Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Ingrid Bergman zum 100.

Keine leichte Lektüre. Mehr als drei Kilo schwer. Nichts für die Badewanne. Es braucht einen Extra-Tisch, um das Buch aufzuschlagen. Eine würdige Publikation für Ingrid Bergman, eine der großen Diven des vergangenen Jahrhunderts, die im kommenden Jahr ihren 100. Geburtstag feiern würde. Kaum eine der Leinwandgöttinnen dürfte häufiger fotografiert worden sein – ausgenommen natürlich ihre Landsmännin Greta Garbo. Obwohl die ebenfalls in Stockholm geborene Garbo nur zehn älter war, könnte man meinen, es lägen Jahrzehnte zwischen ihr und Ingrid Bergmann.

Liv Ullmann, die in dem Mutter-Tochter Drama Herbstsonate, dem letzten Kinofilm der Bergmann (gefolgt nur von der Fernsehproduktion über Golda Meir), ihre Tochter gespielt hatte, meinte, „auch wenn sie meist von Menschen umgeben war, spürte ich bei ihr eine Aura innerer Einsamkeit. Ingmar (Bergman) empfand sie ebenso ..“. In einigen der annähernd vierhundert Fotos in diesem Buch ist diese Einsamkeit, eher vielleicht Unnahbarkeit und Distanz („Ich habe mich nie verloren in der Rolle, die ich gespielt habe, egal, welche“.), deutlich zu spüren, was auch mit dem Star-Sein zusammenhängt („Ich weiß, dass ich ein wandelndes Abbild bin. Wenn ich zum Beispiel mit anderen Leuten im Lift stehe, dann reden sie über mich, als wäre ich gar nicht da… Offenbar denken sie, ich wäre auch in dem Moment nur ein Leinwandportrait“), doch viele der wunderbaren, aus dem persönlichen Nachlass der Schauspielerin stammenden Fotos, unter Hilfe der Kinder, vor allem Isabella Rossellini und Roberto Rossellini jun., ausgesucht, zeigen auch eine andere Seite der Schauspielerin. Das Ergebnis ist ein kostbarer, geradezu luxuriös konzipierter und geschmackvoller Band mit einem Vorwort der Ullmann, dem berühmten Interview, das der Filmhistoriker John Kobel 1972 auf der Bühne des National Film Theater in London mit ihr führte, und knappen Einführungen zu den sieben Kapiteln: Schweden 1915-39, Hollywood 1939-45, Kriegsende in Europa/ Neue Horizonte 1945-49, Der Skandal: Die Verbindung mit Rossellini 1949-55, Loslösung und Trennung 1956-57, Neue Karriere – Neues Glück 1958-65 und Theater und späte Filme, Krankheit, Abschied und Tod 1965-82.

In dem Interview mit Kobel erleben wir eine direkte, spontane und ehrliche Bergmann,  die sich selbst mit kritischer Distanz betrachtet,  „..andrerseits bin ich auch überrascht, dass Casablanca ständig wieder zu sehen ist, ebenso wie viele andere alte Filme, ob im Fernsehen, in den Cinematheken oder im Filmmuseum. Damals dachte man nach einen Dreh, so, das war’s, und gab den Filmen sowieso keine Zukunft. Zu meiner Zeit in Hollywood waren alte Filme tot und vergessen“.  Allerdings hatte sich schon die jugendliche Bergman, die mit zwölf Jahren Waise geworden war, selbstinszeniert und in diversen Posen fotografiert, die den Porträts des späteren Stars nicht unähnlich sind, deren erstes kunstvolles Starfoto von der 21jährigen aus Intermezzo stammt. Aus vielen Fotos spricht Bergmans Klarheit und unprätentiöse Art und Wärme, sei es hinter dem Filmset, mit ihren Regisseuren und Filmpartnern, der Familie oder mit Freunden. Auf späteren Bildern scheint sie besonders gelöst, beispielsweise als sie in London Theater spielte, und bekannte, diese Wochen gehörten zu den glücklichsten ihres Lebens. Ein großartiges Buch, ein Schatz.

R. F.

Isabella Rossellini & Lothar Schirmer (Hrsg.), Ingrid Bergmann. Ein Leben in Bildern. 528 Seiten, 385 Abbildungen, Schimer/ Mosel Verlag,

Kiri Te Kanawa – schon 70?

Zum 70. Geburtstag von Kiri Te Kanawa – „The Classic Albums“: Kiri Te Kanawa wird am 6. März 70 Jahre alt. Decca ehrt die neuseeländische Sopranistin, eine der größten Opernsängerinnen des 20. Jahrhunderts, mit der limitierten Sonderedition.

Kiri Te Kanawa vereint in ihrer Persönlichkeit seit jeher den Gegensatz von strahlendem Bühnenimage als aristokratische Heldin par excellence und „polynesischer Gelassenheit“, die böse Zungen als Phlegma bezeichnet haben. Ein wenig, so scheint es, musste man die Primadonna immer wieder zu ihrem Glück zwingen. Als Tochter eines Maori und einer Europäerin bei Adoptiveltern aufgewachsen, die ihr Talent früh förderten, richten sich die Ambitionen der hübschen jungen Sängerin zunächst auf Schlager und Musicals – weil sie leichter zu singen sind, wie sie einmal mit der ihr eigenen Nonchalance bekennt. Die Jobs als Telefonistin und Verkäuferin, mit denen sich Kiri Te Kanawa eine Zeit lang begnügt, kann sie dank finanzieller Unterstützung der Maori Trust Foundation an den Nagel hängen. Eingefädelt hatte das die Ziehmutter, um ihrer Tochter intensiveren Gesangsunterricht zu ermöglichen.

Plötzlich Sopran

Dank eines Stipendiums, das Kiri Te Kanawa nach Erfolgen bei klassischen Gesangswettbewerben in Neuseeland und Australien erhält, kann sie ab 1966 in London studieren. Der Dirigent Richard Bonygne konfrontiert sie dort erstmals mit der Tatsache, sie sei nicht der Mezzo, für den sie sich bislang gehalten hat. Vielmehr besitze sie einen wundervollen Sopran. „Um ehrlich zu sein: Das war schon eine ziemliche Überraschung”, sagt sie einmal im Interview. Es fällt ihr anfangs schwer, sich an die neuen Arbeits- und Lebensbedingungen in London zu gewöhnen. Sie gilt als unzuverlässig und häufig schlecht vorbereitet. Erst die Heirat mit einem Ingenieur im Jahr 1967 scheint ihr mehr Stabilität zu geben. Den Ruf, nicht gern neue Rollen einzustudieren, wird sie allerdings nie ganz los.

Durchbruch als Gräfin im „Figaro“

Zum ersten internationalen Triumph wird „Die Hochzeit des Figaro“ am Royal Opera House. Bei Proben zur Neuproduktion von 1971 erregt sie die Aufmerksamkeit von Colin Davis. „Ich traute meinen Ohren nicht“, erinnert sich der Dirigent. „Ich habe tausende Proben gemacht, doch ihre Stimme war so fantastisch schön, dass ich sagte: ‘Lasst sie uns noch einmal hören. Ich will sicher gehen, nicht zu träumen’“. Die Aufführung überwältigt auch Publikum und Presse. Der angesehene Musikkritiker Desmond Shaw-Taylor schwärmt in Bezug auf Kiri Te Kanawas Interpretation der Arie „Porgi amor’“ von einem „reinen, strahlenden und üppigen Klangstrom, der stets hell und sicher blieb, selbst an den Übergängen zwischen mittlerem Register und Kopfstimme, wo alle Soprane mit Ausnahme der vollendetesten schwanken.“

Sängerin der königlichen Hochzeit

„Der Frachtzug setzte sich in Bewegung und hielt nicht wieder an“, sagt sie über ihren internationalen Durchbruch. Kiri Te Kanawa erobert die großen Opernbühnen der Welt. Sie feiert große Erfolge als Marschallin im „Rosenkavalier“, Desdemona in „Otello“, Mimi in „La Bohème“, Micaela in „Carmen“ und Maria in „Westside Story“. Zu Georg Solti knüpft sie besonders enge künstlerische Bande. Sie nimmt zahlreiche Platten mit ihm auf. Er erweist ihr die Ehre, die „Vier letzten Lieder“ seines Freundes Richard Strauss mit ihr aufzunehmen. 1981 erfährt ihre bereits märchenhafte Popularität einen weiteren Schub: Sie singt auf Wunsch des Bräutigams bei der königlichen Hochzeit von Prince Charles und Diana Spencer in der St. Paul’s Cathedral. Im darauffolgenden Jahr ernennt Queen Elisabeth Kiri Te Kanawa zur Dame Commander of the Order of the British Empire.

Mozart und Strauss

„Die Musik von Mozart und Strauss scheint wie geschaffen für meine Stimme“, sagt sie über ihre beiden Lieblingskomponisten. „Beide komponieren sehr wohlwollend für Sopran, etwa wenn das Orchester hinter dir anschwillt, um sich dann sanft zu teilen und den Weg für dein Sopransolo frei zu machen. Man fühlt sich beschützt.“ Kiri Te Kanawa hat ihren lieblich hellen Sopran, der mit scheinbarer Mühelosigkeit selbst höchste Lagen erreichte, über Jahrzehnte unbeschadet gehalten. Nur selten erlag sie der Versuchung, die natürlichen Grenzen ihrer Stimme zu überschreiten. „Das Wort ‘nein’“, so meint sie, „ist ein sehr wichtiges Wort im Repertoire einer Sängerin“.

Sonderedition zum 70. Geburtstag

Anlässlich des 70. Geburtstags der größten neuseeländischen Opernsängerin veröffentlicht Decca die limitierte Edition „Kiri Te Kanawa – The Classic Albums“. Sie beinhaltet wunderbare Aufnahmen der „Vier letzten Lieder“ von Strauss und eine Auswahl von Mozart-Arien aus Opern wie „Figaro“, „Così fan tutte“, „Idomeneo“ und „Zauberflöte“. Lieder und Arien von Schubert, Mendelssohn, Liszt, Ravel, Rachmaninoff und anderen Komponisten runden diese Sonderedition (6CDs) zu Ehren einer der ganz großen Sängerinnen des 20. Jahrhunderts ab. Decca/Universal

A better world to live in

Das sprichwörtliche Veronika, der Lenz ist da ist beileibe nicht der bekannteste Titel des Walter Jurmann, dessen Biografie jetzt der Publizist und Filmproduzent Eberhard Görner vorlegt. Viele davon hat uns erst wieder Max Raabe nahe gebracht, der in seinen unnachahmlichen Moderationen auch nie den Textdichter, in vielen Fällen Fritz Rotter, unterschlug: Mein Gorilla hat‘ ne Villa im Zoo, Frauen brauchen immer einen Hausfreund, Eine kleine Reise im Frühling mit Dir usw. Das waren die Berliner Schlager der 1920 und 30er Jahre, die von den Comedian Harmonists, Richard Tauber, Hans Albers und Jan Kiepura gesungen wurden, von dem Görner die nette Anekdote berichtet, wie er vor der Berliner Staatsoper vom Dach eines Taxis aus Ninon aus dem neuen Film Ein Lied für Dich gesungen hat (was Kiepura aber gerne und regelmäßig gemacht hat).

Als einer seiner größten Erfolge, der Titelsong des Films San Francisco mit Clark Gable und Jeanne MacDonald, in Deutschland erstmals im Berliner Capitol Kino erklang, hatte Jurmann Deutschland bereits verlassen. Sein Name wurde im Abspann nicht genannt. Im Gegensatz zu Kollegen wie Benatzky oder Abraham fand sich Jurmann, nach einem relativ kurzen Aufenthalt in Paris, wo er unter dem Namen Pierre Candel schrieb und von Josephine Baker und Tino Rossi interpretiert wurde, als Vertragskünstler von MGM in Hollywood zurecht. Jetzt sangen Mario Lanza, Judy Garland und Deanna Durbin („Thank you America“ bei der dritten Amtseinsetzung von Roosevelt) seine Lieder. Görner folgt dem Weg des 1903 in Wien geborenen und 1971 während einer Urlaubsreise in Budapest, dem Geburtsort seiner Frau, gestorbenen Jurmann auf etwas sprunghafte Weise („Doch wir wollen der Zeit nicht vorauseilen…“, „Gehen wir noch einmal ein paar Jahre zurück“), der Stil ist manchmal floskelhaft – die Tasten des Flügels sind natürlich „schwarz-weiß“, Tauber war ein „begnadeter“ Tenor und Berlin ein „Mekka der Musik und des Films“ – und die ausführlich eingestreuten Ausschnitte aus Interviews mit Jurmanns Gattin Yvonne haben nicht durchweg hohen Informationswert. So glamourös dieses Musikleben zweifellos war, so seltsam glatt bleibt doch dieses Buch, das mir Jurmann nicht auf so dichte Weise vermittelt, wie es beispielsweise Henneberg in seinem Buch über Benatzky gelang, allerdings vermittelt es, und das war vielen vermutlich nicht bewusst, den durchaus internationalen Rang dieses Komponisten, der neben dem offiziellen Song San Francisco auch die Hymne der Stadt Antonio komponierte, u. a. die Musik zur Meuterei auf der Bounty und A night at the Opera schrieb, sich an einem Musical versuchte, aber bereits in den 1940er Jahren aus dem Geschäft zurückzog. Noch das späte, auf der CD als Zugabe präsentierte A Better World to Live  beweist das, was Max Raabe im Vorwort als Jurmanns Qualitäten hervorhebt: „Walter Jurmann war in der Lage, in den Ländern, in denen er lebte, für das Land typische Werke zu schaffen…. In Deutschland kennt jeder sein Lied Veronika, der Lenz ist da – in Frankreich Ninon – in den USA San Francisco. Titel die jeder kennt, auch wenn er den Namen des Komponisten nicht kennt.“

Rolf Fath

Eberhard Görner Walter Jurmann. Sein Leben, seine Musik.  288 Seiten, mit CD, Henschel Verlag, 24,95 €.

„Man muss träumen und man muss warten!“

Sie haben einmal erwähnt, dass die Entschei­dung, den Figaro einzuspielen, erst nach Jahren des Durchdenkens und Erforschens all seiner Aspekte gefallen sei. Was hat Sie dazu bewegt, sich diesem Projekt mit solcher Intensität zu widmen?

Teodor Corretzis bei der Aufnahme in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Teodor Corretzis bei der Aufnahme in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Eigentlich war es eine Figaro-Aufführung, die wir vor zehn Jahren in ei­nem Moskauer Hospiz spielten, für eine Gruppe todkranker Patienten. Sie war als eine Feier des Lebens gedacht, und ich werde nie vergessen, wie die Musik auf dieses Publikum wirkte, dem das Stück, wie ich glaube, vollkommen unbekannt war. Beim Dirigieren ging mir ständig durch den Kopf: »Stell dir vor – sterben, ohne dieses Meis­terwerk gehört zu haben.« Was aber, wenn wir alle in dieser Gefahr sind, selbst wenn wir mit dem Werk durch Aufnahmen und Aufführungen sehr vertraut sind? Was, wenn das Studium von Mozarts Partitur eigentlich etwas ganz anderes zu Tage fördert als das, womit unsere Ohren vertraut sind?

Aber es ist doch eine der bekanntesten Opern überhaupt. Es gibt unzählige Aufführungen und fast 200 Aufnahmen davon… Und so muss das auch sein, denn wir spre­chen hier von dem größten Musiker, der je ge­lebt hat. Figaro, Così und Don Giovanni stellen das Höchste dar, wozu sein Genie fähig war. Und trotzdem, ich sage es noch einmal, ist es praktisch unmöglich, diese Musik so zu hören, wie er sie niedergeschrieben hat. (…) Denn was wir zu hören gewohnt sind, wurzelt in der Operntradition des 20. Jahrhunderts, und dieser Tradition ging es um die Vereinfachung des Materials. Es wurde akzeptiert, dass die Or­chester immer lässiger mit rhythmischen und dynamischen Feinheiten umgingen. Die Solisten gewöhnten sich daran, den Notentext sozusagen annäherungsweise zu singen. Und es klingt sehr fein! Doch die Musik bleibt in der ersten Phase ihrer Erkennbarkeit stecken. Sie gelangt nicht auf jene Ebene von Präzision und Tiefe, auf der sich der volle Reichtum von Mozarts Genie offenbart. Diese Musik ist so perfekt, ob in ihrer Form, ihrer Ensembletechnik, der Harmonik, Dramatur­gie oder Orchestrierung, dass sie immer »klingt«. (…) Das ist die Falle: Mozarts Werk klingt immer groß, und deshalb ignorieren viele Interpreten die Details.

und noch einmal ein Aufnahmefoto in Perm/Anton Zavyalov/Sony

und noch einmal ein Aufnahmefoto in Perm/Anton Zavyalov/Sony

Der Gesangstechnik des 20. Jahrhunderts mit ihren mächtigen Stimmen wollte vor allem großes Klangvolumen, um die immer größeren Theater füllen zu können. Verloren ging dabei die Idee von der Stimme als einer Palette von Klangfar­ben, die es erst erlaubt, dem Publikum das Werk vollständig darzustellen. Die Fähigkeit etwa eines Sängers, selbst einfache rhythmische Figuren wie Sechzehntel, Triolen oder Punktierungen auszu­führen, galt als zweitrangig und wurde nicht mehr gründlich unterrichtet. Aber ohne diese Präzision hört das Publikum nichts als eine müde Annä­herung an das wirklich Komponierte. Die Magie geht verloren.

(…) Die Radikalität meiner Auf­nahme liegt in ihrer Präzision. Aber Präzision ist nicht Pedanterie. Im Gegenteil, sie eröffnet eine neue Welt der Freiheit und Improvisation. Nur durch strikteste Disziplin setzt man den wahren Duft dieser Musik frei, erweckt sie zu wirklichem Leben, erzeugt diese Farben, die auf der Bühne unmöglich sind. Darum haben wir so viel Zeit im Studio verbracht: Weil wir uns bis an unsere Grenzen und über sie hinaus gefordert haben, um zu einem neuen Verständnis dieses Werkes zu ge­langen. Das ist das Privileg einer kompromisslo­sen Studio-Aufnahme.

Simone Kermes singt die Contessa/Pressefoto zur Solo-CD "Belcanto"/c. Gregor-Hohenberg/Sony

Simone Kermes singt die Contessa/Pressefoto zur Solo-CD „Belcanto“/c. Gregor-Hohenberg/Sony

Sie hätten sich vielen anderen zentralen Meis­terwerken der Musikgeschichte auf dieselbe Wei­se nähern können. Warum Figaro? Weil Mozart für mich von allen Komponisten der modernste ist und sein Figaro uns auf einzig­artige Weise die mögliche Rolle der Oper in unse­rem heutigen Leben begreiflich machen kann. Ich glaube, dass diese Einzigartigkeit zwei Fun­damente hat: einen revolutionären Geist und tiefe Spiritualität. Einerseits war die Oper nur den höchsten Schichten der Gesellschaft zugänglich. Anderer­seits unterwanderte die Handlung des Figaro die Konventionen des Genres, weil sie völlig inakzep­tabel war für diese Schichten, die in Heuchelei lebten. In der Zeit, als Figaro entstand, wurden revolutionäre Ideen in Europa zum integralen Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, erzeugten vage Träume von einer neuen Renaissance des Lebens und der Kunst. So ist Mozarts Musik einerseits perfekt und von dersel­ben großen Symmetrie erfüllt wie ein prächtiges Schloss im klassizistischen Stil. Gleichzeitig aber ist sie so revolutionär, dass sich an den Wänden der Raffinesse und des Moralismus Risse und Schäden zeigen. Dieser zerstörerischen Kraft, die­sem Protest der Autoren verdankt das Werk seine ewige Relevanz.

Le nozze di Figaro enthält viele Skandale und Provokationen: Die heuchlerische Falschheit des Grafen, der öffentlich dem feudalen »ius primae noctis« entsagt, es aber bei Susanna ganz unver­hohlen einfordert; das schockierende Durchein­ander, das schließlich dazu führt, dass sich eine Gräfin und ihre Zofe nicht mehr voneinander un­terscheiden lassen; die Intrige von Marcellina, die auf der Begleichung einer Schuld oder der Hei­rat besteht. All das sind Situationen, die im 18. Jahrhundert sehr wahrscheinlich an der Tages­ordnung, nie aber so deutlich dargestellt worden waren – am allerwenigsten auf der Bühne eines Hoftheaters.

Teodor Corretzis/Robert Kittel/Sony

Teodor Corretzis/Robert Kittel/Sony

Der Notentext selbst bietet viele provokante Momente. Die erste Provokation passiert bereits in den allerersten Takten der Ouvertüre. Wer im­mer sie hört, ist absolut sicher, dass diese erste Phrase aus einer klassisch-symmetrischen Perio­de von acht Takten besteht, doch in Wirklichkeit sind es nur sieben. Nach nur sieben Takten be­kommen wir zu spüren, wie Mozart sein Publi­kum erstaunen will, wie er alles um sich herum mit seinem Humor, seinem Zynismus und seiner Beseeltheit durchdringt.

Die Spiritualität durchzieht die gesamte Oper. Ohne dass sie in der Handlung offen dargestellt würde, ist sie ständig präsent. Mozart ist ein wah­rer Alchimist, ein Mensch, der in einem gewöhn­lichen Stein das Juwel sieht, das anderen Men­schen verborgen bleibt, und der das eine in das andere verwandeln kann. Seine Betrachtungswei­se geht viel weiter als alles, was wir uns auf der Basis des Librettos oder der konkreten Entste­hungszeit der Oper vorzustellen vermögen.

Im Verlauf der Oper begegnen wir sämtlichen Typen und Phasen der menschlichen Entwick­lung. Mozart untersucht unsere einfachen Le­bensgeschichten durch seine Figuren, die allesamt in ihre unentwirrbaren, durch Vernunft nicht zu lösenden Situationen verwickelt sind. In der an­tiken Tragödie, wenn die Menschen die Verwick­lungen ihrer eigenen Schicksale nicht aufzulösen vermochten, erschien manchmal ein deus ex machina, um ihren Dramen die entscheidende Wen­dung zu geben. Mozart aber lässt keine Gottheit eingreifen, sondern wird stattdessen selbst zum Gefäß einer göttlichen Harmonie. (…) Mozart braucht keinen deus ex machina. Er fordert die Menschen einfach auf zu schwei­gen, damit sie die Stimme der göttlichen Harmo­nie hören können. Sie ist immer da, mitten im Gebrüll und Geheul der Welt, und sie kann die Hölle des menschlichen Daseins in ein Paradies verwandeln. Diese Musik zeigt uns den Weg zur Wahrheit, und zugleich sagt sie uns, was wir alles loslassen müssen, um ans Ziel zu gelangen. Wir ahnen, dass sie recht hat, und wir ahnen, wie hart es sein wird, ihr zu folgen. (…)

Szene aus "Cosi fan tutte" am Opernhaus Perm unter Teodor Corretzis/Anton Zavaylos/Opernhaus Perm

Szene aus „Così fan tutte“ am Opernhaus Perm unter Teodor Corretzis/Anton Zavyalos/Opernhaus Perm

Die Klanglandschaft, in der diese Aufnahme das zum Ausdruck bringt, wird vielen Hörern sehr ungewöhnlich erscheinen. Besonders radikal ist wohl der Gesangsstil, den Sie mit den Sängern für diese Wiedergabe entwickelt haben – zum Beispiel im extrem sparsamen Gebrauch des Vibrato. Ich wollte eine Opernaufnahme machen, in der so wenig »opernhaft« gesungen wird wie nie zuvor. Es ging mir um einen Gesang von größter Intimität, der von Herzen kommt und direkt zu Herzen geht. Zum Vibrato: Jeder Ton hat sein natürliches, für ihn richtiges Vibrato. Die wahre sängerische Kunst besteht darin, dieses zu erkennen und zu unterstützen. Das Nonstop-Vibrato des 20. Jahrhunderts zerstört nur die Rein­heit der Intonation und macht den Klang sowohl schwerer als auch schwächer. Und ich vermute, dass unsere Verzierungen für heutige Ohren das größte Überraschungselement sein werden. Man bekommt sie eben in der Re­gel gar nicht zu hören. Weil diese Ornamente in der Partitur nicht niedergeschrieben sind, wis­sen heute viele Interpreten nicht, was sie zu tun haben, und verzichten oft einfach darauf. Dabei wissen wir sehr genau, dass von den Sängern der Mozart-Zeit kunstvolle abbellimenti erwartet wurden und eine Aufführung ohne sie einfach inakzeptabel gewesen wäre. Solche Darbietungen können merkwürdig leer und mitunter sogar kalt klingen, denn wenn Mozart seine Noten schrieb, setzte er die spätere Ornamentierung voraus. Können wir uns ein Violinkonzert vorstellen, in dem keine Kadenz gespielt würde, nur weil der Komponist keine geliefert hat? Aber wir haben auch genügend Zeugnisse über damalige Sänger, deren Wahl bei Verzierungen von Zeitgenossen als geschmacklos kritisiert wurde. Wie finden wir also einen Stil, der dem entspricht, was Mozart hätte hören wollen?

Die Wahl der Ornamente, die Sie hier hören, basiert auf musikalischem Material, das in den 1770er- und 1780er-Jahren entstanden ist. Man­ches hat Mozart selbst für vokale oder instru­mentale Stücke geschrieben, einiges stammt von Musikern, die mit ihm spielten oder arbeiteten, einiges von anderen Zeitgenossen. Den Rest habe ich selbst auf der Grundlage dieser historischen Materialien geschrieben. Die Quellen stehen je­dermann zur Verfügung. Die Frage ist nur, wie man sie auf kreative Weise verwendet. (…) Ich halte die ganzen Diskussionen über die historische Authentizität musikalischer Darbietungen für sinnlos. Wir können die his­torische Wahrheit der Klänge, die Mozart hörte, ebenso wenig kennen wie wir seine Haut berüh­ren können. MusicAeterna sucht die Instrumen­te dem jeweiligen Repertoire entsprechend aus. Bei Mozart verwenden wir Originalinstrumente oder moderne Kopien solcher Instrumente. Also Darmsaiten, barocke Bögen, Naturhörner, his­torische Holzblasinstrumente, barocke Pauken, ein Hammerklavier und so weiter und so fort. Ich verwende diese Instrumente nicht, weil ich glaube, dass sie mich einer historischen Wahrheit näher brächten, sondern weil sie mir die Leben­digkeit, die Reaktionsschnelligkeit, den straffen, festen, scharf definierten Klang liefern, der den ganzen Reiz dieser Musik ausdrückt. Ich verwen­de sie, weil sie besser klingen. Wäre ich der Mei­nung, diese Musik klingt besser auf elektrischen Gitarren, würde ich sie auf elektrischen Gitarren spielen.  (…)

figaro sonyWenn ich mir den idealen Orchesterklang vorstelle, träume ich von einem Orchester vom An­fang des 18. Jahrhunderts, das aber schon vertraut ist mit dem Stil und den Instrumenten der Klassik und den Aufführungen von Mozarts Musik, der ein halbes Jahrhundert später komponierte. Ich halte unsere Art, Mozarts Werke zu interpretie­ren, nicht deshalb für progressiv, weil sie in die Zukunft blickt, sondern weil sie in die Zeit vor Mozart zurückschaut, in welcher er selbst seine Anregungen fand. Ob es uns gefällt oder nicht – wir erleben Mozarts Musik durch das Prisma der Post-Romantik und ihres Moralisierens. Wenn wir also einige Elemente benutzen, die schon aus der Mode gekommen waren, als Mozart dieses Werk schrieb, dann wird deswegen daraus kei­ne Barockmusik, sondern sie tragen dazu bei, in Köpfen des 21. Jahrhunderts eine gewisse Balance /wischen Vergangenheit und Zukunft wiederher­zustellen.

Eines der sofort bemerkbaren Kennzeichen dieser Aufnahme sind die auffallend scharfen dy­namischen Kontraste. Erwarten Sie Kritik wegen übertriebener Effekthascherei? Die ganze Vorstellung, die wir heute von Dy­namik haben, entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und es wurde seither immer schlimmer – fast so, als wollte man vor zuviel Emotion davonlaufen. Die 1980er-Jahre mit ih­rem »objektiven Klang« – diese unausgesproche­ne Idee von der Klassik als einer sicheren Zone, wo alles hübsch ist und angenehm und nichts wehtut… Aber klassische Musik ist extrem. Ihr Geist ist viel wilder und rücksichtsloser, als wir das im 20. Jahrhundert zu würdigen gelernt ha­ben. (…) Mein dynamischer Ansatz besteht also darin, das 20. Jahrhundert abzuschütteln und starke, li­neare Kontraste zu erzeugen. Ich bin sicher, dass sich einige Menschen darüber wundern werden, weil sie an die moderate Dynamik gewöhnt sind, in der forte oft ein bisschen zu leise genommen wird und piano ein bisschen zu laut. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass es alleine von forte bis piano vier Hauptstufen gibt (forte, mezzoforte, mezzopiano, piano), die ihrerseits wieder eigene Abstufungen haben. Bei unserer Arbeit wurde die größtmögliche Sorgfalt auf diese Nuancen ver­wandt, um sie von Vokalensemble und Orchester in absoluter Synchronizität hören zu können.

Blickl inden Zuschauersaal der Permer Staatsopr mit Ballett/Tschaikowsky-Staatsoper Perm

Blick in den Zuschauersaal der Permer Staatsopr mit Ballett/Tschaikowsky-Staatsoper Perm

Für uns war dieses Projekt sehr wichtig, so schwierig und schmerzhaft es auch war. Es gibt so viele Aufnahmen, die den allgemeinen Geist von Mozarts Musik vermitteln. Eine neue Einspielung hat nur dann Sinn, wenn man dem Publikum damit die Möglichkeit gibt, die ganze Magie zu erfahren, die in dieser Partitur steckt. Ich habe diese Aufnahme gemacht, weil ich zeigen wollte, was möglich ist, wenn man die Fabrikmentalität des Klassik-Mainstreams meidet. Mein Credo ist, dass jede Aufführung, die man gestaltet, wie eine Schwangerschaft sein muss. Man muss träumen und man muss warten. Bis die Zeit gekommen ist, in der man das Wunder geschehen sieht. Wer nicht so in der Musik lebt, der verfehlt ihre zent­rale Idee. Musik ist kein Beruf, und es geht darin nicht um Reproduktion. Musik ist eine Mission.

Das Gespräch führte Marc de Mauny, Direktor der Tschaikowsky-Staatsoper, Perm, und wir entnahmen es mit sehr starken Kürzungen der außerordentlich üppigen Beilage zur neuen Aufnahme bei Sony (mit Simone Kermes, Andrei Bondarenko, Fanie Antenetou, Christian van Horn, Mary-Ellen Nesi, Maria Forsström, Nikolai Loskutin u. a.; MusicAeterna und Orchester/Chor des Opernhauses Perm; Dirigent – Teodor Curretzis), wo bereits in diesem Jahr Così fan tutte und im nächsten Don Giovanni folgen werden. Eine Rezension der neuen Einspielung nimmt der Kollege Peter Sommeregger in diesen Seiten vor. Redaktion G. H.

Spritziges Jugendwerk

Nur neunzehn Jahre alt war Georges Bizet bei der Uraufführung seines Opernerstlings Le Docteur Miracle. Den Text lieferte Ludovic Halévy, der spätere Carmen-Librettist: Ein Offizier verliebt sich in die Tochter eines Bürgermeisters, der gegen alles Militärische ist. Deshalb gibt er sich erst als Koch aus, serviert dem Schwiegervater in spe ein verdorbenes Omelette, um ihn dann in zweiter Verkleidung als Doktor Mirakel von der angeblichen Vergiftung zu heilen. Natürlich nur unter dem Versprechen, bei Genesung die Hand der Angebeteten zu erhalten. Bei dieser Nonsense-Komödie von Oper zu sprechen ist ein bischen hochgestochen, zumal der junge Komponist den Einakter bei einem von Jacques Offenbach ausgeschriebenen Operettenwettbewerb einreichte. Bizet gewann ihn, musste sich den Preis aber mit Charles Lecocq teilen. Der blieb später bei der leichten Muse und wurde ein Meister in diesem Genre, während Bizets Weg dagegen bekanntermaßen zum großen Bühnendrama führte. Davon ist Le Docteur Miracle noch weit entfernt. Nur acht Musikstücke, einschließlich der Ouvertüre enthält die Partitur. Das Vorspiel schnurrt wie ein Spielwerk im Geiste italienischer Buffokomponisten ab und beim ersten spritzigen Ensemble – es sind insgesamt je zwei Trios und Quartette – gibt es die typischen crescendo-Steigerungen à la Rossini. Vorwiegend aber ist die Musik lyrisch grundiert, in Laurettes zärtlicher Romanze, dem charmanten Bewerbungscouplet Pasquins, dem innigen Liebesduett, aber auch in dem köstlichen Omelette-Quartett, einem kleinen Kabinettstück an subtilem Humor. Was aber den besonderen Reiz des Stücks ausmacht, ist die quirlige, delikate Instrumentierung. Dass sie gebührend zur Geltung kommt, liegt daran, mit welchem Feinschliff das Orchestre Lyrique de Region Avignon Provence unter der animierenden Leitung von Samuel Jean die Orchesterbegleitung spielt: duftig, dynamisch sublim ausbalanciert, federnd und manche Passage wie hingetupft. Die vier Solisten stehen dem nicht nach und geben ein wunderbar miteinander harmonisierendes Ensemble ab, das auch die mitunter etwas langen Dialoge so lebendig gestaltet, dass keine Langeweile aufkommt. Der Drahtzieher alias Jérôme Billy, der in gleich zwei Verkleidungen darstellerische Wandlungsfähigkeit beweisen muss, singt sich mit weichem, distinguiertem Tenor in das Herz von Laurette. Diese ist bei Marie-Bénédicte Souquet mit mädchenhaft anmutigem wie agilem Sopran bestens aufgehoben. Isabelle Druet steuert mit sattem Mezzosopran die mütterliche Farbe bei. Pierre-Yves Pruvot ist ein mit knurrigem Bass wetternder markiger Bürgermeister. Eine ausgesprochen hübsche Aufnahme, die dazu mit einem informativen Booklet ausgestattet ist. Und die die alte ORTF-Aufnahme mit der Mesplé mehr als ablöst. Wie wäre es nun mit einer Einspielung der Lecocq- Version zum Vergleich?

Karin Coper

Georges Bizet: Le Docteur Miracle mit Marie-Bénédicte Souquet (Laurette), Isabelle Druet (Véronique), Jérôme Billy (Silvio/Pasquin/ Docteur Miracle ), Pierre- Yves Pruvot  (Le Podestat); Orchestre Lyrique de Region Avignon Provence, Leitung: Samuel Jean; timpani  1C1204

Martin Redlinger: „Kultur ist für alle da!“

Mit 18 gehörte Martin Redlinger zum Bundesliga-Kader des Handballvereins Frisch Auf Göppingen (Baden-Württemberg) und studierte nach dem Abitur Sport, Musik und  Kulturmanagement. Seit 2002 ist er Direktor für Marketing und Vertrieb im Konzerthaus Berlin. Hanns-Horst Bauer unterhielt sich mit ihm über Sport, Kultur und Leidenschaften.

Sie waren bereits vor Ihrem Abitur im Bundesliga-Kader von Frisch Auf. Hand aufs Herz, für welche Mannschaft schlägt es, wenn heute die Berliner „Füchse“ auf Ihre frühere Mannschaft treffen? Das war anfangs ganz schwierig für mich. Mittlerweile bin ich allerdings, da ich kaum mehr Kontakt zu meiner früheren Heimat habe, eher auf der Seite der Füchse. Mit denen hatten wir sogar im Konzerthaus  eine Zusammenarbeit beim spektakulären „Beethoven-Marathon“. Wenn man in Göppingen aufwächst, kommt man, das war zumindest in meiner Kindheit so, als junger Bub am Handball gar nicht vorbei. Und man möchte dann natürlich am liebsten gleich bei Frisch Auf mitspielen. Das hat bei mir auch tatsächlich geklappt. Das war schon irre damals: Auswärtsspiel in Kiel und am nächsten Tag zurück auf die Schulbank. Und am Abend vielleicht noch ein Auftritt mit einer Rock- und Jazzformation, denn neben dem Handball war Musik meine zweite große Leidenschaft, zunächst klassisch verwirklicht auf dem Klavier, später jazzig mit dem Saxophon.

Nach dem Abschluss Ihrer Handball-Karriere haben Sie in einem achtmonatigen Crashkurs Querflöte gelernt und auch studiert. Mit einem äußerst erfolgreichen Abschluss wurden Sie als Querflötenlehrer an der Musikschule in Heidelberg eingestellt. Warum haben Sie diesen festen sicheren Job aufgegeben und noch mal was ganz Neues ausprobiert? Ende der 80er Jahre kam plötzlich das Berufsbild des Kulturmanagers auf, anfangs heftig und äußerst kontrovers diskutiert. Da hat man sich schon über die Wortkombination zerstritten. So etwas ging eigentlich gar nicht. Aber gerade das hat mich gereizt. Und so wurde ich als einer ersten Kulturmanager auf den Markt gespült. Das war für mich eine Bomben-Chance. Mich hat an diesen neuen Berufsbild gereizt, klassische Musik so lebendig vermitteln zu können, dass sie auch Spaß macht, das hat mich gereizt. Leute in den Konzertsaal zu holen, die dieser Musik sonst eher skeptisch gegenüberstehen, das habe ich als lohnende Aufgabe gesehen. Leidenschaft für die Musik zu wecken, wie ich sie immer noch empfinde.

Ich möchte in erster Linie Brücken bauen und versuchen, Leute zum Konzertbesuch zu verführen. Wir müssen heute, vor allem auf einem so heiß umkämpften Markt wie Berlin, das Freizeit-Budget der Leute ins Kalkül ziehen. Da müssen sich Programm-Macher, Orchester, Marketing-Abteilung und natürlich Chefdirigent Iván Fischer gemeinsam positionieren und Ideen entwickeln, wie man sich, durchaus auch auf emotionaler Ebene, präsentieren will. Dabei sprechen wir die potentiellen Besucher möglichst direkt an, nehmen sie ernst und involvieren sie so, dass sie sich mit unserem Angebot identifizieren können. Und nicht nur die jungen Leute: Auch, aber nicht nur. „Nachwuchs“, dem wir klassische Musik schmackhaft machen wollen, sind für uns durchaus auch 40- oder 50-Jährige.

Sie waren damals der erste „Wessi“ an dem ehemaligen Ost-Vorzeige-Haus. Wie sind Sie dort empfangen worden? Die Aufnahme war sehr nett. Man hatte im Konzerthaus lange auf die Besetzung der Position warten müssen, denn es galt ja eigentlich ein totaler Einstellungsstopp. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Irgendwie fühlte ich mich wie so eine Art Zaubermaus, die alle Probleme gleichzeitig lösen sollte: Der Kartenverkauf war eingebrochen angesichts sehr anspruchsvoller Programme und schlechter Kommunikation, die Abos bröckelten, das Ticketing erfolgte „aus dem Schrank“ statt computergestützt. Es gab keine Dienstleistungsmentalität, denn zu DDR- Zeiten war immer alles ausverkauft – zielgruppenorientiertes Marketing war damals gar nicht nötig. In der vom Westen geprägten Presse war man eigentlich gar nicht auf der Landkarte, und zudem hatte der damalige Intendant – in der Sache ganz richtig, aber ohne strategischen Vorlauf – das Haus von Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Konzerthaus Berlin umbenannt.  Und natürlich war man latent unterfinanziert und brauchte dringend Sponsoren.

Mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie kämpfen? Mein Team setzte sich ausschließlich aus „Ossis“ zusammen, war im Vergleich zu alten Zeiten um über die Hälfte reduziert, wo man doch eigentlich mehr als das Doppelte zu tun hatte. Mein auf Beteiligung ausgelegter Führungsstil kam erst gar nicht an, denn den Leuten fehlte die Motivation fürs Übernehmen von Verantwortung. Gelernt war ein enormes Obrigkeitsdenken. Die Angst, Fehler zu machen, überwog. Man hatte immer einen Notfallplan in der Schublade, so dass man – falls etwas schief ging – es selbst nie gewesen sein konnte. Es dauerte eine Weile, ehe sich die ersten Mitarbeiter zeigten und Lust bekamen, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Und plötzlich ging es voran: Computergestütztes Ticketing als eines der ersten Häuser in Berlin, Auslastungssteigerung von 24 Prozent nach meinem ersten Jahr. Es gelang uns allmählich, das Haus als das mit der interessantesten Programmatik im deutschsprachigen Raum zu platzieren. Wir konnten wichtige Sponsoren gewinnen, und dank eines Agentur-Sponsoring erarbeiteten wir uns auch endlich eine klares Markenbild: Heute sind wir  nur noch das Konzerthaus Berlin, unser Orchester ist das Konzerthausorchester. Unser Publikum kommt gleichermaßen aus allen Bezirken: Wir sind wirklich Berlins klassische Mitte.

In Berlin gibt es sieben subventionierte große Orchester, darunter auch die omnipräsenten Berliner Philharmoniker. Wie hart empfinden Sie den Konkurrenzkampf? Die einzelnen Orchester sind sich bewusst, dass sie den Markt mit unterschiedlichen Konzepten und Programmangeboten bedienen müssen. Die medial weltweit aufgestellten Berliner Philharmoniker sind zum Beispiel ein Orchester mit einem Haus, der Philharmonie, wir sind umgekehrt eher ein Haus mit Orchester, dem Konzerthausorchester Berlin. Wir veranstalten als Konzerthaus nicht nur Konzerte mit unserem Orchester, sondern wir haben zusätzlich 250 Veranstaltungen, die wir in programmatische Linien bringen. So können wir einer Saison auch ein besonderes Gesicht verleihen. Unser Credo ist: Komm in dieses tolle Haus, lass dich mitreißen von unserem Programm! Beispielsweise mit nachmittäglichen Espresso-Konzerten an Überraschungsorten oder Mozart-Matinéen unter dem Motto „Frühstück mit Wolfgang“ inklusive Croissants und Kinderbetreuung. Von der Nachfrage nach diesen Angeboten sind wir fast erschlagen worden. Die größte Belohnung ist für mich, und da kommt der Musiker in mir durch, dass ich unendlich viele Möglichkeiten habe, tolle Konzerte zu hören. Wichtig ist, dass Kultur nicht im Elfenbeinturm produziert wird, dass sie nicht abgehoben elitär, sondern ganz einfach  für alle da ist.

Biographie: Martin Redlinger wurde 1959 in Göppingen (Baden-Württemberg) geboren. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielte er Klavier, später auch noch Saxophon und war Mitglied diverser Rock- und Jazzformationen. Gerade 18 Jahre alt, hatte er parallel zum Abitur seine erste Profi-Saison im Bundesliga-Kader von Frisch Auf Göppingen. Mit der Aufnahme seines Sport- und Geographiestudiums an der Technischen Universität Karlsruhe wechselte er ins Bundesligateam vom TSV Karlsruhe-Rintheim.1980 brach er seine Handball-Karriere ab, nahm acht Monate lang Querflötenunterricht und studierte das Instrument an der Musikhochschule Karlsruhe. Nach dem Diplomabschluss als Querflötist 1986 absolvierte er in Genf bei Maxence Larrieu ein zweijähriges Aufbaustudium zum Konzertexamen. Parallel dazu gab er Solo- und Kammermusikkonzerte und übernahm schließlich in Heidelberg  eine feste Stelle als Querflötenlehrer. An der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg begann Martin Redlinger 1989 ein Kulturmanagement-Studium und wurde 1992 einer der ersten Diplom-Kulturmanager Deutschlands. Nach diversen Projektleitungen in Bremen, Frankfurt und Berlin startete er 1994 als erster „Wessi“ im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt seine Arbeit als Pressereferent und war verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Sponsoring und Vertrieb. Seit 2002 ist er Direktor für Marketing und Vertrieb des Konzerthaus Berlin. hhb       

Martin Redlinger 01                          

Alle Fotos © Hanns-Horst Bauer

Aus Wiener Schatztruhen

Aus den Archiven des Österreichischen Rundfunks stammen die interessanten Neuigkeiten von Walhall und Myto. Alle sind erstmals auf CD erhältlich und meist in sehr guter Klangqualität. Die größte Rarität der Novitäten stellt Der Musikant  von Julius Bittner (1874-1939) aus dem Jahr 1910 dar, ein volkstümliches Drama mit spätromantischem Touch um einen fahrenden Musiker und seine Leidenschaft zu der koketten Sängerin Violetta. Karl Schmitt-Walter und der emphatische Günther Treptow sind die prominentesten Mitwirkenden innerhalb eines durchweg stimmigen Ensembles, das von Felix Prohaska souverän durch den üppigen Melodienstrom geleitet wird. Im leidenschaftlichen finalen Liebesduett hat die mir völlig unbekannte Friedl Rieger als verkörperte Unschuld ihre große Stunde – ein ganz klarer, in der Höhe aufblühender Sopran. Die Krone aber gebührt Ester Rethy, bei deren sinnlicher Stimme und Ausstrahlung es verständlich wird, dass die Männer von ihr betört sind. (Myto 00332, 2 CD)

walhall waltershausenDie einstige Erfolgsoper Oberst Chabert von Hermann Wolfgang von Waltershausen (1882-1954), die 2010 an der Deutschen Oper Berlin mit Begeisterung aus dem Dornröschenschlaf erweckt und von cpo aufgezeichnet wurde, ist jetzt auch in einer Rundfunkaufnahme aus dem Jahr 1956 zu haben. Als gestandener Mahler- und Brucknerdirigent ist F. Charles Adler bei der Orchesterüppigkeit von Waltershausen ganz in seinem Metier. Mit Otto Wiener und Gertraud Hopf, in Graz die Heroine vieler dramatischer Rollen, ist das tragische Paar imponierend besetzt: beide stimmlich aus dem Vollen schöpfend und dabei von einer optimalen Wortverständlichkeit – ein Vorzug auch aller anderen hier besprochenen Aufnahmen. Der verzweifelte Ehemann Ferraud erhält durch die vokale Intensität des großen Julius Patzak besonderes Gewicht. Attraktiv ist der Bonus mit Auszügen aus Waltershausens Mitte der 30er Jahre entstandener, szenisch nie gespielter komischen Oper Die Gräfin von Tolosa. Sie haben mitreißenden Schwung, gepaart mit spanischem Kolorit. Ursula Rhein, zwischen 1965 und 1976 Ensemblemitglied in Mannheim und Nürnberg, und der stürmische Tenor Josef Jamitzky sind die Protagonisten der konzertanten Uraufführung 1958 beim Bayerischen Rundfunk. (Walhall, WLCD 0379 CD)

walhall welleszGroßes Format hat die Aufnahme von Egon Wellesz’ (1885-1974) aus dem Jahr 1931 stammenden Antikenoper Die Bakchantinnen, die den Zuhörer in einen packenden, atemlos machenden Dauerrausch versetzt. Die Partie der Agave ist eine Tour de force, also genau das Richtige für Christel Goltz, die sich auch in diese Figur mit der ihr eigenen Glut und Schonungslosigkeit wirft. Aber auch die anderen Rollen haben es in sich. Paul Schöffler, bei der Aufnahme 1960 immerhin schon über 60 Jahre alt, gibt mit fast ungebrochener Stimmkraft eine imponierende Vorstellung des rächenden Dionysos. Dazu gesellen sich solch Kapazitäten wie der persönlichkeitsstarke markante Tenor Fritz Uhl und der hoheitsvolle Kurt Böhme. Eine besondere Aufgabe kommt dem bis in die Extreme geforderten Chor zu, die der Chor des ORF brillant meistert. Miltiadis Caridis gelingt eine bei der Komplexität der Partitur bemerkenswert transparente Wiedergabe. Der Bonus enthält zwei Wagner-Monologe und deutsche Lieder, gesungen von Paul Schöffler. (Myto 00331, 2 CD)

polifemo walhall Ins Barock führt die 1944 von der österreichischen RAVAG produzierte Rundfunkaufnahme von Giovanni Bononcinis PolifemoUm historische Aufführungspraxis, wie es heute gang und gebe ist, kümmern sich Max Schönherr und das Ensemble noch nicht. Hier wird romantisch breit musiziert und große Oper vorgeführt. Aber was macht das angesichts der prallen Sangeskünste. Da ist vor allem die edle Baritonkultur von Alfred Poell als Glaucus und die suggestive Bassschwärze von Herbert Alsen als Riese Polifemo. Und natürlich Anton Dermota, der für den Acis mit seinem wunderbaren lyrischen, geschmackvoll phrasierenden Tenor eine Luxusbesetzung ist. Die Damen schwanken zwischen warmem, beseeltem Gesang  (Jetty Topitz-Feiler als Galathea), expressivem Ausdruck (Emmy Funk als Circe) und Soubrettenleichtgewichtigkeit (Fritzi Margaritella – welch Name! – als Silla und Maria Kytka als Venus) (Walhall, WLCD 0381).

walhall lortzingAls nette, bisweilen etwas biedere Komödie präsentiert sich Albert Lortzings Einakter Die Opernprobe in dem von Kurt Richter einfühlsam dirigierten Mitschnitt von 1953. Als Kammermädchen Hannchen singt sich Dorothea Siebert, die in Bayreuth immerhin 17 Jahre lang ein Blumenmädchen vom Dienst war, mit frischem, hübschem Sopran in den Vordergrund. An ihrer Seite lernt man den vortrefflichen Buffo Franz Fuchs kennen. Rudolf Christ umwirbt mit charmantem Tenor die musikalisch kaum bedachte Louise von Edith Kermer. (Myto, 00333)

walhall verdiMusikdramatik pur ist bei der von Argeo Quadri 1960 kompetent geleiteten Wiener Rundfunkaufnahme von Verdis Macbeth zu erleben. Christel Goltz verspritzt als Lady Gift und Galle, zwar nicht mit italienischem Klang, aber mit vollstem Einsatz und umwerfender Präsenz. Als Macbeth lässt Hans Braun einen virilen Bariton deutscher Schule hören und kann sich mit gestalterischer Ausdruckskraft gegenüber seiner Gattin durchaus behaupten. Anton Dermota singt in schönster Belcanto-Manier die Macduff-Arie und das sich anschließende Duett mit Malcolm, Walter Kreppel einen erzenen Banquo. (Walhall, WLCD 0380, 2 CD)

 Karin Coper

 

 

Domenico Barbaja: Bel Canto Bully

Bel Canto Bully, the life and times of the legendary opera impresario Domenico Barbaja is a surprising book in many ways.  First of all, it was surprising to me that no biography of Barbaja existed before Eisenbeiss published his work.  Barbaja was probably the most influential opera impresario of the nineteenth century, and no one who delves into the operas of the primo ottocento, especially works of Donizetti, Bellini and in particular Rossini, will get far before encountering his name.  His importance in bringing the work of these and other composers to birth is hard to overestimate.  Barbaja’s rise from a peasant farm background through work as a coffee house waiter to a wealthy impresario familiar with royalty and the principal singers and composers of the day is in itself an extremely surprising story, a sort of rough-hewn Cinderella tale in its own right.

Philip Eisenbeiss has been living in Hong Kong for the past 20 years, where he has been working as a banker and financial headhunter. After extended training as an opera singer, he started his career in journalism.(Haus Publishers)

Philip Eisenbeiss has been living in Hong Kong for the past 20 years, where he has been working as a banker and financial headhunter. After extended training as an opera singer, he started his career in journalism.(Haus Publishing)

Another surprise is that a work of such importance as this musical/business biography would be undertaken not by a professional musicologist or historian, but by a banker and “financial headhunter” who lives in Hong Kong, far from the venues of Barbaja’s triumphs in Italy and Austria.  But then, perhaps Eisenbeiss’ background as a thwarted opera singer, a journalist, and a business man make a perfect background for writing about a figure who was, first and foremost, a business man and not a musician, although one whose business was music.

Maybe the reason that no one has previously undertaken a biography of Barbaja is the impossibility of obtaining primary source material from the man himself.  Barbaja was born of itinerant farmers in a small town near Milan in 1777 (or 1775 or 1778–the exact date is open to question), and he left school at an early age to work in the popular coffee houses of Milan.  He apparently never learned proper Italian and throughout his life conversed in the Milanese dialect, which like the Neapolitan of his adopted city, is almost a language unto itself.  Thus Barbaja was uncomfortable with the written language and wrote as little as possible, leaving us guessing a lot about his ideas and beliefs.  This is in contrast to Rossini (or Bellini, Donizetti or Pacini) who were copious letter writers, and whose surviving letters, documents and memoirs give us sufficient source material to create convincing portraits of them.

Das Teatro San Carlo in Neapel - Zuschauerraum/OBA

Das Teatro San Carlo in Neapel – Zuschauerraum/OBA

Most of what we know about Barbaja, however, comes from what others said about him, which was not always complimentary.  As Eisenbeiss points out, Barbaja was a hard task master (although calling him a “bully” in the title may be going too far).  As impresario of the Teatro San Carlo in Naples, Barbaja seemingly had an unerring ability to spot great talent in both composers and singers while it was still nascent, and to lock young artists into favorable contracts before they became famous.  This ability allowed him to make Naples’ San Carlo the greatest opera house in Europe with the willing support of the Bourbon kings of Naples and with his own great wealth, much of it acquired from his cut of the gambling revenues taken from the gaming in the foyers of the theater.  It also created enmity from singers and composers who, once famous, found themselves locked into contracts they had outgrown.  And Barbaja loved litigation.

Giacchino Rossini/OBA

Giacchino Rossini/OBA

 

As a young man in Milan, two centuries before Starbucks, Barbaja had invented a coffee drink that combined chocolate, coffee and whipped cream and made him locally famous.  (That drink, called a barbagliata, is today commemorated in a tasty gelato that one can purchase in the intervals of operas across the square from the Teatro Rossini in Pesaro.)  From there he parlayed a small fortune made in arms dealing during the Napoleonic period into his work as an opera impresario and gambling executive.  In short, Barbaja was a consummate business man, able to accumulate money, and lots of it, in whatever enterprise he chose.

Naxos hat - apropos "Bel Canto Bully" - eine Zusammenstellung mit Musik aus dem, für dem für Barbaja geschriebenen Repertoire herausgegeben

Naxos hat – apropos „Bel Canto Bully“ – eine Zusammenstellung mit Musik aus dem für Barbaja geschriebenen Repertoire herausgegeben

Being an opera impresario was a risky business in nineteenth century Italy, and many an impresario went bust trying bring order out of chaos, but not Barbaja.  Eisenbeiss aptly compares him to a movie mogul of Hollywood in the 1920’s or 1930’s.  Barbaja practically created the star system long before Samuel Goldwyn, and he had a “stable” of operatic stars that made “his” house, the San Carlo, the toast of Europe.  But he was also canny in loaning out his stars to other houses and impresarios.  He built an empire that eventually included the Kärntnetortheater in Vienna and La Scala in Milan.  At his height, he was running three of the most important opera houses in Europe, and leasing his stars to Paris, London and other centers.  And aside from the Italian composers whose work we associate with him, he also championed the work of Carl Maria von Weber, and was responsible for the premiere of that composer’s Euryanthe in Vienna in 1823.

Star am San Carlo und Streitobjekt: Isabella Colbran/OBA

Star am San Carlo und Streitobjekt: Isabella Colbran als Desdemona/OBA

Barbaja had a palazzo on the Via Toledo in Naples (still the principal street there) close to the San Carlo and the royal palace, where he housed many a composer and singer on contract to him–the free room and board was an inducement along with what could be a fairly meagre salary.  There was another palatial house in the Mergellina District on the Bay of Naples and a summer house on the island of Ischia.  He was such a man of substance that it was assumed in 1816, when the San Carlo burned to the ground, that Barbaja was worth more than the King.  At any rate he promised the King to rebuild the opera house, and he did, in just nine months, an extraordinary feat.  Barbaja acted as a general contractor for that architectural project and for another–the building of the Church of San Francesco di Paolo.  Today, visitors to Naples who marvel at the wide expanse of the Piazza del Plebiscito and the Church of San Francesco which faces the Piazza, hard by the opera house and the royal palace, are unlikely to know that they should thank Barbaja.   And opera-goers whose eyes widen on entering the ornate grandeur of the San Carlo for the first time, probably do not know that Barbaja was behind it all.  At the time of its reconstruction, the San Carlo was not only the largest opera house in Europe, but the first with indoor plumbing and bathrooms!

Startenor Giovanni Battista Rubini/OBA

Startenor Giovanni Battista Rubini/OBA

Although he had a wife (and children) in Milan, whom he rarely saw, he probably had many mistresses in Naples, most famously the great singer Isabella Colbran, who left him to become Rossini’s first wife, and who starred in most of Rossini’s opera serias composed for Naples.  This well known fact is a case in point in regard to the lack of primary source material for Barbaja’s biography.  It would be fascinating to know what Barbaja thought of Colbran leaving him for his star composer, but no letter has survived, or was probably ever written.  We know that Barbaja’s business relationship continued after the Rossinis’ marriage, but the relationship grew more contentious.  We also know that the three of them spent many weeks together in Barbaja’s villa on Ischia before Colbran and Rossini became an ‘item’.  But, frustratingly, we have no idea what Barbaja thought about it all.  The person Barbaja remains something of a cypher.

Starbass Luigi Lablache auf einer frühen Daguérrographie von Caldesi & Montecchi, 1856/OBA

Starbass Luigi Lablache auf einer frühen Daguérrographie von Caldesi & Montecchi, 1856/OBA

If Eisenbeiss’ biography lacks something, it is this, and he cannot be faulted for it: too often we know what other people think about Barbaja, but not what he himself thought.  About the business that Barbaja ran, however, Eisenbeiss can teach us a lot.  Contracts survive, and records of law suits, and the like, and the few letters we have from him deal, in halting Italian, strewn with mistakes, with business matters.  Many of us who have studiedprimo ottocento Italian opera as professionals or as an avocation will find many facts and anecdotes here that we have encountered before, say in a biography of Rossini.  But few of us will have seen these facts and stories through the prism of a business relationship.  Nor would many of us be aware of Barbaja’s contributions outside of his relationships with Rossini, Donizetti, et. al.  I also found Eisenbeiss’ section on historical monetary values fascinating–how much Rossini would be paid for an opera in modern terms, or how much a star singer could make in a year in today’s terms.  Like Hollywood movie stars, the opera stars of the early nineteenth century were paid a lot more than the composers of the music (like the script writers). Mr. Eisenbeiss places his study of the music business in a clear historical context, which sometimes assumes that the likely reader knows less about the era than he or she probably does.  However, it is always helpful to have the confusing history of Naples in those years spelled out, or the international political context of Barbaja’s business dealings.

Starsopranistin Giuditta Pasta, hier als Norma/OBA

Starsopranistin Giuditta Pasta, hier als Norma/OBA

Finally, Mr. Eisenbeiss writes in a clear English prose which is never dull or overly academic.  He treads a middle road between the well-grounded (and footnoted) work of the professional historian and the work of a popular writer.  What could be a dull compendium of historical fact is anything but.  Barbaja was an incredibly dynamic figure and a fascinating one who embodied a myth that Americans have always loved, albeit in an Italian context: a street smart, rough-hewn boy who begins with nothing and ends up rubbing elbows with kings and princes, not to mention the most culturally significant figures of his time.

At the end of his book, Mr. Eisenbeiss has an appendix of “the Barbaja Operas,” the 70-odd works for which Barbaja was the impresario, the man who had them staged for the first time anywhere.  There are three works by Bellini, twenty-eight by Donizetti and ten by Rossini, among many others by less well known composers.  When we go to see La donna del lago in London or Santa Fe or Pesaro this summer, or when we seeRicciardo e Zoraide at Bad Wildbad, we have to thank Domenico Barbaja, impresario extraordinaire, and we should be grateful to Philip Eisenbeiss for reminding us of his importance and his part in the birthing of so many masterpieces.

Charles Jernigan

 

Das Teatro San Carlo in Neapel zu Barbajas Zeiten/OBA

Das Teatro San Carlo in Neapel zu Barbajas Zeiten/OBA

 

Den Artikel von Charles Jernigan, operalounge.de-Lesern kein Unbekannter mehr, entnahmen wir dem hochinteressanten Blog des Autors mit Dank: Jernigan´s Journal

Bel Canto Bully, The Life and Times of the Legendary  Opera Impresario Domenico Barbaja by Philip Eisenbeiss; Haus Publishing, 2013;  ISBN: 978-1-908323-25-5

Josef Netzers Oper „Mara“

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„Kann denn ein Deutscher eine Oper komponieren?“ Aussagen wie diese des einflussreichen Wiener Polizeichefs Sedlnitzky musste sich der aus Tirol stammende Komponist Josef Netzer vermutlich häufiger anhören, als er versuchte, seine Opernkompositionen wichtigen Entscheidungsträgern vorzustellen. Aber Netzer ließ sich nicht beirren und klopfte an weitere Türen. Eine davon öffnete sich zwar nicht für eine Aufführung einer der beiden ersten Bühnenwerke Netzers, bereitete aber den Weg für seine dritte Oper: Netzer war auf die Abendgesellschaften des Staatskanzlers Metternich geladen und konnte künftig auf Unterstützung durch die Gastgeber hoffen. Über den österreichischen Schriftsteller Franz Grillparzer hatte er den Textdichter Otto Prechtler kennengelernt. Dieser verfasste das Libretto zu der Oper, die Netzers erfolgreichste werden sollte: Mara (dazu auch die Aufführungskritik vom 7. 12. 13).

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Josip Hatze (1879–1959) war einer der ersten und bedeutendsten (späteren, vormals österreichischen) kroatischen Komponisten im mediterranen Stil in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Hatze wurde in Split (damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien) als Sohn einer angesehenen Handwerkerfamilie aus Split geboren. Während seiner Schulzeit beschäftigte er sich intensiv mit Musik, insbesondere mit geistlicher Musik und Volksliedern. Als er zufällig seine außergewöhnliche Musikalität entdeckte und dank der Unterstützung seiner Familie besuchte er alle Aufführungen im neu eröffneten Stadttheater in Split. Die intensiven Erfahrungen mit Orchester- und Chorauftritten im Theater von Split ermutigten den 16-jährigen Hatze, bei der Kapellenmesse zu singen. In dieser Zeit schrieb er die „Misa a Kapela“ (mit kroatischem Text), die mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Später begannen auch andere dalmatinische Schulchöre, seine musikalischen Werke aufzuführen.

Er schloss sein Kompositionsstudium 1902 am Rossini-Konservatorium in Pesaro bei dem großen Opernkomponisten Pietro Mascagni ab. Nach seiner Rückkehr nach Split arbeitete er als Chorlehrer an der Zentralen Technischen Schule in Split und beim Chorgesangsverein „Zvonimir und Minstrel“. Während des Ersten Weltkriegs an der Front, fern von zu Hause, wusste er nicht, dass seine geliebte Frau Gilda an der Spanischen Grippe gestorben war. Gilda stammte aus der Patrizierfamilie Marulić. Marko Marulić gilt als Begründer der kroatischen Literatur.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Hatze zum Flüchtling in El Shatt in Ägypten. Dort gründete er einen Lagerchor. Hatze komponierte bis zu 60 Lieder. Er schrieb die Kantaten „Nacht in Una“ (Text: Hugo Badalić), „Exodus“ (1912) und „Golemi Pan“ (1917). Das Werk „Golemi Pan“ (Der große Pan) entstand nach Gedichten von Vladimir Nazor. Hatze besaß ein großes Gespür für Dramatik. Diese Fähigkeit kam besonders gut in den Orchesterwerken der Opern „Die Rückkehr“ (1910) und „Adel und Mara“ (1932) zum Tragen. „Die Rückkehr“ erzählt die Geschichte eines kroatischen Bauern, der in ein fremdes Land gehen musste und dann in sein Elternhaus zurückkehrte. (youtube)

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Yosip Hatze: „Adel i Mara“/Szene aus der Uraufführung/youtube

Durch Vermittlung der Fürstin Metternich wurde Netzer im Juli 1840 von Ballochino, dem Direktor des Hofoperntheaters, aufgefordert, die Partitur seiner neuen Oper abzugeben. Netzer schloss einen Vertrag mit dem Theater ab, wonach er auf jedes Honorar verzichtete. Allerdings wurde ihm darin auch zugesichert, dass die Oper in der nächsten Herbst- oder Wintersaison aufgeführt werden würde. Netzer war mit seiner Komposition zu diesem Zeitpunkt bis zum Schluss des ersten Aktes gelangt. Von Juli an arbeitete er, laut der Biographischen Skizze von Josef  Keßler, täglich 18 bis 20 Stunden an seiner Mara, stellte sie in nur 25 Tagen fertig und lieferte die Partitur am 27. August bei der Theaterdirektion ab. Die Probenzeit soll, wenn man den Ausführungen Keßlers Glauben schenkt, eine „Zeit vieler Leiden“ für Netzer gewesen sein. Die Oper des österreichischen Komponisten, der es wagte, neben den vergötterten Italienern und Franzosen bestehen zu wollen, war wohl ein Opfer zahlreicher Intrigen seitens des Ensembles. Als die Mara am 16. März 1841 schließlich ihre Uraufführung am Kärntnertortheater (der späteren Hofoper) erlebte, war sie jedoch, allem Widerstand zum Trotz, ein rauschender Erfolg. (…)

Josef Netzer – Lithographie von Gabriel decker 1843/OBA

Fürst Metternich setzte sich auch weiterhin für Netzer und seine Mara ein, indem er ein Empfehlungsschreiben verfasste. Mit diesem in der Tasche begab sich Netzer ab April 1842 auf eine Kunstreise durch Deutschland, mit dem Ziel, Kontakte zu knüpfen, die Mara in anderen Städten bekannt zu machen und wenn möglich zur Aufführung zu bringen. Seine erste Station war Prag, wo Mara am 10. November 1843 erstmalig zur Aufführung kam und auch beim dortigen Publikum große Erfolge feierte. In Berlin lernte Netzer Giacomo Meyerbeer kennen. Dank seiner Vermittlung konnte das Werk im Sommer 1844 an den Königlichen Schauspielen Berlins gespielt werden. Ebenso wie bereits in Wien und Prag dirigierte Netzer seine Mara in Berlin selbst. Während Netzers Anstellung als Kapellmeister in Leipzig erlebte das Werk in der Saison 1844/45 sieben Aufführungen. Im Oktober 1844 erschien sogar ein vom Komponisten erstellter Klavierauszug im Druck. Weitere Stationen der Mara waren nachweislich Braunschweig 1844, Graz 1846, während Netzers Engagement 1850 in Mainz sowie 1852 in Sondershausen. Danach verschwand das Werk von den Opernbühnen.

Yosip Hatze: „Adel i Mara“/Szene aus der Uraufführung/youtube

Dafür könnte es viele Gründe geben. (…) Einer ist möglicherweise in den überaus anspruchsvollen Gesangspartien zu finden, die dazu geführt haben könnten, dass sich keine/r der (originalen) Sänger/Innen für Wiederaufnahmen oder Neuinszenierungen der Mara an anderen Theatern einsetzte. (…) Für kleine Theater war Mara eindeutig zu groß dimensioniert. (…) Problematisch könnten auch Ähnlichkeiten des Stoffes zu Preciosa von Pius Alexander Wolff gewesen sein, für die Carl Maria von Weber eine Schauspielmusik komponiert hatte. Neben ihr konnte sich Mara nicht behaupten, obwohl die Titelrolle in Netzers Opernwerk ganz anders angelegt war.

Betrachtet man die Liste der Opernhäuser, an denen Mara zur Aufführung gelangte, so fällt auf, dass es hauptsächlich Theater waren, bei denen Netzer intervenierte (Prag), an denen er selbst tätig war (Leipzig, Mainz) oder wo ihm Protektion weiterhalf (Wien, Berlin). Aufführungen gab es nur während einer Saison oder während der Anwesenheit des Komponisten.

Die "Macher": (von links) Operndirektor Roger E. Boggasch, Franz Gratl /Musikkustos der Tiroler Landesmuseen, Wolfgang Meighörner /Direktor der Tiroler Landesmuseen, Intendant Johannes Reitmeier, Alexander Rumpf/Chefdirigent des Tiroler Landestheaters)/ © gro

Die „Macher“: (von links) Operndirektor Roger E. Boggasch, Franz Gratl/ Musikkustos der Tiroler Landesmuseen, Wolfgang Meighörner /Direktor der Tiroler Landesmuseen, Intendant Johannes Reitmeier, Alexander Rumpf/Chefdirigent des Tiroler Landestheaters)/ © gro

Anscheinend hatte Netzer kein großes Geschick darin, sich im Theaterleben zu etablieren und dadurch Kontakte und Beziehungen aufzubauen beziehungsweise  aufrechtzuerhalten. Nach den Recherchen von Roswitha Karpf („Die erste Tannhäuser-Aufführung in Graz“) gilt als sicher, dass Netzer der Dirigent der ersten Tannhäuser-Vorstellung in der Donaumonarchie im Jahr 1854 war. Als liberaler Künstler unterstützte er diese Vorstellungsserie sicher mit viel emotionaler Beteiligung. Wagner wurde in Verbindung mit  der  Revolution 1848 steckbrieflich gesucht. Es ist daher anzunehmen, dass die Tannhäuser-Serie seitens des Hauses Habsburg kritisch beobachtet wurde und somit auch Netzer als Dirigent dieser Erstaufführung in seiner Bewertung als Künstler Schaden genommen haben könnte.

Eine weitere, von Rudolf Pascher geäußerte Vermutung hinsichtlich der schlechten Quellenlage der Biographie, besonders über seinen letzten Lebensabschnitt in Graz, begründet sich in dem liberalen Kulturkampf bezüglich des dortigen Zentralfriedhofes. Nachdem dieser Friedhof zunächst als Ruhestätte für verschiedene Konfessionen genutzt wurde, wollte die römisch-katholische Kirche nach dem

Ankauf des Grundstückes nur Bekenner ihres Glaubens dort bestatten lassen. Darüber geriet man in Auseinandersetzung, zu deren Anführern auf liberaler Seite Netzer und weitere Musiker aus seinem Kreis gehörten. Ob Netzer als ursprünglich katholisch Getaufter vielleicht schon während der Leipziger Zeit konvertierte oder nur als Anführer der Gegenpartei in dieser Auseinandersetzung fungierte, bleibt Spekulation. Die Berichte aus den Tagen seines Todes belegen allerdings eindrücklich die Schwierigkeiten der Bestattung Netzers. Selbst zwei Jahre später verbot das Seckauer Fürstbischöfliche Ordinariat eine Gedenkrede anlässlich der Grabsteinenthüllung. Netzer muss also „Persona non grata“ gewesen sein.

Ort des Geschehens - das schöne Tiroler Landestheater in Innsbruck/© TLT/Larl

Ort des Geschehens – das schöne Tiroler Landestheater in Innsbruck/© TLT/Larl

Auch das kann das schnelle Vergessen dieses Tiroler Tonkünstlers nach seinem Tod begünstigt haben. Möglicherweise lag es aber auch einfach nur an den Gesetzmäßigkeiten des damaligen Musikmarktes, so Franz Gratl, der Kustos der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum. Bei einer Unzahl von damals geschaffenen Werken konnte sich eben nur ein Bruchteil im Repertoire halten.

Eine eindeutige Begründung wird sich vermutlich nicht mehr finden lassen. Mit der Innsbrucker Aufführung soll jedoch ein Beitrag dazu geleistet werden, zu zeigen, dass es Netzers Mara verdient, wiederentdeckt zu werden. Susanne Bieler

 

Davide Fersini (Torald, Anführer des fahrenden Volkes), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin)/© TLT/Larl

Davide Fersini (Torald, Anführer des fahrenden Volkes), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin)/© TLT/Larl

Der Komponist: Und wieder ist ein Blick in das unentbehrliche Wikipedia lohnend: Johann Josef Netzer (* 18. März 1808 in Zams/Tirol; † 28. Mai 1864 in Graz) war ein Komponist und Kapellmeister. Netzer gehörte zu den arrivierten Künstlern Tirols, die überregional Karriere gemacht haben. Seine erste Musikausbildung erhielt er von seinem Vater, danach am Innsbrucker Musikverein. Er erhielt Unterricht beim Wiener Musiktheoretiker Simon Sechter, dem späteren Lehrer Anton Bruckners. Zusammen mit Johann Rufinatscha erregte er in Wien schnell Aufsehen mit großen symphonischen Werken. Mit Franz Schubert war Josef Netzer eng befreundet und musizierte mit ihm. Netzers Bekanntheit wurde vor allem durch seine Oper Mara begründet.

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Susanna von der Burg (Ines, Manuels Braut)/© TLT/Larl

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Susanna von der Burg (Ines, Manuels Braut)/© TLT/Larl

Netzer arbeitete als Kapellmeister und Komponist in Wien am Theater an der Wien, ab 1849 in Mainz beim Stadttheater, in Leipzig und von 1853 bis 1861 in Graz beim Musikverein für Steiermark. Netzer starb 1864 in Graz. Sein Nachlass wird im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und im Stift Stams verwaltet. Im Jahr 2008, seinem 200. Geburtsjahr, wurde des Komponisten mit einigen Veranstaltungen gedacht. Zu seinen  Werken zählen: die Oper Mara Wien 1841; Symphonie Nr. 1 in C-Dur, Wien 1837; Symphonie Nr. 2 in E-Dur, Wien 1838; Symphonie Nr. 3 in D-Dur, Wien 1845; Symphonie Nr. 4 in Es-Dur, Leipzig ca.1849; Trio für Klavier, Violine und Violoncello in E-Dur, Wien 1838.

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Christine Buffle (Ines, Manuels Braut), Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adliger), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/ © TLT/Larl

Christine Buffle (Ines, Manuels Braut), Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adliger), Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/ © TLT/Larl

Josef Netzer: Mara, Große romantische Oper in vier Akten auf ein Libretto von Otto Prechtler; UA am 16. März 1841 am Wiener Kärntnertortheater (später Hofoper). Personen: Mara, eine junge Zigeunerin – Sopran, Manuel, ein junger Adliger – Tenor; Torald, Anführer des fahrenden Volkes – Bass; Ines, Manuels Braut – Mezzosopran; Graf Cornaro, Manuels Vater – Bass; Zigeuner, Hofleute, Volk; Zeit/Ort: Italien im 18. Jahrhundert

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Die Handlung/ERSTER AKT: Der junge Adelige Manuel hat sich in die Zigeunerin Mara verliebt, die mit einem fahrenden Zirkus in der Nähe des Schlosses Quartier bezogen hat. Auch Torald, der Anführer der Truppe, ist den Reizen der leidenschaftlichen Frau verfallen. Während Mara Manuels Zuneigung erwidert, weist sie Toralds Begehren zurück. Obwohl Mara das grausame Ende ihrer Liebe zu Manuel vorhersieht, träumen beide von einer gemeinsamen Zukunft. Der Versuch, Mara aus dem Lager zu entführen, scheitert am erbitterten Widerstand des eifersüchtigen Torald. Nur Maras beherztes Eingreifen rettet den Geliebten vor dem Tod. Sie stellt sich schützend zwischen ihn und die wütenden Zigeuner. So kann Manuel fliehen, während Mara weiterhin Toralds Gefangene bleibt.

Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/© TLT/Larl

Susann Hagel (Mara, eine junge Zigeunerin), Ensemble/© TLT/Larl

ZWEITER AKT: In den Palast zurückgekehrt, wird Manuel von den Vorbereitungen zu seiner eigenen Hochzeit überrascht: Sein Vater Cornaro plant die Heirat seines Sohnes mit der reichen Erbin Ines. Manuels Eingeständnis seiner Liebe zur nicht standesgemäßen Mara führt bei dem unbeugsamen Patriarchen zu Unverständnis und heftigen Vorwürfen. Als kurz darauf die festlich geschmückte Braut den Raum betritt, fügt sich Manuel resigniert in sein Schicksal und unterzeichnet den Ehevertrag. Sehnsüchtig wartet Mara indessen auf den Geliebten, als Torald ihr ein vermeintliches Schreiben Manuels übergibt. Darin wird sein Abschied von Mara besiegelt, sie selbst mit Goldmünzen abgefunden. Mara trifft, als sie Manuel zur Rede stellen will, auf dessen zukünftige Frau und wähnt sich endgültig verraten. In Wut und Verzweiflung verflucht sie Cornaros Haus.

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adeliger)/ © TLT/Larl

Marc Kugel (Cornaro, Manuels Vater), Roman Payer (Manuel, ein junger Adeliger)/ © TLT/Larl

DRITTER AKT: Die Trauung steht bevor. Ines versucht mit allen Mitteln, Manuels Zuneigung zu gewinnen und Mara vergessen zu machen. Die zutiefst verletzte Zigeunerin plant indes, die Braut zu töten, um sich an Manuel zu rächen. Doch überwältigt von ihren Gefühlen lässt Mara von Ines ab und stößt sich selbst den Dolch ins Herz. In den Armen Toralds stirbt sie. Manuels weiteres Schicksal bleibt ungewiss …

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(Den Artikel der Innsbrucker Dramaturgin Susanne Bieler und die Inhaltsangabe entnahmen wir mit Kürzungen dem Programmheft zur modernen Erstaufführung im vergangenen Dezember 2013 am Tiroler Landestheater, dessen hilfsbereites Pressebüro/Dagmar Grohmann auch die Szenenfotos zur Verfügung stellte. Danke! Einen sehr guter Mitschnitt aus dem kroatischen Radio von 2012 unter Niksa Bareza gibt es bei youtube.  Textredaktion G. H.)

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Susanne Bielers Artikel basiert auf Informationen aus: Irmlind Capelle, Wie kann man den Weber so verhunzen, a. a. O.; Roswitha Karpf, Die erste Tannhäuser-Aufführung in Graz, in: Ein Beitrag zur Grazer Theaterpraxis im 19. Jahrhundert, Graz o. J.; Josef Keßler, Josef Netzer, a. a. O .; Rudolf Pascher, Josef Netzer (1808-1864), a. a. O .

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Gerd Albrecht

 

Der deutsche und international renommierte Dirigent Gerd Albrecht (* 19. Juli 1935 in Essen; † 2. Februar 2014 in Berlin) ist tot. Er ist vor allem als Musikpädagoge und als Dirigent des seltenen, oft auch slawischen Repertoires in die Geschichte eingegangen, von denen er manches Werk bei orfeo eingespielt hat.

Dazu ein Auszug aus Wikipedia: Nach Studienjahren in Kiel und in Hamburg bei Wilhelm Brückner-Rüggeberg gewann Gerd Albrecht sofort den ersten Preis beim Internationalen Dirigentenwettbewerb in Besançon. Er entschied sich jedoch nicht für den schnellen Karriereweg, sondern begann 1958 als Assistent an der Stuttgarter Oper. 1961 wurde er aber schon 1. Kapellmeister in Mainz und 1963 jüngster Generalmusikdirektor (GMD) in Lübeck. 1966 ging er für sechs Jahre als GMD nach Kassel und führte Erklärkonzerte für Kinder und Jugendliche ein.[2] Er übernahm 1972 als Ständiger Dirigent die musikalische Oberleitung der Deutschen Oper in Berlin. 1975 bis 1980 leitete er das Tonhalle-Orchester Zürich, danach arbeitete er acht Jahre lang frei in den wichtigsten Musikzentren der Welt. 1988 bis 1997 war Albrecht Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonischen Staatsorchesters in Hamburg. Von 1993 bis 1996 war er als erster Ausländer Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag; 1998 leitete er das Dänische Radiosinfonieorchester Kopenhagen. Zudem leitete er das Bundesjugendorchester.

Albrechts Schwerpunkte lagen in der Musik der Romantik. Viele seiner zahlreichen Schallplatteneinspielungen wurden preisgekrönt. Daneben setzte er sich intensiv, auch im Fernsehen, mit seinen Gesprächskonzerten, für die Neue Musik ein. Unter seiner Leitung wurden Werke von Wolfgang Fortner, György Ligeti, Wolfgang Rihm, Hans Werner Henze und Aribert Reimann uraufgeführt, außerdem Alfred Schnittkes Historia von D. Johannes Faustus, Alexander Zemlinskys Der König Kandaules, Rolf Liebermanns Freispruch für Medea und Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern. Auftragswerke vergab er u.a. an Krzysztof Penderecki.

Albrecht setzte sich sehr dafür ein, junge Menschen für die Musik zu begeistern; in zahlreichen Fernsehsendungen erläuterte und dirigierte er vor jugendlichem Publikum. 1974 erhielt er dafür den Adolf-Grimme-Preis. In der Reihe „Klassik für Kinder“ erklärte er Kindern klassische Werke wie etwa Die Moldau, Peter und der Wolf oder Der Zauberlehrling. 1989 gründete Albrecht die Hamburger Jugendmusikstiftung und Klingende Museen in Hamburg und Berlin. 1984 wurde er mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet. Albrecht war seit 1994 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München und der Freien Akademie der Künste in Hamburg. (Wikipedia/woher auch das Foto oben stammt)

 

Die englisch/amerikanische Ausgabe von Wikipedia widmet sich auch seinen Queleren mit der Prager Philharmonie. Czech Philharmonic controversy: In 1991, the musicians of the Czech Philharmonic had chosen Albrecht as its principal conductor, for a tenure scheduled to last seven years beginning in 1994. The orchestra had played a part in protesting the Soviet domination of their country and reorganized as a self-governing entity. Their selection of Albrecht effectively meant replacing Czech conductor Ji?í B?lohlávek, who then resigned early, in 1992. Consequently, by the time that he took up the post, the orchestra was already somewhat riven.[ Albrecht proved effective in improving the Czech Philharmonic’s finances and at raising its international profile with foreign tours. He is also acknowledged to have been a musical success, and his recordings with the orchestra included music of Ervin Schulhoff.[ However, a series of political conflicts led to his early resignation. In 1994, the Czech Philharmonic was invited to perform at the Vatican in a concert celebrating reconciliation between Roman Catholics and Jews. However, the invitation was to play under the American conductorGilbert Levine, already known for his close relationship with the Vatican under Pope John Paul II and subsequently for the widely-telecast, Papal Concert to Commemorate the Holocaust. Albrecht vetoed the engagement, ostensibly because the orchestra was too busy. However many suspected that the real reason for the refusal was that Albrecht was not invited to conduct the concert himself.

Czech president Václav Havel became involved, telling Albrecht that his actions were damaging the orchestra. The situation steadily deteriorated, with Albrecht painting himself in press interviews as a victim of racismand anti-German feeling and for being expected personally to atone for all past German misdeeds. He also claimed that his phone was bugged. Havel retaliated in the media with his own claims. Albrecht and B?lohlávek collaborated for the 100th anniversary concert, each conducting half of it, on January 4, 1996, but Havel was conspicuously absent and members of the orchestra showed their allegiances when the time came for applause. Albrecht resigned from this post a month later asserting that his musical authority had been undermined. (…)  Albrecht continued to conduct, such as in Japan and Denmark. From 2000-2004, he was principal conductor of the Danish National Symphony Orchestra. In 2003, he caused controversy when he spoke from the podium at one concert to protest the US invasion of Iraq. He later apologized for the incident.In Japan, he served as principal conductor of Yomiuri Nippon Symphony Orchestra from 1998 to 2007, after which he is conductor laureate. (Wikipedia)

„Tanz ist eine Droge!“

Als „deutsche Ballerina von Weltformat“ wurde sie gefeiert und hat mit zum Stuttgarter „Ballettwunder“ beigetragen. Mittlerweile ist Birgit Keil Direktorin des Karlsruher Staatsballetts und Professorin an der Musikhochschule Mannheim. Mit Hanns-Horst Bauer unterhielt sie sich über Fügung, Leidenschaft und Charisma.

Birgit Keil 02 ©Hanns-Horst BauerIhre Compagnie darf sich seit dem vergangenen Jahr  „Staatsballett“ nennen. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie? Hier in Karlsruhe gibt es schon seit langem das Staatstheater, die Staatsoper und die Staatskapelle. So ist es eigentlich sehr schön, dass wir uns jetzt Staatsballett nennen dürfen. Ich betrachte das als großartige Anerkennung und Würdigung der Arbeit, die wir hier leisten. Ich freue mich sehr darüber, vor allem auch für mein Ensemble.

Sie konnten in der vergangenen Saison Ihr zehnjähriges Jubiläum als Ballettdirektorin feiern. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt? Sie waren doch mit der Leitung der Akademie des Tanzes in Mannheim und Ihrer privaten Tanzstiftung ganz schön ausgelastet Nur unter diesen Voraussetzungen wollten Sie das Karlsruher Ballett übernehmen. Ja, das ist richtig, es gab genug zu tun. Und Ballettdirektorin zu werden, das stand eigentlich nicht auf meiner Wunschliste. Aber diese Aufgabe schien mir, als man auf mich zukam, doch sehr sinnvoll. Allerdings nur in Verbindung mit der Tanzakademie; die wollte ich auf gar keinen Fall aufgeben, da man in der Ausbildung besonders viel bewegen kann. Mit ihr und meiner Stiftung habe ich die Möglichkeit gesehen, junge Talente für die Compagnie zu entdecken und ihnen hier eine Chance zur professionellen künstlerischen Weiterentwicklung zu bieten. Und: „Übernommen“ würde ich das nicht nennen, sondern eher neuformiert. Was hier vor meiner Zeit gemacht wurde, war sicher auch gut, aber in jeder Hinsicht eine andere Richtung.

Birgit Keil 03 ©Hanns-Horst BauerIn der Akademie bilden wir schwerpunktmäßig klassisch aus,  vergleichbar zum Beispiel mit der John-Cranko-Schule in Stuttgart und den Tanzakademien in München, Berlin und Hamburg. Mein Ziel war es, ein Ensemble aufzubauen, das im Stande ist,  auf hohem Niveau die großen Klassiker zu tanzen. Inzwischen gehören zu unserem Repertoire Don Quichotte, Giselle, Coppelia, Nussknacker, Schwanensee, Dornröschen, Romeo und Julia und La Fille mal gardée – Werke, in denen man mit anderen Häusern vergleichbar ist. Diese großen Produktionen kann natürlich ein Ensemble unserer Größe allein nicht stemmen. Doch in Verbindung mit der Akademie und dem Ballettstudio (Studierende des Masterstudiengangs der Akademie des Tanzes Mannheim) ist dies möglich. Zusätzlich erachte ich die kreative Entwicklung als unerlässlich. Das heißt: die Zusammenarbeit mit bedeutenden etablierten und die Förderung junger Choreographen.

Welche Rolle hat beim Aufbau Ihrer Compagnie Ihre eigene tänzerische Vergangenheit gespielt? Ich komme aus Stuttgart, wo John Cranko, der von Anfang an mich glaubte, Ballettgeschichte geschrieben hat. So kann ich meine persönlichen Erfahrungen einbringen. Zudem bestehen aus dieser Zeit weltweit Kontakte, die meinem Ensemble zugutekommen.

Birgit Keil 04 ©Hanns-Horst BauerIhre Compagnie setzt sich im Augenblick aus 20 weiblichen und 16 männlichen Mitgliedern zusammen. Haben Sie auch, wie viele andere Häuser, Probleme mit dem männlichen Nachwuchs? Natürlich studieren an unserer Akademie mehr junge Frauen als Männer. Das hat sicher auch mit den bekannten Vorurteilen zu tun, die in Deutschland noch weit verbreitet sind, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich oder Russland. Dabei ist der körperliche Einsatz der Tänzer vergleichbar mit Hochleistungssport. Hinzu kommt noch der künstlerische Aspekt mit der kreativen Interpretation von Inhalten und Musik. Für mich sind sie alle individuelle Persönlichkeiten, die ich respektiere und fördere. Dafür braucht man sicher  viel Erfahrung, fachliche wie auch menschliche. Ich bin selbst sehr ehrlich, sensibel und emotional und mag mich nicht verstellen. Von meinen Tänzern und Studierenden will ich  in den Vorstellungen begeistert werden. Ich möchte weinen, ich möchte lachen können. Sie müssen mich einfach mitreißen. Das ist alles sehr aufregend und spannend, zeigt es doch – die Tänzer kommen aus aller Welt -, dass  Tanz keine Grenzen kennt. Für mich ist der Tanz die schönste, aber auch die vergänglichste, zerbrechlichste Kunst, bei der der Körper selbst das Instrument ist. Die große Kunst ist, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Wenn man nicht süchtig danach ist, den Tanz nicht als Droge im positiven Sinn betrachtet, sondern ihn nur als Job sieht, dann kann das nicht funktionieren. Voraussetzung ist Talent. Dazu braucht man aber auch Durchhaltevermögen, Willenskraft, Leidenschaft und Ausstrahlung – eben Charisma und das nötige Quäntchen Glück. Glück ist, wenn meine Seele tanzt.

Birgit Keil 05 ©Hanns-Horst BauerWann hat Ihre Seele zu tanzen begonnen? Ich glaube, ich bin für den Tanz geboren. Ich glaube in meinem Leben an Fügung. Meine Mutter hat mich, zu meiner großen Freude, schon ganz früh ins Kinderballett geschickt.  Meine ersten Spitzenschuhe habe ich mit sechs Jahren bekommen. Das Päckchen habe ich voller Vorfreude aber erst zu Hause zusammen mit meiner Mutter ausgepackt und die Schuhe sofort angezogen. Ich bin dann, ganz ohne Angst, zum ersten Mal auf Spitzen durchs Zimmer gelaufen. So wurde Spitzentanz zu meiner Stärke. Ich hatte das Glück, für den Tanz prädestiniert zu sein. Als Kind war ich zwar häufig krank, was mich aber, wie mir scheint, gestärkt hat.

Birgit Keil 06 ©Hanns-Horst BauerNach Ihrer Welt-Karriere als Primaballerina haben Sie sich fürs Unterrichten an einer Hochschule entschieden. Wie kam es dazu? Ich fühlte, dass der Zeitpunkt gekommen war, meine Tätigkeit zu verändern. Meinen Abschied von der Bühne betrachtete ich als Neuanfang, denn künftig wollte ich mich für den tänzerischen Nachwuchs engagieren. In diesen zu investieren schien mir sinnvoll. Die einzige Art, Tanz lebendig zu halten, ist, diesen an die nächsten Generationen weiterzugeben. Da kam der Ruf durch Ministerpräsident Erwin Teufel, mich an die Mannheimer Akademie des Tanzes zu verpflichten, genau im richtigen Augenblick. Hier konnte ich in der Lehre meine Erfahrungen einbringen und Hilfestellungen leisten. Für mich selbst war es auch eine Chance zur Weiterentwicklung, denn so ein Hochschulapparat ist recht kompliziert. Viele haben mir davon abgeraten. Ich hab´s trotzdem gewagt, und jetzt sind es schon 18 Jahre seit der Gründung. Ganz wesentlich zum Gelingen beigetragen hat sicher der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth als Kuratoriumsvorsitzender. Mit der Stiftung können wir den tänzerischen und choreographischen Nachwuchs fördern.

Birgit Keil 07 ©Hanns-Horst BauerStiftung in Stuttgart, Akademie-Leitung in Mannheim, Ballettdirektorin in Karlsruhe – wird Ihnen das nicht manchmal zu viel? Nein, im Gegenteil. Der Synergie-Effekt ist bemerkenswert. Förderung – Ausbildung – professionelle Karriere ergibt für mich das magische Dreieck aus Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe.

Hat es Sie nie gereizt, selbst zu choreographieren? Ich habe mit sehr viel Freude ein paar kleinere Choreographien gemacht, allerdings nie mit dem Gedanken, Choreographin zu werden.

Viele berühmte Choreographen haben Werke eigens für Sie geschaffen. Was war das für ein Gefühl? Eine aufregende Herausforderung, in die ich mich mit totaler Hingabe vertieft habe. Eine Kreation war immer ein Zwiegespräch zwischen dem Choreographen und mir. Wobei John Cranko eine der wichtigsten Persönlichkeiten in meinem Leben war. Er hat mir künstlerisch den Weg gewiesen.

Birgit Keil 08 ©Hanns-Horst BauerWichtig war und ist für Sie wohl auch Vladimir Klos. Er war nicht nur Ihr großer Pas-de-deux-Partner beim Stuttgarter Ballett, Sie sind auch privat ein Paar. Er ist Professor an der Tanzakademie, deren Leitung Sie innehaben, und er ist Ihr Stellvertreter beim Karlsruher Staatsballett. Spricht man da zu Hause eigentlich auch über etwas anderes als übers Ballett? Natürlich auch übers Ballett, aber nicht nur. Wir haben ja noch andere Interessen, auch wenn bisweilen die Zeit dafür fehlt.

 

 

Birgit Keil 01 ©Hanns-Horst BauerBiographie: Birgit Keil wurde in Kowarschen im Sudetenland geboren. Nach der Vertreibung ihrer Familie kam sie als Zehnjährige nach Stuttgart, wo sie mit ihrer Tanzausbildung an der Ballettschule der Württembergischen Staatstheater begann. 1961 wurde sie, als John Cranko die Direktion des Stuttgarter Balletts übernimmt, Mitglied der Compagnie. Ihr außergewöhnliches Talent brachte ihr ein einjähriges Stipendium an der Royal Ballet School in London ein. Nach ihrer Rückkehr zum Stuttgarter Ballett wurde sie zur Solistin ernannt. Danach machte Birgit Keil eine glanzvolle Karriere als Primaballerina. Durch Tourneen mit dem Stuttgarter Ballett und durch Solo-Auftritte u.a. in Paris, Mailand, Wien, London und New York wurde sie weltweit als „die deutsche Ballerina“ gefeiert. Als solche tanzte sie alle Hauptrollen des klassischen und modernen Repertoires. Ihre Interpretation inspirierte namhafte Choreographen wie etwa Kenneth MacMillan, Glen Tetley, Jiří Kylián, John Neumeier, Hans van Manen und natürlich John Cranko zu Werken, die eigens für sie geschaffen wurden. Im Herbst 1995 beendete die Tänzerin ihre Bühnenlaufbahn und rief zur gleichen Zeit zusammen mit der Mailänderin Marchesa Mina di Sospiro die private Tanzstiftung Birgit Keil ins Leben. 1997 begann sie als Professorin ihre Lehrtätigkeit an der Akademie des Tanzes der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim, deren Leitung ihr nach wenigen Monaten übertragen wurde. 2003 übernahm sie zusätzlich die Ballettdirektion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Seit 1968 verbindet Birgit Keil eine private und berufliche Partnerschaft mit Vladimir Klos, von 1972 bis 1997 Erster Solotänzer des Stuttgarter Balletts. Klos ist ebenfalls Professor in Mannheim und ihr Stellvertreter in Karlsruhe.  hhb

Fotos ©Hanns-Horst Bauer

Antonio Mazzonis „Antigono“

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Das gibt es auch längst nicht mehr alle Tage: eine Weltpremiere auf CD einer so gut wie unbekannten Oper wenn auch als Aufzeichnung – im Januar 2011 im Centro Cultural de Belem von Lissabon für das Label Dynamic aus Genua aufgenommen. Es handelt sich um Antonio Mazzonis  Antigono, der nichts zu tun hat mit der aus Geschwisterliebe die Gesetze des Staats missachtenden Antigonae, auch wenn in der Oper eine Ismene, also Trägerin des Namens der Schwester Antigonaes, vorkommt. Der Aufnahmeort  Lissabon ist nicht zufällig, sondern wohl bewusst gewählt, denn hier erlebte das Werk 1755 im prächtigsten Theater Europas, der Ópera de Tejo, seine Uraufführung, ehe kurz danach am 1.11. das bekannte Erdbeben die Stadt mitsamt dem Opernhaus zerstörte. Mit vielen anderen Bewohnern verließ der in Bologna geborene Komponist die Stadt fluchtartig, weilte für kurze Zeit in Madrid, ehe er in seine Heimatstadt zurückkehrte, wo er als angesehener Musiker bis zu seinem Tode 1785 lebte. Er gehörte zu der Kommission, die über die Zulassung Mozarts zum musikalischen Leben Bolognas befand, gab ein Gastspiel in Petersburg und schrieb neben anderen Kompositionen allein 19 Opern, von denen die meisten verschollen sind.

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Antigono ist in ihrem Aufbau eine typische Oper des Spätbarock an der Wende zum Klassizismus. Es gibt nur ein Duett, ansonsten begegnen sich die Personen nur in den Rezitativen, die von Da-Capo-Arien gefolgt sind. Dabei tauchen die gebräuchlichen Bravourarien als  aria d‘ agilità, aria di vendetta, di guerra, di sdegno oder andere auf. Sämtliche Rollen wurden von Kastraten gesungen, auf der CD wird die Titelpartie von einem lyrischen Tenor, sein Gegenspieler von einem Countertenor, alle anderen werden von Frauen vertreten. Im Mittelpunkt der Handlung steht trotz des Titels die ägyptische Prinzessin  Berenice, die von zwei Königen und einem Königssohn begehrt wird und nur letzteren liebt. Das führt zur Verbannung des Prinzen Demetrio von Macedonien durch seinen Vater Antigono, der vom Rivalen König Alessandro von Epiro angegriffen wird, der wiederum von der macedonischen Prinzessin Ismene geliebt wird.  Der Prinz von Homburg lässt grüßen, wenn wir erfahren, dass Demetrio für seinen Vater die Schlacht gegen Alessandro anders als Homburg verliert, weil er entgegen dessen Befehl eine eigenständige Kriegsführung bevorzugte. Antigono wird Gefangener Alessandros, der ihn freilassen will, wenn Berenice ihn heiratet. Aber selbst nach einem Sieg der Macedonier bleibt Antigono im Kerker. Nachdem Demetrio im letzten Moment vom Selbstmord abgehalten wurde, kehrt Vernunft ein, die die auftraggebenden Könige der Aufklärung gern auf der Bühne sahen, und Demetrio darf Berenice, Ismene Alessandro heiraten, Antigono übt weisen Verzicht.

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Ein großer Gewinn für die drei CDs ist das Orchester, der Divino Sospiro unter Enrico Onofri, das mit Frische, Esprit,  Nachdruck und Stilsicherheit die Musik Mazzonis zu Gehör bringt. In zwei Tracks neben der Ouvertüre ist es nicht nur Begleiter, einer marcia di guerra und einem Intermezzo mit Harfe. Der Tenor Michael Spyres hat es nicht leicht mit der Partie des Antigono, in der es von Intervallsprüngen und Koloraturen wimmelt. In der Höhe fühlt sich die Stimme eher wohl als bei den Salti in die Tiefe, in den wichtigen Rezitativen kann er sein bemerkenswertes Verständnis für diese Art Musik demonstrieren. Einen satten, vollen, dunklen Countertenor hat Martin Oro für den Alessandro, eine charaktervolle Stimme, die sich besonders wohl in „Sai qual ardor m‘accende“ zu fühlen scheint. Den Prinzen Demetrio singt Pamela Lucciarini, die ihrer leichten Stimme durch nachdrückliches Singen vokales Gewicht verleiht, und deren Geschmeidigkeit sie in „Già che morir degg’io“ unter Beweis stellt. Den Freund Clearco singt Maria Hinojosa Montenegro mit leichter Stimme und entsprechender Mühelosigkeit für die Presti in „Guerrier, che i colpi affretta“. Die beiden Damen sind als Berenice mit Geraldine Mcgreevy in wärmerer, reiferer  und Ismene mit Ana Quintans in zarterer, frischer vokaler Hand. In einer Zeit des Wiederauflegens alter Aufnahmen oder der Übernahme aus dem Fernsehen ist das Einspielen eines solchen Werkes immer eine lobenswerte Tat (3 CDs Dynamic 7686 1/3). Ingrid Wanja (oben Michael Spyres/Foto Marco Borelli/Erato)

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Spätromantisches im Paket

Sammelboxen zu rezensieren sind nicht immer eine Freude. Man muss sich „gezwungenermaßen“ durch viele CD’s durchhören, auch wenn man keine besondere Affinität zu der zu besprechenden Musik hat. Manchmal aber kann es dazu führen, einen Komponisten für sich zu entdecken. Wie in meinem Fall Gabriel Fauré. Brilliant Classics hat den Fundus verschiedener Firmen geplündert und auf neunzehn CD’s einen Großteil seiner Werke in einer Kassette zusammengefasst. Besondere Aufmerksamkeit verdient die erstmals in Deutschland veröffentlichte Rundfunkaufnahme der von Désiré-Emile Inghelbrecht mit magischer Sogkraft aufregend dirigierten Oper Pénélope aus dem Jahr 1956. In der Titelrolle überwältigt die majestätische, jede Gefühlsregung vokal nachzeichnende Régine Crespin. Raoul Jobin steht ihr mit leidenschaftlichem, strahlendem Tenor als Ulysse nicht nach. Großes Format hat auch der balsamische Eumée von Robert Massard. Das übrige Ensemble ist mit versierten französischen Solisten besetzt.

Es gibt weitere vokale Leckerbissen (und hier handelt es sich um bekannte Wiederauflagen aus anderen Firmenkatalogen). Auf vier CDs glänzen Elly Ameling und Gérard Souzay, begleitet von Dalton Baldwin, mit einer umfangreichen Auswahl der Mélodies. Zum reizvollen Vergleich bietet sich der Zyklus La bonne chanson an, der sowohl von Souzay mit Klavierbegleitung vorliegt, als auch in der Fassung für Streichquartett und Piano, von Sarah Walker mit sinnlich ausdrucksstarkem Mezzosopran gesungen. Zwei CD’s widmen sich geistlicher Musik: in schönster Harmonie trägt die Groupe Vocal de France unter John Alldis  verschiedene kürzere Sakralgesänge vor, im Requiem unter der Leitung von Colin Davis beseelt Lucia Popp das berühmte „Pie Jesu“.

Auf vier CD’s kann man sich an den von Jean-Philippe Collard feinnervig und farbenreich gespielten Klavierstücken delektieren, auf ebenso vielen die Kammermusik in verschiedenen Besetzungen kennenlernen. Orchestrales in den Interpretationen von Serge Baudo und Moshe Atzmon runden die inspirierende Sammlung ab, deren Inhalt wunderbar geeignet ist, um in Faurés Klangwelt einzutauchen.

Das Kontrastprogramm zu der feinen, sublimen Kompositionskunst des Franzosen bieten die opulenten Werke von Richard Strauss, die Warner Classics in der Box The Other Strauss aus seinem Katalog zusammengestellt hat- nach dem kompletten sinfonischen Schaffen und den großen Opern der dritte Teil einer ihm gewidmeten Reihe. Sie enthält hauptsächlich nicht so Gängiges und viel Pompöses und Monumentales. In schönster Klangqualität erklingen die Chorwerke Taillefer  und Wandrers Sturmlied, beide vom Ernst Senff Chor in voller Pracht dargeboten und von Michel Plasson gut austariert dirigiert. Felicity Lott, Michael Volle und Johan Botha, der keine Mühe hat, die Orchesterfluten stimmschön zu übertönen, sind das illustre Sängertrio für die kurzen Soloeinwürfe in Taillefer. Strauss- Koryphäe Wolfgang Sawallisch dirigiert das bombastische Festliche Präludium, Jeffrey Tate, mit dem Komponisten ebenso vertraut, Sinfonisches aus den Opern Guntram, schweigsame Frau und Frau ohne Schatten. Der Rundfunkchor Stockholm brilliert a-capella mit Abseitigem wie Die Göttin im Putzzimmer und Vertracktem wie der sechzehnstimmigen Deutsche Motette. Zu entdecken ist der Kammermusiker mit den süffigen Sonaten für Violine (Vadim Repin) und Cello (Mstislav Rostropovich) und dem anregenden Rosenkavalier-Walzer, bearbeitet für Violine (Renaud Capuçon) und Klavier (Frank Braley). Eine abwechslungsreiche Kollektion, die Strauss zum anstehenden 150. Geburtstag nicht auf den üblichen Pfaden würdigt.

Karin Coper

Gabriel Fauré: Edition; Brillant Classic, 94750, 19 CDs

The Other Strauss: Warner Classics256463492-8, 3 CDs

Der „französische Mendelssohn“:

 

Unter dem Titel „Grenzgänger zwischen Deutschland und Frankreich“ widmete der Palazzetto Bru Zane dem Komponisten Théodore Gouvy (1819-1898) in der Saison 2012/13 zwei Festivals in Paris und Venedig. Nun erscheint das CD-Buch mit drei CDs, zahlreichen Ersteinspielungen und weiterführenden Essays. Der im heutigen Saarland geborene Théodore Gouvy ist ein Exempel für die aufreibende deutsch-französische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zeit seines Lebens pendelte er zwischen Musikmetropolen wie Paris und Leipzig. Zwar wurde sein künstlerisches Schaffen in beiden Ländern wertgeschätzt, dennoch fühlte sich der Komponist hier wie dort fremd. Sowohl deutsche als auch französische musikalische Einflüsse jener Zeit sind in seinem Werk erkennbar – diese Melange trug vermutlich zu seiner künstlerischen Handschrift bei. Zu Lebzeiten feierte der „französische Mendelsohn“ große Erfolge, danach geriet er jedoch in Vergessenheit. Die schöpferische Bandbreite Gouvys, von Kammermusik, sinfonischen und geistlichen Werken, wird anhand der vorliegenden Aufnahmen deutlich. Der Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française erforscht die französische Musik des langen 19. Jahrhunderts (1780-1920) und fördert deren Wiederentdeckung auf CDs und in Konzertsälen. Die neue Reihe „Portraits“ widmet sich heute unbekannten französischen Komponisten mit dem Ziel, die Vielfalt des französischen Œuvre aufzuzeigen./ophelias

 

Théodore Gouvy (1819-1898): Kantaten, sinfonische Werke, Kammermusik (Sinfonietta; Fantaisie pastorale für Violine und Orchester; La Religieuse – Kantate für Mezzosopran und Orchester * Serenaden für Klavier (Auszüge); Le Giaour – Ouvertüre nach Byron; Jeanne d’Arc – Erste Konzertouvertüre op. 13 * Le Festival – Zweite Konzertouvertüre op. 14 * Streichquartett in a-Moll op. 56 Nr. 2; Trio für Violine, Violoncello und Klavier Nr. 4 G-Dur op. 22 Streichquartett Nr. 5 c-moll op. 68 mit Orchestre Philharmonique Royal de Liège (Chr. Arming) / Orchestre National de Lorraine (Jacques Mercier) /Quatuor Cambini-Paris / Quatuor Parisii / Trio Arcadis / Emmanuelle Swiercz, Klavier / Clémentine Margaine, Mezzosopran (*Weltersteinspielung) 3 CDs, Aufsätze; Ediciones Singolares ISBN 978-84-939-6867-0

„Magie live erleben!“

Er hat mit den Topstars der Opernszene gearbeitet und setzt sich vehement für Neue Musik ein, ganz aktuell beispielsweise für Mark Andres „wunderzaichen“ (Uraufführung im März 2014): Mit Sylvain Cambreling (65), dem Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart, unterhielt sich Hanns-Horst Bauer über Provokationen, Bühnenintelligenz und Kulturpolitik.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Gleich drei wichtige Dirigentenposten hier in Baden-Württemberg sind mit französischen Maestri besetzt. Stéphane Denève beim SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart, François Xavier Roth in Baden-Baden und Freiburg und Sie an der Oper Stuttgart. Wie erklären Sie sich diese französische „Übermacht“? Ich glaube nicht, dass da eine Strategie dahintersteckt, es ist sicher reiner Zufall. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese drei Dirigenten sehr wenig in Frankreich dirigieren. Ich dirigiere überhaupt nicht mehr in Frankreich, obwohl meine Karriere ja dort begonnen hat. Mit französischen Orchestern und dem französischen Publikum hatte ich eigentlich schon immer Probleme. Wenn ein Franzose einen Großteil seiner Karriere außerhalb von Frankreich macht, dann nimmt man ihm das ein wenig übel. Aber ich muss ganz klar bekennen, ich fühle mich nicht als Franzose, sondern als Europäer.

Sie haben 1998 bei den Salzburger Festspielen in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ bei den Rezitativen das Cembalo durch einen Synthesizer ersetzt. Das wurde in Salzburg wie danach auch  bei der Wiederaufnahme der Produktion in Paris als Skandal empfunden. Wollten Sie das Publikum ganz bewusst provozieren? Nein, ganz bestimmt nicht! Auf der Opernbühne können und dürfen Regisseure sehr viel wagen, wohingegen im Orchestergraben musikalisch alles immer gleich ablaufen muss. Aber in einer modernen Produktion dieser Mozart-Oper muss man auch mal die sich doch etwas in die Länge ziehenden Rezitative hinterfragen dürfen, ohne das gleich zum Modell machen zu wollen. Das Publikum sollte sie nicht als bloße Wartezeit auf die nächste Arie empfinden. Nach dieser Aufführung hat man mehr über die Rezitative diskutiert als über die ganze Aufführung. Ich versuche, das Stück, das wir machen, echt und glaubwürdig, jenseits von Routine zu musizieren. Denn es gibt in jedem Musikstück ein Geheimnis, etwas, was wir noch nicht entdeckt haben. Mir kommt es darauf an, dem Publikum die Musik nahezubringen und zu zeigen, welche Gefühle sie heute in uns provozieren kann.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sie sind jetzt in der zweiten Spielzeit Generalmusikdirektor der Oper Stuttgart. Was hat Sie gerade an diesem Haus  gereizt? Stuttgart war in der Opernlandschaft schon immer etwas ganz Besonderes. Als Opernintendant Jossi Wieler mich gefragt hat, ob ich Lust auf das Amt des GMD hätte, habe ich deshalb auch ganz spontan Ja gesagt. Ich hatte den Eindruck, dass hier eine ganz besondere, eine „gesunde“ Atmosphäre herrscht. Stuttgart ist ein Haus mit einem sehr großen, breit angelegten Repertoire, wo die Produktionen nicht blockweise gespielt werden, sondern parallel auf dem Spielplan stehen, sodass die Gefahr eines „Herunterspielens“ gar nicht erst aufkommen kann. So etwas funktioniert allerdings  nur mit einem richtigen Ensemble. Und damit meine ich das ganze Haus. Für mich gehört dazu, dass ich neben meinen anderen Verpflichtungen sechs Monate in der Saison in Stuttgart bin. Schließlich dirigiere ich hier nicht nur Premieren, Repertoire-Aufführungen und Konzerte, sondern fühle mich insgesamt für die Musik am Haus verantwortlich.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

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Sind Jossi Wieler und sein Chefdramaturg Sergio Morabito für Sie auch das Regie-„Dreamteam“, als das sie oft bezeichnet werden? Wohl schon, denn wir sind alle neugierig, Routine kommt da nicht auf. Vor allem aber steht bei unserer gemeinsamen Arbeit der Mensch im Mittelpunkt. Wir fragen uns bei jeder Inszenierung, was das Stück über uns erzählt, so wie jetzt auch bei dem von Andrea Moses neu inszenierten „Falstaff“ von Giuseppe Verdi.

Was erwarten Sie von den Sängern? Die Zeiten der großen Diven sind vorbei. Heute werden an die Sänger ganz andere Anforderungen gestellt. Nur an der Rampe stehen und schön singen, das reicht schon lange nicht mehr aus. Heute müssen die Sänger über die Rollen, die sie verkörpern, auch nachdenken. Da sind Bühnenintelligenz und Charakter gefragt.

Sie haben mit vielen Top-Stars zusammengearbeitet, bei Mozarts „Don Giovanni“ auch mit Anna Netrebko an der New Yorker Met. Wie sehen Sie den Starkult, der mit ihr und neuerdings auch mit Jonas Kaufmann und anderen getrieben wird? Anna Netrebko war und ist immer noch eine ganz unkomplizierte Person und eine wunderbare Sängerin. Mit Jonas Kaufmann habe ich schon viel gemacht, aber für Stuttgart, wo er  früher auch regelmäßig gesungen hat, ist er jetzt leider nicht mehr bezahlbar. Kaufmann gehört heute ganz sicher zu den besten Tenören der Welt; aber ich will nicht immer die gleiche Person mit der gleichen Frisur auf der Bühne sehen. Egal, was er singt, Kaufmann ist auf der Bühne immer nur Kaufmann. Das ist ähnlich wie bei Pavarotti, nur sieht Kaufmann besser aus.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

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Kann man mit solchen Stars, die es sogar bis in die Popcharts schaffen, Begeisterung für die Gattung Oper wecken? Wirklich begeistern und überzeugen kann man die Leute nur, wenn sie zu uns ins Opernhaus kommen und diese Magie, diesen Klang live erleben. Gerade junge Leute sind dann, diese Erfahrung habe ich gemacht, immer wieder fasziniert und können es kaum glauben, dass Stimmen ohne Mikrophon und Verstärker ganz locker einen so großen Raum füllen können.

 Weitaus schwieriger dürfte es sein, Menschen für die Musik der Gegenwart zu begeistern, für die Sie sich seit vielen Jahren  nicht nur bei den Donaueschinger Musiktagen einsetzen. Auch diese neue Musik muss man live erleben. Leider haben viele Orchester sie in den vergangenen Jahrzehnten mit wenig Begeisterung und deshalb schlecht gespielt. Das Publikum hat das vielleicht nicht wirklich gehört, aber doch gespürt und gesehen. Ich erwarte vom Orchester genau das, was es vom Dirigenten erwartet: Die größten Meister sind nicht die Musiker und nicht die Dirigenten, sondern die Komponisten selbst. Für die müssen wir Emotionen spüren und produzieren, Lust auf die Musik haben und vibrieren. Und der Dirigent muss optimal vorbereitet sein, Charisma ausstrahlen und vor allem eine perfekte Dirigier-Technik haben.  Das alles ist extrem schwierig, und das Lernen ist eigentlich nie zu Ende. Wenn man am Pult den Kopf nur in der Partitur hat, dann hat man keine Chance. Die Musiker wollen Blickkontakt, wollen etwas lernen. Dabei sollte man so wenig wie möglich mit Worten erklären, am wichtigsten sind die Arm- und Handbewegungen. Der Gestus produziert den jeweils ganz persönlichen Klang eines Dirigenten.

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen? Ich stamme aus einer richtigen Musikerfamilie. Meine Großmutter war Opernsängerin, mein Großvater Fagottist und meine Mutter Klavierlehrerin. So haben meine acht Geschwister und ich schon sehr früh gemeinsam musiziert. Zunächst habe ich Posaune, Tuba, Kontrabass und Schlagzeug gespielt, wusste aber bis zum Alter von 17 Jahren noch nicht, ob ich nun Musiker oder doch lieber Schauspieler werden sollte. Als Posaunist im Orchester habe ich dann bei manchen Dirigenten gedacht, so wie die kann ich das auch. So habe ich dann Dirigieren studiert und im Verlauf nur eines Jahres in Rekordzeit mein Diplom geschafft.

Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg haben Sie verlassen, als noch nicht bekannt war, dass es mit dem Orchester in der Landeshauptstadt zusammengelegt werden sollte. Was empfinden Sie bei dieser Fusion? Ich bin wütend und sehr traurig. Empört hat mich vor allem, dass mit meinem Nachfolger in Baden-Baden und mit dem Nachfolger von Sir Roger Norrington in Stuttgart Verträge abgeschlossen wurden, ohne sie über die Fusions-Absichten zu informieren. Wenn die Politik jetzt auch noch rigoros an den Musikhochschulen des Landes den Rotstift ansetzt, dann zeigt das, welchen Stellenwert die Kultur mittlerweile in Deutschland einnimmt. Für den Sport wird viel Geld locker gemacht, für Kultur leider nicht. Ich bin enttäuscht und entsetzt.

 

 

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Sylvain Cambreling/ © Hanns-Horst-Bauer

Biographie Sylvain Cambreling, 1948 in Amiens (Frankreich) geboren, wurde nach Studien in seiner Heimatstadt und am Conservatoire de Paris Co-Direktor der Opéra Nouveau Lyon. 1978 gab er mit Jacques Offenbachs Les contes d`Hoffmann sein Debüt an der Opéra National de Paris. Von 1981 bis 1991 war er Generalmusikdirektor des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel und danach, von 1993 bis 1997, GMD und Künstlerischer Intendant an der Oper Frankfurt. Wegen „Inkompetenz und Gleichgültigkeit“ der Kulturpolitiker verließ er Frankfurt und wurde  1999 Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. 2012 übernahm er als Nachfolger von Manfred Honeck das Amt des Generalmusikdirektors der Oper Stuttgart. Hier war er in der Saison 2013/14 für die Neuinszenierungen von Falstaff, Tristan und Isolde und für die Uraufführung von Mark Andres wunderzaichen (sic) verantwortlich. Cambreling gastierte unter anderem regelmäßig bei den Wiener und  den Berliner Philharmonikern, beim BBC Symphony Orchestra und dem Cleveland Orchestra sowie bei den Salzburger Festspielen. Seit 1997 ist er Erster Gastdirigent beim auf Neue Musik spezialisierten Klangforum Wien und seit 2010 Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokyo. 2012 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für seine „überragenden künstlerischen Leistungen, die das Musikleben Baden-Württembergs und der Bundesrepublik unermesslich bereichert haben“. hhb 

 

 

 

Fotos: Hanns-Horst Bauer