Archiv des Autors: Geerd Heinsen

ROBERT MASSARD

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Robert Mas­sard: die sinnliche Baritonstimme Frank­reichs und der „Grande Tradition“. Kaum eine andere „turnt“ mich so an wie die des Franzosen Ro­bert Massard! Zusammen mit der von Ettore Bastianini, Michel Dens, Bruno Laplante, Paolo SIlveri und Josef Metternich zählt seine etwas körnige, markige und (für mich) äußerst sierotische zu den aufregendsten der Operngeschichte, zumal der französischen seit dem letzten Weltkrieg.

Und ich hatte noch das große Glück (die berühmte Gnade der frühen Geburt), ihn noch als Schüler an der Opéra-Comique als Escamillo zu erleben: ein Ereignis, das bei mir bis heute nachhallt. Denn in dieser schwieri­gen Rolle, bei deren Auftritt sich für die Baritone bereits entscheidet, dass  sie diese Figur nicht sind (weil eben viele außermusikalische Komponenten wie schöne Beine und robustes Auftreten zusam­menkommen), war  Massard einfach Escamillo: jeder Zoll ein Mann und ein at­traktiver, verführerischer dazu. Wie bei Siepi (der noch im Alter bei einem seiner letzten Auftritte an der Deutschen Oper Berlin als Don Giovanni schlichtweg über­wältigend war und wie ein Wiesel über die hohe Friedhofsmauer kletterte) vereinten sich in Massard Sexappeal, Virilität und Klangkultur zu einer seltenen Einheit. Dazu kam diese besondere, für seine Generation typische französische Diktion, die seine Sprache so unvergleichlich und singbar macht.

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Robert Massard im Konzert 1966 in Toronto/Arie des Escamillo/youtube

Robert Massard wurde am 15. 8. 1925 in Pau geboren und studierte ebendort und in Bayonne, stammt also aus dem Süden, was der Musik sehr entgegen­kommt (das – r-roullant, eben das rollende -r-). Als Grand Pretre im Samson gab er im Pariser Palais Garnier 1952 nach verschiedenen kleineren Rollen sein Hauptrollen-Debüt und blieb dem Haus bis 1976 als erster Bariton erhalten.Aber auch er wurde mehr oder weniger ein Opfer der neuen Politik Liebermanns, als dieser mit internationalem Spielplan und einer ebensolchen Besetzung das Regime der Opera übernahm und die ur-französischen Sänger in die Provinz verdräng­te.

Dennoch – Massard konnte sich in sei­ner ersten Position in Paris, in Frankreich und im internationalen Ausland behaup­ten. Seine glanzvolle Karriere, die alle großen Partien seines Faches im Franzö­sischen und im Italienischen einschloss (Valentin, Thoas, Escamillo, Enrico Ashton – u. a. 1957 mit Maria Callas in Paris -, Rigoletto, Luna, Ramiro von Ravel und viele andere) führte ihn an die großen Bühnen der Welt, wo er als einer der Exponenten bei der Wiedererweckung von Gluck und Berlioz galt. Er sang an der Scala (Valentin), in Südamerika (1964 Buenos Aires), in den USA (New York und Chicago), in der Sowjetunion (1962 Rigoletto in Moskau).

Robert Massard als Marouf/Künstlerkarte/RM

Namentlich in Covent Garden war er ein bewegen­der Chorebe in den Troyens, ein ver­schmitzter Fieramosca im Cellini, ein zerquälter Oreste in der wunderbaren Aufführung der Iphigénie en Tauride 1973 mit Sena Jurinac unter John Eliot Gardiner (das waren noch Zeiten!).

Mas­sard sang natürlich in Aix (beginnend 1952) und Edinburgh (erstmals 1961, dann 1968 in Glucks Alceste sowie noch als Thoas in der Iphigénie, wie auf der Aufnahme unter Giulini bei EMI nachzuhören ist).

Er blieb nicht im stagnierenden Fahrwasser stehen. 1957 nahm er an der französischen Erstaufführung von Strauss‘ Capriccio an der Opera-Comique teil und sang die Hauptrolle des Harfners in Barrauds Oper Numance 1 955, eben­so die Titelrolle in Milhauds Malheurs d’Orphee, aber auch den Nerone in Monteverdis Poppea neben der sensationelle Jane Rhodes in Aix, wo er ein Stammgast blieb. Noch in den Siebzigern fügte er den Pêre des Grieux/Manon und andere Partien seinem Repertoire hinzu, noch 1974 dann den Sancho Pansa neben Ghiaurovs Don Quichotte in Paris. Und selbst viele Operetten finden sich in seinem Repertoire.

Was Metternich für Deutschland war Mas­sard für unsere französischen Nachbarn – eine Ausnahmestimme voller stimmlicher Tugenden und eben jener Wärme, Individualität und technischer Perfektion, wie man sie selten findet, darin seinen Landsleuten Alain Vanzo oder Andree Esposito und Michel Dens ver­gleichbar und ebenbürtig.

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Massards warme, sehr persönlich ge­tönte und in wirklich allen Lagen äußerst sicher geführte Stimme ist sofort wiederkennbar, ein besonderes Plus für einen Sänger. Die Schallplatten zeigen diese unschätzbare Qualität aufs Beste, wenngleich vielleicht sein Magnetismus der Bühne sich in ei­ner gewissen monochromen Farbe auf dem akustischen Dokument weniger er­schließt: Er war sicher eher ein Sänger als ein faszinierender Sänger-Darsteller, aber das gilt für seine Generation im Allgemeinen.

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Robert Massard als Massenets Don Quichote/RM

Glücklicherweise gibt es eine ganze Fülle von tollen  Aufnahmen Massards (darunter vieles nun bei youtube), so sein Zurga neben Vanzos Na­dir noch auf LP bei Vogue, sein Escamillo mit der späten Callas bei EMI und live neben Verrett in Rom bei Frequenz, sein Thoas unter Giulini ebenfalls bei EMI, den Valentin neben Sutherlands Marguerite. Und natürlich nicht zu vergessen sein magisterialer Chorebe neben der Veasey bei Philips auf den Troyens von Davis und sein köstlicher Fieramosca bei Philips‘ Benvenuto Cellini.  Bei Gala findet/fand man einen ganz wunderbaren Faust  mit ihm und Lance sowie der von mir geliebten Esposito aus Amsterdam 1962.

Auf CD gibt es bei Musidisc seinen französischer Ashton neben Mado Robins Lucie, seinen Oreste neben der Crespin live in Buenos Aires 1964 bei Rodolphe, sein eleganter Nevers in den Huguenots mit Vanzo bei der Firma Plein Vent vom Rundfunk 1976, vor allem auch sein Athanael neben der bemerkenswerten Thais der Renee Doria bei Accord und der sich um ihr Leben sin­genden Andree Esposito bei Chant du Monde.

Überhaupt hat Massard reichlich beim Rundfunk gesungen, woher viele der heute verfügbare Aufnahmen stammen. So sein brutaler Ourrias in der Mireille mit der energisch-scharfen Doria bei Accord (der Produzent Dumazert war der Gatte der Dame und gab auch die antiken Aufnahmen des Labels Malibran heraus), sein gebieterischer Herode (dto.), sein milder Mönch Boniface neben Alain Vanzos Jongleur de Notre-Dame (dto.),  sein anrührender Hirte Eurymaque in Faures Penelope mit der Crespin und Vanzo (ehemals bei Ro­dolphe), aber auch sein bedrohlicher Karnac in Lalos Roi d’Ys mit dem starken Trio Rhodes, Guiot und Vanzo bei Chant du Monde. Und besonders markant sein Hagen in dem hinreißenden Sigurd Ernest Reyers in Starbesetzung unter Rosenthal bei Chant du Monde. Dies ist nur eine Auswahl der erhältlichen Doku­mente, die ich jedem nur ans Herz legen kann, um diese wunderbare, geschmei­dige Stimme nachzuhören. Sammler haben natürlich auch seinen Posa neben Vanzo vom Rundfunk und vieles mehr.

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Robert Massard und Jane Rhodes in Monteverdis „Incorronazione di Poppea“ in Aix/youtube

Sein bedeu­tendes Recital mit Arien aus Iphigenie, vor allem Hamlet (welche Eleganz!), Don Carlos (en francais, bien sur!), Herodiade, Barbiere, Traviata, Rigoletto und Ballo unter Reynaldo Giovaninetti ehemals bei Mondiophone ist leider noch nicht von der CD-Industrie wiederentdeckt worden, aber auch ein Muss für Fans (Discorps). Live kursiert na­türlich noch viel mehr: besagte Iphige­nie aus London, sein Grand Pretre (Samson) mit der Cossotto und Chauvet aus Paris 1975, eine komplette Herodiade mit Sarroca und Delvaux Paris 1963. Dieser Tage erreichte mich ein Querschnitt aus seinem Hamlet (mit Mady Mesplé) und ein italienischer Macbeth – man sieht, die Quellen versiegen nie. Der von mir so geliebte Bariton starb am 26. Dezember 2026. G. H.

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2022 führte der französische Musikjournalist und Herausgeber Jean Jordy ein Interveiw mit dem Sänger: Robert Massard –  ein Leben für die Oper.

Sie halten, glaube ich, einen Rekord. Die größte Anzahl an Aufführungen an der Pariser Oper, 1003.  Und anderswo 1113 Aufführungen, 32 Jahre Karriere, mehr als 100 Rollen. Das sind fünfzig Aufführungen pro Jahr. Addiert man die Provinz, erhält man diese Zahlen.  Ich konnte das nur, weil es die Pariser Opéra und ihre damalige Truppe gab. Ein berühmter Bariton, Charles Cambon, ein Mann großer Güte, nahm mich unter seine Fittiche, sobald ich an der [Pariser] Oper ankam. Er sagte: „Junge, sing immer mit dem Interesse, sing niemals mit dem Kapital.“ Das bedeutet, nicht mit einer Stimme zu singen, die nicht die eigene ist.  Viele junge Künstler, die ihre Stimmen künstlich aufblähen, würden davon profitieren, diesem wertvollen Rat zu folgen. Aus vokaler Sicht habe ich nie meine natürlichen Grenzen überschritten, bin meinem Material treu geblieben. Dazu keine Exzesse aus physischer Sicht (ich musste mit dem Skifahren aufhören, was formal nicht verboten war, aber es war eine nutzlose Anstrengung). Es ist nicht möglich, außerhalb des Singen zu viele physische Anstrengungen zu unternehmen.

Robert Massard als Valentin/“Faust“ an der Scala 1967/RM

Singen erfordert Entspannung, Bauchatmung, was es dann ermöglicht, Töne, besonders hohe Töne, zu halten. Sie sollten auch vermeiden, zu viele Gerichte mit dicker Soße oder Gewürzen zu essen, zu rauchen oder Alkohol zu trinken. Ein bisschen Wein, aber mäßig. Kurz gesagt, es ist 30 Jahre lang die Diät eines Sportlers. Wir können es uns nicht leisten, wie alle anderen zu leben. Am Vorabend der Aufführung erlaubte ich mir nicht, rauszugehen, nicht zu Freunden eingeladen zu werden. Die menschliche Stimme ist zwar solide aber auch sehr zerbrechlich. Sie muss daher bewahrt werden.

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Robert Massard als Rigoletto/youtube

Ihr erstes Vorsprechen fand am 8. Juni 1951 statt, am selben Tag wie Nicolai Gedda und Victoria de los Angeles! Sie hatten nie Musiktheorie- oder Gesangsunterricht gehabt. Was passierte dann? Ich liebte zu singen wirklich sehr. Mein Vater hatte eine sehr schöne Stimme. Er hatte nie eine musikalische Ausbildung erhalten, genau wie ich. Aber er hatte Opernplatten gekauft, die von Georges Thill, Caruso, großen Künstlern jener Zeit. Ich bin in diesem Klima aufgewachsen und es war eine Leidenschaft für mich.

Am Tag des ersten Vorsprechens sang ich das Rigolettos Arie aus dem dritten Akt. Der Intendant M. Hirsch fragte mich, ob ich Musiker sei, „Non Monsieur“, ob ich auf der Bühne „Non Monsieur“ gesungen habe, ob es mir „Mais oui  Monsieur“ gefiel. „Ich stelle dich ein“, sagte er sofort. „Aber du bekommst nicht viel (450 Francs im Monat, das war nicht wirklich viel). Du wirst sowohl studentische Künstler als auch Absolvent des Konservatoriums sein.“ Er hat mich eingestellt als… Tenor für Wagnerpartien! Kurz darauf bat mich seine Frau, Madeleine Matthieu, die Tenor-Arie aus Carmen zu singen. Ihr Urteil lautete: „Für mich bist du kein Tenor, sondern Bariton. Du bist sehr jung (26 Jahre alt), deine Stimme wird reifen“. Und ich verstand, dass sie Recht hatte.

Ich wurde für ein Jahr an der Pariser Oper eingestellt. Doch sehr schnell entstand ein Problem.  Nach M. Lehmann, der das Châtelet geleitet hatte, kam M. Hirsch. Der mochte besonders die Operette, berücksichtigte die verfügbaren Stimmen nicht und interessierte sich eher nur für Künstler, die wussten, wie man sich auf der Bühne bewegt. Da ich ein Anfänger war, der von nichts eine Ahnung hatte, kam ich ihm gerade richtig. Am Tag meiner Ankunft, dem 1. Oktober 1951, erfuhr ich vom Bühnenmanager, dass ich vor dem 1. Januar nichts zu singen hatte.  Und während der vier Jahre seiner Amtszeit hatte M. Lehmann nur eine Idee: meinen Vertrag zu kündigen. Er gab mir anfangs Urlaub, in Genf zu singen, Figaro im Barbier, mit dieser Vorhersage: „Das wird ihm das Genick brechen.“ 

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Sie sangen erstmals am 18. Juni 1952 auf der Bühne der Pariser Oper in Samson et Dalila (Hoherpriester), und einen Monat später beim Festival d’Aix am 26. Juli 1952 in Glucks Iphigénie en Tauride unter der Leitung von Giulini in der Rolle des Thoas.Das war reiner Zufall. Eine Freundin meiner Schwester lädt mich zum Mittagessen bei sich nach Hause in Paris ein. Dort treffe ich ihren Bruder, der mir einen seiner Bekannten vorstellt… den Direktor des Aix-Festivals, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Gabriel Dussurget.  Der lässt mich vorsprechen, immer meine Rigoletto-Arie, meine Visitenkarte.  Eine lange Stille. Dann sagt er: „Ich möchte Dich in der Rolle hören, in der ich Dich vielleicht beschäftigen kann. Arbeite doch mal an diesen beiden Arien von Glucks Thoas und komm in zwei Wochen wieder.“

Robert Massard und Maria Callas bei „Carmen“-Aufnahmen in Paris/EMI

Ich komme zurück, ich singe. Die gleiche lange Stille. Dann: „Ich gehe Risiken ein, aber es scheint mir, als hättest du etwas zu sagen. Ich stelle Dich in Aix ein. Der Vertrag wird nicht wunderbar sein“„Geld interessiert mich nicht, Monsieur. Ich bin nur leidenschaftlich am Singen interessiert, aber ich weiß nicht wie.“„Du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus?“ „Nein.“ „Ich stelle dich trotzdem ein.“ Als Maurice Lehmann bemerkte, dass ich um Erlaubnis für das Festival in Aix bat, machte es bei ihm Klick: „Sier werden dort nicht anfangen. Wir werden Ihnen eine Rolle derselben Wichtigkeit an der Opéra geben.“ Und sie gaben mir die Rolle des Hohepriesters in Samson und Dalila mit José Luccioni. Der hatte bereits das Alter des Hohepriesters und ich das Alter von Samson. Und ich fand mich nach einer einzigen Orchesterprobe auf der Bühne der Opéra wieder.  Aber alles lief gut. Dann bin ich nach Aix aufgebrochen. Gabriel Dussurget lädt mich ein, den Dirigenten im Théâtre de l’Archevêché zu treffen. Sehr gutaussehender Mann, 1:85 groß. Und Dussurget sagte zu ihm: „Carlo Maria, ich präsentiere dir den jungen Massard. Er weiß nichts.“ Und Giulini – denn er war es – antwortete ihm [Robert Massard mit italienischem Akzent]: „Mein lieber Gabriel, selbst wenn er drei oder vier Takte verpasst, das werde ich schon ausbügeln.“ Da waren dann Léopold Simoneau, ein ausgezeichneter Tenor, Patricia Neway, eine sehr große Künstlerin, und Pierre Mollet. Alles lief sehr gut. Doch das änderte Lehmanns Urteil über mich nicht.

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Drei Treffen waren daher entscheidend für Ihren Beginn, Hirsch, Dussurget und auchMadeleine Milhaud hinzugefügt. Ist das richtig? Stimmt Aber ich bin gezwungen, etwas zurückzugehen. Ein sehr netter Herr, Camille Rouquetty, sprach mich in den Korridoren der Opéra  an; „Es heißt, du kennst dich nicht mit Gesangstheorie aus.“ Ich bestätige. „Das ist ernst. Du hast keinen Anspruch auf das Pariser Konservatorium, da du als studentischer Künstler eingestellt bist. Du hast aus denselben Gründen keinen Anspruch auf das Conservatoire d’arrondissement. Und ebenso hast Du keinen Anspruch auf die École Normale de Musique. Vielleicht gibt es eine Lösung. Ich kenne den Direktor der Schola Cantorum sehr gut.“. Sehr schnell empfing mich der Direktor und sagte mir, dass er mich in eine Anfängerklasse schicken müsse, mit 10-jährigen Kindern! Ihre Lehrerin war Madeleine Milhaud.  Und ich war 26 Jahre alt. So habe ich meine Gesangstheorie gelernt und nach und nach für mich entschlüsselt, wie man singt. Sie war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Einige Jahre später sagte sie mir: „Mein Mann schrieb eine Oper. Christoph Kolumbus. Sie wird in Frankreich aufgeführt. Wir werden an den beiden Arien arbeiten und du wirst sie vor meinem Mann singen.“ Das Vorsingen verlief gut, so dass ich die Oper 1955 in Frankreich uraufgeführt habe [es gibt eine Live-Aufnahme davon aus dem Jahr 1956] mit Manuel Rosenthal als Dirigent. Unter seiner Regie sang ich erstmals außerdem [1957] Il Poverello von Henri Tomasi, die Geschichte des heiligen Franz von Assisi.

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Ein paar Worte zu ihrer Stimme … Ich hatte immer eine leichte Höhe. Meine Stimme hat Gestalt angenommen und ist etwas dunkler geworden. Es gibt eine Aufnahme der Iphigenie aus Aix. Man hört es: Ich war mehr Tenor als Simoneau. Ich habe niemals, niemals eine Gesangsstunde genommen, und jemand sagte zu mir: „Du bist nicht auf ein Konservatorium gegangen. Gut so. Es hätte dein Pech sein können.“ Manche Lehrer können Deine Gewohnheiten ändern, manchmal zum Besseren, aber manchmal ist der Effekt weniger erfolgreich.

Ich hatte diese Begabung für das Singen schon immer. Mein Vater selbst hat es mir wunderschön vorgemacht. Es könnte auch der Einfluss der pyrenäischen Herkunft gewesen sein. Wir haben dort immer besser artikuliert als in Paris. Eben diese natürliche Artikulation hat mir sehr geholfen, nicht nur fürs Französische, sondern auch fürs Italienische. Wie ich früher zu den jungen Sängern sagte: „Sing den Satz, sing nicht den Ton.“.

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Sie waren eines der bedeutenden Mitglieder der Pariser Operntruppe. Was machte diese so interessant? Sie war interessant, weil es dort in erster Linie beste musikalische Studienleiter gab, fordernd und präzise. Diese Gesangslehrer kannten die Opern perfekt und führten dich, gaben dir alle Hilfe. Und die ständige Verbindung zu Künstlern wie Crespin, Gorr, Sarroca, Vanzo und vielen anderen war zwangsläufig vorteilhaft.

Die Opéra war damals ein „Korb von Krabben“ (vielleicht: Nest von Vipern).  Es gab viel Druck, viel Bevorzugung, zum Beispiel von Politikern, diese oder jene Person sehr gut zu protegieren. Die Opéra war ein Haus, in das die Hälfte der Künstler nicht hineingehörte.  Besonders unter Rolf Liebermann. Herr Liebermann mochte die Franzosen nicht. Nicht, dass er mich nicht eingestellt hätte. Er hat mich eingestellt. Liebermann machte oft großartiges, schönes Theater, aber mit Befangenheit. Zum Beispiel durch eine deutliche Erhöhung von Domingos Gehaltszahlungen im Vergleich zur MET. Das Gleiche galt für die Caballé, Freni, Gedda. Liebermann fand die Opéra in einem schlechten Zustand vor. Aber sie war noch maroder, als er ging. Wie sich herausgestellt hat. In früheren Intendanzen hatten die Direktoren junge französische Sänger eingestellt und ihnen so ihre Chancen gegeben. Liebermann hat das absolut nicht eingehalten. Er hatte zu sehr seine Vorlieben und Abneigungen. Im aktuellen System hätte mir heute niemand eine Chance gegeben

Régine Crespin war eine große Künstlerin. Aber auch die Freni, sehr freundlich, sehr einfach und sehr talentiert. Und die Callas, die ich nur für die Aufnahme von Carmen kennenlernte, aber was für eine Künstlerin! Als ich ihrer Norma zuhörte, hatten ich Tränen in den Augen. Zu Beginn meiner Karriere wusste ich nicht, dass ich so empfindsam bin. Das erinnert mich an meine erste Oper-Erinnerung, Thaïs. Als ich Thaïs‘ Meditation hörte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Aber ich wusste nicht, wie ich diese Sensibilität ausdrücken sollte. Eine schöne Stimme allein bewegt nicht. Aber wenn du willst, dass andere etwas fühlen sollen, musst du geben, was du fühlst. Jean Jordy/DeepL

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Dank an den renommierten Musikjournalisten und Herausgeber mancher Musik- und Opernbücher Jean Jordy (operagazet und viele andere), uns sein Interview mit Robert Massard überlassen zu haben. Redaktion G. H.

 

 

 

Goldene Zeiten

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Überaus emsig ist das Münchner Rundfunkorchester unter seinem Dirigenten Ivan Repušiċ und erfreut noch kurz vor Weihnachten seine Fans mit einer CD mit dem Titel Golden Age, womit das Zeitalter gemeint ist, in dem Komponisten die Grenzen der menschlichen Stimme ausloteten und Sänger zu Höchstleistungen herausforderten. Auf der CD vereinen der Koloratursopran Erin Morley und der Tenor Lawrence Brownlee ihre Stimmen in Duetten, singen aber auch hochvirtuose Arien. Dabei fällt auf, dass man zwar die  populären Stücke nicht generell meidet, aber auch solche ausgewählt hat, die nicht weniger reizvoll, aber weniger bekannt sind. So fehlt die mit Spitzentönen prunkende Arie des Tonio aus Donizettis Regimentstochter, nicht aber ein weniger spektakuläres Duett, kann man von Bizet aus dessen kaum bekannter Oper La jolie fille de Perth ein reizvolles  Duett, aber auch die berühmte Arie des Nadir aus den Perlenfischern hören.

Es beginnt mit dem bereits erwähnten Duett aus La fille du régiment, in dem der Sopran eine schnippisch-kess klingende Stimme hören lässt, sich aber auch lyrisch mädchenhaft geben kann, während der Tenor durchaus Leichtigkeit und Geschmeidigkeit der Stimme vermittelt, aber stellenweise auch etwas belegt klingt.  Besonders gut scheint ihm Rossini zu liegen, wie das Duett aus Le comte Ory verrät, in dem der Sopran sehr viel wissender, reifer klingt als zuvor, ironisch-zynische Lichter aufsetzt. Das dritte Duett ist das aus der bereits erwähnten Fille de Perth, die von den Schwierigkeiten eines jungen Paars handelt, sich gegenüber den Begierden der tieferen Stimmen zu behaupten, auch vorübergehender Wahnsinn des Soprans bedient einen beliebten Handlungsschlenker. Die des Smith ist eine Alfredo-Kraus-Partie, der Sopran erfreut mit schöner Innigkeit. Aus Delibes‘ Lakmé folgt nicht das berühmte Blütenduett, sondern logischerweise das zwischen Sopran und Tenor C’est le Dieux de la jeunesse, in dem sich am Schluss die beiden Stimmen harmonisch miteinander vereinen. Das letzte Duett stammt aus Don Pasquale, Tornami a dir che m’ami“, und liefert den Beweis dafür, dass die beiden Stimmen sehr gut zueinander passen.

Bei den Arien wird es generell populärer, da möchte jeder seinem künstlerischen Affen Zucker geben, was Brownlee mit der Arie des Nadir in schöner Ebenmäßigkeit gelingt, während er mit der Tenor-Arie aus Marino Faliero ein hoch virtuoses Stück gewählt hat, in dem er seine Höhensicherheit eindrucksvoll unter Beweis stellen kann. Der Sopran verlässt sich ebenfalls mit Gildas Caro Nome aufs Hochpopuläre, mit Lakmés Glöckchenarie aufs Hochvirtuose und kommt mit beidem gut zurecht.

Natürlich ist das Münchner Rundfunkorchester unter Ivan Repušiċ ein erfahrener und die Sänger perfekt unterstützender Begleiter (Pentatone PTC5187 400). Ingrid Wanja   

Zwischen Weinberln und Zibeben

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Vor 143 Jahre betrat der slibowitzselige Gefängniswärter Frosch in der Fledermaus zum ersten Mal die Bühne. Für Johann Strauss Sohn war es nicht die erste Operette, die da am Theater an der Wien zur Aufführung kam. Schon drei Jahre vorher, 1871, hatte er am Theater an der Wien, wo auch Die Fledermaus herauskam, sein Debut als Operettenkomponist mit der Operette Indigo und die 40 Räuber gefeiert. Es war ein großes Ereignis gewesen, wie das Fremdenblatt am 12. Februar 1871 berichtete: „Denn gleich einer Seeschlange zog sich seit Jahren die Nachricht von der Aufführung des beliebten Walzerkomponisten durch die Blätter. Zahlreiche Texte wurden dem Genannten zur Verfügung gestellt; er hatte sie Alle verworfen … Selbst das endlich zur Benützung angenommene Textbuch hat eine ganze Leidensgeschichte für die Direktion, für den Kompositeur und – das ist das Bezeichnendste – für das Publikum … Das Haus bot an diesem Abend einen ganz eigenthümlichen Anblick. Die Schriftsteller und Journalisten Wiens, die bedeutendsten Kompositeure und Musiker, die unbeschäftigten Künstler aller Theater, sie hatten sich eingefunden und der Direktor des Hofoperntheaters, Herr Herbeck, der keinen Platz im Zuschauerraume gefunden hatte, folgte der Vorstellung auf einem improvisirten Sitze im Orchester.“

Erotischer Strauss: Marie Geistinger as Boccaccio, in Vienna/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Marie Geistinger als Boccaccio in Wien/Orca/Roser

Nur eine Spalte weiter ist dann allerdings zu lesen, dass der Erfolg „meistentheils der Musik, der glänzenden Ausstattung, dem trefflichen szenischen Arrangement und der über alles Lob erhabenen Vorstellung galt.“ Darauf folgt – quasi als dramaturgisches Statement – eine etwas merkwürdige Einschätzung des Werts eines Operettenlibrettos: „Zum Glück ist der Text einer Operette nichts weiter als die Folie für die Gesangsnummern und der Text zu ‚Indigo‘ kann daher auch nur als eine hölzerne Nothbrücke aufgefasst werden, welche die fließenden und munter einherhüpfenden Gesangsstellen miteinander verbindet.“ So ganz auf die Waagschale legen darf man die Äußerungen des Rezensenten auch sonst nicht.

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„Seit Jahren“ kann sich die Entstehungsgeschichte von Indigo nicht durch die Blätter gezogen haben. Denn wenn man den Beginn der Wiener Operette mit dem Pensionat von Franz von Suppé 1860 ansetzt – auch wenn das noch keine ausgewachsene Operette war -, dann handelt es ich nur um ein knappes Dezennium, in dem sich die Wiener Operette von Einaktern, die im Spielplan mit Schauspielen gekoppelt wurden, über Zweiakter erst 1870 mit Suppés Jungfrau von Dragant zu einem allein einen Abend füllenden Dreiakter entwickelt hatte. Das initiale Pensionat Suppés war zwar kein einhelliger Presseerfolg gewesen, aber ein folgenschwerer Publikumserfolg, den auch Johann Strauss Sohn zur Kenntnis nehmen musste, als er Ende Oktober 1860 müde und erschöpft, wie Franz Mailer schreibt, von seinem Russland-Gastspiel nach Wien zurückgekehrt war. Seine aus Russland mitgebrachten Novitäten fanden weit weniger Interesse beim Publikum als die Neuschöpfung Suppés.

Ein alarmierender Anstoß für die Strauss-Familie, dem neuen Genre vermehrt Aufmerksamkeit zu schenken, ebenso natürlich seinem französischen Anreger Offenbach, den Wien mit viel echtem künstlerischem Enthusiasmus und frechen illegalen Urheberrechtsbrüchen an die Brust genommen hatte. Die Wiener Presse dachte zu diesem Zeitpunkt noch keineswegs daran, in Johann Strauss Sohn einen zukünftigen Operettenkomponisten zu sehen: Als Bäuerles Theaterzeitung darüber sinnierte, wer ein wienerisches Pendant zu Offenbach werden könnte, fiel der Name von Strauss nicht.

Erotischer Strauss: Cover der originalen Noten/Orca/Roser

Erotischer Strauss: Cover der Zeitschrift „Die Bombe“ mit einer Darstellung zur „Fledermaus“ 1847/Orca/Roser

Aber Johann Strauss wusste sich schon 1863 den Kontakt zu Jacques Offenbach zu sichern. Über den Kritiker Eduard Hanslick, der mit beiden befreundet war, bemühte er sich, den Offenbachschen Walzer Abendblätter für seinen Verlag zu sichern. Offenbach hatte diesen, so wie er seinen Walzer Morgenblätter op. 279, für denselben Concordia-Ball als Widmungswalzer komponiert. Beide Werke erschienen auch tatsächlich gemeinsam im Verlag C. A. Spina. In den Bereich der Legende verwies allerdings schon Franz Mailer die Mitteilung, Offenbach hätte 1864 bei einem Bankett Strauss den Rat erteilt, Operetten zu schreiben, auch wenn die Theaterzeitschrift Der Zwischenakt schon am Tag nach dem bewussten Concordia-Ball Johann Strauss bereits an einer einaktigen Operette arbeiten sah. Die Meldung entsprach den Intentionen von Jetty Strauss, der Ehefrau des Komponisten. Der Meister war jedoch absolut nicht dieser Meinung.

Strauss war in dieser Zeit mit Franz von Suppé enger befreundet und attestierte ihm zu Recht ein größeres Talent für Theatermusik. Denn seine musikalische Sozialisation hatte nicht, wie die Suppés, am Dirigentenpult eines Orchestergrabens und mit der Komposition von Bühnenmusik für diverse Schauspiele stattgefunden, sondern auf den Tanzböden mit der Komposition und Präsentation von Tanzmusik, die sich nicht um dramaturgische Bedürfnisse von Autoren kümmern musste, sondern allein der bis ins Rauschhafte gesteigerten erotischen Animation des tanzwütigen Publikums diente. Dieses erotische Bedürfnis zu befriedigen, strebte aber auch die junge Wiener Operette an, die sich in ihren Sujets zaghaft auf einen unverwechselbaren Stil hin bewegte. Man hatte dafür an den in den drei traditionellen Wiener Vorstadttheatern gespielten Volksstücken, Sittenbildern, Idyllen, Märchen und Possen angedockt, hatte musikalische Anregungen aus den am Kärntnertortheater aufgeführten Donizetti-Opern gezogen, was Franz von Suppé sogar den Vorwurf einbrachte, sich am „Donizettelkasten“ bedient zu haben, und man ließ sich in den Libretti auf die Frivolität der Offenbachschen Bühnenwerke ein. Deren hoch politische satirische Anspielungen konnte man wegen der zurückhaltenden Liberalität in der habsburgischen Monarchie nicht übernehmen, hatte vielleicht auch gar nicht die Absicht, weshalb man ihren erotischen Subtext zu intensivieren trachtete, selbst wenn dabei Offenbachs Eleganz und Charme verloren gingen.

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Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, nicknamed “Luzi Wuzi”/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Erzherzog Viktor Ludwig, bekannt als “Luzi Wuzi”/ ORCA/Roser

Das noch länger biedermeierlich verklemmte Wien nahm die erotischen Spielchen mit Freuden zur Kenntnis. Wo der Alltag bis ans Jahrhundertende Frauen noch vom Hals bis zu den Zehen modisch verpackte, steckte man sie auf der Bühne – durch dramaturgische Notwendigkeit vorgeblich bedingt – als Männer in Hosen und enthüllte damit ihre körperlichen Reize. Das aus barocken und vorklassischen Resten noch in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts herüberschwappende Cross Dressing feierte fröhliche Urstände. Selbstverständlich nur bei den Damen. Die traditionellen Kittelrollen der Metamelodrammen der frühen opera buffa-Geschichte, für die man in den Operettenlibretti oft zwingendere Möglichkeiten gehabt hätte als für Damen in Hosen, ließ man dagegen links liegen. Das ganze Quidproquo dieses Cross Dressings schuf in der Rückblendung auf das reale Geschlecht pikante erotische Konstellationen. Sittenstrenges Theater mutierte zu einer geduldeten unmoralischen Anstalt. Junge Damen in Hosen wurden auf die absurdeste Weise aufgeboten, so dass zum Beispiel in der Originalfassung von Suppés Banditenstreichen zwei Damen in Hosen als Liebhaber einer jungen Dame nachstellten und der Chor der Räuber aus neun Damen in Strumpfhosen und nur vier Herren bestand.

So dick wollte sich selbst ein auf sexuelle Erregung erpichtes Männerpublikum nicht mehr antörnen lassen. Wer Stefan Zweigs Welt von gestern gelesen hat, vermag die Wirkung dieser erotischen Komponente in der Zeit zu begreifen und zu verstehen, dass das Publikum auch im Dekodieren eines erotischen Subtextes geschult war, der ihm versteckt das vermittelte, was offen noch immer nicht ausdrückbar war. Man spielte – und spielte an. Das Prinzip war nicht nur beim aufstrebenden Bürgertum gesellschaftsfähig, sondern auch bis in die höchsten aristokratischen Schichten. Die Presseberichte der Zeit vermerken mehrmals, wie selbst die kaiserliche Familie das neue Genre goutierte, in erster Linie Erzherzog Viktor Ludwig, der jüngste Bruder Kaiser Franz Josefs, in der Familie kurz Luzi Wuzi genannt. Er fand in den Spielsituationen der Libretti sogar seine homophilen Neigungen gespiegelt, die er im Alltag nur skandalträchtig ausleben konnte.

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Der erotische Touch der Stücke war jedoch nicht der Grund, warum Gattin Henriette, kurz Jetty genannt, geborene Treffz-Chalupetzky, Johann Strauss Sohn zur Operette drängte. Sie war eigentlich prüde – trotz sieben unehelicher Kinder, deren letzte, zwei Mädchen, beim Vater, dem späteren Baron Todesco, im Palais Todesco auf der Kärntnerstraße zurückgeblieben waren, als sie sich dem Walzerkönig zuwandte. Aber sie hatte ähnlich gute Managerqualitäten wie die Mutter des Komponisten, Anna Strauss, geborene Streim, die die Strauss-Brüder weltweit etabliert und Sohn Johann zum Walzerkönig gekrönt hatte. Jetty erkannte die Möglichkeit, über immer wieder sprudelnde Tantiemen durch Operettenaufführungen mehr Geld in die private Kasse zu spielen, als durch Einmal-Bezüge bei Tanzmusik-Kompositionen, wo nur mit Auftrags- und Auftrittshonorar und durch den Notenverkauf Geld zu verdienen war. Und sie erkannte auch, dass die verkaufsfördernde Wirkung des Walzerkönigs nur mit seinem persönlichen Auftreten vor dem Orchester der Strauss-Familie erreicht werden konnte, wovon Johann Strauss immer mehr die Nase voll hatte.

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Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Erotischer Strauss: Die ehemalige Courtisane Jetty Treffz mit ihrem Johann, Hand in Hand gegen die moralische Entrüstung Wiens/ORCA/Roser

Bis zur Komposition von Indigo lagen bereits 342 Opuswerke mit Tanzmusik vor. So war nun die Zeit gekommen, sich den Absichten Jettys zu beugen. Erst 1863 war Johann Strauss vom Kaiserhof mit dem Ehrentitel Hofball-Musikdirektor ausgezeichnet worden, der einst für seinen Vater erfunden worden war. Am 5. Jänner 1871 suchte er um Enthebung von der Leitung der Hofball-Musik an, was im Vorfeld sicherlich mit dem Obersthofmeister Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst abgesprochen war. Denn bereits eine Woche später erreichte ihn die Bestätigung des Kaisers, der ihm den Titel auch weiterhin beließ und ihn für seine Verdienste mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph – Ordens auszeichnete. Am 27. März des Jahres erfolgte im neuen Musikvereinssaal am Karlsplatz der letzte gemeinsame Auftritt mit den Brüdern Josef und Eduard. Ein Lebensabschnitt war zu Ende. Ein neuer als Operettenkomponist begann. Als Operettenkomponist im Theater an der Wien musste Johann Strauss Sohn nicht mehr als „Gunstwerber“ antreten, wie einer seiner Walzer im Debutkonzert am 15. Oktober 1844 im Casino Dommayer in Hietzing geheißen hatte. Die Gunst des Publikums war ihm gewiss. Aber er hatte nun mit einem Partner zu rechnen, den er nicht so recht einzuschätzen wusste: dem oder den Librettisten.

Und das begann schon bei Indigo und die 40 Räuber die Malaise, die – von der Presse deutlich artikuliert – ihn an der Richtigkeit seines Schrittes hätte zweifeln lassen können. Schulkamerad und Freund Anton Langer, Herausgeber der viel gelesenen humoristischen MonatsschriftHans Jörgel, versuchte nach der umjubelten Premiere die Zweifel zu zerstreuen: „Du hast Talent genug, dass eine Operette von Dir keine andere Ausstattung braucht, als Deine Musik. Du hast’s nicht notwendig, ein halbes Hundert halbnackte Weiber oder doch Weiber in Hosen hinaufzustellen.“ Er findet das Textbuch nicht schlechter als die Bücher für „unzählige Offenbach’sche Blöderien“, womit er unter anderem sicher auch Offenbachs Die Insel Tulipatan meint, angewidert von der erotischen Sprengkraft dieses Cross-Dressing-Einakters, dessen entschlüsselbare homophile Tendenz ihm nicht behagte. Mit dem Hinweis auf die Güte schlichter Offenbach-Stücke, die dem Singspiel nahestehen – wie zum Beispiel Verlobung bei der Laterne oder Fortunios Lied – warnt er vor Ausstattungsstücken, zu denen er Indigo zählt, ohne zu ahnen, dass die Operette schon sehr bald diesen Weg einschlagen wird und die Ausstattung zu einem stilbildenden Parameter.

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Vorbild und Zeitgenosse Jacques Offenbach/ORCA

Für das nicht gerade vorbildliche Textbuch von Indigo und die 40 Räuber übernahm Maximilian Steiner die Verantwortung, der seit 1869 gemeinsam mit dem Star des Theaters an der Wien, der Schauspielerin Marie Geistinger, die Bühne leitete. Das vier Wochen vor der Premiere am 13. Jänner 1871 eingereichte Zensurlibretto trägt allerdings den Namen Richard Gené(e). Der gebürtige Danziger war noch von Friedrich Strampfer 1868 als Kapellmeister ans Theater an der Wien verpflichtet worden, dort allerdings nicht nur am Pult tätig, sondern als Mädchen für alles eingesetzt, so auch als Libretto-Retter oder besser: play doctor, wie man das im amerikanischen Musicalgeschäft nennt. Er war offensichtlich der Letzte, der am Libretto von Indigo Rettungsversuche vornahm, nachdem schon diverse Köche den Brei zu „verbessern“ gesucht hatten. Er beriet Johann Strauss auch in allen musikalischen Bühnenbelangen. Kurz gesagt: Strauss lieferte die Melodien, Genée setzte sie um.

Indigo führt auf die orientalische Insel Makassar, wo König Indigo ein von korrupten Ministerialen ausgeplündertes Volk regiert. Seine Lieblingsbajadere ist die in Wien geborene Fantasca. Sie hat mit ihrem Geliebten Janio auf einer Reise Schiffbruch erlitten und ist im Harem Indigos gelandet. Janio wurde quasi als Hofnarr von Indigo aufgenommen. Eine Räuberbande bedroht die Insel. Fantasca wird als Preis für den ausgesetzt, der die Räuber besiegt. Die Räuber sind aber schon längst bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen. So verkleiden sich die Bajaderen unter Führung Fantascas als Räuber, erbeuten die Schätze der ertrunkenen Räuber, Fantasca betäubt die Bajaderen mit Opium, lässt sie auf den Sklavenmarkt bringen, wo Janio von Indigo, der sich inzwischen zum Gott ausrufen ließ, als Besieger der Räuber die Hand Fantascas einfordert, worauf sie gemeinsam mit den Bajaderen nach Wien absegeln.

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Ein bisschen viel action, viel Spiel – und kaum etwas zum Anspielen, sieht man von den korrupten Ministerialen und dem Damenchor in Hosen ab. Korruption sollte in der Folge zu einem mehrmals verwendeten Motiv der Wiener Operette werden, denken wir nur an den infamen Podestá Nasoni in Gasparone von Millöcker. Ein dramaturgisches Mittel, das auch heute noch von einem Publikum sofort verstanden wird. Das Wiener Theaterpublikum war nicht eben an große Bühnenliteratur gewöhnt. Man bedenke, dass selbst das Repertoire des hehren Burgtheaters von trivialen Stücken dominiert war, deren Text sich oft kaum von den Dialogen der Operetten unterschied und nur durch schauspielerisches Können veredelt wurde. Offensichtlich wirkte da noch immer ein Dekret des Gründungskaisers Joseph II. nach, das keine traurigen Stücke zulassen wollte, um die kaiserlichen Zuschauer beim Theaterbesuch nicht in traurige Stimmung zu versetzen. Die Konversationskomödie führte noch eine ziemlich banale Konversation.

Erotischer Strauss. Librettist Richard Gené hatte keinen kleinen Anteil am "Verrufenen/ORCA

Erotischer Strauss. Librettist Richard Genée hatte keinen geringen Anteil am „Verrufenen“/ORCA

Die reichlich absurde Handlung von Indigo hat das Publikum bestimmt nicht deprimiert, aber die Gesangstexte hätten das Publikum schon in traurige Stimmung fallen lassen können.Nur ein Beispiel – Fantasia singt: „In des Harems Heiligtume, in der Frauen heit’rem Kreise, blühe ich als stille Blume fern vom Welteng‘leise. Und wie Blumen welkt die Liebe in den Herzen hin allmählich, ach, nur einmal blüh’n die Triebe – und wer das glaubt, der wird selig!“  Selbstverständlich war das nicht parodistisch gemeint. Es sollte lustig wirken. Schwer vorstellbar, dass ein Mann wie Genée Urheber dieser Verse hätte sein sollen, der einmal der goldenen Wiener Operette die besten Libretti schreiben würde. Da waren sicher andere Autoren am Werk, weshalb letztendlich Genée auch nicht für das fertige Produkt zeichnete. Wir finden aber in diesem Textbuch von Indigo schon viele Motive, die die weitere Entwicklung der Wiener Operette bestimmen sollten. Da wäre zum Beispiel die Verherrlichung Wiens mit einem Walzer, die bis hinein ins nächste Jahrhundert immer wieder von Komponisten aufgegriffen wurde. Und da wäre auch der exotische Spielort, der Reiz des Fremden, der ebenso zu einem erotischen Stimulans wird und die erotische Komponente der Libretti in den Bereich des Märchens verschiebt. „Märchen für Erwachsene“ hat Robert Herzl, einer der letzten traditionellen Operettenregisseure, das Genre der Wiener Operette immer genannt. Märchen, die sich vom satirischen Vorbild der französischen Operette verabschiedet hatten, die das Faszinosum des Exotischen, das Offenbach als Maske einer kritischen Haltung benutzte, unreflektiert übernahmen und zunehmend in Exotismen aller Art schwelgten, wie Christian Glanz konstatierte. Märchen wurden auch gebraucht für die minderbemittelten Schichten der rapide wachsenden Stadt, für die armen, ausgebeuteten Arbeiter aus Böhmen und Mähren, die Ziegelböhmen, die das Wunderwerk der Ringstraße entstehen ließen und die in diesen Märchen auf den billigen Rangplätzen der Vorstadttheater ihrer bitteren Realität entflohen.

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Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Kollege Franz von Suppé/Wikipedia

Volker Klotz ließ Richard Genée spät, wie er selbst in einem Aufsatz bekennt, zu den Ehren kommen, die diesem Motor der Wiener Operette, wie er ihn nannte, zustehen. Johann Strauss scheint schneller die außerordentliche Begabung Genées erkannt zu haben, weil ab „Indigo“ zunächst keine seiner neuen Operetten ohne seine Mithilfe auskam. Klotz beschreibt Genée als „Gegenteil eines sendungsbesessenen Reformators“. „Die gelassene Haltung des selbstsicheren Fachmanns“ ermöglichte ihm, jedem Komponisten plausibel zu machen, was seinem Werk Not tut. Er kannte das Werk Offenbachs genauest und hatte selbst mit eigenen Werken im neuen Genre noch vor seinem Engagement nach Wien parallel zu Suppé und Kollegen erfolgreich experimentiert. Er wusste die Frivolität der Offenbachschen Libretti in seine Libretti für die Wiener Komponistentrias Suppé, Strauss und Millöcker zu retten, die weniger das Publikum auf den oberen Rängen interessierte, das ein gesundes Verhältnis zur Sexualität hatte, als das erstarkte Bürgertum und die assimilierte jüdische Gesellschaft. Seit 1860, im Jahr der ersten Wiener Operette, durften Juden in Wien Besitz erwerben. Begütert und angesehen wurden sie neben dem Adel zu Protagonisten der Wiener Ringstraßenzeit.

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Die Operette wurde für sie das Zentrum des musikalischen Amusements, galt als etwas Fortschrittliches, das man wie auch das Neue in anderen künstlerischen Bereichen – nun endlich angstfrei, ohne drohende Pogrome im Nacken – fördern wollte. Genée stimmte also das junge musikalische Amüsiertheater wieder auf die großstädtische Pariser Wurzel zurück, die man für das Werden einer Metropole notwendig fand, auch wenn Wien etwas ganz anderes als Paris war. Genée wusste sich auch bei der katholisch konservativen Jetty Strauss durchzusetzen, die bei der Fledermaus ein Libretto zuließ, das thematisch schon eher der nicht gerade prüden Lebensart von Johann Strauss Sohn entsprach. Einmal noch wurde auch eine weitere große Hosenrolle mit dem Prinzen Orlofsky von Jetty akzeptiert, die den frivolen Hintergrund der Handlung – so wie heute mancher Regisseur – übersah oder tolerierte und nur die oberflächliche szenische Folie eines in jeder Beziehung rauschenden Festes zur Kenntnis nehmen wollte. Für die Darsteller war wieder Spielen und Anspielen gefragt. Man betrat wieder einen Boden, aus dem auch die Literaten der Zeit, wie zum Beispiel Arthur Schnitzler, ihre Motivstränge zogen, auch wenn sie bei ihnen meist anders als in der Operette letal endeten. Der Kenner der französischen Literatur, Kapellmeister Genée, arbeitete bevorzugt mit Camillo Walzel zusammen, der sich als Schriftsteller F. Zell nannte, einem gebürtigen vielseitig begabten Magdeburger, der unter anderem Lithograph, Schauspieler, Schiffskapitän und eben Schriftsteller war, überaus belesen, so dass er die Handlungen der gemeinsamen Operettenlibretti vorgeben konnte und dabei behende fremdsprachige Quellen plünderte, was immer wieder zu verzwickten rechtlichen Situationen führte.

Für die Fledermaus wurde aber Genée mit einem Wiener Schriftsteller zusammengespannt, der die couleur locale in das Stück Le Réveillon von Meilhac und Halévy, dem Libretto-Wunderteam Offenbachs, einbringen sollte, mit Carl Haffner. Oswald Panagl und Fritz Schweiger beschreiben den damals bereits 70jährigen Hausdichter des Carl-Theaters als Prototyp eines „Hungerpoeten“, der seinem Theater jährlich zwölf neue Stücke liefern musste. Genée war mit der Übersetzung und wienerischen Einrichtung des Originals durch Haffner, den er übrigens nach eigener Auskunft nie gesehen hat, nicht einverstanden. Wahrscheinlich war sie so bieder ausgefallen, wie damals die Sprechstücke auf den Vorstadtbühnen zu sein pflegten. Das konnte man für eine Operette nicht brauchen. „Ich fand es unmöglich“, schrieb Genée, „erbat mir am anderen Morgen das französische Original und schrieb hiernach das Libretto. Von der Haffnerschen Posse, die ich zurückgab, benutzte ich nur die Namen der Personen. Auch von dem Original musste ich in Szenenbau und Charakteren weit abweichen… Um den altbewährten Schriftsteller Haffner nicht zu kränken, wurde er auf dem Theaterzettel mit meiner Zustimmung als Kollaborateur genannt.“ Genée war aber nicht nur als Librettist in den Entstehungsprozess der neuen Strauss-Operette involviert. Er war musikalischer Ratgeber, der dem berühmten Komponisten mit seinem Wissen über szenische Musik zur Hand ging und mit dem von ihm gestalteten berühmten Melodram mit der Schicksals-Musiknummer 13 im 3. Akt der Partitur Strauss zu der wohl theatertauglichsten Musik führte, die er geschrieben – oder eben nicht geschrieben hat.

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Strauss: Hörptobe zu "Indigo" auf youtube

Strauss: Hörprobe zu „Indigo“ auf youtube

So wurde nun das Publikum des Theaters an der Wien am 5. April 1874 in einen Badeort in der Nähe einer großen Stadt geführt. Wenn in manchen Inszenierungen der Vorhang hochgeht, sieht man eine feudale Villa im Hollywood-Stil. Das war sicher nicht Genées Absicht. Pensionisten konnten sich vielfach das Leben in der Großstadt nicht mehr leisten und zogen sich deshalb in die Umgebung der Stadt zurück, wo das Leben billiger war. Der Ort der Handlung spielte also schon auf den Stand und die Vermögenslage der Protagonisten an, war unschwer als Baden bei Wien erkennbar und erregte beim Publikum Heiterkeit in Erinnerung an Bekannte, die ihm das real vorlebten. Dass in einem kleinen Ort jeder jeden kennt, ist selbstverständlich. Umso unverständlicher, wenn nun einer dort, der Richter, nicht so ticken will, wie es dem vor Gericht stehenden Rentier Eisenstein gefällt, der ihn bestens kennt und ihm bei Einladungen das Silberbesteck geborgt hat, wie man im französischen Original lesen kann. Gattin Rosalinde wiederum benutzt den verurteilenden Richter gleich als Alibi für ihr neuerliches Techtelmechtel mit einem ehemaligen Liebhaber. „Hätte er meinen Mann nicht verurteilt, könnte ich meinen ehemaligen Liebhaber nicht empfangen!“ In aller Unverblümtheit gestaltet sich da ein Sittenbild, das die angestochene Moral der Zeit reflektiert. Hebt sich dann im zweiten Akt der Vorhang, sieht man meistens einen prachtvollen Ballsaal. Hat sich Genée das wirklich so vorgestellt?

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Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Erotischer Strauss: Librettist Camillo Walzel/ORCA

Ich habe einmal mit dem großen Regisseur Giorgio Strehler über eine Inszenierung der “Fledermaus” gesprochen. Er war sich ohne langes Nachdenken der Hintergründigkeit der Szene bewusst, die Sein und Schein auseinander dividieren muss.Für ihn waren die Ballettratten nicht die ranken und schlanken Tänzerinnen des Hofopernballetts, sondern die Damen der letzten Reihe, die sich ihre knappen Gagen mit Beziehungen zu betuchten Herren aufpäppelten. Und Prinz Orlofsky war kein reicher russischer Magnat, sondern ein Schieber, der nur in der Provinz den feinen Mann spielen kann, auf den ihm die Gesellschaft in der Großstadt nicht hereinfallen würde und wo er sich auch mehr vor der Polizei hätte in Acht nehmen müssen. Wenn schließlich die mediokre Gesellschaft auf der Bühne champagner- und wodkagetränkt ins lallende „Dui-du“ der Verbrüderung fällt – dann weiß man genau, wohin das führt, wenn der Vorhang gefallen ist.

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Spielen und anspielen, das ist es, was die Inszenierung einer guten Operette heute so unendlich schwer macht. Man will es nicht so genau wissen, aber genauest glauben, was eigentlich los ist. Der Schlussgesang der Fledermaus weist deutlich darauf hin, auch wenn gleich wieder der Champagner als Entschuldigung herangezogen wird, der alles verursacht haben soll: „Wir wollen ihm den Glauben, der selig macht nicht rauben.“ Der Zuschauer weiß, dass er einem eindeutig sexuell konnotierten Vexierspiel zugesehen hat, das oft die Pornographie streift, wenn zum Beispiel der enttarnte Gefängnisdirektor Frank das Stubenmädchen rügt: „Sie haben sich von mir die Hand küssen lassen!“ Und sie darauf antwortet: „Nicht nur die!“

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Die berühmten Libretti von Zell und Genée greifen immer wieder dieses Brunftjagen nach dem anderen Geschlecht auf, das versteckt auch die zwischenmenschliche Realität der Zeit bestimmte. In Suppés Boccaccio geht es in erster Linie um Sex, im Bettelstudent benimmt man sich schon etwas gesitteter. Für Strauss ließen sich die beiden Herren noch einmal auf die erotische Jagd ein, die man aber diesmal nicht so unversteckt portraitierte wie in derFledermaus, sondern um den Faktor Romantik bereichert. Eine Nacht in Venedig hieß das Stück, wieder nach einer französischen Quelle, dem Opernlibretto zu Le Château Trompette von Eugène Cormon und Michel Carré, wieder mit den üblichen urheberrechtlichen Schwierigkeiten wegen literarischer Plünderung. Nur diesmal fand die Uraufführung nicht in Wien statt, da Strauss das Theater an der Wien meiden wollte, weil ihn seine zweite Frau Angelika Dittrich (Jetty war 1878 gestorben) verlassen hatte und nun mit dem neuen Direktor des Theaters, Franz Steiner, dem älteren Sohn des inzwischen verstorbenen Maximilian Steiner, zusammenlebte, also Frau Prinzipalin geworden war, was man in der Presse als Begründung auch nur „anspielen“ konnte.

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Poster zu "Bocaccio", London 1882/ORCA

Poster zu „Bocaccio“, London 1882/ORCA

Die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig am 3. Oktober 1883 zur Eröffnung des Neuen Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters in Berlin wird immer wieder als Misserfolg auf Grund des Librettos kommuniziert. Sicher, man hat das Libretto von Zell und Genée nicht geliebt. „Sie sind und bleiben des Sängers Fluch“, schrieb der Rezensent der Deutschen Zeitung am Tag nach der Premiere. Aber bei dieser entstand Unruhe beim Publikum nur beim Text des „Lagunenwalzers“, wo man auf die ursprünglichen Worte „Bei Nacht die Katzen sind grau, zärtlich ertönt ihr Miau“ mit Miauen reagierte. Schon am nächsten Tag war der Text geändert – und einem Berliner Erfolg des Werkes stand nichts mehr im Wege. Nur sechs Tage später kam die Nacht in Venedig bereits in Wien heraus. Natürlich im Theater an der Wien. Lili und Strauss hatten sich zwar nicht versöhnt, aber: „Non olet!“. Auf das ideale, den Erfolg bestimmende Ensemble, das einem vertraut war und einen Erfolg garantierte, wollte die Firma Strauss nicht verzichten. In Wien hatte man aber den Text des in Berlin Unruhe stiftenden Walzers schon längst geändert. Denn hier wurde der Walzer nicht wie in Berlin vom Herzog gesungen, sondern von Caramello, Herrn Girardi – und auf dessen Rolle hätte der ursprüngliche Text nicht gepasst. Sicher, die Berliner Uraufführungsverse waren nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz. In Wien hätte man sie wahrscheinlich als Anspielung darauf verstanden, dass ein Alter einer Jungen nachjagt. Schon im deutschen Libretto von Paisiellos Barbier von Sevilla begründet Doktor Bartolo seinen berechtigten Anspruch auf sein Mündel Rosina, dass in der Nacht alle Katzen grau seien, es also ganz egal sein kann, wer zu ihr ins Bett steigt, ein Junger oder ein Alter. Den Berlinern war das schlicht und einfach zu sehr um die Ecke gedacht. Da liebte man es direkter. Die Posse hätte da andere Parameter aufgefahren. Anspielen war nicht lustig. Aber die deftigsten, sexuell konnotierten Anspielungen finden sich seltsamerweise erst in den Wiener Änderungen, wenn zum Beispiel Pappacoda den Herzog fragt, ob er schon die Wirkung seines Apfelstrudels ohne Äpfel empfunden habe.

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Johann Strauss: Poster zum "Zigeneunerbaron" 1885/ORCA

Johann Strauss: Poster zum „Zigeneunerbaron“ 1885/ORCA

„Zwischen Weinberl und Zibeben tu‘ ich gern was Scharfes legen. Es essen alte Herr’n Pikantes gar so gern – hinein dann in die heiße Röhr’n.“ In Wien ging die Nacht in Venedig umjubelt in Szene. Das Lachtheater war hier anders gestimmt als in Berlin. Und dennoch meckerte die Presse auch in Wien wieder am Textbuch herum. Bei allen Strauss-Operetten fällt das als Konstante auf, die auch auf den Komponisten Strauss abfärbte, dem nie diese bedingungslose Wertschätzung der Kritik bei den Operetten gezollt wurde wie bei seinen Schöpfungen im rein instrumentalen Bereich, bei den Walzern und Polkas, wo man ihn bereitwilligst „König“ nannte. Ich verdanke diesen Hinweis Marion Linhardt. Die Wiener Presse war meist ungnädig mit Operettenlibrettisten, was immer auch auf die Komponisten abfärbte. Strauss wurde wenigstens nicht wie Suppé der Talentlosigkeit geziehen. Aber die Reaktionen auf die Nacht in Venedig ließen Strauss von Zell und Genée abrücken. Sie sollten kein Libretto mehr für ihn verfassen.

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Vielleicht war auch die Zeit des Anspielens in der Operette vorbei. Sie verfiel immer mehr dem Exotismus und ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 auch einem speziellen „Binnen-Exotismus“, wie Christian Glanz so treffend die Verortung der Handlungen auf die Kronländer der Monarchie bezeichnete. Mit diesem Binnenexotismus schritt auch die Tendenz zur Oper in den Operetten voran. Im Zigeunerbaron finden sich nur mehr am Rande erotische Anspielungen. So mag man das Dompfaff-Duett von Saffi und Barinkay als erotische Anspielung auf eine Befürwortung der freien Liebe empfinden. Angespielt wurde auf andere Dinge: Man mag zum Beispiel das untadelige Verhalten der Zigeuner als positive politische Äußerung im Vergleich zum kriegsbeuterisch unanständigen Schweinezüchter Zsupán empfinden. Éljen a Magyar! – auch wenn es rein wirtschaftlich darum ging, den ungarischen Musikmarkt zu erobern. Der Binnenexotismus zeigt auch deutlich die Unvernünftigkeit der Regierung, die nur Ungarn, nicht aber Böhmen und Mähren einen Ausgleich gewährte, weswegen Böhmen und Mähren bei Operettenlibretti nicht bestimmend wurden, obwohl sie bedeutendes musikalisches Kolorit jenseits der Polkas hätten beitragen können. Erst das 20. Jahrhundert gewann dann wieder der Operette die Erotik zurück – und dort oft noch deutlicher ins Pornographische verweisend.

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Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Autor Hans-Dieter Roser/Foto Anne Oppermann/ORCA/Roser

Dieses Abdriften der Operette des späten 19. Jahrhunderts ins Opernhafte ist nicht nur bei Johann Strauss Sohn zu beobachten.Es kann damit zusammenhängen, dass die Komponisten ihre Arbeit als Operettenkomponisten nicht als vollwertige künstlerische Tätigkeit empfinden konnten, weil ihnen die rückhaltlose Bewunderung des Publikums und der Rezensenten auf diesem Sektor nicht in dem Maße zu Teil wurde, die sie in anderen Bereichen ihres Künstlerlebens genießen durften. Die Oper stellte sich nicht als andere, sondern als höherwertige Kunstform dar. Deshalb der Drang von Suppé und Strauss zur Oper, mit der sie aber beide nicht reüssieren konnten. Das mag auch ihre zeitweiligen depressiven Verstimmungen ausgelöst haben wie auch manche private Spleens.

„Die Fledermaus ist nicht die beste Operette, sie ist die Operette …“ stellte der Dirigent Felix von Weingartner einmal fest. Volker Klotz bestätigt ihn, weil er in der Fledermaus eine Wiener Offenbachiade erkennen kann. Auf alle Fälle ist sie bis heute die Operette aller Operetten, auch wenn sie meist szenisch falsch interpretiert wird. Und sie hat der Operette des 20. Jahrhunderts mit dem Gerichtsdiener Frosch eine Figur geschenkt, die im 20. Jahrhundert zu einem ganz speziellen Rollentypus, dem 3. Akt-Komiker, führte, Spielfeld aller großer Komiker. Seltsamerweise hat kein Operettenlibrettist des 19. Jahrhunderts auf diesen Typus zurückgegriffen. Man blieb an der durchgehenden komischen Figur des bürgerlichen Lustspiels hängen. Erst als die Operettendramaturgie in Handlungsschablonen zu denken begann, entdeckte man wieder diesen Typus, den man nun in verschiedenen sozialen Konstellationen als Spaßmacher im musikalisch meist schwächelnden dritten Akt einsetzte, um das unausweichlich bereits vorhersehbare Finale, glücklich oder tragisch – was für die Operette überhaupt eine beliebte Unsinnigkeit war – mit einer letzten unterhaltsamen Steigerung einzuleiten. Im Slibowitz war also nicht nur Wahrheit, sondern auch Dramaturgie. Hans-Dieter Roser

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Der vorstehende Text fasst einen Vortrag zusammen, den der leider 2022 verstorbene Hans-Dieter Roser, Professor in Wien, ehemaliger Künstlerischer Betriebsdirektor an der Berliner Staatsoper,  Vizedirektor der Volksoper Wien und Inhaber vieler weiterer wichtiger Positionen im internationalen Theaterbetrieb, im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ im März 2015 hielt. Er war der Eröffnungsvortrag der „Tanz-Signale“-Konferenz zum Thema „Johann Strauss und seine Operetten-Libretti“. Wir danken Professor Roser für die Erlaubnis zum „Nachdruck“. Der Text erschien erstmals bei den Kollegen des Operetta Research Center Amsterdam/Orca, denen wir ebenfalls danken. G. H.

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Abbildung oben: Die Welt der Operette – Frivol, erotisch und modern: Glamour, Stars und Showbusiness. Anläßlich der gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen … Theatermuseum München 17.10.2012-10.3.2013 Gebundene Ausgabe – 14. September 2011 von Kevin Clarke (Autor), Marie-Theres Arnbom (Autor), Thomas Trabitsch (Hrsg.) (Autor)/Ausschnitt/Amazon

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Und auf meine Frage nach „Zibeben“ schrieb mir Hans-Dieter Roser: Meine Kremser Großmutter kannte das Wort Rosine gar nicht, da war immer von Weinberln und Zibeben die Rede. Weinberln waren die saftigen Rosinen, Zibeben die trockenen, die vorher in Rum eingeweicht wurden. Wikipedia hat mich aufgeklärt, dass Zibeben schon getrocknet vom Weinstock geerntet werden. Ich nehme an, dass mit Weinberln jung und mit Zibeben alt gemeint war… Danke. G. H.

West-östliches Experiment

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Eine Aufführung von Mozarts Requiem in der Vollendung durch Franz Xaver Süßmayr hat das Luzerner Sinfonieorchester unter seinem Dirigenten Michael Sanderling bei Warner Classics eingespielt, dem sich eine Komposition des türkischen Pianisten und Komponisten Fazil Say mit dem Titel Mozart& Mevlana anschließt. Der Fragment-Charakter des Requiems brachte Say auf die Idee, der in seiner Komposition nicht eine Vollendung des Requiems, sondern ein Weiterdenken sieht, der sich die Frage gestellt hat, was es im Hörer auslöst und welche Fragen offen bleiben. Es ist nicht die erste an Mozart anknüpfende Komposition von Say, der bereits eine jazzige Improvisation auf den berühmten Türkenmarsch verfasst hat, in der er „Neue Musik, Jazz und traditionelle  Musik der Türkei“ miteinander verbunden hat zu dem, was er als „persönliche Weltmusik“ bezeichnet. Noch anspruchsvoller klingt, was er als Ziel seiner Musik ansieht, nämlich „eine Brücke von Liebe und Freundschaft zwischen Ost und West, getragen durch die Musik, in Klang übersetzt“, zu bauen.

Say beruft sich auch auf Goethe, der sich vom persischen Dichter Hafis inspirieren ließ, was der West-Östliche Diwan beweist, für ihn selbst waren Gedichte des im 13.Jahrhudert gelebt habenden Mevlana Rufi der Anstoß für eine Verbindung von Orient und Okzident. Das erste stellt eine erstaunliche Liberalität in Glaubensfragen unter Beweis, wenn das Ich Angehörige aller Religionen zur Bruderschaft aufruft, das zweite preist positive Charakterzüge wie Großzügigkeit, Mitgefühl oder Demut, die in den auf das Wirken des Dichters folgenden Jahrhunderten allerdings wenig Beachtung fanden.

Zum Luzerner Sinfonieorchester hat der Komponist seit langem ein besonders gutes Verhältnis, führte es doch bereits sein Violinkonzert auf, und Dirigent Michael Sanderling gab die Anregung zum vorliegenden Werk. Die Orchesterbesetzung ist für Mozart und Say die identische, außer dass für letzteren noch die türkischen Instrumente Rohrflöte (Ney) und Kerseltrommel (Kudüm) hinzugefügt wurden. Mozart-Elemente stammen aus dem Requiem, dem Klarinettenkonzert und der Fantasie in d-Moll.

Der Star der Aufnahme ist ohne jeden Zweifel der Rundfunkchor Berlin, der mit sehr viel mehr Energie als alle anderen Mitwirkenden an seine Aufgabe herangeht, der oft, so im Lacrymosa mit schönen Schwelltönen und reicher Agogik prunkt, der die Musik leuchten lässt und überaus textverständlich ist. Ein guter Partner ist ihm das Luzerner Sinfonieorchester, das auch den Solisten ein einfühlsamer Begleiter ist. Aus dem Quartett sticht der Mezzosopran von Marianne Crebassa durch Farbigkeit, Geschmeidigkeit und Leuchtkraft ihrer Stimme hervor. Ohne mit einem besonders schönen Timbre prunken zu können, ist Pene Pati mit einem lyrischen Tenor aus einem Guss ein angenehmer Partner, Fatma Said setzt einen klaren bis spitzen Sopran für ihren Part ein, Alexandros Stavrakakis`Bass klingt recht knarzig, auch oft gepresst und dumpf. In den beiden Liedern am Schluss kommen seine Qualitäten besser zur Geltung. Say sieht auch in der Tatsache, dass die Sänger aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, einen Vorzug der Aufnahme, welche Ansicht man nicht unbedingt teilen muss.

Die Musik zu den Mevlana-Texten ist sehr viel auftrumpfender als deren sanfte Botschaft erwarten lässt, was nicht zuletzt an dem Auftrumpfen der Trommel liegt. Insgesamt sind das ein interessantes Experiment und damit eine hörenswerte Aufnahme (Warner Classics 5021732754721). Ingrid Wanja     

Die Eifersucht ist eine Plage

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Gelosia! heißt das neue Album von Philippe Jaroussky bei seiner Stammfirma Erato/Warner (5054197998713). Es offeriert fünf Cantate da camera für Solostimme und kleines Instrumentalensemble, welche das Laster und die Qual der Eifersucht reflektieren. Der Titel der Platte resultiert aus Porporas Kantate La Gelosia auf einen Text von Metastasio – eine der beiden Weltpremieren dieser Sammlung. Sie wurde 1746 im galanten Stil komponiert und enthält eine zusätzlich eingefügte Sinfonia. Koloraturgirlanden und Triller stehen für die bekannte Virtuosität des Komponisten und finden sich vor allem im letzten Satz, einem lebhaften Allegretto. Jaroussky erweist sich hier noch immer als Meister in der Beherrschung des vokalen Zierwerks.

Den Text vertonte auch Baldassare Galuppi, dessen Komposition die Programmfolge beschließt und gleichfalls eine Weltersteinspielung darstellt. Mehr als auf Bravour konzentriert sich das Stück auf den Ausdruck mit einer  getragenen und einer munter beschwingten Arie.

Den Beginn der CD markiert Alessandro Scarlattis Kantate „Ombre tacite e sole“, deren zwei Arien beide mit Lento ausgewiesen sind, was der Stimme des Interpreten perfekt entspricht. Sie ist mit ihrer weichen Textur und dem zuweilen weinerlichen Ausdruck für Partien mit dramatischer Attacke und heroischer Vehemenz weniger geeignet (obwohl er solche durchaus interpretiert hat), besser liegen ihm jugendliche und introvertierte Figuren mit lyrischem Stimmcharakter. Die erste Arie mit mehreren Pausen reflektiert den verwirrten Zustand eines wegen der Untreue seiner Geliebten verzweifelten Liebhabers, die zweite ist ein Siciliano und schildert die Gewissensbisse der Untreuen. Die Stimme klingt sanft, gar lieblich und verträumt, lässt von seelischer Pein kaum etwas vernehmen.

Zwei bekannte Stücke ergänzen das Programm: Vivaldis „Cessate, omai cessate“ und Händels „Mi palpita il cor“. Erstere schildert in der Einleitung die Qualen eines betrogenen Liebhabers, später werden Wut und Tränen musikalisch ausgedrückt. Jaroussky hat sich mit diesem Komponisten jahrelang auseinandergesetzt, ihm bereits drei Alben gewidmet. Diese Beschäftigung ist spürbar durch  spannende Akzente und eine reiche Farbpalette. Auch die begleitenden Instrumente erzielen mit harschen, klirrenden Akkorden eine faszinierende Klangwelt. Das abschließende Allegro („Nell´orrido albergo“) ist ein Höhepunkt der CD mit rasenden Läufen und dem erregten Gesang des Counters, der hier wirklich von existentieller Not kündet. Händels Komposition gehört zu seinen Meisterwerken in diesem Genre, lebt von ungemein intensiven Rezitativen und sinnlichen Arien. Die erstere, „Agitata è l´alma mia“, verlangt aber trotz ihrer Kürze auch Koloraturemphase. Die zweite, „Ho tanti affani“, ist ein kantabler Dialog zwischen Flöte und Stimme, während die letzte, „Se un dì m´adora la mia crudele“, ein stürmisches Finale markiert.

Den Sänger begleitet das von ihm gegründete Ensemble ARTASERSE, das er auch selbst dirigiert. In ihm hat er die denkbar beste Unterstützung. Bernd Hoppe

Festivals 2025

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Auch in diesem Jahr sind wir bei der Auswahl der besuchten Live-Aufführungen wählerisch und konzentrieren uns auf wenige und eben für uns interessante Operntitel oder -Locations. Eine Auflistung alle Festival-Beiträge finden sie hier.

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Im Pflegeheim und Krankenhaus – Donizetti Opera: Das Festival in Donizettis Geburtsstadt Bergamo zeigte 2025 Caterina Cornaro, Il furioso nell’isola di San Domingo sowie die beiden Einakter Il campanello und Deux hommes et une femme.

 Die vergangene Dekade hat dem Donizetti Festival, das unterschiedliche Namen trug, aber seit zehn Jahren als Donizetti Opera firmiert, viel Beachtung sowie Preise und Auszeichnungen eingebracht. Die kluge Programmgestaltung, die Öffnung nach vielen Seiten, das Vermittlungsangebot und die internationale Vernetzung wurden gewürdigt. Nach dem überraschenden Rückzug des bisherigen künstlerischen Leiters, Francesco Micheli, wurde dem seit 2017 als Direttore Musicale des Festivals fungierenden Riccardo Frizza aufgrund seiner künstlerischen Erfolge zusätzlich der Posten des Künstlerischen Leiters übertragen. Der international gut beschäftige 54jährige Dirigent aus dem unweiten Brescia wird für Kontinuität und die internationale Anerkennung der Festspiele sorgen, die sich weiterhin auf die drei Wochenende zwischen Mitte November und Anfang Dezember konzentrieren und stets drei Opern präsentierten. So auch in diesem Jahr. Und wieder im Teatro Donizetti in der modernen Unterstadt, der Città Bassa, sowie im Teatro Sociale in der mittelalterlich geprägten Oberstadt, der Città Alta. Das verbindende Thema sei „Il matrimonio“, „die Hochzeit“, was aber genauso austauschbar und inhaltlos wie die Motti ist, mit der hierzulande die Spielzeitprogramme überschrieben werden. Was nicht heißt, dass Hochzeiten, unglückliche, erzwungene oder getrübte, in den Opern nicht eine unwesentliche Rolle spielen

Gaetano Donizetti/ Museo Bergamo/ Wikipedia

Die von den Doppel-Direttore Frizza im Teatro Donizetti geleitete Caterina Cornaro von 1844, die letzte der zu seinen Lebzeiten aufgeführte Oper Donizettis, ist zwar keine ausgesprochene Rarität, doch Donizetti Opera spielte erstmals die Fassung „con l’intero testo poetico musicato da Donizetti e il finale secondo la volontà del compositore“. Eine ausgesprochene Rarität dagegen ist Il furioso nell’isola di San Domingo (Der Wahnsinnige auf der Insel Santo Domingo) von 1833, die ebenfalls im Teatro Donizetti „nella versione integrale della partitura del 1833“ aufgeführt wurde. In Teatro Sociale gab es eine Produktion mit zwei Einaktern: die Farsa Il campanello von 1836 in der Fassung von 1837 sowie die 1860 posthum uraufgeführte Opéra-comique Deux hommes et une femme, die mit dem italienischen Text von Enrico Colosimo auch als Rita bekannt ist

Der zwölf Jahre nach Donizettis Tod an der Opéra Comique in französischer Sprache uraufgeführte Einakter Deux femmes et une femme wirkt in seiner Beschränkung auf drei Personen und der Abfolge der Nummern, drei Arien, drei Terzette, dazu Ouvertüre, Terzett und Vaudeville, wie eine Reminiszenz an Rossinis frühe Farsen, doch die zwischen La fille du régiment und Don Pasquale entstandene Musik greift den Geist der französischen Musikkomödien der 1840er Jahre auf und versprüht romantische Duftigkeit. Sie ist von bezaubernder Anmut, besitzt Esprit und Witz. Als er 1838 in Paris eintraf, beschäftigte sich Donizetti im Auftrag der Opéra Comique mit einer heiteren Oper, für die ihm der Komödienspezialist Gustave Vaëz einen Originalstoff einrichtete: Die Wirtin Rita ist mit Pepé verheiratet. Da sie von ihrem ersten Mann Gasparo geschlagen wurde, schlägt sie nun ihrerseits Pepé. Gasparo gilt seit einem Schiffsunglück als verschollen. Ein Fremder taucht im Gasthof auf. Es handelt sich natürlich um Gasparo. Pepé wittert seine Chance, Rita loszuwerden. Als Gasparo erkennt, dass seine Frau, von der meinte, sie sei bei einem Brand umgekommen, noch lebt, will er abhauen. Beide Männer spielen um Rita. Der Sieger im Spiel muss Rita nehmen. Gasparo gewinnt bzw. verliert, denn er muss Rita zurücknehmen. Mit einer List gelangt Gasparo aber an die alte Heiratsurkunde und verprügelt Pepé, der verspricht, Rita zu behalten. Die Aufführung an der Opera Comique zerschlug sich, ebenso in Neapel, wohin das Werk 1841 geschickt wurde. Erst 1860 fand die späte Uraufführung statt; Bergamo präsentierte jetzt die Edizione critica von Paolo A. Rossini und Francesco Bellotto.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Il Campanello“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Der in Neapel spielende und dort 1836 im Teatro Nuovo uraufgeführte Einakter Il campanello bzw. Il campanello di notte (Die Nachtglocke) um den Apotheker Don Annibale Pistacchio, der die junge Serafina heiratet, ist dagegen bekannter. Serafinas Ex-Lover Enrico will dem Paar die Hochzeitsnacht vermiesen, läutet die Nachtglocke und hält den Apotheker in wechselnden Verkleidungen vom Vollzug der Hochzeitsnacht ab. Am nächsten Tag muss Don Annibale in dringenden Geschäften nach Rom. Enrico freut sich. In Bergamo wurde jetzt erstmals Ilaria Naricis kritische Ausgabe jener Fassung aufgeführt, die Donizetti selbst 1837 für das Teatro del Fondo in Neapel erstellte, wobei er die Sprechtexte durch Seccorezitative von Salvadore Cammarano und den neapolitanischen Dialekt durch Italienisch ersetzte.

Stefania Bonfadelli inszenierte die beiden jeweils gut einstündigen Komödien mit merklicher Lust (28. November). Die einstige Belcanto-Virtuosin kennt das Metier, hat sich als Regisseurin mehrfach ausgezeichnet, darunter 2017 mit Un giorno di regno in Martina Franca sowie anschließend bei Rossini in Wildbad mit Matilde di Shabran und La scala di seta, und setzt die jungen Absolventen der Talentschmiede Bottega Donizetti mit gewinnender Lässigkeit in Szene. Man merkt Bonfadelli an, dass ihr die Stoffe zu dünn und leicht erscheinen, weshalb sie die Farsa und die Opéra comique geschickt verschränkt: das Hotel Rita befindet sich direkt neben der der Pharmacie Pistacchio. So kommt es, dass sich der unförmige Hausdiener mit dem Servierschürzchen nach der Pause im zweiten Stück als Pepé herausstellt, in der Apotheke die Jalousie heruntergelassen wird, während Serafina und Enrico sich zum Schäferstündchen zurückzeihen, aber sich schließlich völlig entzweien usw. Bonfadelli hat die beiden Stränge unaufdringlich in Beziehung gesetzt und in die frühen 1960er Jahre verlegt, was den Chordamen und köstlichen stummen Darstellerinnen zu sehenswerten Hochfrisuren verhalf. In Campanello machte der sehr junge Pierpaolo Martella mit seinem dunkel kernigen, gutsitzenden Kavaliersbariton als Don Annibale bella figura. Erstaunlicherweise ist auch der Enrico ein hoher Bariton. Francesco Bossi nutzte die vielen Bravourszenen, die ihm Donizetti gab, gefällt durch Leichtigkeit und rasant prasselndes Plapper-Parlando, etwa in seinem Brindisi „Mesci, mesci, e sperda il vento“ oder in der Verkleidung als alter Mann, der Rezepte und Arzneien herunterrattert; „Mesci, mesci, e sperda il vento“ ersetzte in der zweiten Fassung das ursprünglich eingelegte Orsini-Lied “Il segreto di esser felice“, das Ugo Mahrieux anschließend aparterweise im Fortepiano sanft anklingen ließ. Mit kräftiger Soubrettensüße gab Lucrezia Tacchi die Serafina, während sich Eleonora de Prez als deftige Madama Rosa ihrem Schwiegersohn an den Hals schmiss. Während Campanello doch sehr schablonenhaft bleibt, ist Deux homme et une femme das reichere Stück, mit dem Donizetti die für ihn typische Schwebelage von Witz und Ernst und Melancholie schön austariert. Christina De Carolis war die etwas säuerlich spitz klingende Rita mit hurtigem Ziergesang. Eine Überraschung bot der offenbar bestens an Mozart und Belcanto-Etüden geschulte Chilene Cristóbal Campos Marín, der den Pepé mit eleganter Klangfülle, Stilgefühl und ironischem Funkeln gab. Alessandro Corbelli, mindestens eine Generation älter als die ihm anvertrauten Schüler, spielte als Gasparo seine jahrzehntelangen Erfahrungen aus und trumpfte mit lautem Ton und praller vis comica auf. Für die musikalisch treffsichere Verblendung der Stücke war Enrico Pagano zuständig, der mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchestra Gli Originali einen beseelten, punktgenau reagierenden Komödienton realisierte.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „I Furioso al Isola di San Domiungo“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

In der Uraufführung von Il campanello sang Giorgio Ronconi die virtuose Partie des Enrico. Er hatte drei Jahre zuvor seine erste Donizetti-Partie kreiert, als er die Titelrolle in Il furioso nell’isola die San Domingo gesungen hatte. Die Geschichte um Cardenio, der über den Betrug seiner Frau Eleonora verrückt wurde und deshalb seit einigen Jahren auf der Insel San Domingo lebt, ist eine der merkwürdigsten, die Donizetti vertont hat. Es ist zugleich die erste Oper, in der er dem Bariton eine Hauptrolle übertrug. Giorgio Ronconi war bei der Uraufführung von Il furioso nell’isola di San Domingo am 2. Januar 1833 am Teatro Valle in Rom erst 22 Jahre alt. Ronconi wirkte noch in weiteren Uraufführungen Donizettis mit, darunter als wichtigste im gleichen Jahr und am gleichen Haus Torquato Tasso, und kreierte 1842 den Nabucco. Das auf der Titelseite als Melodramma bezeichnete Werk, zu dem Rossinis Aschenputtel-Dichter Jacopo Ferretti das Libretto nach einer Episode aus Don Quijote verfasste, ist der Gattung nach eine Semiseria, also eine halbernste Geschichte und behandelt den holprigen Heilungsprozess des Cardenio, der von Bartolomeo und seiner Tochter Marcella betreut wird und dem unabhängig voneinander Eleonora und sein Bruder Fernando auf die Insel folgen. Für die Semiseria-Elemente ist der von einem Bassbuffo gesungene Diener Kaidamà zuständig. Er ist ein Schwarzer, in der aktuellen Inszenierung ein Clown. Gespielt wurde die zu Donizettis Lebzeiten ungemein erfolgreiche Oper zuletzt 2006 in Gelsenkirchen in Andreas Baeslers Einer flog über das Kuckucksnest-Inszenierung und 2013 beim Festival in Bergamo (mit Simone Alberghini und Cinzia Forte); ich erinnere mich recht gut an die Aufführung 1987 in Savona (unter Carlo Rizzi mit Stefano Antonucci und Luciana Serra). Die aktuelle Produktion in Bergamo benutzt die Edizione critica von Eleonora Di Cintio. Bereits während der originalen zweiteiligen Sinfonia, die Alessandro Palumbo anstelle des 1833 in Rom gespielten Preludios benutzt, führt uns die wirkungsvoll gesteigerte Larghetto-Allegretto-Form in ein Altersheim, wo der alte Cardenio in seinen Erinnerungsstücken kramt und seine Gedanken, trotz der Einlenkungen der jungen Pflegerin, zurück auf die Insel San Domingo schweifen. Das kleine Zimmerchen weitet sich, die hübsche hellbunte Tapete mit Flora und Fauna aus exotischen Regionen wird zum karibischen Inselreich. Immer wieder zoomen Regisseur Manuel Renga und sein Ausstatter Aurelio Colombo, die durch den kürzlich beim Verdi Festival in Busseto erarbeiten Macbeth in Erinnerung sind, durch die horizontale und vertikale Verengung des schwarzen Rahmens in die kleine Kammer des greisen Cardenio, der sich anfangs noch als junger Mann an der Seite seiner Braut Eleonora sieht, aber mehr und mehr in einen Strudel gezogen wird, in dem er und die Zuschauer nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden können. Renga gelingt es, diese Verschiebung der Zustände sehr überzeugend ohne inszenatorische Kapriolen auszuspielen, denn der Zustand des sich mal mit seiner Vergangenheit, sprich mit Eleonora, versöhnenden, dann wieder selbstmörderisch wütenden Cardenio wäre auf der Bühne tatsächlich schwer zu fassen. Bei Renga und Colombo werden ein Schrank zur Tür zur Außenwelt, schweben Möbel und Gegenstände im ersten Finale durch die Luft. Endlich klärt sich Cardenios Zustand und, obwohl vieles ringsum in Trümmern liegt, stellen sich er und Eleonora nochmals zum Hochzeitsfoto in Positur. Der alte Cardenio (Andrea de Manincor) und die ihn umhegende alte Eleonora beschauen sich die Idylle, von der wir nicht wissen, ob sie Wirklichkeit oder Traum ist. Gleichmals bezwingend gestalten Polumbo und das Orchestra Donizetti Oper diese in den ersten Jahrzehnten nach der Uraufführung populäre Oper, die eine stärkere Verbreitung verdient hätte. Spannend und wie aus einem Guss wölben sie in dem Meisterwerk aus Donizettis mittlerer Periode einen Bogen von der Sinfonia über die reichen Ensembleszenen, das vielgliedrig aufgedröselte und dann wieder virtuos geballte erste Finale, die beiden interessanten Duette Cardenios mit Kaidamà und sein Duett mit Eleonora –  dazu die Cavatinen der Eleonora und des Fernando – bis zum Rondo „Se pietoso d’un obblio“ der Eleonora. Obwohl das Finale der Primadonna gehört, bleibt Cardenio die zentrale Figur. Es ist eine der anspruchsvollsten Partien, die Donizetti für Bariton geschrieben hat. Der ariose, deklamatorische und reich durchbrochene Gesangspart, reizt den gesamten Tonumfang eines Baritons aus, fordert Sprünge und lange, edle Phrasen, so dass auch der mit prächtig ausladendem Bariton und glanzvoller Höhe singende Paolo Bordogna in der Tiefe einige Male in Bedrängnis kommt und mehrfach wünscht man, dass der energische, steifgerade Ton sich zu einem warmen Legato weitet. Ein brillanter Singdarsteller ist der Bariton Bruno Taddio, bei dem Singen und Spielen gleichwertig ausbalanciert sind, sein Kaidamà ist ein trauriger Clown, der sich am Ende seine Schminke aus dem Gesicht wischt. Durchaus brillant singt der italo-argentinische Tenor Santiago Ballerini den Fernando, der als Figur ein Solitär bleibt, während Valerio Morelli und Giulia Mazzola als Bauer Bartolomeo und seine Tochter Marcella viele Ensembleszenen mit kräftigen Akzenten versahen. Als Eleonora verbindet Nino Machaidze mit dunkelschwerem melancholischem Timbres und runden Höhen die Brillanz und Koloraturfertigkeit eines Soprano leggero mit der Fülle und Entfaltung eines Soprano lirico, dem im ersten Finale viel an dramatischer Kraft und Agilität abverlangt wird. Eine großartige Aufführung (29. November).

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Catarina Cornaro“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Männer, die sich in wahnhafte Vorstellungen flüchten, bleiben bei Donizetti die Ausnahme. Wahn bleibt den Damen vorbehalten. Caterina Cornaro folgt dieser Regel perfekt. Zumindest in der mit dem Teatro Real in Madrid koproduzierten Inszenierung des einstigen Festspielleiters Francesco Micheli. Da sitzt also eine hochschwangere Frau im roten Kleid im Krankenhaus, wartet auf Schwestern oder Ärzte, die ihr Röntgenaufnahmen zeigen oder Auskunft über das Befinden ihres Gatten geben. Im Lauf des langen Wartens verschlechtert sich offenbar der Zustand des Mannes, im Krankenbett wird er von einem Raum in den anderen geschoben, ein Arzt, in dem findige Zuschauer den einstigen Geliebten Gerardo erkennen, kommt in höchster Eile hinzu und greift zum Operationsbesteck. Doch alles vergebens. Das ist ein Strang in Michelis Erzählung, denn die Frau, eine moderne Schwester der Caterina Cornaro, wischt über Handyfotos und erinnert sich an Venedig, „C’era una volta a Venezia“. Zwischendurch werden ihre Gedanken und Wünsche auf die Wände projiziert, was der Aufführung nicht unbedingt bekommt, denn Caterinas peinliches Plappern wirkt wie aus einer Vorabendserie, „Um zu überleben habe ich eine andere Liebe gewählt“, „Ich bitte dich Geliebter, lebe“, „Unser Sohn soll seinen Vater kennenlernen“. Begleiterinnen erscheinen in schönen Renaissanceroben (Alessio Rosati), entsprechende Architekturteile, die Matteo Paoletti Franzato erdacht hat, formen sich zu Sälen und Raumfluchten.

Wir erinnern uns: Caterina (1454-1510) war die letzte Königin von Zypern (1473-89). Als sie 14 Jahre alt war, wählte sie Jakob II. von Lusignan, der König von Zypern, zur Gattin. 1472 segelte Caterina nach Zypern, wo die Hochzeit stattfand. Bereits wenige Monate später starb Jakob II. Auch ihr nach dem Tod des Gatten geborener Sohn, für den sie die Regentschaft übernommen hatte, starb noch als Säugling, worauf Caterina rechtmäßige König von Zypern wurde. Um sich Zyperns zu bemächtigen, zwang die Republik Venedig Caterina zu Abdankung. Die einem alten Patriziergeschlecht entstammende Caterina, die von Bellini und Tizian gemalt wurde, behielt den Rang einer Königin und wurde ins goldene Exil nach Asolo gedrängt, wo sie ihre Residenz mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern zu einem Musenhof ausbaute. Auch einige Opern behandelten ihr Schicksal. Darunter Halévys La reine de Cypre (1841)., auf die Giacomo Sacchero zurückgriff, als er für Donizetti Caterina Cornaro verfasste, wo die kurz vor der Eheschließung mit Gerardo, ursprünglich Gerard de Coucy, stehende Caterina durch Mocenigo, der die Interessen der Republik vertritt, gezwungen wird, Lusignano zu heiraten. Andernfalls werde Gerardo umgebracht. Caterina lässt sich darauf ein, bleibt dem 14 Jahre älteren Lusignano, der sie aufrichtig liebt, eine gefühlskalte Gattin. Die Männer begegnen sich, erkennen, dass sie beide von der Republik Venedig getäuscht und um ihre Liebe gebracht wurden. Gerardo letzte Begegnung mit Caterina ist nur noch Entsagung. Beide Männer sterben im Kampf für Zyperns Unabhängigkeit.

Ursprünglich bestimmte Donizetti seine Caterina Cornaro 1842 für Wien, doch als er vom Münchner Erfolg von Lachers Caterina Cornaro-Oper hörte, bestimmte er seine Version für Neapel, wo sie am 12. Januar 1844 am Teatro San Carlo uraufgeführt wurde. Da er sich für eine Reise zu schwach fühlte, hatte Donizetti Saverio Mercadante gebeten, ein Auge auf die Vorbereitungen zu haben, und war dennoch voller böser Vorahnungen. Die Uraufführung war ein Fiasko. Das Stück mit seinem überlangen Prolog und dem sehr kurzen zweiten Akt ist beklemmend und düster. Darüber kann auch der Chor der Festgäste nicht hinwegtäuschen, denn rasch trübt der Auftritt des Mocenigo das musikalische Geschehen derart ein, dass nicht nur der ausführliche Prolog von einer nächtlichen düster-dichten Stimmung beherrscht wird, die an den Prolog von Verdis Simone Boccanegra erinnert, sondern das ganze Stück wie mit Trauerflor umrandet bleibt. Nur einmal im ersten Duett Caterina/ Gerardo „Dolce amor mio“ flammen Liebe und Leidenschaft auf. Der Rest ist dann Leiden, Aufopferung, Hingabe. Carmela Remigio, beliebt in Bergamo, wo sie u.a. Lucrezia Borgia und Mayrs Medea war und in Il castello di Kenilworth gesungen hat, sang die Caterina gleich in ihrer Arie „Vieni, o tu, che ognora io chiamo“ mit flacher, farb- und glanzloser Stimme und anämischer Gleichförmigkeit, die zur Hochschwangeren passt. Aber zu einer verdienten Neuentdeckung und einer vierten großen Donizetti-Königin in der Reihe von Anna Bolena, Maria Stuarda und Elisabetta in Roberto Devereux, als welche Riccardo Frizza die Caterina Cornaro sieht, reicht es nicht. Die in Bergamo gespielte alternative Fassung enthebt Caterina ihrer Schlussarie, da sie mit dem Tod des Lusignano endet, der Caterina noch gesteht, dass auch Gerardo im Kampf für ihn gefallen sei.

Als Gerardo ist der Sizilianer Enea Scala dagegen ein feuriger Liebhaber, wie ihn sich jede Königin nur wünschen könnte. Scala hat einen schmalen, gut fokussierten und leuchtkräftigen Tenor, singt mit fabelhafter Diktion, geradezu ekstatischer Leidenschaft, manchmal ein wenig kurzatmig im Überschwang und mit gleichförmiger Klangpracht, doch verschwenderischer Energie. Die hatte Vito Priante nicht. Der Bariton musste nach der Romanze des Lusignano aufgeben. Das Cover sang zunächst hinter der Bühne, bevor der südkoreanische Bariton Wonjun Jo ab dem zweiten Teil auch szenisch präsent war. Jo nutzte die Chance als Einspringer, sang mit unerschütterlich festem und sicheren Bariton. Die darstellerische Tapsigkeit sieht man dem armen Mann auf der Krankenliege bzw. im Krankenhaushemdchen gerne nach. Mit seinem nachtschwarzen Bass, der jedermann das Fürchten lehrt, machte Riccardo Fassi als Mocenigo großen Eindruck; dieser Vertreter der Republik wirkt wie ein Sendbote der Hölle, der alle Fäden in der Hand hält. Noch ein Einspringer. Am Morgen der Aufführung (30. November) stellte sich heraus, dass Frizza die Oper nicht würde dirigieren können. Der 28jährige Aram Khacheh war ein vollwertiger Ersatz und leitete das Orchestra Donizetti Opera und den Coro dell‘Accademia Teatro alla Scala, der alle drei Opern souverän bewältigte, mit stupender Sicherheit und Präzision. Der in Rom geborene Sohn persischer Elterngewann hatte im Vorjahr den Cantelli-Wettbewerb gewonnen und bewies sich auf Anhieb als Ausnahmetalent. An ihm lag es nicht, dass die Caterina Cornaro dennoch eine Enttäuschung blieb.

2026 gibt es L’esule di Roma, Alahor in Granata und Le convenienze ed inconvenienze teatrli. Rolf Fath

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Teatro Municipale Piacenza – Trilogia Popolare: Welch interessante Idee. Ein Sopran, ein Tenor und ein Bariton singen drei Opern Giuseppe Verdis innerhalb von fünf Tagen. Ich hatte mir das schön vorgestellt, zugleich könnte es Aufschluss darüber geben, wie in einem kleineren oder mittleren italienischen Haus die Werke des Großmeisters behandelt werden. Wobei das sicher keiner in dem zwischen Mailand und Parma gelegenen Piacenza gerne hören möchte, wurde doch das 1804 mit einer Oper von Giovanni Simone Mayr eröffnete Teatro Municipale gerne mit der Mailänder Scala verglichen, nachdem ihm der Architekt und langjährige Bühnenbildner der Scala, Alessandro Sanquirico, um 1830 die heutige Fassade angepasst hatte. Klein ist das neoklassizistische und teils rokokohaft verspielte gold-rote Opernhaus mit seinen fünf Rängen keineswegs, doch sehr häufig bespielt wird es nicht. Das Opernprogramm macht, wie in mehreren Städten in der Lombardei oder Emilia Romagna, einen reichen Eindruck, doch die fünf oder sechs Titel werden jeweils nur zweimal gegeben und wandern von Ort zu Ort, darunter Como oder Brescia, Cremona, Modena, Reggio Emilia, Pavia, Lecce oder eben auch Piacenza. Der Verbund der OperaLombardia wirkt da segensreich, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Land der Oper die Häuser abends viele häufiger geschlossen als festlich erleuchtet sind. Doch, wenn sie öffnen putzen sich alle heraus.

Piacenza/“Rigoletto“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Piacenza, zu dessen Provinz immerhin Verdis Landgut in Sant’Agata gehört, hat sich als Reaktion auf das gerade zu Ende gegangene Festival Verdi in Parma etwas Eigenes einfallen lassen: eine Piacentiner Produktion der Trilogia Popolare mit den drei gleichen Sängern. In zwei chronologischen Durchläufen. Das ist wie der Ring innerhalb von sechs Tagen. Trilogia Popolare muss man in Italien nicht erklären. Es handelt sich um die drei populärsten Opern von Verdi, die natürlich in kleinster Weise als eine solche Trilogie geplant waren oder eine Einheit bilden, die Nummern 17 bis 19 in Verdis Opernkatalog bzw. der 1851 in Venedig uraufgeführte Rigoletto, Il Trovatore, der im Januar 1853 in Rom herauskam, sowie die knapp sechs Wochen später wieder in Venedig erstmals aufgeführte La Traviata. Die Bezeichnung entstand aufgrund der anhaltenden Popularität erst im Nachhinein. Antonio Gramsci, Schriftsteller, Politiker und Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens, erkannte ihre Bedeutung für die nationale Kultur und bezeichnete sie als „autenticamente nazionalpopolare“. Rigoletto und La Traviata haben einiges gemeinsam. Beide basieren auf französische Vorlagen von Victor Hugo bzw. Alexandre Dumas fils, zu den Piave die Libretti verfasste, beide wurden auf unterschiedliche Weise von der Zensur gebeutelten und beide nehmen durch ihre emotionale Darstellung zweier Außenseiter ein, mit denen Verdi die Bourgoisie seiner Zeit kritisierte. Der vergleichsweise konventionelle Trovatore war trotzdem oder gerade deshalb die im 19. Jahrhundert meistgespielte Oper Verdis. Alle drei stellen einen Kraftakt nicht nur für ein Theater von der Ausstattung des Teatro Municipale in Piacenza dar.

Die drei Sänger waren Luca Salsi und Francesco Meli, beide ausgesprochen Stars in ihrer Heimat, sowie die Newcomerin Maria Novella Malfatti. Für den unweit von Piacenza geborenen Salsi ist es ein Heimspiel, auch Meli stammt im weitesten Sinn aus der Gegend, nämlich aus Genua. Die 32jährige Malfatti kommt aus der Toskana. Der Wechsel von einer Oper zur anderen sollte ihnen kein Problem bereiten. Die Sänger der Uraufführungen waren stilistisch breit aufgestellt. Die erste Gilda hatte beispielsweise vorher Odabella und Abigaille gesungen, was man heute von keiner Gilda erwarten würde. Auch Fanny Salvini-Donatelli, die Ur-Violetta, hatte zuvor Abigaille gesungen. Rosetta Penco, die die Leonora kreierte, war auch die erste Luisa Miller und Giovanna d’Arco. Felice Varesi, der erste Rigoletto, sang und kreierte mehrere von Verdis großen Bariton-Partien. Auch die Uraufführungstenöre hatten zuvor oder später mehrere Verdi-Partien übernommen; der erste Herzog, Raffaela Mirate, und erste Alfredo, Lodovico Graziani, hatten ebenfalls als Manrico reüssiert. Von Anfang an war in Piacenza vorgesehen, dass Ernesto Petti die Baritonpartien im zweiten Zyklus singen würde. Doch dann stieg Salsi aus dem Trovatore aus, da er sich auf die am 1. November von RAI 3 übertragene Tosca aus Rom vorbereiten musste – war aber am Tag darauf pünktlich zur Nachmittags-Traviata wieder zurück in Piacenza – worauf Petti bereits im ersten Zyklus als Luna auftrat und schließlich musste sich Malfatti im ersten Zyklus durch Ruth Iniesta ersetzen lassen. Francesco Meli blieb die Konstante. Natürlich auch Francesco Lanzillotta, der gerade in Parma beim Verdi-Festival einen zwingenden Macbeth dirigiert hatte, sowie der Coro del Teatro Municipale di Piacenza und das Orchestra Sinfonica di Milano.

Roberto Catalano fand mit seiner Ausstatterin Marian Moreira eine ansprechende Form, um den drei unterschiedlichen Stücken eine einheitliche Bildsprache zu geben, ohne sie in ein Korsett zu zwingen. Auch keine provinzielle Kulissenschieberei. Stattdessen stellt im Rigoletto ein klarer, weißer spätbarocker-klassizistischer Raum mit drei Portalen auf der Rückseite den Herzogspalast dar. Für die weiteren Schauplätze bedarf es außer den Kronleuchtern, den wenigen Möbeln für Rigolettos Heim oder der Außenmauer für die Schänke nur durchscheinende Wände. Das wirkt nüchtern geschmackvoll und greift die Architektur der Stadt auf, konzentriert sich ganz auf die Hauptfiguren, nimmt aber auch die Nebenfiguren wie den gedemütigten Conte di Monterone wichtig, bei dessen Fluch sich der Tod aus dessen weiten Schleppe wälzt und fortan wie ein Gift, welches den Palast mit schwarzen Schwären überzieht, gegenwärtig ist. Bis er schließlich bei Rigolettos letzten „La maledizione“ triumphierend zurückbleibt. Dieser hochästhetische Rahmen bleibt auch im Trovatore und der Triavata erhalten.

Luca Salsi kostet diese letzte Phrase, „La maledizione“, mit schier endlosem Atem aus, worauf ihm das Publikum zu Füßen liegt (29.10). Der klangprächtige Salsi singt den Hofnarren ansonsten ohne zur Galerie zu schielen, geradlinig im Duett mit Gilda, etwas angeschlagen in der Höhe, doch mit satt voluminösem, gelegentlich eingedickt opakem Ton in „Cortigiani“. „Si venedtta“ beginnt er ganz leise, um es dann umso eindrucksvoller zu steigern, doch ohne mit Ruth Iniesta die bravouröse Variante zu wählen. Die Spanierin ist eine mädchenhaft zurückhaltende Gilda mit exquisiten Tönen in „Tutte le feste“. Francesco Meli ist nicht der geborene Verführer, scheint über den Herzog, wie auch den Alfredo, hinausgewachsen zu sein, aber man erlebt einen Sänger mit einer klaren, druckreifen Diktion und souveränem Umgang mit den Rezitativen, das trompetenhelle Timbre ist nicht jedermanns Sache, aber er gefällt durch ein gut fokussiertes zartes Piano, gibt den Arien Schwung und Leidenschaft und gestaltet seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes „Ella mi fu rapita“ wie aus dem Lehrbuch, verzichtete aber bei der Cabaletta „Possente amor“ auf den Bravourschlenker, wie denn auch die zweite Strophe seines „La donna è mobile“-Schlagers etwas zu prosaisch klang. Insgesamt bleibt Meli eine Spur zu gleichförmig, fehlt es ihm an draufgängerischer Brillanz. Alle anderen waren vorzüglich und vermittelten den Eindruck eines geschlossenen Ensembles, das jede Nuance des Textes erfasst, hervorzuheben sind die auffallende Giovanna von Ester Ferraro und der ausgezeichnete Bass Adolfo Corrado als sinister Sparafucile und zwei Tage später als spannender Ferrando, dem man bei seiner Erzählung an den Lippen hängt. Obwohl das Orchester am ersten Abend noch etwas ungenau klang, gelang es Francesco Lanzillotta, das Drama bereits mit wenigen Strichen präzise zu umreißen.

Piacenza/“I Trovatore“/Szene/Foto Gianni Cravedi

Zwei Tage darauf (31.10.) schreitet wieder die dünne und lange Nosferatu-Gestalt des kahlköpfigen Todes durch das Mittelportal, das jetzt das Schloss Aliaferia und die weiteren Schauplätze im Nordwesten Spaniens darstellen wird. Er ist der ständige Begleiter der im weiten Prachtgewand wandelnden und offenbar in der Asche wühlenden Azucena, durch deren majestätische Aura Regisseur Catalano und Teresa Romano Verdis ursprüngliche Absicht unterstreichen, die Oper nach der Zingara zu benennen. Erst jetzt schildert Ferrando die langen zurückliegenden traumatischen Vorgänge.

Feinsinnig erfasst Lanzillotta die notturnen Schwingungen, betont nicht die bizarre Kühnheit und Originalität, nicht das Primitive und Unbehauene der Musik, sondern die hochromantische, leidenschaftlich vorwärtsdrängende Geschichte, die der Regisseur ganz auf das Viereck der Protagonisten und szenisch geschmackvolle Unauffälligkeit beschränkt. Mit königlicher Haltung und Stimme bildete Teresa Romanos Azucena das Zentrum der Aufführung. Mit ausdruckvoll leidenschaftlich changierender Tiefe, warmer Mittellage und ausladender Höhe sang sie eine geradezu explosive Azucena, deren beiden große Soloszenen wild und zugleich verführerisch klangen. Beeindruckend auch Maria Novella Malfatti, deren Leonora zwar noch nicht ausgereift ist, aber die reichen Anlagen der jungen Sopranistin zeigen, ein Lirico-Spinto Sopran mit gelegentlich dunkler Einfärbung, bezaubernder Koloratur, etwas steifen und aufgesetzten Höhen, filigranen Piani und hinreichend Attacke und Bravour für den vierten Akt. Ernesto Petti, der Bariton aus Salerno, gibt den Luna mit noble Machogeschmeidigkeit und anfangs etwas schmalbrüstigem Klang, zeigt aber ab dem Cantabile „Il balen del suo sorriso“ die Vorzüge einer guten Ausbildung und eines sicheren kernigen Baritons . Der Manrico bringt alle Vorzüge des Francesco Meli zu Geltung, die tadellose Technik, die leidenschaftlich geformten Phrasen mit den generös entfalteten Bögen („Ah! Si, ben mio“), die elegante Diktion, den drängenden Impetus, Sturm und Drang des Singens wie es dieser Figur so gut ansteht, doch wieder ohne den letzten Kick an Brillanz und Bravour, sprich das sichere hohe C, das das Publikum so gerne gehört hätte.

Piacenza/“La Traviata“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Schließlich als umjubelter Abschluss der von den Medien viel beachteten Trilogie La Traviata, die zum Triumph der kühl eleganten Maria Novella Malfatti wird (2. November), die brillante Koloratur, Temperament und Leidenschaft vereint, die große Arie rückenliegend auf dem breiten Tisch singt, „Amami Alfredo“ mit Kraft und dunklem Pathos erfüllt und den dritten Akt durch eine fein abgestufte Interpretation trägt, bis sie schließlich ihrem treuen Begleiter, dem Tod, in die Arme stürzt. Der elegante Raum ist zunehmend von schwarzen Flecken überzogen und die Fäulnis hat sich bis zum Bühnenrahmen fortgesetzt. In der von Lanzillotta schwermütig und elegisch, doch nie sentimental dirigierten Aufführung baut Meli seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes („Lunge da lei“) wieder vorbildlich und mit verschwenderischem Klang auf, und seinen kurzen Ausfall in der Cabaletta verzeiht das Publikum gerne, da er im dritten Akt das Duett „Parigi, o cara“ mit den zärtlichsten Pianotönen umhüllt. Salsi singt den Germont mit der Fülle seiner Möglichkeiten, ein wenig zu kalkuliert und trickreich. Auf solche Comprimarii wie Davide Maris Sabatino als Douphol, Omar Cepparolli als Doktor Grenvil, Nicola Zambon als Marchese und Simone Fenotti als Gastone, die sich wirkungsvoll von dem dezenten Chor abheben, könnte manches Staatstheater stolz sein. Rolf Fath

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Teatro Regio di Parma: Das 25. Festival Verdi im Zeichen Shakespeares. „Sciopero“, das Unwort der frühen Jahre, als ich regelmäßig in mehrere italienische Theater reiste, ist wieder da. Damals musste man regelmäßig auf Zugstreiks gefasst sein, die allerdings durch einen gut funktionierenden Überlandbusverkehr abgefedert wurden, oder auf Aktionen, die den Theaterbetrieb lahmlegten, so dass es durchaus passieren konnte, dass die Zuschauer bereits auf den Dirigenten warten und stattdessen die Intendanz die kurzfristige Absage der Aufführung verkündete.

Der aktuelle Generalstreik betraf auch die Falstaff-Premiere im Teatro Regio und machte somit die sogfältige Planung des Festival Verdi kaputt, das sein 25jähriges Jubiläum im Zeichen Shakespeares begehen wollte. Vielleicht liege ich falsch. Aber mir erschien das diesjährige Programm ohnehin etwas bescheiden. Was daran liegen mag, dass das Rahmenprogramm von der Verdi-Street Parade bis zu den unzähligen Verdi-Off Programmpunkten in Lauf der zehn Jahre, die dieses Neben-Festival besteht, immer reichhaltiger wurde. Und Verdi hat eben nicht mehr Opern nach Shakespeare komponiert.

Es bleibt im Jubiläumsjahr also bei drei Opern, im Gegensatz zu vier Opern in zurückliegenden Jahren, davon eine in einer bereits gezeigten Inszenierung. Dies wäre der Falstaff gewesen, mit dem Jacopo Spirei einen Blick ins Brexit-England geworfen hatte, wo sich unter dem Blick von Elisabeth II. nichts zum Guten wendete. Das Thema ist gewichtig: Shakespeare war, neben Schiller und Victor Hugo, der Schwerpunkte in Verdis literarischer Beschäftigung. Die Shakespeare-Bewunderung umspannt Verdis gesamtes Schaffen und mehr als ein halbes Jahrhundert vom frühen Macbeth (1847) bis zum späten Otello (1887) und dem Schwanengesang Falstaff (1893), von der Romantik bis zum Anbruch der Moderne, von der Belcanto-Oper bis zum Musikdrama. Vom politischen Drama, in das kein Lichtstrahl fällt, bis zur dunklen Eifersuchtstragödie des Otello, mit dem, wie der künstlerische Leiter Alessio Vlad unterstreicht, Verdi gar bis zum Expressionismus vorstieß.

Für seine erste Oper nach einem Stück des verehrten Shakespeare hatte Verdi 1846 noch selbst das Prosa-Szenarium mit den Höhepunkten des Dramas mit der Prophezeiung der Hexen, dem Mordplan, der Ermordung des Königs Duncan, dem Bankett und der Nachtwandelszene entworfen. Der von Verdi bereits bei Ernani und I due Foscari beschäftigte Francesco Maria Piave brachte das Gerüste in Reime und stellte das Libretto fertig. Verdi war unzufrieden und demütigte Piave, indem er Andrea Maffei für Korrekturen heranzog. Bei den anschließenden, reich dokumentierten Proben im Frühjahr 1847 in Florenz kümmerte sich Verdi, der im Vorjahr aufgrund eines Burnout noch ein halbes Jahr pausieren musste, um alles, feilte an allem und jedem sowohl bei szenischen wie musikalischen Belangen und erwies sich erstmals als der Mann des Theaters, der er fortan blieb. Vor allem die Bankettszene mit der Erscheinung des toten Banquo wollte er mit allen Mitteln der Illusionskunst dargestellt sehen. Die Uraufführung war ein Ereignis. Für Paris arbeitete Verdi die Oper 18 Jahre später um, denn „Es gibt das Stücke“, wie er meinte, „die entweder schwach sind oder, was noch schlimmer ist, gar keinen Charakter haben“.

Das Festival Verdi kehrte im Jubiläumsjahr zur Urfassung von 1847 zurück, die hier bereits 2018 gespielt wurde und durchaus ihre Meriten hat. Acht Jahre später lässt sich die aktuelle Neuinszenierung der Urfassung im Teatro Verdi in Busseto deutlich mit der späteren Version vergleichen, die man aufgrund der gerade erst im Vorjahr gezeigten ersten szenischen Aufführung der (bereits 2020 konzertant gespielten) Versione francese, Paris 1865 noch in bester Erinnerung hat. Diese 1874 in italienischer Sprache erstmals an der Mailänder Scala erklungene Fassung hat sich seither durchgesetzt. Die Cabaletta der Lady zu Beginn des zweiten Aktes „Trionfai“ ersetzte Verdi später durch „La luce langue“. Neben dem Duett Lady/ Macbeth „Ora di morte“ anstelle der Cabaletta „Vada in fiamme“ des Macbeth im dritten Akt, besteht die wesentliche Änderung im neuen Finale mit der abschließenden Schlachtfuge statt der ursprünglichen Szene des Macbeth „Mal per me“.

Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Macbeth“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei der Aufführung im kleinen Teatro Verdi in Busseto (4. Oktober) hätte man vielleicht erwartet, dass Regisseur Manuel Renga, in Erinnerung durch seinen hiesigen Falstaff sowie Chiara e Serafina beim Donizetti Festival, mit den technischen Möglichkeiten und Gegebenheiten eines historischen Theaters arbeitet, wie sie Verdi im Teatro della Pergola mit den dortigen Versenkungen ausnützte, stattdessen umrahmt er den Orchestergraben durch eine großzügige, von den Akteuren bespielte Treppenanlage, wodurch das Orchester quasi zum Träger der Handlung wird. Das ist ganz geschickt, denn Francesco Lanzillotta lässt den Macbeth in der ganzen knarzigen Wildheit aus Verdis frühen Jahren erklingen, hat aber den Nachteil, dass der ohnehin unglaublich kleine Zuschauerraum durch wegfallende Reihen zusätzlich verkleinert wird. Aus der Loge ist das wunderbar anzusehen, denn wir sind ganz nah am Geschehen und die Sänger streifen mit ihren Kostümen fast über unsere Brüstung. Besonders wirkungsvoll erscheint die Szene beim Hexensabbat, als Macbeth neuerlich die Wesen befragt und erfährt, dass ein von einer Frau Geborener ihn töten und er regieren werde, bis sich der Wald von Birnam auf ihn zubewegt, sowie die anschließende Prozession der acht Könige. Obwohl die Stimmen der Erscheinungen aus einer Loge kommen und die Könige durch ein Schatten- und Puppenspiel illustriert werden, blicken Macbeth und die Hexen tief in den Graben, wo die Musik das Drama entzündet und das Phantastische in die Realität eindringt. Regisseur Renga hält sich nicht mit tiefenpsychologischen Schachzügen auf und stellt das Übernatürliche ins Zentrum, die schwarzen Frauen, die mit allerlei Gerätschaften, Schattenfiguren, Seilen und Schriftstücken in die Vergangenheit und Zukunft blicken können: „Vaticinio“ sagt die Leuchtschrift quer über der Waldszene mit den Hexen, die „Prophezeiung“ erfüllt sich, bestimmt zugleich die Realität, die Rengas Ausstatter Aurelio Colombo mit zeitlosen Kostümen in eine weiße Kastenbühne packt, wo die Lady auf den Gatten wartet, wo Duncans nackter Körper aufgebahrt ist, wo das Bankett stattfindet und Macbeth den Teufel und die Mächte der Hölle selbst zu sehen glaubt; dazu eine Waschschüssel mit schwarzer Flüssigkeit, in der sich Macbeth und die Lady die Hände so schmutzig machen, dass sie nie wieder sauber werden. Das ist sinnfällig, einfach, wirkungsvoll. Lanzillotta zaubert mit dem Chor des Teatro Regio di Parma und dem Orchestra Giovanile Italia mit der ganzen Überwältigungskunst, zu der Verdi fähig ist. Gespielt wurde die kritische Edition von David Lawton. Das ergibt nicht nur im ersten Finale einen Raumeffekt von vibrierender Intensität und Dichte, der die Zuschauer in das Geschehen hineinzoomt, sondern zeigt, wie Verdis moderne psychologisierende Anlage in Belcantoschablonen eindringt und wie gestisch motiviert seine Musik ist. Rau, grell, aber auch federnd und elegant. Der von Mozart und Rossini kommende Baritono nobile Vito Priante ist die richtige Besetzung für die Titelrolle, die er erstmals sang. Die sicherlich recht konventionelle, doch wiederum sehr schöne Cabaletta „Vada in fiamma“ gewinnt durch einen Sänger dieses Typs an Überzeugungskraft, darüber hinaus besitzt der Bariton eine durchgehend dunkle und reiche Substanz, die auch den reflektierenden Momenten gerecht wird. Maria Cristina Bellantuono gelingt als Lady ein Kraftakt, der nicht überall möglich scheint. Die 33jährige aus Bari stammende Sopranistin hält sich nicht bei kleinen Rollen auf, hat schon vor zwei Jahren im dortigen Teatro Petruzzelli Turandot gesungen und macht deutlich, dass Verdis erste Lady eine überragende Koloraturvirtuosin war, so markant klingen die Gruppetti, kristallin die Verzierungen und gestochen klar die Höhen in „Vieni t’affretta“ und der Arie „Or tutti sorgete“ sowie in der hochromantisch virtuosen Arie „Trionfai“, doch die Partie ist auch kräftezehrend strapaziös, wodurch die ohnehin erkämpfte Mittellage und Tiefe vielfach noch trotziger klingt. Eine Wucht ist der 31jährige Adolfo Corrado, dessen voluminöser, tiefschwarzer Bass, unerschütterlich wie eine Klangsäule steht. Matteo Roma, der den Macduff sang, dürfte sich eher im lyrischen Fach wohlfühlen, während Francesco Congiu als Malcolm Potenzial für die italienische jungen Helden von Puccini und Verdi erkennen ließ. Markant die in Pesaro ausgebildete Melissa D’Ottavi als tonschöne Dama di Lady Macbeth.

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Mit Otello war Verdi erstmals nach langer Unterbrechung wieder zu Shakespeare zurückgekehrt. Nach sechsjähriger, anhand Verdis Briefwechsel mit Boito reich dokumentierter Entstehungszeit und 16 Jahre nach seiner letzten Oper (Aida 1871) kam es, abgesehen von den Neufassungen des Simon Boccanegra und Don Carlos, wieder zu einer veritablen Premiere, die sich für den 74jährigen Verdi am 5.2.1887 an der Mailänder Scala zu einem Triumph gestaltete. Fünf Monate später erklang die Oper bereits in Parma, wo Roberto Abbado sie zur Eröffnung des Festival Verdi jetzt erstmals in der von Linda B. Fairtile besorgten neuen Edizione critica dirigierte, ohne einen ähnlich starken Eindruck wie der Macbeth-Kollege zu hinterlassen. Mit der Filarmonia Arturo Toscanini warf Abbado einen, vielleicht auch beeinflusst von der Inszenierung, kühl analytischen Blick auf das Werk, zu dem er keine Beziehung aufzubauen scheint. Die Konversationsszenen, Rede und Gegenrede in den Szenen Otellos mit Desdemona sowie in Jagos Momenten mit Cassio und Rodrigo, wirken merkwürdig gestelzt, ein großer dramatischer Fluss aus geballten Chorszenen, deklamatorischen Monumenten und ariosen Blöcken stellte sich nicht ein, selbst der formidable Chor des Teatro Regio wirkte in der Sturmszene zu Beginn oder im großen Concertato des dritten Akts wie ausgebremst. Erst im vierten Akt stellte sich eine Dringlichkeit und Wort-Musik-Einheit ein, die der Aufführung ansonsten so ganz abging. In der zweiten Aufführung (5. Oktober) sprang Jusif Eyvazov für den indisponierten Fabio Sartori ein. Dieser Otello ist ein erfahrener Feldherr, der schon viele Schlachten geschlagen hat, das Timbre ist etwas gräulich geworden, die Klangqualität wirkt nicht mehr einheitlich glänzend. Eyvazov ist ein routinierter, robuster, doch genauer Otello, der sich den dramatischen Herausforderungen in die Arme wirft, die Monologe scharf meißelt, während die Pianopassage („Venere splende“) nicht seine Sache sind. Für die Desdemona hat Mariangela Sicilia einen engelsgleich duldenden Lirico-Spinto- Sopran mit einem edlen Silberstreifen in der Höhe, während Mittellage und Tiefe nicht von gleicher Qualität und Substanz sind. Der Höhepunkt ist zweifellos Ariunbaatar Ganbaatar, ein Stimmwunder wie sein unwesentlich älterer mongolischer Landsmann Amartuvshin Enkhbat. Ganbaatar singt mit noch weicherem Legato, eindringlicherer Textbehandlung, und er ist ein guter Schauspieler. Der häufig von ausgeprägten Charakterstimmen gesungene Jago wirkt durch Ganbaatars sinnlichen Schöngesang noch abgefeimter, noch abgrundtief böser. Der in Parma, wo er bereits den Riccardo sang, geförderte Davide Tuscano ist als Cassio Inbegriff des nice guy. Wie all den vor ihr gesungenen Vertrauten und Freundinnen gab Natalia Gavrilan auch der Emilia starkes Profil.

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Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Otello“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei den Eröffnungspremieren setzt das Festival Verdi lieber auf die vertrauten Handschriften von Regisseuren wie Pizzi, Kokkos, de Ana, Lievi oder Audi als die Buhgewitter bei Jung-RegisseurInnen wie Carrasco oder Duos vom Kaliber Ricci/Forte zu riskieren. Nach diesem Muster fiel Otello in die Hände des verdienten Schauspiel-Regisseurs Federico Tiezzi, der ab den 1990er Jahren auch Opern inszenierte, darunter den Simon Boccanegra an der Berliner Staatsoper. Tiezzi verhielt sich unauffällig, beschriftete die schwarzen Bühnenwände mit zentralen Begriffen wie „morte“, „nulla“, „fazzoletto“ und „dolore“, die vom Regen teilweise wieder wegwischt werden, und ließ Clowns und Tänzer venezianische Lockerheit verströmen. Der schwarze Kasten trägt eindeutig die Handschrift der einstigen Ronconi-Mitstreiterin und stilprägenden Szenografin Margherita Palli. Die Altmeisterin stattete ihn mit Leuchtstelen und -tafeln, Podesten und Tischen auf eleganten Rahmen puristisch aus, unterteilte ihn gelegentlich durch rote Vorhänge oder gab durch eine schmale Öffnung den Blick auf den Weltraum frei. Im dritten Akt weisen kämpfende oder zum Sprung ansetzende Raubtiere in Museumsvitrinen, zwischen denen der Chor in Konzertkleidung Aufstellung nimmt, auf die Zerrissenheit der Handlung hin. Erst im vierten Akt, der sich inmitten der weiten, leeren Bühne auf ein kleines, modernes Zimmer konzertiert, in dem nur Desdemona und Otello Platz haben, kommen sich Musik und Drama nahe. Der Raum wird nahezu zur Gänze von einem Bett samt bespanntem Kopfteil ausgefüllt, wie es in vielen Schlafzimmern Parmas stehen könnte, und schimmert im grünlich diffusen Licht eines Edward Hopper, wobei Tiezzi die Mischung aus Traum und Realismus in den Fotos von Gregory Crewdson als Anregung nennt. Rolf Fath

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Bayreuth Baroque Opera Festival: Lustvolles Barock-Spektakel. Im nach stilvoller Restaurierung 2018 wieder eröffneten  Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth gibt es seit 2020   alljährlich im Spätsommer ein Festival, das der Countertenor Max Emanuel Cencic gegründet hat. Neben seiner Funktion als Intendant wirkt er auch als Sänger und Regisseur, ist der Spiritus rector des Unternehmens, welches sich vor allem der Opera seria des frühen 18. Jahrhunderts widmet. Nach Werken von Porpora, Vinci, Vivaldi, Monteverdi und Händel in den vergangenen Jahren stand in dieser Saison der in Venedig wirkende und dort 1676 gestorbene Komponist Francesco Cavalli im Mittelpunkt des Programms, womit man einen Schritt zurück in das 17. Jahrhundert ging.

Die Festspieleröffnung galt dem Dramma per musica von 1666 Pompeo Magno, einer venezianischen Karnevalsoper. Die in Rom verortete Handlung um Konsul Pompeo und Issicratea, Königin von Ponto, sowie deren totgeglaubten Gemahl Mitridate und Sohn Farnace verlegte Cenic nach Venedig mit seinem bunten, ausgelassenen Karnevalstreiben, bevölkerte die Szene mit vielerlei Figuren, die man von den Straßen der Lagunenstadt kennt – Damen, Kavaliere, Kurtisanen, Nonnen, Kleriker, Intriganten, verwirrte Alte, Kleinwüchsige. Letztere sorgten en travestie mit zur Schau gestellten üppigen (Stoff-)Brüsten für besonderes Aufsehen. Corina Gramosteanu hatte aber auch Kostüme von opulenter Eleganz geschaffen mit edlen Materialien, stilvollen Ornamenten und subtilen Farben. Die Welt der Commedia dell´arte wurde lebendig in Kleidung und Masken, in drastischen erotischen Details, aber auch im turbulenten Treiben der Akteure. Sie alle – Sänger wie Komparsen – waren mit totalem Einsatz, atemberaubendem Tempo, ansteckender Spielfreude und imponierender körperlicher Agilität dabei. Chiara d´Anna als Bewegungscoach hatte vorzügliche Arbeit geleistet, für  jede Figur das für sie typische Bewegungsvokabular gefunden. Auf Venedig stimmte auch Helmut Stürmers Bühne mit ihrem Portal, über dem der venezianische geflügelte Löwe thront, und einem Saal mit Säulen, Podesten und bunten Glasfenstern ein.

Cavalli „Pompeo Magno“ Bayreuth Baroque 2025/ Foto © Clemens Manser Photography

Ein exzellentes Ensemble brachte Cavallis Musik mit Elan und Vitalität zum Klingen. Nicht weniger als acht Countertenöre mit Vertretern aus mehreren Generationen waren vertreten, darunter das Urgestein der Gattung Dominique Visse, der als Diener Delfo wie stets lustvoll krähte. Dagegen war der Italiener Nicoló Balducci als Pompeos Sohn Sesto ein Newcomer und mit seiner klangvollen, ausgewogenen Stimme sowie den bravourösen Koloraturläufen mehr als willkommen. Im schwarz/goldenen, reich verzierten Wams war er auch optisch ein Blickfang. Zur jüngeren Generation zählt auch der österreichische Counter Alois Mühlbacher, der als Issicrateas und Mitridates Sohn Farnace im weißen Pierrot-Kostüm jugendlich keusche Klänge einbrachte und später auch noch als halbnackter Amor mit weißen Flügeln und knappem Lendenschurz auftrat. Renommiert ist Valer Sabadus durch seine zahlreichen Tondokumente und Auftritte bei Musikfestivals. Auch bei Bayreuth Baroque war er schon zu Gast. Hier sang er solide den Servilio und hatte Gelegenheit für muntere Liebesspiele mit seiner angebeteten Giulia, Tochter des römischen Konsuls Cesare, im großen Doppelbett. Charaktervolle stimmliche Counter-Momente brachten Kacper Szelazek als exaltiert grölende Arpalia, Issicrateas Dienerin, sowie Pierre Lenoir und Angelo Kidoniefs als Primo und Secondo Prencipe ein.

In der Titelrolle gab Max Emanuel Cencic keinen virilen, auftrumpfenden Helden, sondern einen gebrechlichen alten Mann mit weißem Haar, was zur stimmlichen Verfassung des Counters harmonierte. Doch nach verhaltenem Beginn gewann die Stimme an Fülle und Durchschlagskraft, gefiel besonders im sanften Schlaflied („Sonno, placido nume“) am Endes des 1. Aktes. Zwei Damen werden heiß umworben in diesem Stück. Pompeo begehrt Giulia, deren. Herz jedoch Servilio gehört. Die belgische Sopranistin Sophie Junker sang sie mit schöner lyrischer Substanz bei lebhaftem Agieren. Sesto wirbt vergeblich um Issicratea, die ihrem Gemahl Mitridate die Treue hält. Die Argentinierin Mariana Flores war die Primadonna des Abends und trug gebührend hoheitsvolle Roben. Mit flammendem, strengem Sopran von resoluter Attacke und fulminantem Ausdruck sowie einem vehementen Koloraturfeuerwerk setzte sie sich souverän an die Spitze des Ensembles. Der italienische Tenor Valerio Contaldo formte ein eindrückliches Porträt des Mitridate, der Arpalia tötet, am Ende aber seine Tat gesteht und von Pompeo begnadigt wird. Die baritonal getönte Stimme sorgte mit virilem Duktus in der Arie „Tormentosa gelosia“ für einen vokalen Höhepunkt.

Die Besetzung ergänzten der niederländische Charaktertenor Marcel Beekman, der als die verrückte Alte Atrea ein Kabinettstück bot und kicherte, winselte, keifte, der britische lyrische Tenor Nicholas Scott, der als Claudio, Sohn des Cesare, in „Rendimi la mia pace“ nachdrücklich auftrumpfte, und der begabte junge Bariton Victor Sicard als Cesare. Am Ende gibt es einen fröhlichen, jauchzenden Abgesang, den Farnace anstimmt und der den glücklichen Ausgang preist („Imparate, o mortali“).

Leonardo García-Alarcón spornte hier mit seiner Cappella Mediterranea, die er 2005 gegründet hatte, alle Sänger noch einmal an. Seine Leitung voller Energie und Schwung trug den vierstündigen Abend, was ihm und den Mitwirkenden am Ende euphorische Publikumsovationen bescherte. Das Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival 2025 hatte mit seinem Musizieren voller Spannung und Klangreichtum immer wieder begeistert – mit festlichem Bläserglanz, federnden Rhythmen, majestätischen Märschen, aber auch lyrischen Inseln und kammermusikalischer Delikatesse in den Ritornellen (6. 9. 2025).

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Das Orchester mit seinem argentinischen Dirigenten begleitete auch mehrere Solisten bei ihren Konzerten, welche traditionell zum Festival gehören. Am 5. September war der italienische Countertenor Carlo Vistoli mit seinem Programm Opera Antica zu erleben. Konzeptionell korrespondierte der Abend mit der Cavalli-Oper, bot er doch Werke von Zeitgenossen des Komponisten, wie Antonio Cesti, Claudio Monteverdi und Alessandro Stradella. Reizvolle instrumentale Einlagen – u.a. eine Sinfonia aus Cavallis Erismena, die Xácara del primer tono von Lucas Ruiz de. Ribayaz, die Tarantela von Santiago de Murcia und die Ciacona in B-Dur von Antonio Caldara – sorgten für vielfarbige Klänge, rasante Steigerungen und melancholische Episoden.

Vistoli besitzt (für mich) den schönsten Countertenor unserer Zeit. Die Stimme ist rund, weich, warm und ausgeglichen, kann zärtlich schwärmen, ergreifend klagen, aber auch männlich auftrumpfen. Im ersten Teil stellte er Szenen aus fünf Opern Cavalliis vor, beginnend mit dem Lamento des Apollo aus Gli amori di Apollo e Dafne, bei dem die Stimme sogleich in ihrem Wohllaut. berührte. Ein schöner Wechsel dazu war der freudige Überschwang des Xerse, „Ombra mai fu“, aus der gleichnamigen Oper, die zu Händels getragener Version einen starken Kontrast bildete. Immer wieder wechselten die Emotionen – ob im flehentlichen Lamento des Idraspe aus Erismena, der heiteren Arie des Giasone, „Delizie, contenti“, aus der gleichnamigen Oper oder der inbrünstigen Arie des Endimione, „Lucidissima face“, aus La Calisto. Aus Monteverdis Poppea stellte Vistoli zwei Szenen des Ottone vor – das schwärmerische „E pur io torno“ und das verzweifelt klagende „I miei subiti sdegni“. Der affektreiche Gesang des Solisten und seine vorbildliche Wortbehandlung imponierten immer wieder – so in der  erregten Arie des Alidoro aus Cestis L´Orontea oder in zwei Szenen des Nino aus Stradellas Il Trespolo tutore. Da gab es im Dialog mit der Flöte auch bravouröse Koloraturgirlanden zu hören und am Ende in der Wahnsinnsszene des Nino ganz sanftes, entrücktes Verlöschen. Zwei Gesänge von Monteverdi – „Voglio di vita uscir“ und „Si dolce è ´l tormento“ – als Zugaben beendeten diesen beglückenden Abend im Markgräflichen Opernhaus. Bernd Hoppe       .

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Pacinis Amazilia bei Festival Il Belcanto Ritrovato im italienischen Fano (Apulien): Vor fast genau zweihundert Jahren, am 6. Juli 1825, wurde Giovanni Pacinis Oper Amazilia im Teatro San Carlo in Neapel mit einer wirklich bemerkenswerten Besetzung aufgeführt.

Nun, am 23. August 2025, wurde die Oper im Rahmen des jährlichen Festivals Il Bel Canto Ritrovato (IBR) im Teatro della Fortuna in Fano, Italien, zum ersten Mal in einer vollständigen modernen Aufführung wiederbelebt. Das IBR möchte das umfangreiche Erbe der italienischen Oper erkunden, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, einer Zeit, in der selbst das kleinste Dorf auf der italienischen Halbinsel wahrscheinlich ein Opernhaus hatte und das Operngeschäft seinen größten und intensivsten Höhepunkt erreichte.

Amazilia mit einem Libretto von Giovanni Schmidt, hat eine interessante und verworrene Geschichte, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe(dazu auch die beiden Artikel in operalounge.de, s. am Ende), und lag Pacini offensichtlich sehr am Herzen Pacini sehr am Herzen, da sie während der Flitterwochen des Komponisten mit seiner ersten Frau geschrieben wurde und er sein zweites Kind nach der Heldin benannte. Pacini, der während seiner langen Karriere fast 80 Opern schrieb, war 29 Jahre alt, als er Amazilia komponierte; es war seine 28. Oper.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Die beeindruckende Besetzung der Oper bei ihrer Uraufführung 1825 in Neapel im Rahmen der Geburtstags-Feierlichkeiten für die bourbonische Königin Maria Isabella umfasste den Tenor Giovanni David als Zadir, den Bass Luigi Lablache als Cabana und die Sopranistin Joséphine Fodor-Mainvielle als Amazilla selbst. Ihre Virtuosität macht eine Wiederaufführung der Oper heute schwierig, da nicht viele Sänger die Musik, die Pacini dem Original-Cast zu singen gab, bewältigen können.

Ursprünglich ein Einakter, wurde die Oper 1827 in Wien in einem erweiterten Format mit einer neu komponierten Ouvertüre und zwei neuen Gesangsnummern präsentiert und in zwei Akte unterteilt. Es war diese Fassung, die in Fano vom Bel Canto Ritrovato in einer neuen kritischen Ausgabe von Gianmarco Rossi aufgeführt wurde.

Die einfache Story, die in Florida spielt, handelt von der Rivalität zweier Stammesführer, Cabana und Zadir, um die Hand von Amazilia, einer indianischen Jungfrau, die zum Stamm von Cabana gehört. Die spanischen Konquistadoren schweben im Hintergrund und sorgen für einen Deus ex machina, um die Rivalität beizulegen und ein glückliches Ende herbeizuführen, nachdem Zadir einen Kampf gegen Cabana verloren hat und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll.

Da das Werk für die Geburtstagsfeier einer Königin mit spanischer Abstammung geschrieben wurde, diente das Lob der spanischen Weisheit und Friedensstiftung unter den Konquistadoren, so ungerechtfertigt es auch war, als nicht allzu subtile Art, der Königin ein Kompliment zu machen, und auch als Möglichkeit, die Geschichte an der berüchtigten neapolitanischen Zensur vorbeizuschmuggeln, die Monate zuvor ein ähnlich benanntes Pastiche verboten hatte

.In vielerlei Hinsicht ist Pacini der faszinierendste der weniger bekannten Opernkomponisten im Italien des 19. Jahrhunderts, weil er zu seiner Zeit so beliebt war und weil er so viel geschrieben hat; bei Pacini gibt es eine Menge Musik für Musikwissenschaftler und Opernhäuser zu entdecken, die mutig genug sind, etwas anderes zu versuchen, als immer wieder dieselben wenigen Titel zu recyceln. Die Musik von Amazilia bietet viele wunderbare Momente, und selbst manche eher formelhaften Passagen sind melodiös.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Man könnte mit der völlig unbekannten Sinfonia beginnen, die Pacini für Wien schrieb, weil die Wiener erwarteten, dass eine Oper eine vollständige, formelle Ouvertüre haben sollte. (Donizetti musste derselben Tradition folgen.) Die Sinfonia in diesem Fall ist absichtlich rau und laut und voller Kesselpauken, vielleicht als Vorahnung der Welt der Indianerstämme, deren Konflikte die Grundlage der Geschichte bilden, aber sie ist gut aufgebaut und zweifellos eine Verbeugung vor dem symphonischen, „germanischen” Musikgeschmack der Österreicher. Einige der langsamen Stücke sind ebenfalls bestens komponiert und einprägsam, wie zum Beispiel Zadies eröffnende Cavatina „Come mai calmar le pene” und Amazilias wunderschöne „Ah! Non fia mai ver”.

Pacini wurde wegen seiner Kreativität und seiner Gewandtheit in dieser Form als „Maestro delle Cabalette” bekannt, und die Cabaletten in Amazilia sind immer eingängig und interessant aufgebaut, angefangen mit Cabanas „Paventi il perfido”. Zadirs „Io ti vidi, t’adorai” war so beliebt, dass Mauro Giuliani ein Thema und Variationen für Gitarre darauf komponierte. Und während wir Cabaletten normalerweise als schnelle Stücke betrachten, die im Kontrast zu den langsamen Cantabiles einer Cavatina oder einer Arie stehen, war Pacini seinen Komponistenkollegen um Jahre voraus,  als er die doppelt so schnelle Cabaletta „Parmi vederlo” schrieb, ein Jahrzehnt, bevor Donizetti eine langsame Cabaletta für das Finale  seiner Lucrezia Borgia komponierte. „Parmi vederlo” beginnt mit einem traurigen Adagio, gefolgt von einer teuflisch schwierigen schnellen Koloratur, die Amazillas Qualen wirkungsvoll zum Ausdruck bringt, als sie glaubt, dass Zadir auf den Scheiterhaufen kommen wird „Parmi vederlo” war so beliebt (und ungewöhnlich), dass es Sopranistinnen wie Giuditta Pasta und Giulia Grisi als „Aria di baule” diente, die es in verschiedene Opern einfügten, in denen sie auftraten. Selbst in unserer Zeit hat Beverly Sills es in ihre Aufführungen von Rossinis Assedio di Corinto aufgenommen; es ist in der kommerziellen Sills-Aufnahme der Oper erhalten geblieben, aber Pacini wird als Urheber nicht genannt…

In Amazilia gibt es keine großartigen Ensembles, wie sie Rossini in den 1810er und 1820er Jahren schrieb, aber das Trio für die drei Hauptdarsteller, das in der Zwei-Akt-Fassung als Finale des ersten Aktes dient, ist spannend und angemessen klimatisch. Das kleine finaletto, das die Oper beendet, ist jedoch etwas enttäuschend, ebenso wie das gesamte lieto fine mit seinem absurden Lob der spanischen Konquistadoren. Tatsächlich kann sich Amazilia nie ganz von ihrem ursprünglichen Zweck als Geburtstagsgeschenk für Königin Maria Isabella lösen. Am Ende hat man das Gefühl, dass der Komponist und sein Librettist eine willkürliche Frist für ihr Werk erreicht hatten und das Drama schnell beendeten, damit die Königsfamilie weiter essen und trinken konnte, wodurch die Oper ziemlich unerwartet und abrupt endet.

.Das IBR versammelte eine Gruppe talentierter junger Sänger für ihre einzige Aufführung. Amazilia selbst wurde von Paola Leoci gesungen, die sich durch ihre technische Meisterschaft und ihr engagiertes Einbringen in die Rolle auszeichnete. Leoci hatte gerade die weibliche Hauptrolle der Fanni in La cambiale di matrimonio beim Rossini-Festival gesungen. Sie passte die Soubretten-Stimme, die sie für Fanni in der leichten Komödie verwendet hatte, erfolgreich an die dramatischeren Anforderungen und die größere Beweglichkeit an, die für Amazilia erforderlich waren. Ihre atemberaubende Darbietung der teuflisch schwierigen Koloratur in „Parmi vederlo” konnte sich durchaus mit der von Sills aufgenommenen Version messen – und diesmal wussten wir, dass sie von Pacini stammte.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Schluss-Applaus/Foto Luigi Angelucci

Wenn die Rolle der Amazilia für jede Sängerin eine Herausforderung darstellt, dann ist die Tenorrolle des Zadir, die für Giovanni David geschrieben wurde, vielleicht noch schwieriger. Das IBR gab uns Manuel Amati, der die extrem hohen Töne sang und die schwierige Koloratur meisterte, für die David berühmt war, obwohl Amati eine eher kleine Stimme besitzt. Bass Giorgio Caoduro vervollständigte das Trio der Hauptdarsteller als Cabana. Auch seine Rolle ist extrem schwierig; der ursprüngliche Cabana, Luigi Lablache, war der berühmteste Bass in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Caoduro begann etwas zögerlich, da er sofort mit einer großen Arie mit einer technisch anspruchsvollen Cabaletta konfrontiert war, wurde aber im Laufe der Aufführung immer stärker und sicherer; er war sehr gut in seinem „Wiener” Duett mit Amazilia, „Tu sprezzar gli affetti miei”. Die Nebenrollen wurden von Mariano Orozco (Orozimbo), Naomi Umani (Mila) und Michele Albiati (Alvaro) wahrgenommen. Das Orchestra Sinfonica G. Rossini und der Chor des Teatro della Fortuna in Fano wurden von Enrico Lombardi geleitet. Lombardi hauchte Pacinis vergessener Musik neues Leben ein und zeigte uns einen Komponisten, der trotz seines Rufs, es mangele ihm an „Wissenschaft”, es verstand, interessante Orchesterwerke zu schreiben.

.Die Inszenierung war leicht halbszenisch, d. h. sie war mehr als ein reines Konzert mit Sängern, die vorne auf der Bühne standen, aber weniger als eine szenische Aufführung ohne Kulissen und Kostüme. Tomasso Casadei sorgte für passende Hintergrundprojektionen der im Libretto beschriebenen Schauplätze, darunter Floridas „bergiges” Gelände, eine Beschreibung, die jeden, der schon einmal in Florida war, zum Schmunzeln bringen dürfte.

Festival Il Belcanto Ritrovato in Fano: Die Macher mit Hausherrn/Intendanten Rudolf Colm in der Mitte/Foto Luigi Angelucci

Es ist unwahrscheinlich, dass Amazilia jemals außerhalb eines Festivals aufgeführt wird, da es sich um ein Geburtstagsgeschenk für einen längst vergessenen Monarchen handelt, das Werk ein abruptes Ende hat und es schwierig ist, Sänger zu finden, die die Musik singen können. Dennoch enthält es viele musikalische Juwelen, und die Aufführung trug dazu bei, unser Verständnis für einen Komponisten zu vertiefen, der zu lange im Schatten stand. Chronologisch gesehen liegt die Oper in Pacinis Karriere zwischen Alessandro nelle Indie (die in Neapel häufiger aufgeführt wurde als alle Opern, die Rossini für diese Stadt schrieb) und seinem L’ultimo giorno di Pompei, einem noch größeren Erfolg. Als solche ist sie Teil eines Trios, das den ersten Teil von Pacinis sehr fruchtbarer Karriere krönt.

Die Aufführung wurde von Bongiovanni aufgezeichnet und soll in etwa einem Jahr erscheinen. Zum ersten Mal hat das IBR eine kritische Ausgabe seiner Hauptoper herausgebracht, die in diesem Fall von dem hervorragenden jungen Musikwissenschaftler Gianmarco Rossi erstellt wurde – ein wirklicher Beitrag zur Musikwissenschaft.

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Das IBR-Festival bestand nicht nur aus Amazilia. Es gab zahlreiche Konzerte und Vorträge rund um Pacini, aber die Konzerte umfassten auch faszinierende Musik von anderen Komponisten, die heute noch unbekannter sind als Pacini. Es gab ein Konzert mit Orchesterauszügen aus Opern, die an der Scala uraufgeführt wurden, aber von sizilianischen Komponisten geschrieben worden waren; mehrere davon waren Werke von PaciniIl barone di Dolsheim (1818), La vestale (1823) und I cavalieri di Valenza (1828). Giulias Arie mit Harfe „Io son rea, né imploro” aus La Vestale war äußerst schön, die beste von allen.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Nicola Vaccai (* 15. März 1790 in Tolentino bei Ancona; † 5. August 1848 in Pesaro) war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Aber es gab auch Stücke aus Mario Aspas I due Savoiardi (1838), Pietro Coppolas La festa della Rosa (1836) und Placido Mandanicis Il Buontempone di Porta Ticinese (1841). Coppola ist ein Komponist, der viel mehr Beachtung verdient; ein weiteres seiner Werke, Nina pazza per amore, war ein großer internationaler Erfolg und zu seiner Zeit ein größerer Kassenschlager als jede Oper von Rossini, während Mandanicis unwiderstehlicher Il Buontempone voller mitreißender Musik ist und Mailand auf einzigartige Weise feiert, so wie viele andere Opern untrennbar mit Rom, Venedig oder Neapel verbunden sind. Dieses Konzert wurde gekonnt begleitet vom Orchestra Sinfonica G. Rossini unter der Leitung von Daniele Agiman. Agiman war so begeistert von dem Trio aus Il Buontempone di Porta Ticinese, mit dem das Konzert endete, dass er selbst eine Zugabe (Encore) des gesamten Stücks forderte, noch bevor das Publikum dies tun konnte, und die drei talentierten Sänger der La Scala Accademia (Fan Zhou, Aldo Sartori und Sung Hwan Park) sangen es erneut. Das Publikum war begeistert.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Pietro Antonio Coppola (* 11. Dezember 1793 in Castrogiovanni; † 13. November 1877 in Catania)war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Ein Open-Air-Konzert im Innenhof mit Blick auf das Haus von Nicola Vaccai feierte Werke von vier Komponisten aus Pesaro – natürlich Rossini, aber auch Vaccai und die fast völlig unbekannten Gioacchino Albertini und Vincenzo Federici. Weitere Werke von Pacini waren in einem Konzert zu hören, das seine Opern mit Passagen aus seinen künstlerischen Memoiren verband. Mit anderen Worten: Das IBR bot uns ein reichhaltiges Programm seines Hauptkomponisten Pacini, aber auch Kostproben anderer einst beliebter Opernkomponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die in Vergessenheit geraten sind, und erfüllte damit seine Mission, dieses reiche Erbe für das Vergnügen des heutigen Publikums zu erschließen. Das IBR, das nun bereits im vierten Jahr erfolgreich stattfindet, ist auch für den erfahrensten Opernliebhaber wieder eine lehrreiche Erfahrung. CDs mit den Werken des letzten Jahres, Luigi Rossis La casa disabitata und einem Konzert mit Auszügen von Vaccai, sind jetzt beim Label Bongiovanni erhältlich.

Abgesehen von der Figur in der Oper (und dem Namen von Pacinis Tochter) ist „Amazilia” der Name einer Kolibri-Gattung, die denselben Namensstamm hat wie die Heldin der Oper. Das IBR trägt mit seinen zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Initiativen dazu bei, dass diese seltenen und farbenprächtigen Geschöpfe wieder fliegen können. Charles Jernigan/DeepL/G.H.

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Dazu auch bei operlounge.de: Pacinis Kinder sowie Die vergessene Oper: Pacinis Amazilia

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36. Musikfest Bremen: Musikalische Glanzlichter: Halbszenische Opernaufführungen haben eine schöne Tradition beim Musikfest an der Weser. Fast immer sind sie hochkarätig besetzt mit exzellenten Solisten und einem renommierten Dirigenten. Im Konzertsaal Die Glocke stand am 27. 8. 2025 bei Mozarts Die Zauberflöte der junge Finne Tarmo Peltokoski vor der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, seit Anfang 2022 Principal Guest Conductor des Orchesters. Seine eminente musikalische Begabung offenbarte sich bereits in der Ouvertüre, die er spannungsvoll und kontrastreich aufbaute. Feierlich und würdevoll erklang die Einleitung zum 2. Aufzug, wobei Transparenz und Schlankheit des Klanges stets gewahrt blieben. Das ChorWerkRuhr (Einstudierung: Michael Alber) absolvierte zuverlässig seine Auftritte von der Empore. Romain Gilbert hatte die Handlung an der Rampe diskret, doch spielfreudig arrangiert, wobei er von Hervé Garys Lichtdesign unterstützt wurde, welches besonders mit den Rot- und Blau-Tönen bei der Feuer- und Wasserprobe Sinn machte.

Ein Salzburg würdiges Ensemble sorgte für einen Abend voller Sängerglanz, angeführt vom Schweizer Tenor Mauro Peter, der den Tamino schon  2018 in der verunglückten Inszenierung von Lydia Steier bei den Salzburger Festspielen gesungen hatte. Sein kultivierter lyrischer Tenor hat mittlerweile an Farbe, Volumen und Kraft gewonnen. Das verhalf der gefühlvoll vorgetragenen „Bildnis“-Arie zu starker Wirkung und erbrachte für „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ eine ideale Balance von Virtuosität und Emphase. Eine perfekte Besetzung war auch für seine Pamina gefunden worden, denn Elsa Dreisig wartete mit leuchtendem Sopran, innigem Gefühl und bester Stimmführung auf. Während ihre Ausflüge in das italienische und französische Fach in der Vergangenheit zwiespältig ausfielen, konnte sie hier in ihrem ureigenen  Repertoire überzeugen und mit der Arie „Ach, ich fühl´s“ für ein sängerisches Glanzlicht sorgen. Nicht weniger als eine Sensation markierte der Auftritt von Kathryn Lewek als Königin der Nacht. Man muss schon an Edda Moser oder Diana Damrau in ihrer besten Zeit zurückdenken, um ein vergleichbares Niveau zu finden. Mit dunkel grundiertem, fülligem Sopran von warmem Klang konnte sie die mütterlichen Gefühle der Figur plastisch transportieren, mit rasender Attacke, phänomenalen Koloraturläufen und gestochenen staccati gleich Messerstichen ihren Rachefuror verdeutlichen. Von seltener klanglicher Homogenität erklang das Trio der drei Damen mit Silja Aalto, Iris van Wijnen und Marie Seidler. Dies ist auch den Solisten der St. Florianer Sängerknaben zu bescheinigen, die die Gesänge der Drei Knaben wohllautend und intonationsrein vortrugen. Nobel und sonor erklang der schlanke Bass von Manuel Winckhier in Sarastros beiden Arien, mit beeindruckender Autorität im letzten Auftritt des Priesters „Die Strahlen der Sonne“. Der ungarische Bassbariton Marcell Bakonyi gefiel mit potenter, kerniger Stimme als Sprecher und gab darüber hinaus noch den Zweiten Geharnischten, assistiert vom slowenischen Tenor Martin Logar als Erstem. Scharfzüngig und grell charakterisierte Andreas Conrad den Monostatos.

Wie oft war auch hier Papageno ein Publikumsliebling. Der Schweizer Bariton Äneas Humm sang ihn mit angenehmer Stimme, allerdings gespreizt gesprochenem Dialog und überflüssigen Extempores sowie einer gänzlich überflüssigen Einlage mit dem Song „The Sound of Silence“. An seiner Seite war Miriam Kutrowatz eine reizende Papagena – in der Verkleidung als altes Weib zunächst keifend und krächzend, nach der Demaskierung dann aber entzückend singend. Der Abend, welcher in seiner musikalischen Perfektion viele internationale Festspielaufführungen übertraf, wurde vom Publikum gebührend bejubelt.

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Stets gehören auch Konzertabende mit Interpreten von Weltrang zum Programm des Musikfestes. Am 28. 8. 2025 war Gelegenheit, die finnische Sopranistin Camilla Nylund zu erleben. Das Programm, Von Heldinnen und Helden betitelt, bot zwei der forderndsten Finalszenen der gesamten Opernliteratur: „Starke Scheite“ aus Wagners Götterdämmerung und den Schlussgesang der Salome aus Strauss´ Oper. Zudem war das zweite renommierte  Orchester der Hansestadt zu hören – die Bremer Philharmoniker unter ihrem GMD Marko Letonja. Das Konzert markierte eine würdige Feier zum 200. Jubiläum des Klangkörpers. Brahms´ „Akademische Festouvertüre“ war ein schwungvoller Auftakt mit seinen Anklängen an Studentenlieder.

Camilla Nylund hatte als Einstieg Elisabeths Hallen-Arie aus Tannhäuser gewählt, in der die Stimme leicht verhärtet klang. Dann aber Brünnildes Weltabschied in einem silbernen, eng anliegenden Kleid, das die Sängerin umschloss wie ein stählerner Panzer und auch optisch einer Walküre entsprach. Grandios meisterte sie mit ihrem kraftvollen Sopran und unangefochtenen Spitzentönen die lange Szene, dominierte bis zum letzten Moment das Orchester, welches der Dirigent groß aufrauschen ließ.

Nach der Pause Richard Strauss mit seiner „Sinfonischen Fantasie“ aus Die Frau ohne Schatten, welche 1946 entstand und Motive aus dem monumentalen Werk vereint. Klänge, Farben, Lyrismen und Dissonanzen fügten sich in der Wiedergabe des Orchesters zu einem Klangrausch von magischer Wirkung. Auch der nachfolgende „Tanz der sieben Schleier“ aus Salome verfehlte in der lasziven Atmosphäre und orgiastischen Steigerung nicht seinen Effekt. Zweifellos besitzt Nylunds Stimme eine neue Qualität und Dimension, was auch Salomes Schlussgesang bewies. In ihrem Charakter, ihrer Klangfarbe ist sie nicht eigentlich hochdramatisch, wohl aber in ihrer Leistungsfähigkeit. Und so bot sie auch als Salome einen mühelos bewältigten Auftritt von ekstatischer Steigerung und tranceartigem Schluss, der in seiner Tragik tief berührte.

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Verdienstvoll und vom Publikum hoch geschätzt sind die Veranstaltungen des Musikfestes in Bremens Umgebung. Der prachtvolle Dom zu Verden ist ein solcher Ort, wo am 29. 8. 2025 Mozarts Requiem d-Moll KV 626 erklang. Hochrangige Interpreten der Barock-Szene waren versammelt, so das 1990 von Václaw Luks gegründete Collegium 1704 und das 2005 von ihm ergänzte Collegium Vocale 1704. Der Dirigent entschied sich für die von Eybler und Süssmayr vollendete Fassung des von Mozart als Torso hinterlassenen Werkes. Und er stellte ihm ein hierzulande unbekanntes Stabat Mater von Frantisek Ignác Tuma voran, welches der 1704 geborene böhmische Komponist ca. 1750 schuf. Das Werk von strenger Schlichtheit ist nur sparsam instrumentiert und atmet kaum barocken Geist. Fast mutet es modern an, wie hier alte und neue Stile kombiniert sind. Orchester und Chor beeindruckten mit hoher Klangkultur und das Solistenquartett konnte in zwei Duetten bereits seine Qualität herausstellen, wie es danach bei Mozarts Werk noch deutlicher wurde. Tereza Zimkovás Sopran war von keuschem Klang, der Mezzo von Henriette Gödde dagegen eher von fraulicher Sinnlichkeit. Herausragend war der Tenor von Krystian Adam in seiner Potenz und Substanz, Tomás Selc komplettierte mit einem Bass von warmem, weichem Klang. Der Gesang des Chores war überwältigend, ob im Kyrie mit seiner apokalyptischen Dimension, dem gewaltigen Confutatis maledictis oder dem erhabenen Agnus Dei. Und am Ende überraschten die 17 Sängerinnen und Sänger noch mit einer unbekannten Zugabe – einem frühen A-capella-Werk von Zelenka, das den Abend bewegend und würdig beschloss. Bernd Hoppe

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LGBT in Pesaro 2025: Das Rossini Opera Festival endete mit einer hervorragenden Aufführung der Missa, die Verdi nach Rossinis Tod im Jahr 1868 für ihn organisiert hatte. Sie besteht aus 13 Sätzen, die jeweils von einem anderen Komponisten der damaligen Zeit komponiert wurden (der letzte von Verdi selbst), wurde jedoch zu Verdis Lebzeiten nie aufgeführt und blieb tatsächlich unaufgeführt, bis sie 1970 von David Rosen entdeckt und 1988 in Deutschland aufgeführt (und anschließend aufgenommen) wurde. Sie war zuvor noch nie beim Rossini-Festival aufgeführt worden. Die Qualität der einzelnen Abschnitte ist unterschiedlich, aber der letzte Abschnitt von Verdi, den er später in seine Requiem-Messe für Manzoni übernahm, ist glühend.

Ansonsten bestand das Festival aus drei Hauptopern – der Rarität Zelmira, einer skurrilen Interpretation von L’Italiana in Algeri und Rossinis erster aufgeführter Oper, La cambiale di matrimonio, die zusammen mit seiner Liedersammlung „Soirèes Musicales” aufgeführt wurde.

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Rossini Opera Festival 2025: „Zelmira“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Zelmira wurde mit einer spektakulären Besetzung von Sängern unter der Leitung von Giorgio Sagripanti mit dem Orchester des Teatro Communale in Bologna in einer Inszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito aufgeführt. Bieito machte sich zunächst in der Opernwelt einen Namen, indem er Standardwerke auf subversive Weise mit viel Nacktheit, Gewalt und explizitem Sex inszenierte und damit das biedere Opernpublikum in Europa schockierte – ein Quentin Tarantino der Opernwelt. Nun scheint Bieito sich von der Infragestellung westlicher Werte, wie sie in kulturellen Ikonen wie Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ oder Bizets „Carmen“ verkörpert sind, zu einer völlig nihilistischen Welt des unerbittlichen Negativismus und der Sinnlosigkeit weiterentwickelt zu haben.

In dieser Inszenierung von Zelmira gab es keine Nacktheit und die Gewalt wurde gedämpft, aber die Inszenierung untergrub alle Werte, die wir normalerweise mit der Oper und Rossini verbinden, und suggerierte, dass alles an der sozialen und kulturellen Erfahrung der Oper bedeutungslos ist – die Musik, die Aufführung, die Inszenierung und das Publikum selbst. (…) Der Sinn der Inszenierung bestand darin, dass sie sinnlos war: Nichts hatte irgendeine Bedeutung. Es gab keine Übertitel, um der Handlung zu folgen, wahrscheinlich weil die Inszenierung so oft im Widerspruch zum Libretto stand, aber auch weil die gesungenen Worte bedeutungslos sind. Der Nihilismus, ein in Europa und Amerika mittlerweile weit verbreitetes Phänomen, da so viele Institutionen und Persönlichkeiten ihre Bedeutung verloren haben – Religion, Politik, demokratische Institutionen und die Künste –, scheint in Bieitos Inszenierung nun auch die Oper befallen zu haben. Die Gründe, warum man in die Oper geht, sind zunichte gemacht. Selbst die Handlungen, die mit einem Opernabend verbunden sind – Ticket kaufen, sich ankleiden, anreisen, zuhören, applaudieren – sind bedeutungslos. Bieito verspottet weniger die Institution oder das Publikum, als dass er uns sagt, dass eine kulturelle Handlung nicht mehr Bedeutung hat als alles andere.

Wenn die „Bedeutung” Bedeutungslosigkeit ist, dann sahen wir keinen Grund zu bleiben. Wir gingen in der Pause. Eineinhalb Stunden totale Negation waren genug. Wenn die Musik wertlos war, die harte Arbeit der Sänger und des Orchesters bedeutungslos und die Inszenierung ein endloser Kreislauf sich wiederholender Handlungen ohne jeden Grund, warum dann bleiben? Unser Akt des Nihilismus bestand darin, zu gehen und ein Eis zu kaufen. Italienisches Gelato an sich ist anti-nihilistisch. Oder vielleicht war Bieito einfach nur verwirrt und hatte keine Ahnung, was er tat.

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Rossini Opera Festival 2025: „L´Italiana in Algeri“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Rosetta Cucchis Inszenierung von Italiana in Algeri befand sich gewissermaßen am anderen Ende des philosophischen Spektrums. Sie interpretierte die Geschichte von Isabella, der Italienerin auf der Suche nach ihrem lange verschollenen Freund Lindoro, neu als eine Gruppe von Drag Queens, deren Bus auf einer Reise eine Panne hat. „Isabella und ihre Mädchen” werden von den Polizisten unter Mustafà verhaftet, einem despotischen Herrscher, der von seiner Frau Elvira gelangweilt ist. Die gestrandeten italienischen Drag Queens versprechen ihm eine Art neue Stimulation, sexuell oder anderweitig. In einer cleveren Vorführung vor der Oper hält die Gruppe mit einem regenbogenfarbenen VW-Bus vor dem Teatro Rossini und die „Polizei“ jagt die extravagant gekleideten Drag Queens, um sie schließlich ins Theater zu treiben, damit die Oper beginnen kann. Es ist ein lustiges Durcheinander in wilden Kleidern und leuchtenden Farben.

.Cucchi verwendet Isabellas patriotische Arie „Pensa alla patria”, um eine Art ernsthafte Aussage über die Befreiung von Homosexuellen oder die Akzeptanz von Drag Queens oder die Freiheit, sein Leben so zu leben, wie man es für richtig hält, zu machen, aber es passt nicht zum Text, und tatsächlich funktioniert die ganze Drag-Überlagerung nicht: Isabella ist eindeutig eine Frau, eine Mezzosopranistin, und kein Mann in Frauenkleidung. Sie sucht einen Liebhaber, der ein Mann ist (Lindoro). Die Inszenierung entpuppt sich als Camp-Übung und nicht als ernsthafter Aufruf zur Befreiung, trotz alter Wochenschauen, die Demonstranten für die Befreiung von Homosexuellen, für Transsexuellenrechte oder für Drag Queens zeigen. Cucchi glaubt eindeutig, dass eine soziale Sache im Gegensatz zu Bieito eine Bedeutung hat, aber sie hat das falsche Mittel gewählt, um ihre Ansicht zu verbreiten. Italiana ist eine köstliche Opera buffa: Sie verspottet alberne „Türken” und italienische Männer (Taddeo), preist aber die Macht und Intelligenz italienischer Frauen. Es ist nicht La Cage aux Folles oder Priscilla, Queen of the Desert. Der Gesang war sehr gut. Daniella Barcelona ist mit 59 Jahren immer noch wunderbar, und die beiden Buffo-Bässe Giorgi Manoshvili und Misha Kiria waren in der Tat sehr gut. Der Tenor Josh Lovell hat eine liebliche tenore di grazia-Stimme, aber er hat einige hohe Töne ziemlich schlecht getroffen, und seine Stimme ist in seiner Arie im zweiten Akt gebrochen. Vielleicht war das alles nur ein Insider-Witz: Daniella Barcelona hat ihre Karriere in Travesti-Rollen verbracht, in denen sie als Mann verkleidet war. Können wir sie als „Drag King” bezeichnen?

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Rossini Opera Festival 2025: „La cambiale di matrimonio“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Der dritte Abend war eine Art Doppelvorstellung. Die Einakter-Oper war Rossinis Cambiale di matrimonio, die mit vier Sängern kombiniert wurde, die die „Soirées Musicales” aufführten, eine Sammlung von zwölf Liedern, die Rossini in den frühen 1830er Jahren komponiert hatte. Dieser eher seltsame Abend versuchte nicht, eine Aussage zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema (Drag Queens) zu machen oder eine gesellschaftliche Unzufriedenheit wie Nihilismus auszudrücken. Er war einfach nur unterhaltsam und hat Spaß gemacht. Die Lieder wurden für diesen Anlass von Fabio Maestri orchestriert und vor dem Vorhang von vier jungen Sängern auf einfache Weise präsentiert: Vittoriana De Amicis, Andreas Niño, Paola Nevi und Gurgen Baveyan. In der Oper spielte der bekannte und lustige Buffo-Bass Pietro Spagnoli die Rolle des Tobia Mill und die exzellente Paola Leoci seine hübsche Tochter Fanni. Ihr Liebhaber Edoardo wurde von Jack Swanson gespielt, und der Kanadier Slook, der mit einem Bären im Schlepptau auftauchte, wurde von Matt Olivieri dargestellt. Ramiro Mataran und Inés Lorann waren die beiden Diener Norton und Clarina. Der ehemalige Tenor Laurence Dale inszenierte eine charmante, traditionelle und lustige Produktion. Auf der Bühne stand ein realistisches zweistöckiges georgianisches Londoner Reihenhaus, und die Sänger trugen historische Kostüme. Der einzige Misston war der Bär, der fast während der gesamten Oper auf der Bühne blieb und den Witz zermürbte. Christopher Franklin dirigierte.

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Wenn es ein Gegenmittel zur nihilistischen Zelmira gab, dann war es der letzte Teil der Messe für Rossini, Verdis „Libera me, Domine”, ein großer Schrei nach Freiheit und Sinn, gerichtet an ein kaltes Universum und gesungen von der großartigen Vasilisa Berzhanskaya. Das Universum mag nicht zuhören, aber der verzweifelte Schrei, eines der größten Werke Verdis, ist an sich schon eine Bestätigung der größten Aufgabe der Kunst – uns in der Weite von Zeit und Raum einen Sinn zu geben. Charles Jernigan/DeeplL/G. H.

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Salzburger Festspiele 2025: Counter-Gipfel. Noch nie gab es im Salzburger Festspielsommer eine derart hohe Beteiligung von Counter/Falsetisten wie in diesem Jahr. Schon in der Eröffnungsproduktion mit einem Barockwerk – Händels Giulio Cesare in Egitto -, mit dem der russische Regisseur Dmitri Tscherniakov sein Debüt in Salzburg gab, waren vier Vertreter dieser Stimmgattung besetzt. Ohne Zweifel führte sie der Franzose Christophe Dumaux als Titelheld an. Viele Jahre war er auf die Partie des Tolomeo abonniert, die er weltweit und bei allen großen internationalen Festivals gesungen hat. Für die Interpretation der Titelrolle hat er sich viel Zeit gelassen – mit dem Ergebnis einer bewundernswerten Vollkommenheit. Schon der Auftritt mit „Presti omai l´egizia terra“ war in seiner energischen Attacke fulminant, ähnlich rasant das Solo „Empio, dirò, tu sei“. Dazu kontrastierte das lieblich intonierte „Se in fiorito ameno prato“ mit imitierten Vogelstimmen zauberhaft und geradezu magische Wirkung hatte „Aure, deh, per pietà“ mit berückend schwebenden Tönen.

Ihm fast ebenbürtig der ukrainische Sänger Yuriy Minenko als Tolomeo, auch er eine Größe im internationalen Barock-Geschehen. Der Regisseur zeichnet ihn als fiesen, effeminierten Schurken und lässt ihn sein Entrée „L´ empio, sleale“ mit hysterischer Aggressivität vortragen. Aber Minenko kann später auch die Schönheit seines Timbres zeigen und mit einer kunstvollen Kadenz imponieren.

Salzburger Festspiele 2025: „Giulio Cesare“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Ein relativ neuer Name ist der italienische Sopranist  Federico Fiorio, der aber bereits an der Mailänder Scala aufgetreten ist und bei den jüngsten Festspielen Potsdam Sanssouci in Galuppis Didone abbandonata beeindruckte. Mir war sein Sesto bei aller zur Schau gestellten Virtuosität zu kindlich im Klang, ungeachtet der Tatsache, dass die Rolle einen Sänger mit jugendlicher Stimme verlangt. Wie alle Figuren in diesem unterirdischen Gefängnis ist auch er traumatisiert, allein die flatternden Hände bei „Svegliatevi nel core“ zeigen seinen pathologischen Zustand an. Später wird er eine Art Veitstanz aufführen und völlig die Kontrolle über seine Aktionen verlieren, was der Interpret mit bewundernswertem körperlichem Einsatz zeigt. Vierter Counter war der junge Amerikaner Jake Ingbar als Nireno mit auffallend klangvoller Stimme.

Gefeiert wurde Olga Kulchynska für ihre Cleopatra, mit der sie ein beachtliches Salzburg-Debüt gab. Optisch als billige Nutte eher abstoßend, gelang es ihr doch, die Gefühle für Cesare und ihre Ängste um sein Leben glaubhaft zu vermitteln. Die makellose Technik erlaubte ihr einen bravourösen Vortrag der fordernden Arien und auch die lyrischen Passagen gelangen ihr vortrefflich. Zwitschernd klang „Non disperar“, verführerisch „V´adoro, pupille“, tragisch umflort „Piangerò“ und gebührend bravourös „Da tempeste“. Einzig das recht anonyme Timbre versagt die Einordnung der Stimme in eine von Weltrang.

Gespalten. waren die Meinungen über die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot als Cornelia. Ihre Stimme mit maskulinem, extrem gutturalem Klang verfärbte sie bis zur Hässlichkeit. Die Ausbrüche bis zum veristischen Schrei verfehlten zuweilen nicht ihre Wirkung, waren aber kaum noch in die Kategorie Gesang einzuordnen. Echte männlich-tiefe Töne brachten der moldawische Bariton Andrey Zhilikhovsky als Achilla und Robert Raso vom Young Singers Project als Curio ein. Ersterer trumpfte bei „Tu sei il cor“ mit energischer, ausladender Stimme auf, während Raso die Rezitative resolut formulierte.

Das zentrale Thema des diesjährigen Festspielprogramms, Machtkampf und Krieg, war deprimierend, doch angesichts der aktuellen Weltlage nachvollziehbar. Und natürlich war es auch in dieser Eröffnungsproduktion präsent. Wie stets fungierte Tcherniakov als sein eigener Bühnenbildner und hatte im Haus für Mozart einen unterirdischen Bunker auf die Bühne gestellt, in welchen die Protagonisten geflüchtet waren und dort in klaustrophobischer Enge eingepfercht sind. Ihre Machtkämpfe setzen sie dennoch fort. Der Einheitsschauplatz evozierte eine szenische Eintönigkeit. Elena Zaytsevsas moderne Kostüme bewegten sich im sattsam bekannten Spektrum von Business-Anzügen, Lederjacken, Hoodies und einem pinkfarbenen Girly-Outfit für Cleopatra mit Felljacke und langer Perücke. Befremdlich waren einige Ideen des Regisseurs, wie Tolomeos versuchte Vergewaltigung der Cornelia, die sich ihm angeekelt entzieht, aber darauf ihren eigenen Sohn Sesto sexuell bedrängt und damit eine inzestuöse Neigung offenbart. Auch die permanente Korrektur ihres Make-up´s während der Trauergesänge um den ermordeten Gatten schien unpassend. An Komik grenzten der schier endlos verblutende Achilla und Sesto, der am Ende den Verstand verliert und in einen Wahnsinnstanz verfällt. Vorhersehbar, dass Tschernjakov auch dem lieto fine nicht traute. Alle singen von Freude und Lust, doch eine ohrenbetäubende Explosion zeigt unmissverständlich an, dass die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.

Mit alarmierendem Sirenengeheul begann die Aufführung auch akustisch verstörend. Aber dann setzte die Musik ein, welche Emmanuelle Haim mit ihrem Concert d´Astrée in aggressiver Härte und schonungsloser Dramatik erklingen ließ. Da waren die weichen Streichertöne, die ziselierten Gambenakkorde und feinen Bläserpassagen der Bühnenmusik ein wunderbarer Kontrast zu den fiebrigen, harsch pulsierenden Passagen. Aus dem Orchestergraben sang der Bachchor Salzburg (Einstudierung: Michael Schneider) und sorgte gleichermaßen für dramatische Effekte (wie im Schlachtruf „Mora Cesare, mora“) und versöhnliche Harmonie (wie im Finale „Ritorni omai nel nostro core“) – wenn dies auch von der Regie nicht bedient wurde. Aber musikalisch war diese Festspieleröffnung verheißungsvoll (14. 8. 2025).

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Salzburger Festspiele 2025: „Drei Schwestern“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Die Besetzungsliste einer weiteren Neuproduktion, Peter Eötvös´ Oper Tri Sestri (Drei Schwestern) (Uraufführung am 13. März 1998 in der Opéra de Lyon) wies gleichfalls vier Counter auf, dazu als komischen Verfremdungseffekt den orgelnden polnischen Bass Aleksander Teliga in einer Travestie-Rolle – der Amme Anfisa. Das Trio der drei hohen Männerstimmen in den Titelrollen sorgte in Salzburg für eine Sensation. Der Sopranist Dennis Orellana als Irina sowie die Counter Cameron Shabazi als Mascha und Aryeh Nussbaum Cohen als Olga hatten den Abend schon im Prolog für sich entschieden, wo sie in schlichten weißen Kleidern (Kostüme: Emma Ryott) an ihr bisheriges Leben erinnern und von einem Neuanfang träumen. Wunderbar vereinten  sich die drei Stimmen zu einem harmonischen Zusammenklang, getragen von der sphärischen Musik des ungarischen Komponisten, die 1998 uraufgeführt wurde. Der französische Dirigent Maxime Pascal breitete sie mit dem Klangforum Wien atmosphärisch aus, gab auch ihren winselnden, lärmenden Passagen gebührenden Raum. Alphonse Cemin leitete ein unsichtbares Orchester hinter der Bühne.

An Tschechows Schauspiel Drei Schwestern mit seinen intimen Kammerspiel-Szenen, mit seiner Bühne voller Birken darf man bei der Vertonung und bei der Inszenierung von Evgeny Titov nicht denken. Sie fügt sich ganz ein in das aktuelle Thema der Festspiele, zeigt eine apokalyptische Trümmerlandschaft aus geborstenem Beton und zerstörten Eisenbahnschienen im Nebel (Bühne: Rufus Didwiszus). Die Akteure müssen über riesige Gesteinsbrocken balancieren, wobei der vierte Counter, Kangmin Justin Kim in der Rolle der hysterischen und extravagant gewandeten Natascha, Andrejs Frau, dem Bruder der Schwestern, durch seine geradezu artistische Gewandtheit besonderes Aufsehen erregte. Die Hoffnung, welche Eötvös´ Musik auch innewohnt, atmet die Szenerie nicht. Der Krieg ist allgegenwärtig, wenn Soldaten mit den Utensilien des Kriegers die Bühne stürmen und Brände aufflammen. Die zugemauerten Arkaden der Felsenreitschule suggerieren zudem eine bedrückende Eingeschlossenheit.

Im Unterschied zum Schauspiel haben der Komponist und sein Librettist Claus H. Henneberg die Oper in drei Sequenzen aufgeteilt, in denen Irina, Mascha und Andrej aus ihren individuellen Blickwinkeln erzählen. Den Anfang macht Irina, die jüngste der Schwestern, der die Oboe zugeordnet ist und die von Baron Tusenbach (Mikolaj Trabka mit obertonreichem Bariton) geliebt wird. Orellana verlieh ihr einen feinen, träumerischen Sopranklang. Auch der Stabshauptmann Soljony (Anthony Robin Schneider mit sonorem Bass) liebt Irina, was zum Duell mit dem Baron führt, in dem dieser sein Leben verliert.

Die zweite Sequenz ist Andrej vorbehalten, der sich in Selbstvorwürfen quält. Seine Frau Natascha hat ein Verhältnis mit Protopopow (Henry Diaz), was der Choreograf Otto Pichler in einer Liebesszene pantomimisch umgesetzt hat. Der südafrikanischer Bariton Jacques Imbrallo zeigt sich als Andrej schonungslos nackt, so die Sinnlosigkeit seiner Existenz darstellend. Die Sequenz III ist Mascha vorbehalten, der die Klarinette gehört und die von dem Batteriekommandanten Werschinin (Ivan Ludlow mit potentem Bariton und starker Aura ) fasziniert ist. Der Abschied von ihm wegen seiner privaten Probleme ist für Mascha schmerzlich. Shahbazi bestach durch seine elegante, attraktive Erscheinung und die sinnliche, dunkel timbrierte Stimme. Der Bass Andrei Valentiy gab Maschas Ehemann Kulygin als skurrile Figur. An Irinas Namenstag erscheint er mit roter Clownsnase und langen Eselsohren, um ihr ein Geschenk zu machen. Valentiy formte daraus ein Kabinettstück und imponierte darüber hinaus mit seiner prachtvoll sonoren Stimme. Der dritten Schwester, Olga, ist keine Sequenz gewidmet, wohl aber ein Instrument – die Flöte.

Zwei Zeichen der Hoffnung setzte der Regisseur am Ende dennoch gegen Tristesse, Verzweiflung und Apokalypse.  Irina malt auf eine weiße Mauer mit Kohle einen Tunnel als möglichen Ausweg und  das Alte Mütterchen (Eva Christine Just) steigt aus ihrem Krankenbett, um von der vierstöckigen Schokoladentorte zu kosten. Selten gab es für eine zeitgenössische Oper solch euphorischen Jubel wie in der Felsenreitschule am 12. 8. 2025.

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Salzburger Festspiele 2025: „Maria Stuarda“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Für die Vielseitigkeit des diesjährigen Festspielprogramms stand auch die Inszenierung von Donizettis Maria Stuarda. Die 1835 uraufgeführte Tragedia lirica zeigte Regisseur Ulrich Rasche im Großen Festspielhaus als Machtkampf der beiden Königinnen Elisabetta und Maria. Jeder ist ein eigenes Reich zugeordnet, welches sie nie verlassen und auch in ihrem Duett die Trennung beibehalten werden. Rasche als sein eigener Bühnenbildner hat dafür zwei riesige drehbare Scheiben installiert, die auch kippen können und von unten illuminiert werden. Von oben senkt sich eine dritte Scheibe herab, welche als Leuchtkörper dient und zudem für die Projektion von Filmaufnahmen der Titelheldin (Video: Florian Hetz) genutzt wird. Umgeben werden die beiden Herrscherinnen von ihren Höflingen (Tänzer der Salzburg Experimental Academy), die sich in der Choreografie von Paul Blackman bewegen – zumeist gegen die Drehrichtung der Scheibe – oder im Gleichschritt marschieren, gegen Ende halbnackt und zunehmend gekrümmt erscheinen. Auch die beiden Regentinnen sind in ständiger Bewegung, um sich gegen die Drehung der Scheiben zu behaupten. Irgendwann ähnelt Elisabetta in ihrer gebeugten, gebrechlichen Haltung, sich mühsam vorwärts schleppend, gar einer Mutter Courage. Kate Lindsey, in Salzburg ein häufig gesehener Gast, gab sie mit strengem, stark gutturalem Mezzo, dem gelegentlich ein heulendem  Beiklang eigen war. In der Erscheinung imponierte die herrscherliche, stolze, hochmütige Aura, im Ausdruck ihre Energie und Entschlossenheit. Von Sara Schwartz zumeist in Schwarz gekleidet, ist sie ein starker Kontrast zu Maria ganz in Weiß. Lisette Oropesa, kürzlich bei ihrem Rollendebüt am Teatro Real in Madrid gefeiert, war eine empfindsame schottische Königin mit weichem, lyrischem Koloratursopran. Die Auftrittskavatine „Guarda: su´ prati appare“ besaß Süße und Leuchtkraft, die Cabaletta „O nube“ Verve und strahlende Spitzentöne. Tief empfunden war ihre Preghiera vor dem Tod auf dem Schafott, bei der sie in einem transparenten hautfarbenen Hosenanzug aus glitzerndem Stoff auftreten muss – ein absurder Einfall der Kostümbildnerin. Auch Antonello Manacordas forsche Leitung der Wiener Philharmoniker wurde gelegentlich zum Problem, wenn das auftrumpfende Orchester den Sängerinnen alle Reserven abverlangte. Mit seinem robusten Latino-Tenor hatte Bekhzod Davronov als Roberto keine Mühe, sich gegen die Wiener Musiker durchzusetzen. Zur Optik als jugendlicher Beau korrespondierten seine strahlenden Spitzentöne und die Italianità seines Vortrags. Der russische Bass Aleksei Kulagin gab den Talbot mit ausladender, körniger Stimme, Thomas Lehman den Cecil mit solidem Bariton. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Alan Woodbridge) sang aus dem Off, was gelegentlich zu Koordinationsproblemen mit dem Orchester führte. Das Publikum am 11. 8. 2025, mit der Interpretation von Belcanto-Opern in Salzburg nicht eben verwöhnt, feierte die Sänger ausnahmslos euphorisch.

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Salzburger Festspiele 2025: „Hotel Metamorphosis“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Traditionell wurde eine Produktion von den Pfingstfestspielen Salzburg in das Sommerprogramm übernommen – in diesem Jahr Barrie Koskys schon im Juni gefeiertes Vivaldi-Pasticcio Hotel Metamorphosis. Michael Levine hatte die Geschichte in einem Hotelzimmer mit Doppelbett und variierenden Gemälden verortet, welche mythologische Szenen zeigen: Pygmalion und seine Statue, Arachne und Minerva, Myrrha, Echo und Narcissus, Orpheus und Eurydice. Die Geschichten stammen aus Ovids Metamorphosen, deren berühmteste die von Orpheus ist, den Angela Winkler im schwarzen Hosenanzug (Kostüme: Klaus Bruns) mit ihrer bekannt manierierten kindlichen Stimme sprach und dabei einige Konzentrationsprobleme offenbarte. Auch Pfingst-Prinzipalin Cecila Bartoli als Eurydice (im roten Kleid) und Arachne (im bunten Hosenanzug und Turban) brauchte eine Zeit, um ihre Form zu finden. Bei „Quell`augellin che canta“ aus La Silvia entzückte sie mit den imitierten, kichernden und gackernden Vogelstimmen, bei „Dite, oimè“ aus La fida ninfa beeindruckten der schmerzliche Ausdruck und die souveräne hohe Lage. Am Ende tritt sie noch einmal als Eurydice auf, nun im schwarzen Kleid, und imponierte mit langen Bögen bei „Sposa… son disprezzata“ aus Giacomellis Il Bajazet und „Gelido in ogni vena“ aus Il Farnace, bei dem die Stimme wie erfroren klirrte. Auch Philippe Jaroussky, ein Veteran in der Counter-Szene, offenbarte als Pygmalion und Narcissus stimmliche Defizite.  Überzeugend war aber der träumerische Klang in „Tu dormi in tante pene“ aus Tito Manlio.

Zum Star der Aufführung avancierte die französisch-italienische Mezzosopranistin Lea Desandre als Statua,  Myrrha und Echo. Als Myrrha brillierte sie mit der Bravour-Nummer „Agitata da due venti“ aus La Griselda (früher selbst ein Ganzstück der Bartoli), wozu das lyrisch gesponnene „Non ti lusinghi la crudeltade“ aus Tito Manlio ein schöner Kontrast war. Berührend auch die Arie „Sonno, se pur sei sonno“ aus dieser Oper, die Myrrha nach ihrer Verwandlung in einen Baum singt. Überwältigend schließlich Desandre als Echo mit der Arie „Zeffiretti che sussurrate“ aus Ercole sul Termodonte mit dem reizend imitierten Vogelzwitschern. Die Besetzung komplettierte die russisch-schweizerische Merzzosopranistin Nadezhda Karyazina als Minerva, Nutrice und Juno. Als Minerva begann sie mit wimmernder Fistelstimme, als Nutrice trumpfte sie mit „Nel ,profondo cieco mondo“ aus Orlando furioso energisch auf und als Juno berührte sie mit „Ho nel petto un cor si forte“ aus Il Giustino.

Il Canto di Orfeo (Einstudierung: Jacopo Facchini) hatte in mehreren Szenen Gelegenheit für klangvolle Auftritte („Dell´ aura al sussurrar“ aus Dorilla in Tempe oder mit dem finalen  „Sileant zephyri“).

Optisch wurde die Aufführung entscheidend geprägt von Otto Pichlers choreografierten Tanzszenen, die an seine Arbeiten in den Musicals an der Berliner Komischen Oper erinnerten. Vor allem zu Beginn des 2. Aktes mussten die Tänzer in bunten Röckchen und mit Blütenkränzen im Haar zur Sinfonia aus Dorilla in Tempe hopsen und kreischen. Im Finale sorgten sie beim Concerto grosso auf das „La Follia“-Thema von Geminiani immerhin für eine strengere Form. Exzellent war das orchestrale Niveau, das Gianluca Capuano mit Les Musiciens du Prince – Monaco bot. Ein reiches Farbspektrum schloss flirrende, harsche und klirrende Töne ein. Zu hören waren zärtliche, sinnliche und dramatisch explosive Momente, welche das Seelenleben der Protagonisten plastisch widerspiegelten. Das Publikum im Haus für Mozart am 13. 8. 2025 feierte die Interpreten anhaltend. Bernd Hoppe

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Quietschekuh und Rumpelkammer: Bayreuther Festspiele 2025 –  Die Meistersinger von Nürnberg unter Daniele Gatti und Tristan und Isolde unter Semyon Bychkov. Die rot-grün-bunte aufblasbare Kuh, deren durchgebogener Rücken und das nach oben gestreckter Euter die Nürnberger Festwiese überspannen, schwebt unantastbar über Jubel und Frohsinn, Schunkelei und Gruppentanz. Zwar hatte Beckmesser ihr kurzfristig die Luft rausgelassen, was zum Abbruch der Fröhlichkeit geführt hätte, doch Allkümmerer Sachs erkennt rechtzeitig die Notlage und verbindet Stecker und Kabel wieder. Das wäre auch zu schade gewesen. Das Bild wird in Erinnerung bleiben: eine Festwiese in quietschbunter 70er Jahre Optik als Mischung aus Volksfest und Vereinsabend, Musikantenstadl, Schlagerparade, Bauerntheater und Faschingssitzung mit zwei Merkel-Doubles, blond geschneckerlte Schlagerfuzzis, viel Volk in zünftigen Lederhosen und Dirndln. Und ganz viele Zipfelmützen, die an diesem Abend nie fehlen, als rote Vorgartenzwergmützen, fahle Narren- oder verzierte Faschingskappen.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Wie als Warnung wurde Regisseur Matthias Davids als Musicalregisseur angekündigt. Tatsächlich hat er seit 30 Jahren landauf landab an unterschiedlichsten Häusern gelegentlich Opern und Operetten, doch vor allem Musicals inszeniert. Und ich erinnere mich auch mal Gershwins Crazy for you von ihm gesehen zu haben. Gelernt hat er daraus ein Gefühl für Timing, die Mischung aus sentimentalen und leidenschaftlichen, aus kleinen und großen Szenen. Langweilig darf es nie sein. Das alles passt zu den Meistersingern, die Davids bewusst als Gegenentwurf zu Barrie Koskys und Katherina Wagners Geschichtsstunden und der jahrzehntelange Öde bei Wolfgang Wagners als – und das will bei den Längen der Schusterstube etwas bedeuten – nie langweiliges komödiantisches Entertainment bringt. Das war vielen zu leicht, zu heiter, zu oberflächlich. „Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts“, würde die lebenskluge Marschallin aus der anderen großen deutschen Musikkomödie sagen, die die Gefühlslage der Beteiligten erkannt hat. Oberflächlich ist Davids nie. Und die Bilder von Andrew Edwards bleiben in Erinnerung. Die sehr schmalen und sehr hohen, umsichtig mit einem Warnhinweis versehenen Stufen, die zu einem Kirchlein führen, aus dem anfangs die Kirchgänger strömen, angetan entweder in Trachten der Dürer- und Wagner-Zeit oder gar im modetrendigen Männerwickelrock. Auf der Fläche daneben treffen sich Eva und Stolzing erstmals. Er hat ein Herzchen aus Papierfliegern auf den Boden gelegt und flattert mit zwei Papierflügeln wie ein verliebter Teenager-Engel. Anschließend schwenkt die Handlung in das Innere eines Versammlungsraums. Im zweien Akt dann die bunt illuminierte, mittelalterliche Gasse mit den wie im Erzgebirge gedrechselten Häusern von Sachs und Pogner, samt Bäumchen von der Märklin-Eisenbahn und einer zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonzelle. Am Ende des Aktes bricht ein Pandämonium aus, die Bäume scheinen sich zu biegen, die Häuser rücken auseinander, die Dächer heben sich, eine wütende Prügelei beginnt, die zwischenzeitlich zwischen den Hauptbeteiligten im Boxring geführt wird. Und schließlich diese Festwiese, die aus der krähwinkelschen Enge in die Weitläufigkeit der gegenwärtigen Unterhaltungsbranche führt. Ähnlich bunt – und stillos würde manch einer meinen – hat Susanne Hubrich die Kostüme zusammengesucht als habe ganz Nürnberg im Second-Hand-Laden gewühlt, doch auch mit viel Sinn für aparte Kombinationen und Details bis hin zu dem Harlekins-Wams und den roten Socken des Sachs und seinen guten Maßschuhen, die er im dritten Akt trägt, oder den wechselnden Outfits des Beckmesser. Davids hat die Figuren eindringlich gezeichnet. Herrscht anfangs noch ein gestelzter Vorzeigeton mit demonstrativen und jedes Wort untermalenden Gesten, so gewinnen die Figuren langsam an Leben und Individualität, vor allem Stolzing und Eva wirken wie Zeitgenossen. Eva wird am Ende zur treibenden Kraft, schält sich aus der Festwiesendeko, in der sie wie ein aufgerüschter Hauptgewinn vorgeführt wird, verabschiedet sich von der Amme, gibt dem Vater die Preiskette, ergreift ihren Junker, der nach seiner Ablehnung der Meisterwürde von Sachs ausgiebig belehrt wurde und nun etwas hilflos herumsteht, und flieht ihm aus dem Treiben.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Auch Sachs selbst hat neben allen besserwisserischen Lehrer-Lämpel-Zügen grüblerisch selbstquälerische und durchaus selbstironische Momente. Wie Georg Zeppenfeld diese Entwicklung darstellerisch zeigt, ist großartig. Nicht weniger bewundernswert die, man muss schon sagen, vokale Bravour, mit der er trotz des etwas sehr beiläufigen Flieder-Monologs die Partie trägt und bis zu den Schlusssequenzen mit seinem klaren, hohen Bass und auch in der vierten Aufführung nie nachlassender Kraft (11. August) meisterlich durchleuchtet, auch wenn man sich eine opulentere, profundere Stimme vorstellen könnte. Zeppenfeld führt eine großartige Besetzung an, die es in dieser fabelhaften Geschlossenheit auf dem Grünen Hügel auch nicht alle Jahrzehnte gibt. Sachsens Sparringpartner ist Beckmesser, mit dem er nach dem Schlussgesang die endlosen Diskussionen weiterführen wird. Michael Nagy ist darstellerisch ebenso großartig, wobei ich es interessanter gefunden hatte, wenn die Regie auf einige klamaukige Züge verzichtet hätte und den aparten Sänger mit seinem schönen Kavaliersbariton als echten Konkurrenten zum favorisierten Ritter aufgebaut hätte. Der Ritter ist ein Dutt tragender Teddy im blauen Anzug. Michael Spyres singt den Stolzing mit edelzartem, groß aufblühendem Ton, goldenen Timbre, in jeder Lage speziellem Klang und endlosem Atem, schön phrasiert und textdeutlich und einer heldenhaften Leichtigkeit, wie wenn er nach „Parnass und Paradies“ noch Rossinis Koloraturen versprühen könnte. Da ist alles zwingend erfasst. Nach dem sehr guten, doch keineswegs überrumpelnden Wagner-Debüt mit dem Lohengrin im Vorjahr in Straßburg hat Spyres mit Stolzing seine ideale Wagner-Partie gefunden. Im Frühjahr geht es an der Met mit dem Tristan weiter. Dort hat Christina Nilsson kürzlich die Aida gesungen. Mit kühl gestähltem, fast schon dramatischem Sopran ist die junge Schwedin eine auffallende Eva, die sich in den Szenen mit Sachs im zweiten und dritten Akt nicht unterbuttern lässt, die Pep hat und das Quintett mit ruhigem Strahl und sattem Klang anführt. Ausgezeichnet der bestechend artikulierende, in der Höhe etwas verunsicherte und mit einem großen Spieltenor singende Matthias Stier als David. Christa Mayers schuf mit der Magdalene eine pralle Figur, unter den allesamt individuell gezeichneten Meistern fielen Daniel Jenz als Balthasar Zorn, Matthew Newlin als kettenrauchender Ulrich Eisslinger, Patrick Zielke als Hans Foltz und Jordan Shanahan als gemütlicher Kothner auf. Ein schwarzer Fleck: der eigentlich schön, doch klein, völlig unidiomatisch und unverständlich klingende Pogner des Jongmin Park. Und Daniele Gatti? Ihm eilt die Regie zur Hilfe, lässt über den betulichen und langsamen Anfang hinweghören, bis sein ausziseliertes Musizieren und die Sicherheit, mit der er Orchester und den etwas kleiner als früher besetzten Chor führt und steigert, im dritten Akt an Überzeugungskraft gewinnt. Am Ende grenzenloser Jubel, einige Buhs für den Dirigenten.

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Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Rätselhaft, dunkel, raunend tags zuvor die zweite von fünf Aufführungen von Tristan und Isolde (10. August). Die Inszenierung des isländische Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson, der mit Inszenierungen der Edda und Orestie, aber auch von Lohengrin 2014 in Augsburg und Parsifal 2023 in Hannover aufgefallen ist und prädestiniert für geheimnisvolle Urstoffe scheint, hatte im Vorjahr die kurzlebige Tristan-Inszenierung Roland Schwabs aus dem Jahr 2022 abgelöst. Isolde, die bald ihren Bräutigam Marke treffen wird, schleppt im wahrsten Sinn des Wortes einen immensen Ballast an Erinnerungen mit sich, der in Form des gewaltigen weißen Reifrocks, welcher sich wie eine Insel um sie herum ausdehnt und wallt, alles andere auf der nur wegen der herunterhängen Taue als Schiff erkenntlichen Bühne in den Hintergrund treten lässt. Ein Riss im Boden steht für den Riss in der Welt und die unerfüllte Sehnsucht der Liebenden. Das weiße Gewand, das Isolde wie einen Engel erscheinen lässt, ist bereits über und über beschrieben, und immer noch kritzelt die Tagebuchschreiberin Isolde weiter, ruft sich die zurückliegende Begegnung mit Tristan in Erinnerung, bei der sich beide ineinander verliebten: „Vergeltung“, „Rache“, „Tantris“ usw. Da braucht es keinen Liebestrank mehr, damit beide bei der Überfahrt von Irland nach Cornwall, wohin Tristan die Braut Isolde führen soll, neuerlich entflammen. Im undurchschaubaren Hantieren mit Liebes- und Todestrank ist es unwichtig, zu welchem Trank sie greifen. Um die beiden war es bereits geschehen, so das Regieteam im Programmheft, sobald Isolde sagt, „Er sah mir in die Augen“.

Ganz entfliehen können sie dem Ballast, der Vergangenheit und ihrer Geschichte nicht, wenn man die Anhäufung von Gegenständen, die ab dem Erscheinen Markes am Ende des ersten Aktes fortan das vom litauischen Bühnenbildner Vytautas Narbutas voll geräumte Schiffsinnere bestimmen, als eine solche Last nimmt. Es ist ein Lager oder Speicher, durch den dicke Röhren und Leitungen führen, angefüllt mit dem kulturgeschichtlichen Treibsand aus mehreren Jahrhunderten, Kruscht und Krempel, die wahllos und schwer zu erkennen durcheinanderliegen, Karyatiden, ein Röhrenradio, ein alter Globus, Büsten und Amphoren, Bilder, vielleicht eines von Caspar David Friedrich, das Ziffernblatt einer Comtoise, die Statue eines Kriegers. Das Vergangene lässt sich nicht wegräumen und bestimmt bis zu Tristans Fieberfantasien die Handlung. Im zweiten Akt verspielen sich Tristan und Isolde ein wenig mit dem Zeugs. Tristan erbittet von Isolde den tödlichen Schwertstoß, dem sie ihm einst verweigerte. Indem er schließlich selbstmörderisch zum Todestrank greift, entgeht er Melots Hieb. Im dritten wird Tristan auf einem der Stühle sterbend zusammenbrechen, die anderen, ohnehin zu Stichwortgebern reduziert, sinken auf den Lagern zusammen. Arnarssons Inszenierung lässt den Betrachter ratlos und verwirrt zurück.

Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Es ist der große Abend des Semyon Bychkov, der die „Handlung in drei Aufzügen“ mit dem in Bestform spielenden Festspielorchester mit ausgepichter Klangdelikatesse aufdröselt, so detailverliebt, dass man scheinbar nie gehörte Details neu beachtet, dabei bei durchaus ausladenden Tempi von großer Spannung und Intensität bereits in der sich sehrend ballenden und steigernden Einleitung mit dem berühmten Tristan-Akkord. Sensibel leuchtet er, wie in der Einleitung zum dritten Akt, Farben und Nuancen vorimpressionistisch aus und gibt den zartesten Pianissimi Gehalt, kreiert zu Beginn des zweiten Aktes ein sensuelles Fluidum, in dem sich Camilla Nylunds schöner Sopran ebenso edel entfaltet wie im bemerkenswert sicher gesteigerten Liebestod, den Isolde mit dem Gifttrank herbeiführt; nur aus Liebe stirbt man eben doch nicht. Ihrem durch und durch lyrischen Sopran mag es im ersten Akt etwas an hochdramatischem Fundament fehlen, was vor allem neben dem brünstig lauten Andreas Schager auffällt, doch im zweiten Akt ist besticht sie durch einen ruhigen und sicheren Strahl und ein feines Piano bei verinnerlichtem Ausdruck und Gestaltung. Schagers Tristan ist bis zu den letzten „Isolde“-Rufen ein kämpfender, mit voller Kraft und ungeniertem Ausdruck singender und sich verausgabender Held, der sich nur selten leisere, dann ins Sprechen abgleitende Töne gestattet und sich lieber auf die pure Kraft seines robusten und metallisch schwingenden Tenors verlässt. Wirklich zusammen passen die beiden Stimmen nicht. Ekaterina Gubanova macht als Brangäne durch ihre gute Höhe bei merklich blassem Mezzosopran auf sich aufmerksam, Jordan Shanahan ist ein sympathischer Diener seines Herrn, Günther Groissböck gibt den Marke mit überzeugender Gestaltung und Ausdruck und einem bedenklich festgefahrenen Bass. Festspielwürdig der feinstimmige junge Seemann von Matthew Newlin und der Hirte des Daniel Jens, weniger der Melot des Alexander Grassauer. Rolf Fath

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Bad Wildbad: Otello mit Happy End beim 36. Rossini in Wildbad-Festival. Geballtes Programm. In zehn Tage hat Rossini in Wildbad diesmal alle Aufführungen und Konzerte gepackt. Das hat durchaus Reiz für anreisende Liebhaber, die nach der Eröffnung mit der Petite Messe Solennelle auf dem Baumwipfelpfad an verlängerten Wochenenden vormittags und abends La Cenerentola, die einzige aktuelle szenische Neuinszenierung, oder den Einakter L’inganno felice genießen können. Oder die Klavieroper Un avvertimento ai gelosi des legendären Rossini-Tenors und Gesangslehrers Manuel Garcia, von dessen Gelegenheitsstücken für seine Gesangsschüler das Festival bereits einige aufgeführt hat. Alle drei im Königlichen Kurtheater. Dennoch wirkt das diesjährige Angebot sparsam und ausgedünnt. Die große Rarität, die Grand opéra Pierre de Médicis des Józef Michał Ksawery Poniatowski (1816–1873), fand als einmalige konzertante Aufführung statt. Der in Rom geborene Großneffe des letzten polnischen Königs war als Sänger, Komponist und Diplomat ein Kosmopolit. Er lernte Rossini in Paris kennen, wo er sich 1853 niederließ, ab 1873 das Théâtre Italien leitet und seine Oper Pierre de Médicis (1860) in der Opéra Le Peletier zur Uraufführung brachte.

„Baritenor“ Manuel Garcia Vater als Rossinis Otello von 1816/Wikipedia

Auch die die zweite Rarität, Rossinis Otello in einer bislang in modernen Zeit nicht aufgeführten Fassung aus Rom von 1820 mit Happy End, erlebte nur eine konzertante Aufführung. Unvergessen die Aufführung des Otello beim 20. Rossini in Wildbad-Festival im Juli 2008 mit Jessica Pratt und Michael Spyres (Naxos 8.660275-76), die beide vom Enztal aus ihre Karriere starteten. Nun übernahm Francesco Meli, der sich Ende 2024 in Venedig erstmals an Verdis Otello getraut hatte, die Titelrolle; versierte Rossini-Tenöre würden den Weg andersrum wählen. Meli leitet übrigens das Opernstudio des Teatro San Carlo in seiner Geburtsstadt Genua, von dem die Produktion von Un avvertimento ai gelosi stammt. Diana Haller, die hier schon von Tancredi bis Isolier vielfach reüssiert hat und mittlerweile auch Sopran-Partien (Elettra) singt, ist erstmals die Desdemona. Die verbindende Konstante wäre Antonino Fogliani gewesen, der offenbar in vorletzter Minute durch Nicola Pascoli ersetzt werden musste, der sich im Vorjahr bei Michele Carafas Masaniello mit der heiklen Akustik der schmalen und langgestreckten Trinkhalle vertraut gemacht hatte.

Otello war nach Elisabetta, regina d’Inghilterra die zweite der neun ernsten Opern, die Rossini für das Teatro San Carlo in Neapel schrieb. Er war 23 Jahre alt, als ihn Domenico Barbaja 1815 zum musikalischen Leiter der beiden Königlichen Theater Neapels, des Teatro San Carlo und des Teatro des Fondo, ernannte mit der Auflage jedes Jahr zwei Opern zu schreiben. Für das San Carlo, das am prächtigsten ausgestattete Theater Italiens, schuf er fortan seine experimentierfreudigsten Seria-Opern. Der Vertrag erlaubte Rossini auch umfangreich für andere Theater zu arbeiten. Als er nach Il Barbiere di Siviglia in Rom nach Neapel zurückkehrte, hatte ein Feuer das Teatro San Carlo Opfer zerstört, weshalb der unliebsame – „Ich erinnere mich nicht, mich jemals so abgemüht zu haben“, schrieb er nach Hause –und vielfach verschobene Otello am 4. Dezember 1816 im kleineren Teatro del Fondo uraufgeführt wurde. Das Libretto des Francesco Berio di Salsa wurde so lange belächelt, bis man feststellte, dass sich der literarisch gebildete Marchese nicht direkt auf Shakespeare bezogen hatte und in den 1970 Jahren zeitgenössische Shakespeare-Adaptionen von Jean-François Ducis (1792) und Giovanni Carlo Baron Cosenza (1813) als Quellen ausgemacht wurden. Der dritte Akt mit dem Lied des Gondoliere, der Canzone des Desdemona und dem gegen den Sturm ankämpfenden einzigen Duett, das Desdemona und Otello haben, entspricht dagegen Shakespeares Drama.

Davon entfernte sich Rossini in seiner für die Karnevalssaison 1819/20 bestimmten Fassung mit Lieto fine, also einem Happy End, für das Teatro Argentina in Rom, die am 26. Dezember 1819 ihre erste Aufführung erlebte. In dieser Fassung versucht Desdemona Otello von Jagos Intrige zu überzeugen, der aus Rache für ihre Zurückweisung Otellos Eifersucht angefeuert habe. Zögernd lässt Otello seinen Dolch fallen. Der Doge kommt. Otello erfährt, dass der Nebenbuhler Rodrigo das gemeinsame Duell, mit dem der zweite Akt geendet hatte, überlebt hat und Jago seine Intrige zugegeben hat. Der Bösewicht wird zum Tod verdammt. Elmiro akzeptiert Otello als Schwiegersohn.

Rossinis römischer „Otello“ von 1819 in Bad Wildbad 2025/Foto Magdalena Kiwior

Das Festival nennt es eine moderne Premiere. Das Label Opera Rara hat bei seiner Otello-Einspielung 1998 diese Fassung als Anhang berücksichtigt, beim Festival della Valle d’Itria in Martina Franca war im Jahr darauf eine seltsame Mischfassung mit diesem Finale zu hören. Doch Rossini in Wildbad kann tatsächlich die Moderne Erstaufführung der vollständigen Fassung für Rom für sich beanspruchen. Die Änderungen, für die Rossini bereits vorhandene Stücke anpasste, sind umfangreicher als es zunächst den Anschein haben mag und rücken das Paar Desdemona und Otello stärker in den Mittelpunkt: Statt ihres Duetts mit Emilia, mit dem Desdemona im ersten Akt quasi als scheues Mädchen eingeführt wird, erhält sie nun eine Kavatine mit Chor (Quanto è grato all’alma mia), die aus der Elisabetta stammt und einer ersten Sopranistin würdig ist. Für das entfallene Duett wird Emilia zu Beginn des zweiten Aktes durch die Arie entschädigt, welche die Vertraute Isaura in Tancredi gesungen hatte (Tu che i miseri conforti).

Die junge Mezzosopranistin Verena Kronbichler polierte das lähmende Füllsel zum vokalem Juwel auf. Rodrigos hochvirtuoses, brillantes Showstück fällt dagegen weg. Neu ist vor seiner Begegnung mit Jago eine Szene des Otello, die aus Cimarosas Penelope stammt (Smarrita quest’alma). Im dritten Akt verzichtet Rossini auf das hübsche Lied des Gondoliere mit seinen Dante-Versen und lässt die Liebenden nach Desdemonas Weidenlied und ihrem Gebet im Duett aus Armida (Amor! Possente nome) mit dem hymnischen Schlussteil Cara per te quest’anima wieder zueinanderfinden. Ein kurzer Rundgesang aus Ricciardo e Zoraide besiegelt das glückliche Ende (Or più dolci intorno al core). Die kleinen Partien des Lucio und Gondoliere entfallen, der Chor ist ein reiner Männerchor. Gianmarco Rossini, hat, wie er in seinem Revisionsbericht darlegt, weit mehr Quellen aufgetan als sie bei der Herausgabe der Kritischen Edition der Fondazione Rossini berücksichtigt wurden.

Dieser Otello ist nicht den umfassenden Mosè in Egitto und Maometto-Überarbeitungen für Paris vergleichbar, dennoch ist er ein neues Stück, das Nicola Pascoli mit Begeisterung und Temperament in die Trinkhalle stemmte, wobei ihm das ungestüm aufspielende Orchester der Krakauer Szymanowski-Philharmonie mit Leidenschaft folgte. Auch wenn manche Feinheiten der Lautstärke zum Opfer fielen, gelang es dem Orchester auf die zahlreichen instrumentalen Solomomente hinzuweisen, gelegentlich fehlende Innenspannung und Dichte ersetzte Pascoli durch effektvoll gesteigerte Finali, in denen der Chor der Szymanowski-Philharmonie durch fabelhafte Tenöre auffiel. Die Besetzung war gediegen. Francesco Meli, der Otellos Sieg Vincemmo, o prodi gleich mit der Kraft und dem bronzenen Edelmetall eines Verdischen Esultate verkündete, tat sich nicht leicht, seinem schweren und etwas angedickten Ton die nötige Geschmeidigkeit und Eleganz zu geben oder ein schönes Piano zu singen und setzte durchgehend auf einen massiven und einförmigen Ausdruck. Meli, den man kaum noch mit dem Belcanto-Repertoire und den Rossini-Partien der Anfängerjahre, die er vor rund 15 Jahren langsam hinter sich gelassen hat, in Verbindung bringt, wird diesen neuerlichen Versuch mit Rossini vermutlich so schnell nicht wiederholen, doch Respekt, wie er sich die Partie, mit der er gegen Ende merklich zu kämpfen hatte, zu eigen machte und aus den Rezitativen alles rausholt.

Souverän und triumphierend, wie eine Königin der Trinkhalle, sang Diana Haller mit einer von den runden Tiefen bis zu den aufblitzenden Höhen durchgehend schön verblendeten Stimme eine leidenschaftlich glühende Desdemona, die heftig und selbstbewusst mit manchmal etwas harschem Tonsatz für ihre Liebe kämpft und dabei seelenvolle Töne für das Weidenlied und das Gebet findet. Juan de Dios Mateos war mit seinem leichten hohen, doch auch etwas unruhigen Tenor ein eher larmoyanter denn kämpferischer Rodrigo, der chinesische Tenor Anle Gou gab dem Jago hell durchdringende Spitzentöne, als Elmiro bestach der souveräne Nathanaël Tavernier durch wohltuende Bassautorität in den Ensembles.  Rolf Fath

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Österreich – Graz: Die 40. Styriarte mit dem Motto Raum & Klang. Die steirischen Festspiele feierten in diesem Jahr ein stattliches Jubiläum, wenn auch überschattet durch die jüngsten erschreckenden Ereignisse in der Stadt. Im  Eröffnungskonzert am 20. 6. 2025 in der Helmut List Halle gedachte man dann auch mit einer Schweigeminute der Opfer. In einer Fotoausstellung im Foyer wurden 40 Bilder gezeigt, welche an die beteiligten Künstler erinnerten, vor allem natürlich an Nikolaus Harnoncourt, den Pionier des Unternehmens. Es war eine treffliche Idee, das Programm mit Johann Sebastian Bachs Partita in d, BWV 1004 für Violine solo zu beginnen – mit Thomas Zehetmair als Interpret, der dieses Werk schon beim 1. Konzert der Styriarte 1985 im Schloss Eggenberg gespielt hatte. Er fungierte dann auch als inspirierender Dirigent des Styriarte Festspiel-Orchesters bei Mozarts Sinfonia concertante in Es, KV 364 und der Sinfonie Nr. 41 in C. KV 551 „Jupiter“.

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Schloss Eggenberg war am nächsten Abend auch der Schauplatz für die diesjährige Opernproduktion – Antonio Draghis Ballettoper Gl´incantesimi disciolti, die 1673 im Schloss Eggenberg anlässlich der Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit Erzherzogin Claudia Felizitas von Tirol  aufgeführt wurde. Draghi war Hofkomponist des Kaisers und verarbeitete im Stück auch die Intrigen, welche sich im Vorfeld der Vermählung am Wiener Hof ereignet hatten und den Bund fast verhindert hätten. In der von ihm erdachten Geschichte verlieben sich das Glück und der Gute Wille, werden aber durch den missgünstigen Neid sowie Selbstsucht und Lüge verhext und kommen erst durch die Zuneigung und den zur Vernunft geläuterten Neid zum glücklichen Ende.

Im prachtvollen Planetensaal des Schlosses hatte Dramaturg Thomas Höft eine deutsche Fassung unter dem Titel Das verwunschene Glück erstellt – eine freie Übersetzung des originalen Aufgelöste Zaubereien. Sein szenisches Arrangement wurde dominiert durch Lilli Hartmanns fast lebensgroße Handpuppen, die den allegorischen Figuren zugeordnet waren und entfernt am Arcimboldos Gemälde mit den Köpfen aus Früchten und Gemüse erinnerten. Geführt wurden sie von den Sängern und vier Tänzerinnen, die in der Choreografie von Mareike Franz pantomimische Episoden ausführten, zuweilen an den Ausdruckstanz der 1930er Jahre erinnerten und mit hüpfenden, zappelnden, hopsenden Figuren auch banales Vokabular auszuführen hatten. Die Optik war durch diese verschiedenen Elemente etwas überladen, zumal in diesem mit Gemälden reich dekorierten Saal – hier wäre eine Reduzierung vorteilhafter gewesen.

Die Aufführung hatte ihre Meriten durch das farbenreiche musikalische Klangbild, welches Michael Hell als Dirigent am Cembalo mit dem Ensemble Ärt House 17 verantwortete. Da die originale Partitur nur in Teilen erhalten ist und die bei der Uraufführung gespielten Ballettmusiken gänzlich verloren sind, hat Hell Instrumentalmusiken von zeitgenössischen Komponisten eingefügt. Diese Intermezzi von Biber (eine Sinfonia), Schmelzer (eine Gigue) und Rittler (eine Ciaconna) bringen rhythmisch prägnante Momente, Trompetengeschmetter und festlichen Fanfarenglanz ein, bedeuten zweifellos eine Bereicherung des musikalischen Kosmos.

Styriarte 2025: Antonio Draghis Oper “ Gl´incantesimi disciolti“/Szene/Foto Nicola Milatovic

Auf recht unterschiedlichem Niveau singt die Besetzung. Dominiert wird sie von den beiden Sopranen. Die junge Johanna Rosa Falkinger erfreut als Glück mit klangvoller, leuchtender Stimme, während die gestandene Sophie Daneman als Lüge noch immer mit souveränem Vortrag und makellosen Koloraturen besticht. Reizvoll dunkel timbriert ist der Mezzo von Anna Manske als Neid, der sich später in die Vernunft wandelt. Kraftvoll-energisch trumpft Julian Habermann als Zuneigung auf, während die beiden Veteranen der Gesangsszene – Markus Schäfer als Selbstsucht und Dietrich Henschel als Guter Rat – mit überreifen, teils verquollenen oder matten Stimmen Wünsche offen lassen. Das Publikum applaudierte begeistert, dankbar für diese Wiederentdeckung einer barocken Preziose. Bernd Hoppe

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Potsdam-Sanssouci: Grand Tour bei den Musikfestspielen.  Alljährlich bieten die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci ein attraktives Programm unter einem originellen Motto. Diesmal lautet es vom 13. bis 29. Juni Grand Tour und widmet sich dem Reisen in die Musikmetropolen von London über Paris und Wien bis Venedig. Gleich das Eröffnungskonzert am 13. 6. in der Friedenskirche mit dem Thema Dr. Burneys Reiseführer erinnerte an den britischen Organisten und Komponisten Charles Burney, der zwei ausgedehnte Reisen auf den Kontinent unternahm, um das Musikleben der einzelnen Länder kennenzulernen. Der zweite Ausflug 1772 führte ihn auch nach Berlin und Potsdam.

Das Konzert mit dem polnischen, auf Alte Musik spezialisierten Ensemble (oh!) ORKIESTRA unter Leitung seiner Gründerin Martyna Pastuszka offerierte ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm, das die einzelnen Reise-Etappen nachzeichnete. Der Auftakt mit der Ouvertüre zu Carl Heinrich Grauns Oper Catone in Utica     führte nach Berlin, wo dieser Komponist das Musikleben. der deutschen Hauptstadt maßstäblich bestimmte. Mit seiner Oper Cleopatra e Cesare wurde das Opernhaus Unter den Linden, das Friedrich II. hatte erbauen lassen,  1742 festlich eröffnet. Die Ouvertüre dazu erklang im 2. Teil und weckte lebendige Erinnerungen an die Aufführung unter René Jacobs in der Staatsoper 1992, welche die beliebten Barocktage des Hauses eröffnete. Beide Titel Grauns demonstrierten den musikantischen Schwung des Orchesters und dessen exzellentes spielerisches Niveau. Auch das Flötenkonzert G-Dur von Johann Joachim Quantz, den Burney in Berlin getroffen hatte, war ein Verweis auf die preußische Metropole. Die namhafte Flötistin Laura Quesada brillierte mit ihrem virtuosen Vortrag – heiter-beschwingt im Allegro assai, träumerisch-empfindsam im Arioso e mesto und brillant im Presto.

Vokalsolist des Abends war der renommierte Countertenor Max Emanuel Cencic, der eine reich gefüllte Pralinenschachtel öffnete und eine Preziose nach der anderen servierte. Der Beginn mit der Arie „Sol da te“ aus Antonio Vivaldis Orlando furioso führte nach Venedig, wo das Werk 1727 uraufgeführt wurde. Die Nummer ist ein Dialog zwischen Instrument und Stimme. Laura Quesada an der Traversflöte war dem Sänger eine inspirierende Partnerin. Der Counter ließ eine runde und warme Stimme von hoher Kultur hören. Imponierend waren die großen Atemreserven, die ihm lange Bögen ermöglichten. Noch eindrucksvoller war sein zweiter Beitrag – die berühmte Arie „Va tacito“ des Giulio Cesare aus Händels gleichnamiger Oper, womit die Reise zurück nach London führte. Hier war der Hornist Bart Aerbeydt der kompetente Partner im musikalischen Dialog. Cencic fühlte sich in diesem höher notierten Stück hörbar heimisch, sang mit Aplomb und Verve und variierte das Da capo spannungsreich. Ein Werk Händels, Flavio. Re de´Langobardi, 1723 in London uraufgeführt, markierte auch den virtuosen Schlusspunkt des offiziellen Programms. Cencic hatte es 2023 bei seinem Festival Bayreuth Baroque inszeniert und selbst die Partie des Guido, von Senesino kreiert, gesungen. In dessen Arie „Rompo i lacci“ setzte Cencic energische Akzente, imponierte mit stupenden Koloraturgirlanden und schoss im Da capo effektvolle Raketentöne ab. Das Orchester sorgte mit seiner Affekt betonten Begleitung für große Wirkung, hatte darüber hinaus in zwei Stücken Gelegenheit, Abstecher nach Wien und Prag zu unternehmen. Für ersteren diente die Sinfonia G-Dur von Karl (oder Joseph?) Kohaut – beschwingt im Allegro assai, elegisch-sanft im Andante und hurtig eilend im Presto. In Böhmen war Josef Myslivecek einst gefeiert, bis der Erfolg ausblieb und er in Italien Karriere machte. Seine Sinfonie G-Dur ist anfangs von pastoraler Stimmung, findet aber im Prestissimo zu einem ausgelassenen Finale.

Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, mit dessen Werk sich der Sänger seit langem beschäftigt, hatten nach Neapel und Dresden geführt. Tigrane wurde 1729 am Teatro San Bartolomeo von Napoli uraufgeführt. „Solca il mar“ des Titelhelden ist eine Gleichnis-Arie, welche die Gefahren des tobenden Meeres beschreibt. Entsprechend stürmisch ist der Gesangsduktus, entsprechend halsbrecherisch sind die Koloraturen. Nicht weniger glanzvoll meisterte der Solist die Arie des Aminta „Siam navi all´onde algenti“ aus L´Olimpiade, die 1756 am Dresdner Hoftheater zur Premiere kam. Nicht fehlen in der Auswahl durfte Nicola Antonio Porpora. Der große Konkurrent Händels in London brachte 1733 seine Arianna in Nasso heraus – vier Wochen vor der Arianna in Creta seines Rivalen. Cencic beeindruckte mit der getragenen Arie des Teseo „Nume che reggi il mare“. Effektvoller waren freilich die beiden Zugaben aus Händels Poro – „Vedrai con tuo periglio“ und „Senza procelle ancora si perde“. Den Titelhelden der Oper hatte bei der Uraufführung in London 1731 der berühmte Kastrat Senesino gesungen. Entsprechend hoch sind die virtuosen Ansprüche der beiden Arien und Cencic konnte damit seinen Auftritt glanzvoll krönen.

Das Eröffnungskonzert, dessen Mitwirkenden vom Publikum in der ausverkauften Friedenskirche begeistert gefeiert wurden, war ein stimmungsvoller Auftakt auf zwei Wochen Festspiele, die noch manche Rarität offerieren.

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Prinzipalin und Dirigentin Dortothée Oberlinger in Potsdam 2025/Foto Stefan Gloede

Liebeswahnsinn: Immer wieder bewundert man den Spürsinn und die Entdeckerfreude der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci mit ihrer Künstlerischen Leiterin Dorothee Oberlinger. In diesem Sommer wartete man mit einer besonderen Rarität auf – einem Werk des 1654 geborenen Komponisten Agostino Steffani, der in Hannover als Hofkapellmeister wirkte. Im Schlossopernhaus der Stadt wurde 1691 sein Orlando generoso uraufgeführt, der nun in der Pflanzenhalle der Orangerie als die diesjährige szenische Produktion der Festspiele erklang. Das Libretto von Ortensio Mauro fußt auf Ariostos Epos Orlando furioso und erzählt von Paaren, die sich nicht finden können. Da sind Ruggiero und Bradamante, deren Heirat der mächtige Magier Atlante verhindern will, sowie die chinesische Prinzessin Angelica, Tochter des Galafro, und ihr heimlicher Geliebter Medoro. In sie ist hoffnungslos auch Orlando verliebt, was den Titelhelden zunehmend in den Wahnsinn treibt. Das Stück ist voll von den in Barock-Opern üblichen Verwirrungen und Verstrickungen, was das Verständnis der Handlung nicht eben erleichtert.

Die deutsch-britische Regisseurin Jean Renshaw hat das Geschehen in die Gegenwart verlegt, jedes historische Kolorit und jeden exotischen Zauber vermieden. Dafür sind Smartphones und moderne Schusswaffen im Einsatz. Die spartanische, stimmungsarme Bühne des Ausstatters Alfred Peter zeigt zwischen zwei weißen Wänden mit je einer Tür, welche mit In und Out gekennzeichnet sind, einen Tisch, der zum Schauplatz brutaler Attacken wird. Dafür ist neben Galafro vor allem Brunello (Martin Dvorák) zuständig – ein Tänzer, der mit seiner Partnerin Melissa (Katharina Weidenhofer) auch für die Choreografie voller bizarrer  Körperverrenkungen zuständig war. Für diese tänzerischen Intermezzi dienten andere Kompositionen Steffanis – die Sonate da camera à 3  und Auszüge aus seiner Oper Niobe, regina di Tebe, welche 2010 an der Covent Garden Opera London eine glanzvolle Aufführung erlebte.

Steffanis „Orlando generoso“ in Potsdam 2025/Szene/Foto Stefan Gloede

Dorothee Oberlinger hat mit ihrer musikalischen Assistentin Olga Watts und der Regisseurin das Aufführungsmaterial für die gespielte Fassung erstellt. Sie dirigiert ihr ENSEMBLE 1700, das hinter der Spielfläche postiert ist und Steffanis vielfarbige Musik mit ihren herrlichen Duetten, den klagenden Arien und der reizvollen Instrumentation zum Klingen bringt. Tänzerisch beschwingt und mit federndem Rhythmus sind die Intermezzi besondere Höhepunkte der Aufführung.

Die exemplarische Besetzung verleiht der Produktion einen Ausnahmerang. Die Sänger in Uniformen, Business-Anzügen oder Abendkleidern, zunehmend verschmutzt oder blutverschmiert, agieren mit gespannter Intensität und bis an die Grenze gehender körperlicher Verausgabung. Mehr als die Regie tragen sie den über dreistündigen Abend mit ihrem darstellerischen Einsatz und dem expressiven Gesang. Der renommierte Countertenor Terry Wey als Titelheld konnte schon in dessen Auftrittsarie „In quest´alma“ den seelischen Konflikt der Figur plastisch umreißen und zudem mit bravourösen Koloraturgirlanden brillieren. Furios seine „Furien“-Arie, die vom Orchester mit spannenden Affekten begleitet wird, von starker Wirkung sein letztes, auftrumpfendes Duett mit Angelica, welches das Orchester mit stampfendem Rhythmus untermalt. Kontrastreich dazu gab er den zahlreichen Lamenti der Partie innige Empfindung und eine wunderbar schwebende Gesangslinie. In der Parade der Counter hinterließ auch der Däne Morten Grove Frandsen als Ruggiero einen glänzenden Eindruck. Die klangvolle Stimme harmonierte perfekt in den Duetten mit Bradamante und Angelica, bewältigte auch die vehemente „Gelosia“-Arie souverän. Der spanische Counter Gabriel Díaz als Galafro sang den Tyrannen mit gebührend reifer Stimme. Am Ende, wenn Bradamante und Ruggiero sich getrennt haben und seine Tochter mit Medoro fortgegangen ist, bleibt er verwirrt und allein zurück – eine zeitgemäße Deutung des lieto fine, die auch nicht der festlichen Musik mit dem Schlusschor „Amanti fortunati“ und der beschwingten Chaconne en rondeau entspricht.

Agostino Steffani/Gemälde von Ludovico Kapper/Wikipedia

Die exzellente Sopran-Riege wurde angeführt von der Französin Hélène Walter als Angelica, deren obertonreiche, innige Stimme die Figur eindrücklich profilierte. Ihr dramatisches Vermögen gestattete ihr auch beeindruckend extrovertierte Momente. Nicht nach stand ihr Shira Patchornik aus Israel als Bradamante mit exzessivem Engagement und totalem stimmlichem Einsatz. Fulminant ihre Attacke in der Arie „Troppo rapido“, berührend die Empfindsamkeit in „S´hò perduto ogni mio bene“. Von androgyner Erscheinung und ebensolchem Mezzo-Timbre war Natalia Kowalek eine ideale Interpretin für die Partie en travestie des Medoro. Auch ihre Arien  bewegten sich in extremen Gefühlszuständen und wurden mit entsprechend leidenschaftlichem, erregtem, rasendem Ausdruck sowie reicher Farbpalette interpretiert. Imponierende bassprofunde Töne brachte Sreten Manojlovic als zynischer Atlante ein. Sein gewaltiges stimmliches Potential gab den  Arien „Non voglio cedere“ und „Ombre del cieco abisso“ grandiose Wirkung. Am Ende der 2. Vorstellung am 24. 6. 2025 (nach der Premiere am Vorabend) feierte das Publikum das Ensemble anhaltend – dankbar für die Wiederentdeckung einer Rarität und beglückt über das musikalische Niveau. 

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Noch eine Sternstunde: Auch die zweite Opernproduktion im diesjährigen Festspielprogramm widmete sich mit Baldassare Galuppis Didone abbandonata einer Rarität. Der Stoff um das Liebespaar Dido und Aeneas ist mit dem Libretto von Metastasio (nach Vergils Aeneis) viele Male vertont worden, darunter von Porpora, Vinci, Hasse und Jomelli. Die bekanntester Version ist jene von Henry Purcell, die allerdings auf einem Libretto von Nahum Tate fußt. Metastasio schrieb seinen Text 1724 und bearbeitete ihn für den spanischen Hof in Madrid 1752 auf Bitten des Kastratenstars Farinelli neu. Auch Galuppi, dessen Urfassung 1740 in Modena ihre Premiere erlebte, stellte eine Neuvertonung vor, die am 28. 6. 2025 im Nikolaisaal in konzertanter Form als Version Madrid 1752 erklang.

Baldassare Galuppi/Wikipedia

Das Ensemble NEREYDAS musizierte unter seinem Gründer Ulises Illàn mit hinreißendem Elan, hoher musikantischer Kultur und reichem Farbspektrum. Markante  orchestrale Höhepunkte waren die einleitende dreiteilige Sinfonia mit dem lebhaften Presto, dem kantablen Andante und dem beschwingten Non tanto allegro, die pompöse Marcia und die stürmische Sinfonia im 3. Akt, die gleich einer battaglia vorüber fegt sowie die stürmische Sinfonia per l´incendio mit dem effektvollen Einsatz von Donnerblech und Windmaschine.

Wieder war eine exemplarische Besetzung zu erleben, die keine Schwachstelle aufwies und einige spektakuläre Interpreten offerierte. Deren Sensation war für mich der amerikanischen Tenor Joshua Sanders als maurischer König Iarba – eine veritable Idomeneo-Stimme mit kultiviertem Vortrag und vielfarbiger Klangpalette. Die furiose, vom Orchester vehement begleitete Arie im 1. Akt „Non ho pace“ zeigte seine auftrumpfende Attacke, wie auch die Arie „Fosca nube“ im 2. Akt einen fulminanten Schwung. Höhepunkt seiner Interpretation war die triumphale, von Trompeten begleitete Arie „Cadrà fra poco in cenere“ am Schluss, welche brausende Meereswogen. und tobende Stürme suggeriert. Und der Sänger erschien sogar ganz am Ende noch einmal als Meeresgott Nettuno, der mit seiner Arie „Tacete, o mie procelle“ die Oper feierlich beschließt.

Den bravourösesten Auftritt hatte der Sopranist Federico Fiorio als Enea zu absolvieren. Er ist kein Unbekannter in Potsdam, hatte er doch schon im Vorjahr in der Aufführung von Grauns Adriano (der gerade als CD erschienen ist) mitgewirkt. Bei Purcell ist die Rolle einem Bariton anvertraut, was eine männlichere Wirkung  evoziert, als das einer hohen, hellen Sopranstimme möglich ist. Aber die technischen Fertigkeiten des Sängers und sein bis in die Extremhöhe gerundeter Klang nötigten Bewunderung ab. Auf das Schönste entfaltete sich die Stimme in der klagenden Arie „Tormento il più crudele“ und Atem beraubend in der Aria di bravura „A trionfar mi chiama“. Pompös eingeleitet mit Pauken und wirbelnden Streicherfiguren, konnte der Sänger hier mit Koloraturen, staccati und Extremtönen in der Höhe ein Feuerwerk an Virtuosität entfachen. Prominentester Vertreter in der Solistenriege war der italienische Counter Filippo Mineccia als Osmida, Vertrauter der Königin Didone. Auch er kein Unbekannter in Potsdam wie bei vielen anderen internationalen Festivals, bedauerte man bei ihm am meisten die fehlende Szene, ist er doch ein engagierter Darsteller mit starker Aura und expressiver Gestik. Die klangvolle Stimme war schon in seiner Auftrittsarie „Tu mi scorgi“ zu vernehmen, und auch „Quando l´onda“ im 3. Akt imponierte durch den virilen Zugriff.

View of a scene from the opera „Didone abbandonata“ (Act I, Scene 9) by Metastasio and Galuppi, organised by Farinelli at the Coliseo del Buen Retiro Between 1754 and 1759, 1754 and 1759/ Ricordi Archivio Storica

In der Titelrolle ließ die französische Mezzosopranistin Natalie Pérez eine noble Stimme von hoher Kultur und schlankem Volumen hören. Die untere Lage wirkte gelegentlich etwas verhalten, aber der Vortrag war energisch und passioniert, was ihrer großen Arie „Son regina“ einen selbstbewussten Zuschnitt verlieh. Das wiegende Melos der Arie „Ah! non lasciarmi“ lag ihr besonders und beklemmende Wirkung erreichte sie mit ihrer finalen Arie „Vado… Ma dove?“, welche nach einem aufgewühlten Recitativo accompagnato den verwirrten Zustand der Königin aufzeigt.

Nicht weniger edel klang der Sopran von Alexandra Tarniceru als Didones Schwester Selene. Die Rumänin imponierte schon durch ihre hoheitsvolle Aura, was die edle Stimme von hoher Musikalität und feinem Gespür noch unterstrich. „Ardi per me“ im 2. Akt zeichnete sich durch den inbrünstigen Vortrag aus, „Io d´amore“ im 3. durch die schmerzliche Empfindung. Einem weiteren Sopran war die Partie (en travestie) des Araspe, Vertrauter Iarbas und verliebt in Selene, anvertraut. Die Italienerin Carlotta Colombo sang sie beherzt und mit frischem Ton. Die Aufführung, die dem Festspiel-Almanach dieses Jahres ein weiteres Ruhmesblatt hinzufügte, wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert (Foto oben Stefan Gloede). Bernd Hoppe

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

 

Berlin-Export

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In die Freude über eine weitere Aufnahme einer von der Berliner Operngruppe dem Berliner Publikum offerierte Opernrarität, nun bei Oehms Classics als CD erschienen, mischt sich die Besorgnis darüber, dass es in Zukunft keine habszenischen Aufführungen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mehr geben wird, denn im ablaufenden Jahr wartete man vergeblich auf eine Ankündigung und bisher scheint auch für 2026 keine Aufführung geplant zu sein. Seit 2010 gab es, zunächst im Radialsystem V und danach im Konzerthaus jedes Jahr eine bisher noch nie oder nur selten in Berlin zu erlebende Oper aus dem italienischen Repertoire, darunter Brocken wie Attila oder Edgar, und Oehms hat davon bereits Mascagnis Iris, Wolf-Ferraris Il segreto di Susanna und Donizettis a Dalind auf den Markt gebracht. Das sind Aufnahmen aus den späteren Jahren, als das aus zarten Wurzeln sich entwickelt habende Orchester sich unter Felix Krieger, der auch Initiator des Unternehmens ist, zu einem professionellen, hoch motivierten und höchst erfolgreichen Klangkörper entwickelt hatte, auch der Chor, denke man nur an Iris, leistete immer wieder Erstaunliches. Hoffen wir also im Interesse aller Berliner Opernfreunde, dass es im nächsten Jahr wieder eine Opernentdeckung geben wird.

In dem Einakter Zanetto geht es um die vielleicht erste und wohl letzte Liebe zwischen einem jungen fahrenden Sänger und einer fiorentinischen Adligen, die den sie anbetenden jungen Mann hinaus in die Welt schickt, damit er Erfahrungen sammelt, statt sich der Liebe hinzugeben. Mit diesem Stoff ist Mascagni weit entfernt von der veristischen Cavalleria Rusticana, wie mit vielen anderen Sujets darum bemüht, an den Erfolg seiner ersten Oper anzuschließen, was ihm übrigens nie mehr gelingen sollte.

Wie so oft ist es Felix Krieger auch mit Zanetto gelungen, in Berlin noch nicht bekannte, aber überaus gut für ihre Partien geeignete Sänger, bzw. in diesem Fall nur Sängerinnen zu gewinnen. Zunächst aber muss unbedingt der Chor genannt werden, der in Zanetto ohne Text, nur auf einem Vokal singend, die Sinfonia bestreitet. Das gelingt ganz ausgezeichnet und stellt eine feine Einstimmung auf das sich um zarte Gefühle handelnde Stück dar.

Silvia heißt die von einem Sopran gesungene Dame, der Narine Yeghigan eine klare, reine, zärtlich klingende Sopranstimme guter Diktion verleiht. Schön aufblühen kann sie aus sanften Melodiewellen sich erhebend und Zärtlichkeit verströmend. Wie dem ganz jungen Cherubino ist dem Zanetto eine weibliche, die Stimme eines Mezzosoprans zugeordnet. Yajie Zhang singt ihn mit zugleich jugendlichem Ungestüm wie feiner, weicher Tongebung. Beide Stimme heben sich schön voneinander ab, einmal das stürmisch Drängende, zum anderen das zögerlich Weiche verkörpernd. „Dolce è la melodia“ gilt auch für das Orchester, das einfühlsam, geschmeidig und den Gesangsstimmen einen fürsorglichen Teppich unterbreitend seiner Aufgabe auf schöne Weise gerecht wird (Oehms OC993/ Foto oben: der Dirigent Felix Krieger/Foto Bertelsmann). Ingrid Wanja

    

 

 

 

behlcanto!

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Ein doppeltes Rätsel gibt da Cover der neuesten CD von Daniel Behle dem Betrachter auf: Was hat ein Operntenor heute noch neben einem Schalltrichter von vor über hundert Jahren zu suchen und warum heißt es anstelle von Belcanto nun behl canto!?  Nun, der deutsche Tenor war schon immer zu Scherzen aufgelegt und zudem ein Meister im Überschreiten von Grenzen, setzte er selbst sich auch nicht die eines Interpreten, sondern ist zugleich Schöpfer mit einer Operette wie Hopfen und Malz oder vielen Stücken für Bläser, studierte er doch selbst neben Gesang und Komposition auch das Spiel auf der Posaune. Nun gibt es im Bereich der klassischen Musik kaum Neues und zugleich Stimme und Ohren gleich angenehm Singbares, was liegt also näher, als sich des Alten zu bedienen, es mit einer neuen Begleitung, hier das Alliage Quartett aus Piano und vier Saxophonen, zu ummanteln und so aus einem deutschen lyrischen Tenor einen gestandenen Sänger von gleichermaßen Blumen- wie Sternenarie erstehen zu lassen. Dabei sind die meisten Arien in der Originalsprache geblieben, einige werden aber auch, und das mit erstaunlichem Effekt, wie ganz früher in Deutsch gesungen, was ganz unterschiedliche Wirkungen erzeugt. Behle selbst begründet die jeweilige Wahl der Sprache mit seiner Experimentierfreudigkeit, genauso stark aber dürfte die Freude am Lavieren „zwischen Augenzwinkern und tiefer Empfindung“ gewesen sein, das Spiel mit Farben und Nuancen.

Zu den deutsche gesungenen Titeln gehören Klein-Zack und O sole mio mit völlig unterschiedlichem Ergebnis. Während ersterer, besonders wenn so wunderbar textverständlich gesungen, die einzig richtige Wahl zu sein scheint, gerät die neapolitanische Canzone zur kitschtriefenden, kaum genießbaren  Schmonzette und macht das Stück für lange Zeit für den erschrockenen Hörer ungenießbar. Das hört sich schon beinahe wie ein Racheakt an allen bisher sich in der musikalischen Sonne Italiens sich aalenden.Tenöre an.

Interessant ist das Verhältnis zwischen Stimme und  Orchester, bei Klein-Zack  hüllt es die Stimme liebevoll ein, bei Gounods Faust unterstützt es Intimität und Individualität, und der Spitzenton am Ende der Arie gereicht jedem französischen Tenor zur Ehre. Allgemein ist die Stimme Behles dem französischen Fach nicht abhold, gerät Nadirs Arie auf dem dunklen orchestralen Grund so ätherisch wie bisher selten gehört. Das trifft übrigens auch auf die Blumenarie aus Carmen zu, die aus dem Kontrast zwischen allerfeinstem Schluss und eher martialischem Beginn eine besondere Wirkung erzielt.

Mit allen technischen Wassern gewaschen ist die in halsbrecherischem Deutsch gesungene La Danza, nach dunkelglühender Einleitung durch das Orchester zeigt E lucevan le stelle, zwar in Italienisch, aber ohne das dazu gehörende Legato, parodistische Züge. Immer wieder kann man bewundern, wie durch ganz leichte Akzentsetzung völlig neue Hörerlebnisse wachgekitzelt werden. Nie sollte der Hörer zu dem Trugschluss kommen, ihn Irritierendes sei nicht lausbubenhafte Absicht des Sänger gewesen.

Kalaf offenbart einmal mehr, wie blödsinnig ein deutscher Text sein kann,  Canio hingegen ist zugleich Parodie und Über-Verismo, von dem sich das Orchester in feiner Schlankheit distanziert.  Bonisolli würde erblassen, könnte er die Stretta des Manrico in dieser Version hören, in der Solist und Orchester einander an Dramatik zu übertreffen versuchen.

Die CD überzeugt durch vielerlei Meriten: Sie beweist, dass Daniel Behle auch singen könnte, was man ihm bisher nicht angeboten hat, sie zeigt, wie eine diverse Orchesterbegleitung ganz neue Seiten altvertrauter  Musik vermitteln  und das man mit klassischer Musik sehr viel Spaß haben kann. Mit dem Booklet übrigens auch, aus dem mehr oder weniger düstere Herren mit Schnurr- oder Voll- oder keinem Bart dem Betrachter ernst entgegen schauen, wahrscheinlich aber auch ihren Spaß an der Umgestaltung ihrer Musik hätten (Prosporo 124/Foto oben Daniel Behle/ © Marco Borggreve/ Edel Classics ). Ingrid Wanja

 

 

 

Pavarotti zum 90.

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Einen so kostbar aussehenden wie reich gefüllten Schuber widmet die DECCA ihrem einstigen Star Luciano Pavarotti (* 12. Oktober 1935 in Modena; † 6. September 2007) zu dessen fiktiven 90. Geburtstag, der 30jährigen Wiederkehr eines veritablen Konzerts und der sogar 70jährigen eines Chorwettbewerbs ausgerechnet in dem kleinen walisischen Ort Llangollen. Dort gewann der Chor aus Modena, dem der erst 19jährige Luciano Pavarotti neben seinem Vater angehörte, den ersten Preis eines Wettbewerbs und soll aus diesem Anlass entdeckt haben, dass man mit dem Einsatz seiner Stimme hier nur Ruhm und Ehre, später als Solist auch Reichtümer gewinnen kann.

Vierzig Jahre später kehrte der Tenor, nun ein Weltstar, ins walisische Llangollen zurück und gab ein sensationelles Konzert. Lange galt die Aufzeichnung der Gala als verschollen, wurde aber wiederentdeckt und bietet dem Hörer unter dem Titel The lost Concert (Decca 487 1399 – 2 CD sowie auch eine DVD mit demselben Titel und Programm) eine bunte Mischung aus berühmten italienischen Opernarien aus, Cavalleria Rusticana Manon Lescaut, Macbeth, dazu Canzoni und auch Chornummern, dargeboten vom Corale Giochino Rossini unter Paolo Rossin, während das BBC Philharmonic Orchestra unter Leone Magiera begleitet.  Außerdem sind zwei Tracks angefügt, die zwei Chornummern, in denen Vater und Sohn Pavarotti mitsangen, und zwar in zwei barocken Chorälen.

Das Konzert fand kurz nach der Erreichung des Höhepunkts von Pavarottis Karriere statt, nach dem Konzert der Drei Tenöre in Rom anlässlich der Fußballweltmeisterschaft und den beiden Superkonzerten im Londoner Hyde Park und dem im New Yorker Central Park. Entsprechend ist die Aufmerksamkeit, die man der Sensation tief in der walisischen Provinz widmete. Da ist das Bild des Sängers in ein Feld gemäht, gibt es ein Plakat mit dem Tenor nebst Fazoletto, von dem ein Faksimile dem Schuber beiliegt, gibt es neben der CD mit der Wiedergabe des Konzerts auch noch ein ausführliches Interview  mit eingeschobenen Musikstücken unter dem Titel A 90th anniversary portrait: pilgrimage to Pesaro, wo der Tenor bekanntlich seine Sommervilla besaß und seine letzte Lebenszeit verbrachte.

Spätestens mit dem Erscheinen des Schubers dürfte Llangollen zumindest in der gesamten musikalischen Welt bekannt werden, denn es gibt auch viele Fotos von Städtchen und Landschaft, der typisch walisischen mit grünen Weiden und sanften Hügeln. Man findet viele historische Aufnahmen, so vom Chor, der den Namen Rossinis trägt, aus Modena mit dem jungen Pavarotti genau neben dem Träger der Trophäe, die man gerade errungen hatte. T-Shirts mit dem Portrait des Gefeierten wurden damals verkauft, und eine Unmenge von Zeitungsausschnitten bezeugt noch heute, welch immense Bedeutung man der Wiederkehr des Tenors, der vom Chormitglied zum Superstar wurde, beimaß.

In drei Sprachen, Englisch, Walisisch und Deutsch sind die Texte gehalten.  Es beginnt mit einem Artikel von Roger Pines zum im Oktober dieses Jahres stattgefunden habenden 90.Geburtstag Pavarottis, gefolgt vom einem Karriereüberblick einschließlich der verfügbaren Aufnahmen. Über das International Musical Eisteddfod , das sich bis in das Jahr 1176 zurückverfolgen lässt, berichtet Chris Adams.  Zwei Jahre vor dem Sieg des Chors, dem die Pavarottis angehörten, trugen übrigens die Schaumburger Märchensänger den ersten Preis davon., 1984 sang hier der Waliser Bryn Terfel. Auch die inzwischen wieder verheiratete Witwe Pavarottis, Nicoletta Mantovani, und ihre Fondazione zur Förderung der Erinnerung an den Gatten und zur Förderung junger Talente finden ihren Platz.

Obschon das Programm des Konzerts allseits bekannte Stücke beinhaltet, sind alle Texte abgedruckt, dazu gibt es zahlreiche Hinweise auf digital erreichbare Quellen. Zu schätzen weiß der Opernfreund, dass das Konzert so zu hören ist, wie es 1995 die unmittelbaren Zuhörer wahrnahmen, einschließlich kleiner Unebenheiten, die man bei einer Studioaufnahme nicht dulden würde. Die Authentizität macht einen nicht vernachlässigbaren Vorteil der Aufnahme aus, da sie die allgemeine Freude und Festlichkeit hörbar macht, die damals in Llangollen herrschten.

Luciano Pavarotti äußerste beim Abschied vom International Musical Eisteddfod 1995 den Wunsch wiederzukommen. Ob das nur eine Höflichkeitsfloskel oder ein echter Herzenswunsch war, konnte nicht geprüft werden, denn es mussten nicht einmal die vierzig Jahre zwischen dem ersten und zweiten Konzert vergehen, ehe er  zwölf Jahre nach dem Ereignis, das ein kleines Dorf tief im ländlichen Wales zum Mittelpunkt der Opernwelt werden ließ, verstarb.

Die Decca hat ihm nun ein so würdiges wie seine Fans bereicherndes Denkmal gesetzt. Ingrid Wanja

Les Mesdames Beauharnais

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Ist man heutzutage gerade eifrig dabei, das schöpferische Wirken von Frauen zu entdecken und ins rechte Licht zu rücken, hätte man gut und gerne anstelle des Titels  Au salon de Joséphine den Namen ihrer Tochter Hortense Beauharnais auf das Cover der CD setzen können, die nun zwar einige Tracks mit Musik der Stieftochter Napoleons I. und Mutter Napoleons III. enthält, ihr Schaffen aber kaum ins rechte Licht zu setzen weiß. Schließlich war ihr „ Partant pour la Syrie“ die inoffizielle Hymne des Zweiten Kaiserreichs, und auch „Cantinelle“ sehr populär 1809 im Krieg in Spanien.

Hortense de Beauharnais/Gemälde von Francois Gérard/Wikipedia

Nun gibt es immerhin drei Stücke von der offensichtlich hochbegabten Hortense, die wahrscheinlich im Salon ihrer Mutter aufgeführt wurden, Romanzen im Stil des Empire, gekennzeichnet durch eine sanfte Melancholie, außerdem Arien aus Opern der damals belieben Komponisten Gaspare Spontini, Andrè-Ernest Grétry und Giovanni Paisiello. Die Begleitinstrumente sind Klavier und Harfe, wobei man sich, um die Authentizität zu erhöhen, solcher aus der napoleonischen Zeit bedient. Auch der Gesangsstil, ein Mit- und Gegeneinander von Gesang und Deklamation klingt an, und wie sehr italienische Musik weiterhin den Geschmack der Zeit trifft, beweist die Auswahl der Stück in teilweise auch italienischer Sprache.

Die drei Hortense zuzuschreibenden Stücke sind L’Hirondelle ganz im Stil der Schäferromantik, wie sie bereits die enthauptete Marie Antoinette gepflegt hatte und für die der Mezzosopran Coline Dutilleile sowohl für eine professionell ausgebildete wie für eine gut geschulte Liebhaberstimme gelten kann, welcher Eindruck wohl gewollt ist, um der Situation von vor knapp zweihundert Jahren nahe zu kommen. Das zweite Stück Hortenses ist „Complainte d’Heloise au Paraclet“, in dem die titelgebende Dame ihr schweres Schicksal beklagt, während in „L’Orage“ das traurige Ende eines liebenden Paares Anlass zu schon eher balladenhafter Dramatik ist. Dieses Stück erfordert von der Sängerin bereits etwas an Kraft, die anstandslos geliefert wird. Ein Hauch von Melancholie durchweht hingegen Louis-Emmanuel Jadins La Mort de Werther.

Josephine de Beauharnais/Gemälde von Guillaume Guillon Lethière/Wikipedia

Aus Spontinis auch heute noch zumindest bekannter, wenn auch kaum gespielter Oper La Vestale stammt „O nume tutelar“, wo die Sängerin die Opernstimme herauskehren kann und die Harfe als Begleitung sehr stimmig klingt. I zingari in fiera nennt sich die heute völlig unbekannte Oper von Paisiello, dem auch ein vor dem Rossinis sehr bekannter und viel gespielter Barbiere di Siviglia zu verdanken ist. Da plätschert es ebenso munter wie in den zwischen die Gesangsnummern eingestreuten Stücken für Klavier oder Harfe oder beides. In ihnen wie in der Begleitung für die Sängerin zeigen Aline Zylberajch (Klavier) und Pernelle Marzorati  ihr musikalisches Einfühlungsvermögen.

Noch heute vertraut ist als einziges Stück Jean-Paul-Ègide Martinis Plaisir d’amour, das von der Sängerin sehr charmant dargeboten wird, so wie man insgesamt einen Eindruck vom Salonleben der napoleonischen Zeit erhält, als die trotz der Scheidung noch immer den Titel Kaiserin tragende Josephine  in ihrem Schlösschen Malmaison die im Booklet erwähnten Damen, oft Ehefrauen von Napoleons Marschällen, empfing. Liest man allerdings die Namen Junot und Ney in diesem Zusammenhang, dann entgeht dem Historiker nicht, dass beide Herren nach dem Sturz des Kaisers durch Selbstmord endeten, was einen Schatten auf die harmlos-unbeschwerte Atmosphäre, die die CD vermitteln kann, wirft. Aber da war Josephine längst tot, ihr Salon für immer geschlossen (RAM 3410/ 05.12.25). Ingrid Wanja

 

Musik aus einem Damenstift

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L´Ercole amante? Da denkt der Barockfreund sofort an den Komponisten Francesco Cavalli. Dessen Vertonung des Librettos von Francesco Buti nach den Metamorphosen des Ovid stammt von 1662. Nun hat cpo eine Oper mit diesem Titel herausgebracht, welche eine Komponistin 1707 schrieb: Antonia Bembo, die um 1640 in Venedig geboren wurde und vor ihrem gewalttätigen Ehemann nach Paris geflohen war, wo sie 1720 starb. In der französischen Hauptstadt genoss sie die Protektion von Ludwig XIV. Er gewährte ihr eine Pension und die Unterkunft in einem christlichen Damenstift. Dort komponierte sie Kantaten und Motetten, schließlich Butis Textvorlage, doch kam es nicht zu einer szenischen Aufführung. Die Uraufführung fand erst 2023 in der Stuttgarter Liederhalle statt und ist dem Dirigenten Jörg Halubek zu verdanken, der die Oper mit dem Ensemble il Gusto Barocco konzertant aufführte. cpo hat diese Produktion dankenswerterweise auf zwei CDs als Weltersteinspielung veröffentlicht (555 728-2).

Die bekannte Handlung kreist um Herkules und seine Liebe zu Iole, die aber seinem Sohn Hyllos versprochen ist, was den Zorn Junos, Göttin der Ehe, erweckt. Herkules´ verlassene Gattin Deianira übergibt ihm ein Gewand des Zentauren Nesso, mit dem sie seine Liebe zurückgewinnen will. Doch er stirbt qualvoll, wird auf den Olymp entrückt und dort mit La Bellezza vermählt. Da auch Iole ihren geliebten Hyllos heiraten kann, gibt es einmal mehr ein barockes lieto fine.

Bembos Musik weist eine gelungene Mischung aus französischen und italienischen Stilelementen auf, ist reich an Melodik und vokaler Bravour. Das Orchester musiziert sie unter der engagierten Leitung von Halubek mit Frische und differenziertem Duktus. Jeder der fünf Akte wird mit einem instrumentalen Entrée eingeleitet – Gelegenheit für die Musiker, mit orchestralen Finessen zu glänzen.

Wie bei Cavalli ist die Titelrolle einem Bariton anvertraut und Yannick Debus füllt sie mit viriler Stimme imponierend aus. Deianira wird von der bulgarischen Sopranistin Alena Dantcheva wahrgenommen. Ihr schmerzlicher Ton spiegelt das harte Schicksal der Gattin eindrücklich wider. Beider Sohn Hyllo ist mit dem französischen Tenor/Haute-Contre David Tricou besetzt. Iole, seine Geliebte, gibt die aus Osttirol stammende Sopranistin Anita Rosati. Beide führen sich zu Beginn des 2. Aktes mit einem innigen Duett ein („Amor ardor più rari“), in welchem sich die Stimmen leuchtend verblenden. Als Giunone ist die belgische Sopranistin Flore Van Meerssche mit klangreicher Stimme zu hören. In einer Doppelrolle als Venere und Grazie Pesithea entzückt Chelsea Marilyn Zurflüh mit zauberhaftem Sopran. Vor allem die sanfte Schlummerarie der Grazie, „Mormorate o fumicelli“, am Ende des 2. Aktes ist ein Genuss. Einziger Countertenor in der Besetzung ist der französische Altus Arnaud Gluck als Paggio mit gebührend buffoneskem Tonfall. Die Ausgabe ist die gelungene Wiederentdeckung eines vergessenen Meisterwerkes (Es ist kein Porträt von Antonia Padoani Bembo bekannt, das erhalten geblieben ist. Verwirrenderweise wird das Selbstporträt der französischen Malerin Élisabeth Sophie Chéron (1648–1711) regelmäßig in Schriften und auf CDs verwendet, die sich mit Antonias Leben und Werk befassen.). Bernd Hoppe

 

Erich Riedes „Riccio“

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Wieder gibt es eine spannende Ausgrabung zu berichten. In Offenbach fand am 9. November 2025 die halb-konzertante Aufführung einer zuletzt 1950 szenisch gespielten Oper mit einer ungewöhnlichen Genesis statt: Erich Riedes Historiendrama Riccio auf den Text der in Sobibor umgekommenen jüdischen Schriftstellerin Martha Wertheimer, für Weimar 1929 geplant, dort nicht aufgeführt und erst 1947 in Coburg premiert. Die Partitur (André Musikverlag) war verschollen, und für Offenbach 2025 wurde von Michael Strecker aus den originalen Orchesterstimmen und dem Klavierauszug eine neue Partitur erstellt, die unter Yuval Zorn am Pult des Capitol Symphonie Orchesters mit sechs Solisten und acht Choristen vor Mixed-Media-Installationen von Tim Seger im Offenbacher Capitol aufgeführt wurde.

Zu Martha Wertheimer und Erich Riede hat Wikipedia zwei informative Artikel, die an dieser Stelle gelesen werden sollten. Nachstehend einige Texte zum Werk und den Beteiligten, vor allem Auszüge aus dem Programmheft zur semi-konzertanten Aufführung in Offenbach. G. H.

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Erich Riede – Deutsche Digitale Bibliothek/Phototek

Die Geschichte des Werkes beginnt in den „Roaring Twenties“. Damals träumen der Komponist Erich Riede (1903–1986) und seine Librettistin Martha Wertheimer (1890–1942) von einem gemeinsamen Bühnenerfolg, der eine ähnliche Flugbahn hätte beschreiben sollen wie die Salome, mit der Richard Strauss seit der Dresdner Premiere vom 9. Dezember 1905 die internationalen Häuser eroberte.

Anfangs sieht es auch ganz so aus, als könnte „Riccio“ sein hohes Ziel erreichen. Weimar, die inoffizielle Hauptstadt der gleichnamigen Republik, will das emotionsgeladene, hochdramatische und blutrünstige Stück 1929 herausbringen, zieht dasselbe aber eine Woche vor dem anberaumten Termin zurück – aus Gründen, über die sich bis dato nur spekulieren lässt. Der Traum von der Met (an der Erich Riede seinerzeit als Assistent für das deutsche Repertoire arbeitet), von der Wiener Staatsoper und von der Mailänder Scala ist jedenfalls ausgeträumt. Es müssen achtzehn Jahre und ein Weltkrieg vergehen, bevor das Landestheater der nordbayerischen Stadt Coburg am 30. Oktober 1947 einen Versuch unternimmt, dem sich am 26. Februar 1950 das Mannheimer Nationaltheater anschließt. Die Unternehmungen bleiben folgenlos. Während Deutschland dabei ist, die Trümmer beiseite zu schaffen und die Fundamente des Wirtschaftswunders zu legen, sind Geschichten wie jene des italienischen Sängers und Lautenisten David Rizzio, der am 9. März 1566 in Edinburgh im Beisein seiner Arbeitgeberin (und Geliebten?) Mary Stuart einem grausigen Mordanschlag zum Opfer fiel, nicht mehr en vogue.

Zu Erich Riedes „Riccio“: Martha Wertheimer/b77b Museum Eintracht/Historische Person

Die Noten verschwanden in den Archiven des traditionsreichen Offenbacher Verlages von Johann André, wo sie dessen Nachfahren Hans-Jörg und Moritz André und der städtische Kulturamtsleiter Ralph Philipp Ziegler jüngst wiederentdeckten. Michael Strecker hat den Klavierauszug und das erhaltene Stimmaterial in eine neue Partitur gebracht, so dass Yuval Zorn am Pult des 70-köpfigen Capitol-Orchesters gemeinsam mit sechs Solisten und acht Choristen eine veritable Wiederentdeckungsarbeit leisten kann. Anstelle eines Bühnenbildes „illustrieren“ die Videoprojektionen des Mixed-Media-Künstlers Tim Seger das Geschehen. Die Aufführung wurde mitgeschnitten und kommt 2026 bei dem Leipziger Label Rondeau Productions auf CD heraus. (Pro Classics

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Riccio – Eine Oper, zwei Leben: Martha Wertheimer, Erich Riede und der Offenbacher Versuch, den Opern-Olymp zu erstürmen – Anmerkungen von Dieter und Hanna Eckhardt [D/HE] und Ralph Philipp Ziegler [RPZ]. [RPZ]: 1929 spazierte (der junge Komponist) Erich Riede morgens durch Manhattan zur Metropolitan Opera, wo er als Dirigierassistent für deutsches Repertoire an einem der bedeutendsten Opernhäuser der Welt angestellt war. Ab 1930 würde er zukünftig in den Sommermonaten in die Heimat wechseln, um bei den Bayreuther Festspielen dem berühmtesten (sic) Dirigenten der Welt zu assistieren: Arturo Toscanini, der ihm auch einen hervorragenden Empfehlungsbrief ausgestellt hat. Für einen 26-jährigen war das eine raketenartige Karriere. Am 1. August 1929 spielte die Musik für ihn allerdings erst einmal wieder in der Heimatstadt Offenbach.

Denn da saßen die Journalistin und Autorin Martha Wertheimer, der Musikverlags-Chef Hans André und er an einem Tisch im Verlagshaus in der Frankfurter Straße 28 und unterschrieben zu dritt den Verlagsvertrag zu ‚Riccio‘. Der Verlag André würde Textbuch und Klavierauszug gedruckt herausbringen und die Orchesterstimmen aus der Partitur ziehen lassen.

(Orchesterstimmen aus der Partitur zu ziehen) fiel ihnen sicher nicht allzu schwer, denn schon vor dem Verlagsvertrag hatte das renommierte Deutsche Nationaltheater in Weimar den ‚Riccio‘ zur Uraufführung angenommen. Das war quer durch die deutschsprachige Presse gegangen. Kurz: Die Opernwelt wusste, dass da von den zwei gewissermaßen Debütanten, Riede und Wertheimer, „was kam“. Generalmusikdirektor Emil Praetorius hatte sogar angekündigt, im Leipziger Sender am Vorabend der Uraufführung Auszüge aus ‚Riccio‘ auf dem Klavier vorzuspielen und der Hörerschaft das neue Werk vorzustellen, das dann am 24. November 1929 erstmals auf die Bühne kommen sollte. (…)  Kurz vor der Uraufführung wurde ‚Riccio‘ abgesetzt; die Presse verlor kein Wort über Gründe. Die starken rechten Kräfte im damaligen Thüringen hätten die Premiere wegen der jüdischen Textautorin verhindert, mutmaßten manche nach dem Krieg. Der Protest der Nazis hatte Praetorius in seiner anti-rechten Programmarbeit aber eigentlich immer eher angestachelt. Warum also? Wir wissen es nicht. Aber wir forschen weiter danach. [RPZ]

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Riedes „Riccio“/ Szene/ Foto Vlada Shcholkina

[D/HE] Martha Wertheimers Tätigkeit bei der Offenbacher Zeitung ging im März 1933 zu Ende, sie wurde aus rassistischen und politischen Gründen entlassen.  Nach immer stärkerer Entrechtung und zahllosen schwersten Demütigungen wurden Martha und ihre Schwester Lydia 1942 mit dem dritten großen FrankfurterErich  Transport ins Vernichtungslager Sobibor verschleppt. Beide begingen vermutlich im Deportationszug Mitte Juni 1942 Suizid.

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[RPZ] (…) Im Mai 1933 war Riede Erster Kapellmeister an der Kölner Oper gewesen und hatte einen Mitgliedsantrag bei der NSDAP unterschrieben (Mitgliedsnummer 2.134.221). In der Partei nannte man diese Opportunisten mit einem Beitritt nach der Reichstagswahl im März 1933 ironisch „Märzgefallene“. 1939, da stand er gerade vor dem Weggang als Musikalischer Oberleiter nach Dortmund, wurde er vom NS-Gaugericht aus der Mitgliederliste gestrichen. Nach dem Krieg begründete Riede das mit seinem Oppositionsgeist. Eine zeitgeschichtliche Untersuchung bringt den Ausschluss mit einem Verfahren wegen § 175, dem Homosexuellenparagraphen, in Verbindung. Die Quelle ist nicht genannt (es war ein Vortrag, keine Publikation), der Autor ist seriös, aber leider jüngst verstorben. Riede leitete dann im Krieg die Opernhäuser in Gablonz (1940–43) und Reichenberg (1943–45). Gegenüber den früheren Jahren war seine Karriere in der NS-Zeit zwar nicht beendet, aber eher eine Sackgasse als der Pfad in eine glänzende Zukunft. In Reichenberg, wird Riede später nach dem Krieg berichten, verbrannten durch Kriegseinwirkung in seiner Wohnung die Partituren seiner Kompositionen.

Erich Riedes „Riccio“/ Szene/ Foto Vlada Shcholkina

Damit war die einzige Partitur der Oper ‚Riccio‘ ein Häufchen Asche. Ab Februar saß Erich Riede fest, und zwar auf dem Jaudenhof in Lenggries bei Bad Tölz. Wie alle einstigen NSDAP-Mitglieder im Amerikanischen Sektor, war auch Riede ein Arbeitsverbot erteilt worden, bis der Entnazifizierungsprozess abgeschlossen sein würde. Das dauerte bei einer parteipolitisch sehr kleinen Charge wie Riede eher lange. Ironie des Schicksals war, dass er gerade wegen des Berufsverbots zum Organisten bei Gottesdiensten der amerikanischen Besatzungsmacht berufen werden konnte, die sogar in ihrer englischsprachigen Standortzeitung über den „Composer-Conductor“ an der Army-Orgel schrieb. Nicht zuletzt sprach Riede ja ein gutes Englisch. Außerhalb der Gottesdienste hatte er reichlich Zeit: Bis er im März 1947 dann als ‚Gruppe IV – Mitläufer‘ eingestuft worden war, hatte er unter Zuhilfenahme eines Klavierauszugs aus dem André-Archiv den kompletten ‚Riccio‘ neu orchestriert. [RPZ]

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Erich Riedes „Riccio“/ Szene/ Foto Vlada Shcholkina

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Erich Riede Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim (1949) und „Erster Kapellmeister“ an der Staatsoper Dresden (1950–1952). Dort dirigierte er u. a. eine Festaufführung anlässlich der 1000. Vorstellung der Oper Der Freischütz seit der Uraufführung 1821 in Dresden.

Riede wirkte langjährig als Generalmusikdirektor, u. a. am Theater Dessau (1952–1954). 1953 und 1954 dirigierte er bei den Wagner-Festspielen in Dessau. Ab 1954 war er als „Musikalischer Leiter“ am Pfalztheater Kaiserslautern engagiert. Zum Spielzeitbeginn 1956/57 kam er als GMD an das Opernhaus Nürnberg. 1958 dirigierte er am Opernhaus Nürnberg mit großem Erfolg Alban Bergs Oper Wozzeck. Riede legte während seiner Nürnberger GMD-Zeit einen besonderen Schwerpunkt auf die Aufführung der Werke Richard Wagners. 1963 gastierte er mit dem Ensemble der Nürnberger Oper in Barcelona, wo er Aufführungen von Lohengrin und Die Walküre leitete. 1964 wechselte Riede als GMD an das Mainfranken Theater Würzburg; dort blieb er bis zu seiner Pensionierung.  Nach seiner Pensionierung kehrte Riede nach Nürnberg zurück, wo er am Konservatorium Nürnberg eine Meisterklasse in Opernkomposition unterrichtete. Riede komponierte u. a. Orchesterstücke, Lieder und die heute vergessene Oper König Lustik (Uraufführung 1951; Staatstheater Kassel). (Wikipedia)

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Am 26. Oktober 1947 ging für die Oper ‚Riccio‘ von Erich Riede und Martha Wertheimer am Landestheater Coburg erstmals der Vorhang auf. Laut zeitgenössischer Presse war es die erste Opern-Uraufführung in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 26. Februar 1950 war die Premiere einer weiteren Inszenierung am weit größeren Nationaltheater Mannheim. Beide Inszenierungen erlebten eine Reihe von Aufführungen und ein umfangreiches Presseecho. Die jüdische Gemeinde in Frankfurt bemühte sich (auf eine Korrespondenz mit Riede hin) damals erfolglos um eine Inszenierung an der Oper Frankfurt. [RPZ]

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Zu Erich Riedes „Riccio“/  Premiere 1947 am Landestheater Coburg/Veste Kunstsammlungen

Zur Musik sagt der Komponist und Pianist Olaf Joksch-Weinandy im Gespräch mit Ralph Philipp Ziegler,  Städtischer Kulturamtsleiter der Stadt Offenbach und aktiver Wiederentdecker der Oper „Riccio“:  Es begann damit, dass ich über die pianistisch knifflige Orchestereinleitung stolperte. Die kurze, aber heftige Ouvertüre ist ein virtuoses Wechselbad musikalischer Einfälle aus Spätromantik und Moderne – meist auf drei, statt wie normal auf zwei Notensystemen notiert. Nach dem Durchspielen und Lesen des ganzen Klavierauszuges mein erstes Résumé: Sehr viele Fragezeichen – aber sehr, sehr interessant!

(…) Ich hatte zu Beginn ja noch nicht einmal eine Ahnung, wer der Komponist Erich Riede war, auch nicht, welche Geschichte der Oper zu Grunde liegt. Lediglich die Librettistin Martha Wertheimer war mir ein Begriff. Überrascht war ich dann beim Stöbern, dass das Thema der Ermordung des Privatsekretärs von Königin Maria Stuart schon öfter ein Opernstoff war. Auch Stefan Zweig geht in seinem umfassenden Buch über Maria Stuart auf dieses Thema im achten Kapitel ‚Die Schicksalsnacht von Holyrood‘ ausführlich ein. Zweigs Studie ist aber von 1935. Marta Wertheimer wurde zu ihrem „Riccio“-Text sicher aus einem der zahlreichen älteren Bücher über die Schottische Königin angeregt und verlagert das Geschehen, das konkret am 9. März 1566 stattfand, stimmungshalber auf „einen dunklen, kalten Herbsttag“.  (…)  Martha Wertheimers Text ist voller Weihrauch und religiöser Symbolik. Das Ganze erinnert an die großen, schwärmerischen Gefühlsausbrüche und die überspitzte Sinnlichkeit der Dichter des Symbolismus und der Décadence. (…)

Zu Erich Riedes „Riccio“/ das Offenbacher Capitol, eine ehemalige Synagoge, bietet den Rahmen für die Classic Lounge/ Offenbach.de/ stadtwerke

Ich finde die Musik des jungen Riede (er war damals ja erst Anfang 20!) äußerst selbstbewusst und selbständig. Er kennt sich in der Musikgeschichte und der Musik seiner Zeit bestens aus und wenn man sucht und unbedingt vergleichen möchte, dann finden sich Anklänge an die kalte Archaik Mussorgskys, impressionistische Passagen eines Debussy, Zitate barocker Tänze und modernes, expressives Aufbrausen mit angeschärfter Tonalität – etwa eines Richard Strauss. Riede erschafft aber aus all dem eine ganz eigene, sinnliche, bildhafte, ausdrucksstarke und kraftvolle Musik – die mich in ihrer fesselnden Direktheit auch etwas an Filmmusik erinnert. Das Ganze ist zudem noch absolut raffiniert instrumentiert. Die Musik überdeckt nie den Gesang. Es kommt, nicht zuletzt auch dank des spannenden Bühnengeschehens und dem Höhepunkt in einem grausamen Mord auch musikalisch ganz und gar keine Langeweile auf… (…)

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Zur Aufführung im November 2025 in Offenbach: (…) Hohen Anteil am Erfolg dieses Fundstücks aus dem traditionsreichen André-Musikverlag hatte das Bestform bezeugende Capitol Symphonie Orchester mit Gastdirigent Yuval Zorn, der die zwischen Spätromantik und früher Moderne changierende Musik des jungen, in Offenbach aufgewachsenen Komponisten und Orchesterleiters Riede klanglich zu kanalisieren und dramatisch zu forcieren verstand. Als großartige Tragödin erwies sich die stimmstarke Sopranistin Rinnat Moriah in der Rolle der leidgeprüften Königin Maria, am Ende mit Bravos bedacht. Originell und stimmig auch die Videoprojektionen von Tim Seger und Leyla Amal Cho, der konzertanten Opernaufführung eine Art filmisch bewegtes Bühnenbild zuspielend. (…)

Erich Riedes „Riccio“/ Szene/ Foto Vlada Shcholkina

Los geht es mit einem schrägen Orchester-Fortissimo, das Unheil verspricht, während auf den Projektions-Leinwänden Unwetter herrscht. Wenn Duncan (Gleb Ivanov mit einschmeichelndem Bariton) und der Earl von Bothwell (Bariton Johannes Schwarz, stimmlich souverän) beim König (ein unverhofftes Wiedersehen mit Simon Bailey, dessen hochwertiger Bassbariton lange Jahre die Oper Frankfurt beflügelte) den Sänger Riccio schmähen, sorgen bewegliche Hochhaustürme per Video für eine bedrohliche Atmosphäre. „Goldtropfen rannen aus blassen Wolken, fielen in sehnende Lilienkelche“ – absolut begeistert ist Maria vom Gesang des Riccio, anmutig begleitet von den Chordamen Magdalene Tomczuk, Konstanze Schlaud, Julia Mattheis und Hyowon Jung. Reines Dur ist angesagt in leidenschaftlichen, impressionistisch zerfließenden Klängen des Orchesters, das makellos und intensiv im Ausdruck aufspielt. Szenisch auf Diät, will heißen vor räumlich getrennten Notenpulten stehend, kommen die Liebenden einander allmählich näher. Dann strahlt Rinnat Moriahs selbst im Mezza voce noch klanglich glühender, glockenklarer Sopran starke Leidenschaftlichkeit ab. Schon als Kirchensänger feinfühlig intonierend, erreicht Riccio-Tristan Blanchets warm timbrierter Tenor auch mühelos die Spitzentöne.

Mord und Totschlag bewirken dann einen massiven musikalischen Szenenwechsel. Klanglich tun sich tiefe Krater auf, Komponist Riede ist nach spätromantischer Idylle in der klassischen Moderne angekommen, das Orchester auf expressivem, hochdramatischem Kurs. Und Königin Maria wird zur Furie, ihren Sopran in höchster Lage strapazierend und einen zu Herzen gehenden Abgesang auf ihre große Liebe anstimmend. Während die Wachen Pere Pou Llompart, André Lopes, Isaac Tolley und David Hong einen dunkel dräuenden Extrachor abgeben und auf den Leinwänden wieder Unwetter einsetzt.

Das sind Streiflichter einer selbst halbszenisch fesselnden Operntragödie, deren großer Aufwand sich wahrlich gelohnt hat. Und einem gebührt ein besonderes Lob. Ralph Philipp Ziegler war nicht nur auf Trüffelsuche im André-Archiv erfolgreich, sondern hat diese für Offenbach einmalige Opernproduktion mithilfe vieler wohlwollender Sponsoren auch durchgesetzt. Für nur einen Opernabend eigentlich viel zu schade. Klaus Ackermann (OP-online)

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Erich Riedes „Riccio“/ das gedruckte Libretto von 1929/ Jüdisches Museum Frankfurt

Zur Handlung: Um ihr Drama auf einen einzigen Akt konzentrieren zu können, hat die Librettistin Martha Wertheimer die historischen Tatsachen leicht abgewandelt: Während der reale Lautenist, Sänger und Komponist David Rizzio fünf Jahre in den Diensten der schottischen Königin gestanden hatte, bevor ihn – ärger noch als Julius Cäsar – eine Horde bewaffneter Gewalttäter erdolchte, spielt das Bühnenwerk an einem einzigen Tag. Königin Mary Stuart hört beim (katholischen) Gottesdienst den himmlischen Gesang des Titelhelden. Ihr Gemahl Lord Darnley gesteht ihr seine Liebe und räumt ein, dass es ihm, einem Recken vom Scheitel bis zur Sohle, an der zwischenmenschlichen Zartheit gebricht, um seine Gefühle angemessen zum Ausdruck zu bringen. Aber eben danach sehnt sich die hohe Dame, und so kommt es zwangsläufig zum Ausbruch höchster Leidenschaften: Mary und Riccio verschwinden im Gemach der Königin. Indessen feiert das Schloss ein Fest, wobei James Hepburn, der vierte Earl of Bothwell, von Darnley verlangt, den Rivalen ins Jenseits zu befördern, auf dass er nicht als königlicher Hahnrei dastehe. Darnley bringt für seine Gattin ein gewisses Verständnis auf, gibt aber aus Gründen der Ehre dem Ansinnen nach und setzt zwei Meuchler auf den Italiener an. Riccio stirbt in Marys Armen, die verzweifelte Königin erteilt Bothwell den Befehl, ihren inzwischen entflohenen Ehemann zu töten. Als dieser sich anschickt, dem Übeltäter nachzusetzen und wissen will, was dann werde, versetzt sie: „Ich weiß nicht“ – ein dezenter Hinweis darauf, dass Bothwell (in der historischen Wirklichkeit) nach Darnleys Tod Marys dritter Ehemann werden wird. (Pro Classics)

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Die Texte zur Aufführung, zum Komponisten und der Librettistin sowie die Einschätzung zur Musik von Olaf Joksch-Weinandy entnahmen wir dem Programmheft. Dank auch an Klaus Ackermann,  Ralph Philipp Ziegler sowie besonders an Angela van den Hoogen von der Agentur Pro Classics für die substanzielle Hilfe zur Informationsbeschaffung. Foto oben: Ian Holm/Rizzio und Timothy Dalton/Dudley in dem Film Mary Stuart, 1971/ImDB. G. H.

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Zu Erich Riedes „Riccio“/ Portrait of a Man known as David Rizzio ca 1620/Wikipedia

Und noch einmal Historisches: David Riccio di Pancaliere in Piemont war ein italienischer Höfling, geboren in der Nähe von Turin, ein Nachkomme der Riccio-Grafen von San Paolo et Solbrito. Als junger Mann ging er von Turin nach Nizza, um eine Stelle am Hof des Herzogs von Savoyen zu suchen. Da er keine Aufstiegsmöglichkeiten fand, wurde er 1561 in den Gefolge von Robertino Solaro, Graf Moretta, aufgenommen, der zum Botschafter des Herzogs in Schottland ernannt worden war. Nach seiner Ankunft um 1562 suchte er eine Anstellung bei Maria Stuart. Obwohl keine offizielle Stelle verfügbar war, war er ein ausgezeichneter Sänger und Lautenspieler und freundete sich mit drei Kammerdienern an, die als Musiker mit Maria aus Frankreich gereist waren. Da sie eine gute Bassstimme brauchten, um ein Quartett zu bilden, überredeten sie Maria, ihn anzustellen. Melville beschrieb ihn als fröhlichen Kerl, aber abscheulich hässlich und deformiert (wahrscheinlich ein Buckliger), der jedoch eine Vorliebe für extravagante Kleidung hatte. George Buchanan behauptete gehässig, dass „sein Aussehen seine Eleganz entstellte”. Dennoch war er ein unterhaltsamer Geschichtenerzähler, loyal und diskret zugleich.

Im Dezember 1564 entließ Maria ihren französischen Sekretär, und dessen Weggang ebnete Riccio den Weg zu seiner Anstellung. Dass er kein gutes Französisch schreiben konnte, sodass Maria oft die Korrespondenz umformulieren musste, schien sie nicht zu stören. Bald kontrollierte er den Zugang zu ihr und nahm ungehemmt Bestechungsgelder an, mit denen er zweifellos seine extravagante Garderobe finanzierte. Als er in seiner neuen Rolle immer arroganter und gieriger wurde, betrachteten ihn ihre schottischen Höflinge als „gerissenen, listigen Ausländer” und bezeichneten ihn abfällig als Seigneur Davie. Es wurde sogar vermutet, dass er ein Spion des Papstes war, aber dafür gibt es keine Beweise. Nach seiner Ermordung wurden unter seinen Besitztümern 2.000 Pfund gefunden, die er unmöglich mit seinem Gehalt von 80 Pfund pro Jahr angehäuft haben konnte.

Riedes „Riccio“/ ‘The Murder of Rizzio’ (1787) by John Opie/Hardcoreitalians

Als Lord Darnley 1565 in Schottland ankam, war Riccio einer der engsten Vertrauten Marias. Darnley und Riccio wurden bald Freunde, vielleicht weil sie beide versierte Lautenspieler waren. Riccio brauchte dringend Verbündete, und ihre Freundschaft entstand aus gegenseitigem Interesse. Riccio brauchte den Earl of Lennox und Darnley, um seine Position zu sichern, während er seinerseits alles tat, um Zu Erich Darnley als Marys Ehemann zu fördern. Er wurde in Darnleys „Tafel, seine Gemächer und seine geheimsten Gedanken” aufgenommen. Sie „lagen sogar zusammen in einem Bett”, was als Beweis für eine homosexuelle Beziehung gewertet werden muss.

Die Lords, die gegen die Ehe mit Darnley waren, waren schockiert über die sich entwickelnde Dreiecksbeziehung zwischen Maria, Riccio und Darnley. Mit zunehmendem Einfluss ermutigte Riccio Maria, dem Earl of Moray und William Maitland die Kontrolle über ihre Regierung zu entreißen. Er überzeugte sie davon, dass die Ehe mit Darnley sie von deren Kontrolle befreien würde. Laut George Buchanan, der den Lennoxes nahestand, war Riccio „auch eifrig bemüht, Zwietracht zwischen Darnley und Moray zu säen“. Als Maria ihnen gegenüber unzufrieden wurde, schickte sie Maitland auf Auslandsreisen, um für die Heirat zu werben, was Riccio die Möglichkeit gab, Maitlands Position als Staatssekretär zu übernehmen. Er wurde in den Geheimen Rat berufen, und Mary kann für ihren unverzeihlichen Mangel an Urteilsvermögen verantwortlich gemacht werden, dass sie einem Hofmusiker von zweifelhafter Integrität die Rolle ihres vertrauenswürdigsten und erfahrensten Beraters überließ. Dennoch blieb sie ihm weiterhin eng verbunden. Es heißt, dass Marys Verlobungsfeier mit Darnley (nach der ihnen Geschlechtsverkehr gestattet war) in Riccios Gemächern in Holyrood stattfand, „in Anwesenheit von nicht mehr als sieben Personen“.

Riedes „Riccio“/ Francois Lulvès: The Murder of David Rizzio/ JPC

Sobald Darnley mit Mary verheiratet war, hatten die Regierungsmitglieder zwei Dinge gemeinsam: Sie waren römisch-katholisch und Freunde von Darnley. Riccio fügte sich problemlos in diese Gruppe ein, aber keiner von ihnen war ein Ersatz für Moray oder Maitland. Obwohl Riccio als ihr Staatssekretär fungierte, wurde er nie offiziell dazu ernannt. Dennoch wurde er zum „einzigen Gouverneur” des Königs, der „alles” in seinen Beratungen „bearbeitet”. Er nutzte die Abwesenheit des Königs auf Jagdausflügen, indem er sich einen Stahlabdruck seiner Unterschrift anfertigen ließ, den er als Unterschrift verwenden konnte. Maria vertraute ihm; er hatte viel dazu beigetragen, die Hindernisse für ihre Heirat aus dem Weg zu räumen, und sie genoss seine Gesellschaft, wenn der König nicht da war. Er war gesellig, spielte oft Karten oder musizierte mit ihr bis spät in den Abend hinein. Als Marys Beziehung zum König sich verschlechterte, wuchs ihre Freundschaft zu Riccio. Auch wenn sie ihn vielleicht fälschlicherweise befördert hatte, ist es unwahrscheinlich, dass ihre Verbindung etwas Unangemessenes an sich hatte. Im Herbst 1565 und Frühjahr 1566 war sie schwanger und ziemlich unwohl, und er war kein Adonis, sondern ein Buckliger, der fast einen Fuß kleiner war als sie und ein „unattraktives“ Gesicht hatte. Dennoch kam es Marys Feinden gelegen, zu suggerieren, dass ihre Beziehung mehr war, als man auf den ersten Blick sehen konnte, und sowohl Thomas Randolph, der englische Botschafter, als auch Maitland sahen es als Sprengstoff an, sollte der König davon Wind bekommen. Randolph, der Riccio später als „schmutzigen Ehebrecher” bezeichnete, deutete an, dass hinter Morays Abkehr von Mary etwas viel Dunkleres steckte als seine persönliche Ambition und sein Hass auf den König, wollte seine Gedanken jedoch nicht schriftlich festhalten. Es wurde interpretiert, dass Moray glaubte, Mary habe eine Affäre mit Riccio gehabt, aber es gibt keine Beweise dafür, und es ist sicher, dass sie nur nach Gesellschaft suchte.

Zu Erich Riedes „Riccio“: Mary Stuart and David Rizzio – Marie (Mary) Iere Stuart (1542-1587) with David (Davide) Rizzio – 19th century/ROTMG : OP.1977.202/Rotherham Museums, Arts and Heritage

Elizabeth I. in England tat, was sie konnte, um Morays Rehabilitierung zu fördern, aber Moray musste sich mit Riccio auseinandersetzen. Er bot ihm 5.000 Pfund an, um seine Begnadigung zu erwirken. Riccio, der bereits die Zustimmung des Parlaments suchte, um alle Ländereien der dissidenten Adligen zu beschlagnahmen, verlangte 20.000 Pfund. Die protestantischen Lords wollten einen Sündenbock für den Schritt zum Katholizismus, und Riccio war der offensichtliche Kandidat. Man glaubte, dass er „geheime Verbindungen zum Vatikan hatte”. Doch da Mary immer isolierter wurde, verließ sie sich umso mehr auf ihn. Er hatte „die gesamte Führung der Königin und des Landes” inne. Er sorgte dafür, dass Maitland außen vor blieb und verhinderte MoraysZu  Rückkehr aus dem Exil. Maitland war nicht bereit, den Verlust seiner Position als Staatssekretär kampflos hinzunehmen. Auch er verbreitete die Geschichte, Riccio habe eine Affäre mit Mary, und glaubte, dieser habe ihm seine rechtmäßige Rolle weggenommen. Er war der Architekt der Pläne, ihn zu ermorden und Darnley vom Thron zu entfernen. Er erkannte, dass seine eigene Rehabilitierung davon abhing, den Würgegriff der katholischen Minister um die Königin zu brechen. Dazu wäre die Wiedereinsetzung von Moray erforderlich, aber er begann zu verzweifeln, wie er dies erreichen könnte. Abgesehen von seinem Wunsch, wieder als Staatssekretär eingesetzt zu werden, sah er die Entfernung Riccios als einen wesentlichen Schritt, um eine weitere Verschlechterung der Macht der protestantischen Adligen zu verhindern. Am 9. Februar 1666 schrieb er an William Cecil, den englischen Staatssekretär: Alles kann wieder in den früheren Zustand zurückversetzt werden, wenn der richtige Weg eingeschlagen wird … Ich sehe keinen sicheren Weg, es sei denn, wir schlagen an der Wurzel zu – Sie wissen, wo diese liegt, und soweit ich das beurteilen kann, ist die Gefahr von Unannehmlichkeiten umso geringer, je früher alles geregelt wird.

Er suchte Cecils Zustimmung, um Riccios Ermordung zu arrangieren. Es gab viele Debatten darüber, was Maitland genau mit „an der Wurzel“ meinte. Angesichts seiner engen Verbindung zu Mary Fleming, einer der Maries, ist es unwahrscheinlich, dass er zu diesem Zeitpunkt versuchte, Mary zu stürzen oder sogar ihre Ermordung anzustreben. Es ist jedoch sicherer, dass der König die Unterstützung seines Vaters hatte, um den Mord an Riccio als Mittel zum Sturz der Königin zu nutzen. Nachdem der Plan ausgeheckt war, schrieb Randolph an Cecil:“ Ich weiß, dass Vater und Sohn gemeinsam Pläne schmieden, um gegen ihren Willen die Krone an sich zu reißen. Ich weiß, dass David, wenn das, was beabsichtigt ist, Wirkung zeigt, mit Zustimmung des Königs innerhalb dieser zehn Tage die Kehle durchgeschnitten werden soll. Viele Dinge, die noch schlimmer und schrecklicher sind als diese, sind mir zu Ohren gekommen, ja, sogar Dinge, die gegen ihre eigene Person gerichtet sind.

Zu Riedes „Riccio“: David Rizzio – The musician who won a queen\’s favour (colour litho) by Tennant, C. Dudley (1867-1952); Private Collection; (add.info.: David Rizzio: The musician who won a queen\’s favour. Illustration from Cassell\’s Book of Knowledge (c 1910).); Look and Learn.

Maitland spielte mit dem Ehrgeiz des Königs, die Krone der Ehe zu erhalten. Er deutete an, dass es Riccio war, der Mary davon abhielt, ihm diesen begehrten Status zu gewähren. Er deutete auch an, dass Marys enge Freundschaft mit Riccio mehr als die zwischen einer Königin und ihrem Sekretär war, und stellte sogar die Vaterschaft von Marys ungeborenem Kind in Frage. In Frankreich erreichten Catherine de Medici Gerüchte, dass der König eines Abends spät zu Marys Gemächern zurückgekehrt sei und die Tür verschlossen vorgefunden habe. Nachdem er lautstark Einlass verlangt hatte, fand er Riccio in einem Nachthemd, der sich in einem Schrank versteckt hielt. Dies erscheint höchst unwahrscheinlich, da Riccio eine solche Begegnung kaum überlebt hätte und der König dies nie berichtet hat, selbst als er den Mord rechtfertigen musste. Randolph und der Earl of Bedford, die jede Andeutung von Ehebruch ausnutzen wollten, behaupteten, „dass David zwei Monate lang mehr Gesellschaft von ihrem Körper hatte als er“. Obwohl eine sexuelle Beziehung unwahrscheinlich erscheint, besteht kein Zweifel daran, dass der König übermäßig eifersüchtig auf ihre enge Verbindung wurde. Trotz ihrer anfänglichen Freundschaft glaubte er nun, dass Riccio ihm die politische Einflussposition wegnahm, die ihm selbst zugestanden hätte.

Sobald der König für den Plan gewonnen war, wandte er sich an seine Verwandten aus dem Hause Douglas, um die Angelegenheit zu regeln, und der Earl of Morton und Lord Ruthven trafen die notwendigen Vorkehrungen. Morton sah darin eine Gelegenheit, eine mächtige Position zu erlangen, und ließ sich von Maitland überreden, die offensichtliche Verleumdung der Ehre der Douglas durch die Freundschaft der Königin mit Riccio auszunutzen. Er erkannte jedoch, dass Morays Rehabilitierung notwendig sein würde, um die allgemeine Unterstützung des Adels zu gewinnen.

Sowohl Randolph als auch Bedford waren über die Vorkehrungen gut informiert. Randolph versorgte Cecil mit allen Einzelheiten des Plans und teilte ihm mit, dass Moray beabsichtigte, am Tag nach dem Mord in Edinburgh einzutreffen. Die meisten Leute schienen zu wissen, was vor sich ging. Es handelte sich nicht einfach um einen Plan, Riccio zu ermorden, sondern das Ziel war, den König zu diskreditieren und Moray und Maitland wieder an die Macht zu bringen. Es könnte sogar dazu führen, dass der eigensinnige König und die Königin unter Hausarrest gestellt werden.

Da er seine eigenen Unzulänglichkeiten nicht erkannte und „von seiner eigenen Arroganz geblendet” war, gab Darnley Riccio die Schuld dafür, dass er aus der Regierung ausgeschlossen worden war. Er wollte die Krone für sich selbst und wollte Rache. Die unzufriedenen Adligen waren nur allzu bereit, den Mord zu unterstützen. Seine Jugend und Unerfahrenheit machten ihn zu Wachs in den Händen der skrupellosen, machthungrigen Männer, die ihn umzingelten, und so würde er sich als ihre gefährlichste Waffe erweisen.

Zu Erich Riedes „Riccio“: Mary Queen of SScotland encounters Rizzio/ Holzstich von John S. Davis/ world4.eu

Er glaubte, dass die Krone ihn zur dominierenden Kraft in seiner Partnerschaft mit Mary machen würde. Auch ohne sie waren die Lennoxes in der Lage, die Krone für sich zu beanspruchen, sollte Maria ohne Erben sterben. Da der Herzog von Châtelherault im Exil in Frankreich lebte, mussten sie nur seine Unehelichkeit anführen. Diejenigen, die ihn ermutigten, schmeichelten sich bereitwillig diesen Ambitionen an. Ihr Ziel war es, Marias katholische Berater zu stürzen und so die Religionsfreiheit und ihre Ländereien zurückzugewinnen. Die Beteiligung des Königs bot ihnen praktischerweise Immunität vor Strafverfolgung. Dennoch würden sie ihm niemals erlauben, als etwas anderes als ihre Marionette zu regieren.

Obwohl Maitland ursprünglich den Plan ausgeheckt hatte, achtete er darauf, sich zum Zeitpunkt der Tat nicht in der Nähe aufzuhalten. Er legte Wert darauf, am Abend des Mordes mit den Adligen aus dem Umfeld der Königin in Holyrood zu speisen. Dies allein kann bereits als verdächtig angesehen werden und lässt vermuten, dass er versuchte, sie aus dem Weg zu halten. Die anderen Verschwörer, insbesondere der König, nannten ihn später alle als seinen engen Komplizen, was zur Einziehung seiner Ländereien führte.

Antonia Fraser hat darauf hingewiesen, dass es, wenn ihr Ziel nur darin bestanden hätte, Riccio zu ermorden, relativ einfacher gewesen wäre, dies außerhalb von Edinburgh zu tun, und dass es dafür reichlich Gelegenheiten gegeben hätte. Mortons ursprünglicher Plan war es, Riccio in seinen Gemächern in Holyrood zu fassen. Es scheint jedoch, dass der König den damit verbundenen Tod der Königin und ihres ungeborenen Kindes nicht ablehnte. Durch die Begehung des Verbrechens in ihrer Gegenwart bestand die realistische Erwartung, dass der Schock zu einer Fehlgeburt führen würde, und eine Fehlgeburt in der Mitte der Schwangerschaft führte unweigerlich zum Tod der Mutter. Selbst Randolph verstand dieses Ziel. Der König arrangierte, dass der Mord bei einem privaten Abendessen stattfand, das die Königin in Holyrood gab. Obwohl die anderen Verschwörer dies niemals zulassen würden, glaubte er, dass er auf den Thron erhoben werden würde, wenn Maria starb. Sie spielten sein verräterisches Vorhaben mit, da es einen legitimen Grund für seine zukünftige Absetzung liefern würde. Falls Maria das Komplott überleben sollte, hatten die Verschwörer beschlossen, sie bis zur Geburt ihres Kindes in Stirling gefangen zu halten. Durch die Verwicklung von Darnley hatte Moray alle Hoffnung, an die Macht zu gelangen.

Zu Erich Riedes „Riccio“: Mary I of Scotland with David Riccio, 1542-1587/ History of Scotland

Die Verschwörer vertrauten dem König nicht und bestanden darauf, dass er eine Verpflichtungserklärung unterzeichnete. Sie wollten nicht, dass er später jegliche Kenntnis von der Verschwörung leugnete oder „behauptete, andere hätten ihn dazu überredet“. Am 1. März unterzeichnete er ein Dokument, in dem er bestätigte, dass er der Hauptinitiator des Plans zur Ermordung des „bösen, gottlosen Riccio“ war, auch wenn „die Tat möglicherweise in Anwesenheit Ihrer Majestät, der Königin, stattfinden würde“. Er übernahm die volle Verantwortung dafür, trotz der offensichtlichen Bedenken von Morton und Ruthven. Das Dokument wurde auch von allen aktiv Beteiligten unterzeichnet, darunter Morton und Ruthven. Sie sollten „weder Leben noch Gliedmaßen verschonen, um alles zu tun, was zur Förderung seiner [des Königs] Ehre beitragen könnte“. Die Vereinbarung bestätigte, dass dem König die Krone angeboten werden würde, im Gegenzug dafür, dass er ihnen vergibt und sie schützt und die Rückkehr der Verbannten erlaubt. Er versicherte, dass der Protestantismus trotz seiner öffentlichen Bekundungen des Katholizismus beibehalten werden würde. Er war völlig doppelzüngig.

Am Morgen des 9. März spielte der König mit Riccio Tennis, vermutlich um jeglichen Verdacht auszuräumen, und am Abend gab Mary ein kleines Familienessen in Holyrood in einem kleinen Raum neben ihrem Schlafzimmer. Riccio erschien in einem mit Pelz verzierten Damastgewand über einem Satindoppelrock und rostbraunen Samthosen. Er trug eine Kappe, die er in ihrer Gegenwart nicht abnahm, wie er es hätte tun sollen. Zur großen Überraschung der Gäste gesellte sich der König zu ihnen und setzte sich neben Mary. Er war freundlich und wurde gut aufgenommen, doch plötzlich erschien Ruthven mit einem Helm und einer Rüstung unter seinem Umhang. Er verlangte, dass Riccio, der sich hinter der Königin versteckte, ausgeliefert werde. Mary verlangte zu erfahren, welches Vergehen Riccio begangen hatte. Er antwortete ihr: „Er hat Eure Ehre verletzt, doch ich wage es nicht, darüber zu sprechen.“ Er beschuldigte Riccio außerdem, die Gewährung der Kronvermählung durch den König behindert und viele der Lords mit dem Plan, ihnen ihre Ländereien zu entziehen, verbannt zu haben. Mary antwortete, dass Riccio, wenn er Unrecht getan habe, vor Gericht gestellt werden solle. Sie fragte den König, ob Ruthven auf seine Anweisung hin handelte, aber er bestritt jede Beteiligung. Die Gäste des Abendessens versuchten, Ruthven zu überwältigen, aber er zog eine Pistole und ging mit seinem Dolch auf Riccio zu, der sich immer noch hinter Mary in der Fensternische versteckte. Ruthven schubste die Königin aus dem Weg und sagte ihr, dass er mit Zustimmung des Königs handele. Andere Verschwörer tauchten auf, und einer ergriff den Dolch des Königs und stieß ihn Riccio so nahe an der Königin entgegen. Melville behauptete, dass der Dolch „in ihm stecken geblieben“ sei. Auf den Knien und an den Röcken der Königin festhaltend, schrie Riccio: „Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Retten Sie mich, meine Dame! Ich bin ein sterbender Mann. Verschonen Sie mein Leben!“ Doch der König bog seine Finger zurück, während andere ihn aus dem Raum zerrten.

Zu Erich Riede „Riccio“: British (Scottish) School; Henry Stuart (1545-1567), Lord Darnley, and Mary, Queen of Scots (1542-1587); National Trust, Hardwick Hall; Wkipedia

Riccio scheint durch das Schlafgemach der Königin in den Audienzsaal gezogen worden zu sein, wo bewaffnete Männer warteten. Sie waren „so vehement gegen David aufgebracht, dass sie es nicht länger aushalten konnten“. Morton und mehr als ein Dutzend Anhänger erstachen ihn brutal. An seinem Körper wurden zwischen dreiundfünfzig und sechzig Wunden gefunden. Die Verschwörer ließen den Dolch des Königs in Riccios Seite stecken. Darnley veranlasste, dass Riccios zerfleischter Leichnam aus dem Audienzsaal entfernt wurde. Er wurde die Treppe hinuntergeworfen und auf einer Holzkiste in der Portierloge abgelegt. Der Porter  entfernte den Dolch des Königs und zog ihm die kostbaren Kleider aus. Am nächsten Tag wurde seine Leiche still auf dem Canongate-Friedhof in der Nähe des Tors zur Holyrood Abbey beigesetzt. Mary veranlasste später, dass sein Leichnam mit allen katholischen Ehren in einem „schönen Grab“ in der Abteikirche von Holyrood wiederbestattet wurde.

Trotz Riccios Tod wurde keines der Ziele der Verschwörung erreicht. Der König erhielt nicht die Krone der Ehe. Mary erlitt keine Fehlgeburt, schaffte es jedoch, den König von seinen Mitverschwörern zu trennen und mit Hilfe des Earl of Bothwell nach Dunbar zu fliehen. Nun war es Bothwell und nicht mehr Moray, der das Ohr der Königin hatte. Maria konnte Darnley nicht wegen seiner verräterischen Beteiligung anklagen, ohne die Legitimität ihres ungeborenen Kindes zu gefährden, aber die übrigen Verschwörer wurden für schuldig befunden und ins Exil geschickt. Obwohl es keine konkreten Beweise für die Beteiligung von Maitland gab, wurde auch er für schuldig befunden und zog sich in den Norden zurück. (MaryQueenofScots.net/DeepL)

 

Glanzpartie

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Ene neue Einspielung von Donizettis Lucia di Lammermoor muss dem Vergleich mit einer Reihe von Referenz-Aufnahmen standhalten. EuroArts hat sich dieser Herausforderung gestellt und eine Gesamtaufnahme herausgebracht, für die vor allem Lisette Oropesa in der Titelrolle der Anlass war (2011175, 2 CDs). Die amerikanische Sopranistin mit kubanischen Wurzeln führt derzeit die Riege der lyrischen Koloratursopranistinnen an, reüssiert weltweit in diesem Fach. An der Berliner Staatsoper hat sie soeben mit großem Erfolg die Violetta und Gounods Juliette gesungen. Auch die Lucia zählt zu ihren Glanzpartien.

2017 trat sie damit am  Royal Opera House Covent Garden London auf, ein Jahr später am Teatro Real in Madrid, 2022 an der Wiener Staatsoper und 2023 an der Mailänder Scala. Es war also an der Zeit, ihre Interpretation zu dokumentieren, wofür die Mikrofone im sizilianischen Catania, der Geburtsstadt Bellinis, installiert wurden. Und natürlich kam es auch zur Verpflichtung von Chor und Orchester des Teatro Massimo Bellini di Catania. Dirigent ist Fabrizio Maria Carminati, der als Spezialist für das Belcanto-Repertoire gilt. Nach seinem Wirken als Artistic Director bzw. Intendant am Teatro Regio Torino, am Teatro Donizetti Bergamo und in der Arena di Verona ist er seit 2020 Artistic Director am Teatro Massimo Bellini di Catania. Er sorgt für eine spannende, dramatisch aufgeheizte Interpretation, die im Finale des 2. Aktes zu Atem beraubender Intensität eskaliert. Auch das oft gestrichene Duett zwischen Edgardo und Enrico zu Beginn des 3. Aktes profitiert von seinem Impetus. Engagiert und klangvoll singt der Coro des Theaters in der Einstudierung von Luigi Petrozziello.

Die Aufnahme spiegelt die reiche Bühnenerfahrung von Lisette Oropesa wider. Schon in der Auftrittsszene nimmt sie gefangen mit ihrem individuell timbrierten Sopran, dem melancholischen Klang und der souveränen Technik. Die Cabaletta „Quando rapito in estasi“ zeigt ihre Kompetenz beim bravourösen Zierwerk der Partie, die später in der langen Wahnsinnsszene ihren Höhepunkt findet. Ungemein berührend ist die Melancholie im Auftritt („Il colce suono“), die sich dann bei „Spargi d´amaro pianto“ zu ekstatischem Koloraturtaumel steigert. Vorher gab es das anfangs heftige, dann schwelgerische Duett mit Edgardo („Ah! Verranno no a te“), die von wehmütiger Stimmung gezeichnete Auseinandersetzung mit ihrem Bruder Enrico und die fatale Konfrontation mit Edgardo bei der Hochzeitszeremonie mit Arturo, welche in das berühmte Sextett mündet, das auch hier einen dramatischen Höhepunkt der Oper markiert. In all diesen Szenen kann die Sopranistin ihre gestalterischen Fähigkeiten einbringen und die Stimme zwischen lyrischer Finesse und dramatischem Furor glänzen lassen.

Lisette Oropresa an der Scala als Lucia di Lammermoor/youtube RAI

Neben ihr singt der Rumäne Stefan Pop einen energischen Edgardo mit virilem Tenor, zupackend in der Emphase und mit metallischem Glanz in der exponierten Lage. Nur lyrische Eleganz ist seine Sache nicht. Der Italienische Bariton Mattia Olivieri gibt dem Enrico mit markiger, vehement auffahrender Stimme markantes Profil. Nicht ganz dieses Niveau besitzt der italienische Bass Riccardo Zanellato als Beichtvater Raimondo, dessen Stimme etwas verquollen und in der Tiefe matt klingt. Auch der zweite Tenor, Didier Pieri als Arturo, bleibt mit flacher Stimme zurück. Trotz dieser Einschränkungen reiht sich die Einspielung würdig in die Vielzahl der vorhandenen Dokumente ein und dürfte für viele Musikfreunde auch eine willkommene Überraschung auf dem Gabentisch sein. Bernd Hoppe

Virginia Zeani

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Was für eine unverkennbare, leuchtende Stimme. Was für eine rollensprengende Persönlichkeit. Was für eine – die Zeit überdauernde – Wirkung bis heute, zwei Jahre nach ihrem Tode. Virginia Zeani! Die, die sich an ihre Bühnenauftritte in Italien und der Welt erinnern können, schwärmen von ihrer Schönheit, die sich auch für uns später Geborene auf den vielen, vielen Fotos immer noch festgehalten sieht. Das Decolleté der Violetta, die weitgeöffneten Augen der Fedora, die strenge Schönheit der Madame Lidoine. Virginia Zeani gehört in jede Sammlung des Belcanto und des engagierten Gesangs neben der Callas und der Scotto. Und dem Himmel sei Dank ist sie reichlich dokumentiert, nicht auf vielen offiziellen Aufnahmen aber doch auf sehr vielen Live-Mitschnitten, die den hohen Standard dieser einmaligen Stimme festhalten.

Die rumänische Opernsängerin Virginia Zeani (21. Oktober 1925 in Solovăstru, Siebenbürgen –  20. März 2023 West Palm Beach, Florida) wurde als Virginia Zehan in Solovastru geboren und studierte Literatur und Philosophie an der Universität von Bukarest, während sie ihre Stimme bei Lucia Anghel und Lydia Lipkowska ausbildete. Nach ihrem Umzug nach Italien erhielt sie Gesangsunterricht bei Aureliano Pertile. Ihr frühes Debüt gab sie 1948 als Violetta (!) am Teatro Duse Bologna, was sich als Triumph für die junge Sängerin erwies. Die Violetta wurde zu der Rolle, mit der sie eng verbunden war und die sie im Laufe ihrer Karriere Hunderte von Malen sang!

Virginia Zeani mit Gatten, dem Bassisten Nicolà Rossi-Lemeni/ Wikipedia

Diese Rolle, die sie insgesamt 648 Mal sang, führte sie an die größten Theater der Welt, darunter das Palais Garnier in Paris, das Royal Opera House in London und das Metropolitan Opera House in New York. Mit einem Repertoire, das von der Barockoper bis zu zeitgenössischen Werken reicht, wurde sie 1957 von Francis Poulenc für die Rolle der Blanche de la Force in der Uraufführung der Dialogues des  Carmelites an der Scala ausgewählt.

Mehr als zehn Jahre lang widmete sie sich den Rollen, die man allgemein als Koloraturen“ bezeichnet, und sang Lucia, Elvira, Amina und Gilda. Bald kamen Norina, Rosina und Fiorilla (unter anderem) hinzu. 1956 gab sie ihr Debüt als Cleopatra in Händels Giulio Cesare an der Scala. Bei der Premiere von Poulencs Dialogues des Carmélites sang sie die Rolle der Blanche. Ihre hervorragende Technik ermöglichte es ihr, die vier Rollen (Olympia, Giulietta, Antonia, Siebel) in Offenbachs Les Contes d’Hoffmann mit Bravour zu singen. Später nahm die Künstlerin weitere lyrisch-dramatische Rollen in ihr Repertoire auf: Aida, Desdemona, Tosca, Magda Sorel in Menottis Consul, Fedora, Cio-Cio-San, Manon Lescaut, Elsa und Senta in Italienisch, Adriana Lecouvreur, Thaïs, Marguerite usw. Als innovative Künstlerin nahm sie an vielen Wiederaufnahmen von Belcanto-Opern teil (z. B. Maria di Rohan, Le Comte Ory, Zelmira, Rossinis Otello, Alzira).  Zeani sang am Bolschoi-Theater in Barcelona, in der Arena di Verona, in Monte Carlo, Paris, St. Petersburg, Mexiko-Stadt, Belgrad, Houston, Budapest, Philadelphia, an der Met und in Wien (Volksoper und Staatsoper). Sie trat mehrmals in Dublin auf und ist dort noch immer in bester Erinnerung.

Ihr nordamerikanisches Debüt gab sie 1965 in Montréal, wiederum in der Rolle der Violetta. Nachdem sie fast 15 Jahre lang leichte Sopranpartien gesungen hatte, wurde sie von Zubin Mehta überredet, ihr Repertoire zu erweitern und schwerere Rollen wie Aida zu singen, die sie erstmals im Salle Wilfrid-Pelletier an der Seite von Jon Vickers, Lili Chookasian, Louis Quilico und Joseph Rouleau sang. 1968 kehrte sie für eine Produktion von Puccinis Manon Lescaut nach Montréal zurück. In ihrer außergewöhnlich langen Karriere, die insgesamt 34 Jahre dauerte, stand sie mit einigen der größten Stars des 20. Jahrhunderts auf der Bühne, von Beniamino Gigli, Giuseppe di Stefano und Franco Corelli bis Alfredo Kraus, Luciano Pavarotti und Plácido Domingo.

Virginia Zeani als Aida/ Zeani.com

1982 gab sie ihr weiteres Debüt an der San Francisco Opera in den Carmelites, diesmal als Mutter Marie. Sie und ihr Ehemann, der Bass Nicola Rossi Lemeni, erhielten anschließend einen Lehrauftrag an der Jacobs School of Music der Indiana University, wo sie 1994 den Titel „Distinguished Professor of Music“ erhielt. Zu ihren zahlreichen Schülern gehören Ailyn Perez, Elizabeth Futral, Marilyn Mims und Vivica Genaux.

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Virginia Zeani fiel sofort durch ihre seltene Fähigkeit auf, ihrer Musik einen präzisen Sinn zu geben, indem sie jene seltene Synthese von Belcanto und Ausdruck erreichte, die ihre Interpretationen sowohl für ihre dramatische Sensibilität und Intimität als auch für ihren strahlenden Gesang lobte. Unter all dem hatte Zeanis Timbre jedoch etwas, das direkt ins Herz ging: eine Aura verschleierter Melancholie, eine edel kontrollierte Leidenschaft, die sich vorzüglich mit der betörenden Farbe ihrer Stimme verband, die in der Mitte düster und in der Höhe strahlend war. Es war eine Stimme von faszinierender Weiblichkeit, die sowohl Zärtlichkeit als auch Sinnlichkeit, Elegie und Tragödie auszudrücken vermochte. G. H.

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In einem Interview mit dem kürzlich verstorbenen kanadischen Kritiker und Musikwissenschaftler Gérald Dubois sprach sie 2021 in ihrem Wohnsitz in Florida über Einzelaspekte ihrer Karriere: 

Zum Beginn: Ich verließ Rumänien 1947, ich war 21, ich ging im Februar und mein Geburtstag ist im Oktober, also war ich genau 21 Jahre und 4 Monate alt. Hier habe ich sehr viel studiert, aber in Rumänien hatte ich keine Karriere. Ich hatte ein Konzert in der Dalles Hall, mit den anderen Schülern meiner Gesangslehrerin, Lydia Lipkowska, und das war alles, ich hatte keine Karriere. Mein erstes offizielles Konzert war vielleicht, als ich für den italienischen Konsul und Botschafter sang, die mich zu einem Abendessen eingeladen hatten. Aber ich hatte schon viel gelernt, als ich wegging, seit ich 12 war. 12 und ein halbes Jahr alt, um genau zu sein. Im Jahr ’38!

Ich hatte ein sehr seltsames Schicksal. Ich habe sehr jung angefangen, ich habe sehr hart studiert und ich habe nie etwas mehr geliebt als das Singen. Ich glaube, das ist etwas, das einem in die Wiege gelegt werden muss. Man weiß nie, was als Nächstes passiert, aber irgendetwas oder irgendjemand führt dich zu dem, was du liebst, aber nicht unbedingt verstehst, und das gibt dir die Kraft, Zeit und Energie zu investieren, um zu entdecken, was deine Berufung im Leben ist. Die Tatsache, dass man diesen Ehrgeiz hat, etwas zu lernen, ist ein Mysterium, aber gleichzeitig ist es eine Freude, etwas zu verfolgen, das man liebt und das letztendlich nicht wirklich erreichbar ist. Wie kann man Musik „erreichen“?

Ich habe schon als Kind gerne gesungen und alle Vögel und alles, was ich im Garten hörte, imitiert. Ich habe mit 13 Jahren angefangen, und man hielt mich für einen Mezzosopran, dann für einen lyrischen Sopran, dann für einen lyrischen mit Koloraturen. Das Ziel meines Wunsches war immer ein Geheimnis, aber die Anziehungskraft, die ich auf den Gesang ausübte, brachte mich dazu, diesem Wunsch jeden Tag nachzugehen. Ich wusste, dass es mein Schicksal war, zu singen.

Ratschlag zur Langlebigkeit der Stimme: Ich denke, das wichtigste ist, es von Tag zu Tag zu nehmen und nicht zu übertreiben. Danach muss man mit dem Talent, das man an dem Punkt hat, an dem man sich befindet, sein Bestes geben. Man kann nicht entscheiden, was man sein wird, bevor man dort ankommt, wenn man noch jung ist und sich ständig verändert. Selbst nach all den Jahren des Trainings wird sich deine Stimme verändern, und du musst die Geduld haben, dein wunderbares Naturtalent nicht durch zu schnelles Handeln zu ruinieren. Langsam und beständig gewinnt das Rennen.

Was man jedoch tun kann, ist, dass Sie, wenn Sie am Ziel sind, darauf vorbereitet sind, jede Herausforderung zu meistern, die sich Ihnen stellt. Ich glaube, das gefährlichste Verhalten, das ich bei jungen Sängern immer noch sehe, ist, dass sie keine Geduld zum Lernen haben. Sie machen sehr schnell das nach, was sie auf der Bühne oder auf Aufnahmen hören, und sie verändern die Farbe ihres Klangs, anstatt mit Ruhe und Geduld zu lernen.

Virginia Zeani mit Francis Poulenc bei den Proben zu den „Dialogues des Carmelites“ an der Scala 1957 / Archivio storico del Teatro alla Scala

Regie gestern und heute: Der größte Unterschied auf den Bühnen heute im Gegensatz zu früher ist die Frage der Regie. Heutzutage ändern einige Regisseure alles: Sie lassen die Opern nicht so erzählen, wie die Komponisten sie wollten. Sie versuchen, das Thema zu modernisieren, was für mich absurd ist, weil ich denke, dass die Oper mit dem Komponisten, der Zeit, in der sie komponiert wurde, und dem Moment der Geschichte, der in dieser speziellen Geschichte eingefangen wurde, verbunden ist. Zu meiner Zeit waren wir diejenigen, die die Inszenierungen, in denen wir auftraten, meistens selbst inszenierten. Es war wirklich eine Teamleistung zwischen den Sängern, dem Dirigenten, dem Regisseur und der Arbeit, die uns aufgetragen wurde. Wir arbeiteten Hand in Hand, um herauszufinden, was der Komponist mit der Musik ausdrücken wollte, und nicht, um einen Weg zu finden, diese Meisterwerke „aufregend“ zu machen: Das sind sie schon, auf so viele Arten.

Die Stimme: Zunächst einmal bleibt das Instrument gleich, nichts ändert sich außer den Farben, je nach Gemütsverfassung der Figur. Das Geheimnis ist, die Richtung der Phrasierung und die Fragen der Oper zu finden. Wenn man die Werke von Poulenc nimmt, die ich gesungen habe, die Dialoge oder auch La voix humaine, die stilistisch nicht dem Belcanto nahe stehen, musste ich die sehr modernen Konzepte verstehen und sie dem Publikum mit einem guten Klang und einer großartigen Diktion erklären, um genau das auszudrücken, was der Komponist in seiner Partitur sagt, wie ich es bei jeder Oper tun würde.

Mit dem Publikum leben: Das Ziel bei jeder Art von Musik ist es, zu kommunizieren, zu teilen, und der Ansatz sollte für alle Arten von Repertoire derselbe sein. Man muss nach der Phrasierung suchen, die die Botschaft der Oper vermitteln soll. Man kann nicht die gleichen Farben für die Rolle der Alissa oder der Blanche verwenden, weil die Phrasen und die Komponisten unterschiedlich sind. Wenn man denkt, dass man einer neuen Rolle etwas geben kann, sollte man das unbedingt tun. Wie aufregend ist es für ein Publikum, jemanden zu hören und zu sehen, der etwas tut, was es noch nie zuvor gehört oder gesehen hat? Neue Geschichten zu haben, ist sehr wichtig.

Es geht darum, dem Publikum jedes schöne Gefühl zu erklären, das man in seinem Herzen hat. Ich mochte es nie, in meinem Gesang aggressiv zu sein, besonders im Belcanto-Repertoire. Ich mochte es immer, jedes Gefühl durch meine Augen und meine Stimme mit Schönheit, Ruhe und Leidenschaft zu vermitteln. Man muss sich mit dem Publikum austauschen, und wenn es die Gefühle, die man hat, versteht und mit ihnen übereinstimmt, bedeutet das, dass man in einer totalen Einheit und einem Austausch von Gefühlen ist. Aber jeder ist anders geboren, und man wird nie jemanden finden, der genau so ist wie man selbst oder der die Dinge genauso empfindet wie man selbst.

Virginia Zeani mit Alfredo Kraus in „La Traviata“ in Lissabon/ Romania.Muzical

Deshalb müssen wir unsere Gefühle zum Ausdruck bringen, indem wir dem Komponisten und dem Librettisten, aber vor allem uns selbst, unserem Hintergrund und unserem Geist treu bleiben. Das ist der Grund, warum manche Leute eine Interpretation einer anderen vorziehen, wir können Schönheit auf eine bestimmte Art und Weise empfinden, die jemand anderes nicht versteht, aber wenn wir das tun, kommen wir einander sehr nahe, und das ist eine der schönsten Sachen: unsere Seelen durch Musik zu vereinen.

Belcanto:  Vom technischen Standpunkt aus betrachtet, nenne ich mein System des Singens folgendermaßen: Auf Italienisch sagen wir „raccogliere i suoni“. Das bedeutet, dass man die Schwingungen, die „Töne“, in einem Punkt, der Maske, versammeln muss, der es der Stimme erlaubt, so viel wie möglich mit so wenig Anstrengung wie möglich zu glänzen, und dass man diese Schwingungen mit dem Zwerchfell unterstützen muss. Wenn man diese Schwingungen in diesem Punkt bündelt, wird man nie müde, im Gegensatz zu breitem, offenem oder lautem Singen, wie man es heute leider oft hört. Dann muss man mit diesen Klängen Emotionen vermitteln, ihnen Farbe geben und die Intention des Komponisten finden. Darüber hinaus muss jede Stimme alles können, vom Koloratursingen bis zum Vibrieren der Töne in Millionen von Farben, und man muss einen Weg finden, dies mit Leichtigkeit zu tun, sonst ermüdet man sich selbst enorm. Der Trick besteht darin, herauszufinden, was man wirklich gut kann, und es zu seinem Vorteil zu nutzen, während man an dem arbeitet, was verbessert werden muss. Belcanto ist letztendlich ein Weg, um jede einzelne Person in der Oper zu einem echten Star zu machen. (Dank an  Gérald Dubois; Foto oben: Virginia Zeani mit Dank an Karl-Friedrich Trieselmann) 

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Charles Mackerras

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Mit Werken von: Tomaso Albinoni (1671-1751) Albert Arlen (1905-1993) Thomas Arne (1710-1778) Bela Bartok (1881-1945) Ludwig van Beethoven (1770-1827) Alban Berg (1885-1935) Hector Berlioz (1803-1869) Ronald Binge (1910-1979) Alexander Borodin (1833-1887) William Boyce (1711-1779) Johannes Brahms (1833-1897) Havergal Brian (1876-1972) und weitere

Mitwirkende: Elizabeth HarwoodJanet BakerPaul EsswoodRobert TearBarbara FrittoliIan BostridgeLorraine Hunt LiebersonLisa MilneAnthony Rolfe JohnsonDella JonesBryn TerfelMontserrat Caballe und weitere; 63 CDs 

Ludwig van Beethoven: Symphonien Nr. 1-9; Violinkonzert op. 61
+Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo, Re di Creta KV 366; Symphonien Nr. 36, 38, 40, 41; Klavierkonzerte Nr. 20 & 23; Sinfonia concertante Es-Dur KV 297b; Flötenkonzert Nr. 1 KV 313; Les Petites Riens KV Anh. 10; Divertimento KV 113; 6 Deutsche Tänze KV 600; 2 Märsche KV 408; 2 Menuette KV 604; Konzertarie KV 528; Arien aus Cosi fan tutte, Don Giovanni, Idomeneo, Le Nozze di Figaro
+Georg Friedrich Händel: Der Messias HWV 56; Concerti grossi op. 3 Nr. 1-6; Concerti grossi HWV 335a & 335b; Feuerwerksmusik HWV 351 (in zwei Einspielungen); Wassermusik-Suiten HWV 348-350; Concerto a due cori Nr. 2 HWV 333; Concerto a due cori F-Dur nach HWV 333 & 334; Trompetenkonzert HWV 367a; Berenice-Ouvertüre HWV 38; Wassermusik-Suite (arr. Hamilton Harty)
+Gustav Mahler: Symphonien Nr. 1 & 5; Lieder aus Des Knaben Wunderhorn
+Franz Schubert: Symphonien Nr. 5, 8, 9 (Nr. 8 in der 4-sätzigen Fassung von Brian Newbould); Ballettmusik Nr. 2 aus Rosamunde D. 797
+Hector Berlioz: Le Carnaval romain op. 9; La Damnation de Faust op. 24; Marche troyenne aus Les Troyens
+Antonin Dvorak: Symphonien Nr. 7-9; Symphonische Variationen op. 78; Streicherserenade op. 22; Legenden op. 59; Nocturne op. 40; Romanze op. 11 für Violine & Orchester; Slawische Tänze op. 46 Nr. 1-3; op. 72 Nr. 2
+Edward Elgar: Falstaff op. 68; Romanze op. 62 für Cello & Orchester; Enigma-Variations op. 36
+Gustav Holst: The Perfect Fool-Ballettmusik; The Planets op. 32
+Leos Janacek: Capriccio für Klavier linke Hand & Kammerensemble; Concertino für Klavier & Kammerensemble; Aus einem Totenhaus-Ouvertüre; Jealousy-Ouvertüre; Kata Kabanova-Ouvertüre; Die Sache Makropulos-Ouvertüre; Sinfonietta
+Felix Mendelssohn: Symphonie Nr. 4; Violinkonzert op. 64; Ein Sommernachtstraum (Ouvertüre op. 21 & Bühnenmusik op. 61
+Modest Mussorgsky: Eine Nacht auf dem kahlen Berge (in zwei Einspielungen); Bilder einer Ausstellung; Gopak aus Sorochinsky Fair
+Sergej Rachmaninoff: Symphonie Nr. 3; Symphonische Tänze op. 45
+Richard Strauss: Don Juan op. 20; Till Eulenspiegel op. 28
+Igor Strawinsky: Le Sacre du Printemps; Feu d’artifice op. 4; Zirkuspolka für einen jungen Elefanten
+Peter Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 3; 1812-Ouvertüre op. 49; Walzer aus Eugen Onegin, Nussknacker-Suite, Dornröschen, Schwanensee, Symphonie Nr. 5
+Havergal Brian: Symphonien Nr. 7 & 31; The Tinker’s Wedding-Overture
+Eric Coates: By the Sleepy Lagoon; Oxford Street March aus London again-Suite; At the Dance aus Summer Days-Suite; The Merrymakers-Overture; The three Bears-Suite; Queen Elizabeth II March aus The three Elizabeths-Suite; The Man from the Sea aus The three Men-Suite
Leo Delibes: Coppelia-Suite; Ballettmusik aus La Source; Ballettmusik aus Lakme; Sylvia-Ballettsuite
+William Walton: Symphonien Nr. 1 & 2; Siesta
+Arthur Sullivan: Cellokonzert D-Dur; Iolanthe-Ouvertüre; The Mikado-Ouvertüre; Ruddigore-Ouvertüre; The Yeomen of the Guard-Ouvertüre
+Arthur Sullivan / Charles Mackerras: Pineapple-Poll-Ballettmusik (in zwei Einspielungen); Pineapple Poll-Ballettsui
+Frederick Delius: Cellokonzert; Konzert für Violine, Cello, Orchester; Paris – The Song of a Great City
+Aaron Copland: El Salon Mexico-Ballettmusik; The Quiet City; Hoe down aus Rodeo
+Tomaso Albinoni: Trompetenkonzerte op. 7 Nr. 3 & 6
+Emmanuel Chabrier: Espana; Fete polonaise aus Le Roi malgre lui
+Richard Wagner: Götterdämmerung (Auszüge); Lohengrin-Vorspiel (3. Akt)
+Giuseppe Verdi: Alzira-Ouvertüre; La Forza del Destino-Ouvertüre; Luisa Miller-Ouvertüre; Nabucco-Ouvertüre; Otello-Ballettmusik; Il Trovatore-Ballettmusik; I Vespri siciliani-Ballettmusik
+Giuseppe Verdi / Charles Mackerras: The Lady and the Fool-Ballettmusik; The Lady and the Fool-Ballettsuite
+Giacomo Puccini: Arien aus La Boheme, Gianni Schicchi, Madama Butterfly, La Rondine, Tosca, Turandot, Le Villi (Montserrat Caballe)
+Ermanno Wolf-Ferrari: I Gioielli della Madonna-Suite; Ouvertüre & Intermezzo aus I Quattro rusteghi; Il Segreto di Susanna-Ouvertüre
+Carl Maria von Weber: Konzertstück op. 79 für Klavier & Orchester
+Jaromir Weinberger: Polka & Fuge aus Schwanda, der Dudelsackpfeifer
+Dag Wiren: Scherzo & Marsch aus Serenade op. 11
+Alban Berg: Frühe Lieder Nr. 1-3
+Bela Bartok: Rumänische Volkstänze
+Alexander Borodin: Ouvertüre & Polowetzer Tänze aus Fürst Igor
+Johannes Brahms: Ungarische Tänze WoO 1 Nr. 5 & 6
+Paul Burkhard: Der Schuss von der Kanzel-Ouvertüre
+Frederic Chopin: Les Sylphides-Ballettmusik
+Gaetano Donizetti: Don Pasquale-Ouvertüre; La Fille du Regiment-Ouvertüre
+George Enescu: Rumänische Rhapsodie Nr. 1
+Manuel de Falla: Der Dreispitz-Ballettmusik
+Alexander Glasunow: Konzertwalzer Nr. 1
+Reinhold Gliere: Russian Sailor’s Dance aus The Red Poppy
+Michael Glinka: Ruslan & Ludmilla-Ouvertüre (in zwei Einspielungen)
+Charles Gounod: Faust-Ballettmusik (in zwei Einspielungen)
+Victor Herbert: Cellokonzert Nr. 2
+Johann Wilhlem Hertel: Trompetenkonzert Nr. 1
+Mikhail Ippolitov-Ivanov: Procession of the Sardar aus Kaukasische Skizzen op. 10
+Henry Litolff: Scherzo aus Concerto symphonique Nr. 4
+Andre Messager: Les Deux Pigeons-Ballettsuite
+Giacomo Meyerbeer: Les Patineurs-Ballettsuite
+Jacques Offenbach: La Gaite parisienne-Ballettmusik
+Amilcare Ponchielli: Tanz der Stunden aus La Gioconda
+Max Reger: An die Hoffnung op. 124
+Emil von Reznicek: Donna Diana-Ouvertüre
+Nikolai Rimsky-Korssakoff: Dance of the Tumblers aus The Snow Maiden; Hummelflug aus Tsar Saltan
+Gioacchino Rossini: Willhem Tell-Ballettmusik
+Camille Saint-Saens: Wedding Cake op. 76
+Bedrich Smetana: Ouvertüre & Polka furiant aus Die verkaufte Braut
+Johann Strauss II: Perpetuum mobile; Tritsch-Tratsch-Polka; Unter Donner und Blitz
+Johann Strauss II / Antal Dorati: Graduation Ball-Ballettmusik
+Georg Philipp Telemann: Konzert D-Dur TWV 53: D2 für 2 Oboen, Trompete, Streicher
+Joaquin Turina: Rapsodia sinfonica op. 66
+Jeremiah Clarke: Trumpet Voluntary „Prince of Denmark’s March“
+Gordon Jacob: Fanfare for „God save the King“
+God save the King
+“Montserrat Caballe & Bernabe Marti – Great Opera Duets“ – Duette aus Opern von Gaetano Donizetti, Umberto Giordano, Giacomo Meyerbeer, Giacomo Puccini, Giuseppe Verdi
+“The Elisabeth Schwarzkopf Christmas Album“ – Stille Nacht; Weihnachten (Humperdinck), Vom Himmel hoch; The first Nowell; I saw three Ships; Panis angelicus (Franck); In einem kühlen Grunde (Gluck); Maria auf dem Berge; O come all ye faithfull; O du fröhliche; In dulci jubilo; Sandmännchen (Brahms)
+“Richard Lewis – Folk Songs of the British Isles“ – Bingo; All through the Night; The Briery Bush; Buy broom buzzems; Dafydd y garreg wen; Fine Flow’rs in the Valley; The Foggy, Foggy Dew; Grand geal mo chridh; The Helston Furry DanceI will give my love an apple; King Arthur’s Servants; Leezie Lindsay; O Love, it is a killing Thing; O Waly, Waly; She moved thro‘ the Fair; The shuttering Lovers; There’s non to soothe
+“Peter Dawson sings“ – Albert Arlen: Clancy of the Overflow / Walter Hedgecock: Mandalay Scena
+“Owen Brannighan – A Little Nonsense“ – Werke von Ronald Binge, j. Michael Diack, Liza Lehmann, Victor Hely-Hutchinson; Traditionals
+“Owen Brannighan & Elizabeth Harwood – Sing the Songs of Britain“ – Werke von William Boyce, Thomas Arne, John Davy, Charles Edward Horn, Thomas Morley, Richard Stevens; Traditionals

Künstler: Elizabeth Harwood, Janet Baker, Paul Esswood, Robert Tear, Barbara Frittoli, Ian Bostridge, Lorraine Hunt Lieberson, Lisa Milne, Anthony Rolfe Johnson, Della Jones, Bryn Terfel, Montserrat Caballe, Rita Hunter, Ann Murray, Thomas Allen, Christa Ludwig, Richard Lewis, Peter Dawson, Owen Brannigan, Maurice Andre, Allan Schiller, Jonathan Snowden, Monica Huggett, Bernabe Marti, Joseph Cooper, Stephanie Gonley, Mikhail Rudy, Julian Lloyd Webber, Tasmin Little, Raphael Wallfisch, English Chamber Orchestra, London Philharmonic Orchestra, London Symphony Orchestra, New Philharmonia Orchestra, Orchestra of the Age of Enlightenment, Orchestra of the Royal Opera House Covent Garden, Orchestre de l’Opera National de Paris, Philharmonia Orchestra, Prague Chamber Orchestra, Pro Arte Orchestra, Robert Masters Chamber Orchestra, Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Sadler’s Wells Orchestra, Scottish Chamber Orchestra, Charles Mackerras/ Warner 1951-2001, 63 CDs/ Quelle jpc