Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Josef Netzers Oper „Mara“

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„Kann denn ein Deutscher eine Oper komponieren?“ Aussagen wie diese des einflussreichen Wiener Polizeichefs Sedlnitzky musste sich der aus Tirol stammende Komponist Josef Netzer vermutlich häufiger anhören, als er versuchte, seine Opernkompositionen wichtigen Entscheidungsträgern vorzustellen. Aber Netzer ließ sich nicht beirren und klopfte an weitere Türen. Eine davon öffnete sich zwar nicht für eine Aufführung einer der beiden ersten Bühnenwerke Netzers, bereitete aber den Weg für seine dritte Oper: Netzer war auf die Abendgesellschaften des Staatskanzlers Metternich geladen und konnte künftig auf Unterstützung durch die Gastgeber hoffen. Über den österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer hatte er den Textdichter Otto Prechtler kennengelernt. Dieser verfasste das Libretto zu der Oper, die Netzers erfolgreichste werden sollte: Mara (dazu auch die Aufführungskritik vom 7. 12. 13).

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Josip Hatze (1879–1959) war einer der ersten und bedeutendsten (späteren, vormals österreichischen) kroatischen Komponisten im mediterranen Stil in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Hatze wurde in Split (damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien) als Sohn einer angesehenen Handwerkerfamilie aus Split geboren. Während seiner Schulzeit beschäftigte er sich intensiv mit Musik, insbesondere mit geistlicher Musik und Volksliedern. Als er zufällig seine außergewöhnliche Musikalität entdeckte und dank der Unterstützung seiner Familie besuchte er alle Aufführungen im neu eröffneten Stadttheater in Split. Die intensiven Erfahrungen mit Orchester- und Chorauftritten im Theater von Split ermutigten den 16-jährigen Hatze, bei der Kapellenmesse zu singen. In dieser Zeit schrieb er die „Misa a Kapela“ (mit kroatischem Text), die mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Später begannen auch andere dalmatinische Schulchöre, seine musikalischen Werke aufzuführen.

Er schloss sein Kompositionsstudium 1902 am Rossini-Konservatorium in Pesaro bei dem großen Opernkomponisten Pietro Mascagni ab. Nach seiner Rückkehr nach Split arbeitete er als Chorlehrer an der Zentralen Technischen Schule in Split und beim Chorgesangsverein „Zvonimir und Minstrel“. Während des Ersten Weltkriegs an der Front, fern von zu Hause, wusste er nicht, dass seine geliebte Frau Gilda an der Spanischen Grippe gestorben war. Gilda stammte aus der Patrizierfamilie Marulić. Marko Marulić gilt als Begründer der kroatischen Literatur.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Hatze zum Flüchtling in El Shatt in Ägypten. Dort gründete er einen Lagerchor. Hatze komponierte bis zu 60 Lieder. Er schrieb die Kantaten „Nacht in Una“ (Text: Hugo Badalić), „Exodus“ (1912) und „Golemi Pan“ (1917). Das Werk „Golemi Pan“ (Der große Pan) entstand nach Gedichten von Vladimir Nazor. Hatze besaß ein großes Gespür für Dramatik. Diese Fähigkeit kam besonders gut in den Orchesterwerken der Opern „Die Rückkehr“ (1910) und „Adel und Mara“ (1932) zum Tragen. „Die Rückkehr“ erzählt die Geschichte eines kroatischen Bauern, der in ein fremdes Land gehen musste und dann in sein Elternhaus zurückkehrte. (youtube)

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Yosip Hatze: „Adel i Mara“/Szene aus der Uraufführung/youtube

Durch Vermittlung der Fürstin Metternich wurde Netzer im Juli 1840 von Ballochino, dem Direktor des Hofoperntheaters, aufgefordert, die Partitur seiner neuen Oper abzugeben. Netzer schloss einen Vertrag mit dem Theater ab, wonach er auf jedes Honorar verzichtete. Allerdings wurde ihm darin auch zugesichert, dass die Oper in der nächsten Herbst- oder Wintersaison aufgeführt werden würde. Netzer war mit seiner Komposition zu diesem Zeitpunkt bis zum Schluss des ersten Aktes gelangt. Von Juli an arbeitete er, laut der Biographischen Skizze von Josef  Keßler, täglich 18 bis 20 Stunden an seiner Mara, stellte sie in nur 25 Tagen fertig und lieferte die Partitur am 27. August bei der Theaterdirektion ab. Die Probenzeit soll, wenn man den Ausführungen Keßlers Glauben schenkt, eine „Zeit vieler Leiden“ für Netzer gewesen sein. Die Oper des österreichischen Komponisten, der es wagte, neben den vergötterten Italienern und Franzosen bestehen zu wollen, war wohl ein Opfer zahlreicher Intrigen seitens des Ensembles. Als die Mara am 16. März 1841 schließlich ihre Uraufführung am Kärntnertortheater (der späteren Hofoper) erlebte, war sie jedoch, allem Widerstand zum Trotz, ein rauschender Erfolg. (…)

Josef Netzer – Lithographie von Gabriel decker 1843/OBA

Fürst Metternich setzte sich auch weiterhin für Netzer und seine Mara ein, indem er ein Empfehlungsschreiben verfasste. Mit diesem in der Tasche begab sich Netzer ab April 1842 auf eine Kunstreise durch Deutschland, mit dem Ziel, Kontakte zu knüpfen, die Mara in anderen Städten bekannt zu machen und wenn möglich zur Aufführung zu bringen. Seine erste Station war Prag, wo Mara am 10. November 1843 erstmalig zur Aufführung kam und auch beim dortigen Publikum große Erfolge feierte. In Berlin lernte Netzer Giacomo Meyerbeer kennen. Dank seiner Vermittlung konnte das Werk im Sommer 1844 an den Königlichen Schauspielen Berlins gespielt werden. Ebenso wie bereits in Wien und Prag dirigierte Netzer seine Mara in Berlin selbst. Während Netzers Anstellung als Kapellmeister in Leipzig erlebte das Werk in der Saison 1844/45 sieben Aufführungen. Im Oktober 1844 erschien sogar ein vom Komponisten erstellter Klavierauszug im Druck. Weitere Stationen der Mara waren nachweislich Braunschweig 1844, Graz 1846, während Netzers Engagement 1850 in Mainz sowie 1852 in Sondershausen. Danach verschwand das Werk von den Opernbühnen.

Yosip Hatze: „Adel i Mara“/Szene aus der Uraufführung/youtube

Dafür könnte es viele Gründe geben. (…) Einer ist möglicherweise in den überaus anspruchsvollen Gesangspartien zu finden, die dazu geführt haben könnten, dass sich keine/r der (originalen) Sänger/Innen für Wiederaufnahmen oder Neuinszenierungen der Mara an anderen Theatern einsetzte. (…) Für kleine Theater war Mara eindeutig zu groß dimensioniert. (…) Problematisch könnten auch Ähnlichkeiten des Stoffes zu Preciosa von Pius Alexander Wolff gewesen sein, für die Carl Maria von Weber eine Schauspielmusik komponiert hatte. Neben ihr konnte sich Mara nicht behaupten, obwohl die Titelrolle in Netzers Opernwerk ganz anders angelegt war.

Betrachtet man die Liste der Opernhäuser, an denen Mara zur Aufführung gelangte, so fällt auf, dass es hauptsächlich Theater waren, bei denen Netzer intervenierte (Prag), an denen er selbst tätig war (Leipzig, Mainz) oder wo ihm Protektion weiterhalf (Wien, Berlin). Aufführungen gab es nur während einer Saison oder während der Anwesenheit des Komponisten.

Die "Macher": (von links) Operndirektor Roger E. Boggasch, Franz Gratl /Musikkustos der Tiroler Landesmuseen, Wolfgang Meighörner /Direktor der Tiroler Landesmuseen, Intendant Johannes Reitmeier, Alexander Rumpf/Chefdirigent des Tiroler Landestheaters)/ © gro

Die „Macher“: (von links) Operndirektor Roger E. Boggasch, Franz Gratl/ Musikkustos der Tiroler Landesmuseen, Wolfgang Meighörner /Direktor der Tiroler Landesmuseen, Intendant Johannes Reitmeier, Alexander Rumpf/Chefdirigent des Tiroler Landestheaters)/ © gro

Anscheinend hatte Netzer kein großes Geschick darin, sich im Theaterleben zu etablieren und dadurch Kontakte und Beziehungen aufzubauen beziehungsweise  aufrechtzuerhalten. Nach den Recherchen von Roswitha Karpf („Die erste Tannhäuser-Aufführung in Graz“) gilt als sicher, dass Netzer der Dirigent der ersten Tannhäuser-Vorstellung in der Donaumonarchie im Jahr 1854 war. Als liberaler Künstler unterstützte er diese Vorstellungsserie sicher mit viel emotionaler Beteiligung. Wagner wurde in Verbindung mit  der  Revolution 1848 steckbrieflich gesucht. Es ist daher anzunehmen, dass die Tannhäuser-Serie seitens des Hauses Habsburg kritisch beobachtet wurde und somit auch Netzer als Dirigent dieser Erstaufführung in seiner Bewertung als Künstler Schaden genommen haben könnte.

Eine weitere, von Rudolf Pascher geäußerte Vermutung hinsichtlich der schlechten Quellenlage der Biographie, besonders über seinen letzten Lebensabschnitt in Graz, begründet sich in dem liberalen Kulturkampf bezüglich des dortigen Zentralfriedhofes. Nachdem dieser Friedhof zunächst als Ruhestätte für verschiedene Konfessionen genutzt wurde, wollte die römisch-katholische Kirche nach dem

Ankauf des Grundstückes nur Bekenner ihres Glaubens dort bestatten lassen. Darüber geriet man in Auseinandersetzung, zu deren Anführern auf liberaler Seite Netzer und weitere Musiker aus seinem Kreis gehörten. Ob Netzer als ursprünglich katholisch Getaufter vielleicht schon während der Leipziger Zeit konvertierte oder nur als Anführer der Gegenpartei in dieser Auseinandersetzung fungierte, bleibt Spekulation. Die Berichte aus den Tagen seines Todes belegen allerdings eindrücklich die Schwierigkeiten der Bestattung Netzers. Selbst zwei Jahre später verbot das Seckauer Fürstbischöfliche Ordinariat eine Gedenkrede anlässlich der Grabsteinenthüllung. Netzer muss also „Persona non grata“ gewesen sein.

Ort des Geschehens - das schöne Tiroler Landestheater in Innsbruck/© TLT/Larl

Ort des Geschehens – das schöne Tiroler Landestheater in Innsbruck/© TLT/Larl

Auch das kann das schnelle Vergessen dieses Tiroler Tonkünstlers nach seinem Tod begünstigt haben. Möglicherweise lag es aber auch einfach nur an den Gesetzmäßigkeiten des damaligen Musikmarktes, so Franz Gratl, der Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Bei einer Unzahl von damals geschaffenen Werken konnte sich eben nur ein Bruchteil im Repertoire halten.

Eine eindeutige Begründung wird sich vermutlich nicht mehr finden lassen. Mit der Innsbrucker Aufführung soll jedoch ein Beitrag dazu geleistet werden, zu zeigen, dass es Netzers Mara verdient, wiederentdeckt zu werden. Susanne Bieler

 

Davide Fersini (Torald, Anführer des fahrenden Volkes), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin)/© TLT/Larl

Davide Fersini (Torald, Anführer des fahrenden Volkes), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin)/© TLT/Larl

Der Komponist: Und wieder ist ein Blick in das unentbehrliche Wikipedia lohnend: Johann Josef Netzer (* 18. März 1808 in Zams/Tirol; † 28. Mai 1864 in Graz) war ein Komponist und Kapellmeister. Netzer gehörte zu den arrivierten Künstlern Tirols, die überregional Karriere gemacht haben. Seine erste Musikausbildung erhielt er von seinem Vater, danach am Innsbrucker Musikverein. Er erhielt Unterricht beim Wiener Musiktheoretiker Simon Sechter, dem späteren Lehrer Anton Bruckners. Zusammen mit Johann Rufinatscha erregte er in Wien schnell Aufsehen mit großen symphonischen Werken. Mit Franz Schubert war Josef Netzer eng befreundet und musizierte mit ihm. Netzers Bekanntheit wurde vor allem durch seine Oper Mara begründet.

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Susanna von der Burg (Ines, Manuels Braut)/© TLT/Larl

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Susanna von der Burg (Ines, Manuels Braut)/© TLT/Larl

Netzer arbeitete als Kapellmeister und Komponist in Wien am Theater an der Wien, ab 1849 in Mainz beim Stadttheater, in Leipzig und von 1853 bis 1861 in Graz beim Musikverein für Steiermark. Netzer starb 1864 in Graz. Sein Nachlass wird im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und im Stift Stams verwaltet. Im Jahr 2008, seinem 200. Geburtsjahr, wurde des Komponisten mit einigen Veranstaltungen gedacht. Zu seinen  Werken zählen: die Oper Mara Wien 1841; Symphonie Nr. 1 in C-Dur, Wien 1837; Symphonie Nr. 2 in E-Dur, Wien 1838; Symphonie Nr. 3 in D-Dur, Wien 1845; Symphonie Nr. 4 in Es-Dur, Leipzig ca.1849; Trio für Klavier, Violine und Violoncello in E-Dur, Wien 1838.

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Christine Buffle (Ines, Manuels Braut), Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adliger), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/ © TLT/Larl

Christine Buffle (Ines, Manuels Braut), Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adliger), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/ © TLT/Larl

Josef Netzer: Mara, Große romantische Oper in vier Akten auf ein Libretto von Otto Prechtler; UA am 16. März 1841 am Wiener Kärntnertortheater (später Hofoper). Personen: Mara, eine junge Zigeunerin – Sopran, Manuel, ein junger Adliger – Tenor; Torald, Anführer des fahrenden Volkes – Bass; Ines, Manuels Braut – Mezzosopran; Graf Cornaro, Manuels Vater – Bass; Zigeuner, Hofleute, Volk; Zeit/Ort: Italien im 18. Jahrhundert

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Die Handlung/ERSTER AKT: Der junge Adelige Manuel hat sich in die Zigeunerin Mara verliebt, die mit einem fahrenden Zirkus in der Nähe des Schlosses Quartier bezogen hat. Auch Torald, der Anführer der Truppe, ist den Reizen der leidenschaftlichen Frau verfallen. Während Mara Manuels Zuneigung erwidert, weist sie Toralds Begehren zurück. Obwohl Mara das grausame Ende ihrer Liebe zu Manuel vorhersieht, träumen beide von einer gemeinsamen Zukunft. Der Versuch, Mara aus dem Lager zu entführen, scheitert am erbitterten Widerstand des eifersüchtigen Torald. Nur Maras beherztes Eingreifen rettet den Geliebten vor dem Tod. Sie stellt sich schützend zwischen ihn und die wütenden Zigeuner. So kann Manuel fliehen, während Mara weiterhin Toralds Gefangene bleibt.

Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/© TLT/Larl

Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/© TLT/Larl

ZWEITER AKT: In den Palast zurückgekehrt, wird Manuel von den Vorbereitungen zu seiner eigenen Hochzeit überrascht: Sein Vater Cornaro plant die Heirat seines Sohnes mit der reichen Erbin Ines. Manuels Eingeständnis seiner Liebe zur nicht standesgemäßen Mara führt bei dem unbeugsamen Patriarchen zu Unverständnis und heftigen Vorwürfen. Als kurz darauf die festlich geschmückte Braut den Raum betritt, fügt sich Manuel resigniert in sein Schicksal und unterzeichnet den Ehevertrag. Sehnsüchtig wartet Mara indessen auf den Geliebten, als Torald ihr ein vermeintliches Schreiben Manuels übergibt. Darin wird sein Abschied von Mara besiegelt, sie selbst mit Goldmünzen abgefunden. Mara trifft, als sie Manuel zur Rede stellen will, auf dessen zukünftige Frau und wähnt sich endgültig verraten. In Wut und Verzweiflung verflucht sie Cornaros Haus.

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adeliger)/ © TLT/Larl

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adeliger)/ © TLT/Larl

DRITTER AKT: Die Trauung steht bevor. Ines versucht mit allen Mitteln, Manuels Zuneigung zu gewinnen und Mara vergessen zu machen. Die zutiefst verletzte Zigeunerin plant indes, die Braut zu töten, um sich an Manuel zu rächen. Doch überwältigt von ihren Gefühlen lässt Mara von Ines ab und stößt sich selbst den Dolch ins Herz. In den Armen Toralds stirbt sie. Manuels weiteres Schicksal bleibt ungewiss …

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(Den Artikel der Innsbrucker Dramaturgin Susanne Bieler und die Inhaltsangabe entnahmen wir mit Kürzungen dem Programmheft zur modernen Erstaufführung im vergangenen Dezember 2013 am Tiroler Landestheater, dessen hilfsbereites Pressebüro/Dagmar Grohmann auch die Szenenfotos zur Verfügung stellte. Danke! Einen sehr guter Mitschnitt aus dem kroatischen Radio von 2012 unter Niksa Bareza gibt es bei youtube.  Textredaktion G. H.)

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Susanne Bielers Artikel basiert auf Informationen aus: Irmlind Capelle, Wie kann man den Weber so verhunzen, a. a. O.; Roswitha Karpf, Die erste Tannhäuser-Aufführung in Graz, in: Ein Beitrag zur Grazer Theaterpraxis im 19. Jahrhundert, Graz o. J.; Josef Keßler, Josef Netzer, a. a. O .; Rudolf Pascher, Josef Netzer (1808-1864), a. a. O .

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Gerd Albrecht

 

Der deutsche und international renommierte Dirigent Gerd Albrecht (* 19. Juli 1935 in Essen; † 2. Februar 2014 in Berlin) ist tot. Er ist vor allem als Musikpädagoge und als Dirigent des seltenen, oft auch slawischen Repertoires in die Geschichte eingegangen, von denen er manches Werk bei orfeo eingespielt hat.

Dazu ein Auszug aus Wikipedia: Nach Studienjahren in Kiel und in Hamburg bei Wilhelm Brückner-Rüggeberg gewann Gerd Albrecht sofort den ersten Preis beim Internationalen Dirigentenwettbewerb in Besançon. Er entschied sich jedoch nicht für den schnellen Karriereweg, sondern begann 1958 als Assistent an der Stuttgarter Oper. 1961 wurde er aber schon 1. Kapellmeister in Mainz und 1963 jüngster Generalmusikdirektor (GMD) in Lübeck. 1966 ging er für sechs Jahre als GMD nach Kassel und führte Erklärkonzerte für Kinder und Jugendliche ein.[2] Er übernahm 1972 als Ständiger Dirigent die musikalische Oberleitung der Deutschen Oper in Berlin. 1975 bis 1980 leitete er das Tonhalle-Orchester Zürich, danach arbeitete er acht Jahre lang frei in den wichtigsten Musikzentren der Welt. 1988 bis 1997 war Albrecht Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters in Hamburg. Von 1993 bis 1996 war er als erster Ausländer Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag; 1998 leitete er das Dänische Radiosinfonieorchester Kopenhagen. Zudem leitete er das Bundesjugendorchester.

Albrechts Schwerpunkte lagen in der Musik der Romantik. Viele seiner zahlreichen Schallplatteneinspielungen wurden preisgekrönt. Daneben setzte er sich intensiv, auch im Fernsehen, mit seinen Gesprächskonzerten, für die Neue Musik ein. Unter seiner Leitung wurden Werke von Wolfgang Fortner, György Ligeti, Wolfgang Rihm, Hans Werner Henze und Aribert Reimann uraufgeführt, außerdem Alfred Schnittkes Historia von D. Johannes Faustus, Alexander Zemlinskys Der König Kandaules, Rolf Liebermanns Freispruch für Medea und Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern. Auftragswerke vergab er u.a. an Krzysztof Penderecki.

Albrecht setzte sich sehr dafür ein, junge Menschen für die Musik zu begeistern; in zahlreichen Fernsehsendungen erläuterte und dirigierte er vor jugendlichem Publikum. 1974 erhielt er dafür den Adolf-Grimme-Preis. In der Reihe „Klassik für Kinder“ erklärte er Kindern klassische Werke wie etwa Die Moldau, Peter und der Wolf oder Der Zauberlehrling. 1989 gründete Albrecht die Hamburger Jugendmusikstiftung und Klingende Museen in Hamburg und Berlin. 1984 wurde er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Albrecht war seit 1994 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München und der Freien Akademie der Künste in Hamburg. (Wikipedia/woher auch das Foto oben stammt)

 

Die englisch/amerikanische Ausgabe von Wikipedia widmet sich auch seinen Queleren mit der Prager Philharmonie. Czech Philharmonic controversy: In 1991, the musicians of the Czech Philharmonic had chosen Albrecht as its principal conductor, for a tenure scheduled to last seven years beginning in 1994. The orchestra had played a part in protesting the Soviet domination of their country and reorganized as a self-governing entity. Their selection of Albrecht effectively meant replacing Czech conductor Ji?í B?lohlávek, who then resigned early, in 1992. Consequently, by the time that he took up the post, the orchestra was already somewhat riven.[ Albrecht proved effective in improving the Czech Philharmonic’s finances and at raising its international profile with foreign tours. He is also acknowledged to have been a musical success, and his recordings with the orchestra included music of Ervin Schulhoff.[ However, a series of political conflicts led to his early resignation. In 1994, the Czech Philharmonic was invited to perform at the Vatican in a concert celebrating reconciliation between Roman Catholics and Jews. However, the invitation was to play under the American conductorGilbert Levine, already known for his close relationship with the Vatican under Pope John Paul II and subsequently for the widely-telecast, Papal Concert to Commemorate the Holocaust. Albrecht vetoed the engagement, ostensibly because the orchestra was too busy. However many suspected that the real reason for the refusal was that Albrecht was not invited to conduct the concert himself.

Czech president Václav Havel became involved, telling Albrecht that his actions were damaging the orchestra. The situation steadily deteriorated, with Albrecht painting himself in press interviews as a victim of racismand anti-German feeling and for being expected personally to atone for all past German misdeeds. He also claimed that his phone was bugged. Havel retaliated in the media with his own claims. Albrecht and B?lohlávek collaborated for the 100th anniversary concert, each conducting half of it, on January 4, 1996, but Havel was conspicuously absent and members of the orchestra showed their allegiances when the time came for applause. Albrecht resigned from this post a month later asserting that his musical authority had been undermined. (…)  Albrecht continued to conduct, such as in Japan and Denmark. From 2000-2004, he was principal conductor of the Danish National Symphony Orchestra. In 2003, he caused controversy when he spoke from the podium at one concert to protest the US invasion of Iraq. He later apologized for the incident.In Japan, he served as principal conductor of Yomiuri Nippon Symphony Orchestra from 1998 to 2007, after which he is conductor laureate. (Wikipedia)

„Tanz ist eine Droge!“

Als „deutsche Ballerina von Weltformat“ wurde sie gefeiert und hat mit zum Stuttgarter „Ballettwunder“ beigetragen. Mittlerweile ist Birgit Keil Direktorin des Karlsruher Staatsballetts und Professorin an der Musikhochschule Mannheim. Mit Hanns-Horst Bauer unterhielt sie sich über Fügung, Leidenschaft und Charisma.

Birgit Keil 02 ©Hanns-Horst BauerIhre Compagnie darf sich seit dem vergangenen Jahr  „Staatsballett“ nennen. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie? Hier in Karlsruhe gibt es schon seit langem das Staatstheater, die Staatsoper und die Staatskapelle. So ist es eigentlich sehr schön, dass wir uns jetzt Staatsballett nennen dürfen. Ich betrachte das als großartige Anerkennung und Würdigung der Arbeit, die wir hier leisten. Ich freue mich sehr darüber, vor allem auch für mein Ensemble.

Sie konnten in der vergangenen Saison Ihr zehnjähriges Jubiläum als Ballettdirektorin feiern. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt? Sie waren doch mit der Leitung der Akademie des Tanzes in Mannheim und Ihrer privaten Tanzstiftung ganz schön ausgelastet Nur unter diesen Voraussetzungen wollten Sie das Karlsruher Ballett übernehmen. Ja, das ist richtig, es gab genug zu tun. Und Ballettdirektorin zu werden, das stand eigentlich nicht auf meiner Wunschliste. Aber diese Aufgabe schien mir, als man auf mich zukam, doch sehr sinnvoll. Allerdings nur in Verbindung mit der Tanzakademie; die wollte ich auf gar keinen Fall aufgeben, da man in der Ausbildung besonders viel bewegen kann. Mit ihr und meiner Stiftung habe ich die Möglichkeit gesehen, junge Talente für die Compagnie zu entdecken und ihnen hier eine Chance zur professionellen künstlerischen Weiterentwicklung zu bieten. Und: „Übernommen“ würde ich das nicht nennen, sondern eher neuformiert. Was hier vor meiner Zeit gemacht wurde, war sicher auch gut, aber in jeder Hinsicht eine andere Richtung.

Birgit Keil 03 ©Hanns-Horst BauerIn der Akademie bilden wir schwerpunktmäßig klassisch aus,  vergleichbar zum Beispiel mit der John-Cranko-Schule in Stuttgart und den Tanzakademien in München, Berlin und Hamburg. Mein Ziel war es, ein Ensemble aufzubauen, das im Stande ist,  auf hohem Niveau die großen Klassiker zu tanzen. Inzwischen gehören zu unserem Repertoire Don Quichotte, Giselle, Coppelia, Nussknacker, Schwanensee, Dornröschen, Romeo und Julia und La Fille mal gardée – Werke, in denen man mit anderen Häusern vergleichbar ist. Diese großen Produktionen kann natürlich ein Ensemble unserer Größe allein nicht stemmen. Doch in Verbindung mit der Akademie und dem Ballettstudio (Studierende des Masterstudiengangs der Akademie des Tanzes Mannheim) ist dies möglich. Zusätzlich erachte ich die kreative Entwicklung als unerlässlich. Das heißt: die Zusammenarbeit mit bedeutenden etablierten und die Förderung junger Choreographen.

Welche Rolle hat beim Aufbau Ihrer Compagnie Ihre eigene tänzerische Vergangenheit gespielt? Ich komme aus Stuttgart, wo John Cranko, der von Anfang an mich glaubte, Ballettgeschichte geschrieben hat. So kann ich meine persönlichen Erfahrungen einbringen. Zudem bestehen aus dieser Zeit weltweit Kontakte, die meinem Ensemble zugutekommen.

Birgit Keil 04 ©Hanns-Horst BauerIhre Compagnie setzt sich im Augenblick aus 20 weiblichen und 16 männlichen Mitgliedern zusammen. Haben Sie auch, wie viele andere Häuser, Probleme mit dem männlichen Nachwuchs? Natürlich studieren an unserer Akademie mehr junge Frauen als Männer. Das hat sicher auch mit den bekannten Vorurteilen zu tun, die in Deutschland noch weit verbreitet sind, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich oder Russland. Dabei ist der körperliche Einsatz der Tänzer vergleichbar mit Hochleistungssport. Hinzu kommt noch der künstlerische Aspekt mit der kreativen Interpretation von Inhalten und Musik. Für mich sind sie alle individuelle Persönlichkeiten, die ich respektiere und fördere. Dafür braucht man sicher  viel Erfahrung, fachliche wie auch menschliche. Ich bin selbst sehr ehrlich, sensibel und emotional und mag mich nicht verstellen. Von meinen Tänzern und Studierenden will ich  in den Vorstellungen begeistert werden. Ich möchte weinen, ich möchte lachen können. Sie müssen mich einfach mitreißen. Das ist alles sehr aufregend und spannend, zeigt es doch – die Tänzer kommen aus aller Welt -, dass  Tanz keine Grenzen kennt. Für mich ist der Tanz die schönste, aber auch die vergänglichste, zerbrechlichste Kunst, bei der der Körper selbst das Instrument ist. Die große Kunst ist, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Wenn man nicht süchtig danach ist, den Tanz nicht als Droge im positiven Sinn betrachtet, sondern ihn nur als Job sieht, dann kann das nicht funktionieren. Voraussetzung ist Talent. Dazu braucht man aber auch Durchhaltevermögen, Willenskraft, Leidenschaft und Ausstrahlung – eben Charisma und das nötige Quäntchen Glück. Glück ist, wenn meine Seele tanzt.

Birgit Keil 05 ©Hanns-Horst BauerWann hat Ihre Seele zu tanzen begonnen? Ich glaube, ich bin für den Tanz geboren. Ich glaube in meinem Leben an Fügung. Meine Mutter hat mich, zu meiner großen Freude, schon ganz früh ins Kinderballett geschickt.  Meine ersten Spitzenschuhe habe ich mit sechs Jahren bekommen. Das Päckchen habe ich voller Vorfreude aber erst zu Hause zusammen mit meiner Mutter ausgepackt und die Schuhe sofort angezogen. Ich bin dann, ganz ohne Angst, zum ersten Mal auf Spitzen durchs Zimmer gelaufen. So wurde Spitzentanz zu meiner Stärke. Ich hatte das Glück, für den Tanz prädestiniert zu sein. Als Kind war ich zwar häufig krank, was mich aber, wie mir scheint, gestärkt hat.

Birgit Keil 06 ©Hanns-Horst BauerNach Ihrer Welt-Karriere als Primaballerina haben Sie sich fürs Unterrichten an einer Hochschule entschieden. Wie kam es dazu? Ich fühlte, dass der Zeitpunkt gekommen war, meine Tätigkeit zu verändern. Meinen Abschied von der Bühne betrachtete ich als Neuanfang, denn künftig wollte ich mich für den tänzerischen Nachwuchs engagieren. In diesen zu investieren schien mir sinnvoll. Die einzige Art, Tanz lebendig zu halten, ist, diesen an die nächsten Generationen weiterzugeben. Da kam der Ruf durch Ministerpräsident Erwin Teufel, mich an die Mannheimer Akademie des Tanzes zu verpflichten, genau im richtigen Augenblick. Hier konnte ich in der Lehre meine Erfahrungen einbringen und Hilfestellungen leisten. Für mich selbst war es auch eine Chance zur Weiterentwicklung, denn so ein Hochschulapparat ist recht kompliziert. Viele haben mir davon abgeraten. Ich hab´s trotzdem gewagt, und jetzt sind es schon 18 Jahre seit der Gründung. Ganz wesentlich zum Gelingen beigetragen hat sicher der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth als Kuratoriumsvorsitzender. Mit der Stiftung können wir den tänzerischen und choreographischen Nachwuchs fördern.

Birgit Keil 07 ©Hanns-Horst BauerStiftung in Stuttgart, Akademie-Leitung in Mannheim, Ballettdirektorin in Karlsruhe – wird Ihnen das nicht manchmal zu viel? Nein, im Gegenteil. Der Synergie-Effekt ist bemerkenswert. Förderung – Ausbildung – professionelle Karriere ergibt für mich das magische Dreieck aus Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe.

Hat es Sie nie gereizt, selbst zu choreographieren? Ich habe mit sehr viel Freude ein paar kleinere Choreographien gemacht, allerdings nie mit dem Gedanken, Choreographin zu werden.

Viele berühmte Choreographen haben Werke eigens für Sie geschaffen. Was war das für ein Gefühl? Eine aufregende Herausforderung, in die ich mich mit totaler Hingabe vertieft habe. Eine Kreation war immer ein Zwiegespräch zwischen dem Choreographen und mir. Wobei John Cranko eine der wichtigsten Persönlichkeiten in meinem Leben war. Er hat mir künstlerisch den Weg gewiesen.

Birgit Keil 08 ©Hanns-Horst BauerWichtig war und ist für Sie wohl auch Vladimir Klos. Er war nicht nur Ihr großer Pas-de-deux-Partner beim Stuttgarter Ballett, Sie sind auch privat ein Paar. Er ist Professor an der Tanzakademie, deren Leitung Sie innehaben, und er ist Ihr Stellvertreter beim Karlsruher Staatsballett. Spricht man da zu Hause eigentlich auch über etwas anderes als übers Ballett? Natürlich auch übers Ballett, aber nicht nur. Wir haben ja noch andere Interessen, auch wenn bisweilen die Zeit dafür fehlt.

 

 

Birgit Keil 01 ©Hanns-Horst BauerBiographie: Birgit Keil wurde in Kowarschen im Sudetenland geboren. Nach der Vertreibung ihrer Familie kam sie als Zehnjährige nach Stuttgart, wo sie mit ihrer Tanzausbildung an der Ballettschule der Württembergischen Staatstheater begann. 1961 wurde sie, als John Cranko die Direktion des Stuttgarter Balletts übernimmt, Mitglied der Compagnie. Ihr außergewöhnliches Talent brachte ihr ein einjähriges Stipendium an der Royal Ballet School in London ein. Nach ihrer Rückkehr zum Stuttgarter Ballett wurde sie zur Solistin ernannt. Danach machte Birgit Keil eine glanzvolle Karriere als Primaballerina. Durch Tourneen mit dem Stuttgarter Ballett und durch Solo-Auftritte u.a. in Paris, Mailand, Wien, London und New York wurde sie weltweit als „die deutsche Ballerina“ gefeiert. Als solche tanzte sie alle Hauptrollen des klassischen und modernen Repertoires. Ihre Interpretation inspirierte namhafte Choreographen wie etwa Kenneth MacMillan, Glen Tetley, Jiří Kylián, John Neumeier, Hans van Manen und natürlich John Cranko zu Werken, die eigens für sie geschaffen wurden. Im Herbst 1995 beendete die Tänzerin ihre Bühnenlaufbahn und rief zur gleichen Zeit zusammen mit der Mailänderin Marchesa Mina di Sospiro die private Tanzstiftung Birgit Keil ins Leben. 1997 begann sie als Professorin ihre Lehrtätigkeit an der Akademie des Tanzes der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim, deren Leitung ihr nach wenigen Monaten übertragen wurde. 2003 übernahm sie zusätzlich die Ballettdirektion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Seit 1968 verbindet Birgit Keil eine private und berufliche Partnerschaft mit Vladimir Klos, von 1972 bis 1997 Erster Solotänzer des Stuttgarter Balletts. Klos ist ebenfalls Professor in Mannheim und ihr Stellvertreter in Karlsruhe.  hhb

Fotos ©Hanns-Horst Bauer

Antonio Mazzonis „Antigono“

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Das gibt es auch längst nicht mehr alle Tage: eine Weltpremiere auf CD einer so gut wie unbekannten Oper wenn auch als Aufzeichnung – im Januar 2011 im Centro Cultural de Belem von Lissabon für das Label Dynamic aus Genua aufgenommen. Es handelt sich um Antonio Mazzonis  Antigono, der nichts zu tun hat mit der aus Geschwisterliebe die Gesetze des Staats missachtenden Antigonae, auch wenn in der Oper eine Ismene, also Trägerin des Namens der Schwester Antigonaes, vorkommt. Der Aufnahmeort  Lissabon ist nicht zufällig, sondern wohl bewusst gewählt, denn hier erlebte das Werk 1755 im prächtigsten Theater Europas, der Ópera de Tejo, seine Uraufführung, ehe kurz danach am 1.11. das bekannte Erdbeben die Stadt mitsamt dem Opernhaus zerstörte. Mit vielen anderen Bewohnern verließ der in Bologna geborene Komponist die Stadt fluchtartig, weilte für kurze Zeit in Madrid, ehe er in seine Heimatstadt zurückkehrte, wo er als angesehener Musiker bis zu seinem Tode 1785 lebte. Er gehörte zu der Kommission, die über die Zulassung Mozarts zum musikalischen Leben Bolognas befand, gab ein Gastspiel in Petersburg und schrieb neben anderen Kompositionen allein 19 Opern, von denen die meisten verschollen sind.

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Antigono ist in ihrem Aufbau eine typische Oper des Spätbarock an der Wende zum Klassizismus. Es gibt nur ein Duett, ansonsten begegnen sich die Personen nur in den Rezitativen, die von Da-Capo-Arien gefolgt sind. Dabei tauchen die gebräuchlichen Bravourarien als  aria d‘ agilità, aria di vendetta, di guerra, di sdegno oder andere auf. Sämtliche Rollen wurden von Kastraten gesungen, auf der CD wird die Titelpartie von einem lyrischen Tenor, sein Gegenspieler von einem Countertenor, alle anderen werden von Frauen vertreten. Im Mittelpunkt der Handlung steht trotz des Titels die ägyptische Prinzessin  Berenice, die von zwei Königen und einem Königssohn begehrt wird und nur letzteren liebt. Das führt zur Verbannung des Prinzen Demetrio von Macedonien durch seinen Vater Antigono, der vom Rivalen König Alessandro von Epiro angegriffen wird, der wiederum von der macedonischen Prinzessin Ismene geliebt wird.  Der Prinz von Homburg lässt grüßen, wenn wir erfahren, dass Demetrio für seinen Vater die Schlacht gegen Alessandro anders als Homburg verliert, weil er entgegen dessen Befehl eine eigenständige Kriegsführung bevorzugte. Antigono wird Gefangener Alessandros, der ihn freilassen will, wenn Berenice ihn heiratet. Aber selbst nach einem Sieg der Macedonier bleibt Antigono im Kerker. Nachdem Demetrio im letzten Moment vom Selbstmord abgehalten wurde, kehrt Vernunft ein, die die auftraggebenden Könige der Aufklärung gern auf der Bühne sahen, und Demetrio darf Berenice, Ismene Alessandro heiraten, Antigono übt weisen Verzicht.

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Ein großer Gewinn für die drei CDs ist das Orchester, der Divino Sospiro unter Enrico Onofri, das mit Frische, Esprit,  Nachdruck und Stilsicherheit die Musik Mazzonis zu Gehör bringt. In zwei Tracks neben der Ouvertüre ist es nicht nur Begleiter, einer marcia di guerra und einem Intermezzo mit Harfe. Der Tenor Michael Spyres hat es nicht leicht mit der Partie des Antigono, in der es von Intervallsprüngen und Koloraturen wimmelt. In der Höhe fühlt sich die Stimme eher wohl als bei den Salti in die Tiefe, in den wichtigen Rezitativen kann er sein bemerkenswertes Verständnis für diese Art Musik demonstrieren. Einen satten, vollen, dunklen Countertenor hat Martin Oro für den Alessandro, eine charaktervolle Stimme, die sich besonders wohl in „Sai qual ardor m‘accende“ zu fühlen scheint. Den Prinzen Demetrio singt Pamela Lucciarini, die ihrer leichten Stimme durch nachdrückliches Singen vokales Gewicht verleiht, und deren Geschmeidigkeit sie in „Già che morir degg’io“ unter Beweis stellt. Den Freund Clearco singt Maria Hinojosa Montenegro mit leichter Stimme und entsprechender Mühelosigkeit für die Presti in „Guerrier, che i colpi affretta“. Die beiden Damen sind als Berenice mit Geraldine Mcgreevy in wärmerer, reiferer  und Ismene mit Ana Quintans in zarterer, frischer vokaler Hand. In einer Zeit des Wiederauflegens alter Aufnahmen oder der Übernahme aus dem Fernsehen ist das Einspielen eines solchen Werkes immer eine lobenswerte Tat (3 CDs Dynamic 7686 1/3). Ingrid Wanja (oben Michael Spyres/Foto Marco Borelli/Erato)

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Spätromantisches im Paket

Sammelboxen zu rezensieren sind nicht immer eine Freude. Man muss sich „gezwungenermaßen“ durch viele CD’s durchhören, auch wenn man keine besondere Affinität zu der zu besprechenden Musik hat. Manchmal aber kann es dazu führen, einen Komponisten für sich zu entdecken. Wie in meinem Fall Gabriel Fauré. Brilliant Classics hat den Fundus verschiedener Firmen geplündert und auf neunzehn CD’s einen Großteil seiner Werke in einer Kassette zusammengefasst. Besondere Aufmerksamkeit verdient die erstmals in Deutschland veröffentlichte Rundfunkaufnahme der von Désiré-Emile Inghelbrecht mit magischer Sogkraft aufregend dirigierten Oper Pénélope aus dem Jahr 1956. In der Titelrolle überwältigt die majestätische, jede Gefühlsregung vokal nachzeichnende Régine Crespin. Raoul Jobin steht ihr mit leidenschaftlichem, strahlendem Tenor als Ulysse nicht nach. Großes Format hat auch der balsamische Eumée von Robert Massard. Das übrige Ensemble ist mit versierten französischen Solisten besetzt.

Es gibt weitere vokale Leckerbissen (und hier handelt es sich um bekannte Wiederauflagen aus anderen Firmenkatalogen). Auf vier CDs glänzen Elly Ameling und Gérard Souzay, begleitet von Dalton Baldwin, mit einer umfangreichen Auswahl der Mélodies. Zum reizvollen Vergleich bietet sich der Zyklus La bonne chanson an, der sowohl von Souzay mit Klavierbegleitung vorliegt, als auch in der Fassung für Streichquartett und Piano, von Sarah Walker mit sinnlich ausdrucksstarkem Mezzosopran gesungen. Zwei CD’s widmen sich geistlicher Musik: in schönster Harmonie trägt die Groupe Vocal de France unter John Alldis  verschiedene kürzere Sakralgesänge vor, im Requiem unter der Leitung von Colin Davis beseelt Lucia Popp das berühmte „Pie Jesu“.

Auf vier CD’s kann man sich an den von Jean-Philippe Collard feinnervig und farbenreich gespielten Klavierstücken delektieren, auf ebenso vielen die Kammermusik in verschiedenen Besetzungen kennenlernen. Orchestrales in den Interpretationen von Serge Baudo und Moshe Atzmon runden die inspirierende Sammlung ab, deren Inhalt wunderbar geeignet ist, um in Faurés Klangwelt einzutauchen.

Das Kontrastprogramm zu der feinen, sublimen Kompositionskunst des Franzosen bieten die opulenten Werke von Richard Strauss, die Warner Classics in der Box The Other Strauss aus seinem Katalog zusammengestellt hat- nach dem kompletten sinfonischen Schaffen und den großen Opern der dritte Teil einer ihm gewidmeten Reihe. Sie enthält hauptsächlich nicht so Gängiges und viel Pompöses und Monumentales. In schönster Klangqualität erklingen die Chorwerke Taillefer  und Wandrers Sturmlied, beide vom Ernst Senff Chor in voller Pracht dargeboten und von Michel Plasson gut austariert dirigiert. Felicity Lott, Michael Volle und Johan Botha, der keine Mühe hat, die Orchesterfluten stimmschön zu übertönen, sind das illustre Sängertrio für die kurzen Soloeinwürfe in Taillefer. Strauss- Koryphäe Wolfgang Sawallisch dirigiert das bombastische Festliche Präludium, Jeffrey Tate, mit dem Komponisten ebenso vertraut, Sinfonisches aus den Opern Guntram, schweigsame Frau und Frau ohne Schatten. Der Rundfunkchor Stockholm brilliert a-capella mit Abseitigem wie Die Göttin im Putzzimmer und Vertracktem wie der sechzehnstimmigen Deutsche Motette. Zu entdecken ist der Kammermusiker mit den süffigen Sonaten für Violine (Vadim Repin) und Cello (Mstislav Rostropovich) und dem anregenden Rosenkavalier-Walzer, bearbeitet für Violine (Renaud Capuçon) und Klavier (Frank Braley). Eine abwechslungsreiche Kollektion, die Strauss zum anstehenden 150. Geburtstag nicht auf den üblichen Pfaden würdigt.

Karin Coper

Gabriel Fauré: Edition; Brillant Classic, 94750, 19 CDs

The Other Strauss: Warner Classics256463492-8, 3 CDs

Der „französische Mendelssohn“:

 

Unter dem Titel „Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich“ widmete der Palazzetto Bru Zane dem Komponisten Théodore Gouvy (1819-1898) in der Saison 2012/13 zwei Festivals in Paris und Venedig. Nun erscheint das CD-Buch mit drei CDs, zahlreichen Ersteinspielungen und weiterführenden Essays. Der im heutigen Saarland geborene Théodore Gouvy ist ein Exempel für die aufreibende deutsch-französische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens pendelte er zwischen Musikmetropolen wie Paris und Leipzig. Zwar wurde sein künstlerisches Schaffen in beiden Ländern wertgeschätzt, dennoch fühlte sich der Komponist hier wie dort fremd. Sowohl deutsche als auch französische musikalische Einflüsse jener Zeit sind in seinem Werk erkennbar – diese Melange trug vermutlich zu seiner künstlerischen Handschrift bei. Zu Lebzeiten feierte der „französische Mendelsohn“ große Erfolge, danach geriet er jedoch in Vergessenheit. Die schöpferische Bandbreite Gouvys, von Kammermusik, sinfonischen und geistlichen Werken, wird anhand der vorliegenden Aufnahmen deutlich. Der Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française erforscht die französische Musik des langen 19. Jahrhunderts (1780-1920) und fördert deren Wiederentdeckung auf CDs und in Konzertsälen. Die neue Reihe „Portraits“ widmet sich heute unbekannten französischen Komponisten mit dem Ziel, die Vielfalt des französischen Œuvre aufzuzeigen./ophelias

 

Théodore Gouvy (1819-1898): Kantaten, sinfonische Werke, Kammermusik (Sinfonietta; Fantaisie pastorale für Violine und Orchester; La Religieuse – Kantate für Mezzosopran und Orchester * Serenaden für Klavier (Auszüge); Le Giaour – Ouvertüre nach Byron; Jeanne d’Arc – Erste Konzertouvertüre op. 13 * Le Festival – Zweite Konzertouvertüre op. 14 * Streichquartett in a-Moll op. 56 Nr. 2; Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 4 G-Dur op. 22 Streichquartett Nr. 5 c-moll op. 68 mit Orchestre Philharmonique Royal de Liège (Chr. Arming) / Orchestre National de Lorraine (Jacques Mercier) /Quatuor Cambini-Paris / Quatuor Parisii / Trio Arcadis / Emmanuelle Swiercz, Klavier / Clémentine Margaine, Mezzosopran (*Weltersteinspielung) 3 CDs, Aufsätze; Ediciones Singolares ISBN 978-84-939-6867-0

„Magie live erleben!“

Er hat mit den Topstars der Opernszene gearbeitet und setzt sich vehement für Neue Musik ein, ganz aktuell beispielsweise für Mark Andres „wunderzaichen“ (Uraufführung im März 2014): Mit Sylvain Cambreling (65), dem Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart, unterhielt sich Hanns-Horst Bauer über Provokationen, Bühnenintelligenz und Kulturpolitik.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Gleich drei wichtige Dirigentenposten hier in Baden-Württemberg sind mit französischen Maestri besetzt. Stéphane Denève beim SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart, François Xavier Roth in Baden-Baden und Freiburg und Sie an der Oper Stuttgart. Wie erklären Sie sich diese französische „Übermacht“? Ich glaube nicht, dass da eine Strategie dahintersteckt, es ist sicher reiner Zufall. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese drei Dirigenten sehr wenig in Frankreich dirigieren. Ich dirigiere überhaupt nicht mehr in Frankreich, obwohl meine Karriere ja dort begonnen hat. Mit französischen Orchestern und dem französischen Publikum hatte ich eigentlich schon immer Probleme. Wenn ein Franzose einen Großteil seiner Karriere außerhalb von Frankreich macht, dann nimmt man ihm das ein wenig übel. Aber ich muss ganz klar bekennen, ich fühle mich nicht als Franzose, sondern als Europäer.

Sie haben 1998 bei den Salzburger Festspielen in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ bei den Rezitativen das Cembalo durch einen Synthesizer ersetzt. Das wurde in Salzburg wie danach auch  bei der Wiederaufnahme der Produktion in Paris als Skandal empfunden. Wollten Sie das Publikum ganz bewusst provozieren? Nein, ganz bestimmt nicht! Auf der Opernbühne können und dürfen Regisseure sehr viel wagen, wohingegen im Orchestergraben musikalisch alles immer gleich ablaufen muss. Aber in einer modernen Produktion dieser Mozart-Oper muss man auch mal die sich doch etwas in die Länge ziehenden Rezitative hinterfragen dürfen, ohne das gleich zum Modell machen zu wollen. Das Publikum sollte sie nicht als bloße Wartezeit auf die nächste Arie empfinden. Nach dieser Aufführung hat man mehr über die Rezitative diskutiert als über die ganze Aufführung. Ich versuche, das Stück, das wir machen, echt und glaubwürdig, jenseits von Routine zu musizieren. Denn es gibt in jedem Musikstück ein Geheimnis, etwas, was wir noch nicht entdeckt haben. Mir kommt es darauf an, dem Publikum die Musik nahezubringen und zu zeigen, welche Gefühle sie heute in uns provozieren kann.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sie sind jetzt in der zweiten Spielzeit Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart. Was hat Sie gerade an diesem Haus  gereizt? Stuttgart war in der Opernlandschaft schon immer etwas ganz Besonderes. Als Opernintendant Jossi Wieler mich gefragt hat, ob ich Lust auf das Amt des GMD hätte, habe ich deshalb auch ganz spontan Ja gesagt. Ich hatte den Eindruck, dass hier eine ganz besondere, eine „gesunde“ Atmosphäre herrscht. Stuttgart ist ein Haus mit einem sehr großen, breit angelegten Repertoire, wo die Produktionen nicht blockweise gespielt werden, sondern parallel auf dem Spielplan stehen, sodass die Gefahr eines „Herunterspielens“ gar nicht erst aufkommen kann. So etwas funktioniert allerdings  nur mit einem richtigen Ensemble. Und damit meine ich das ganze Haus. Für mich gehört dazu, dass ich neben meinen anderen Verpflichtungen sechs Monate in der Saison in Stuttgart bin. Schließlich dirigiere ich hier nicht nur Premieren, Repertoire-Aufführungen und Konzerte, sondern fühle mich insgesamt für die Musik am Haus verantwortlich.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sind Jossi Wieler und sein Chefdramaturg Sergio Morabito für Sie auch das Regie-„Dreamteam“, als das sie oft bezeichnet werden? Wohl schon, denn wir sind alle neugierig, Routine kommt da nicht auf. Vor allem aber steht bei unserer gemeinsamen Arbeit der Mensch im Mittelpunkt. Wir fragen uns bei jeder Inszenierung, was das Stück über uns erzählt, so wie jetzt auch bei dem von Andrea Moses neu inszenierten „Falstaff“ von Giuseppe Verdi.

Was erwarten Sie von den Sängern? Die Zeiten der großen Diven sind vorbei. Heute werden an die Sänger ganz andere Anforderungen gestellt. Nur an der Rampe stehen und schön singen, das reicht schon lange nicht mehr aus. Heute müssen die Sänger über die Rollen, die sie verkörpern, auch nachdenken. Da sind Bühnenintelligenz und Charakter gefragt.

Sie haben mit vielen Top-Stars zusammengearbeitet, bei Mozarts „Don Giovanni“ auch mit Anna Netrebko an der New Yorker Met. Wie sehen Sie den Starkult, der mit ihr und neuerdings auch mit Jonas Kaufmann und anderen getrieben wird? Anna Netrebko war und ist immer noch eine ganz unkomplizierte Person und eine wunderbare Sängerin. Mit Jonas Kaufmann habe ich schon viel gemacht, aber für Stuttgart, wo er  früher auch regelmäßig gesungen hat, ist er jetzt leider nicht mehr bezahlbar. Kaufmann gehört heute ganz sicher zu den besten Tenören der Welt; aber ich will nicht immer die gleiche Person mit der gleichen Frisur auf der Bühne sehen. Egal, was er singt, Kaufmann ist auf der Bühne immer nur Kaufmann. Das ist ähnlich wie bei Pavarotti, nur sieht Kaufmann besser aus.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Kann man mit solchen Stars, die es sogar bis in die Popcharts schaffen, Begeisterung für die Gattung Oper wecken? Wirklich begeistern und überzeugen kann man die Leute nur, wenn sie zu uns ins Opernhaus kommen und diese Magie, diesen Klang live erleben. Gerade junge Leute sind dann, diese Erfahrung habe ich gemacht, immer wieder fasziniert und können es kaum glauben, dass Stimmen ohne Mikrophon und Verstärker ganz locker einen so großen Raum füllen können.

 Weitaus schwieriger dürfte es sein, Menschen für die Musik der Gegenwart zu begeistern, für die Sie sich seit vielen Jahren  nicht nur bei den Donaueschinger Musiktagen einsetzen. Auch diese neue Musik muss man live erleben. Leider haben viele Orchester sie in den vergangenen Jahrzehnten mit wenig Begeisterung und deshalb schlecht gespielt. Das Publikum hat das vielleicht nicht wirklich gehört, aber doch gespürt und gesehen. Ich erwarte vom Orchester genau das, was es vom Dirigenten erwartet: Die größten Meister sind nicht die Musiker und nicht die Dirigenten, sondern die Komponisten selbst. Für die müssen wir Emotionen spüren und produzieren, Lust auf die Musik haben und vibrieren. Und der Dirigent muss optimal vorbereitet sein, Charisma ausstrahlen und vor allem eine perfekte Dirigier-Technik haben.  Das alles ist extrem schwierig, und das Lernen ist eigentlich nie zu Ende. Wenn man am Pult den Kopf nur in der Partitur hat, dann hat man keine Chance. Die Musiker wollen Blickkontakt, wollen etwas lernen. Dabei sollte man so wenig wie möglich mit Worten erklären, am wichtigsten sind die Arm- und Handbewegungen. Der Gestus produziert den jeweils ganz persönlichen Klang eines Dirigenten.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen? Ich stamme aus einer richtigen Musikerfamilie. Meine Großmutter war Opernsängerin, mein Großvater Fagottist und meine Mutter Klavierlehrerin. So haben meine acht Geschwister und ich schon sehr früh gemeinsam musiziert. Zunächst habe ich Posaune, Tuba, Kontrabass und Schlagzeug gespielt, wusste aber bis zum Alter von 17 Jahren noch nicht, ob ich nun Musiker oder doch lieber Schauspieler werden sollte. Als Posaunist im Orchester habe ich dann bei manchen Dirigenten gedacht, so wie die kann ich das auch. So habe ich dann Dirigieren studiert und im Verlauf nur eines Jahres in Rekordzeit mein Diplom geschafft.

Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg haben Sie verlassen, als noch nicht bekannt war, dass es mit dem Orchester in der Landeshauptstadt zusammengelegt werden sollte. Was empfinden Sie bei dieser Fusion? Ich bin wütend und sehr traurig. Empört hat mich vor allem, dass mit meinem Nachfolger in Baden-Baden und mit dem Nachfolger von Sir Roger Norrington in Stuttgart Verträge abgeschlossen wurden, ohne sie über die Fusions-Absichten zu informieren. Wenn die Politik jetzt auch noch rigoros an den Musikhochschulen des Landes den Rotstift ansetzt, dann zeigt das, welchen Stellenwert die Kultur mittlerweile in Deutschland einnimmt. Für den Sport wird viel Geld locker gemacht, für Kultur leider nicht. Ich bin enttäuscht und entsetzt.

 

 

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Biographie Sylvain Cambreling, 1948 in Amiens (Frankreich) geboren, wurde nach Studien in seiner Heimatstadt und am Conservatoire de Paris Co-Direktor der Opéra Nouveau Lyon. 1978 gab er mit Jacques Offenbachs Les contes d`Hoffmann sein Debüt an der Opéra National de Paris. Von 1981 bis 1991 war er Generalmusikdirektor des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel und danach, von 1993 bis 1997, GMD und Künstlerischer Intendant an der Oper Frankfurt. Wegen „Inkompetenz und Gleichgültigkeit“ der Kulturpolitiker verließ er Frankfurt und wurde  1999 Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. 2012 übernahm er als Nachfolger von Manfred Honeck das Amt des Generalmusikdirektors der Oper Stuttgart. Hier war er in der Saison 2013/14 für die Neuinszenierungen von Falstaff, Tristan und Isolde und für die Uraufführung von Mark Andres wunderzaichen (sic) verantwortlich. Cambreling gastierte unter anderem regelmäßig bei den Wiener und  den Berliner Philharmonikern, beim BBC Symphony Orchestra und dem Cleveland Orchestra sowie bei den Salzburger Festspielen. Seit 1997 ist er Erster Gastdirigent beim auf Neue Musik spezialisierten Klangforum Wien und seit 2010 Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokyo. 2012 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für seine „überragenden künstlerischen Leistungen, die das Musikleben Baden-Württembergs und der Bundesrepublik unermesslich bereichert haben“. hhb 

 

 

 

Fotos: Hanns-Horst Bauer

Grümmer, Araiza, Podvalová, Levko

Elisabeth Grümmer ist auf Tonträgern vergleichsweise wenig vertreten. Elisabeth Schwarzkopf dominierte in jenen Jahren einen Großteil dieser medialen Szene, vor allem ihrem Gatten Walter Legge, Produzent der EMI, hat sie das zu verdanken. So ist es erfreulich dass immer mehr Aufnahmen Elsabeth Grümmers aus den Rundfunkarchiven den Weg auf CD und DVD finden. Ein Schwetzinger Liederabend vom Mai 1958, der seit 2009 bereits auf hänssler classic erhältlich ist, ist nun auch bei Andromeda erschienen. Er präsentiert Elisabeth Grümmer als kluge Interpretin bekannter Lieder von Mozart, Schubert, Brahms und Wolf. Ihr regelmäßiger Partner am Klavier, Hugo Dietz, bleibt dabei allerdings recht passiv. (ANDRCD 9085).

grümmerNeu hingegen ist die fabelhafte Kompilation von Mozart-Aufnahmen des Bayerischen Rundfunks aus den Jahren 1952, 1960 und 1962 auf dem hauseigenen Label (BR Klassik 900308). Mit Hans Altmann hat sie hier einen sensibleren Begleiter für sieben Mozart-Lieder und das Münchner Rundfunkorchester unter Kurt Eichhorn und Horst Stein hat mit ihr auf Deutsch Figaro-Gräfin, Donna Anna und Pamina, sowie auf Italienisch Fiordiligi-Arien eingespielt. Man kann hier alles hören, wofür sie gerühmt wurde, die Leuchtkraft des Soprans, die feinen Nuancen, ihre Ausdrucksfähigkeit, die natürlich klare Artikulation und vor allem die lyrischen, duftig und leicht schwebenden Phrasen, das jugendliche Strahlen in der Höhe. Ihre Intensität wirkt glaubwürdig, authentisch. Freilich ist das stilistisch auch dem Zeitgeschmack um 1960 verpflichtet, doch ihre „Wärme und Innigkeit“ – wie Thomas Voigt es in seinem lesenswerten Booklettext nennt, war im Stande, den „Körper in die Lage zu versetzen, mühelos in Klang zu verwandeln, was Geist und Seele zum Ausdruck bringen möchten.“

Hauptsächlich aus den Archiven des Bayerischen Rundfunks stammen auch die Opernarien auf 4260123641948Francisco Araiza – Legendary Live Recordings bei Solo Musica (SM 194), vom Interpreten höchstselbst mit einem Vorwort begleitet. Sie spiegeln in ihrer Auswahl von Mozart und Rossini über Bizet, Gounod, Massenet hin zu Verdi, Puccini, Giordano, Tschaikowsky und schließlich Wagner den Karriereweg des Tenors. Leider ist der Hauptteil der Aufnahmen (vieles stammt aus Münchner Sonntagskonzerten) zwischen 1987 und 1994 entstanden und blendet (mit Ausnahme von Rossinis „Ecco ridente in cielo“  aus dem Jahr 1978) die ersten zehn, spektakulären Karrierejahre des eleganten Mozart- und Belcanto-Tenors aus, der nicht nur (aber vor allem dort) in München, Wien und Zürich die Frauenherzen höher schlagen ließ. Mozart ist nur mit den beiden Don Ottavio-Arien vertreten (wobei „Il mio tesoro intanto“ von 1994 dem Tenor schon seine ursprünglich Unbeschwertheit fehlt), seine Paraderollen Tamino, Belmonte und Ferrando fehlen leider. Mit Ausnahme eines sehr lyrischen, kräftigen „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ aus Gustav Kuhns Walküre in Erl von 2007 (und dem Almaviva von 1978) stammen die Tondokumente also aus jener Zeit, als Araiza den Schritt vom lyrischen Mozarttenor hin zum lirico spinto machte. Nicht jeder, der diesen Karriereschritt miterlebte, hat ihn  verstanden, die Leichtigkeit ging verloren, vieles was früher mühelos kam, klang plötzlich deutlich erarbeitet, exponierte Töne wurden an einigen Abenden zu Wackelpartien, egal ob Rodolfo in München oder Riccardo in Zürich. Was Mitte der Achtziger mit Gounods Faust oder Massenets Des Grieux und Werther noch gut gelang, löste sich mit Verdis Duca oder Manrico nicht ein. Davon ist in dieser Auswahl jedoch wenig zu hören, sie gilt einem Künstler, der vor allem mit strahlender Stimme, klarem Sitz und Eleganz überzeugt, selbst da wo Kleinigkeiten nicht perfekt sind, wie im „La donna e mobile“ oder Lohengrins Gralserzählung.

podvalovaAus tschechischen Archiven kommt eine Porträt-CD mit Aufnahmen Marie Podvalovás, die zwischen 1936 bis 1978 an der Prager Nationaloper engagiert war. Hier war auch der Mittelpunkt ihrer Karriere, in der sie alle wichtigen Partien ihres Faches, bis hin zu Senta und Tosca sang. Bei Supraphon (SU 3504-2 611) ist sie nun in vier ihrer wichtigsten tschechischen Partien zu erleben. Eine technisch beeindruckende, lyrisch-dramatische Sopranstimme von großer dramatischer Suggestionskraft. Die hervorragend remasterten Aufnahmen mit der Anfang Vierzigjährigen entstanden zwischen 1949 bis 1953 und sind Auskopplungen aus Gesamtaufnahmen von Smetanas Dalibor (Milada) und Libuse, Dvoráks Rusalka (Fremde Fürstin) und Fibichs Sarka. Klima, Krombholc und Chalabala sind die Dirigenten dieser idiomatischen Referenzaufnahmen. Beindruckend ist noch immer Marie Podvalovás Fähigkeit zur klangschönen Attacke, die dramatische Kraft ihrer Bögen und das geschmeidig, flexible Rhythmusgefühl. Außerhalb ihres Heimatlands trat sie, die auch für ihre präsente Bühnenerscheinung und ihr Spiel bekannt war,  kaum auf und so blieb die internationale Karriere zu Zeiten des Kalten Krieges aus. Die bewusste Bekanntschaft mit dieser Stimme, die in zahlreichen Supraphon-Aufnahmen mitwirkte, lohnt unbedingt.

5029365940627Großes editorisches Verdienst hat sich Brilliant Classics mit der Veröffentlichung der 11-CD-Box Valentina Levko – Star of the Bolshoi errungen. Die zwischen 1959 und 1991 entstandenen Studioaufnahmen und Livemitschnitte, vornehmlich aus sowjetischen Archiven (Melodiya), aber auch ein paar Lizenzen des Deutschen Rundfunkarchivs sind darunter, decken die große Spannbreite ihres Mezzo- und Alt-Repertoires ab. Von Bach bis hin zu zeitgenössischer sowjetischer Propaganda und Volksliedern reicht die Spanne. Liedern von Tschaikowsky und Rachmaninow ist jeweils eine ganze CD gewidmet. Von den etwa 40 Jahren ihrer Karriere, war sie 25 Jahre Sängerin des Bolshoi, wo sie seit 1956 alle wichtigen Partien ihres Fachs sang und als eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation verehrt wurde. Heute im Westen kaum noch bekannt, gab sie in den 60ern und 70ern erfolgreiche Gastspiele u.a. in Mailand, New York, Tokio, in Frankreich und der BRD. 1968 und 1970 tourte sie mit Programmen in Westdeutschland, in denen sie vor allem russische Kunst- und Volksieder sang. Die Stimme hat ein charakteristisches, durchaus warmes Timbre, ist beweglich in allen Registern und hat trotz aller Stimmschönheit auch eine gute Anlage für dramatische Momente. Die Interpretationen stehen selbstredend in der Tradition der russischen Schule, stilistisch ist vieles aus der Zeit heraus zu sehen, entbehrt aber nicht einer gewissen Faszination. Die Natürlichkeit, die die Stimme bei aller Wandelbarkeit von dramatischem Impetus für die Oper, über die Gefühlswelten romantischen Liedrepertoires bis hin zur Schlichtheit ihrer Interpretationen von arie antiche hat, bleibt die faszinierende Konstante dieser auch technisch makellos ausgebildeten Stimme. Die Ausstattung der Box ist wie stets bei Brilliant sparsam gehalten, dennoch informiert ein kleines Beiheft über biographische Daten und die Programme der einzelnen CDs (Brilliant Classics 9406).

Moritz Schön

Diesseits und Jenseits

Grenzenlos nennt sich die Festschrift zum 75. Geburtstag des Saarländischen Staatstheaters und schafft damit bewusst einen Kontrast zu der Aufgabe, die ihm bei seiner Eröffnung im Jahre 1938 zugedacht war, nämlich ein Bollwerk gegenüber dem „Erzfeind“ Frankreich zu bilden. Es folgte im Krieg die Bespielung auch der von den Deutschen besetzten Gebiete, nach dem Krieg nach einer kurzen amerikanischen Besetzung die Einflussnahme der französischen Besatzungsmacht, ehe wie bereits 1935 in bezug auf das Dritte Reich die Saarländer für die Eingliederung in die Bundesrepublik stimmten.

Die Kapitel, die sich mit der Geschichte des Theaters befassen, sind für den Historiker ebenso interessant wie für den Kunstinteressierten, denn sie schildern einmal exemplarisch das, was sich an allen deutschen Theatern in der Nazizeit mehr oder weniger ausgeprägt abspielte, erhalten aber durch die geographische Lage des Hauses eine besondere Zuspitzung sowohl was das Wohlwollen der Nazispitzen als was die Zuweisung besonderer Aufgaben an das „Gautheater Saar-Pfalz“ als „Bollwerk deutscher Kultur“ betrifft.

Nach dem Grußwort von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, das bereits auf zwei weitere Besonderheiten, die Beziehung zu Frankreich nach dem Krieg und die Kontaktaufnahme zu Georgien, hinweist, dem Geleitwort des Kulturministers und dem Vorwort der jetzigen Intendantin, Dagmar Schlingmann, von der noch ein weiterer, ausführlicherer Beitrag stammt, befasst sich Dieter Bartetzko mit der Architektur dieses neben Dessau einzigen Theaterneubaus der Nazizeit. Zur „Stimmungsarchitektur“ zählt er den Bau von Paul Baumgarten, der auch für den Umbau der Städtischen Oper Berlin und den Bau der Wannsee-Villa Liebermanns verantwortlich war. Viele Fotos aus der Entstehungszeit des Theaters und seiner Vollendung ergänzen den Text, der auch begründet, warum man das stark bombengeschädigte Haus nach 1945 wieder aufbaute.

Zwei Artikel befassen sich mit der „Instrumentalisierung der Kunst“ in der Nazizeit, so Alexander Jansens „Blicke ins Dunkel“, der in einer sehr plastischen Erzählweise davon berichtet, wie Adolf Hitler die Saarländer für das über 90prozentige Votum für Deutschland  belohnen wollte, wie die Feierlichkeiten zur Eröffnung mit Wagners Der fliegende Holländer und Kämpfe um den Intendantenposten verliefen. Selbst Feinheiten wie die Annahme, man habe die Franzosen mit dem Spielen des 1. Satzes der 7. Beethovensinfonie ärgern wollen, weil dieser auch einst bei einem Benefiz-Konzert zugunsten der Befreiungskriegs-Veteranen gegen Napoleon erklungen war, bleiben nicht verschwiegen. Selbst der Kampf um die Kantine und um Coca Cola wird berücksichtigt, als erstaunlich ist anzusehen, dass das Eröffnungsplakat zwar einen Adler, nicht aber das eigentlich obligatorische Hakenkreuz zwischen seinen Fängen zeigt.

Ein Auszug aus den Erinnerungen des jüdischen Konzertmeisters Alexander Schneider stimmt nachdenklich, verurteilen möchte man ihn wegen einiger seltsamer Äußerungen aber nicht, da gegenüber jemandem, der Mutter und Schwester in Auschwitz verlor, jede Kritik verstummt. Auch das daneben abgedruckte Hetzblatt eines NSDAP-Organs dürfte zu unterschiedlichen  Reaktionen beim Leser führen.

Bereits 1939 wurde das Theater wegen der Evakuierung während des Frankreichsfeldzugs wieder geschlossen. Ab 1940 geriet die Spielplangestaltung zunehmend unter politischen Einfluss, besonders natürlich im Schauspiel. Eine erneute Evakuierung Saarbrückens fand im Dezember 1944 statt. Unter der Überschrift „Rückkehr nach Europa“ wird zunächst sehr anschaulich von Ursula Thinnes über die französische Zeit des Saarlands berichtet, als über dem restaurierten Theaterbau die Inschrift „Opéra de Sarrebruca“ prangte, deutsche Künstler nur mit Visum hier wirken durften und die französische Zensur sogar Rotkäppchen unter ihre Lupe nahm. Der Austausch mit französischen Bühnen blieb recht einseitig, abgesehen von einer Arabella mit der jungen Rysanek und Egks Peer Gynt. Das entpolitisierte Theater mit einer Vorliebe für die Operette war typisch auch für die saarländische Nachkriegszeit.  Der wohl beliebteste Schauspieler der Saarbrückener war August Johann Drescher, aus dessen Nachlass, ob Schminkset oder Grabschleifen,  Bettina Hanstein ein faszinierendes Lebensbild herausliest.

Holger Schröder widmet den Nachkriegsintendanten Hermann Wedekind (1960-76) und Kurt Josef Schildknecht (1991 -2006) ein Kapitel mit dem Titel „Weltoffenheit – Unterhaltung mit Haltung“. Eine sogar von Helmut Kohl gewürdigte Unternehmung waren der Kontakt mit Georgien bis zur Wende, die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Siegfried Köhler und die Entdeckung junger Sänger wie Trudelise Schmidt und Siegmund Nimsgern. Unter die Intendanz von Schildknecht fällt die Uraufführung von 15 Auftragsopern, die Einstufung von Orchester und Chor in die Besoldungsgruppe A, die Arbeit von Libeskind für Tristan und Intoleranza. Als weniger positiv schätzt der Verfasser dieses interessanten Kapitels natürlich die einsetzenden Sparmaßnahmen und die Schließung der Schauspielklasse an der Hochschule ein.

Die jetzige, seit 2006 amtierende Intendantin Dagmar Schildknecht nimmt anhand der Buchstabenfolge g-r-e-n-z-en-l-o-s Stellung zu den aktuellen Problemen und Themen wie Grenzen (von finanziellen Mitteln, was aber die Phantasie herausfordert) bis zu Sekt, der in Saarbrücken Crémant heißt. Bereits für die Spielzeit 2008/09 konnte sie sich mit dem Ensemble über die Auszeichnung für das „Beste Opernprogramm“ freuen.

Dieser und weitere Artikel über anspruchsvolle Initiativen des Theaters stehen unter der Überschrift „Theater im Herzen Europas“, die bereits viel über die Aufgaben, die man sich gestellt hat, aussagt. Dazu gehört natürlich auch die enge Bindung an die Nachbarländer, wovon einige zweisprachige Artikel Zeugnis ablegen. Tanz und Bühnentechnik finden in den Schlussartikeln ihren Platz, ehe der Leser sich einer ebenfalls reich bebilderten und umfangreichen Chronik zuwenden kann.

Ist der zweite Teil besonders für Saarländer interessant, so stellt der erste, historische Teil einen wertvollen Beitrag über Theatergeschichte in der Nazi- und in der Nachkriegszeit dar und ist auch für Leser jenseits der geographischen Grenze  aufschlussreich (Grenzenlos; Herausgegeben von Harald Müller und Dagmar Schlingmann, Verlag Theater der Zeit; ISBN 978-3-943881-57-8).

Ingrid Wanja      

Claudio Abbado

Was für ein eleganter Mann war er doch, welch unaufdringliche, diskrete  Persönlichkeit, und was für ein sprühender Geist! Ich werde seine Auftritte bei den Berliner Philharmonikern ebenso wenig vergessen wie die Essen mit ihm bei seinem Lieblingsitaliener, wo er in ansteckender  Post-68er-Begeisterung durchaus lebhaft und engagiert diskutieren konnte. Er war für uns Nach-Karajan-Berliner der Inbegriff des italienischen Intellektuellen, des eleganten Signore aus der Lombardei, ein wenig wie aus Bertoluccis 1900 entsprungen, sportlich und schick zugleich. Vor allem zu Beginn seiner Philharmoniker-Zeit freute man sich über die Themenvielfalt seiner Programme, die nach der schleichenden Lähmung nun wieder Schwung brachten, Ungewöhnliches boten, Erfrischendes. Ich erinnere mich an das Themenjahr Tristan, wo es Martins Vin herbé gab, wo Wagner ebenso wie Literarisches und Philosophisches geboten wurde, wo er es schaffte, in der Stadt eben diese künstlerische Einheit herzustellen, deren akute Abwesenheit man sonst immer beklagt, weil jedes Institut nur das Eigene macht. Unter Claudio Abbado (Foto oben © Cordula Groth/Berliner Philharmonisches Orhester) klang sein Orchester anders, war lockerer, spontaner, auch individueller. Er brachte die Musiker in die Gegenwart und nach Jahren der vereisten Stilisierung  in die Sinnlichkeit zurück. Seine Opern als Konzerte füllten die Philharmonie bis auf den letzten Platz, und was hatten alle für einen Spaß beim Viaggio a Reims! Und ich erinnere mich gut an die erste, originale Aufführung dieser Oper in Pesaro, mit der absolut himmlischen Besetzung und der köstlichen Badewannenoptik, die später auch nach Wien ging. Aber in Pesaro war´s eben zum ersten Mal, abgefahren und einfach toll. Er interessierte sich für´s Ungewöhnliche, so seine mehr als diskutable Aufnahme des französischen Don Carlos bei DG, irregeleitet in der Besetzung, aber die erste („offizielle“) Aufnahme in der Originalsprache trotz der beklagenswerten Schnitte – immerhin! Wie auch seine wenigen Auftritte an der Deutschen Oper Berlin, wo es in Urzeiten einen Tristan gegeben hatte, eine Aida (noch mit Jessye Norman), wo italienische Klangsprache zeigte, was Oper sein kann – eben Sinnlichkeit und kontrollierter Rausch. So bleiben auch seine Mendelssohn-Sinfonien bei DG für mich nach wie vor die überbordendsten, unbekümmertsten, maßstäblichen. Das gilt in Teilen auch für seinen Mahler, Brahms und Schubert, wenngleich dort die Konzerte spannender waren als die festgebannten Dokumente. Vielleicht war er – um es zusammenfassend zu sagen – der Mann für den Moment, für das spontane Erleben, für die überspringende Begeisterung eher als für die Ewigkeit der silbernen Scheiben, von denen sein Amtsvorgänger so unendliche viele (zu viele) hinterlassen hatte. Sein Wechsel von der DG zur Sony brachte nicht wirklich Glück, und schon bei der DG stand er im langen Schatten Karajans. Abbado war, vor allem später, ein unauffälliger Mann, einer, der sich im zunehmend aggressiven Dschungel des Dirigentenberufes zurückhielt, sich nicht drängelte, in der Stille arbeitete und dort überzeugte. Man musste bei ihm hinhören – da war nichts flashiges, nichts Billiges, keine kalkulierten Effekte, sondern beste Kennerschaft, Handwerk und eine ganz sichere Hand für die Valeurs. Was für ein Verlust für uns Musikliebhaber! G. H.

Im  Nachfolgenden noch einmal seine Lebensdaten, wie stets mit Dank an Wikipedia!: Claudio Abbado (* 26. Juni 1933 in Mailand; † 20. Januar 2014 in Bologna) war der Sohn des Violinisten und Musiklehrers Michelangelo Abbado, seine Mutter, Maria Carmela Savagnone, war Klavierlehrerin und Kinderbuchautorin. Bei seinem Vater studierte er zunächst Klavierspiel. Mit 16 Jahren begann er in Mailand ein Studium in Klavier, Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und später erst Orchesterleitung. Außerdem belegte er einen Literaturkurs beim späteren Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo. Als jugendlicher Organist arbeitete er intensiv an Johann Sebastian Bachs Werken; bei einem Hauskonzert spielte er 1952 Toscanini Bachs d-Moll-Konzert vor. 1953 schloss er sein Studium in Mailand ab und musizierte mit verschiedenen Kammermusikensembles – Grundlage für sein späteres Musizieren. „Es ist wie ein Gespräch, bei dem man nicht nur aufmerksam lauscht, sondern auf den anderen eingeht und versucht, auch das Unausgesprochene, Gefühle und Gedanken zu erfassen.“

Bei einem Dirigierkurs in Siena lernte Abbado den elfjährigen Daniel Barenboim und Zubin Mehta kennen. Mehta vermittelte ihn zum weiteren Studium an Hans Swarowsky nach Wien. Claudio Abbado gewann 1958 in Tanglewood einen der wichtigsten Preise für junge Musiker, den Kussewitzky-Preis für Dirigenten. Abbado vermied den Weg in die große Karriere als Dirigent, ging nach Italien zurück und nahm einen Lehrauftrag für Kammermusik in Parma an. In Triest dirigierte er mit Die Liebe zu den drei Orangen von Prokofjew seine erste Opernaufführung. Ab 1961 dann dirigierte er auch regelmäßig an der Mailänder Scala.

1963 erhielt Claudio Abbado in New York den 1. Preis bei dem Mitropoulos-Wettbewerb. Verbunden war mit dem New Yorker Preis – neben der internationalen Anerkennung – eine Assistentenzeit von fünf Monaten bei Leonard Bernstein, der damals Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker war. Während seiner Assistenzzeit bei Leonard Bernstein 1963 bekam er auch erste Einladungen zum Radio-Symphonie-Orchester Berlin und zu den Wiener Philharmonikern, mit denen er 1965 bei den Salzburger Festspielen debütierte. Auf dem Programm stand Gustav Mahlers zweite Sinfonie. Außerdem entstanden erste Schallplattenaufnahmen mit Abbado.

1966 kam es zu einer ersten Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. 1968 eröffnete Abbado die Opernsaison der Mailänder Scala. Er debütierte an der Covent Garden Opera in London mit seiner ersten Verdi-Oper (Don Carlo). Später überraschte er das Publikum in London mit Strawinskis Oedipus Rex und Alban Bergs Wozzeck.

Wichtige Impulse für die Musik der Moderne bekam Abbado in dieser Zeit von Maurizio Pollini und Luigi Nono. 1969 erhielt er eine feste Anstellung als Dirigent an der Mailänder Scala und wurde 1971 zusätzlich Musikdirektor der Scala. 1979 bis 1987 war er Chefdirigent beim London Symphony Orchestra. Von 1980 bis 1986 war er Chefdirigent der Mailänder Scala. In den Jahren 1982 bis 1985 arbeitete er als Erster Gastdirigent mit dem Chicago Symphony Orchestra. Von 1983 bis 1986 war er Musikdirektor beim London Symphony Orchestra. 1984 gab Abbado sein Debüt an der Wiener Staatsoper, wurde 1986 Musikdirektor und 1987 Generalmusikdirektor der Stadt Wien. 1988 gründete Abbado das Festival Wien Modern, das sich Aufführungen internationaler zeitgenössischer Musik widmet.

Im Oktober 1989 wurde Abbado von den Berliner Philharmonikern als Künstlerischer Leiter des Orchesters zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt. Im Jahr 1994 wurde Abbado auch Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Die Zeit in Berlin war nicht frei von Spannungen. Abbados offenes Musizierverständnis, das im Kontrast zum eher autoritären Auftreten Karajans stand, provozierte beim Orchester Widerspruch. Im Jahr 2000 erkrankte Claudio Abbado an Krebs, von dem er zwischenzeitlich geheilt war. Im Jahr 2002 beendete er, wie bereits 1998 angekündigt, seine Arbeit als Künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker – mit einem für ihn typischen breitgefächerten Programm: mit Brahms’ Schicksalslied, Mahlers Rückert-Lieder und Schostakowitschs Musik zu König Lear.

Claudio Abbado ging nach Italien zurück, war zunächst in Ferrara und ging dann nach Bologna, wo er das Mozart Orchestra mit jungen Musikern aufbaute und wo er bis zu seinem Tod lebte. Mit diesem Orchester aus Bologna begann er später die Arbeit für den Aufbau des neu gegründeten Lucerne Festival Orchestra – zusammen mit Musikern der weltweit großen Orchester, die Abbado von früher kennt, und die sich als Lehrer mit den jungen Musikern des Mozart Orchestra Bologna zu gemeinsamen Konzerten im Frühjahr und Sommer in Luzern trafen.

Diese Art des Musizierens junger Musiker gemeinsam mit erfahrenenen Solisten, die sich als Teamer im Orchester engagieren, war für Claudio Abbado typisch. Schon als Gründer des European Community Youth Orchestra (1978) und später des Gustav Mahler Jugendorchesters (1986) widmete er sich der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Daraus entstanden die Gründung des Chamber Orchestra of Europe (1981) sowie die Gründung des Mahler Chamber Orchestra (1997), die wiederum die Basis für die Gründung des Lucerne Festival Orchestra (2003) und des Orchestra Mozart in Bologna in den Jahren 2003 / 2004 bildeten.

1958 gewann Claudio Abbado den Kussewitzky-Preis für Dirigenten in Tanglewood, 1963 den ersten Preis beim nach Dimitri Mitropoulos benannten Mitropoulos-Wettbewerb in New York, der mit einer fünfmonatigen Assistenzzeit bei Leonard Bernstein verbunden war. 1984 erhielt er das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik. 1994 erhielt Abbado den Ernst von Siemens Musikpreis, den Ehrenring der Stadt Wien sowie das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2001 den Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland. 2002 wurde er vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Großen Verdienstkreuz mit Sterndes Bundesverdienstkreuzes ausgezeichnet. 2002 bekam Abbado den Deutschen Kritikerpreis, 2003 den Praemium Imperiale, 2004 den Kythera-Preis und 2008 den Wolf-Preis. Seit 2005 war Abbado Ehrenbürger der Stadt Luzern. 2013 wurde sein Buch „Meine Welt der Musik“ als Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet. Am 30. August 2013 wurde Claudio Abbado vom Staatspräsidenten Giorgio Napolitano zum Senator auf Lebenszeit ernannt.

Von Abbado sind CDs mit Werken von nahezu jedem namhaften Komponisten erschienen. Er dirigierte auch die Werke zahlreicher Gegenwarts-Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, György Kurtág, Wolfgang Rihm und Beat Furrer. 1965 führt er an der Scala die Oper Atomtod von Giacomo Manzoni auf. Trotzdem gibt es Komponisten, die auffallend oft vertreten sind: Gustav Mahler, Claude Debussy, Franz Schubert und auch Wolfgang Amadeus Mozart. Besonders in letzter Zeit fiel eine Rückkehr zu seinen „Favoriten“ auf. So dirigierte er 2009 die Berliner Philharmoniker mit einem Programm bestehend aus Schubert, Mahler und Debussy; im Mai 2010 bestand das Programm an derselben Stelle aus Schubert, Schönberg und Brahms.

Die Canzoncine der Signora Rossini

 

Erst seit der Rossini-Renaissance in Pesaro ab 1985 ist eigentlich auch der Name seiner ersten Frau, Isabella Colbran, über die bloße Nennung als Rossini-Interpretin in das heutige Bewusstsein gerückt – jene Sängerin, die mit ihrer dunkel timbrierten Sopranstimme ihn zu den herrlichen Opern wie Otello oder Armida inspirierte. Wer war sie? Eigentlich kennt man sie nur als Anhängsel Rossinis, der sie von dem Intendanten (Domenico Barbaja) des San Carlo in Neapel „übernahm“, erstaunlicherweise sogar heiratete und für den sie für eine gewisse Zeit zur Muse wurde.

Mit starkem spanischem Profil.../Rossini Festival Pesaro

Mit starkem spanischem Profil…/Rossini Festival Pesaro

Den Begriff Mezzosopran gab es da noch nicht, nur Sopran I /prima donna und II/seconda donna sowie alto, aber es ist nach Lage der Noten kein Zweifel daran, dass die Colbran ein dunkler Sopran war, ähnlich dem Falcon in Frankreich nach der Sängerin Cornelie Falcon, eben ein kurzer Sopran mit guter Tiefe. In moderner Zeit sind das Stimmen wie die der Cecilia Gasdia oder Anna Caterina Antonacci mit ihrem leidvoll-poetischen Timbre – ein wirklicher im oberen Bereich knapper Sopran voller Poesie und nicht das energisch-tüchtige Geratter einer Joyce Di Donato ohne Charme und Kern oder die angestrengte Hochleistungsbalance einer Cecilia Bartoli (ich weiß, ich handele mir jetzt einen Sturm der Entrüstung ein). Die Colbran schuf einen neuen Stimmtyp und war für Rossini das ideale Instrument zum Ausdruck seiner zunehmenden Hinwendung zu Menschlichkeit voller dunkler Tragik. Mit der Trennung von der Colbran wandte sich Rossini anderen Stimmen zu und die Aufteilung in Kategorien, wie wir sie heute spätestens seit Verdi kennen (der das klassische Quartett Sopran/Mezzosopran/Tenor/Bariton „erfand“), bahnte sich mit Bellini und Donizetti an (wenngleich auch Donizetti durchaus an dem stimmlich flexiblen Modell der beiden Soprane festhielt und sich für Bellinis Norma die Damen durchaus abwechselten als Norma und Adalgisa, was als Karikatur später in unserer Zeit das Tandem Verrett-Bumbry oder auch Sutherland-Caballé vorführte, letztere beide Normas von Rang). Rossini liebte die dunklen Stimmen, und seine frühen Opern sind voll mit Partien für schnurrbärtige Altistinnen in der Folge der Kastraten – nicht umsonst nennt man Rossini auch den letzten Barockkomponisten. Aber mit der Colbran änderte sich auch seine Ästhetik in Richtung weniger stereotyper Rattermaschienen und zugunsten von dunkler Poesie, Seelenängsten, individuellerem Ausdruck, wie die frühromantische Donna del Lago so überzeugend zeigt.

Der gesellschaftliche Mittelpunkt ihrer Zeit und von Rossini in seinem "Viaggio á Reims" verewigt: Madame de Stael/OBA

Der gesellschaftliche Mittelpunkt ihrer Zeit und von Rossini in seinem „Viaggio á Reims“ verewigt: Madame de Stael/OBA

Eine neue CD bei Tactus wirft nun Licht auf einen ganz anderen Aspekt der Isabella Colbran – sie war wie alle Künstler der Epoche hochmusikalisch und ebenso ausgebildet und dazu eine Komponistin von nicht unbeträchtlichen Graden (ähnlich wie die Vorgängerin Malibran und andere Kollegen/-innen): Lieder zur Harfe, ein Klassiker für die Salons des Adels und des Bildungsbürgertums einer Madame de Stael und der Pariser Gesellschaft. Der nachfolgende Artikel von Marianne Gubri im Beiheft zur Tactus-CD nimmt sich dieses Themas (in Englisch, jaja!) an. Bienvenue, Madame Colbran! G. H.

 

The four books of Canzoncine ou Petits Airs Italiens by Isabella Colbran (1784-1845) were composed between 1805 and 1809, during her youth, before her marriage to Gioacchino Rossini (1822) and the beginning of her career as prima donna of Italian opera. Isabella Colbran was born in Madrid, received her initial musical education from her father, Juan Colbran, violinist in the Capilla Real, and studied singing under the guidance of the celebrated Italian opera singers and castratos Carlo Martinelli and Girolamo Crescentini. She dedicated to the latter one of her song collections, and sang many of his compositions.

Eine interessante CD bei Naxos vereint Auftragsmusik des Intendanten Barbaja (8.578237)

Eine interessante CD bei Naxos vereint Auftragsmusik des Intendanten Barbaja (8.578237)

After a few concerts in Madrid, she was appointed as court singer by the Queen of Spain, and held this post from 1803 to 1808, as declared in the front page of her first three song collections. In 1804, Isabella and her father went to Paris in quest of success. She sang in the house of Rodolphe Kreuzer, who had founded the publishing house Le Magasin de Musique two years before, together with Cherubini, Mehul, Rode, Isouard and Boiledieu. Le Magasin de Musique subsequently published three of Isabellas collections. She probably referred to the above-named musicians in her dedication to the Queen of Spain, when she mentioned them as promoters of the edition, with an attitude of obsequious humility that was customary at that time (…) It was published by Miles Erard, a publishing house that had been established by the daughters of the famous harp- and piano-maker (one of the two sisters, Celeste, later married Gaspare Spontini).

Maria Chiara Pizzoli und Marianne Gubri/Tactus

Maria Chiara Pizzoli und Marianne Gubri/Tactus

On 21 November 1806, while she was still travelling between Spain and Italy, she became a member of the Accademia Filarmonica of Bologna, where she performed in 1807: this title was mentioned in the song collections subsequent to that date. In the portrait by an anonymous painter that we present on the cover, (which was donated to the Liceo Musicale of Bologna during that stay of hers, and is now preserved in the Museo della Musica of Bologna), she is depicted as a young woman holding a lyre, which rests on a copy of her first book of songs. On the cover of this book, her new title of academician has been added by the painter, though at the time of the printing of that work the title had not been awarded to her yet: so it is possible to conclude that the portrait was painted in 1807.

Die "KLonkurrenz": Maria Malibran, selber Spanierin, als Desdemona in Rossinis "Otello/Gemälde von Bouchot/OBA

Die „Konkurrenz“: Maria Malibran, selber Spanierin, als Desdemona in Rossinis „Otello“/Gemälde von Bouchot/OBA

After her stay in Bologna, where she probably met Gioacchino Rossini, who was then a student and was eight years younger than her, in 1808 Isabella returned to Paris with her father. There she held both private and public concerts; she sang often in aristocratic houses, for the Empress and for ambassadors, but her greatest success was in her public concerts. The press extolled the range of her voice, which included almost three octaves, and its clear, resounding timbre, her mastery in the art of the messa di voce, her expressive, sweet interpretation, her good Italian, and the variety of her repertoire, which was formed of arias by Zingarelli, Portogallo, Nasolini, Mayr, Haydn and her teacher Crescentini.

In 1808 she dedicated her compositions to Louise Marie of Baden (wife of Emperor Alexander I of Russia), and in 1809 to Marie Julie Clary Bonaparte, wife of Joseph Bonaparte, who hired her as a chamber-music singer as soon as he became King of Spain. The last months of the year 1809 marked the beginning of a long, uninterrupted career for Isabella Colbran as an opera singer, first at the Teatro alia Scala of Milan, then at the Teatro Comunale of Bologna, at the Fenice of Venice, in Rome, and eventually, from 1811 onwards, in Naples, where she was consecrated as „Prima cantante assoluta‘ („the first singer by far“) and sang in the operas by her future husband.

Frontespiece für den Klavierauszug des "Otello"/OBA

Frontespiece für den Klavierauszug des „Otello“/OBA

La Vestale by Gaspare Spontini was staged in Italian, in the translation by Giovanni Schmidt: Isabella sang in the role of Giulia. The opera was so successful that its performances were repeated until 1816. The aria „O nume tutelary” is included in this CD as an addition to Isabellas compositions, in the handwritten, probably autograph, version preserved in her collection, now housed in the Library of the Conservatoire Royal of Bruxelles. This version is particularly interesting, because, in addition to Spontini’s original part, the singer has written down her own embellishments on a further staff, according to the customary bel canto practice of that period. This sheds light on the virtuosic and dramatic aspect of the performance, and reveals the fact that the performer enjoyed a certain independence of interpretation in relation to the original composition.

Nicht zu vergessen: sexy Rossini/OBA

Nicht zu vergessen: sexy Rossini/OBA

The Barcarola Gia la notte s’avvicina has been drawn from a collection of Passatempi musicali o sia raccolta di Ariette e duettini per camera inediti, Romanze francesi nuove, Canzoncine Napolitane e Siciliane, Variazioni pel canto, Piccoli Divertimenti per Pianoforte, Contradanze, Walz, Balli diversi etc. published in 1824 and containing,, besides Isabella Colbrans arietta, pieces by Cottrau, Donizetti, Filed, Leiderdorf, Pacini, Rossini, and Schubert. The title of this collection emphasises the fact that it was meant for amateur performers.

Und noch einmal Rossini als fescher Mann/OBA

Man vergisst leicht über den Altersbildern, wie fesch Rossini in seiner Jugend aussah/OBA

Isabella’s stay in Naples was a very rich, complicated period, not only for her artistic activity, but also for her private life. On 16 March 1822, almost in secret, she married Gioacchino Rossini (by then quite famous) in the Chiesa del Santuario della Vergine del Pilar at Castenaso (a few kilometres away from her father Juan’s villa). The extraordinary rise of Rossini’s career as a composer allowed him to expand into new theatres and new cities, particularly Paris and London; but it also led him to embark on new liaisons, above all that with the courtesan Olympie Pelissier, whom he married when Isabella died at Castenaso, years after she had left the stage and had been abandoned by her husband.

Noch einmal eine berühmte Kollegin: Giulia Grisi/OBA

Noch einmal eine berühmte Kollegin: Giulia Grisi/OBA

In this recording of pieces composed by Isabella Colbran, we have not included the cantata Pelgiorno natalizio di Giovanni Colbrand,for voice and piano, now preserved at the Conservatory of Bruxelles, because it is incomplete. Other two songs Alma delValma mia and No, che lasciar non posso, now preserved in Madrid at the Biblioteca Nacional de Espana in a manuscript entitled Canzonifate aproposito del Sig.re Gerolamo Crescentini have been ascribed to Isabella Colbran by Sergio Ragni in his book Isabella Colbran, Isabella Rossini, but it is more likely that they were composed by Girolamo Crescentini1 and dedicated to her. The first of these two songs has actually been included in several collections of Crescentini’s arias.

Isabella Colbran’s compositions are typical of the chamber-music repertoire for amateurs: they consist of short, melodious, through-composed arias with two texts: one in Italian, drawn from Metastasio’s poems, the other a free translation into French. The vocal characteristics they require are those of a voice that is seemingly average but includes some unusually high notes for a soprano.

Und als Vierte: Giulia Pasta/OBA

Und als Dritte: Giuditta Pasta/OBA

The four song books offer the choice of a harp or piano accompaniment, as customary during that period, particularly in the French repertoire: Marie Antoinette, and after her all the French ladies at court, completed their education by learning to play the harp. Empress Josephine de Beauharnais, for whom Isabella Colbran performed, was the inspirer of the composition of a great number of chamber-music pieces for harp. Since the end of the eighteenth century, the harp was equipped with a single pedal movement that allowed the performer to achieve modulations and chromaticisms. In the first years of the nineteenth century, Sebastien Erard, a well-known Parisian piano maker, began his research for the creation of a harp with a double pedal movement that gave greater freedom to the player: he patented this device in 1811. The new instrument was soon adopted also by professional harpists.

Die Siegerin: Olympie Plessier, die Rossini mit Syphilis ansteckte.../OBA

Die Siegerin: Olympie Plessier, die Rossini mit Syphilis ansteckte…/OBA

Isabella had the chance to meet two of the greatest harpist/composers of her time: on 16 April 1808 she sang during the same evening in which Charles Bochsa performed in the premiere of his concerto n. 1 op. 15. In August 1827, at Arques, she sang together with Francis Joseph Naderman. Moreover, in February 1811 she sang with a Mrs Rega, Neapolitan amateur harpist.

The accompaniment to these little songs, which is simple but varied and follows the pattern adopted by composers such as Cherubini, Crescentini, Spontini, Isouard, and Boiledieu, with a melodic introduction and a realisation based on chords or arpeggios, can easily be adapted to the harp without any particular changes. Publishers such as Le Magasin de Musique and Miles Erard were doubly interested in offering works for both instruments: the prospect was that the French ladies would be keen both to perform new repertoires and to own instruments often made expressly for them.

Das Buch über Isabella Colbran von Sergio Ragni im Verlag Zecchini (978-8865400210)

Das Buch über Isabella Colbran von Sergio Ragni im Verlag Zecchini (978-8865400210)

Although a newspaper published at the end of the nineteenth century states that Isabella Colbran also played the harp, it is likely that this assertion stemmed from a misinterpretation of the pictures in which she held a lyre in her hands. During that period several paintings portrayed her and other female singers in Empire-style dress and with Apollo’s instrument: it was a clear allusion to the classical antiquity from which the Napoleonic neoclassical style drew inspiration.

Actually, the funerary monument for Isabella’s father – Juan Colbran, who died in 1820 – designed by Gioacchino Rossini and made by the sculptor Adamo Tadolini – shows a cherub who is playing the lyre while Isabella is weeping and looking at her father’s memorial bust. This grave also accommodates the bodies of Rossini’s parents, Anna Guidarini and Giuseppe Rossini, and of Isabella, who died in 1845 in her villa at Castenaso.The monument can still be seen in the Chiostro Maggiore Levante, Arco VI, of the cemetery of the Certosa of Bologna: the recording of this CD has been carried out in the adjoining Chiesa di San Girolamo.

Den Artikel von Marianne Gubri, selber Harfenistin von Rang,  entnahmen wir in der englischen Übersetzung dem neuen Album bei Tactus (TC 780302): Isabella Colbran – Arie italiane per voce e (!) arpa, auf der die Autorin die Mezzosopranistin Maria Chiara Pizzoli auf der Harfe begleitet. Die Fußnoten in dem Artikel von Marianne Gubri wurden aus Platzgründen fortgelassen. Redaktion G. H.)

Isabella Colbran auf dem gemälde von reiter, defintiv nicht glücklich/OBA

Die alternde Isabella Colbran auf dem Gemälde von Reiter, definitiv nicht glücklich/OBA

Und dazu noch kurz den Auszug aus WikipediaIsabella Colbran (Geburtsname Isabel Colbrandt) (* 2. Februar 1785 in Madrid; † 7. Oktober 1845 in Bologna) war eine Mezzosopranistin und Komponistin. Sie gehörte zu den berühmtesten Sängerinnen ihrer Zeit. Sie begann ihre Karriere am Teatro San Carlo in Neapel, wo sie nicht nur vom Publikum, sondern auch vom König von Neapel bewundert wurde. Mit dem Impresario des Theaters, Domenico Barbaja, hatte Isabella Colbran eine Affäre. Barbaja engagierte Gioachino Rossini, der für Isabella Colbran einige Paraderollen schrieb (unter anderem Elisabetta, Desdemona/Otello und Armida). 1822 heirateten Rossini und Colbran. 1837 trennten sie sich wieder, Rossini hielt sie jedoch immer für eine der besten Interpretinnen seiner Werke. Isabella Colbran schrieb vier Liedersammlungen, die sie der russischen Zarin, ihrem Lehrer Crescenti, der spanischen Königin sowie der Prinzessin Eugenie de Beauharnais widmete.

Auf die interessante Ausgabe aller Lieder von Spontini bei Tactus haben wir bereits hingewiesen/TC 771960.

Aus besseren Kölner Zeiten

Leider nicht Brian Large, sondern José Montes-Baquer ist die Aufzeichnung von Mozarts zum x-ten Male wiederaufgelegten Don Giovanni aus Köln zu verdanken, wo 1991 Michael Hampe inszenierte, nachdem er das Werk bereits  gemeinsam mit Herbert von Karajan 1987 bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne gebracht hatte. Damals gab es eine Bombenbesetzung mit u.a.  Ramey und Varady, die Szene stammte von Mauro Pagano. Auch die Kölner Besetzung brauchte sich nicht zu verstecken, war doch die Zeit unter Michael Hampe und James Colon eine der besten des rheinländischen Hauses und konnte des öfteren mit Starbesetzungen prunken. Letzterer sorgte 1991 mit dem Gürzenich-Orchester für einen schlanken, durchsichtigen, dabei federnden Klang. Die Bühne und sogar die Kostüme sehen Don Giovanni als Nachtstück trotz des hellblauen Himmels, der im Kontrast steht zu den dunklen Gebäuden, selbst zu den raren, ebenfalls fast schwarzen Bäumen und den Kostümen (Carlo Diappi, Ulrike Zimmermann), allenfalls in Schwarz-Weiß für die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft. Die Regie respektiert Libretto und Musik, glänzt  durch viele Feinheiten in der Personenregie, so wenn Don Giovanni Donna Elvira einen Brocken zuwirft wie einem Hund („mangi con me“) oder wenn Donna Anna dem fliehenden Don Giovanni den Umhang entreißt und ihn ihm zum Schluss des ersten Akts als Beweisstück vor die Füße wirft. Leider zeigt sich die Video-Regie weniger einfühlsam, ganz besonders schlimm macht sich das beim Schluss-Sextett bemerkbar, wenn die Darsteller mit abgeschnittenen Füßen und nur als kleine, graue Nebelgestalten auszumachen, an der Rampe stehen.

Mit Thomas Allen sieht die Produktion einen der besten Don Giovanni der Achtziger und Neunziger auf der Bühne. Mit fast durchgehend schwarzer Perücke und ebensolcher Kleidung wirkt er ausgesprochen satanisch, kann auch ein teuflisches Grinsen aufsetzen und seinen schwarzen Umhang dämonisch wie ein Todesengel wehen lassen. Dazu singt er mit weichem Tonansatz, sehr verführerisch im Piano oder der mezza voce in der Serenade oder dem „La ci darem la mano“ und mit rasanter Virtuosität in der sogenannten Champagnerarie. Nur in seiner Schlussszene scheint er nicht über die von ihm gewohnten Kräfte zu verfügen. Sein Leporello hat mit Ferruccio Furlanetto noch die Rossini-Gewandtheit der frühen Jahre in der Stimme, erfreut durch ein beredtes Mienenspiel, durch basslastige Vollmundigkeit („ma in Spagna“) und eine vorbildliche Diktion. Ein sehr ansehnlicher und gar nicht langweiliger Don Ottavio ist Kjell Magnus Sandve mit schönem lyrischem Tenor, der auch mit den Koloraturen der zweiten Arie keine Probleme hat und  in „Dalla sua pace“ überhaupt nicht anämisch klingt. Ein überstattlicher Masetto mit reicher Stimme ist Reinhard Dorn. Matthias Hölle singt einen überaus markanten Commendatore.

Die Donna Anna von Carolyn James kann leider nur vokal mit einer weichen, kristallinen Sopranstimme leicht hysterischen Anstrichs erfreuen. Schön ist der leichte Schimmer, der auf ihr zu liegen scheint, sind es auch die mühelosen Schwelltöne, doch optisch bleibt sie auch wohl wegen der Leibesfülle zu statuarisch, zu unbeweglich im nicht vorhandenen Mienenspiel. In zärtlichen Tönen kann die Donna Elvira von Carol Vaness in den Rezitativen schwelgen, in den Arien geraten die Höhen  oft recht steif, die Intervallsprünge zu gewaltsam der Stimme abgezwungen. Darstellerisch allerdings schlägt sie ihre Kollegin um Längen. Eine sehr gute Besetzung für die Zerlina ist Andrea Rost, die auch an der Scala sogar als Traviata Furore machte und hier eine lieblich-kesse Bäuerin ist, die mit schöner lyrischer, nicht soubrettiger Stimme singt und die Verführbarkeit der jungen Braut hinreißend spielt.

Nicht nur wer keinen drogensüchtigen Don Giovanni im Nadelwald mag ist mit dieser hoch besetzten Aufführung gut bedient (Arthaus 102 319).

Ingrid Wanja

Don Davis: „Río de Sangre“

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Kleine Frage am Anfang. Was verbindet die Sciencefiction-Trilogie Matrix, die Kultstatus unter Filmfans genießt, mit der Oper Río de Sangre? Es ist der Komponist Don Davis. Der Amerikaner, Jahrgang 1957, ist eine Kapazität für Film- und Fernsehsoundtracks, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Im Klassikbereich aber ist er bisher weniger aufgefallen, es gibt vorwiegend Kammermusik von ihm, aber auch eine Symphonie und ein umfangreiches Chorwerk. Fehlte noch die Oper. Die Florentine Oper in Milwaukee gab Davis die Chance, sich in dem Genre auszuprobieren. 2010 erlebte dort Río de Sangre Premiere. Die Story ist, wen wundert es, packend und plakativ, eben filmreif. Sie handelt von kruden politischen Verhältnissen in einem fiktiven südamerikanischen Staat. Im Zentrum steht das Staatsoberhaupt Delacruz, der nicht nur durch Intrigen und Machtansprüche seiner Gegner das Amt verliert, sondern durch den Tod beider Kinder eine private Tragödie erlebt. Real sind die Ereignisse nicht, doch der Plot könnte tatsächlich so stattgefunden haben oder stattfinden. Das Ganze ist großes Drama, das sich im Sologesang allerdings wenig widerspiegelt. In das mehr oder weniger vorherrschende Konversationsparlando sind nur gelegentlich Arien eingestreut, vokal wirklich fesselnd sind nur die teilweise bombastischen Chöre. Viel spannender ist die Orchesteruntermalung, die die Szenen bildhaft illustriert – hier offenbart sich der gewiefte Filmmusiker. Davis mixt Minimal Music mit spätromantischer Üppigkeit und peppt sie mit südamerikanischen Tanzrhythmen auf. Die Meriten der Aufnahme, die auf der Uraufführungsproduktion basiert, liegen denn auch in der Souveränität und Vitalität, mit der Joseph Rescigno am Pult des Milwaukee Symphony Orchestra die ganze instrumentale Farbpalette ausreizt. Sängerisch erfüllt sie nicht höchste Ansprüche, nimmt aber durch die theatralische Atmosphäre für sich ein. Guido LeBron verfügt über einen stabilen Bariton, doch mangelt es ihm an Charisma für die umfangreiche Partie des Präsidenten. Sein Gegenspieler Guajardo ist bei dem scharfen Charaktertenor von John Duykers gut aufgehoben. Die bewegendsten Momente gehören Delacruz’ Gattin Antonia. Kerry Walsh singt die zwei großen Szenen, in denen sie um ihre beiden toten Kinder trauert, mit Hingabe und gut sitzendem Sopran. Von der Stimmfarbe unterscheidet sich Ava Pine als Tochter Blanca kaum von ihrer Mutter, nur klingt die Höhe angestrengter. Nicht allerdings beim Liebesduett mit Igneo, den Vale Rideout mit angenehmem Tenor ausstattet – da gewinnt der Sopran an Wärme. Gut konsumierbar ist Rio de Sangre allemal, doch solchen Kultstatus wie der enorm erfolgreiche Kinostreifen Matrix wird die Oper wohl nicht erlangen. Karin Coper

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Don Davis: Río de Sangre mit Guido LeBron (Christian Delacruz), Kerry Walsh (Antonia Delacruz), John Duykers (Jesùs Guajardo), Ava Pine (Blanca), Vale Rideout (Igneo), Mabel Ledo (Estella), Rubin Casas (Bishop Ruiz) u. a.; The Florentine Opera Chorus (William Florescu), Milwaukee Symphony Orchestra; Leitung: Joseph Rescigno; Albany Records, Troy 1296/97

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Nicht nur doppelt gemoppelt

Gleich zwei Bücher sind 2013 von Karl Löbl, dem Wiener Kritiker- und Operngiganten, erschienen, und wenn man das Nachwort des zweiten gelesen hat, wünschte man ihm von Herzen, dass er im gerade angebrochenen neuen Jahr auch noch das dritte, gerade in Arbeit befindliche vollenden kann, ihm die Krebserkrankung die Zeit dazu lässt. Das Schicksal wollte es anders. Karl Löbl ist am 27. Januar 2014 gestorben.

41iKGXOSIPLDer Balkonlöwe  nennt sich das eine Buch, das ihn mit wenig Haaren in einer der Logen der Wiener Staatsoper zeigt, Nach den Premieren das andere. auf dessen Cover er bereits kahlköpfig an einem Kaffeehaustisch sitzt. Eher den österreichischen Lesern zu empfehlen ist der Salonlöwe, denn hier geht es zunächst einmal um Kindheit und Jugend des Halbjuden in Wien, der 1943 seine Liebe zur Oper bei einem Troubadour entdeckt und ihr 70 Jahre lang treu bleibt. Das ist noch von allgemeinem Interesse, weniger der Weg des Journalisten durch die Zeitungslandschaft Wiens, durch seine Rundfunk- und Fernsehanstalten bis hin zum nicht nur Balkon-, sondern eher noch Kulturlöwen, wobei man nicht an das eher abfällige Salontiroler oder Salonlöwe denken mag. Wie ein roter Faden zieht sich durch beide Bücher die Geschichte von dem Interview, das einst Karl Böhm zur Demission als Operndirektor zwang und in dem er erklärt hatte, für die Staatsoper Wien würde er nicht seine internationale Karriere opfern. Da scheint dem Verursacher noch Jahrzehnte danach selbst bange vor der Macht der Medien zu werden. Eine ähnliche Bedeutung hatte dann wohl nur noch die „Kredenz auf Radln“, die Gertrud Grob-Prandl zu seiner Intimfeindin werden ließ. Siegreich bestand der Autor jedoch alle Prozesse von Beleidigten, so auch Tänzern im allgemeinen und Hans Beirer, der kein Dinosaurier genannt sein wollte, im besonderen. Neben „meinen Sängern“ (Jurinac, Di Stefano, Domingo u.a.), über die vieles auch im zweiten Buch zu lesen ist, „meinen Dirigenten“ mit interessanten Aussagen besonders über Karajan, Carlos Kleiber, Bernstein und Mehta, den 12 Operndirektoren der Wiener Staatsoper, die allgemein interessieren, gibt es auch viel über Chefs, Vorbilder und Kollegen zu berichten. Zum Verständnis all dessen braucht man schon recht viel Insiderwissen, weshalb noch einmal auf das zweite Buch verwiesen werden soll. Probleme der Programmgestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und den Stellenwert der Kultur wird auch der nicht-österreichische Leser als für ihn relevant erkennen können. Auch mit Anekdotischem wird nicht gespart wie dem Schreck Holenders, als ihm Thielemanns Mutter in der Direktorenloge offenbart, ihr Sohn würde nur einen Tristan und nicht die ganze Serie dirigieren. Der Verfasser ist sogar Urheber einer solchen, wenn er Holender  „Herr Niederländer“ nannte, nachdem dieser seinen Dramaturgen Wagner Trenkwitz mit „Müller Thurgau“ angeredet hatte. Viermal konnte sich der Autor selbst Hoffnungen auf den heiß begehrten Direktorensessel machen, ohne je darauf zu sitzen. Nostalgisch wird es, wenn Löbl den Profilverlust der Staatsoper, aber auch der Dirigenten und ihres jeweiligen Stils  und den Niedergang Salzburgs beklagt sowie die übergroße Verfügbarkeit von Musik heutzutage. Neben vielen anderen, die den Lebens- und Karriereweg Löbls kreuzten, wird auch Marcel Prawys gedacht, den er in gewisser Weise beerbte.

Der Untertitel des zweiten Buches (Nach den Premieren) ist Mein Leben in und mit der Oper, und so spielt diese hier auch eine noch größere Rolle als bereits im ersten Band. Da ist vom Figaro im Ausweichquartier der Staatsoper die Rede, als in Deutschland noch gekämpft wurde, von dem Interesse der Sowjets am Wiederaufleben der Kultur in der Viersektorenstadt, vom Konzert der Philharmoniker bereits am 28.4.1945. Auch die „gottbegnadeten Künstler“, die nicht eingezogen werden durften und den Nazis fast so wertvoll erschienen wie der „unersetzliche“ Furtwängler auf Hitlers Spezialliste, werden erwähnt. Triumphe und Niederlagen von Direktoren, Dirigenten und Sängern werden beschrieben wie der Streik wegen des „maestro suggeritore“, den Karajan nicht für seine italienischen Sänger durchsetzen konnte. Schmunzeln muss man, wenn man liest, dass Domingo 1973 erklärte, er wisse, wann er aufzuhören habe, und wenn man erfährt, dass der Tenor an einem Abend Luigi an der Volksoper und Canio an der Staatsoper sang. Ungeheuer reich ist das Wissen Löbls um das Wiener Musikleben, und er vermittelt es da am eindrucksvollsten, wo er selbst am Geschehen beteiligt war, während bei den Kurzbiographien vor allem der jüngeren Sängern ein Lexikon einen besseren Dienst leisten würde. Kleine Ungenauigkeiten sind dabei verzeihbar wie die Annahme, die Höflinge würden dem Duca mitteilen, sie hätten Rigolettos Tochter entführt, wenn Otto Schenk Janáceks Das schlaue Entlein 2014 inszenieren soll, wenn Flavio neben Norma auf der Bühne steht. Ghiaurovs nie erfüllter Wotan-Wunsch, Frenis ursprünglicher Name Fregni, Del Monacos Sprüche über Wagner bei seinem Siegmund in Stuttgart, Siepis Musical-Ausflüge – das alles liest sich ebenso spannend wie die Erzählungen über Baltsas, Cotrubas’ und Fassbaenders schlechte Erfahrungen mit Regisseuren oder ein Vergleich zwischen Nilsson und Mödl. Dankenswerterweise beschränkt sich Löbl nicht auf die großen Namen, sondern widmet sich auch weniger bekannten Sängern, die aber unverzichtbar für das Haus waren. Dass Luis Limas Karriere in Wien abrupt endete, weil sein Pass nicht verlängert wurde, wusste man ebenso wenig wie der Betriebsunfall bekannt war, dass gleichzeitig Karajan und C. Kleiber der Tristan angeboten wurde, wovon schließlich Bernstein profitierte. Ein besonderes Kapitel ist den Wiener Stimmen gewidmet, denen immer die besondere Sympathie des Publikums galt und gilt. Manches ist Statistik wie die 41 Wotane in Wien oder die 44 Jahre, die Taddei am Haus sang. Manches ist amüsante österreichische Spezialität wie der Kampf um die Bezeichnung „Generalmusikdirektor“, anderes wieder stammt aus Memoiren von Sängern, was verzeihbar, oder aus Interviews der Gattin Hermi Löbl, was hoch interessant ist. Aufgeklärt wird der Leser über den Unterschied Staatsopernorchester und Wiener Philharmoniker, über Stehplatzfreunde und -feinde, darüber, dass Max Lorenz eigentlich Max Sülzenfuß hieß. Auch der beste Kenner der Wiener Staatsoper wird noch etwas Neues über die Institution Wiener Staatsoper und ihren Chronisten erfahren (Der Balkonlöwe/ Seifert Verlag Wien ISBN 978 3 902424 00 und Nach den Premieren/Seifert Verlag Wien ISBN 978 3 902924 06 3).

Ingrid Wanja

Stefano Pavesis „Ser Marcantonio“

 

Stefano Pavesis (1779-1850) zählt zu einer Generation des Übergangs. Mit seinen über 60 Opern prägte er, mit Schwerpunkten in Neapel, Mailand und Wien, in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Gattungsentwicklungen von Seria, Buffa und Dramma giocoso maßgeblich mit. Er studierte mit Cimarosa und Piccinni in Neapel, ist in den antimonarchistischen Revolutionswirbeln Frankreichs zu finden, wurde Liebling und schließlich künstlerischer Erbe Giuseppe Gazzanigas in Venedig und 1820 Nachfolger von Antonio Salieri an der italienischen Oper in Wien. 1826 zog er sich in die Lombardei zurück und überließ das Feld den neuen Größen am Opernhimmel, allen voran Rossini.

Einer seiner großen, europaweiten Erfolge war Ser Marcantonio, ein zweiaktiges Dramma giocoso, das 1810 an der Scala in Mailand herauskam und es dort auf 54 Aufführungen brachte. Das Libretto von Angelo Anelli (der für alles was Rang und Namen hatte schrieb, Paër, Piccinni, Zinagrelli, Mayr, Mosca … ) griff dabei auf jenen beliebten Komödienstoff zurück, den Jean-Baptiste Rousseau in L’hypocondre, ou la femme qui ne parlait point verarbeitet hatte und der sich schon 1610 bei Ben Johnson in Epicœne, or The silent woman findet. Heute kennen wir den Stoff auf der Opernbühne vor allem aus Richard Strauss’ Die schweigsame Frau (1935) und Gaetano Donizettis Don Pasquale, der 1843 damit den Erfolg von Pavesis Version beendete.  Ein Schicksal, das den Opernstoffen zu einer Zeit als man sich noch auf Novitäten freute (und sie nicht fürchtete) regelmäßig zu Teil wurde. So wartet  etwa noch Pavesis Aschenputtel-Oper Agatina o La virtù premiata (1808), von der es 1987 bei Opera Rara eine Aufnahme unter David Parry gab und die ein klarer Vorläufer von Rossinis Cenerentola ist, auf  neues Bühnenleben.

Pavesis und Anellis Ser Marcantonio ist textlich und musikalisch eine typische Komödie der Jahrhundertwende, geprägt von der Goldonischen Komödien-Dramaturgie, mit klar gezeichneten Typen, den üblichen Intrigen, Verkleidungen und Verwechslungen. Die zwanzig Nummern sind durch secco-Rezitative miteinander verbunden, Situationskomik wechselt mit Kavatinen, Duetten und Ensembles. Die Musiksprache ist mit einfachen Melodien rhythmisch betont, die concertati bahnen Rossini den Weg.

In Pesaro hat man sich Anfang des Jahrtausends schon einiger Opern Pavesis besonnen und die beiden Farsas Un avvertimento ai gelosi (2001) und Il trionfo delle belle (2004) zur Aufführung gebracht. In Lugo hatte man bereits im Jahr 2000 den Ser Marcantonio wieder belebt und eine eigene Edition erstellt, daran hat man sich dann 2011 beim ‚Rossini in Wildbad’-Festival erinnert. Diese  Aufführung, die auch im Radio übertragen wurde, ist bei Naxos auf 2 CDs als Live-Mitschnitt erschienen. Das junge Ensemble hat dabei merklich Spaß an der Komödie. Die vermeintlich schweigsame Frau heißt hier Bettina und ist einem Contraalt anvertraut. Mit Loriana Castellano hat man dafür eine Sängerin gefunden, die mit ihrer dunkel gefärbten Tiefe ebenso für sich einzunehmen weiß, wie mit gekonntem Legato und verführerischen, pointiert gesetzten Koloraturen in bester Buffa-Tradition. Ihre virtuos gesungene Schlussarie (der dann freilich noch ein Finale folgt) nimmt formal schon deutlich Angelinas „Non piu mesta“  aus Rossinis Cenerentola vorweg. Matteo D’Apolito ist ihr Bruder Tobia, der die Verstellungs-Geschichte in Gang setzt, mit schelmischen Zwischentönen à la Figaro und energischem Bassbariton in dem entfernt an Mozarts Figaro-Grafen erinnernden Recitativo e Aria „Or capisco che siete un vile“ im zweiten Akt. Der geprellte Alte, der Titel gebende Ser Marcantonio, ist bei Marco Filippo Romanos hellem Bariton gut aufgehoben und verfällt dankenswerter Weise nicht der billigen Karikatur. Die Südwestdeutsche Kammerphilharmonie Pforzheim klingt unter Massimo Spadanos theaterwirksamer Leitung angemessen lebendig, stets zuverlässig in der Begleitung, mit differenziertem Klangbild, präzisen  Bläsereinwürfen und schönen Steigerungen. Eine gelungene Produktion, deren übrigen Rollen mit dem leichten, höhenschwachen Tenor von Timur Bekbosunov und den charakteristischen Mezzos von Silvia Beltrami und Svetlana Smolentseva für eine CD-Veröffentlichung allenfalls zufrieden stellend besetzt sind. Trotzdem, eine insgesamt schöne, verdienstvolle Wiederbelebung und ein weiterer Baustein in der Erkundung der unbekannten italienischen Oper des beginnenden 19. Jahrhunderts (Naxos 8.660331-32). Moritz Schön