Sullivans Oper „The Beauty Stone“

Arthur Sullivan/c. Chandos/Walery/Lowell Collection

Arthur Sullivan/c. Chandos/Walery/Lowell Collection

 

Wenn die romantische Oper Ivanhoe (1891) von Arthur Sullivan (1842 – 1900) uns heute nur wie eine Fußnote zu seiner Zusammenarbeit mit W.S. Gilbert erscheint, dann löst sich The Beauty Stone („Der Schönheitsstein“, Uraufführung am 28. Mai 1898) sicherlich noch zögerlicher aus den Nebeln der Vergangenheit. Zwei Dinge standen lange Zeit dem Wunsch entgegen, diese Oper wiederzubeleben – oder sie auch nur ernst zu nehmen. Zum einen währte ihre einzige Spielzeit (am Londoner Savoy Theatre) lediglich fünfzig Aufführungen, und das Werk war somit Sullivans größter Misserfolg – und wie könnte sein Publikum sich damals geirrt haben? Zum anderen lässt sich dieses Werk von allen Savoy-Opern (einer Gattung, die immerhin weit genug definiert war, dass sie Trial by Jury und The Yeomen of the Guard, ganz zu schweigen von HMS Pinafore und Haddon Hall umfassen konnte) am wenigsten klassifizieren, ja eigentlich erscheint es kaum sinnvoll, das Stück überhaupt als Savoy-Oper zu bezeichnen. Die Tragik liegt darin begründet, dass – trotz aller Schwächen, die die Entstehung von The Beauty Stone so erschwerten – dies eine von Sullivans schönsten und gelungensten Schöpfungen und in ihrer Gesamtheit die künstlerisch ambitionierteste von allen am Savoy inszenierten Opern ist.

Karikatur/c. Downey/Lovell Collection/Chandos

Karikatur/c. Downey/Lovell Collection/Chandos

Sullivan war es gewohnt, mit nur einem Librettisten zusammenzuarbeiten; The Beauty Stone ist der einzige Fall, in dem ein Text von einem Autoren-Paar verfasst wurde. Auch gehörten diese beiden Männer nicht zum üblichen Typus des (komischen) Opernlibrettisten – beide zählten, wenn auch auf unterschiedlichen Gebieten, zu den herausragendsten Künstlern ihrer Zeit. Die treibende Kraft bei der Entstehung dieser Oper war Joseph William Comyns Carr (1849 – 1916), ein führender Protagonist des Londoner Kulturlebens, der viele der unterschiedlichen Facetten von Sullivans Karriere zu bündeln wusste. (…)  Seine publizistische Tätigkeit und seine Funktion als Direktor mehrerer Galerien bedingten einen vertrauten Umgang mit zahlreichen führenden Malern seiner Zeit, darunter nicht zuletzt Dante Gabriel Rossetti, Edward Burne-Jones, James McNeill Whistler und John Singer Sargent, der ein Porträt von Carrs Frau malte. Alice Comyns Carr war kaum weniger künstlerisch interessiert als ihr Mann; sie wirkte unter anderem als Kostümbildnerin und war weitgehend verantwortlich für eines der berühmtesten Bühnenkostüme aller Zeiten – das prächtige Käferflügelgewand, das Ellen Terry als Lady Macbeth trug und das selbst wiederum Sujet eines der berühmtesten Porträts von Sargent war. Übrigens war es Sullivan, der die Zwischenaktmusik für diese Macbeth-Inszenierung (1888) von Henry Irving komponierte; sie zählt zu seinen modernsten und dramatischsten Schöpfungen und man war einhellig der Meinung, dass sie wesentlich zum Erfolg der Produktion beitrug. (…)

Foto aus der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Foto aus der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Die Kombination der Namen Sullivan, Irving und Burne-Jones auf einem Theaterplakat war ziemlich außergewöhnlich und machte das Stück für seinen Schauspieler-Intendanten zu einem großen Erfolg. Irving stellte den Kontakt zwischen Carr und dem zweiten Librettisten von The Beauty Stone her, dem Dramatiker Arthur Wing Pinero (1855 – 1934). Pinero (auch er ein Abtrünniger der Rechtsgelehrtheit) war in den 1870er Jahren Schauspieler in Irvings Truppe gewesen, bevor er sich als erfolgreicher Dramatiker einen Namen machte: The Magistrate (1885), The Second Mrs Tanqueray (1893), The Notorious Mrs Ebbsmith (1895) u. a. (…)

Die drei "Väter" des "Beauty Stone"/Chandos/Lovell Collection

Die drei „Väter“ des „Beauty Stone“/Chandos/Lovell Collection

The Beauty Stone wurde also von drei Männern entwickelt – Sullivan, Carr und Pinero -, deren Wege sich schon häufig gekreuzt hatten und die für eine Zusammenarbeit die bestmögliche Kombination von Talenten einbringen würden. (…)  Sullivan stand an der Spitze der musikalischen Zunft in Großbritannien: Die 1890er Jahre waren ihm bis dahin nicht so wohlgesonnen gewesen wie die 1880er, doch auch wenn seine beiden letzten komischen Opern – The Chieftain (1894, Libretto von F.C. Burnand) und The Grand Duke (1896, Libretto von W.S. Gilbert) – relative Misserfolge gewesen waren, bedeutete der Triumph seines bezaubernden Ballett zum sechzigsten Thronjubiläum von Queen Victoria, Victoria and Merrie England (1897), dass er gegenwärtig geradezu im Erfolg badete. Hätte man sich eine vielversprechendere Zusammenarbeit vorstellen können? Richard D’Oyly Carte (1844-1901) muss darauf vertraut haben, dass sich nun der Erfolg einstellen würde, der dem Savoy Theatre seit The Gondoliers (1889) versagt geblieben war.

Zeitgenössische Karikatur/Chandos/Lovell Collection

Zeitgenössische Karikatur/Chandos/Lovell Collection

Doch es sollte anders kommen. Der Kern des Problems findet sich bereits in der Beschreibung von The Beauty Stone als einem „originellen romantischen Musikdrama“. Ebenso wie Carr, der für die Konzeption des Werks verantwortlich war und die lyrischen Texte schrieb, sah auch Pinero, den Carte anscheinend engagierte, um die Dialoge des Librettos zu verfassen, das Stück als Drama mit Musik; Sullivan hingegen sah es als Oper mit Dialogen. Das allein hätte nicht zu einem unüberwindbaren Problem werden müssen, allerdings gab es einen solchen Überfluss an gesprochenem im Gegensatz zu gesungenem Text, dass die Balance des gesamten Werks auf dem Spiel stand. (…) Es lässt sich allerdings nicht abstreiten, dass das Werk immer noch eine enorme Menge an Dialog enthält. Pinero scheint hier die pseudomittelalterliche Diktion von Carrs King Arthur nachgeahmt zu haben, und Max Beerbohm machte sich im Saturday Review einen Spaß daraus, seinen Prosastil zu parodieren. (…) Tatsächlich scheinen die Schwierigkeiten, die Sullivan mit der Textvorlage hatte, sich überwiegend konstruktiv ausgewirkt zu haben, da deren Komplexität ihn zu einigen seiner längsten Melodielinien und ungewöhnlichsten musikalischen Umsetzungen inspirierte.

Foto zur Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Foto zur Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Die Premiere von The Beauty Stone fand am 28. Mai 1898 statt und dauerte etwa vier Stunden; damit war dies wohl die bei weitem längste von allen Savoy-Opern. Sofort begann man mit dem Kürzen von Dialogen und Musik (…alle ausgesonderten Musikpassagen wurden für die vorliegende Einspielung wiederhergestellt). Die Kürzungen waren tiefgreifend, konnten das Werk jedoch nicht retten. Letztlich wurde der Oper ihr Libretto zum Verhängnis (fatal waren vor allem die Dialoge – es scheint  kaum vorstellbar, dass diese Texte und die modernen Dramen Pineros von ein und demselben Autor stammten). Gleichzeitig wusste das Publikum des Savoy – das Wiederaufnahmen von älteren Stücken von Gilbert und Sullivan sowie auch neue Werke im selben Stil mit loyaler Begeisterung begrüßte – genau, was es wollte, und The Beauty Stone traf einfach nicht seinen Geschmack. (…)  Die Cartes scheinen bis zur fünfzigsten Aufführung durchgehalten zu haben, dann gaben sie auf. Nachdem er so viel Mühe in dieses Stück investiert hatte – die Art von romantischer Historie, die er so liebte -, war Sullivan von den Ergebnissen verständlicherweise demoralisiert.

Arthur Passmore als The Devil in der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Arthur Passmore als The Devil in der Uraufführung/Chandos/Lovell Collection

Trotz allem, was an diesem Werk misslungen ist, wäre es doch unfair, nicht auch auf seine Stärken hinzuweisen. Sullivan hatte eine natürliche Begabung für Komödien, war aber immer darauf bedacht, sich ernsteren Materien zuzuwenden; in seiner Korrespondenz mit Pinero spricht er von dessen „schönem Drama“, und dies trifft in vielerlei Hinsicht auch genau zu. Der Text hat grundsätzliche Schwächen, aber es gab auch positive Aspekte, die dem Komponisten zugutekamen – zum einen die lebhafte und kontrastreiche Charakterisierung und zum anderen das Vorhandensein von ausgedehnten Szenen (Sullivan nannte sie „konzertierende Stücke“), die es ihm ermöglichten, die einzelnen Charaktere sowie die ganze Atmosphäre der Oper in langen ungebrochenen Abschnitten zu entwickeln. (…). Carrs berufliche Tätigkeit verweist noch auf einen anderen Aspekt des Stücks. Wenn es so etwas wie eine präraffaelitische Oper gibt, dann liegt sie uns mit diesem Werk vor: Ein historischer Schauplatz, höfische Romanze, eine dunkle Grundstimmung, der Einsatz von magischen Kräften, Liebe und Schönheit als Schlüsselthemen – all das ist in dieser Oper versammelt.  (…) Der Musikdirektor des Savoy, Francis Cellier (1849 – 1914), lag sicherlich richtig in seiner Vermutung, dass dieses für The Beauty Stone einfach das falsche Theater war und dass das Stück an einem anderen Spielort vielleicht bessere Chancen gehabt hätte; Cellier bedauerte, dass eine von Sullivans bezauberndsten Kompositionen nun begraben sein sollte, ihre Musik weitgehend ungehört, doch unvergesslich den vergleichsweise wenigen Privilegierten, die ihren wunderbaren Nummern gelauscht hatten.

Rory Mcdaonald ist der Dirigent der neuen Aufnahme/Foto Chandos

Rory Macdonald ist der Dirigent der neuen Aufnahme/Foto Chandos

Die nun bei Chandos vorliegende erste vollständige professionelle Einspielung korrigiert dieses Unrecht. Nicht lange vor seinem Tod hatte Sullivan mit Carr eine überarbeitete Fassung ihres King Arthur erwogen. The Beauty Stone gewährt uns einen wunderbaren Blick auf das, was Sullivan im Herbst seines Lebens, doch immer noch auf der Höhe seiner künstlerischen Fähigkeiten, aus seiner langerträumten Artus-Oper hätte machen können. © 2013 William Parry/ Übersetzung: Stephanie Wollny

 

Den vorliegenden Artikel und die IIlustrationen/Chandos/Lovell Collection entnahmen wir mit Dank und starken Kürzungen der Beilage zur neuen Aufnahme von The Beauty Stone von Arthur Sullivan, der jüngst bei Chandos in ihrer Opernserie in englischer Sprache erschienen ist. Auf der Website von Chandos gibt´s es eine ausführliche Inhaltsangabe –  unter Rory Macdonald am Pult des BBC National Chorus of Wales und des BBC National Orchestra of Wales singen Toby Spence, David Stout, Stepen Gadd, Richard Stone, Alan Opie, Elin Manahan Thomas, Madeleine Shaw, Rebecca Evans und andere, die Aufnahme stammt aus dem Januar 2013/2 CD Chandos 10794 – eine Rezension folgt in Kürze. Redaktion G. H.