Archiv des Autors: Rüdiger Winter

Suche nach den geeigneten Tönen

Dieser Mitschnitt der Götterdämmerung bei einem Live-Konzert in der Berliner Philharmonie vom März 2013 sollte eigentlich der krönende Abschluss von Marek Janowskis konzertantem Wagner-Zyklus werden. Das Wort Krönung wäre hier allerdings völlig fehl am Platz. Was hier an sängerischer „Kompetenz“ geboten wird, wäre schon für die Aufführung ärgerlich genug, als praktisch für die Ewigkeit konservierte CD-Produktion (PentaTone Classics PTC5186409) ist es inakzeptabel. Der durchaus bedeutende Wagner-Dirigent Marek Janowski ist hier in die Falle der Unwiederholbarkeit dieses Konzerts gegangen, man kann nur erahnen, welche Pein dem Dirigenten die Freigabe dieser Aufnahme bereitet haben muss. Dabei standen ihm mit seinem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Berlin und dem Berliner Rundfunkchor gestandene Musiker zur Verfügung, aber so souverän Janowskis Dirigat auch ist, für den Ring, speziell die Götterdämmerung braucht es belastbare, ihren Rollen gewachsene Stimmen.

Davon kann man aber praktisch bei keinem der beteiligten Sänger sprechen. Allen voran muss man hier die völlig überforderte Petra Lang als Brünnhilde nennen, die sich hörbar durch ihre Rolle quält und als Weisheit letzter Schluss die Partie nach unten transponiert, was sie und uns Hörer nicht vor schrillen und gequetschten Spitzentönen bewahrt. Eine Rollengestaltung kann unter diesen Umständen nicht stattfinden, es ist ein hörbarer Kampf um das stimmliche Überleben. Unglücklicherweise steht ihr in Lance Ryan ein Siegfried zur Seite, der mit schlecht fokussiertem Tenor ständig auf der Suche nach den richtigen Tönen ist und dessen näselnde Diktion ihn viel eher als Mime empfehlen würde. Wahrhaftig kein “weihevolles Paar“, wie der Text es verspricht.

Aber damit noch nicht genug: Als Hagen erlebt man den viele Jahre lang weltweit gefeierten  Matti Salminen am Ende seiner Karriere, und leider auch seiner früheren Stimmgewalt. Hier sind nur noch Reste einer einstigen Weltstimme zu hören. Eine in solcher Weise negativ dominierte Besetzung färbt leider fast ausnahmslos auf die restlichen Sänger ab. Am ehesten vermag noch der satte Mezzo von Marina Prudenskaya als Waltraute zu überzeugen. Rheintöchter und Nornen sind ausnahmslos unterbesetzt und zeichnen sich höchstens durch unsaubere Diktion aus. Gut, dass der Edition der komplette Text beiliegt. Markus Brück als Gunther und Jochen Schmeckenbecher als Alberich bleiben eher farblos, Edith Haller als Gutrune beweist einmal mehr, wie undankbar diese Rolle ist, und unterstreicht dies auch noch mit einigen unschönen Tönen.

Als Fazit bleibt anzumerken, dass Wagner ohne geeignete Sänger unaufführbar ist, eine Erkenntnis, an der sich speziell im Wagner-Jahr viele Intendanten und Dirigenten vorbei mogeln wollten, mit zum Teil unsäglichen Ergebnissen. Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet der hoch geschätzte Marek Janowski mit dieser Einspielung eine der wohl schlechtesten Veröffentlichungen zum Wagner-Jahr vorgelegt hat. Wie singt Brünnhilde gegen Ende? „Der Götter Ende dämmert nun auf“. Quod erat demonstrandum!

Peter Sommeregger

Erfreuliche Wiederbegegnung

Diese 1976 in Dresden entstandene erste Studio-Aufnahme der ersten von drei Fidelio-Fassungen hat bereits eine Odyssee auf verschiedenen Labels hinter sich. War die Leonore ursprünglich eine Co-Produktion zwischen Electrola und VEB Deutsche Schallplatte, tauchte sie in den 90er-Jahren auf dem Berlin Classics Label wieder auf, jetzt in der Brilliant Opera Collection (94868). Um es vorweg zu nehmen, es ist in jedem Fall erfreulich, diese Einspielung wieder im Katalog zu wissen. Seinerzeit von der Kritik nicht sehr freundlich behandelt, hat man in Zeiten sich in Quantensprüngen verschlechternder Gesangskultur einen sehr viel positiveren Eindruck von der Aufnahme. Diese erste Version des Fidelio von 1805 kann man durchaus als eigenständiges Werk ansehen. Sicher, vieles findet sich fast unverändert in der Fassung letzter Hand, aber die Partie des Florestan beispielsweise weicht vollständig von der endgültigen ab. Und so ist insgesamt alles ein wenig anders – und zumeist schwieriger.

Was Beethoven hier seiner Titelheldin stimmlich abverlangt, lässt interessante Rückschlüsse auf die sagenumwobene Anna Milder-Hauptmann zu, welche die Rolle in allen drei Uraufführungen kreierte. Die nicht unumstrittene Edda Moser singt sich hier förmlich die Seele aus dem Leib, gerät auch deutlich hörbar an ihre Grenzen, kann letztlich aber doch durch dramatische Präsenz und Intensität überzeugen. Die dreiaktige Fassung verändert die dramaturgische und musikalische Dramaturgie des uns bekannten Fidelio erheblich, der Sänger des Pizarro bestreitet das Finale des zweiten Aktes nahezu allein, und hat  in Theo Adam einen hervorragenden Interpreten, in den 70er-Jahren und auch noch später war er der Pizarro vom Dienst. Das gleiche gilt für Helen Donath, die als warm timbrierte Marzelline überzeugen kann, besonders im Duett mit Leonore, einer der später (leider) gestrichenen Gesangsnummern.

Richard Cassily findet nicht nur zu heldischen, sondern auch wärmeren lyrischen Tönen, ein Sänger der immer ein wenig unter Wert gehandelt wurde. Karl Ridderbuschs Rocco war seinerzeit eine Standardbesetzung, er singt kernig und ohne die in dieser Rolle häufig zu erlebende Altherren-Gemütlichkeit. Hermann Christian Polster als Minister und Eberhard Büchner als Jaquino sind unauffällig rollendeckend. Herbert Blomstedt, inzwischen zum Doyen der Beethoven-Dirigenten gereift, hat mit der Staatskapelle Dresden und dem Rundfunkchor Leipzig einen hervorragenden Apparat zur Verfügung, den er zu Höchstleistungen zu motivieren versteht .Eine insgesamt erfreuliche Wiederbegegnung!

Peter Sommeregger

Wunder aus der Kiste

Der Name ist kreuzworträtselverdächtig. Sängerin mit sechs Buchstaben, davon zweimal Y und zweimal V. Das kann nur Jennifer Vyvyan sein. Stimmt genau. Kenner schätzen ihren hellen, gut sitzenden Sopran, dessen Höhe leicht belegt sein kann und dessen Stärke nicht die tieferen Lagen sind, ein Mangel, den sie mit viel Geschick und Einsicht in die eigenen Möglichkeiten verwaltet. Dafür sind die Mittellage und die Atemtechnik phänomenal. Nicht sehr voluminös ist diese Stimme, aber sehr belastbar. Und reell. Auf Aufhieb ist sie nicht gleich wiederzuerkennen. Wer sie zum ersten Mal hört, staunt allemal, wie gut diese Jennifer Vyvyan singen konnte. Sie war meist in musikalischen Randbezirken unterwegs, hat außer viel Händel kein zentrales Opernrepertoire gesungen, von einigen Mozart-Rollen – darunter Konstanze, Elvira und Elettra – einmal abgesehen. Ihre Domäne waren Barockopern, Oratorien, Konzertprogramme und Werke ihres Landsmannes Benjamin Britten. Die bekannteste Aufnahme mit ihr dürfte der monströse Messiah von Händel unter Beecham sein, der nie vom Markt verschwunden ist und damit auch ihren Namen im Katalog hielt. Im Internet wird Jennifer Vyvyan mit einer sehr ästhetisch anmutenden Seite gewürdigt, deren Besuch sich lohnt und von ihrem Sohn betrieben wird. Nun wird sie mit der Wiederauflage einer alten Platte von 1956 bedacht.

VYvYanDecca ist dazu tief ins Archiv hinab gestiegen und hat auch entlegenste Räume geöffnet.  Erstaunlich, was da alles zum Vorschein kommt und jetzt in einer neuen Reihe zusammengefasst wird: Most Wanted Recitals! Die ersten CDs sind im Handel. Wie heutzutage weit verbreitet, prangen auf den Vorderseiten Abbildungen der Plattenhüllen der Erstausgaben. Da kommt Nostalgie auf, wenn nicht gar Sehnsucht nach dem guten alten Vinyl-Zeitalter. So soll es sein, das ist Kalkül, verkaufsfördernd. Ich bekenne freimütig, davon fasziniert zu sein, obwohl ich in meinen eigenen Beständen kaum noch Platten habe. Nun kehren sie wenigstens als platzsparende Reminiszenz zurück. Ansonsten ist die Ausstattung schlicht: In den Booklets finden sich auch die Rückseiten der jeweiligen LPs abgebildet, was konsequent ist, zudem Tracklisten, Aufnahmedaten und unerklärliche drei unbedruckte Seiten, die bestenfalls für eigene Notizen verwendet werden können. Die CDs selbst sind in der Art der alten Plattenetiketten bedruckt. Behutsam wurde das Klangbild den gestiegenen Erwartungen der Gegenwart angepasst, die früheren Stereotitel sind als solche auch benannt, Mono ist Mono geblieben. Nichts klingt übersteuert. Da eine CD mehr Platz bietet als eine LP, wurde meist sehr sinnvoll aufgefüllt. Der Bonus ist aber immer als solcher kenntlich gemacht, so dass der Platteninhalt in seiner ursprünglichen Zusammenstellung erhalten bleibt. Es wird nichts vermengt. Dadurch ist auch Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung das Konzept nachvollziehbar. Aufnahmen sind dabei, die selbst gut sortierte Sammler lediglich dem Titel nach kennen.

So auch die Uralt-LP  „Mozart and Haydn Recital“ mit der Vyvyian und einem für sie typischem Programm (480 8185). Von Joseph Haydn ist die vierzehn Minuten lange Szene und Arie für Sopran und Orchester „Berenice, che fai“ zu hören, die erst durch Janet Baker in einer viel späteren Decca-Einspielung so richtig berühmt wurde. Sie erzählt von Antigonus Gonatus, einem König im antiken Mazedonien. Dieser möchte Berenice heiraten, die jedoch unglücklicherweise in seinen Sohn Demetrius verliebt ist. Haydns Komposition setzt in dem Moment ein, als Berenice davon überzeugt ist, dass sich ihr Geliebter Demetrius in seiner Pein das Leben nehmen möchte. Es folgen Laudamus und Quoniam aus der Cecilienmesse sowie von Mozart die Konzertarien „Ah, lo previdi“ KV 272 und „Ch´io mi scordi di te“ KV 505. Aufgefüllt wurde mit anderen Mozart-Titeln, darunter das „Alleluia“ aus Exsultate Jubilate, das Appetit auf die komplette Kantate macht, sowie Canzonetten von Johann Christian Bach.

DermotaMit Liedaufnahmen werden Anton Dermota (480 8151), Hans Hotter (480 8159), Hilde Gueden (480 8156) und Lisa Della Casa (480 8149) bedacht. Dermota singt, begleitet von seiner Frau Hilde, Die schöne Müllerin von Franz Schubert. Sie wurde 1953 im Großen Musikvereinssaal in Wien eingespielt und findet in der Diskographie des Sängers in dessen Autobiographie „Tausendundein Abend – Mein Sängerleben“ (ISBN 3423016892) im Gegensatz zur dreiundzwanzig Jahre später entstandenen Aufnahme keine Erwähnung. Kaum zu glauben, dass da eine Absicht im Spiele war. Dafür ist die Aufnahme viel zu gelungen, auch wenn der leicht näselnde Ton des Sängers auf bestimmten Vokalen einen seltsamen Kontrast bildet zur Leichtigkeit und Offenheit der jugendlichen Stimme. Für mich ist diese Müllerin in ihrer Ursprünglichkeit eine der besten. Muss es wirklich zu diesen Zyklus noch etwas obendrauf geben? Unbedingt! Nachdem ich nämlich den „Nussbaum“ und die „Lotosblüte“ von Schumann und vier Lieder von Wolf – darunter „Der Musikant“ und „Auf ein altes Bild“ – gehört hatte, möchte ich nicht mehr darauf verzichten. Diese Lieder, die drei Jahre früher eingespielt wurden, sind in meinen Ohren ohne jeden Makel. Ich würde sie noch der Müllerin vorziehen.

HotterEin schwieriger Fall ist Hans Hotter. Das letzte, was von diesem Heldenbariton im Jahr 1973 –  das stand er im 64. Lebensjahr – zu erwarten gewesen wäre, waren Lieder von Hugo Wolf. Als sei der filigrane Feinsinn bei diesem Komponisten nie entdeckt worden, dröhnt es aus den Lautsprechern. Mussten es ausgerechnet diese vier Nummern aus dem mit viel Ironie gespickten Italienischen Liederbuch sein, die diese schwere, hallige Stimme gar nicht verträgt. Damit hatte die Decca weder sich noch ihrem Exklusivkünstler einen Gefallen getan. Man muss diesen Sänger sehr verehren und sehr gut kennen, um dieser CD gute Seiten abzugewinnen, die es am Ende aber doch gibt. Die Drei Gedichte von Michelangelo würde ich von allzu harscher Kritik ausnehmen. „Alles endet, was entsteht“ ist in seiner tiefen Resignation bei Hotter am Ende doch ganz gut aufgehoben. Es ist, als ob er noch einmal alle seine gestalterischen Fähigkeiten zusammen nahm. Damit konnte er auch einigen Liedern von Schubert wie dem „Doppelgänger“ oder der „Gruppe aus dem Tartarus“, die die ursprüngliche zweite Plattenseite füllten, Wirkung abgewinnen. Am Flügel saß Geoffrey Parsons, der auch Elisabeth Schwarzkopf bei den Liederabenden in den letzten Jahren ihres Künstlerlebens begleitete.

GuedenHilde Gueden nahm 1956 Lieder von Richard Strauss auf, auch diese sind eine späte Premiere auf CD. Ihr Begleiter war Friedrich Gulda, Produzent John Culshaw. Die Güden garantiert selbst nach so langer Zeit hundertprozentigen Wiedererkennungswert. Wer diese Stimme einmal gehört hat, vergisst sie nie mehr. Sie setzt sich fest. Nicht immer zur Freude. Im Liedgesang tritt besonders stark hervor, was man eine Kinderstimme nennen könnte. Sobald ein Orchester hinzutritt, klingt die Stimme weicher, geschmeidiger und liebenswürdiger. Dreizehn Strauss-Lieder hintereinander können sehr lang und anstrengend sein. Deshalb habe ich mich dankbar auf den Bonus geworfen, der sich aber als unglücklich zusammengestellt erweist. Warum wurden aus dem Querschnitt des Rosenkavalier unter Silvio Varviso nur zwei Szenen entnommen, nämlich die Rosenüberreichung und das gesamte Finale – und nicht auch noch der Rest? Die Gueden ist dort die Sophie, Regine Crespin die Marschallin und Elisabeth Söderström der Octavian. Die Kapazität der CD hätte es hergegeben. Stattdessen wird das Duett mit Lisa Della Casa aus dem ersten Akt von Arabella unter Rudolf Morat – so wunderbar es auch ist – hinzugezogen, das es längst auf CD gibt?

Della CasaGute alte Bekannte versammeln sich auch auf der Lisa Della Casa gewidmeten CD. Das Material stammt von zwei Langspielplatten, wobei das Operatic Recital bereits bei seinem ersten Erscheinen mit Arien aus Gesamtaufnahmen aufgefüllt wurden. Exklusiv waren seinerzeit lediglich die fünf von Heinrich Hollreiser dirigierte Szenen aus Händels deutsch gesungenem Giulio Cesare, die es aber bereits auf CD gibt. Sei es drum. Sie – wenn auch etwas unterkühlt – sind betörend genug, dass es sie gar nicht oft genug geben kann. Ein Premieren-Siegel hat der Bonus aus fünfzehn der bekanntesten Lieder von Schubert, Brahms, Wolf und Strauss mit Klavierbegleitung (Karl Hudez), die nach ihrer Produktion im Jahre 1956 eine eigene Platte bildeten. Ob die Übernahme auf CD komplett erfolgte, ist nicht ersichtlich. Den Zeiten nach schon, denn LPs mit eine Spieldauer von sehr guten vierzig Minuten waren die Regel. Mir geht es mit der Casa wie mit der Gueden, ich habe sie lieber mit Orchester, das den Marmor in ihrer Stimme erwärmt. Mit Klavier wirkt sie mitunter auch etwas kokett, was man ihr nicht abkauft, weil viel zu kalkuliert. Aber dann plötzlich der Hugo Wolf, der für alles entschädigt, was ich bei Brahms oder Schubert vermisse: Wahrhaftigkeit. „Geh‘, Geliebter, geh‘ jetzt“, womit das Spanische Liederbuch endet. Eine nicht enden wollende Entsagungsszene voller Wehmut, Schmerz und Trauer. Solche Gefühlslagen sind ihre Stärke – im Lied wie in der Oper. Da ist sie ganz in ihrem Element. Auf die Fortsetzung dieser Decca-Reihe darf  man wirklich gespannt sein. – Das große Foto oben wurde uns freundlicherweise vom Betreiber der englischen Internetseite über Jennifer Vyvyan überlassen. Danke.

Rüdiger Winter

 

… und die Decca-Serie geht weiter!

 

Mit Schmiss und Charme

Der franco-belgische Komponist André-Ernest-Modeste Grétry zählte im Jahr 2013 zu den Jubilaren, es galt seinen 200. Todestag zu begehen. Hierzulande war davon wenig zu bemerken, er hat  im deutschen Sprachraum auch nie große Popularität erreicht. Das ambitionierte Label Musique en Wallonie ehrt Gretry mit einer klug aus teilweise schon älteren Aufnahmen zusammengestellten 5-CD-Box (MEW 1371). Die in zarten Pastelltönen gehaltene Schachtel erfreut durchaus das Auge, ist somit ein Versprechen, das auch voll und ganz eingelöst wird.

Von Grétrys zahlreichen Opern werden drei in umfangreichen Querschnitten vorgestellt. Seine Caravane du Caire ist eine der zu seiner Zeit so beliebten Türkenopern, ähnlich Mozarts Entführung, auch fast zeitgleich entstanden. Sicher, Grétry ist kein Mozart, aber diese Musik hat Schmiss und Charme, nimmt immer wieder überraschende Wendungen und man bedauert fast, das Werk hier nicht komplett hören zu können. L’amant jaloux ist von seiner Struktur sehr viel intimer, fast ein Kammerspiel von beachtlichen musikalischen Qualitäten, äußerst anspruchsvollen Gesangspartien und erinnert ein wenig an Mozarts Così fan tutte. Und Le jugement de Midas wartet trotz des komödiantischen Stoffes mit erstaunlich heroischer, getragener Musik auf. Es spricht für die Klugheit der Edition, hier drei in ihrer Art doch recht unterschiedliche Werke vorzustellen.

Unter den Sängern begegnet man vielen alten Bekannten: Mady Mesplé ,Jules Bastin, Danielle Perriers,  Phillippe  Huttenlocher, Bernadette Degelin, um nur die prominentesten zu nennen. Marc Minkowski, Edgard Doneux und Ronald Zollman sind die Dirigenten. Eine komplette CD ist Transkriptionen und Bearbeitungen von Grétrys Musik durch andere Komponisten vorbehalten. Erstaunt stellt man fest, dass selbst Mozart Variationen über ein Chorstück von Grétry schrieb, sicherlich ein Ritterschlag für den Zeitgenossen! Abgerundet wird die Edition durch Grétrys sechs Streichquartette op.III, interpretiert vom Quatuor Haydn. Es sind Stücke von größter Anmut und Duftigkeit, gleichsam das krönende Soufflé dieses höchst empfehlenswerten musikalischen Menüs.

Peter Sommeregger

Goldgräberstimmung

Für die Verehrer von Elisabeth Schwarzkopf dürfte das eine gute Nachricht mit Tendenz zur Sensation sein: Knapp acht Jahre nach dem Tod der Sängerin erfährt ihre umfangreiche Diskographie eine bemerkenswerte Erweiterung – nämlich mit Antonio Vivaldis Gloria in C-Dur RV (Ryom-Verzeichnis) 589 und den Quattro Pezzi Sacri von Giuseppe Verdi. Es handelt sich um Mitschnitte in guter Klangqualität. Beide Stücke wurden am 22. Juni 1960 – einem besonderen Jahr in der langen Karriere der Schwarzkopf – in Amsterdam im Rahmen des Holland-Festivals aufgeführt. Carlo Maria Giulini leitete das Concertgebouw Orkest. Es sang der Groot Koor NRU. Im Gloria trat als zweite Solisten die mit Oratorien erfahrene Ursula Boese – im knappen Booklet als Boeze verhackstückt – hinzu.

Giulini in AmsterdamAufmerksame Leser der Biographie von Alan Jefferson hatten in der sehr umfänglichen Dokumentation der Schwarzkopf-Auftritte – das Amsterdamer Gastspiel längst ausgemacht. Leider werden in dem Buch nicht immer die Details dazu genannt. Vivaldi-, Verdi-Konzert heißt es knapp. Mit der beim Label Tahra herausgegebenen CD (765) ist nun das Programm in seinen Einzelheiten bekannt geworden. Ein typisches Festival-Programm. Anspruchsvoll und erlesen zugleich und typisch für Giulini, der stets einen Sinn für Exklusivität besaß. Sein Vivaldi ist groß gefasst, festlich, die historische Aufführungspraxis war noch nicht entdeckt. Der helle, sonnige Vivaldi und der dunkel-strenge Verdi bilden einen seltsamen Kontrast in der musikalischen Huldigung desselben Gottes.

Bei Vivaldi fällt der solistische Einsatz vergleichsweise üppig aus. In vier von zwölf Abschnitten des Werkes, das zu den populärsten Schöpfungen des Komponisten gehört, kommen die Sängerinnen zum Zuge, im „Laudamus te“ mit einem fast opernhaften anmutendem Duett, im „Domine Deus“, dem Höhepunkt des Werkes, der Sopran allein. Dieses Solo hat seine Tücken, es ist nur scheinbar schlicht. Für eine Sängerin wie die Schwarzkopf war es damals noch kein Problem, die mit gehauchten Trillern gespickte musikalische Struktur unter Einsatz technischer Mittel in Leichtigkeit zu verwandeln. Dennoch wurden da auch schon Grenzen deutlich, die Stimme kehrte sich mehr und mehr ins Dunkle. Die Neigung zur Kalkulation nahm hörbar zu.

Alan Jefferson: Elisabeth Schwarzkopf. Die Biographie. Langen/Müller, München 1996, ISBN 3-7844-2586-0

Alan Jefferson: Elisabeth Schwarzkopf. Die Biographie. Langen/Müller, München 1996, ISBN 3-7844-2586-0

Im Gegensatz dazu hat der Sopran im Verdischen Opus nur am Ende des letzten geistigen Stückes, dem „Te Deum“, einen kurzen Einwurf, mal gerade dreißig Sekunden lang, der übrigens gern exklusiv besetzt wird. In Giulinis Studioeinspielung bei der EMI übernahm Janet Baker den Part. „Nie werde ich zuschanden in Ewigkeit“, heißt die Zeile in deutscher Übersetzung. Wenn das so ins Überirdische gehoben wird wie von der Schwarzkopf, dann bleibt es nicht nur der letzte, sondern auch der bleibendste Eindruck der ganzen Aufführung. Insofern kommt die Frage erst gar nicht erst auf, ob sich denn diese Sängerin – seinerzeit ein unumstrittener Weltstar und als solcher auf dem Höhepunkt stehend – für die kleinen Aufgaben des Konzerts nicht zu schade gewesen sein muss. Gewiss nicht. Einmal mehr zeigt sie sich hier als Künstlerin, die der Musik diente und für die kein Werk zu gering war. 1960, ein besonderes Jahr im künstlerischen Leben der Sängerin. Fürwahr, die Fakten belegen das.

Es begann mit Marschallin in Wien und endete dort mit der Marschallin. Zweimal folgte sie dem Ruf zu ausgedehnten Reisen durch die USA mit den Stationen New York, Washington, Detroit, San Francisco, Chicago, Dallas, ein Abstecher zu einem Liederabend führte nach Puerto Rico in die Karibik. Dazwischen wieder Wien – und zwar mehrfach – sowie Strasbourg, Granada, London und schließlich Salzburg. Dort wurde wenige Wochen nach den bewussten Amsterdamer Konzert das neue Festspielhaus eingeweiht mit dem Rosenkavalier von Richard Strauss. Bei der Premiere am 26. Juli hatte aber die große Konkurrentin Lisa Della Casa den Vortritt, wenngleich die Verfilmung der Produktion unter Herbert von Karajan bis jetzt immer noch den Eindruck erweckt, als sei Schwarzkopf die erste Marschallin auf der spektakulären Breitwandbühne gewesen. Sie stieg erst am 6. August als Zweitbesetzung ein.

Rosenkavalier DVDDavor absolvierte sie in der letzten Neuinszenierung im Landestheater als Fiordiligi und als Donna Elvira im Alten Festspielhaus Salzburger Festivalalltag vom Allerfeinsten, wie er in diesen Jahren Normalität war, und gab obendrein noch einen Schubert-Liederabend mit Gerald Moore im Mozarteum. Mit den beiden Mozartpartien, als dritte kam  die Contessa im Figaro hinzu, der Marschallin sowie der Capriccio-Gräfin hatte die Schwarzkopf 1960 ihr spätes Kernrepertoire auf dem Gebiet der Oper gefunden, das sie fortan immer mehr zu perfektionieren versuchte, sich gleichzeitig aber auch von der Frische und Ursprünglichkeit des Anfangs entfernte. Nur 1967 gab es eine der für sie typischen Überraschungen. Bei zwei konzertanten Aufführungen von Glucks Orfeo ed Euridice in der New Yorker Carnegie Hall übernahm sie die Partie der Eurydice an der Seite von Dietrich Fischer-Dieskau und Lucia Popp als Amor. Der Mitschnitt – offenkundig mit privatem Mikrophon – erschien beim Label Golden Melodram und ist sogar noch zu haben.

Die Salzburger Festspiele blieben noch bis 1964 ein fester Posten im prall gefüllten Terminkalander der Schwarzkopf. Im Abschiedssommer standen passenderweise auch die Vier letzten Lieder von Richard Strauss auf dem Programm, die mit der Zeit zu einer Art Markenzeichen der Sängerin geworden waren. 1962 wurden sie ebenfalls gegeben. Der Mitschnitt des damals viel beachteten Konzerts der Berliner Philharmoniker unter István Kertés liegt nun bei Orfeo in guter Tonqualität (C 881132 B) vor, die vergessen lässt, dass es sich um Mono handelt. Die Lieder sind zwischen der 8. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und dem Konzert für Orchester von Bela Bartók platziert. Auch wegen dieser beiden Werke unter Leitung eines hochbegabten Dirigenten, der 1973 bei einem Badeunfall ums Leben kam, lohnt sich die Anschaffung des CD-Albums, in dem auch Fotos, ein sehr informativer Text von Gottfried Kraus sowie eine zeitgenössische Kritik zu finden sind. Verglichen mit der Studioeinspielung unter George Szell, zu der es erst 1965 kam, ist der Eindruck gemischt. Die einzelnen Lieder zerfallen in viele eindrucksvolle, gar betörende Details, ein rechter gestalterischer Zusammenhang, sonst eine der Stärken dieser Künstlerin, will sich nicht einstellen. Lag es daran, dass ihr gleich am Beginn ein Lapsus unterläuft? „In dämmernden Grüften…“, singt sie. Richtig muss es heißen „In dämmrigen Grüften…“

Als Dowload bei Amazon und als CD nur in den USA zu haben: Music & Arts>, auf dem Foto ganz rechts Elisabeth Schwarzkopf

Als Download bei Amazon und als CD nur in den USA zu haben: Music & Arts, auf dem Foto ganz rechts Elisabeth Schwarzkopf

Auf Wien muss noch einmal zurückgekommen werden. Am 29. Mai verabschiedete sich dort der der 83jährige Bruno Walter am Pult der Philharmoniker mit einem Mahler-Programm von seinem Wiener Publikum. Mit dabei Elisabeth Schwarzkopf, die das Solo in der 4. Sinfonie sowie die Lieder „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Ich atmet‘ einen Lindenduft“ und „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ sang. Auch davon hat sich ein akustischer Mitschnitt erhalten, der aber derzeit nur in den USA greifbar ist. Ein bewegendes Konzert. Lieblos herausgelöst waren das Solo und die Lieder vor etlichen Jahren auf einer CD des Labels Verona herausgekommen. Ihr eigener Abschied vom Konzertpodium sollte erst neunzehn Jahre später mit einem von Geoffrey Parsons begleiteten Liederabend in Zürich erfolgen.

Schwarzkopf beitragsbild neu

(Das große Foto unten ist ein Screenshot aus dem Salzburger Rosenkavalier-Film in der prachtvollen Inszenierung von Rudolf Hartmann, der inzwischen auch als Blu-Ray-DVD auf den Markt gekommen ist – siehe Cover oben. Neben der Schwarzkopf wirken Sena Jurinac als Octavian, Anneliese Rothenberger als Sophie und Otto Edelmann als Ochs mit. Diese filmische Version gilt als eines der bedeutendsten Schwarzkopf-Dokumente (Kultur B0043988GW.)

Rüdiger Winter

 

Barock trifft auf die Moderne

Nicht nur der Frühling lässt sein blaues Band durch die Lüfte flattern, auch das markante blaue Naxos-Label hat einen ganzen Strauß neuer Aufnahmen aus allen nur erdenklichen musikalischen Bereichen und Epochen herausgebracht. Man muss die Kreativität und die editorische Sorgfalt jener Menschen bewundern, die hinter diesem inzwischen schon traditionsreichen Label stehen. Vielen jungen Künstlern wird hier ein Forum geboten, vergessene alte ebenso wie hörenswerte neue Kompositionen werden in einer schier unglaublichen Vielfalt produziert. Und man kann immer wieder wunderbare Entdeckungen machen.

ScheidemannAuf der CD Sarasate, Music for Violin 4 (8.572276) finden sich  Fantasien über Mozarts Don Giovanni und Webers Freischütz, die – von der jungen Geigerin Tianwa Yang mit schönem lyrischen Ton vorgetragen – auf Anhieb bezaubern und die Ohrwürmer aus den beiden Opern in ungewohnter Form präsentieren. Der Gitarristin Kyuhee Park ist eine Solo-CD (8.573225) gewidmet, auf der die Gewinnerin der „Alhambra International Guitar Competition“ mit Sonaten von Scarlatti, Diabelli, u.a. brilliert. Weit zurück in die Musikgeschichte führt die Naxos-CD 8.573119. Die Organistin Julia Brown spielt Werke von Heinrich Scheidemann (1595-1663). Mit der Fantasie über „Vom Himmel hoch“ begegnet man auch hier alten Bekannten. Aber auch lebende Komponisten kommen bei Naxos durchaus zum Zuge: Peteris Vasks (Jahrgang 1946) ist eine CD ausschließlich mit Werken für Flöte gewidmet (8.572634)  Chorwerke der beiden Briten Jeremy Filsell und David Briggs finden sich auf einer weiteren Neuerscheinung (8.573111).

Martinu lieder 2Der Böhme Bohuslav Martinu hat neben Orchesterwerken auch zahlreiche Lieder geschrieben. Auf der CD Songs 2 (8.572) interpretiert die Mezzo-Sopranistin Jana Wallingerova leider nicht ohne ein Quentchen Schärfe in der Stimme diese reizvollen Miniaturen im Volkston. Das australische Kungsbacka Piano Trio stellt Kammermusik von Gabriel Fauré vor (8.573042), der Pianist Idil Biret  nimmt sich auf zwei CDs (8.57301-02) des gesamten Klavierwerks von Paul Hindemith an, selten gehörte Stücke, die durch die Originalität der musikalischen Einfälle beeindrucken. Die vierte Symphonie von Sergey Prokofiev  spielte das Sao Paulo Symphony Orchestra unter der Dirigentin  Marin Alsop in der revidierten Fassung von 1947 ein, die CD (8.573186) enthält außerdem die Ballett-Musik zu L’enfant prodigue von 1928. Reizvoll ist die Kombination des 1. Violinkonzerts von Dimitry Shostakovich mit Gesungene Zeit von Wolfgang Rihm. Der Geiger Jaap van Zweden interpretiert beide Werke mit bewundernswerter Virtuosität und Kompetenz (8.573271).

rozsa streichquartett 1 und 2Gleich zwei CDs würdigen den ungarisch-stämmigen amerikanischen Komponisten Miklós Rózsa, der vor allem durch seine Film-Musiken größere Popularität erlangt hat. Wer erinnert sich nicht an seine, die Spannung noch steigernde Musik zum Wagenrennen in „Ben Hur“? Das BBC Philharmonic Orchestra unter Rumon Gamba hat auf der prall gefüllten Film-Music-CD – die bei Chandos herausgegeben wurde (CHAN 10806) – noch zusätzlich die Suiten „Dieb von Bagdad“, „Dschungel-Buch“ und „Sahara“ eingespielt. Sie wecken schöne Erinnerungen an diese alten, heute schon als Kult gehandelten Filme. Mit einem ganz anderen Rozsa – und damit zurück zu Naxos – macht die Einspielung seiner Streichquartette und des Streichtrios bekannt. Roszsa, der ursprünglich in Leipzig Musik studiert hatte, übrigens gleichzeitig mit Wolfgang Fortner, kann zur gemäßigten Moderne gezählt werden. Seine Kammermusik enthält Anklänge an die ungarische Folklore, hat aber einen durchaus eigenständigen Charakter. Dem jungen britischen Tippett-Quartett gelingt auf der eine überzeugende Interpretation (8.572903).

Peter Sommeregger

Rusalka singt Lieder

In meiner Jugend hatte ich keinen Zugang zu Elfride Trötschel. Zu leise, zu viel Gestaltung, zu viel Kunst. Die expressiven Stimmen lagen mir mehr, Sänger, die zubeißen, die die Töne herausschleudern, damit um sich werfen. Alles das ist die Trötschel nicht. Sie will, dass man genau hinhört, dass man sich einlässt. Sie kann auf ihre Weise streng und fordernd sein. Und dennoch nicht humorlos, wie ihre Ausflüge ins leichte Fach belegen. Walter Felsenstein, der Gründer der Komischen Oper Berlin, spricht in seinem bewegenden Nachruf sinngemäß gar davon, dass man in ihr die kommende Operettendiva sah. Ein Kompliment der Sonderklasse, denn dieser instinktsichere Theatermann dachte in der Musik immer grenzüberschreitend. Damit erfasste er auch das besondere Talent dieser Sängerin, die ihren Einstand an seinem Haus mit der Eurydike in Offenbachs Orpheus in der Unterwelt gegeben hatte. Er muss eine genaue Vorstellung von ihren ungeahnten Möglichkeiten gehabt haben. Die Trötschel als Erfinderin der Leichtigkeit? Sie kann also immer noch überraschen – mehr als fünfzig Jahre nach ihrem frühen Tod. Wen die Götter lieben, der stirbt jung, heiß es beim griechischen Dichter Menander. Nein, dieser Spruch bietet keine Erklärung. Ihr Leben blieb unvollendet. Was hätte sie noch alles singen können? Immerhin stand die erst am Beginn einer Weltkarriere. Es hat nicht sollen sein. Wir müssen uns an das halten was ist. Und das ist immerhin sehr viel.

Elfride Trötschel/OBA

Elfride Trötschel/OBA

Ihr Erbe ist reich und es macht reich. Die Plattenaufnahmen waren immer präsent, das meiste ist inzwischen auf CD übernommen worden. Neuzugänge tauchen gelegentlich auf. In privaten Sammlungen kursieren weitere Dokumente, darunter die Berliner Meistersinger unter Karl Böhm. Diese Sängerin hatte immer ihre Gemeinde, die sich mit den Jahren auch verjüngt hat. Jetzt ist noch etwas hinzugekommen, was Elfride Trötschel von einer bisher fast unbemerkt geblieben Seite zeigt – nämlich als Liedsängerin. Mit Vol. 6 der Semperoper Edition aus Dresden widmet sich das Label Profil Edition Günter Hänssler ausschließlich diesem Thema (PH 13050 – 2 CD). Sage und schreibe 38 Titel sind zusammengekommen, Schumanns „Mondnacht“ gar zweifach. Der Spiritus Rektor dieses einzigartigen Unternehmens ist Steffen Lieberwirth. Wie bereits bei ähnlichen historischen Ausgaben im Rahmen der Edition – viele davon mit der Trötschel – hat der MDR-Chefproduzent wieder einen Kreis kompetenter Mitstreiter um sich geschart. So wird das ehrgeizige Dresdner Projekt mit immer neuen Facetten vorangebracht. Mit im Boot sind neben dem MDR auch die Semperoper selbst sowie Deutschlandradio Kultur und das Deutsche Rundfunkarchiv. Es ist ermutigend, dass sich Archive öffnen, wo tatsächliche Schätze zu heben sind. Die müssen ans Licht.

Trötschel letzter Liederabend Dresden

1956 beim letzten Liederabend in Dresden

Die enorme Vielseitigkeit der Trötschel auf der Opernbühne und auf dem Konzertpodium findet sich auch bei der Auswahl der Lieder. Reger, Strauss, Mahler, Hindemith, Schubert, Schumann, Brahms, Wolf.  Das sind die Namen der Komponisten dieser Edition, in Wirklichkeit dürften es mehr gewesen sein. Unterschiedlicher kann sich die Quellenlage nicht darstellen, was für den Spürsinn der Macher spricht. Es wurden Rundfunkaufnahmen des RIAS von 1949 mit der berühmten, Authentizität stiftenden Erkennungsmelodie aufgetan. Eine der beiden „Mondnacht“-Einspielungen entstand gar schon 1944 mir Michael Raucheisen am Klavier. Sie fehlt in seiner berühmten Liedersammlung, die in Schallplattenkassetten vorliegt und technisch teilweise sehr unzureichend auf CD übertragen wurde. Privatmitschnitte von Hermann Lauer bilden eine große eigene Abteilung. Strauss-Lieder mit Hubert Giesen entstanden bei einer Probe in der Privatwohnung. Offenbar hat sie der Sohn der Sängerin Andreas Trötschel großzügig zur Verfügung gestellt. Nicht nur das, er steuert im Booklet auch persönliche Erinnerungen an seine Mutter bei. Krönender Abschluss und platzgreifend auf der zweiten CD ist der Mitschnitt des letzten Liederabends 1956 im Dresdner Kurhaus Bühlau, bei dem sich das Publikum neben weiteren Liedern auch Arien erklatscht. Insgesamt sind es acht Zugaben, die Elfride Trötschel selbst ansagt. So wird auch ihre Sprechstimme überliefert, die mit der Gesangstimme völlig übereinstimmt. Unter den Zugaben ist das „Lied an den Mond“ aus Rusalka, mit dem man die Trötschel am häufigsten  verbindet. Kaum sind die ersten Töne angespielt, braust im Saal Wiedererkennungsbeifall auf. Das ist es, was die Leute hören wollen. Hans Löwlein am Klavier muss noch einmal von vorn anfangen. Auch ich habe sie als Rusalka zum ersten Mal bewusst wahrgenommen auf einer alten LP, die bei Eterna in der DDR erschienen war.

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Rolle ihres Lebens: Elfride Trötschel 1948 als Rusalka in Dresden

In dieser Arie, die zumindest in Teilen auch ein Kunstlied sein könnte, tut sich eine direkte Verbindung zu ihrem Interpretationsstil der klassischen Lieder auf. Immer bildet die Melodie, die sie bis ins letzte Detail aufspürt, das Fundament für den Ausdruck. Nie ist es umgekehrt. Der Musik gehört das Primat, der musikalischen Linie ist alles untergeordnet. Das geht natürlich nur, wenn einer Sängerin dafür die entsprechenden Mittel zur Verfügung stehen. Bei der Trötschel macht sich Technik nie selbstständig. Ihre Stimme ist wunderbar gebildet. Sie hat gute Lehrer gehabt, darunter den Bariton Paul Schöffler und die Altistin Helene Jung. Es scheint, als mache ihr Singen nicht die geringste Mühe. Der Ton ist leicht, natürlich, die Noten vollkommen verblendet. Da passt nichts dazwischen, nicht einmal die Luft zum Atmen. Sie gebietet über ein Farbenspektrum wie die französischen Impressionisten in der Malerei. Farben, die sich nicht beschreiben lassen, die man in ihrem Falle nur hören kann. Damit gewinnt sie vor allem Strauss („Ophelia-Lieder“) und Mahler („Des Knaben Wunderhorn“) ins Flirrende gehende Wirkungen ab. „Keine Sopranistin gestaltet den Wunderhorn-Text so innig, schlicht und mädchenhaft wie die Trötschel“, sagte der Dirigent Otto Klemperer, der mit ihr 1954 die 4. Sinfonie von Mahler aufgenommen hat.

Steffen Lieberwirth

Spiritus Rektor der Edition: MDR-Chefproduzent Steffen Lieberwirth

Auffallend stark hat sich die Trötschel der neuen Musik zugewandt, ein Markenzeichen, das sie mit den wenigsten prominenten Kolleginnen ihrer Zeit teilt. Sie hat – belegt durch Plattenaufnahmen – Honneger, Orff, Henze gesungen, in der Edition finden sich Ausschnitte aus den „Marien-Liedern“ von Hindemith. Schade, dass es nicht den kompletten Zyklus gibt. Sie wendet sich Hindemith mit der gleichen Hingabe, Schönheit und Wahrhaftigkeit zu wie Schubert oder Mahler. Sie interpretiert neue Musik aus der Tradition heraus und nicht als Bruch mit der Tradition. Die Neutöner werden dadurch vielleicht nicht revolutionärer – dafür aber gnädiger. Leider sagt das in Wort und Bild sehr aussagekräftige Booklet nichts über die kurzen Gesprächseinwürfe im Anschluss an die Hindemith-Lieder. Verglichen mit den Ansagen im Liederabend dürfte die Sängerin dabei selbst zu Wort kommen mit einem Aufruf der Bewunderung und des Staunens über ihre soeben voll brachte Leistung. Das rührt sehr an. Und auch der anwesende Herr – ist es der Pianist und Dirigent Richard Kraus? – bemüht das Wort „wunderbar“ nicht nur einmal. Dem ist absolut nichts hinzuzufügen.

Wer das Haar in der Suppe sucht, wird keines finden. Nun gut, es ließe sich diskutieren, welche Lieder ihr besser gelingen als andere. So fand ich zunächst den Einstieg in das Programm mit Regers „Flieder“ etwas zu mächtig, musste diesen Eindruck aber verwerfen, noch bevor sie zum verhauchten Schluss des Liedes gekommen ist. Bei Reger sind derlei dramatische Kontraste nicht selten. Nicht nur das Timbre, sondern die künstlerische Gesamterscheinung von Elfride Trötschel mögen im Einzelnen etwas altmodisch wirken. Aber nur, weil diese genaue Art des Singens aus der Mode gekommen ist. Der Edition ist eine weite Verbreitung zu wünschen. Ich bin sehr dankbar dafür, weil ich eine neue bedeutende Liedsängerin entdeckt habe, die es locker aufnehmen kann mit dem ganz Großen dieses Fachs. Auch wenn sie schon so lange nicht mehr unter uns ist.

Andreas Troetschel

Andreas Trötschel, der Sohn der Sängerin im Hörfunkstudio

Ein Leben für die Oper. Andreas Trötschel erinnert sich an seine Mutter: Elfride Trötschel – in Dresden geboren, in Dresden berühmt geworden, um Dresden getrauert und in Dresden die letzte Ruhestätte gefunden. Und mitten in diesem Leben ist Krieg, versinkt die Oper in Schutt und Asche und es sind nur die wenigen Nachkriegsjahre, die ihr zur Entfaltung ihrer künstlerischen Meisterschaft bleiben sollten. Der künstlerische Werdegang von Elfride Trötschel ist ohne ihre Heimat- und Geburtsstadt Dresden nicht zu denken. Karl Böhm entdeckt ihre Begabung und holt sie aus dem Opernchor. Beim ersten Vorsingen nimmt sie all ihren Mut zusammen und schleudert in vollem Fortissimo dem Maestro die Arie der Pamina „Ach, ich fühl´s, es ist verschwunden“ entgegen. Böhm ist nicht entsetzt, sondern – Gott sei Dank – amüsiert und verlangt eine Wiederholung, diesmal aber ganz im Piano. Im zweiten Anlauf gibt sie dieser Arie nun die notwendige dramatische Intensität, und das ist der Beginn ihrer solistischen Laufbahn als lyrischer Sopran. Im Anschluss an das Vorsingen läuft sie wie auf Wolken durch den Zwinger und schickt ein Dankesgebet zum Himmel.

Sie spürte: Ihre Stimme war ein Geschenk Gottes, das es zu ehren und vor allem zu hüten und weiterzuentwickeln galt. Auf die kleinen Rollen folgen bald größere Aufgaben. Unter Böhms Nachfolger Karl Elmendorff singt sie mit außergewöhnlichem Erfolg das Ännchen im Freischütz – und erwirbt sich so beim Dresdner Opernpublikum den Namen „Die kleine Trötschel“. Sie heiratet den Opernmäzen und Fabrikbesitzer Friedrich Hildsberg, der sie bei einem seiner hobbymäßigen Dirigate der Staatskapelle kennengelernt hatte. So hätte es gut weitergehen können, wenn nicht Krieg gewesen und Dresden samt Semperoper zerstört worden wäre. Dieses Inferno hat auch Auswirkungen auf die Seelen der Musiker – bei meiner Mutter führt das zu einer Veränderung ihres stimmlichen Timbres: Das Jungmädchenhafte ist einer bewegenden lyrischen Intensität gewichen – wie es deutlich in schwereren dramatischen Partien wie der Rusalka zu hören ist. Wenn man die Zeit nach der Zerstörung Dresdens im Hinblick auf das Musikleben in der Stadt Dresden würdigen will, so ist das eine kurze Zeitspanne der künstlerischen Freiheit, nicht mehr durch die Hitlerdiktatur missbraucht und noch nicht durch die „Diktatur der Arbeiterklasse“ eingeschränkt.

Trötschel in ihrer Wohnung

Am Flügel in ihrer Berliner Wohnung

Tonhalle, das Große Haus und das Kurhaus Bühlau sind die unvergesslichen Spielstätten in denen unter dem Triumvirat Josef Keilberth (als Dirigent), Heinz Arnold (als Regisseur) und Karl von Appen (als Bühnenbildner) beeindruckende Opernaufführungen stattfinden. Ihre besondere Neigung zu slawischen Opern und die Gestaltung der „Großen Liebenden“ wie der Jenufa, der Katja Kabanowa von Janácek oder der Tatjana in Tschaikowskys Eugen Onegin verschaffen ihr ein besonderes Image. Zu dem Dirigenten Josef Keilberth entwickelt sich eine besondere künstlerische Verbundenheit, die in der gerade eben veröffentlichten Biographie von Thomas Keilberth in zahlreichen Ausrufungszeichen hinter ihrem Namen ihren Ausdruck findet. Aber nicht nur Keilberth ist dieser Stimme, dieser Persönlichkeit in Verehrung zugetan, sondern auch ein Regisseur der neuen Generation: Walter Felsenstein, der sie an die von ihm gegründete Komische Oper nach Berlin lockt – an jenes Haus, das der DDR künstlerische Emanzipation erringen sollte. Ihre frappante schauspielerische Ausdruckskraft hat sie diesem großen Regisseur zu verdanken. Die Berliner Zeitung berichtet: „Seit Jahren ist Elfride Trötschel Liebling der Dresdener und da die Fachpresse ihre Stimme als eine der schönsten rühmt, ist es verständlich, dass die Künstlerin von der dortigen Staatsoper bestens behütet wird – aber wozu heißt ein tüchtiger Intendant Felsenstein, wenn er nicht imstande wäre, auch eine felsenfeste Bindung ein wenig zu lockern? Für die Rolle der Eurydike in Offenbachs Orpheus in der Unterwelt gelang es ihm, die Trötschel nach Berlin zu holen.“

Chinesische Flöte

Zeitgenössisches: Ein weiteren Titel mit Elfride Trötschel im Katalog von Hänssler

Da ab den frühen 50er Jahren in der DDR zunehmend die Politik den Spielplan bestimmt und der Name großer Musiker und Dirigenten auf „schwarze Listen“ gesetzt werden, wechselt Elfride Trötschel 1953 endgültig an die Städtische Oper nach West-Berlin, nachdem sie schon zuvor im Westen aufgetreten war und auch erfolgreiche Schallplattenaufnahmen eingespielt hatte. In den ihr noch verbleibenden Lebensjahren findet ihr Ruf als Lyrische Sopranistin in ganz Europa Anerkennung: Edinborough, Glyndebourne-Festival, Hamburg, München, Bordeaux, Wien, Rom und Salzburg locken mit interessanten Aufgaben und nichts scheint ihr zu viel zu werden. In einem Brief berichtet sie, dass sie an der Wiener Staatsoper drei große Partien in nur vier Tagen gesungen habe: die Michaela in Bizets Carmen, die Pamina in Mozarts Zauberflöte und das Evchen in Wagner Die Meistersinger von Nürnberg! Und immer, wenn es der Terminkalender zulässt, kommen Konzerte dazu: „Das Unaufhörliche“ von Paul Hindemith, „Von Deutscher Seele“ von Hans Pfitzner, König David von Arthur Honegger, „Der Wein“ von Alban Berg, „Die Chinesische Flöte“ von Ernst Toch, „Carmina burana“ und „Trionfo di Aphrodite“ sowie „Catulli carmina“ von Carl Orff – unter dem Komponisten selbst oder unter Ference Fricsay, dessen Sohn Andrasch sich heute als Regisseur einen Namen gemacht hat.

Trötschel Butterfly

Butterfly 1947 auf der Behelfsbühne in Dresden

Die jugendliche Elastizität ihres lyrischen Stimmmaterials hat sie sich durch eine stetige und intensive Beschäftigung mit dem klassischen und modernen Liedgut zu erhalten gewusst und die mühelose tonale Ansprache auch bei zartestem Pianissmo vermag die emotionale Botschaft dieser musikalischen Kleinodien vollendet zu offenbaren. Diese Lieder sind es auch, die ich als Kind bei uns zu Hause so oft gehört habe, dass ich sie zur Überraschung meiner Mutter auf einmal mitgesungen habe. Von diesen intimen Hauskonzerten liegen auch Aufnahmen vor, die ein Freund unserer Familie mit einem damals hochmodernen Heimtonbandgerät gemacht hat. Neben der klassischen Oper erschloss sich meine Mutter in den 50er Jahren auch viele Werke zeitgenössischer Opernkomponisten. Ihr Rollenspektrum wurde dabei unter anderem durch folgende Partien bereichert: Die Sophie im Rosenkavalier und Zdenka in Arabella von Richard Strauss, Margiana im Barbier von Bagdad von Peter Cornelius, Harriet in der Die Flut von Boris Blacher, Ninabella in Werner Egk´s Zaubergeige, Manon Lescaut im Boulevard solitude von Hans Werner Henze, Frau Bürstner und Fräulein Leni sowie Gerichtsdienerfrau in Der Prozess von Gottfried von Einem nach Franz Kafka, die Solveigh in Peer Gynt von Werner Egk. Besonders erwähnenswert ist Die Heilige von der Bleekerstreet von Gian Carlo Menotti, in der ein armes Mädchen in fieberhaften Trancezuständen die Stigmata empfängt, jene Wunden, die auch Jesus am Kreuz empfangen hat. Die Arbeit an dieser Rolle erfüllte sie mit mehr als nur Interesse. Sie beschäftigte sich intensiv mit der Mystik der Stigmata und suchte Therese von Konnersreuth auf, die stigmatisierte Landfrau. Und mit dieser Kenntnis und innerstem Ergriffensein gestaltete sie diese Rolle. Das Publikum wurde in diese mystische Verklärung mit einbezogen, war tief betroffen, und das hat dieser heute längst wieder vom Spielplan verschwundenen Oper eine ungeheure Wirkung verschafft. Das Werk verschwand mit ihrem Tod. Es konnte so nicht wieder besetzt werden.

Was ist geblieben von dieser Dresdner Kammersängerin, was ist ihr künstlerisches Vermächtnis? * Sie hat mit dem wunderbaren Ensemble der Dresdener Staatsoper in schwerster Zeit den Menschen Tröstungen und Linderung durch ihren Gesang geschenkt. * Sie hat die Dresdener Opernkultur wesentlich durch ihre sanft- lyrische Stimmrichtung mitgestaltet. * Sie hat den Slawischen und zeitgenössischen Operngestalten Wärme und Wahrhaftigkeit verliehen. * Sie hat sich immer zu ihrer Heimat Dresden bekannt und auch dort ihre letzte Ruhestätte gefunden. * Eine Straße in Dresden ist nach Elfride Trötschel benannt.

Im Mai 1958 steht sie zum letzten Mal auf dem Podium: Unter Joseph Keilberth singt sie in Wien das Sopransolo von den „himmlischen Freuden“ in Gustav Mahlers Vierter Sinfonie. Einen Monat später ist sie tot – plötzlich herausgerissen aus einer Karriere, die ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte. Der Regisseur Walter Felsenstein schrieb in seinem Nachruf: Die von Elfride Trötschel gesungenen Partien ergeben den besten Beweis für die ganz ungewöhnliche Vielfalt dieser großen Begabung, die über ihren Fleiß, über ihr großes technisches Können hinaus Beziehungen zu Bezirken hatte, die nur ganz großen Künstlern zugänglich sind. (Der Beitrag von Andreas Trötschel und die Fotos stammen aus dem Booklet und wurden uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.)

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Elfride Trötschel mit ihrem Sohn Andreas im Alter von vierzehn Monaten – ein Foto von 1946

Dumpfer Brahms unter der Kirchenkuppel

Brahms’ Deutsches Requiem zählt weltweit zu den beliebtesten und erfolgreichsten Werken seiner Gattung. Jeder Chor, der auf sich  hält, versucht sich an der Interpretation dieses hoch emotionalen Stückes. So verwundert es nicht, dass der weltberühmte Dresdner Kreuzchor dieses Requiem traditionell jedes Jahr zum Ende des Kirchenjahres einmal aufführt. Manchmal wählt man für die Aufführung auch den 13. Februar, den Jahrestag der Zerstörung Dresdens 1945. So ist dieses Werk für die Kreuzianer vertrautes Terrain, jede Generation der Choristen wächst automatisch in diese Tradition hinein. Berlin Classics veröffentlicht nun den Mitschnitt einer Aufführung vom November 2013 in der Kreuzkirche (0300569 BC). Der Kreuzchor wird verstärkt durch das Ensemble Vocal Concert Dresden,. Die Solisten Sibylla Rubens und Daniel Ochda, die Dresdner Philharmonie unter Roderich Kreile, dem Kreuzkantor, sind die Ausführenden.

Als Zuhörer einer Aufführung in der Kreuzkirche mag man die besondere Atmosphäre dieses historischen Ortes schätzen, als Aufnahmeort für ein polyphones Chorwerk erscheint sie mir aber eher ungeeignet. Der äußerst differenziert singende Chor kann nicht verhindern, dass in der Wiedergabe ein schwammiges, dumpfes Klangbild vorherrscht. Selbst die Stimmen der Solisten klingen etwas verschattet. Sibylla Rubens trägt ihr Solo mit äußerster Innigkeit vor, ein wenig störend das zwar kontrollierte, aber für meinen Geschmack etwas zu starke Vibrato. Ähnliches gilt für den Bariton Daniel Ochda, dem es ein wenig an der großen Linie und Emphase für diese gewaltige Musik fehlt. Insgesamt aber hinterlässt die Einspielung unter Kreile den Eindruck hoher Kompetenz und engagierten Musizierens.

Peter Sommeregger

Anneliese Rothenberger lächelt fort

Die neue Namensgebung ist etwas verwirrend. Erst Electrola Connection, jetzt Cologne Collection. Nach der Übernahme der EMI durch Warner Classics nimmt sich der neue Hausherr Zeit, für die Vermarktung der alten Produkte des Tochterunternehmens Electrola das passende neue Spartenetikett zu finden. Nun also Cologne Collection! Damit ist zumindest ein lokaler Bezug aufgetan, weil das 1925 in Berlin gegründete legendäre Label Electrola seinen Firmensitz 1952 nach Köln verlegte. Fortan wurden am Maarweg 149 Aufnahmen geplant und konzipiert. Ein neues Aufnahmestudio mit allen technischen Erfordernissen der Zeit stand von 1956 an zur Verfügung – vornehmlich für die Schlagerbranche. Die großen Titel wurden in der Regel dort produziert, wo die Klangkörper beheimatet sind.

Ob nun unter diesem oder jenem Markenzeichen, die Aufnahmen bleiben immer die gleichen. Wiedererkennungswert ist auch dadurch garantiert, dass die ursprünglichen LP-Cover im Geschmack der Zeit in leichter Schräglage auf den neuen Ausgaben erscheinen. Da lächelt sie uns wieder entgegen, die Anneliese Rothenberger. Sie gab der Electrola über Jahre ein Gesicht und wurde sogar für die Einspielung der Schauspielmusik Rosamunde von Franz Schubert mit Chor und Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Robert Heger bemüht, obwohl es für sie nur die kurze Romanze „Der Vollmond strahlt“ zu singen gibt (5054196055424). Diese klingt anrührend und stellt die Verknüpfung her zu sieben Liedern des Komponisten, die den Bonus bilden, damit die CD voll wird. „Die Forelle“, „Gretchen am Spinnrad“, „Nähe des Geliebten“, „Der Hirt auf dem Felsen“ etc. Neuigkeiten sind nicht darunter, alle Titel wurden bereits in anderen Kompilationen verbreitet. Der Wert dieser CD besteht vor allem darin, dass die Musik zu dem unspielbaren Stück der Euryanthe-Librettistin Helmina von Chézy erstmals komplett auf Platte kam und sich als eigenständiges Werk behaupten konnte. Rosamunde ist also mehr als die oft gespielte Ouvertüre, die nicht einmal das Original darstellt, sondern dem Singspiel Die Zauberharfe entlehnt ist. Bei der Uraufführung 1823 in Wien war die Ouvertüre der Oper Alfonso und Estrella, die noch in der Schublade lag, vorangestellt. In seiner kompletten Einspielung der Schubert-Ouvertüren hat das Label Naxos dankenswerter Weise diese Tatsache auch editorisch deutlich gemacht.

MessiasAnfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wetteiferten Dirigenten und Labels um Einspielungen der Bearbeitung des Messias von Händel durch Mozart. EMI wollte da nicht fehlen und steuerte eine besonders schlanke Fassung mit der Rheinischen Kantorei / Das kleine Konzert, geleitet von Hermann Max bei, die nun aus dem Archiv geholt wurde (5054196055523). Solisten sind Monika Frimmer, Mechthild Georg, Christoph Prégardien und Stephan Schreckenberger. Die Aufnahme klingt merkwürdig uneinheitlich, mal federnd, in Teilen wie hingehaucht und schließlich auch wieder robust auftrumpfend. So entsteht der Eindruck, als würde der originale Händel nach den Regeln der historischen Aufführungspraxis gespielt und nicht als Bearbeitung von Mozart, der das Werk dem Geschmack seiner Zeit anpassen wollte. Mit Helmuth Rilling (Hänssler Classic), Charles Mackerras (Archiv Produktion), Michel Corboz (Erato) und dieser Wiederveröffentlichung sind nunmehr mindestens vier verschiedene Produktionen der Mozart-Fassung auf dem Markt.

VerkündigungAls Mitschnitt einer Aufführung in der Kölner Philharmonie vom 4. März 1992 wurde Verkündigung, ein Mysterium von Walter Braunfels in vier Aufzügen und einem Vorspiel in den Katalog aufgenommen (5054196055325). Es entstand zwischen 1934 und 1937, nachdem Braunfeld als Halbjude von den Nationalsozialisten seines Amtes als Direktor der Musikhochschule in Köln beraubt worden war. Die Textvorlage ist das stark gekürzte Schauspiel „L’Annonce faite à Marie“ von Paul Claudel – eine symbolträchtige Geschichte um Aussatz, Ausgestoßen sein, Einsamkeit, Schuld und Sühne. Der Tod gilt als Erlösung. Eine Geschichte also, mit der Braunfels, der geächtet in Deutschlang blieb, seiner inneren Emigration Ausdruck verlieh. Musikalisch ist das Werk konservativ gehalten, erinnert an Palestrina. Braunfels, bekennt sich wie zum Trotz als deutscher Spätromantiker zur Tradition. Dennis Russell Davis arbeitet das mit Chor und Sinfonieorchester Köln sehr eindrucksvoll heraus. Violaine, die weibliche Hauptrolle, wird von der Sopranistin Andrea Trauboth, die nicht eben gesegnet ist mit offiziellen Aufnahmen, anrührend gestaltet. John Bröcheler ist in der Geschichte ihr Verlobter, Claudia Rüggeberg die Mutter, Siegmund Nimsgern der Vater Andreas Gradherz.

BoccaccioIn Franz von Suppés Operette Boccaccio bekommt Anneliese Rothenberger einen weiteren Auftritt, diesmal als hübsche Fiametta, die sich als hoch geborene Tochter eines Herzogs herausstellt, in ihrer Liebe aber an Boccaccio, der zunächst als armer Student durch die ereignisreiche Handlung saust, festhält. Boccaccio, der Verfasser frivoler Geschichten wird zu guter Letzt gar an die Universität von Florenz berufen. Ende gut, alles gut. Handlung und Musik haben Schmiss und hohen Unterhaltungswert. Willy Boskovsky, der umtriebige Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, der seine Berühmtheit durch die von ihm dirigierten  Neujahrskonzerte errang, macht am Pult des Symphonie-Orchesters des Bayerischen Rundfunks – hier Bayerisches Symphonie-Orchester genannt – viel her. Seine Aufnahmen sind stets handfest und robust, verbreiten gute Laune. Er hat leichtes Spiel, weil die Produktion bis in der kleinen Rollen hochkarätig besetzt ist, was so nicht häufig vorkommt. Die Rothenberger singt betörend schön, bleibt aber das junge Mädchen schuldig. Hier zählt nur noch der Name, nicht die Glaubwürdigkeit. Das gilt so auch für Hermann Prey in der Rolle des Boccaccio, der viel zu jovial ist und sich ganz auf seine Professionalität verlässt. Wer ist noch unterwegs? Edda Moser als Beatrice, Adolf Dallapozza als Lotteringhi, Kari Lövas als Isabella, Gisela Litz als Peronella. Mit Kurt Böhme (Scalza) und Walter Berry (Leonetto) sind zwei weitere Schwergewichte aufgeboten. Friedrich Lenz kann mit seinem berühmten Couplet „Um des Fürsten Zorn zu meiden“ punkten (5054196055226).

FriederikeEs braucht viel Enthusiasmus für Franz Lehár und das Genre Operette als solches, um bei Friederike durchzuhalten. Hintergrund ist die Affäre des jungen Goethe mit der siebzehn Jahre alten Pfarrerstochter Friederike Brion aus dem Elsass. Goethe hat in diversen Äußerungen den Speck für die seichte Handlung selbst ausgelegt. Mit Biographik hat das aber nichts zu tun. Goethe wird zur Unterhaltungsfigur für das klassische Operettenpublikum, das den Faust häufig im Schrank, aber selten gelesen hatte, zurecht geschnitzt. So etwas hat Tradition und gibt es bis heute im Fernsehen und im Kino. Anschließend wiegt sich das Publikum in der irrigen Annahme, „seinen Goethe“ zu kennen. Aus Goethe kann getrost auch Schiller werden, Mozart oder Thomas Mann, dessen späte Jahre, verfilmt mit Armin Mueller-Stahl, in Wahrheit kaum etwas anderes sind als Friederike. Eine Melange aus Fakten zur Projektion. Weg zum Original, hin zum Abbild. Musikalisch ist auch diese Operette, die der Komponist als Singspiel verstanden wissen wollte, wie immer gut gearbeitet. Und es gibt mit „O Mädchen, mein Mädchen“ zumindest einen der berühmten Tenor-Hits. Schließlich spielte bei der Uraufführung 1928 Richard Tauber den jungen Goethe. Adolf Dallapozza kann zwar nicht mit dessen berühmten Schmelz aufwarten, sein schön geführter Tenor ist dafür glaubhafter, so man sich denn auf die Geschichte einlässt. Helen Donath macht als Friedericke auf kleines Mädchen. Je stärker sie diese Vorstellung forciert, umso reifer klingt sie. Ihre vierzig Jahre zur Zeit der Aufnahme sind nicht zu überhören, spätestens in den Dialogen nicht. Damit ist nichts gegen diese bedeutende Künstlerin gesagt, die hier nur fehlbesetzt ist. Wir hören Marschallin, nicht die Pfarrerstochter. Dennoch hat diese Aufnahme mit dem von Heinz Wallberg geleiteten Münchner Rundfunkorchester dokumentarischen Wert (5054196055127). Sie galt 1981 als komplette Ersteinspielung und brachte den beiden Solisten großes Lob ein. Der hält eben nicht immer vor.

Rüdiger Winter

Aus der Zeit gefallen

In der kaum mehr zu überblickenden Reihe der 10-CD-Boxen, die inzwischen fast schon Kult-Status genießen, sind nun auch ein Arturo-Toscanini– und ein Glenn-Gould-Album erschienen. Der konsumentenfreundliche Preis dieser Boxen ist natürlich wesentlicher Teil ihres Erfolgs. In manchen Fällen würde man  lieber etwas mehr bezahlen, dafür aber technisch besser aufbereitete Einspielungen hören. Im Fall der Toscanini-Box (Documents 231057) bewegt sich das Klangbild mancher Aufnahmen hart am Rande der Kakophonie. Beethovens 8. Symphonie beispielsweise klingt wie das Kratzen einer zerdrückten Konservenbüchse auf Steinboden. Erstaunlicherweise klingen manche der noch älteren Aufnahmen klarer, präsenter und besser. Der absolute Knüller der Box ist Gershwins Rhapsody in Blue, mit Benny Goodman am Saxophon und Earl Wild am Klavier. Im Zeitalter des Spezialistentums ist man über die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der von Toscanini interpretierten Werke erstaunt. Sein NBC-Orchester folgt ihm auch willig durch nahezu die gesamte Musikgeschichte. Beginnend mit der süßlichen Respighi-Bearbeitung der Bachschen Passacaglia und Fuge, über Mozart, Beethoven, Schumann, Brahms, Richard Strauss – hier versteht einer sein Handwerk! Dass manche seiner Interpretationen ein bisschen aus der Zeit gefallen sind, wen wundert’s? Die ältesten hier vorhandenen Aufnahmen sind über siebzig Jahre alt, also auch von ihrer Interpretation her historisch.

GouldDie in gleicher Aufmachung erschienene Glenn-Gould-Box (Documents 232851) macht vom Klangbild her mehr Freude. Die Auswahl der Aufnahmen, wenn auch vom Kriterium der Rechtefreiheit diktiert, ist klug getroffen. Vier CDs sind ausschließlich Bach gewidmet, wobei die legendäre Aufnahme der Goldberg-Variationen natürlich nicht fehlen darf. Ganze fünf CDs gehören Beethoven, besonders interessant hier der Vergleich zwischen jeweils zwei Einspielungen der ersten drei Klavierkonzerte. Die letzte CD ist komplett der Zweiten Wiener Schule gewidmet, die Bergsche Klaviersonate und verschiedene Stücke für Klavier von Schönberg und Webern runden das Porträt dieses früh vollendeten Ausnahmepianisten ab. Beschämend, dass die Box außer Geburts- und Sterbejahr keinerlei biographische Daten über Gould enthält. Auch ein Foto des Künstlers sucht man vergebens. Der günstige Preis der Boxen kommt natürlich auch durch die konsequente Vermeidung geschützten Materials zustande.

Peter Sommeregger

 

 

Ein Grieche aus Perm krempelt Mozart um

Wahre Wunderdinge waren im Vorfeld dieser Veröffentlichung bei Sony (LC 06868.88883709262) zu vernehmen. Ein junger griechischer Dirigent, Chef des Opernhauses von Perm, im tiefsten Russland nahe dem Ural gelegen, wolle alle da-Ponte-Opern Mozarts mit seinem Ensemble Musicaeterna einspielen. Die erste Aufnahme, Le Nozze di Figaro, liegt nun vor, und tatsächlich, von einigen Wundern ist zu berichten. Vom ersten Takt an versteht es Teodor Currentzis (1972 in Athen geboren), mit fast allem zu brechen, was sich an interpretatorischer Routine bei dieser meistgespielten aller Opern eingeschlichen und verfestigt hat. Es gelingt ihm sogar, den Hörer mit den – zumeist als notwendigem Übel erduldeten – Rezitativen zu versöhnen: er ersetzt das zumeist doch eher anämisch klingende Cembalo durch ein Hammerklavier (ausgezeichnet: Maxim Emelyanychev). Und plötzlich ist da ein runder, wärmerer Klang, der dem Ohr schmeichelt. In der Wahl seiner Tempi ist er ebenso unkonventionell: die Aufnahme enthält die schnellsten, aber auch langsamsten Passagen, die ich jemals bei einem Figaro gehört habe.

Currentzis folgt da seiner ganz eigenen Dramaturgie, und das Ergebnis gibt ihm Recht. Mit seinem Musicaeterna-Ensemble stehen ihm aber auch ausgezeichnete Instrumentalisten zur Verfügung. Wie das schmeichelt, wie das schnurrt! Die nächste Überraschung: Er kehrt zu einer fast vergessenen, lange als verpönt geltenden Praxis der Appoggiaturen und reicher Verzierungen bei den Arien zurück. Jede einzelne „Nummer“ klingt anders als gewohnt, frischer, spannender. Das so genannte Briefduett beispielsweise ist kaum wieder zu erkennen, und das im positiven Sinn. Es sind diese erfrischenden, innovativen Ansätze, die diese Aufnahme spannend und sympathisch machen. Aber, auch das ferne Perm ist keine Insel der Seligen, Mozart will und muss gesungen werden! Currentzis verordnet seinen Sängern einen auffallend vibrato-armen Gesangsstil. Das hat leider zur Folge, dass vieles recht steif und kurz klingt, wo es doch die Freiräume der Auszierungen zu nutzen gälte.

Um das Kind beim Namen zu nennen: Das Sängerensemble ist insgesamt schwach, eine so ausgetüftelte, präzise Interpretation verlangt auch nach adäquaten Stimmen. Am ehesten vermag mich noch die Contessa der zwischenzeitlich als schriller Kasper der Barockszene verschrieenen Simone Kermes zu überzeugen, die hier auf alle Mätzchen verzichtet und so etwas wie einen Charakter zu formen versteht. Im Weg steht ihr dabei eine gewisse Steifheit der Stimme, die aber vielleicht vom Dirigenten so gewollt war. Die Schwachstelle der Aufnahme ist eindeutig der Figaro des Christian Van Horn. Da ist einfach zu wenig Substanz, zu wenig Gestaltungswille, immerhin handelt es sich um die Titelfigur. Der Graf des Andrej Bondarenko gefällt da schon etwas besser, aber auch er ist für diesen Macho von Almaviva ein wenig zu brav und unerotisch. Wenig profilieren können sich auch Mary-Ellen Nesi als Cherubin, der es an Wärme im Ausdruck, und Fanie Antonelou als Susanna, der es an Farbe und Volumen fehlt. Die vielleicht zentrale Stelle, der magische Moment von Susannas „Giunse alfin il momento“ verschenken Sopran wie Dirigent gleichermaßen. Schade! Die Comprimari sind durchaus anständig besetzt, klingen den Hauptpersonen aber fatalerweise zum Verwechseln ähnlich.

Ein Wort zum Booklet: Die etwas vollmundig als De-Luxe-Edition bezeichnete Aufnahme kommt zwar tatsächlich in Form eines dicken Buches daher, enthält aber außer einem interessanten Interview mit dem Dirigenten und dem viersprachigen Libretto nichts. Keine Fotos der Sänger, keine Biographien, kein Foto des schönen klassizistischen Theaters von Perm, in dem die Einspielung entstand. Das ist für eine Vollpreis-Aufnahme bei einem großen Label schon etwas kümmerlich. Diese Einschränkungen schmälern natürlich den Gesamteindruck, machen aber doch sehr neugierig auf die bereits eingespielte Così fan tutte und den geplanten Don Giovanni. Vom Dirigat her eine deutliche Bereicherung der Figaro-Diskographie!

Peter Sommeregger

 

 

 

Aus Defiziten wird Ausdruck

Die Aufmachung ist verstörend. Es hat den Anschein, als würde Julius Patzak als Gottvater aus seinem Himmel auf die Erde herabblicken. Erst wenn das Booklet entfaltet wird und die Rückseite betrachtend hinzu kommt, tritt in einem Ausschnitt das Gemälde „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich hervor, in das das Konterfei des Sängers hineinmontiert wurde. Es drängt sich einem nicht auf, von diesem berühmten Bild auf Franz Schuberts Die schöne Müllerin und Winterreise zu schließen. Offenbar soll für die Einsamkeit in beiden Liederzyklen ein bildhafter Ausdruck gefunden werden. Etwas anderes fällt mir nicht ein. Doch diese Lieder sind für mich das glatte Gegenteil der romantischen Monumentalität des Gemäldes. Sie sind intim und in sich gekehrt.

Das ist auch der Ansatz von Patzak, seine schmale Stimme lässt gar keine andere Wahl. Seine Müllerin war über Jahre die Reverenz. Ich hatte die Platte schon als junger Mensch in meiner bescheidenen Sammlung, weil alle sie hatten, fand zunächst aber gar keinen Zugang. Ich hielt die Interpretation für eigenbrötlerisch und altmodisch. Und zu sperrig. Meine Offenbarung in frühen Jahren war der junge Fritz Wunderlich. Er schien mit seiner Stimme die ganze Welt umarmen zu wollen. Seine gute Laune gewann selbst diesen traurigen Liedern eine ganz neue Seite ab. In der Jugend, wo Fröhlichkeit und Traurigkeit oft eng beieinander sind, kommt das gut an. Patzak ist intellektueller und damit anstrengender, er fordert beim Zuhörer mehr Geduld und Ausdauer ein. Nicht, dass er die Lieder seziert. Mitunter ist er aber nahe dran. Er lotet jeden Buchstaben aus, singt betont auf die Vokale hin, um dadurch die Konsonanten zum Klingen zu bringen. Es schwingt, wenn er ein N singt oder ein M oder ein G. Das muss nicht jedermanns Sache sein, große Kunst im Vortrag ist es allemal. Auch nach so langer Zeit, denn die berühmte Aufnahme mit Michael Raucheisen am Klavier entstand immerhin 1943 beim Reichsrundfunk in Berlin.

Im Laufe der Jahre waren davon etliche LP-Ausgaben im Umlauf, auch das DDR-Label Eterna hatte diese Müllerin im Katalog. Leider ist die Überspielung auf CD im Rahmen der großen Raucheisen-Edition bei Membran total verunglückt. Patzak ist dort nicht wiederzuerkennen, er klingt dumpf, viel zu dunkel und schleppend. Deshalb ist die Neuauflage bei Preiser Records willkommen, weil sie so wunderbar transparent ist (PR93487). Preiser hat sich für eine Kopplung mit der Winterreise entschieden, die 1964, also gut zwanzig Jahre später, in Wien entstand. Um diese Zeit hatte Patzak seine aktive Karriere bereits beendet. Der Verschleiß im Vergleich mit der früheren Produktion ist nicht zu überhören, wenngleich das Timbre so unverwechselbar ist wie eh.

Mich beeindruckt die Ehrlichkeit des Sängers. Er versucht gar nicht erst zu tricksen, er bekennt sich zu seinen Defiziten und setzt sie offensiv als Ausdrucksmittel ein. Geblieben ist die Hinwendung zum Detail, der genaue, sinnstiftende Umgang mit der Sprache. Wenn man – um nur ein Beispiel zu nennen – nicht wüsste, was ein Totenacker ist, Patzak kann das aus der Mode gekommene Wort allein durch Ausdruck erklären. Begleitet wird er von Jörg Demus, der den Jahren nach der Sohn hätte sein könnte. Sein Spiel ist sensibel, immer an den beschränkten Möglichkeiten des vortragenden Sängers orientiert.  Für mich ist die Zusammenstellung dieses CD-Doppelalbums allein wegen des Zeitraums, den die Aufnahmen beider Zyklen umfassen, gut gewählt.

Rüdiger Winter

Es geht sehr stürmisch zu

Rokoko heißt das aktuelle Album von Max Emanuel Cencic, das er ganz der Musik von Johann Adolf Hasse widmet und dabei von der Armonia Atenea unter George Petrou begleitet wird. Nicht weniger als sieben Weltersteinspielungen finden sich unter den elf Opernarien des Programms – allein das spricht für diese Neuveröffentlichung. Und es ist die Stimme des Countertenors, die man hier in einem deutlich veränderten Klang hört – dunkel und männlich-sonor in der Mittellage, weich und schmeichelnd wie bisher noch auf keinem Recital. Nur die Höhe hat den bekannt hysterisch-exaltierten Ton beibehalten, was besonders den zwielichtigen Helden gut ansteht. Es sind die vielen Farben und Ausdrucksfacetten des Sängers, die seine Interpretationen so spannend und besonders machen.

Die Auswahl beginnt mit der Arie des Misaele, „Notte amica“, aus Il cantico de’ tre fanciulli, vom Orchester mit zauberischen Klängen eingeleitet und vom Sänger mit schmeichelndem Ton angestimmt. Sogleich fallen das gerundete Zentrum der Stimme und deren gewachsene Substanz in der Tiefe auf. In den schnellen Koloraturpassagen des B-Teils bekommt die Stimme einen spröden Beiklang. Mit einer furiosen Bläsereinleitung beginnt „Cadrò ma qual si mira“ aus der gleichnamigen Oper – eine veritable aria di bravura mit schnellen Läufen und staccati, welche den tobenden Sturm widerspiegelt. Ein schmerzlich-getragenes Stück ist die Arie des Titelhelden „La sorte mia tiranna“ aus Siroe re di Persia, das Cencic mit berührendem Klageton vorträgt. Im kontrastierenden Mittelteil hört man aufgewühlte Koloraturen, die den Ausnahmezustand der Figur plastisch schildern. Aus Hasses Titus-Oper (Tito Vespasiano) stammt die Arie des Sesto, „Opprimete i contumaci“, in welcher der dramatische Konflikt wiederum mit den Mitteln der Bravour eindrucksvoll dargestellt wird. Das trifft auch auf die Arie der Aminta, „Siam navi all’onde algenti“, aus L’Olimpiade zu, die das im Barock beliebte Bild eines Schiffes auf stürmischem Meer verwendet. Der Sänger imponiert hier mit besonders dramatischem Furor. Eine lyrisch-wiegendes Stück ist die Arie des Plistene, „Ma rendi pur contento“, aus Ipermestra, vom Interpreten mit lieblich-kosendem Ton geboten. Zwei Arien des Orazio stammen aus Il trionfo di Clelia, erstere („De’ fulgori di Giove“) mit heroischem Pathos und stupender Virtuosität, die zweite („Dei di Roma“) von versöhnlichem Duktus und sehr klangvoll-sanft gesungen. Von erregtem Ausdruck erfüllt ist Euristenes „Se un tenero affetto“ aus La spartana generosa, das durch den Affekt betonten Vortrag imponiert. Eine weitere weibliche Rolle in diesem Repertoire, wie sie die Kastraten häufig gesungen haben, ist die Tigrane aus der gleichnamigen Oper. Deren Arie „Solca il mar“ benutzt wiederum die Metapher eines Schiffes in gefährlichen Meereswellen, die durch aufgewühlte Koloraturen geschildert werden. Den Schlusspunkt setzt Cencic mit einer weiteren Sesto-Arie („Vo disperato a morte“), in der er sowohl seine hohe Gesangskunst als auch die starke gestalterische Expressivität beeindruckend demonstrieren kann. In der dramatischen Raserei und den gleich existentiellen Schreien herausgeschleuderten Koloraturen und Spitzentönen dürfte diese Nummer zweifellos der Höhepunkt der Platte sein.

Zwischen die Sammlung der Vokalnummern eingeschoben ist das Mandolinkonzert in G-Dur op. 3, Nr. 11 mit den üblichen drei Sätzen und der Reihenfolge schnell/langsam/schnell. Hier können das Ensemble und der Solist Theodoros Kitsos mit delikatem Musizieren gefallen. Nach der erfolgreichen Einspielung von Händels Alessandro mit Cencic in der Titelrolle hat sich das Orchester unter seinem Dirigenten einmal mehr als stilistisch perfekter und differenziert begleitender Klangkörper bewährt. Das Cover der Decca-CD (478 6418) präsentiert den Sänger im Habitus eines Rock-Stars mit geöffnetem Hemd, reichlich Kettenschmuck und einer modischen Haartolle. Der Klassikfreund sollte sich von diesem seltsamen Outfit nicht irritieren lassen, denn die Platte ist wirklich ein Treffer.

Mineccia (Alto arias)Und offenbar liegt eine solche Gestaltung im derzeitigen Trend, denn auch die neue CD des Italieners Filippo Mineccia bei Pan Classics (PC 10297 im Vertrieb von note 1 music) mit dem Titel Alto Arias würde man eher ins Pop-Regal einordnen. Sie zeigt den Sänger Zähne fletschend mit kurz rasiertem Schädel und offenem schwarzem Military-Jackett wie einen Skinhead, was einen seriösen Musikliebhaber eigentlich abstoßen dürfte. Und die Stimme gleicht diesen optischen Vorbehalt nicht aus, sie klingt oft unangenehm krähend und schneidend in der Höhe. Einzig das Programm, 14 Arien aus Opern und Oratorien sowie einer Serenata von Leonardo Vinci, die der Komponist ausnahmslos für die Altstimme schrieb, ist bei dieser Ausgabe von Interesse. Und auch das begleitende Ensemble, Stile Galante unter Stefano Aresi, erweist sich als versierter und inspirierender Partner für den Solisten. Der italienische Komponist und einer der größten Konkurrenten von Nicola Porpora ist seit der sensationellen Veröffentlichung seines Artaserse bei Virgin mit nicht weniger als fünf Altisten/Sopranisten, an die hinsichtlich der gesanglichen Virtuosität horrende Anforderungen gestellt werden, wieder aktuell im Gespräch. Auch bei dieser Auswahl, die mit der Arie „Bella pace“ aus der Oper Gismondo re di Polonia beginnt, ist solch exorbitante Gesangskunst unabdingbar, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Bei Mineccia ist zuweilen die Mühe allzu hörbar; lange Tongirlanden bringen ihn in Atemnot, auch stören der larmoyante Klang und knapp ertrotzte hohe Noten. Die getragene Arie der Maria Magdalena „Sotto il peso“  aus dem Oratorio di Maria dolorata gelingt dem Sänger dagegen eindrucksvoll, weil er die Stimme hier ganz zurücknimmt und schweben lässt. Aus einem weiteren geistlichen Werk, dem Oratorio per la Vergine del Rosario, stammen „Ai lampi del tuo lume“ , wo Mineccia sich mit der strengstimmigen Sopranistin Francesca Cassinari zum Duett vereint, sowie das asketische, nur von wenigen Streichern begleitete „Chi mi priega“, das der Solist mit tröstlichem Ton anstimmt. Zumeist in bequemer Mittellage bewegt sich die Arie „Nella foresta“ aus der Oper Medo, was dem Sänger entgegenkommt.

Nur in den wenigen Höhenausflügen stößt er akut an Grenzen. Aus demselben Werk erklingen noch „Vengo a voi“  (mit weinerlichem Klang und Problemen bei der Ausformung der Tongebilde) und „Taci, o di morte“, das vom Orchester sehr atmosphärisch mit getragenen Akkorden eingeleitet wird, das der Solist mit einem schwebenden „Taci“ eröffnet und auch danach Passagen von sanftem Wohllaut hören lässt. In einer Arie aus Ernelinda, „Se soffia irato il vento“ , gefällt der Altus mit flexibler Tongebung, wie auch in „Alma grande“  und „Ti calpesto“ aus Astianatte. Im koketten  „Non meno risplende“ aus La contesa de’ Numi verstört erneut ein verzerrter Klang in der Stimme. „Aprirti il seno“ ist ein schmerzlich-stockender Auszug aus Eraclea, aus der noch die Arie „In questa mia tempesta“ zu hören ist, die das Programm beendet – ein stürmisches Stück, wiederum mit der Metapher eines Seesturmes, das der Sänger vehement angeht und damit einen günstigen Schlusspunkt zu setzen scheint, wären da nicht die messerscharfen Spitzentöne. Vinci beeinflusste mit seinem Schaffen manch jüngeren Komponisten, so auch Hasse, womit sich ein direkter Zusammenhang zwischen den beiden CD-Veröffentlichungen herstellt.

Bernd Hoppe

Nicolae Herlea ist tot

Der rumänische Bariton Nicolae Herlea ist tot. Er starb am 24. Februar 2014 im Alter von 86 Jahren. Deutscher Herkunft, wurde er 1927 in Bukarest geboren, wo er auch seine erste musikalische Ausbildung erhielt. Dort debütierte er 1950 als Silvio. Später setzte er seine Studien in Rom fort. Damit legte er den Grundstein für seine besonderen Leistungen auf dem Gebiet der italienischen Oper. Herlea war in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sehr gefragt und unternahm Gastspiele in die internationalen Musikzentren wie die Mailänder Scala und die Salzburger Festspiele. An der Metropolitan Opera in New York wirkte er über drei Spielzeiten. Seine Antrittsrolle 1964 war der Posa in Verdis Don Carlo. Davon hat sich auch ein Mitschnitt erhalten, der vor einiger Zeit offiziell bei Sony herausgebracht wurde. Als seine Glanzrolle galt der Figaro in Rossinis Il barbiere di Siviglia. Berühmtheit erlangt Herlea auch durch seine Mitwirkung bei zahlreichen Plattenproduktionen, darunter Pagliacci, La forza del destino, La Traviata, Tosca und Lucia di Lammermoor. Seine relativ dunkel getönter Bariton war auch höhensicher und zeichnete sich durch große Geschmeidigkeit aus. Nach dem Abschluss seine Karriere gab er noch Meisterkurse in seiner Heimatstadt Bukarest.

R.W.

Die Ludwig räumt als Ortrud ab

Es rumpelt, als würde Lohengrin mit der Straßenbahn am Ufer der Schelde anlanden wollen. Was machen die nur hinter der Bühne? Karl Böhm am Pult der Wiener Staatsoper brauchte gewiss gute Nerven, um mit der Zartheit des Vorspiels gegenhalten zu können. Er konnte. Böhm war Theater erfahren. Irgendwann hört auch das Rumpeln auf, offenbar in dem Moment, in dem sich der Vorhang hob. 16. Mai 1965. Erster Teil der Doppelpremiere des neuen Lohengrin von Richard Wagner in der Regie seines Urenkels Wieland. Dieser bediente sich großzügig bei seiner eigenen Bayreuther Inszenierung, der berühmten Orgie in Blau und Silber, die es auch offiziell auf Platte geschafft hat. Fotos im Booklet belegen das, wenn auch nur in Schwarzweiß. Die Inszenierung kam wohl nicht nur positiv an. Im Bocklet wird sich um eine eindeutige Aussage mit dem Hinweis darauf gedrückt, dass es sich um eine CD und kein Video handele. Nun gut. In jedem Fall ist auch diesem akustischen Abbild mehr abzugewinnen als nur eine grandiose musikalische Leistung.

Abgesehen von vom Rumpeln am Beginn hört jeder, der einigermaßen vertraut ist mit dem Werk, auch vieles vom dem heraus, was sich auf der Bühne abgespielt haben muss. Es ist eine Spannung zwischen den Akteuren – Sänger, Chor, Musiker und Dirigent -, die nur dann entsteht, wenn alles stimmt. Das Ohr sieht also mit. Eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass sich ein Stück gebührend mitteilt, ist die Verständlichkeit und die Fähigkeit der Mitwirkenden, auch mit dem Text richtig umzugehen. Jedes Wort ist zu verstehen, auch der Chor ist um größtmögliche Deutlichkeit bemüht. Es hätte sich gehört, den Namen des Chorleiters zu nennen. War es der berühmte Wilhelm Pitz, der in Bayreuth wirkte und in den sechziger Jahren gelegentlich auch in Wien tätig war? Einhellig gut kamen seinerzeit die Solisten weg, Böhm selbst schwärte in einem Interview von der „bestmöglichen“ Besetzung der „ganzen Welt“. Dieses Selbstbewusstsein hat sich nach meinem Eindruck nicht in vollem Umfang herüber gerettet in unsere Zeit. Der Mitschnitt ist bei Orfeo in der Reihe Wiener Staatsoper live erschienen, in Mono, akustisch insgesamt sehr präsent (C 862 133 D).

Jess Thomas wirkt auf mich immer etwas steif und holzschnittartig, kann aber durch Jugendlichkeit und  seinen unverkennbaren hellen und leichten Tenor punkten. Er muss auf der Bühne großen Eindruck gemacht haben, der sich so auf den Hörer nicht überträgt. Hoch gelobt von der zeitgenössischen Kritik auch die Elsa von Claire Watson, die aus der Distanz von fünfzig Jahren nicht mehr ganz so makellos-rein klingt, sich dafür aber selbst in den großen Ensembles Gehör verschafft. In ihrem Falle ist das eine Leistung. Mich erinnert sie immer an die späte Elisabeth Grümmer. Erst im Brautgemach finden beide ihre Form, Thomas steigert sich sogar noch in der Gralserzählung.

Die Weltspitze, von der Böhm sprach, wird in dieser Aufführung von Christa Ludwig und Walter Berry als Ortrud und Telramund verkörpert – damals noch verheiratet und gern im Doppelpack auftretend. Daran hat auch das halbe Jahrhundert, das darüber verstrichen ist, nichts ändern können. Um ein Bild aus dem Sport zu gebrauchen: Es ist, als hätten beide einen Rekord aufgestellt, der seither nie gebrochen wurde. Berrys Telramund – kernig, stolz, leicht trotzig und töricht, unglücklich und gefährlich erst durch seine verletzte Eitelkeit geworden – ist ein packendes Porträt. Wie er im zweiten Aufzug erneut den Verführungen seiner Gemahlen unterliegt, habe ich selten so überzeugend gehört. Für sich allein genommen, wäre diese Leistung aber doch nur die Hälfte wert. Erst die Ludwig macht die Schleusen. Sie ist hoch erotisch in ihrer Boshaftigkeit, die letztlich persönliches Unglück ist und Ausdruck ihrer eigenen Verletzungen. Der Anruf der alten Götter gelingt ihr auch deshalb so grandios, weil sie ihn als Aufschrei einer gedemütigten Frau gestaltet. Das Publikum ist so hingerissen gewesen, dass es die Aufführung mit spontanem Beifall unterbricht. Beim Erscheinen Gottfrieds kurz vor Schluss – auch das habe ich so noch nie gehört – schreit sie voller Verzweiflung laut auf. Ortrud ist am Ende und wird durch diesen Kunstgriff der Regie zur heimlichen Hauptfigur. Mal gerade mit dreißig Jahren war Martti Talvela als König der Benjamin des Ensembles. Was für eine Stimme – gewaltig im Umfang, dabei wohlklingend, fast zärtlich. Ein sehr menschlicher König. Eberhard Waechter, nobel wie stets, gibt dem Heerrufer Format.

Böhm betont nicht so sehr das Übersinnliche als vielmehr die Dramatik, das Drama. Er scheut nicht davor zurück, die großen Chorszenen und die Zwischenspiele mit Wucht und mächtigem Volumen auszustatten. Sie laufen ab wie ein Film. Das hätte ich so gar nicht erwartet, war eher auf einen leichten, lyrischen Klang eingestellt. Seine eigentliche Leistung aber ist die Geschlossenheit der Aufführung. Die Premiere II zwei Tage später wurde wiederum von Böhm geleitet. Diesmal sangen James King (Lohengrin), Hildegard Hillebrecht (Elsa), Astrid Varnay (Ortrud), Gustav Neidlinger  (Telramund) Walter Kreppel (König) und Robert Kerns (Heerrufer).

Rüdiger Winter