Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Festivals 2026

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Auch in diesem Jahr sind wir bei der Auswahl der besuchten Live-Aufführungen wählerisch und konzentrieren uns auf wenige und eben für uns interessante Operntitel oder -Locations. Eine Auflistung alle Festival-Beiträge finden sie hier.

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Göttingen. Internationale Händel-Festspiele. Holidays in Greece. „Verlockung“ lautete der Titel der diesjährigen Festspiele, die am 14. Mai 2026 mit einem Gala-Konzert des FestspielOrchesters Göttingen in der Stadthalle eröffnet wurden. Der Klangkörper feierte sein 20jähriges Jubiläum und demonstrierte mit Werken von Rameau, J. S. Bach und Händel seine Vielseitigkeit im barocken Repertoire sowie  mit der Uraufführung der Auftragskomposition Parea von Hanneke van Proosdij auch seine Affinität zur zeitgenössischen Musik.

Dirigent George Petrou, Künstlerischer Leiter der Festspiele, stand am nächsten Abend erneut am Pult seines Orchesters bei der diesjährigen Festspielaufführung (in Koproduktion mit dem Wexford Festival Opera). Händels letzte Oper, Deidamia, uraufgeführt 1740 in London, kreist um einen Mythos aus dem Trojanischen Krieg. Geweissagt wurde, dass der Held Achilles sterben würde, wenn er mit den Griechen in den Krieg um Troja ziehen würde, weshalb er sich auf der Insel Skyros bei König Lycomedes in Frauengewändern unter dem Namen Pyrrha versteckt und sich dort in dessen Tochter Deidamia verliebt. Da den Griechen prophezeit wurde, dass der Trojanische Krieg ohne Achilles nicht zu gewinnen sei, landen Odysseus und Phönix auf der Insel, um den Helden zu suchen. Sie erkennen bei einer Jagd, dass Pyrrha in Wahrheit Achilles ist, der schließlich mit in den Krieg zieht, zuvor aber Deidamia heiratet.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Petrou inszenierte das Stück mit einer in der Gegenwart verorteten Rahmenhandlung. Acht Mitglieder des Kammerchores der Universität Göttingen agieren als Touristen und Bewohner der Insel – am Strand, auf einem Jahrmarkt und im Archäologischen Museum. Das ergibt viel illustrierendes Beiwerk, das nicht selten von den Darbietungen der Sänger ablenkt. Besonders ärgerlich ist, dass die Aktionen der Statisten oft im Vordergrund der Bühne platziert sind, während die Sänger ihre schwierigen Arien im Hintergrund absolvieren müssen. Ausstatterin Giorgina Germanou hat die beiden Ebenen der Antike und Gegenwart geschickt verknüpft. Vor allem bei den Kostümen ist das perfekt gelungen. Die historischen Figuren tragen hinreißende griechische Gewänder und attraktive Rüstungen, die zeitgenössischen heutige Alltagskleidung mit Bademoden, Ferien-Outfits und Basecaps. Die hintere Begrenzung der Bühne mit Himmel und Meer suggeriert mediterrane Stimmung, mehrfach werden darauf Postkarten mit Urlaubsgrüßen projiziert.  Verschiedene Requisiten wie ein gestrandetes Boot oder Reste antiker Säulen schaffen passende Schauplätze für die Handlungsstränge. Auch einzelne Video-Projektionen, so die flatternden Vögel zu Deidamias Nachtigallen-Arie am Ende des 1. Aktes oder ein Plakat, das einen Film über Odysseus´ Irrfahrten im Kino ankündigt, sind stimmige Einfälle. Weniger überzeugt die Umsetzung des lieto fine, in welchem musikalisch allgemeiner Jubel ertönt, Petrou aber eine totale Gefühlsverwirrung der Figuren zeigt, Soldaten in Camouflage-Uniformen auftreten lässt und auf einen Gaze-Vorhang Bilder von Krieg und Zerstörung projiziert.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Glanzvoll ist die musikalische Seite der Produktion. Petrous energischer Zugriff kündigt sich schon in der straffen Ouverture an und führt immer wieder zu spannenden, Affekt geladenen Momenten. Der Kammerchor der Universität Göttingen (Einstudierung: Antonius Adamske) kann in der Jagdszene und im Finale („Non trascurate, amanti“) mit klangvollem Gesang aufwarten und sich darüber hinaus auch darstellerisch profilieren.

Sensationell ist das Ensemble, das Sophie Junker in der Titelpartie anführt. Die belgische Sopranistin mit heller, klarer Stimme und nobler Aura imponiert mit substanzreicher Mittellage wie müheloser Höhe. Mit ihrer Arie „Nasconde l´usignol“, in welcher sie mit stupender  Virtuosität Vogelstimmen imitiert, sorgt sie für einen vokalen Höhepunkt. Kontrastreich dazu das von Ängsten um Achilles´ Beständigkeit gezeichnete „Se il timore“ und furios am Ende des 2. Aktes der vehemente Ausbruch „Va´, perfido!“ mit dem rasenden Mittelteil. Nicht minder gefiel Sarah Gilford als Deidamias Vertraute Nerea mit lebhaftem Spiel und munterem Gesang. Die britische Sopranistin entzückte mit dem koketten „Si, che desio quel che tu brami“ und dem überschwänglichen „D´amor nei primi istanti“. Ein Auftritt des Sopranisten Bruno de Sá sorgt stets für Aufsehen – einerseits wegen des exaltierten, zuweilen gar hysterischen Spiels, zum anderen wegen der außergewöhnlichen Stimme. Als Achille verblüffte er wiederum mit seinen stupenden Tönen in der Extremhöhe und dem mühelosen Fluss der Koloraturen. Besonders im heroischen „Ai greci questa spada“ konnte er diese beiden Vorzüge in einer spektakulären Darbietung vereinen.

Händelfestspiele Göttingen 2026: „Diedamia“/Stene/Foto Frank Stefan Kimmel

Ein angemessener Kontrast zu ihm war der Counter Nicolò Balducci als Ulisse mit viriler, nie verzärtelter Stimme. In der getragenen Arie „Perdere il bene amato“ wartete er mit warmen, sinnlichen Tönen auf, zu denen der furiose Mittelteil „Furore disperato“ einen effektvollen Gegensatz bildete. Zärtlich und schmeichelnd ertönte „Un guardo solo“, welches er mit einer kunstvollen Kadenz krönte, bis das Duett mit Deidamia, „Ama nell´armi“, die Oper mit opulentem Gesang beendet.

Der Bariton Rory Musgrave als Fenice und der Bassist Petros Magoulas als Licomede steuerten kompetent die tiefen Töne bei. Ersterer hatte in „Degno più di tua beltà“ Gelegenheit, seine markante Stimme mit potenter Höhe auszustellen, Letzterer zügelt seiner autoritär dröhnende Stimme in einer surrealen Unterwasserszene bei „Nel riposo“ zu einer philosophischen Lebensweisheit. Die Premiere am 15. Mai 2026 endete im anhaltenden Jubel des Publikums im Deutschen Theater. Bernd Hoppe

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Festspiele 2025:

Im Pflegeheim und Krankenhaus – Donizetti Opera: Das Festival in Donizettis Geburtsstadt Bergamo zeigte 2025 Caterina Cornaro, Il furioso nell’isola di San Domingo sowie die beiden Einakter Il campanello und Deux hommes et une femme.

 Die vergangene Dekade hat dem Donizetti Festival, das unterschiedliche Namen trug, aber seit zehn Jahren als Donizetti Opera firmiert, viel Beachtung sowie Preise und Auszeichnungen eingebracht. Die kluge Programmgestaltung, die Öffnung nach vielen Seiten, das Vermittlungsangebot und die internationale Vernetzung wurden gewürdigt. Nach dem überraschenden Rückzug des bisherigen künstlerischen Leiters, Francesco Micheli, wurde dem seit 2017 als Direttore Musicale des Festivals fungierenden Riccardo Frizza aufgrund seiner künstlerischen Erfolge zusätzlich der Posten des Künstlerischen Leiters übertragen. Der international gut beschäftige 54jährige Dirigent aus dem unweiten Brescia wird für Kontinuität und die internationale Anerkennung der Festspiele sorgen, die sich weiterhin auf die drei Wochenende zwischen Mitte November und Anfang Dezember konzentrieren und stets drei Opern präsentierten. So auch in diesem Jahr. Und wieder im Teatro Donizetti in der modernen Unterstadt, der Città Bassa, sowie im Teatro Sociale in der mittelalterlich geprägten Oberstadt, der Città Alta. Das verbindende Thema sei „Il matrimonio“, „die Hochzeit“, was aber genauso austauschbar und inhaltlos wie die Motti ist, mit der hierzulande die Spielzeitprogramme überschrieben werden. Was nicht heißt, dass Hochzeiten, unglückliche, erzwungene oder getrübte, in den Opern nicht eine unwesentliche Rolle spielen

Gaetano Donizetti/ Museo Bergamo/ Wikipedia

Die von den Doppel-Direttore Frizza im Teatro Donizetti geleitete Caterina Cornaro von 1844, die letzte der zu seinen Lebzeiten aufgeführte Oper Donizettis, ist zwar keine ausgesprochene Rarität, doch Donizetti Opera spielte erstmals die Fassung „con l’intero testo poetico musicato da Donizetti e il finale secondo la volontà del compositore“. Eine ausgesprochene Rarität dagegen ist Il furioso nell’isola di San Domingo (Der Wahnsinnige auf der Insel Santo Domingo) von 1833, die ebenfalls im Teatro Donizetti „nella versione integrale della partitura del 1833“ aufgeführt wurde. In Teatro Sociale gab es eine Produktion mit zwei Einaktern: die Farsa Il campanello von 1836 in der Fassung von 1837 sowie die 1860 posthum uraufgeführte Opéra-comique Deux hommes et une femme, die mit dem italienischen Text von Enrico Colosimo auch als Rita bekannt ist

Der zwölf Jahre nach Donizettis Tod an der Opéra Comique in französischer Sprache uraufgeführte Einakter Deux femmes et une femme wirkt in seiner Beschränkung auf drei Personen und der Abfolge der Nummern, drei Arien, drei Terzette, dazu Ouvertüre, Terzett und Vaudeville, wie eine Reminiszenz an Rossinis frühe Farsen, doch die zwischen La fille du régiment und Don Pasquale entstandene Musik greift den Geist der französischen Musikkomödien der 1840er Jahre auf und versprüht romantische Duftigkeit. Sie ist von bezaubernder Anmut, besitzt Esprit und Witz. Als er 1838 in Paris eintraf, beschäftigte sich Donizetti im Auftrag der Opéra Comique mit einer heiteren Oper, für die ihm der Komödienspezialist Gustave Vaëz einen Originalstoff einrichtete: Die Wirtin Rita ist mit Pepé verheiratet. Da sie von ihrem ersten Mann Gasparo geschlagen wurde, schlägt sie nun ihrerseits Pepé. Gasparo gilt seit einem Schiffsunglück als verschollen. Ein Fremder taucht im Gasthof auf. Es handelt sich natürlich um Gasparo. Pepé wittert seine Chance, Rita loszuwerden. Als Gasparo erkennt, dass seine Frau, von der meinte, sie sei bei einem Brand umgekommen, noch lebt, will er abhauen. Beide Männer spielen um Rita. Der Sieger im Spiel muss Rita nehmen. Gasparo gewinnt bzw. verliert, denn er muss Rita zurücknehmen. Mit einer List gelangt Gasparo aber an die alte Heiratsurkunde und verprügelt Pepé, der verspricht, Rita zu behalten. Die Aufführung an der Opera Comique zerschlug sich, ebenso in Neapel, wohin das Werk 1841 geschickt wurde. Erst 1860 fand die späte Uraufführung statt; Bergamo präsentierte jetzt die Edizione critica von Paolo A. Rossini und Francesco Bellotto.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Il Campanello“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Der in Neapel spielende und dort 1836 im Teatro Nuovo uraufgeführte Einakter Il campanello bzw. Il campanello di notte (Die Nachtglocke) um den Apotheker Don Annibale Pistacchio, der die junge Serafina heiratet, ist dagegen bekannter. Serafinas Ex-Lover Enrico will dem Paar die Hochzeitsnacht vermiesen, läutet die Nachtglocke und hält den Apotheker in wechselnden Verkleidungen vom Vollzug der Hochzeitsnacht ab. Am nächsten Tag muss Don Annibale in dringenden Geschäften nach Rom. Enrico freut sich. In Bergamo wurde jetzt erstmals Ilaria Naricis kritische Ausgabe jener Fassung aufgeführt, die Donizetti selbst 1837 für das Teatro del Fondo in Neapel erstellte, wobei er die Sprechtexte durch Seccorezitative von Salvadore Cammarano und den neapolitanischen Dialekt durch Italienisch ersetzte.

Stefania Bonfadelli inszenierte die beiden jeweils gut einstündigen Komödien mit merklicher Lust (28. November). Die einstige Belcanto-Virtuosin kennt das Metier, hat sich als Regisseurin mehrfach ausgezeichnet, darunter 2017 mit Un giorno di regno in Martina Franca sowie anschließend bei Rossini in Wildbad mit Matilde di Shabran und La scala di seta, und setzt die jungen Absolventen der Talentschmiede Bottega Donizetti mit gewinnender Lässigkeit in Szene. Man merkt Bonfadelli an, dass ihr die Stoffe zu dünn und leicht erscheinen, weshalb sie die Farsa und die Opéra comique geschickt verschränkt: das Hotel Rita befindet sich direkt neben der der Pharmacie Pistacchio. So kommt es, dass sich der unförmige Hausdiener mit dem Servierschürzchen nach der Pause im zweiten Stück als Pepé herausstellt, in der Apotheke die Jalousie heruntergelassen wird, während Serafina und Enrico sich zum Schäferstündchen zurückzeihen, aber sich schließlich völlig entzweien usw. Bonfadelli hat die beiden Stränge unaufdringlich in Beziehung gesetzt und in die frühen 1960er Jahre verlegt, was den Chordamen und köstlichen stummen Darstellerinnen zu sehenswerten Hochfrisuren verhalf. In Campanello machte der sehr junge Pierpaolo Martella mit seinem dunkel kernigen, gutsitzenden Kavaliersbariton als Don Annibale bella figura. Erstaunlicherweise ist auch der Enrico ein hoher Bariton. Francesco Bossi nutzte die vielen Bravourszenen, die ihm Donizetti gab, gefällt durch Leichtigkeit und rasant prasselndes Plapper-Parlando, etwa in seinem Brindisi „Mesci, mesci, e sperda il vento“ oder in der Verkleidung als alter Mann, der Rezepte und Arzneien herunterrattert; „Mesci, mesci, e sperda il vento“ ersetzte in der zweiten Fassung das ursprünglich eingelegte Orsini-Lied “Il segreto di esser felice“, das Ugo Mahrieux anschließend aparterweise im Fortepiano sanft anklingen ließ. Mit kräftiger Soubrettensüße gab Lucrezia Tacchi die Serafina, während sich Eleonora de Prez als deftige Madama Rosa ihrem Schwiegersohn an den Hals schmiss. Während Campanello doch sehr schablonenhaft bleibt, ist Deux homme et une femme das reichere Stück, mit dem Donizetti die für ihn typische Schwebelage von Witz und Ernst und Melancholie schön austariert. Christina De Carolis war die etwas säuerlich spitz klingende Rita mit hurtigem Ziergesang. Eine Überraschung bot der offenbar bestens an Mozart und Belcanto-Etüden geschulte Chilene Cristóbal Campos Marín, der den Pepé mit eleganter Klangfülle, Stilgefühl und ironischem Funkeln gab. Alessandro Corbelli, mindestens eine Generation älter als die ihm anvertrauten Schüler, spielte als Gasparo seine jahrzehntelangen Erfahrungen aus und trumpfte mit lautem Ton und praller vis comica auf. Für die musikalisch treffsichere Verblendung der Stücke war Enrico Pagano zuständig, der mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchestra Gli Originali einen beseelten, punktgenau reagierenden Komödienton realisierte.

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „I Furioso al Isola di San Domiungo“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

In der Uraufführung von Il campanello sang Giorgio Ronconi die virtuose Partie des Enrico. Er hatte drei Jahre zuvor seine erste Donizetti-Partie kreiert, als er die Titelrolle in Il furioso nell’isola die San Domingo gesungen hatte. Die Geschichte um Cardenio, der über den Betrug seiner Frau Eleonora verrückt wurde und deshalb seit einigen Jahren auf der Insel San Domingo lebt, ist eine der merkwürdigsten, die Donizetti vertont hat. Es ist zugleich die erste Oper, in der er dem Bariton eine Hauptrolle übertrug. Giorgio Ronconi war bei der Uraufführung von Il furioso nell’isola di San Domingo am 2. Januar 1833 am Teatro Valle in Rom erst 22 Jahre alt. Ronconi wirkte noch in weiteren Uraufführungen Donizettis mit, darunter als wichtigste im gleichen Jahr und am gleichen Haus Torquato Tasso, und kreierte 1842 den Nabucco. Das auf der Titelseite als Melodramma bezeichnete Werk, zu dem Rossinis Aschenputtel-Dichter Jacopo Ferretti das Libretto nach einer Episode aus Don Quijote verfasste, ist der Gattung nach eine Semiseria, also eine halbernste Geschichte und behandelt den holprigen Heilungsprozess des Cardenio, der von Bartolomeo und seiner Tochter Marcella betreut wird und dem unabhängig voneinander Eleonora und sein Bruder Fernando auf die Insel folgen. Für die Semiseria-Elemente ist der von einem Bassbuffo gesungene Diener Kaidamà zuständig. Er ist ein Schwarzer, in der aktuellen Inszenierung ein Clown. Gespielt wurde die zu Donizettis Lebzeiten ungemein erfolgreiche Oper zuletzt 2006 in Gelsenkirchen in Andreas Baeslers Einer flog über das Kuckucksnest-Inszenierung und 2013 beim Festival in Bergamo (mit Simone Alberghini und Cinzia Forte); ich erinnere mich recht gut an die Aufführung 1987 in Savona (unter Carlo Rizzi mit Stefano Antonucci und Luciana Serra). Die aktuelle Produktion in Bergamo benutzt die Edizione critica von Eleonora Di Cintio. Bereits während der originalen zweiteiligen Sinfonia, die Alessandro Palumbo anstelle des 1833 in Rom gespielten Preludios benutzt, führt uns die wirkungsvoll gesteigerte Larghetto-Allegretto-Form in ein Altersheim, wo der alte Cardenio in seinen Erinnerungsstücken kramt und seine Gedanken, trotz der Einlenkungen der jungen Pflegerin, zurück auf die Insel San Domingo schweifen. Das kleine Zimmerchen weitet sich, die hübsche hellbunte Tapete mit Flora und Fauna aus exotischen Regionen wird zum karibischen Inselreich. Immer wieder zoomen Regisseur Manuel Renga und sein Ausstatter Aurelio Colombo, die durch den kürzlich beim Verdi Festival in Busseto erarbeiten Macbeth in Erinnerung sind, durch die horizontale und vertikale Verengung des schwarzen Rahmens in die kleine Kammer des greisen Cardenio, der sich anfangs noch als junger Mann an der Seite seiner Braut Eleonora sieht, aber mehr und mehr in einen Strudel gezogen wird, in dem er und die Zuschauer nicht mehr zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden können. Renga gelingt es, diese Verschiebung der Zustände sehr überzeugend ohne inszenatorische Kapriolen auszuspielen, denn der Zustand des sich mal mit seiner Vergangenheit, sprich mit Eleonora, versöhnenden, dann wieder selbstmörderisch wütenden Cardenio wäre auf der Bühne tatsächlich schwer zu fassen. Bei Renga und Colombo werden ein Schrank zur Tür zur Außenwelt, schweben Möbel und Gegenstände im ersten Finale durch die Luft. Endlich klärt sich Cardenios Zustand und, obwohl vieles ringsum in Trümmern liegt, stellen sich er und Eleonora nochmals zum Hochzeitsfoto in Positur. Der alte Cardenio (Andrea de Manincor) und die ihn umhegende alte Eleonora beschauen sich die Idylle, von der wir nicht wissen, ob sie Wirklichkeit oder Traum ist. Gleichmals bezwingend gestalten Polumbo und das Orchestra Donizetti Oper diese in den ersten Jahrzehnten nach der Uraufführung populäre Oper, die eine stärkere Verbreitung verdient hätte. Spannend und wie aus einem Guss wölben sie in dem Meisterwerk aus Donizettis mittlerer Periode einen Bogen von der Sinfonia über die reichen Ensembleszenen, das vielgliedrig aufgedröselte und dann wieder virtuos geballte erste Finale, die beiden interessanten Duette Cardenios mit Kaidamà und sein Duett mit Eleonora –  dazu die Cavatinen der Eleonora und des Fernando – bis zum Rondo „Se pietoso d’un obblio“ der Eleonora. Obwohl das Finale der Primadonna gehört, bleibt Cardenio die zentrale Figur. Es ist eine der anspruchsvollsten Partien, die Donizetti für Bariton geschrieben hat. Der ariose, deklamatorische und reich durchbrochene Gesangspart, reizt den gesamten Tonumfang eines Baritons aus, fordert Sprünge und lange, edle Phrasen, so dass auch der mit prächtig ausladendem Bariton und glanzvoller Höhe singende Paolo Bordogna in der Tiefe einige Male in Bedrängnis kommt und mehrfach wünscht man, dass der energische, steifgerade Ton sich zu einem warmen Legato weitet. Ein brillanter Singdarsteller ist der Bariton Bruno Taddio, bei dem Singen und Spielen gleichwertig ausbalanciert sind, sein Kaidamà ist ein trauriger Clown, der sich am Ende seine Schminke aus dem Gesicht wischt. Durchaus brillant singt der italo-argentinische Tenor Santiago Ballerini den Fernando, der als Figur ein Solitär bleibt, während Valerio Morelli und Giulia Mazzola als Bauer Bartolomeo und seine Tochter Marcella viele Ensembleszenen mit kräftigen Akzenten versahen. Als Eleonora verbindet Nino Machaidze mit dunkelschwerem melancholischem Timbres und runden Höhen die Brillanz und Koloraturfertigkeit eines Soprano leggero mit der Fülle und Entfaltung eines Soprano lirico, dem im ersten Finale viel an dramatischer Kraft und Agilität abverlangt wird. Eine großartige Aufführung (29. November).

Bergamo – Donizetti Opera 2025: „Catarina Cornaro“/Szene/Foto Gianfrnco Rota

Männer, die sich in wahnhafte Vorstellungen flüchten, bleiben bei Donizetti die Ausnahme. Wahn bleibt den Damen vorbehalten. Caterina Cornaro folgt dieser Regel perfekt. Zumindest in der mit dem Teatro Real in Madrid koproduzierten Inszenierung des einstigen Festspielleiters Francesco Micheli. Da sitzt also eine hochschwangere Frau im roten Kleid im Krankenhaus, wartet auf Schwestern oder Ärzte, die ihr Röntgenaufnahmen zeigen oder Auskunft über das Befinden ihres Gatten geben. Im Lauf des langen Wartens verschlechtert sich offenbar der Zustand des Mannes, im Krankenbett wird er von einem Raum in den anderen geschoben, ein Arzt, in dem findige Zuschauer den einstigen Geliebten Gerardo erkennen, kommt in höchster Eile hinzu und greift zum Operationsbesteck. Doch alles vergebens. Das ist ein Strang in Michelis Erzählung, denn die Frau, eine moderne Schwester der Caterina Cornaro, wischt über Handyfotos und erinnert sich an Venedig, „C’era una volta a Venezia“. Zwischendurch werden ihre Gedanken und Wünsche auf die Wände projiziert, was der Aufführung nicht unbedingt bekommt, denn Caterinas peinliches Plappern wirkt wie aus einer Vorabendserie, „Um zu überleben habe ich eine andere Liebe gewählt“, „Ich bitte dich Geliebter, lebe“, „Unser Sohn soll seinen Vater kennenlernen“. Begleiterinnen erscheinen in schönen Renaissanceroben (Alessio Rosati), entsprechende Architekturteile, die Matteo Paoletti Franzato erdacht hat, formen sich zu Sälen und Raumfluchten.

Wir erinnern uns: Caterina (1454-1510) war die letzte Königin von Zypern (1473-89). Als sie 14 Jahre alt war, wählte sie Jakob II. von Lusignan, der König von Zypern, zur Gattin. 1472 segelte Caterina nach Zypern, wo die Hochzeit stattfand. Bereits wenige Monate später starb Jakob II. Auch ihr nach dem Tod des Gatten geborener Sohn, für den sie die Regentschaft übernommen hatte, starb noch als Säugling, worauf Caterina rechtmäßige König von Zypern wurde. Um sich Zyperns zu bemächtigen, zwang die Republik Venedig Caterina zu Abdankung. Die einem alten Patriziergeschlecht entstammende Caterina, die von Bellini und Tizian gemalt wurde, behielt den Rang einer Königin und wurde ins goldene Exil nach Asolo gedrängt, wo sie ihre Residenz mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern zu einem Musenhof ausbaute. Auch einige Opern behandelten ihr Schicksal. Darunter Halévys La reine de Cypre (1841)., auf die Giacomo Sacchero zurückgriff, als er für Donizetti Caterina Cornaro verfasste, wo die kurz vor der Eheschließung mit Gerardo, ursprünglich Gerard de Coucy, stehende Caterina durch Mocenigo, der die Interessen der Republik vertritt, gezwungen wird, Lusignano zu heiraten. Andernfalls werde Gerardo umgebracht. Caterina lässt sich darauf ein, bleibt dem 14 Jahre älteren Lusignano, der sie aufrichtig liebt, eine gefühlskalte Gattin. Die Männer begegnen sich, erkennen, dass sie beide von der Republik Venedig getäuscht und um ihre Liebe gebracht wurden. Gerardo letzte Begegnung mit Caterina ist nur noch Entsagung. Beide Männer sterben im Kampf für Zyperns Unabhängigkeit.

Ursprünglich bestimmte Donizetti seine Caterina Cornaro 1842 für Wien, doch als er vom Münchner Erfolg von Lachers Caterina Cornaro-Oper hörte, bestimmte er seine Version für Neapel, wo sie am 12. Januar 1844 am Teatro San Carlo uraufgeführt wurde. Da er sich für eine Reise zu schwach fühlte, hatte Donizetti Saverio Mercadante gebeten, ein Auge auf die Vorbereitungen zu haben, und war dennoch voller böser Vorahnungen. Die Uraufführung war ein Fiasko. Das Stück mit seinem überlangen Prolog und dem sehr kurzen zweiten Akt ist beklemmend und düster. Darüber kann auch der Chor der Festgäste nicht hinwegtäuschen, denn rasch trübt der Auftritt des Mocenigo das musikalische Geschehen derart ein, dass nicht nur der ausführliche Prolog von einer nächtlichen düster-dichten Stimmung beherrscht wird, die an den Prolog von Verdis Simone Boccanegra erinnert, sondern das ganze Stück wie mit Trauerflor umrandet bleibt. Nur einmal im ersten Duett Caterina/ Gerardo „Dolce amor mio“ flammen Liebe und Leidenschaft auf. Der Rest ist dann Leiden, Aufopferung, Hingabe. Carmela Remigio, beliebt in Bergamo, wo sie u.a. Lucrezia Borgia und Mayrs Medea war und in Il castello di Kenilworth gesungen hat, sang die Caterina gleich in ihrer Arie „Vieni, o tu, che ognora io chiamo“ mit flacher, farb- und glanzloser Stimme und anämischer Gleichförmigkeit, die zur Hochschwangeren passt. Aber zu einer verdienten Neuentdeckung und einer vierten großen Donizetti-Königin in der Reihe von Anna Bolena, Maria Stuarda und Elisabetta in Roberto Devereux, als welche Riccardo Frizza die Caterina Cornaro sieht, reicht es nicht. Die in Bergamo gespielte alternative Fassung enthebt Caterina ihrer Schlussarie, da sie mit dem Tod des Lusignano endet, der Caterina noch gesteht, dass auch Gerardo im Kampf für ihn gefallen sei.

Als Gerardo ist der Sizilianer Enea Scala dagegen ein feuriger Liebhaber, wie ihn sich jede Königin nur wünschen könnte. Scala hat einen schmalen, gut fokussierten und leuchtkräftigen Tenor, singt mit fabelhafter Diktion, geradezu ekstatischer Leidenschaft, manchmal ein wenig kurzatmig im Überschwang und mit gleichförmiger Klangpracht, doch verschwenderischer Energie. Die hatte Vito Priante nicht. Der Bariton musste nach der Romanze des Lusignano aufgeben. Das Cover sang zunächst hinter der Bühne, bevor der südkoreanische Bariton Wonjun Jo ab dem zweiten Teil auch szenisch präsent war. Jo nutzte die Chance als Einspringer, sang mit unerschütterlich festem und sicheren Bariton. Die darstellerische Tapsigkeit sieht man dem armen Mann auf der Krankenliege bzw. im Krankenhaushemdchen gerne nach. Mit seinem nachtschwarzen Bass, der jedermann das Fürchten lehrt, machte Riccardo Fassi als Mocenigo großen Eindruck; dieser Vertreter der Republik wirkt wie ein Sendbote der Hölle, der alle Fäden in der Hand hält. Noch ein Einspringer. Am Morgen der Aufführung (30. November) stellte sich heraus, dass Frizza die Oper nicht würde dirigieren können. Der 28jährige Aram Khacheh war ein vollwertiger Ersatz und leitete das Orchestra Donizetti Opera und den Coro dell‘Accademia Teatro alla Scala, der alle drei Opern souverän bewältigte, mit stupender Sicherheit und Präzision. Der in Rom geborene Sohn persischer Elterngewann hatte im Vorjahr den Cantelli-Wettbewerb gewonnen und bewies sich auf Anhieb als Ausnahmetalent. An ihm lag es nicht, dass die Caterina Cornaro dennoch eine Enttäuschung blieb.

2026 gibt es L’esule di Roma, Alahor in Granata und Le convenienze ed inconvenienze teatrli. Rolf Fath

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Teatro Municipale Piacenza – Trilogia Popolare: Welch interessante Idee. Ein Sopran, ein Tenor und ein Bariton singen drei Opern Giuseppe Verdis innerhalb von fünf Tagen. Ich hatte mir das schön vorgestellt, zugleich könnte es Aufschluss darüber geben, wie in einem kleineren oder mittleren italienischen Haus die Werke des Großmeisters behandelt werden. Wobei das sicher keiner in dem zwischen Mailand und Parma gelegenen Piacenza gerne hören möchte, wurde doch das 1804 mit einer Oper von Giovanni Simone Mayr eröffnete Teatro Municipale gerne mit der Mailänder Scala verglichen, nachdem ihm der Architekt und langjährige Bühnenbildner der Scala, Alessandro Sanquirico, um 1830 die heutige Fassade angepasst hatte. Klein ist das neoklassizistische und teils rokokohaft verspielte gold-rote Opernhaus mit seinen fünf Rängen keineswegs, doch sehr häufig bespielt wird es nicht. Das Opernprogramm macht, wie in mehreren Städten in der Lombardei oder Emilia Romagna, einen reichen Eindruck, doch die fünf oder sechs Titel werden jeweils nur zweimal gegeben und wandern von Ort zu Ort, darunter Como oder Brescia, Cremona, Modena, Reggio Emilia, Pavia, Lecce oder eben auch Piacenza. Der Verbund der OperaLombardia wirkt da segensreich, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Land der Oper die Häuser abends viele häufiger geschlossen als festlich erleuchtet sind. Doch, wenn sie öffnen putzen sich alle heraus.

Piacenza/“Rigoletto“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Piacenza, zu dessen Provinz immerhin Verdis Landgut in Sant’Agata gehört, hat sich als Reaktion auf das gerade zu Ende gegangene Festival Verdi in Parma etwas Eigenes einfallen lassen: eine Piacentiner Produktion der Trilogia Popolare mit den drei gleichen Sängern. In zwei chronologischen Durchläufen. Das ist wie der Ring innerhalb von sechs Tagen. Trilogia Popolare muss man in Italien nicht erklären. Es handelt sich um die drei populärsten Opern von Verdi, die natürlich in kleinster Weise als eine solche Trilogie geplant waren oder eine Einheit bilden, die Nummern 17 bis 19 in Verdis Opernkatalog bzw. der 1851 in Venedig uraufgeführte Rigoletto, Il Trovatore, der im Januar 1853 in Rom herauskam, sowie die knapp sechs Wochen später wieder in Venedig erstmals aufgeführte La Traviata. Die Bezeichnung entstand aufgrund der anhaltenden Popularität erst im Nachhinein. Antonio Gramsci, Schriftsteller, Politiker und Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens, erkannte ihre Bedeutung für die nationale Kultur und bezeichnete sie als „autenticamente nazionalpopolare“. Rigoletto und La Traviata haben einiges gemeinsam. Beide basieren auf französische Vorlagen von Victor Hugo bzw. Alexandre Dumas fils, zu den Piave die Libretti verfasste, beide wurden auf unterschiedliche Weise von der Zensur gebeutelten und beide nehmen durch ihre emotionale Darstellung zweier Außenseiter ein, mit denen Verdi die Bourgoisie seiner Zeit kritisierte. Der vergleichsweise konventionelle Trovatore war trotzdem oder gerade deshalb die im 19. Jahrhundert meistgespielte Oper Verdis. Alle drei stellen einen Kraftakt nicht nur für ein Theater von der Ausstattung des Teatro Municipale in Piacenza dar.

Die drei Sänger waren Luca Salsi und Francesco Meli, beide ausgesprochen Stars in ihrer Heimat, sowie die Newcomerin Maria Novella Malfatti. Für den unweit von Piacenza geborenen Salsi ist es ein Heimspiel, auch Meli stammt im weitesten Sinn aus der Gegend, nämlich aus Genua. Die 32jährige Malfatti kommt aus der Toskana. Der Wechsel von einer Oper zur anderen sollte ihnen kein Problem bereiten. Die Sänger der Uraufführungen waren stilistisch breit aufgestellt. Die erste Gilda hatte beispielsweise vorher Odabella und Abigaille gesungen, was man heute von keiner Gilda erwarten würde. Auch Fanny Salvini-Donatelli, die Ur-Violetta, hatte zuvor Abigaille gesungen. Rosetta Penco, die die Leonora kreierte, war auch die erste Luisa Miller und Giovanna d’Arco. Felice Varesi, der erste Rigoletto, sang und kreierte mehrere von Verdis großen Bariton-Partien. Auch die Uraufführungstenöre hatten zuvor oder später mehrere Verdi-Partien übernommen; der erste Herzog, Raffaela Mirate, und erste Alfredo, Lodovico Graziani, hatten ebenfalls als Manrico reüssiert. Von Anfang an war in Piacenza vorgesehen, dass Ernesto Petti die Baritonpartien im zweiten Zyklus singen würde. Doch dann stieg Salsi aus dem Trovatore aus, da er sich auf die am 1. November von RAI 3 übertragene Tosca aus Rom vorbereiten musste – war aber am Tag darauf pünktlich zur Nachmittags-Traviata wieder zurück in Piacenza – worauf Petti bereits im ersten Zyklus als Luna auftrat und schließlich musste sich Malfatti im ersten Zyklus durch Ruth Iniesta ersetzen lassen. Francesco Meli blieb die Konstante. Natürlich auch Francesco Lanzillotta, der gerade in Parma beim Verdi-Festival einen zwingenden Macbeth dirigiert hatte, sowie der Coro del Teatro Municipale di Piacenza und das Orchestra Sinfonica di Milano.

Roberto Catalano fand mit seiner Ausstatterin Marian Moreira eine ansprechende Form, um den drei unterschiedlichen Stücken eine einheitliche Bildsprache zu geben, ohne sie in ein Korsett zu zwingen. Auch keine provinzielle Kulissenschieberei. Stattdessen stellt im Rigoletto ein klarer, weißer spätbarocker-klassizistischer Raum mit drei Portalen auf der Rückseite den Herzogspalast dar. Für die weiteren Schauplätze bedarf es außer den Kronleuchtern, den wenigen Möbeln für Rigolettos Heim oder der Außenmauer für die Schänke nur durchscheinende Wände. Das wirkt nüchtern geschmackvoll und greift die Architektur der Stadt auf, konzentriert sich ganz auf die Hauptfiguren, nimmt aber auch die Nebenfiguren wie den gedemütigten Conte di Monterone wichtig, bei dessen Fluch sich der Tod aus dessen weiten Schleppe wälzt und fortan wie ein Gift, welches den Palast mit schwarzen Schwären überzieht, gegenwärtig ist. Bis er schließlich bei Rigolettos letzten „La maledizione“ triumphierend zurückbleibt. Dieser hochästhetische Rahmen bleibt auch im Trovatore und der Triavata erhalten.

Luca Salsi kostet diese letzte Phrase, „La maledizione“, mit schier endlosem Atem aus, worauf ihm das Publikum zu Füßen liegt (29.10). Der klangprächtige Salsi singt den Hofnarren ansonsten ohne zur Galerie zu schielen, geradlinig im Duett mit Gilda, etwas angeschlagen in der Höhe, doch mit satt voluminösem, gelegentlich eingedickt opakem Ton in „Cortigiani“. „Si venedtta“ beginnt er ganz leise, um es dann umso eindrucksvoller zu steigern, doch ohne mit Ruth Iniesta die bravouröse Variante zu wählen. Die Spanierin ist eine mädchenhaft zurückhaltende Gilda mit exquisiten Tönen in „Tutte le feste“. Francesco Meli ist nicht der geborene Verführer, scheint über den Herzog, wie auch den Alfredo, hinausgewachsen zu sein, aber man erlebt einen Sänger mit einer klaren, druckreifen Diktion und souveränem Umgang mit den Rezitativen, das trompetenhelle Timbre ist nicht jedermanns Sache, aber er gefällt durch ein gut fokussiertes zartes Piano, gibt den Arien Schwung und Leidenschaft und gestaltet seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes „Ella mi fu rapita“ wie aus dem Lehrbuch, verzichtete aber bei der Cabaletta „Possente amor“ auf den Bravourschlenker, wie denn auch die zweite Strophe seines „La donna è mobile“-Schlagers etwas zu prosaisch klang. Insgesamt bleibt Meli eine Spur zu gleichförmig, fehlt es ihm an draufgängerischer Brillanz. Alle anderen waren vorzüglich und vermittelten den Eindruck eines geschlossenen Ensembles, das jede Nuance des Textes erfasst, hervorzuheben sind die auffallende Giovanna von Ester Ferraro und der ausgezeichnete Bass Adolfo Corrado als sinister Sparafucile und zwei Tage später als spannender Ferrando, dem man bei seiner Erzählung an den Lippen hängt. Obwohl das Orchester am ersten Abend noch etwas ungenau klang, gelang es Francesco Lanzillotta, das Drama bereits mit wenigen Strichen präzise zu umreißen.

Piacenza/“I Trovatore“/Szene/Foto Gianni Cravedi

Zwei Tage darauf (31.10.) schreitet wieder die dünne und lange Nosferatu-Gestalt des kahlköpfigen Todes durch das Mittelportal, das jetzt das Schloss Aliaferia und die weiteren Schauplätze im Nordwesten Spaniens darstellen wird. Er ist der ständige Begleiter der im weiten Prachtgewand wandelnden und offenbar in der Asche wühlenden Azucena, durch deren majestätische Aura Regisseur Catalano und Teresa Romano Verdis ursprüngliche Absicht unterstreichen, die Oper nach der Zingara zu benennen. Erst jetzt schildert Ferrando die langen zurückliegenden traumatischen Vorgänge.

Feinsinnig erfasst Lanzillotta die notturnen Schwingungen, betont nicht die bizarre Kühnheit und Originalität, nicht das Primitive und Unbehauene der Musik, sondern die hochromantische, leidenschaftlich vorwärtsdrängende Geschichte, die der Regisseur ganz auf das Viereck der Protagonisten und szenisch geschmackvolle Unauffälligkeit beschränkt. Mit königlicher Haltung und Stimme bildete Teresa Romanos Azucena das Zentrum der Aufführung. Mit ausdruckvoll leidenschaftlich changierender Tiefe, warmer Mittellage und ausladender Höhe sang sie eine geradezu explosive Azucena, deren beiden große Soloszenen wild und zugleich verführerisch klangen. Beeindruckend auch Maria Novella Malfatti, deren Leonora zwar noch nicht ausgereift ist, aber die reichen Anlagen der jungen Sopranistin zeigen, ein Lirico-Spinto Sopran mit gelegentlich dunkler Einfärbung, bezaubernder Koloratur, etwas steifen und aufgesetzten Höhen, filigranen Piani und hinreichend Attacke und Bravour für den vierten Akt. Ernesto Petti, der Bariton aus Salerno, gibt den Luna mit noble Machogeschmeidigkeit und anfangs etwas schmalbrüstigem Klang, zeigt aber ab dem Cantabile „Il balen del suo sorriso“ die Vorzüge einer guten Ausbildung und eines sicheren kernigen Baritons . Der Manrico bringt alle Vorzüge des Francesco Meli zu Geltung, die tadellose Technik, die leidenschaftlich geformten Phrasen mit den generös entfalteten Bögen („Ah! Si, ben mio“), die elegante Diktion, den drängenden Impetus, Sturm und Drang des Singens wie es dieser Figur so gut ansteht, doch wieder ohne den letzten Kick an Brillanz und Bravour, sprich das sichere hohe C, das das Publikum so gerne gehört hätte.

Piacenza/“La Traviata“/Szene/Foto Maria Parmigiani

Schließlich als umjubelter Abschluss der von den Medien viel beachteten Trilogie La Traviata, die zum Triumph der kühl eleganten Maria Novella Malfatti wird (2. November), die brillante Koloratur, Temperament und Leidenschaft vereint, die große Arie rückenliegend auf dem breiten Tisch singt, „Amami Alfredo“ mit Kraft und dunklem Pathos erfüllt und den dritten Akt durch eine fein abgestufte Interpretation trägt, bis sie schließlich ihrem treuen Begleiter, dem Tod, in die Arme stürzt. Der elegante Raum ist zunehmend von schwarzen Flecken überzogen und die Fäulnis hat sich bis zum Bühnenrahmen fortgesetzt. In der von Lanzillotta schwermütig und elegisch, doch nie sentimental dirigierten Aufführung baut Meli seine große Szene zu Beginn des zweiten Aktes („Lunge da lei“) wieder vorbildlich und mit verschwenderischem Klang auf, und seinen kurzen Ausfall in der Cabaletta verzeiht das Publikum gerne, da er im dritten Akt das Duett „Parigi, o cara“ mit den zärtlichsten Pianotönen umhüllt. Salsi singt den Germont mit der Fülle seiner Möglichkeiten, ein wenig zu kalkuliert und trickreich. Auf solche Comprimarii wie Davide Maris Sabatino als Douphol, Omar Cepparolli als Doktor Grenvil, Nicola Zambon als Marchese und Simone Fenotti als Gastone, die sich wirkungsvoll von dem dezenten Chor abheben, könnte manches Staatstheater stolz sein. Rolf Fath

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Teatro Regio di Parma: Das 25. Festival Verdi im Zeichen Shakespeares. „Sciopero“, das Unwort der frühen Jahre, als ich regelmäßig in mehrere italienische Theater reiste, ist wieder da. Damals musste man regelmäßig auf Zugstreiks gefasst sein, die allerdings durch einen gut funktionierenden Überlandbusverkehr abgefedert wurden, oder auf Aktionen, die den Theaterbetrieb lahmlegten, so dass es durchaus passieren konnte, dass die Zuschauer bereits auf den Dirigenten warten und stattdessen die Intendanz die kurzfristige Absage der Aufführung verkündete.

Der aktuelle Generalstreik betraf auch die Falstaff-Premiere im Teatro Regio und machte somit die sogfältige Planung des Festival Verdi kaputt, das sein 25jähriges Jubiläum im Zeichen Shakespeares begehen wollte. Vielleicht liege ich falsch. Aber mir erschien das diesjährige Programm ohnehin etwas bescheiden. Was daran liegen mag, dass das Rahmenprogramm von der Verdi-Street Parade bis zu den unzähligen Verdi-Off Programmpunkten in Lauf der zehn Jahre, die dieses Neben-Festival besteht, immer reichhaltiger wurde. Und Verdi hat eben nicht mehr Opern nach Shakespeare komponiert.

Es bleibt im Jubiläumsjahr also bei drei Opern, im Gegensatz zu vier Opern in zurückliegenden Jahren, davon eine in einer bereits gezeigten Inszenierung. Dies wäre der Falstaff gewesen, mit dem Jacopo Spirei einen Blick ins Brexit-England geworfen hatte, wo sich unter dem Blick von Elisabeth II. nichts zum Guten wendete. Das Thema ist gewichtig: Shakespeare war, neben Schiller und Victor Hugo, der Schwerpunkte in Verdis literarischer Beschäftigung. Die Shakespeare-Bewunderung umspannt Verdis gesamtes Schaffen und mehr als ein halbes Jahrhundert vom frühen Macbeth (1847) bis zum späten Otello (1887) und dem Schwanengesang Falstaff (1893), von der Romantik bis zum Anbruch der Moderne, von der Belcanto-Oper bis zum Musikdrama. Vom politischen Drama, in das kein Lichtstrahl fällt, bis zur dunklen Eifersuchtstragödie des Otello, mit dem, wie der künstlerische Leiter Alessio Vlad unterstreicht, Verdi gar bis zum Expressionismus vorstieß.

Für seine erste Oper nach einem Stück des verehrten Shakespeare hatte Verdi 1846 noch selbst das Prosa-Szenarium mit den Höhepunkten des Dramas mit der Prophezeiung der Hexen, dem Mordplan, der Ermordung des Königs Duncan, dem Bankett und der Nachtwandelszene entworfen. Der von Verdi bereits bei Ernani und I due Foscari beschäftigte Francesco Maria Piave brachte das Gerüste in Reime und stellte das Libretto fertig. Verdi war unzufrieden und demütigte Piave, indem er Andrea Maffei für Korrekturen heranzog. Bei den anschließenden, reich dokumentierten Proben im Frühjahr 1847 in Florenz kümmerte sich Verdi, der im Vorjahr aufgrund eines Burnout noch ein halbes Jahr pausieren musste, um alles, feilte an allem und jedem sowohl bei szenischen wie musikalischen Belangen und erwies sich erstmals als der Mann des Theaters, der er fortan blieb. Vor allem die Bankettszene mit der Erscheinung des toten Banquo wollte er mit allen Mitteln der Illusionskunst dargestellt sehen. Die Uraufführung war ein Ereignis. Für Paris arbeitete Verdi die Oper 18 Jahre später um, denn „Es gibt das Stücke“, wie er meinte, „die entweder schwach sind oder, was noch schlimmer ist, gar keinen Charakter haben“.

Das Festival Verdi kehrte im Jubiläumsjahr zur Urfassung von 1847 zurück, die hier bereits 2018 gespielt wurde und durchaus ihre Meriten hat. Acht Jahre später lässt sich die aktuelle Neuinszenierung der Urfassung im Teatro Verdi in Busseto deutlich mit der späteren Version vergleichen, die man aufgrund der gerade erst im Vorjahr gezeigten ersten szenischen Aufführung der (bereits 2020 konzertant gespielten) Versione francese, Paris 1865 noch in bester Erinnerung hat. Diese 1874 in italienischer Sprache erstmals an der Mailänder Scala erklungene Fassung hat sich seither durchgesetzt. Die Cabaletta der Lady zu Beginn des zweiten Aktes „Trionfai“ ersetzte Verdi später durch „La luce langue“. Neben dem Duett Lady/ Macbeth „Ora di morte“ anstelle der Cabaletta „Vada in fiamme“ des Macbeth im dritten Akt, besteht die wesentliche Änderung im neuen Finale mit der abschließenden Schlachtfuge statt der ursprünglichen Szene des Macbeth „Mal per me“.

Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Macbeth“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei der Aufführung im kleinen Teatro Verdi in Busseto (4. Oktober) hätte man vielleicht erwartet, dass Regisseur Manuel Renga, in Erinnerung durch seinen hiesigen Falstaff sowie Chiara e Serafina beim Donizetti Festival, mit den technischen Möglichkeiten und Gegebenheiten eines historischen Theaters arbeitet, wie sie Verdi im Teatro della Pergola mit den dortigen Versenkungen ausnützte, stattdessen umrahmt er den Orchestergraben durch eine großzügige, von den Akteuren bespielte Treppenanlage, wodurch das Orchester quasi zum Träger der Handlung wird. Das ist ganz geschickt, denn Francesco Lanzillotta lässt den Macbeth in der ganzen knarzigen Wildheit aus Verdis frühen Jahren erklingen, hat aber den Nachteil, dass der ohnehin unglaublich kleine Zuschauerraum durch wegfallende Reihen zusätzlich verkleinert wird. Aus der Loge ist das wunderbar anzusehen, denn wir sind ganz nah am Geschehen und die Sänger streifen mit ihren Kostümen fast über unsere Brüstung. Besonders wirkungsvoll erscheint die Szene beim Hexensabbat, als Macbeth neuerlich die Wesen befragt und erfährt, dass ein von einer Frau Geborener ihn töten und er regieren werde, bis sich der Wald von Birnam auf ihn zubewegt, sowie die anschließende Prozession der acht Könige. Obwohl die Stimmen der Erscheinungen aus einer Loge kommen und die Könige durch ein Schatten- und Puppenspiel illustriert werden, blicken Macbeth und die Hexen tief in den Graben, wo die Musik das Drama entzündet und das Phantastische in die Realität eindringt. Regisseur Renga hält sich nicht mit tiefenpsychologischen Schachzügen auf und stellt das Übernatürliche ins Zentrum, die schwarzen Frauen, die mit allerlei Gerätschaften, Schattenfiguren, Seilen und Schriftstücken in die Vergangenheit und Zukunft blicken können: „Vaticinio“ sagt die Leuchtschrift quer über der Waldszene mit den Hexen, die „Prophezeiung“ erfüllt sich, bestimmt zugleich die Realität, die Rengas Ausstatter Aurelio Colombo mit zeitlosen Kostümen in eine weiße Kastenbühne packt, wo die Lady auf den Gatten wartet, wo Duncans nackter Körper aufgebahrt ist, wo das Bankett stattfindet und Macbeth den Teufel und die Mächte der Hölle selbst zu sehen glaubt; dazu eine Waschschüssel mit schwarzer Flüssigkeit, in der sich Macbeth und die Lady die Hände so schmutzig machen, dass sie nie wieder sauber werden. Das ist sinnfällig, einfach, wirkungsvoll. Lanzillotta zaubert mit dem Chor des Teatro Regio di Parma und dem Orchestra Giovanile Italia mit der ganzen Überwältigungskunst, zu der Verdi fähig ist. Gespielt wurde die kritische Edition von David Lawton. Das ergibt nicht nur im ersten Finale einen Raumeffekt von vibrierender Intensität und Dichte, der die Zuschauer in das Geschehen hineinzoomt, sondern zeigt, wie Verdis moderne psychologisierende Anlage in Belcantoschablonen eindringt und wie gestisch motiviert seine Musik ist. Rau, grell, aber auch federnd und elegant. Der von Mozart und Rossini kommende Baritono nobile Vito Priante ist die richtige Besetzung für die Titelrolle, die er erstmals sang. Die sicherlich recht konventionelle, doch wiederum sehr schöne Cabaletta „Vada in fiamma“ gewinnt durch einen Sänger dieses Typs an Überzeugungskraft, darüber hinaus besitzt der Bariton eine durchgehend dunkle und reiche Substanz, die auch den reflektierenden Momenten gerecht wird. Maria Cristina Bellantuono gelingt als Lady ein Kraftakt, der nicht überall möglich scheint. Die 33jährige aus Bari stammende Sopranistin hält sich nicht bei kleinen Rollen auf, hat schon vor zwei Jahren im dortigen Teatro Petruzzelli Turandot gesungen und macht deutlich, dass Verdis erste Lady eine überragende Koloraturvirtuosin war, so markant klingen die Gruppetti, kristallin die Verzierungen und gestochen klar die Höhen in „Vieni t’affretta“ und der Arie „Or tutti sorgete“ sowie in der hochromantisch virtuosen Arie „Trionfai“, doch die Partie ist auch kräftezehrend strapaziös, wodurch die ohnehin erkämpfte Mittellage und Tiefe vielfach noch trotziger klingt. Eine Wucht ist der 31jährige Adolfo Corrado, dessen voluminöser, tiefschwarzer Bass, unerschütterlich wie eine Klangsäule steht. Matteo Roma, der den Macduff sang, dürfte sich eher im lyrischen Fach wohlfühlen, während Francesco Congiu als Malcolm Potenzial für die italienische jungen Helden von Puccini und Verdi erkennen ließ. Markant die in Pesaro ausgebildete Melissa D’Ottavi als tonschöne Dama di Lady Macbeth.

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Mit Otello war Verdi erstmals nach langer Unterbrechung wieder zu Shakespeare zurückgekehrt. Nach sechsjähriger, anhand Verdis Briefwechsel mit Boito reich dokumentierter Entstehungszeit und 16 Jahre nach seiner letzten Oper (Aida 1871) kam es, abgesehen von den Neufassungen des Simon Boccanegra und Don Carlos, wieder zu einer veritablen Premiere, die sich für den 74jährigen Verdi am 5.2.1887 an der Mailänder Scala zu einem Triumph gestaltete. Fünf Monate später erklang die Oper bereits in Parma, wo Roberto Abbado sie zur Eröffnung des Festival Verdi jetzt erstmals in der von Linda B. Fairtile besorgten neuen Edizione critica dirigierte, ohne einen ähnlich starken Eindruck wie der Macbeth-Kollege zu hinterlassen. Mit der Filarmonia Arturo Toscanini warf Abbado einen, vielleicht auch beeinflusst von der Inszenierung, kühl analytischen Blick auf das Werk, zu dem er keine Beziehung aufzubauen scheint. Die Konversationsszenen, Rede und Gegenrede in den Szenen Otellos mit Desdemona sowie in Jagos Momenten mit Cassio und Rodrigo, wirken merkwürdig gestelzt, ein großer dramatischer Fluss aus geballten Chorszenen, deklamatorischen Monumenten und ariosen Blöcken stellte sich nicht ein, selbst der formidable Chor des Teatro Regio wirkte in der Sturmszene zu Beginn oder im großen Concertato des dritten Akts wie ausgebremst. Erst im vierten Akt stellte sich eine Dringlichkeit und Wort-Musik-Einheit ein, die der Aufführung ansonsten so ganz abging. In der zweiten Aufführung (5. Oktober) sprang Jusif Eyvazov für den indisponierten Fabio Sartori ein. Dieser Otello ist ein erfahrener Feldherr, der schon viele Schlachten geschlagen hat, das Timbre ist etwas gräulich geworden, die Klangqualität wirkt nicht mehr einheitlich glänzend. Eyvazov ist ein routinierter, robuster, doch genauer Otello, der sich den dramatischen Herausforderungen in die Arme wirft, die Monologe scharf meißelt, während die Pianopassage („Venere splende“) nicht seine Sache sind. Für die Desdemona hat Mariangela Sicilia einen engelsgleich duldenden Lirico-Spinto- Sopran mit einem edlen Silberstreifen in der Höhe, während Mittellage und Tiefe nicht von gleicher Qualität und Substanz sind. Der Höhepunkt ist zweifellos Ariunbaatar Ganbaatar, ein Stimmwunder wie sein unwesentlich älterer mongolischer Landsmann Amartuvshin Enkhbat. Ganbaatar singt mit noch weicherem Legato, eindringlicherer Textbehandlung, und er ist ein guter Schauspieler. Der häufig von ausgeprägten Charakterstimmen gesungene Jago wirkt durch Ganbaatars sinnlichen Schöngesang noch abgefeimter, noch abgrundtief böser. Der in Parma, wo er bereits den Riccardo sang, geförderte Davide Tuscano ist als Cassio Inbegriff des nice guy. Wie all den vor ihr gesungenen Vertrauten und Freundinnen gab Natalia Gavrilan auch der Emilia starkes Profil.

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Verdi Festival Parma 2025: Verdis „Otello“ 1847/Szene/Roberto Ricci Teatro Regio di Parma

Bei den Eröffnungspremieren setzt das Festival Verdi lieber auf die vertrauten Handschriften von Regisseuren wie Pizzi, Kokkos, de Ana, Lievi oder Audi als die Buhgewitter bei Jung-RegisseurInnen wie Carrasco oder Duos vom Kaliber Ricci/Forte zu riskieren. Nach diesem Muster fiel Otello in die Hände des verdienten Schauspiel-Regisseurs Federico Tiezzi, der ab den 1990er Jahren auch Opern inszenierte, darunter den Simon Boccanegra an der Berliner Staatsoper. Tiezzi verhielt sich unauffällig, beschriftete die schwarzen Bühnenwände mit zentralen Begriffen wie „morte“, „nulla“, „fazzoletto“ und „dolore“, die vom Regen teilweise wieder wegwischt werden, und ließ Clowns und Tänzer venezianische Lockerheit verströmen. Der schwarze Kasten trägt eindeutig die Handschrift der einstigen Ronconi-Mitstreiterin und stilprägenden Szenografin Margherita Palli. Die Altmeisterin stattete ihn mit Leuchtstelen und -tafeln, Podesten und Tischen auf eleganten Rahmen puristisch aus, unterteilte ihn gelegentlich durch rote Vorhänge oder gab durch eine schmale Öffnung den Blick auf den Weltraum frei. Im dritten Akt weisen kämpfende oder zum Sprung ansetzende Raubtiere in Museumsvitrinen, zwischen denen der Chor in Konzertkleidung Aufstellung nimmt, auf die Zerrissenheit der Handlung hin. Erst im vierten Akt, der sich inmitten der weiten, leeren Bühne auf ein kleines, modernes Zimmer konzertiert, in dem nur Desdemona und Otello Platz haben, kommen sich Musik und Drama nahe. Der Raum wird nahezu zur Gänze von einem Bett samt bespanntem Kopfteil ausgefüllt, wie es in vielen Schlafzimmern Parmas stehen könnte, und schimmert im grünlich diffusen Licht eines Edward Hopper, wobei Tiezzi die Mischung aus Traum und Realismus in den Fotos von Gregory Crewdson als Anregung nennt. Rolf Fath

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Bayreuth Baroque Opera Festival: Lustvolles Barock-Spektakel. Im nach stilvoller Restaurierung 2018 wieder eröffneten  Markgräflichen Opernhaus von Bayreuth gibt es seit 2020   alljährlich im Spätsommer ein Festival, das der Countertenor Max Emanuel Cencic gegründet hat. Neben seiner Funktion als Intendant wirkt er auch als Sänger und Regisseur, ist der Spiritus rector des Unternehmens, welches sich vor allem der Opera seria des frühen 18. Jahrhunderts widmet. Nach Werken von Porpora, Vinci, Vivaldi, Monteverdi und Händel in den vergangenen Jahren stand in dieser Saison der in Venedig wirkende und dort 1676 gestorbene Komponist Francesco Cavalli im Mittelpunkt des Programms, womit man einen Schritt zurück in das 17. Jahrhundert ging.

Die Festspieleröffnung galt dem Dramma per musica von 1666 Pompeo Magno, einer venezianischen Karnevalsoper. Die in Rom verortete Handlung um Konsul Pompeo und Issicratea, Königin von Ponto, sowie deren totgeglaubten Gemahl Mitridate und Sohn Farnace verlegte Cenic nach Venedig mit seinem bunten, ausgelassenen Karnevalstreiben, bevölkerte die Szene mit vielerlei Figuren, die man von den Straßen der Lagunenstadt kennt – Damen, Kavaliere, Kurtisanen, Nonnen, Kleriker, Intriganten, verwirrte Alte, Kleinwüchsige. Letztere sorgten en travestie mit zur Schau gestellten üppigen (Stoff-)Brüsten für besonderes Aufsehen. Corina Gramosteanu hatte aber auch Kostüme von opulenter Eleganz geschaffen mit edlen Materialien, stilvollen Ornamenten und subtilen Farben. Die Welt der Commedia dell´arte wurde lebendig in Kleidung und Masken, in drastischen erotischen Details, aber auch im turbulenten Treiben der Akteure. Sie alle – Sänger wie Komparsen – waren mit totalem Einsatz, atemberaubendem Tempo, ansteckender Spielfreude und imponierender körperlicher Agilität dabei. Chiara d´Anna als Bewegungscoach hatte vorzügliche Arbeit geleistet, für  jede Figur das für sie typische Bewegungsvokabular gefunden. Auf Venedig stimmte auch Helmut Stürmers Bühne mit ihrem Portal, über dem der venezianische geflügelte Löwe thront, und einem Saal mit Säulen, Podesten und bunten Glasfenstern ein.

Cavalli „Pompeo Magno“ Bayreuth Baroque 2025/ Foto © Clemens Manser Photography

Ein exzellentes Ensemble brachte Cavallis Musik mit Elan und Vitalität zum Klingen. Nicht weniger als acht Countertenöre mit Vertretern aus mehreren Generationen waren vertreten, darunter das Urgestein der Gattung Dominique Visse, der als Diener Delfo wie stets lustvoll krähte. Dagegen war der Italiener Nicoló Balducci als Pompeos Sohn Sesto ein Newcomer und mit seiner klangvollen, ausgewogenen Stimme sowie den bravourösen Koloraturläufen mehr als willkommen. Im schwarz/goldenen, reich verzierten Wams war er auch optisch ein Blickfang. Zur jüngeren Generation zählt auch der österreichische Counter Alois Mühlbacher, der als Issicrateas und Mitridates Sohn Farnace im weißen Pierrot-Kostüm jugendlich keusche Klänge einbrachte und später auch noch als halbnackter Amor mit weißen Flügeln und knappem Lendenschurz auftrat. Renommiert ist Valer Sabadus durch seine zahlreichen Tondokumente und Auftritte bei Musikfestivals. Auch bei Bayreuth Baroque war er schon zu Gast. Hier sang er solide den Servilio und hatte Gelegenheit für muntere Liebesspiele mit seiner angebeteten Giulia, Tochter des römischen Konsuls Cesare, im großen Doppelbett. Charaktervolle stimmliche Counter-Momente brachten Kacper Szelazek als exaltiert grölende Arpalia, Issicrateas Dienerin, sowie Pierre Lenoir und Angelo Kidoniefs als Primo und Secondo Prencipe ein.

In der Titelrolle gab Max Emanuel Cencic keinen virilen, auftrumpfenden Helden, sondern einen gebrechlichen alten Mann mit weißem Haar, was zur stimmlichen Verfassung des Counters harmonierte. Doch nach verhaltenem Beginn gewann die Stimme an Fülle und Durchschlagskraft, gefiel besonders im sanften Schlaflied („Sonno, placido nume“) am Endes des 1. Aktes. Zwei Damen werden heiß umworben in diesem Stück. Pompeo begehrt Giulia, deren. Herz jedoch Servilio gehört. Die belgische Sopranistin Sophie Junker sang sie mit schöner lyrischer Substanz bei lebhaftem Agieren. Sesto wirbt vergeblich um Issicratea, die ihrem Gemahl Mitridate die Treue hält. Die Argentinierin Mariana Flores war die Primadonna des Abends und trug gebührend hoheitsvolle Roben. Mit flammendem, strengem Sopran von resoluter Attacke und fulminantem Ausdruck sowie einem vehementen Koloraturfeuerwerk setzte sie sich souverän an die Spitze des Ensembles. Der italienische Tenor Valerio Contaldo formte ein eindrückliches Porträt des Mitridate, der Arpalia tötet, am Ende aber seine Tat gesteht und von Pompeo begnadigt wird. Die baritonal getönte Stimme sorgte mit virilem Duktus in der Arie „Tormentosa gelosia“ für einen vokalen Höhepunkt.

Die Besetzung ergänzten der niederländische Charaktertenor Marcel Beekman, der als die verrückte Alte Atrea ein Kabinettstück bot und kicherte, winselte, keifte, der britische lyrische Tenor Nicholas Scott, der als Claudio, Sohn des Cesare, in „Rendimi la mia pace“ nachdrücklich auftrumpfte, und der begabte junge Bariton Victor Sicard als Cesare. Am Ende gibt es einen fröhlichen, jauchzenden Abgesang, den Farnace anstimmt und der den glücklichen Ausgang preist („Imparate, o mortali“).

Leonardo García-Alarcón spornte hier mit seiner Cappella Mediterranea, die er 2005 gegründet hatte, alle Sänger noch einmal an. Seine Leitung voller Energie und Schwung trug den vierstündigen Abend, was ihm und den Mitwirkenden am Ende euphorische Publikumsovationen bescherte. Das Residenzorchester des Bayreuth Baroque Opera Festival 2025 hatte mit seinem Musizieren voller Spannung und Klangreichtum immer wieder begeistert – mit festlichem Bläserglanz, federnden Rhythmen, majestätischen Märschen, aber auch lyrischen Inseln und kammermusikalischer Delikatesse in den Ritornellen (6. 9. 2025).

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Das Orchester mit seinem argentinischen Dirigenten begleitete auch mehrere Solisten bei ihren Konzerten, welche traditionell zum Festival gehören. Am 5. September war der italienische Countertenor Carlo Vistoli mit seinem Programm Opera Antica zu erleben. Konzeptionell korrespondierte der Abend mit der Cavalli-Oper, bot er doch Werke von Zeitgenossen des Komponisten, wie Antonio Cesti, Claudio Monteverdi und Alessandro Stradella. Reizvolle instrumentale Einlagen – u.a. eine Sinfonia aus Cavallis Erismena, die Xácara del primer tono von Lucas Ruiz de. Ribayaz, die Tarantela von Santiago de Murcia und die Ciacona in B-Dur von Antonio Caldara – sorgten für vielfarbige Klänge, rasante Steigerungen und melancholische Episoden.

Vistoli besitzt (für mich) den schönsten Countertenor unserer Zeit. Die Stimme ist rund, weich, warm und ausgeglichen, kann zärtlich schwärmen, ergreifend klagen, aber auch männlich auftrumpfen. Im ersten Teil stellte er Szenen aus fünf Opern Cavalliis vor, beginnend mit dem Lamento des Apollo aus Gli amori di Apollo e Dafne, bei dem die Stimme sogleich in ihrem Wohllaut. berührte. Ein schöner Wechsel dazu war der freudige Überschwang des Xerse, „Ombra mai fu“, aus der gleichnamigen Oper, die zu Händels getragener Version einen starken Kontrast bildete. Immer wieder wechselten die Emotionen – ob im flehentlichen Lamento des Idraspe aus Erismena, der heiteren Arie des Giasone, „Delizie, contenti“, aus der gleichnamigen Oper oder der inbrünstigen Arie des Endimione, „Lucidissima face“, aus La Calisto. Aus Monteverdis Poppea stellte Vistoli zwei Szenen des Ottone vor – das schwärmerische „E pur io torno“ und das verzweifelt klagende „I miei subiti sdegni“. Der affektreiche Gesang des Solisten und seine vorbildliche Wortbehandlung imponierten immer wieder – so in der  erregten Arie des Alidoro aus Cestis L´Orontea oder in zwei Szenen des Nino aus Stradellas Il Trespolo tutore. Da gab es im Dialog mit der Flöte auch bravouröse Koloraturgirlanden zu hören und am Ende in der Wahnsinnsszene des Nino ganz sanftes, entrücktes Verlöschen. Zwei Gesänge von Monteverdi – „Voglio di vita uscir“ und „Si dolce è ´l tormento“ – als Zugaben beendeten diesen beglückenden Abend im Markgräflichen Opernhaus. Bernd Hoppe       .

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Pacinis Amazilia bei Festival Il Belcanto Ritrovato im italienischen Fano (Apulien): Vor fast genau zweihundert Jahren, am 6. Juli 1825, wurde Giovanni Pacinis Oper Amazilia im Teatro San Carlo in Neapel mit einer wirklich bemerkenswerten Besetzung aufgeführt.

Nun, am 23. August 2025, wurde die Oper im Rahmen des jährlichen Festivals Il Bel Canto Ritrovato (IBR) im Teatro della Fortuna in Fano, Italien, zum ersten Mal in einer vollständigen modernen Aufführung wiederbelebt. Das IBR möchte das umfangreiche Erbe der italienischen Oper erkunden, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, einer Zeit, in der selbst das kleinste Dorf auf der italienischen Halbinsel wahrscheinlich ein Opernhaus hatte und das Operngeschäft seinen größten und intensivsten Höhepunkt erreichte.

Amazilia mit einem Libretto von Giovanni Schmidt, hat eine interessante und verworrene Geschichte, wie ich an anderer Stelle geschrieben habe(dazu auch die beiden Artikel in operalounge.de, s. am Ende), und lag Pacini offensichtlich sehr am Herzen Pacini sehr am Herzen, da sie während der Flitterwochen des Komponisten mit seiner ersten Frau geschrieben wurde und er sein zweites Kind nach der Heldin benannte. Pacini, der während seiner langen Karriere fast 80 Opern schrieb, war 29 Jahre alt, als er Amazilia komponierte; es war seine 28. Oper.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Die beeindruckende Besetzung der Oper bei ihrer Uraufführung 1825 in Neapel im Rahmen der Geburtstags-Feierlichkeiten für die bourbonische Königin Maria Isabella umfasste den Tenor Giovanni David als Zadir, den Bass Luigi Lablache als Cabana und die Sopranistin Joséphine Fodor-Mainvielle als Amazilla selbst. Ihre Virtuosität macht eine Wiederaufführung der Oper heute schwierig, da nicht viele Sänger die Musik, die Pacini dem Original-Cast zu singen gab, bewältigen können.

Ursprünglich ein Einakter, wurde die Oper 1827 in Wien in einem erweiterten Format mit einer neu komponierten Ouvertüre und zwei neuen Gesangsnummern präsentiert und in zwei Akte unterteilt. Es war diese Fassung, die in Fano vom Bel Canto Ritrovato in einer neuen kritischen Ausgabe von Gianmarco Rossi aufgeführt wurde.

Die einfache Story, die in Florida spielt, handelt von der Rivalität zweier Stammesführer, Cabana und Zadir, um die Hand von Amazilia, einer indianischen Jungfrau, die zum Stamm von Cabana gehört. Die spanischen Konquistadoren schweben im Hintergrund und sorgen für einen Deus ex machina, um die Rivalität beizulegen und ein glückliches Ende herbeizuführen, nachdem Zadir einen Kampf gegen Cabana verloren hat und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll.

Da das Werk für die Geburtstagsfeier einer Königin mit spanischer Abstammung geschrieben wurde, diente das Lob der spanischen Weisheit und Friedensstiftung unter den Konquistadoren, so ungerechtfertigt es auch war, als nicht allzu subtile Art, der Königin ein Kompliment zu machen, und auch als Möglichkeit, die Geschichte an der berüchtigten neapolitanischen Zensur vorbeizuschmuggeln, die Monate zuvor ein ähnlich benanntes Pastiche verboten hatte

.In vielerlei Hinsicht ist Pacini der faszinierendste der weniger bekannten Opernkomponisten im Italien des 19. Jahrhunderts, weil er zu seiner Zeit so beliebt war und weil er so viel geschrieben hat; bei Pacini gibt es eine Menge Musik für Musikwissenschaftler und Opernhäuser zu entdecken, die mutig genug sind, etwas anderes zu versuchen, als immer wieder dieselben wenigen Titel zu recyceln. Die Musik von Amazilia bietet viele wunderbare Momente, und selbst manche eher formelhaften Passagen sind melodiös.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Konzertausschnitt/Foto Luigi Angelucci

Man könnte mit der völlig unbekannten Sinfonia beginnen, die Pacini für Wien schrieb, weil die Wiener erwarteten, dass eine Oper eine vollständige, formelle Ouvertüre haben sollte. (Donizetti musste derselben Tradition folgen.) Die Sinfonia in diesem Fall ist absichtlich rau und laut und voller Kesselpauken, vielleicht als Vorahnung der Welt der Indianerstämme, deren Konflikte die Grundlage der Geschichte bilden, aber sie ist gut aufgebaut und zweifellos eine Verbeugung vor dem symphonischen, „germanischen” Musikgeschmack der Österreicher. Einige der langsamen Stücke sind ebenfalls bestens komponiert und einprägsam, wie zum Beispiel Zadies eröffnende Cavatina „Come mai calmar le pene” und Amazilias wunderschöne „Ah! Non fia mai ver”.

Pacini wurde wegen seiner Kreativität und seiner Gewandtheit in dieser Form als „Maestro delle Cabalette” bekannt, und die Cabaletten in Amazilia sind immer eingängig und interessant aufgebaut, angefangen mit Cabanas „Paventi il perfido”. Zadirs „Io ti vidi, t’adorai” war so beliebt, dass Mauro Giuliani ein Thema und Variationen für Gitarre darauf komponierte. Und während wir Cabaletten normalerweise als schnelle Stücke betrachten, die im Kontrast zu den langsamen Cantabiles einer Cavatina oder einer Arie stehen, war Pacini seinen Komponistenkollegen um Jahre voraus,  als er die doppelt so schnelle Cabaletta „Parmi vederlo” schrieb, ein Jahrzehnt, bevor Donizetti eine langsame Cabaletta für das Finale  seiner Lucrezia Borgia komponierte. „Parmi vederlo” beginnt mit einem traurigen Adagio, gefolgt von einer teuflisch schwierigen schnellen Koloratur, die Amazillas Qualen wirkungsvoll zum Ausdruck bringt, als sie glaubt, dass Zadir auf den Scheiterhaufen kommen wird „Parmi vederlo” war so beliebt (und ungewöhnlich), dass es Sopranistinnen wie Giuditta Pasta und Giulia Grisi als „Aria di baule” diente, die es in verschiedene Opern einfügten, in denen sie auftraten. Selbst in unserer Zeit hat Beverly Sills es in ihre Aufführungen von Rossinis Assedio di Corinto aufgenommen; es ist in der kommerziellen Sills-Aufnahme der Oper erhalten geblieben, aber Pacini wird als Urheber nicht genannt…

In Amazilia gibt es keine großartigen Ensembles, wie sie Rossini in den 1810er und 1820er Jahren schrieb, aber das Trio für die drei Hauptdarsteller, das in der Zwei-Akt-Fassung als Finale des ersten Aktes dient, ist spannend und angemessen klimatisch. Das kleine finaletto, das die Oper beendet, ist jedoch etwas enttäuschend, ebenso wie das gesamte lieto fine mit seinem absurden Lob der spanischen Konquistadoren. Tatsächlich kann sich Amazilia nie ganz von ihrem ursprünglichen Zweck als Geburtstagsgeschenk für Königin Maria Isabella lösen. Am Ende hat man das Gefühl, dass der Komponist und sein Librettist eine willkürliche Frist für ihr Werk erreicht hatten und das Drama schnell beendeten, damit die Königsfamilie weiter essen und trinken konnte, wodurch die Oper ziemlich unerwartet und abrupt endet.

.Das IBR versammelte eine Gruppe talentierter junger Sänger für ihre einzige Aufführung. Amazilia selbst wurde von Paola Leoci gesungen, die sich durch ihre technische Meisterschaft und ihr engagiertes Einbringen in die Rolle auszeichnete. Leoci hatte gerade die weibliche Hauptrolle der Fanni in La cambiale di matrimonio beim Rossini-Festival gesungen. Sie passte die Soubretten-Stimme, die sie für Fanni in der leichten Komödie verwendet hatte, erfolgreich an die dramatischeren Anforderungen und die größere Beweglichkeit an, die für Amazilia erforderlich waren. Ihre atemberaubende Darbietung der teuflisch schwierigen Koloratur in „Parmi vederlo” konnte sich durchaus mit der von Sills aufgenommenen Version messen – und diesmal wussten wir, dass sie von Pacini stammte.

Pacinis „Amazilia“ bei Festival Il Belcanto Ritrovato 2025 in Fano/Schluss-Applaus/Foto Luigi Angelucci

Wenn die Rolle der Amazilia für jede Sängerin eine Herausforderung darstellt, dann ist die Tenorrolle des Zadir, die für Giovanni David geschrieben wurde, vielleicht noch schwieriger. Das IBR gab uns Manuel Amati, der die extrem hohen Töne sang und die schwierige Koloratur meisterte, für die David berühmt war, obwohl Amati eine eher kleine Stimme besitzt. Bass Giorgio Caoduro vervollständigte das Trio der Hauptdarsteller als Cabana. Auch seine Rolle ist extrem schwierig; der ursprüngliche Cabana, Luigi Lablache, war der berühmteste Bass in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Caoduro begann etwas zögerlich, da er sofort mit einer großen Arie mit einer technisch anspruchsvollen Cabaletta konfrontiert war, wurde aber im Laufe der Aufführung immer stärker und sicherer; er war sehr gut in seinem „Wiener” Duett mit Amazilia, „Tu sprezzar gli affetti miei”. Die Nebenrollen wurden von Mariano Orozco (Orozimbo), Naomi Umani (Mila) und Michele Albiati (Alvaro) wahrgenommen. Das Orchestra Sinfonica G. Rossini und der Chor des Teatro della Fortuna in Fano wurden von Enrico Lombardi geleitet. Lombardi hauchte Pacinis vergessener Musik neues Leben ein und zeigte uns einen Komponisten, der trotz seines Rufs, es mangele ihm an „Wissenschaft”, es verstand, interessante Orchesterwerke zu schreiben.

.Die Inszenierung war leicht halbszenisch, d. h. sie war mehr als ein reines Konzert mit Sängern, die vorne auf der Bühne standen, aber weniger als eine szenische Aufführung ohne Kulissen und Kostüme. Tomasso Casadei sorgte für passende Hintergrundprojektionen der im Libretto beschriebenen Schauplätze, darunter Floridas „bergiges” Gelände, eine Beschreibung, die jeden, der schon einmal in Florida war, zum Schmunzeln bringen dürfte.

Festival Il Belcanto Ritrovato in Fano: Die Macher mit Hausherrn/Intendanten Rudolf Colm in der Mitte/Foto Luigi Angelucci

Es ist unwahrscheinlich, dass Amazilia jemals außerhalb eines Festivals aufgeführt wird, da es sich um ein Geburtstagsgeschenk für einen längst vergessenen Monarchen handelt, das Werk ein abruptes Ende hat und es schwierig ist, Sänger zu finden, die die Musik singen können. Dennoch enthält es viele musikalische Juwelen, und die Aufführung trug dazu bei, unser Verständnis für einen Komponisten zu vertiefen, der zu lange im Schatten stand. Chronologisch gesehen liegt die Oper in Pacinis Karriere zwischen Alessandro nelle Indie (die in Neapel häufiger aufgeführt wurde als alle Opern, die Rossini für diese Stadt schrieb) und seinem L’ultimo giorno di Pompei, einem noch größeren Erfolg. Als solche ist sie Teil eines Trios, das den ersten Teil von Pacinis sehr fruchtbarer Karriere krönt.

Die Aufführung wurde von Bongiovanni aufgezeichnet und soll in etwa einem Jahr erscheinen. Zum ersten Mal hat das IBR eine kritische Ausgabe seiner Hauptoper herausgebracht, die in diesem Fall von dem hervorragenden jungen Musikwissenschaftler Gianmarco Rossi erstellt wurde – ein wirklicher Beitrag zur Musikwissenschaft.

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Das IBR-Festival bestand nicht nur aus Amazilia. Es gab zahlreiche Konzerte und Vorträge rund um Pacini, aber die Konzerte umfassten auch faszinierende Musik von anderen Komponisten, die heute noch unbekannter sind als Pacini. Es gab ein Konzert mit Orchesterauszügen aus Opern, die an der Scala uraufgeführt wurden, aber von sizilianischen Komponisten geschrieben worden waren; mehrere davon waren Werke von PaciniIl barone di Dolsheim (1818), La vestale (1823) und I cavalieri di Valenza (1828). Giulias Arie mit Harfe „Io son rea, né imploro” aus La Vestale war äußerst schön, die beste von allen.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Nicola Vaccai (* 15. März 1790 in Tolentino bei Ancona; † 5. August 1848 in Pesaro) war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Aber es gab auch Stücke aus Mario Aspas I due Savoiardi (1838), Pietro Coppolas La festa della Rosa (1836) und Placido Mandanicis Il Buontempone di Porta Ticinese (1841). Coppola ist ein Komponist, der viel mehr Beachtung verdient; ein weiteres seiner Werke, Nina pazza per amore, war ein großer internationaler Erfolg und zu seiner Zeit ein größerer Kassenschlager als jede Oper von Rossini, während Mandanicis unwiderstehlicher Il Buontempone voller mitreißender Musik ist und Mailand auf einzigartige Weise feiert, so wie viele andere Opern untrennbar mit Rom, Venedig oder Neapel verbunden sind. Dieses Konzert wurde gekonnt begleitet vom Orchestra Sinfonica G. Rossini unter der Leitung von Daniele Agiman. Agiman war so begeistert von dem Trio aus Il Buontempone di Porta Ticinese, mit dem das Konzert endete, dass er selbst eine Zugabe (Encore) des gesamten Stücks forderte, noch bevor das Publikum dies tun konnte, und die drei talentierten Sänger der La Scala Accademia (Fan Zhou, Aldo Sartori und Sung Hwan Park) sangen es erneut. Das Publikum war begeistert.

Festival Il Belcanto Ritrovato 2025: Pietro Antonio Coppola (* 11. Dezember 1793 in Castrogiovanni; † 13. November 1877 in Catania)war einer der aufgeführten Komponisten/Wikipedia

Ein Open-Air-Konzert im Innenhof mit Blick auf das Haus von Nicola Vaccai feierte Werke von vier Komponisten aus Pesaro – natürlich Rossini, aber auch Vaccai und die fast völlig unbekannten Gioacchino Albertini und Vincenzo Federici. Weitere Werke von Pacini waren in einem Konzert zu hören, das seine Opern mit Passagen aus seinen künstlerischen Memoiren verband. Mit anderen Worten: Das IBR bot uns ein reichhaltiges Programm seines Hauptkomponisten Pacini, aber auch Kostproben anderer einst beliebter Opernkomponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die in Vergessenheit geraten sind, und erfüllte damit seine Mission, dieses reiche Erbe für das Vergnügen des heutigen Publikums zu erschließen. Das IBR, das nun bereits im vierten Jahr erfolgreich stattfindet, ist auch für den erfahrensten Opernliebhaber wieder eine lehrreiche Erfahrung. CDs mit den Werken des letzten Jahres, Luigi Rossis La casa disabitata und einem Konzert mit Auszügen von Vaccai, sind jetzt beim Label Bongiovanni erhältlich.

Abgesehen von der Figur in der Oper (und dem Namen von Pacinis Tochter) ist „Amazilia” der Name einer Kolibri-Gattung, die denselben Namensstamm hat wie die Heldin der Oper. Das IBR trägt mit seinen zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Initiativen dazu bei, dass diese seltenen und farbenprächtigen Geschöpfe wieder fliegen können. Charles Jernigan/DeepL/G.H.

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Dazu auch bei operlounge.de: Pacinis Kinder sowie Die vergessene Oper: Pacinis Amazilia

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36. Musikfest Bremen: Musikalische Glanzlichter: Halbszenische Opernaufführungen haben eine schöne Tradition beim Musikfest an der Weser. Fast immer sind sie hochkarätig besetzt mit exzellenten Solisten und einem renommierten Dirigenten. Im Konzertsaal Die Glocke stand am 27. 8. 2025 bei Mozarts Die Zauberflöte der junge Finne Tarmo Peltokoski vor der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, seit Anfang 2022 Principal Guest Conductor des Orchesters. Seine eminente musikalische Begabung offenbarte sich bereits in der Ouvertüre, die er spannungsvoll und kontrastreich aufbaute. Feierlich und würdevoll erklang die Einleitung zum 2. Aufzug, wobei Transparenz und Schlankheit des Klanges stets gewahrt blieben. Das ChorWerkRuhr (Einstudierung: Michael Alber) absolvierte zuverlässig seine Auftritte von der Empore. Romain Gilbert hatte die Handlung an der Rampe diskret, doch spielfreudig arrangiert, wobei er von Hervé Garys Lichtdesign unterstützt wurde, welches besonders mit den Rot- und Blau-Tönen bei der Feuer- und Wasserprobe Sinn machte.

Ein Salzburg würdiges Ensemble sorgte für einen Abend voller Sängerglanz, angeführt vom Schweizer Tenor Mauro Peter, der den Tamino schon  2018 in der verunglückten Inszenierung von Lydia Steier bei den Salzburger Festspielen gesungen hatte. Sein kultivierter lyrischer Tenor hat mittlerweile an Farbe, Volumen und Kraft gewonnen. Das verhalf der gefühlvoll vorgetragenen „Bildnis“-Arie zu starker Wirkung und erbrachte für „Wie stark ist nicht dein Zauberton“ eine ideale Balance von Virtuosität und Emphase. Eine perfekte Besetzung war auch für seine Pamina gefunden worden, denn Elsa Dreisig wartete mit leuchtendem Sopran, innigem Gefühl und bester Stimmführung auf. Während ihre Ausflüge in das italienische und französische Fach in der Vergangenheit zwiespältig ausfielen, konnte sie hier in ihrem ureigenen  Repertoire überzeugen und mit der Arie „Ach, ich fühl´s“ für ein sängerisches Glanzlicht sorgen. Nicht weniger als eine Sensation markierte der Auftritt von Kathryn Lewek als Königin der Nacht. Man muss schon an Edda Moser oder Diana Damrau in ihrer besten Zeit zurückdenken, um ein vergleichbares Niveau zu finden. Mit dunkel grundiertem, fülligem Sopran von warmem Klang konnte sie die mütterlichen Gefühle der Figur plastisch transportieren, mit rasender Attacke, phänomenalen Koloraturläufen und gestochenen staccati gleich Messerstichen ihren Rachefuror verdeutlichen. Von seltener klanglicher Homogenität erklang das Trio der drei Damen mit Silja Aalto, Iris van Wijnen und Marie Seidler. Dies ist auch den Solisten der St. Florianer Sängerknaben zu bescheinigen, die die Gesänge der Drei Knaben wohllautend und intonationsrein vortrugen. Nobel und sonor erklang der schlanke Bass von Manuel Winckhier in Sarastros beiden Arien, mit beeindruckender Autorität im letzten Auftritt des Priesters „Die Strahlen der Sonne“. Der ungarische Bassbariton Marcell Bakonyi gefiel mit potenter, kerniger Stimme als Sprecher und gab darüber hinaus noch den Zweiten Geharnischten, assistiert vom slowenischen Tenor Martin Logar als Erstem. Scharfzüngig und grell charakterisierte Andreas Conrad den Monostatos.

Wie oft war auch hier Papageno ein Publikumsliebling. Der Schweizer Bariton Äneas Humm sang ihn mit angenehmer Stimme, allerdings gespreizt gesprochenem Dialog und überflüssigen Extempores sowie einer gänzlich überflüssigen Einlage mit dem Song „The Sound of Silence“. An seiner Seite war Miriam Kutrowatz eine reizende Papagena – in der Verkleidung als altes Weib zunächst keifend und krächzend, nach der Demaskierung dann aber entzückend singend. Der Abend, welcher in seiner musikalischen Perfektion viele internationale Festspielaufführungen übertraf, wurde vom Publikum gebührend bejubelt.

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Stets gehören auch Konzertabende mit Interpreten von Weltrang zum Programm des Musikfestes. Am 28. 8. 2025 war Gelegenheit, die finnische Sopranistin Camilla Nylund zu erleben. Das Programm, Von Heldinnen und Helden betitelt, bot zwei der forderndsten Finalszenen der gesamten Opernliteratur: „Starke Scheite“ aus Wagners Götterdämmerung und den Schlussgesang der Salome aus Strauss´ Oper. Zudem war das zweite renommierte  Orchester der Hansestadt zu hören – die Bremer Philharmoniker unter ihrem GMD Marko Letonja. Das Konzert markierte eine würdige Feier zum 200. Jubiläum des Klangkörpers. Brahms´ „Akademische Festouvertüre“ war ein schwungvoller Auftakt mit seinen Anklängen an Studentenlieder.

Camilla Nylund hatte als Einstieg Elisabeths Hallen-Arie aus Tannhäuser gewählt, in der die Stimme leicht verhärtet klang. Dann aber Brünnildes Weltabschied in einem silbernen, eng anliegenden Kleid, das die Sängerin umschloss wie ein stählerner Panzer und auch optisch einer Walküre entsprach. Grandios meisterte sie mit ihrem kraftvollen Sopran und unangefochtenen Spitzentönen die lange Szene, dominierte bis zum letzten Moment das Orchester, welches der Dirigent groß aufrauschen ließ.

Nach der Pause Richard Strauss mit seiner „Sinfonischen Fantasie“ aus Die Frau ohne Schatten, welche 1946 entstand und Motive aus dem monumentalen Werk vereint. Klänge, Farben, Lyrismen und Dissonanzen fügten sich in der Wiedergabe des Orchesters zu einem Klangrausch von magischer Wirkung. Auch der nachfolgende „Tanz der sieben Schleier“ aus Salome verfehlte in der lasziven Atmosphäre und orgiastischen Steigerung nicht seinen Effekt. Zweifellos besitzt Nylunds Stimme eine neue Qualität und Dimension, was auch Salomes Schlussgesang bewies. In ihrem Charakter, ihrer Klangfarbe ist sie nicht eigentlich hochdramatisch, wohl aber in ihrer Leistungsfähigkeit. Und so bot sie auch als Salome einen mühelos bewältigten Auftritt von ekstatischer Steigerung und tranceartigem Schluss, der in seiner Tragik tief berührte.

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Verdienstvoll und vom Publikum hoch geschätzt sind die Veranstaltungen des Musikfestes in Bremens Umgebung. Der prachtvolle Dom zu Verden ist ein solcher Ort, wo am 29. 8. 2025 Mozarts Requiem d-Moll KV 626 erklang. Hochrangige Interpreten der Barock-Szene waren versammelt, so das 1990 von Václaw Luks gegründete Collegium 1704 und das 2005 von ihm ergänzte Collegium Vocale 1704. Der Dirigent entschied sich für die von Eybler und Süssmayr vollendete Fassung des von Mozart als Torso hinterlassenen Werkes. Und er stellte ihm ein hierzulande unbekanntes Stabat Mater von Frantisek Ignác Tuma voran, welches der 1704 geborene böhmische Komponist ca. 1750 schuf. Das Werk von strenger Schlichtheit ist nur sparsam instrumentiert und atmet kaum barocken Geist. Fast mutet es modern an, wie hier alte und neue Stile kombiniert sind. Orchester und Chor beeindruckten mit hoher Klangkultur und das Solistenquartett konnte in zwei Duetten bereits seine Qualität herausstellen, wie es danach bei Mozarts Werk noch deutlicher wurde. Tereza Zimkovás Sopran war von keuschem Klang, der Mezzo von Henriette Gödde dagegen eher von fraulicher Sinnlichkeit. Herausragend war der Tenor von Krystian Adam in seiner Potenz und Substanz, Tomás Selc komplettierte mit einem Bass von warmem, weichem Klang. Der Gesang des Chores war überwältigend, ob im Kyrie mit seiner apokalyptischen Dimension, dem gewaltigen Confutatis maledictis oder dem erhabenen Agnus Dei. Und am Ende überraschten die 17 Sängerinnen und Sänger noch mit einer unbekannten Zugabe – einem frühen A-capella-Werk von Zelenka, das den Abend bewegend und würdig beschloss. Bernd Hoppe

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LGBT in Pesaro 2025: Das Rossini Opera Festival endete mit einer hervorragenden Aufführung der Missa, die Verdi nach Rossinis Tod im Jahr 1868 für ihn organisiert hatte. Sie besteht aus 13 Sätzen, die jeweils von einem anderen Komponisten der damaligen Zeit komponiert wurden (der letzte von Verdi selbst), wurde jedoch zu Verdis Lebzeiten nie aufgeführt und blieb tatsächlich unaufgeführt, bis sie 1970 von David Rosen entdeckt und 1988 in Deutschland aufgeführt (und anschließend aufgenommen) wurde. Sie war zuvor noch nie beim Rossini-Festival aufgeführt worden. Die Qualität der einzelnen Abschnitte ist unterschiedlich, aber der letzte Abschnitt von Verdi, den er später in seine Requiem-Messe für Manzoni übernahm, ist glühend.

Ansonsten bestand das Festival aus drei Hauptopern – der Rarität Zelmira, einer skurrilen Interpretation von L’Italiana in Algeri und Rossinis erster aufgeführter Oper, La cambiale di matrimonio, die zusammen mit seiner Liedersammlung „Soirèes Musicales” aufgeführt wurde.

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Rossini Opera Festival 2025: „Zelmira“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Zelmira wurde mit einer spektakulären Besetzung von Sängern unter der Leitung von Giorgio Sagripanti mit dem Orchester des Teatro Communale in Bologna in einer Inszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito aufgeführt. Bieito machte sich zunächst in der Opernwelt einen Namen, indem er Standardwerke auf subversive Weise mit viel Nacktheit, Gewalt und explizitem Sex inszenierte und damit das biedere Opernpublikum in Europa schockierte – ein Quentin Tarantino der Opernwelt. Nun scheint Bieito sich von der Infragestellung westlicher Werte, wie sie in kulturellen Ikonen wie Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ oder Bizets „Carmen“ verkörpert sind, zu einer völlig nihilistischen Welt des unerbittlichen Negativismus und der Sinnlosigkeit weiterentwickelt zu haben.

In dieser Inszenierung von Zelmira gab es keine Nacktheit und die Gewalt wurde gedämpft, aber die Inszenierung untergrub alle Werte, die wir normalerweise mit der Oper und Rossini verbinden, und suggerierte, dass alles an der sozialen und kulturellen Erfahrung der Oper bedeutungslos ist – die Musik, die Aufführung, die Inszenierung und das Publikum selbst. (…) Der Sinn der Inszenierung bestand darin, dass sie sinnlos war: Nichts hatte irgendeine Bedeutung. Es gab keine Übertitel, um der Handlung zu folgen, wahrscheinlich weil die Inszenierung so oft im Widerspruch zum Libretto stand, aber auch weil die gesungenen Worte bedeutungslos sind. Der Nihilismus, ein in Europa und Amerika mittlerweile weit verbreitetes Phänomen, da so viele Institutionen und Persönlichkeiten ihre Bedeutung verloren haben – Religion, Politik, demokratische Institutionen und die Künste –, scheint in Bieitos Inszenierung nun auch die Oper befallen zu haben. Die Gründe, warum man in die Oper geht, sind zunichte gemacht. Selbst die Handlungen, die mit einem Opernabend verbunden sind – Ticket kaufen, sich ankleiden, anreisen, zuhören, applaudieren – sind bedeutungslos. Bieito verspottet weniger die Institution oder das Publikum, als dass er uns sagt, dass eine kulturelle Handlung nicht mehr Bedeutung hat als alles andere.

Wenn die „Bedeutung” Bedeutungslosigkeit ist, dann sahen wir keinen Grund zu bleiben. Wir gingen in der Pause. Eineinhalb Stunden totale Negation waren genug. Wenn die Musik wertlos war, die harte Arbeit der Sänger und des Orchesters bedeutungslos und die Inszenierung ein endloser Kreislauf sich wiederholender Handlungen ohne jeden Grund, warum dann bleiben? Unser Akt des Nihilismus bestand darin, zu gehen und ein Eis zu kaufen. Italienisches Gelato an sich ist anti-nihilistisch. Oder vielleicht war Bieito einfach nur verwirrt und hatte keine Ahnung, was er tat.

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Rossini Opera Festival 2025: „L´Italiana in Algeri“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Rosetta Cucchis Inszenierung von Italiana in Algeri befand sich gewissermaßen am anderen Ende des philosophischen Spektrums. Sie interpretierte die Geschichte von Isabella, der Italienerin auf der Suche nach ihrem lange verschollenen Freund Lindoro, neu als eine Gruppe von Drag Queens, deren Bus auf einer Reise eine Panne hat. „Isabella und ihre Mädchen” werden von den Polizisten unter Mustafà verhaftet, einem despotischen Herrscher, der von seiner Frau Elvira gelangweilt ist. Die gestrandeten italienischen Drag Queens versprechen ihm eine Art neue Stimulation, sexuell oder anderweitig. In einer cleveren Vorführung vor der Oper hält die Gruppe mit einem regenbogenfarbenen VW-Bus vor dem Teatro Rossini und die „Polizei“ jagt die extravagant gekleideten Drag Queens, um sie schließlich ins Theater zu treiben, damit die Oper beginnen kann. Es ist ein lustiges Durcheinander in wilden Kleidern und leuchtenden Farben.

.Cucchi verwendet Isabellas patriotische Arie „Pensa alla patria”, um eine Art ernsthafte Aussage über die Befreiung von Homosexuellen oder die Akzeptanz von Drag Queens oder die Freiheit, sein Leben so zu leben, wie man es für richtig hält, zu machen, aber es passt nicht zum Text, und tatsächlich funktioniert die ganze Drag-Überlagerung nicht: Isabella ist eindeutig eine Frau, eine Mezzosopranistin, und kein Mann in Frauenkleidung. Sie sucht einen Liebhaber, der ein Mann ist (Lindoro). Die Inszenierung entpuppt sich als Camp-Übung und nicht als ernsthafter Aufruf zur Befreiung, trotz alter Wochenschauen, die Demonstranten für die Befreiung von Homosexuellen, für Transsexuellenrechte oder für Drag Queens zeigen. Cucchi glaubt eindeutig, dass eine soziale Sache im Gegensatz zu Bieito eine Bedeutung hat, aber sie hat das falsche Mittel gewählt, um ihre Ansicht zu verbreiten. Italiana ist eine köstliche Opera buffa: Sie verspottet alberne „Türken” und italienische Männer (Taddeo), preist aber die Macht und Intelligenz italienischer Frauen. Es ist nicht La Cage aux Folles oder Priscilla, Queen of the Desert. Der Gesang war sehr gut. Daniella Barcelona ist mit 59 Jahren immer noch wunderbar, und die beiden Buffo-Bässe Giorgi Manoshvili und Misha Kiria waren in der Tat sehr gut. Der Tenor Josh Lovell hat eine liebliche tenore di grazia-Stimme, aber er hat einige hohe Töne ziemlich schlecht getroffen, und seine Stimme ist in seiner Arie im zweiten Akt gebrochen. Vielleicht war das alles nur ein Insider-Witz: Daniella Barcelona hat ihre Karriere in Travesti-Rollen verbracht, in denen sie als Mann verkleidet war. Können wir sie als „Drag King” bezeichnen?

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Rossini Opera Festival 2025: „La cambiale di matrimonio“/Szene/Foto Amati Bacciardi

Der dritte Abend war eine Art Doppelvorstellung. Die Einakter-Oper war Rossinis Cambiale di matrimonio, die mit vier Sängern kombiniert wurde, die die „Soirées Musicales” aufführten, eine Sammlung von zwölf Liedern, die Rossini in den frühen 1830er Jahren komponiert hatte. Dieser eher seltsame Abend versuchte nicht, eine Aussage zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema (Drag Queens) zu machen oder eine gesellschaftliche Unzufriedenheit wie Nihilismus auszudrücken. Er war einfach nur unterhaltsam und hat Spaß gemacht. Die Lieder wurden für diesen Anlass von Fabio Maestri orchestriert und vor dem Vorhang von vier jungen Sängern auf einfache Weise präsentiert: Vittoriana De Amicis, Andreas Niño, Paola Nevi und Gurgen Baveyan. In der Oper spielte der bekannte und lustige Buffo-Bass Pietro Spagnoli die Rolle des Tobia Mill und die exzellente Paola Leoci seine hübsche Tochter Fanni. Ihr Liebhaber Edoardo wurde von Jack Swanson gespielt, und der Kanadier Slook, der mit einem Bären im Schlepptau auftauchte, wurde von Matt Olivieri dargestellt. Ramiro Mataran und Inés Lorann waren die beiden Diener Norton und Clarina. Der ehemalige Tenor Laurence Dale inszenierte eine charmante, traditionelle und lustige Produktion. Auf der Bühne stand ein realistisches zweistöckiges georgianisches Londoner Reihenhaus, und die Sänger trugen historische Kostüme. Der einzige Misston war der Bär, der fast während der gesamten Oper auf der Bühne blieb und den Witz zermürbte. Christopher Franklin dirigierte.

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Wenn es ein Gegenmittel zur nihilistischen Zelmira gab, dann war es der letzte Teil der Messe für Rossini, Verdis „Libera me, Domine”, ein großer Schrei nach Freiheit und Sinn, gerichtet an ein kaltes Universum und gesungen von der großartigen Vasilisa Berzhanskaya. Das Universum mag nicht zuhören, aber der verzweifelte Schrei, eines der größten Werke Verdis, ist an sich schon eine Bestätigung der größten Aufgabe der Kunst – uns in der Weite von Zeit und Raum einen Sinn zu geben. Charles Jernigan/DeeplL/G. H.

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Salzburger Festspiele 2025: Counter-Gipfel. Noch nie gab es im Salzburger Festspielsommer eine derart hohe Beteiligung von Counter/Falsetisten wie in diesem Jahr. Schon in der Eröffnungsproduktion mit einem Barockwerk – Händels Giulio Cesare in Egitto -, mit dem der russische Regisseur Dmitri Tscherniakov sein Debüt in Salzburg gab, waren vier Vertreter dieser Stimmgattung besetzt. Ohne Zweifel führte sie der Franzose Christophe Dumaux als Titelheld an. Viele Jahre war er auf die Partie des Tolomeo abonniert, die er weltweit und bei allen großen internationalen Festivals gesungen hat. Für die Interpretation der Titelrolle hat er sich viel Zeit gelassen – mit dem Ergebnis einer bewundernswerten Vollkommenheit. Schon der Auftritt mit „Presti omai l´egizia terra“ war in seiner energischen Attacke fulminant, ähnlich rasant das Solo „Empio, dirò, tu sei“. Dazu kontrastierte das lieblich intonierte „Se in fiorito ameno prato“ mit imitierten Vogelstimmen zauberhaft und geradezu magische Wirkung hatte „Aure, deh, per pietà“ mit berückend schwebenden Tönen.

Ihm fast ebenbürtig der ukrainische Sänger Yuriy Minenko als Tolomeo, auch er eine Größe im internationalen Barock-Geschehen. Der Regisseur zeichnet ihn als fiesen, effeminierten Schurken und lässt ihn sein Entrée „L´ empio, sleale“ mit hysterischer Aggressivität vortragen. Aber Minenko kann später auch die Schönheit seines Timbres zeigen und mit einer kunstvollen Kadenz imponieren.

Salzburger Festspiele 2025: „Giulio Cesare“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Ein relativ neuer Name ist der italienische Sopranist  Federico Fiorio, der aber bereits an der Mailänder Scala aufgetreten ist und bei den jüngsten Festspielen Potsdam Sanssouci in Galuppis Didone abbandonata beeindruckte. Mir war sein Sesto bei aller zur Schau gestellten Virtuosität zu kindlich im Klang, ungeachtet der Tatsache, dass die Rolle einen Sänger mit jugendlicher Stimme verlangt. Wie alle Figuren in diesem unterirdischen Gefängnis ist auch er traumatisiert, allein die flatternden Hände bei „Svegliatevi nel core“ zeigen seinen pathologischen Zustand an. Später wird er eine Art Veitstanz aufführen und völlig die Kontrolle über seine Aktionen verlieren, was der Interpret mit bewundernswertem körperlichem Einsatz zeigt. Vierter Counter war der junge Amerikaner Jake Ingbar als Nireno mit auffallend klangvoller Stimme.

Gefeiert wurde Olga Kulchynska für ihre Cleopatra, mit der sie ein beachtliches Salzburg-Debüt gab. Optisch als billige Nutte eher abstoßend, gelang es ihr doch, die Gefühle für Cesare und ihre Ängste um sein Leben glaubhaft zu vermitteln. Die makellose Technik erlaubte ihr einen bravourösen Vortrag der fordernden Arien und auch die lyrischen Passagen gelangen ihr vortrefflich. Zwitschernd klang „Non disperar“, verführerisch „V´adoro, pupille“, tragisch umflort „Piangerò“ und gebührend bravourös „Da tempeste“. Einzig das recht anonyme Timbre versagt die Einordnung der Stimme in eine von Weltrang.

Gespalten. waren die Meinungen über die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot als Cornelia. Ihre Stimme mit maskulinem, extrem gutturalem Klang verfärbte sie bis zur Hässlichkeit. Die Ausbrüche bis zum veristischen Schrei verfehlten zuweilen nicht ihre Wirkung, waren aber kaum noch in die Kategorie Gesang einzuordnen. Echte männlich-tiefe Töne brachten der moldawische Bariton Andrey Zhilikhovsky als Achilla und Robert Raso vom Young Singers Project als Curio ein. Ersterer trumpfte bei „Tu sei il cor“ mit energischer, ausladender Stimme auf, während Raso die Rezitative resolut formulierte.

Das zentrale Thema des diesjährigen Festspielprogramms, Machtkampf und Krieg, war deprimierend, doch angesichts der aktuellen Weltlage nachvollziehbar. Und natürlich war es auch in dieser Eröffnungsproduktion präsent. Wie stets fungierte Tcherniakov als sein eigener Bühnenbildner und hatte im Haus für Mozart einen unterirdischen Bunker auf die Bühne gestellt, in welchen die Protagonisten geflüchtet waren und dort in klaustrophobischer Enge eingepfercht sind. Ihre Machtkämpfe setzen sie dennoch fort. Der Einheitsschauplatz evozierte eine szenische Eintönigkeit. Elena Zaytsevsas moderne Kostüme bewegten sich im sattsam bekannten Spektrum von Business-Anzügen, Lederjacken, Hoodies und einem pinkfarbenen Girly-Outfit für Cleopatra mit Felljacke und langer Perücke. Befremdlich waren einige Ideen des Regisseurs, wie Tolomeos versuchte Vergewaltigung der Cornelia, die sich ihm angeekelt entzieht, aber darauf ihren eigenen Sohn Sesto sexuell bedrängt und damit eine inzestuöse Neigung offenbart. Auch die permanente Korrektur ihres Make-up´s während der Trauergesänge um den ermordeten Gatten schien unpassend. An Komik grenzten der schier endlos verblutende Achilla und Sesto, der am Ende den Verstand verliert und in einen Wahnsinnstanz verfällt. Vorhersehbar, dass Tschernjakov auch dem lieto fine nicht traute. Alle singen von Freude und Lust, doch eine ohrenbetäubende Explosion zeigt unmissverständlich an, dass die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.

Mit alarmierendem Sirenengeheul begann die Aufführung auch akustisch verstörend. Aber dann setzte die Musik ein, welche Emmanuelle Haim mit ihrem Concert d´Astrée in aggressiver Härte und schonungsloser Dramatik erklingen ließ. Da waren die weichen Streichertöne, die ziselierten Gambenakkorde und feinen Bläserpassagen der Bühnenmusik ein wunderbarer Kontrast zu den fiebrigen, harsch pulsierenden Passagen. Aus dem Orchestergraben sang der Bachchor Salzburg (Einstudierung: Michael Schneider) und sorgte gleichermaßen für dramatische Effekte (wie im Schlachtruf „Mora Cesare, mora“) und versöhnliche Harmonie (wie im Finale „Ritorni omai nel nostro core“) – wenn dies auch von der Regie nicht bedient wurde. Aber musikalisch war diese Festspieleröffnung verheißungsvoll (14. 8. 2025).

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Salzburger Festspiele 2025: „Drei Schwestern“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Die Besetzungsliste einer weiteren Neuproduktion, Peter Eötvös´ Oper Tri Sestri (Drei Schwestern) (Uraufführung am 13. März 1998 in der Opéra de Lyon) wies gleichfalls vier Counter auf, dazu als komischen Verfremdungseffekt den orgelnden polnischen Bass Aleksander Teliga in einer Travestie-Rolle – der Amme Anfisa. Das Trio der drei hohen Männerstimmen in den Titelrollen sorgte in Salzburg für eine Sensation. Der Sopranist Dennis Orellana als Irina sowie die Counter Cameron Shabazi als Mascha und Aryeh Nussbaum Cohen als Olga hatten den Abend schon im Prolog für sich entschieden, wo sie in schlichten weißen Kleidern (Kostüme: Emma Ryott) an ihr bisheriges Leben erinnern und von einem Neuanfang träumen. Wunderbar vereinten  sich die drei Stimmen zu einem harmonischen Zusammenklang, getragen von der sphärischen Musik des ungarischen Komponisten, die 1998 uraufgeführt wurde. Der französische Dirigent Maxime Pascal breitete sie mit dem Klangforum Wien atmosphärisch aus, gab auch ihren winselnden, lärmenden Passagen gebührenden Raum. Alphonse Cemin leitete ein unsichtbares Orchester hinter der Bühne.

An Tschechows Schauspiel Drei Schwestern mit seinen intimen Kammerspiel-Szenen, mit seiner Bühne voller Birken darf man bei der Vertonung und bei der Inszenierung von Evgeny Titov nicht denken. Sie fügt sich ganz ein in das aktuelle Thema der Festspiele, zeigt eine apokalyptische Trümmerlandschaft aus geborstenem Beton und zerstörten Eisenbahnschienen im Nebel (Bühne: Rufus Didwiszus). Die Akteure müssen über riesige Gesteinsbrocken balancieren, wobei der vierte Counter, Kangmin Justin Kim in der Rolle der hysterischen und extravagant gewandeten Natascha, Andrejs Frau, dem Bruder der Schwestern, durch seine geradezu artistische Gewandtheit besonderes Aufsehen erregte. Die Hoffnung, welche Eötvös´ Musik auch innewohnt, atmet die Szenerie nicht. Der Krieg ist allgegenwärtig, wenn Soldaten mit den Utensilien des Kriegers die Bühne stürmen und Brände aufflammen. Die zugemauerten Arkaden der Felsenreitschule suggerieren zudem eine bedrückende Eingeschlossenheit.

Im Unterschied zum Schauspiel haben der Komponist und sein Librettist Claus H. Henneberg die Oper in drei Sequenzen aufgeteilt, in denen Irina, Mascha und Andrej aus ihren individuellen Blickwinkeln erzählen. Den Anfang macht Irina, die jüngste der Schwestern, der die Oboe zugeordnet ist und die von Baron Tusenbach (Mikolaj Trabka mit obertonreichem Bariton) geliebt wird. Orellana verlieh ihr einen feinen, träumerischen Sopranklang. Auch der Stabshauptmann Soljony (Anthony Robin Schneider mit sonorem Bass) liebt Irina, was zum Duell mit dem Baron führt, in dem dieser sein Leben verliert.

Die zweite Sequenz ist Andrej vorbehalten, der sich in Selbstvorwürfen quält. Seine Frau Natascha hat ein Verhältnis mit Protopopow (Henry Diaz), was der Choreograf Otto Pichler in einer Liebesszene pantomimisch umgesetzt hat. Der südafrikanischer Bariton Jacques Imbrallo zeigt sich als Andrej schonungslos nackt, so die Sinnlosigkeit seiner Existenz darstellend. Die Sequenz III ist Mascha vorbehalten, der die Klarinette gehört und die von dem Batteriekommandanten Werschinin (Ivan Ludlow mit potentem Bariton und starker Aura ) fasziniert ist. Der Abschied von ihm wegen seiner privaten Probleme ist für Mascha schmerzlich. Shahbazi bestach durch seine elegante, attraktive Erscheinung und die sinnliche, dunkel timbrierte Stimme. Der Bass Andrei Valentiy gab Maschas Ehemann Kulygin als skurrile Figur. An Irinas Namenstag erscheint er mit roter Clownsnase und langen Eselsohren, um ihr ein Geschenk zu machen. Valentiy formte daraus ein Kabinettstück und imponierte darüber hinaus mit seiner prachtvoll sonoren Stimme. Der dritten Schwester, Olga, ist keine Sequenz gewidmet, wohl aber ein Instrument – die Flöte.

Zwei Zeichen der Hoffnung setzte der Regisseur am Ende dennoch gegen Tristesse, Verzweiflung und Apokalypse.  Irina malt auf eine weiße Mauer mit Kohle einen Tunnel als möglichen Ausweg und  das Alte Mütterchen (Eva Christine Just) steigt aus ihrem Krankenbett, um von der vierstöckigen Schokoladentorte zu kosten. Selten gab es für eine zeitgenössische Oper solch euphorischen Jubel wie in der Felsenreitschule am 12. 8. 2025.

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Salzburger Festspiele 2025: „Maria Stuarda“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Für die Vielseitigkeit des diesjährigen Festspielprogramms stand auch die Inszenierung von Donizettis Maria Stuarda. Die 1835 uraufgeführte Tragedia lirica zeigte Regisseur Ulrich Rasche im Großen Festspielhaus als Machtkampf der beiden Königinnen Elisabetta und Maria. Jeder ist ein eigenes Reich zugeordnet, welches sie nie verlassen und auch in ihrem Duett die Trennung beibehalten werden. Rasche als sein eigener Bühnenbildner hat dafür zwei riesige drehbare Scheiben installiert, die auch kippen können und von unten illuminiert werden. Von oben senkt sich eine dritte Scheibe herab, welche als Leuchtkörper dient und zudem für die Projektion von Filmaufnahmen der Titelheldin (Video: Florian Hetz) genutzt wird. Umgeben werden die beiden Herrscherinnen von ihren Höflingen (Tänzer der Salzburg Experimental Academy), die sich in der Choreografie von Paul Blackman bewegen – zumeist gegen die Drehrichtung der Scheibe – oder im Gleichschritt marschieren, gegen Ende halbnackt und zunehmend gekrümmt erscheinen. Auch die beiden Regentinnen sind in ständiger Bewegung, um sich gegen die Drehung der Scheiben zu behaupten. Irgendwann ähnelt Elisabetta in ihrer gebeugten, gebrechlichen Haltung, sich mühsam vorwärts schleppend, gar einer Mutter Courage. Kate Lindsey, in Salzburg ein häufig gesehener Gast, gab sie mit strengem, stark gutturalem Mezzo, dem gelegentlich ein heulendem  Beiklang eigen war. In der Erscheinung imponierte die herrscherliche, stolze, hochmütige Aura, im Ausdruck ihre Energie und Entschlossenheit. Von Sara Schwartz zumeist in Schwarz gekleidet, ist sie ein starker Kontrast zu Maria ganz in Weiß. Lisette Oropesa, kürzlich bei ihrem Rollendebüt am Teatro Real in Madrid gefeiert, war eine empfindsame schottische Königin mit weichem, lyrischem Koloratursopran. Die Auftrittskavatine „Guarda: su´ prati appare“ besaß Süße und Leuchtkraft, die Cabaletta „O nube“ Verve und strahlende Spitzentöne. Tief empfunden war ihre Preghiera vor dem Tod auf dem Schafott, bei der sie in einem transparenten hautfarbenen Hosenanzug aus glitzerndem Stoff auftreten muss – ein absurder Einfall der Kostümbildnerin. Auch Antonello Manacordas forsche Leitung der Wiener Philharmoniker wurde gelegentlich zum Problem, wenn das auftrumpfende Orchester den Sängerinnen alle Reserven abverlangte. Mit seinem robusten Latino-Tenor hatte Bekhzod Davronov als Roberto keine Mühe, sich gegen die Wiener Musiker durchzusetzen. Zur Optik als jugendlicher Beau korrespondierten seine strahlenden Spitzentöne und die Italianità seines Vortrags. Der russische Bass Aleksei Kulagin gab den Talbot mit ausladender, körniger Stimme, Thomas Lehman den Cecil mit solidem Bariton. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Alan Woodbridge) sang aus dem Off, was gelegentlich zu Koordinationsproblemen mit dem Orchester führte. Das Publikum am 11. 8. 2025, mit der Interpretation von Belcanto-Opern in Salzburg nicht eben verwöhnt, feierte die Sänger ausnahmslos euphorisch.

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Salzburger Festspiele 2025: „Hotel Metamorphosis“/Szene/Foto Monika Rittrershaus/SF

Traditionell wurde eine Produktion von den Pfingstfestspielen Salzburg in das Sommerprogramm übernommen – in diesem Jahr Barrie Koskys schon im Juni gefeiertes Vivaldi-Pasticcio Hotel Metamorphosis. Michael Levine hatte die Geschichte in einem Hotelzimmer mit Doppelbett und variierenden Gemälden verortet, welche mythologische Szenen zeigen: Pygmalion und seine Statue, Arachne und Minerva, Myrrha, Echo und Narcissus, Orpheus und Eurydice. Die Geschichten stammen aus Ovids Metamorphosen, deren berühmteste die von Orpheus ist, den Angela Winkler im schwarzen Hosenanzug (Kostüme: Klaus Bruns) mit ihrer bekannt manierierten kindlichen Stimme sprach und dabei einige Konzentrationsprobleme offenbarte. Auch Pfingst-Prinzipalin Cecila Bartoli als Eurydice (im roten Kleid) und Arachne (im bunten Hosenanzug und Turban) brauchte eine Zeit, um ihre Form zu finden. Bei „Quell`augellin che canta“ aus La Silvia entzückte sie mit den imitierten, kichernden und gackernden Vogelstimmen, bei „Dite, oimè“ aus La fida ninfa beeindruckten der schmerzliche Ausdruck und die souveräne hohe Lage. Am Ende tritt sie noch einmal als Eurydice auf, nun im schwarzen Kleid, und imponierte mit langen Bögen bei „Sposa… son disprezzata“ aus Giacomellis Il Bajazet und „Gelido in ogni vena“ aus Il Farnace, bei dem die Stimme wie erfroren klirrte. Auch Philippe Jaroussky, ein Veteran in der Counter-Szene, offenbarte als Pygmalion und Narcissus stimmliche Defizite.  Überzeugend war aber der träumerische Klang in „Tu dormi in tante pene“ aus Tito Manlio.

Zum Star der Aufführung avancierte die französisch-italienische Mezzosopranistin Lea Desandre als Statua,  Myrrha und Echo. Als Myrrha brillierte sie mit der Bravour-Nummer „Agitata da due venti“ aus La Griselda (früher selbst ein Ganzstück der Bartoli), wozu das lyrisch gesponnene „Non ti lusinghi la crudeltade“ aus Tito Manlio ein schöner Kontrast war. Berührend auch die Arie „Sonno, se pur sei sonno“ aus dieser Oper, die Myrrha nach ihrer Verwandlung in einen Baum singt. Überwältigend schließlich Desandre als Echo mit der Arie „Zeffiretti che sussurrate“ aus Ercole sul Termodonte mit dem reizend imitierten Vogelzwitschern. Die Besetzung komplettierte die russisch-schweizerische Merzzosopranistin Nadezhda Karyazina als Minerva, Nutrice und Juno. Als Minerva begann sie mit wimmernder Fistelstimme, als Nutrice trumpfte sie mit „Nel ,profondo cieco mondo“ aus Orlando furioso energisch auf und als Juno berührte sie mit „Ho nel petto un cor si forte“ aus Il Giustino.

Il Canto di Orfeo (Einstudierung: Jacopo Facchini) hatte in mehreren Szenen Gelegenheit für klangvolle Auftritte („Dell´ aura al sussurrar“ aus Dorilla in Tempe oder mit dem finalen  „Sileant zephyri“).

Optisch wurde die Aufführung entscheidend geprägt von Otto Pichlers choreografierten Tanzszenen, die an seine Arbeiten in den Musicals an der Berliner Komischen Oper erinnerten. Vor allem zu Beginn des 2. Aktes mussten die Tänzer in bunten Röckchen und mit Blütenkränzen im Haar zur Sinfonia aus Dorilla in Tempe hopsen und kreischen. Im Finale sorgten sie beim Concerto grosso auf das „La Follia“-Thema von Geminiani immerhin für eine strengere Form. Exzellent war das orchestrale Niveau, das Gianluca Capuano mit Les Musiciens du Prince – Monaco bot. Ein reiches Farbspektrum schloss flirrende, harsche und klirrende Töne ein. Zu hören waren zärtliche, sinnliche und dramatisch explosive Momente, welche das Seelenleben der Protagonisten plastisch widerspiegelten. Das Publikum im Haus für Mozart am 13. 8. 2025 feierte die Interpreten anhaltend. Bernd Hoppe

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Quietschekuh und Rumpelkammer: Bayreuther Festspiele 2025 –  Die Meistersinger von Nürnberg unter Daniele Gatti und Tristan und Isolde unter Semyon Bychkov. Die rot-grün-bunte aufblasbare Kuh, deren durchgebogener Rücken und das nach oben gestreckter Euter die Nürnberger Festwiese überspannen, schwebt unantastbar über Jubel und Frohsinn, Schunkelei und Gruppentanz. Zwar hatte Beckmesser ihr kurzfristig die Luft rausgelassen, was zum Abbruch der Fröhlichkeit geführt hätte, doch Allkümmerer Sachs erkennt rechtzeitig die Notlage und verbindet Stecker und Kabel wieder. Das wäre auch zu schade gewesen. Das Bild wird in Erinnerung bleiben: eine Festwiese in quietschbunter 70er Jahre Optik als Mischung aus Volksfest und Vereinsabend, Musikantenstadl, Schlagerparade, Bauerntheater und Faschingssitzung mit zwei Merkel-Doubles, blond geschneckerlte Schlagerfuzzis, viel Volk in zünftigen Lederhosen und Dirndln. Und ganz viele Zipfelmützen, die an diesem Abend nie fehlen, als rote Vorgartenzwergmützen, fahle Narren- oder verzierte Faschingskappen.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Wie als Warnung wurde Regisseur Matthias Davids als Musicalregisseur angekündigt. Tatsächlich hat er seit 30 Jahren landauf landab an unterschiedlichsten Häusern gelegentlich Opern und Operetten, doch vor allem Musicals inszeniert. Und ich erinnere mich auch mal Gershwins Crazy for you von ihm gesehen zu haben. Gelernt hat er daraus ein Gefühl für Timing, die Mischung aus sentimentalen und leidenschaftlichen, aus kleinen und großen Szenen. Langweilig darf es nie sein. Das alles passt zu den Meistersingern, die Davids bewusst als Gegenentwurf zu Barrie Koskys und Katherina Wagners Geschichtsstunden und der jahrzehntelange Öde bei Wolfgang Wagners als – und das will bei den Längen der Schusterstube etwas bedeuten – nie langweiliges komödiantisches Entertainment bringt. Das war vielen zu leicht, zu heiter, zu oberflächlich. „Das Ganze war halt eine Farce und weiter nichts“, würde die lebenskluge Marschallin aus der anderen großen deutschen Musikkomödie sagen, die die Gefühlslage der Beteiligten erkannt hat. Oberflächlich ist Davids nie. Und die Bilder von Andrew Edwards bleiben in Erinnerung. Die sehr schmalen und sehr hohen, umsichtig mit einem Warnhinweis versehenen Stufen, die zu einem Kirchlein führen, aus dem anfangs die Kirchgänger strömen, angetan entweder in Trachten der Dürer- und Wagner-Zeit oder gar im modetrendigen Männerwickelrock. Auf der Fläche daneben treffen sich Eva und Stolzing erstmals. Er hat ein Herzchen aus Papierfliegern auf den Boden gelegt und flattert mit zwei Papierflügeln wie ein verliebter Teenager-Engel. Anschließend schwenkt die Handlung in das Innere eines Versammlungsraums. Im zweien Akt dann die bunt illuminierte, mittelalterliche Gasse mit den wie im Erzgebirge gedrechselten Häusern von Sachs und Pogner, samt Bäumchen von der Märklin-Eisenbahn und einer zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonzelle. Am Ende des Aktes bricht ein Pandämonium aus, die Bäume scheinen sich zu biegen, die Häuser rücken auseinander, die Dächer heben sich, eine wütende Prügelei beginnt, die zwischenzeitlich zwischen den Hauptbeteiligten im Boxring geführt wird. Und schließlich diese Festwiese, die aus der krähwinkelschen Enge in die Weitläufigkeit der gegenwärtigen Unterhaltungsbranche führt. Ähnlich bunt – und stillos würde manch einer meinen – hat Susanne Hubrich die Kostüme zusammengesucht als habe ganz Nürnberg im Second-Hand-Laden gewühlt, doch auch mit viel Sinn für aparte Kombinationen und Details bis hin zu dem Harlekins-Wams und den roten Socken des Sachs und seinen guten Maßschuhen, die er im dritten Akt trägt, oder den wechselnden Outfits des Beckmesser. Davids hat die Figuren eindringlich gezeichnet. Herrscht anfangs noch ein gestelzter Vorzeigeton mit demonstrativen und jedes Wort untermalenden Gesten, so gewinnen die Figuren langsam an Leben und Individualität, vor allem Stolzing und Eva wirken wie Zeitgenossen. Eva wird am Ende zur treibenden Kraft, schält sich aus der Festwiesendeko, in der sie wie ein aufgerüschter Hauptgewinn vorgeführt wird, verabschiedet sich von der Amme, gibt dem Vater die Preiskette, ergreift ihren Junker, der nach seiner Ablehnung der Meisterwürde von Sachs ausgiebig belehrt wurde und nun etwas hilflos herumsteht, und flieht ihm aus dem Treiben.

Bayreuth 2025: „Die Meistersinger von Nürnberg“/Szene/©Enrico Nawrath press

Auch Sachs selbst hat neben allen besserwisserischen Lehrer-Lämpel-Zügen grüblerisch selbstquälerische und durchaus selbstironische Momente. Wie Georg Zeppenfeld diese Entwicklung darstellerisch zeigt, ist großartig. Nicht weniger bewundernswert die, man muss schon sagen, vokale Bravour, mit der er trotz des etwas sehr beiläufigen Flieder-Monologs die Partie trägt und bis zu den Schlusssequenzen mit seinem klaren, hohen Bass und auch in der vierten Aufführung nie nachlassender Kraft (11. August) meisterlich durchleuchtet, auch wenn man sich eine opulentere, profundere Stimme vorstellen könnte. Zeppenfeld führt eine großartige Besetzung an, die es in dieser fabelhaften Geschlossenheit auf dem Grünen Hügel auch nicht alle Jahrzehnte gibt. Sachsens Sparringpartner ist Beckmesser, mit dem er nach dem Schlussgesang die endlosen Diskussionen weiterführen wird. Michael Nagy ist darstellerisch ebenso großartig, wobei ich es interessanter gefunden hatte, wenn die Regie auf einige klamaukige Züge verzichtet hätte und den aparten Sänger mit seinem schönen Kavaliersbariton als echten Konkurrenten zum favorisierten Ritter aufgebaut hätte. Der Ritter ist ein Dutt tragender Teddy im blauen Anzug. Michael Spyres singt den Stolzing mit edelzartem, groß aufblühendem Ton, goldenen Timbre, in jeder Lage speziellem Klang und endlosem Atem, schön phrasiert und textdeutlich und einer heldenhaften Leichtigkeit, wie wenn er nach „Parnass und Paradies“ noch Rossinis Koloraturen versprühen könnte. Da ist alles zwingend erfasst. Nach dem sehr guten, doch keineswegs überrumpelnden Wagner-Debüt mit dem Lohengrin im Vorjahr in Straßburg hat Spyres mit Stolzing seine ideale Wagner-Partie gefunden. Im Frühjahr geht es an der Met mit dem Tristan weiter. Dort hat Christina Nilsson kürzlich die Aida gesungen. Mit kühl gestähltem, fast schon dramatischem Sopran ist die junge Schwedin eine auffallende Eva, die sich in den Szenen mit Sachs im zweiten und dritten Akt nicht unterbuttern lässt, die Pep hat und das Quintett mit ruhigem Strahl und sattem Klang anführt. Ausgezeichnet der bestechend artikulierende, in der Höhe etwas verunsicherte und mit einem großen Spieltenor singende Matthias Stier als David. Christa Mayers schuf mit der Magdalene eine pralle Figur, unter den allesamt individuell gezeichneten Meistern fielen Daniel Jenz als Balthasar Zorn, Matthew Newlin als kettenrauchender Ulrich Eisslinger, Patrick Zielke als Hans Foltz und Jordan Shanahan als gemütlicher Kothner auf. Ein schwarzer Fleck: der eigentlich schön, doch klein, völlig unidiomatisch und unverständlich klingende Pogner des Jongmin Park. Und Daniele Gatti? Ihm eilt die Regie zur Hilfe, lässt über den betulichen und langsamen Anfang hinweghören, bis sein ausziseliertes Musizieren und die Sicherheit, mit der er Orchester und den etwas kleiner als früher besetzten Chor führt und steigert, im dritten Akt an Überzeugungskraft gewinnt. Am Ende grenzenloser Jubel, einige Buhs für den Dirigenten.

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Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Rätselhaft, dunkel, raunend tags zuvor die zweite von fünf Aufführungen von Tristan und Isolde (10. August). Die Inszenierung des isländische Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson, der mit Inszenierungen der Edda und Orestie, aber auch von Lohengrin 2014 in Augsburg und Parsifal 2023 in Hannover aufgefallen ist und prädestiniert für geheimnisvolle Urstoffe scheint, hatte im Vorjahr die kurzlebige Tristan-Inszenierung Roland Schwabs aus dem Jahr 2022 abgelöst. Isolde, die bald ihren Bräutigam Marke treffen wird, schleppt im wahrsten Sinn des Wortes einen immensen Ballast an Erinnerungen mit sich, der in Form des gewaltigen weißen Reifrocks, welcher sich wie eine Insel um sie herum ausdehnt und wallt, alles andere auf der nur wegen der herunterhängen Taue als Schiff erkenntlichen Bühne in den Hintergrund treten lässt. Ein Riss im Boden steht für den Riss in der Welt und die unerfüllte Sehnsucht der Liebenden. Das weiße Gewand, das Isolde wie einen Engel erscheinen lässt, ist bereits über und über beschrieben, und immer noch kritzelt die Tagebuchschreiberin Isolde weiter, ruft sich die zurückliegende Begegnung mit Tristan in Erinnerung, bei der sich beide ineinander verliebten: „Vergeltung“, „Rache“, „Tantris“ usw. Da braucht es keinen Liebestrank mehr, damit beide bei der Überfahrt von Irland nach Cornwall, wohin Tristan die Braut Isolde führen soll, neuerlich entflammen. Im undurchschaubaren Hantieren mit Liebes- und Todestrank ist es unwichtig, zu welchem Trank sie greifen. Um die beiden war es bereits geschehen, so das Regieteam im Programmheft, sobald Isolde sagt, „Er sah mir in die Augen“.

Ganz entfliehen können sie dem Ballast, der Vergangenheit und ihrer Geschichte nicht, wenn man die Anhäufung von Gegenständen, die ab dem Erscheinen Markes am Ende des ersten Aktes fortan das vom litauischen Bühnenbildner Vytautas Narbutas voll geräumte Schiffsinnere bestimmen, als eine solche Last nimmt. Es ist ein Lager oder Speicher, durch den dicke Röhren und Leitungen führen, angefüllt mit dem kulturgeschichtlichen Treibsand aus mehreren Jahrhunderten, Kruscht und Krempel, die wahllos und schwer zu erkennen durcheinanderliegen, Karyatiden, ein Röhrenradio, ein alter Globus, Büsten und Amphoren, Bilder, vielleicht eines von Caspar David Friedrich, das Ziffernblatt einer Comtoise, die Statue eines Kriegers. Das Vergangene lässt sich nicht wegräumen und bestimmt bis zu Tristans Fieberfantasien die Handlung. Im zweiten Akt verspielen sich Tristan und Isolde ein wenig mit dem Zeugs. Tristan erbittet von Isolde den tödlichen Schwertstoß, dem sie ihm einst verweigerte. Indem er schließlich selbstmörderisch zum Todestrank greift, entgeht er Melots Hieb. Im dritten wird Tristan auf einem der Stühle sterbend zusammenbrechen, die anderen, ohnehin zu Stichwortgebern reduziert, sinken auf den Lagern zusammen. Arnarssons Inszenierung lässt den Betrachter ratlos und verwirrt zurück.

Bayreuth 2025: „Tristan und Isdolde“/Szene/©Enrico Nawrath press

Es ist der große Abend des Semyon Bychkov, der die „Handlung in drei Aufzügen“ mit dem in Bestform spielenden Festspielorchester mit ausgepichter Klangdelikatesse aufdröselt, so detailverliebt, dass man scheinbar nie gehörte Details neu beachtet, dabei bei durchaus ausladenden Tempi von großer Spannung und Intensität bereits in der sich sehrend ballenden und steigernden Einleitung mit dem berühmten Tristan-Akkord. Sensibel leuchtet er, wie in der Einleitung zum dritten Akt, Farben und Nuancen vorimpressionistisch aus und gibt den zartesten Pianissimi Gehalt, kreiert zu Beginn des zweiten Aktes ein sensuelles Fluidum, in dem sich Camilla Nylunds schöner Sopran ebenso edel entfaltet wie im bemerkenswert sicher gesteigerten Liebestod, den Isolde mit dem Gifttrank herbeiführt; nur aus Liebe stirbt man eben doch nicht. Ihrem durch und durch lyrischen Sopran mag es im ersten Akt etwas an hochdramatischem Fundament fehlen, was vor allem neben dem brünstig lauten Andreas Schager auffällt, doch im zweiten Akt ist besticht sie durch einen ruhigen und sicheren Strahl und ein feines Piano bei verinnerlichtem Ausdruck und Gestaltung. Schagers Tristan ist bis zu den letzten „Isolde“-Rufen ein kämpfender, mit voller Kraft und ungeniertem Ausdruck singender und sich verausgabender Held, der sich nur selten leisere, dann ins Sprechen abgleitende Töne gestattet und sich lieber auf die pure Kraft seines robusten und metallisch schwingenden Tenors verlässt. Wirklich zusammen passen die beiden Stimmen nicht. Ekaterina Gubanova macht als Brangäne durch ihre gute Höhe bei merklich blassem Mezzosopran auf sich aufmerksam, Jordan Shanahan ist ein sympathischer Diener seines Herrn, Günther Groissböck gibt den Marke mit überzeugender Gestaltung und Ausdruck und einem bedenklich festgefahrenen Bass. Festspielwürdig der feinstimmige junge Seemann von Matthew Newlin und der Hirte des Daniel Jens, weniger der Melot des Alexander Grassauer. Rolf Fath

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Bad Wildbad: Otello mit Happy End beim 36. Rossini in Wildbad-Festival. Geballtes Programm. In zehn Tage hat Rossini in Wildbad diesmal alle Aufführungen und Konzerte gepackt. Das hat durchaus Reiz für anreisende Liebhaber, die nach der Eröffnung mit der Petite Messe Solennelle auf dem Baumwipfelpfad an verlängerten Wochenenden vormittags und abends La Cenerentola, die einzige aktuelle szenische Neuinszenierung, oder den Einakter L’inganno felice genießen können. Oder die Klavieroper Un avvertimento ai gelosi des legendären Rossini-Tenors und Gesangslehrers Manuel Garcia, von dessen Gelegenheitsstücken für seine Gesangsschüler das Festival bereits einige aufgeführt hat. Alle drei im Königlichen Kurtheater. Dennoch wirkt das diesjährige Angebot sparsam und ausgedünnt. Die große Rarität, die Grand opéra Pierre de Médicis des Józef Michał Ksawery Poniatowski (1816–1873), fand als einmalige konzertante Aufführung statt. Der in Rom geborene Großneffe des letzten polnischen Königs war als Sänger, Komponist und Diplomat ein Kosmopolit. Er lernte Rossini in Paris kennen, wo er sich 1853 niederließ, ab 1873 das Théâtre Italien leitet und seine Oper Pierre de Médicis (1860) in der Opéra Le Peletier zur Uraufführung brachte.

„Baritenor“ Manuel Garcia Vater als Rossinis Otello von 1816/Wikipedia

Auch die die zweite Rarität, Rossinis Otello in einer bislang in modernen Zeit nicht aufgeführten Fassung aus Rom von 1820 mit Happy End, erlebte nur eine konzertante Aufführung. Unvergessen die Aufführung des Otello beim 20. Rossini in Wildbad-Festival im Juli 2008 mit Jessica Pratt und Michael Spyres (Naxos 8.660275-76), die beide vom Enztal aus ihre Karriere starteten. Nun übernahm Francesco Meli, der sich Ende 2024 in Venedig erstmals an Verdis Otello getraut hatte, die Titelrolle; versierte Rossini-Tenöre würden den Weg andersrum wählen. Meli leitet übrigens das Opernstudio des Teatro San Carlo in seiner Geburtsstadt Genua, von dem die Produktion von Un avvertimento ai gelosi stammt. Diana Haller, die hier schon von Tancredi bis Isolier vielfach reüssiert hat und mittlerweile auch Sopran-Partien (Elettra) singt, ist erstmals die Desdemona. Die verbindende Konstante wäre Antonino Fogliani gewesen, der offenbar in vorletzter Minute durch Nicola Pascoli ersetzt werden musste, der sich im Vorjahr bei Michele Carafas Masaniello mit der heiklen Akustik der schmalen und langgestreckten Trinkhalle vertraut gemacht hatte.

Otello war nach Elisabetta, regina d’Inghilterra die zweite der neun ernsten Opern, die Rossini für das Teatro San Carlo in Neapel schrieb. Er war 23 Jahre alt, als ihn Domenico Barbaja 1815 zum musikalischen Leiter der beiden Königlichen Theater Neapels, des Teatro San Carlo und des Teatro des Fondo, ernannte mit der Auflage jedes Jahr zwei Opern zu schreiben. Für das San Carlo, das am prächtigsten ausgestattete Theater Italiens, schuf er fortan seine experimentierfreudigsten Seria-Opern. Der Vertrag erlaubte Rossini auch umfangreich für andere Theater zu arbeiten. Als er nach Il Barbiere di Siviglia in Rom nach Neapel zurückkehrte, hatte ein Feuer das Teatro San Carlo Opfer zerstört, weshalb der unliebsame – „Ich erinnere mich nicht, mich jemals so abgemüht zu haben“, schrieb er nach Hause –und vielfach verschobene Otello am 4. Dezember 1816 im kleineren Teatro del Fondo uraufgeführt wurde. Das Libretto des Francesco Berio di Salsa wurde so lange belächelt, bis man feststellte, dass sich der literarisch gebildete Marchese nicht direkt auf Shakespeare bezogen hatte und in den 1970 Jahren zeitgenössische Shakespeare-Adaptionen von Jean-François Ducis (1792) und Giovanni Carlo Baron Cosenza (1813) als Quellen ausgemacht wurden. Der dritte Akt mit dem Lied des Gondoliere, der Canzone des Desdemona und dem gegen den Sturm ankämpfenden einzigen Duett, das Desdemona und Otello haben, entspricht dagegen Shakespeares Drama.

Davon entfernte sich Rossini in seiner für die Karnevalssaison 1819/20 bestimmten Fassung mit Lieto fine, also einem Happy End, für das Teatro Argentina in Rom, die am 26. Dezember 1819 ihre erste Aufführung erlebte. In dieser Fassung versucht Desdemona Otello von Jagos Intrige zu überzeugen, der aus Rache für ihre Zurückweisung Otellos Eifersucht angefeuert habe. Zögernd lässt Otello seinen Dolch fallen. Der Doge kommt. Otello erfährt, dass der Nebenbuhler Rodrigo das gemeinsame Duell, mit dem der zweite Akt geendet hatte, überlebt hat und Jago seine Intrige zugegeben hat. Der Bösewicht wird zum Tod verdammt. Elmiro akzeptiert Otello als Schwiegersohn.

Rossinis römischer „Otello“ von 1819 in Bad Wildbad 2025/Foto Magdalena Kiwior

Das Festival nennt es eine moderne Premiere. Das Label Opera Rara hat bei seiner Otello-Einspielung 1998 diese Fassung als Anhang berücksichtigt, beim Festival della Valle d’Itria in Martina Franca war im Jahr darauf eine seltsame Mischfassung mit diesem Finale zu hören. Doch Rossini in Wildbad kann tatsächlich die Moderne Erstaufführung der vollständigen Fassung für Rom für sich beanspruchen. Die Änderungen, für die Rossini bereits vorhandene Stücke anpasste, sind umfangreicher als es zunächst den Anschein haben mag und rücken das Paar Desdemona und Otello stärker in den Mittelpunkt: Statt ihres Duetts mit Emilia, mit dem Desdemona im ersten Akt quasi als scheues Mädchen eingeführt wird, erhält sie nun eine Kavatine mit Chor (Quanto è grato all’alma mia), die aus der Elisabetta stammt und einer ersten Sopranistin würdig ist. Für das entfallene Duett wird Emilia zu Beginn des zweiten Aktes durch die Arie entschädigt, welche die Vertraute Isaura in Tancredi gesungen hatte (Tu che i miseri conforti).

Die junge Mezzosopranistin Verena Kronbichler polierte das lähmende Füllsel zum vokalem Juwel auf. Rodrigos hochvirtuoses, brillantes Showstück fällt dagegen weg. Neu ist vor seiner Begegnung mit Jago eine Szene des Otello, die aus Cimarosas Penelope stammt (Smarrita quest’alma). Im dritten Akt verzichtet Rossini auf das hübsche Lied des Gondoliere mit seinen Dante-Versen und lässt die Liebenden nach Desdemonas Weidenlied und ihrem Gebet im Duett aus Armida (Amor! Possente nome) mit dem hymnischen Schlussteil Cara per te quest’anima wieder zueinanderfinden. Ein kurzer Rundgesang aus Ricciardo e Zoraide besiegelt das glückliche Ende (Or più dolci intorno al core). Die kleinen Partien des Lucio und Gondoliere entfallen, der Chor ist ein reiner Männerchor. Gianmarco Rossini, hat, wie er in seinem Revisionsbericht darlegt, weit mehr Quellen aufgetan als sie bei der Herausgabe der Kritischen Edition der Fondazione Rossini berücksichtigt wurden.

Dieser Otello ist nicht den umfassenden Mosè in Egitto und Maometto-Überarbeitungen für Paris vergleichbar, dennoch ist er ein neues Stück, das Nicola Pascoli mit Begeisterung und Temperament in die Trinkhalle stemmte, wobei ihm das ungestüm aufspielende Orchester der Krakauer Szymanowski-Philharmonie mit Leidenschaft folgte. Auch wenn manche Feinheiten der Lautstärke zum Opfer fielen, gelang es dem Orchester auf die zahlreichen instrumentalen Solomomente hinzuweisen, gelegentlich fehlende Innenspannung und Dichte ersetzte Pascoli durch effektvoll gesteigerte Finali, in denen der Chor der Szymanowski-Philharmonie durch fabelhafte Tenöre auffiel. Die Besetzung war gediegen. Francesco Meli, der Otellos Sieg Vincemmo, o prodi gleich mit der Kraft und dem bronzenen Edelmetall eines Verdischen Esultate verkündete, tat sich nicht leicht, seinem schweren und etwas angedickten Ton die nötige Geschmeidigkeit und Eleganz zu geben oder ein schönes Piano zu singen und setzte durchgehend auf einen massiven und einförmigen Ausdruck. Meli, den man kaum noch mit dem Belcanto-Repertoire und den Rossini-Partien der Anfängerjahre, die er vor rund 15 Jahren langsam hinter sich gelassen hat, in Verbindung bringt, wird diesen neuerlichen Versuch mit Rossini vermutlich so schnell nicht wiederholen, doch Respekt, wie er sich die Partie, mit der er gegen Ende merklich zu kämpfen hatte, zu eigen machte und aus den Rezitativen alles rausholt.

Souverän und triumphierend, wie eine Königin der Trinkhalle, sang Diana Haller mit einer von den runden Tiefen bis zu den aufblitzenden Höhen durchgehend schön verblendeten Stimme eine leidenschaftlich glühende Desdemona, die heftig und selbstbewusst mit manchmal etwas harschem Tonsatz für ihre Liebe kämpft und dabei seelenvolle Töne für das Weidenlied und das Gebet findet. Juan de Dios Mateos war mit seinem leichten hohen, doch auch etwas unruhigen Tenor ein eher larmoyanter denn kämpferischer Rodrigo, der chinesische Tenor Anle Gou gab dem Jago hell durchdringende Spitzentöne, als Elmiro bestach der souveräne Nathanaël Tavernier durch wohltuende Bassautorität in den Ensembles.  Rolf Fath

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Österreich – Graz: Die 40. Styriarte mit dem Motto Raum & Klang. Die steirischen Festspiele feierten in diesem Jahr ein stattliches Jubiläum, wenn auch überschattet durch die jüngsten erschreckenden Ereignisse in der Stadt. Im  Eröffnungskonzert am 20. 6. 2025 in der Helmut List Halle gedachte man dann auch mit einer Schweigeminute der Opfer. In einer Fotoausstellung im Foyer wurden 40 Bilder gezeigt, welche an die beteiligten Künstler erinnerten, vor allem natürlich an Nikolaus Harnoncourt, den Pionier des Unternehmens. Es war eine treffliche Idee, das Programm mit Johann Sebastian Bachs Partita in d, BWV 1004 für Violine solo zu beginnen – mit Thomas Zehetmair als Interpret, der dieses Werk schon beim 1. Konzert der Styriarte 1985 im Schloss Eggenberg gespielt hatte. Er fungierte dann auch als inspirierender Dirigent des Styriarte Festspiel-Orchesters bei Mozarts Sinfonia concertante in Es, KV 364 und der Sinfonie Nr. 41 in C. KV 551 „Jupiter“.

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Schloss Eggenberg war am nächsten Abend auch der Schauplatz für die diesjährige Opernproduktion – Antonio Draghis Ballettoper Gl´incantesimi disciolti, die 1673 im Schloss Eggenberg anlässlich der Hochzeit von Kaiser Leopold I. mit Erzherzogin Claudia Felizitas von Tirol  aufgeführt wurde. Draghi war Hofkomponist des Kaisers und verarbeitete im Stück auch die Intrigen, welche sich im Vorfeld der Vermählung am Wiener Hof ereignet hatten und den Bund fast verhindert hätten. In der von ihm erdachten Geschichte verlieben sich das Glück und der Gute Wille, werden aber durch den missgünstigen Neid sowie Selbstsucht und Lüge verhext und kommen erst durch die Zuneigung und den zur Vernunft geläuterten Neid zum glücklichen Ende.

Im prachtvollen Planetensaal des Schlosses hatte Dramaturg Thomas Höft eine deutsche Fassung unter dem Titel Das verwunschene Glück erstellt – eine freie Übersetzung des originalen Aufgelöste Zaubereien. Sein szenisches Arrangement wurde dominiert durch Lilli Hartmanns fast lebensgroße Handpuppen, die den allegorischen Figuren zugeordnet waren und entfernt am Arcimboldos Gemälde mit den Köpfen aus Früchten und Gemüse erinnerten. Geführt wurden sie von den Sängern und vier Tänzerinnen, die in der Choreografie von Mareike Franz pantomimische Episoden ausführten, zuweilen an den Ausdruckstanz der 1930er Jahre erinnerten und mit hüpfenden, zappelnden, hopsenden Figuren auch banales Vokabular auszuführen hatten. Die Optik war durch diese verschiedenen Elemente etwas überladen, zumal in diesem mit Gemälden reich dekorierten Saal – hier wäre eine Reduzierung vorteilhafter gewesen.

Die Aufführung hatte ihre Meriten durch das farbenreiche musikalische Klangbild, welches Michael Hell als Dirigent am Cembalo mit dem Ensemble Ärt House 17 verantwortete. Da die originale Partitur nur in Teilen erhalten ist und die bei der Uraufführung gespielten Ballettmusiken gänzlich verloren sind, hat Hell Instrumentalmusiken von zeitgenössischen Komponisten eingefügt. Diese Intermezzi von Biber (eine Sinfonia), Schmelzer (eine Gigue) und Rittler (eine Ciaconna) bringen rhythmisch prägnante Momente, Trompetengeschmetter und festlichen Fanfarenglanz ein, bedeuten zweifellos eine Bereicherung des musikalischen Kosmos.

Styriarte 2025: Antonio Draghis Oper “ Gl´incantesimi disciolti“/Szene/Foto Nicola Milatovic

Auf recht unterschiedlichem Niveau singt die Besetzung. Dominiert wird sie von den beiden Sopranen. Die junge Johanna Rosa Falkinger erfreut als Glück mit klangvoller, leuchtender Stimme, während die gestandene Sophie Daneman als Lüge noch immer mit souveränem Vortrag und makellosen Koloraturen besticht. Reizvoll dunkel timbriert ist der Mezzo von Anna Manske als Neid, der sich später in die Vernunft wandelt. Kraftvoll-energisch trumpft Julian Habermann als Zuneigung auf, während die beiden Veteranen der Gesangsszene – Markus Schäfer als Selbstsucht und Dietrich Henschel als Guter Rat – mit überreifen, teils verquollenen oder matten Stimmen Wünsche offen lassen. Das Publikum applaudierte begeistert, dankbar für diese Wiederentdeckung einer barocken Preziose. Bernd Hoppe

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Potsdam-Sanssouci: Grand Tour bei den Musikfestspielen.  Alljährlich bieten die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci ein attraktives Programm unter einem originellen Motto. Diesmal lautet es vom 13. bis 29. Juni Grand Tour und widmet sich dem Reisen in die Musikmetropolen von London über Paris und Wien bis Venedig. Gleich das Eröffnungskonzert am 13. 6. in der Friedenskirche mit dem Thema Dr. Burneys Reiseführer erinnerte an den britischen Organisten und Komponisten Charles Burney, der zwei ausgedehnte Reisen auf den Kontinent unternahm, um das Musikleben der einzelnen Länder kennenzulernen. Der zweite Ausflug 1772 führte ihn auch nach Berlin und Potsdam.

Das Konzert mit dem polnischen, auf Alte Musik spezialisierten Ensemble (oh!) ORKIESTRA unter Leitung seiner Gründerin Martyna Pastuszka offerierte ein anspruchsvolles und abwechslungsreiches Programm, das die einzelnen Reise-Etappen nachzeichnete. Der Auftakt mit der Ouvertüre zu Carl Heinrich Grauns Oper Catone in Utica     führte nach Berlin, wo dieser Komponist das Musikleben. der deutschen Hauptstadt maßstäblich bestimmte. Mit seiner Oper Cleopatra e Cesare wurde das Opernhaus Unter den Linden, das Friedrich II. hatte erbauen lassen,  1742 festlich eröffnet. Die Ouvertüre dazu erklang im 2. Teil und weckte lebendige Erinnerungen an die Aufführung unter René Jacobs in der Staatsoper 1992, welche die beliebten Barocktage des Hauses eröffnete. Beide Titel Grauns demonstrierten den musikantischen Schwung des Orchesters und dessen exzellentes spielerisches Niveau. Auch das Flötenkonzert G-Dur von Johann Joachim Quantz, den Burney in Berlin getroffen hatte, war ein Verweis auf die preußische Metropole. Die namhafte Flötistin Laura Quesada brillierte mit ihrem virtuosen Vortrag – heiter-beschwingt im Allegro assai, träumerisch-empfindsam im Arioso e mesto und brillant im Presto.

Vokalsolist des Abends war der renommierte Countertenor Max Emanuel Cencic, der eine reich gefüllte Pralinenschachtel öffnete und eine Preziose nach der anderen servierte. Der Beginn mit der Arie „Sol da te“ aus Antonio Vivaldis Orlando furioso führte nach Venedig, wo das Werk 1727 uraufgeführt wurde. Die Nummer ist ein Dialog zwischen Instrument und Stimme. Laura Quesada an der Traversflöte war dem Sänger eine inspirierende Partnerin. Der Counter ließ eine runde und warme Stimme von hoher Kultur hören. Imponierend waren die großen Atemreserven, die ihm lange Bögen ermöglichten. Noch eindrucksvoller war sein zweiter Beitrag – die berühmte Arie „Va tacito“ des Giulio Cesare aus Händels gleichnamiger Oper, womit die Reise zurück nach London führte. Hier war der Hornist Bart Aerbeydt der kompetente Partner im musikalischen Dialog. Cencic fühlte sich in diesem höher notierten Stück hörbar heimisch, sang mit Aplomb und Verve und variierte das Da capo spannungsreich. Ein Werk Händels, Flavio. Re de´Langobardi, 1723 in London uraufgeführt, markierte auch den virtuosen Schlusspunkt des offiziellen Programms. Cencic hatte es 2023 bei seinem Festival Bayreuth Baroque inszeniert und selbst die Partie des Guido, von Senesino kreiert, gesungen. In dessen Arie „Rompo i lacci“ setzte Cencic energische Akzente, imponierte mit stupenden Koloraturgirlanden und schoss im Da capo effektvolle Raketentöne ab. Das Orchester sorgte mit seiner Affekt betonten Begleitung für große Wirkung, hatte darüber hinaus in zwei Stücken Gelegenheit, Abstecher nach Wien und Prag zu unternehmen. Für ersteren diente die Sinfonia G-Dur von Karl (oder Joseph?) Kohaut – beschwingt im Allegro assai, elegisch-sanft im Andante und hurtig eilend im Presto. In Böhmen war Josef Myslivecek einst gefeiert, bis der Erfolg ausblieb und er in Italien Karriere machte. Seine Sinfonie G-Dur ist anfangs von pastoraler Stimmung, findet aber im Prestissimo zu einem ausgelassenen Finale.

Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, mit dessen Werk sich der Sänger seit langem beschäftigt, hatten nach Neapel und Dresden geführt. Tigrane wurde 1729 am Teatro San Bartolomeo von Napoli uraufgeführt. „Solca il mar“ des Titelhelden ist eine Gleichnis-Arie, welche die Gefahren des tobenden Meeres beschreibt. Entsprechend stürmisch ist der Gesangsduktus, entsprechend halsbrecherisch sind die Koloraturen. Nicht weniger glanzvoll meisterte der Solist die Arie des Aminta „Siam navi all´onde algenti“ aus L´Olimpiade, die 1756 am Dresdner Hoftheater zur Premiere kam. Nicht fehlen in der Auswahl durfte Nicola Antonio Porpora. Der große Konkurrent Händels in London brachte 1733 seine Arianna in Nasso heraus – vier Wochen vor der Arianna in Creta seines Rivalen. Cencic beeindruckte mit der getragenen Arie des Teseo „Nume che reggi il mare“. Effektvoller waren freilich die beiden Zugaben aus Händels Poro – „Vedrai con tuo periglio“ und „Senza procelle ancora si perde“. Den Titelhelden der Oper hatte bei der Uraufführung in London 1731 der berühmte Kastrat Senesino gesungen. Entsprechend hoch sind die virtuosen Ansprüche der beiden Arien und Cencic konnte damit seinen Auftritt glanzvoll krönen.

Das Eröffnungskonzert, dessen Mitwirkenden vom Publikum in der ausverkauften Friedenskirche begeistert gefeiert wurden, war ein stimmungsvoller Auftakt auf zwei Wochen Festspiele, die noch manche Rarität offerieren.

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Prinzipalin und Dirigentin Dortothée Oberlinger in Potsdam 2025/Foto Stefan Gloede

Liebeswahnsinn: Immer wieder bewundert man den Spürsinn und die Entdeckerfreude der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci mit ihrer Künstlerischen Leiterin Dorothee Oberlinger. In diesem Sommer wartete man mit einer besonderen Rarität auf – einem Werk des 1654 geborenen Komponisten Agostino Steffani, der in Hannover als Hofkapellmeister wirkte. Im Schlossopernhaus der Stadt wurde 1691 sein Orlando generoso uraufgeführt, der nun in der Pflanzenhalle der Orangerie als die diesjährige szenische Produktion der Festspiele erklang. Das Libretto von Ortensio Mauro fußt auf Ariostos Epos Orlando furioso und erzählt von Paaren, die sich nicht finden können. Da sind Ruggiero und Bradamante, deren Heirat der mächtige Magier Atlante verhindern will, sowie die chinesische Prinzessin Angelica, Tochter des Galafro, und ihr heimlicher Geliebter Medoro. In sie ist hoffnungslos auch Orlando verliebt, was den Titelhelden zunehmend in den Wahnsinn treibt. Das Stück ist voll von den in Barock-Opern üblichen Verwirrungen und Verstrickungen, was das Verständnis der Handlung nicht eben erleichtert.

Die deutsch-britische Regisseurin Jean Renshaw hat das Geschehen in die Gegenwart verlegt, jedes historische Kolorit und jeden exotischen Zauber vermieden. Dafür sind Smartphones und moderne Schusswaffen im Einsatz. Die spartanische, stimmungsarme Bühne des Ausstatters Alfred Peter zeigt zwischen zwei weißen Wänden mit je einer Tür, welche mit In und Out gekennzeichnet sind, einen Tisch, der zum Schauplatz brutaler Attacken wird. Dafür ist neben Galafro vor allem Brunello (Martin Dvorák) zuständig – ein Tänzer, der mit seiner Partnerin Melissa (Katharina Weidenhofer) auch für die Choreografie voller bizarrer  Körperverrenkungen zuständig war. Für diese tänzerischen Intermezzi dienten andere Kompositionen Steffanis – die Sonate da camera à 3  und Auszüge aus seiner Oper Niobe, regina di Tebe, welche 2010 an der Covent Garden Opera London eine glanzvolle Aufführung erlebte.

Steffanis „Orlando generoso“ in Potsdam 2025/Szene/Foto Stefan Gloede

Dorothee Oberlinger hat mit ihrer musikalischen Assistentin Olga Watts und der Regisseurin das Aufführungsmaterial für die gespielte Fassung erstellt. Sie dirigiert ihr ENSEMBLE 1700, das hinter der Spielfläche postiert ist und Steffanis vielfarbige Musik mit ihren herrlichen Duetten, den klagenden Arien und der reizvollen Instrumentation zum Klingen bringt. Tänzerisch beschwingt und mit federndem Rhythmus sind die Intermezzi besondere Höhepunkte der Aufführung.

Die exemplarische Besetzung verleiht der Produktion einen Ausnahmerang. Die Sänger in Uniformen, Business-Anzügen oder Abendkleidern, zunehmend verschmutzt oder blutverschmiert, agieren mit gespannter Intensität und bis an die Grenze gehender körperlicher Verausgabung. Mehr als die Regie tragen sie den über dreistündigen Abend mit ihrem darstellerischen Einsatz und dem expressiven Gesang. Der renommierte Countertenor Terry Wey als Titelheld konnte schon in dessen Auftrittsarie „In quest´alma“ den seelischen Konflikt der Figur plastisch umreißen und zudem mit bravourösen Koloraturgirlanden brillieren. Furios seine „Furien“-Arie, die vom Orchester mit spannenden Affekten begleitet wird, von starker Wirkung sein letztes, auftrumpfendes Duett mit Angelica, welches das Orchester mit stampfendem Rhythmus untermalt. Kontrastreich dazu gab er den zahlreichen Lamenti der Partie innige Empfindung und eine wunderbar schwebende Gesangslinie. In der Parade der Counter hinterließ auch der Däne Morten Grove Frandsen als Ruggiero einen glänzenden Eindruck. Die klangvolle Stimme harmonierte perfekt in den Duetten mit Bradamante und Angelica, bewältigte auch die vehemente „Gelosia“-Arie souverän. Der spanische Counter Gabriel Díaz als Galafro sang den Tyrannen mit gebührend reifer Stimme. Am Ende, wenn Bradamante und Ruggiero sich getrennt haben und seine Tochter mit Medoro fortgegangen ist, bleibt er verwirrt und allein zurück – eine zeitgemäße Deutung des lieto fine, die auch nicht der festlichen Musik mit dem Schlusschor „Amanti fortunati“ und der beschwingten Chaconne en rondeau entspricht.

Agostino Steffani/Gemälde von Ludovico Kapper/Wikipedia

Die exzellente Sopran-Riege wurde angeführt von der Französin Hélène Walter als Angelica, deren obertonreiche, innige Stimme die Figur eindrücklich profilierte. Ihr dramatisches Vermögen gestattete ihr auch beeindruckend extrovertierte Momente. Nicht nach stand ihr Shira Patchornik aus Israel als Bradamante mit exzessivem Engagement und totalem stimmlichem Einsatz. Fulminant ihre Attacke in der Arie „Troppo rapido“, berührend die Empfindsamkeit in „S´hò perduto ogni mio bene“. Von androgyner Erscheinung und ebensolchem Mezzo-Timbre war Natalia Kowalek eine ideale Interpretin für die Partie en travestie des Medoro. Auch ihre Arien  bewegten sich in extremen Gefühlszuständen und wurden mit entsprechend leidenschaftlichem, erregtem, rasendem Ausdruck sowie reicher Farbpalette interpretiert. Imponierende bassprofunde Töne brachte Sreten Manojlovic als zynischer Atlante ein. Sein gewaltiges stimmliches Potential gab den  Arien „Non voglio cedere“ und „Ombre del cieco abisso“ grandiose Wirkung. Am Ende der 2. Vorstellung am 24. 6. 2025 (nach der Premiere am Vorabend) feierte das Publikum das Ensemble anhaltend – dankbar für die Wiederentdeckung einer Rarität und beglückt über das musikalische Niveau. 

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Noch eine Sternstunde: Auch die zweite Opernproduktion im diesjährigen Festspielprogramm widmete sich mit Baldassare Galuppis Didone abbandonata einer Rarität. Der Stoff um das Liebespaar Dido und Aeneas ist mit dem Libretto von Metastasio (nach Vergils Aeneis) viele Male vertont worden, darunter von Porpora, Vinci, Hasse und Jomelli. Die bekanntester Version ist jene von Henry Purcell, die allerdings auf einem Libretto von Nahum Tate fußt. Metastasio schrieb seinen Text 1724 und bearbeitete ihn für den spanischen Hof in Madrid 1752 auf Bitten des Kastratenstars Farinelli neu. Auch Galuppi, dessen Urfassung 1740 in Modena ihre Premiere erlebte, stellte eine Neuvertonung vor, die am 28. 6. 2025 im Nikolaisaal in konzertanter Form als Version Madrid 1752 erklang.

Baldassare Galuppi/Wikipedia

Das Ensemble NEREYDAS musizierte unter seinem Gründer Ulises Illàn mit hinreißendem Elan, hoher musikantischer Kultur und reichem Farbspektrum. Markante  orchestrale Höhepunkte waren die einleitende dreiteilige Sinfonia mit dem lebhaften Presto, dem kantablen Andante und dem beschwingten Non tanto allegro, die pompöse Marcia und die stürmische Sinfonia im 3. Akt, die gleich einer battaglia vorüber fegt sowie die stürmische Sinfonia per l´incendio mit dem effektvollen Einsatz von Donnerblech und Windmaschine.

Wieder war eine exemplarische Besetzung zu erleben, die keine Schwachstelle aufwies und einige spektakuläre Interpreten offerierte. Deren Sensation war für mich der amerikanischen Tenor Joshua Sanders als maurischer König Iarba – eine veritable Idomeneo-Stimme mit kultiviertem Vortrag und vielfarbiger Klangpalette. Die furiose, vom Orchester vehement begleitete Arie im 1. Akt „Non ho pace“ zeigte seine auftrumpfende Attacke, wie auch die Arie „Fosca nube“ im 2. Akt einen fulminanten Schwung. Höhepunkt seiner Interpretation war die triumphale, von Trompeten begleitete Arie „Cadrà fra poco in cenere“ am Schluss, welche brausende Meereswogen. und tobende Stürme suggeriert. Und der Sänger erschien sogar ganz am Ende noch einmal als Meeresgott Nettuno, der mit seiner Arie „Tacete, o mie procelle“ die Oper feierlich beschließt.

Den bravourösesten Auftritt hatte der Sopranist Federico Fiorio als Enea zu absolvieren. Er ist kein Unbekannter in Potsdam, hatte er doch schon im Vorjahr in der Aufführung von Grauns Adriano (der gerade als CD erschienen ist) mitgewirkt. Bei Purcell ist die Rolle einem Bariton anvertraut, was eine männlichere Wirkung  evoziert, als das einer hohen, hellen Sopranstimme möglich ist. Aber die technischen Fertigkeiten des Sängers und sein bis in die Extremhöhe gerundeter Klang nötigten Bewunderung ab. Auf das Schönste entfaltete sich die Stimme in der klagenden Arie „Tormento il più crudele“ und Atem beraubend in der Aria di bravura „A trionfar mi chiama“. Pompös eingeleitet mit Pauken und wirbelnden Streicherfiguren, konnte der Sänger hier mit Koloraturen, staccati und Extremtönen in der Höhe ein Feuerwerk an Virtuosität entfachen. Prominentester Vertreter in der Solistenriege war der italienische Counter Filippo Mineccia als Osmida, Vertrauter der Königin Didone. Auch er kein Unbekannter in Potsdam wie bei vielen anderen internationalen Festivals, bedauerte man bei ihm am meisten die fehlende Szene, ist er doch ein engagierter Darsteller mit starker Aura und expressiver Gestik. Die klangvolle Stimme war schon in seiner Auftrittsarie „Tu mi scorgi“ zu vernehmen, und auch „Quando l´onda“ im 3. Akt imponierte durch den virilen Zugriff.

View of a scene from the opera „Didone abbandonata“ (Act I, Scene 9) by Metastasio and Galuppi, organised by Farinelli at the Coliseo del Buen Retiro Between 1754 and 1759, 1754 and 1759/ Ricordi Archivio Storica

In der Titelrolle ließ die französische Mezzosopranistin Natalie Pérez eine noble Stimme von hoher Kultur und schlankem Volumen hören. Die untere Lage wirkte gelegentlich etwas verhalten, aber der Vortrag war energisch und passioniert, was ihrer großen Arie „Son regina“ einen selbstbewussten Zuschnitt verlieh. Das wiegende Melos der Arie „Ah! non lasciarmi“ lag ihr besonders und beklemmende Wirkung erreichte sie mit ihrer finalen Arie „Vado… Ma dove?“, welche nach einem aufgewühlten Recitativo accompagnato den verwirrten Zustand der Königin aufzeigt.

Nicht weniger edel klang der Sopran von Alexandra Tarniceru als Didones Schwester Selene. Die Rumänin imponierte schon durch ihre hoheitsvolle Aura, was die edle Stimme von hoher Musikalität und feinem Gespür noch unterstrich. „Ardi per me“ im 2. Akt zeichnete sich durch den inbrünstigen Vortrag aus, „Io d´amore“ im 3. durch die schmerzliche Empfindung. Einem weiteren Sopran war die Partie (en travestie) des Araspe, Vertrauter Iarbas und verliebt in Selene, anvertraut. Die Italienerin Carlotta Colombo sang sie beherzt und mit frischem Ton. Die Aufführung, die dem Festspiel-Almanach dieses Jahres ein weiteres Ruhmesblatt hinzufügte, wurde vom Publikum enthusiastisch gefeiert (Foto oben Stefan Gloede). Bernd Hoppe

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

 

Antizipatorische Moderne

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So verdienstvoll es ist, dass Naxos nun „legendäre“ Aufnahmen der Plattenfirma VOX wieder herausbringt, fallen doch allzu deutlich Probleme ins Auge – auf die schon Geerd Heinsen an dieser Stelle hingewiesen hat: Zum einen erfolgt die Veröffentlichung ausschließlich in digitaler Form – als Stream. Streaming, also elektronischer Download auf das Smartphone, einen PC oder Laptop (nicht gerade die üblichen Abspielgeräte von Klassik-Liebhabern!), schränkt die Nutzung und Käuferzahlen ziemlich sicher ein.

Und ob unter jüngeren Klassik-Freunden überhaupt solche sind, die sich z. B. für Jascha Horenstein interessieren, sei bezweifelt. Zum anderen aber bekommt der Kunde (und auch der Rezensent!) keine Detailinformationen, kein Booklet mehr in die Hände, sondern nur das Titelblatt eines Covers. Die Stücke und Urheber sind immerhin auffindbar, doch die einzelnen Sätze der Symphonien, die Laufzeiten der Werke und vor allem die Aufnahmedaten kann man sich nur sehr umständlich besorgen. Das schmälert den Gewinn der Aktion deutlich. Und überhaupt: Eigentlich möchte man seine Musikschätze garnicht von einem Computer oder Telefon  abspielen!

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Die Wiederveröffentlichung einiger Beethoven-Symphonien mit dem Dirigenten Jascha Horenstein (1898-1973) ist erfreulich, weil sie unsere Kenntnis seiner Arbeit erweitern oder bereichern kann. Horenstein gehörte zu den Dirigenten des 20. Jahrhunderts, die ihrer Bedeutung und ihrem Einfluss auf die musikalische Interpretation gemäß nicht genügend gewürdigt wurden. Im Bewusstsein heutiger Hörergenerationen dürften sie nur noch eine geringe Rolle spielen. Außerdem fragt man sich: Wer hatte schon die Gelegenheit, Horenstein, den vergleichsweise früh gestorbenen Dirigenten noch selbst zu erleben.

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Jascha Horenstein war nie Exklusivkünstler eines bestimmten Plattenlabels. Seine Diskographie ist umfangreich, aber auch verwirrend. Er war früh ein Pionier von Aufnahmen klassischer Musik. Seine ersten Schallplattenproduktionen entstanden 1928/29 – darunter Bruckners Siebte mit den Berliner Philharmonikern als erste Einspielung einer kompletten Bruckner-Symphonie, aufgenommen mit elektrischen Mikrophonen. In den 1950er-Jahren nahm Horenstein für die Firma VOX vor allem symphonische Werke mit den Wiener Symphonikern auf. Das Orchester musste sich allerdings aus rechtlichen Gründen „Pro Musica Orchester“ nennen. In den 1960er-Jahren entstanden für RCA/Readers Digest Produktionen. 1969 bis 1973 erschienen Horensteins Aufnahmen mit verschiedenen Orchestern bei Unicorn, EMI und weiteren Labels, später als CD auch bei Chandos, Music and Arts und anderen. Helge Grünewald

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Horensteins Repertoire war breit gestreut. Er nahm mit unterschiedlichen Orchestern Werke des 18., 19. und 20. Jahrhunderts auf – von Bach (Brandenburgische Konzerte, erste Einspielung auf alten Instrumenten!), Bartók, Beethoven (vor allem die Symphonien), Berlioz, Brahms, Bruckner (Symphonien 3, 5, 7 bis 9), Haydn, Mozart, Tschaikowsky – um nur die wichtigsten zu nennen. Musik des 20. Jh. war z. B. mit Busoni, Janáček, Nielsen und Schostakowitsch vertreten. Nicht zu vergessen Gustav Mahler, mit dessen Werk sich Horenstein immer wieder befasste. Er dirigierte die Symphonien Nr. 1, 3, 4, 6 bis 9 sowie das Lied von der Erde. Dabei dürften die Einspielungen der Dritten (London Symphony Orchestra) und Sechsten Symphonie (Stockholmer Philharmoniker) als exemplarisch gelten. Horenstein widmete sich engagiert der Zweiten Wiener Schule, nahm Kompositionen von Alban Berg und Arnold Schönberg (Verklärte Nacht, Kammersymphonie Nr. 1) in immer noch herausragenden Interpretationen auf.

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Das Problem der vorliegenden Wiederveröffentlichungen ist der Klang, den die Aufnahmen vermitteln. Hier spielt kein nur mittelmäßiges Orchester spielt – das waren die Wiener Symphoniker wahrlich nicht –, sondern wird die Leistung des Orchesters akustisch nicht angemessen präsentiert. Man fragt sich, wie die originalen Bänder und die ersten Veröffentlichungen auf Platte geklungen haben. Der Klang lässt hörbar zu wünschen übrig – einmal mehr, einmal weniger. Vor allem im Forte und Fortissimo wird es problematisch: Es klingt undeutlich, pauschal, schroff, der Klang brodelt und blubbert. Die Pauke hört man dumpf, die hellen Streicher klingen unsauber.

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Horensteins Beethoven-Interpretationen sind, wie man anhand der Wiener Aufnahmen aus den 1950er-Jahren lernen kann, in mancher Hinsicht die Antizipation dessen, was einige Jahre später die „historische“ – oder dann „historisch informiert“ genannte – Aufführungspraxis brachte. Insgesamt bevorzugt der Dirigent eher zügige, bis rasche Tempi, setzt auf ein schlankes, schlackenfreies, rhythmisch sehr nuanciertes Musizieren. Manchmal neigt er auch dazu, die Pauke überakzentuiert spielen zu lassen. Beethovens Dritte ist für Horensteins Stil ein gutes Beispiel. Der Kopfsatz setzt schlagartig, schroff ein, wird zügig genommen. Leider wird die Exposition nicht wiederholt, was oft praktiziert wird, aber im Fall gerade der „Eroica“ die Balance stört. Der Trauermarsch ist sehr gemessen, langsam schreitend.

Anders als bei Furtwängler fehlt ihm aber die große Spannung, ja auch Dramatik, das Moment des Unerbittlichen. – Die Fünfte Symphonie hört man überwiegend Allegro, frei von falschem Pathos. Der Sechsten („Pastorale“) fehlt ein wenig das Besondere, die Individualität, auch der Charme. Der Kopfsatz entwickelt sich munter fließend. Im zweiten Satz dominiert ein leichtes Drängen; das Liebliche, ja titelgebende pastorale Element wird eher zurückhaltend, vorsichtig gezeichnet. Der „Sturm“ schlägt zu harmlos zu, Blitz und Donner fahren nicht heftig drein wie bei (vgl. nur Furtwängler oder Toscanini). Im Finale schließlich vermeidet Horenstein die Emotion, die nicht mit Sentimentalität zu verwechseln ist. Der Klang ist bescheiden, die Balance mittelmäßig.

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Schließlich die Neunte Symphonie. Der Kopfsatz beginnt nicht geheimnisvoll, schwebend, sondern entfaltet sich kraftvoll und energisch. Hier fällt jedoch besonders positiv auf, wieviel Aufmerksamkeit Horenstein der Faktur der Musik widmet. Stimmen, Themen, Details sind stets überaus deutlich zu hören. Das dem munteren Presto folgende, ausgedehnte Adagio fließt langsam, wird aber nicht schleppend oder schwer genommen. Am spannendsten inszeniert Horenstein das Finale – vom dramatischen Beginn an bis zum furiosen Schluss. Die vokalen Kräfte – das eindrucksvolle Solistenquartett mit Wilma Lipp, Elisabeth Hoengen, Julius Patzak und Otto Wiener sowie der Chor des Wiener Musikvereins – sind weitgehend präsent, wenn auch nicht durchgehend klar hörbar (das gilt besonders für den Chor). Gesungen wird erfreulich deutlich.

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Dass die ausgewählten Beethoven- Ouvertüren keine Nebensachen, sondern „ernste“ Orchestermusiken sind, die den Symphonien an Bedeutung nicht nachstehen, erfährt man an Horensteins Interpretationen gut. Am meisten gelungen erschienen mir Die Weihe des Hauses (erst zeremoniell und feierlich, dann freudig und bewegt) und Die Geschöpfe des Prometheus (sehr temperamentvoll). Der Ouvertüre zu Coriolan fehlt es an innerer Dramatik (man erinnere sich  nur, wie Wilhelm Furtwängler oder Carlos Kleiber das mit den Berliner Philharmonikern in Szene setzen konnten). Die Egmont-Ouvertüre ist, vor allem gemessen am Sujet bei aller Strenge und Bewegtheit doch etwas unterakzentuiert. Für die dritte Leonoren-Ouvertüre werben Orchester und Dirigent dagegen sehr eindrücklich.

Schade, dass nur die vorliegenden vier Symphonien wieder veröffentlicht wurden. Man hätte doch zu gerne (neu oder wieder) gehört, wie Jascha Horenstein z. B. mit den oft unterschätzten Symphonien Nr. 2 oder Nr. 4 oder der stark rhythmisch geprägten Siebten Symphonie umging. Helge Grünewald

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Ausgewählte Diskographie/Quelle

Jascha Horenstein. A CD Discography, by Donald Clarke (2004)

Jascha Horenstein Discography, by Deryk Barker (Version 2012)

Jaschaq Horenstein: Resistance and Exile/Holocaust Music

 

 

Ehrung eines Vernachlässigten

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Lortzing 26 in Leipzig: Leipzig ehrt Albert Lortzing zu seinem 225. Geburtstag und 175. Todestag mit einem zehntägigen Festival. Obwohl 1801 in Berlin geboren, wo er 1851 auch verarmt starb, ist der Komponist doch ein Sohn der Stadt an der Pleiße. Hier lebte und arbeitete er die meiste Zeit seines Lebens als Sänger und Schauspieler am Stadttheater; hier wurden nicht weniger als acht seiner Opern uraufgeführt. Die beiden in Leipzig neu gezeigten Werke  – das eine populär, das andere gänzlich unbekannt – zählen nicht dazu.

Albert Lortzing/Wikipedia

Die komische Oper Der Waffenschmied, 1846 im Theater an der Wien uraufgeführt, eröffnete am 24. 4. 2026 in der Musikalischen Komödie das Festspielprogramm. Der Spieloper um den Grafen von Liebenau, der sich aus Liebe zu Marie, Tochter des Waffenschmiedes Stadinger, bei diesem unter dem Namen Konrad als Geselle verdingt, wird biedermeierliche Behäbigkeit nachgesagt. Regisseurin Sonja Trebes versucht, diesen Ruf zu entkräften und rückt das Stück in die Nähe einer Revue, indem sie mehrere Musiknummern mit Balletteinlagen von zweifelhaftem Geschmack garniert. In der biederen Choreografie von Mirko Mahr tummeln sich Matrosen, Piraten und Girls in Pailletten, Strass und Federboas (Kostüme: Uta Meenen), ohne dass ihre Darbietungen irgendeinen Bezug zur Handlung hätten. Ein weiterer seltsamer Regie-Einfall ist der  von Anfang bis zum Ende herumgeisternde und mit dem Schwert fuchtelnde Ritter in silberner Rüstung und rotem Federbusch. Trebes hat die Dialoge neu geschrieben und das Geschehen damit in die jüngere Vergangenheit und sogar die Gegenwart geholt. Da werden Mobiltelefone mit langen Antennen genutzt, werden aus dem Kofferradio Titel von Henry Mancini und Nino Rastelli eingespielt, soll Stadingers Firma am Ende von Investoren übernommen werden. Das weckte gerade beim Leipziger Publikum traurige Erinnerungen an die Wendezeit mit den Betriebsschließungen und der drohenden Arbeitslosigkeit. Da wird Stadingers populäres Lied „Auch ich war ein Jüngling“ zu einem berührenden Moment, wenn er alle Lichter im Raum löscht, sein Gesang immer verhaltener, introvertierter wird und der Text mit seinem Appell an die Menschlichkeit und das Ende des Kapitals leider eine Utopie beschwört. Uwe Schenker-Primus singt die Nummer mit schöner Schlichtheit, dabei warmem und sonorem Bass von angemessener Fülle.

Albert Lortzing: „Der Waffenschmied“ an der Musikalischen Komödie Leipzig/Szene/Foto Kirsten Nijhof

Die Szene wäre für die Aufführung ein stimmiges, zum Nachsinnen animierendes Ende gewesen, denn danach folgte ein mehr als verworrenes Finale mit einer Schar von Investoren in Bauhelmen, angeführt von Liebenau, dessen einstiger Diener Georg nun als sein Chauffeur fungiert, dem Einsatz der Abrissbirne, dem über den Boden kriechenden Ritter und der emanzipierten Marie, die als Chefin die Firma übernimmt.

Neben Schenker-Primus ist auch die übrige Besetzung sehr erfreulich. Elissa Huber ist eine energische, selbstbewusste  Marie von burschikoser Erscheinung mit substanzreichem Sopran. Ihre bekannte Arie „Wir armen, armen Mädchen“ singt sie mit Nachdruck und Entschlossenheit. Martin Häßler als Graf von Liebenau/Konrad gefällt mit jugendlicher Optik und angenehmem Kavaliersbariton. Sven Hjörleifsson als sein Diener Georg bedient trefflich den Part des Tenorbuffos und hat mit „Man wird ja einmal nur geboren“ und „Wie herrlich ist´s im Grünen“ zwei Schlager der Oper zu singen. Ein anderer ist Maries Erzieherin Irmentraut zugedacht: „Welt, du kannst mir nicht gefallen“. Kathrin Göring serviert ihn mit starker Präsenz, Ironie und hellem, klangvollem Mezzo.

Albert Lortzing: „Undine“ an der Oper Leipzig/Foto Kirsten Nijhof

Dem Chor fallen zentrale Szenen zu, die der Chor der Musikalischen Komödie in der Einstudierung von Mathias Drechsler mit vokalem Engagement und Spielfreude wahrnimmt. Gleich in der Eingangsszene müssen die Choristen in Blaumännern und Lederschürzen als streikende Werkarbeiter im weißen Werkstattraum (Bühne: Dirk Becker) agieren – eine Novität in der Geschichte der Operngattung. Michael Nündel am Pult des Orchesters der Musikalischen Komödie setzt auf ein flottes Tempo, federnde Leichtigkeit und Transparenz, so dass die Sänger nie in Verlegenheit kommen und die bei Lortzing so wichtigen Ensembles zu gebührender Wirkung kommen. Eines davon hat die Regisseurin gekonnt inszeniert, indem sie jeder Figur einen eigenen Bewegungsduktus verordnete und damit an legendäre Rossini-Interpretationen erinnerte. Die Premiere endete im wohlwollendem Publikumsbeifall.

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Albert Lortzing: „Regina“ an der Oper Leipzig“/Szene/Foto Tom Schulze

Am nächsten Abend kam im Opernhaus Lortzings letzte Oper Regina zur Premiere. Er selbst hat eine Aufführung nie erlebt, und auch später wurde das Werk fast nie gezeigt. Erst 1998 erfolgte (in Gelsenkirchen) die erste szenische Aufführung. Auch dieses Stück beginnt mit einem Streik – dem der Arbeiter in Simons Fabrik. Dessen Tochter Regina wird vom Vorarbeiter Richard geliebt, aber auch vom politisch radikalen Werkmeister Stephan, der Regina entführt und am Ende von ihr erschossen wird. Unter dem Jubel der Menge kehrt sie in ihr wohlsituiertes Milieu zurück.

Albert Lortzing: „Zar und Zimmermermann“ an der Oper Leipzig/Foto Tom Schulze

Regisseur Bernd Mottl zeigt zur Ouvertüre pantomimisch eine Vorgeschichte, in der Regina von dem kommunistisch gesinnten Stephan im roten T-Shirt mit dem Porträt von Karl Marx als Aufdruck (Kostüme: Alfred Mayerhofer) einen Heiratsantrag bekommt und auch akzeptiert. Seine Verhaftung setzt beider Beziehung ein jähes Ende. Im Bühnenbild von Friedrich Eggert führt der 1. Akt in einen noblen holzgetäfelten Raum mit Schreibtisch, Lüster und einer Ahnengalerie. Hier setzen die Arbeiter in blau/gelber Kleidung mit „Wir wollen nicht!“ und Transparenten ein Zeichen des Protestes gegen ungerechte Arbeitsbedingungen. Der Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler de Lint) singt klangvoll und mit hohem szenischem Einsatz. Constantin Trinks setzt mit dem Gewandhausorchester erfolgreich auf eine stimmige Verbindung von Elementen des Singspiels und der großen heroischen Freiheitsoper.

Albert Lortzing Feier 1901; Museum im Schloss Bad Pyrmont/Inventarnummer P3965

Unausgewogen ist die Besetzung, die Mathias Hausmann als Stephan anführt. Sein viriler Bariton setzt die stärksten Akzente des Abends, während Andreas Hermann als sein Gegenspieler Richard mit gequält klingendem Tenor stark abfällt. Auch Oliver Weidinger als Firmenoberhaupt Simon ist mit seinem oft belegten und intonationstrüben Bass keine ideale Besetzung. Jacquelyn Wagner als Titelheldin lässt einen lyrischen Sopran von schöner Substanz hören, der nur in der exponierten Höhe Spuren von Grellheit offenbart. Besonders gefiel ihr Solo „Zum Vater schau ich auf“ mit seinem innigen Ausdruck. Bei „Er naht! O Seligkeit“ fiel dagegen die bemühte Koloratur auf. In den Nebenrollen überzeugten Dan Karlström als Angestellter Kilian mit buffoneskem Tenor und Marie-Luise Dreßen als seine Mutter Barbara, die ihr Couplet „Nur im Frieden“ wie einen Brecht-Song serviert.

Albert Lortzing und Philipp Reger, Librettist für Lortzings „Hans Sachs“/ Daguerrographie 1848/OBA

Weitere Schauplätze der Handlung sind eine Werkskantine der Waffenfabrik Simons und ein Lagerraum voller Granaten, in welchem die entführte Regina gefesselt in einem Regal liegt. Stephan ist nahe daran, den Raum in die Luft zu sprengen, was Regina durch den Schuss aus einer Pistole verhindert. Dann stürmt ein schwer bewaffnetes Spezialkommando herein und führt die Inszenierung immer näher an die Gegenwart heran. Diesen Aspekt bedient die Regie auch mit dem Finale. Zunächst sieht man eine Abendgesellschaft in festlicher Kleidung, wo Simon Kriegsversehrte mit Orden schmückt. Der Chor trägt mit „Ertönet, frohe Jubellieder“ zur patriotischen Stimmung bei. Bald werden Deutschland-Fahnen geschwenkt, hat die feine Gesellschaft Militärmantel in Camouflage-Musterung über die Abendroben gezogen, fährt ein monströses Torpedo herein – die Nation zeigt sich in akuter Kriegsbereitschaft. Regina verfolgt die Szene zunehmend verstört, zumal die pathetische Einigkeit der Menge schnell in aggressiven und handgreiflichen Streit kippt. Das Publikum hatte offenbar Mühe, die mehr als plakative Lösung zu goutieren und reagierte mit zögerlichem Beifall.

Für die Oper Leipzig ist Lortzing 26 in jedem Fall ein verdienstvolles Unternehmen, denn neben den beiden Neuproduktionen ergänzten Zar und Zimmermann und Undine aus dem Repertoire das Programm zu einem ansehnlichen und weltweit einzigartigen Lortzing-Festival. Bernd Hoppe

Blaupause

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„Ut desint vires …“ lernte ich im Lateinunterricht: Wenn auch die Kräfte fehlen so ist das Bemühen doch zu loben. Denn dünn gesungen und nicht wirklich aufregend tut die neue Einspielung der Traetta-Oper Ifigenia in Tauride dem interessierten Liebhaber dieser musikalisch so spannenden Umbruchs-Epoche nur bedingt einen Gefallen, bietet eher nur eine Blaupause des Möglichen. Was ich nicht verstehe ist, dass sich Dirigent und Spezialist Christoph Rousset mit dieser Besetzung zufriedengibt (wenngleich er auch früher zu manchen diskutablen Kompromissen neigte – siehe die problematische Médee Cherubinis aus Brüssel bei Bel Air/DVD, die ich ihm wirklich übelnahm).

Tommaso Traetta/Wikipedia

Die Crux liegt in der Dokumentation selbst (recorded by Magnolia Classics – sehr vage/wann genau? –  in August 2025 at the Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Austria).  Sicher, ein-zwei Abende im Innsbrucker Landestheater 2025 sind eine andere Sache als eine CD festgehalten davon, zumal man wieder den Beifall rausgeschnitten hat. Damit bekommt die nun nur akustische Vorlage etwas Unverrückbares, Verbindliches, Ultimatives, statt eines Eindrucks von einem sicher unterhaltsamen Abend. Das ist eine falsche Veröffentlichungspolitik (wie auch bei anderen Labels). Hörte man rasenden Applaus, Begeisterung, Publikum, wäre das Ganze als ein subjektives Erlebnis nachzuhören, man hätte Anteil an einem passabel  gesungenen, vor allem musikalisch wegen Traettas genialer Musik interessanten Abend, einem Live-Abend, nicht dem Dokument! Ein Theater-Abend in Innsbruck eben, an dem man hinterher noch Chinesisch essen geht und die laue Sommerluft der schönen Stadt genießt. Bei Aparté hat man nun festzementierte  Kunst mit Anspruch, der nicht eingelöst wird. Und da werden eben andere Erwartungen geweckt und nicht eingelöst. Ein Radio-Live-Mitschnitt wird gütiger beurteilt. Da nimmt man Rücksicht auf die Abend-Verfassung, hört und urteilt ganz anders. Live ist nichts Ehernes. Eine Binsenwahrheit.

Denn die Titelheldin (Hohe Priesterin von Tauris, die Gestrandeten öfter mal die Kehle durchschneidet, immerhin doch mit einer gewissen blutrünstigen Karriere bis ihr Bruder auftaucht) niedlicht so vor sich hin, gibt eher das Kammerkätzchen denn die Heroine, was nicht an Traetta liegt, der mit einer anderen Interpretin einen Vorgeschmack auf späteren Belcanto liefern könnte – Joan Sutherland, Marina Rebeka (kommende Médée), Lisette Oropresa u. a. hätten viel, viel mehr daraus gemacht. Als Ifigenia streift Rocio Perez das Dünne. Diese Gluck vorangehende Traetta-Version lässt bei allem Unterschied zur späteren Fassung durchaus das Heroische zu, Koloratur ist ja nicht gleichzeitig Oberflächlichkeit. Tommaso Traetta war Italiener und der Geläufigkeit seines nationalen Idioms verpflichtet (und nicht gewisser teutonischer Dickblütigkeit, sorry).

Christian Beier schreibt im Booklet: Vor allem aber in den Soloszenen der Ifigenia offenbart sich Traettas doppelbödiger Umgang mit Konvention: Ihr Auftritt zu Beginn des zweiten Aktes ist ein tiefenscharfes Seelengemälde. In einem deklamatorischen Accompagnato wird mittels expressiver Orchesteraufwallungen das Schaudern vor dem ihr übertragenen Menschenopfer mitfühlbar. Die anschließende Bravourarie verlangt der Interpretin standardgemäß alles ab, was ihr Stimmapparat zu geben vermag. Zugeständnis an die Tradition? Mitnichten! Aus dem Blickwinkel der konkreten Situation betrachtet, munitioniert sich Ifigenia im Erregungszustand exaltierten Pathos’ zum Widerstand auf. Ausgezierte Melodik wird zur Selbstsuggestion. Das kann ich bei bester Absicht hier nicht nachempfinden.

Dirigent Christophe Rousset/©-Nathanael Mergui/Aparté

Den zweiten herben Eindruck vermittelt der Counter Rafal Tomkiewicz in der Kastratenpartie des Oreste, Muttermörder und Flüchtiger, kein netter Charakter eigentlich und hier unheroisch, Register-problematisch und im Klang meinem Ohr unfreundlich. Es will mir wirklich nicht in den Kopf, dass die Alte-Musik-Szene sich um jede Darmseite oder Piccolo-Provenienz kümmert, und eine Guadagno (!!!)-Partie mit so einer dürftigen Virtuosität besetzt. So hat das damals wirklich nicht geklungen, zumal diese großen Solorollen nie mit Falsettisten besetzt wurden, die bestenfalls im Chor stützten. Was für ein – seit Alfred Deller anhaltender – Irrtum. „Hose macht nicht die Rolle“ kann man vereinfacht sagen, und auch Traetta hätte wie seine Kollegen in Abwesenheit von geeigneten Kastraten feststimmige Altistinnen genommen. Piccinni, Gluck oder Salieri machen´s ja vor.  Rousset früher auch!!! Ach ja.

Christian Beier schreibt erneut im Beiheft: 4. Oktober 1763, Schlosstheater in Schönbrunn zu Wien. Die Festivitäten zu den Namenstagen des Kaiserpaares (4. und 15. Oktober) stehen an. Dem gedruckten Libretto ist vorangestellt: „Festeggiandosi li felicissimi nomi delle loro maesta imperiali e reali.“ („Wir feiern die glücklichen Namen Ihrer kaiserlichen und königlichen Majestäten.“) Als Oreste ist der Alt-Kastrat – wie nun? Kastrat im Ruhestand oder ein Alto? –  Gaetano Guadagni besetzt. Händel hat ihm Bravourrollen in die Kehle geschrieben, im Jahr zuvor hat er bei der Uraufführung den Orfeo von Gluck gesungen. Das Starehepaar Rosa und Giuseppe Tibaldi geben Ifigenia und Toante. Wie Giovanni Toschi (Pilade) sind sie ebenfalls erprobte Gluck-Sänger*innen. Gluck höchstselbst leitet die Premiere.

Davon sind wir weit entfernt. Denn auch die übrigen (Suzanne Jerosme/Pilade, Alasdair Kent/Toante und Karolina Bentsson/Dori) sind sicher „ordentlich“ (das ist bei diesen hochvirtuosen Opern nicht genug!), bringen aber nicht wirklich Rasantes auf die CD, was die Musik unter Rousset ja hergeben würde, der im Ganzen durchaus engagiert dirigiert. Aber seine ältere Antigona von Traetta bei Decca ist da ein ganz anderes Kaliber (trotz der mir stets zu greinenden Maria Bayo als Titelsängerin), oder auch die Traetta-Bearbeitung Ippolito ed Aricia bei Take2. Da hört man, was diese Komponisten um Gluck herum ausmacht, und was Rousset am Pult seines Hausorchesters Les Talens Lyriques und des Chores Novocanto (Wolfgang Kostner) hätte draus machen können. Wir werden eben alle älter (07. 05. 26/ Abbildung oben: französische Schule, 18. Jahrhundert/Wikipedia). G. H.

Feengestöber

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Opernmärchen in 4 Akten und 9 Bildern, darunter 1 Prolog, uraufgeführt am 8. Januar 1902 im Grand-Théâtre de Marseille.

Das nach dem berühmten Märchen von Perrault komponierte Werk widmet der Komponist „meiner lieben Frau“, der Sängerin Mme Bréjean-Silver. Charles Silver arbeitet mit Michel Carré und Paul Collin zusammen, um dieses Märchen für die Opernbühne zu adaptieren, wobei sie die Hauptszenen in den folgenden Bildern aufgreifen: die Taufe (Prolog), Der Schlaf von Aurore, Hundert Jahre vergangen, die Höhle der Fee Urgèle, die Grotte d’Azur, der Zauberwald, Dornröschen, das Erwachen, die Feen (Apotheose). Die Handlung konzentriert sich auf das Erwachen der Prinzessin Aurore nach hundert Jahren magischen Schlafes durch den Kuss des Königssohns, dem sie im Traum erschienen ist, sowie auf die Vereinigung der Liebenden. Die Autoren haben beschlossen, die Szene des Spindelstechs durch den Kuss eines „wandernden Ritters“ zu ersetzen. Die feierliche Uraufführung von Dornröschen, kaum ein Jahr nach der Adaption desselben Märchens durch Charles Lecoq an den Bouffes-Parisiens, findet nicht in Paris statt, sondern am Grand-Théâtre de Marseille, was für die Kritiker von einem gewissen Willen zur Dezentralisierung zeugt. Das Werk wird vom Publikum und von der Kritik begeistert aufgenommen. Die Darstellung der Doppelrolle der Königin und Aurore durch Mme Bréjean-Silver, die große Interpretin von Massenets „Manon“, wird vielfach gelobt. Ebenfalls beachtet werden die Darstellung der Rolle der Urgèle durch Mlle Passama und die des Tenors Cornubert in den Rollen des fahrenden Ritters und des Prinzen, die mindestens ebenso zum Erfolg des Werks beitragen wie das prächtige Bühnenbild des Malers Eugène Apy.

Eine Rezension folgt zeitnah!

ORCHESTRE SYMPHONIQUE SAINT-ÉTIENNE LOIRE
Guillaume Tourniaire conductor
CHŒUR LYRIQUE SAINT-ÉTIENNE LOIRE
Laurent Touche chorus master
Laurent Delvert stage director
Do Cellou assistant stage director
Zoé Pautet set designer
Fanny Brouste costume designer
Sandrine Chapuis choreography
Nathalie Perrier lightingLa Princesse Aurore / La Reine Déborah Salazar
Le Chevalier / Le Prince Kévin Amiel
Le Roi Philippe-Nicolas Martin
Barnabé Matthieu Lécroart
Éloi / Le grand Sénéchal Antoine Foulon
La Fée Urgèle Julie Robard-Gendre
Le Page / Jacotte Héloïse Poulet
La Fée Primevère / Dame Gudule Anne-Lise Polchlopek
Staged version
Co-production Opéra de Saint-Étienne / Palazzetto Bru Zane
Sets and costumes made by the workshops of the Opéra de Saint-Étienne
Score published by Choudens (revised by the Palazzetto Bru Zane)
The work will be released as a CD-book in spring 2026 by Bru Zane Label.

Karriere, Opportunismus, Gewissen

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37 Jahre nach Herbert von Karajans Tod erscheint nun Michael Wolffsohns Buch mit dem etwas reißerisch klingenden Titel „Genie und Gewissen“, in dem die Rolle des berühmten Dirigenten „zwischen Musik und Nationalsozialismus“ untersucht wird. Der Impuls zu der Studie kam von der Familie des Dirigenten, genauer gesagt, den Töchtern Isabel und Arabel. Und das Salzburger Karajan-Institut, das über den größten Teil des Karajanschen Nachlasses wacht und sich dabei vor allem um die Vermarktung seines klingenden Erbes kümmert, leistete eine wesentliche Unterstützung des Projektes.

 

Wer mit dem Thema „Klassik unterm Hakenkreuz“ (so auch der Titel des sehr sehenswerten Films von Christian Berger für die Deutsche Welle, 2022) einigermaßen vertraut ist, wundert sich. Der Aufstieg des Dirigenten während der Jahre der NS-Diktatur ist im Wesentlichen bekannt. Man wusste, dass Herbert von Karajan zur Förderung seiner Dirigentenkarriere in die NSDAP eintrat und dass er – wie andere Künstler auch – nach dem Krieg „entnazifiziert“ werden musste, ehe er wieder auftreten durfte. Klar war ebenfalls, dass Karajan keine (herausragende) Rolle in der Kulturpolitik der Nazis spielte, aber auch nicht gegen den NS-Staat opponierte. Seine internationale Karriere nahm aber erst seit den 1950er-Jahren ihren rasanten Lauf. Dabei stand ihm seine „NS-Vergangenheit“ nicht im Wege. Das Thema kam gelegentlich hoch, doch gab es keine großen Debatten um Karajan und sein Verhalten in der NS-Zeit. Ganz anders erging es seinem Vorvorgänger Wilhelm Furtwängler, der nach seiner Entnazifizierung ab 1947 wieder in Deutschland dirigieren durfte und 1952 nach zwei Spruchkammer-Verfahren wieder die Leitung der Berliner Philharmoniker übernehmen konnte. Furtwänglers Rolle während der Jahre 1933 bis 1945 wird bis heute immer wieder diskutiert. Er wurde als Kollaborateur bezeichnet, als willfähriger Diener der Nazis, als Komplize des Regimes, gar als „The devil’s music master“ (Sam Shirakawa 1991). Einige Autoren, vor allem der unermüdliche Musikforscher Fred K. Prieberg, haben dagegen Furtwänglers Verhalten genauer untersucht und kamen zu dem Ergebnis: Furtwängler war kein Nazi, sondern ein Mitläufer. Er war eine ambivalente Persönlichkeit und gewiss naiv, indem er dachte, in Zeiten einer totalitären Diktatur ließen sich Kunst-/Musik-Ausübung und Politik trennen. Im Unterschied zu Karajan war Furtwängler aber ein international bekannter Dirigent schon vor 1933, er brauchte die Nazis nicht, um Karriere zu machen. Nicht zu vergessen: Er legte sich wiederholt mit den Oberen des NS-Staates an.

 

Karajan in Ulm 1929 1930, in: Osborne, R. (1989) „Dirigieren – das ist vollkommenes Glück, Gespräche mit Richard Osborne“, R. Piper GmbH & Co. KG, München, ISBN 349203392X, ISBN 978-3492033923/Wikipedia

„Mehrdimensional“ – diesen Begriff benutzt Michael Wolffsohn bei der Beantwortung der Frage, welche Rolle Herbert von Karajan in der Zeit der NS-Diktatur gespielt hat – als Bürger, Künstler und Mitglied der NSDAP. Hat er seine Karriere mithilfe seines Eintritts in die Partei gemacht? Und wer hat hier wen benutzt? Partei- und Staatsführung, vor allem der einflussreiche „Gönner“ Hermann Göring, förderten den Dirigenten und bedienten sich seiner als Schachfigur in politischen Machtspielen. Besonders interessiert dabei natürlich, wie Karajan selbst die Jahre 1933 bis 1945 erlebt hat und in welcher Rolle er sich sah.

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Michael Wolffsohn geht selbst mehrdimensional vor, indem er vergleichsweise weniger zielführende Details zu Tage fördert und sich selbst, als Sohn einer jüdischen Berliner Familie in die „Erzählung“ mit einbringt, zugleich aber vehement für strenge Methodologie plädiert und andere Historiker oder Autoren kritisiert, weil sie in ihren Quellenstudien nicht sorgfältig genug vorgingen. Ihn interessieren die Fakten, so wie sie sich im Quellenmaterial in vielen Archiven finden lassen oder sich aus Gesprächen mit Zeitzeugen, die Karajan noch persönlich kannten, erschließen.

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Nun sind die Fakten, die es gewiss sorgfältig zu eruieren gilt, das eine. Wolffsohn korrigiert falsche Daten, deckt Irrtümer auf. (Allerdings amüsiert auch Wolffsohns eigener  Irrtum/Lapsus anlässlich einer Meistersinger-Aufführung: „In der Hauptrolle des „Führers“ Lieblingstenor Rudolf Bockelmann …“ als Sachs!!! / S. 73). Doch streng genommen findet sich da nichts Neues. Noch wichtiger sind, auch für den Historiker, indes die Bewertungen, die sich aus dem Studium der Fakten treffen lassen. Auch hier gibt es aber keine Neuigkeiten, schon gar nicht Überraschungen. Man wusste, dass Karajan kein aktiver Nazi war, dass er nicht im braunen Rock auftrat, dass er sich nicht als Antisemit hervortat und auch, dass er keine Rolle als Funktionsträger der NSDAP spielte. Er war ein Opportunist, ein Musiker, der seine künstlerische Arbeit machen wollte, seine Karriere verfolgte und wie so viele Zeitgenossen, Künstler und einfache Bürger, „mitgemacht“ hat.

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Herbert von Karajan und Germaine Lubin vor dem Bühneneingang der Pariser Oper, in der er am 17.5.1941 die „Entführung aus dem Serail“ dirigierte. /Bundesarchiv Bild_183-R92291/Wikipedia

Umfangreich ist der Teil über Karajans Entnazifizierung. Zunächst darf er, wie auch Wilhelm Furtwängler, nicht in Deutschland und Österreich auftreten. Doch grundlegend moralisch-politische Erwägungen treten dann eher in den Hintergrund. In der unmittelbaren Nachkriegszeit ist vor allem Pragmatismus gefragt. Denn: „Nazi hin, Nazi her, Karajan wurde in seiner Funktion als Meisterdirigent gebraucht“, er wurde also „funktional entnazifiziert“ (Wolffsohn, S. 101). Bei seiner Befragung durch die Salzburger Entnazifizierungskommission gesteht er ein, sein Parteieintritt sei ein Fehler gewesen, gibt aber gleich „entlastend“ zu Protokoll: „Wir Künstler leben in einer anderen, abgeschlossenen Welt… Entweder man macht Musik oder Politik“ (W0lffsohn., S. 105) So ähnlich sahen das auch das auch Furtwängler und etliche Musikerkollegen. Im Oktober 1946 entscheidet die Österreichische Kommission, Karajan dürfe zwar „als Dirigent, aber nicht in leitender Funktion, in Österreich wirken“ (ebd.). Die Kommissionen der vier alliierten Besatzer in Österreich, die jeweils auch ihre spezifisch eigenen Interessen verfolgen, legen dagegen 1946 und 1947 fest, „dass Karajan in Zukunft von jedem öffentlichen Auftreten ausgeschlossen bleibe“. Allerdings gilt diese Entscheidung schon 1947 nicht mehr. Karajans Karriere kann wieder Fahrt aufnehmen. 1955 kommt, nachdem Karajan die erste USA-Tournee des Orchesters geleitet hat, das Angebot, als Nachfolger Furtwänglers Chefdirigent der Berliner Philharmoniker zu werden. Seitdem spielt die Frage, ob Karajan Nazi gewesen sei, eigentlich kaum noch eine Rolle.

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In der Diskussion um Karajans Rolle in den Jahren 1933 bis 1945 ist auch dessen Fremdnazifizierung“ von Bedeutung. Der Historiker Wolffsohn legt dar, wie Karajan das „NS-Gespenst heimsuchte“, zwar nur gelegentlich, aber doch immer wieder. 1955 gibt es während der USA-Tournee der Berliner Philharmoniker zum Teil heftige Proteste gegen deren Auftreten und ihren Chef. Fast gleichzeitig werben die New Yorker Philharmoniker um Karajan; 1958 dirigiert er das Orchester zum ersten Mal. Im November und Dezember 1967 hat er einen Gastauftritt an der Metropolitan Opera mit Wagners „Walküre“. Und auch in den Ostblockländern wird man auf Karajan aufmerksam. Die Oberen in der Sowjetunion und der DDR versuchen den allerorten Umworbenen für Auftritte zu gewinnen. Das Ergebnis ist indes mager: Im Mai 1969 gastieren die Berliner Philharmoniker mit Karajan zum ersten und einzigen Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion und treten in Moskau und Leningrad auf. Erst 20 Jahre später geben sie Ende Mai 1989 ihr erstes offizielles Konzert im Ost-Berliner Schauspielhaus (heute „Konzerthaus“). Da ist Karajan aber schon als Philharmoniker-Chef zurückgetreten, an seiner Stelle dirigiert James Levine.

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Karajan im Theater Athen Herodes Atticus 1938 Bundesarchiv Bild 183-S49781/ Wikipedia

Unter der Überschrift „Rückblick und Ausblick: Geschichte, Ideologie und Transzendenz“ schildert Michael Wolffsohn neben Entbehrlichem aus Karajans Privatleben auch eine unbekannte Seite der Karajanschen Persönlichkeit. Im Wiener Kardinal Franz König hatte der Dirigent eine Art „Beichtvater“, d. h. eine Vertrauensperson, mit der er offen sprechen konnte. Spät, nämlich 1986, kam es zu einem Gespräch der beiden während einer gemeinsamen Wanderung im Engadin. Von einer „Beichte“ ist freilich nichts bekannt. Der Kardinal äußerte gegenüber seinem persönlichen Sekretär Johannes Huber nur, Karajan habe über den „Opportunismus in seinem früheren Leben“ (!) sprechen wollen – ein Thema, das ihn sehr belaste. Wie die meisten seiner Generationsgenossen sprach der Dirigent, wenn überhaupt, sehr selten über die Jahre 1933 bis 1945. Ohnehin gab er wenig Privates preis. Sein Thema war die Musik.

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Das Fazit – die Beantwortung der Frage, ob Karajan nun ein Nazi war oder nicht – wäre auch ohne den umfang- und detailreichen Band klar: Karajan war ein Nazi, aber nicht von seiner Gesinnung her. In seinem vermeintlich nur künstlerischen Tun diente er allerdings dem nationalsozialistischen Regime – man denke nur an seine Dirigate in von Deutschland besetzten Nachbarländern. Das waren stets politisch genutzte Veranstaltungen. Mit dem vermeintlichen oder tatsächlichen Antisemitismus ist es so eine Sache. In Briefen an seine Eltern finden sich wohl antisemitische Äußerungen des jungen Karajan. Er hat aber niemanden denunziert, er hat nach 1945 mit vielen jüdischen Musikern gearbeitet. Wolffsohn führt 35 „Juden und Judenfreunde“ zu Karajans Entlastung an.

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Karajan in Madrid 1941/Bundesarchiv Bild 183-S64899, Wikipedia

Ein Paradox bleibt: Die NSDAP nutzte zwar Karajan als Aushängeschild für die Qualität und Dominanz der deutschen Kultur und Musik. Und er diente diesem Regime. Doch ob er Parteimitglied war, spielte da keine Rolle. Im Übrigen kam seine Karriere nach dem raschen Aufstieg schon relativ früh ins Stocken. Er fiel in Ungnade. Am Ende setzte er sich ins Ausland, nach Italien ab. Sein wahrer Aufstieg erfolgte bald nach dem Krieg. Die Diskussion um seine Vergangenheit verlor da immer mehr an Bedeutung. Dagegen begannen Ende des 20. Jahrhundert berühmte Orchester wie die Berliner und die Wiener Philharmoniker, aber auch Institutionen wie die Salzburger oder Bayreuther Festspiele ihre eigene jüngere Geschichte aufzuarbeiten. Das Thema Kunst / Künstler und Politik bleibt Diskussionsgegenstand – auch bzw. gerade heute (Verlag Herder, 1. Auflage 2026, gebunden, 368 Seiten/Register/Anmerkungen, ISBN: 978-3-451-07317-5, Bestellnummer: P073171) ! Helge Grünewald

Ausfall der Titelpartie

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Mit Vorfreude hatte man ihr entgegen gesehen, der neuen Elektra-Aufnahme mit Irene Théorin in der Titelpartie, war doch die aus Salzburg aus dem Jahre 2010 unter Daniele Gatti noch in bester Erinnerung. Im Dezember 2023 fanden in Bergen zwei konzertante Aufführungen statt, die eigentlich Kyrill Petrenko leiten sollte, der aber kurzfristig wegen Krankheit absagen musste. Allerdings ist der Wechsel zum Dirigenten Edward Gardner keineswegs die Ursache für das nur teilweise Gelingen der Aufnahme, denn der mit dem  Bergen Philharmonic  Orchestra bestens vertraute Dirigent liefert eine überaus stimmige, den gewaltigen Orchesterapparat dynamisch führende, spannungsgeladene und sängerfreundliche Leistung, lässt die dunklen Farben der Partitur glühen und gibt den Stimmen genügend Raum zur Entfaltung.

Keine geifernde Megäre, sondern eine reife, gebrochene Frau voll dunkler Ahnungen, die durchaus in schön gerundeten Tönen singt, deren Mezzo exakte Konturen aufweist und die Farbe auch in der höchsten Exaltiertheit nicht einbüßt ist die Klytämnestra von Tanja Ariane Baumgartner. Ihre jüngere Tochter Chrysothemis wird von Jennifer Holloway mit einem Sopran von süßer, zarter Fülle gesungen, der stellenweise aber auch bereits an eine Elektra denken lässt, sehr berührend im „Ich bin ein Weib“, ihren Charakter noch einmal im abschließenden „Orest, Orest“ offenbarend. Ihre hoch gelobte ( und nicht etwa hochgelobte) Elektra aus Salzburg und anderswo kann Iréne Theorin leider nicht wiederholen. Sie klingt angestrengt, das Vibrato ist ein extremes, die Höhe oft flackernd, die ganz unterschiedlichen Situationen, in denen sie sich befindet, werden in recht eintöniger Bemühtheit nur in etwa hörbar gemacht.

Der Ägisth von Nikolai Schukoff ist nicht der alternde Tenor mit nur noch diesem und dem Herodes im Repertoire, sondern durchaus noch ein gestandener Sänger mit gesunder, tragfähiger Stimme. Warum auch nicht! Der Orest von Iain Paterson klingt ausgesprochen alt, ist vokal nicht der doch immerhin Tatmensch, sondern recht reif und dumpf klingend.

Mit einem mädchenhaften Sopran erfreut die Fünfte Magd Evgeniya Sotnikova, profilieren kann sich auch der Pfleger des Orest, den Tilmann Rönnebeck mit viel Wärme und Farbe singt. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Sänger gegenüber dem Orchester nicht optimal positioniert sind, vielleicht war da Halbszenisches im Spiel. Unbedingt aber muss noch einmal die großartige Leistung von Orchester und Dirigent hervorgehoben werden (Chandos CHSA 5375 (2)). Ingrid Wanja     

Olympisches

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Zum Zuwachs des diskografischen Vivaldi-Kataloges trägt auch cpo mit der Veröffentlichung seiner Oper L´ Olimpiade bei, welche im August 2023 bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik mitgeschnitten und nun auf drei CDs bei cpo veröffentlicht wurde (555 651-2). Festwochen-Intendant Alessandro De Marchi leitet das Innsbrucker Festwochenorchester engagiert, umsichtig und mit Gespür für kontrastreiche Stimmungen, gibt mit dieser Produktion nach 14 Jahren die Führung des Festivals an seinen Nachfolger Ottavio Dantone ab.

Die Aufnahme muss sich gegen die Ausgabe in der Vivaldi-Serie bei Opus 111/naive von 2002 behaupten, welche Rinaldo Alessandrini mit dem Concerto Italiano verantwortet hatte. Die früheren Dokumente bei Hungaroton unter Ferenc Szekeres (1978) und Nuova Era unter René Clemencic (1990) sind inzwischen wohl schwer zugänglich und kommen deshalb kaum noch in Betracht.

Das Dramma per musica kreist um eine anstehende Olympiade, deren Sieger die Hand der Königstochter Aristea gebührt. Sie wird von dem unsportlichen Licida, vermeintlicher Sohn des Königs von Kreta, geliebt, obwohl er in Argene eine Geliebte hat. Er bittet den Freund Megacle, unter seinem Namen beim Wettkampf für ihn anzutreten, was zu Verwirrungen führt, da Megacle bereits der Geliebte Aristeas ist. Das stellt die Freundschaft der beiden Männer auf eine harte Probe. Als sich am Ende Licida als verlorener Sohn des Königs und Zwillingsbruder Aristeas herausstellt, gibt es ein lieto fine mit Doppelhochzeit.

Der gravierende Unterschied zwischen Alessandrini und De Marchi ist die Besetzung der beiden Partien des Licida und Megacle. Nach den beiden Altistinnen Sara Mingardo und Sonia Prina in der älteren Aufnahme sind es nun mit Bejun Mehta und Raffaele Pe zwei Countertenöre. Ersterer hat sich mit diesem Auftritt von der Bühne verabschiedet und lehrt nunmehr als Universitäts-Professor in Wien. Mit seinem individuellen Timbre, der expressiven Gestaltung seines Parts und der imponierenden Gesangstechnik setzt er sich an die Spitze der Besetzung. Wunderbar schwebende Töne lässt er in der Arie „Mentre dormi“ hören, rasant beendet er den 2. Akt mit „Gemo in un punto e fremo“. Der junge Italiener Pe – in letzter Zeit immer häufiger auf Besetzungslisten zu finden – gefällt mit seinem Engagement  und der angenehm klingenden Stimme. Ihm fällt mit „Superbo di me stesso“ die erste Arie zu, die er mit munteren Tönen und ironischer Textbehandlung serviert. „Lo segutai felice“ im 3. Akt imponiert besonders durch die souveräne Beherrschung des virtuosen Zierwerks.

Bezüglich des Clistene, König von Sikyon, ist der Bariton Riccardo Novaro bei naive der Favorit, denn Christian Senn, gleichfalls Bariton, singt mit aufgerauter Stimme. Clistenes Tochter Aristea ist mit der vehement auftrumpfenden Altistin  Margherita Maria Sala imponierend besetzt. Schon mit ihrem Auftritt „È troppo spietato“ lässt sie durch fulminanten Einsatz aufhorchen. Den 1. Akt beendet sie mit Pe im Duett „Ne´ giorni tuoi felici“, wo die beiden Stimmen erst spät zu harmonischem Zusammenklang finden. Dann aber kann sie im 2. Akt wieder gehörig auftrumpfen bei ihrer vehementen, leider nur kurzen Arie „Tu me da me dividi“ und auch „Caro, son tua così“ im 3. Akt ist ein Glanzstück in der Interpretation und im Wohlklang. Die Besetzung komplettieren die Soprane Benedetta Mazzucato als Argene mit feinen Tönen und Eleonora Bellocci mit lieblicher Stimme als Licidas Erzieher Aminta. Ihr fällt mit „Siam navi all´onde algenti“ eine der bekanntesten Arien des Werkes zu, die sie mit imponierender stimmlicher Flexibilität absolviert. Der renommierte Bassist Luigi De Donato als Clistenes Vertrauter Alcandro setzt gewichtige Akzente mit seiner ausladenden, autoritären Stimme. Bernd Hoppe

 

 

 

 

 

Sensation!

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Rossini/Carafas Sémiramis (Venedig 1823/Paris 1860 mit Ballett!!!) in Bad Wildbad am 26.7. 26 und im SWR Radio. In der Spielzeit 1860 bot das Engagement der berühmten Marchisio-Schwestern die Gelegenheit, Rossinis Semiramide für die Opéra  einzurichten. Rossini überließ diese Bearbeitung weitestgehend seinem Busenfreund Michele Carafa, der die Prosodie der französischen  Übersetzung anpasste, die Oper ganz auf die Dreiecksbeziehung  Sémiramis-Arsace-Assur ausrichtete und sie mit der obligaten, eigens komponierten Ballettmusik versah. Rossini sagte nach der erfolgreichen Premiere zu seinen Belcanto-Sängerinnen: „Ihr habt einen Toten zu neuem Leben erweckt!“. Die konzertante moderne EA bildet den Anfang der neuen Serie „Rossini et le Belcanto en français“, die von der BadenWürttemberg-Stiftung großzügig unterstützt wird. Diana Haller und  Marina Viotti singen die beiden Hauptrollen, Mark Kurmanbayev den  Gegenspieler Assur. Der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych ist  international renommiert für seine Belcanto-Dirigate./Quelle Rossini in Bad Wildbad (zu dem Programm 2026 s. link)

Zudem bringt Naxos Michele Carafas Oper Masianello vom vergangenen Jahr aus Bad Wildbad im Herbst heraus – Heureka! (Abbildung oben: Die Schwestern Barbara und Carlotta Marchisio in Rossinis Semiramide/Wikipedia) G. H.

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Über Sémiramis gibt es bereits einen Artikel in «La Gazzetta», der Zeitschrift der Deutschen Rossini Gesellschaft, veröffentlicht (derselbe Autor wird auch fürs Programmheft schreiben): 21_03_053-087_Rossi_Sémiramis.pdf
Er ist für eine Schutzgebühr von 1 Euro online verfügbar:

Steinige, aber lohnende Schatzsuche

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An die aufregende Nachricht erinnere ich mich genau:  Vor einiger Zeit informierte Naxos, dass die Firma das Label Vox aufgekauft hatte (dessen Sechziger- und Siebziger-Jahre-Reste sich bei vielen anderen Labels fanden, und Vox-Boxes mit Instrumental-Zusammenstellungen kamen früh auf). Die Hoffnung, jene legendären Vokaleinspielungen der Sechziger wieder hören zu können und deren Vox- und Turnabout-LPs mir meine frühen Studentenjahre beglückt hatten, ließ Freude ausbrechen. Namentlich die (wenigen) Opern- und Oratorien-Einspielungen (wie auch die Monteverdi-Madrigale unter Günter Kehr) zähl(t)en zu meinen diskographischen Schätzen – die Freude ersten Hörens eben, daran kann ja keiner rütteln. Denn viele Aufnahmen aus dem Hause des Firmengründers George Mendelsohn vereinen die besten der europäischen, deutschen und österreichischen Künstler jener Jahre. („The present-day Vox label is unrelated to the German venture. It was launched in New York in 1946 by George Mendelssohn’s Vox Productions, Inc., as a classical label, and remains in production today (after several changes in ownership) as part of the Naxos Music Group.“), und zur spannenden Geschichte der beiden Vox-Unternehmungen vergl. mainspringpress.org).

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Manches davon gab es bereits am italienischen Kiosk der Sechziger/Siebziger, wo man den Besuch an der Scala oder der römischen Oper mit einem Packen von Fabbri Editore CDs im Plastikschuber nebst üppigem Beiheft und eben Vox-Aufnahmen unter anderem Label krönte (Monteverdis Poppea und sein Ulisse), aber vieles ist eben seitdem nicht wieder erschienen. Bis nun Naxos in einem energischen Veröffentlichungsschub letzten Jahres Einiges aus dem Vox-Archiv hervorhob und – zum Teil – nur-digital verfügbar veröffentlichte, wenngleich solche Raritäten wie die Glucksche Alceste (nur digital) unter René Leibowitz schon früher im Naxos-Katalog auftauchte (und es muss fein unterschieden werden zwischen dem deutschen und internationalen, der umfangreicher ist).

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Ich will mich hier nur auf die bislang im deutschen Vox-Naxos-Angebot verfügbaren vokalen, nur-digitalen Titel beschränken, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt (April 2026) vorliegen, und so viele sind es nicht, der Hauptmerkt liegt dort auf den instrumentalen (Brendel, Janigro etc.).

Und vorab eine sehr herbe Kritik anbringen, denn die Ausstattung ist absolut NULL, wirklich NULL. Man sieht die mehr oder weniger sinnvoll gestalteten Cover und zu oft darauf Mitwirkende ohne Vornamen, nur mit Inizial. Keine Rollenangaben, keine Infos zu den Einspielungen, absolut NICHTS. Der aufgearbeitete Sound ist dagegen sensationell, plastisch, wunderbar. Man meint selbst bei den uralten Aufnahmen eine in breitem Stereo vor sich zu haben. Aber dies eben ohne jede weitere Hörhilfe. Das geht einfach nicht. Zumindest könnten doch die fehlenden Informationen online zugänglich gemacht werden.

Auf Nachfrage heißt es, die Aufnahmen seien in erster Linie für die Streaming-Dienste gedacht, Spotify, Amazon, Apple, ITunes & Co. Aber was ist das für eine Veröffentlichungspolitik? Nicht jeder möchte ein Abo bei den Streaming-Firmen eingehen, und ob die jungen Leute, die alle Spotify etc. wegen des Pop auf dem Handy haben, einen antiken Querschnitt von Norma 1951 hören wollen? Das bezweifle ich. Wer ist nun die Zielgruppe für diese alten Neuzugänge? Und wie kann der Normalverbraucher, der eben kein Abo bei den genannten Diensten eingehen will, an diese Aufnahmen kommen? Warum sonst sind sie im Naxos-Katalog aufgelistet, wenn sie nicht für jeden Interessierten verfügbar sind? Ein Mysterium nach dem anderen …

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Man braucht ein langes Musikleben, um zu wissen, wer G. Sarri oder A. La Pollo im quergeschnittenen Otello unter A. Paoletti von 1951 waren (Gino Sarri, Anna La Pollo, Alberto Paoletti natürlich, was selbst Ausgebuffte auf eine Probe stellt, zugegeben/VOX-NX-2850).  Bei anderen, wie bei Händels Israel in Egypt gibt’s wenigstens drei (!) ausgeschriebene Namen: Miriam Burton, Betty Allen und Leslie Chabay unter Paul Boepple, immerhin. Aber wer singt nun was, und wo sind die anderen (VOX-NX-2812)? Dabei ist wenigstens Betty Allen aus ihrer Berliner Zeit bekannt und auf manchen Electrola-Aufnahmen verewigt. Nein, das ist wirklich ärgerlich.

Wäre die bislang vorliegende Titelauswahl nicht so spannend, und wären da nicht solche Hilfsmittel wie der unschlagbare Ommer (Oper) und das Internet in Form von youtube, Discogs, archive.org und anderen Seiten. Der Suchende findet oft. Nicht immer, aber oft.

Beethovens König Stephan & Die Ruinen von Athen unter Hans-Hubert Schönzeler mit den Berliner Kräften lohnt sehr (VOX-NX-2801) und beeindruckt durch den Super-Klang. Händels Resurrezione unter dem von mir stets geschätzten Rudolf Ewerhart vereint Emmy Lisken, Alfred Fackert, den stattstimmigen Erich Wenck und Annemarie Toepler-Marizy mit den Santini-Kräften zu einem schön gesungenen Oratorium, das sich nicht in modernem Darmsaiten-Klang gefällt, sondern schlank-flott konservativ das Geschehen ausbreitet, wie angenehm, nicht nur und immer nur den dünnen Klang der heutigen Ensembles hören zu müssen (VOX-NX-2811).

Rudolf Ewerhart führt zur Erstaufnahme der Monteverdi-Oper L´Coronazione di Popea unter seiner Leitung, eine ganz wichtige Aufnahme aus den Sechzigern (wie auch der bei uns anderswo hochgelobte Ritorno d´Ulisse mit der bedeutenden Maureen Lehane als Penelope), mit (oh Wunder ausgeschrieben) Ursula Buckel in der Titelrolle und mit dem frühen deutschen Haut-Contre Hans-Ulrich Mielsch als Nerone, dazu m. W. der erste Counter auf deutschen Aufnahmen, Grayston Burgess (naja/VOX-NX-2851). Nicht zu vergessen die wunderbare, sattstimmige Eugenia Zareska als gebietende Ottavia, deren „Addio Roma“ zu den nachhallenden Höhepunkten der Einspielung zählt, was für eine tolle Stimme (youtube hat sie meterweise mit nicht endenwollenden polnischen und ukrainischen Liedern, muss man mögen!). Auch dies hier von musikhistorischer Wichtigkeit, tollem Klang und diskretem Alte-Musik-Eindruck auf kleinem Instrumentarium (mit Hans-Ulrich Mielsch und  Ursula Buckel als das Hohe Paar, Eugenia Zareska/Ottavia, Graston Burgess/Ottone, Eduard Wollitz/Seneca, Genia Wilhelm/Drusilla, Sonia Karamanian/Arnalta, Antonia Fahberg als leuchtender Amor, Reinhold Bartel, August Messthaler und André Peysang als Gefolge/Soldaten).

An kompletten Opern gibt’s noch Smetanas Verkaufte Braut von 1951 „live“ (so Ommer, aber das stimmt wohl nicht) aus Berlin unter Hans Lenzer mit Traute Richter, Johanna Blattter, Sebastian Hauser und Robert Koffmane, den ich noch an der Deutschen Oper im Rahmen des dortigen Ami-Kontingents jener Jahre erlebte (VOX-NX-2813), sicher nicht originale Vox, vielleicht altes Radioglück, stimmlich für mich zu  gestrig. Dazu schreibt die KI bei Google als Schnellinfo: „Die Aufnahme entstand im Jahr 1951. In Bezug auf den Aufnahmeort und das beteiligte Ensemble gibt es jedoch eine wichtige Unterscheidung zu beachten. Die Aufnahme wurde mit dem Orchester der Städtischen Oper Berlin (später Deutsche Oper Berlin) und dem zugehörigen Chor eingespielt. Die Städtische Oper befand sich im Bezirk Charlottenburg und somit in West-Berlin. Obwohl einige Quellen die Aufnahme heute unter dem Namen „Orchester der Staatsoper Berlin“ (die in Ost-Berlin ansässig war) führen, weisen die zeitgenössischen Veröffentlichungen (z. B. auf Labels wie BASF) explizit das Orchester der Städtischen Oper Berlin aus.“  Zudem enthüllt der BASF-Querschnitt derselben Aufnahme noch einmal den ganzen Cast: Robert Koffmane/Kruschina, Traute Richter/Marie, Johanna Blatter/Kathinka, Wilhelm Lang/Micha, Emmi Hagemann/Agnes, Ralph Peters/Wenzel, Sebastian Hauser/Hans und Kurt Böhme/Kezal & Rita Streich/Esmeralda – das ganze mit dem Chor und Orchester der Städtischen Oper Berlin (damals noch im Theater des Westens) unter Hans Lenzer – ecco!. (Dank an meinen Kollegen Rüdiger Winter für die Recherche.) 

Auch Beethovens Fidelio aus den späten Fünfzigern findet sich in einer originalen Stereoaufnahme bei Vox. Karl Böhm dirigiert die Kräfte der Wiener Staatsoper und kann sich über eine damals glanzvolle Besetzung freuen, die so auch an einem Abend im Wiener Haus auftrat: Hilde Konetznis starke Leonore zeigt sie in ihrer ganzen Kraft der vollen Stimme und Gestaltung als bewegende Leonore, dazu stehen ihr Irmgard Seefried/gewohnt melodisch als Marcelline, Paul Schöffler (toller Pizarro), Tomislav Neralic/Don Fernando, Torsten Ralf/, Peter Klein/Jacquino und Herbert Alsen/Rocco leistungsgewohnt zur Seite (die beiden Ersten Gefangenen sind unterschlagen, vielleich aus dem Chor?)- man hatte diesen Fidelio völlig vergessen, was nun ein schönes Wieder-Hören  ist (VOX-NX-2800, ehemals 3 LPs), zumal bei dem Super-Sound.

Passend zum Weber-Jahr 2026 kommt bei Vox auch der alte Freischütz unter Rudolf Kempe von 1969 am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden erneut ans Tageslicht mit einem wie beim Fidelio ähnlich starken und erprobten Ensemble am Dresdner Haus (im Ausweichquartier), das von E(lfride) Trötschel und I(rma) Beilke als Agathe und Ännchen angeführt wird (wieder nur Inizialen bei den Namen, dafür platzgreifend die Stimmlagen, was albern  ist, und irgendwie ist keine Logik erkennbar, was oder wer nun mit vollem Namen oder auch nicht auf den Covers erscheint). B(ernd) Aldenhoff und K(urt) Böhme teilen sich die männlichen Hauptrollen als Max und Kaspar. Interessanter Weise liest man bei Discogs, dass die französische Ausgabe für Fratelli Fabbri lizensiert war, also am Kiosk unter diesem Label verkauft wurde. Eine schöne Aufnahme, die aber reichlich bei anderen Firmen kursierte (ehemals 3 LPs, nun VOX-NX-2819).

 

Haydns Schöpfung zeichnet sich durch Jascha Horensteins briskes Tempo aus (Mimi Coertse, Deszö Ernster, Julius Patzak), alles an der Wiener Volksoper unter dem Genannten (VOX-NX-2641). Mozarts Requiem unter H(ans) Bader weist immerhin U(rsula) Buckel, M(argarethe) Bence, H(ans)-U(lrich) Mielsch und E(duard) Wollitz auf und kann sich absolut hören lassen (VOX-NX-2741). Wieder mal tolle Besetzung und Super-Sound.

Das gilt auch für Beethovens „Christus am Ölberg“ mit (diesmal wieder ausgeschrieben) Lieselotte Rebmann, Renhold Bartel (ein sehr eindringlicher, gutgeführter Tenor) und August Messthaler (dto. eine bemerkenswerte Bass-Stimme) unter Josef Bloser am Pult des Stuttgart Philharmonic Orchestra & Chorus – gut dirigiert und vor allem auch mit dem nötigen Nachdruck in den Partien gesungen ( VOX-NX-2852).

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Und dann wird’s wirklich nostalgisch, denn Vox hatte einige wirklich ungewöhnlich besetzte Opernquerschnitte im Programm, wie damals Fratelli Fabbri oder auch frühe Supraphon-Aufnahmen, mit – bei uns absolut unbekannten – Sängern der italienischen Provinz, die wirklich nicht zu verachten sind. Ich war hingerissen von der Kraft und dem Elan dieser Ensembles, die woanders kaum auftauchen. Gino Sarri wurde erwähnt, Anna La Pollo ebenfalls. Ines Bardini, die stimmgewaltige Mezzosopranistin Lucia Discacciati-Gianni sowie der tolle Tenor Manlio Rocchi bestreiten den quergeschnittenen Ballo in Maschera Verdis unter Edoardo Brizio (VOX-NX-2849) mit absolutem Avec, dass einem die Spucke wegbleibt.

Nicht ganz so Lobendes gilt für die Combi aus einer rudimentären Norma nebst einer dto. Sonnambula, unter (Norma:) Alberico Vitalini mit Maria Luisa Barducci, Sonia Fortunati und einem stemmenden Renato Francesconi; Oroveso ist Bernardino Di Bagno. Bellinis Nachtwandelnde vereint unter Edoardo Brizio die etwas dünnstimmige Sonia Fortunato neben Manlio Rocchis tollem Elvino, dazu wieder Bernardino Di Bagno und Gabriella Noviello, beide bei The Rome Lyric Opera (VOX-NX-2802).

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Moira Morera und Kolleginnen  verarbeiten ein etwas kryptisch betiteltes Album „Contralto Vocal Music“, wo absolut keine Info auf das Programm vorbereitet: Mahler „Rückert-Lieder“ GMW 39 – 43; Wagner „Wesendonck-Lieder“ (arr. Felix Mottl); Brahms „Alt-Rhapsodie“; dazu Ausschnitte aus Schumanns „Requiem für Mignon“, alles mit dem Innsbruck Symphony Orchestra; Dirigent Robert Wagner (VOX-NX-2767). Muss es auch geben, aber kauft das jemand?

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Die Perle zum Schluss: Berlioz ´Lelio unter (ausgeschrieben!) René Leibowitz mit Joachim Kérol und Gabriel Bacquier als Vokalsolisten, dazu André Charpak von der Académie Royal als Erzähler und dem New Paris Symphony Association Chorus & Orchestra (who?) unter der superben Hand von Maestro Leibowitz (VOX-NX-2794), von dem es bei Naxos International auch die ganz aufregenden Beethoven-Sinfonien ebenfalls in dto. bestem Klang und dto. digital-only gibt (seine enorm lustige Grand Duchesse de Gerolstein mit Eugenia Zareska oder weiterer Offenbach von ihm bei Vox harren ihrer Veröffentlichung bei Naxos, Glucks Alceste wurde erwähnt, mehr von ihm und weitere Vokaltiteln bei Vox bitte, so Händels Belshazar (immerhin unter Rilling), Monteverdis Ulisse oder auch die beiden Oratorien von Mendelssohn, Paulus und Elias, letzterer superb gesungen von Eduard Wollitz!). Vielleicht dann sorgfältiger und Informations-reicher ediert? G. H.

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Noch ein Wort zu den Digital-only-Ausgaben bei Naxos wie eben diese historischen Vox-Neuerscheinungen:  Verwirrender Weise steht bei Google und Naxos „im Fachhandel“ erhältlich. Auf Nachfrage bei Naxos wird dies korrigiert.

Tatsächlich sind die Downloads im „Download-Fachhandel“ zu kaufen, und das sind Streaming-Dienste wie Qobuz, Amazon (dort kann man auch Downloads kaufen, nicht nur streamen), iTunes (nicht zu verwechseln mit Apple Music, dem Streaming-Portal).  Die Vox-Re-releases wurden in erster Linie fürs Streaming konzipiert. Downloads machen nur noch einen sehr geringen Teil am Umsatz aus. Deswegen ja auch die spartanische Ausstattung. Trotzdem gibt es ja mittlerweile Streamingportale (Idagio, Apple Music Classical, Presto Music Streaming und natürlich die fabelhaft Naxos Music Library, die ich jedem empfehlen kann, denn sie enthält, mehr noch als Spotify ein unendliches Archiv von hoch-aufgelösten Aufnahmen, oft mit Booklets und mehr Informationen als andere Streaming-Portale), die mehr Informationen anzeigen können (Besetzung, Booklet, Anmerkungen usw.). Soweit die Information von Naxos.

Dennoch hätte ich mir gewünscht, die digitalen Downloads wären physisch verfügbar, für die eigene Festplatte und nach dem Kauf unabhängig vom Netz-Zugang. Aber das ist wohl nicht mehr möglich. G. H.

Hörvergnügen

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Ein großes Hörvergnügen bereitet die Live-Aufnahme von Vivaldis Il Bajazet aus dem Teatro Malibran Venedig (Juni 2024), die NAXOS auf drei CDs herausgebracht hat (8.660616-18). Das musizierende Orchestra del Teatro La Fenice di Venezia ist kein auf Alte Musik spezialisierter Klangkörper und spielt auch nicht auf historischen Instrumenten. Mit Federico Maria Sardelli steht aber ein in diesem Genre kompetenter Dirigent am Pult, der für ein straffes dynamisches Klangbild sorgt und eine insgesamt spannende und mitreißende Aufführung garantiert. Als ausgesprochener Vivaldi-Kenner hat er die Pasticcio-Form des Werkes aufgenommen und einige verlorene Arien durch Kompositionen anderer Tonsetzer, zumeist neapolitanischer Herkunft, ersetzt. Die eingefangenen Bühnengeräusche empfindet man kaum als Störung, sondern als Zeugnisse eines turbulenten Geschehens auf der Szene.

Das Dokument muss sich gegen Fabio Biondis Einspielung von 2004 bei VIRGIN behaupten, kann auch nicht mit der prominenten Besetzung der Vorgänger-Aufnahme konkurrieren. Vor allem gegen Ildebrando D´Arcangelo als Titelheld hat es Renato Dolcini  schwer. Sein Bariton klingt zwar weich und resonant, auch wohllautend, besitzt aber nicht die Autorität des Italieners. Immerhin findet er in einigen Arien, so im Auftritt mit „Del destin non dee lagnarsi“  oder dem erregten „Dov´è la figlia?“ im 2. Akt zu energischer Attacke, ist also durchaus ein solider Rollenvertreter.

Im Libretto von Agostino Piovene wird der osmanische Sultan Bajazet vom tatarischen Herrscher Tamerlano gefangen genommen, der sich jedoch in Bajazets Tochter Asteria verliebt, obwohl er mit Prinzessin Irene verlobt ist. Asteria wiederum liebt den griechischen Prinzen Andronico und wird am Ende mit ihm vereint, nachdem Bajazet freiwillig aus dem Leben geschieden ist, um seine Würde zu wahren.

Die problematischste Besetzung in der Neuaufnahme ist die italienische Altistin Sonia Prina als Tamerlano, der eigentlich zumeist von einem Countertenor wahrgenommen wird, wie auch bei VIRGIN von David Daniels. Aber Prina, renommiert und seit Jahrzehnten in der Alten Musik unterwegs, enttäuscht hier mit einer allzu robusten, zuweilen gar hässlichen Stimme. Schon der wilde Auftritt („In si torbida procella“) irritiert mit heulenden Tönen – der Szenenapplaus danach zeugt von ihrer hohen Beliebtheit. Nicht minder irritieren „Cruda sorte“ im 2. und das keifende „Barbero traditor“ im 3. Akt. Dafür ist hier der Andronico mit einem Countertenor besetzt, den bei VIRGIN die junge Elina Garanca singt. Raffaele Pe ist seit Jahren ein Counter der zweiten Reihe, dabei grundsolide in seiner Gesangskunst. Doch er hat eben berühmtere Sänger vor sich. In der NAXOS-Aufnahme imponiert er besonders mit der expressiven Gestaltung der Rezitative, findet aber auch Wohlklang für manche Arie, so beim schmeichelnden „Non ho nel sen costanza“ am Ende des 1. Aktes oder dem kosenden „La sorte mia spietata“ im 2. Akt.

Die weibliche Hauptrolle der Asteria ist der Mezzosopranistin Loriana Castellano anvertraut, die etwas matt und in der Tiefe flach klingt, mit den hohen Passagen ihrer Partie besser zurecht kommt. Den stärksten Eindruck hinterlässt „La cervetta timidetta“ im 2. Akt, von wiegender Melodik und reichem Zierwerk. Auch die Arie im 3. Akt, „Qual furore“ ist eine bekannte Nummer und gelingt mit starkem Einsatz und souveräner Geläufigkeit.

Idaspe, der Vertraute Andronicos, ist in beiden Aufnahmen ein Sopran – nach Patrizia Ciofi bei VIRGIN nun Valeria La Grotta, die eine hübsche leichte Stimme hören lässt und mit feinen staccati gefällt. Auch die mit Koloraturen gespickte Arie „Anch´il mar par che sommerga“ zu Beginn des 2. Aktes gelingt blendend.

Die Besetzung komplettiert die Mezzosopranistin Lucia Cirillo als Irene (bei VIRGIN Vivica Genaux), die mit „Qual guerriero in campo armato“ einen stürmischen Auftritt hat, den sie beherzt angeht und dabei manch missratenen Ton riskiert. Ihr fällt die berühmteste Arie der Tragedia zu, Sposa, son disprezzata“, die sich auf vielen Recitals findet. Mit harschen Akkorden eingeleitet, nimmt die Sängerin die ernste Stimmung auf und findet zu einem strengen, auch larmoyanten Klagegesang.

Alle Solisten vereinen sich am Ende zum jauchzenden Chor „Coronata di gigli e di rose“ und werden vom Publikum stürmisch gefeiert (und wer Lust auf eine optische Wiedergabe dieses Live-Mitschnittes hat, findet dies auf der gleichnahmigen Bluray DVD DYN-58056 bei Naxos). Bernd Hoppe

Schmissiger Schöpfungskrimi

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Josef Haydns Schöpfung zählt nicht nur zu den beliebtesten Werken des Komponisten. Es gehört auch zu den populärsten Oratorien überhaupt und von Anfang an. Schon ein Jahr nach der Wiener Uraufführung wurde an der Pariser Oper die glanzvolle französische Premiere angekündigt. Angemeldet hatte sich dafür Napoleon höchstpersönlich. Jetzt ist genau diese Pariser Version zum ersten Mal auf CD erschienen.

Aber zunächst mal ist interessant, was genau an diesem schicksalshaften Weihnachtsabend 1800 gegeben wurde. Denn dieser Tag ist wegen eines anderen Vorfalls in die Geschichte eingegangen: Es war Tag eines spektakulären Sprengstoffattentat, ausgeübt von fanatischen Royalisten. Die wollten Napoleon auf dem Weg in die Oper im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Weg räumen. Die Dynamit-Ladung ging nicht rechtzeitig hoch und verfehlte die Kutsche, hatte aber eine so ungeheure Wucht, dass 15 Häuser zerstört und zahlreiche Menschen getötet wurden. Die französische Fassung der Schöpfung (La Création du Monde), also die Uraufführung dieser Version, fand trotzdem statt! Was zeigt, wie wichtig den Parisern diese Schöpfung war. Das Opernhaus selbst war nicht beschädigt worden. Die Bombe detonierte etwa 600 Meter entfernt, man beschloss eben dennoch zu spielen, zumal Napoleon trotz des Anschlags die Aufführung besuchte – auch um ein Zeichen zu setzen, denke ich. Der Kunstgenuss war wohl nicht so toll, kann man ja auch verstehen, denn die Interpreten standen unter Schock. Aber man wechselte nach der zweiten Aufführung die Solistin, und dann wurde La Création du Monde ein Riesenerfolg. Immerhin sang dann die berühmte Caroline Branchu neben den Kollegen Richer und Chéron – ein Ensemble de luxe.

La Creation du Monde wurde so berühmt, dass es für das weniger kunstsinnige Publikum sogar eine Parodie darauf im Théatre Favart gab: Le Premier Homme ou La Création du sommei. (kurz gesagt: Um Adam in den Schlaf zu wiegen und seine Gefährtin Eva zu verführen, muss er sich ein lautes Oratorium anhören, das Haydns Modulationen und Orchestrierung nachahmt – und das langweilt ihn zu Tode. Ein großer Erfolg!)

Das vielleicht auffälligste Ergebnis dieser Haydn-Uraufführung war, dass die Opéra zunehmend Interesse an der Möglichkeit entwickelte, Inszenierungen religiösen Charakters aufzuführen, um mit ihren Konkurrenten zu wetteifern. Letztendlich verdanken wir es Haydn, dass Kalkbrenners „Saül“, Persuis’ „Jérusalem délivrée“, Lesueurs „La Mort d’Adam“, Kreutzers „La Mort d’Abel“ und in der Zeit der Restauration sogar Rossinis „Moïse“ entstanden sind.

Zunächst war das Oratorium natürlich (von Joseph-Alexandre de Ségur) ins Französische übersetzt worden (Daniel Steibelt feilte für die neue Aufnahme noch mal daran; die kritische Edition stammt von Julien Dubruque und Thomas Tacquet). In Paris gab es nichts Fremdsprachliches. Man findet in der Musik auch ein paar Retuschen bei Chor und Orchester wegen der neuen Rhythmik der anderen Sprache. Und hat auch orchestral ein bisschen an die Traditionen der Oper in Paris angepasst. Es ist nicht ganz geklärt, ob da nicht vielleicht sogar eine Ballettmusik eingefügt wurde. Was ich mir ziemlich schräg vorstelle, was aber auch nicht ungewöhnlich gewesen wäre – die Leute wollten sich unterhalten und durchaus gerne die Mädels sehen. Aber das erfahren wir hier aus dieser Aufnahme nicht. Die beschränkt sich auf die reine Musik von Haydn.

Diese französische Fassung überhaupt zu hören ist bestimmt interessant. Aber ist das über den historischen Kontext hinaus überhaupt ein Gewinn für uns? Seit ein paar Jahren ist musikalisch in Frankreich gerade in Hinsicht auf deutsche Musik viel los. Es gab z. B. eine französische Entführung aus dem Serail und eine französische Zauberflöte. Dennoch war ich beim Zuhören überrascht, warum mich diese Version von Anfang an so in den Bann gezogen hat: Es ist dieser hochdramatische opernhafte Ton der Wiedergabe, bei dem ich mich fragte, warum sollte diese Pariser Fassung einen solchen haben und die Wiener Originalfassung nicht? Zumal ja die Wiener Fassung auch bei ihrer Premiere auf einer Bühne aufgeführt wurde, im Burgtheater. Bis mir klar wurde, dass mein Eindruck auch mit der andersprachlichen Übersetzung zu tun hat. Dieser Originaltext von Franz von Swieten wirkt (auf mich) recht naiv, auch entzückend, eher galant. Und die französische Übersetzung löst eine Distanz aus bei den Sängern, anders im Deutschen. Dort gibt es bei den Interpreten so eine Art religiöse Vornehmheit, wie man aus der Bach-Oratorien-Tradition. Und diese weltläufigere französische Version hingegen ist vielleicht weniger poetisch, aber insgesamt dichter an der Opernpraxis.

Julien Chauvin Foto Franck Juery Wikipedia

Genau das erlebt man bei den drei Solisten, die sich so richtig dem Text hingeben, so ein  echtes Musikdrama schaffen, eben nicht mehr so eine steife Galerie an hübschen Illustrationen abgeben, sondern einen richtigen Schöpfungskrimi schaffen, befördert natürlich noch durch den Dirigenten Julien Chauvin. Der macht richtig flotte Tempi. Und das macht richtig Spaß zum Zuhören. Julien Chauvin am Pult von Le Concert de la Loge ist ein Glücksfall für diese Aufnahme. Er setzt nicht auf Glätte und pure (und wie woanders getragene) Eleganz, ist ein bisschen raubeiniger, mit dem Akzent auf der Dramatik, ohne aber zu übertreiben. Chauvin hat immer eine wunderbare Balance, schafft es in allen seinen Aufnahmen hervorragend, dieses Neue, Unverwechselbare und Sensationelle aus den Werken hervorzukehren. So auch als schönstes Beispiel hier, wo man im Beethovenschen Sinne die Schöpfung als eine Art Urknall erlebt, eben als Schöpfungsakt, aufregend und für mich aufregender als in der deutschsprachigen Originalfassung.

Diese Aufnahme bei alpha (ALPHA1186) ist eine Welt-Ersteinspielung, und das Material wurde erst jetzt gefunden. Das Werk galt in der Gesamtheit dieser Fassung als verschollen. Man kannte nur Fragmente und wusste eben davon. Chauvin höchstselbst stieß bei einer Auktion auf diese Partitur, hat mitgeboten und sie gekauft. Und das ist jetzt hier eben erstmals zu hören.

Bei den Solisten ragt der Bassist Nahuel de Pierro besonders heraus (Ange Raphael/Adam) . Ich habe ja schon dessen Fähigkeit zur dramatischen Diktion gelobt: Unglaublich, mit welcher Leidenschaftlichkeit hier gesungen wird, auch die anderen, mit fantastischen Koloraturen wunderbar opernhaft. Leider zieht die Sopranistin Julie Roset nicht ganz so mit, aber sie singt mit belkantesker Akkuratesse (Ange Gabriel/Éve) , die ganz wunderbar ist. Und der Tenor Stanislas de Barbeyrac gibt seinen Part (Ange Uriel) wirklich als so eine Art von Opernheld. Man hat das Gefühl, man ist in einer bewegten Rettungsoper von Cherubini oder in einer Spontini-Oper mit ihm als Helden gelandet. Der Kammerchor Namur hat auch einen sehr guten Ruf, dem wird er auch hier wieder gerecht. Alles in allem ein wirklicher Erfolg. Und ich sage unverstellt: Dies ist die spannendste Schöpfung, die ich je gehört habe (24. 04. 26). M. K./G. H.

Spiros Samaras´ Oper „Lionella“

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Unsere Liebe zu griechischen Opern ist ja Lesern von operalounge.de hinlänglich bekannt, unsere Hochachtung vor dem griechischen Dirigent, Musikwissenschaftler und Musik-Archäologen Byron Fidetzis ja auch – wir haben vielfach über ihn berichtet und haben inzwischen doch eine Menge an unkeannten griechischen Operntiteln vorgestellt. So auch jetzt.

Im Februar 2023 gab es in Athen konzertant die  Oper Lionella (die bei youtube nachzuerleben ist) von  Spyros Samaras, dessen Rhea zu den einigermaßen bekannteren gehört und dessen Mademoiselle de Belles Iles ebenso wie seine Tigra bei Naxos als CD vorliegt. Und zu Medgé vom Januar 2025 (ebenfalls bei youtube) gab es einen Artikel in unserer Reihe Die vergessene Oper im Oktober 2025. Nun also wieder eine vergessene.

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Zu Samaras „Lionella“: Giuseppina Pasqua, Teresa Stolz, Giuseppe Verdi, Leopoldo Mugnone (1899)/Archivio Storico Ricordi

Der eminente griechische Dirigent und Musikwissenschaftler Byron Fidetzis, der bei operalounge.de viele Male für seine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der griechischen Oper erwähnt und gerühmt worden ist, hat eine weitere ans Tageslicht befördert: Spiros Samars Lionella, die es bislang nur mit einem ca. 15minütigem Musikstück gegeben hat, die sogenannte Ungarische Rhapsodie, ein beliebtes Musikstück im griechischen Konzertleben, das in realiter das Intermezzo im 2. Akt der Oper darstellt. Sonst galt die Oper als verschollen. Nun hat Fidetzis nicht nur zwei voneinander abweichende Klavierauszüge aus dem Hause des italienischen Musikverlags Sanzogno entdeckt, sondern er hat auch die Oper danach neu instrumentiert und sie im Januar 2023 in Athens Maria Callas Olympic Concert Hall in ihrer Gänze aufgeführt. Nachstehend ein Bericht von Elena Kiagkoudu zur Wiederentdeckung.

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Etappen in der Genesis von Samaras Oper, die nur ein einziges Mal, am 4. April 1891, auf ein Libretto von Ferdinando Fontana an der Mailänder Scala uraufgeführt wurde: Die Forschungs-Arbeit des Dirigenten und leidenschaftlichen Champions für die griechische Oper, der Musikwissenschaftlers Byron Fidetzis , bringt ein weiteres Werk der griechischen Oper ans Licht. Lionella entstand gegen Ende der ersten und explosiven Kompositionsperiode des Komponisten Spyros Samaras aus Korfu und wurde im Frühjahr 1891 an der Mailänder Scala uraufgeführt.

Spiros Samaras/Ricordi

Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gab es mit Ausnahme der kleinen „Ungarischen Rhapsodie“ keine Spuren zu diesem Werk. Byron Fidetzis erstellte nun 2021 eine neue Orchestrierung auf der Grundlage der von Sonzogno gedruckten Opernreduktion (spartito) von Lionella, die offenbar die einzige Musik ist, die über die Jahre erhalten geblieben ist.

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Die Oper handelt von der Leidenschaft des ungarischen Adligen und Armeeoffiziers Andor für das Glücksspiel. Diese Leidenschaft gewinnt sogar seine Liebe zu Lionella, einer jungen, schönen Zigeunerin, die aufgrund ihrer großen Liebe zu Andor ihrer Familie und ihrem Stamm entsagt. Seine Besessenheit für das Kartenspiel führt dazu, dass er alles verliert und sogar Lionellas Liebe aufs Spiel setzt, sie als letzten Einsatz verpfändet, verkauft als Maitresse an einen reichen Regimentskollegen Lionella wird von einem jungen Zigeuner geliebt und in Sicherheit gebracht und somit vor der Schande bewahrt. Der junge Mann tötet Andros am Ende. Lionella bleibt ihrer Liebe zu Andros bis zum Schluss treu und stößt sich denselben Dolch ins Herz.

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Diese Oper von Samaras entstand 1891, am Ende des 19. Jahrhunderts und gehört zum Verismus. Es geht um Themen, die unsere Gesellschaft auch heute noch beschäftigen:  Liebe, Glücksspiel und seinen Folgen sowie Mord aus Eifersucht.

Dazu berichtet Byron Fidetzis den Sachstand: „Für Forscher, die sich mit Samaras‘ Werk beschäftigen, ist die Oper Lionella immer ein kompliziertes Rätsel gewesen. Der Komponist selbst brachte bei seiner Übersiedlung nach Griechenland im Jahr 1911 weder die Partitur noch die Orchesterstimmen noch die bereits gedruckte Fassung der Oper für Gesang und Klavier (spartito) mit, soweit man weiß. Folglich war und blieb Lionellas Musik völlig unbekannt.“

Zu Samaras´“Lionella“: der Librettist Ferdinando Fontana/Stich von Vespasiano Bignami/vor 1929/Archivio Storico Ricordi

In Italien, wo die einzige Aufführung der Oper am 4. April 1891 in der Mailänder Scala stattfand, wurde sie vom Verlag Sonzogno zweimal (!) gedruckt, erhielt aber nie eine zweite Chance, aufgeführt und kritisiert zu werden.

In der griechischen Hauptstadt waren die einzigen musikalischen Zeugnisse des Werkes, die bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts existierten, die handschriftlichen Manuskripte der Partitur und der dazugehörigen Orchesterstimmen einer ungarischen Rhapsodie mit dem Übertitel Lionella. Diese Manuskripte wurden in einem schmutzigen und ramponierten Katalog der Bibliothek des Athener Konservatoriums aufbewahrt und bleiben verschlossen. Erst Fidetzis fand sie wieder. Sie wurden fotokopiert und von Fidetzis musikalisch ergänzt und neu instrumentiert, zudem von ihm so ediert, dass sie aufgeführt werden konnten. Dies geschah 1979, als Fidetzis nach der Entdeckung und „Rückführung“ der gedruckten Partitur von La Biondinetta aus der Public Library of New York seine Nachforschungen über das allgemeine Schaffen von Samaras mit Energie vorantrieb.

Die sogenannte Ungarische Rhapsodie, die als Konzertstück eine gewisse Beliebtheit besaß, so fand er viel später heraus, war ein tänzerisches und rein orchestrales Stück und stammte als Zwischenspiel aus dem zweiten Akt des Werks. Die erschloss sich, nachdem Fidetzis 2007 im Konservatorium von San Pietro a Majella in Neapel die von Sonzogno gedruckte Opernreduktion (spartito) fotografiert hatte.

Was die Handlung anbelangt, war nach einigem Rätselraten der geografische Schauplatz Ungarn. Titel und einige musikalische Elemente, die bei der Aufführung von „Zigeuner“ und „Ungarn“ in der zweiten Hälfte des 19 erwähnt waren, wiesen auf das Land der Magyaren. Dies wurde bestätigt, als das gedruckte Libretto in der Bibliothek der Mailänder Scala gefunden wurde.

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Zu Samaras´“Lionella“/Konzert im Teatro Olimpico Maria Callas, Athen/youtube

Fidetzis hatte jedoch etwas musikalisch Wesentliches und besonders Wichtiges in der Hand: Eine – wahrscheinlich – originale Musik von Samaras aus der damals verschollenen Oper Lionella. Es versteht sich von selbst, dass er versuchte, diese Musik zum Leben zu erwecken und sie zu präsentieren, wo immer es möglich war, in Griechenland und im Ausland. Die Beherrschung der Form, die oft verblüffende harmonische Originalität und die brillante orchestrale Dimension der Ungarischen Rhapsodie sowie die spontane positive Reaktion der Musiker und des Publikums bei jeder Aufführung überzeugten ihn von der Echtheit der Partitur des Athener Konservatoriums und veranlassten ihn zu weiteren Nachforschungen, um die vollständige Oper zu finden. Die Neapolitaner hatten ihm aus ihren eigenen Gründen, die er zugegebenermaßen nicht nachvollziehen konnte, nicht erlaubt, den dortigen Klavierauszug von Lionella zu kopieren, aber er durfte sie fotografieren. Leider war ging das Fotografieren schlampig und zu schnell von statten, da er unter Zeitdruck war. Und das Endergebnis war nicht ganz zufriedenstellend. Es war jedoch dennoch möglich, die vollständige Lionella zum ersten Mal in Griechenland am 12. April 2011 in der Parnassos-Halle im Rahmen des siebten Zyklus der griechischen Musikfestivals vorzustellen, mit Solisten, Chor und einem Klavier als Ersatz für die verlorene Orchesterpartitur.

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Zu Samaras´“Lionella“: Anna Stylianaki in der Titelpartie im Athener Konzert 2025/youtube

Der Fall Samara ist sehr typisch. Die Rückkehr des bedeutenden korfiotischen Komponisten, der in jüngerer Zeit völlig in Vergessenheit geraten war und dessen Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika und in der Opernszene fast völlig ignoriert wurde, wurde endlich ans Tageslicht gebracht und seine Oper Lionella mit Erfolg 2023 in Athen konzertant aufgeführt….

Kurz nach dieser ersten Präsentation übergab einer der Protagonisten Fidetzis, Freund und Mitarbeiter Vangelis Hadjisimos, eine Fotokopie des Klavierauszugs, der in der Academia St. Cecilia in Rom gefunden wurde und der erhebliche Unterschied zu dem neapolitanischen aufweist.

Mit der Entdeckung der beiden Auszüge ist seines Erachtens das Rätsel gelöst, das diese Oper zumindest in der griechischen Presse immer wieder begleitet hat: Gab es wirklich eine Verbindung zwischen dem Teil der Arie von Canio aus Leoncavallos Pagliacci (Vesti lagiubba) und einer Phrase aus Lionella? Die rhythmische Ähnlichkeit und vor allem die melancholische Stimmung der Schlussphrase von Lionellas Arie am Ende des ersten Aktes ist meiner Meinung nach der Arie von Canio ähnlich, um nicht zu sagen sehr ähnlich.

Zu Samaras´“Lionella“: Paolina Rossini sang die Titelpartie/Foto von Studio Mora/ Sanzogno

Das Gerücht über den „Konflikt“ zwischen den beiden Komponisten war daher begründet, wenn man bedenkt: a) die Uraufführung von Lionella am 4. April 1891, b) den allmählichen Welterfolg der Pagliacci einige Jahre später (Uraufführung am 21. Mai 1892), c) den legitimen künstlerischen Wettbewerb zwischen zwei Komponisten, die in den 1890er Jahre als jung und talentiert galten.

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Warum also ist Lionella so unrühmlich vergessen? Dem Mosaik der Fragen, aus denen sich das Rätsel Lionella zusammensetzt, fügt sich die schwerwiegendste hinzu. Es handelt sich in Wahrheit um den Konflikt zwischen den beiden führenden Mailänder Musikverlegern am Ende des 19. Jahrhunderts: die Verlage Ricordi und Sonzogno, die beide Künstler-Agenturen und Agenten für künstlerische Produktionen waren. Folglich hatte jede ihrer eigenen Opernveröffentlichungen in Verbindung mit der Aufführung der Oper und der Verwaltung der daraus abgeleiteten geistigen Eigentumsrechte einen enormen finanziellen und werbetechnischen Einfluss auf die allgemeine Entwicklung ihres Verlags. Daher konnten Nebenaktionen, die zu eigenen Erfolgen oder den Misserfolgen der Konkurrenten beigetragen hätten, von Fall zu Fall organisiert werden und eine kleine, aber entscheidende Rolle sowohl für die künstlerische als auch die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens spielen. (Man denke an den Fall Puccini und Catalani, der zu Gunsten von Puccini zurückgehalten wurde. G. H.)

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Zu Samaras´“Lionella“: Cristiano Osvaldo Botero sang die Baritonpartie (hier als Gounods Mephisto/Ipernity

Es gibt also eine doppelte Fassung des Klavierauszugs von Sonzogno, was für eine Oper, die nur einmal aufgeführt wurde, äußerst merkwürdig ist! Man kann sich also zu Recht fragen, ob Lionella ein so wirklich schlechtes Stück war, um so unrühmlich zu durchzufallen. Und man fragt sich, ob der Dirigent und seine Solisten so schlecht oder unzureichend vorbereitet waren? Das Orchester, der Chor, das Ballett, das Bühnenbild, die Kostüme und die Inszenierung – alles so schlecht? So sehr, dass ihnen nicht einmal die Gnade einer zweiten Aufführung zu Teil wurde, aber der Verleger die Oper zweimal druckte…? Und doch war der Dirigent dieser einen und einzigen Aufführung Leopoldo Mugnone (1858-1941), einer der bedeutendsten italienischen Dirigenten seiner Zeit!

Fidetzis: „Als ich mir den Klavierauszug ansah, aber vor allem, als ich das gesamte Werk 2011 in Parnassus hörte, wurde mir klar, dass Lionella etwas Besseres verdient hat und dass sie restauriert werden musste. Aber um dies richtig und vollständig zu tun, war eine neue Orchestrierung erforderlich. Aufgrund meiner Erfahrungen mit der Orchestrierung der unvollendeten Tigra des Komponisten und meiner ähnlichen Arbeit an zwei Opern von Paolo Carrer zögerte er anfangs, in diese Richtung zu gehen, da er den Zeitaufwand für die Orchestrierung eines solchen Projekts, das seiner Meinung nach ein komplettes Orchester erforderte und das mindestens gleich groß, wenn nicht sogar größer als das von Samaras Rhea war, nur grob einschätzen konnte. Diese Zeit, die er zu diesem Zeitpunkt nicht hatte, wurde durch die Pandemie/Corona dann reichlich bereitgestellt. Er hatte bereits 2016 versucht, einige Seiten der Reprise zu orchestrieren, aber nur sehr wenige. Im Hinblick auf unsere bevorstehende Zwangs-Schließung/Lockdown im Herbst 2020, nahm er die Orchestrierung von Lionella ab dem 1. Oktober wieder auf, die er am 14. März 2021 abschloss.“

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Zu Samaras´“Lionella“: Manuel Suaña i Font (Emanuele Suagnes) sang die Tenorpartie /Retrats de Viñas i Suaña al col·leccionable L’òpera catalana de la A a la Z del diari «Avui». 1988

Der Fall Samara ist in dieser Hinsicht auf die Wertschätzung der eigenen Musik in Griechenland sehr typisch. Nachdem seine Existenz als Komponist in den internationalen Opernlexika völlig unbeachtet geblieben war und er in der Opernszene fast völlig fehlte, ist die Rückkehr des großen korfiotischen Komponisten in den letzten Jahren beeindruckend, sowohl was die Präsentation seiner Werke als auch was seine Diskographie und Bibliographie betrifft. Bei dieser Wiedergeburt von Samaras‘ Schaffen war der Beitrag der Musikalischen Ensembles der Stadt Athen entscheidend, und die konzertante Aufführung von Lionella ist ein weiterer Höhepunkt dieses bedeutenden kulturellen Beitrags.

 

Musikalische Leitung / Neue Orchestrierung von Byron Fidetzis; Chor: Stavros Beris; Musikalische Vorbereitung: Dimitris Vezyroglou; Lionsella: Anna Stylianaki; Antor: Dimitris Paksoglou; Eric: Christos Kechris; Elias / Schwarze; Vike: Christoforos Stamboglis; Philharmonisches Orchester Athen. Maria Callas Olympic Concert Hall Athen Januar 2023

 

Dirigent der Uraufführung war der berühmte Leopoldo Mugnone. dazu die Sänger Emanuele Suagnes (184?, 191?): Andor / Alfiere ; Pietro Buzzi (183?, 189?): Erik / Ufficiale ; Alfonso Mariani (184?, 191?): Vaic / Capitano ; Tito Scipione Terzi (182?, 188?): Elias / Capo di una Trib ; Paolina Rossini (184?, 191?): Lionella / Zingara ; Pio Marini (185?, 192?): Un oste.

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Zu Samaras´“Lionella“: Opernhaus Athen zur Jahrhundertwende/Wikipedia

Handlung: A1 Ungarn im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Soldat Andor erzählt seinen Freunden beim Militär von einer schönen Zigenerin, die ihn blutend auf dem Schlachtfeld gefunden und gesund gepflegt hat. Danach verschwand sie, und er sucht sie bis heute. Sie war so schön, dass er sie nicht vergessen konnte. Ihr Name war Lionella. Da klingt ein Lied herauf, ein Gesang. Die Soldaten führen eine junge Frau herein – sie soll singen. Sie weigert sich, sie drängen, schließlich beginnt sie zu singen., Da kommt Vador herein, sie erkennen sich. Die große Liebe. Alle begehren sie, machen Angebote, vor allem der Kaptän Vaic ist ganz besessen von ihr. Aber Lionella will bei Vador bleiben, trennt sich sogar von ihrer Familie und Gruppe. Wie bei Undine hat das seinen Preis, sollte er sie verlassen bestimmt das Gesetz der Zigeuner seinen Tod.

A2 Vador und Lionella im Glück, sie lieben sich und begehren sich. Ein wunderbares Intermezzo – berühmt als Samaras Ungarische Rhapsodie und häufiges Konzertstück – spiegelt die kommenden Konflikte wieder: seine Spielsucht und sein Ehrgeiz auf dem Schlachtfeld. Lonella hasst beides und lässt in schwören, davon abzulassen. A2 Intermezzo: Rhapsodie ungarese. A2 Ein Maskenball steht an, sie will nicht mitkommen, er überredet sie. Am Spieltisch verliert Vador alles und setzt gegen den Kapitän Vaic schließlich Lionella als letzten Einsatz ein. Er verliert, Lionella wird die Sex-Sklavin von Vaic, was wiederum den Soldaten und Regimentsgefährten Elias auf den Plan ruft, der sich als Zigeuner outet und Vaic im Duell tötet. Er entflieht mit Lionella. A3 Nach einem schönen Vorspiel Lionellas große Szene und wunderbare Arie, in der sie nach einem Jahr im Versteck ihre immer noch tiefe Liebe zu Vador sich selber zugibt. Elias tritt auf, er weiss um Lionellas Liebe und auch, dass Vador sie gefunden hat. Elias schwört dem Gesetz der Zigeuner zu folgen und Vador umzubringen. Aber er stellt sie vor die Wahl: Er liebt sie auch, und wenn sie die Seine wird, verschont er Andor. Er bietet ihr an, alles zu vergessen und mit ihr fortzugehen. Aber natürlich liebt sie Vador, will gerne eine Schwester für Elias sein, aber mehr nicht. Sie liebt eben, bedingungslos. Elias sagt, er werde das akzeptieren und der nächste Tag ihn bereits weit weg finden: So erfülle sich Vadors und auch sein Schicksal. Lionella ist beunruhigt. Und sie segnet Elias für seine Selbstlosigkeit.

Zu Samaras´“Lionella“: der Tenor Suanas war so berühmt, dass sein Koffer-Aufkleber im Museum von Catalonien in Barcelona aufbewahrt wird/BSA

Trompeten kündigen Vador an. Er bittet sie um Verzeihung, die sie zu gerne gewährt. Großes, langes Liebsduett. Da schleicht sich Elias heraus, ein fast walzergetragenes Terzett. Er ersticht Andor und schreit zu Lionella: Du sollst leben und leiden. Sie: Der Himmel verfluche dich. Schluss.

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Zum Komponisten: Spyridon-Filiskos Samara, Sohn des Vizekonsuls Skariatos, wurde am 17. November 1861 auf Korfu geboren, wo er unter anderem van dem Komponisten Xyndas unterrichtet wurde. Auf dessen Rat ging er an das Athener Konservatorium (1875), als sein Vater das Familienverm6gen verschleudert hatte. Dank der Aufopferung der Mutter Fani Courtenay und seines liebevollen Lehrers für Komposition, Enrico Stancabianco, konnte er seine Studien beenden und wechselte 1882 nach Paris, wo er in Marquis de Saint lllaire und weiteren Adligen großzügige Mäzene für seine weiteren Studien und die ersten Veröffentlichungen fand. Theodore Dubois und Leo Délibes zählten zu seinen Lehrern. Kurz nach Kompositionsbeginn zu seiner Oper Medge (1885) erreichte ihn der Auftrag des Mailänder Musikverlegers Edoardo Sonzogno für eine Oper, Flora mirabilis, auf das Libretto seines langen Bewunderers und Puccini-Librettisten Ferdinando Fontana. Die Premiere am Mailänder Teatro Camano 1886 wurde zum Beginn einer internationalen brillanten Karriere. Samaras Werke wurden in aller Welt enthusiastisch begrüßt – in Ägypten, Argentinien, Österreich, Frankreich, Deutschland, Griechenland und besonders ltalien, Malta, Rumänien, Russland und sogar der Türkei (Ankara und Istanbul hatten gutgehende, westlich orientierte Opernhäuser). Seine musikalische Persönlichkeit, sein Talent im Erschaffen von Bühnendramen und -handlungen und seine Begabung für die Analyse nahmen Puccini, Leoncavallo und die italienische veristische Bewegung des Naturalismus in der Oper voraus.

Zu Samaras´“Lionella“: Karikatur des Komponisten als Dirigent/Wikipedia

Dem ersten Werk folgten weitere: Medgé (Rom 1888; dazu der Artikel zur erneuten Erstaufführung in Athen 2025 bei operalounge), Lionella (Scala 1891, nur einmal aufgeführt und bislang verschollen). La Martire (Neapel 1894/ die Einfluss auf Puccinis La Bohème nahm), sowie die auf Shakespeare basierende La Furia domataDer Widerspenstigen Zähmung (Mailand 1895, bislang verschollen, Byron Fidetzis arbeitet an einer Edition) . 1891 kehrte Samara nach Paris zurück. Für die Wiedererweckung der Olympischen Spiele in Athen 1896 komponierte er eine Hymne, die später die offizielle der Spiele wurde (auf einen Text von Kostas Palamas). In der Folge wurden seine Libretti auf Französisch von Paul Milliet geschrieben: Une histoire d’amour (Mailand 1903), Mademoiselle de Belle Isle (nach Dumas, Genua 1905) und seine letzte vollständige Oper Rhea (in der Nachübersetzung ins ltalienische  durch  den  Komponisten  selbst, nun bei Naxos).

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Diese letzte große Inspiration zeigt einen endlosen Musikfluss und scharf umrissene Einheiten (wunderbare Duette), ein komplexes System von Eröffnungsmotiven (vor allem des eifersüchtigen Schurken Guarcas) und das himmlische Intermezzo, das einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt. 1911 hatte Samara, immer noch in Paris, den unvollendeten ersten Akt seiner Tigra nach einem Text von Simoni (Puccinis Librettisten) vorliegen. Nur seine enge Freundschaft zur königlichen Familie und das Versprechen, den kontroversen Vorgänger Georgios Nazos als Direktor des Athener Konservatoriums ablösen zu können, brachten Samara zurück in die Heimat. Nazos war ein unversöhnlicher Widersacher der lonischen Schule und von dem ,,Kollaborateur“ Syngros installiert worden. Nun rotteten sich Syngros‘ Gefolgsleute gegen Samara zusammen. Der junge Kalomiris griff ihn geradezu vitriolisch an, während Nazos – von stärkeren Schultern als denen des schwachen deutschen Königs Otto gestützt – unverändert feindlich blieb.

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Spiridon Samaras: Katalog zur Ausstellung anlässlich der Aufführung 1994 auf Korfu/Sonzogno

Samaras Heirat mit Anna Antonopoulou zwang ihn, für den Lebensunterhalt der Familie Geld verdienen zu müssen – er komponierte drei Operetten (herrliche Musik auf schreckliche Libretti). Er schrieb auch die Musik zu seiner eigenen Vorlage Triumph 1915 und viele Lieder. 1943 zerstörte ein Luftangriff die Büros seines italienischen Verlagshauses Sonzogno in Mailand, wo die meisten seiner Werke lagerten. Nur seine Witwe besaß nun noch einiges in einem alten Koffer. Seine Wiederauferstehung als Komponist begann erst 1985, vor allem durch  die beispiellose Initiative von  Byron Fidetzis.

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Die vorstehenden Texte entnahmen wir mit Dank dem Programmheft zur konzertanten Aufführung. Dank an Elena Kiagkoudu und natürlich an Byron Fidetzis, der wie kein anderer sich um die Opern seines Heimatlandes kümmert. G. H.

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Der Dirigent und Musikwissenschatler Byron Fidetzis, hier bei der Aufnahme zu Dionysos Lavragas´ „Dido“ 2025/BF

Ganz kurz ein Blick auf weitere verfügbare Dokumente von Samara: Die Mademoiselle de Belle Isle gab es als Mitschnitt bei Lyra von einem Konzert in Pasardijk/Bulgarien 1994 (Fidetzis/Arapi, Krilovici/ italienische Version von Amintore Galli nach Milliet auf die Komödie von Alexandre Dumas); die bekannteste Oper, Rhea – auf deren Ouvertüre die Olympia-Hymne zurückgeht – lag sogar mal als dicker, schicker LP-Kasten bei einer eingegangenen italienischen Firma vor, Booklet -De-Luxe einschließlich, und kam dann zu Lyra, inzwischen auch verblichen/s. operaloungeLa Martire ist 1990 ebenfalls in Pasardijk aufgenommen bei Lyra als CD erschienen (und liegt in der deutschen und damals viel im deutschsprachigen Raum gespielten Fassung bei Bote & Bock, heute Boosey & Hawk); ebenfalls bei Lyra gab es als CD La Biondinetta (1998 Pasardijk/Fidetzis mit Arapis und Stamboglis; erschienen bei Naxos/operalounge) und nun auch bei youtubeFlora Mirabilis gibt es in Ausschnitten von 1979 unter Odisseus Dimitroadis mit Frangiskos Voutsinos (der in Belgien eine Karriere machte). Und schließlich kann man den ersten Akt von La Tigra /operalounge bei youtube und bei Naxos hören, erneut dirigiert Byron Fidetzis. Lionella ist nun – wie oben berichtet – bei youtube als Konzertmitschnitt von 2023 aus der Maria Callas Olympic Concert Hall verfügbar. Ebenso Medgé/operalounge von 2025. Ein Blick zu youtube in Sachen Pavlos Carrer und Spyros Samaras lohnt sich! G. H.

 

Mehr Kammerkätzchen als Königin

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Zwar bella, aber keineswegs furiosa, wie der Titel suggeriert, eher wie eine Mimi, die wehmütig über ihr Schicksal nachdenkt, deren Bild sich in rosafarbenen Wolken aufzulösen scheint, erscheint die israelische Sängerin Shira  Patchornik auf ihrer CD, und auch wenn sie den Begriff Furia nicht nur als Wut, sondern auch als Kampfesmut, Selbstbehauptung, Streben nach Gerechtigkeit verstanden haben will, fällt die Rosenarie der Susanna aus dem weitgesteckten Rahmen. Es handelt sich allerdings um die von Mozart für die Sängerin Adriana Ferrarese komponierte Arie, di zwar das selbe Rezitativ aufweist, aber ansonsten den Fähigkeiten des Soprans, die von denen der Uraufführungbesetzung abwichen, gerecht zu werden versuchte. Von Furia allerdings kann auch in ihr nicht die Rede sein, sondern von freudig-ungeduldiger Erwartung, und von der einfallsreichen, kecken, sich wehrhaft durch die Männerwelt kämpfenden Kammerzofe erwartet man etwas mehr Pep und noch viel mehr Zärtlichkeit in Erwartung der Hochzeitsnacht. Shira Patchornik besitzt einen  ideal auf kratzbürstige Kammerkätzchen zugeschnittenen Sopran mit leichtgängiger Höhe und weniger Mittellage, deren einige auch auf der CD vertreten sind, den adligen Damen, die edel schmachten und denen lyrische Emphase auch zur Zeit Mozarts und seiner Weggenossen nicht fremd ist, versagt sie doch etwas die notwendige dolce grandezza.

Den Live-Auftritten mit dem auf der CD verewigten Programm gingen eine intensive Archivarbeit und eine darauffolgende Tournee voraus, auf der CD gibt es nach einer großzügig bemessenen halben Stunde Gesang auch noch zwanzig Minuten Orchestermusik mit Mozarts Divertimento für Oboe, zwei Hörner und Streicher, auch als Nannerl-Septett bekannt.

 Niccolo Piccinni ist für den ersten und den letzten Track sowie einen weiteren auf der CD verantwortlich, einmal für die Arie der Livietta und zum anderen für die der Marchese aus der Oper La buona figliuola. In der ersten Arie überzeugt die Sängerin mit einer frei klingenden Höhe, kämpft etwas mit dem rasanten Tempo, und wenn es um furia gehen sollte, ist diese eher putzig als Angst einflößend. Die adlige Dame, die die furia di donna irrata zum Ausdruck bringen soll, ist  hoch virtuos gestaltet, man könnte sich trotz aller Gefühlsaufwallung aber den einen oder anderen Ton weniger spitz, etwas gerundeter denken. Kapriziös, frisch und keck gibt sich die Lisetta aus Haydns La vera costanza und kann ihrem Anliegen auch einigen Nachdruck verleihen. Auch der dreifach vertretene Piccinni hat eine Arie, die mit den Worten „Dove sono i bei monenti“ komponiert, die die Sängerin mit schöner Beiläufigkeit, wie hingetupft und manchmal leicht gespreizt darbietet, der Figur einen kindlichen Anstrich gebend und sie mit zierlichen Koloraturen ausstattend.  Leicht manieriert und damit schattierungsreich und gräflichem Unmut nachdrücklich Ausdruck verleihend, macht die Sängerin nachvollziehbar, dass Goethe sich für das Werk begeistern konnte. Als schelmischer Trotzkopf gibt sich die Serpina von Giovanni Paisiello in der Interpretation von Shira Patchornik zu erkennen, und auch hierbei sind ihr die Chaarts chamber artists einfühlsame Begleiter, die mit dem abschließenden Nannerl-Septett noch einen zusätzlichen Glanzpunkt bereitstellen (Solo Musica 553). Ingrid Wanja           

Zum 150. von Hermann Hesse

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Als „Eine musikalische Hommage zum 150. Geburtstag von Hermann Hesse will Oliver Gruhn, Posaunist, aber auch mit anderen Instrumenten vertraut, vor allem aber Komponist seine CD mit von ihm zu verantwortender Musik auf Gedichte des von ihm verehrten Schriftstellers, aber auch anderer Dichter, dazu zwei Lieder von Richard Strauss, die noch nach den Vier letzten Liedern entstandenen Malven und ein unvollendet gebliebenes mit dem Titel Nacht auf einen Text von Hesse, verstanden wissen. Letzteres könnte leicht verwechselt werden mit dem gleichnamigen auf einen Text von Hermann von Gilm, beginnend mit der Zeile „Aus dem Walde tritt die Nacht“, während Hesses Werk mit den Worten „Mit Dämmerung und Amselschlageingeleitet wird. „Malven“ hingegen stammt von der Schweizer Schriftstellerin Betty Knobel, die auch weitere Texte auf der CD verfasst hat, auf der außerdem neben Hesse u.a. Otto Julius Bierbaum, Ricarda Huch und Christian Wagner vertreten sind. Malven komponierte Strauss kurz vor seinem Tod im Schweizer Exil und widmete das nur mit Klavierbegleitung vorgesehene Stück der von ihm verehrten Sängerin Maria Jeritza. Diese bewahrte das Lied 34 Jahre auf, ehe es seine Uraufführung erleben konnte.

Die CD Bezaubert von der Jeannedárt Stiftung umfasst vier Blöcke, zum einen die beiden von Oliver Gruhn teils komplettierten bzw. orchestrierten Strausslieder, danach den Zyklus Sommerliebe, in denen der Komponist außer einem Huch-Gedicht ausschließlich solche von Hesse vertont hat, danach Der König ohne Land mit ausschließlich Hesse-Texten und schließlich Brennendes Herz, wo Hesse nur zwei von acht Liedern zu verantworten hat. Die Vertonung erweckt durchaus den Eindruck, als sei sie zur gleichen Zeit wie die Gedichte entstanden, tonal, stimmfreundlich, hörbar von Richard Strauss und Zeitgenossen inspiriert, zwischen spätromantisch und impressionistisch sich bewegend, sehr angenehm und zum Träumen anregend. Die Musik ist hörbar von den Texten inspiriert und erweist sich damit als tatsächliche Hommage an den Dichter, von dem die meisten Texte stammen. Säger werden es lieben, diese Kompositionen aufzuführen.

Der König ohne Land wird von dem schwedischen Bassbariton Staffan Liljas gesungen, der in Die Blutbuche das Hauptgewicht auf „schwelgen“ legt, in August seine kraftvolle, farbige Stimme vom Orchester umschmeicheln lässt und für die Dunklen Augen Leidenschaft funkeln lässt.

Hermann Hesse/Wikipedia

Der deutsch-russischen Sopranistin Diana Schnürpel sind weitaus mehr Lieder anvertraut, beginnend mit denen von Strauss stammenden. Bereits in Malven zeigt sich die glückliche Verbindung eines leicht melancholischen Timbres mit einem feinen Leuchten der Stimme, allerdings auch eine wohl bei Strauss-Sopranen fast unvermeidliche Textunverständlichkeit. Schön umspielen die Symphoniker Hamburg unter dem erfahrenen Sebastian Lang-Lessing die Stimme, man meint ein weiteres der Vier letzten Lieder zu vernehmen. Von  Höhe des Sommers  bis zum Spätsommer reichen die Lieder unter dem Titel Sommerliebe, in denen der Sopran in Nelke zu orgiastischen Tönen findet, die Schmetterlinge im Spätsommer vom sehr Zarten zum Überschwänglichen finden, Ricarda Huch zu Intervallsprüngen animiert. Sinnlich in Klängen schwelgen lassen Ricarda Huch und der Komponist die Sängerin in Begierde, auch die zweite dichtende Dame, Betty Knobel, spürt „die zitternde Unruh“ in sich, und der Sopran weiß sie eindrucksvoll an den Hörer zu vermitteln, so wie die Kompositionen den Zeitgeist, aus dem die Dichtungen entstanden sind und der sie prägte (Jeannedart Stiftung EAN: 4020796501723/Abbildung oben/ Hermann Hesse/Aquarell/ Ausschnitt/ aboutcities.de). Ingrid Wanja