Archiv des Autors: Rüdiger Winter

Dramatisch und subtil

 

Das Londoner Label Hyperion ist mit seiner Edition der Lieder von Franz Liszt bei Vol. 6 angelangt (CDA68235). Bestritten wird diese CD von Julia Kleiter. Am Flügel begleitet sie Julius Drake, der gefordert ist, weil bei diesem Komponisten der Klaviersatz nicht selten betont anspruchsvoll und üppig ausfällt. Schließlich war der Komponist als Pianist eine Legende. Auf seinem Spiel beruht seine enorme Berühmtheit. Heinrich Heines „Loreley“ – um ein Beispiel anzuführen – wird vom Klavier verschwenderisch umrankt. Die Sängerin setzt ein wenig atemlos ein, als ob ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schießt, auf den sie so nicht gefasst war. Das ist ein interessanter Ansatz, der in der Vertonung angelegt ist und jegliche Ähnlichkeit mit der etwas früher entstandenen volksliedhaften Version von Friedrich Silcher leugnet. Liszt hat ein versöhnlich ausklingendes dramatisches Kunstlied geschaffen, das in der ersten Fassung (1841) von Julia Kleiter bewegend gesungen wird. Überaus melodiös heben drei Lieder aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell an – „Der Fischerknabe“, „Der Hirt“ und „Der Alpenjäger“ an. Für alle drei fand Liszt, der in Weimar, wo Schiller zuletzt lebte und starb, nachhaltige Spuren hinterließ, charakteristische Motive. Nicht gespart an Erfindungsreichtum hat der Komponist auch bei „Die Macht der Musik“ auf einen Text von Prinzessin Helene zu Mecklenburg-Schwerin (1814-1858). Mit gut zehn Minuten Länge wird die Form des Liedes arg strapaziert. Die Interpretin lässt sich davon nicht beeindrucken und gelangt zu einem in sich geschlossenen Vortrag. Zu hören sind unter anderen noch vier Kompositionen nach Versen von Victor Hugo, „Mignons Lied“ nach Goethe und „Wo weilt er?“ nach Rellstab.

Im Werk von Liszt stellen Lieder einen festen Posten. Mehr als achtzig Titel sind überliefert. Einige davon wurden mehrfach umgearbeitet. Die Transkriptionen der Lieder von fremder Hand – darunter Schubert, Beethoven und Schumann – gehören zu seinem Meisterwerken. In der Mehrzahl vertonte Liszt deutsche Gedichte. Goethe, Schiller, Heine, Uhland und Rückert waren seine bevorzugten Dichter. In Anlehnung an Heinrich Heine sollten diese Werke als „Buch der Lieder“  verteilt auf mehrere Hefte herausgegeben werden. Von diesem Plan rückte Liszt aber wieder ab, weil nicht alle frühen Lieder später seinem eigenen Werturteil standhielten. Enge biografische Bindungen an Frankreich, Ungarn und Italien brachten es mit sich, dass er auch Texte aus diesem Kulturkreis vertonte. Liszt kann getrost als eine europäische Erscheinung gelten, was ihm im Lichte unserer Zeit so modern macht. Der französische Tenor Cyrille Dubois, der sowohl auf Opernbühnen als auch in Konzertsälen unterwegs ist, legte bei Aparte eine CD mit Liszt-Liedern vor. Begleitet wird er von seinem Landsmann Tristan Raës (AP200). Beide haben zusammen bereits mehrere Preise gewonnen.

Mehr als die Hälfte der Lieder sind deutschsprachig. Dubois hat es sich also nicht leicht gemacht. Er singt ein fabelhaftes Deutsch. Sein leichter Akzent stört überhaupt nicht. Im Gegenteil. Wir Deutsche hören es schließlich ganz gern, wenn sich Franzosen unserer Sprache bedienen. In Schlagern, Filmen oder im Theater wurde ein exotischer Kult daraus. Dubois spielt aber nicht damit. Er kann und will nur seine Herkunft nicht verleugnen. Und das ist gut so. Wichtiger ist, dass er mit dem Vortrag die Inhalte transportieren kann. Wie in der „Loreley“, der Deutschen liebsten Gedichte von Heine, das um die vierzigmal vertont wurde. Keine der Kompositionen wurde so populär wie die von Friedrich Silcher (1789-1860), die sich in ihrer volkstümlichen Schlichtheit auch jenen Menschen einprägt, die nicht wissen, was eine Note ist. Liszt verlässt ausgetretene Wege und spürt der tiefen Melancholie der Sage nach. Dubois singt die zweite Fassung von 1856. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten.“ Der berühmte Beginn klingt bei ihm fast nebensächlich. So, als würde er von einem plötzlichen Einfall heimgesucht, der ihm fortan nicht mehr aus dem Sinn geht. Immer tiefer versenkt er sich in die Geschichte. Die musikalische Linie stellt sie wie von selbst ein und entwickelt sich so, dass Stimme und Klavier eins werden wie bei vielen Liedern von Franz Liszt, der bekanntlich ein begnadeter und gefeierter Pianist gewesen ist. In „Bist du“ findet der Sänger die typische Kompositionsweise von Liszt noch deutlicher heraus. Diesem Lied liegt ein Gedicht des russischen Dichters Elim Metschersky (1808 – 1844) zugrunde. Metschersky, der vor allem durch Liszt in Erinnerung geblieben ist, entstammte einer einflussreichen Adelsfamilie und suchte wegen seiner anfälligen Gesundheit das milde Klima von Nizza. Das Lied „O lieb, so lang du lieben kannst!“ gibt der Neuerscheinung den Titel. Es ist auf ein Gedicht von Ferdinand Freiligrath (1810–1876), einem Zeitgenossen des Komponisten, vertont worden. Die Melodie formte Liszt auch für seinen Klavier-Liebestraum Nr. 3.

In Reclams 1300 Seiten umfassenden Liedführer (Axel Bauni, Werner Oehlmann, Lilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer), einem mehrfach aufgelegten und erweiterten Standardwerk des Genres, heißt es: „Das Geheimnis der Lisztschen Lieder ist ihre Subtilität.“ Wem der Sinn für die Höhe des Gefühls fehle, auf der sie sich bewegten, der werde ihnen hilflos gegenüberstehen – doch „wer sich bemüht, sich in ihre Sphäre hineinzufühlen, dem bedeuten sie einen hohen, fast erotischen Bereich romantischer Idealität“. Ob Dubois diese Sätze gelesen hat? Er macht sich nämlich genau die darin zusammengefasste Erkenntnis zu Eigen und unterscheidet sich damit von manch anderer Interpretation, die nicht annähernd so gut ist wie die seine. Der Titel-Hit erweist sich allerdings nicht als Selbstläufer, klingt in der aufsteigenden Höhe sogar etwas penetrant. Doch wenn er den lyrischen Fluss der meisten Gesänge zeichnet wie mit einem Silberstift, dann entführt er sein Publikum, getragen vom Klavier, tatsächlich in jene Sphären, von denen die Autoren des Liedführers so präzise sprechen. Die CD ist nicht einen Moment langweilig. Dubois schafft mit seinem Vortrag keine Distanz. Er nimmt die meisten Lieder wörtlich, lässt sich schwärmerisch von jenen Gefühlen leiten, denen Liszt durch Musik und Texte Ausdruck verleiht. Für das Liedschaffen des Komponisten ist diese CD eine gute Empfehlung.

Diana Damrau hat bei Erato, begleitet von Helmut Deutsch, Lieder von Liszt eingespielt.

An Bemühungen, die Lieder von Liszt einem breiten Publikum bekannt zu machen, hat es nicht gefehlt. Nicht selten wirken die historischen Aufnahmen wie gut gemeinte Pflichtübungen, die am Ende doch viel Langweile verbreiten. Michael Raucheisen nahm im Rahmen seiner berühmten Liededition für den Reichsrundfunk mindestens achtzehn Titel auf. Beteiligt waren Erna Berger, Tiana Lemnitz, Lea Piltti, Emmi Leisner, Gertrude Pitzinger, Karl Erb, Hanns-Heinz Nissen, Rudolf Bockelmann und Hans Hotter. Elisabeth Schwarzkopf hatte Liszt noch in ihrer späten Zeit im Repertoire. Einen Liederabend 1973 in London eröffnete Hanne-Lore Kuhse aus der DDR gleich mit sechs Liedern dieses Komponisten. Der umtriebige Dietrich Fischer-Dieskau dürfte mit seiner Edition der Deutschen Grammophon, die etwa die Hälfte des Liedschaffens umfasst, der Platzhirsch auf dem Musikmarkt sein. Das englische Label Hyperion legte eine Gesamtaufnahme vor, an der Angelika Kirschlager, Sasha Cooke, Matthew Polenzani und Gerald Finley beteiligt sind. Für Centaur nahm der amerikanische Tenor Daniel Weeks eine Liszt-CD auf, während die deutsch-amerikanische Mezzosopranistin Marylin Schmiege für Orfeo ins Studio ging. Eine höchst ambitionierte Produktion legte die ungarischen Hungaroton vor. Dabei sind sechs Lieder in unterschiedlichen Versionen eingespielt wurden, darunter das aufgeregte „Freudvoll und leidvoll“, das Dubois in der Fassung von 1848 singt. Insgesamt gibt es deren drei.

Als sensible Interpretin der Lieder von Liszt erwies sich Diana Damrau auf ihrer von Helmut Deutsch begleiteten CD bei Erato, die seit der Veröffentlichung im Jahr 2011 nichts von ihrer Frische und Wirkung eingebüßt hat. Sie kann als weibliches Pendant zur aktuellen Einspielung von Dubois gelten. Rüdiger Winter 

Auf den Wogen des Lebens …

 

Enoch Arden von Richard Strauss erfreut sich eines ungebrochenen Interesses. Zuletzt hatte die umtriebige Brigitte Fassbaender das Melodram in Stuttgart öffentlich dargeboten und war damit auch ins Radio gekommen. Ihr rüstiger Auftritt bescherte der Achtzigjährigen viel Beifall und Aufmerksamkeit. Nun bringt eine prominente CD-Neuerscheinung fast schon unbarmherzig in Erinnerung, welchen besonderen Umständen das Opus entsprang. Es ist eine Danksagung an den legendären Schauspieler Ernst von Possart (1841-1921), der als Intendant in München dem aufstrebenden Komponisten und Dirigenten unter die Arme gegriffen hatte. Beide bestritten gemeinsam auch die ersten Aufführungen. Davon hat sich keine Aufnahme erhalten, wohl aber gibt es einige Platten, auf denen Possart mit dem Pathos der Jahrhundertwende seine Zuhörerschaft in Bann schlägt, wenn nicht gar ins Mark trifft. Enoch Arden, ein Werk, das nach einem Schauspieler mit großer theatralischer Bandbreite verlangt. So einer ist Bruno Ganz. Wie Possart war auch er ein berühmter Hamlet und Franz Mohr. Myrios classics hat seine Einspielung jetzt auf den Markt gebracht (MYRO25). Begleitet wird er am Klavier von Kirill Gerstein. Produziert wurde im Herbst 2016. Am 16. Februar 2019 ist Bruno Ganz mit 77 Jahren gestorben.

Das Dokument kann getrost als Vermächtnis gelten. Es lebt von seiner Stimme, braucht die Bilder nicht. Ist die CD im Player erst einmal in Gang gesetzt, das wilde Vorspiel verstrichen, kommt man Bruno Ganz sehr nahe, hängt an seinen Lippen, die nicht zu sehen sind. Er breitet das dramatische Geschehen mit der ihm eigenen Melancholie aus. Als sei das Ende schon im Anfang gegenwärtig. Die Spannung lässt über mehr als sechsundfünfzig Minuten hinweg nie nach. Es ist als verwandele sich der Erzähler unmerklich in die titelgebende Figur. Mit seinen monologischen Passagen gibt das der Text her. Insofern erweist es sich als glückliche Wahl, das Melodram von einem Mann im fortgeschrittenen Alter darbieten zu lassen. Denn Enoch Arden stirbt verlassen und einsam – nicht den Jahren, sondern seinem Schicksal nach – als alter und gebrochener Mann. Auch wer die Geschichte gut kennt, hört sie von diesem Schauspieler wie zum ersten Mal. Gnädige Kürzungen straffen den Fortgang der Handlung. Hier und da findet sich Worte um der Deutlichkeit Willen ersetzt. Aus „Dorfgeklätsch“ – um so ein Beispiel zu nennen – wird „Dorfgeschwätz“. Dann wieder verweigert sich Ganz sprachlicher Modernisierung indem er an dem schönen alten Wort „Fürbasswandern“ festhält. An die Substanz des Melodrams gehen die diskreten Änderungen nicht. Am Zustandekommen der Aufnahme hat der Pianist Gerstein einen größeren Anteil als seine sensible musikalische Begleitung. Wie er im Booklet berichtet, musste er Bruno Ganz erst zu dem Projekt überreden.

 

Dietrich Fischer-Dieskau wäre nicht Dietrich Fischer-Dieskau, hätte er vom Melodram nur eine Aufnahme hinterlassen. Es gibt deren drei. Mindestens. Wer weiß, vielleicht finden sich mit der Zeit noch weitere Einspielungen. Tüchtig wie er war, kann man sich da nie sicher sein. Die erste entstand bereits Mitte der sechziger Jahre für die Deutsche Grammophon mit Jörg Demus am Klavier. Sie ist offenbar nie auf CD gelangt. Jedenfalls habe ich keine Übernahme gefunden. Unter dem Gelblabel wurde 2005 eine zweite Version gemeinsam mit anderen Melodramen herausgegeben. Diesmal begleitete Burkhard Kehring. Auf dem Cover spaziert Fischer-Dieskau durch einen goldenen Blätterwald. Ein stimmungsvolles Bild aus dem Spätherbst eines erfüllten Lebens. Er hatte die aktive Sängerlaufbahn längst beendet und ging auf die achtzig zu. Seine Sprechstimme war erstaunlich jung und frisch geblieben. Eine gewisse Brüchigkeit fällt unter der technischen Beherrschung des unverwechselbaren Organs nicht sonderlich ins Gewicht. Im Gegenteil. Sie kann als interpretatorische Nuance ausgelegt werden. Wer gut singen gelernt hat, der kann in der Regel gut sprechen. Bis ins hohe Alter. Mit Enoch Arden wankt schließlich eine am Schicksal gebrochene Gestalt heran. Es kann nicht schaden, wenn ihn der Vortragende mit einer gehörigen Portion eigener Lebenserfahrung ausstattet. Bei Fischer-Dieskau ist das herauszuhören.

 

Mit der bislang dritten Produktion, die 1993 beim WDR in Köln mit Gerhard Oppitz am Klavier entstand, hatte unlängst Hänssler Classic überrascht (HC16048). Alle drei verfügbaren Einspielungen unterscheiden sich allerdings nicht so gravierend voneinander, als dass sich beim Hören ein verdreifachter Gewinn einstellte. Fischer-Dieskau bleibt – wie könnte es auch anders sein – immer er selbst. Es gibt bei ihm erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Klang der Sprech- und der Singstimme. Egal, in welcher Form er sich äußert, er ist immer auf Anhieb zu identifizieren. Er neigte schon früh zum Rezitieren. Und war in den sechziger Jahren mit der damals außerordentlich beliebten Schauspielerin Ruth Leuwerik verheiratet. Der Hang zum Drama, zum Sprechen war immer da. So hatte er beispielsweise eine Aufnahme von Schuberts Schöner Müllerin mit gesprochenem Prolog und Epilog versehen. Fischer-Dieskau kam also im Alter lediglich aufs Rezitieren zurück, er musste es für sich nicht neu erfinden oder erst entdecken. Mit den großen Barden der Schauspielkunst konnte er es hingegen nicht aufnehmen. Enoch Arden dauert in der zuletzt veröffentlichten Aufnahme an die fünfzig Minuten. Obwohl zweigeteilt, stellt sich mit der Zeit eine gewisse Redundanz im Vortrag ein. Fischer-Dieskau wirkt auch eine Spur zu vornehm und drückt sich zu gewählt aus. Manchmal will das nicht zu der bewegten und in Teilen auch rauen Seemannsgeschichte passen.

Enoch Arden kann nach einem Missgeschick nicht mehr eigenständig als Fischer arbeiten. Er verlässt seine Familie, um für deren Unterhalt auf jenem Schiff als Hochbootsmanns anzuheuern, auf dem er in jungen Jahren schein einmal gedient hatte. Frau Annie und die Kinder lässt er in der Obhut seines Freundes Philipp zurück, der auf seine stille Art immer noch in Annie verliebt ist, die ihm aber einst den eigenwilligen Enoch vorgezogen hatte. Das Schiff gerät auf seiner Reise nach China in schwere Seenot. Gemeinsam mit zwei Kameraden kann sich Enoch auf eine Insel retten. Die Gefährden sterben, er bleibt für zehn Jahre auf dem Eiland gefangen, bis er zufällig gerettet wird. Gealtert und durch die Entbehrungen schwer gezeichnet, findet er in seinen Heimatort zurück, wo er längt für tot erklärt worden ist. Annie lebt nun mit Philipp zusammen. Der Heimkehrer gibt sich nicht zu erkennen. Er siecht gebrochenen Herzens einsam dahin und offenbart sein Schicksal erst auf dem Totenbett der Wirtsfrau Miriam, die sich seiner angenommen und ihn beherbergt hatte. „Ein Schiff! Ein Schiff! Ich bin gerettet!“ Das sind seine letzten Worte.

 

Das Melodram „Enoch Arden“ geht auf eine Ballade des englischen Dichters Alfred Tennyson (1809 – 1892) zurück. Foto: Wikipedia

Die Geschichte erzählt der englischen Dichter Alfred Tennyson (1809 – 1892) in einer Ballade. Er erzählt sie wortreich und ausschweifend, die Vorgeschichte inbegriffen. Tennyson entstammte bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Priester und Lehrer. Ausgestattet mit den finanziellen Zuwendungen einer Tante, begann er ein Studium am renommierten Trinity College in Cambridge. Dort begegnete er auch dem zwei Jahre jüngeren Arthur Henry Hallam (1811 bis 1833). Sie wurden Mitglieder im legendären Apostel-Debattierclub, in dem sich unter Bezugnahme auf die Zahl der Jünger Jesu die jeweils zwölf besten Studenten bei Tee und Sardellen-Sandwiches trafen, um über Religion, Kunst und andere gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Tennyson und Hallem arbeiteten an einem gemeinsamen Gedichtband, unternahmen Reisen und verbrachten die Ferien zusammen. Sie begaben sich sogar in geheimer Mission in die Pyrenäen, um in England gesammelte Spenden an Aufständische zu übergeben, die gegen den spanischen König Ferdinand VII. kämpften. Der hatte, nachdem er den Fängen Napoleons entkommen war, seine eigene Herrschaft mit äußerst brutalen Mittel befestigt und die anderen europäischen Königshäuser gegen sich aufgebracht.

Arthur Henry Hallam war ein emger Freund des Dichters Tennyson. Motive aus gemeinsamem Erleben flossen in die Ballade „Enoch Arden“ ein. Foto: Wikipedia 

Hallam verliebte sich in die Schwester des Freundes, was nicht ohne Spannungen geblieben sein dürfte. Es besteht kein Zweifel, dass diese Erfahrungen in der Ballade im Dreierverhältnis zwischen Enoch, Philipp und Annie ihren literarischen Niederschlag fanden. Erst zweiundzwanzig Jahre alt, starb  Hallam auf der Durchreise nach Prag  in einem einem Wiener Hotel an den Folgen eines Schlaganfalls. Den Tod des Freundes hat Tennyson, der zu einem der beliebtesten und gefeiertsten Dichter Englands aufstieg und als Peer in den Hochadel erhoben wurde, nie verwunden. 1850 veröffentlichte er „In Memorian A.H.H.“ eines seiner umfänglichsten Gedichte, an dem er siebzehn Jahre lang gearbeitet haben soll. Es ist der Erinnerung an Arthur Henry Hallam, dessen Namen er später auch dem eigenen Sohn gab, gewidmet. Enoch Arden erschienen im Jahr 1864 und erfreute sich auf Anhieb größten Zuspruchs. Auch weit über England hinaus. In Deutschland waren gleich mehrere Übersetzungen in Umlauf. Beim Druck wurde nicht gespart. Verlage überboten sich bei der prächtigen Ausstattung. Es gab Ausgaben mit Goldprägung und Illustrationen. Im Reclamverlag erschienen Auflagen für das kleine Geld. Daraus erklärt sich, dass die Ballade noch heute antiquarisch so häufig zu finden ist. Die wohl bekannteste deutsche und von Strauss verwendete Übersetzung stammt von Adolf Strodtmann, der auch selbst als Schriftsteller tätig war. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, Maler und Grafiker fühlten sich davon angezogen.

 

Der Komponist Ottmar Gerster erzielte 1936 mit der Oper „Enoch Arden“ einen seiner größten Erfolge. Szenen daraus sind als Schallplatte des DDR-Labels „Nova“ erschienen. Eine CD-Überspielung gibt es nicht.

Mit seiner Oper Enoch Arden oder Der Möwenschrei landete der Komponist Ottmar Gerster 1936 einen seiner größten Erfolge, der allerdings nicht bis in die Gegenwart anhielt. Die Oper mit teilweise geänderten Namen der Handelnden und vereinfachten Handlungsabläufen ist in einem traditionellen und einprägsamen Stil gehalten und entsprach damit den ästhetischen Vorstellungen im Nationalsozialismus. Gerster, der auf Hitlers so genannter Gottbegnadetenliste stand und damit vor Kriegseinsatz geschützt war, machte seine zweite Kariere in der DDR, wo er zeitweise Direktor der Musikhochschule Weimar gewesen ist. Von der Oper, die damit beginnt, dass Enoch Aarden erneut in See sticht, ist eine Rundfunkproduktion von 1965 überliefert, die in Teilen auf dem der neuen Musik vorbehaltenen DDR-Label Nova herausgekommen ist. Sie wird von Kurt Masur dirigiert. Die Titelrolle singt der im Februar 2020 verstorbene Heldenbariton Hajo Müller, der die meiste Zeit am Nationaltheater Weimar verbrachte. Als Anni, die bei Gerster Annemarie heißt, war die ebenfalls in Weimar engagierte Sopranistin Ingeborg Zobel besetzt, meine erste Marschallin und Fidelio-Leonore. Sie folgte dem Regisseur Harry Kupfer an die Semperoper Dresden und gastierte oft in Leipzig und an der Berliner Staatsoper. Eine Veröffentlichung des Opernquerschnitts auf CD wäre zumindest unter historischen Gesichtspunkten interessant und wünschenswert. Jüngst hat der Stoff als Ballett mit Musik von Gustav Mahler in Münster neue Aufmerksamkeit gefunden.

 

Jon Vickers beeindruckte in seiner Aufnahme bei VAI in englischer Sprache als Rezitator.

Nicht nur Dietrich Fischer-Dieskau hat sich das Werk erschlossen und damit viel für dessen Verbreitung getan. Mit seinem Namen bürgte er quasi für die Qualität dieses Melodrams. Die bereits erwähnte Brigitte Fassbaender nahm Enoch Arden 2013 im Rahmen der von ihr betreuten Gesamtaufnahme aller Lieder von Richard Strauss für das Label Two Pianists Records auf. Der Heldentenor Jon Vickers war über siebzig, als er für das Melodram in englischer Sprache ins Studio ging. Michael York ist einer der berühmtesten Interpreten unter den Schauspielern, die das Werk reizte. In der Produktion mit dem Pianisten Glenn Gould für CBS war Claude Rains, der Captain Renault aus dem Casablanca-Film, der Rezitator. Seine Anhänger sehen ihn als unerreicht. Dass sich auch Gert Westphal damit versuchte, muss gar nicht erst besonders herausgestellt werden. Rüdiger Winter

Klänge des Nordens

 

In Manchester eilt man mit Weile. Nun endlich erfolgt die lange erwartete Vollendung des Zyklus der sieben Sinfonien von Jean Sibelius mit dem Hallé Orchestra unter seinem Chefdirigenten Mark Elder, der 2020 zudem sein bereits 20-jähriges Jubiläum als dortiger musikalischer Leiter feiern kann. Auch die nun vorgelegten Sinfonien Nr. 4 und 6 erscheinen auf dem Eigenlabel des Orchesters (CD HLL 7553).

 Mit einigem Recht kann man behaupten, dass man sich damit die beiden am seltensten gespielten Sinfonien bis zum Schluss aufgehoben hat. Die a-Moll-Sinfonie ist ohne Frage der düsterste Beitrag des Finnen zur Sinfonik, komponiert zwischen 1910 und 1911 und ob ihrer Trostlosigkeit von der Kritik von Anfang an nicht unbedingt verstanden. Elder wählt gemessene Tempi, gerade im Vergleich mit Karajans Klassiker für die Deutsche Grammophon Gesellschaft aus den 1960er Jahren. In den Ecksätzen ist er mit jeweils beinahe zwölf Minuten deutlich langsamer unterwegs. Man könnte nicht behaupten, der pechschwarze Kopfsatz würde dadurch entstellt – im Gegenteil, überzeugender hat man das selten vernommen. Im darauffolgenden Allegro ist Elder mit gut fünf Minuten zeitlich nur unwesentlich hinter Karajan, dem Satzcharakter durchaus gerecht werdend. Vermutet man dort zunächst eine gewisse Entspannung, zieht die Dramatik bald wieder spürbar an. Der langsame Satz, mit Il tempo largo umschrieben, ist über weite Strecken ein Ruhepol und mit annähernd 13 Minuten Spielzeit völlig im Rahmen. Insgesamt scheint Elder mehr dem spätromantischen Tonfall verpflichtet, verzichtet er doch auf ein allzu grelles Ausreizen der Modernität, welche diesem Werk innewohnt (so beispielhaft in Roschdestwenskis Einspielung für Melodija). Nie war Sibelius seinem Altersgenossen Mahler ähnlicher als in der Vierten – ein eher fruchtloses Treffen der beiden Komponisten, die sich zwar respektieren, aber nicht wirklich verstanden, ein paar Jahre zuvor, 1907, mag dann doch einen Eindruck hinterlassen haben. Freilich dürfte auch Sibelius‘ zeitweise ernstlich angeschlagene Gesundheit in diese Sinfonie eingeflossen sein. Im Finalsatz, abermals ein Allegro, setzt sich unerwartet doch ein zuversichtlicherer Gestus durch, über dem freilich eine latente Bedrohung bestehen bleibt; die Coda klingt neuerlich pessimistisch und seltsam ungewiss aus. Indem Elder in diesem Finale das Tempo, verglichen mit anderen Dirigenten, deutlich zurücknimmt, erzielt er ein völlig neues Hörerlebnis.

 Die Sechste von 1922/23 präsentiert sich ungleich freundlicher. Als einzige unter Sibelius‘ Sinfonien steht sie in keiner konkreten Tonart, sondern ist größtenteils im dorischen Modus komponiert. Den Tonschöpfer selbst erinnerte sein Werk „an den Duft des ersten Schnees“ und „reinstes Quellwasser“. Tatsächlich ist die „Cinderella der sieben Sinfonien“, wie sie der Musikwissenschaftler Gerald Abraham treffend nannte, eine sehr lyrische, unheroische, fast zarte Komposition, was häufig fälschlich mit Leichtgewichtigkeit gleichgesetzt wird. Interessanterweise gleichen sich Elders und Karajans Spielzeiten (DG) hier nahezu (8:53 – 6.00 – 3:45 – 10:03). Dies gilt auch für die wirklich formidable Lesart, welche Paavo Berglund in seinen späten Jahren auf dem Eigenlabel des London Philharmonic Orchestra vorlegte. Auf die Sechste muss man sich einlassen können. Elders warme Interpretation trägt ihren Teil dazu bei dies zu ermöglichen und bietet den nötigen Kontrast zur dunklen Vierten. Es ist ein über weite Strecken optimistisches Werk, das sich gleichwohl jedem Anflug von Pathos entzieht. Obwohl klassisch viersätzig, ist die Musik doch ständig im Fluss – eine Entwicklung, die Sibelius in seiner einsätzigen Siebenten dann perfektionieren sollte.

Die klangliche Seite der 70-minütigen CD ist erfreulich ausgefallen: eher dunkel, bassstark und nicht zu spitz klingend. Wieder diente die bewährte Bridgewater Hall in Manchester als Aufnahmeort, an welchem die Einspielungen im August 2018 (Nr. 4) und im Jänner 2019 (Nr. 6) entstanden. Ein dreisprachiges Booklet (Deutsch, Englisch, Französisch) rundet die Sache erfreulich ab. So findet der Sibelius-Zyklus des Hallé einen gelungenen Abschluss, den man besonders wegen der Vierten haben sollte. Daniel Hauser

 

Es geht weiter, und zwar chronologisch, was den im Entstehen befindlichen Sibelius-Zyklus des jungen finnischen Dirigenten Santtu-Matias Rouvali, 34, anbelangt. Verantwortlich zeichnet das Label Alpha mit Sitz in Paris. Diesmal stehen die hochberühmte Sinfonie Nr. 2 sowie die recht selten eingespielte Suite König Christian II. im Mittelpunkt (Alpha 574). Binnen weniger Jahre avancierte Rouvali zu einem der angesagtesten Dirigenten der jungen Generation, übernahm 2017 die traditionsreichen Göteborger Symphoniker (mit denen dieser Zyklus bestritten wird) und wurde 2019 zum nächsten Chefdirigenten des Philharmonia Orchestra in London designiert, Amtsantritt 2021. Dass dies gute künstlerische Gründe hat, zeigte Rouvali spätestens mit seiner von der Kritik einhellig gelobten Einspielung des Sibelius-Erstlings (Alpha 440).

Was hebt die Neuaufnahme der Zweiten aus der mittlerweile schier unüberschaubaren Masse hervor? Nun, zum Einen die wirklich sehr gute Klangtechnik, die voll auf der Höhe der Zeit ist. Eher dunkel timbriert, kommt sie dem Werkcharakter entgegen. Ein Blick auf die Spielzeiten zeigt, dass sich Rouvali lieber etwas mehr als zu wenig Zeit nimmt, ohne zu schleppen. Sie sind nahezu identisch mit Karajans erster Einspielung mit dem Philharmonia Orchestra: Zehn Minuten für den Kopfsatz, vierzehn und eine halbe für den langsamen zweiten Satz, sechs Minuten für das quirlige Scherzo und schließlich etwa fünfzehn für das monumentale Finale. Das allein ist freilich kein Qualitätskriterium, wie deutlich flottere (etwa Paul Paray) wie auch bedeutend getragenere Lesarten (gerade der späte Bernstein in Wien) zeigten. Und doch ist diese brandaktuelle Interpretation weit mehr als Mittelmaß. Der ab und an eher als Präludium zu Größerem dargebotene Kopfsatz gerät bei Rouvali nicht zum etwas banalen Auftakt, sondern hat Gewicht. Heimlicher Höhepunkt das stellenweise wirklich sehr tiefschürfende getragene Andante, wo die gewaltige Dynamik der Aufnahme ihre Überlegenheit demonstrieren kann. Der Spannungsbogen im intermezzohaften Vivacissimo steigert der Dirigent gekonnt bis zum schlussendlichen Durchbruch, wo dann allerdings erst pessimistische Töne dominieren. Es ist bei Rouvali ein hartes, keineswegs von Anfang an entschiedenes Ringen zwischen Dunkelheit und Licht, zwischen Unterdrückung und Freiheit. Dass die Finnen dieses Stück als eine Art musikalische Unabhängigkeitserklärung an den Zaren begriffen (das Land war noch bis 1917 nordwestlichster Part des Russischen Kaiserreiches), darauf wurde an anderer Stelle bereits verwiesen. Gleichwohl waren es wohl doch primär private denn politische Umstände, die diese Komposition tatsächlich beeinflussten. In der überwältigenden Coda können die Göteborger Symphoniker nochmal ihre ganze Klasse im nordischen Repertoire ausspielen. Rouvali vermeidet, dass es allzu einseitig erstrahlt, woran die tiefen Bässe und die grummelnden Pauken ihren Anteil haben, alles schon ausbalanciert und durchhörbar, keine Extreme. Dies geht dann allerdings ein klein wenig auf Kosten der intensiven, geradezu unerbittlichen Gluthitze und Rauschhaftigkeit, die ein Barbirolli oder Szell zu entfachen imstande waren, indem sie die Blechbläser zuletzt ganz ungehemmt wild herausfahren ließen. Vielleicht aber klingt Rouvalis Sibelius auch schlichtweg richtig finnisch, denn man fühlt sich etwas an Osmo Vänskäs Wiedergabe mit der Sinfonia Lahti (BIS) erinnert, die in die monumentale Sibelius-Edition (68 CDs, über 80 Stunden Spielzeit) aufgenommen wurde.

Die fünfsätzige, etwa 25-minütige König Christian II.-Suite ist mehr als eine bloße Zugabe. Zeitlich ist sie etwas vor der zweiten Sinfonie zu verorten, steht also im selben Spannungsverhältnis zu den als Besatzern empfundenen Russen im Lande. Das Beiheft misst der Elegie, in der Suite an zweiter Stelle, die größte Bedeutung bei; einst fungierte sie als Ouvertüre der kompletten Schauspielmusik. Interessant ist im Grunde gerade die Hintergrundgeschichte, handelt sie doch vom letzten König der sogenannten Kalmarer Union, also der unter einem Herrscher vereinigten drei nordischen Reiche Dänemark, Norwegen und Schweden (damals noch inklusive Finnland), freilich unter allzu starker dänischer Vorherrschaft, welche die Schweden in den offenen Aufstand trieb und am Ende auch die mit großen Mühen erfochtene Erlangung ihrer Unabhängigkeit zur Folge hatte. Christian II. selbst endete tragisch, verlor nicht nur Schweden, sondern wenig später auch die Krone und die Freiheit, Jahrzehnte lang in Haft dahin vegetierend. Dies vielleicht auch als warnendes Beispiel für den Zaren gedacht. Rouvali holt das Beste aus dieser Musik heraus, die eben doch nicht ganz die einmalige Klasse der Sinfonie Nr. 2 aufweisen kann.

Summa summarum geht es also geglückt weiter. Die Spuren dieses Zyklus wird man nach menschlichem Ermessen gespannt weiterverfolgen können. Demnächst im heimischen Wiener  Theater. Daniel Hauser

 

Mit einer neuen Gesamtaufnahme der Sinfonien von Jean Sibelius fielen die Berliner Philharmoniker im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen. 2015 wurde der 150. Geburtstag des finnischen Komponisten begangen. Sibelius wurde am 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna geboren. Die Neuerscheinung als Eigenlabel der Philharmoniker ist dem Ereignis allein durch die Präsentation angemessen (BPHR150071). Es braucht aber ein Regal mit mindestens fünfundzwanzig Zentimetern Tiefe, um die Box im Querformat neben anderen Alben angemessen unterbringen zu können. Die äußere Gestaltung ist nicht die einzige Besonderheit. Für die sieben Sinfonien sind vier herkömmliche CDs reserviert. Alternativ werden die Werke noch als höchstaufgelöste Audio-Blu-ray sowie im Bildformat als Concert Videos angeboten. Beide können in Blu-ray-Playern abgespielt und am TV-Schirm gesteuert werden. Es empfehlen sich allerdings zusätzliche gute Lautsprecher, weil bei Wiedergabe über die Fernsehlautsprecher die Möglichkeiten nicht annähernd ausgeschöpft werden können.

Die hroße Sibelius-Box der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle auf ihrem Eigeblabel wird hier in Kürze aus besprochen - Kollege Winter arbeitet daran./ G. H.

Mit dieser Produktion kommt die digitale Realität für relativ wenig Geld in die privaten Haushalte. Ob diese Form der Datenträger zukunftsfähig oder wieder nur eine Zwischenlösung ist, muss sich zeigen. Irritierend ist bei allem Respekt die voluminöse Verpackung. Ich stelle mir das neue Zeitalter eigentlich kleiner, portabler und auch platzsparender vor. Mit so einem Kasten lässt sich nicht auf Reisen gehen. Andererseits sollen wir uns ja in unseren vier Wänden auf Musik einlassen, in aller Ruhe und Konzentration, bei einem Glas Weines tief in ein bequemes Fauteuil versenkt. Sibelius gibt das her. Er ist nichts für nebenbei, egal, wer am Pult welchen Orchesters steht. Die Berliner Philharmoniker werden von ihren Chef Simon Rattle geleitet, der die Sinfonien zum Jubiläum auch vor Publikum aufführte. Besucher können ihre Live-Eindrücke überprüfen. Wer nicht selbst dabei war, ist es nun wenigstens am Bildschirm. Rattle hat sich immer mit Sibelius beschäftigt. Als er 2002 nach Berlin kam, brachte er bereits eine Gesamtaufnahme mit, die er für die EMI mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra eingespielt hatte. Sie war 1991 veröffentlicht worden und ist – jetzt bei Warner – auch noch zu haben. Rattle ist zwischen 1980 und 1998 Chef dieses Klangkörpers gewesen. Im Vergleich schneidet die neue Aufnahme um Längen besser ab. Nicht so sehr in der Deutung dieser Musik als in der raffinierten technischen Ausführung. Die ist unschlagbar. Sibelius ist – wenn man so will – ein ideales Medium für akustische Herausforderungen. Er wurde bereits für Schelllackplatten produziert und trat seinen Siegeszug um die Welt noch in Mono an. Es ist nicht das Geringste dagegen einzuwenden, wenn die raffinierten Klangstrukturen seiner Sinfonik mit ebenso raffinierten Verfahren auf Tonträger transformiert werden und unter die Leute gebracht werden.

Rattle hat dafür das richtige Gespür. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als er in Berlin antrat – unkonventionell, jung, der klassischen Musik in sehr klassischen Konzerten ein ganz neues Gesicht gab. Er scherte sich nicht um die mächtigen Vorbilder, die auch wie dunkle Schatten auf dem Berliner Konzertbetrieb lasteten. Sein Sibelius ist nicht vergrübet. Das Blech klingt nicht „schmutzig“, sondern hell und glasklar. Unter dem Eindruck dieses Dirigenten möchte ich nicht verzichten wollen auf Barbirolli oder Ormandy. Rattle will ja auch mit der Vergangenheit nicht brechen, was auch gar nicht gehen würde, schon gar nicht mit diesem traditionsreichen Orchester, vor dem schon der Komponist höchst selbst bei der triumphalen deutschen Premiere seiner 2. Sinfonie am 12. Januar 1905 stand. In der Edition wird auf dieses bemerkenswerte Datum ausdrücklich verwiesen. Rattle will Sibelius in der Gegenwart platzieren holen – mit allen Mitteln, die dafür auch technisch zur Verfügung stehen. Das ist sein Verdienst wie es auch durch diese bemerkenswerte Neuerscheinung, der eine große Verbreitung zu wünschen ist, zum Ausdruck kommt.

Genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie die zweite Sinfonie von Sibelius in meine Hände gelangte. Dafür ist es zu lange her. Es war wohl eine ehr beiläufige Anschaffung. Vielleicht auch eine Empfehlung. Ich schleppte die Schallplatte nach Hause, legte sie auf und war von dieser Musik auf Anhieb hingerissen. Das Gewandhausorchester Leipzig spielte unter der Leitung von Carl von Garaguly. Es mag aufregendere Interpretationen geben – von Roshdestwenski etwa, Barbirolli, Maazel, Bernstein oder Berglund. Die Auswahl ist enorm. Kaum ein anderes Werk von Sibelius ist so oft eingespielt worden wie dieses. Noch immer wächst der Katalog. Zumal um das Jubiläum herum. Sibelius ist eher noch im Kommen, als dass er in Vergessenheit geriete. Der Philosoph Theodor W. Adorno sollte nicht Recht behalten, als er Sibelius in mehreren Schriften als rückwärtsgewandt schmähte, gegen Mahler und Schoenberg ausspielte und ihn auf das Niveaus eines Amateurs herabsetze. Adorno hasste an Sibelius, wofür dieser vom Publikum geliebt wurde. Wobei diese Liebe und Verehrung oft auch missverständlich ist. Den Finnen auf grandiosen Naturschilderungen festnageln zu wollen, halte ich für einen Irrtum. Er lässt sich davon zwar inspirieren, aber seine Werke sind meist seelische Bekenntnisse. Depressiv, dunkel, eine Musik am Abgrund, eine Musik, die nicht wärmt. Es kommt mir so vor, als scheine durch die  Töne immer nur die Mitternachtssonne. Sibelius war im Grunde ein unglücklicher, zerrissener Mensch, der alle Tiefen durchschritt, die das Leben bereithält. Er komponierte keine Alpensinfonie wie sein Zeitgenosse Richard Strauss.

 

Sibelius - Decca-EditionDecca hat ihr Archiv durchsucht. Fundstücke wurden in eine Edition mit elf CDs gepackt: Sibelius Great Performances (478 8598). Der Titel stimmt immer. So viele Aufnahmen es auch gibt, völlig daneben liegt keine. Im Gegenteil. In der Menge drückt sich die Vielfalt aus. Decca hat sich für die Gesamtaufnahme der sieben Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra unter Anthony Collins entschieden. Es ist die zweite Gesamtaufnahme aus den Kindertagen der Langspielplatte, aufgenommen Anfang der 1950er Jahre. Erstmals hatte Sixten Ehrling die Sinfonien in Stockholm eingespielt. Collins, der sich als Komponist von Filmmusik einen Namen machte, bemüht sich um eine sehr genaue und exakte Wiedergabe, die in heutigen Ohren mitunter etwas trocken und spannungsarm klingt. Als historisches Ereignis ist sie aber unbestritten. Collins gilt als ein Wegbereiter von Sibelius, zumal er auch mit sinfonischen Stücken bekanntmachte, die bis dahin weitgehend unbekannt waren.

Zweimal – und das aus meiner Sicht völlig zu Recht – ist in der Edition die 2. Sinfonie vertreten. Neben Collins nimmt sich Pierre Monteux des Werkes an. Finlandia findet sich gar viermal. Beide Stücke – die Sinfonie und die sinfonische Dichtung – sind am populärsten geworden. Während sich Hans Rosbaud mit den Berliner Philharmonikern bei Finlandia um Schönklang bemüht (1955), schlägt Charles Mackerras am Pult des London Proms Symphony Orchestra (1958) herbe Töne an (1958). Erik Tuxen mit dem Dänischen Rundfunkorchester (1954) und Eduard van Beinum am Pult des Concertgebouw Orchestra (1957) liegen irgendwo dazwischen (1954). Nähe zu Tschaikowski, die Sibelius oft angekreidet wurde, ist nicht zu überhören. Das Werk ist auch deshalb interessant, weil es politische Positionen von Sibelius erkennen lässt. Seine Entstehungsgeschichte ist eng verknüpft mit den Bestrebungen der Finnen, innerhalb des russischen Reiches, zu dem sie seit 1809 gehörten, mehr nationale Eigenständigkeit zu gewinnen. Sibelius war Teil dieser Bewegung. 1899 gelangte in Helsingfors – das ist die schwedische Form von Helsinki – ein neues Werk zur Aufführung, das aus einer Ouvertüre und sechs Orchesterstücken bestand, zu denen Szenen aus dem finnischen Leben dargestellt wurden. Die Form war etwas störrisch, doch ungewöhnlich. Aus dem sechsten Tableau ging in überarbeiteter Form Finlandia hervor. Die übrigen Teile haben gekürzt als Scènes Historiques Eingang ins Gesamtwerk gefunden. Sibelius soll sich zunächst dagegen gewehrt haben, Finlandia einen Text unterzulegen. Er ließ sich aber umstimmen. Anlass dafür war 1939 der Überfall der Sowjetunion auf Finnland. Dieser Krieg endete der mit der Einverleibung finnischer Gebiete, darunter Teile Kareliens. In einer besonderen Fassung ist dem hymnischen Teil Musik ein Gedicht des Finnen Veikko Antero Koskenniemi untergelegt. Hier eine Übersetzung ins Deutsche:

Sibelius - Naxos BelshazzarO Finnland, sieh, nun endlich will es tagen, / die Nacht vergeht, ist sie auch schwarz und lang. / Hör, wie die Lerche, die noch schluchzt in Klagen, / bald alle Himmel füllt mit dem Gesang. / Und alle werden frei zu atmen wagen. / Dein Morgen naht, geliebtes Vaterland! / Finnland, erhebe dich aus dunkler Stunde, / den neuen Tag begrüß‘ offen und frei./ Die alte Kraft, von der wir haben Kunde, / zerbreche auch die jüngste Sklaverei. / Kein Herr schlug je dir tödlich eine Wunde. / Dein Tag bricht an, geliebtes Vaterland.

Leopold Stokowski soll dafür geworben haben, diesen Gesang zur Nationalhymne aller Länder zu küren. Ein Gedanke, der mir so faszinierend wie naiv erscheint. Schließich brauchte ja nur „Finnland“, das in dem Vers zweimal vorkommt, durch das jeweilige andere Land ersetzt zu werden. Lediglich Biafra, das sich in den 1960er Jahren kurzzeitig von Nigeria abspaltete und keine internationale Anerkennung fand, folgte dieser Idee. Decca entschied sich in der Box für die am weitesten verbreitete Orchesterfassung.

 

Mehr als hundert Lieder hat Sibelius komponiert, meist in schwedischer Sprache. Finnland gehörte bis Anfang des 19. Jahrhunderts zu Schweden. Schwedisch ist noch heute eine der offiziellen Landessprachen. Oft eingespielt, haben sich die Lieder – ähnlich den von vokalen Einsprengseln durchsetzten Theatermusiken – im Konzertbetrieb nie durchgesetzt. Obwohl deutsche Opernhäuser und Konzertagenten selbst vor Tschechisch und Russisch – oder dem, was sie dafür halten – nicht zurückschrecken, sind nordische Sprachen deutlich unterrepräsentiert. Kirsten Flagstad hatte Lieder von Sibelius ständig im Repertoire. Die Einspielung von vierzehn Titeln in der Orchesterfassung für Decca aus dem Jahr 1958 gehören zum eisernen Bestand dieses Labels und haben auch in der neuen Edition ihren Platz. Die Flagstad stand damals im Herbst ihrer Karriere. Noch einmal versammelt sie all ihre individuellen stimmlichen Mittel zu majestätischer Entfaltung. Die Aufnahmen glänzen wie altes Gold. Der Flagstad gelingt das Wunder, sprachliche Grenzen durch stimmliche Pracht zu überwinden, als seien es Vokalisen, Stimmungen, Farben, die sie vorträgt und keine in Musik gesetzten Texte. Höstkväll (Herbstabend) ist dafür ein treffendes Beispiel. Var det en dröm? (Was es ein Traum?) ebenfalls. „Bitte schön, hier mein schönstes Lied“, soll der Komponist gesagt haben, als er das Manuskript der Sängerin Ida Ekman übergab. Fällig ist eine Neuauflage der Lieder gewesen, die Birgit Nilsson mit einem Wiener Opernorchester unter Bertil Bokstedt 1965 für die Decca einspielte. Da es Überschneidungen mit dem Programm der Flagstad gibt, drängt sich ein Vergleich regelrecht auf. Ihre Stimme ist zwar intakter als die der älteren Kollegin. Mit deren Ausdruck und Beseeltheit kann sie es aber nicht aufnehmen.

 

Sibelius - Bernstein DVDEine Klasse für sich ist Sibelius mit Leonard Bernstein. In seinen späten Jahren hat er zwischen 1986 und 1990 Anlauf zu einer neuen Produktion der Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern genommen. Es blieb bei den Sinfonien Nummer 1, 2, 5 und 7, mitgeschnitten im Konzert, bei C Major nun auch als Blu-ray (732404). Ton und Bild sind gleichermaßen wie gestochen. Sie lassen die Erinnerung an die kunterbunten verwaschenen Filme vergessen, die mal durch die Bezahlklassiksender geschoben wurden. Jetzt erst wird deutlich, wie sinnstiftend die Regie gearbeitet hat. Die Hinlenkung zu einzelnen Instrumenten oder ganzen Gruppen im rechten Moment legen dem Zuschauer die Struktur der Sinfonien offen. So schön und lehrreich zugleich kann Musik am Bildschirm sein! Bernstein ist mitten hineingestellt. Er berauscht die Musiker, das Publikum und sich selbst. Sein Sibelius ist ganz ungezügelte Hingabe und Leidenschaft. Dafür wurde er geliebt. Doch Vorsicht! Vier Sinfonien hintereinander sind nicht zu schaffen. Zu groß ist die emotionale Wucht, die Bernstein niederprasseln lässt. Es empfiehlt sich, sich die Werke einzeln vorzunehmen.

 

Sibelius - Naxos PelleasEin Dirigent unserer Tage hat sich in der Sibelius-Rezeption allein dadurch verdient gemacht, dass er den Blick auf das Gesamtwerk neu schärft – der charismatische Finne Leif Segerstam, der auch 285 Sinfonien komponiert hat. In seinen neuen Einspielungen mit dem Turku Philharmonic Orchestra für Naxos widmet er sich den Theatermusiken. Sie gehören für mich zu den spektakulärsten Ereignissen im Gedenkjahr. Diese farbigen, facettenreichen und kräftigen Kompositionen offenbaren ein starkes dramatisches Talent. In seiner vorzüglichen Biographie (eine Besprechung weiter unter) vertritt Volker Tarnow die Auffassung, Sibelius hätte „der größte Opernkomponist Skandinaviens“ werden können. In Bayreuth und München hörte er noch im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert Wagners Parsifal und fühlte sich für das eigene Schaffen beflügelt. Pläne gab es reichlich. Am Ende lief es auf den kurzen Einakter Die Jungfrau im Turm hinaus, 1896 in Helsinki uraufgeführt und seither zu einem Schattendasein verurteilt. Wenngleich in einzelnen Szenen von betörender Schönheit, fehlt der Zusammenhalt. Die kurze Oper zerfällt in aufwühlende Einzelteile und dürfte auf dem Konzertpodium größere Chancen haben als auf einer Bühne.

Sibelius - Xaxos JedermannInzwischen sind bei Naxos fünf CDs erschienen, darunter die komplette Bühnenmusik zum Schauspiel Pelléas et Mélisande von Maurice Maeterlinck (8.573301), welches Debussy als Vorlage für seine gleichnamige Oper diente. Im Gegensatz zu diesem ist Sibelius direkter, einschmeichelnder in der musikalischen Erfindung, weniger geheimnisvoll und entrückt. Als Reaktion des schwedischen Schriftstellers August Strindberg auf Materlincks Symbolismus gilt sein Bühnenstück Svanevit (Schwanenweiß). Die Musik dazu wird von einem Hornsignal eingeleitet, das mit seinen zehn Sekunden als eigenständiger Teil ausgewiesen ist. Ein unglaublicher Einfall! (8.573341). Zudem hat sich Segerstam die Bühnenmusik zu Jedermann vorgenommen (8.573340). Das Schauspiel von Hugo von Hofmannsthal war auch ins Finnische übersetzt worden. Sibelius, der viele Male in Deutschland und Österreich weilte, dürfte es schon im Original gekannt haben. Die Musik hebt gewaltig an, als würde zum letzten Gericht geblasen und verdichtet sich in der Mitte zu einem erschütternden Largo, aus dem ich schon die Metamorphosen von Strauss heraushöre, obwohl diese erst dreißig Jahre später entstanden sind.

Sibelius - Naxos King ChristianKuolema (Der Tod) und Kung Kristian II (König Christian II.) füllen die nächste CD (8.573299). Kuolema untermalt das Schauspiel des Finnen Arvid Järnefelt, Kung Kristian ein Theaterstück von Adolf Paul, der Schwede war, sich die meiste Zeit seines Lebens aber in Berlin aufhielt. Er war mit Sibelius, August Strindberg und Edvard Munch eng befreundet. Solche Beziehungen und Lebensstationen ragen in viele Werke von Sibelius hinein. Kristian (1481-1559) war König von Dänemark und Schweden. Finnland war zu seiner Zeit Teil Schwedens. Bis heute beruht das große Ansehen dieses Königs darauf, dass er sich auf die Seite der im Aufblühen begriffenen Städte und der Kaufleute, die daran großen Anteil hatten, stellte und die Macht des Adels zurückdrängte. Inhalt des Stückes sind weniger die politischen Verhältnisse als die Beziehung von Kristian zu seiner Geliebten Dyveke Sigbritsdatter, der unheilvolle Einflüsse auf den König nachgesagt wurden und die offenbar einem Giftmord zum Opfer fiel. Von großer Sympathie für Dyveke, deren Schicksal in der nordischen Kunst oft thematisiert wurde, scheint die Musik getragen. Andererseits wirkt sie aber auch aus sich heraus, ohne dass es genauer Kenntnisse der historischen Hintergründe bedarf. Eine knappe Suite aus der Schauspielmusik hatte sich schon zu Lebzeiten von Sibelius durchgesetzt. Er dirigierte sie oft selbst. In der Decca-Sammlung wird sie von Alexander Gibson mit dem London Symphony Orchestra gespielt.

 

Sibelius - Ondine LemminkainenBei Sibelius stellt sich hartnäckig die Frage nach den Quellen, aus denen sich viele seiner Werke speisen. Muss man die kennen? Bei Finlandia liegen die Dinge noch vergleichsweise einfach. Ist es aber unabdingbar, sich durch den Kosmos der fünfzig Gesänge des finnischen Nationalepos Kalevala zu arbeiten, um die Lemminkäinen-Legenden, die eines der zentralen Werke sind, zu verstehen? Von den einzelnen Fassungen gar nicht zu reden. Ondine hat sie in einer neuen Einspielung des Finnischen Rundfunkorchesters unter Hannu Lintu produziert (ODE 1262-5), gekoppelt mit Pohjola’s Tochter. Der Schwan von Tuonela – mal an zweiter, mal an dritter Stelle der Legenden positioniert – führt auch ein eigenständiges Leben in Konzerten und Einspielungen. Anklänge an die Vorspiele der jeweils dritten Aufzüge von Tristan und Meistersinger sind nicht zu überhören. Im Epos umkreist der heilige Schwan die Toteninsel Tuonela. Lintu, Jahrgang 1967 und gebürtiger Finne, dürfte mit dem mythischen Metaphern vertraut sein. Er zieht seine Hörer in diese dunklen Geschichten hinein und erspart ihnen nicht den Blick in Abgründe, die Sibelius so vertraut waren. Rau und gnadenlos raunt es aus dem Orchester. Lemminkäinens Abenteuer sind keine Strandspaziergänge. Nach Mord und Todschlag werden menschliche Körper zerteilt – und schließlich wieder zusammengesetzt.

Wer sich auf den Weg zu Jean Sibelius macht, sein Werk genauer erkunden will, findet sich auf einer Bildungsreise wieder. Sie führt nicht nur in den Norden Europas sondern quer durch den Kontinent, den er selbst oft durchquerte. Er war das, was man einen Europäer nennt. Allein deshalb ist er auch im Jahr seines 150. Geburtstages so zeitgemäß.     Rüdiger Winter

 

Sibelius - Buch TarnowEin hoch interessantes Buch, das sich untertreibend Biografie Sibelius nennt, hat Volker Tarnow im Henschelverlag herausgegeben – und das Versprechen, das es indirekt auf den ersten Seiten in leicht ironischem Tonfall gibt, nicht nur informierend, sondern auch unterhaltend zu sein, erfüllt es bis zur letzten Seite. Sein Sujet macht es dem Buch leicht, auch dem in puncto Musikgeschichte bereits Belesenen noch viel Neues zu bieten, kann dieses aus der Tatsache ziehen, dass man über die Geschichte Finnlands und seiner Komponisten, von denen außer Sibelius kaum einer bekannt ist, wenig weiß, obwohl sie einer der interessantesten ganz Europas ist im Hin- und Hergerissensein des Landes zwischen Russland/Sowjetunion und Deutschland oder Schweden, wozu noch kommt, dass die Oberschicht Schwedisch und die Unterschicht Finnisch sprach, eine Art Klassenkampf sich in der Benutzung der jeweiligen Sprache ausdrückte, der auch Individuen wie Sibelius innerlich spaltete. Im ersten Kapitel Das klassische Niemandsland geht der Autor zurück bis vor das Jahr 1792, vor dem der in Un Ballo in Maschera gemeuchelte Gustav III. im Geburtsort des Komponisten eine Kirche erbauen ließ, die wie ein Opernhaus aussieht. So ist dann im Verlauf des Werks auch von einigen Versuchen Sibelius‘ die Rede, eine Oper zu komponieren, wobei es nur zu einem Einakter, Die Jungfrau im Turm, kommt, dessen Libretto hochpolitischen Inhalt vermuten lässt.

Sibelius komponierte im Verlauf seines stets von Krankheiten gezeichneten und trotzdem langen Lebens acht Sinfonien, der klassischen Wiener Schule verpflichtet und sich dem Einfluss Brahms‘ wie Wagners entziehend, von denen die letzte verloren ging, wohl von ihm selbst verbrannt wurde. Der Verfasser liefert, eingebettet in das chronologisch aufgebaute Buch, detaillierte Interpretationen derselben, auch die anderen, zu diversen Gelegenheiten komponierten Stücke, angefangen von den „Luftschlössern“ des Sechzehnjährigen, werden knapper charakterisiert. Der Erneuerer der Sinfonie zu sein dürfte keine zu gewagte Aussage über Sibelius sein. Als grundsätzliche Frage stellt sich die, ob Sibelius den finnischen Nationalstil kreierte oder ob der finnische Nationalstil Sibelius beeinflusste.

Anekdotisches, wie die Übernahme des Vornamens Jean von den Visitenkarten des verstorbenen Onkels, steht neben der Auseinandersetzung um finnischen Symbolismus oder finnischen Jugendstil. Das Musikleben der Städte Berlin, Wien und Paris wie das der USA wird anschaulich aus der Sicht des Komponisten geschildert. Sibelius‘ Erstlingswerke, so Kullervo, werden mit denen zeitgenössischer Komponisten verglichen, der Einfluss der Runengesänge aus Karelien und des Epos‘ Kalevala untersucht. Ein Rückblick auf die Geschichte der Tonarten fehlt nicht, ebenso wenig wie ein Hinweis und eine Erklärung zum von Sibelius benutzten Orgelpunkt.

Nicht unterschlagen wird die Hemmungslosigkeit des Komponisten, was Alkohol- und Tabakkonsum betrifft, nur unterbrochen durch ein Krebsleiden, das Buhlen um eine russische Pension bei gleichzeitigem Komponieren „antirussischer“ Musik wie der Karelia-Suite. Die Gastspiele auf dem Weg zur Pariser Weltausstellung und in Paris selbst werden ebenso geschildert wie der Aufenthalt in Italien, die Mär vom patriotischen Gehalt der 2. Sinfonie als solche entlarvt, Sibelius als Dirigent, so der Berliner Philharmoniker, gewürdigt. Nicht nur die Sinfonien werden eingehend analysiert, auch das Violin-Konzert, durch Jascha Heifetz ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, und die Streichquartette sowie die Lieder, auch auf deutsche Texte, Bühnenmusiken, so zu Der Sturm und Jedermann werden vom Verfasser berücksichtigt. Von einer Eroberung Englands ist die Rede, von der Annäherung an die Atonalität in der 4. Sinfonie, vom heiklen Jägermarsch für die in Deutschland ausgebildeten, im finnischen Bürgerkrieg kämpfenden Finnen.

Wie andere skandinavische Künstler auch traf Sibelius seine Entscheidung für Weiß gegen Rot und für Deutschland gegen die SU. „Strikter Antikommunismus“ dient als Erklärung wie auch die doppelte Rolle, die Sibelius als „finnischer Patriot“ und als Mitglied des „schwedischsprachigen Bürgertums“ spielte. Sehr lustig ist die Bemerkung des Verfassers, dass „Sibelius-Hasser wieder einmal, leider nur nachträglich, den Faschismus besiegen“. Dieser Ton ist eine der angenehmen Seiten des Buches, aber nicht die einzige, die das Lesen von Anfang bis Ende ertragreich wie vergnüglich werden lassen. Ein Anhang aus Vita, Diskographie, Anmerkungen, Ortsnamenkonkordanz und Personenregister genügt wissenschaftlichen Ansprüchen. 288 Seiten, Henschel Verlag, ISBN 978-3-89487-941-9     Ingrid Wanja

 

Sibelius und Flagstad

Herzliches Einvernehmen am festlich gedeckten Teetisch: Die Sängerin Kirsten Flagstad zu Besuch bei Jean Sibelius in seinem Landhaus Ainola, das nach der Ehefrau des Komponisten, Aino, benannt ist. Es liegt etwa vierzig Kilometer von Helsinki entfernt und ist ein Museum. Wer sich näher informieren will über das Haus, den Hausherren, seinen Lebenslauf, sein Schaffen und die einzelnen Werke, braucht nur diesem Link zu folgen. – Das große Foto oben, das uns Norbert Baumbauer zur Verfügung stellte, zeigt in einem Ausschnitt das Sibelius-Denkmal in Helsinki. Es wurde 1967, zum zehnten Todestag des Komponisten, im Stadtteil Töölö enthüllt. Der Entwurf stammt von der finnischen Künstlerin Eila Hiltunen. R. W.

Trost für den „armen Ernesto“

 

Die Aufnahme hatte in Sammlerkreisen längst die Runde gemacht: Gaetano Donizettis Oper Don Pasquale vom 18. Januar 1962 Im Mitschnitt aus dem Prinzregententheater in München. Zunächst war er von Techno-Audio angeboten worden, einer Firma, die unter anderen auf hochwertige und passgenaue Wiedergabetechnik spezialisiert ist. Das war ungewöhnlich, hatte aber einen simplen Grund. Klaus-Peter Grasse, der Inhaber des Unternehmens, ist Mitglied der Fritz-Wunderlich-Gesellschaft in Kusel, dem Geburtsort des Sängers. Wunderlich gibt den Ernesto im obigen Don Pasquale in deutscher Sprache. Jetzt erschien die Aufnahme bei Profil Edition Günter Hänssler, hat eine Bestellnummer und nimmt somit ihren festen Platz auf dem Musikmarkt ein, wo sie offenbar auch leichter zu vertreiben ist und einem größeren Kundenkreis zugänglich gemacht werden kann (PH19075).

Wunderlich geht immer. Wer schon fast alles hat, möchte schließlich alles haben. Auch mehr als fünfzig Jahre nach seinem Unfalltod ist sein Ruhm nie erloschen. Mit diesem deutsch gesungenen Don Pasquale erfährt die ohnehin sehr umfangreiche Diskographie nochmals eine Erweiterung. Der „ewig junge“ Wunderlich, seinerzeit auf dem Höhepunkt seiner Karriere, dominiert das Ensemble und lässt die tüchtige Erika Köth als Norina etwas reif erscheinen. Er hat die Frische und Unbekümmertheit in der Stimme, sie bringt den Zauber ihres frühen Witwenstandes vornehmlich durch Kunst hervor. Und das gelingt ihr gut. So gut, dass sie für ihre Cavatine „Auch ich versteh‘ die feine Kunst“ im ersten Akt gefeiert wird. Schließlich hat sie in der Oper schon durch die zwischenzeitliche Verkleidung als kapriziöse Ehefrau des gefoppten Hagestolz Pasquale, den Kurt Böhme mit der ihm eigenen humorvollen Routine versieht, die viel Zuspruch auf sich zieht, darstellerisch einen schwierigen Part zu bewältigen. Aus Wunderlich singt es wie von selbst heraus, wenn er sich in seiner berühmten Arie als „armer Enesto“ bemitleidet wird, um alsbald entschlossen in die Fremde aufbrechen zu wollen, damit er Norina vergisst. Das Publikum tröstet ihn mit viel Beifall.

Die vergnügliche Vorstellung, von Meinhard von Zallinger am Dirigentenpult angefeuert, vergeht auch an den Lautsprechern wie im Fluge. Ensemble und Publikum teilen sich den Spaß an der Aufführung. Obwohl deutsch gesungener Donizetti heute nicht mehr so recht vorstellbar ist. Einen Vorteil hatten solche Übersetzungen schon: Der größte Teil des Publikums konnte ihnen bis in alle Einzelheiten folgen. Der Mitschnitt, dessen Herkunft nicht eindeutig geklärt ist (Radio? Hausmitschnitt?), offenbart es. Im Booklet reicht Autor Lother Brandt die Vermutung weiter, dass die Aufnahme von Fritz Wunderlich selbst, einem Technik-Fan, stammt. „Trotz so aufwändiger wie behutsamer Restauration bleiben einige Fehler und Artefakte der teilweise beschädigten Mono-Bänder unüberhörbar.“ Die historische Bedeutung des Dokuments rechtfertige aber die Veröffentlichung. Ein Urteil, dem ich mich gern anschließe. Rüdiger Winter

Auf dem Meer der Lust

 

Melodramen III. Mit der schon auf dem Cover in Großbuchstaben präzise benannten Neuerscheinung bei Thorofon wird aus einer losen Folge eine ambitionierte, ja einzigartige Edition. Bislang waren zwei Alben mit je drei CDs herausgekommen. Den Auftakt bildete „Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen …“ (CTH2633/3). Die Fortsetzung „Flügel musst du jetzt mir geben!“ (CTH26453) ließ mit dem ehr diskreten Vermerk Melodramen II auf der Rückseite eine Weiterführung erwarten. Die gibt es nun (CTH26594). Diesmal wurden gar vier CDs gefüllt. Es hätten wohl auch zehn und mehr sein können. Die einschlägige Literatur scheint unerschöpflich zu sein. Spiritus Rector des Unternehmens ist Peter P. Pachl. Er deklamiert auch bei den gut fünfzig einzelnen Titeln selbst und wird am Klavier von Rainer Maria Klaas begleitet, der auch mit eigenen Melodramen vorgestellt wird, die veranschaulichen, wie robust sich die Form bis in die Gegenwart hinein behauptet. Pachl, der sich als Regisseur, Intendant, Hochschullehrer und Musikschriftsteller einen Namen gemacht hat, fügt seinem vielseitigen und umtriebigen Wirken mit diesen Produktionen eine weitere Facette hinzu. Geboren in Bayreuth, spricht er mit hohem Wiedererkennungswert. Seine fränkische Herkunft schlägt noch immer durch. Die Klarheit des Vortrages kommt den Werken in ihrer Mischung aus Wort und Musik zugute.

Mit der Sammlung macht Pachl Lust darauf, sich mit dieser etwas in Vergessenheit geratenen kleinen Form, die ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert hatte, erneut zu beschäftigen. Im Booklet beruft er sich oft auf Max Steinitzer (1864-1936), der ein Jugendfreund von Richard Strauss war, selbst komponierte und musikalische Bücher und Schriften verfasste, darunter eine Betrachtung zur Entwicklungsgeschichte des Melodrams, die um 1910 in Leipzig erschien. Mit der geballten Edition wird das Melodram als in sich geschlossene und eigenständige musikdramatische Gattung neu entdeckt. Und zur Diskussion gestellt. Abermals sind die meisten Werke nie zuvor auf Tonträgern erschienen. Nicht einmal deren Existenz lässt sich auf Anhieb nachweisen. In Büchern nicht und nicht im allwissenden Netz. Pachl dürfte über Jahre intensiv geforscht haben. Das ist ein Wert für sich.

Ein Name lässt gleich an zweiter Stelle der Trackliste aufhorchen: Bedrich Smetana (1824-1884). Der Komponist der Verkauften Braut, in deren Originalpartitur auch ein deutscher Text eingetragen ist, den Nikolaus Harnoncourt 2011 als Grundlage einer viel gerühmten Aufführung in Graz verwendete, versah die Ballade „Der Fischer“ von Goethe mit einem romantisch dahin fließenden Klaviersatz. In der Version des aus Böhmen stammenden Camillo Horn (1860-1941) ist die Ballade in der Auftaktbox der Edition zu hören. Zudenke Fibich (1850-1900), der wie Smetana auf dem Vysehrader Friedhof in Prag begraben liegt, verarbeitete „Der Blumen Rache“ von Ferdinand Freiligrath, die auch Pfitzner und Loewe als Lieder vertont hatte, zum Melodram. Von dieser Dichtung fühlte sich auch Julis Metz inspiriert, dessen Lebensspuren und -daten sich verloren haben. Pachl kommt im Booklet zu dem Schluss, dass seine „lautmalerisch strukturierte Version“ im Vergleich mit Fibich „erfüllt von einem stark gesanglich tendierten Duktus“ ist. Ein Unikat der besonderen Art stellt „Helges Treue“ nach einem Text von Moritz Graf Strachwitz dar. Als Komponisten sind Franz Liszt (1811-1886) und Felix Draeseke (1835-1913) genannt. Liszt, der mit der vor Blasphemie warnenden „Lenore“ von Gottfried August Bürger selbst ein bedeutendes Melodram hinterließ, hatte seinem fünfundzwanzig Jahre jüngeren Schützling geholfen, das erstes Opus in die richtige Form zu bringen und gilt deshalb als Koautor. Mit „Der Mönch von Bonifazio“ ist aber auch ein eigenständiges Opus von Draeseke berücksichtigt worden, das auf einer Dichtung von Conrad Ferdinand Meyer fußt. Gleich mit vier Nummern ist Wilhelm Kienzl (1857-1941) der vornehmlich durch seine Oper Der Evangelimann in Erinnerung blieb, überproportional vertreten. Seine flott eingeleitete „Brautfahrt“ nach Eichendorff und der an eine Enzianblüte gerichtete theatralische Monolog mit dem Titel „Von einer Genziane“ sind Glanzpunkte der neuen Box. Zusätzlich erklingen zwei Klavierstücke von Kienzl, mit denen der Pianist Klaas – wie auch bei der Fuga für Klavier von Siegfried Wagner – vom Begleiter zum Solist wird. Es dürfte Pachl, ein Bedürfnis gewesen sein, den Sohn Richard Wagners, der kein eigenes Melodram hinterlassen hat, musikalisch im Umkreis des Genres zu platzieren. Schließlich gilt er als Siegfried-Wagner-Experte, brachte etliche seiner Opern auf die Bühne und legte eine große Biographie vor.

Obwohl Robert Heger (1886-1978) in diversen Nachschlagewerken nicht nur als Dirigent berühmter Operneinspielungen genannt wird, sondern auch als Komponist, ist sein Nachlass in Vergessenheit geraten. Mit „Die Jüdin von Worms“ nach Wilhelm Brandes, der ein bedeutender Wilhelm-Raabe-Forscher war, wird ein Werk mit einer kraftvollen Einleitung und dramatischen Zwischenspielen aus der Versenkung geholt, das mehr als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Länger dauert mit gut vierundzwanzig Minuten nur „Das klagende Lied“ von Gustav Lewin (1869-1938), das in der zweiten Editionsfolge alternativ von Josef Pembaur d.J. (1875-1950) zu finden ist, der fünf Minuten weniger braucht. Lewin stimmt musikalisch sehr empfindsam in die Geschichte von den beiden Königskindern ein. In der literarischen Vorlage von Martin Greif klingen Motive an, die Gustav Mahler für seine gleichnamigen Kantate in Märchen Bechsteins und der Brüder Grimm fand. Mit Lewin wird eines Komponisten gedacht, den die Nationalsozialisten in den Tod trieben. Obwohl er bereits in den 1920er Jahren vom jüdischen zum christlichen Glauben übergetreten war, sah er sich am Konservatorium in Weimar, wo er als Lehrer wirkte, heftigen antisemitischen Angriffen ausgesetzt, die ihn schließlich veranlassten, die Nahrungsaufnahme zu verweigern. Gedemütigt und entehrt starb er 1938.

Eleonore Prohaska (1785-1813) kämpfte als Mann verkleidet in den Befreiungskriegen und starb an den Folgen einer schweren Verwundung. Beethoven komponierte zu dem verschollenen Schauspiel „Leonore Prohaska“ des Preußischen Geheimsekretärs Friedrich Duncker die Musik. Daraus wurde das Melodram für die Edition gewählt.

Als Beitrag zum Beethoven-Jahr 2010 kann eine Szene aus Dunckers Schauspiel „Leonore Prohaska“ gewertet werden. In einige seiner Werke – Fidelio und in die Schauspielmusiken zu Egmont und König Stephan – hat der vor 250 Jahren geborene Komponist Melodramen eingebaut. Die 1785 in Potsdam geborene Unteroffizierstochter hatte sich ein männliche Identität zugelegt und 1813 unter dem Namen August Renz Zugang zum Lüzowschen Freikorps verschafft. Noch im selben Jahr wurde sie so schwer verwundet, dass sie wenig später starb. Das Drama ist verschwollen. Überliefert sind lediglich die von Beethoven vertonten drei Szenen sowie ein Trauermarsch, erstmals eingespielt von Claudio Abbado für die Deutsche Grammophon und inzwischen auch auf CD gelangt. Als Melodram, begleitet von einer Glasharfe, ist die Abschiedsszene der Leonore angelegt, bei Abbado von der Schauspielerin Karoline Eichhorn vorgetragen. Pachl spricht dieselben Versen, die mit den Worten „Du, dem sie gewunden“ beginnen. Sie werden im Booklet als CD-Erstveröffentlichung ausgebeben, was irritiert. Der schon erwähnte Steinitzer nennt das Melodram „eine kleine Szene zu Leopold Dunckers Drama“. Kannte er den Zusammenhang nicht? Wie auch immer. Auf jeden Fall dürfte es das erste Mal sein, dass Leonores Abgesang von einem Mann eingespielt wurde. Steinitzers eigenes Melodram „Die Braut von Corinth“ findet sich in Folge zwei. Damit ist die Reihe der Namen nicht erschöpft. „Das Mädchen vom Glück“ geht auf Heinrich Neal (1870-1940) zurück, der Kapellmeister in Heidelberg war. Als Hofkapellmeister in Gera wirkte der aus dem thüringischen Rudolstadt stammende Carl Kleemann (1842-1923), der das Melodram „Das begrabene Lied“ hinterließ. Der 1901 geborene und erst 1992 gestorbene Theodor Wünschmann(1901-1942), der mit „Der Todspieler“ in Erscheinung tritt, gilt noch als noch Spätromantiker. Denselben Text von Münchhausen komponierte auch Victor von Woikowsky-Biedau (1866-1935), ein Oberregierungsrat beim Preußischen Statistischen Landesamt in Berlin, der sich nebenbei musikalisch betätigte. In einer anderen musikalischen Liga spielt der Russe Anton Arensky (1861-1906), der bei Rimski-Korsakow und Tschaikowski studiert hatte und mit seinen packenden „Nymphen“, für die Turgenew die Vorlage lieferte, in die Edition einging.

Gelegentlich gleicht auch diese Neuerscheinung der Einladung zu einer Bildungsreise. Wer sich darauf einlässt, muss sich in seine tiefer gelegenen Bildungsschichten hinablassen, manchen Tops entschlüsseln, gelegentlich auch schon mal im Grimm’schen Wörterbuch nachschlagen oder sich mit überkommenen Begriffen und Formulierungen auseinandersetzen, deren Gebrauch riskant geworden ist. „Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen …“ Die Zeile, die der Auftaktbox ihren Namen gab, ist so ein Beispiel. Sie entstammt dem Gedicht „Mischka an der Marosch“ von Nicolaus Lenau. Die Alliteration wirkt gewollt. Es gibt Titel, die griffiger sind. Auch bei Lenau. Mit Marosch ist – in deutscher Schreibweise – der Fluss Mureș gemeint, der durch Ungarn und Rumänien fließt. Mischka heißt ein Zigeuner, der sich an einem Grafen rächt, weil dieser seine Tochter verführte. Politisch korrekt ist das nicht. In der Literatur – und damit in manchen Melodramen – wimmelt es vor Begriffen und Anspielungen, deren gegenwärtiger Gebrauch vor allem deshalb schwierig ist, weil der Kontext verschwimmt und die historische Einordnung mühsam ist. Geschichte und Schauplatz haben beim Österreicher Lenau einen biografischen Bezug, was nicht unwichtig ist für das Verständnis seines Werkes. Er wurde 1802 in Ungarn geboren, wo sein Vater als habsburgischer Beamter tätig war. Die so ausschweifende wie melancholische Dichtung wurde von dem bereits erwähnten Pembaur d. J.  zu einem Melodram verarbeitet.

„Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“: In mittleren Teil seiner Edition hatte Pachl dieses Werk von Rainer Maria Rilke gleich zweifach aufgenommen. Einmal von Casimir von Pászthory, der das Werk 1914 mit Klavierbegleitung versah, zum anderen in der Bearbeitung durch Viktor Ullmann aus dem letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges 1944. Der 1886 in Budapest geborene Pászthory kam schon in jungen Jahren nach Deutschland, ging dann nach Wien, wo er Jura studierte und sich bald der Musik zuwandte. Er war NSDAP-Mitglied. Vornehmlich komponierte er musikdramatische Werke und Lieder, die vergessen sind. Einzig seine 1942 entstandene Oper Tilmann Riemenschneider kam 2004 in Würzburg wieder auf die Bühne. Ullmann, dessen Eltern vom jüdischen zum katholischen Glauben übergetreten waren, hatte – wie Pászthory – auch in Wien zunächst juristische Studien aufgenommen und war schließlich Kompositionsschüler Schönbergs geworden. Sein Melodram entstand im KZ-Ghetto Theresienstadt, wohin ihn die Nationalsozialisten verschleppt hatten. Dort fand auch die erste Aufführung statt. Wenige Wochen danach wurde Ullmann in Auschwitz ermordet.

Gegensätzlicher können die Hintergründe beider Kompositionen nicht sein. Rilkes Prosastück, das in seiner Verdichtung Züge eines Gedichts trägt, traf schon kurz nach seiner Veröffentlichung auf ein damals vorherrschendes fatalistisches Lebensgefühl. Der Erste Weltkrieg lag in der Luft. Allenthalben war die Begeisterung für den Waffengang weit verbreitet. Vor diesem Hintergrund hatten Heldentod-Geschichten Konjunktur. Rilkes Werk eröffnete 1912 mit der Nummer eins und einer Auflage von zehntausend Exemplaren die berühmte Inselbücherei und war sofort vergriffen. Inzwischen hat die Auflage die Millionen-Grenze weit überschritten. Das schmale Bändchen steht in fast jedem Bücherschrank, wurde genauso anteilnehmend gelesen – wie auch eklatant missverstanden. Bis auf den Vorspann verarbeitete Pászthory den gesamten Text. Er benötigt dafür mehr als eine halbe Stunde. Es gibt sehr melodiöse und elegische Momente. Wenn – um ein Beispiel anzuführen – die Rede auf „ein altes trauriges Lied“ kommt, „das zu Hause die Mädchen auf den Feldern singen, im Herbst, wenn die Ernten zu Ende gehen“, dann tönt aus dem Klavier eine entsprechende Melodie. Und wenn das Wachtfeuer brennt, dann tanzen die Flammen wie am Schluss von Wagners Walküre. Ullmann hält am Vorspann, der nicht ganz unwichtig ist für das Verständnis der Geschichte, fest. Dafür kürzt er an anderen Stellen und verdichtet damit den dramatischen Gehalt. Seine Tonsprache wirkt härter und unsentimental. In Booklet vermerkt Pachl musikalische Gemeinsamkeiten beider Werke und vermerkt, „dass Ullmann Pászthorys Version nicht unbekannt war“. Auch solche Verknüpfungen, durch die sich immer neue Zeitfenster öffnen, sind nicht nur ein nebensächlicher Aspekt dieser nun komplettierten Melodram-Sammlung (Bild oben: Giulio Aristide Sartorio (1816-1932) „La Sirena“ im deutlichen Bezug zu Goethes Gedicht  Antikoerperchen). Rüdiger Winter

 

Gondelfahrt im Mondschein

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Schubertiade. Der Begriff hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Festival in Hohenems, Schwarzenberg, Dürnstein und anderswo nennen sich so. Schubertiaden – das waren ursprünglich private musikalische Zusammenkünfte in Wiener Salons, bei denen Franz Schubert am Flügel saß, umringt von Freunden, Enthusiasten und Künstlern, denen er neue Kompositionen vorspielte. So ließ sich deren Wirkung auf Publikum testen. Bei einer diese Veranstaltungen erlebte auch die Winterreise – als „ein Kreis schauriger Lieder“ angekündigt – ihre erste Aufführung. Schubertiade ist auch der Titel einer neuen CD, die von BR Klassik, dem Eigenlabel des Bayerischen Rundfunks, herausgegeben wurde (900528). Sie verdient diese Bezeichnung zu Recht. Denn auf dem Programm stehen Werke, die wenig Verbreitung fanden und immer noch im Wartestand ihrer Entdeckung zu verharren scheinen. Sie stehen im Schatten der populären Meisterwerke und haben gewiss nicht deren Tiefe. Wer sich also im Werk Schubert nicht bis in alle Einzelheiten auskennt, für den mag dieser oder jener Titel der CD eine ganz persönliche Uraufführung sein. Einer stärkeren Verbreitung dürfte auch entgegenstehen, dass sie für heutige Hörgewohnheiten ungewöhnlich besetzt sind. Es braucht Chöre, Solisten und ein Klavier, das aber nicht immer zum Einsatz kommt.

Julius Schmidt: Franz Schubert am Klavier/Wikipedia

Drei Lieder Wehmut, Ewige Liebe, FluchtD (Deutschverzeichnis) 825, die es zusammen auf vierzehn Minuten bringen, sowie Sehnsucht D 656 werden vom Männerchor a cappella dargeboten, Ständchen D 920 zusätzlich mit Alt-Solo (Merit Ostermann) und Klavier. Gott in der Natur D757 und Der 23. Psalm Gott ist mein Hirt D 706 sind mit Frauenchor und Klavier besetzt. In Nachthelle! D 892 teilen sich Tenor (Andrew Lepri Meyer), Männerchor und Klavier. Es wird mit dieser CD offenkundig, wie meisterhaft Schubert auch dieses Genre beherrschte. Und ich nehme mir ganz fest vor, künftig noch viel mehr Chormusik zu hören und nach einschlägigen Aufnahmen Umschau zu halten. Beim ersten Titel – Der Gondelfahrer D 809 – wird der Männerchor vom Klavier begleitet. Das Hauptmotiv hat Ohrwurmcharakter. Man wird es nicht wieder los. Es geht einem tagelang durch den Kopf. Deshalb ist das Lied auch bei Laienchören sehr beliebt. Es beruht auf einem Text von Johann Mayerhofer. Der war ein sehr enger Freund des Komponisten und Gast bei den ersten Schubertiaden. Beide teilten sich drei Jahre lang ein Zimmer in Wien. Der depressiv veranlage Mayrhofer stürzte sich 1836 aus dem Fenster seines Dienstgebäudes in den Tod. In dem Lied wird das nächtliche Venedig zum Sehnsuchtsort, wo die Erdensorgen genommen werden und die Barke „aller Schranken los“ dahin gleitet. Alle „schlummern friedlich“ und „nur der Schiffer wacht“. Schubert erhebt durch seine musikalische Erfindung auch derlei gestelzte Verse zu hoher Kunst. Im Booklet wird von Florian Heurich vermerkt, dass er „eine ganz besondere, romantisch verklärte Nachtstimmung“ kreiert, in der „das Glitzern des Mondlichts auf den venezianischen Kanälen heraufbeschworen wird“. Es singen die Herren des Chores des Bayerischen Rundfunks. Sie sind perfekt aufeinander abgestimmt und bringen sogar eine räumliche Wirkung hervor.

Der Pianist Justus Ziehten spielt einen Flügel aus der Klaviermanufaktur Érard aus den 1870er Jahren. Seinerzeit sind diese Instrumente in den Salons und Häusern wohlhabender Privatleute weit verbreitet gewesen, heißt es im Booklet. Sie könnten als Inbegriff der bürgerlichen Musikkultur abgesehen werden. „Die Bauart und Mechanik dieses Flügels wurde um 1840 entwickelt, also erst zwölf Jahre nach Schuberts Tod, dennoch weist er eine klangliche Nähe zu Hammerklavier der Schubertschen Zeit auf. Durch die technischen Neuerungen wird jedoch ein substanzreicheres Klangspektrum erzielt. Dadurch besitzt das Instrument auch die nötige Fülle zur Begleitung von größeren Chorbesetzungen.“ Dem Gondelfahrer-Lied ist diese Fülle nach meinem Eindruck etwas abträglich. Als störe sie den nächtlichen Zauber im Mondesschein. Für alle anderen Titel gilt das so nicht. Ihnen gereicht die akustisch markante Begleitung durchweg zum Vorteil. Ihrem großen Finale strebt die Neuerscheinung mit Mirjams Siegesgesang D 942 für Sopran-Solo (Christina Landshamer), Chor und Klavier zu. Die Prophetin Mirjam, Schwester von Moses und Aaron, gilt als eine der großen Frauengestalten im Alten Testament. Während des Auszugs der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft führte sie den Freudentanz der Frauen an. Mit dieser Kantate – der Text stammt von Franz Grillparzer – ist der prächtig disponierte Chor des Bayerischen Rundfunks in gemischter Zusammensetzung zu hören. Sie dauert fast zwanzig Minuten. Die Solistin, legt ihren Part betont lyrisch an und hat keine Mühe, extreme Höhen zu erreichen. Zum besseren Verständnis kann es allerdings nicht schaden, den im Booklet abgedruckten Text mitzulesen. Auch alle anderen Vorlagen finden sich. Rüdiger Winter

Franz Mazura

 

Franz Mazura blickte auf eine der längsten Karrieren als Sänger zurück. Am 22. April 1924 in Salzburg geboren, studierte er an der Musikhochschule Detmold, wo er noch während seiner Ausbildung als Schauspieler auftrat. Seine Bühnenpräsenz dürfte nicht zuletzt auf diese frühe Erfahrung im Sprechtheater zurückzuführen gewesen sein. Er debütierte 1949 in Kassel, wirkte anschließend in Braunschweig und kam schließlich an das Nationaltheater Mannheim, dem er sich über viele Jahre verbunden fühlte. Gastspiele führten ihn an alle großen Opernhäuser der Welt. Bei den Bayreuther Festspielen galt er über zweieinhalb Jahrzehnte als eine der festen Stützen der wechselnden Ensembles. Erstmals trat er dort 1971 als Gunther in der Götterdämmerung auf – in einer ehr undankbare Rolle, der er auch in der abgefilmten Ring-Jubiläums-Inszenierung von Patrice Chereau ein starkes Profil verlieh. Mazura wertete die Figur derart auf, dass die Zuschauer auch dann gebannt waren, wenn er nicht zu singen hatte. Stand er auf der Bühne, stellte sich ganz automatisch Spannung ein. In Bayreuth wurde er auch als Klingsor, Gurnemanz und Alberich geschätzt. Einmal, nämlich 1988 in der Inszenierung von Harry Kupfer, war er auch als Wanderer im Siegfried besetzt. Ein Mitschnitt lässt ahnen, dass diese Aufgabe mit seinen stimmlichen Fähigkeiten nicht perfekt zu vereinbaren gewesen ist.

Noch 2019 machte er als der wohl älteste Strumpfwirker Hans Schwarz in den Meistersingern von Nürnberg an der Berliner Staatsoper von sich Reden. Zu seinen Altersrollen zählte auch Schigolch in der Lulu von Alban Berg. In der von Friedrich Cerha fertig orchestrierten dreiaktigen Version desselben Werkes, die 1979 in Paris unter großer Aufmerksamkeit der internationalen Musikwelt uraufgeführt wurde, war er der Dr. Schön. Auch davon haben sich faszinierende Ton- und Filmaufnahmen erhalten, während er in gängigen Opern wie Fidelio (Pizarro) oder Tosca (Scarpia), die er ebenfalls im Repertoire hatte, offiziell kaum dokumentiert ist. Mazura, dessen Bassbariton betont charaktervolle Züge trug, dürfte vor allem als Vertreter des Repertoires der Außenseiter in Erinnerung bleiben. Im Alter von 96 Jahren starb er am 23. Januar 2020 (Foto Wikipedia). RW

Umfassende Fülle

 

Ein Volontariat hatte mich Ende der sechziger Jahre nach Stadtroda verschlagen, eine kleine Stadt im thüringischen Holzland. Als ich das beschauliche Zentrum erkundete, fiel mir an einem mit Fachwerk geschmückten Haus eine Gedenktafel mit folgender Inschrift auf: Geburtsstätte des Leiters der Bayreuther Festspiele und Künders deutscher Musik Professor Julius Kniese, geboren 21. 12. 1848, gestorben 22. 4. 1905. Ich war wie elektrisiert, weil diese Entdeckung mit meinen ersten Gehversuchen zusammenfiel, die ich durch das Werk Wagners unternahm. Ein Bibliothekar, mit dem ich darüber ins Gespräch kam, klärte mich über die Bedeutung dieses Mannes auf. Durch Liszt ist er mit Wagner bekannt geworden, nahm an der Grundsteinlegung des Festspielhauses in Bayreuth teil und hat bei der Uraufführung des Parsifal assistiert. Nach dem plötzlichen Tod des Komponisten 1883 war er bei der Weiterführung der Festspiele die feste Stütze der Witwe Cosima. Kniese gründete auch eine Stilbildungsschule, in der Sänger speziell für Wagners Musikdramen herangebildet werden sollten.

Julius Kniese/ Wikipedia

Begraben liegt er auf dem Bayreuther Stadtfriedhof. Mein kenntnisreicher Gesprächspartner schenkte mir auch ein Buch, das er kurzerhand aus seinen Bibliotheksbeständen aussortierte. Der Kampf zweier Welten um das Bayreuther Erbe, erschienen 1931 bei Theodor Weicher in Leipzig, herausgegeben von Julie Kniese. Das war die Tochter (die auch einen Eintrag bei Wikipedia besitzt und eine bekannte Kinderbuchautorin war). Schnell hatte ich herausgefunden, dass sie noch lebte. Und zwar ganz in meiner Nähe, in Weimar. Auf einen Brief folgte die freundliche Antwort. Ich wurde eingeladen und fand mich im neunzehnten Jahrhundert wieder. Wie eingesponnen in ihre Erinnerungen lebte diese fast neunzigjährige Frau in ihrem mit Devotionalien vollgestopften Haus. Sie trug eine Haube und ein langes schwarzes Seidenkleid, dem man die Jahre ansah. Aus einer Schachtel wurde der originale Briefwechsel zwischen ihrem Vater und Liszt hervorgeholt. Ihre eigenen Erinnerungen an Liszt waren sehr anschaulich. Sie habe als Kind auf seinem Schoß gesessen und dufte ihn an seinem langen weißen Haaren ziehen. Für das Bayreuth der Enkel Wagners hatte die muntere Greisin nur Spott übrig. Erneuerung empfand sie als Verrat. Wenn es nach ihr ginge, dürfe Wagner nur so aufgeführt werden wie es der Meister selbst in Bayreuth vorgemacht habe. Alle seine Anweisungen seien von ihrem Vater in einem Tagesbuch festgehalten worden. Danach müsse für alle Ewigkeit verfahren werden. Und so schließt das von ihr herausgegeben Buch mit den Worten: „Bayreuth aber lebt, solange es das Geheimnis seines Meisters treu hütet und heilig hält, solange die Träger der Idee im Banne seines Geistes stehen und wirken.“

 

Band I der Richard-Wagner-Bibliographie von Steffen Prignitz bei Königshausen und Neumann

Das Buch von Julie Kniese ist auch in dieser Neuerscheinung: „Richard Wagner Bibliographie zu Leben und Werk 1833-2013“ verzeichnet. Sie wurde von Steffen Prignitz zusammengestellt und ist im Würzburger Verlag Königshausen & Neumann erschienen (ISBN 979-3-8260-6663-4). Prignitz hatte 2011 an der Universität Rostock über Wagner promoviert. In dem zweibändigen Werk mit 1700 Seiten gibt es keine Anekdoten. Es handelt sich um eine streng wissenschaftliche Arbeit, um einen Versuch, die Fülle an Wagnerliteratur einzelnen Gebieten und Themen zuzuordnen. Nach einer Darstellung Allgemeiner Grundlagen und Hilfsmittel zur Bibliographie finden sich unter Gesamt- und Überblicksdarstellungen Einführungen zu Leben und Werk, Zeittafeln, Chroniken oder Gelegenheitsreden. Der dann folgende Teil geht in die biographischen Einzelheiten und listet Literatur zur Familie, zu Frauen, Künstlern, einzelnen Persönlichkeiten auf, zu denen Wagner in Beziehung stand und die ihrerseits Einfluss auf ihn nahmen. Oft und genau beschrieben sind die Stationen seines bewegten Lebens, das erst spät in Venedig und Bayreuth in sichere Bahnen geriet. Themen von Darstellungen sind seine Gesundheit, diverse Krankheiten, der Umgang mit Geld, die Kleiderordnung, der Aberglaube, die Freude am Wandern, sein Humor oder die Gewohnheit, Weihnachten zu feiern. Auch die Haustiere – Wagner liebte vornehmlich Hunde – bilden ein eigenes Unterkapitel. Schließlich werden noch mehr als hundert einzelne Personen – beginnend mit Franz Abt, Komponist und Kapellmeister, und endend mit dem Kirchenmusiker Franz Xaver Witt, genannt, die in der Wagner-Literatur einen eigenen Platz einnehmen. Wagners Gedankenwelt und deren Beziehungen bilden ein besonders stattliches Kapitel. Publikationen, die diesem Bereich zuzuordnen sind, beschäftigen sich mit seinem philosophischen Denken, seinem Antisemitismus, der ihm bis in die Gegenwart anhängt, und seiner Haltung zu diversen historischen Ereignissen wie der Revolution 1848, an der er sich mit schwerwiegenden Folgen für sein weiteres Leben selbst beteiligt hat.

Jaja der Richard: Richard Wagner/ Giuseppe Becce und Mathilde Wesendonck/ Miriam Horwitz im Stummfilm, Deutschland 1913, „Richard Wagner. Eine Filmbiographie anlässlich des 100. Geburtstages des großen Meisters“ auf ARTE © FWMS/ZDF Foto: ZDF; „Bild: Sendeanstalt/Copyright“.tv

Teil V und VI zum Werk und zur Rezeptions- und Forschungsgeschichte sind mit rund tausend Seiten die umfangreichsten Kapitel der Bibliographie. Nichts von alldem, was Wagner hinterlassen hat, vollendet oder nur als Plan oder Entwurf, was ihn also thematisch umtrieb, ist der Forschung und der Aufmerksamkeit diverser Autoren entgangen. Selbst das erste Trauerspiel „Leubald“, das der Fünfzehnjährige verfasste, ist Gegenstand von sechs einzelnen Veröffentlichungen. Wer sich einen Überblick zur Literatur, die Meisterwerke betreffend, verschaffen will, muss durch zig Seiten blättern. Jedes Lied und jedes noch so kleine Klavierstücke gilt als erforscht. Zur Rezeptionsgeschichte gehört das Wirken namhafter Regisseure und Bühnenbildner, die sich mit den Musikdramen Wagners auseinander gesetzt und sich darüber auch schriftlich geäußert haben. Deshalb wird Joachim Herz, der mit seinem Ring des Nibelungen in Leipzig vieles von dem vorwegnahm, was Patrice Chereau 1976 unter großem Aufsehen auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses brachte, auch als Verfasser gründlicher Analysen erwähnt, sein französischer Kollege hingegen, der derlei nicht hinterließ, taucht nur im Personenregister auf.

 

In auffällig bescheidenen Unterkapiteln geht es auch um Sänger und Schallaufnahmen. Es wird deutlich, dass sich die entsprechende Literatur dem Umfang nach in Grenzen hält. Eine große Zahl von Büchern hat das Thema nicht als alleinigen Gegenstand, was für den Einzug in die Diskographie wohl nicht genügte. Es muss sich schon zwingend alles um Wagner drehen – wie in dem mehrbändigen Werk „Biographie eines Stimmfachs“ über die frühen Wagner-Tenöre von Einhard Luther, dem einstigen Moderator des Senders Freies Berlin, der unzähligen Rundfunkhörern Oper und ihre Interpreten nahe gebracht und konzertante Aufführungen seltener Werke organisiert hat. „Das goldene Zeitalter des Wagner-Gesangs im Spiegel der Tonquellen“ ist eine gelistete Arbeit von Michael Seil, für die es auch eine akustische Entsprechung gibt. Seil ist der Herausgeber der ambitionierten CD-Edition „The Cosima Era“, die auf zwölf CDs 305 Aufnahmen von 93 Sängern, die zwischen 1876 und 1906 in Bayreuth aufgetreten sind, zusammenführt – klanglich hervorragend aufgefrischt vom Berliner Klangrestaurator Christian Zwarg.

Auch die Beilage-Bildchen in den Packungen von Liebigs Fleischextrakt widmeten  sich  dem Leben von Richard Wagner. Hier die  erste Aufführung des Siegfried-Idylls zu Weihnachten 1870 im Treppenhaus der Villa in Tribschen. Anlass war der 33. Geburtstag von Wagners Frau Cosima, die den gemeinsamen Sohn Siegfried auf dem Arm trägt. Wagner leitete die intime Darbietung selbst. Die Literatur zu dem Werk, das ursprünglich „Tribschener Idyll“ hieß, und seinem Schweizer Entstehungsort findet sich in der Bibliographie.

Obwohl es unzählige Schallaufnahmen von Wagners Werken gibt, die viele Regalmeter füllen, hält sich die spezielle und vertiefende Literatur zu diesem Thema in Grenzen. Folglich fällt das entsprechende Kapitel in der Bibliographie mit nur neun Verweisen sehr schmal aus. In Autobiographien von Sängern – um ein Beispiel zu nennen – nimmt Wagner und sein Werk aussagekräftige Kapitel in Anspruch. So wird der auf  Wagner spezialisierte Tenor Jess Thomas zwar in anderem Zusammenhang erwähnt, nicht aber mit seiner Autobiographie, die im Titel sogar Bezug auf ein Zitat aus den ersten Aufzug der Walküre nimmt: „Kein Schwert verhieß mir der Vater“. Ähnlich stellt sich die Lage in den Büchern von Theo Adam dar, der seine größten Erfolge im Wagner-Fach sammelte.

Der Autor Steffen Prignitz/ Foto Richard Wagner Verband Mecklenburg-Vorpommern. ev

Für seinen ersten Titel griff er auf einen Ausspruch von Hans Sachs im dritten Aufzug der Meistersingern von Nürnberg zurück: „Seht, hier ist Tinte, Feder, Papier…“ Und er analysierte die Rolle aus seiner eigenen Sicht, hinterließ damit auch ein packendes Stück Wagner-Literatur. Hingegen genügte wohl die Erwähnung des Komponisten im Titel der broschierten Diskographie von John Hunt „Six Wagnerian sopranos“ für Listung in dem großen Werk. Darin werden neben Wagner-Aufnahmen auch zahlreiche andere Produktionen anderen Komponisten erwähnt. Andererseits sind Titel über Schallaufnahmen den Themen zugeordnet, mit denen sie sich explizit beschäftigen. Ein solches Beispiel ist das Buch „Ring Resounding“ von Jon Culshaw, dem legendären Decca-Produzenten, in dem die Entstehung der ersten Studioeinspielung der Tetralogie mit Georg Solti am Pult der Wiener Philharmoniker geschildert wird. Es ist bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Eine Bibliographie dieses Ausmaßes ist wie ein großer Baum mit unzähligen Ästen, die sich in Höhe und Breite immer mehr ausdehnen und einem kräftigen Wurzelwerk in der Tiefe. Alle Verzweigungen hängen miteinander zusammen, sind aus demselben Kern erwachsen. Es wird deutlich, welche Wirkung Richard Wagner in seiner Zeit und bis in unsere Tage hinein entfaltet hat. Über keinen anderen Komponisten dürfte so viel geschrieben worden sein wie über ihn. Insofern dient die bedeutende Neuerscheinung nicht nur der wissenschaftlichen Forschung, sie stellt auch für jene Musikfreunde und Sammler, die von Wagner fasziniert sind und ihr eigens Wissen erweitern wollen, eine Fundgrube für neue Anregungen dar. Wie der Herausgeber Steffen Prignitz in der Einleitung vermerkt, gibt es „Beiträge zur Wagnerforschung in mindestens 35 Sprachen. Er geht davon aus, dass nach derzeitigem Erkenntnisstand bis zu fünfundzwanzigtausend Titel realistisch sind. Rüdiger Winter (Foto Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten/ oben Winter)

Suche nach Heimweh

 

Mehr geht nicht. Die Sopranistin Anna Lucia Richter hat eine CD mit einer Laufzeit von fast einundachtzig Minuten aufgenommen. Das Programm besteht ausschließlich aus Liedern von Franz Schubert. Es beginnt mit „An den Mond“ und endet mit „Der Hirt auf dem Felsen“. Die CD kam bei Pentatone heraus (PTC 5186 839). Auf dem hübsch ausgemachten Cover fällt die junge Sängerin vom Himmel herab wie ein Engel von Tintoretto. Es ist Brauch geworden, Liedproduktionen unter ein bestimmtes Thema zu stellen. Diesmal geht es um Heimweh. Ein weites Feld. Schubert und seine Textdichter versprechen reiche Ernte. Für das Vorwort im Booklet hat die Künstlerin sogar das Grimm’sche Wörterbuch befragt und erfahren, dass das Wort Heimweh Anfang des 18. Jahrhunderts in den allgemeinen Sprachgebrauch einging. Und sie fragt sich, ob denn Heimweh „nicht eigentlich der Wunsch“ sei, im Außen etwas zu finden, was sich eigentlich nur im Innen selbst erschaffen lasse.

Die lyrischen Titel liegen ihr mehr als der balladenhafte „Zwerg“, bei dem die Stimme in dem Bemühen, das dramatische Geschehen farbenreich auszuschmücken, an Grenzen kommt. Grelle, gar schrille Töne sind bewusst gewählt, können aber nicht recht überzeugen. Die sind in der so genannten Blumenballade „Viola“ nach einem Text von Schuberts Freund Franz von Schober nicht erforderlich. Sie besteht aus neunzehn Versen, denen Anna Lucia Richter mit dezenter Gestaltung Zusammenhalt gibt, so dass die dreizehn Minuten wie im Fluge vergehen. Dieses Werke ist selten zu hören und gleicht einer Entdeckung im CD-Programm. Innig schließen Ellens drei Gesänge mit dem „Ave Maria“. Es ist ja nicht so, dass dieses berühmte und fast schon überstrapazierte Schubert-Lied ein Selbstkäufer für jeden lyrischen Sopran ist. Eiserne Schlichtheit ist vonnöten, damit es nicht ins Gefällige abgleitet. Die Sängerin, die sich eindrucksvoll auch sprechend mit dem kleinen Melodram „Abschied von der Erde“ versucht, bringt sie auf. Am Flügel begleitet Gerold Huber, die Klarinette im „Hirt auf dem Felsen“ spielt Mattias Schorn.

 

Mit der Produktion der Lieder von Hugo Wolf auf Texte von Johann Wolfgang Goethe hat Stone records begonnen. Erschienen ist Vol. 1 mit neunzehn Titeln (5060192780918). Die Neuerscheinung ist Bestandteil einer Edition sämtlicher Lieder. Goethe war ein vom Komponisten bevorzugter Dichter. Schon der Fünfzehnjährige versuchte sich an seinen Versen. Um die fünfzig von Wolf veröffentlichte Lieder gehen auf Goethe-Gedichte zurück. Darunter sind einige der schönsten Erfindungen dieser Gattung. Wer sich nun zu neuen Aufnahmen anschickt, trifft auf eine schier übermächtige Konkurrenz. Schon zu Beginn der 1930er Jahre wurden in London Aufnahmen mit den seinerzeit besten Sängern vom Produzenten Walter Legge gemacht. Legges spätere Frau Elisabeth Schwarzkopf hat sich den Liedern von Wolf bis zur Perfektion im Studio und auf den Konzertpodien in aller Welt gewidmet. Wolf prägte auch die lange Karriere von Dietrich Fischer-Dieskau, der sogar ein Buch über den österreichischen Komponisten veröffentlichte. Diese Aufnahmen sind nie vom Markt verschwunden und werden unter Kennern wegen ihrer Maßstäblichkeit nach wie vor hoch geschätzt. Doch sie sind historisch, in Teilen sogar noch in Mono.

Es braucht also auch frische, unverbrauchte Ansätze. Heutiges Publikum will auf Tonträgern hören, wen es live erlebt. Solchem Begehren tragen die neuen Einspielungen voll und ganz Rechnungen. Dafür werden wohl auch gelegentliche Ungenauigkeiten in der sprachlichen Gestaltung hingenommen. Bis auf die schwedische Mezzosopranistin Katarina Karnéus stammen alle Mitwirkenden – nämlich Louise Alder, Fflur Wyn (Sopran), Rowan Hellier (ebenfalls Mezzo), Adrian Tompson (Tenor), Roderick Williams (Bariton) und Neal Davies (Bassbariton) – aus Großbritannien. Sie sind bestens präpariert, haben die Lieder gut studiert. Begleitet werden sie von ihrem Landsmann Sholto Kynoch, der schöne eigene Akzente setzt. Rüdiger Winter

Frankophiles Bekenntnis

 

Bereits nun gut zwei Jahre steht der sympathische britische Dirigent Robin Ticciati, 36, an der Spitze des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. Seine Berufung, soviel kann man schon heute sagen, hat sich ausgezahlt. Dass er eine Vorliebe insbesondere für die französische Musik hat, konnte man anhand seiner mittlerweile ganz ansehnlichen Diskographie erahnen. Nun legt Linn (CKD 623) erneut in Koproduktion mit dem Deutschlandfunk Kultur einen weiteren Beleg für diese Annahme vor. Claude Debussys spätromantische Nocturnes sowie das Requiem von Maurice Duruflé, eine der erfolgreichsten Vertonungen einer Totenmesse im 20. Jahrhundert.

Fraglos sind die dreisätzigen Nocturnes, vollendet 1899, vom Impressionismus beeinflusst, wie schon beim berühmten Vorgängerwerk Prélude à l’après-midi d’un faune. Konkret waren es die ebenfalls als Nocturnes betitelten Gemälde des amerikanischen Malers James McNeill Whistler, die Debussy inspirierten. Die Rolle eines Vorspiels nehmen dabei die lyrischen Nuages ein, welche sich durch eine schemenhafte Atmosphäre auszeichnen. Die im Zentrum stehenden Fêtes sind ein ungleich weltlicheres, von Trompetenklängen geprägtes Stück mit Feierlaune. In den abschließenden Sirènes kehrt der Komponist wiederum zum ruhigeren Tonfall zurück, verleiht dem Satz allerdings eine spürbare Melancholie, welche durch den Einsatz eines textlosen Frauenchores, welcher die undefinierbaren Sirenengesänge symbolisiert, unterstrichen wird. An gelungenen Einspielungen besteht kein Mangel – darunter Abbado in Boston und Boulez in Cleveland (beide DG) –, doch kann sich Ticciatis Neuinterpretation durchaus neben den besten behaupten, wozu auch die Linn-typisch ausgezeichnete Tontechnik beiträgt (aufgenommen zwischen 19. und 22. März 2019 im Großen Sendesaal des Hauses des Rundfunks Berlin).

Sowohl der gregorianische Gesang als auch das über ein halbes Jahrhundert zuvor entstandene Requiem von Fauré prägten Duruflés Komposition, die Ticciati in der 1947 entstandenen Urfassung vorlegt, welche sich teils stark von den späteren Bearbeitungen für Orgel und Chor (1948) und für Kammerorchester (1961) unterscheidet. Interessant vor allem, dass in dieser Einspielung auf den eigentlich vorgesehenen Bariton-Solisten verzichtet wird, dessen Part von Unisono-Bässen übernommen wird – ein vielleicht nicht völlig idiomatisches, gleichwohl letztlich überzeugendes Vorgehen. Solistisch dafür der Mezzosopran von Magdalena Kožená, deren dunkler Tonfall sich als dem Werke angemessen erweist. Wirklich herausragend der von Gijs Leenaars einstudierte Rundfunkchor Berlin, der einen Großteil des Requiems dominiert. Tatsächlich erreicht diese moderne Digitaleinspielung beinahe die legendäre, vom Komponisten höchstselbst verantwortete Aufnahme mit dem Orchestre Lamoureux von 1959 (Erato) – und weist nahezu exakt dieselben Spielzeiten auf. Das informative Booklet mit einem Essay von Stephen Walsh rundet diese Produktion auf hohem Niveau ab und lässt sie als so etwas wie die moderne Referenz für beide Werke erscheinen. Daniel Hauser

 

Robin Ticciati hat seit seinem Amtsantritt als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin Akzente gesetzt, die sich vom gängigen Repertoire deutlich abheben. Dazu gehören auch Werke französischer Komponisten. Mit L’enfance du Christ und Roméo et Juliette führte er gleich zwei große Schöpfungen von Hector Berlioz auf. Ein dankbares Publikum fand auch die Musik von Claude Debussy zu dem Mysterienspiel Le martyre de Saint Sébastien von Gabriele D’Annunzio. Deutschlands Hauptstadt Berlin versteht sich gern als europäische Metropole. Der erst 35-jährige britische Dirigent Ticciati füllt diesen hohen Anspruch auf seine Weise aus. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die ersten CDs mit seinem Berliner Orchester ein französisches Programme zum Inhalt hat. Bei LINN Records, wo auch schon mehrere Einspielungen mit dem Scottish Chamber Orchestra herausgekommen sind, wurden nun Debussys La Mer und die Ariettes oubliées sowie Pelléas et Mélisande und das Vorspiel zur Oper Pénelopé von Gabriel Fauré vorgelegt, Made in Lithunia – auch das ein zusätzlicher europäischer Aspekt (CKD 550). Es handelt sich um Studioproduktionen, die in der Berliner Jesus-Christus-Kirche entstanden. Wegen ihrer exzellenten Akustik dient sie schon seit fünfzig Jahren als Aufnahmestudio. Viele legendäre Einspielungen unter Dirigenten wie Furtwängler, Karajan, Barbirolli, Böhm, Fricsay und Abbado haben den Namen der Kirche in alle Welt getragen. Ticciati knüpft also in Zeiten, wo aus Kostengründen der Mitschnitt immer öfter die Aufnahme unter Studiobedingungen ersetzt, an eine große Tradition an.

Die stimmungsvollen Ariettes oubliées sind im Gegensatz zu den anderen Stücken der CD nicht eben häufig zu finden auf dem Musikmarkt. Ursprünglich wurde dieser Liederzyklus nach Versen von Paul Verlaine, dem sich Debussy künstlerisch verbunden fühlte, für Singstimme und Piano komponiert. Dichter und Komponist begegneten sich in der Suche nach neuen rhythmischen Ansätzen und Klangfarben des Ausdrucks. Verlaines Verse entfalten durch die Musik eine zusätzliche Dimension. Instrumentierte wurde sie von dem australischen Komponisten, Bratscher und Dirigenten Brett Dean, Jahrgang 1961. Mit seiner Orchestrierung ist er nicht auf eigene Ambitionen aus. Debussy bleibt Debussy. Nur Kennern dürfte erkennen, dass der Zyklus von fremder Hand in dieser diskreten und verantwortlichen Weise bearbeitet worden ist. Schon dieser Besonderheit wegen, werden die Lieder zum Mittelpunkt der CD. Solistin ist Magdalena Kozená, die Ende 2018 in der Berliner Philharmonie bei einer szenischen Aufführung des Messias unter Ticciati mitwirkte. Man kennt sich also. Während es ihr bei Händel etwas an Tiefe gebrach, gelingen ihr die stimmlich in der Mittellage angelegten Lieder ganz vorzüglich. Es ist ein Genuss, ihr zuzuhören. Rüdiger Winter

Nadezda Kniplová

 

Sie war eine echte Hochdramatische. Ihr standen unerschöpfliche stimmliche Reserven zur Verfügung. Und sie besaß eine stählerne Höhe. Die Partien des Fachs machten ihr nicht die geringste Mühe. Wenn da nicht die Sprache gewesen wäre, die deutsche Sprache! Die nämlich stand der am 18. April 1932 in Ostrava geborenen tschechischen Sängerin Nadezda Kniplová oft im Wege. Vor allem dann, wenn sie Wagner sang. Und der stand nun einmal im Mittelpunkt ihres Wirkens. Bereits als Ortrud hatte sie nach gründlicher Ausbildung am Prager Konservatorium und etlichen anderen Stationen am Nationaltheater der Stadt debütiert.

Prag erwies sich als Sprungbrett in internationalen Musikzentren. Für die letzte von drei Vorstellungen der Walküre, mit der 1967 die Salzburger Osterfestspiele ins Leben gerufen wurden, holte Herbert von Karajan die Kniplová als Brünnhilde. Bei der Reprise im folgenden Jahr war sie auch dabei. 1968 ging sie als Brünnhilde zudem ins Studio. Hans Swarovsky nahm den kompletten Ring des Nibelungen auf. Das Orchester setzte sich aus Mitgliedern der Tschechischen Philharmonie und des Orchesters des Prager Nationaltheaters zusammen. Zuletzt war dieser Ring bei Hänssler neu herausgegeben worden. Sammler schätzen die Klarheit und technische Prägnanz, mit der die Stimmen eingefangen wurden. Im Falle der Kniplová und auch des Siegfrieds von Gerald McKee treten dadurch die in der sprachlichen Gestaltung liegenden stimmlichen Defizite umso deutlicher hervor. Den zweiten Ring mit Nadezda Kniplová als Brünnhilde nahm Wolfgang Sawallisch ebenfalls 1968 bei der RAI in Rom auf. Er wurde von Myto veröffentlicht. Ihr messerscharfes, unliebenswürdiges Timbre war Geschmackssache. Man hörte sie immer heraus.

Berühmt wurde die Sopranistin aber auch durch Partien in ihrer Muttersprache. Im vom Charles Mackerras dirigierten Zyklus von Janácek-Opern bei der Decca ist sie die Kabanicha in der Katja Kabanova. Bei der EMI und bei Supraphon entstanden im Abstand von zehn Jahren, nämlich 1968 und 1978, weitere Einspielungen der Jenufa. Beide Male singt sie die Kostelnicka. Prominent besetzt ist sie bei Einspielungen der Smetana-Opern Dalibor (Milada) und Libuse (Titelrolle) in Prag. Im Katalog von Supraphon finden sich zudem das War Requiem von Britten und einige Solo-Recitals mit den Wesendonck-Liedern und dem separat eingespieltem Schlussgesang der Brünnhilde aus der Götterdämmerung. Am 14. Januar 2020 starb Nadezda Kniplová, die nach ihrem Bühnenabschied als Gesangspädagogin wirkte, im Alter von 87 Jahren in ihrer Geburtsstadt. R.W.

Klassenkampf und Goldrausch

 

Dass Hanns Eisler (1898-1962), der landläufig vermutlich berühmteste DDR-Komponist, zeitlebens österreichischer Staatsbürger war, obwohl ihm gerade in Wien viel Ablehnung entgegengebracht wurde, darf gleichsam als bezeichnend gelten für diesen bedeutenden und widersprüchlichen Künstler, dem die DDR ihre Nationalhymne verdankte. Soweit ging Eislers Bekenntnis zum neuen ostdeutschen Staatssozialismus offenbar nicht, sich formal um die dortige Staatsbürgerschaft zu bemühen. Obwohl in Leipzig geboren, verlebte er seine Jugend in Wien. Und doch sollte ihn am Ende seines Lebens doch gerade die Verbindung nach Leipzig neuerlich beschäftigen. 1959 gab nämlich das dortige Gewandhausorchester die nun von Capriccio (C5368) vorgelegte Leipziger Sinfonie in Auftrag, vor deren Fertigstellung der Komponist freilich starb. Erst 1998, anlässlich des 100. Geburtstages Eislers, wurde das Werk von seinem Komponistenkollegen Tilo Medek (1940-2006) vervollständigt und am 8. Oktober 1998 im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt. Es sollten weitere zwei Jahrzehnte ins Land gehen, ehe 2018 die Weltersteinspielung dieser Leipziger Sinfonie – beinahe zwangsläufig in Leipzig – zustande kam. Das MDR-Sinfonieorchester Leipzig unter der Leitung von Jürgen Bruns liefert eine makellose Darbietung der schroffen Tonsprache. Im Grunde genommen besteht das Werk aus Montagen von Eislers Filmmusiken aus den 1950er Jahren, die in der frühen DDR zustande kamen. Einzig der erste Satz stammt noch gänzlich aus Eislers eigener Feder; den Schlusssatz musste Medek sogar vollständig selbst rekonstruieren. Dazu bediente er sich, um Authentizität bemüht, des reichhaltigen von Eisler hinterlassenen Œuvre. Obwohl bekennender Kommunist, wusste auch Hanns Eisler selber nicht so recht, wieso er diese Sinfonie überhaupt schrieb, wie aus einer Äußerung kurz vor seinem Ableben 1962 bekannt ist. Das kaum zwanzigminütige Stück besteht gleichwohl ganz klassisch aus vier Sätzen. Für das Finale bediente sich Medek des 1957 entstandenen Linken Marsches, diesen freilich leicht verfremdend, um es nicht zur glorifizierenden Apotheose des Sozialismus verkommen zu lassen. Obwohl es sich also um eine Rekonstruktion handelt, darf man in gewisser Weise vom musikalischen Testament Eislers sprechen.

Die neun Sätze umfassenden Trauerstücke aus Filmpartituren von 1961/62 wurden für diese Einspielung von Jürgen Bruns und Tobias Faßhauer 2015 arrangiert und wiederum mit dem MDR-Sinfonieorchester eingespielt. Grundlage war wiederum Filmmusik der heute praktisch vergessenen Filme Aktion J und Esther. Ihre genuine Herkunft kann diese fragmentarisch anmutende Musik schwer verleugnen, ist das längste Stück doch gerade zweieinhalb Minuten lang. Sie bedarf für ihre volle, vom Komponisten beabsichtigte Wirkung wohl tatsächlich des filmischen Kontexts – eine gewisse grundsätzliche Problematik bei einer isolierten Aufführung von Filmmusik außerhalb des Lichtspielhauses.

Von ihren Dimensionen her am ausgedehntesten dann die halbstündige Filmmusik zum preisgekrönten französischen Dokumentarfilm Nuit et Brouilliard (Nacht und Nebel) von Alain Resnais (1956). Die verstörende Dokumentation behandelt die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau ein Jahrzehnt zuvor. Die vorliegende Aufnahme wurde 2015 mit dem Kammersymphonie Berlin, wiederum unter Bruns, im Berliner Konzerthaus eingespielt. Diese Partitur hat nun den Vorteil, dass sie noch ohne Einschränkungen vollständig der Hand Eislers entstammt, daher auch weniger zusammengeschustert daherkommt und interessanterweise auch ohne den Film ihre Wirkung entfaltet. Bereits für diese Filmmusik bediente er sich teilweise einer vorherigen Komposition, nämlich seiner eigenen Schauspielmusik für Johannes R. Bechers 1953 entstandene Tragödie Winterschlacht um die Schlacht von Moskau im Zweiten Weltkrieg. Die Musik, bestehend aus 13 Sätzen, ist, dem furchtbaren Sujet angemessen, grimmig, eindringlich und perfekt abgestimmt auf die Filmsequenzen in Schwarzweiß (das KZ Auschwitz unmittelbar nach der Befreiung 1945) und Farbe (das zerfallende KZ Auschwitz 1955). Sie steht qualitativ den in dieser Ära entstandenen Werken von Prokofjew und Schostakowitsch in nichts nach. Mit einigem Recht darf Nacht und Nebel als das Hauptwerk auf dieser CD gelten. Eine in allen Aspekten formidabel geglückte und wichtige Ergänzung nicht nur für Eisler-Enthusiasten, die außerdem hervorragend klingt. Daniel Hauser

 

Das fängt nicht gut an: Auf dem Cover dieser Neuerscheinung ist ein Gemälde zu sehen, das 1929 entstand. Gemalt hat es Otto Griebel und nicht Giebel – wie es im Copyright-Hinweis im Innern des Booklets schwarz auf weiß heißt. So ein Fehler, gewiss nicht mehr als ein harmloser Vertipper, macht stutzig. Wird denn alles andere stimmen? „Internationale“ hat Griebel sein Gemälde genannt, das zum Bestand des Deutschen Historischen Museums Berlin gehört. Der Maler wurde 1895 im sächsischen Meerane geboren und starb 1972 in Dresden. Stilistisch wird er der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. Einerseits gibt das Bild eine Vorstellung von Arbeitern als Masse. Andererseits löst sich diese Masse in individuellen Figuren auf. Masse erscheint nicht als gesichtslose Ansammlung von Personen einer bestimmten sozialen Gruppierung, sondern bildet die Summe von einzelnen Menschen mit hochindividuellen Gesichtern. Im Original ist das Bild fast zwei Meter breit und lässt eine ungleich stärkere Wirkung zu als in dieser geschrumpften Form.

Was Griebel gemalt hat, setzte Hanns Eisler in Töne. Wenigstens auf dieser CD, bei der es sich um Vol. 1 einer neuen Edition der Lieder dieses Komponisten handelt, erschienen bei MDG (613 2001-2). Eisler, so ist im sehr lesenswerten Text des Booklets von Steffen Schleiermacher, dem Pianisten der Produktion, zu lesen, dürfte an die fünfhundert Lieder komponiert haben, die einschlägigen Nummern aus Bühnen- und Filmmusiken mit eingerechnet. „Bei dieser auf vier CDs konzipierten Sammlung kann es also nicht um das gesamte Liedschaffen des Komponisten gehen, sondern um eine möglichst repräsentative Auswahl der klavierbegleiteten Lieder“, heißt es. Die meisten Kompositionen folgen Texten von Bertolt Brecht, mit dem Eisler eng zusammengearbeitet hat. Eine Ausnahme bildet gleich als Auftakt das „Bankenlied“ von Jean Baptiste Clement (1836 – 1903), einem französischen Sänger, der sich sozialistischen Ideen verschrieben hatte. Walter Mehring hat den Text ins Deutsche übertragen. Komponiert wurde es für Ernst Busch, der es schneidend und anklagend vorgetragen hat in diversen Einspielungen. Schleiermacher verweist auf den aktuellen Bezug, der sich derzeit allerdings am ehesten in Parteitagsreden der Linken findet. Holger Falk, der Sänger der Lieder, betont in seinem Vortrag gemeinsam mit seinem Pianisten die rasanten musikalischen Strukturen, den Einfallsreichtum und weniger die klassenkämpferische Absicht. Das ist so auch bei den anderen Liedern zu beobachten, mit denen es politisch heftig zur Sache geht. Damit setzt sich der Bariton von althergebrachten Interpretationen deutlich ab. Es ist, als würden diese Gesänge salonfähig und ihre Duftmarke aus Arbeiterschweiß abgeschüttelt. Das Publikum hört hin und lässt sich einen guten Wein dazu einschenken. Anders sind diese historischen Gesänge so kompakt wohl kaum zu ertragen.

 

Hanns EislerKalifornische Ballade: Wer sich auf diese CD einlässt, wird mit einem spannenden Kapitel Zeitgeschichte konfrontiert. Erschienen ist sie bei Berlin Classics (0300933BC). Bei der Ballade handelt es sich um eine Rundfunkerzählung, 1932 in Berlin begonnen, 1934 im Londoner Exil fertiggestellt. Der Kommunist und Jude Eisler hatte sich nach der Machtergreifung Hitlers vor der Verfolgung durch Flucht in Sicherheit bringen müssen. Die Dramatik der historischen Umstände dieses Werkes spitzte sich nochmals dadurch zu, dass der mit Eisler befreundete Textdichter, der Schriftsteller Ernst Ottwalt, 1936 in Moskau verhaftet und in ein sibirisches Lager verschleppt wurde, wo er 1943 umgekommen ist. Eine Oper stalinistischen Terrors – alles nachzulesen im so ausführlichen wie informativen Text im Booklets von Peter Deeg und Jürgen Schebera.

Erstmals wurde das Stück beim Rundfunk in Brüssel in flämischer Sprache ausgestrahlt, gesungen von Ernst Busch, der ebenfalls ins Exil gegangen war. Die lange Zeit als verschollenen gegoltene Aufnahme auf Lackfolienplatten ist erst kürzlich aufgespürt worden. Sie findet sich auf der CD gemeinsam mit einer Produktion in Originalsprache, die 1968 beim DDR-Rundfunk entstanden ist. Diesmal ist Hermann Hähnel der Solist. Beide sind sich nicht unähnlich in Timbre und Ausstrahlung. Sie verkörpern einen Typ, wie er Eisler vorgeschwebt haben mag für seine Komposition, die sich dem neuen Medium Rundfunk zuwendet und mit althergebrachten bürgerlichen Kunstformen bricht. Busch ist noch schärfer im Ton und pointierter im Ausdruck als Hähnel. Er verfügt über ein breiteres Gestaltungsspektrum.

Thematisiert wird die Lebensgeschichte des umstrittenen Ländereibesitzers Johann August Suter, der 1834 aus der Schweiz nach Amerika ausgewandert war und als „Kaiser von Kalifornien“ zu zweifelhaftem Ruhm kam. Als auf seinem Boden Gold entdeckt wurde, löste das den sagenhaften Goldrausch aus, dem Suter, der auch Sklaven hielt, selbst mit eigenen Soldaten nicht mehr Herr werden konnte. Er verlor seinen Besitz und starb 1880 völlig verarmt in Washington. Eine Geschichte, die Schriftsteller und Regisseure in ihren Bann zog. Eisler und Ottwalt nutzten sie für eine scharfe Kapitalismus-Kritik. Ergänzt wird das Programm der neuen CD mit Ausschnitten aus diversen Bühnen- und Filmmusiken, darunter Die letzte Nacht (1929/1930), Kamrad Kasper (1932) und Draw the Fires, die englische Fassung des Theaterstücks „Feuer aus den Kesseln“ von Ernst Toller. Vier Lieder für Arbeitermütter, die 1932 entstanden, das Lied „Die Spaziergänge“ aus dem Film Kuhle Wampe von 1932, der „Fallada“-Song aus der Märchenrevue Es war einmal singt Gisela May. Die im Dezember des vergangenen Jahres verstorbene Sängerin war 1957 von Hanns Eisler entdeckt und gefördert worden. Barbara Ranke

Leidenschaft und lange Beine

 

Eines Tages rief mich eine Freundin an, mit der ich unzählige Stunden bei Musik verbracht hatte: „Schalt‘ das Fernsehen ein. Diesen Sänger musst du hören und sehen!“ Ich schaltete – hörte und sah Philippe Jaroussky. Zum ersten mal. Das ist ewig her, und ich weiß auch nicht mehr, was er sang. Das alles klingt jetzt nach Jugenderinnerung. Doch ganz so schlimm ist es nicht. Wenngleich, ein bisschen schon. Jaroussky hat seine Karriere von zwanzig Jahren begonnen. Im Leben eines Sängers ist das eine lange Zeit, zumal er nicht als Chorknabe in Erscheinung trat. Dem Anlass hat Erato gemeinsam mit Warner ein Album mit drei CDs gewidmet (0190295375553). Unter dem Titel Passion sind im wesentlichen Ausschnitte aus seinen bisher erschienen Einspielungen zusammengefasst. Wenn man so will, haben wir es mit einer schmalen Ausgabe gesammelter Werke dieses Sängers zu tun.

Wer dessen nähere Bekanntschaft bisher nicht gemacht haben sollte, ist mit dieser Auswahl sehr gut bedient. Im Idealfall folgt daraus eine intensive Beschäftigung. Die originalen Recitals sind greifbar und werden auch im Booklet vorgestellt. Jaroussky hat ein einnehmendes Wesen. Vornehmlich auf dem Konzertpodium verbreitet er Demut vor der Musik, die er gerade vorträgt. Ist er mit einem Ensemble unterwegs, versteht er sich als dessen Teil. Eher tritt er hinter die Kolleginnen und Kollegen zurück, als dass er sich in den Vordergrund schiebt. Nach Vorstellungen mit kräftezehrenden Zugaben, die sich der aufgeputschte Saal erzwang, habe ich ihn oft am Autogrammtisch im Gespräch mit seinem Publikum gesehen. Immer freundlich, stets nach den Namen fragend, um sie mit der eigenen Unterschrift in eine wenn auch flüchtige Beziehung zu setzen, als sei man befreundet. Das kommt an. Philipp Jaroussky ist immer auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern. Dabei betätigt er sich auch musikwissenschaftlich. In unserem Onlinemagazin Operalounge sind Konzerte und zahlreiche CDs, die in dem neuen Album zumindest gestreift werden, besprochen worden. Drei Beispiele dokumentieren die Vielseitigkeit des französischen Countertenors:

 

La storia di Orfeo (Erato 0190295851903). Diese CD enthält Szenen aus drei der bedeutendsten Opern, die sich der Geschichte des Sängers aus der griechischen Mythologie angenommen haben: L’Orfeo von Claudio Monteverdi und Antonio Sartorio sowie Orfeo von Luigi Rossi. Gemeinsam ist ihnen auch die Entstehungszeit im siebzehnten Jahrhundert. Jaroussky hätte zig CDs mit Ausschnitten aus thematisch einschlägigen Werken produzieren können. Allein bis 1798 sind mindesten fünfzig Opern nachweisbar. Der Stoff hat auch in den folgenden Jahrhundert Komponisten nicht losgelassen bis hin zu Ernst Krenek (1926), Philip Glass (1993) und Ricky Ian Gordon (2005). Ende offen. Auf der Basis der drei Werke hat Jaroussky „eine Art Mini-Oper zusammengestellt“, wie er im Booklet schreibt. Es handele sich um „eine Kantate für zwei Stimmen und Chor, in deren Zentrum sich wieder nur die beiden Protagonisten, Orpheus und Eurydike befinden“. Jede Oper vertiefe mehr oder weniger einen Aspekt der Geschichte. Sartorio und Rossi würden dem Glück des verliebten jungen Paares Raum geben, ebenso der Szene mit dem Schlangenbiss, der Eurydike den Tod bringt. Monteverdi konzentriere sich auf die Suche nach Eurydike in der Unterwelt, die in einer Arie gipfele, dem zauberhaften „Possente spirito“. Der Sänger nennt diese Arie einzigartig in der Geschichte der Oper und greift damit die gängige Expertenmeinung auf. Orfeo beschwört darin den sagenhaften Fährmann Charon, ihn, den Toten gleich, in die Unterwelt zu geleiteten, wo er die Gattin wiederfinden will. Denn er sei ja selbst tot, habe kein Herz mehr, nachdem ihm die geliebte Gattin gestorben sei. Jaroussky gibt sich demütig mit der Feststellung, dass er die Arie „hier mit Countertenor-Stimme zum ersten Mal auf CD zu singen wage“. Ist es geglückt? Ja. In Anbetracht die vielen Aufnahmen, die Jaroussky im Laufe seiner Karriere vorgelegt hat, fällt eine Bewertung zwar nicht leicht. Ich scheue mich aber nicht, von einer seiner besten Leistungen zu sprechen. Gesanglich und interpretatorisch. Viel mehr geht nicht. Orfeo scheint wirklich nicht mehr von dieser Welt. Daran hat das begleitende Schweizer Kammerorchester, die Barocchisti, mit seinem dunklen Klängen erheblichen Anteil. Es ist auf Barockmusik und historische Aufführungspraxis spezialisiert und wird von Diego Fasolis geleitet. Große Aufgaben sind dem Chor übertragen worden. Sie werden vom Coro della Radiotelevisione aus der italienischen Schweiz mit Delikatesse erfüllt. Partnerin von Jaroussky ist die ungarische Sopranistin Emöke Baráth. 1985 geboren, begann sie ihre Ausbildung an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, die sie später am Luigi-Cherubini-Konservatorium in Florenz fortsetzte. Mehrfach preisgekrönt, widmet sie sich vornehmlich Barockopern und Oratorien dieser Zeit. Auch mit Liederabenden tritt sie hervor und legte bereits etliche Einspielungen vor. Beide singen Duette, die Sopranistin ist aber auch einzeln zu hören, so mit der berührenden zweigeteilten Szene „Orfeo tu dormi / Se desti pieta“ aus der Sartorio-Oper. Es hätte auch mehr sein dürfen von ihr. Platz dafür wäre auf der mit nur vierundsechzig Minuten gefüllte CD gewesen.

 

Green – Mélodies françaises: Philippe Jaroussky ist im Café Procope eingekehrt. In dieser CD spielt dieses berühmte Pariser Etablissement im Quartier Latin eine wichtige Rolle: Green – Mélodies françaises sur poèmes de Verlaine. Es gibt ein Foto, das den Lyriker Paul Verlaine, der von 1844 bis 1896 lebte, im Café zeigt. Es stammt aus seinem Todesjahr. Der Dichter allein auf einem Sofa sitzend, vor ihm der Tisch mit der weißen Marmorplatte. Darauf Schreibzeug, ein nicht näher bezeichnetes Getränk, reichlich bemessen in Glas und Karaffe, der Stock und der Hut. Hüte auf Tischen bringen Unglück, heißt es. Für Verlaine war Unglück keine Bedrohung mehr. Seine zermürbende Liebe zu dem zehn Jahre jüngeren Arthur Rimbaud endete tragisch. Verlaine schoss auf Rimbaud und musste dafür ins Gefängnis. In dieser Zeit entstanden die „Romances sans paroles“, die Lieder ohne Worte. Den Titel der Sammlung soll Verlaine bei Mendelssohn entliehen haben. Green ist ein Gedicht draus. „Hier siehst du Blätter, Früchte, Blumenspenden / und hier mein Herz, es schlägt für dich allein. / Zerreiß es nicht mit deinen weißen Händen / lass dir die kleine Gabe teuer sein.“ Verlaine gilt als typischer Vertreter des Symbolismus. Jaroussky hat die Wahl, kann sich an dem reichen Werk bedienen – und ist fündig geworden für sein Album, das aus zwei CDs besteht (Erato 0825646166954). Green ist gleich in drei verschiedenen Varianten vertreten – von Gabriel Fauré, André Caplet und Claude Debussy, der dem Dichter übrigens als Kind zufällig begegnet war. Caplet nimmt sich mit mehr als drei Minuten doppelt so viel Zeit wie Fauré, der eine Minute einundvierzig braucht. Debussy liegt mit zwei Minuten sechzehn dazwischen. Caplet (1878-1925) wiederholt die letzte Zeile „… und lass mich, da du schläfst ein wenig ruhn“. Bei ihm klingt das Lied zudem mit einem Nachspiel aus. Allein deshalb hinterlässt es die größere Wirkung.

Der Dichter Paul Verlaine 1896 im Café Procope im Pariser Quartier Latin/ Wki.

Wie Green werden viele der insgesamt zwanzig ausgewählten Gedichte Verlaines in bis zu drei unterschiedlichen Vertonungen dargeboten. Darin besteht ein großer Reiz. Der Dichter hat auf Komponisten eine starke Anziehungskraft ausgeübt. Kaum ein anderer ist in Frankreich ist so oft vertont worden wie er. Jules Massent fühlte sich genauso inspiriert wie Camille Saint-Sains, Arthur Honegger, Ernest Chausson oder Reynaldo Hahn. Die Stile wechseln wie die Komponisten jünger werden. Das Verbindende ist die Sprache, die für sich genommen ein unverwechselbares Flair entfaltet. Benoit Duteurtre zitiert in seinem lesenswerten Essay im Booklet den Dichter René Chalupt aus einer Studie von 1949: „Das Originelle an Verlaine war, dass er in seinen Gedichten eine neue Musik hören ließ. Musikalisch ist der Auftakt des Albums einschmeichelnd, fast verführerisch. „Im alten einsamen Park, wo es fror, / traten eben zwei Schatten hervor. / Ihre Augen sind rot, ihre Lippen erblassen, / kaum kann man ihre Worte fassen“, lauten die ersten Zeilen von „Colloque sentimental“ in der Komposition von Léo Ferré (1916-1993). Ferré war einer der erfolgreichsten Chansonniers des 20. Jahrhunderts, der auch selbst komponierte. Seine Platten und seine Konzerte im Pariser Olympia sind Legende. Vom Streichquartett wird die Melodie aufgenommen, die das Klavier vorgibt. Jaroussky zieht seine Zuhörer auf einen Schlag tief in dieses Repertoire hinein, das er seinen „geheimen Garten“ nennt. Man kommt nicht davon los, bleibt dabei. Das Album schließt nach knapp zwei Stunden mit Colombine, von Georges Brassens in Töne gesetzt. Brassens, der bis 1981 lebte, war nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller und Dichter, sondern machte sich ebenfalls als Chansonnier einen Namen weit über die Grenzen seiner französischen Heimat hinaus.

 

Mit Sacred Cantatas (Erato 08256 46491599): Mit diesem Album ist der Countertenor bei Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann angekommen. Er hatte sein erstes deutsch gesungenes Programm vor Publikum in Berlin ausprobiert. Jaroussky war 2015 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt Artist in Residence. Er liebt Berlin, wie er in Interviews immer wieder bekundet. Ihm nimmt man das ab. Berlin sei so ganz anders als andere Städte in Deutschland, so der Weitgereiste in einem ihm gewidmeten Beitrag im einschlägigen Saisonheft des Konzerthauses. „Es ist die perfekte Stadt für Kunst und Künstler. Nicht zu teuer, frei und wenig reglementiert. Kunst ist hier lebendig.“ Inzwischen sind Auftritte in Berlin so etwas wie Heimspiele. Mit dem Freiburger Barockorchester, das ihn auch in Berlin begleitete, wurde die Aufnahme produziert. Jaroussky beginnt mit Bachs „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“. Er hat auf der CD weitestgehend hinter sich gelassen, was vor Publikum nicht ganz optimal ausgefallen war. Die Stimme ist nicht mehr so unstet, tiefe Töne haben einen besseren Sitz, Verblendungen sind perfekter. Mit der Wortverständlichkeit, die bei diesen Kantaten unabdingbar ist, weil sie vom Wort her kommen, hapert es nach wie vor. Bei der Telemann-Kantate „Der am Ölberg zagende Jesus“ fand und findet Jaroussky zu seinen phänomenalen Möglichkeiten zurück. Dies dürfte auch daran liegen, dass Telemann weniger streng klingt als Bach. Opernhafte Züge mit schwungvollen musikalischen Einschüben sind allgegenwärtig. Jaroussky betont sie ausdrücklich, denn sie kommen ihm entgegen. Dieser Eindruck vermittelte sich auch bei der Passionskantate „Jesus liegt in letzten Zügen“, die ebenfalls von Telemann stammt. In diesem Werk gibt es mit der Arie „Mein liebster Heiland“ einen Höhepunkt, dem Jaroussky in der Bach-Kantate „Ich habe genug“ noch einen hinzu gibt. Mit der Arie „Schlummert ein, ihr matten Augen“ lässt er vieles vergessen, was an kritischen Einwänden vorzubringen ist.

Diese Bach-Kantate findet sich auch auf einer DVD, die dem CD-Album beiliegt und es etwas teurer macht. Mit dieser Kopplung setzt sich dieses Album von anderen Produkten mit ähnlichen Programmen zusätzlich ab. Jaroussky drückt Bach und Telemann ohnehin schon seinen eigenen Stempel auf. Nicht aus Eitelkeit, sondern nach Maßgabe seiner individuellen stimmlichen Möglichkeiten, die bei jeder Musik, die er singt, als unverwechselbares Markenzeichen durchschlagen. Er ist immer auf Anhieb zu erkennen. Ob deutsche Komponisten für ihn eine weitere Option sind, oder ob es bei einer Episode bleibt, muss sich erst zeigen. Entschieden ist offenbar nichts. Jedenfalls ist auch die DVD ein Zeugnis der Annäherung. Der schnörkellose Produktionsraum, die Musiker in schlichter Kleidung. Technik. Mikrofone, Kabel, Pulte statt Kronleuchter und Polsterstühlen. Mitten drin Jaroussky als Teil eines anstrengenden kollektiven Bemühens um Bach.

Jaroussky wäre nicht Jaroussky, hätte er nicht auch einige Neuigkeiten in diesem der Rückschau gewidmeten Album zu bieten. Für Januar 2020 ist eine CD mit Liedern von Franz Schubert angekündigt. Diese Neuerscheinung wird von einer Konzertreihe durch zahlreiche Städte begleitet. Vorab zu hören sind schon mal „Du bist die Ruh“ und „Ständchen“. Begleitet von Jerome Ducros entwickelt er eine ganz eigene musikalische Linie. Führt sie in höhere Lagen, müssen auch schrille Töne hingenommen werden, die schwerlich als Eigenart der Interpretation abzutun sind. Jaroussky wird älter. Er hat die vierzig überschritten. „Selbst nach all den Jahren ist meine Leidenschaft für die Musik nicht kleiner geworden, und ich hoffe, sie noch lange mit Ihnen teilen zu können“, schreibt er im Booklet. Das wünscht wohl auch sein Publikum. Rüdiger Winter

 

Das Foto oben ist Teil einer Porträtfolge von Simon Fowler / Erato – Warner Classics. im Booklet der Neuerscheinung.  

CD-Debüt mit Loewe & Co.

 

„Herr Oluf reitet spät und weit / Zu bieten auf seine Hochzeitleut …“ Auf Hochzeitleut bieten? Ein Blick in das Deutsche Wörterbuch der Grimms offenbart den Sinn der schönen Wendung, die Johann Gottfried Herder in die Übersetzung der Ballade unbekannter Herkunft aus dem Dänischen hat einfließen lassen. Sie findet sich in dem Wort Aufgebot wieder, mit dem eine Hochzeit noch heute in den Standesämtern öffentlich bekanntgegeben wird. Herr Oluf will sich also vermählen, trifft aber – was nicht vorgesehen ist – bei seiner Ankündigungstour auf Erlkönigs Tochter, deren Zauber er gar zu schnell unterliegt. Er ist anfällig. Und am Hochzeitstage selbst, als bereits Met und Wein gereicht werden, fehlt er. Die Verwunderung währt nicht lange. Herr Oluf ist als Toter heimgekehrt. Carl Loewe hat die Ballade „Herr Oluf“ 1821 im Alter von fünfundzwanzig Jahren komponiert. Sie ist also ein Frühwerk und gehört neben „Treuröschen“ und „Walpurgisnacht“ zu den Drei Balladen op. 2. Darin offenbart sich sein außergewöhnliches dramatisches Talent. Namhafte Sänger in großer Zahl haben sich ihr gewidmet, darunter Josef Greindl, Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Thomas Quasthoff, Robert Holl, Kurt Moll, Thomas Hampson und wie sie alle heißen.

Jetzt ist Konstantin Krimmel hinzugekommen. Er hat das Stück ins Programm seiner Debüt-CD Saga aufgenommen, die bei Alpha Classics (Alpha 549) erschien. Von Loewe gibt es mit „Tom der Reimer“, „Erlkönig“ und „Odins Meeresritt“ noch drei weitere Zugnummern, die ohne künstlerisches Zutun allerdings nicht automatisch zum Selbstläufer werden. Vielmehr muss der Sänger gerade bei den populären Stücken darauf achten, etwas zu geben, was die Vorgänger so noch nicht angeboten haben. Bei Krimmel höre ich eine feine Dramaturgie. Er baut Spannung auf, indem er innerhalb einzelner Stücke sehr geschickt mit dem musikalischen Fluss und dem Rhythmus arbeitet. Mal hält er inne, mal zieht er an. Am Beginn ist oft noch nicht klar, wie es endet. Es ist, als ob sich Handlungen erst während des Vortrages entwickeln. Selbst wer die literarischen Vorlagen genau kennt, bleibt gespannt, wie es weitergeht. Mir ist es so ergangen. Pausen zwischen Versen und Gedanken werden genauso zum Ausdrucksmittel wie Interpunktionen. Dabei hat Krimmel in Doriana Tchakarova am Flügel eine versierte Partnerin, die seinen Intentionen folgt, zugleich aber auch eigene Akzente setzt. Die beiden sind ein ideales künstlerisches Paar.

Der Sänger ist grade mal sechsundzwanzig Jahre alt. Ganz so jung klingt er nicht. Vielmehr wirkt die Stimme des Baritons mit rumänischen Wurzeln ziemlich fest, kerngesund und belastbar. Er hat ein breites Ausdrucksspektrum zur Verfügung. Er weiß, was er singt. Krimmel erfasst die dichterische Struktur der Balladen genau. Er baut seine Interpretation vom Wort her auf. Dafür hat er mit der akribischen Deutlichkeit des Vortrags die denkbar besten Voraussetzungen. Bei ihm sind – um ein Beispiel zu benennen – die Hochzeitleut am Beginn der Ballade von Herrn Oluf wirklich Hochzeitleut und keine Hochzeit(s)leut. Authentischer habe ich Loewe in jüngster Zeit nicht gehört. Schon gar nicht aus so jungem Munde. Man könnte mitschreiben, was er singt. Der Abdruck der Texte im umfänglichen Booklet wirkt da fast schon wie Hohn.

Loewe, wenngleich mit vier Balladen bevorzugt bedacht, ist nur eine von vier Säulen des Albums. Daneben sind Franz Schubert mit „Der Zwerg“, „Gruppe aus dem Tartarus“ und „Prometheus“, Robert Schumann mit „Belsatzar“, „Die feindlichen Brüder“ und „Die beiden Grenadiere“ zu hören. Zugleich kann das Publikum seine Bekanntschaft mit Adolf Jensen auffrischen, der 1837 in Königsberg geboren wurde und 1879 in Baden-Baden starb. Er wurde von Liszt gefördert, studierte beim Niels Wilhelm Gade in Kopenhagen und war mit Brahms befreundet. In seinem Schaffen sind Lieder der größte Posten. „Murmelndes Lüftchen“ wurde auch Elisabeth Schwarzkopf aufgenommen. „Waldgespräch“, bei den Krimmel dramatisch etwas überzieht, schafft eine interessante Verbindung zu Schumann, der das Eichendorff-Gedicht in seinen berühmten Liederkreis op. 39 aufnahm. Zwischen beiden Kompositionen liegen aber Welten. An die geheimnisvolle Stimmung, die Schumann schafft, kommt der hochdramatische Jensen, von dem noch „Die Braut“ und „Rübezahl“ im Angebot sind, nicht heran. Rüdiger Winter

Winterreisen

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Franz Schuberts Winterreise ist längst keine Tabuzone für Interpreten mehr. Der katalanische Opernsänger Xavier Sabata sagt: „Warum sollte nicht auch ein Countertenor dieses Werk singen dürfen, wenn es ihm gelingt, die tiefen inneren Konflikte, Gefühle und Bedeutungen des Stückes herauszuarbeiten?“ Nach seiner Beobachtung fühlten sich viele Menschen wohl, wenn sie etwas in eine bestimmte Schublade stecken könnten. Das könne vielleicht sogar eine gewisse Sicherheit vermitteln. „Aber Musik oder Kunst darf man kein Label aufkleben.“ Sabata hat jetzt bei Berlin Classics seine Winterreise vorgelegt (0301309BC). Begleitet wird er von Francisco Poyato. Die Aufnahme entstand im Sommer 2019 in Zusammenarbeit mit SWR2. Der Sender stellte sein Studio in Kaiserlautern zur Verfügung und knüpft damit an eine lange und ergebnisreiche Tradition beim Südwestrundfunk an, Sänger zu fördern und bekannt zu machen. Sabata ist kein Neuling. Auf dem Gebiet der Barockmusik hat er sich einen Namen gemacht. Davon zeugen auch etliche CD-Produktionen. Neu ist die Erweiterung seiner Repertoires. Bei der Winterreise dürfte es nicht bleiben.

In dem im Booklet abgedruckten Interview mit Angelika Völkel, dem auch die vorangegangenen Äußerungen entnommen sind, bekennt er sich auch dazu, ein „Freund des Entdeckens“ zu sein. Zweifel und Bedenken sind seine Sache nicht. Sonst hätte er sich wohl nicht auf die Winterreise einlassen können, bei der jedem Solisten und jeder Solisten ein Gebirge von berühmten und weniger berühmten Vorgängern im Nacken sitzt. Wenn er die Winterreise singe, dann wolle er „dieses Wesen verstehen, das sich mitteilen will. Mir geht es dann nicht darum, eine perfekte Gesangstechnik abzuliefern“. Davon ist die Einspielung tatsächlich weit entfernt. Mitunter singt er wie mit zwei Stimmen, nämlich immer dann, wenn er nach unten geht. Daran muss man sich erst gewöhnen. Sein Deutsch ist im Großen und Ganzen sehr gut. Für deutsches Liedgut aber nicht gut genug. Bei etwas mehr Sorgfalt würde die Aussprache perfekter sein. Der „Lindenbaum“ ist kein Lintenbaum. „Ich schnitt in seine Rinde“ klingt wie „Ich schnitt in seiner Rinde…“ Solcherart sind die störenden Details, die hätten ausgefeilt werden können. Da Zeug dafür hat der Sänger. Er wirkt auch als Schauspieler. Sabata verlangt seinen Hörern einiges ab. Die müssen den Zyklus schon sehr gut kennen, um ihm inhaltlich folgen zu können. Seine Interpretation halte ich nicht unbedingt für geeignet, um das Werk kennenzulernen. Sie erweitert aber das Ausdrucksspektrum, und ist ja schließlich auch ein Wert für sich. Ich bleibe gespannt.

Das Cover könnte einem Fachbuch über Depressionen entnommen sein. Tief in sich versunken stützt ein Mann seinen Kopf auf eine Hand. Sein Blick geht ins Leere. Er scheint am Ende. Ohne Hoffnung. Ohne Ausweg. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus.“ Mit dem düsteren Foto wird eine neue Winterreise von Franz Schubert illustriert, die bei Orfeo erschienen ist, gesungen von Pavol Breslik (C 934 191). Ob es sich bei der dargestellten Person um den Sänger selbst handelt, bleibt unbestimmt. Es ist auch nicht so wichtig wie die Botschaft, die davon ausgehen soll. So düster und verloren, wie das Cover erwarten lässt, hebt der Zyklus „schauerlicher Lieder“ – so soll sich Schubert selbst ausgedrückt haben – dann doch nicht an. Was zuvorderst auffällt, ist der Klang. Die Stimme scheint von etwas weiter her zu kommen, und es wird dem Zuhörer, der es nicht vorab nachgelesen hat, alsbald klar, dass es sich um eine Liveaufnahme handelt, mitgeschnitten zwischen dem 5. und 7. September 2018 im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems. Dessen Akustik genießt international einen guten Ruf und wird vor allem von Freunden des Liedgesangs und der Kammermusik geschätzt.

Für die Aufnahme sind offenbar nicht alle technischen Möglichkeiten genutzt worden. Sie klingt zu hallig, manchmal sogar hart. Wären einige Publikumsgeräusche beibehalten worden, es hätte dem Eindruck nicht geschadet. Dann wäre diese Winterreise noch deutlicher als das kenntlich, was sie letztlich ist – ein bemerkenswertes Live-Ereignis, bei dem nicht alles perfekt gelingt weil auch die Spontaneität zu ihrem Recht kommen will. Breslik, der am Flügel von Amir Katz begleitet wird, bringt viel von der Dramatik und den Stil ein, die er für seine Auftritte auf den Opernbühnen in aller Welt braucht. Nicht immer ist die Höhe stabil. Mit Fortschreiten des Werkes – etwa beim Lied „Einsamkeit“ auf der Hälfte – kommt der Opernsänger immer mehr durch. Das ist kein Manko. Im Gegenteil. Es macht für mein Empfinden sogar den besonderen Reiz der Interpretation aus. Breslik hatte nach eigenem Bekunden „von Anfang an großen Respekt“ vor der Winterreise, denn sie verlange ihrem Erzähler alles ab, sagt er in einem Gespräch mit seinem Pianisten, das im Booklet abgedruckt ist. „Zuerst hatte ich Bedenken, ob eine Tenorstimme dafür gut geeignet ist, und diese Zweifel habe ich immer wieder.“ Eigentlich ist das ganz gut so, denn der Zweifel ist bekanntlich nicht der schlechteste Ratgeber für einen Sänger, der es von Mal zu Mal noch besser machen will.

„Vom Abendrot zum Morgenlicht ward mancher Kopf zum Greise.“ Mit dieser Zeile wird in Schuberts Winterreise der dritte Vers des Liedes „Der greise Kopf“ eingeleitet. Die Grafiker des Booklets der neuesten Aufnahme des Zyklus von Ian Bostridge bei Pentatone haben das etwas zu wörtlich genommen (PTC 5186 764). Mit Hilfe eines Computerprogramms ließen sie den englischen Tenor und seinen Begleiter Thomas Adès auf dem Deckblatt drastisch altern. Sie sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ausgemergelt und ausgezehrt – als hätte sie selbst die strapaziöse Winterreise hinter sich. Ein gewisser Mut gehört dazu. Nur, muss das sein? Erschließt sich das? Sollte nicht vielmehr die künstlerische Qualität statt eines solchen Gags für eine Neuerscheinung einnehmen? Wie dem auch sein, ein Hingucker ist das in Sepia gehaltene Album allemal.

Wie Bostridge in seinem Einführungstext herausstellt, ist die Winterreise seit drei Jahrzehnten zentraler Bestandteil seines musikalischen Lebens. Er hat sie bereits zweifach aufgenommen, einmal davon als Film – bei Warner Classics in einer Box mit Müllerin und Schwanengesang herausgekommen (0825646204182). Diesmal war ihm vor allem die inspirierende Zusammenarbeit mit Adès, der eher als Komponist hervorgetreten ist, Anlass, sich abermals im Studio auf das Werk einzulassen. In der Tat wird die Aufnahme stark, gar gleichberechtigt, vom Klavier her geprägt. Adès setzt starke Akzente. Es überlässt der Singstimme nicht das Feld, sondern trägt seinerseits dazu bei, für jedes Wort, jeden Gedanken oder jedes Gefühl einen eigenen Ausdruck zu suchen und gleichzeitig immer wieder mit dem Sänger zusammen zu finden. Keiner von beiden macht sein eigenes Ding. Darin liegt die Stärke der Aufnahme. Die Stimme von Bostridge ist nicht schöner geworden. Für die Winterreise muss das auch nicht zwingend sein. Auch sein Deutsch ist nicht besser geworden. So schleichen sich viele Ungenauigkeiten ein, die nicht mehr als individueller Ausdruck durchgelassen werden können.

An der Verknüpfung von Sprache und Musik ist bei seiner Winterreisen-Aufnahme dem 1983 in Böblingen geborene Bariton Johannes Held gelegen. Er ist neben seinem Sängerberuf auch als Sprecher tätig. Gemeinsam mit dem Pianisten Daniel Beskow tritt er regelmäßig in einem szenischen Winterreisen-Projekt auf. „Die Vermeidung des Körperlichen im Liedgesang und der Wunsch der Wächter über die Gattung, nur die Stimme für den Ausdruck zu nutzen, waren mir immer suspekt, und ich wollte herausfinden, welche expressiven Möglichkeiten Schuberts Lieder offenbaren, wenn man sich erst einmal traut, das seit den 50er Jahren gebräuchliche Format zu überwinden“, so Held. Mit seinem Begleiter sei er sich darüber im Klaren gewesen, dass „wir damit nicht nur auf Gegenliebe stoßen würden“. Die dabei gesammelten Erfahrungen sind nun in eine klassische Studioeinspielung eingegangen, die bei ARS Produktion erschienen ist (ARS 38 562). Damit seien sie am Ende wieder Anfang angekommen, „bei der Musik von Schubert und den Gedichten von Wilhelm Müller. Denn bei aller Suche nach einem neuen Format wollten wir doch immer dem Text treu sein“. Das hört man denn auch. Sogar sehr stark. So stark, dass die Musik gelegentlich in den Hintergrund zu geraten droht. Held singt sehr genau und deutlich. Und so offenbart sein Vortrag denn auch die Schönheiten der Müllerschen Lyrik, was einen Wert für sich darstellt und die Neuerscheinung mit einem besonderen Reiz ausstattet.

Aber seit wann besteht die Winterreise denn aus fünfundzwanzig einzelnen Nummern? Im Original sind es doch nur vierundzwanzig. Genau hingesehen – und hingehört, wird das erste Lied „Gute Nacht“ zunächst instrumental vorgetragen, ganz zum Schluss dann gesungen wiederholt. Der Kanadier Philippe Sly legt bei Analekta (AN 2 9138) eine Adaption für Bassbariton, Klarinette, Posaune, Akkordeon, Violine, Klavier und Drehleier vor. Angesichts der Fülle traditioneller Einspielungen haben sich Bearbeitungen inzwischen als eine ernst zu nehmende Möglichkeit etabliert, der Interpretation neue Perspektiven zu eröffnen. Sly geht ziemlich radikal ans Werk, ohne Schubert zu beschädigen. Dessen musikalische Erfindungen bleiben weitgehend unangetastet, Bearbeitung ist Zugabe, nicht Reduktion. Der junge Sänger und sein Ensemble Le Chimera Projekt scheinen herausfinden zu wollen, welche Wirkung diese vor fast zweihundert Jahren entstandenen Lieder heutzutage entfalten können. Es ist, als ob sie ein Update Schuberts mit der Gegenwart vollziehen. Tempoverschiebungen verstärken eine im Werk angelegte Gangart, die immer wieder ins Nichts zu führen droht. In dieser Interpretation ist die innere Reise durch das Eis noch gefährlicher und aussichtsloser. Einzelne Wörter werden sängerisch regelrecht seziert. Es drängt sich die Frage auf, ob die Sprache des Dichters überhaupt auszudrücken vermag, was dem Werk innewohnt. Es klingt nie schön. Dabei hätte Philippe Sly durchaus das Zeug für einen traditionellen Vortrag mit Klavierbegleitung. Dafür müsste er allerdings an seinem Deutsch arbeiten. In der vorliegenden Aufnahme wirkt sein Akzent als Ausdrucksverstärker für Fremdheit und Isolation.

Eine Diskographie der Winterreise ist mir nicht bekannt. Dabei täte sie Not. Es gibt Verzeichnisse von Operneinspielungen, sogar mit Kommentaren. Bedeutende Sänger sind mit ihren Aufnahmen, darunter auch Lieder, in der Regel auch gut diskographisch dokumentiert. Einen Redaktionsschluss kann es dabei nicht geben, denn es kommen immer neue Titel hinzu. Bei der Winterreise müssen Sammler ihre Bestände, die eigenen Listen und das Gedächtnis befragen. Als erste komplette Einspielung gilt die des Baritons Gerhard Hüsch von 1933. Zuvor hatte es nur stark gekürzte Aufnahmen gegeben, darunter mit Richard Tauber. Einzelne Lieder tauchen bereits früher in den Katalogen auf. Eine besondere Vorliebe scheint es für den „Leiermann“, das letzte Lied der Winterreise, gegeben zu haben. Er wurde 1910 sogar schon in St. Petersburg von Lev Sibiriakov, einem Bass, in russischer Übersetzung aufgenommen und kann sich noch heute hören lassen, auch wenn die Anklänge an das Idiom russischer Volksmusik nicht zu leugnen sind.

Ödnis und Leere. Es marschiert. Erst nach und nach lösen sich aus einer Ansammlung von Geräuschen Klänge heraus, die ihre Herkunft nicht verleugnen können – und wollen. Der Komponist und Dirigent Hans Zender hatte 1993 eine – wie er es nennt – komponierte Interpretation von Schuberts Winterreise vorgelegt, die sich im Konzertbetrieb etabliert hat. Der Tenor Julian Prégardien bietet bei Alpha-Classics.com die neueste Aufnahme an (Alpha 425). Schon sein Vater Christoph Prégardien hatte sich des Werkes angenommen. Liedgesang liegt in der Familie. Ich habe diese Version der Winterreise noch nie live gehört, kann mir aber gut vorstellen, dass sie unter diesen Bedingungen noch wirkungsvoller sein dürfte als aus Lautsprechern. Wer gute Kopfhörer zur Verfügung hat, wird noch mehr raffinierte Details entdecken. Es geht sehr dramatisch zu. Aus der introvertierten Zwiesprache des Sängers mit dem Klavier in der Originalfassung wird über weite Strecken ein sehr bildhaftes und expressives Theaterstück, in dem Passagen sogar gesprochen werden. Dadurch erfährt die Textvorlage von Wilhelm Müller eine stärkere Betonung. Das „small orchestra“ – die Deutsche Radiophilharmonie unter der Leitung von Robert Reimer – klingt so klein nicht. Streicher, Holzbläser, Horn, Trompete, Saxophon und diverses Schlaginstrumentarium entfalten mitunter mächtige Wirkungen, die es ratsam erscheinen lassen, den Klangregler am Abspielgerät zurückzudrehen. Gitarre und Akkordeon setzten traditionelle, volksliedhafte, mitunter gar rührende und zu Herzen gehende Akzente. Zender malt mit Tönen. Wenn – um nur ein Beispiel zu nennen – im Lied „Wasserflut“ die Tränen des unglücklichen Wanderers in den Schnee fallen, die Flocken das „heiße Weh“ einsaugen und „das Eis zerspringt in Schollen“, wird zu musikalischen Mitteln gegriffen, welche die Nähe zum Winter in Vivaldis Jahreszeiten nicht verleugnen können. Im Booklet, das auch einen Text von Zender enthält, wirft der Musikwissenschaftler Thomas Seedorf mehrere Fragen auf: „Wie soll man sich die Gestalt des Wanderers vorstellen? Ist er ein junger Mann oder durchläuft er eine Midlife-Krise? Erlebt er das, was er besingt, in der Realität oder nur in seiner Phantasie? Und wie ist mit Schuberts Musik umzugehen? Muss sie vor allem schön gesungen werden? Oder darf sich der Sänger auch erlauben, die Schönheit aufzurauen, Brüche und Risse hörbar werden lassen?“ Prégardien junior versucht sich in künstlerischen Antworten und schlägt sich dabei vortrefflich. Bei dieser Winterreise kann es nur von Vorteil sein, wenn der Sänger jung ist. Bei der Aufnahme war er gerade mal zweiunddreißig. Dadurch wird die Geschichte für mich glaubhafter. Schließlich ist der Vortragende in dieser Version des Zyklus nicht nur Interpret, er ist auch Darsteller. Prégardien geht es nicht um Schöngesang. Er will das Werk erfahrbar machen und greift dabei auch zu verfremdenden, charaktervollen, ja grellen Einwürfen.

Der Tenor Werner Güra beginnt seine Winterreise ausgesprochen verhalten. Tastend und ängstlich. Als wolle er nicht hinaus in diese Dunkelheit, wo „der Weg gehüllt in Schnee“ ist. Die Winterreise als Vorstellung, als Projektion. Güra lotet die einzelnen Worte und die Noten aus. Er verliert sich in Details, schmückt sie fast masochistisch aus. Die Aufnahme entstand bereits 2009 und wurde von harmonia mundi neu aufgelegt (HMA 1902066). Schon dieses höchst individuellen Einstiegs wegen ist das gerechtfertigt. Reinen Schöngesang verbietet sich Güra ausdrücklich, obwohl er dazu bekanntermaßen in der Lage ist. Alles wird Ausdruck. Lyrische Passagen, an denen auch in diesem Zyklus kein Mangel ist, klingen ehr herb, ja hart. Manches wird  fast gesprochen. Seine betont andersartige Interpretation gelingt Güra nur, weil er jedes Wort absolut verständlich herüberbringen kann. Gewisse Stellen, die im ersten Eindruck als verbesserungswürdig erscheinen, entpuppen sich im selben Moment als nicht anders gewollt. Die Begleitung ist nicht weniger eigenwillig. Christoph Berner an einem Pianoforte von 1872 agiert in voller Übereinstimmung mit seinem Solisten und überrascht mit unerwarteten Temposprüngen. Selbst die Pausen zwischen den einzelnen Liedern scheinen unterschiedlich lang. Mal gedehnt, mal nur ein kurzes Innehalten. Von Lied zu Lied gewinnt der gemeinsame Vortrag an Fahrt. Der Zuhören wird, ob er will oder nicht, hineingezogen. Er muss mit auf diese Reise. Bis zum bitteren Ende hinterm Dorf auf dem Eis beim Leiermann. Ein Ende, das so verhalten aushaucht wie diese Winterreise begann.

Matthias Goerne hat seine vierte Winterreise vorgelegt. Nach den Audioeinspielungen mit Alfred Brendel (Decca), Christoph Eschenbach (harmonia mundi) und Graham Johnson (hyperion) ist eine Aufnahme in bewegten Bildern bei Cmajor / Unitel (738008) zu finden. Es handelt sich um die visuelle Umsetzung des Liederzyklus durch den südafrikanischen Designer und Regisseur William Kentridge beim Festival in Aix-en-Provence 2014. Mit dieser Produktion ist Goerne auch auf eine weltweite Tournee gegangen, die ihm viel Erfolg einbrachte. Kentridge ist schon in den 1980er Jahren mit Animationsfilmen über die Geschichte und die schwierigen sozialen Verhältnisse in Südafrika bekannt geworden. Damals gab es die Apartheid noch. In seiner Ästhetik wirken diese Themen bis heute nach. Auch in der Winterreise. Der Sänger und sein Pianist Markus Hinterhäuser agieren vor einer Wand, auf die mal in schneller, mal in langsamer Folge Bilder, Collagen, Sprüche, Symbole oder ein Gestrüpp geworfen wird, das an Stacheldraht erinnert. Neigungen, das Publikum belehren und agitieren zu wollen, sind unverkennbar. Nicht immer wird ein Zusammenhang mit den Liedern deutlich, vor allem dann nicht, wenn aus einer Dusche plötzlich Wasser strömt. Alles schon mal dagewesen. Auch die Friedenstaube, die durchs Bild flattert, ist in die Jahre gekommen und hat Federn gelassen. Manchmal dreht der Solist den Zuschauern den Rücken und wendet sich staunend zu den Illustration, als wollte er nachschauen, was da eigentlich hinter ihm abläuft. Was in einem Saal noch wirken mag, verpufft am Fernsehschirm, wo auch Details herausgestellt werden, die die Gesamtschau beeinträchtigen. Der eigentliche Sinn der Veranstaltung, Schuberts Winterreise neu zu deuten, gerät fast zu Nebensache. Dabei hinterlassen Goerne und sein Begleiter einen tiefen und bleibenden Eindruck, der sich den bei diesem Werk überflüssigen Ausstattungen entzieht.

Eine Text über Winterreisen, die neu oder wieder auf den Markt gelangen, kommt ohne Dietrich Fischer-Dieskau nicht aus. Zwischen dem Namen dieses Sängers und Schuberts Liedern steht so etwas wie ein Gleichheitszeichen. Fischer-Dieskau dürfte die mit Abstand meisten einschlägigen Produktionen und Mitschnitte von Schubert-Liedern hinterlassen haben, darunter mindestens achtmal die Winterreise. Stimmt diese Aufzählung, dann ist DVD-Ausgabe bei Arthaus die neunte (109317). Am Klavier sitzt Alfred Brendel. Produziert wurde die Aufnahme bereits 1979 in der prachtvollen Berliner Siemens-Villa, in der es einen eigenen Konzertsaal gibt. Ihren Mehrwert gewinnt diese Aufnahme für den ehemaligen Sender Freies Berlin (SFB) durch ihren einzigartigen Bonus. Während der Probe liefen die Kameras bereits mit, was beide Künstler zu vergessen schienen. „Das Resultat ist die Dokumentation einer völlig unbefangenen Arbeitsatmosphäre, bestimmt von persönlichem Respekt voreinander, bei gleichzeitiger großer Offenheit in der Diskussion künstlerischer Fragen“, wird im Vorspann völlig zu Recht herausgestellt. Wie kein anderer Komponist hat Schubert seine lange Karriere geprägt und er die Interpretation des Zyklus´. Der Sänger kam nie von ihm los, hat nach immer neuen Ansätzen und Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Die Ergebnisse sind bekanntermaßen unterschiedlich ausgefallen. Ich bevorzuge die frühen Aufnahmen, die mir nicht so gedankenschwer und ausgeklügelt vorkommen. Wenngleich Fischer-Dieskau auf mich stimmlich nie wirklich jung wirkt, finde ich sie freier und unbekümmerter. Seine einzigartige Begabung, stimmlich wie interpretatorisch, hat nicht erst mit der Zeit Gestalt angenommen. Sie war von Anfang an da – nachzuhören in seiner von Gerald Moore begleiteten Winterreise aus dem Jahr 1955 bei der Columbia/EMI, die nun bei Heritage, gekoppelt mit der Schönen Müllerin von 1951, aufgelegt wurde (HTGCD 288/9). Das Label spricht im Booklet von „debut recordings“. Das stimmt nur für die Studio-Aufnahme, denn die erste Radio-Aufnahme der Winterreise von Fischer-Dieskau entstand bereits 1952 mit Hermann Reutter am Klavier beim Westdeutschen Rundfunk in Köln und kam schon vor Jahren bei  Audite (95.580) heraus.

Hermann Prey empfand von Zeit zu Zeit ein „tiefes Bedürfnis, die Winterreise wieder zu singen“. Er freute sich „lange im Voraus darauf“, war gespannt, was er auf dieser Reise Neues erleben werden – nachzulesen in seinen Erinnerungen „Premierenfieber“. In dem Buch widmet er dem Zyklus von Franz Schubert ein eigenes Kapitel, gut fünfzig Seiten lang, mit Analysen und Gedanken zu allen 24 Lieder – und zwar aus der Perspektive des Sängers, nicht des Musikwissenschaftlers. Auf diesen Unterschied kam es Prey, an. Das Werk hatte er auf seinem langen erfolgreichen Weg immer bei sich – wie einen treuen Begleiter. Erstmals hat er die Winterreise 1952 öffentlich vorgetragen. 1981, als das Buch erschien, hielt er es für wünschenswert, sie dereinst bei seinem „allerletzten Konzert“ zu singen. SWR Music hat einen Mitschnitt von den Schwetzinger Festspielen 1987 herausgebracht (SWR19012CD). Begleitet wird Prey von Helmut Deutsch, mit dem er häufig aufgetreten ist. Im Booklet kommt der Pianist selbst zu Wort. Der Musikjournalist Thomas Voigt zitiert ihn in seinem sehr lesenswerten Text mit den Worten: „Die Winterreise war für ihn das Kernstücks seines Repertoires, ein Werk, für das er gebrannt hat. Er konnte ja locker vom Hocker singen, doch bei der Winterreise war er von äußerster Konzentration.“ Prey nimmt sich diesmal auffällig zurück, als wollte er seine Interpretation in sein Innerstes verlegen. Zunächst entsteht er Eindruck, als sei nicht nur der Wanderer sondern auch der Sänger müde geworden. Schließlich ging er auf die sechzig zu. In diesem Alter werden die stimmlichen Ressourcen knapper. Genau hingehört, erschließt sich der interpretatorische Ansatz, mit dem er vielleicht aus der Not eine Tugend macht, indem er die Deutung den eigenen Grenzen anpasst. Diese Müdigkeit ist im Kern Resignation und Selbstaufgabe. Prey erfasst das Ende auf dem Eise gleich im Anfang. Vom ersten Ton an ist klar, wie die Geschichte ausgeht. Das macht den Rang dieses Mitschnitts aus.

Eine andere Winterreise beginnt im Booklet mit einem Dank des Sängers für die Hilfe, die er beim Zustandekommen der Aufnahme von vielen Seiten erfahren hat. So etwas kommt selten vor. Dem Bariton Jasper Schweppe ist es ein Bedürfnis, die Produktion, die bei Etcetera (KTC 1534) herausgekommen ist, als ein Gemeinschaftswerk darzustellen, an dem nicht allein der Sänger Anteil hat. Das wirkt sympathisch. Schweppe kommt von der so genannten Alten Musik. Sein Repertoire wurzelt im gregorianischen Gesang. Monteverdi gehört ebenso dazu wie Rameau und Johann Sebastian Bach. Auch um zeitgenössische Werke macht er keinen Bogen. Nun Schubert. Gewiss nicht als Höhepunkt seiner Karriere, sondern als eine weitere Facette seiner musikalischen Vielseitigkeit und Neugier. Seine Winterreise ist anders, nämlich über weite Strecken ziemlich lakonisch. Sie verlässt den Dunstkreis der vielen berühmten und weniger berühmten Interpretationen, die auf Tonträgern nachzuhören sind. Vorbilder sind nicht auszumachen. Schweppe ist Holländer, studierte zunächst am Konservatorium in Zwolle, später in Den Haag. Sein Studium schloss er 1998 ab. Daraus lässt sich auf sein Alter schließen. Genaue Angaben finden sich nicht. Jedenfalls klingt die Stimme jung und hell. Was bei der Winterreise ein Vorteil sein kann. Schließlich geht es um die Geschichte eines jungen Mannes. Was ihm widerfährt auf seiner bedrückenden Reise ins eigene Innere, geschieht in der Jugend, nicht im Alter. Bei Schweppe wird die Vortragsperspektive nicht eindeutig klar. Identifiziert er sich als Vortragender mit der Geschichte oder berichtet er singend darüber. Letzteres unterstellt, ist es egal, welcher Generation er entstammt, ob es sich um einen Sänger oder um eine Sängerin handelt. Selten legt Schweppe einen dramatischen Gang ein, was ihn vor unangebrachten Übertreibungen bewahrt. Das Timbre ist trocken, die Höhe etwas knapp. Er singt ein vorzügliches Deutsch. Mit dem Fortschreiten des Zyklus gewinnt diese Interpretation, was auch drauf zurückzuführen sein dürfte, dass man sich an das Timbre und den Stil zu gewöhnen beginnt. Es wäre ungerecht, die Aufnahme vorschnell beiseite zu legen. Sie verdient eine zweite Chance. Und gar erst beim dritten Hören wird hinlänglich deutlich, dass Schweppe etwas Neues versucht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass er damit bei jüngeren Leuten gut ankommt. Auch wegen der Begleitung. Der japanische Pianist Riko Fukuda spielt ein Fortepiano. Dieses Hammerklavier von 1830 stammt aus der Werkstatt des berühmten deutsch-österreichischen Klavierbauers Conrad Graf.

Daniel Behle hat sich gleich zweifach an dem Zyklus versucht, einmal mit Klavier, einmal mit Begleitung eines Trios. Seine CD ist bei Sony herausgekommen (2 CD 8883788232). Obwohl ich mit Bearbeitungen gewöhnlich meine Probleme habe, hier gibt es beides: Winterreise-Original und -Bearbeitung. Das ist pfiffig. Man kann wählen, sich für die eine oder die andere Variante entscheiden. Beides mögen oder daran herummäkeln. Beginnen möchte ich mit dem Lob. Daniel Behle singt, wie er kann. Er weckt keine falschen Hoffnungen, bleibt im Rahmen seiner lyrischen Möglichkeiten. Stimmlich klingt er noch viel jünger, als er es im wirklichen Leben ist. Das überzeugt. Er ist Jahrgang 1974, hatte eine gründliche musikalische Ausbildung – auch als Komponist. Behle verzichtet auf jegliche theatralische Mittel, er bleibt ganz bei der Musik. Nur vereinzelt und wohl dosiert holt er das dramatische Werkzeug hervor. Dadurch glückt ihm seine Einspielung so gut, so diesseitig. Sie ist nicht bitter, lässt einen nicht mit Tränen zurück. Wäre eine Entscheidung gefragt, meine Wahl würde auf das Original mit Klavierbegleitung (Oliver Schnyder) fallen. Setzen in der zweiten Einspielung die zusätzlichen Instrumente ein, Violine (Andreas Jahnke), Violoncello (Benjamin Nyffenegger) und wieder Schnyder am Piano, zuckt es schon mal im Ohr. Was war denn das, durchschoss es mich beim ersten Hören. Zunächst hatte ich den Eindruck, als liege plötzlich eine ganz andere Musik auf. Und dann war mir, als mische sich ein Streichquartett über einen zusätzlichen Kanal die Winterreise hinein, so wie im Radio, wenn zwei Sender aufeinander liegen. Das dürfte beabsichtigt sein, auch in seiner mitunter verstörenden Wirkung. Im letzten Lied, dem „Leiermann“, wird gar in einem Anflug die Leier simuliert. Weil es aber wie ein Dudelsack aus der Ferne kling, gerät dieser musikalische Moment zu sehr in die Nähe von Folklore. Für mich braucht gerade dieses Lied, in dem alles erstarrt, keinerlei Zutat. Es ist das Ende.

Ein düsteres Gemäuer sucht Francisco Araiza für seine Interpretation der Winterreise auf, die ebenfalls als DVD – gekoppelt mit Robert Schumanns Dichterliebe – bei Arthaus erschienen ist (101670). Sein Mantel ist aus feinstem Zwirn. Darunter trägt er braunes Sakko, schwarzes Hemd und schwarze Hose. Araiza bleibt in der Gegenwart. Mehr als zwanzig Jahre alt ist die Produktion, bei der Jean Lemaire am Klavier begleitet. Äußerlich sieht man das auch. Da ist ein gehöriger Schuss Betulichkeit beigemischt. Für die Interpretation selbst kann ich kein Verfallsdatum ausmachen. Sie wirkt ehr zeitlos, kompakt und geschlossen. Manchmal gönnt sich Araiza einen opernhaften Anklang. Schließlich war die Oper das Hauptgeschäft des Tenors. Er nimmt sich viel Zeit. Vielleicht braucht er die auch, um sich besser zu konzentrieren auf die Gattung Lied, obwohl er ganz und gar nicht unsicher wirkt. Das Deutsch des gebürtigen Mexikaners ist perfekt. Seine Winterreise kann es mit jeder anderen Einspielung aufnehmen. Die Wirkung ist noch nachhaltiger, wenn das Bild weg bleibt. Ich habe es von Zeit zu Zeit abgestellt und hatte noch mehr Gewinn von der Aufnahme.

Winterreise mit Frauenpower! Im Booklet ihrer eigenen Einspielung hatte sich die französische Altistin Nathalie Stutzmann, noch über einen Mangel an Aufnahmen mit Sängerinnen beklagt. In der Produktion von Et’Cetera werden jetzt gleich fünf Solistinnen auf einmal aufgeboten (KTC 1592). Es handelt sich um Wendeline van Houten, Merlijn Runia, Jannelieke Schmidt, Nikki Treurniet und Ellen Valkenburg, die sich am Königlichen Konservatorium Den Haag kennenlernten und zum Ensemble Coco Collektief zusammengeschlossen haben. Sie treten auch einzeln in Opern und mit Liedprogrammen auf. Ihr Pianist ist Maurice Lammerts van Bueren, der die Bearbeitung für diese ungewöhnliche Besetzung geschaffen hat. Er ist sich über das Risiko im Klaren. Wenn man die Winterreise, die „für viele Musikliebhaber mehr oder weniger heilig ist, arrangiert“, habe man das Gefühl, sich aufs Glatteis zu begeben. „Doch es geht beim Arrangieren selten um ein Verbessern des Originals. Vielmehr geht es um neue Ansätze, um eine Fassung, die neben dem Original bestehen kann.“ Daran sind Zweifel angebracht. Wenn Schubert seine Winterreise mehrstimmig hätte haben wollen, hätte er sie so komponiert. Durch die Bearbeitung wird die Struktur ohne jeden Mehrwert zerstört. Der gut gemeinte Versuch, der live noch eher vorstellbar ist als im Studio, wird zur formalen Spielerei, zumal die Stimme der Solistinnen in ihrer dissonanten Unterschiedlichkeit, die gewollt zu sein scheint, dem Zyklus keinen Halt geben. Die Winterreise ist durch die Vielzahl von Aufführungen womöglich überstrapaziert. Überfluss verführt zu Experimenten, die schnell ins Leere laufen. Wenn aber eine solche Neuerscheinung zur Beschäftigung mit dem Original anregt, dann hat sie auch einen Zweck erfüllt.

Schon frühzeitig haben sich Frauen der Winterreise bemächtigt. Lotte Lehmann ist das prominenteste Beispiel, später traten Christa LudwigBrigitte Fassbaender und – man möchte es kaum glauben – Barbara Hendricks hinzu. In der akustischen Hinterlassenschaft von Kirsten Flagstad stößt man auf die „Krähe“, die „Post“ und den „Wegweiser“. Die im Liedschaffen sehr bewanderte Elisabeth Schwarzkopf – auch das ist eine Information – hat aus gutem Grund auf Lieder aus der Winterreise gänzlich verzichtet. Bearbeitungen sind spätestens seit Franz Liszt in Mode. Er hat zwölf Lieder für Klavier transkribiert. Der „Wegweiser“ ist von Anton Webern mit Orchester versehen worden. Eine Fassung des Zyklus für Tenor und Streichquartett von Jens Josef hat Christian Elsner produziert. Der Tenor Hans Peter Blochwitz hat sich der Bearbeitung von Hans Zender zugewandt. Mit Christoph Prégardian gibt es eine Winterreise für Tenor, Akkordeon und Bläserquintett. Der gehörlose Schauspieler Horst Dittrich übersetzte den Text des 2007 in die österreichische Gebärdensprache und führte ihn in den Jahren in unter anderem in Wien und Salzburg auf. Vom Kantor und Komponist Thomas Hanelt stammt eine Bearbeitung von zwölf Liedern für gemischten Chor und Klavier. Es ließen sich noch viele andere Versionen finden.

In die Abteilung, wo die besondere musikalische Ware lagert, gehört für mich die bereits erwähnte Nathalie Stutzmann, die französische Altistin und Dirigentin. Sie ist die einzige Sängerin, die nicht davor zurück schreckte, gleich alle drei Zyklen, nämlich WinterreiseDie schöne Müllerin und Schwanengesang einzuspielen. Die Aufnahmen, die zwischen 2003 und 2008 entstanden, sind gebündelt in einer Box bei Erato herausgekommen (082564237012), wunderbar und sehr präsent im Klang. Zuvor waren sie einzeln beim Label Calliope zu haben. Für die Begleitung ist Inger Södergren zuständig, der die Sängerin nach eigenem Bekunden sehr viel zu verdanken hat. Ohne die Begegnung mit ihr, hätte sie „vielleicht niemals die Liederzyklen von Schubert aufgezeichnet“, sagt sie in einem Interview, das im Booklet abgedruckt ist. Darin wird sie auch gefragt, „ob auch andere Altistinnen Schubert aufgezeichnet haben“. Antwort: „Ich habe danach gesucht, ohne Erfolg…. Kathleen Ferrier hätte es hervorragend machen können, doch vielleicht wagte sie es nicht; schließlich sprechen wir von einer Zeit, in der es für Frauen nicht zum guten Ton gehörte, Lieder mit männlichen Erzählfiguren zu singen.“ Was nun? Die Ferrier hat sehr wohl Lieder von Schubert, nach denen ganz allgemein gefragt worden war, eingespielt, die Altistinnen Maria OlszewskaSigrid Onegin und Ernestine Schumann-Heink auch. Nachweislich nur nichts aus den besagten Zyklen. Das hätte redaktionell deutlicher gemacht werden können. Und die schon erwähnte Lotte Lehmann hat sich an ihre Winterreise immerhin bereits 1931 gewagt. Und weiter im Interview: „Die Dinge haben sich seither ein wenig geändert, auch wenn es immer noch einige hartnäckige Frauenfeinde gibt! Doch würde man sich um die kümmern, wäre das solistische Repertoire der Frauen überaus beschränkt.“ Nathalie Stutzmann gibt sich kämpferisch. Das ist ihr gutes Recht. Nur hat sie nicht so ganz Recht. Wer würde schon den Frauen ihr Repertoire streitig machen wollen? Niemand hat die Lieder gezählt, die jemals für Frauenstimmen komponiert wurden, idiomatisch und inhaltlich. Dabei müssen Frauen nicht zwangsläufig auch als Erzählerinnen in Erscheinung treten. Ob die nicht gar in der Mehrzahl sind?

Es ist die alte Frage, ob es Sinn macht, dass Frauen beim Liedgesang in die Männerrollen schlüpfen und umgekehrt. Mir ist es prinzipiell egal. Immerhin ist Fischer-Dieskau nicht der Versuchung unterlegen, zum Beispiel „Gretchen am Spinnrade“ in seine große Edition der Schubert-Lieder aufzunehmen. Zurück nun zu dem, was die Stutzmann sängerisch zu bieten hat. Das ist sehr viel. Ich finde es immer noch mutig, dass sie sich mit aller Konsequenz den Zyklen zugewandt hat. Ganz glücklich bin ich damit aber nicht geworden. Mit ihrer Erda-Stimme bringt sie für meinen Geschmack zu viel Dunkelheit hinein. Also ob die Geschichten unter der Erde oder bei Nacht spielten. Es fehlt mir Licht, das es in diesen Liedern auch gibt. Manchmal fühle ich mich gar an ein einen Altus, von dem noch die Rede sein wird, erinnert. Legt man aber derlei Einwände und Bedenken zur Seite, findet sich eine starke gestalterische Kraft. Mit leicht opernhaftem, gar veristischem Touch. Im Klavierpart werden solche Eindrücke durch starke dramatische Züge noch verstärkt. Das Spiel ist oft sehr hart, gewollt hart. Ein Schubert also, bei dem wirklich alles anders ist. Darauf zielt die Sängerin wohl auch. Das Experiment ist gelungen, wobei ich mir am Ende doch etwas mehr Wortdeutlichkeit gewünscht hätte, die nicht durchgängig geben ist.

Auf eine Winterreise, die aus dem Rahmen fällt, war ich besonders gespannt – auf die Einspielung mit dem in Israel geborenen Altus Zvi Emanuel-Marial. Er ist nicht der erste Sänger mit dieser Stimmlage, der sich die Winterreise vornimmt. Seine Einspielung erschien bei Thorofon (CTH2615). Der Auftakt dieser CD ist bewegend in seiner Schlichtheit und in seinem natürlichen Fluss. Voraussetzungen für dieses Gelingen liegen aber auch im Lied „Gute Nacht“ selbst. Es ist formal nicht sehr extrem, sondern musikalisch ausgeglichen. Schon die Nummer zwei, die „Wetterfahne“ hat es in sich und geht nicht eben leicht über die Lippen. Die Dramatik nimmt zu. Im dritten Lied „Gefrorene Tränen“ ist auch Tiefe gefragt, die nicht organisch angelegt ist in der Tessitura des Sängers. Es scheint, als müsse er sie künstlich erzeugen. Sie wirkt fremd, nicht zu seinem eigenen Organ gehörig. Über vierundzwanzig Lieder, für die Zvi Emanuel-Marial mit seinem Pianisten Philip Mayers gut siebenundsechzig Minuten braucht, stellt sich eine gewisse Redundanz ein. Ist es so, dass ein Altus diesen Brocken am Ende doch nicht durchhält? Technisch schon, nicht aber im Ausdruck? Es wäre wünschenswert, würde er weiter an der Winterreise arbeiten und in ein paar Jahren ein Resultat präsentieren, das ein größeres Spektrum hat. Seine Stärke ist die Mittellage mit ihrem leichten Hang zum Tremolo, was mir gefällt, weil ein Ausdrucksmittel daraus wird. Dieses Tremolo ist wie ein kleines inneres Beben, es illustriert Unruhe, Unglück, Verzweiflung. Wer die CD nicht nur einmal hört, sondern sie mehrfach auf sich wirken lässt, vielleicht auch mal dieses oder jenes Lied einzeln herausnimmt, freundet sich am Ende doch noch mit der Interpretation an. Sie bleibt dann kein Fremdkörper mehr im Regal zwischen Peter Anders, Hans Hotter, Christian Gerhaher oder Dietrich Fischer-Dieskau, sondern wird zur Ergänzung.  Rüdiger Winter

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Eine Winterreise szenisch bei NAXOS: Wohl alle Sängerinnen und Sänger haben sich irgendwann einmal mit Schuberts Winterreise auseinandergesetzt; auch Bearbeitungen gibt es immer wieder. Nun hat sich der Regisseur Christof Loy gemeinsam mit der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter dem Liederkreis auf ganz andere Weise genähert: Im Februar 2022 gab es im Theater Basel eine szenische Bearbeitung von Schubert-Liedern, die sich unter dem Titel Eine Winterreise in einer Art Kaleidoskop mit Schuberts Leben und den in seinen Liedern zum Ausdruck gekommenen Gefühlen beschäftigt. Von der Aufführung am 21. Februar 2022 im Theater Basel wurde ein Mitschnitt gefertigt, den NAXOS als DVD herausgebracht hat. Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man in einen dunklen, mit warmen Braunfarben getäfelten Raum, in dessen Mitte ein Hammerflügel steht. Das Bühnenbild von Herbert Murauer soll von den Ballhäusern aus dem Ende des 19. Jahrhunderts inspiriert sein, in dem sich jetzt Stühle stapeln und die Decke baufällig ist. Die Sängerin tritt als Er auf und stellt, wie Loy es ausdrückt, Schuberts Seele dar. Daneben bewegen sich vier Tänzerinnen und Tänzer als Der Doppelgänger Nicolas Franciscus, Kristian Alm als Schuberts Freund Schober sowie als Viola Giulia Tornarolli und Matilda Gustafsson als Die Kurtisane. Neben fünf einzelnen Liedern, einigen aus der Müllerin und dem Schwanengesang werden aus der titelgebenden Wintereise nur sechs Lieder verwendet. Dazu kommen wenige Instrumentalstücke und kurze nicht vertonte Text-Fragmente aus Der Traum von Schubert und aus Wilhelm Müllers Epilog zu Die schöne Müllerin. Im Zentrum des Abends stehen die nachdrücklichen Interpretationen von Schuberts Liedern durch Anne Sofie von Otter und den in Liedbegleitung besonders profilierten Pianisten Kristian Bezuidenhout. Hier erweist sich nun die hohe Gestaltungskunst der Sängerin, die z.B. in Im Abendrot, Nachtstück oder „Einsamkeit“ ihren immer noch schlanken, in allen Lagen abgerundeten Mezzo mit perfektem Legato in wunderbarer Ruhe fließen lässt. Auch führt sie die Stimme bruchlos und ungemein flexibel durch die schnelleren Lieder wie die Taubenpost oder Die Post aus der Winterreise. Ebenso ausdrucksstark gelingen ihr und dem kongenialen Begleiter in dichtem partnerschaftlichem Musizieren die dramatischeren Lieder wie Der Lindenbaum oder Der Doppelgänger. Zu allem sind die Tänzerinnen und Tänzer in Bewegung, um die „zeitlosen Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit und Todesangst“ (Christof Loy) tänzerisch darzustellen. Schubert hat allerdings in seinen Liedern die jeweiligen Stimmungen, zu denen auch depressive Melancholie gehört, kompositorisch so genial gestaltet, dass sie meiner Meinung nach keiner zusätzlichen pantomimischen oder tänzerischen Illustration bedürfen. Am Schluss erhielten alle Mitwirkenden starken, begeisterten Applaus (NAXOS 2.110751).  Gerhard Eckels