Telemanns „Germanicus“

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Verglichen mit Italien, Frankreich und selbst England gibt es für die deutsche Oper bis Mitte des 18. Jahrhunderts musikhistorisch noch vieles aufzuarbeiten. Relativ wenig ist aufgeführt oder eingespielt von der berühmten Hamburger Gänsemarktoper, dem ersten bürgerlichen Opernhaus. Deutlich weniger noch vom zweiten bürgerlichen Opernhaus in Deutschland, der Leipziger Oper. Heinichen, Fasch, Pisendel, Stölzel und Telemann komponierten hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts; zwischen 1693 und 1720 lassen sich 74 aufgeführte Opern nachweisen. Alleine Georg Philipp Telemann will in seinen frühen Leipziger Jahren nach eigenen Angaben „etliche und zwanzig Opern“ komponiert haben. Das meiste davon muss heute freilich als verschollen gelten. Das gilt allgemein für die Leipziger Oper dieser Jahre, zumeist haben lediglich die Textbücher überlebt. So der verbreitete Forschungsstand.

Offenbar, so zeigt die nun als Produktion der Magdeburger Telemanntage 2010 bei cpo  erschienene Telemann-Oper Germanicus (1704), ist dieser Befund nur teilweise wahr. Denn: „bei der neuerlichen Auseinandersetzung mit der Überlieferungssituation der Leipziger Barockoper stellte sich jedoch Überraschendes heraus. So manche anscheinend unwiderruflich verklungene Musik ist eben doch noch vorhanden – wenn auch an entlegener Stelle und auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar“, wie der Leipziger Musikwissenschaftler und Editor Michael Maul im aufschlussreichen Beiheft schreibt. In Frankfurt entdeckte er 40 teils deutsche, teils italienische Arien, die er einer überarbeiteten Fassung von Telemanns Germanicus von 1710 zuweisen konnte. Diese Fassung folgte der damaligen Mode gemischtsprachlicher Opern und ersetzte 16 deutsche Arien durch italienischsprachige Neukompositionen. Die nun noch fehlenden Arien und  Instrumentalstücke wurden für eine Rekonstruktion der Oper durch andere bisher unbekannte Stücke von Heinichen, Hoffmann, Vogler and Telemann ergänzt. Das Ergebnis ist, bis hier her, absolut überzeugend. Nur bei den fehlenden Rezitativen hat man eine unglückliche Entscheidung getroffen: sie wurden weder rekonstruiert (im Sinne einer stilistischen Nachempfindung), noch von den Akteuren gesprochen, sondern  einem Erzähler anvertraut, der nun nach jeder Nummer durch die Handlung führt („Wir schreiben das Jahr 16 nach Christi Geburt. Römische Legionen haben sich erbitterte Gefechte mit den Germanen geliefert, zuletzt vor 6 Jahren ….“)  – und damit jeglichen dramatischen Fluss killt, zumal diese Erzähltexte staubtrocken sind und von Dieter Bellmann, allwissend und ablesend,  reichlich lähmend dargebracht werden. Das wirkt wie ein Rückfall in die Ästhetik früherer Zeiten von Hörspiel-Schallplatten und langweilt in der sachlichen Studioästhetik maßlos. Die zumeist kurzen Arien Telemanns stehen in diesem Kontext isoliert und bekommen keine Bindung zum Geschehen.

Die Handlung folgt im Wesentlichen Tacitus’ Annales, spielt vor dem Hintergrund des zweiten Germanien-Feldzugs Nero Claudius Germanicus’ und beinhaltet die üblichen Zutaten der Barockoper, wie die tugendhafte Ehefrau (Agrippina), einen tot geglaubten Erzfeind (Arminius), den Bösewicht (Florus), die Herrschertochter (Claudia) die den ihr zugedachten Mann (Lucius) nicht heiraten möchte, sondern einen anderen liebt (Arminius). Aus dieser Grundkonstellation ergeben sich  nun die üblichen, erwartbaren Verwicklungen, Täuschungen und Intrigen, inklusive Erdbeben und Geistererscheinung, die die Anlässe für die musikalischen Nummern abgeben. Die Handlungsstränge lösen sich nach gut 160 Minuten erwartungsgemäß, so dass abschließend Treue und Beständigkeit besungen werden können.

Gotthold Schwarz leitet dabei sein Sächsisches Barockorchester routiniert und begleitet zuverlässig. Natürlich ist das alles auf gutem Niveau musiziert und dennoch: das wirkt alles bedächtig, zu wenig variantenreich und setzt kaum eigene Akzente, auch einige schöne Soli,  vor allem der Holzbläser, können darüber nicht hinwegtäuschen. Der Klang kennt keine Ecken und Kanten; man höre exemplarisch Track 29 der ersten CD, wo illustrierend heiße, zusammenschlagende  Flammen und Feuerglut komponiert sind. Die Orchesterbegleitung jedoch verharrt dabei in reichlich harmlos klingenden Akkordfolgen und Gesten, ist auf Schönklang statt auf Illustration bedacht – und verpasst hier wie an vielen anderen Stellen die Chance zur tatsächlichen Lebendigkeit und zu einer Gestaltung, die in den Dialog mit dem Sänger eintritt.

Die Sänger sind ordentlich, alleine es fehlen Persönlichkeiten. Das gelingt am ehesten noch Henryk Böhm in der Titelrolle, andere wie Olivia Stahn (Claudia) oder der Countertenor Matthias Rexroth  (Lucius und Florus) lassen schon mal Intonationsschwächen oder technische Probleme in den Läufen hören. Vor allem von Elisabeth Scholls (Agripina) hier ungewohnt unsicher und scharf klingendem Sopran hat man schon deutlich besseres gehört (z.B. CD 2, Track 23). Albrecht Sacks (Segestes) Spieltenor klingt viel versprechend, jedoch mehr nach Pedrillo denn nach Barockoper (z.B. CD 3, Track 14). Tobias Berndts (Arminius) Bassbariton wartet mit schönem Material auf, sein Ausdrucksspektrum jedoch wirkt begrenzt. Das wichtigste jedoch: Allen Sängern fehlt es an dramatischer Gestaltungskraft, an Emphase, an Empfindung und überzeugender Gestaltung – und das trifft sich dann mit dem braven Orchester. Wirklich mitreißend oder begeisternd ist das alles nicht.

Ist Telemanns Oper tatsächlich so monoton, wie sie hier drei CDs lang erscheint? Oder ist es jene mitteldeutsche Barockästhetik, die man bis heute in Leipzig, Dresden, Halle und Magdeburg so oft antreffen kann und die scheinbar nur wenig vom Rest der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte mitbekommen hat? Eines ist jedenfalls sicher: So ausdrucksarm wie hier ist die barocke Klangsprache Telemanns nun wirklich nicht, das kann man in zahlreichen Aufnahmen anderer Interpreten überprüfen. Moritz Schön

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.