattet hat).

Reynaldo Hahn: "Ciboulette"/Szene/ Paris 2013 Trailer Oéera-Comique

Reynaldo Hahn: „Ciboulette“/Szene/ Paris 2013 Trailer Opéra-Comique

The first act is all black-and-white (plus a bit of grey) and looks like it comes straight from the early years of cinema. Only when Cibolette enters does the scene become more colorful. In every sense of the word. This makes for a stunning effect. It’s as if a grey veil is lifted and you see a magical world previously hidden. Jean-François Lapointe is an irresistable Duparquet. He effortlessly switches from his mad-cap dialogue scenes and a cheerful duet with Ciboulette (the infectuous “Nous avons fait un beau voyage”) to the touching “C’est tout ce qui me reste d’elle” where he remembers Mimi. I am not sure if I misheard, but it seems like there are some faint echos of Puccini in the background. Tenor Julien Behr, as rich and spoiled Antonin de Mourmelon, does not really have a pretty voice, and he’s also somewhat stiff on stage, but that fits the role rather well. Eva Ganizate is a wonderful grisette called Zénobie who dumps Antonin for a dashing huzzar (in a very dashing uniform), and Bernadette Lafont delivers the part of Madame Pingret with an extra dose of humor.

Reynaldo Hahn: "Ciboulette"/Szene/ Paris 2013 Trailer Opéra-Comique

Reynaldo Hahn: „Ciboulette“/Szene/ Paris 2013 Trailer Opéra-Comique

The title role is sung by the young French soprano Julie Fuchs. She has a fresh, almost spring-like voice, portraying a girl who doesn’t yet know what she wants – until she walks right into it. Or him rather. In the end, she gets one of catchiest tunes from the score, that will burn itself deep into your memory. That the audiences  loves Miss Fuchs, too, is clear from the final round of applause. If you are suffering from a “winter blues,” feeling stressed out because of the holiday season or have just been left by a lover: get this DVD and let yourself be transported. It’s a real treat and vintage operetta (Production FRAmusica et Opéra Comique DVD FRA 009, BD FRA 509).

Basia Jaworski

Foto oben: Eva Ganizate als Zénobie im Ausschnitt aus der Ciboulette-Produktion der Opéra-Comique im Trailer auf der website des Opernhauses

Düstere Ausblicke

Glückverheißend klingt mit der Titel Erwarten Sie Wunder! von Kent Naganos in Zusammenarbeit mit Inge Kloepfer im Berlin Verlag verfasstem Buch, Unheilschwangeres dagegen ist in ihm zu lesen, wenn der Verfasser immer wieder auf die drohende Gefahr verweist, die Klassik, sei es Konzert oder Oper, werde in absehbarer Zeit aus dem Leben der Menschen verschwinden, da immer geringer werdende Subventionen (Deutschland) oder Spenden (USA) ihr die finanzielle Grundlage zunehmend entziehen würden. Der Text bewegt sich in dem Spannungsfeld zwischen ungeheurem Enthusiasmus gegenüber der Musik der Vergangenheit, aber auch der sogenannten „modernen“ und einem abgrundtiefen Pessimismus, da nicht nur die Gelder schwinden, sondern auch das Publikum, das immer älter wird und dem keine jungen Besucher nachwachsen.

Das Buch gliedert sich in einen Prolog und sechs Kapitel, jedes mit einem das Hauptthema verratenden Titel und dazu nähere n Ausführungen über Schwerpunkte. Eine Art Komponistenportrait der Musiker, die eine besondere Rolle in der Karriere von Nagano gespielt haben, schließt sich den einzelnen Kapiteln an. Jedem von ihnen ist außerdem das Zitat einer Persönlichkeit vorangestellt, das mit dem jeweiligen Thema zu tun hat. Als Anhang gibt es lediglich ein Verzeichnis der Literatur, aus der zitiert wurde, kein Sach- oder Personenregister. Als Verlust für den Einzelnen wie für die gesamte Menschheit bezeichnet der Verfasser den drohenden Verzicht auf ein Leben mit klassischer Musik. Im ersten Kapitel berichtet er davon, wie er selbst mit ihr in einem kleinen Fischerdorf an der Westküste namens Morro Bay  durch den Glücksfall eines dorthin verschlagenen georgischen Musikers im Kreis der Dorfjugend sich für die Klassik begeisterte. Von ihm entwirft der Dirigent ein ebenso plastisches wie liebevolles Portrait. Er bekennt sich zur „sanften Gewalt“, mit der man Kinder zum Erlernen eines Instruments veranlassen müsse, auch er brauchte sie anscheinend, um das Klavierspiel zu erlernen. Kinder müssten jeden Tag mit Musik konfrontiert werden, und Anstrengung wie Handwerk gehörten zum Erreichen von Zielen. Wichtig ist dabei als Anleitung eine charismatische Persönlichkeit, wie sie sein Lehrer offensichtlich  in hohem Maße war. Nagano berichtet von dem Doppelstudium von Soziologie und Musik, meint, dass ein Autodidakt in der Musik nicht weit komme und spricht der Musik einen hohen Wert für das friedliche Zusammenleben von Menschen zu. Dabei wird Biographisches immer wieder zum Anlass für allgemeine Betrachtungen.

Das zweite Kapitel widmet sich dem Beinahe-Scheitern des berühmten Orchesters von Philadelphia  durch finanzielle Probleme, wie sie vor allem die nicht subventionierten Kulturinstitutionen bedrohen, während in Oakland bereits das Orchestersterben Wirklichkeit wurde. Da Musik in den USA „nice-to-have“ sei, aber nicht lebensnotwendig, da die Zinsen der Stiftungen auf einem besonders tiefen Niveau sind, drohe hier, aber auch in Italien und in abgeschwächter Form überall eine „Auflösung des kulturellen Konsens“. Allerdings hat Nagano auch die freudige Feststellung treffen können, dass es immer mehr Festivals mit klassischer Musik gibt. In Europa sieht er es als symptomatisch an, dass in den Pisa-Tests keine Kompetenz in den Künsten geprüft werde, und er beklagt sich über den fehlenden oder schlechten Musikunterricht an den Schulen. Im dritten Kapitel geht es unter anderem um die Frage, ob Hochkultur trivialisiert wird, wenn sie allen zugänglich gemacht wird, welchen Standpunkt Nagano strikt ablehnt, im Gegenteil gerade jetzt auch eine Chance für die Klassik in den USA sieht. Er fragt sich, wie Musik ihre Kraft entfaltet und was sie bewirken kann, geht dabei weit zurück bis zu den Meinungen der alten Griechen zu diesem Thema. Mancher Leser wird ihm in seinem Enthusiasmus für die vermeintliche Kraft der Musik nicht folgen können.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels stehen das Wirken von Nagano in Montreal, die Èclatè-Jugendkonzerte, die Kombination von Strauss‘ Ein Heldenleben mit einer Eishockey-Musik Les Glorieux für noch zu gewinnende Zuschauer. Entsprechend gab es mit dem DSO eine Kombination von Brahms und Rihm, während er in München (der Stadt der Uraufführungen) fünf Kompositionsaufträge vergab. Im Zentrum des fünften Kapitels steht ein Gespräch mit einem Psychologen über die Wirkung von Musik auf den Menschen. Es geht um die Frage, warum uns Musik in Moll besonders berührt, dass unser Gehirn auf atonale Musik nicht programmiert ist und wir sie darum tunlichst meiden. Eine besondere Bedeutung misst Nagano dem Tritonus zu als „Diabolus in Musica“. Das sechste und damit letzte Kapitel nennt sich „Die offene Frage“ und bringt Gespräche mit Helmut Schmidt und Kardinal Marx, was die deutsche Seite betrifft. Opernfreunden wird nicht gefallen, was Schmidt über die Oper denkt, dass er den Ring als voll von üblem Nationalismus sieht, ist schlichter Blödsinn. Die den einzelnen Kapiteln angehängten Komponistenportraits, die sich wie das gesamte Buch trotz seines hohen Anspruchs gut lesen lassen, befassen sich mit Bach ( Enzyklopädie musikalischen Wissens), Beethoven (Assoziationen beim Hören der 8. Sinfonie), Schönberg (revolutionär in der Harmonik, konservativ in der äußeren Form), Bruckner (im Zentrum die7. Sinfonie, das Vorbild Wand bei der Interpretation), Messiaen (durch ihn Zugang zu Europa) und Yves und Bernstein (rustikale und urbane typisch amerikanische Musik).

Sieht man die vollen Konzert- und Opernhäuser, dann mag man die düsteren Prophezeiungen für übertrieben halten, einwenden, dass klassische Musik immer eine Sache des Bildungsbürgertums war, dass auch junge Leute besonders in den Konzertsälen anzutreffen sind oder mit dem Reifwerden von der Pop- zur klassischen Musik wechseln, aber unleugbar gibt es Kürzungen, Orchesterzusammenlegungen und ähnliche bedrohliche Erscheinungen, in Deutschland weniger schlimm als anderswo, und ein Alarmschlagen sollte deshalb zu Nachdenklichkeit und einem „Wehret den Anfängen“ führen (320 Seiten, Berlin Verlag ISBN 978 3 8270 1233 3).

Ingrid Wanja

Virtuose Gipfelstürmer

Hört man diese glorios gesungene Neuaufnahme von Hasses Dramma per musica Siroe re di Persia, empfindet man sie als einen Endpunkt der barocken opera seria im Übergang zur Vorklassik und als Gipfel der sängerischen Bravour. Kaum noch zu steigern scheint hier die Virtuosität hinsichtlich ihrer spektakulären und auf die Starsänger ausgerichteten Effekte und deshalb nicht verwunderlich, dass es mit Gluck einen Reformator dieses Stils geben musste. Aber eine Orgie für die Ohren ist Hasses Musik zweifellos – wenn sie von solchen Sängern interpretiert wird wie auf der Decca-Einspielung, die 2014 in der Parnassos Hall von Athen entstand. Der Counter Max Emanuel Cencic stellt seit einigen Jahren spannende Projekte bei seinen Parnassus Arts Productions vor (so 2012 Händels Alessandro) und singt in Siroe auch die Titelrolle – den erstgeborenen Sohn des persischen Königs Cosroe, den Juan Sancho mit heroischem Barocktenor gibt. Schon in seiner Auftrittsarie, „Se il mio paterno amore“, zeigt er sich eloquent und virulent in der Attacke. Gelegentlich gibt es bei exponierten Tönen einen verspannt-forcierten Klang. Im sanft wiegenden „Gelido in ogni veno“ des 3. Aktes kommt die Stimme schön zur Geltung. Cencic  spricht in der Einführung im Booklet der Hasse-Oper als von einem Märchen aus 1001 Nacht, in welchem das Gute über das Böse siegt, was er als interessante Parallele zu Schikaneders Zauberflöte sieht. Sein Titelheld lässt schon  in der ersten Arie, „La sorte mia tiranna“, eine perfekt ausgewogene Stimme hören – so schmeichelnd im Klang wie aufgewühlt in den Emotionen. „Mi credi infedele“ im 2. Akt ist ein munteres Stück, das er mit geläufiger Stimme tänzelt, ähnlich dem „Fra dubbi affetti miei“, in welchem er seinen Counter weich und kosend führt. Im 3. Akt hört man von ihm eine Einlage – das recitativo accompagnato „Son stanco“ aus Händels Siroe und die Arie „Vo disperato a morte“ aus Hasses Tito Vespasiano, wo Cencic ein großes Spektrum an Emotionen ausbreitet – aufbegehrend, schmerzlich, aufgewühlt, verzweifelt. Die folgende Arie „Se l’amor tuo mi rendi“ ist dagegen hoffnungsvoll beschwingt und bietet dem Sänger Gelegenheit, noch einmal seine hohe Gesangskunst zu demonstrieren.

Siroe liebt Emira, Prinzessin von Kambajen, die in Männerkleidern unter dem Namen Idaspe auftritt. Mary-Ellen Nesi singt sie mit reizvoll herbem Mezzo von kokettem Ausdruck und flexibler Stimmführung. „Sgombra dall’anima“ im 2. Akt überzeugt durch den reschen Ansatz, „Che furia“ im 3. durch die vehemente Interpretation mit erregten Ausbrüchen.

Zweitgeborener Sohn des Cosroe ist Medarse, den Franco Fagioli in sensationeller Manier gibt. Der hochpersönliche, sinnlich vibrierende Altus scheint derzeit auf dem Gipfel seiner Möglichkeiten. Mit „Fra l’orror della tempesta“, wo der Sturm ein Gleichnis für seelischen Aufruhr bedeutet, beendet er den 1. Akt mit einem Aufruhr von Gefühlen – fulminant in den rasanten Koloraturketten, stupend in der Ausreizung der stimmlichen Skala von baritonaler Tiefe bis zur Sopranhöhe. Auch „Tu decidi del mio fato“ im 2. Akt  ist überwältigend in der Schönheit der kantabel wiegenden Stimme, des sich reich verströmenden Gefühls und der schier endlosen Schleifen und Triller. Ihm fällt auch das letzte Solo der Oper zu – „Torrente cresciuto per torbido piena“ mit stürmisch-vitalem Charakter und noch einmal artistischem Höhenflug.

Ein Freund Siroes ist Arasse, General der persischen Armee, den die Amerikanerin Lauren Snouffler mit kultiviert-lieblichem, sehr beweglichem Sopran gibt, der in der Süße und Zärtlichkeit zuweilen von dem Julia Lezhnevas kaum zu unterschieden ist. Die Russin singt die Laodice, Cosroes Geliebte, doch Siroe zugetan, und erbringt in dieser Partie ihrer bisher stärkste Leistung auf Platte. Der Sopran besticht sogleich im Auftritt, der Arie „O placido il mare“, welche die Bilder von Meer und Sturm nutzt, mit Koloraturgirlanden von unglaublicher Geläufigkeit und halsbrecherischem Tempo sowie virtuos getupften staccati. In ihrer ersten Arie des 2. Aktes, „Mi lagnerò tacendo“, betört sie mit noblem Ton und feinen portamenti. „Se il caro figlio“ zu Beginn des 3. Aktes ist ein Showstopper, in welchem sie geradezu auf den Noten tanzt, trillert und jubiliert. Und um diesen virtuosen Exzess noch zu krönen, gibt es für sie vor dem Schlusschor noch eine spektakuläre Einlagearie aus Grauns Britannico, die in ihrer bravourösen Bewältigung eine mirakulöse Dimension annimmt.

Wie schon bei Alessandro steht erneut George Petrou am Pult der Armonia Atenea und sorgt von der Sinfonia an für ein betont straffes und lebendiges Musizieren, das aber auch die lyrisch-kontemplativen Momente in kantabel ausschwingendem Klang berücksichtigt. Die Aufnahme, reich ausgestattet mit zwei Booklets (Text und Einführung), ist nichts weniger als eine Sensation und sei jedem Barockfreund dringend empfohlen.

Bernd Hoppe

Johann Adolf Hasse: Siroe re di Persia (Cencic, Lezhneva, Fagioli, Nesi, Sancho, Snouffer; Armonia Atenea, George Petrou)  2 CD Decca 478 6768,

 

Kleibers Mahler

Nur einer der Berichterstatter glaubte in ihm „einen neuen Mahler-Dirigenten – es gibt ihrer zu gegenwärtig zu wenige“ – gefunden zu haben. Ansonsten waren die Reaktionen auf das mit Hoffnungen verbundene Wien-Debüt von Erich Kleibers Sohn zurückhalten, wenn nicht gar ausgesprochen negativ (sogar ein „Mangel an Musikalität“ wurde ihm attestiert). Carlos Kleiber war bereits 37 Jahre, als er 1967 im Rahmen eines Mahler-Zyklus‘ bei dem Wiener Festwochen – an dem auch Abbado, Maderna, Prêtre, Sawallisch und Swarowsky mitwirkten – von den Wiener Symphonikern als Einspringer für Josef Krips eingeladen wurde, Das Lied von der Erde zu dirigieren. Der zuvor auf anderen Quellen zugängliche (etwa Nuova Era) von den Wiener Symphonikern jetzt veröffentlichte Mitschnitt vom 7. Juni 1967 mit Christa Ludwig und Waldemar Kmentt als Solisten wäre vermutlich nicht so bemerkenswert, wäre die Aufnahme, an deren klanglichen Qualitäten man sich erst gewöhnen muss, nichtdas Zeugnis von Carlos Kleibers einziger Beschäftigung mit Gustav Mahler (WS 007). Es handelte sich um die 50. Aufführung des Werkes bei den Wiener Symphonikern seit seiner ersten Aufführung 1912 unter Bruno Walter, dem sich in der Folge bemerkenswerte Dirigenten wie u.a. Alexander von Zemlinsky, Schalk, Krauss, Knappertsbusch, nach dem Krieg Krips, Klemperer, Steinberg, Gielen und Mehta anschlossen. Das informative Beiheft, das die Umstände und Reaktionen um das Konzert auffächert, weist darauf hin, dass Kleiber sich damals mit den kurzen Proben zufrieden geben musste. Ausführlich schildert Alexander Werner in seiner umfangreichst recherchierten Carlos Kleiber-Biografie das Konzert, wozu er u. a. Waldemar Kmentt befragte,Es war ein wunderschönes Konzert mit viel Tiefe. Carlos behandelte mich besonders freundlich. Das überraschte mich ein wenig, da er ja als schwierig galt. Er gratulierte mir, während er sich über Frau Ludwig beklagte, da sie er zu abgehoben fand“.  Ludwig erinnert sich: „Es gab nur ein einziges Problem bei der Schlussapotheose Die liebe Erde überallEwig,,, Ewig,,, Er wollte es piano. Das steht auch in der Partitur. Ich sang es immer fortissimo. Man sang es immer laut, er wollte es leise. Mit Recht, aber piano fiel es nicht so auf und dann gab es schlechtere Kritiken. Ich habe mit allen möglichen Dirigenten gesungen und sonst immer gesagt, was ich haben will. Das tat ich auch bei ihm“. 

Die Harmonie zwischen Kleiber und dem Tenor ist auch aus der Aufnahme herauszuhören, überhaupt gibt der oftmals unterschätzte Kmentt (*1929) hier eine bemerkenswerte Interpretation, leitet die Hysterie in Das Trinklied vom Jammer der Erde in vorsichtig dramatische Bahnen und ist ausgezeichnet in Von der Jugend. Ludwig (*1928), Ludwig beeindruckt durch die farbenreichen und weiten Bögen, die gute Atemkontrolle und den noblen Ernst ihres Gesangs. Kleibers Wiedergabe ist sehr genau, bei relativ raschen Tempi und einer Aufführungsdauer von unter einer Stunde, ähnlich wie Jochum und Boulez, nur Klemperer ist beispielsweise rascher, während Bernstein, Haitink, Levine, Sinopoli mehr Zeit benötigen.

Rolf Fath