Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Gérard Mortier

(Baron) Gérard Alfons August Mortier (* 25. November 1943 in Gent; † 9. März 2014 in Brüssel) war belgischer Opern- und Theaterintendant und künstlerischer Leiter u. a. der Salzburger Festspiele sowie zuletzt des Teatro Real in Madrid (das Foto oben zeigt ihn bei der Pressekonferenz am Teatro Real in Madrid zu Rihms Eroberung von Mexico/(c).Javier del Real / Teatro Real). Mortier war der Sohn eines Bäckers und stammte aus der flämischen Stadt Gent. Er wuchs dort im Muidekwartier auf, einem Arbeiterviertel im Norden der Stadt. Nach Beendigung seiner Schulzeit am Sint-Barbaracollege, einem Jesuitenkolleg in der Savaanstraat, studierte er von 1960 bis 1965 an der Universität Gent Jura und wurde anschließend promoviert. Von 1966 bis 1967 absolvierte er ein Zweitstudium in Kommunikationswissenschaften.

Seine Karriere begann er 1968 als Assistent des Direktors des Flandern-Festivals. In den Jahren 1973 bis 1980 leitete er die Betriebsbüros von Christoph von Dohnányi und Rolf Liebermann in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Paris. 1981 übernahm er für zehn Jahre die Leitung der Brüsseler Oper La Monnaie. Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Sylvain Cambreling entwickelte er ein neues Opernverständnis, modernisierte sie und machte so das Opernhaus international bekannt. 1991 berief man Mortier zum Intendanten und künstlerischen Leiter der Salzburger Festspiele. Er sollte die Festspiele einem jüngeren Publikum erschließen und das Festival programmatisch auf das 21. Jahrhundert vorbereiten. Unter seiner Ära erlebten 25 Opern des 20. Jahrhunderts ihre Aufführung in Salzburg.

Auf Einladung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen gestaltete er den ersten Zyklus der Ruhrtriennale von 2002 bis 2004. Ab der Spielzeit 2004/05 leitete er bis Juli 2009 die Pariser Oper. Eine Woche vor dem Zusammentreten des Stiftungsrates zur Neubesetzung der Leitung der Bayreuther Festspiele am 1. September 2008 bewarb er sich gemeinsam mit Nike Wagner. Für den Fall eines Engagements in Bayreuth wollte er außerhalb der sechswöchigen Bayreuther Festspiele auch die New York City Opera leiten, hätte Bayreuth im Falle eines Zeitkonflikts jedoch den Vorrang gegeben. Den Zuschlag zur Leitung erhielten allerdings unerwartet einstimmig Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, und die City Opera zog sich ebenfalls zurück.

Ab 2009 sollte Mortier die Leitung der New York City Opera als General Manager und Artistic Director übernehmen. Aufgrund schwerwiegender finanzieller Einbußen der New York City Opera durch die Finanzkrise ab 2007 sah sich Mortier trotz einer zweijährigen Vorbereitung nicht mehr in der Lage, ein künstlerisch anspruchsvolles Programm anbieten zu können, und nahm von der bevorstehenden Leitung Abstand. Im Jahre 2010 übernahm er die Nachfolge von Antonio Moral am Madrider Opernhaus Teatro Real.

Mortier starb im Alter von 70 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs, welcher im Jahr davor diagnostiziert worden war.

Auszeichnungen: Gérard Mortier war Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 1991 Commandeur in de Kroonorde, Brüssel; 1991 Großes Bundesverdienstkreuz; Ehrendoktor der Universität Antwerpen; Ehrendoktor der Universität Salzburg; Träger des Ehrenzeichens Belgien und Bundesrepublik Deutschland; Commandeur der Arts et des Lettres in Frankreich; 2002 Silberne Mozartmedaille der Internationalen Stiftung Mozarteum (ISM); 2005 Chevalier de l’ordre de la Légion d’honneur (Wikipedia)

https://de.wikipedia.org/wiki/Gérard_Mortier

Zudem ist bei Metzler Gérard Mortiers letztes Buch in deutscher Übersetzung erschienen (eine Rezension folgt) : Oper mit Leidenschaft – Gérard Mortier zieht die Bilanz seines Lebens für das Musiktheater: Gerard Mortier: Dramaturgie einer Leidenschaft. Für ein Theater als Religion des Menschlichen. Aus dem Französischen von Sven Hartberger. Bärenreiter-Verlag / Verlag J. B. Metzler 2014. ISBN 978-3-7618-2060-5. 126 Seiten. € 24,95.

Telemanns „Germanicus“

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Verglichen mit Italien, Frankreich und selbst England gibt es für die deutsche Oper bis Mitte des 18. Jahrhunderts musikhistorisch noch vieles aufzuarbeiten. Relativ wenig ist aufgeführt oder eingespielt von der berühmten Hamburger Gänsemarktoper, dem ersten bürgerlichen Opernhaus. Deutlich weniger noch vom zweiten bürgerlichen Opernhaus in Deutschland, der Leipziger Oper. Heinichen, Fasch, Pisendel, Stölzel und Telemann komponierten hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts; zwischen 1693 und 1720 lassen sich 74 aufgeführte Opern nachweisen. Alleine Georg Philipp Telemann will in seinen frühen Leipziger Jahren nach eigenen Angaben „etliche und zwanzig Opern“ komponiert haben. Das meiste davon muss heute freilich als verschollen gelten. Das gilt allgemein für die Leipziger Oper dieser Jahre, zumeist haben lediglich die Textbücher überlebt. So der verbreitete Forschungsstand.

Telemann, Titelkupfer zur Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste nach dem Porträt von Lichtensteger (1764)/ Uni Erlangen

Offenbar, so zeigt die nun als Produktion der Magdeburger Telemanntage 2010 bei cpo  erschienene Telemann-Oper Germanicus (1704), ist dieser Befund nur teilweise wahr. Denn: „bei der neuerlichen Auseinandersetzung mit der Überlieferungssituation der Leipziger Barockoper stellte sich jedoch Überraschendes heraus. So manche anscheinend unwiderruflich verklungene Musik ist eben doch noch vorhanden – wenn auch an entlegener Stelle und auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar“, wie der Leipziger Musikwissenschaftler und Editor Michael Maul im aufschlussreichen Beiheft schreibt. In Frankfurt entdeckte er 40 teils deutsche, teils italienische Arien, die er einer überarbeiteten Fassung von Telemanns Germanicus von 1710 zuweisen konnte. Diese Fassung folgte der damaligen Mode gemischtsprachlicher Opern und ersetzte 16 deutsche Arien durch italienischsprachige Neukompositionen. Die nun noch fehlenden Arien und  Instrumentalstücke wurden für eine Rekonstruktion der Oper durch andere bisher unbekannte Stücke von Heinichen, Hoffmann, Vogler and Telemann ergänzt. Das Ergebnis ist, bis hier her, absolut überzeugend. Nur bei den fehlenden Rezitativen hat man eine unglückliche Entscheidung getroffen: sie wurden weder rekonstruiert (im Sinne einer stilistischen Nachempfindung), noch von den Akteuren gesprochen, sondern  einem Erzähler anvertraut, der nun nach jeder Nummer durch die Handlung führt („Wir schreiben das Jahr 16 nach Christi Geburt. Römische Legionen haben sich erbitterte Gefechte mit den Germanen geliefert, zuletzt vor 6 Jahren ….“)  – und damit jeglichen dramatischen Fluss killt, zumal diese Erzähltexte staubtrocken sind und von Dieter Bellmann, allwissend und ablesend,  reichlich lähmend dargebracht werden. Das wirkt wie ein Rückfall in die Ästhetik früherer Zeiten von Hörspiel-Schallplatten und langweilt in der sachlichen Studioästhetik maßlos. Die zumeist kurzen Arien Telemanns stehen in diesem Kontext isoliert und bekommen keine Bindung zum Geschehen.

Die Handlung folgt im Wesentlichen Tacitus’ Annales, spielt vor dem Hintergrund des zweiten Germanien-Feldzugs Nero Claudius Germanicus’ und beinhaltet die üblichen Zutaten der Barockoper, wie die tugendhafte Ehefrau (Agrippina), einen tot geglaubten Erzfeind (Arminius), den Bösewicht (Florus), die Herrschertochter (Claudia) die den ihr zugedachten Mann (Lucius) nicht heiraten möchte, sondern einen anderen liebt (Arminius). Aus dieser Grundkonstellation ergeben sich  nun die üblichen, erwartbaren Verwicklungen, Täuschungen und Intrigen, inklusive Erdbeben und Geistererscheinung, die die Anlässe für die musikalischen Nummern abgeben. Die Handlungsstränge lösen sich nach gut 160 Minuten erwartungsgemäß, so dass abschließend Treue und Beständigkeit besungen werden können.

Gotthold Schwarz leitet dabei sein Sächsisches Barockorchester routiniert und begleitet zuverlässig. Natürlich ist das alles auf gutem Niveau musiziert und dennoch: das wirkt alles bedächtig, zu wenig variantenreich und setzt kaum eigene Akzente, auch einige schöne Soli,  vor allem der Holzbläser, können darüber nicht hinwegtäuschen. Der Klang kennt keine Ecken und Kanten; man höre exemplarisch Track 29 der ersten CD, wo illustrierend heiße, zusammenschlagende  Flammen und Feuerglut komponiert sind. Die Orchesterbegleitung jedoch verharrt dabei in reichlich harmlos klingenden Akkordfolgen und Gesten, ist auf Schönklang statt auf Illustration bedacht – und verpasst hier wie an vielen anderen Stellen die Chance zur tatsächlichen Lebendigkeit und zu einer Gestaltung, die in den Dialog mit dem Sänger eintritt.

Zu Telemanns „Germanicus“: „La mort de Germanicus“ von Nicolas Poussin/Wikipedia

Die Sänger sind ordentlich, alleine es fehlen Persönlichkeiten. Das gelingt am ehesten noch Henryk Böhm in der Titelrolle, andere wie Olivia Stahn (Claudia) oder der Countertenor Matthias Rexroth  (Lucius und Florus) lassen schon mal Intonationsschwächen oder technische Probleme in den Läufen hören. Vor allem von Elisabeth Scholls (Agripina) hier ungewohnt unsicher und scharf klingendem Sopran hat man schon deutlich besseres gehört (z.B. CD 2, Track 23). Albrecht Sacks (Segestes) Spieltenor klingt viel versprechend, jedoch mehr nach Pedrillo denn nach Barockoper (z.B. CD 3, Track 14). Tobias Berndts (Arminius) Bassbariton wartet mit schönem Material auf, sein Ausdrucksspektrum jedoch wirkt begrenzt. Das wichtigste jedoch: Allen Sängern fehlt es an dramatischer Gestaltungskraft, an Emphase, an Empfindung und überzeugender Gestaltung – und das trifft sich dann mit dem braven Orchester. Wirklich mitreißend oder begeisternd ist das alles nicht.

Ist Telemanns Oper tatsächlich so monoton, wie sie hier drei CDs lang erscheint? Oder ist es jene mitteldeutsche Barockästhetik, die man bis heute in Leipzig, Dresden, Halle und Magdeburg so oft antreffen kann und die scheinbar nur wenig vom Rest der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte mitbekommen hat? Eines ist jedenfalls sicher: So ausdrucksarm wie hier ist die barocke Klangsprache Telemanns nun wirklich nicht, das kann man in zahlreichen Aufnahmen anderer Interpreten überprüfenMoritz Schön

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Lohnender Britten Nachschlag

Diskographisch gesehen sind das Beste am Wagner- und Verdi-Jahr vielleicht die vielen, wunderbaren Veröffentlichung der Werke Benjamin Brittens, der ebenfalls ein Jubilar des Jahres 2013 war. Neben der Decca, die diverse Boxen mit Werkgruppen Benjamin Brittens herausbrachte, die zeitgenössisch entstanden und auch den Pianisten und Dirigenten Britten nicht vergaßen, sind auch bei der EMI entsprechende Sammelboxen erschienen, hier allerdings vornehmlich mit Aufnahmen, die nach dem Tod des Komponisten entstanden.

brittenDie Sammlung Choral Works & Opera for Children (auf 7 CDs) enthält dabei eine ganze Reihe von Raritäten. Brittens Interesse für Poesie und Sprache fand neben seinen Opern in seinem reichen Werk für den Chor besonderen Ausdruck. Die Adaptionen und Transformationen der Texte zeugen von seinen beachtlichen künstlerischen und intellektuellen Fähigkeiten. Doch außer dem War Requiem ist hierzulande davon kaum etwas bekannt. Selbiges ist in der packenden, fein ausgehörten 1983er Aufnahme unter Simon Rattle mit seinem City of Birmingham Symphony Orchestra & Chorus enthalten. Eine noch immer gültige Interpretation, in der Elisabeth Söderström, Robert Tear und Thomas Allen mit großer Suggestionskraft und Emotionalität fesseln. Kontrastierend dazu folgt Brittens zweites großes chorsymphonisches Werk in André Previns effektvolle  Lesart von 1978, die Spring Symphony (mit Sheila Armstrong, Janet Baker und abermals Robert Tear). Ein Vielzahl unterschiedlicher Chorwerke, die bekanntesten darunter darunter sind A Ceremony of Carols, Rejoice in the Lamb oder Sacred and Profane, zeigen, wie sehr Britten auch in der englischen Chortradition verankert war. Mit The Little Sweep und Noye’s Fludde ist die Gattung der Kinderoper in zwei mustergültigen Produktionen unter Philip Ledger bzw. Richard Hickox vertreten. Die interessanteste Entdeckung jedoch ist The Company of Heaven, ein kantatenähnliches Opus, das Britten 1937 als eine Art Radiomusik für die BBC geschrieben hat. Philppe Brunelle hat dieses völlig vergessene Werk 1989 in einer Konzertversion mit dem English Chamber Orchestra aufgenommen  (EMI 0151562).

Britten & Pears. A unique musical cooperation ist Titel und Programm zugleich für eine 10-CD-Box von United Classics, die sich dem Zusammenwirken der beiden Künstlerpersönlichkeiten widmet. Der Tenor Peter Pears war Brittens Muse und eine große Anzahl seiner Werke schrieb dieser für seinen Lebenspartner. Ein hervorragender, ausführlicher Essay im Beiheft beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieses gegenseitigen künstlerischen und privaten Befruchtens als Interpret, Komponist und Lebensgefährte – in einer Zeit, als Homosexualität in Großbritannien strafbar war. Nahezu vierzig Jahre lang, bis zu Brittens Tod, währte diese besondere Künstlerpartnerschaft. Sieben Liedzyklen, zwölf Opernrollen, fünf Canticles und sieben Orchesterwerke mit Tenor schrieb Britten in diesen Jahren für Peter Pears. Pears’ musikalische Intelligenz und die sinnlichen Farben seines charakteristischen Tenors inspirierten Britten. Pears auf der anderen Seite fand in Britten jemand, der für seine speziellen Bedürfnisse komponierte und zudem eine kongenialer Begleiter am Klavier und auf dem Dirigierpodium war. Es ist unzweifelhaft eine der großen Künstlerpartnerschaften des 20. Jahrhunderts. Diese Zusammenstellung gibt einen wunderbaren Überblick über die verschiedenen künstlerischen Aspekte dieser einmaligen Partnerschaft.

Zudem vereint diese verdienstvolle Kompilation einige längst vergriffene Aufnahmen, darunter die intensive 1946er Aufnahme von The Rape of Lucretia unter Reginald Goodall (mit Kathleen Ferrier) und die nicht minder fesselnde 1954er Produktion von The Turn of the Screw unter der Leitung des Komponisten und der wunderbaren Jennifer Vyvyan als Gouvernante. Geradezu betörend sind die frühen Liedaufnahmen Peter Pears’ aus den 1940ern mit einem feinsinnigen Britten selbst am Klavier. Frühe Aufnahmen der Simple Symphony von 1939 und der Variations on a Theme of Frank Bridge von 1938 unter Boyd Neel haben sich als ‚themenfremde’ Raritäten auf die 9. CD geschlichen. Aber auch Malcolm Sargent und Edmund von Beinum sind als frühe Britten-Interpreten vertreten. Schon die Eröffnungs-CD mit der Saint Nicolas-Kantate in einer Aldenburgher, vom Komponisten geleiteten Einspielung von 1955 atmet eine ganz besondere Aura des Authentischen. Tatsächlich schafft es diese wunderbare Box, einen Einblick in jene besondere Schaffensphase bis etwa Mitte der 1950er Jahre zu geben, aus der die Aufnahmen stammen. Eine höchst interessante Hörerfahrung, die so manche Vordergründigkeit moderner Britten-Interpretationen relativiert  (United Classics T2CD 2013017).

britten dvd 3Britten’s Endgame heißt die zweistündige BBC-Filmdokumentation von John Bridcut, die sich den letzten Jahren Benjamin Brittens widmet, in denen er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Freunde und Mitarbeiter sowie bekannte Britten-Interpreten kommen dabei zu Wort und zeichnen das Bild eines an seinen eigenen Kräften zehrenden, herzkranken, disziplinierten Komponisten im Schaffensrausch. Brittens letzter Oper, dem auf Thomas Manns Erzählung basierenden Death in Venice, sowie Phaedra und dem Dritten Streichquartett werden dabei besonderes Augenmerk geschenkt, autobiographische Spuren darin aufgespürt und die Frage nach der besonderen Aura ‚letzter Werke’ diskutiert. Künstlerische Schöpfung im Angesicht des Todes, könnte man als einen der Hauptstränge dieser faszinierenden Dokumentation herausstellen und würde dabei doch zu kurz greifen, denn John Bridcut gelingt in seinem immer wieder auch sehr persönlichem Filmporträt mehr, wenn er allgemeingültig Fragen von Jugend und Alter mit Schöpfungsprozessen verbindet oder künstlerische Krisen und Lebenskrisen in Beziehung setzt. Auch deshalb ist dies ein sehenswerter Film, nicht nur für Britten-Fans. (PS: Der Film ist in englischer Originalfassung erschienen und enthält weder eine deutsche Tonspur noch Untertitel/Decca 074 3861).

Moritz Schön

 

 

Gluck/Wagners „Iphigenia in Aulide“

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Anlässlich der Aufnahme bei Oehms Classics Gedanken zu Wagners modernem psychologischem Drama: Iphigenia in Aulis (1847): Gedanken zur Umarbeitung von Glucks Iphigénie en Aulide (1774) – der Dirigent Christoph Spering im Gespräch mit Norbert Bolín 

Christoph Willibald Gluck auf dem Gemälde von Duplessis/OBA

Christoph Willibald Gluck auf dem Gemälde von Duplessis/OBA

Norbert Bolín: Mit der Umarbeitung von Glucks Tragédie-Opera Iphigénie en Aulide stellt sich Wagner in eine historische Dimen­sion, die ihn selbstverständlich mit dem be­deutenden Opernreformator des 18. Jahrhun­derts, Christoph Willibald Gluck, verbindet. Ob Wagner damit eine der Uraufführung von Glucks Iphigénie (1774) folgende ästhetische Debatte um das Wesen der Oper einleiten wollte, wie sie im Gluckisten-Piccinnisten-Streit erbittert geführt wurde, ist nicht zu entscheiden und letztendlich unerheblich.

Wagner, seit 1843 zum Königlichen Sächsi­schen Hofkapellmeister ernannt, lebt in den Jahren 1842 bis 1849 Dresden. In dieser Schaffensperiode wird Der fliegende Holländer (1843) uraufgeführt, es entstehen mit Tann­häuser (UA 1845) und Lohengrin (UA 1850) zentrale Werke seines Oeuvres. Parallel dazu finden sich Prosaentwürfe zur Oper Siegfrieds Tod (später: Götterdämmerung) und zu den Meistersingern und Tristan. Deutlich erkennbar ist Wagner auf dem Weg zu Neuem, zum „Kunstwerk der Zukunft“; ein Element davon ist die Umarbeitung von Glucks Iphigénie en Aulide zur „eigenen Oper  „Iphigenia in Aulis“.

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Im Konzert: Christoph Spering/(c) musikforum koeln

Gluck/Wagners „Iphigenia in Aulide“: Christoph Spering/(c) musikforum koeln

Christoph Spering: Im Vorfeld zu dieser Tonträger-Produktion stellte sich die Frage, wie diese CD denn nun heißen solle, bezie­hungsweise wer der Komponist des Ganzen sei. Schließlich gab es mehrere – wenn auch unvollständige – Einspielungen der Oper in den 1960er und 70er Jahren, und die Glucksche Aulide wurde, wenn sie in deutscher Sprache interpretiert wurde, immer in der Wagnerschen Fassung aufgeführt. Man unter­schied also gar nicht zwischen Gluck und Wagner.

Dabei ist es aber zweifelsohne so, dass – obwohl die Grundsubstanz des Werkes von Christoph Willibald Gluck komponiert wurde – Richard Wagner durch seine vielfältigen Veränderungen ein beinahe neues Werk schuf. Wagners Leistung, die die Wissenschaftler gerne mit dem Begriff der „Übermalung“ beschreiben, lässt neben der neuartigen Struktur auch einen vollkommen andersarti­gen Klang entstehen, so dass sein Anteil am Kunstwerk nicht zu gering eingeschätzt wer­den darf. Der Musikwissenschaftler Helmut Kirchmeyer bringt es auf diesen Punkt: „Am Ende ließ sich fragen, ob der Anteil Wagners an dieser Oper nicht ebenso groß sei wie der Glucks! Von Glucks Musikdrama jedenfalls war nicht mehr viel übrig geblieben; kaum ein Takt fand sich noch, den Wagner nicht nach eigenem Empfinden übermalt hätte“ *.

Was wären wir ohne die schönen Liebig-Bildchen: Hier eins zu Glucks Aulidischer Iphigenie/Sammlung Schneider

NB: Wagners Arbeitsphase be­gann mit der Übersetzung des Librettos, die sich eng an dem von Gluck zur Komposition herangezogenen Original-Libretto de Roullets orientiert. Mit der Auflösung der altherge­brachten Nummernoper und der Verwand­lung in eine szenisch gedachte Struktur of­fenbart sich Wagners Vorstellung vom neuen musikalischen Drama, das auf einem viel ge­radlinigeren Handlungsverlauf beruht als dasjenige Glucks. Wagners Eingriffen fiel die auf andere Partien verteilte Rolle des Patroklus zum Opfer, vor allem aber mit wenigen Ausnahmen die der französischen Opera verpflichten Instrumentalmusiken der Ballette.

CS: Für mich offenbart sich in Wagners Eingriffen in den Handlungsverlauf der unbedingte Wille zur erzählerischen Stringenz. Indem Wagner dramaturgische Einheiten schafft, reduziert er die Dominanz einzelner Nummern zugunsten eines zielstrebig konstruierten Handlungsverlaufs, der allein auf die psychische Befindlichkeit der Iphigenia zielt. – Immerhin machen die Streichungen von Personen etwa ein Viertel des Gesamtumfangs aus. Das wiederum kommt der musikalischen Dimension zugute, denn in der Auskomposition von musikalischen Motiven und Gedanken Glucks im Sinne von Vor-, Zwischen- und Nachspielen schafft Wagner eine fortlaufende musikalische Erzählung da­durch, dass er „nahtlose Übergänge zwischen den verbliebenen Nummern [schafft] und sie zu Szenen verknüpfte, die eine tableauartige Dramaturgie erkennen lassen“, wie Christa Jost in ihrem Kritischen Bericht der Wagner-Gesamtausgabe schreibt.

Norbert Bolìn/(c) musikforum koeln

Gluck/Wagners „Iphigenia in Aulide“: Norbert Bolìn/(c) musikforum koeln

NB: Wagner formt aus der ty­pisch französischen Hof-Oper Glucks ein psychologisches Drama. Im Zentrum stehen nicht mehr Prunk und Gepränge – für die Dresdner Uraufführung am 24. Februar 1847 hat Wag­ner selbst Regie geführt -, sondern wesentlich die Hauptpersonen, im Mittelpunkt Iphigenia.

CS: Deshalb ist es auch voll­kommen konsequent, den schon zu Glucks Opernpremiere kritisierten, weil unglaubwür­digen Tragödienschluss zu streichen und durch eine Hinwendung zu Euripides die Er­scheinung der Göttin Artemis (Diana) in einer Gewitterwolke zu inszenieren, die Iphigenia dann zur Priesterin erhöht und mit ihrer Him­melfahrt in überirdische Gefilde dem Gesche­hen entzieht. Ins Zentrum der Handlung ist jetzt die Wandlung Iphigenias gerückt, von ihrem Opferdasein zur Selbstopferung und (nach Euripides) ihrer Verklärung. Darauf hin hat Wagner alle Handlungsfäden verknüpft und gestrafft.

NB: Ein Ergebnis dieser sze­nisch-dramatischen Denkart ist die neuartige Verbindung von Arien und Chören durch Vor-, Zwischen- und Nachspiele in durch­komponierten Szenen; die althergebrachte Nummernreihenfolge ist in szenische Einheiten aufgelöst, in denen die vormals streng voneinander geschiedenen musika­lischen Formen wie Rezitativ, Arioso und Arie fließend ineinander übergehen und damit das gesamte Gefüge dem Wagnerschen Ideal der durchkomponierten Form näher kommt.

Das Dresdner Hoftheater zu Wagners Zeit/OBA

Gluck/Wagners „Iphigenia in Aulide“: Das Dresdner Hoftheater zu Wagners Zeit/OBA

CS: Nicht allein dies, son­dern auch die Erweiterung des Orchester­satzes und die Instrumentation folgen der neuartigen dramatischen Konstellation. Im dramaturgischen Sinn steht die Geschichte durchaus romantisch – viel zwingender und schlüssiger – vor uns. Dazu trägt die In­strumentierung einen gewichtigen Teil bei; Wagner hat sie vollkommen im Sinne eines größeren romantischen Orchesters geändert, indem er den vollen Bläsersatz neu kompo­niert hat. Das allerdings nicht in einer Form, wie wir es beispielsweise in Mozarts Bear­beitungen von Händel-Oratorien oder Men­delssohns Einrichtungen von Händel oder Bach sehen, vielmehr hat er die Bläser dem im damaligen romantischen Orchester übli­chen „normalen“ Bläsersatz angepasst. Selbst in die Streicherbesetzung hat er ein­gegriffen, indem er fast durchgehend die Bratschen verdoppelte und im Streichersatz die Stimmführungen änderte, um einen tra­genderen romantischen Klang zu erreichen. Letztlich hat Wagner etwa zehn Prozent des Werkes neu komponiert. Natürlich nicht in diesem offensichtlich auffälligen Sinne, dass er dem Werk seine Harmonik überstülpt, son­dern indem er den Stil Glucks mit seinem Personalstil verbindet. Da gibt es Stellen, die gemahnen immer wieder an seine Opern, und bei mehrmaligem Hören kristallisieren sich diese neu komponierten Stellen deutlich her­aus.

Das Ganze geht also weit über ein Arrange­ment hinaus, auch die relativ lange Unter­brechung seiner Arbeit am Lohengrin, also in seiner mittleren Schaffensperiode, weist dar­auf hin, wie ernst er diese Arbeit für seine Entwicklung genommen hat.

NB: Rein statistisch ist das Or­chester im Bläsersatz um ein drittes Fagott, ebenso um eine dritte Trompete sowie durch­gehend um zwei zusätzliche Hörner erweitert. Dazu kommt eine vollständige Bühnenmusik. Vollkommen neu ist der dreistimmige Posaunensatz, den der zeitgenössische Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick besonders lobend erwähnt hat, und natürlich die spektakulär dreinschlagende Blitz- und Donnermaschine zur zur Erscheinung der Göttin.

Zu Gluck/Wagners „Iphigenie“: Fresco aus Pompeji/Wikipedia

CS: Die Erweiterung des Klangapparates scheint mir in zweifacher Hiinsicht wichtig zu sein: zum einen, um dem Streicherapparat einen selbständigen Holzbläsersatz gegenüberzustellen, der frei geführt werden kann und auch durch seine Klang­farben zur Entstehung eines romantisch­ durchkomponierten Musikdramas beiträgt. Zum anderen zielt der vergrößerte Instrumentalapparat auf die Dramatisierung des Gesche­hens; er dient vorrangig zur abwechslungs­reichen sensiblen klanglichen Zeichnung einzelner Personen in ihren besonderen Situa­tionen, vor allem in Momenten von Verzweif­lung, Schmerz und Leid. Die Erweiterung der Klangfarbenpalette, die größere dynamische Extreme ermöglicht, hilft bei der Dramatisie­rung des Werkes.

NB: Man wird Wagner in seinem gesamten Bestreben nicht unterstellen wollen,  dass er sich in Umarbeitungen oder Bearbeitungen als Vertreter irgendeiner historisch informierten Aufführungspraxis verstand. Seine Ziele verfolgten doch eher die Entwicklung von Neuem und, im Falle der Umarbeitungen, die Modernisierung von Althergebrachtem.

gluckCS: In meiner nun doch einige Jahrzehnte dauernden dirigentischen Praxis habe ich eine Vielzahl von Verständnisvarianten des oft genug schillernd ge­brauchten Begriffes von Aufführungspraxis erlebt und muss für diese Einspielung sagen, dass sie den Wagnerschen Geist atmet. Einfach deshalb, weil Wagners Anliegen, sein neues Verständnis von Dramaturgie und Klangregie zu probieren, sich uns in der Rückschau als eine Art von Testinstallation darstellt, ein Terrain, verschiedene Möglich­keiten auszuprobieren. Genauso habe ich mir die Partitur auch erarbeitet und das Ensemb­le zusammengestellt, wobei wir heutzutage das Glück haben, die klanglichen Wirkungen aus Wagners Zeit relativ genau rekonstruieren zu können. Angefangen bei aufführungspraktischen Details, die wir aus dem originalen Auflührungsmaterial der Bayerischen Staats­bibliothek erschließen können, über Gesangstechniken, die mehr dem von Wagner immer geforderten Belcanto-Ideal verpflichtet sind, bis hin zum verwendeten Instrumentari­um, auch wenn dieses in einem gewissen Sin­n unvollkommener als das heutige ist, dafür aber viel farbiger in seinen klanglichen Facetten. Tatsächlich eröffnet sich in der Verbin­dung mit dem etwas niedrigeren Stimmton (437′) ein ganz interessanter neuer Zugang zum Werk, vielleicht zu Wagner überhaupt, was sich noch erweisen muss.

Und noch einmal: der junge Wagner, hier auf dem Gemälde von Willich c. 1862/Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Foto: Jean Christen

Und noch einmal: der junge Wagner, hier auf dem Gemälde von Willich c. 1862/Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Foto miut genehm,igung des Museums: Jean Christen

Dann hat sich Wagner aber durchaus auch gewissermaßen zum Sachwalter Glucks in aufführungspraktischen Belangen gemacht. So plädiert er zum Beispiel in gleich mehre­ren streitbaren Aufsätzen dafür, im vermeint­lichen Gluckschen Sinne das Grundtempo der Ouvertüre nach der langsamen Einleitung nicht wie üblich Allegro, also schnell zu spielen, indem er sich vermeintlich auf die Originalangaben Glucks bezieht.

Freilich hat sich Wagner zwar hier – weil ihm kein aufführungskritisches Material im modernen Sinne zur Verfügung stand – getäuscht, denn Gluck hatte den Temposprung im Original eindeutig gefordert, aber es ist interessant, wie er sich hier aufführungspraktisch regelrecht aus dem Fenster lehnt, um im Sinne Glucks zu argumentieren. Überhaupt ist ja die Tempofrage bei Wagner ein großes Thema.

NB: Die Tempofrage ist deshalb besonders pikant, weil Wagner von der Kritik seiner Zeit angegriffen wird, Mozartsche Tempi im französischen Sinne zu nehmen, also für das Empfinden der Zeitgenossen zu extrem, nämlich langsame Tempi zu langsam und schnelle Tempi zu schnell. Nach der Auswertung seiner gesamten Dresdner Musi­zierpraxis kristallisiert sich heraus, dass seine Temponahme – ausgenommen die Ouvertüre – recht zügig und dem dramati­schen Gestus entsprechend war. Die Klage gleich mehrerer Kritiker, dass das Tempo der Ouvertüre verschleppt gewesen sein soll, ist auf Wagners Fehlinterpretation der Gluckschen Tempoangaben zurückzuführen, und in späteren Kritiken wird der zeitweilige Ein­druck des Schleppenden und Willkürlichen tatsächlich korrigiert. Es scheint also so gewesen zu sein, dass die relativ großen Tem­poschwankungen in der Premiere einer ge­wissen Unsicherheit des gesamten Apparates zuzuschreiben waren.

Iphigenie wird durch Diana gerettet/Zeichnung von Baur/OBA

Iphigenie wird durch Diana gerettet/Stich von Baur/Wikipedia

CS: Sicherlich interessierte Wagner nicht die wissenschaftliche Aufführungspraxis in unserem heutigen Sinne, son­dern eher die Transformierung des Werkgehaltes in seine Gegenwart. Dabei hat er die Fragen der historischen Klanglichkeit eher zurückgesetzt zugunsten des Inhaltes und seiner zu vermittelnden Bot­schaft. Dass für ihn die klangliche Umsetzung im historischen Sinne nicht vorrangig war, klingt wirklich an vielen Stellen an, an denen es wie Wagner klingt, obwohl die Harmonik reinster Gluck ist. Zwar bringt Wagner seine Instrumentationseigenheiten schon vollkom­men zur Anwendung, zeigt, dass er souverän damit spielen kann, sich aber bei seinen Um­arbeitungen und neu komponierten Überlei­tungen doch an den Gluckschen Harmonie­stil hält.

Diese Klangdimension von den Schlacken der inzwischen über 160 Jahre Interpreta­tionsgeschichte wieder zu befreien, war meine Aufgabe, das heißt, die von Wagner klang­lich in die Partitur komponierte Dramatik zu erwecken und damit die Schärfe seiner Übermalung in ihrer eigenen Klangwelt wiederer­stehen zu lassen, so dass auch an dieser Stelle, bei der Vielzahl seiner Eingriffe – vom Text über die Instrumentierung bis hin zur Neu­komposition – wenn auch nicht von einer eigentlichen Wagner-Oper, so doch von einer Wagnerischen Oper gesprochen werden kann, die auch endlich für jeden Wagner-Kenner und -Freund zum unbedingten Bildungs­kanon gehören sollte.

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(Norbert Bolìn ist promovierter Musikwissenschaftler, Autor, Ex-Dramaturg, ehemaliger Chefredakteur der Musikzeitschrift Concerto, Lehrbeauftragter und Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Institut der Uni Köln und vieles mehr. Wir danken ihm und dem Dirigenten Christoph Spering für die Genehmigung zum Nachdruck dieses vorstehenden Gesprächs, das wir der Beilage zur neuen Iphigenia in Aulis von Gluck/Wagner bei Oehms Classics OC 953 entnommen haben. G. H.)

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Den vorstehenden Artikel entnahmen wir der Beilage zur Nauaufnahme der Iphigenia in Aulis unter Christoph Spering mit Camilla Nylung, Michele Breedt, Christian Elsner, Oliver Zwarg, Raimund Nolte u.a.; dazu Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester – herausgekommen bei Oehms Classics (OC 933, 2CD). 

* Zitat aus: Kirchmeyer, Helmut, Situationsgeschichte der Musikkritik und des musikalischen Pressewesens in Deutschland, dar­gestellt vom Ausgang des 18. bis zum Beginn des 19. Jhds., = Das zeitgenössische Wagner-Bild, 1. Bd.: Wagner in Dres­den, = Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts Bd. 7, Regensburg 1972,, S. 723.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Eigenwilliges erstmals zum Klavier

Eigentlich für Maria Callas und um ihr einen ungeteilten Applaus zu sichern, war Poulencs La Voix Humaine  aus dem Jahre 1951 gedacht (sagt das Booklet), denn der Komponist hatte einer unrühmlichen Szene beigewohnt, in der der Sopran und Partner Mario Del Monaco  um die Solovorhänge gerangelt hatten. Schließlich aber entschied sich Poulenc doch für Denise Duval, auch die erste Blanche, als Sängerin der Elle, der Heldin ohne Namen seines Einpersonenstücks. Es ist die Vertonung einer Szene von Jean Cocteau aus dem Jahre 1927, der Telefondialog einer verlassenen Geliebten, in dem man das vom Partner Gesagte lediglich erschließen kann und in dem sich Elle in einem Spannungsfeld von Gesagtem, Gemeintem und wirklich Gefühltem bewegt. Obwohl Poulenc einer Aufführung nur mit Klavier nie zustimmen wollte und dies,  obwohl er selbst sich einiger Verstöße gegen sein Gebot schuldig machte, erlaubten die Nachkommen Felicity Lott und Graham Johnson die Aufnahme, die im Dezember 2011 in Champs Hill in Sussex entstand. Es ist dies die erste visuelle Aufnahme der Partie mit ihr, eine CD mit Armin Jordan stammt ebenfalls aus den vergangenen Jahren. Bekannte Vorgängerinnen in der Rolle sind auf CD außer Denise Duval  noch Julia Migenes und Franҫoise Pollet (nicht zu vergessen Renata Scotto auf einem Live-Mitschnitt).

Die Szene, über deren Urheber sich das Booklet in Schweigen hüllt, zeigt einen kleinen Raum mit Recamier, Teppich, Nachttischchen, Stehlampe, impressionistischen Bildern und eine kleine Hundestatuette. Keine junge Frau, wie es die Opernführer wollen und der man eine baldige neue Liebe zutrauen könnte, ist La Lott, sondern ältlich und vergrämt und deswegen noch erbarmenswürdiger in ihrem verzweifelten Versuch, den Geliebten, wenn nicht zurück, so doch wenigstens am Telefon zu (be)halten. Beinahe obzön wirkt der prächtige rote Morgenmantel, von dem im Gespräch die Rede ist. In dieser Szene sitzt, kniet, steht oder windet sich die Sängerin auf dem Boden, umklammert, streichelt, schlägt sie auf das Telefon ein, das eines der alten Art aus der Frühzeit der Telekommunikation ist.

Bewundernswert ist die Spannung, die Felicity Lott zwischen mühsam bewahrter Haltung und  fast unerträglichem Leid aufbaut, wie sie beteuert, beschwört, beschwichtigt, wie sie zwischen beherrschtem Rezitativ und verzweifeltem vokalem Ausbruch wechselt bis hin zum „Je t’aime“-Schrei. Vokal bleibt sie dabei immer ladylike, was aber an der Expression des Gesangs keinerlei Abstriche verursacht. Unterbrochen wird der Quasi-Monolog durch den Kampf mit den technischen Unzulänglichkeiten des Telefons und den Einwürfen des Partners, auf die sie unterwürfig, aufbegehrend und immer wieder von Hoffnung getragen eingeht. Die Begleitung nur mit Klavier verstärkt die Intimität der Szene, wirkt insgesamt aber härter und eher eindimensional im Vergleich zur raffinierten Orchestrierung. In jedem Fall aber hinterlässt hier eine ganz große Charakterdarstellerin und fabelhafte Sängerin ein Zeugnis ihrer großen Kunst. Die Packung enthält sowohl eine DVD als auch eine Blue-ray Disc mit der Signatur CHRBR045.

Ingrid Wanja  

Aus goldener Buffa-Zeit

Ein Viva la Mama ohne Mama ist Cimarosas  L’impresario in angustie, zu Deutsch Der Impresario in der Klemme, in dem typische Missstände italienischen Opernlebens im 18. Jahrhundert und teilweise noch heute dargestellt werden. Es geht um den Kampf dreier Primadonnen um die Herren am Theater wie um die beste Rolle und um die ständige Finanznot der Impresari, die für die Aufführungen verantwortlich waren und sie finanzierten, oft ohne den erwünschten Gewinn aus dem Unternehmen zu ziehen und deshalb zur Flucht vom Schauplatz des Geschehens gezwungen.

Das Personal besteht aus drei Sängerinnen der unterschiedlichen Fächer, dem Impresario, dem Dichter, dem Kapellmeister und dem Beschützer einer der Sängerinnen. Weiter als bis zur ersten Probe gelangt die Aufführung des vorgesehenen Stückes nicht, dann ist der Impresario mit der Kasse verschwunden und die Prima Buffa um einen Verlobten reicher sowie die anderthalbstündige Oper zu Ende. Die Musik karikiert ebenso wie das Libretto das damalige Opernwesen, indem sie die gängigen musikalischen Formen als übertreibend leere Virtuosität bloßstellt, typische Handlungsmuster in Frage und die prekäre Lage der Kunstschaffenden an den Pranger stellt.

Im Jahre 1963 gab es in Neapel noch wie in jeder größeren Stadt Italiens ein RAI-Orchester für klassische Musik, hier das mit der Musik des 18. Jahrhunderts besonders vertraute Orchestra Alessandro Scarlatti, das im gleichnamigen Auditorium der Stadt vor Publikum die Farsa zur Aufführung brachte. Illuster sind die Namen auf dem Besetzungszettel, insbesondere die der Herren mit Sesto Bruscantini und Italo Tajo. Sie und alle anderen versprühen hörbar gute Laune, sind überaus präzise und gewandt im unmerkbaren Übergang vom gesprochenen zum gesungenen Wort. Man merkt ihnen an, wie viel Spaß es bereitet, sich spritzig und flott über das eigene Metier lustig zu machen, und dabei werden sie aufs Beste unterstützt vom Orchester unter Luigi Colonna.

Gleich drei Soprane wetteifern im Stück wie auf der Aufnahme um die Gunst der Zuhörenden. Die Fiordispina von Dora Gatta ist mehr Spina als Fiore mit herber, klarer Stimme, guter Mittellage und in „“Io son placida e serena“ voll virtuoser Qualitäten. Eine ihrer Rivalinnen ist die Merlina von Gianna Galli, eine spitzzüngige Soubrette mit durchaus charaktervoller Stimme. Die dritte im zänkischen Bunde ist die Doralba von Laura Londi, die ebenfalls Haare auf den Zähnen und diese wiederum in der Stimme hat – insgesamt also ein lustig-streitbares Trio. Sesto Bruscantini glänzt als Poet Don Perizonio durch die schlanke Farbigkeit der Stimme und zieht alle Register eines so übermütigen wie kontrollierten Buffo, baut seine Arie „Lo Impresario“ sehr geschickt auf und kann mit seinem schönen Bariton wunderbar schmeicheln. Ihm das Wasser reichen kann Italo Tajo als Komiker, und auch die flexible Bassstimme, in der Lachen wie Intrige hörbar werden, ist einmalig. In „Vado e giro“ zeigt sich aufs Schönste seine ungeheure Behändigkeit des Singens, und sein Parlando ist beispielhaft. Einen scharfen Charaktertenor hat Piero Bottazzo für den Kapellmeister Gelindo, wenig in Erscheinung tritt der Strabinio von Renzo Gonzales. Wer echte alte Buffakunst von dazu berufenem Ort aus berufenen Kehlen hören will, dem sei die CD anempfohlen. Allerdings wird er vom Booklet schmählich im Stich gelassen, das über das Allernotwendigste an Informationen nicht hinausgeht (Myto 000330).

Ingrid Wanja   

Renato Cioni

 

Renato Cioni war 84 Jahre alt, stammte aus einer Künstlerfamilie: Sein durch ein plötzliches Unwohlsein verursachter Tod am 3. März 2014 geschah im Krankenhaus von Portoferraio. Er war einer der bedeutenden Opernsänger des 20. Jahrhunderts. Cioni wurde am 15. April des Jahres 1929 in Portoferraio geboren und hätte in wenigen Wochen das 85. Lebensjahr vollendet. Trotz seines Alters war der Maestro, so nannten ihn seine Mitbürger auf Elba liebevoll, eine sehr aktive, selbständige Persönlichkeit, so dass man ihn gewöhnlich auf den Straßen seines Geburtsorts treffen konnte, wo er an der Piazza Dante Aligheri wohnte.

als Pinkerton/OBA

als Pinkerton/OBA

Renato Cioni wurde in eine Fischerfamilie geboren, und deren reiche künstlerische Begabung zeigte sich sehr bald in vielen ihrer Mitglieder: Der Bruder Dello war Tänzer in der Fernsehsendung Canzonissima in den sechziger und siebziger Jahren und arbeitete auch mit Garinei und Giovannini und Renato Rascal zusammen, die beiden anderen Brüder Franco und Gustavo waren beide exzellente Sänger. Ganz anders verlief die Karriere des Maestro Renato Cioni. Zunächst studierte er Musik am Konservatorium Luigi Cherubini  in Florenz. 1956 gewann er den wichtigen Wettbewerb „Adriano Belli“ des Opernhauses Teatro lirico sperimentale von Spoleto, der in Zusammenarbeit mit der Römischen Oper organisiert worden war, und debütierte in der umbrischen Stadt als Edgardo in Lucia di Lammermoor. Im selben Jahr erschien er in einer Fernsehproduktion von Madama Butterfly neben Anna Moffo. Renato erreichte sehr schnell einen  hohen Bekanntheitsgrad und wurde überall in Italien engagiert: Rom, Neapel, Palermo, Venedig, Genua, Triest, Bologna, Catania. Er begann auch im Ausland zu singen: in der Schweiz, in Spanien, Deutschland (namentlich auch Berlin/Deutsche Oper), Belgien, Frankreich.

Cavaradossi mit Maria Callas an Covent Garden/EMI

Cavaradossi mit Maria Callas an Covent Garden/EMI

Im Jahre 1959 debütiere er in den USA an der Akademie für Musik in Philadelphia, trat dann in der Carnegie Hall in New York auf in Le Duc d’Albe (darin auch in Spoleto) und an der San Francisco Opera in Lucia di Lammermoor. Am 4. März 1962 debütierte er an der Scala in der Rolle des Pinkerton, und 1964 nahm er an zwei historischen Vorstellungen teil: Tosca in Covent Garden an der Seite von Maria Callas und Tito Gobbi und La Traviata an der Scala mit Mirella Freni und danach Anna Moffo, mit Mario Sereni, dirigiert von Herbert von Karajan.

"Bohème" mit Renata Tebaldi an der Met/OBA

„Bohème“ mit Renata Tebaldi an der Met/OBA

Andere Opern, in denen er auftrat, sind La Sonnambula, La Straniera, Lucrezia Borgia, Rigoletto, Un Ballo in Maschera, La Bohème, La Gioconda, Cavalleria Rusticana, Francesca da Rimini. Renato Cioni war auf der  ganzen Welt auch bekannt wegen seiner Aufnahmen von Lucia di Lammermoor und Rigoletto mit  der Sutherland, 1961 für die Decca aufgenommen. Für lange Zeit vergessen, ist er am 8. Dezember 2012 in der Show „The Winner Is…“ im italienischen Fernsehen aufgetreten. Die Trauerfeier fand Mittwoch, den 5. März, im Dom von Elba statt. Er war einer der wirklich großen Tenöre der Callas-Zeit, unglaublich vielseitig und mit einem wirklich schönen, leuchtenden Tenor beschenkt, auch einen wie ihn gibt es nicht wieder!

Stefan Lauter/Ingo Kern

Sullivans Oper „The Beauty Stone“

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Wenn die romantische Oper Ivanhoe (1891) von Arthur Sullivan (1842 – 1900) uns heute nur wie eine Fußnote zu seiner Zusammenarbeit mit W.S. Gilbert erscheint, dann löst sich The Beauty Stone („Der Schönheitsstein“, Uraufführung am 28. Mai 1898) sicherlich noch zögerlicher aus den Nebeln der Vergangenheit.

Arthur Sullivan/Wiki

Zwei Dinge standen lange Zeit dem Wunsch entgegen, diese Oper wiederzubeleben – oder sie auch nur ernst zu nehmen. Zum einen währte ihre einzige Spielzeit (am Londoner Savoy Theatre) lediglich fünfzig Aufführungen, und das Werk war somit Sullivans größter Misserfolg – und wie könnte sein Publikum sich damals geirrt haben? Zum anderen lässt sich dieses Werk von allen Savoy-Opern (einer Gattung, die immerhin weit genug definiert war, dass sie Trial by Jury und The Yeomen of the Guard, ganz zu schweigen von HMS Pinafore und Haddon Hall umfassen konnte) am wenigsten klassifizieren, ja eigentlich erscheint es kaum sinnvoll, das Stück überhaupt als Savoy-Oper zu bezeichnen. Die Tragik liegt darin begründet, dass – trotz aller Schwächen, die die Entstehung von The Beauty Stone so erschwerten – dies eine von Sullivans schönsten und gelungensten Schöpfungen und in ihrer Gesamtheit die künstlerisch ambitionierteste von allen am Savoy inszenierten Opern ist.

Karikatur/c. Downey/Lovell Collection/Chandos

Karikatur/c. Downey/Lovell Collection/Chandos

Sullivan war es gewohnt, mit nur einem Librettisten zusammenzuarbeiten; The Beauty Stone ist der einzige Fall, in dem ein Text von einem Autoren-Paar verfasst wurde. Auch gehörten diese beiden Männer nicht zum üblichen Typus des (komischen) Opernlibrettisten – beide zählten, wenn auch auf unterschiedlichen Gebieten, zu den herausragendsten Künstlern ihrer Zeit. Die treibende Kraft bei der Entstehung dieser Oper war Joseph William Comyns Carr (1849 – 1916), ein führender Protagonist des Londoner Kulturlebens, der viele der unterschiedlichen Facetten von Sullivans Karriere zu bündeln wusste. (…)  Seine publizistische Tätigkeit und seine Funktion als Direktor mehrerer Galerien bedingten einen vertrauten Umgang mit zahlreichen führenden Malern seiner Zeit, darunter nicht zuletzt Dante Gabriel Rossetti, Edward Burne-Jones, James McNeill Whistler und John Singer Sargent, der ein Porträt von Carrs Frau malte. Alice Comyns Carr war kaum weniger künstlerisch interessiert als ihr Mann; sie wirkte unter anderem als Kostümbildnerin und war weitgehend verantwortlich für eines der berühmtesten Bühnenkostüme aller Zeiten – das prächtige Käferflügelgewand, das Ellen Terry als Lady Macbeth trug und das selbst wiederum Sujet eines der berühmtesten Porträts von Sargent war. Übrigens war es Sullivan, der die Zwischenaktmusik für diese Macbeth-Inszenierung (1888) von Henry Irving komponierte; sie zählt zu seinen modernsten und dramatischsten Schöpfungen und man war einhellig der Meinung, dass sie wesentlich zum Erfolg der Produktion beitrug. (…)

Foto aus der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Foto aus der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Die Kombination der Namen Sullivan, Irving und Burne-Jones auf einem Theaterplakat war ziemlich außergewöhnlich und machte das Stück für seinen Schauspieler-Intendanten zu einem großen Erfolg. Irving stellte den Kontakt zwischen Carr und dem zweiten Librettisten von The Beauty Stone her, dem Dramatiker Arthur Wing Pinero (1855 – 1934). Pinero (auch er ein Abtrünniger der Rechtsgelehrtheit) war in den 1870er Jahren Schauspieler in Irvings Truppe gewesen, bevor er sich als erfolgreicher Dramatiker einen Namen machte: The Magistrate (1885), The Second Mrs Tanqueray (1893), The Notorious Mrs Ebbsmith (1895) u. a. (…)

Die drei "Väter" des "Beauty Stone"/Chandos/Lovell Collection

Die drei „Väter“ des „Beauty Stone“/Chandos/Lovell Collection

The Beauty Stone wurde also von drei Männern entwickelt – Sullivan, Carr und Pinero -, deren Wege sich schon häufig gekreuzt hatten und die für eine Zusammenarbeit die bestmögliche Kombination von Talenten einbringen würden. (…)  Sullivan stand an der Spitze der musikalischen Zunft in Großbritannien: Die 1890er Jahre waren ihm bis dahin nicht so wohlgesonnen gewesen wie die 1880er, doch auch wenn seine beiden letzten komischen Opern – The Chieftain (1894, Libretto von F.C. Burnand) und The Grand Duke (1896, Libretto von W.S. Gilbert) – relative Misserfolge gewesen waren, bedeutete der Triumph seines bezaubernden Ballett zum sechzigsten Thronjubiläum von Queen Victoria, Victoria and Merrie England (1897), dass er gegenwärtig geradezu im Erfolg badete. Hätte man sich eine vielversprechendere Zusammenarbeit vorstellen können? Richard D’Oyly Carte (1844-1901) muss darauf vertraut haben, dass sich nun der Erfolg einstellen würde, der dem Savoy Theatre seit The Gondoliers (1889) versagt geblieben war.

Zeitgenössische Karikatur/Chandos/Lovell Collection

Zeitgenössische Karikatur/Chandos/Lovell Collection

Doch es sollte anders kommen. Der Kern des Problems findet sich bereits in der Beschreibung von The Beauty Stone als einem „originellen romantischen Musikdrama“. Ebenso wie Carr, der für die Konzeption des Werks verantwortlich war und die lyrischen Texte schrieb, sah auch Pinero, den Carte anscheinend engagierte, um die Dialoge des Librettos zu verfassen, das Stück als Drama mit Musik; Sullivan hingegen sah es als Oper mit Dialogen. Das allein hätte nicht zu einem unüberwindbaren Problem werden müssen, allerdings gab es einen solchen Überfluss an gesprochenem im Gegensatz zu gesungenem Text, dass die Balance des gesamten Werks auf dem Spiel stand. (…) Es lässt sich allerdings nicht abstreiten, dass das Werk immer noch eine enorme Menge an Dialog enthält. Pinero scheint hier die pseudomittelalterliche Diktion von Carrs King Arthur nachgeahmt zu haben, und Max Beerbohm machte sich im Saturday Review einen Spaß daraus, seinen Prosastil zu parodieren. (…) Tatsächlich scheinen die Schwierigkeiten, die Sullivan mit der Textvorlage hatte, sich überwiegend konstruktiv ausgewirkt zu haben, da deren Komplexität ihn zu einigen seiner längsten Melodielinien und ungewöhnlichsten musikalischen Umsetzungen inspirierte.

Foto zur Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Foto zur Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Die Premiere von The Beauty Stone fand am 28. Mai 1898 statt und dauerte etwa vier Stunden; damit war dies wohl die bei weitem längste von allen Savoy-Opern. Sofort begann man mit dem Kürzen von Dialogen und Musik (…alle ausgesonderten Musikpassagen wurden für die vorliegende Einspielung wiederhergestellt). Die Kürzungen waren tiefgreifend, konnten das Werk jedoch nicht retten. Letztlich wurde der Oper ihr Libretto zum Verhängnis (fatal waren vor allem die Dialoge – es scheint  kaum vorstellbar, dass diese Texte und die modernen Dramen Pineros von ein und demselben Autor stammten). Gleichzeitig wusste das Publikum des Savoy – das Wiederaufnahmen von älteren Stücken von Gilbert und Sullivan sowie auch neue Werke im selben Stil mit loyaler Begeisterung begrüßte – genau, was es wollte, und The Beauty Stone traf einfach nicht seinen Geschmack. (…)  Die Cartes scheinen bis zur fünfzigsten Aufführung durchgehalten zu haben, dann gaben sie auf. Nachdem er so viel Mühe in dieses Stück investiert hatte – die Art von romantischer Historie, die er so liebte -, war Sullivan von den Ergebnissen verständlicherweise demoralisiert.

Arthur Passmore als The Devil in der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Arthur Passmore als The Devil in der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Trotz allem, was an diesem Werk misslungen ist, wäre es doch unfair, nicht auch auf seine Stärken hinzuweisen. Sullivan hatte eine natürliche Begabung für Komödien, war aber immer darauf bedacht, sich ernsteren Materien zuzuwenden; in seiner Korrespondenz mit Pinero spricht er von dessen „schönem Drama“, und dies trifft in vielerlei Hinsicht auch genau zu. Der Text hat grundsätzliche Schwächen, aber es gab auch positive Aspekte, die dem Komponisten zugutekamen – zum einen die lebhafte und kontrastreiche Charakterisierung und zum anderen das Vorhandensein von ausgedehnten Szenen (Sullivan nannte sie „konzertierende Stücke“), die es ihm ermöglichten, die einzelnen Charaktere sowie die ganze Atmosphäre der Oper in langen ungebrochenen Abschnitten zu entwickeln. (…). Carrs berufliche Tätigkeit verweist noch auf einen anderen Aspekt des Stücks. Wenn es so etwas wie eine präraffaelitische Oper gibt, dann liegt sie uns mit diesem Werk vor: Ein historischer Schauplatz, höfische Romanze, eine dunkle Grundstimmung, der Einsatz von magischen Kräften, Liebe und Schönheit als Schlüsselthemen – all das ist in dieser Oper versammelt.  (…) Der Musikdirektor des Savoy, Francis Cellier (1849 – 1914), lag sicherlich richtig in seiner Vermutung, dass dieses für The Beauty Stone einfach das falsche Theater war und dass das Stück an einem anderen Spielort vielleicht bessere Chancen gehabt hätte; Cellier bedauerte, dass eine von Sullivans bezauberndsten Kompositionen nun begraben sein sollte, ihre Musik weitgehend ungehört, doch unvergesslich den vergleichsweise wenigen Privilegierten, die ihren wunderbaren Nummern gelauscht hatten.

Rory Mcdaonald ist der Dirigent der neuen Aufnahme/Foto Chandos

Rory Macdonald ist der Dirigent der neuen Aufnahme/Foto Chandos

Die nun bei Chandos vorliegende erste vollständige professionelle Einspielung korrigiert dieses Unrecht. Nicht lange vor seinem Tod hatte Sullivan mit Carr eine überarbeitete Fassung ihres King Arthur erwogen. The Beauty Stone gewährt uns einen wunderbaren Blick auf das, was Sullivan im Herbst seines Lebens, doch immer noch auf der Höhe seiner künstlerischen Fähigkeiten, aus seiner langerträumten Artus-Oper hätte machen können. © 2013 William Parry/ Übersetzung: Stephanie Wollny

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Den vorliegenden Artikel und die IIlustrationen/Chandos/Lovell Collection entnahmen wir mit Dank und starken Kürzungen der Beilage zur neuen Aufnahme von The Beauty Stone von Arthur Sullivan, der jüngst bei Chandos in ihrer Opernserie in englischer Sprache erschienen ist. Auf der Website von Chandos gibt´s es eine ausführliche Inhaltsangabe –  unter Rory Macdonald am Pult des BBC National Chorus of Wales und des BBC National Orchestra of Wales singen Toby Spence, David Stout, Stepen Gadd, Richard Stone, Alan Opie, Elin Manahan Thomas, Madeleine Shaw, Rebecca Evans und andere, die Aufnahme stammt aus dem Januar 2013/2 CD Chandos 10794 – eine Rezension folgt in Kürze. Redaktion G. H.

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Maria José Siri

Sie wurden in Uruguay geboren und sind dort aufgewachsen. Wie ist Ihr Weg von dort bis hin auf die großen internationalen Bühnen verlaufen? Uruguay ist ein fruchtbares Land, wenn es darum geht, neue Stimmen hervorzubringen. Mein Gesangsstudium habe ich zu einem für die dortige Kultur weniger vorteilhaften Zeitpunkt begonnen, alle Opernhäuser Uruguays waren damals geschlossen. Ich habe zunächst in Produktionen im Ausland mitgewirkt, anfangs im Chor. 2005 hat eines der Opernhäuser meines Heimatlandes überhaupt erst wieder den Spielbetrieb aufgenommen und 2010 ein weiteres. Während der ersten Jahre meines Studiums und meiner professionellen Laufbahn musste ich zwischen Buenos Aires und Uruguay pendeln – in Buenos Aires habe ich studiert und meine ersten Schritte auf der Bühne gemacht. Da ich mich stimmlich weiterentwickeln wollte, habe ich an Wettbewerben im Ausland teilgenommen, nachdem ich schon ein paar in Uruguay und in anderen Ländern Südamerikas gewonnen hatte. Die Wettbewerbe gaben mir die Möglichkeit in Europa zu reisen, mir Opernvorstellungen anzusehen, andere Sänger dort kennenzulernen, an Meisterklassen teilzunehmen und vor allem meinen Blick für die dortige Opernkultur im Allgemeinen zu schärfen.

als Tosca/Siri

als Tosca/Siri

Ich habe dann einige Wettbewerbe in Europa gewonnen. Bei manchen war der Preis eine Partie in einer Opernproduktion – ich konnte es mir allerdings damals nicht leisten, nur für ein paar Vorstellungen aus Uruguay anzureisen – vor allem nicht ohne Gage. Im Jahr 2006 habe ich in Dresden den für mich wichtigsten Wettbewerb gewonnen: die Competizione dell’Opera. Anschließend bin ich aus persönlichen Gründen nach Italien gezogen, habe dort eine Agentur gefunden und 2008 in Puccinis Le Villi debütiert. Das war mein Durchbruch und von diesem Zeitpunkt an an kam es zu Zusammenarbeiten mit etwa Franco Zeffirelli, Graham Vick, Daniel Barenboim, Zubin Metha und vielen mehr.

als Aida/Siri

als Aida/Siri

Unter Ihren Gesangslehrern ist auch die große Ileana Cotrubas. Was konnten Sie von ihr lernen und wie haben Sie die Arbeit mit ihr empfunden? Ileana ist eine großartige Lehrerin, ihre Technik und Kunst habe ich immer bewundert und schon von ihren Aufnahmen viel gelernt, bevor ich überhaupt mit ihr gearbeitet habe. Es war sie, die mich aus dem internationalen Wettbewerb „Montserrat Caballé“ für eine ihrer Meisterklassen mit großem Publikum ausgewählt hat. Dort hat sie mir einen Satz mit auf den Weg gegeben, der mein Schicksal veränderte: „Sie singen das falsche Repertoire, Sie müssen Ihre Stimme finden um dann das für Sie richtige Repertoire singen zu können.“ Die ganze Geschichte ist lang, aber von da an hat für mich damals ein harter Weg begonnen, für den ich jedoch langsam immer mehr belohnt wurde. Ich höre mir heute noch immer von Zeit zu Zeit die Aufnahmen meiner Gesangsstunden mit ihr an. Die wichtigsten Dinge, die ich von ihr mitgenommen habe, sind Respekt, Passion und Liebe für diesen Beruf. Ich bin ihr sehr dankbar. Als ich an der Wiener Staatsoper als Tosca debütiert habe, hat mich der Gedanke, dass sie im Publikum war, sehr nervös gemacht. Nach der Vorstellung habe ich schon in meiner Garderobe gehört, wie ihre Stimme den Korridor füllte – und wusste gleich, was sie über die Vorstellung dachte. Je härter ein Lehrer ist, desto eher schafft er es, das Beste aus einem Künstler herauszuholen, vor allem wenn es sich um einen Menschen handelt, der nie locker lässt, wenn er einen Traum hat. Komplimente reichen manchmal nicht, das Beste aus einem Sänger herauszuholen.

noch einmal als Tosca mit Massimo Giordani/Cavaradossi/Siri

noch einmal als Tosca mit Massimo Giordani/Cavaradossi/Siri

Dieses Jahr singen Sie die Tosca nicht nur an der Berliner Staatsoper, sondern auch an der Deutschen Oper Berlin, der Oper in Stuttgart und in Istanbul. Wie legen Sie die Partie an? Wer ist Tosca für Sie? Tosca ist eine meiner absoluten Lieblingsrollen. Das Schöne an ihr ist vor allem, dass man viel Weiblichkeit, Fragilität, Sensibilität ausdrücken kann und dass die Partie sehr gut geschrieben sowie reich an Farben und Nuancen ist. Sie ist sehr eifersüchtig, naiv genug, um den Worten eines Baron Scarpia Glauben zu schenken, und im zweiten Akt wird sie zu einer wahren Tigerin, zu einer Frau, die schwere Entscheidungen fällt. Zu einem Wesen, das fähig ist zu töten und dabei fast in eine Art Ekstase verfällt, obwohl ein Mord natürlich gegen ihre moralischen Werte als Christin steht. Es macht viel Spaß eine Rolle zu interpretieren, die so viele Facetten hat.

Neben Puccini und weiteren Verismo-Partien finden sich auch viele der großen Verdi-Heroinen in Ihrem Repertoire. Was verlangt Verdi im Gegensatz zu Puccini von der Stimme? Verismo-Partien erlauben es dem Sänger, sich musikalisch in ganz spezieller Art und Weise, die in anderem Repertoire nicht möglich wäre, auszudrücken. Der Text und der Ausdruck sind wichtiger als die musikalische Linie, da der Schwerpunkt eher im Spiel und der Interpretation liegt. Man muss natürlich trotzdem auf die musikalische Linie achten und auf die Art und Weise, wie man eine Phrase aufbaut und Dynamik einsetzt. Ich finde die Aussage falsch, bestimmte Stimmen können keinen Verdi singen, weil es „Verismo-Stimmen“ sind oder umgekehrt. Der „Verdi-Sänger“ muss sich meiner Meinung nach einfach mit dem auseinander setzen, was der große Meister geschrieben hat. Das Wort ist immer wichtig , aber die Gesangslinie, das Legato, wie man Töne ansetzt und die Tonproduktion an sich, die Spitzentöne und Kadenzen sind besonders wichtig und müssen mit besonders großer stilistischer Sorgfalt behandelt werden, wenn man von „Verdigesang“ sprechen will. Ich denke nicht, dass die Stimme an sich entscheidend ist wenn es darum geht, Verdi- oder Verismo-Partien gerecht zu werden, sondern vielmehr die Art und Weise, wie der Sänger die Stimme einsetzt.

als Maddalena mit José Cura/Andrea Chénier/Siri

als Maddalena mit José Cura/Andrea Chénier/Siri

Bisher haben Sie von den frühen Verdi-Partien nur die Lucrecia in I due Foscari interpretiert. Gibt es weitere Pläne in dieser Richtung? Masnadieri, Jérusalem, Giovanna d’Arco? Oder gar Attila, Macbeth, NabuccoMomentan bleibt es, was frühen Verdi angeht, bei I due Foscari. Mir wurden einige der oben erwähnten Partien angeboten, aber momentan will ich mein Repertoire nicht in diese Richtung erweitern. Neue Verdi-Partien werden die Desdemona in Otello, Elisabetta in Don Carlo und Elena in I Vespri Siciliani sein. Was frühen Verdi angeht würden mich eher Werke wie Giovanna d’Arco, Il Corsaro oder I Masnadieri reizen, nicht Nabucco oder Macbeth.

Maria José Siri/Siri

Maria José Siri/Siri

Und Belcanto? Zum Beispiel Norma? Das ist eine gute Frage, mit der Norma habe ich mich bisher noch nicht wirklich beschäftigt und habe Belcanto im Allgemeinen bisher auch noch nicht auf der Bühne gesungen. Als ich studiert habe, habe ich Arien aus Lucia, Sonnambula und so weiter gesungen, aber nie ganze Belcanto-Partien auf der Bühne. Ich würde das jedoch gerne probieren und falls ein Opernhaus bei Belcanto einmal an mich denken sollte, würde ich das sicher gerne machen. Ich denke eigentlich, dass eine Norma früher oder später kommen wird.

 

Haben Sie je ans deutsche Fach gedacht? Salome oder Wagner-Partien wie Senta oder Sieglinde? Ja, daran habe ich schon gedacht, aber ich würde gerne erst mein Repertoire mit weiteren italienischen Partien erweitern.

als Violetta/"La Traviata"/Siri

als Violetta/“La Traviata“/Siri

Welche Auftritte und neue Partien sind in Zukunft geplant? In welche Richtung wollen Sie Ihr Repertoire entwickeln? Gibt es spezielle Partien, die Sie unbedingt singen wollen? Ich würde wirklich gerne französisches Fach singen, mein Traum wäre eine Thais, eine Marguerite in Faust oder dramatischere Massenet-Partien wie die Chimène in Le Cid. Ich habe bereits eine wunderbare französische Partie gesungen, und zwar die Rachel in La Juive, die ich gerne öfter machen würde. Mozart liebe ich ebenfalls sehr und würde gerne öfter Mozart-Partien singen, das ist wie eine Erholungskur für die Stimme. Aber auch hier liegt die Entscheidung letztendlich nicht bei mir, sondern bei den Opernhäusern. In Zukunft steht bei mir vor allem Verdi und Puccini im Kalender, und bei diesen Komponisten fühle ich mich stimmlich auch besonders wohl.

 

www.mariajosesiri.com

Ingrid Bergman zum 100.

Keine leichte Lektüre. Mehr als drei Kilo schwer. Nichts für die Badewanne. Es braucht einen Extra-Tisch, um das Buch aufzuschlagen. Eine würdige Publikation für Ingrid Bergman, eine der großen Diven des vergangenen Jahrhunderts, die im kommenden Jahr ihren 100. Geburtstag feiern würde. Kaum eine der Leinwandgöttinnen dürfte häufiger fotografiert worden sein – ausgenommen natürlich ihre Landsmännin Greta Garbo. Obwohl die ebenfalls in Stockholm geborene Garbo nur zehn älter war, könnte man meinen, es lägen Jahrzehnte zwischen ihr und Ingrid Bergmann.

Liv Ullmann, die in dem Mutter-Tochter Drama Herbstsonate, dem letzten Kinofilm der Bergmann (gefolgt nur von der Fernsehproduktion über Golda Meir), ihre Tochter gespielt hatte, meinte, „auch wenn sie meist von Menschen umgeben war, spürte ich bei ihr eine Aura innerer Einsamkeit. Ingmar (Bergman) empfand sie ebenso ..“. In einigen der annähernd vierhundert Fotos in diesem Buch ist diese Einsamkeit, eher vielleicht Unnahbarkeit und Distanz („Ich habe mich nie verloren in der Rolle, die ich gespielt habe, egal, welche“.), deutlich zu spüren, was auch mit dem Star-Sein zusammenhängt („Ich weiß, dass ich ein wandelndes Abbild bin. Wenn ich zum Beispiel mit anderen Leuten im Lift stehe, dann reden sie über mich, als wäre ich gar nicht da… Offenbar denken sie, ich wäre auch in dem Moment nur ein Leinwandportrait“), doch viele der wunderbaren, aus dem persönlichen Nachlass der Schauspielerin stammenden Fotos, unter Hilfe der Kinder, vor allem Isabella Rossellini und Roberto Rossellini jun., ausgesucht, zeigen auch eine andere Seite der Schauspielerin. Das Ergebnis ist ein kostbarer, geradezu luxuriös konzipierter und geschmackvoller Band mit einem Vorwort der Ullmann, dem berühmten Interview, das der Filmhistoriker John Kobel 1972 auf der Bühne des National Film Theater in London mit ihr führte, und knappen Einführungen zu den sieben Kapiteln: Schweden 1915-39, Hollywood 1939-45, Kriegsende in Europa/ Neue Horizonte 1945-49, Der Skandal: Die Verbindung mit Rossellini 1949-55, Loslösung und Trennung 1956-57, Neue Karriere – Neues Glück 1958-65 und Theater und späte Filme, Krankheit, Abschied und Tod 1965-82.

In dem Interview mit Kobel erleben wir eine direkte, spontane und ehrliche Bergmann,  die sich selbst mit kritischer Distanz betrachtet,  „..andrerseits bin ich auch überrascht, dass Casablanca ständig wieder zu sehen ist, ebenso wie viele andere alte Filme, ob im Fernsehen, in den Cinematheken oder im Filmmuseum. Damals dachte man nach einen Dreh, so, das war’s, und gab den Filmen sowieso keine Zukunft. Zu meiner Zeit in Hollywood waren alte Filme tot und vergessen“.  Allerdings hatte sich schon die jugendliche Bergman, die mit zwölf Jahren Waise geworden war, selbstinszeniert und in diversen Posen fotografiert, die den Porträts des späteren Stars nicht unähnlich sind, deren erstes kunstvolles Starfoto von der 21jährigen aus Intermezzo stammt. Aus vielen Fotos spricht Bergmans Klarheit und unprätentiöse Art und Wärme, sei es hinter dem Filmset, mit ihren Regisseuren und Filmpartnern, der Familie oder mit Freunden. Auf späteren Bildern scheint sie besonders gelöst, beispielsweise als sie in London Theater spielte, und bekannte, diese Wochen gehörten zu den glücklichsten ihres Lebens. Ein großartiges Buch, ein Schatz.

R. F.

Isabella Rossellini & Lothar Schirmer (Hrsg.), Ingrid Bergmann. Ein Leben in Bildern. 528 Seiten, 385 Abbildungen, Schimer/ Mosel Verlag,

Kiri Te Kanawa – schon 70?

Zum 70. Geburtstag von Kiri Te Kanawa – „The Classic Albums“: Kiri Te Kanawa wird am 6. März 70 Jahre alt. Decca ehrt die neuseeländische Sopranistin, eine der größten Opernsängerinnen des 20. Jahrhunderts, mit der limitierten Sonderedition.

Kiri Te Kanawa vereint in ihrer Persönlichkeit seit jeher den Gegensatz von strahlendem Bühnenimage als aristokratische Heldin par excellence und „polynesischer Gelassenheit“, die böse Zungen als Phlegma bezeichnet haben. Ein wenig, so scheint es, musste man die Primadonna immer wieder zu ihrem Glück zwingen. Als Tochter eines Maori und einer Europäerin bei Adoptiveltern aufgewachsen, die ihr Talent früh förderten, richten sich die Ambitionen der hübschen jungen Sängerin zunächst auf Schlager und Musicals – weil sie leichter zu singen sind, wie sie einmal mit der ihr eigenen Nonchalance bekennt. Die Jobs als Telefonistin und Verkäuferin, mit denen sich Kiri Te Kanawa eine Zeit lang begnügt, kann sie dank finanzieller Unterstützung der Maori Trust Foundation an den Nagel hängen. Eingefädelt hatte das die Ziehmutter, um ihrer Tochter intensiveren Gesangsunterricht zu ermöglichen.

Plötzlich Sopran

Dank eines Stipendiums, das Kiri Te Kanawa nach Erfolgen bei klassischen Gesangswettbewerben in Neuseeland und Australien erhält, kann sie ab 1966 in London studieren. Der Dirigent Richard Bonygne konfrontiert sie dort erstmals mit der Tatsache, sie sei nicht der Mezzo, für den sie sich bislang gehalten hat. Vielmehr besitze sie einen wundervollen Sopran. „Um ehrlich zu sein: Das war schon eine ziemliche Überraschung”, sagt sie einmal im Interview. Es fällt ihr anfangs schwer, sich an die neuen Arbeits- und Lebensbedingungen in London zu gewöhnen. Sie gilt als unzuverlässig und häufig schlecht vorbereitet. Erst die Heirat mit einem Ingenieur im Jahr 1967 scheint ihr mehr Stabilität zu geben. Den Ruf, nicht gern neue Rollen einzustudieren, wird sie allerdings nie ganz los.

Durchbruch als Gräfin im „Figaro“

Zum ersten internationalen Triumph wird „Die Hochzeit des Figaro“ am Royal Opera House. Bei Proben zur Neuproduktion von 1971 erregt sie die Aufmerksamkeit von Colin Davis. „Ich traute meinen Ohren nicht“, erinnert sich der Dirigent. „Ich habe tausende Proben gemacht, doch ihre Stimme war so fantastisch schön, dass ich sagte: ‘Lasst sie uns noch einmal hören. Ich will sicher gehen, nicht zu träumen’“. Die Aufführung überwältigt auch Publikum und Presse. Der angesehene Musikkritiker Desmond Shaw-Taylor schwärmt in Bezug auf Kiri Te Kanawas Interpretation der Arie „Porgi amor’“ von einem „reinen, strahlenden und üppigen Klangstrom, der stets hell und sicher blieb, selbst an den Übergängen zwischen mittlerem Register und Kopfstimme, wo alle Soprane mit Ausnahme der vollendetesten schwanken.“

Sängerin der königlichen Hochzeit

„Der Frachtzug setzte sich in Bewegung und hielt nicht wieder an“, sagt sie über ihren internationalen Durchbruch. Kiri Te Kanawa erobert die großen Opernbühnen der Welt. Sie feiert große Erfolge als Marschallin im „Rosenkavalier“, Desdemona in „Otello“, Mimi in „La Bohème“, Micaela in „Carmen“ und Maria in „Westside Story“. Zu Georg Solti knüpft sie besonders enge künstlerische Bande. Sie nimmt zahlreiche Platten mit ihm auf. Er erweist ihr die Ehre, die „Vier letzten Lieder“ seines Freundes Richard Strauss mit ihr aufzunehmen. 1981 erfährt ihre bereits märchenhafte Popularität einen weiteren Schub: Sie singt auf Wunsch des Bräutigams bei der königlichen Hochzeit von Prince Charles und Diana Spencer in der St. Paul’s Cathedral. Im darauffolgenden Jahr ernennt Queen Elisabeth Kiri Te Kanawa zur Dame Commander of the Order of the British Empire.

Mozart und Strauss

„Die Musik von Mozart und Strauss scheint wie geschaffen für meine Stimme“, sagt sie über ihre beiden Lieblingskomponisten. „Beide komponieren sehr wohlwollend für Sopran, etwa wenn das Orchester hinter dir anschwillt, um sich dann sanft zu teilen und den Weg für dein Sopransolo frei zu machen. Man fühlt sich beschützt.“ Kiri Te Kanawa hat ihren lieblich hellen Sopran, der mit scheinbarer Mühelosigkeit selbst höchste Lagen erreichte, über Jahrzehnte unbeschadet gehalten. Nur selten erlag sie der Versuchung, die natürlichen Grenzen ihrer Stimme zu überschreiten. „Das Wort ‘nein’“, so meint sie, „ist ein sehr wichtiges Wort im Repertoire einer Sängerin“.

Sonderedition zum 70. Geburtstag

Anlässlich des 70. Geburtstags der größten neuseeländischen Opernsängerin veröffentlicht Decca die limitierte Edition „Kiri Te Kanawa – The Classic Albums“. Sie beinhaltet wunderbare Aufnahmen der „Vier letzten Lieder“ von Strauss und eine Auswahl von Mozart-Arien aus Opern wie „Figaro“, „Così fan tutte“, „Idomeneo“ und „Zauberflöte“. Lieder und Arien von Schubert, Mendelssohn, Liszt, Ravel, Rachmaninoff und anderen Komponisten runden diese Sonderedition (6CDs) zu Ehren einer der ganz großen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts ab. Decca/Universal

A better world to live in

Das sprichwörtliche Veronika, der Lenz ist da ist beileibe nicht der bekannteste Titel des Walter Jurmann, dessen Biografie jetzt der Publizist und Filmproduzent Eberhard Görner vorlegt. Viele davon hat uns erst wieder Max Raabe nahe gebracht, der in seinen unnachahmlichen Moderationen auch nie den Textdichter, in vielen Fällen Fritz Rotter, unterschlug: Mein Gorilla hat‘ ne Villa im Zoo, Frauen brauchen immer einen Hausfreund, Eine kleine Reise im Frühling mit Dir usw. Das waren die Berliner Schlager der 1920 und 30er Jahre, die von den Comedian Harmonists, Richard Tauber, Hans Albers und Jan Kiepura gesungen wurden, von dem Görner die nette Anekdote berichtet, wie er vor der Berliner Staatsoper vom Dach eines Taxis aus Ninon aus dem neuen Film Ein Lied für Dich gesungen hat (was Kiepura aber gerne und regelmäßig gemacht hat).

Als einer seiner größten Erfolge, der Titelsong des Films San Francisco mit Clark Gable und Jeanne MacDonald, in Deutschland erstmals im Berliner Capitol Kino erklang, hatte Jurmann Deutschland bereits verlassen. Sein Name wurde im Abspann nicht genannt. Im Gegensatz zu Kollegen wie Benatzky oder Abraham fand sich Jurmann, nach einem relativ kurzen Aufenthalt in Paris, wo er unter dem Namen Pierre Candel schrieb und von Josephine Baker und Tino Rossi interpretiert wurde, als Vertragskünstler von MGM in Hollywood zurecht. Jetzt sangen Mario Lanza, Judy Garland und Deanna Durbin („Thank you America“ bei der dritten Amtseinsetzung von Roosevelt) seine Lieder. Görner folgt dem Weg des 1903 in Wien geborenen und 1971 während einer Urlaubsreise in Budapest, dem Geburtsort seiner Frau, gestorbenen Jurmann auf etwas sprunghafte Weise („Doch wir wollen der Zeit nicht vorauseilen…“, „Gehen wir noch einmal ein paar Jahre zurück“), der Stil ist manchmal floskelhaft – die Tasten des Flügels sind natürlich „schwarz-weiß“, Tauber war ein „begnadeter“ Tenor und Berlin ein „Mekka der Musik und des Films“ – und die ausführlich eingestreuten Ausschnitte aus Interviews mit Jurmanns Gattin Yvonne haben nicht durchweg hohen Informationswert. So glamourös dieses Musikleben zweifellos war, so seltsam glatt bleibt doch dieses Buch, das mir Jurmann nicht auf so dichte Weise vermittelt, wie es beispielsweise Henneberg in seinem Buch über Benatzky gelang, allerdings vermittelt es, und das war vielen vermutlich nicht bewusst, den durchaus internationalen Rang dieses Komponisten, der neben dem offiziellen Song San Francisco auch die Hymne der Stadt Antonio komponierte, u. a. die Musik zur Meuterei auf der Bounty und A night at the Opera schrieb, sich an einem Musical versuchte, aber bereits in den 1940er Jahren aus dem Geschäft zurückzog. Noch das späte, auf der CD als Zugabe präsentierte A Better World to Live  beweist das, was Max Raabe im Vorwort als Jurmanns Qualitäten hervorhebt: „Walter Jurmann war in der Lage, in den Ländern, in denen er lebte, für das Land typische Werke zu schaffen…. In Deutschland kennt jeder sein Lied Veronika, der Lenz ist da – in Frankreich Ninon – in den USA San Francisco. Titel die jeder kennt, auch wenn er den Namen des Komponisten nicht kennt.“

Rolf Fath

Eberhard Görner Walter Jurmann. Sein Leben, seine Musik.  288 Seiten, mit CD, Henschel Verlag, 24,95 €.

„Man muss träumen und man muss warten!“

Sie haben einmal erwähnt, dass die Entschei­dung, den Figaro einzuspielen, erst nach Jahren des Durchdenkens und Erforschens all seiner Aspekte gefallen sei. Was hat Sie dazu bewegt, sich diesem Projekt mit solcher Intensität zu widmen?

Teodor Corretzis bei der Aufnahme in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Teodor Corretzis bei der Aufnahme in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Eigentlich war es eine Figaro-Aufführung, die wir vor zehn Jahren in ei­nem Moskauer Hospiz spielten, für eine Gruppe todkranker Patienten. Sie war als eine Feier des Lebens gedacht, und ich werde nie vergessen, wie die Musik auf dieses Publikum wirkte, dem das Stück, wie ich glaube, vollkommen unbekannt war. Beim Dirigieren ging mir ständig durch den Kopf: »Stell dir vor – sterben, ohne dieses Meis­terwerk gehört zu haben.« Was aber, wenn wir alle in dieser Gefahr sind, selbst wenn wir mit dem Werk durch Aufnahmen und Aufführungen sehr vertraut sind? Was, wenn das Studium von Mozarts Partitur eigentlich etwas ganz anderes zu Tage fördert als das, womit unsere Ohren vertraut sind?

Aber es ist doch eine der bekanntesten Opern überhaupt. Es gibt unzählige Aufführungen und fast 200 Aufnahmen davon… Und so muss das auch sein, denn wir spre­chen hier von dem größten Musiker, der je ge­lebt hat. Figaro, Così und Don Giovanni stellen das Höchste dar, wozu sein Genie fähig war. Und trotzdem, ich sage es noch einmal, ist es praktisch unmöglich, diese Musik so zu hören, wie er sie niedergeschrieben hat. (…) Denn was wir zu hören gewohnt sind, wurzelt in der Operntradition des 20. Jahrhunderts, und dieser Tradition ging es um die Vereinfachung des Materials. Es wurde akzeptiert, dass die Or­chester immer lässiger mit rhythmischen und dynamischen Feinheiten umgingen. Die Solisten gewöhnten sich daran, den Notentext sozusagen annäherungsweise zu singen. Und es klingt sehr fein! Doch die Musik bleibt in der ersten Phase ihrer Erkennbarkeit stecken. Sie gelangt nicht auf jene Ebene von Präzision und Tiefe, auf der sich der volle Reichtum von Mozarts Genie offenbart. Diese Musik ist so perfekt, ob in ihrer Form, ihrer Ensembletechnik, der Harmonik, Dramatur­gie oder Orchestrierung, dass sie immer »klingt«. (…) Das ist die Falle: Mozarts Werk klingt immer groß, und deshalb ignorieren viele Interpreten die Details.

und noch einmal ein Aufnahmefoto in Perm/Anton Zavyalov/Sony

und noch einmal ein Aufnahmefoto in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Der Gesangstechnik des 20. Jahrhunderts mit ihren mächtigen Stimmen wollte vor allem großes Klangvolumen, um die immer größeren Theater füllen zu können. Verloren ging dabei die Idee von der Stimme als einer Palette von Klangfar­ben, die es erst erlaubt, dem Publikum das Werk vollständig darzustellen. Die Fähigkeit etwa eines Sängers, selbst einfache rhythmische Figuren wie Sechzehntel, Triolen oder Punktierungen auszu­führen, galt als zweitrangig und wurde nicht mehr gründlich unterrichtet. Aber ohne diese Präzision hört das Publikum nichts als eine müde Annä­herung an das wirklich Komponierte. Die Magie geht verloren.

(…) Die Radikalität meiner Auf­nahme liegt in ihrer Präzision. Aber Präzision ist nicht Pedanterie. Im Gegenteil, sie eröffnet eine neue Welt der Freiheit und Improvisation. Nur durch strikteste Disziplin setzt man den wahren Duft dieser Musik frei, erweckt sie zu wirklichem Leben, erzeugt diese Farben, die auf der Bühne unmöglich sind. Darum haben wir so viel Zeit im Studio verbracht: Weil wir uns bis an unsere Grenzen und über sie hinaus gefordert haben, um zu einem neuen Verständnis dieses Werkes zu ge­langen. Das ist das Privileg einer kompromisslo­sen Studio-Aufnahme.

Simone Kermes singt die Contessa/Pressefoto zur Solo-CD "Belcanto"/c. Gregor-Hohenberg/Sony

Simone Kermes singt die Contessa/Pressefoto zur Solo-CD „Belcanto“/c. Gregor-Hohenberg/Sony

Sie hätten sich vielen anderen zentralen Meis­terwerken der Musikgeschichte auf dieselbe Wei­se nähern können. Warum Figaro? Weil Mozart für mich von allen Komponisten der modernste ist und sein Figaro uns auf einzig­artige Weise die mögliche Rolle der Oper in unse­rem heutigen Leben begreiflich machen kann. Ich glaube, dass diese Einzigartigkeit zwei Fun­damente hat: einen revolutionären Geist und tiefe Spiritualität. Einerseits war die Oper nur den höchsten Schichten der Gesellschaft zugänglich. Anderer­seits unterwanderte die Handlung des Figaro die Konventionen des Genres, weil sie völlig inakzep­tabel war für diese Schichten, die in Heuchelei lebten. In der Zeit, als Figaro entstand, wurden revolutionäre Ideen in Europa zum integralen Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, erzeugten vage Träume von einer neuen Renaissance des Lebens und der Kunst. So ist Mozarts Musik einerseits perfekt und von dersel­ben großen Symmetrie erfüllt wie ein prächtiges Schloss im klassizistischen Stil. Gleichzeitig aber ist sie so revolutionär, dass sich an den Wänden der Raffinesse und des Moralismus Risse und Schäden zeigen. Dieser zerstörerischen Kraft, die­sem Protest der Autoren verdankt das Werk seine ewige Relevanz.

Le nozze di Figaro enthält viele Skandale und Provokationen: Die heuchlerische Falschheit des Grafen, der öffentlich dem feudalen »ius primae noctis« entsagt, es aber bei Susanna ganz unver­hohlen einfordert; das schockierende Durchein­ander, das schließlich dazu führt, dass sich eine Gräfin und ihre Zofe nicht mehr voneinander un­terscheiden lassen; die Intrige von Marcellina, die auf der Begleichung einer Schuld oder der Hei­rat besteht. All das sind Situationen, die im 18. Jahrhundert sehr wahrscheinlich an der Tages­ordnung, nie aber so deutlich dargestellt worden waren – am allerwenigsten auf der Bühne eines Hoftheaters.

Teodor Corretzis/Robert Kittel/Sony

Teodor Corretzis/Robert Kittel/Sony

Der Notentext selbst bietet viele provokante Momente. Die erste Provokation passiert bereits in den allerersten Takten der Ouvertüre. Wer im­mer sie hört, ist absolut sicher, dass diese erste Phrase aus einer klassisch-symmetrischen Perio­de von acht Takten besteht, doch in Wirklichkeit sind es nur sieben. Nach nur sieben Takten be­kommen wir zu spüren, wie Mozart sein Publi­kum erstaunen will, wie er alles um sich herum mit seinem Humor, seinem Zynismus und seiner Beseeltheit durchdringt.

Die Spiritualität durchzieht die gesamte Oper. Ohne dass sie in der Handlung offen dargestellt würde, ist sie ständig präsent. Mozart ist ein wah­rer Alchimist, ein Mensch, der in einem gewöhn­lichen Stein das Juwel sieht, das anderen Men­schen verborgen bleibt, und der das eine in das andere verwandeln kann. Seine Betrachtungswei­se geht viel weiter als alles, was wir uns auf der Basis des Librettos oder der konkreten Entste­hungszeit der Oper vorzustellen vermögen.

Im Verlauf der Oper begegnen wir sämtlichen Typen und Phasen der menschlichen Entwick­lung. Mozart untersucht unsere einfachen Le­bensgeschichten durch seine Figuren, die allesamt in ihre unentwirrbaren, durch Vernunft nicht zu lösenden Situationen verwickelt sind. In der an­tiken Tragödie, wenn die Menschen die Verwick­lungen ihrer eigenen Schicksale nicht aufzulösen vermochten, erschien manchmal ein deus ex machina, um ihren Dramen die entscheidende Wen­dung zu geben. Mozart aber lässt keine Gottheit eingreifen, sondern wird stattdessen selbst zum Gefäß einer göttlichen Harmonie. (…) Mozart braucht keinen deus ex machina. Er fordert die Menschen einfach auf zu schwei­gen, damit sie die Stimme der göttlichen Harmo­nie hören können. Sie ist immer da, mitten im Gebrüll und Geheul der Welt, und sie kann die Hölle des menschlichen Daseins in ein Paradies verwandeln. Diese Musik zeigt uns den Weg zur Wahrheit, und zugleich sagt sie uns, was wir alles loslassen müssen, um ans Ziel zu gelangen. Wir ahnen, dass sie recht hat, und wir ahnen, wie hart es sein wird, ihr zu folgen. (…)

Szene aus "Cosi fan tutte" am Opernhaus Perm unter Teodor Corretzis/Anton Zavaylos/Opernhaus Perm

Szene aus „Così fan tutte“ am Opernhaus Perm unter Teodor Corretzis/Anton Zavyalos/Opernhaus Perm

Die Klanglandschaft, in der diese Aufnahme das zum Ausdruck bringt, wird vielen Hörern sehr ungewöhnlich erscheinen. Besonders radikal ist wohl der Gesangsstil, den Sie mit den Sängern für diese Wiedergabe entwickelt haben – zum Beispiel im extrem sparsamen Gebrauch des Vibrato. Ich wollte eine Opernaufnahme machen, in der so wenig »opernhaft« gesungen wird wie nie zuvor. Es ging mir um einen Gesang von größter Intimität, der von Herzen kommt und direkt zu Herzen geht. Zum Vibrato: Jeder Ton hat sein natürliches, für ihn richtiges Vibrato. Die wahre sängerische Kunst besteht darin, dieses zu erkennen und zu unterstützen. Das Nonstop-Vibrato des 20. Jahrhunderts zerstört nur die Rein­heit der Intonation und macht den Klang sowohl schwerer als auch schwächer. Und ich vermute, dass unsere Verzierungen für heutige Ohren das größte Überraschungselement sein werden. Man bekommt sie eben in der Re­gel gar nicht zu hören. Weil diese Ornamente in der Partitur nicht niedergeschrieben sind, wis­sen heute viele Interpreten nicht, was sie zu tun haben, und verzichten oft einfach darauf. Dabei wissen wir sehr genau, dass von den Sängern der Mozart-Zeit kunstvolle abbellimenti erwartet wurden und eine Aufführung ohne sie einfach inakzeptabel gewesen wäre. Solche Darbietungen können merkwürdig leer und mitunter sogar kalt klingen, denn wenn Mozart seine Noten schrieb, setzte er die spätere Ornamentierung voraus. Können wir uns ein Violinkonzert vorstellen, in dem keine Kadenz gespielt würde, nur weil der Komponist keine geliefert hat? Aber wir haben auch genügend Zeugnisse über damalige Sänger, deren Wahl bei Verzierungen von Zeitgenossen als geschmacklos kritisiert wurde. Wie finden wir also einen Stil, der dem entspricht, was Mozart hätte hören wollen?

Die Wahl der Ornamente, die Sie hier hören, basiert auf musikalischem Material, das in den 1770er- und 1780er-Jahren entstanden ist. Man­ches hat Mozart selbst für vokale oder instru­mentale Stücke geschrieben, einiges stammt von Musikern, die mit ihm spielten oder arbeiteten, einiges von anderen Zeitgenossen. Den Rest habe ich selbst auf der Grundlage dieser historischen Materialien geschrieben. Die Quellen stehen je­dermann zur Verfügung. Die Frage ist nur, wie man sie auf kreative Weise verwendet. (…) Ich halte die ganzen Diskussionen über die historische Authentizität musikalischer Darbietungen für sinnlos. Wir können die his­torische Wahrheit der Klänge, die Mozart hörte, ebenso wenig kennen wie wir seine Haut berüh­ren können. MusicAeterna sucht die Instrumen­te dem jeweiligen Repertoire entsprechend aus. Bei Mozart verwenden wir Originalinstrumente oder moderne Kopien solcher Instrumente. Also Darmsaiten, barocke Bögen, Naturhörner, his­torische Holzblasinstrumente, barocke Pauken, ein Hammerklavier und so weiter und so fort. Ich verwende diese Instrumente nicht, weil ich glaube, dass sie mich einer historischen Wahrheit näher brächten, sondern weil sie mir die Leben­digkeit, die Reaktionsschnelligkeit, den straffen, festen, scharf definierten Klang liefern, der den ganzen Reiz dieser Musik ausdrückt. Ich verwen­de sie, weil sie besser klingen. Wäre ich der Mei­nung, diese Musik klingt besser auf elektrischen Gitarren, würde ich sie auf elektrischen Gitarren spielen.  (…)

figaro sonyWenn ich mir den idealen Orchesterklang vorstelle, träume ich von einem Orchester vom An­fang des 18. Jahrhunderts, das aber schon vertraut ist mit dem Stil und den Instrumenten der Klassik und den Aufführungen von Mozarts Musik, der ein halbes Jahrhundert später komponierte. Ich halte unsere Art, Mozarts Werke zu interpretie­ren, nicht deshalb für progressiv, weil sie in die Zukunft blickt, sondern weil sie in die Zeit vor Mozart zurückschaut, in welcher er selbst seine Anregungen fand. Ob es uns gefällt oder nicht – wir erleben Mozarts Musik durch das Prisma der Post-Romantik und ihres Moralisierens. Wenn wir also einige Elemente benutzen, die schon aus der Mode gekommen waren, als Mozart dieses Werk schrieb, dann wird deswegen daraus kei­ne Barockmusik, sondern sie tragen dazu bei, in Köpfen des 21. Jahrhunderts eine gewisse Balance /wischen Vergangenheit und Zukunft wiederher­zustellen.

Eines der sofort bemerkbaren Kennzeichen dieser Aufnahme sind die auffallend scharfen dy­namischen Kontraste. Erwarten Sie Kritik wegen übertriebener Effekthascherei? Die ganze Vorstellung, die wir heute von Dy­namik haben, entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und es wurde seither immer schlimmer – fast so, als wollte man vor zuviel Emotion davonlaufen. Die 1980er-Jahre mit ih­rem »objektiven Klang« – diese unausgesproche­ne Idee von der Klassik als einer sicheren Zone, wo alles hübsch ist und angenehm und nichts wehtut… Aber klassische Musik ist extrem. Ihr Geist ist viel wilder und rücksichtsloser, als wir das im 20. Jahrhundert zu würdigen gelernt ha­ben. (…) Mein dynamischer Ansatz besteht also darin, das 20. Jahrhundert abzuschütteln und starke, li­neare Kontraste zu erzeugen. Ich bin sicher, dass sich einige Menschen darüber wundern werden, weil sie an die moderate Dynamik gewöhnt sind, in der forte oft ein bisschen zu leise genommen wird und piano ein bisschen zu laut. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es alleine von forte bis piano vier Hauptstufen gibt (forte, mezzoforte, mezzopiano, piano), die ihrerseits wieder eigene Abstufungen haben. Bei unserer Arbeit wurde die größtmögliche Sorgfalt auf diese Nuancen ver­wandt, um sie von Vokalensemble und Orchester in absoluter Synchronizität hören zu können.

Blickl inden Zuschauersaal der Permer Staatsopr mit Ballett/Tschaikowsky-Staatsoper Perm

Blick in den Zuschauersaal der Permer Staatsopr mit Ballett/Tschaikowsky-Staatsoper Perm

Für uns war dieses Projekt sehr wichtig, so schwierig und schmerzhaft es auch war. Es gibt so viele Aufnahmen, die den allgemeinen Geist von Mozarts Musik vermitteln. Eine neue Einspielung hat nur dann Sinn, wenn man dem Publikum damit die Möglichkeit gibt, die ganze Magie zu erfahren, die in dieser Partitur steckt. Ich habe diese Aufnahme gemacht, weil ich zeigen wollte, was möglich ist, wenn man die Fabrikmentalität des Klassik-Mainstreams meidet. Mein Credo ist, dass jede Aufführung, die man gestaltet, wie eine Schwangerschaft sein muss. Man muss träumen und man muss warten. Bis die Zeit gekommen ist, in der man das Wunder geschehen sieht. Wer nicht so in der Musik lebt, der verfehlt ihre zent­rale Idee. Musik ist kein Beruf, und es geht darin nicht um Reproduktion. Musik ist eine Mission.

Das Gespräch führte Marc de Mauny, Direktor der Tschaikowsky-Staatsoper, Perm, und wir entnahmen es mit sehr starken Kürzungen der außerordentlich üppigen Beilage zur neuen Aufnahme bei Sony (mit Simone Kermes, Andrei Bondarenko, Fanie Antenetou, Christian van Horn, Mary-Ellen Nesi, Maria Forsström, Nikolai Loskutin u. a.; MusicAeterna und Orchester/Chor des Opernhauses Perm; Dirigent – Teodor Curretzis), wo bereits in diesem Jahr Così fan tutte und im nächsten Don Giovanni folgen werden. Eine Rezension der neuen Einspielung nimmt der Kollege Peter Sommeregger in diesen Seiten vor. Redaktion G. H.

Spritziges Jugendwerk

Nur neunzehn Jahre alt war Georges Bizet bei der Uraufführung seines Opernerstlings Le Docteur Miracle. Den Text lieferte Ludovic Halévy, der spätere Carmen-Librettist: Ein Offizier verliebt sich in die Tochter eines Bürgermeisters, der gegen alles Militärische ist. Deshalb gibt er sich erst als Koch aus, serviert dem Schwiegervater in spe ein verdorbenes Omelette, um ihn dann in zweiter Verkleidung als Doktor Mirakel von der angeblichen Vergiftung zu heilen. Natürlich nur unter dem Versprechen, bei Genesung die Hand der Angebeteten zu erhalten. Bei dieser Nonsense-Komödie von Oper zu sprechen ist ein bischen hochgestochen, zumal der junge Komponist den Einakter bei einem von Jacques Offenbach ausgeschriebenen Operettenwettbewerb einreichte. Bizet gewann ihn, musste sich den Preis aber mit Charles Lecocq teilen. Der blieb später bei der leichten Muse und wurde ein Meister in diesem Genre, während Bizets Weg dagegen bekanntermaßen zum großen Bühnendrama führte. Davon ist Le Docteur Miracle noch weit entfernt. Nur acht Musikstücke, einschließlich der Ouvertüre enthält die Partitur. Das Vorspiel schnurrt wie ein Spielwerk im Geiste italienischer Buffokomponisten ab und beim ersten spritzigen Ensemble – es sind insgesamt je zwei Trios und Quartette – gibt es die typischen crescendo-Steigerungen à la Rossini. Vorwiegend aber ist die Musik lyrisch grundiert, in Laurettes zärtlicher Romanze, dem charmanten Bewerbungscouplet Pasquins, dem innigen Liebesduett, aber auch in dem köstlichen Omelette-Quartett, einem kleinen Kabinettstück an subtilem Humor. Was aber den besonderen Reiz des Stücks ausmacht, ist die quirlige, delikate Instrumentierung. Dass sie gebührend zur Geltung kommt, liegt daran, mit welchem Feinschliff das Orchestre Lyrique de Region Avignon Provence unter der animierenden Leitung von Samuel Jean die Orchesterbegleitung spielt: duftig, dynamisch sublim ausbalanciert, federnd und manche Passage wie hingetupft. Die vier Solisten stehen dem nicht nach und geben ein wunderbar miteinander harmonisierendes Ensemble ab, das auch die mitunter etwas langen Dialoge so lebendig gestaltet, dass keine Langeweile aufkommt. Der Drahtzieher alias Jérôme Billy, der in gleich zwei Verkleidungen darstellerische Wandlungsfähigkeit beweisen muss, singt sich mit weichem, distinguiertem Tenor in das Herz von Laurette. Diese ist bei Marie-Bénédicte Souquet mit mädchenhaft anmutigem wie agilem Sopran bestens aufgehoben. Isabelle Druet steuert mit sattem Mezzosopran die mütterliche Farbe bei. Pierre-Yves Pruvot ist ein mit knurrigem Bass wetternder markiger Bürgermeister. Eine ausgesprochen hübsche Aufnahme, die dazu mit einem informativen Booklet ausgestattet ist. Und die die alte ORTF-Aufnahme mit der Mesplé mehr als ablöst. Wie wäre es nun mit einer Einspielung der Lecocq- Version zum Vergleich?

Karin Coper

Georges Bizet: Le Docteur Miracle mit Marie-Bénédicte Souquet (Laurette), Isabelle Druet (Véronique), Jérôme Billy (Silvio/Pasquin/ Docteur Miracle ), Pierre- Yves Pruvot  (Le Podestat); Orchestre Lyrique de Region Avignon Provence, Leitung: Samuel Jean; timpani  1C1204

Martin Redlinger: „Kultur ist für alle da!“

Mit 18 gehörte Martin Redlinger zum Bundesliga-Kader des Handballvereins Frisch Auf Göppingen (Baden-Württemberg) und studierte nach dem Abitur Sport, Musik und  Kulturmanagement. Seit 2002 ist er Direktor für Marketing und Vertrieb im Konzerthaus Berlin. Hanns-Horst Bauer unterhielt sich mit ihm über Sport, Kultur und Leidenschaften.

Sie waren bereits vor Ihrem Abitur im Bundesliga-Kader von Frisch Auf. Hand aufs Herz, für welche Mannschaft schlägt es, wenn heute die Berliner „Füchse“ auf Ihre frühere Mannschaft treffen? Das war anfangs ganz schwierig für mich. Mittlerweile bin ich allerdings, da ich kaum mehr Kontakt zu meiner früheren Heimat habe, eher auf der Seite der Füchse. Mit denen hatten wir sogar im Konzerthaus  eine Zusammenarbeit beim spektakulären „Beethoven-Marathon“. Wenn man in Göppingen aufwächst, kommt man, das war zumindest in meiner Kindheit so, als junger Bub am Handball gar nicht vorbei. Und man möchte dann natürlich am liebsten gleich bei Frisch Auf mitspielen. Das hat bei mir auch tatsächlich geklappt. Das war schon irre damals: Auswärtsspiel in Kiel und am nächsten Tag zurück auf die Schulbank. Und am Abend vielleicht noch ein Auftritt mit einer Rock- und Jazzformation, denn neben dem Handball war Musik meine zweite große Leidenschaft, zunächst klassisch verwirklicht auf dem Klavier, später jazzig mit dem Saxophon.

Nach dem Abschluss Ihrer Handball-Karriere haben Sie in einem achtmonatigen Crashkurs Querflöte gelernt und auch studiert. Mit einem äußerst erfolgreichen Abschluss wurden Sie als Querflötenlehrer an der Musikschule in Heidelberg eingestellt. Warum haben Sie diesen festen sicheren Job aufgegeben und noch mal was ganz Neues ausprobiert? Ende der 80er Jahre kam plötzlich das Berufsbild des Kulturmanagers auf, anfangs heftig und äußerst kontrovers diskutiert. Da hat man sich schon über die Wortkombination zerstritten. So etwas ging eigentlich gar nicht. Aber gerade das hat mich gereizt. Und so wurde ich als einer ersten Kulturmanager auf den Markt gespült. Das war für mich eine Bomben-Chance. Mich hat an diesen neuen Berufsbild gereizt, klassische Musik so lebendig vermitteln zu können, dass sie auch Spaß macht, das hat mich gereizt. Leute in den Konzertsaal zu holen, die dieser Musik sonst eher skeptisch gegenüberstehen, das habe ich als lohnende Aufgabe gesehen. Leidenschaft für die Musik zu wecken, wie ich sie immer noch empfinde.

Ich möchte in erster Linie Brücken bauen und versuchen, Leute zum Konzertbesuch zu verführen. Wir müssen heute, vor allem auf einem so heiß umkämpften Markt wie Berlin, das Freizeit-Budget der Leute ins Kalkül ziehen. Da müssen sich Programm-Macher, Orchester, Marketing-Abteilung und natürlich Chefdirigent Iván Fischer gemeinsam positionieren und Ideen entwickeln, wie man sich, durchaus auch auf emotionaler Ebene, präsentieren will. Dabei sprechen wir die potentiellen Besucher möglichst direkt an, nehmen sie ernst und involvieren sie so, dass sie sich mit unserem Angebot identifizieren können. Und nicht nur die jungen Leute: Auch, aber nicht nur. „Nachwuchs“, dem wir klassische Musik schmackhaft machen wollen, sind für uns durchaus auch 40- oder 50-Jährige.

Sie waren damals der erste „Wessi“ an dem ehemaligen Ost-Vorzeige-Haus. Wie sind Sie dort empfangen worden? Die Aufnahme war sehr nett. Man hatte im Konzerthaus lange auf die Besetzung der Position warten müssen, denn es galt ja eigentlich ein totaler Einstellungsstopp. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Irgendwie fühlte ich mich wie so eine Art Zaubermaus, die alle Probleme gleichzeitig lösen sollte: Der Kartenverkauf war eingebrochen angesichts sehr anspruchsvoller Programme und schlechter Kommunikation, die Abos bröckelten, das Ticketing erfolgte „aus dem Schrank“ statt computergestützt. Es gab keine Dienstleistungsmentalität, denn zu DDR- Zeiten war immer alles ausverkauft – zielgruppenorientiertes Marketing war damals gar nicht nötig. In der vom Westen geprägten Presse war man eigentlich gar nicht auf der Landkarte, und zudem hatte der damalige Intendant – in der Sache ganz richtig, aber ohne strategischen Vorlauf – das Haus von Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Konzerthaus Berlin umbenannt.  Und natürlich war man latent unterfinanziert und brauchte dringend Sponsoren.

Mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie kämpfen? Mein Team setzte sich ausschließlich aus „Ossis“ zusammen, war im Vergleich zu alten Zeiten um über die Hälfte reduziert, wo man doch eigentlich mehr als das Doppelte zu tun hatte. Mein auf Beteiligung ausgelegter Führungsstil kam erst gar nicht an, denn den Leuten fehlte die Motivation fürs Übernehmen von Verantwortung. Gelernt war ein enormes Obrigkeitsdenken. Die Angst, Fehler zu machen, überwog. Man hatte immer einen Notfallplan in der Schublade, so dass man – falls etwas schief ging – es selbst nie gewesen sein konnte. Es dauerte eine Weile, ehe sich die ersten Mitarbeiter zeigten und Lust bekamen, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Und plötzlich ging es voran: Computergestütztes Ticketing als eines der ersten Häuser in Berlin, Auslastungssteigerung von 24 Prozent nach meinem ersten Jahr. Es gelang uns allmählich, das Haus als das mit der interessantesten Programmatik im deutschsprachigen Raum zu platzieren. Wir konnten wichtige Sponsoren gewinnen, und dank eines Agentur-Sponsoring erarbeiteten wir uns auch endlich eine klares Markenbild: Heute sind wir  nur noch das Konzerthaus Berlin, unser Orchester ist das Konzerthausorchester. Unser Publikum kommt gleichermaßen aus allen Bezirken: Wir sind wirklich Berlins klassische Mitte.

In Berlin gibt es sieben subventionierte große Orchester, darunter auch die omnipräsenten Berliner Philharmoniker. Wie hart empfinden Sie den Konkurrenzkampf? Die einzelnen Orchester sind sich bewusst, dass sie den Markt mit unterschiedlichen Konzepten und Programmangeboten bedienen müssen. Die medial weltweit aufgestellten Berliner Philharmoniker sind zum Beispiel ein Orchester mit einem Haus, der Philharmonie, wir sind umgekehrt eher ein Haus mit Orchester, dem Konzerthausorchester Berlin. Wir veranstalten als Konzerthaus nicht nur Konzerte mit unserem Orchester, sondern wir haben zusätzlich 250 Veranstaltungen, die wir in programmatische Linien bringen. So können wir einer Saison auch ein besonderes Gesicht verleihen. Unser Credo ist: Komm in dieses tolle Haus, lass dich mitreißen von unserem Programm! Beispielsweise mit nachmittäglichen Espresso-Konzerten an Überraschungsorten oder Mozart-Matinéen unter dem Motto „Frühstück mit Wolfgang“ inklusive Croissants und Kinderbetreuung. Von der Nachfrage nach diesen Angeboten sind wir fast erschlagen worden. Die größte Belohnung ist für mich, und da kommt der Musiker in mir durch, dass ich unendlich viele Möglichkeiten habe, tolle Konzerte zu hören. Wichtig ist, dass Kultur nicht im Elfenbeinturm produziert wird, dass sie nicht abgehoben elitär, sondern ganz einfach  für alle da ist.

Biographie: Martin Redlinger wurde 1959 in Göppingen (Baden-Württemberg) geboren. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielte er Klavier, später auch noch Saxophon und war Mitglied diverser Rock- und Jazzformationen. Gerade 18 Jahre alt, hatte er parallel zum Abitur seine erste Profi-Saison im Bundesliga-Kader von Frisch Auf Göppingen. Mit der Aufnahme seines Sport- und Geographiestudiums an der Technischen Universität Karlsruhe wechselte er ins Bundesligateam vom TSV Karlsruhe-Rintheim.1980 brach er seine Handball-Karriere ab, nahm acht Monate lang Querflötenunterricht und studierte das Instrument an der Musikhochschule Karlsruhe. Nach dem Diplomabschluss als Querflötist 1986 absolvierte er in Genf bei Maxence Larrieu ein zweijähriges Aufbaustudium zum Konzertexamen. Parallel dazu gab er Solo- und Kammermusikkonzerte und übernahm schließlich in Heidelberg  eine feste Stelle als Querflötenlehrer. An der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg begann Martin Redlinger 1989 ein Kulturmanagement-Studium und wurde 1992 einer der ersten Diplom-Kulturmanager Deutschlands. Nach diversen Projektleitungen in Bremen, Frankfurt und Berlin startete er 1994 als erster „Wessi“ im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt seine Arbeit als Pressereferent und war verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Sponsoring und Vertrieb. Seit 2002 ist er Direktor für Marketing und Vertrieb des Konzerthaus Berlin. hhb       

Martin Redlinger 01                          

Alle Fotos © Hanns-Horst Bauer