Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Auf gutem Weg zu Wagner

Bereits Bayreuth-Weihen empfangen hat der englische Bassbariton James Rutherford, als er 2010 und 2011 den Sachs dort sang, und so erscheinen auch die beiden Tracks aus dieser Wagner-Oper auf seiner CD, die bei BIS erschienen ist, als die interpretatorisch reifsten. Es beginnt mit der Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, gespielt vom auch den Sänger begleitenden Bergen Philharmonic Orchestra unter Andrew Litton, mit langer Generalpause, betont langsamem Balladenthema, aber auch die verspielten Momente (Steuermann) und vor allem die Kontraste hervorhebend. Des Sängers erster Beitrag ist der Auftrittsmonolog des Holländers mit verhaltenem Beginn einer betont viril klingenden Stimme, deren Gesang sich durch eine erfreuliche Textverständlichkeit auszeichnet. Es fällt aber auch auf, dass die Stimmqualität keine einheitliche ist, dass das Passaggio hörbar Probleme bereitet, die Tiefe sonor, die Höhe strahlend klingt, dazwischen aber der optimale Sitz der Stimme in Gefahr gerät. Bei einem allgemein angenehmen Timbre ist auch bei Wolframs „Blick‘ ich umher“ der eine oder andere gequetscht klingende Ton nicht zu überhören. Des Minnesängers „Lied an den Abendstern“ scheint die Stimme bereits entwachsen, denn das Piano am Schluss des Rezitativs scheint dem Sänger schwer zu fallen, und der Arie fehlt es etwas an Geschmeidigkeit. Eher ist Rutherford schon ein Telramund mit „Du fürchterliches Weib“, und hier stört das nicht gleichmäßige Ansprechen der Stimme nicht besonders. Kernig-Rezitativartiges liegt ihr besonders gut, so der Parlandostil in „Wie duftet doch der Flieder“, mit äußerst fein gesungenem „süße Not“ und einer sehr poetischen Begleitung durch das Orchester. Im Wahn-Monolog bestechen wieder die vorzügliche Diktion, das hörbare Wissen um die Figur, die sinnvollen Variationen, das nachvollziehbare Vorantreiben des gedanklichen Geschehens – und „Johannisnacht“ klingt sehr geheimnisvoll-poetisch. Dazwischen spielt das Orchester mit schön dunklem Streicher- und Bläserklang voll schmerzlicher Intensität das Vorspiel zum 3. Akt der Meistersinger. Farbig und mit schöner Tiefe und mit einem feinen Schwellton auf „Glanz“ gestaltet der Bariton Amfortas‘ „Ja! Wehe! Wehe!“ mit sehr berührendem „Mein Vater“. Bei Wotans Abschied wiederum fällt sich ein nicht vollkommen beherrschtes Passaggio auf, und das Vibrato ist Geschmackssache. Die schöne Fermate auf „nie“ und die Gesamtgestaltung des traurigen Gottes können aber auf jeden Fall damit versöhnen. Von diesem Sänger ist sicherlich im Wagnerfach noch viel Gutes zu erwarten (James Rutherford sings Wagner; BIS-2080).

Ingrid Wanja          

Der Mohr in Zürich

Seit einigen Jahren gehört das Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier zu Ceclia Bartolis bevorzugten Regisseuren. Auch für die Produktionen von Giulio Cesare und Norma bei ihren Pfingstfestspielen in Salzburg hat sie die beiden Künstler als Mitstreiter auserwählt. Dort wird im Juni, weil das Festival-Motto „Rossinissimo“ lautet, neben des Komponisten La Cenerentola auch dessen  Otello gezeigt, den das Regie-Duo 2012 am Opernhaus Zürich herausgebracht hatte. Davon gibt es nun einen Live-Mitschnitt bei Decca (074 3863), die behauptet, dass das selten gespielte Stück durch die beiden Regisseure neu belebt worden sei – und dabei übersehen hat, dass das 1816 in Neapel uraufgeführte Werk seit Jahren im Programm des Rossini Festivals in Pesaro einen festen Platz einnimmt. Dort wurde es 1988, 1998 und zuletzt 2007 gezeigt, als Juan Diego Flórez den Rodrigo sang – einer von fünf geforderten Tenören in dieser Oper, was die Besetzungsbüros heute vor kaum lösbare Aufgaben stellt. In Zürich wurde die Rolle, die Giovanni David kreiert hatte, Javier Camarena anvertraut, der die exponierte Partie beachtlich meistert. Seine Spitzentenöre haben Strahl und Durchschlagskraft, die Koloraturen schmeicheln und fließen. Die Arie zu Beginn des 2.Aktes „Ah, come mai non senti“ in ihrer  heiklen Tessitura bewältigt er souverän. Sie mündet in eine reich verzierte Cabaletta mit jenem Thema, welches von fremder Hand später als motivische Grundlage für das buffoneske „Katzenduett“ missbraucht wurde. Hier kann er nicht nur seine Virtuosität zur Schau stellen, sondern macht aus dem Stück auch ein spannendes Charakterporträt eines leidenschaftlich Liebenden, der zerrissen ist zwischen Verzweiflung und Vergeltung. Auch im Terzett mit Otello und Desdemona im 2. Akt überrascht er mit erstaunlichem gestalterischem Furor und stimmlichem Aplomb.

Die Titelrolle, die bei der Uraufführung Andrea Nozzari interpretiert hatte, singt der im Rossini-Fach erfahrene John Osborn (beispielsweise war er Renée Flemings Partner in der Armida an der Met), der sogleich in seiner Auftrittskavatine („Ah sì, per voi già sento“) heldische und lyrische Momente zu vereinen weiß. In der Stimmfarbe und -typ trifft er, verglichen mit großen Rollenvertretern der letzten Jahre, den Charakter der Figur allerdings nicht ideal. Darstellerisch zeichnet er den Verfall des Helden genau und (besonders in der tragischen Schluss-Szene) auch ergreifend.

In der dritten großen Tenorpartie, der des Jago, geschrieben für Giuseppe Ciccimara, ist in Zürich Edgardo Rocha zu hören – mit einer etwas allgemeinen, nicht unbedingt spezifischen Rossini-Stimme. Die Koloraturen machen ihm Mühe, die exponierte Höhe klingt grell. Optisch und darstellerisch wirkt er ein wenig harmlos, für diese Figur wünschte man sich ein geschärfteres Profil. Das „Nessun maggior dolore“ des Gondoliero aus dem Off, das Desdemona mit roter Farbe an die Wand ihres Schlafzimmers schreibt, singt Ilker Arcayürek – allerdings nicht mit jener Süße, die Desdemona in dieser Stimme beim Erklingen des kurzen Liedes empfindet. Die kontrastierend dunkle Farbe in der Tenor-lastigen Besetzung bringt der Bass Peter Kálmán als Desdemonas Vater Elmiro ein, der mit autoritärem Nachdruck singt und gestaltet.

Star-Vehikel für die Zürcher Produktion ist natürlich Cecilia Bartoli, die an diesem Opernhaus viele Rollen ausprobiert und darin ihre Bühnendebüts gegeben hat. Mit der Desdemona versuchte sich die Sängerin nach ihrer Adèle im Comte Ory (am selben Haus 2011) an einer weiteren Rossini-Partie, die der Komponist für seine spätere Ehefrau Isabella Colbran geschrieben hatte. Ihr erster Auftritt im unvorteilhaften kleinen Schwarzen (Kostüme: Agostino Cavalca) an Emilias Seite (mit energischem Ton Liliana Nikiteanu) offenbart in beider Duettino „Vorrei, che il tuo pensiero“ schnell das Problem der Besetzung: Die Stimmen klingen zu ähnlich. La Bartoli tönt eben nicht wie ein dunkler Sopran, den die Partie brauchte, sondern einmal mehr wie ein Mezzo. In der Erscheinung erscheint mir ihre Desdemona zu privat und zu herb, in der Gestaltung zu resolut, zu fauchend in den Rezitativen (wie so oft), zu rasend und zischend in den dramatischen Ausbrüchen. Zweifellos bewältigt sie die Partie vokal souverän, aber eben (s. o.) – etwas mehr Soprananteil, etwas mehr Liebreiz hätte man gern gehört. Die Canzone del salice, deren Harfeneinleitung von einer alten Schallplatte erklingt, singt sie träumerisch-entrückt und mit visionärem Ausdruck, das sich anschließende Gebet „Deh calma, o Ciel“ innig und schlicht – die Szene ist der überzeugendste Moment ihrer Interpretation.

Die zwischen dem Barbiere und der Cenerentola entstandene Oper wird musiziert vom Ensemble La Scintilla der Zürcher Oper unter Leitung von Muhai Tang. Er nimmt bereits den Beginn der Sinfonia sehr straff, lässt danach das kantable Thema der Holzbläser weit ausschwingen und sorgt immer wieder für überraschende Impulse aus dem Graben. Die Originalinstrumente ergeben einen reizvollen, federnden Klang, besonders in den accelerandi, die der Dirigent rasant anzieht und damit große Wirkung macht (wie im Finale II). Sie können aber auch gebührend poltern (wie in der temporale der Mordszene) oder beim Flageolett nach Desdemonas Tod faszinierende Farbeffekte hervorbringen.

Bühnenbildner Christian Fenouillat lässt die Inszenierung in einem holzgetäfelten Saal im Stil der Neorenaissance mit prachtvollem Lüster aus Murano-Glas beginnen, wo eine Abendgesellschaft mit Herren in Smokings Otello nach seiner siegreichen Rückkehr aus Zypern mit einem Sektempfang begrüßt. Der Doge in historischem Ornat ist ein zitternder, gekrümmter Greis am Stock, der Otello die Hand zum Kuss reicht. Nicola Pamio singt ihn mit entsprechend reifem, zuweilen schütter klingendem Charaktertenor. Bei der erregten Auseinandersetzung im 1. Finale, wenn Elmiro seine Tochter wegen ihrer heimlichen Vermählung mit Otello verflucht, kommt die Gesellschaft – nun auch mit Damen in großen Roben – aus den angrenzenden Räumen, wo reich  getafelt wird, um das Geschehen zu verfolgen und zu kommentieren. Der Zürcher Opernextrachor (Einstudierung: Jürg Hämmerli) kann sich hier mit engagiertem dramatischem Vortrag einbringen. Der Raum wird später mit wenigen Versatzstücken variiert zu Desdemonas Schlafzimmer oder einer öden Kaschemme mit Kühlschrank, Billardtisch und Deckenventilator, wo die verhängnisvolle Unterredung mit Otello und Jago stattfindet und Desdemona am Ende dieser Szene auf dem Tisch stehend sich mit Bier übergießt. Ähnlich geschmäcklerisch ist das Finale, wenn der tote Otello von Rodrigo und Elmiro noch mit Fußtritten misshandelt wird.

Bernd Hoppe

 

 

Feldpost aus dem Nirgendwo

 

Eigentlich ist es ja schön, Leserbriefe zu bekommen, und eigentlich freut sich jeder Zeitungsmacher (oder Blog-Betreiber in diesem Fall), wenn die „abgedruckten“  Artikel gelesen werden und auch widersprüchliche Reaktionen hervorrufen. Schön, die eigene Eitelkeit freut sich auch, stimmt. Leserbriefe/mails sind ja oft erfrischend, zeigen eine andere Meinung, tragen zur Diskussion bei, bereichern auch. Niemand ist im Besitz der Wahrheit, jeder hört anders, und viele Augen sehen mehr. Aber weniger erfreulich ist es, wenn jemand seine partisanenhaften Vor- oder Unlieben öffentlich und dabei wenig liebenswürdig  austragen will und auch noch anonym bleibt. Und mit herben Worten Berichterstatter oder Künstler verunglimpft. So eine rabiate Stimme aus dem Nirgendwo, bei der nicht einmal immer die angegebene Absenderadresse funktioniert.

Warum wird bei vor allem Opern- und Stimmenfans die Sprache so schnell unfreundlich? Konzertbesucher reagieren gelassener und höflicher, sie konzentrieren sich mehr auf die Sache selbst, bringen sich nicht so in den Vordergrund wie viele Opernbesucher. Ich hab noch nie im Konzert einen Buhsturm erlebt. Missfallen wird da leise, diskreter geäußert. Bei Opernaufführungen, aber besonders in vielen Vokal-Chat- und -Sammler-Gruppen habe ich oft beobachtet, dass Teilnehmer  – die nicht derselben Meinung sind wie der Schreibende – sich im Ton vergreifen, sehr schnell persönlich werden. Und das durchaus beleidigend.  Ist es die Anonymität des Netzes, die das hervorbringt? Ich habe das Gefühl, dass das Internet als Therapieinstrument funktioniert, dass manche Menschen dort sich anders verhalten als im normalen Leben. Vieles spricht da für eine große Einsamkeit, für unausgetragene Konflikte, für Geltungsbedürfnis. Allein schon die Beschäftigung mit Oper und Gesang scheidet „uns“ ja von vielen anderen, die manchmal verständnislos oder verächtlich reagieren – ob es nun Partner, Kollegen oder Bekannte sind. „Du mit deiner Oper!“ war lange Jahre doch ein Spruch, den ich selber hören musste. Da braucht man Selbstbewusstsein und Standvermögen. Und das wunderbare Gefühl, dass wir eben mit unserer Liebe zur Oper nicht allein sind, dass es andere gibt, die diese Liebe teilen, mit denen man sich austauschen, schwärmen, sich in seinen Urteilen bestätigen oder korrigieren lassen kann.

Das Internet als Therapiemaßnahme? Manchmal hat es den Anschein, wenn in einzelnen Foren Mitglieder fast gemobbt werden, die nicht dem Mainstream folgen: Diesem korrekten Denken der Stunde: Die ist toll, die nicht, der kann nicht singen, der hat doch schon seine Stimme verloren, aber der ist selbst nach 50 Jahren auf der Bühne immer noch ein Wallfahrtsobjekt.  Ich denke, meine message hier ist, eine eigene Meinung zu haben, diese auch mit eigenem Namen mehr oder weniger überzeugend/persönlich darzulegen, auch witzig oder ironisch, aber den anderen gelten zu lassen, tolerant zu sein. Und mit eigenem Namen und der erkennbaren Persönlichkeit  für seine Meinung einstehen. Anderer Meinung zu sein ist doch erfrischend. Nur eben unter der Gürtellinie zu mäkeln, andere nieder zu machen („Die hat ja keine Ahnung!“ oder „Der sollte nicht schreiben…!“) geht gar nicht.

Ich denke, man/ich sollte meinem Instinkt vertrauen, dass ich eben merke was mir gefällt. Eigenständig denken, nicht wie ein Schaf der Herde folgen, sondern selber für sich entscheiden, Eigenes entdecken. Und neugierig bleiben auf manches, was ich nicht kenne. Sich auch öffnen, Neues annehmen, nicht immer gleich abblocken. Anregungen folgen. Das ist wichtig. Wir, die wir die Oper lieben, sind eine so kleine (und privilegierte, weil besonders sensible) Gruppe – wir sollten uns  miteinander freuen, dass es diese wunderbare Kunstform gibt. Und gute Umgangsformen ergeben sich daraus, denke ich. Oder sollten sie jedenfalls. „Horch´ die Lerche singt im Hain“, und nicht nur die. Geerd Heinsen

Land of Hope and Glory

Zuerst: Das Blatt, welches diesen CDs beigeben ist, damit sie nicht ganz schmucklos im Regal stehen, ist eine Unverschämtheit. Die „Cavalvcade of English Singers“ (bei Dutton) hätte es zweifellos verdient, außer mit einer klein gequetschten Titelei auf der Rückseite mit einer Handvoll biografischer Notizen vorgestellt zu werden. Die beiden CDs versammeln einige englische Sänger aus einer Zeit, als Kavalkaden, Reiterzüge, ein gewohnter Anblick waren. Ihren Landsleuten ähnlich vertraut waren diese Sänger , die uns in den um 1930 entstandenen Ausnahmen eine Ahnung vom Oratoriengesang auf der Insel geben. Darunter Walter Widdop (11892-1949), der zwischen 1925 und 30 einige Titel von Händel aufnahm – Acis and Galatea, Jephta – mit einer teils schwer erträglichen weinerlichen, blechern durchdringenden und wenig einschmeichelnden Stimme, aber auch („Deeper and Deeper“ aus Jephta) schiere Kraft und vokales Stehvermögen, dazu erstaunliche Beweglichkeit und Zartheit beweist, was ihn in seiner Heimat zu einem geschätzten Heldentenor und bis heute idolisierten Sänger werden ließ. Etwas altmodisch wirkt heute der gestelzte Vortrag des Bassisten Trevor Anthony in einer Nachkriegsaufnahme von „Revenge! Timotheus cries“ aus Alexander’s Feast, schwer erträglich auch der schwerfällig-schwermütige Vortrag des mit einem üppigen Bass auffahrenden Norman Allin. Hübschen, kleinformatig festen und reinen Sopranklang bieten die als Oratoriensängerin fast institutionalisierte Isobel Baillie (1895-1983) 1941 in The Blesses Virgin’s Expostulatin und die gleichaltrige Dora Labette (1898-1984), welche als Lisa Perli an Covent Garden im italienischen Repertoire fremdging, mit zwei Arien von Haydn und Bishop. Eine Kategorie für sich ist Clara Butt. Der Unbefangene könnte hinter manchen Tönen dieser (zu) späten Aufnahmen eine Travestie vermuten: „He shall feed his flock“ aus Messiah und „O rest in the Lord“ aus Elijah. Dame Clara erklimmt Sopranhöhen, steigt in gruselige Basstiefen und bietet einen unerschrockenen Gesang zwischen nobler Ausstrahlung und Rotkäppchens Großmutter. Clara Butt war eine nationales Monument, der klingende Ausdruck der postviktorianischen Ära, sie  wirkte Gutes im Ersten Weltkrieg, wurde dafür geadelt, erkrankte späte schwer und absolvierte ihre späten Aufnahmen im Rollstuhl. Nach so viel Oratoriengesang sind die von der piepsigen, technisch gut ausgerüsteten Evelyn Scotney abschießend  gesungenen Arien der Donna Anna und Elvira („Mi tradi“ und „Non mi dir“) nicht das, was man erhoffte.

caval 1Und weiter stürmt die Reiterschar auf der zweiten Ausgabe, wo wir einigen zentralen Sängern jener Epoche begegnen, wie dem lyrisch leichten Heddle Nash (1894-1961) und dem ebenfalls lyrischen, heute vor als Lehrer von Jussi Björling bekannten Joseph Hislop (1884-1977). Doch zuerst stellt uns abermals Norman Allin (als Sarastro) eine Geduldsprobe, während Frank Mulligans packend, kraftvoll und ausladend aus Gounods The Queen of Sheba singt. Nash singt „O Paradis“ und „Una furtiva lagrima“ (als „Down her soft cheek a pearly tear“) mit bubenhafter Frische und Natürlichkeit, während Hislop mit zwei Ausschnitten (1929 unter John Barbirolli) als Lohengrin und Stolzing mehr Wagner-Kompetenz beweist als Widdop. Den Schwerpunkt von Volume 2 bildet ein 1931 unter der Leitung von Clarence Raybould entstandener Querschnitt aus der 1845 uraufgeführten grand opera Maritana von William Wallace, die im 19. Jahrhundert zusammen mit Balfes The Bohemian Girl und Julius Benedicts Lilly of Killarney zum eisernen Kanon nationaler Opern im Vereinigten Königreich gehörte. Größtenteils mit Miriam Licette (1885-1969) und Dennis Noble (1898-1966), die zuvor auch das Rosina-Figaro-Duett aus dem Barbiere recht hübsch (natürlich auf Englisch) sangen. Selbst wenn man da und dort Einschränkungen machen möchte und die Stimme gelegentlich sehr individuell sind, handelt es sich bei den Maritana- Ausschnitten (wozu es im Faltblatt immerhin eine Inhaltsangabe gibt) um idiomatische und charaktervolle Aufnahmen von eingeschnürter Heiterkeit.

deller ina memoireWer Lust auf mehr English Singers hat, wird sich Alfred Deller zuwenden, der eine Generation jünger als seine hier versammelten Kollegen, seine Karriere erst nach dem zweiten Weltkrieg startete. Seine Aufnahmen von Dowland, Purcell – auf INA  erweitert um Robert Johnson, Palestrina, Bach, Grandi – eröffneten in den 1960er und 70er Jahren neue Welten. Das klingt auch beim Wiederhören manchmal noch verführerisch, balsamisch, manchmal auch eierig.

Rolf Fath

 

Singers to Remember: Cavalcade of English Singers Vol. 1 mit Walter Widdop, Trevor Anthony, Dora Labette, Isobel Baillie, Clara Butt; Dutton CDBP 9797

Singers to Remember: Cavalcade of Englis Singers Vol. 2 mit Heddle Nash, Joseph Hislop, Norman Allin, Miriam Licette, Clara Serena; Dutton CDBP 9802

Alfred Deller. Contre tenor mit Monteverdi . Bach . Purcell.; INA mémoire live IMV004

Jung, sexy und hochaktuell

Der albanische Tenor Saimir Pirgu schoss fast über Nacht zu internationalem Star-Ruhm empor – und das mit nur 21 Jahren. Inzwischen ist er kein Geheimtip mehr, sondern eine feste Größe im internationalen Operngeschäft. Seine prachtvolle lyrische Tenorstimme und sein sexy Aussehen lassen ihn heute einen der wirklich gesuchtesten jungen Künstler sein, den wir schon lange auch einem deutschsprachigen Publikum vorstellen wollten. Anlässlich seine Edgardo in Lucia di Lammermoor in Los Angeles interviewte ihn unser Kollege Matthew Richard Martinez von ConcertoNet.com  und war so liebenswürdig, uns das Gespräch zur Verfügung zu stellen, wofür wir ihm und ConcertoNet.com sehr danken. Im Folgenden ein umfangreicher Auszug aus dem Interview, das im März in Los Angeles gehalten wurde (Foto oben Fadil Berisha). G. H.

Ein gutgelaunter Gesprächspartner Saimil Pirgu/c. Fadil Berisha

Ein gutgelaunter Gesprächspartner Saimir Pirgu/Foto Fadil Berisha

How long have you been in Los Angeles? I’ve been here for three weeks. I like being here because the weather is fantastic. There’s sun every day. I spent this last winter in Europe and to be here in the sun is much better. I’m very happy!

How are you liking this new production of Lucia di Lammermoor? It’s a very interesting production. It uses a lot of special effects and everything is going well. I’m very happy with my Lucia, Albina Shagimuratova, and James Conlon. We’ve known each other for many years and worked together often. I’m very positive. Edgardo a role that I like a lot. You can tell a lot about a tenor from this role: his acting, his bel canto, etc. You can tell exactly what you want the public to know.

als Idomeneo beim Styriarte Festival Graz 2008/Foto Styriarte Festival

als Idomeneo beim Styriarte Festival Graz 2008/Foto Styriarte Festival

t’s a little unusual in that you get the last word in this opera which is fun. But it’s not so fun! If you have such a good soprano, everybody is waiting to go home after the Mad Scene and they have to listen for thirty minutes for the death of the tenor! The tenor needs to be very good to make it interesting for the public after the Mad Scene. This is my third time in Los Angeles. The first time Plácido Domingo invited me to debut in the United States in Gianni Schicchi in a production directed by Woody Allen. It was a big deal for me because I was debuting in the United States, in L.A., and with Woody Allen and James Conlon. I thank Plácido every time I see him! Then I returned for Così fan tutte with James Conlon and now with Lucia. Every three years I’m here. I like this company very much. They do beautiful work and we have good chemistry with everybody here.

als Duca in "Rigoletto" in Zürich 2014/Foto Opernhaus Zürich

als Duca in „Rigoletto“ in Zürich 2014/Foto Opernhaus Zürich

What do you enjoy about working with Maestro Conlon? We don’t just work together, we are friends. We meet each other in Italy, Vienna, and L.A. I know his family, he knows mine. It’s not just work and respect we have for each other. It’s closer. He knows me very well. He likes voices and I’m happy to work with people who really like beautiful voices. He is one of the conductors such as James Levine and Riccardo Muti, they are the generation who had the opportunities to work with the great singers. They worked with everybody. Everything they say helps you. When I work with Conlon, everything he suggests makes me better. He doesn’t make things more difficult. He’s a wonderful conductor but he’s a really good man. I’m very happy. When I’m here, I’m home.

Speaking of great conductors, you worked with Claudio Abbado who recently passed away. What was that experience like? I made my debut in Così fan tutte with him when I was just twenty-one , and then everyone was calling: Vienna, Salzburg Festival, all big theaters. After you do such a great production with one of the biggest conductors, people are very interested in you as a young artist. Claudio showed me the way to my career. He was the first conductor I worked with and thank God he was Claudio Abbado. Without him I wouldn’t have risen to where I am so quickly.

as Alfredo/"La Traviata" an der Metropolitan Opera New York 2013 /Foto Ken Howard

as Alfredo/“La Traviata“ an der Metropolitan Opera New York 2013 /Foto Ken Howard

Twenty-one is so young to start a career even for a tenor. It must have been overwhelming for you. When you have the opportunity to work with people like Muti, Abbado, they tell you everything you need. It makes it much easier as a young artist to work with good colleagues like them and Domingo with whom I sang Traviata at the Met. They’ve done this for many years. If everyone is young, you don’t have that guidance. I’m very fortunate to work with these people. It makes you much more secure when you’re singing.

Tell me about your coach, Vito Brunetti. He’s been with you since the beginning. Yes, he knows my voice better than anybody. I met him when I was nineteen and we worked together. I never changed a thing, even when I met Luciano Pavarotti. Luciano was very surprised to find a singer who could sing with this technique at such a young age. All three of us got to be friends. It was a really beautiful time because Luciano was in Bolzano enjoying his free time and I was a student there. Together with Brunetti I visited Luciano and talked about how the voice will grow. Every role I sang for Luciano was prepared with Brunetti. I prepared the big things with Brunetti and then we brushed up everything with Luciano. It was the best combination for a young singer. This time, for me, was like a dream. Every time I’m in Italy I check in with Brunetti. We live a little away from each other but when I’m home I go visit him and sing for him to see what has happened with the voice. After a big tour I go to be sure that everything is going well.

als Edgardo/"Lucia di lammermoor" an der Los Angeles Opera März 2014/Foto Robert Millard

als Edgardo/“Lucia di lammermoor“ an der Los Angeles Opera März 2014/Foto Robert Millard

Of course, you talked about Pavarotti. He was probably the biggest influence on you because he inspired you to be a singer, correct? All the Three Tenors did. When I saw them on television for the first time, I was about fourteen years old. Domingo was my favorite. I wanted to be one of these guys that are singing there! I was in school studying violin. I had a feeling for the music but I didn’t know one day that I would be a tenor like them. But it was a dream for me. And after ten years I was singing with Plácido Domingo at the Met and I was friends with Luciano Pavarotti. This was a big dream for me, but it turned out to be very real!

You’ve sung Rodolfo, Alfredo, these roles are slightly heavier, still lyric. Are you looking to expand your repertoire more? I think I need to stay in roles like these for ten years: RigolettoLuciaL’elisirBohème, probably not the big French repertoire, but Manon, or Roméo et Juliette are the next roles I would love to do. I’m not ready for Werther. To be a very good Werther, you need time. You need to be in the second part of your career, not the first as I am now. It’s easy when you are so young to make a mistake with roles. I haven’t so far and I want to go on without mistakes until I get to be forty and then we’ll see what happens! I imagine that I’m ok with all these lyric tenor roles I’m doing. I have about sixteen roles, which is a lot, and it’s ok for the moment. I try to make them better every time. (…) But every year is different. If you take care of your voice, every time that you go back to singing a role it will be much better. I want to do it this way.

... und noch einmal der Sänger privat/Foto Fadil Barisha

… und noch einmal der Sänger privat/Foto Fadil Barisha

What do you find the biggest challenge for you technically? The combination of what is in your heart that you are trying to express to the people together with the technique of the passaggio. This helps to make a longer life for a singer. If you cover the voice, if you take care of this passaggio, your life will probably be longer as a singer. But it’s not so easy to understand this, to learn these things takes many years. I think that technique is something that is completely different for everybody. In the end you just need to sing, and if you sing well for many years it means you have a good technique. If you sing for just five or six years, you can start to talk about technique. We can talk for technique for hours, but in this job you are a winner if you can sing for many, many years. If not, forget it.

Of course one of the most amazing things about Pavarotti was how long he sang so well. But not just him, but all his generation. We have the younger generation now who are singing like this. Ramon Vargas has been singing for thirty years. He’s still singing. We have all this generation of younger tenors, Piotr Beczala, Jonas Kaufmann, they’ve been singing for nearly twenty years. They are not so young now! That means they have good technique.

What do you find most rewarding about singing this music? The energy that I have when I’m singing. I lose my mind and I lose my body when I’m singing. I work hard so that everything will go well, but something happens when I’m on stage and it’s not just me. Many other colleagues say the same thing. You are not conscious when you are singing. This energy on stage makes me very crazy but very happy at the same time. You cannot control anything. This adrenaline is the best. It’s my passion to sing live, not to record something. Every day can be different. This is the beauty of my job. It’s not my job, it’s my life.

 

Links: http://concertonet.com/scripts/edito.php?ID_edito=289

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Erkel „István király“

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Gerade erst ist Ferenc Erkels bekannteste Oper Hunyadi László bei Brilliant als Wiederauflage erschienen, da zieht Naxos nach und präsentiert erstmals das letzte Bühnenwerk des ungarischen Komponisten. István király, zu deutsch König Stephan, wurde nach einem langen Schaffensprozess, der sich über 10 Jahre hinzog, 1885 uraufgeführt. Auch der weitere Rezeptionsverlauf gestaltete sich schwierig. Die Söhne Erkels, die schon bei der Originalorchestrierung beteiligt waren, nahmen nach dem Tod des Vaters zahlreiche Umarbeitungen vor. So wurde István király mal gekürzt, mal erweitert, mal – 1993 aufgrund der politischen Verhältnisse – mit neuem Libretto versehen gespielt. Erst 2010, anlässlich Erkels 200. Geburtstag, wurde die Oper in ihrer ursprünglichen Gestalt in dem kleinen Städtchen Komárom wieder inszeniert. Die vorliegende Aufnahme entstand zwei Jahre später in gleicher Besetzung. István király bietet, wie andere Opern Erkels auch, ungarischen Geschichtsunterricht. Sie handelt von der Christianisierung des Landes durch Stephan I., dem späteren ersten König des vereinigten Reiches und erklärtem Nationalhelden. Der historische Glaubenskampf und die Bekehrung der heidnischen Verschwörer werden verknüpft mit den privaten Konflikten des Sohnes Imre, der heimlich ein Keuschheitsgelübde abgelegt hat, aber aus Staatsgründen die kroatische Prinzessin Crescimira heiraten soll – was zu emotionalen Verstrickungen führt.

erkel istvan kiraly naxcos

Erkels Werk ist ein grandioses Musikdrama im Geiste der Grand opéra. Es gibt Arien und Duette in Belcantomanier, doch vorherrschend sind die großen Ensembleszenen und die mächtigen Chöre. Der Aufwand ist erheblich, es gibt eine Reihe von Massenaufzügen, wie Hochzeitszeremonie, Prozessionen oder heidnischem Ritual, was zur enormen Wirkung der Oper beiträgt. Dirigentin Valéria Csányi koordiniert mit kundiger, schwungvoller Hand souverän den gigantischen Apparat. In dem aufmerksam ihren Intentionen folgenden Budapester Orchester hat sie einen adäquaten Partner. Weniger glücklich ist es um den eigens für die Produktion zusammengestellten „István Király Operakorus“ bestellt. Er erfüllt seine äußerst umfangreiche Aufgabe mit teilweise ungezügelter Begeisterung und nicht durchweg homogen, so dass sich einzelne Stimmgruppen immer wieder in den Vordergrund drängen. Die Leistungen der Solisten sind durchwachsen. Den besten Eindruck hinterlassen die Tenöre: Zoltán Nyári als Königssohn Imre singt weich und kultiviert, aber auch ab und zu mit gestemmten Höhen. Tamás Daróczi verleiht dem Verschwörer Sebös ein Organ heldischerer Prägung. Auch Ildikó Szakácz als seine Geliebte Zolna verbreitet mit ihrem hellen, agilen Sopran und zarten Pianoaufschwüngen stimmliche Freude. Zsuzsanna Bazsinska singt sich sicher durch die hochgelegene Partie der Prinzessin, überzeugt aber mehr durch dramatischen Ausdruck als durch vokale Schönheit ihres dünnen Soprans. König Stephan selbst ist mit dem schütteren, uncharismatischem Bariton János Gurbán unterbesetzt. Auch Ákos Ambrus als Stephans intrigantem Neffen Péter fehlt es im selben Stimmfach an Prägnanz. Den Einwänden zum Trotz packt das pompöse Musikdrama auch ohne solistische Höchstleistungen. Karin Coper

Ferenc Erkel: König Stephan (István király) mit Janos Gurbán (István), Zoltán Nyári (Imre, sein Sohn), Zsuzsanna Bazsinska (Crescimira), Kázmér Sárkány (Vazul), Tamás Daróczi (Sebös), Ildikó Szakács (Zolna), Akos Ambrus (Péter); König Stefan Opernchor, Budapest (Ákos Somogyváry) Budapest Symphony Orchestra MÁV, Leitung: Valéria Csányi; Naxos, 8.660345-46, 2 CD

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

John Shirley Quirk

 

Der bedeutende englische Bass John Shirley-Quirk (geboren am  August 28, 1931 in Liverpool, England, gestorben am 7. April 2014 in Bath): Mit ihm geht wirklich eine Ära besten englischen und britischen Nachkriegs-Gesangs zu Ende, denn seine ebenso sonore wie vielfältig einsetzbare und sehr indivuell timbrierte Stimme ist auf vielen Einspielungen von Händel bis Britten und zeitgenössischer britischer Vokallitteratur zu hören – kaum ein anderer englischer Bass ist derart viel und häufig vertreten. Ich erinnere mich an seine Auftritte mit und ohne John Barbirolli in der Berliner Philharmonie, und in England wäre ein Messiah oder eine Missa Solemnis ohne ihn für viele Jahre nicht möglich gewesen. Er hat mit so gut wie allen bedeutenden Dirigenten und Orchestern gearbeitet. Wie seine Kollegen Norma Proctor oder Alexander Young gehörte er zum Besten, das die Insel zu bieten hatte, verfügte über eine wunderbare, warme, stets etwas nasal geführte, herrliche Stimme, zeichnete sich durch exemplarische Diktion aus und war ein Felsen britischen Bass-Gesangs. Man bedenkt bei dieser Todesnachricht, wie schnell die Zeit auch einem selber davon rennt, denn John Shirley-Quirk gehört auch für mich zu den Grundfesten meines eigenen Musiklebens – was für ein großartiger Sänger war er doch. G. H.

als Mr. Redfern in "Billy Budd", BBC 1972/OBA

als Mr. Redfern in „Billy Budd“, BBC 1972/OBA

Statt eines Nachrufes: John Shirley-Quirk im Gespräch: Helen Pearse sprach mit dem Bassisten im vergangenen Juni (2013) anlässlich seiner Masterclass in Bath und vermittelt ein bewegendes Dokument eines lebenserfahrenen und lebensfrohen Sängers, der nun im April 2014 in seiner Wahlheimat Bath verstarb. Wir haben den Wortlaut unverändert gelassen, daher das vielleicht verwirrende Präsens im Vorspann. Unsere Kollegen von der website fromfestival.uk (http://www.fromefestival.co.uk/the-john-shirley-quirk-interview/) und die Autorin und Journalistin Helen Pearse waren so liebenswürdig, uns den Text zu überlassen, wofür wir uns außerordentlich bedanken! G. H.

How to compress a life time of musical memories and experience into an hour-long conversation? Helen Pearse meets John Shirley-Quirk, one third of an alchemical musical partnership with Benjamin Britten and Peter Pears, that propelled all three onto the world stage. This summer sees the return to a UK audience of one of the twentieth century’s pre-eminient bass baritone voices. John Shirley-Quirk will lead a public masterclass at Cooper Hall as part of the Britten Centenary celebrations in which he passes on his ‘Britten torch’ to six professional singers.

John Shirley-Quirk in "Owen Wingrave" BBC 1971/Youtube

John Shirley-Quirk in „Owen Wingrave“ BBC 1971/Youtube

John Shirley-Quirk is sitting calmly on a sofa beside me in an elegant living room, his watchful green eyes and halo of silver-grey hair my focus as we begin our conversation. He is a tall, slender man with a fierce intelligence. I frame my questions with care. Aware that he has returned to the UK after a long absence – he retired just a couple of years ago from a twenty year tenure at the presitgious Peabody Conservatory in Baltimore – I decide to take him back to the very beginning, to his childhood in Liverpool, where his musical life began in the tumult of war.

“My parent were living in Wallesley, across the Mersey from Liverpool, at the time of my birth at the tail-end of August 1931. My mother was the proverbial housewife, my father a civil servant who worked in the the passport office. So, no. I had no ‘musical’ beginnings,” he tells me, “at the age of nine though, in 1940 – just a year after war had been declared – I joined a local church choir in Liverpool, and that was it. My voice changed over the years – from soprano to alto and finally to bass baritone – but I would have been singing wherever it ‘landed’. I think I’d got the singing bug by then. I didn’t realise I was going to have a remarkable career in music until I was forty…”

als Eugen Onegin mit Margaret Price in der TV-BBC-Verfilmung/Youtube

als Eugen Onegin mit Margaret Price in der TV-BBC-Verfilmung/Youtube

“During the war I was evacuated to North Wales, it was completely unsafe in the middle of Liverpool. Between the ages of nine and ten, after the war was declared, I lost a year of my life. It took a lot of making up. Schools everywhere were closed. Everyone was expecting an instantaneous invasion. All schools were turned into hospitals. Tiny schools were hastily convened in people’s houses with tiny classes. At the age of ten and a half I won a science scholarship to Liverpool Grammar School. And that’s where my first serious music lessons took place. My first music teacher asked me to sing a solo at the school’s Speech Day – the first time I sang in public – I remember it was ‘Flocks are Courting’ by Buononcini. Then there was Dr Marshall. Around that time, more or less by accident, I had taken up the violin. My parents could just afford the lessons at one shilling per five minutes. They used to last much longer, of course.  We bought a low-grade violin for £3 too, I think…” By the age of thirteen I had won a music scholarship which allowed me to have free music theory and violin lessons which took place as evening classes all over Liverpool. I was still singing in the choir. My piano career was over before it started though, due to an injured finger”. At this point he holds up a digit that bends alarmingly at right angles. “Fine for holding a violin bow, but the end of my piano career,” he smiles, ruefully. “By the age of seventeen I was made assistant ‘Choir Master’, teaching lots of 17th century contrapuntal church music. This meant that I had to teach myself the piano. I’m a very bad pianist,” he confesses. Shirley-Quirk then took up a place at Liverpool University to read chemistry, “I was very good at chemistry at school – it was great fun. I got quite good at it.” But the musical thread was never lost, “at university I took part in the chorus and the orchestra and small chorus – where I learned a lot of music. I’ve enjoyed music all my life. It’s always been an absolute thrill and delight – even though it is a hugely stressful profession.”

Bei der Aufnahme von brittens Kantate "The fiery furnace" 1957: Roger Brenner, John Shirley-Quirk und Robert Tear/Decca/Youtube

Bei der Aufnahme von Brittens Kantate „The fiery furnace“ 1957: Roger Brenner, John Shirley-Quirk und Robert Tear/Tony Palmer/Decca/Youtube

University over, the young Shirley-Quirk was headed for a career in industrial chemistry, “I hated it” he says, simply. “But I joined the airforce – their education branch – which was based in Melksham, Wiltshire. I was teaching the physics of flight to RAF folk. Whilst I was there I was introduced to a man called Fritz Spiegl, who was the Principal Flute in the Liverpool Philharmonic. I sang in some concerts for him. He then wrote to a friend of his family, called John Olive, who lived in Shawford House, just outside Bath. I was married at the time to a trainee doctor at the RUH in Bath. John and Phyllis Olive were to become very, very important in my life. We started singing, and he built an opera house in Shawford Mill. So you see, I’ve come full circle. One day Phyllis Olive took me aside and told me that I was going to teach in London. So I had an audition with Roy Henderson, who had just had tremendous success with Kathleen Ferrier.  There I was, studying, trying to learn how to sing by night and by day teaching chemistry at Acton Technical College, which later went on to become Brunel University. Shirley-Quirk was one of their founder members, “I’m very proud of being a Doctor of Science at  Brunel – and a Doctor of Music at Liverpool University, ” he smiles.

The Britten Family in Veneice/Decca

The Britten Family in Venice/Decca

Then came a period of “stressful overlap”, he explains, “a moment when I had to decide. I began to feel Jekyll and Hyde parts of me pulling in different directions. In the end I finally put in my resignation and was more or less simultaneously offered a role in Hans Werner Henze’s  “Elegy for Young Lovers” at Glyndebourne. The year was 1961 and it was the opera’s first English performance, translated from the original German. So there I was, learning new opera by day and marking final exam papers for Acton in the evening. I was told by a colleague that they had re-marked all my papers they were such a mess. I was young and foolish…” Soon after this Shirley-Quirk found himself singing Bach, alongside a tenor called Peter Pears with the Ipswich Bach Choir under the baton of a Dr Merlin Channon. “It was the Christmas Oratorio. At the end of the performance a man came up to me and told me that he’d very much enjoyed my D major Aria. That man turned out to be Benjamin Britten. Within eighteen months I was engaged to sing the role of the ferryman in his opera, „Curlew River.“ It was fantastic. Quite extraordinary.  A wonderful experience…Peter Pears and I worked a tremendous amount together after that. I had roles written for me from ‘Curlew’ onwards. I was working more or less on and off all the time with them from then on…” It was a musical partnership that was to define his career and endured right up until the time of Britten’s death from heart failure in 1976. “Peter Pears,( Britten’s partner and life-time companion), and I sang Bach together often accompanied by Britten. We sang the „St John’s Passion“ and the „Christmas Oratorios“ in the native German – so much better in the original language. Translation is contortion. You lose, you cannot but lose, by translation. However, there is some room for the argument that you should make room for two versions – go hear the text properly firstly, then go and hear the same piece in the original language. It is always so much the richer.”

Die weiße Locke war sein "Markenzeichen"/Foto Decca

Die weiße Locke war sein „Markenzeichen“/Foto Decca

Shirley-Quirk performed with Peter Pears at the premiere of Britten’s ‘Curlew River’ at St Bartholomew’s Church, Orford, Suffolk on 13th June, 1964. The opera was to mark a departure for Britten, making way for the operas, ‘Owen Wingrave’ and ‘Death in Venice’ that were to follow later. Shirley-Quirk singles both these operas out as milestones in his musical career, “Curlew River put me on the musical map – which was hair-raising. But I suppose that I have the greatest affinity with the role of Spenser Coyle in ‘Owen Wingrave’. (which premiered at Britten’s beloved Snape Maltings – and was also recorded for television in two parts – in November 1970. Like ‘Turn of the Screw before it, it was an adaptation of a Henry James short story) It was the role that Britten wrote for me, it fitted me like a glove. He told me, ‘There’s an awful lot of you in it…essence of you.’ I had the role of the man who saw both sides of the problem – Wingrave the pacifist, his familys’ rejection of this, and his subsequent mysterious death.  The role was very precious to me.” Shirley-Quirk knew only too well the disruption and chaos of war, perhaps not too clunky a point to make here. Britten was a committed pacifist. (His ‘War Requiem’, first performed at the reconsecration of Coventry Cathedral in May, 1962, is interwoven with nine poems by the war poet, Wilfred Owen.  John Shirley-Quirk later recorded the work with the London Symphony Orchestra and the choristers of St Paul’s Cathedral, conducted by Richard Hickox on the Chandos label.)

Three years later and Shirley-Quirk was back at Snape Maltings performing alongside Peter Pears in the premiere of Britten’s most famous opera, Death in Venice, based on the novella by Thomas Mann. The date was 16th June, 1973 and it was to be Britten’s last opera.  John explains, “This was the work that brought international acclaim and attention – particularly in America. We finished up doing more performances there than anywhere else, infact. Shirley-Quirk took several roles within the opera, a traveller, an ‘elderly fop’, an old gondolier, a hotel manager, a hotel barber, a leader of a group of players – and the voice of Dionysus. Britten wove him deep into the fabric of the opera.

wolf_0Shirley-Quirk went on to record and perform under all the legendary conductors of the second half of the twentieth century, including Sir Georg Solti, with whom he recorded Mahler for the Decca label; he has performed Tippett, including the premiere of ‘The Vision of St Augustine’ in 1971, and sung all the legendary bass-baritone roles on a world stage, from Covent Gardens’ Royal Opera House, to Sydney, to Vienna to New York and back again. But it is to Britten and Snape Maltings at Aldeburgh that he returns as he talks of his defining moment as a performer, “I think it was at Aldeburgh that I did my best work, my best performances. Peter Pears and I sang together in a performance of Schubert’s posthumous ‘Schwanengesang’, which translates as ‘Swan song’.  Ben  played piano. I think that that was possibly the peak of my career. Britten at the time was possibly the greatest accompanist in Europe. We also sang ‘The Songs and Proverbs of William Blake’ – a first performance of a cycle of early works. And a short cycle of Wolf’s ‘Michelangelo Lieder’. “I suppose you could call me a ‘torch bearer’ for Britten, as a teacher for what Britten’s music is about and how it should be approached.”

Ein signiertes Foto für eine Bewunderin/Youtube

Ein signiertes Foto für eine Bewunderin/Youtube

For the last twenty years, until his recent return to Bath, the city of his musical metamorphosis into a professional performer, Shirley-Quirk was doing just that, teaching the next generation of singers as a faculty member at the prestigious Peabody Conservatory in Baltimore. He explains the reason for leaving England for America,  “I was married at the time to an American oboeist. She was very unhappy living here in the UK so we moved to both work at Peabody. I even took dual nationality after 9/11 for some quixotic reason. I felt that they were under attack, we were all under attack. I ought to join them. It felt as if western civilisation were under attack.”

Shirley-Quirk went on to explain his philosophy of performance and the music which has informed his life, “Music is a language. When you put two languages together simultaneously there should be a great affinity between them. The act of getting a musical idea down on paper in the usual format – a series of dots – is extremely imprecise. It is a skeleton of what the music is trying to express. For every composer these ‘dots’ have to be clothed in flesh by the performer. And a performer my main struggle is to understand the composer. How to interpret these little black dots? There they are. How do you interpret them? And it’s different with every composer. That is the delight of being a performer – trying to understand the composers. It ought to be a struggle. It is not straightforward. If you hear a sentence on the phone you are missing the body language. The piece of music is just a telephoned message, really. For me the body language is missing. As a performer it is your job to find it. This is the constant search for meaning. During performances your concentration is on what is coming next – which makes it very difficult to be ‘in the moment’. You are thinking in two very special places at once. Music is very much a matter of playing with time. You are dealing with the very moment – and the immediate future. The trick is to be able to do that. To co-exist on different time scales.”

Shirley-Quirk gave his last public performance some six and a half years ago at the Edinburgh Festival, “I was one of the ‘golden oldies’ in ‘Die Meistersinger’” he smiles, “I had no idea that it would be my last.” Living in Bath now, surrounded by generations of his family with his third wife, Terry, a cellist, Shirley-Quirk is indeed a man come full circle. The final words must, of course, be his, “To think back on all the huge pleasure it’s been, the blood, sweat and tears too. The memories are wonderful…” …

The Art of Sándor Kónya

Für die Deutsche Grammophon hat Sándor Kónya zwei Solo-Alben eingespielt, eines mit einem reinen Puccini-Programm (1962) und eines mit deutschen und italienischen Opernarien (1959/60). Für die amerikanische DECCA entstand 1967 eine Platte mit Liedern von Verdi und Wagner. Alle drei Alben sind nun bei der Grammophon unter dem Titel The Art of Sándor Kónya als Doppel-CD erschienen.  Die Puccini-Arien gab es schon früher in der Favorit-Serie, alle anderen Aufnahmen sind CD-Premieren.

Das sensationelle Puccini-Recital wurde 1962 in Florenz mit dem Maggio Musicale unter Altmeister An­tonino Votto aufgenommen. Kónya singt hier zwölf Arien aus Tosca, Fanciulla, Butterfly, Turandot, Gianni Schicchi, Bohème, Tabarro und Manon Lescaut. Was Kónya in diesen Aufnahmen an Farbenreich­tum, lyrischem Schmelz, dramatischer Wucht und einfach berückendem Wohlklang zeigt, dürfte wohl von keinem Tenor überboten werden. Kónyas Stimme klingt in allen Lagen rund und voll, da gibt es auch in der extremen Höhe keine Verengung oder Verfärbung. Und er singt die Arien mit Gefühl und Herz; kleine Schluch­zer, wohldosiert und geschmackvoll eingesetzt, verstärken die emotionale Kraft dieser Aufnahmen. Man höre sich nur einmal das sen­sationelle „Guardate, pazzo son“ aus Manon Lescaut an – da bleibt niemand kalt! Der Klang der Aufnahmen ist ausgezeichnet. Und dass Antonino Votto einer der besten Puccini-Dirigenten seiner Zeit war, ist in jeder Phrase des klangprächtig aufspielenden Orchesters zu hören.

In den 1959/60 (mit den Bamberger Symphonikern unter Janos Kulka und den Berliner Philharmonikern unter Richard Kraus) entstandenen Aufnahmen auf dem anderen Recital der DG werden die Arien aus La Gioconda, L’Africaine, Aida und L’elisir d’amore italienisch gesungen. Besonders das schwärmerische „Cielo e mar“ sticht hier mit aufblühendem Ton heraus.

Die Ausschnitte aus Rigoletto und Il Trovatore werden deutsch gesungen, aber Kónya geht sie mit viel Legato und feinsten Nuancen absolut „italienisch“ an. Besonders gelungen ist Sie wurde mir entrissen aus Rigoletto,  weil die zarten Gefühle des Duca unmittelbar in emotionalen Gesang umgesetzt werden. Die deutsche Oper ist mit einem prachtvoll geschmetterten Ach, so fromm (Martha) und vor allem mit Lohengrin und den Meistersingern vertreten. Der  Lohengrin war Kónyas international wohl wichtigste Partie, in der er für mich bis heute nicht übertroffen wurde. Lohengrins melancholisch umflorter Abschied und die Gralserzählung legen davon hier deutliches Zeugnis ab. Man höre nur die Phrasierung bei dem Wort „Taube in der Gralserzählung, der Kónya ätherischen Klang und heldischen Ausdruck verleiht. Auch Kónyas Stolzing ist für seine belcantistische Ausformung stets bewundert worden. Selten hat man das Preislied so mühelos und rund, mit soviel Schmelz und so „italienisch“ gehört.

Hochwillkommen ist die Einbeziehung der Verdi- und Wagner-Lieder (mit Otto Guth am Piano), weil sie einerseits Kónya als Liedsänger zeigen, andererseits vom Repertoire her sehr interessant sind. Die sieben Verdi-Lieder (aus den Romanzen von 1838 und 1845) sind oft wie kleine Arien. Kónya singt sie ganz auf Linie und erfreut schon allein mit dem warmen Klang seiner Stimme.  More, Elisa, lo stanco poeta etwa beschert mit seinem musikalischen Fluss und der poetischen Stimmung reinste Wonne. Es sind wahre Kleinodien, diese Verdi-Lieder. Noch rarer dürften einige der Wagner-Lieder sein wie das melodisch und textlich reizende Lied „Die Rose oder das düstere „Der Tannenbaum“. Mit Schmerzen und „Träume“ gehören auch zwei der Wesendock-Lieder zum Programm. Kónya singt sie mit expressivem Ausdruck, ohne dabei die Gesangslinie zu vernachlässigen. Eine hochwillkommene Anthologie, die längst überfällig war und Kónyas unverwechselbare Stimme eindrucksvoll zur Geltung bringt (2 DG Australien, aber bei cpo oder Amazon/DGG 4807096)

 Wolfgang Denker

 

Bekenntnisse eines Direktorenlebens

So schmal das Bändchen, dessen zumindest deutsche Ausgabe als eine Art Testament des unlängst verstorbenen Gérard Mortier verstanden werden kann, auch ist, so bedeutungsschwer sind die Begriffe, die seinen Titel bilden: Leidenschaft, Theater, Religion, das Menschliche vereinen sich in ihm, dazu noch Dramaturgie, die sich auch in allen Kapitelüberschriften findet. Nun befasst sich Dramaturgie nach Duden mit „den Gesetzmäßigkeiten der inneren Struktur“ eben von Dramen im weitesten Sinne. Eine Dramaturgie einer Leidenschaft, so der Titel, ist deswegen schwer vorstellbar, entzieht sich doch Leidenschaft den Gesetzmäßigkeiten. Dazu kommt der geheimnisvolle Untertitel Für ein Theater als Religion des Menschlichen, der ebenfalls ein Widerspruch in sich selbst sein sollte.

Mortier entwirft von der Einleitung an ein pessimistisches Weltbild, in dem es des Theaters bedarf, um überhaupt noch Visionen entwickeln zu können. Er führt Beispiele von der Antike bis heute dafür an, mischt dabei Theater und Oper, als gebe es keine grundlegenden Unterschiede zwischen beiden, beschränkt sich oft sogar nur auf Beispiele aus dem Sprechtheater. Im Bereich der Oper wittert er landauf, landab nur Restauration und führt dafür als nicht gerade glückliches Beispiel die Besetzung des Intendantensessels in Bayreuth an. Beklagenswert findet er den geringen Anteil der zeitgenössischen Musik am Kulturleben trotz „erstklassiger Komponisten und hervorragender Schriftsteller, die sich der Oper widmen. So bleibt ihm nur die Hoffnung auf mehr Einsicht in Mali und Kinshasa – und natürlich auf die moderne Regie.

Die nächste „Dramaturgie“ ist die „eines neue theatralischen Genres“, womit Monteverdis Opern gemeint sind, bei dem bereits die drei großen Themen der Oper auftauchen: Reise und Heimkehr, der Konflikt zwischen Liebe und Pflicht und die Aufhebung der Grenze zwischen Leben und Tod durch den Gesang. Der veristischen Oper wirft der Autor vor, die Verbindung zwischen der realen Situation und dem idealen Leben aufgehoben zu haben. Sollte daher seine bekannte Abneigung gegenüber Tosca rühren, obwohl doch im „Oh, Scarpia, davanti a Dio das Gegenteil bezeugt wird? In jedem seiner „Dramaturgie“-Kapitel rechnet Mortier mit einer seiner Wirkungsstätten ab. Hier ist es das Palais Garnier, in dem es von Anfang an auf die Selbstbespiegelung des adligen und großbürgerlichen Publikums ankam und nicht auf die Kunst, höchstens noch auf Meyerbeers Haupt-und Staatsaktionen, nicht aber auf Debussy oder Bizet. Auch das Gesangsvirtuosentum findet bei Mortier keinen Beifall, denn Oper muss „immer zum Gemeinwohl beitragen.

Im Kapitel über „Dramaturgie der Architektur und des Ortes“ kommt er noch einmal auf das Palais Garnier zu sprechen und stellt es zu seinem Nachteil dem Bayreuther Festspielhaus gegenüber. In Paris wagten sich von ihm eingeladene afrikanische Putzfrauen nicht über die prachtvolle Treppe in den Zuschauersaal. Ob sie sich in Bayreuth wohler gefühlt hätten, ist zu bezweifeln. In diesem Kapitel ist es Salzburg, das seine Watschen abbekommt, zunächst Karajan mit seinem überdimensionierten Festspielhaus, dann die Stadt, die aus kommerziellen Gründen kein „frei modulierbares Theater“ zulässt. Besser gefiel es Mortier dann bei den Ruhrfestspielen, denn hier steht das Bühnenbild in dialektischem Verhältnis zum Spielort“. Hiebe gegen Zeffirelli und die Met bleiben natürlich nicht aus, auch nicht gegen den damaligen Minister Franҫois Léotard, der den großen Verlust zu verantworten hat, den der Verzicht auf die Aufführung von Berios Cronaca del luogo bedeutete. Seltsam nur, dass es Mortier immer an Orte zog, deren Publikum und Administration mit seinen Ideen kaum übereinstimmen konnten.

Dass Spielplangestaltung etwas mit Dramaturgie zu tun hat, bezweifelt sicherlich niemand, und so galt bereits für Brüssel, dann auch für Salzburg, die Werke in historischen, sozialen und ästhetischen Zusammenhängen begreiflich werden zu lassen. So wurde der Frosch (trotz des peinlichen CDurQuartetts) zwischen Tannhäuser und Parsifal gesetzt und wohl davon ausgegangen, dass jeder Zuschauer alle drei Werke besuchen würde, um der erwünschten Einsichten teilhaftig werden zu können. Nach vergessenen Opern zu suchen bringt nach Mortier nichts, wohl aber die mindestens 50 wertvollen Werke des 20. Jahrhunderts den höchstens 40 bedeutenden des 19. Jahrhunderts gleichzustellen.

Dramaturgie und Werktreue werden im nächsten Kapitel beleuchtet. In ihm wird es den Traditionalisten so richtig gegeben, die noch immer nach Kerzenlicht schreien, obwohl es doch das überlegene elektrische Licht gibt. Auch die Behauptung, historische Kostüme könne man nicht mehr herstellen, weil es die Materialien nicht mehr gebe, geht wohl etwas an der Brisanz des Problems vorbei. Nach Mortier sind die Traditionalisten nur Faulpelze“, die sich weigern, lieb gewordene Gewohnheiten abzulegen. Die von ihm selbst angestrebte größtmögliche Treue gegenüber dem Gesamtzusammenhang“ erscheint da als ein recht vages Ziel.

Durch alle Kapitel hindurch stößt man immer wieder auf Absonderliches wie die Behauptung, Mozart habe den Figaro wegen der neuen Ehegesetze Josefs II. komponiert, nicht wegen seines revolutionären Charakters, die Traviata-Uraufführung sei wegen der fehlenden politischen Korrektheit ein Fiasko gewesen, in der Iphigenie würde ein falsches, weil „arisches“ Griechenbild gesehen. Und wo gibt es heute noch Zuschauer, die in Don Giovanni nur den Edelmann sehen, die Almaviva und den Don (Giovanni) „nebeneinander stellen? Und ist jeder, der buht, gleich ein Hooligan?

„Dramaturgie der Kommunikation“ heißt das nächste Kapitel, handelt von „Angriffen und Gemeinheiten“ dem Verfasser gegenüber, von den mächtigen Labels, die die Karrieren großartiger junger Sänger zerstören – was in dem einen oder anderen Fall zutreffen mag, nicht aber in dieser Verallgemeinerung. In der „Dramaturgie der Uraufführungen“ befindet Mortier das Nachspielen neuer Werke für genau so wichtig wie prestigeträchtige Uraufführungen – und hat damit sicherlich Recht. In „Dramaturgie der Arbeit mit Künstlern“ überrascht nach all den vorherigen Ausführungen der Satz, der „Sänger (ist) die zentrale Kraft der Oper, wozu nicht recht passt, dass fast alle seine Regisseure vom Sprechtheater kamen und so wohl nicht viel mit diesen wertvollen Wesen anfangen konnten. Wie in jeder Oper gibt es auch in diesem Buch ein „Finale“, in dem noch einmal das Credo verkündet wird: Ich will Künstler, mit denen ich am besten meine Befragung der condition humaine erzählen kann. Aber muss man dazu unbedingt singen? (126 Seiten,  Bärenreiter-Metzler)

Ingrid Wanja

Quietschend lustig

Kräftig wird zum Zeichen des Beginns mit einem Stab auf den Boden gestampft, dass man fürchten muss, der Dirigent möge sich keine tödliche Infektion zuziehen wie einst Lully. Hat er natürlich nicht.  Hans Rosbaud überlebte diese Cosi fan tutte noch fünf Jahre. Es handelt sich um die Aufführung vom Festival in Aix-en-Provence aus dem Jahr 1957. Eine Legende. Ich kannte sie bislang nicht, weshalb die Ausgabe des Labels INA mémoire vive umso mehr willkommen ist. Das Institut National de l‘ Audiovisuel hat eine sparsam erscheinende Ausgabe mit fundiertem Textheftchen herausgebracht, das ein sehr interessantes, informatives, wenngleich ungemein selbstgefälliges Interview mit Gabriel Dussurget enthält, der die Geschicke des von ihm mitbegründeten Festivals bis 1972  leitete.

Rosbaud schlägt in der vom Alfonso dieser Aufführung, Marcello Corti, in den Bühnenbildern von Balthus – jenes Balthus, von dem das Essener Museum Folkwang im Zuge der Pädophilie-Debatte kürzlich eine Ausstellung absagte –  inszenierten Aufführung ein Tempo an, das einem schier den Atem nimmt, findet aber in der Begleitung der Sänger das rechte Maß aus jugendfrischer Spontaneität, alertem Tempo und ein wenig knisternder Gefühlstiefe. Vor allem spielt er eine Komödie: quietschend lustig. Es war die Stunde eines jungen Ensembles. Die 22jährige Berganza, später häufig eine zurückhaltende Interpretin, ist bei ihrem Aix-en-Provence- Auftritt, der zugleich ihr Debüt war, eine kernige und zupackende, elegante und angesichts des Alters erstaunlich reife Dorabella, sie singt sozusagen mit Biss und Selbstbewusstsein, die andere Teresa, die 30jährige Stich-Randall, ist daneben manchmal ein wenig scharf und lasch, sehr kunstvoll, wenn auch mit einigen gequälten Tönen im Rondo, dabei damenhaft neutral als Fiordiligi. Mariella Adani ist eine resche Despina, wie man sie sich nur wünschen kann. Der 27jährige Luigi Alva klingt etwas scheu, wartet als Ferrando mit einem schönen feurigen Timbre auf. Rolando Panereis Guglielmo, er war mit 33 Jahren der älteste der vier Liebenden, ist mir zu grimassierend gesungen. Ein Dokument: im zweiten Akt sind einige Momente aufgrund des Ausgangsmaterials klanglich dürftig und man darf sich nicht daran stören, dass der Souffleur ein wichtiges Wort mitzureden hat und die Aufführung auf bekömmliche 2 Stunden 20 Minuten zurechtgestutzt wurde.

cosiNoch interessanter ist der Mitschnitt eines Konzert vom Mai 1951 aus dem Théâtre des Champs-Elysées, wo Ernest Ansermet die „opéra comique de chambre“ Le diable boiteux von Jean Françaix und das Opern-Oratorium Oedipus Rex von Strawinsky leitete (ebenfalls von INA); Hauptaugenmerk liegt dabei auf Hugues Cuénod und Jean Vilar. Der 20minüter Le diable boiteux ist ein heiteres kleines Werkchen, das die bis zu seinem Tod 1901 mit Edmond de Polignac verheiratete Singer Nähmaschinen-Erbin Winnaretta de Polignac bei Françaix in Auftrag gab. Die kleine Oper für zwei handvoll Instrumente wurde 1938 im Salon der Fürstin in der Avenue Henri-Martin uraufgeführt. Es dirigierte Nadia Boulanger, es sangen der Bass Doda Conrad und der Tenor Hugues Cuénod, der das Stück in den kommenden Jahrzehnten überall aufführte. Cuénod ist auch der Solist in diesem Konzert. Mit fadendünner Stimme purzelt er durch die spanische Geschichte vom Hinkenden Teufel, die Alain-René Lesage 1707 nach einer spanischen Vorlage entworfen hatte, spricht, singt, wechselt ins Falsett. Recht nett. Geschickt ist die Kopplung mit einem Werk, das auch ein Ergebnis des regen künstlerischen Austauschs der Gattungen in den 1920er und 1930er Jahren in Paris war, dem zehn Jahre vorher am heutigen Théâtre du Châtelet, damals Théâtre Sarah Bernhardt, uraufgeführten Oedipus Rex. Cocteaus Text wird von Jean Vilar gesprochen, der Leiter des Théâtre National Populaire geworden war, auch wenn man ihm 1951 einen Mangel an Gefühl bescheinigte, wirkt er heute geradezu emphatisch. Das restliche Ensemble ist unauffällig, darunter der grell charakterisierende Ödipus von Joseph Peyron, den man u. a. durch Aufnahmen von opéra-comiques von Audran, Ganne, Boieldieu, Hérold, aber auch Ravels L’enfant et les sortilèges kennt.  

Rolf Fath

 

W. A. Mozart: Cosi fan tutte mit Teresa Stich-Randall (Fiordiligi), Teresa Berganza (Dorabella), Mariella Adani (Despina), Luigi Alva (Ferrando), Rolando Panerei (Guglielmo), Marcello Cortis (Don Alfonso). Choeurs du Consevatoire, membres de l’Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire, Leitung: Hans Rosbaud; INA, mémoire vive IMVO24

Igor Strawinsky: Oedipus Rex/ Jean Françaix: Le diable boiteux mit Hugues Cuénod (Tenor, Le diable boiteux), André Vessières (Bass, Le diable boiteux), Jean Vilar (Erzähler), Marie-Thérèse Hollet (Jocaste), Joseph Peyron (Oedipe), André Vessières (Tirésias),  u.a.; Orchestre national; Leitung: Ernest Ansermet; INA, mémoire vive IMVO47

 

 

Victorin Joncières‘ „Dimitri“

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Und wieder ist eine der großen, wunderbaren Grand opéras der romantischen Epoche Frankreichs als CD erschienen: Victorin Joncières‘ Russen-Oper Dimitri von 1876, unter Hervé Niquet im März 2013 in der Salle Flagey in Brüssel aufgenommen und nun bei Ediciones Singolares, der Hausmarke des hier vielfach erwähnten und gelobten Palazetto Bru Zane, herausgekommen.

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Fromntespièce des Klavierauszugs/Sammlung privat/Ediciones Singolares

Zu Joncières‘ „Dimitri“: Frontespiece des  Klavierauszugs/Sammlung privat/Ediciones Singolares

Zu Beginn gleich ein Blick auf die musikalische Seite der neuen Ausgabe bei Ediciones Singolares, die  in der Brüsseler Salle Flagey aufgenommen wurde. Hervé Niquet, diesmal nicht bei seiner Stammfirma Glossa, dirigiert sehr schwungvoll den Flämischen Radio und Kinderchor Chor, dessen „russische“ Eröffnung an Boris Godunow erinnert. Die Brüsseler Philharmoniker, die mir in dieser Formation vorher nicht bekannt waren, folgen ihrem erfahrenen Dirigenten tadellos und stürzen sich hochengagiert in das ihnen ja nicht fremde Idiom. Gesungen wird einfach hervorragend – anders als bei manchen anderen Aufnahmen im Verlauf dieser Serie (etwa Le mage von Massenet, ebenfalls bei Ediciones Singolares) hat man hier wirklich beste Stimmen versammelt. Allen voran der junge Philippe Talbot als leuchtend-lyrischer Dimitri mit eben jener ardeur, die französische Tenöre brauchen, dazu kommen die junge Gabrielle Philiponet als bezauberde Marina und Nora Gubisch als mütterlich-erfahrene Marpha. Andrew Foster-Williams macht den Bösewicht, den gemeinen Comte de Lusace (eine tolle Leistung)., angetrieben von der verschmähten, rächenden Vanda in Gestalt von der etwas dünn auftrumpfenden Jennifer Borghi Der attraktive Nicolas Courjal leiht seine sonore Baßstimme dem Bischof Job. Jean Feitgen, Joris Derder und Lore Binon sind erfolgreich in kleineren Partien  zu hören – selten hat man in den neueren Aufnahmen ein so stimmiges und dichtes Ensemble gehört, dazu so wortverständlich wie lange nicht mehr. Es geht also!

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Dank an den Palazetto Bru Zane, der in Gestalt von Alexandre Dratwicki einen interessanten Aufsatz über „Dimitrri – Text und Kontext“ beisteuert. José Pons schreibt über den fortschrittlichen Theaterintendanten Albert Vizentini, Nicolas Deshoulières über die Rezeption der Oper in der zeitgenössischen Presse. Und schließlich wird noch der Komponist selbst zitiert, der sich über das Théâtre-Lyrique seiner Epoche auslässt – gäb´s das alles auch in Deutsch (immerhin sind die drei deutschprachigen Länder der größte Markt in Europa) und nicht nur in Französisch und Englisch, wäre eine effektvollere Verbreitung gesichert. So wird, schon wegen seines unpraktischen Buchformats in wenig attraktivem, altmodischen Druckbild, die Aufnahem sicher nur die überzeugten Fans der Französischen Oper erreichen. da wäre dringend ein Formatwechsel anzuraten. Geerd Heinsen

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9788493968694Ein Vergleich mit dem Boris von Mussorsgsky (in der Originalfassung von 1869) mit dem Dimitri von Joncières bietet sich an: Die Libretti sind natürlich in Teilen unterschiedlich, aber es handelt sich um dieselbe Geschichte, zur selben Zeit auf beiden Seiten des post-romantischen Europa komponiert, zwei Werke, die dieselbe Episode in Angriff nehmen, aber unterschiedliche Personen in den Fokus stellen. Die Vorlage für beide ist natürlich Schillers Demetrio. Und es ist erstaunlich, wie stark auch Joncières seine Musik „russisch“ einfärbt – die Achse Frankreich. Russland war in jenen Jahren eine intensive, zweigleisige, wenn man bedenkt, wie sehr auch russische Komponisten wie Tschaikowsky oder Rimsky von der französischen Oper beeinflusst waren.

Der Komponist Victorin Joncières/OBA

Joncières‘ „Dimitri“: Der Komponist Victorin Joncières/OBA

Der Erfolg von Dimitri, 1876 uraufgeführt, dem Sardanapale (1867) voranging und Le dernier jour de Pompei (1869, im April 2014 in Auszügen in Paris in der Cité de la Musique konzertant gegeben), wurde durch seine erstaunliche Symphonie romantique von 1870 vorbereitet, die ihren Wagnerschen Einfluss nicht verleugnen kann, war Joncières doch ein rabiater Wagnerianer). Der Komponist verstand es auch, sich als Musikkritiker in der Pariser Musikszene durchzusetzen (für „La Liberté“ unter anderen), wie es auch Berlioz war, ein berühmter Redakteur und oft nachhaltig  im berühmten „Journal des Débats“ (für das auch Berlioz so viel geschrieben hat). Joncières verteidigt dort unter anderen Franck oder Chabrier, die eine französischen Version eines extrem schöpferischen Wagnerismus verband. Joncières letzten Opern (La reine Berthe, 1878; Le Chevalier Jean, 1885; schließlich Lancelot, 1900) gelang es nicht, seinen Namen berühmt zu machen: Zu seinen Lebzeiten blieb Joncières trotz seines unzweifelhaften Temperaments ein „Meister zweiter Klasse“ und Dimitri sein bestes Werk.

Armand Silvestre, einer der beiden Librettisten/OBA

Joncières‘ „Dimitri“: Armand Silvestre, einer der beiden Librettisten/OBA

Bereits 1870 beendet, wurde die Oper am 5. Mai 1876 uraufgeführt. Diese Verzögerung hatte  seinen Grund in dem Brand des Théâtre Lyrique, für das Joncières seinen Dimitri geplant hatte. Die neue Bühne des Théâtre Lyrique  (ein Tempel der modernen Komponisten) brachte  also 1876 das Werk heraus, dessen Entwurf  für das Grandiose eine viel größere Bühne verlangte, eben die Opéra-Comique, wo die Reprise ab 1890 auf dem Programm stand. Trotz seiner Nähe zur Wagnerianischen Strömung bleibt Joncières dem italienischen Nummernstil verbunden, gestaltet aber die Übergänge und manche Passagen sanfter.  Dimitri ist wie ein Fresko in einzelne Bilder aufgeteilt. Die Vielfältigkeit der Handlung drückt sich in zahlreichen Episoden aus, die Joncières mit Motiven und Sequenzen unterlegt, ohne sie zu entwickeln. Die längste Arie dauert hier drei  Minuten. Während der Kritiker Joncieres sich ausschließlich als Wagnerianer erweist (und mit denen scharf ins Gericht geht, die sich dem Bayreuther Meister nicht beugen), so offenbart der Komponist einen offenbar widersprüchlichen Eklektizismus, der außer zu Meyerbeer, Verdi, Halévy auch eine Nähe zu Gounod und sogar Chopin, Thomas und Bizet (Dimitri liegt fast zeitgleich mit Carmen) aufweist.

Zeitgenössische Illustration zu "Dimitri"/OBA

Joncières‘ „Dimitri“ – zeitgenössische Illustration zu „Dimitri“/BNF

Als gutes Beispiel einer konzisen und bewundernswert konstruierten Komposition, die immer nach einem für das Ohr angenehmen Fluss strebt, ist die Ouvertüre des Dimitri ein Vorbild des Genres –  eine gelungene Einleitung und ein Appell an die Phantasie des Hörers. Sie beeindruckt durch ihren großartigen epischen Zug: Die Aufeinanderfolge von musikalischen Episoden sichert eine bemerkenswert strukturierte Verdichtung des Werks, so das düstere slawische Thema von Vanda (die Hauptgestalt der Oper), das zynische Motiv von Lusace (die rächende Hand Vandas), die Feste in Vandas Palast zum Auftritt des polnischen Königs im 2. Akt, dann die Ausbreitung des Liebesthemas für Marina und Dimitri, dem seine aufeinander folgenden Wiederholungen in der Partitur entsprechen. Das Liebesmotiv, das sich fast über ein Drittel der Ouvertüre erstreckt, stellt diese verhinderte Liebe dar, die das junge liebende Paar gelebt hätte, wenn Vanda nicht ihren bösartigen Plan mit Hilfe von Lusace realisiert hätte. Die Motive vermischen sich hier miteinander wie die Teile eines musikalischen Puzzles, mit einem meisterhaften Sinn für Übergänge und Abläufe. Joncières gelingt seine Ouvertüre mit derselben Intelligenz (Aufbau, instrumentale Farben) wie seine Symphonie romantique. Hätte nur die Ouvertüre von Dimitri überlebt, wäre der Komponist zweifellos als großer Symphoniker anerkannt worden.

Wieder einmal eine Illustration aus der Schokoladenbeilage von Guérin-Boutron/OBA

Joncières‘ „Dimitri“: Wieder einmal eine Illustration aus der Schokoladenbeilage von Guérin-Boutron/OBA

Trotz seiner unterschiedlichen Strömungen beeindruckt Dimitri auf Anhieb durch seine Originalität  und Geradlinigkeit der dramatischen Synthese, die zeigt, wozu der Komponist fähig ist, vor allem in der klugen psychologischen Charakterisierung der Personen. Alle seine Einzelkompositionen, (wobei das Beispiel einer vokalisierten und verzierten Stretta von Lusace, um seine oberflächliche Bosheit auszudrücken, am typischsten ist) lassen einen Meister bezüglich der Situationsschilderung  erkennen.

Dimitri, äußerlich eine historische Bilderfolge, ist eigentlich ein Liebesdrama, dessen Kraft und Wildheit von einer abgewiesenen Frau in Gang gesetzt wird: Vanda. Sie liebt Dimitri, der ihr Marina vorzieht. Vanda rächt sich, indem sie den jungen Zaren töten lässt und indem sie Lusace, den Feind Dimitris, manipuliert. Sie ist eine Intrigantin von abstoßendem Zynismus. Um die psychologische Darstellung zu erhöhen, verwendet Joncières das Prinzip des Leitmotivs als Indiz  einer emotionellen Situation (oder für eine Person): Dasselbe Motiv charakterisiert die Liebe Dimitris für Marina oder das mütterliche Motiv von Marpha, als Dimitri die Verbundenheit erwähnt, die Vanda ihm bekundet. Joncières verallgemeinert sein Prinzip auch, um eine Person zu charakterisieren: ein grimassenhaftes, dämonisches Trillermotiv für Lusace; die Melancholie und Düsternis für Vanda, der vergeblich Liebenden. Die Nüchternheit der Mittel, ihre sparsame und niemals belanglose Verwendung zeigen klar Joncières´ musikalische Genialität. Stefan Lauter (Dank an Ingrid Englitsch für die Übersetzungshilfe).

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Joncières‘ „Dimitri“: Hervé Niquet am Pult und sein Solist Andrew Foster-Williams/Foto Brussels Philharmonqie

Victorin Joncières: Dimitri – Inhalt ACT I: A picturesque setting in Poland, late winter. On the right, the entrance to a monastery; at the hack, the slope of a hill; at the foot of the hill flows a river (the Don). (Ein wirklich russisch nachempfundener Chor eröffnet die Szene.)The Prior disembarks onto the riverbank, followed by a group of Cossacks. Dimitri, pretender to the Russian throne, was raised, under the name of Vasili, in a monastery. He left the monastery to follow Vanda, a cousin of the king of Poland, who saw in him a means of achieving her ambitious ends, but then he fell deeply in love with Marina. She had been promised by her father to the Count of Lysberg. On learning of this, Dimitri killed the latter in a duel and was thrown into prison, but Vanda set him free. Dimitri relates all this to the Prior. Meanwhile Marina, whose father has sworn to kill Dimitri, has left home and is travelling with a band of Gypsies; she is looking for Dimitri. The Count of Lusatia arrives at the monastery and reveals to the Prior that the young Vasili who was entrusted to his care some years ago, is none other than Dimitri, the son of Tsar Ivan IV (the Terrible), whose throne has been usurped by Boris (Godunov). The time has now come, he says, to overthrow Boris and restore the crown to the rightful heir. Dimitri lets Marina into the secret and asks her to go to the castle of Vyksa, where Tsarina Marpha, Ivan’s widow, is held cap­tive by Boris and there still grieves for her son, whom she believes to be dead. As he leaves the monastery, the Count comes upon Dimitri and Marina as they declare their love.

Und Henri de Bornier, der andere Verfasser des Librettos/OBA

Joncières‘ „Dimitri“: Und Henri de Bornier, der andere Verfasser des Librettos/OBA

ACT II:Vanda’s palace in Krakow. An Italian Renaissance interior; at the back, a gallery. (Eine schmissige Polonaise erklingt.) Ladies-in-waiting, splendidly dressed; Vanda, seated on an ottoman.The Count of Lusatia announces to Vanda that Dimitri is to be recog­nised as tsar and tells her that she must obtain his promise to marry her, in order to reign as tsarina. Alone with Dimitri, the Count urges him to abandon Marina, and does his utmost to stir his ambition and desire for power. Seeing that Dimitri will not give up his love for Marina, the Count reminds him that she is with Marpha at the castle of Vyksa, and that Boris, fearing for his throne, is likely to kill both of them; only Vanda can save them. The king of Poland, acting as arbitrator, declares that he will defend Dimitri’s rights against the usurper, Boris; he advises him to marry Vanda.

ACT III – First Tableau: Within the castle of Vyksa, in Russia. As the curtain rises, Marina is reading to Marpha, but she breaks off because the tsarina does not appear to be lis­tening. Marina tells the tsarina that her son, Dimitri, is still alive and that she, Marina, is his fiancee. Marpha is torn between joy and doubt. Job, the primate of Moscow, who is close to Boris, comes to warn Marpha that ‚a base adventurer‘, aiming to topple the throne and depose Boris, is claim­ing to be her son; he tells her that she must refuse to recognise him. Marpha is unsure in her mind, but she expresses her hatred for Boris. She dis­misses Job, after leading him to believe that she intends to recognise Dimitri as her son (und hat eine fabelhafte Arie in der Nachkommenschaft von Meyerbeers Prophete)ACT III – Second Tableau: Dimitri’s camp. Evening; tents towards the back of the stage (fabelhafte „Polowetzer Tänze“, richtig schmissig). The city of Moscow, with its domes, is just visible as a distant outline in the mist. Military music, movement of troops. Dimitri tells the Prior that he has been forced to agree to marry Vanda in order to save Marina and Marpha. It is announced that there has been a military uprising; Boris has been killed in his palace.

Das Libretto gehts auf Schillers "Demetrio" zurück/OBA

Joncières‘ „Dimitri“: Das Libretto gehts auf Schillers „Demetrio“ zurück/OBA

ACT IV – First Tableau/Inside one of the tents: Celebration of the forthcoming coronation of Dimitri. The Count of Lusatia drinks to the health of Tsarina Vanda, whereupon Dimitri smashes his glass and dismisses the soldiers. Left alone with Dimitri, the Count tells him his story. Fifteen years ago Boris was regent of Russia; Tsar Ivan had two sons; the elder son died, leaving his brother as heir to the throne. Deciding to get rid of the latter, Boris approached a nobleman who had fallen on bad times and offered him a substantial sum of money to kill the child, whose name was Dimitri. The murder was committed, but the nobleman was not paid, so he decided to seek revenge. He took a young slave boy to be raised in a monastery, with the idea of one day making that boy tsar of Russia. That child, long known as Vasili, is none other than Dimitri himself and, if he prefers not to be revealed as a slave, and the son of a slave, Dimitri must marry Vanda. For the nobleman who killed the real Dimitri and took the young slave to the monastery is none other than the Count of Lusatia himself. On hearing this, Dimitri grabs a knife that is lying on the table and stabs the Count. He orders the body to be taken away. Vanda, disguised as a soldier, follows as his body is carried out. Just then, Marpha appears; she recognises the body of the man who took her son from her. Alone with Marpha, Dimitri questions her: is he her son? He refuses to appear before the people to receive the keys of Moscow from the boyars, unless Marpha dispels his doubts.. ACT IV – Second Tableau/The camp: As the curtain rises, the men are striking camp. Bright sunlight. In the background, Moscow, with its golden domes. The crowd fills the stage. National anthem. The people acclaim Dimitri and Tsarina Marpha. The boyars have pres­ented them with the keys of the city. Vanda observes the scene and swears she will be avenged.

Spiritus Rector der Serie: Alexandre Dratwicki/Palazetto Bru Zane

Spiritus Rector der Serie: Alexandre Dratwicki/Palazetto Bru Zane

ACT V: Inside the courtyard of the Kremlin. On the left, the Kremlin; on the right, St Basil’s cathedral. As the curtain rises, there are lights on at the windows of the Kremlin. The night is almost over, the first glimmer of dawn is visible on the horizon. Beneath a broad balcony, opening on the left onto the salons of the Kremlin, stands Vanda, clad in dark clothing. Vanda, her heart devoured by jealousy, makes threats against the two lovers, who seem to be so happy and confident in their good fortune. The Count of Lusatia appears; he was only wounded by Dimitri and has survived, nursed by Vanda. The coronation is about to take place. Job stops Dimitri at the entrance to the cathedral; he asks Marpha to swear on the Gospel and on the Cross that he is indeed her son. She hesitates, and that moment of hesitation precipitates the denouement. The Count of Lusatia, armed with a musket, appears with Vanda on the balcony of the Kremlin. On seeing the Count, Marpha hastens up the cathedral steps, intending to swear that Dimitri is her son. But a shot rings out and Dimitri falls to the ground. He dies in doubt as to his identity: „Marina! Mother! Alas! You alone will tell me the truth, O God!“ (Aus der Aufnahme bei Ediciones Singolares)

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Victorin Joncières (1839-1903Dimitri (Oper in 5 Akten) mit  Gabrielle PhiliponetNora GubischPhilippe TalbotAndrew Foster-WilliamsFlemish Radio ChoirBrussels Philharmonic OrchestraHervé Niquet; Live-Aufnahme Salle Flagey Brüssel, März 2013; Ediciones Singolares/Note 1 ES 1015/ Abbildunbg oben: Dimitri Wassiljewitsch Wassiltschikow George Dawr Winter Palace Moskau Wikipedia, ca 1820

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Italienischer Aufsteiger

Immer öfter wird in Deutschland der Name des jungen italienischen Dirigenten Matteo Beltrami erwähnt, der Aufführungen des italienischen Repertoires in Darmstadt, Essen, Lübeck und Dresden dirigiert hat. .

Matteo Beltrami/Foto Luigi De Frenza

Matteo Beltrami/Foto Luigi De Frenza

Ein paar Worte zum Werdegang und zur Berufswahl?  Ich bin in Genua geboren, und mein Vater war Orchestermusiker. Er spielte Posaune im Teatro Margherita, das damals als Ersatz für das im Krieg zerstörte Teatro Carlo Felice diente. Als ich mir als Fünfjähriger eine Geige wünschte, war er natürlich überglücklich und hat mir sofort eine besorgt. Um die Wahrheit zu sagen, liebte ich dieses Instrument dann nicht sehr, aber um meine Familie nicht zu enttäuschen, studierte ich das Geigenspiel weiter. Das Üben war nicht leicht, wenn meine Freunde spielten oder Sport betrieben! Am Konservatorium war ich dann Jahrgangsbester, und ich habe auch das Glück, ein absolutes Gehör zu besitzen. Während des Studiums wurde mir klar, dass mich mein Weg zur Orchesterleitung führen würde, auch weil ich eine angeborene natürliche Gestik habe. Die Technik des Dirigenten als solche ist ja viel weniger umfangreich als die eines Instrumentalisten. Es geht eher darum, dass man charakterlich dafür begabt ist. So führte mich die Hassliebe zu meinem Instrument zu dem Beruf, in welchem ich mich am besten ausdrücken kann.

Was braucht es heute, um Autorität beim Orchester zu erlangen?: Es gibt Dirigenten, die von Natur aus für ein gutes Verhältnis zum Orchester veranlagt sind, andere von Natur aus für ein schlechtes. Das ändert natürlich nichts am künstlerischen Wert des Dirigenten, doch kann dieser Punkt ein gutes Ergebnis der Arbeit mit dem Orchester gefährden, wenn sich die Musiker nicht wohlfühlen. Der Dirigent sollte jedenfalls nach seinen Einfällen beurteilt werden. Jeder kann, wie alle großen Dirigenten der Vergangenheit, Orchester haben, mit denen er besser arbeitet, mit mehr feeling, als mit einem anderen.

Und noch einmal der Dirigent Matteo Beltrami/MB

Und noch einmal der Dirigent Matteo Beltrami/MB

Wir entfernen uns also immer mehr von einem Vorbild à la Toscanini im Sinne eines allmächtigen  Tyrannen…? Nun, heute kann ein solches Modell nicht mehr existieren, weil die Musiker die Macht haben, einen solchen Dirigenten abzulehnen. Der Mythos vom allseits akzeptierten Dirigenten ist aber meiner Meinung nach ohnehin Utopie. Es gibt, auch unter den Großen, keinen, der niemals Probleme hatte. Ist es richtig, wenn zum Orchester ein Spannungsverhältnis besteht? Wenn damit ein entsprechendes Ergebnis erzielt wird, ist es akzeptabel, aber persönlich halte ich nichts von dieser Art der Kommunikation und würde vermutlich als erster von einer solchen Form der Machtausübung zermürbt. Natürlich muss es eine gewisse Autorität geben, aber die kann auch auf Kooperation beruhen.

Welchen Unterschied haben Sie – auch in der Farbe – zwischen italienischen und deutschen Orchestern gespürt? Im allgemeinen ist der Klang italienischer Klangkörper heller, der deutscher Orchester dunkler und kompakter. Es gibt natürlich Besonderheiten. Ich versuche, den spezifischen Klang eines Orchesters für meine interpretatorischen Vorstellungen zu nutzen. Als Beispiel nenne ich Verdis Macbeth, den ich in Lübeck dirigiert habe: Hier gab es zum Beispiel den dunklen Klang des Blechs, den ich optimal für die dunkelste Seite des Werks nutzen konnte, wie die Hexenszenen oder die Geistererscheinungen.

Eine spezielle Unterscheidung liegt natürlich auch im Vergleich zwischen Repertoire- und Stagione-System. Spielten vor 40-50 Jahren die italienischen Musiker in verschiedenen Orchestern, kannten sie ständig an den diversen Häusern gespielte Werke wie Rigoletto, Traviata oder Bohème in- und auswendig und konnten sich dem jeweiligen Dirigat anpassen. Heute wird ein Werk, wenn es ein Jahr nach der Neuproduktion wieder in den Spielplan aufgenommen wird, von A bis Z neu geprobt, und die Interpretation bleibt damit unverändert. Im deutschen Repertoirebetrieb läuft das klarerweise anders. In Italien ist es das Teatro La Fenice in Venedig, das mit seiner Mischung aus einer Reihe von Neuproduktionen und regelmäßig jedes Jahr gespielten Titeln ein gutes Vorbild für die bekanntlich mit Schwierigkeiten kämpfenden anderen Häuser wäre.

Wie ist Ihre Haltung gegenüber Musikwissenschaft, Aufführungspraxis, Originalinstrumenten und Strichen? Was heute in einigen Fällen als Philologie ausgegeben wird, müsste gesetzlich verfolgt werden (lacht). Im Ernst: Opern des Belcantorepertoires sklavisch notengetreu zu spielen, wie sie geschrieben wurden, ist genau das Gegenteil von Philologie. Bevor man mich der Arroganz gegenüber dem Komponisten bezichtigt, ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit: Die italienische Oper wurde zunächst vom Komponisten am Klavier geschrieben, der dann aber bei den Proben dabei war, während derer er Änderungen vornahm. Bei Reprisen machte er neuerlich Änderungen, und nicht immer war Ricordi zur Stelle, um sie offiziell zu machen. Es heißt immer wieder, dass Verdi sich über Änderungen beklagte, aber wir ersehen aus seinem Briefwechsel, dass es um eine Verzerrung des Inhalts, des Titels usw. ging. Niemand kann mir einreden, dass Verdi dagegen war, wenn ein Sänger mit guter Höhe eine cabaletta mit einem Spitzenton abschloss, um dem Publikum zu gefallen.

A propos cabaletta. Warum wurde sie wiederholt? Um sie mit Variationen zu singen, sonst wäre die Wiederholung ja sinnlos gewesen. Und diese Variationen müssen geschmackvoll sein und der Entstehungszeit des Werks entsprechen. Dafür muss man dieses Repertoire sehr gut kennen, und es ist meiner Ansicht nach Aufgabe des Dirigenten – damals machte das der Komponist, der sein Werk sehr oft selbst leitete. Als Beispiel nenne ich Lucia di Lammermoor, wo mit der Titelrollensängerin eine neue Kadenz zu erarbeiten wäre. Es gibt ein Buch mit schon bestehenden Kadenzen, und aus Bequemlichkeit wird eine von ihnen ausgewählt. Aber früher war das nicht so: Die Vorstellung, eine Primadonna würde dieselbe Kadenz singen wie ihre Rivalin kurz zuvor, war völlig unmöglich. Es gilt auch zu bedenken, dass die Werke damals nicht als für die Ewigkeit geschrieben erachtet wurden. Denken Sie nur an Rossini und seine Eigenverwertung. Wenn eine Oper keinen Erfolg hatte, wurde sie abgesetzt und vergessen. Konnten die Sänger dazu beitragen, sie im Spielplan zu halten, so wurde ihnen das erlaubt. Verdi und Donizetti wussten sehr genau, worum es ging. Den Bedürfnissen der Bühne muss entsprochen werden. Das ist Musiktheater und das ist wahre Philologie!

Natürlich muss zugestanden werden, dass die Form der „sogenannten Philologie“ auch eine Reaktion darauf war, dass nicht nach den Bedürfnissen der Bühne und überhaupt übertrieben gestrichen wurde, sondern schlicht und einfach, weil man etwas „hässlich“ fand. Das ist natürlich kein guter Grund. Nur weil die Cabaletta des Germont nicht eine von Verdis besten Kompositionen ist, darf das natürlich nicht zu einem Strich berechtigen. (Im übrigen wiederhole ich, dass sich meine dezidierte Meinung zur Philologie auf die Belcanto-Opern des 19. Jahrhunderts bezieht. Mit Puccini und Co. hat das natürlich gar nichts zu tun).

Mit Originalinstrumenten haben Sie bislang noch keine Erfahrung? Nein, aber es kann schon sehr interessant sein. Dennoch ist auch zu bedenken, dass auch das Studium sich verändert hat, dass man sich im Konservatorium heute eine andere Technik aneignet als früher, dass wir nie sagen werden können „So war das damals“. Bei bestimmten Autoren ist es interessant, möglichst ähnliche historische Bedingungen zu schaffen. Aber es ist falsch, wenn behauptet wird, nur auf diese Weise könne man beispielsweise Mozart gerecht werden.

Wie nähern Sie sich einem neuen, Ihnen unbekannten Stück? Ich bin keiner, der die Partitur sogleich verschlingt, obgleich ich natürlich eine Oper bei kurzfristigen Anfragen auch in einer Woche studieren kann. Im Unterschied zu Kollegen, die das nicht lieben, höre ich mir zunächst so viele Aufnahmen als möglich anderer Dirigenten an. Ich möchte erfahren, was andere, die viel berühmter sind als ich, die schon Geschichte geschrieben haben, zu einem bestimmten Werk zu sagen hatten. Denn wenn man eine Oper zwar kennt, aber noch nicht wirklich studiert hat, ist der Kopf auch freier für von den Aufnahmen ausgehende Botschaften. Ab dem Moment, wo ich mir eine eigene Vorstellung mache, höre ich keine Aufnahmen von anderen mehr, weil ich dann meinen Weg alleine gehen will. Ich beginne dann langsam mit 1-2 Seiten pro Tag. Ich bin ja kein Pianist und spiele sehr schlecht Klavier, also singe ich und stelle mir die Musik einfach vor. Langsam kommt dann, ohne Nötigung, der Punkt, an welchem ich meine eigene Vorstellung zu konstruieren beginne von dem, was ich ausdrücken will, und bündele meine Konzentration darauf hin.

Gibt es Titel, die Sie aus reiner Lust für sich selbst studiert haben oder nur solche, die man Ihnen angeboten hat? Oft läuft das parallel oder wie voriges Jahr bei Falstaff, klarerweise ein Titel, mit dem sich für mich ein Traum erfüllt hat. Ich fühlte mich reif genug für eine erste Interpretation, und die Ergebnisse haben mich sehr befriedigt. In der Vergangenheit habe ich ein paarmal etwas abgelehnt, weil ich mich dafür noch nicht bereit fühlte. Natürlich kann man mit dem Studium eines Titels einfach so zuhause beginnen, aber bestimmte Probleme und Schwierigkeiten sieht man erst, sobald man am Pult steht. Am grünen Tisch verbergen sie sich und überraschen einen erst in der Praxis. Überhaupt unterscheidet sich die erstmalige Übernahme eines Werks sehr von solchen, die ich schon sehr gut kenne, weil ich sie geleitet hatte. Da habe ich schon die Streu vom Weizen getrennt, und der Teig ist richtig, um eine gute Pizza zu machen. Das gilt speziell für das Opernrepertoire, denn bei symphonischen Stücken ist es leichter, a priori eine Idee zu haben und diese auch durchzuziehen. In der Oper bestehen Faktoren wie die Bühne, die Entfernung, nicht zuletzt die Sänger (lacht). Jedenfalls gibt es je nach Stück tragische oder komische Tempi oder Stellen, wo die Spannung erhöht werden muss. Lauter Dinge, die man in der Theorie nicht vorhersehen konnte: Bei dem erwähnten Falstaff hatte ich das Glück von fast einem Monat Probenzeit, und ich habe an dem, was ich mir vorgenommen hatte, sehr viel geändert. Das war keine Niederlage für mich, sondern im Gegenteil ein großer Gewinn.

Sie haben sehr jung begonnen, sodass Sie vermutlich nichts von den vielen Zwischenfällen, zu denen es im Opernhaus kommen kann, mehr erschüttern kann…?… Ich glaube, ich habe eine Entwicklung wie viele frühere Dirigenten zurückgelegt, also wirklich von der Pike auf gelernt. Wenn man bedenkt, dass meist über 150 Personen mit einem Opernabend zu tun haben, müssen unerwartete Situationen mit eisernen Nerven beherrscht werden. Ich habe das ja oft gesehen, wie es ist, wenn in Augenblicken der Panik der Dirigent für alles verantwortlich ist. Da gibt es keinen Regisseur oder anderes mehr. Wenn etwas schiefgeht, sieht der Sänger ausschließlich auf den musikalischen Leiter, auch das Orchester erhebt sofort die Augen. Nur vom Dirigenten und seinem kalten Blut hängt es ab, ob weitergespielt wird oder nicht. Das ist keine Frage von Genie oder Musikalität, sondern ausschließlich eine solche der Erfahrung. Mit Kunst hat das nichts zu tun. Diese Erfahrungen kann man nur machen, wenn man sich von ganz unten hinaufdient. Ein Debüt als Zwanzigjähriger war in Italien vor einigen Jahren etwas sehr Seltenes. Ich habe das als Privileg betrachtet.

Und wo sehen Sie sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren? Ich liebe meine Arbeit sehr, das Dirigieren ist für mich zuallererst ein Quell des Vergnügens. Das bedeutet nicht, dass ich mich für vollkommen halte und nichts mehr zu lernen brauche. Ich möchte weiterlernen, auch experimentieren, aber weiter mit Vergnügen musizieren. Ich möchte auch bei Opern, die ich schon geleitet habe, gegensätzliche Ideen umsetzen, denn es nähert sich zwar der Vierziger, aber ich verspüre immer noch einen jugendlichen Überschwang, der mir nicht immer verziehen wurde. Von Dirigenten meiner Generation wird ständig ein Ergebnis erwartet, das es nicht erlaubt, auch Experimente anzustellen. Das ist ein Problem und kastriert die Kreativität. Ich denke, dass es möglich sein muss, auch Wagnisse einzugehen. Ich beziehe mich hier im besonderen auf Italien, denn in Deutschland ist man gegenüber neuen interpretatorischen Ansätzen toleranter.

Und gibt es einen Ausgleich zum Beruf? Was mich betrifft, halte ich es für richtig, dass das Studium nicht über meinen ganzen Tag geht. Ich bin der Meinung, dass man für eine Interpretation auch Anregungen aus einer ganzen Reihe von Situationen empfangen kann, die gar nichts mit Musik zu tun haben. Es ist nicht unbedingt die Menge der dem Studium gewidmeten Stunden, die zu einer Vertiefung der Interpretation führt. Es braucht eine Tätigkeit, bei der man abschalten kann. In meinem Fall sind das – oft auch ziellose – Spaziergänge mit meinem Hund. Danach finde ich zu gesteigerter Konzentration. Wenn eine Produktion läuft, ist natürlich alles anders. Da kann es schon zu 10-12 Stunden ununterbrochener Arbeit kommen, zum Beispiel sechs Stunden Leseprobe mit dem Orchester, dann weitere drei Stunden Musikproben und noch drei Regieproben. Nachher müssen vielleicht noch weitere Probleme besprochen werden. Nach solch konzentrierten Tagen schalte ich ein oder zwei Tage ganz ohne Musik ein, ohne eine Note oder CD zu hören, also gänzlich ohne Musik. Mein Hund Goloso ist übrigens schon berühmt, denn überall stieß er auf ungeteilte Sympathie. Er liebt weibliche Stimmen, und wenn eine Sopranistin singt, hört er ihr richtig verzückt zu (Foto oben/Barbara Bellandi/Beltrami).

Adam Felix

 

Eugen d’Alberts „Golem“

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Das könnte eine ganze Reihe von Einspielungen aus dem Bonner Opernhaus geben. Zuletzt spielte die Oper Bonn Der Traum ein Leben von Braunfels, davor gab es die drei Hindemith-Einakter. Wäre alles schön. Bei Dabringhaus und Grimm, die bereits die Bonner Aufführung von Schrekers Irrelohe konservierten, kam nun Eugen d’Alberts Golem als Mitschnitt der Aufführungen vom Januar 2010 heraus. In dem im übrigen sehr ordentlichen dreisprachigen Beiheft  mit dem kompletten Text, Bios usw. werden moderne Aufführungen von d‘ Alberts Oper 1983 in Saarbrücken und 1997 in Bielefeld vermerkt, wobei ich mich noch (dunkel) an eine Aufführung 1988 in Ulm mit Ruth Gross (späteren Floeren) erinnern kann. Häufig wurde d‘ Alberts Musikdrama in drei Akten auch nach seiner Uraufführung 1926 in Frankfurt nicht aufgeführt, was am Stoff lag, dem alten jüdischen Mythos um den Golem.

Neben Zuhilfenahme eines Dramas von Arthur Holitscher stützten sich d‘ Albert und sein Librettist Ferdinand Lion, der auch Hindemiths Cardillac schrieb, auf die Prager Ghetto-Legende um Rabbi Loew, der den Golem angeblich aus dem Lehm des Moldauufers geschaffen und zum Leben erweckt hat. In ihrer Fassung entwickelt der Golem menschliche Gefühle, lernt sprechen und verliebt sich in Lea, die Ziehtochter des Rabbi. Der Rabbi will und kann die Menschwerdung nicht zulassen. Magie, Alchemismus, Naturwissenschaften und geheimes Wissen. Das Prag zur Zeit Kaiser Rudolf II. ist der gespenstische Ort, wo es um die Beseelung von unbeseelter Natur geht, die Grenzen der Schöpfung, den künstlichen Menschen.

Eugen d´Albert, um 1900/ Wikipedia

Anders als der kräftige deutsche Versimo in frühen Tiefland (1903) dominiert im Golem neben einem biederen späten Wagnerismus in der mal farbig filigranen, mal kernig fordernden Orchestertextur vor allem der Einfluss Schrekers und Strauss‘, hinzu kommt ein Wechsel aus braver Deklamation und ariosen Passagen, die bei Lea zu korngoldscher Üppigkeit auswuchern. Insgesamt ein Gemisch, das – im Gegensatz zur geformten Lehmmasse – kein eigenes Leben annimmt, aber von Stefan Blunier und dem Beethoven Orchester mit inbrünstiger Spätromantik geradezu beseelt wird. Im Gegensatz zur Regie, die mit dem Text und dessen Deutung sowie diesen holzschnittartigen Figuren fertig werden muss, hat es die CD leichter: Alfred Reiter ist als Rabbi Loew, den er mit ruhigem, gut fokussiertem Gurnemanz-Bass singt, überzeugend (Die Zeit ist dunkel….), Mark Morouse ist hinreichend massiv und nachdrücklich als Golem, und Ingeborg Greiner, die sich mit mehreren Partien zu einer Schreker-Spezialistin entwickelt, gibt der Lea sowohl zarte mädchenhafte Töne wie jugendlich-dramatische Sopranherrlichkeit. Rolf Fath

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Eugen d’Albert: Der Golem mit Mark Morouse (Der Golem), Alfred Reiter (Rabbi Loew), Tansel Akzeybek (sein Jünger), Ingeborg Greiner (Lea), Giorgos Kanaris (Kaiser Rudolf II.), Mark Rosenthal/ Sven Bakin (1. und 2. Jude); Chor des Theater Bonn; Beethoven Orchester Bonn; Leitung: Stefan Blunier; 2 CD MDG 937 1637-6

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Emilio Arrieta: „La Conquista di Granata“

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Ein eigenartiger Zwitter ist La Conquista di Granata des spanischen Komponisten Emilio Arrieta in bester italienischer Belcanto-Manier und in italienischer Sprache, wie sie auch das iberische Publikum im 19. Jahrhundert in der Oper über alles schätzte. Es geht um die Vertreibung der Mauren aus dem Emirat Granada unter der spanischen Königin Isabella von Kastilien, auch Sponsorin von Columbus, deren historisch ebenso wichtiger Gatte Ferdinand von Aragon in der Oper nicht erwähnt wird.

Der Komponist Emilio Arrieta/Wikipedia

Übrigens fällt im Libretto auf, dass mit „moro“ Maure und nicht etwa Mohr gemeint ist, was aufschlussreich für die Herkunft Otellos sein dürfte. Stoff und Ausführung sind nicht nur patriotisch, sondern erzkatholisch und recht heikel, wenn von „il gregge vil di Allha“ (tatsächlich so geschrieben) und der „razza impura“ die Rede ist, von political correctness also nicht die Spur. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Kampf um die Alhambra soll durch ein Duell zwischen dem Sohn des arabischen Fürsten Muley-Hassem und einem spanischen Ritter entschieden werden. Der von Isabella Auserwählte lässt für sich jedoch den verkleideten Freund kämpfen, da der Feind der Bruder seiner Geliebten ist. Es gibt viele Missverständnisse, aber am Schluss wird alles aufgeklärt, und nach der längst heimlich dem Christentum zugehörigen Zulema wird nach einem frommen Traum auch ihr Vater Anhänger des in einem Schlusschor als siegreich gepriesenen Glaubens.

Sicherlich ist es nicht der so martialische wie frömmelnde Inhalt der nach erfolgreicher Uraufführung 1850 in Madrid in Vergessenheit geratenen Oper, der Jesús López Cobos 2006 veranlasste, sie konzertant den Madrilenen wieder vorzustellen und sie nun erneut bei Dynamic herauszubringen. Es ist die eng an Donizetti angelehnte, äußerst melodienreiche Musik des Komponisten, der in Mailand seine Ausbildung erhalten und in Italien auch erste Erfolge gehabt hatte. Einige wenige Passagen, so der Chor der Frauen, die die angeblich glückliche Braut preisen, erinnern an Ernani und damit an den frühen Verdi. Nach der Conquista schrieb Arrietta keine weitere Oper, sondern  widmete sich ganz der Zarzuela.

Wie eindeutig Cobos das Werk der Donizetti-Tradition zuordnet, zeigt auch seine Besetzung, vor allem die der Tenorpartie mit José Bros, bewährtem Belcantosänger in unzähligen Aufführungen und Aufnahmen. Auch als spanischer Ritter Gonzalo bewährt er sich mit durchgehend über alle Register hellem Timbre, obertonreich und mit beeindruckender Höhensicherheit. Ihm zur Seite steht Mariola Cantarero mit einem Sopran von bitterer Süße und feiner Höhe als zum Christentum konvertierte Zulema, mit vorzüglicher Diktion und nur im „Non più pace“ ein wenig scharf klingend. Fein beseelt singt sie die Ballade „Nella terra di Giudea“. Mit einem Mezzosopran besetzt ist die Königin Isabel, der Ana Ibarra deliziöse Farben, aber auch Schärfe und Härte verleiht. Sie ist koloratursicher, weist aber in der Extremtiefe Schwächen auf. Ihren großen Moment hat sie mit dem voller Furor gesungenen „Prendi, la lama“. Eine große Enttäuschung ist Alastair Miles als Muley-Hassem, sonst doch ein zuverlässiger Sänger und hier mit Intonationsschwierigkeiten, hohl und holprig klingend und von allen guten Singegeistern verlassen. Ángel Ódena ist mit virilem, nicht optimal gestütztem Bassbariton  der treue, aufopferungsbereite Freund Lara, David Menéndez singt mit schwergängigem Bass den Möchtegernbräutigam Alamar, David Rubiera hat für den Boabdil einen soliden Bariton. Ganz vorzüglich ist der Chor unter Jordi Casas Bayer, voller Elan und in den Melodien schwelgend, dazu mit guten Solisten bestückt, das Orquesta Sinfoníca de Madrid unter Jesús López Cobos (Dynamic CDS 618/1-2). Ingrid Wanja      

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge dieser Serie Die vergessene Oper hier

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Weites Spektrum

 

Wer abseits ausgetretener Opernpfade nach Ungewöhnlichem sucht, ist beim amerikanischen Label Albany gut aufgehoben. Denn es widmet sich fast ausschließlich der klassischen Musik des Kontinents und nimmt sich bei der Programmgestaltung zentral der zeitgenössischen Oper an. Das Besondere an der Auswahl ist, dass der Schwerpunkt nicht auf solchen Komponisten wie Adams, Glass, Heggie oder Corigliano liegt, die auch in Europa gespielt werden, sondern jene berücksichtigt, von denen man hierzulande kaum je etwas gehört hat. Nebenbei lernt man viele für uns neue Sänger, spezialisierte Operngruppen und Aufführungsorte in Hochschulen kennen und kann sich von der großen Bandbreite an Themen, Formen und Stilen überraschen lassen, die vom neoromantischen Drama oder traditionellen Zweiakter bis zur spirituellen Meditation oder zum Multimedia- Spektakel reichen.

Beginnen wir bei einer Oper, die, der Musik nach, den italienischen Veristen zugeordnet werden könnte. Tatsächlich bezieht sich der Einakter Confession (Das Geständnis) von Raphaël Lucas auf Puccinis Suor Angelica. Denn er hat die Vorgeschichte zum Inhalt, und so erfährt man in 70 Minuten von den Gründen der Sophie, der späteren Schwester Angelica, die zu ihrem Eintritt ins Kloster führten. Lucas hat dazu eine Musik geschrieben, die so ungebrochen tonal ist, dass man nicht vermutet, dass sie in unserer Zeit entstanden ist. Das Ganze klingt schön und wohlig, die Harmonien sind honigsüß, die Instrumentation verbreitet Atmosphäre und etliche Zitate aus Puccinis Werk, wie gleich zu Beginn das Glockenthema, schlagen einen Bogen zum Original. Doch gerade die Reminiszenzen machen deutlich, was fehlt: interessante Reibungen, einprägsame Melodien, überhaupt mehr inspirierende Momente. Gleichwohl beeindrucken die ausgezeichneten Sänger, an deren Spitze Catherine Webber der Sophie einen cremigen Sopran und sichere Höhen verleiht. Mit blühender, jugendfrischer Stimme bezaubert Molly Davey als kleinere Schwester Annas Viola, mit weichem, einschmeichelndem Bariton nimmt Robert Balonek als Pater Francis, der heimliche Geliebte Sophies, für sich ein. Joshua Benevento macht als Onkel seine fiesen Annäherungsversuche mit angenehm lyrischem Tenor, während die böse Tante von Diana Wangerin mit mächtigem Mezzo auftrumpft. Hugh Murphy am Pult des Purchase Symphony Orchestra führt Solisten und Orchester gekonnt durch die überzuckerte Angelegenheit, die 2009 von der im gleichnamigen College angesiedelten Purchase Opera uraufgeführt wurde (Albany, TROY1306).

 

Zwei Jahre später, 2011, feierte die Oper The secret agent in New York Premiere – im Auftrag des Center of Contemporary Opera, einem Verein, der einerseits zeitgenössisches Musiktheater produziert und entwickelt und andererseits nach dem zweiten Weltkrieg kreierte Opern wiederentdeckt. Michael Dellaira (geb. 1949) komponierte sie nach dem  Roman von Joseph Conrad, in dem es um ein scheiterndes Attentat im ausgehenden 19. Jahrhundert und seine tragischen Folgen geht. Dem Anschlag fällt der geistig behinderte Bruder von Winnie, der Ehefrau des Anarchisten Verloc, zum Opfer, worauf sie erst den Gatten und dann sich selbst tötet. Der personenreiche Zweiakter steht ganz in der klassischen Operntradition. Dellaira mixt Elemente aus der Minimal Music mit viel Parlando, die sich dann und wann zu ariosen Gesängen ausweiten, und koloriert zwischendurch mit Walzermusik und einem Zitat aus Schuberts „Erlkönig“, da einige Szenen in der Deutschen Botschaft spielen. Die Dramatik der Vorlage klingt in der Musik selten an, es überwiegt ein lyrischer Grundton, der selbst beim Mord Winnies an ihrem Ehemann erhalten bleibt. Das Sängerensemble der Uraufführung, souverän geleitet von Dirigentin Sara Jobin, präsentiert sich in bemerkenswerter Geschlossenheit. Da ist vor allem die intensive, nuancenreich singende Amy Burton als Winnie, die besonders im Finale zu großer Form aufläuft. Und da ist Jonathan Blalock, dessen heller, reiner Tenor ebenso gut zum Bruder passt wie der raue Bariton von Scott Bearden zum Attentäter Verloc. The secret agent wurde mittlerweile in Ungarn und Frankreich nachgespielt (Albany,TROY1450/51).

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt Stefan Weismans Oper Darkling, die sich mit jüdischer Vergangenheit auseinandersetzt. Dafür wählte er das gleichnamige, sehr persönliche Poem der Dichterin Anna Rabinowitz, das sie selbst zu einem Libretto umschrieb. Es basiert auf Briefen und Fotos ihrer Familie und Bekannten, von denen etliche im Holocaust umkamen, und rekonstruiert aus dem Erinnerungsmaterial Porträts von Opfern. Weismans kongeniale Vertonung collagiert gesungene Teile und Textsequenzen, die von einem Streichquartett begleitet werden. So entsteht ein variantenreicher Wechsel von individuellen, je nach Stimmung teils melancholisch, teils erregt gefärbten Arien und Chören und sich überlappenden Sprechteilen, bis sich im zart verlöschenden Finale alle Mitwirkenden zusammenfinden. Darkling wurde 2006 am New Yorker Off-Broadway durch die American Opera Projects, eine Gruppe, die musiktheatralische Experimente fördert, uraufgeführt. Die Produktion gastierte in Polen und auch in Berlin – für die eindrucksvolle Aufnahme mit dem kompetenten Solistenquartett Maeve Höglund, Hai-Ting Chinn, Jon Garrison und Mark Uhlemann unter der Leitung von Brian DeMaris wurden die Sprech- und Gesangspassagen separat eingespielt und nachträglich zusammengemixt (Albany, TROY 1315/16).

Erschütterndes Musiktheater bietet auch Tom Cipullos (geb. 1956) Kurzoper Glory Denied, die an das amerikanische Trauma erinnert. Nur geht es im Gegensatz zu Darkling in diesem Zweiakter um ein Einzelschicksal – anhand des Schicksals des Veteranen Floyd James Thompson, der neun Jahre in vietnamesischer Gefangenschaft verbrachte, befasst er sich mit den Auswirkungen dieses Krieges. Glory Denied  rühmt sich die erste „Oral History“-Oper zu sein. Fast sämtliche der im Libretto benutzten Texte sind original und stammen von den entsprechenden Personen selbst. Es gibt nur vier Solisten, Thompson selbst und seine Ehefrau Alyce, die jeweils von zwei Sängern dargestellt werden. Die kammermusikalisch besetzte Oper macht die Gefühlszustände und Befindlichkeiten der Protagonisten in expressiv aufgeladenen Arien, Duetten und Quartetten deutlich. Gut kontrastieren die gedoppelten Partien: der junge Thompson ist mit dem frischen Tenor von David Blalock besetzt, der ältere mit dem markanten Bariton des zudem packend gestaltenden Michael Mayes. Sydney Mancasola als jüngere Alyce besitzt einen mädchenhaften lyrischen Sopran, während Caroline Worra die reifere Frau expressiver anlegt, aber trotzdem über schwebende Pianohöhen verfügt. Glory Denied wurde nach der Uraufführung 2007 in der Brooklyn College Opera mehrfach nachgespielt. Der vorliegende, von Tyson Deaton dirigierte Life-Mitschnitt entstand 2013 während einer Aufführungsserie beim texanischen Opernfestival in Ft. Worth (Albany, TROY 1433).

Auf eine wahre Begebenheit bezieht sich auch Evan Macks Oper Angel of the Amazon. Sie handelt von der Nonne und Umweltaktivistin Dorothy Stang, die sich in Brasilien für die Rechte der armen Bevölkerung und gegen korrupte Machenschaften der Reichen einsetzte und deshalb 2005 im Auftrag eines Großgrundbesitzers ermordet wurde. Macks Oper, 2011 in New York vom Encompass New Opera Theatre – auch dies eine Vereinigung, die sich dem Zeitgenössischen Musiktheater verschrieben hat – uraufgeführt, ist ein an Emotionen reiches Stück. Der tonale Stilmix aus klassischen Arien, Bibelsong und brasilianischer Folklore, Musical und Pop macht großen Effekt und man folgt dem Stück mit großer Anteilnahme. Caitlin Mathes gelingt eine Identifikation mit der Titelheldin, die sich vokal besonders schön in der intensiv gesungenen, zu Herzen gehenden Arie äußert. Auch ihr späterer Mörder Luiz erhält durch den Bariton Luis Rubio eindringliches  Profil. Überhaupt präsentiert sich sämtliche Solisten und das Neue Musik Instrumentalensemble IONISATION unter der kompetenten Leitung von Mara Waldman in bemerkenswerter  Homogenität. Angel of the Amazon ist eindringliches Musiktheater, das nicht kalt lässt  (Albany, TROY1323/24).

Raus aus der rauen Wirklichkeit in das Reich der Fantasie führt The golden ticket. Genauer in eine geheimnisvolle Schokoladenfabrik, die nur jene fünf Kinder betreten können, die eine in Süßigkeiten versteckten Eintrittskarten gefunden haben. Sie erhalten eine abenteuerliche Führung durch den Besitzer Willy Wonka, bei der vier aufgrund ihres schlechten Benehmens verschwinden. Der Junge Charlie bleibt übrig und erbt die Fabrik. Peter Ash komponierte die ambitionierte, groß angelegte Jugendoper nach Roald Dahls Kinderbuchklassiker „Charlie und die Schokoladenfabrik“ 2010 für eine Koproduktion der Oper in St. Louis und dem irischen Wexford Festival. Sie ist äußerst unterhaltsam und farbig. Die Musik jongliert effektvoll zwischen verschiedenen klassischen Stilen, Filmmusik und Musical und bietet den Sängern dazu anspruchsvolles vokales Futter. Wieder ist eine homogene Solistenriege zu erleben, die mit großer Vitalität bei der fröhlichen Sache ist. Erwähnt seien nur Gerald Thompson, Abigail Nims, Ashley Emerson und Andrew Drost, die den von Erwachsenen gesungenen vier ungezogenen Kinder persönlichkeitsstarkes Profil geben, während Charlie durch den zarten Knabensopran von Benjamin P. Wenzelberg passend unschuldig klingt. Die zentrale Rolle des Willy Wonka füllt Daniel Okulitch mit Charisma und charaktervollem Bassbariton aus. Den Bildern im Booklet nach zu urteilen scheute die Produktion 2012 in Atlanta, auf die der von Ash selbst dirigierte Mitschnitt zurückgeht, keinen szenischen Aufwand und dem häufigen Lachen zu folge, amüsierte sich das Publikum prächtig  (Albany, TROY 1381/82).

Bleibt als letztes die Oper Weakness von Barbara White. Von herkömmlichem Musiktheater kann man allerdings nicht sprechen, eher handelt es sich um ein suggestives Monodram. Erzählt wird die keltische Sage von der Göttin Macha, deren irdischer Ehemann sie zwang, vor dem König in schwangerem Zustand ihre Reitkünste zu beweisen – mit dem Ergebnis ihres Todes. Der Sopranistin Sarah Davis kommt die Aufgabe zu, stimmliche Möglichkeiten jenseits des klassischen Gesangs auszuloten. Sie changiert bravourös zwischen Deklamation, Vokalisen und elegischem Song zu einer meditativ-archaischen Instrumentalbegleitung, die mit Bambusflöte, zwei Klarinetten, elektrischer Gitarre und Schlagzeug ungewöhnlich besetzt ist –  was den eigentümlichen archaischen Reiz dieser Komposition ausmacht. Ergänzt wird sie durch die mit einem Klangteppich unterlegte gesprochene Legende der Macha in der dichterischen Auslegung des Autors Tom Cowen (Albany, TROY1441). Karin Coper