Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Grümmer, Araiza, Podvalová, Levko

Elisabeth Grümmer ist auf Tonträgern vergleichsweise wenig vertreten. Elisabeth Schwarzkopf dominierte in jenen Jahren einen Großteil dieser medialen Szene, vor allem ihrem Gatten Walter Legge, Produzent der EMI, hat sie das zu verdanken. So ist es erfreulich dass immer mehr Aufnahmen Elsabeth Grümmers aus den Rundfunkarchiven den Weg auf CD und DVD finden. Ein Schwetzinger Liederabend vom Mai 1958, der seit 2009 bereits auf hänssler classic erhältlich ist, ist nun auch bei Andromeda erschienen. Er präsentiert Elisabeth Grümmer als kluge Interpretin bekannter Lieder von Mozart, Schubert, Brahms und Wolf. Ihr regelmäßiger Partner am Klavier, Hugo Dietz, bleibt dabei allerdings recht passiv. (ANDRCD 9085).

grümmerNeu hingegen ist die fabelhafte Kompilation von Mozart-Aufnahmen des Bayerischen Rundfunks aus den Jahren 1952, 1960 und 1962 auf dem hauseigenen Label (BR Klassik 900308). Mit Hans Altmann hat sie hier einen sensibleren Begleiter für sieben Mozart-Lieder und das Münchner Rundfunkorchester unter Kurt Eichhorn und Horst Stein hat mit ihr auf Deutsch Figaro-Gräfin, Donna Anna und Pamina, sowie auf Italienisch Fiordiligi-Arien eingespielt. Man kann hier alles hören, wofür sie gerühmt wurde, die Leuchtkraft des Soprans, die feinen Nuancen, ihre Ausdrucksfähigkeit, die natürlich klare Artikulation und vor allem die lyrischen, duftig und leicht schwebenden Phrasen, das jugendliche Strahlen in der Höhe. Ihre Intensität wirkt glaubwürdig, authentisch. Freilich ist das stilistisch auch dem Zeitgeschmack um 1960 verpflichtet, doch ihre „Wärme und Innigkeit“ – wie Thomas Voigt es in seinem lesenswerten Booklettext nennt, war im Stande, den „Körper in die Lage zu versetzen, mühelos in Klang zu verwandeln, was Geist und Seele zum Ausdruck bringen möchten.“

Hauptsächlich aus den Archiven des Bayerischen Rundfunks stammen auch die Opernarien auf 4260123641948Francisco Araiza – Legendary Live Recordings bei Solo Musica (SM 194), vom Interpreten höchstselbst mit einem Vorwort begleitet. Sie spiegeln in ihrer Auswahl von Mozart und Rossini über Bizet, Gounod, Massenet hin zu Verdi, Puccini, Giordano, Tschaikowsky und schließlich Wagner den Karriereweg des Tenors. Leider ist der Hauptteil der Aufnahmen (vieles stammt aus Münchner Sonntagskonzerten) zwischen 1987 und 1994 entstanden und blendet (mit Ausnahme von Rossinis „Ecco ridente in cielo“  aus dem Jahr 1978) die ersten zehn, spektakulären Karrierejahre des eleganten Mozart- und Belcanto-Tenors aus, der nicht nur (aber vor allem dort) in München, Wien und Zürich die Frauenherzen höher schlagen ließ. Mozart ist nur mit den beiden Don Ottavio-Arien vertreten (wobei „Il mio tesoro intanto“ von 1994 dem Tenor schon seine ursprünglich Unbeschwertheit fehlt), seine Paraderollen Tamino, Belmonte und Ferrando fehlen leider. Mit Ausnahme eines sehr lyrischen, kräftigen „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ aus Gustav Kuhns Walküre in Erl von 2007 (und dem Almaviva von 1978) stammen die Tondokumente also aus jener Zeit, als Araiza den Schritt vom lyrischen Mozarttenor hin zum lirico spinto machte. Nicht jeder, der diesen Karriereschritt miterlebte, hat ihn  verstanden, die Leichtigkeit ging verloren, vieles was früher mühelos kam, klang plötzlich deutlich erarbeitet, exponierte Töne wurden an einigen Abenden zu Wackelpartien, egal ob Rodolfo in München oder Riccardo in Zürich. Was Mitte der Achtziger mit Gounods Faust oder Massenets Des Grieux und Werther noch gut gelang, löste sich mit Verdis Duca oder Manrico nicht ein. Davon ist in dieser Auswahl jedoch wenig zu hören, sie gilt einem Künstler, der vor allem mit strahlender Stimme, klarem Sitz und Eleganz überzeugt, selbst da wo Kleinigkeiten nicht perfekt sind, wie im „La donna e mobile“ oder Lohengrins Gralserzählung.

podvalovaAus tschechischen Archiven kommt eine Porträt-CD mit Aufnahmen Marie Podvalovás, die zwischen 1936 bis 1978 an der Prager Nationaloper engagiert war. Hier war auch der Mittelpunkt ihrer Karriere, in der sie alle wichtigen Partien ihres Faches, bis hin zu Senta und Tosca sang. Bei Supraphon (SU 3504-2 611) ist sie nun in vier ihrer wichtigsten tschechischen Partien zu erleben. Eine technisch beeindruckende, lyrisch-dramatische Sopranstimme von großer dramatischer Suggestionskraft. Die hervorragend remasterten Aufnahmen mit der Anfang Vierzigjährigen entstanden zwischen 1949 bis 1953 und sind Auskopplungen aus Gesamtaufnahmen von Smetanas Dalibor (Milada) und Libuse, Dvoráks Rusalka (Fremde Fürstin) und Fibichs Sarka. Klima, Krombholc und Chalabala sind die Dirigenten dieser idiomatischen Referenzaufnahmen. Beindruckend ist noch immer Marie Podvalovás Fähigkeit zur klangschönen Attacke, die dramatische Kraft ihrer Bögen und das geschmeidig, flexible Rhythmusgefühl. Außerhalb ihres Heimatlands trat sie, die auch für ihre präsente Bühnenerscheinung und ihr Spiel bekannt war,  kaum auf und so blieb die internationale Karriere zu Zeiten des Kalten Krieges aus. Die bewusste Bekanntschaft mit dieser Stimme, die in zahlreichen Supraphon-Aufnahmen mitwirkte, lohnt unbedingt.

5029365940627Großes editorisches Verdienst hat sich Brilliant Classics mit der Veröffentlichung der 11-CD-Box Valentina Levko – Star of the Bolshoi errungen. Die zwischen 1959 und 1991 entstandenen Studioaufnahmen und Livemitschnitte, vornehmlich aus sowjetischen Archiven (Melodiya), aber auch ein paar Lizenzen des Deutschen Rundfunkarchivs sind darunter, decken die große Spannbreite ihres Mezzo- und Alt-Repertoires ab. Von Bach bis hin zu zeitgenössischer sowjetischer Propaganda und Volksliedern reicht die Spanne. Liedern von Tschaikowsky und Rachmaninow ist jeweils eine ganze CD gewidmet. Von den etwa 40 Jahren ihrer Karriere, war sie 25 Jahre Sängerin des Bolshoi, wo sie seit 1956 alle wichtigen Partien ihres Fachs sang und als eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation verehrt wurde. Heute im Westen kaum noch bekannt, gab sie in den 60ern und 70ern erfolgreiche Gastspiele u.a. in Mailand, New York, Tokio, in Frankreich und der BRD. 1968 und 1970 tourte sie mit Programmen in Westdeutschland, in denen sie vor allem russische Kunst- und Volksieder sang. Die Stimme hat ein charakteristisches, durchaus warmes Timbre, ist beweglich in allen Registern und hat trotz aller Stimmschönheit auch eine gute Anlage für dramatische Momente. Die Interpretationen stehen selbstredend in der Tradition der russischen Schule, stilistisch ist vieles aus der Zeit heraus zu sehen, entbehrt aber nicht einer gewissen Faszination. Die Natürlichkeit, die die Stimme bei aller Wandelbarkeit von dramatischem Impetus für die Oper, über die Gefühlswelten romantischen Liedrepertoires bis hin zur Schlichtheit ihrer Interpretationen von arie antiche hat, bleibt die faszinierende Konstante dieser auch technisch makellos ausgebildeten Stimme. Die Ausstattung der Box ist wie stets bei Brilliant sparsam gehalten, dennoch informiert ein kleines Beiheft über biographische Daten und die Programme der einzelnen CDs (Brilliant Classics 9406).

Moritz Schön

Diesseits und Jenseits

Grenzenlos nennt sich die Festschrift zum 75. Geburtstag des Saarländischen Staatstheaters und schafft damit bewusst einen Kontrast zu der Aufgabe, die ihm bei seiner Eröffnung im Jahre 1938 zugedacht war, nämlich ein Bollwerk gegenüber dem „Erzfeind“ Frankreich zu bilden. Es folgte im Krieg die Bespielung auch der von den Deutschen besetzten Gebiete, nach dem Krieg nach einer kurzen amerikanischen Besetzung die Einflussnahme der französischen Besatzungsmacht, ehe wie bereits 1935 in bezug auf das Dritte Reich die Saarländer für die Eingliederung in die Bundesrepublik stimmten.

Die Kapitel, die sich mit der Geschichte des Theaters befassen, sind für den Historiker ebenso interessant wie für den Kunstinteressierten, denn sie schildern einmal exemplarisch das, was sich an allen deutschen Theatern in der Nazizeit mehr oder weniger ausgeprägt abspielte, erhalten aber durch die geographische Lage des Hauses eine besondere Zuspitzung sowohl was das Wohlwollen der Nazispitzen als was die Zuweisung besonderer Aufgaben an das „Gautheater Saar-Pfalz“ als „Bollwerk deutscher Kultur“ betrifft.

Nach dem Grußwort von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, das bereits auf zwei weitere Besonderheiten, die Beziehung zu Frankreich nach dem Krieg und die Kontaktaufnahme zu Georgien, hinweist, dem Geleitwort des Kulturministers und dem Vorwort der jetzigen Intendantin, Dagmar Schlingmann, von der noch ein weiterer, ausführlicherer Beitrag stammt, befasst sich Dieter Bartetzko mit der Architektur dieses neben Dessau einzigen Theaterneubaus der Nazizeit. Zur „Stimmungsarchitektur“ zählt er den Bau von Paul Baumgarten, der auch für den Umbau der Städtischen Oper Berlin und den Bau der Wannsee-Villa Liebermanns verantwortlich war. Viele Fotos aus der Entstehungszeit des Theaters und seiner Vollendung ergänzen den Text, der auch begründet, warum man das stark bombengeschädigte Haus nach 1945 wieder aufbaute.

Zwei Artikel befassen sich mit der „Instrumentalisierung der Kunst“ in der Nazizeit, so Alexander Jansens „Blicke ins Dunkel“, der in einer sehr plastischen Erzählweise davon berichtet, wie Adolf Hitler die Saarländer für das über 90prozentige Votum für Deutschland  belohnen wollte, wie die Feierlichkeiten zur Eröffnung mit Wagners Der fliegende Holländer und Kämpfe um den Intendantenposten verliefen. Selbst Feinheiten wie die Annahme, man habe die Franzosen mit dem Spielen des 1. Satzes der 7. Beethovensinfonie ärgern wollen, weil dieser auch einst bei einem Benefiz-Konzert zugunsten der Befreiungskriegs-Veteranen gegen Napoleon erklungen war, bleiben nicht verschwiegen. Selbst der Kampf um die Kantine und um Coca Cola wird berücksichtigt, als erstaunlich ist anzusehen, dass das Eröffnungsplakat zwar einen Adler, nicht aber das eigentlich obligatorische Hakenkreuz zwischen seinen Fängen zeigt.

Ein Auszug aus den Erinnerungen des jüdischen Konzertmeisters Alexander Schneider stimmt nachdenklich, verurteilen möchte man ihn wegen einiger seltsamer Äußerungen aber nicht, da gegenüber jemandem, der Mutter und Schwester in Auschwitz verlor, jede Kritik verstummt. Auch das daneben abgedruckte Hetzblatt eines NSDAP-Organs dürfte zu unterschiedlichen  Reaktionen beim Leser führen.

Bereits 1939 wurde das Theater wegen der Evakuierung während des Frankreichsfeldzugs wieder geschlossen. Ab 1940 geriet die Spielplangestaltung zunehmend unter politischen Einfluss, besonders natürlich im Schauspiel. Eine erneute Evakuierung Saarbrückens fand im Dezember 1944 statt. Unter der Überschrift „Rückkehr nach Europa“ wird zunächst sehr anschaulich von Ursula Thinnes über die französische Zeit des Saarlands berichtet, als über dem restaurierten Theaterbau die Inschrift „Opéra de Sarrebruca“ prangte, deutsche Künstler nur mit Visum hier wirken durften und die französische Zensur sogar Rotkäppchen unter ihre Lupe nahm. Der Austausch mit französischen Bühnen blieb recht einseitig, abgesehen von einer Arabella mit der jungen Rysanek und Egks Peer Gynt. Das entpolitisierte Theater mit einer Vorliebe für die Operette war typisch auch für die saarländische Nachkriegszeit.  Der wohl beliebteste Schauspieler der Saarbrückener war August Johann Drescher, aus dessen Nachlass, ob Schminkset oder Grabschleifen,  Bettina Hanstein ein faszinierendes Lebensbild herausliest.

Holger Schröder widmet den Nachkriegsintendanten Hermann Wedekind (1960-76) und Kurt Josef Schildknecht (1991 -2006) ein Kapitel mit dem Titel „Weltoffenheit – Unterhaltung mit Haltung“. Eine sogar von Helmut Kohl gewürdigte Unternehmung waren der Kontakt mit Georgien bis zur Wende, die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Siegfried Köhler und die Entdeckung junger Sänger wie Trudelise Schmidt und Siegmund Nimsgern. Unter die Intendanz von Schildknecht fällt die Uraufführung von 15 Auftragsopern, die Einstufung von Orchester und Chor in die Besoldungsgruppe A, die Arbeit von Libeskind für Tristan und Intoleranza. Als weniger positiv schätzt der Verfasser dieses interessanten Kapitels natürlich die einsetzenden Sparmaßnahmen und die Schließung der Schauspielklasse an der Hochschule ein.

Die jetzige, seit 2006 amtierende Intendantin Dagmar Schildknecht nimmt anhand der Buchstabenfolge g-r-e-n-z-en-l-o-s Stellung zu den aktuellen Problemen und Themen wie Grenzen (von finanziellen Mitteln, was aber die Phantasie herausfordert) bis zu Sekt, der in Saarbrücken Crémant heißt. Bereits für die Spielzeit 2008/09 konnte sie sich mit dem Ensemble über die Auszeichnung für das „Beste Opernprogramm“ freuen.

Dieser und weitere Artikel über anspruchsvolle Initiativen des Theaters stehen unter der Überschrift „Theater im Herzen Europas“, die bereits viel über die Aufgaben, die man sich gestellt hat, aussagt. Dazu gehört natürlich auch die enge Bindung an die Nachbarländer, wovon einige zweisprachige Artikel Zeugnis ablegen. Tanz und Bühnentechnik finden in den Schlussartikeln ihren Platz, ehe der Leser sich einer ebenfalls reich bebilderten und umfangreichen Chronik zuwenden kann.

Ist der zweite Teil besonders für Saarländer interessant, so stellt der erste, historische Teil einen wertvollen Beitrag über Theatergeschichte in der Nazi- und in der Nachkriegszeit dar und ist auch für Leser jenseits der geographischen Grenze  aufschlussreich (Grenzenlos; Herausgegeben von Harald Müller und Dagmar Schlingmann, Verlag Theater der Zeit; ISBN 978-3-943881-57-8).

Ingrid Wanja      

Claudio Abbado

Was für ein eleganter Mann war er doch, welch unaufdringliche, diskrete  Persönlichkeit, und was für ein sprühender Geist! Ich werde seine Auftritte bei den Berliner Philharmonikern ebenso wenig vergessen wie die Essen mit ihm bei seinem Lieblingsitaliener, wo er in ansteckender  Post-68er-Begeisterung durchaus lebhaft und engagiert diskutieren konnte. Er war für uns Nach-Karajan-Berliner der Inbegriff des italienischen Intellektuellen, des eleganten Signore aus der Lombardei, ein wenig wie aus Bertoluccis 1900 entsprungen, sportlich und schick zugleich. Vor allem zu Beginn seiner Philharmoniker-Zeit freute man sich über die Themenvielfalt seiner Programme, die nach der schleichenden Lähmung nun wieder Schwung brachten, Ungewöhnliches boten, Erfrischendes. Ich erinnere mich an das Themenjahr Tristan, wo es Martins Vin herbé gab, wo Wagner ebenso wie Literarisches und Philosophisches geboten wurde, wo er es schaffte, in der Stadt eben diese künstlerische Einheit herzustellen, deren akute Abwesenheit man sonst immer beklagt, weil jedes Institut nur das Eigene macht. Unter Claudio Abbado (Foto oben © Cordula Groth/Berliner Philharmonisches Orhester) klang sein Orchester anders, war lockerer, spontaner, auch individueller. Er brachte die Musiker in die Gegenwart und nach Jahren der vereisten Stilisierung  in die Sinnlichkeit zurück. Seine Opern als Konzerte füllten die Philharmonie bis auf den letzten Platz, und was hatten alle für einen Spaß beim Viaggio a Reims! Und ich erinnere mich gut an die erste, originale Aufführung dieser Oper in Pesaro, mit der absolut himmlischen Besetzung und der köstlichen Badewannenoptik, die später auch nach Wien ging. Aber in Pesaro war´s eben zum ersten Mal, abgefahren und einfach toll. Er interessierte sich für´s Ungewöhnliche, so seine mehr als diskutable Aufnahme des französischen Don Carlos bei DG, irregeleitet in der Besetzung, aber die erste („offizielle“) Aufnahme in der Originalsprache trotz der beklagenswerten Schnitte – immerhin! Wie auch seine wenigen Auftritte an der Deutschen Oper Berlin, wo es in Urzeiten einen Tristan gegeben hatte, eine Aida (noch mit Jessye Norman), wo italienische Klangsprache zeigte, was Oper sein kann – eben Sinnlichkeit und kontrollierter Rausch. So bleiben auch seine Mendelssohn-Sinfonien bei DG für mich nach wie vor die überbordendsten, unbekümmertsten, maßstäblichen. Das gilt in Teilen auch für seinen Mahler, Brahms und Schubert, wenngleich dort die Konzerte spannender waren als die festgebannten Dokumente. Vielleicht war er – um es zusammenfassend zu sagen – der Mann für den Moment, für das spontane Erleben, für die überspringende Begeisterung eher als für die Ewigkeit der silbernen Scheiben, von denen sein Amtsvorgänger so unendliche viele (zu viele) hinterlassen hatte. Sein Wechsel von der DG zur Sony brachte nicht wirklich Glück, und schon bei der DG stand er im langen Schatten Karajans. Abbado war, vor allem später, ein unauffälliger Mann, einer, der sich im zunehmend aggressiven Dschungel des Dirigentenberufes zurückhielt, sich nicht drängelte, in der Stille arbeitete und dort überzeugte. Man musste bei ihm hinhören – da war nichts flashiges, nichts Billiges, keine kalkulierten Effekte, sondern beste Kennerschaft, Handwerk und eine ganz sichere Hand für die Valeurs. Was für ein Verlust für uns Musikliebhaber! G. H.

Im  Nachfolgenden noch einmal seine Lebensdaten, wie stets mit Dank an Wikipedia!: Claudio Abbado (* 26. Juni 1933 in Mailand; † 20. Januar 2014 in Bologna) war der Sohn des Violinisten und Musiklehrers Michelangelo Abbado, seine Mutter, Maria Carmela Savagnone, war Klavierlehrerin und Kinderbuchautorin. Bei seinem Vater studierte er zunächst Klavierspiel. Mit 16 Jahren begann er in Mailand ein Studium in Klavier, Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und später erst Orchesterleitung. Außerdem belegte er einen Literaturkurs beim späteren Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo. Als jugendlicher Organist arbeitete er intensiv an Johann Sebastian Bachs Werken; bei einem Hauskonzert spielte er 1952 Toscanini Bachs d-Moll-Konzert vor. 1953 schloss er sein Studium in Mailand ab und musizierte mit verschiedenen Kammermusikensembles – Grundlage für sein späteres Musizieren. „Es ist wie ein Gespräch, bei dem man nicht nur aufmerksam lauscht, sondern auf den anderen eingeht und versucht, auch das Unausgesprochene, Gefühle und Gedanken zu erfassen.“

Bei einem Dirigierkurs in Siena lernte Abbado den elfjährigen Daniel Barenboim und Zubin Mehta kennen. Mehta vermittelte ihn zum weiteren Studium an Hans Swarowsky nach Wien. Claudio Abbado gewann 1958 in Tanglewood einen der wichtigsten Preise für junge Musiker, den Kussewitzky-Preis für Dirigenten. Abbado vermied den Weg in die große Karriere als Dirigent, ging nach Italien zurück und nahm einen Lehrauftrag für Kammermusik in Parma an. In Triest dirigierte er mit Die Liebe zu den drei Orangen von Prokofjew seine erste Opernaufführung. Ab 1961 dann dirigierte er auch regelmäßig an der Mailänder Scala.

1963 erhielt Claudio Abbado in New York den 1. Preis bei dem Mitropoulos-Wettbewerb. Verbunden war mit dem New Yorker Preis – neben der internationalen Anerkennung – eine Assistentenzeit von fünf Monaten bei Leonard Bernstein, der damals Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker war. Während seiner Assistenzzeit bei Leonard Bernstein 1963 bekam er auch erste Einladungen zum Radio-Symphonie-Orchester Berlin und zu den Wiener Philharmonikern, mit denen er 1965 bei den Salzburger Festspielen debütierte. Auf dem Programm stand Gustav Mahlers zweite Sinfonie. Außerdem entstanden erste Schallplattenaufnahmen mit Abbado.

1966 kam es zu einer ersten Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. 1968 eröffnete Abbado die Opernsaison der Mailänder Scala. Er debütierte an der Covent Garden Opera in London mit seiner ersten Verdi-Oper (Don Carlo). Später überraschte er das Publikum in London mit Strawinskis Oedipus Rex und Alban Bergs Wozzeck.

Wichtige Impulse für die Musik der Moderne bekam Abbado in dieser Zeit von Maurizio Pollini und Luigi Nono. 1969 erhielt er eine feste Anstellung als Dirigent an der Mailänder Scala und wurde 1971 zusätzlich Musikdirektor der Scala. 1979 bis 1987 war er Chefdirigent beim London Symphony Orchestra. Von 1980 bis 1986 war er Chefdirigent der Mailänder Scala. In den Jahren 1982 bis 1985 arbeitete er als Erster Gastdirigent mit dem Chicago Symphony Orchestra. Von 1983 bis 1986 war er Musikdirektor beim London Symphony Orchestra. 1984 gab Abbado sein Debüt an der Wiener Staatsoper, wurde 1986 Musikdirektor und 1987 Generalmusikdirektor der Stadt Wien. 1988 gründete Abbado das Festival Wien Modern, das sich Aufführungen internationaler zeitgenössischer Musik widmet.

Im Oktober 1989 wurde Abbado von den Berliner Philharmonikern als Künstlerischer Leiter des Orchesters zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt. Im Jahr 1994 wurde Abbado auch Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Die Zeit in Berlin war nicht frei von Spannungen. Abbados offenes Musizierverständnis, das im Kontrast zum eher autoritären Auftreten Karajans stand, provozierte beim Orchester Widerspruch. Im Jahr 2000 erkrankte Claudio Abbado an Krebs, von dem er zwischenzeitlich geheilt war. Im Jahr 2002 beendete er, wie bereits 1998 angekündigt, seine Arbeit als Künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker – mit einem für ihn typischen breitgefächerten Programm: mit Brahms’ Schicksalslied, Mahlers Rückert-Lieder und Schostakowitschs Musik zu König Lear.

Claudio Abbado ging nach Italien zurück, war zunächst in Ferrara und ging dann nach Bologna, wo er das Mozart Orchestra mit jungen Musikern aufbaute und wo er bis zu seinem Tod lebte. Mit diesem Orchester aus Bologna begann er später die Arbeit für den Aufbau des neu gegründeten Lucerne Festival Orchestra – zusammen mit Musikern der weltweit großen Orchester, die Abbado von früher kennt, und die sich als Lehrer mit den jungen Musikern des Mozart Orchestra Bologna zu gemeinsamen Konzerten im Frühjahr und Sommer in Luzern trafen.

Diese Art des Musizierens junger Musiker gemeinsam mit erfahrenenen Solisten, die sich als Teamer im Orchester engagieren, war für Claudio Abbado typisch. Schon als Gründer des European Community Youth Orchestra (1978) und später des Gustav Mahler Jugendorchesters (1986) widmete er sich der Förderung des musikalischen Nachwuchses. Daraus entstanden die Gründung des Chamber Orchestra of Europe (1981) sowie die Gründung des Mahler Chamber Orchestra (1997), die wiederum die Basis für die Gründung des Lucerne Festival Orchestra (2003) und des Orchestra Mozart in Bologna in den Jahren 2003 / 2004 bildeten.

1958 gewann Claudio Abbado den Kussewitzky-Preis für Dirigenten in Tanglewood, 1963 den ersten Preis beim nach Dimitri Mitropoulos benannten Mitropoulos-Wettbewerb in New York, der mit einer fünfmonatigen Assistenzzeit bei Leonard Bernstein verbunden war. 1984 erhielt er das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik. 1994 erhielt Abbado den Ernst von Siemens Musikpreis, den Ehrenring der Stadt Wien sowie das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2001 den Würth-Preis der Jeunesses Musicales Deutschland. 2002 wurde er vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit dem Großen Verdienstkreuz mit Sterndes Bundesverdienstkreuzes ausgezeichnet. 2002 bekam Abbado den Deutschen Kritikerpreis, 2003 den Praemium Imperiale, 2004 den Kythera-Preis und 2008 den Wolf-Preis. Seit 2005 war Abbado Ehrenbürger der Stadt Luzern. 2013 wurde sein Buch „Meine Welt der Musik“ als Wissenschaftsbuch des Jahres ausgezeichnet. Am 30. August 2013 wurde Claudio Abbado vom Staatspräsidenten Giorgio Napolitano zum Senator auf Lebenszeit ernannt.

Von Abbado sind CDs mit Werken von nahezu jedem namhaften Komponisten erschienen. Er dirigierte auch die Werke zahlreicher Gegenwarts-Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, György Ligeti, György Kurtág, Wolfgang Rihm und Beat Furrer. 1965 führt er an der Scala die Oper Atomtod von Giacomo Manzoni auf. Trotzdem gibt es Komponisten, die auffallend oft vertreten sind: Gustav Mahler, Claude Debussy, Franz Schubert und auch Wolfgang Amadeus Mozart. Besonders in letzter Zeit fiel eine Rückkehr zu seinen „Favoriten“ auf. So dirigierte er 2009 die Berliner Philharmoniker mit einem Programm bestehend aus Schubert, Mahler und Debussy; im Mai 2010 bestand das Programm an derselben Stelle aus Schubert, Schönberg und Brahms.

Die Canzoncine der Signora Rossini

 

Erst seit der Rossini-Renaissance in Pesaro ab 1985 ist eigentlich auch der Name seiner ersten Frau, Isabella Colbran, über die bloße Nennung als Rossini-Interpretin in das heutige Bewusstsein gerückt – jene Sängerin, die mit ihrer dunkel timbrierten Sopranstimme ihn zu den herrlichen Opern wie Otello oder Armida inspirierte. Wer war sie? Eigentlich kennt man sie nur als Anhängsel Rossinis, der sie von dem Intendanten (Domenico Barbaja) des San Carlo in Neapel „übernahm“, erstaunlicherweise sogar heiratete und für den sie für eine gewisse Zeit zur Muse wurde.

Mit starkem spanischem Profil.../Rossini Festival Pesaro

Mit starkem spanischem Profil…/Rossini Festival Pesaro

Den Begriff Mezzosopran gab es da noch nicht, nur Sopran I /prima donna und II/seconda donna sowie alto, aber es ist nach Lage der Noten kein Zweifel daran, dass die Colbran ein dunkler Sopran war, ähnlich dem Falcon in Frankreich nach der Sängerin Cornelie Falcon, eben ein kurzer Sopran mit guter Tiefe. In moderner Zeit sind das Stimmen wie die der Cecilia Gasdia oder Anna Caterina Antonacci mit ihrem leidvoll-poetischen Timbre – ein wirklicher im oberen Bereich knapper Sopran voller Poesie und nicht das energisch-tüchtige Geratter einer Joyce Di Donato ohne Charme und Kern oder die angestrengte Hochleistungsbalance einer Cecilia Bartoli (ich weiß, ich handele mir jetzt einen Sturm der Entrüstung ein). Die Colbran schuf einen neuen Stimmtyp und war für Rossini das ideale Instrument zum Ausdruck seiner zunehmenden Hinwendung zu Menschlichkeit voller dunkler Tragik. Mit der Trennung von der Colbran wandte sich Rossini anderen Stimmen zu und die Aufteilung in Kategorien, wie wir sie heute spätestens seit Verdi kennen (der das klassische Quartett Sopran/Mezzosopran/Tenor/Bariton „erfand“), bahnte sich mit Bellini und Donizetti an (wenngleich auch Donizetti durchaus an dem stimmlich flexiblen Modell der beiden Soprane festhielt und sich für Bellinis Norma die Damen durchaus abwechselten als Norma und Adalgisa, was als Karikatur später in unserer Zeit das Tandem Verrett-Bumbry oder auch Sutherland-Caballé vorführte, letztere beide Normas von Rang). Rossini liebte die dunklen Stimmen, und seine frühen Opern sind voll mit Partien für schnurrbärtige Altistinnen in der Folge der Kastraten – nicht umsonst nennt man Rossini auch den letzten Barockkomponisten. Aber mit der Colbran änderte sich auch seine Ästhetik in Richtung weniger stereotyper Rattermaschienen und zugunsten von dunkler Poesie, Seelenängsten, individuellerem Ausdruck, wie die frühromantische Donna del Lago so überzeugend zeigt.

Der gesellschaftliche Mittelpunkt ihrer Zeit und von Rossini in seinem "Viaggio á Reims" verewigt: Madame de Stael/OBA

Der gesellschaftliche Mittelpunkt ihrer Zeit und von Rossini in seinem „Viaggio á Reims“ verewigt: Madame de Stael/OBA

Eine neue CD bei Tactus wirft nun Licht auf einen ganz anderen Aspekt der Isabella Colbran – sie war wie alle Künstler der Epoche hochmusikalisch und ebenso ausgebildet und dazu eine Komponistin von nicht unbeträchtlichen Graden (ähnlich wie die Vorgängerin Malibran und andere Kollegen/-innen): Lieder zur Harfe, ein Klassiker für die Salons des Adels und des Bildungsbürgertums einer Madame de Stael und der Pariser Gesellschaft. Der nachfolgende Artikel von Marianne Gubri im Beiheft zur Tactus-CD nimmt sich dieses Themas (in Englisch, jaja!) an. Bienvenue, Madame Colbran! G. H.

 

The four books of Canzoncine ou Petits Airs Italiens by Isabella Colbran (1784-1845) were composed between 1805 and 1809, during her youth, before her marriage to Gioacchino Rossini (1822) and the beginning of her career as prima donna of Italian opera. Isabella Colbran was born in Madrid, received her initial musical education from her father, Juan Colbran, violinist in the Capilla Real, and studied singing under the guidance of the celebrated Italian opera singers and castratos Carlo Martinelli and Girolamo Crescentini. She dedicated to the latter one of her song collections, and sang many of his compositions.

Eine interessante CD bei Naxos vereint Auftragsmusik des Intendanten Barbaja (8.578237)

Eine interessante CD bei Naxos vereint Auftragsmusik des Intendanten Barbaja (8.578237)

After a few concerts in Madrid, she was appointed as court singer by the Queen of Spain, and held this post from 1803 to 1808, as declared in the front page of her first three song collections. In 1804, Isabella and her father went to Paris in quest of success. She sang in the house of Rodolphe Kreuzer, who had founded the publishing house Le Magasin de Musique two years before, together with Cherubini, Mehul, Rode, Isouard and Boiledieu. Le Magasin de Musique subsequently published three of Isabellas collections. She probably referred to the above-named musicians in her dedication to the Queen of Spain, when she mentioned them as promoters of the edition, with an attitude of obsequious humility that was customary at that time (…) It was published by Miles Erard, a publishing house that had been established by the daughters of the famous harp- and piano-maker (one of the two sisters, Celeste, later married Gaspare Spontini).

Maria Chiara Pizzoli und Marianne Gubri/Tactus

Maria Chiara Pizzoli und Marianne Gubri/Tactus

On 21 November 1806, while she was still travelling between Spain and Italy, she became a member of the Accademia Filarmonica of Bologna, where she performed in 1807: this title was mentioned in the song collections subsequent to that date. In the portrait by an anonymous painter that we present on the cover, (which was donated to the Liceo Musicale of Bologna during that stay of hers, and is now preserved in the Museo della Musica of Bologna), she is depicted as a young woman holding a lyre, which rests on a copy of her first book of songs. On the cover of this book, her new title of academician has been added by the painter, though at the time of the printing of that work the title had not been awarded to her yet: so it is possible to conclude that the portrait was painted in 1807.

Die "KLonkurrenz": Maria Malibran, selber Spanierin, als Desdemona in Rossinis "Otello/Gemälde von Bouchot/OBA

Die „Konkurrenz“: Maria Malibran, selber Spanierin, als Desdemona in Rossinis „Otello“/Gemälde von Bouchot/OBA

After her stay in Bologna, where she probably met Gioacchino Rossini, who was then a student and was eight years younger than her, in 1808 Isabella returned to Paris with her father. There she held both private and public concerts; she sang often in aristocratic houses, for the Empress and for ambassadors, but her greatest success was in her public concerts. The press extolled the range of her voice, which included almost three octaves, and its clear, resounding timbre, her mastery in the art of the messa di voce, her expressive, sweet interpretation, her good Italian, and the variety of her repertoire, which was formed of arias by Zingarelli, Portogallo, Nasolini, Mayr, Haydn and her teacher Crescentini.

In 1808 she dedicated her compositions to Louise Marie of Baden (wife of Emperor Alexander I of Russia), and in 1809 to Marie Julie Clary Bonaparte, wife of Joseph Bonaparte, who hired her as a chamber-music singer as soon as he became King of Spain. The last months of the year 1809 marked the beginning of a long, uninterrupted career for Isabella Colbran as an opera singer, first at the Teatro alia Scala of Milan, then at the Teatro Comunale of Bologna, at the Fenice of Venice, in Rome, and eventually, from 1811 onwards, in Naples, where she was consecrated as „Prima cantante assoluta‘ („the first singer by far“) and sang in the operas by her future husband.

Frontespiece für den Klavierauszug des "Otello"/OBA

Frontespiece für den Klavierauszug des „Otello“/OBA

La Vestale by Gaspare Spontini was staged in Italian, in the translation by Giovanni Schmidt: Isabella sang in the role of Giulia. The opera was so successful that its performances were repeated until 1816. The aria „O nume tutelary” is included in this CD as an addition to Isabellas compositions, in the handwritten, probably autograph, version preserved in her collection, now housed in the Library of the Conservatoire Royal of Bruxelles. This version is particularly interesting, because, in addition to Spontini’s original part, the singer has written down her own embellishments on a further staff, according to the customary bel canto practice of that period. This sheds light on the virtuosic and dramatic aspect of the performance, and reveals the fact that the performer enjoyed a certain independence of interpretation in relation to the original composition.

Nicht zu vergessen: sexy Rossini/OBA

Nicht zu vergessen: sexy Rossini/OBA

The Barcarola Gia la notte s’avvicina has been drawn from a collection of Passatempi musicali o sia raccolta di Ariette e duettini per camera inediti, Romanze francesi nuove, Canzoncine Napolitane e Siciliane, Variazioni pel canto, Piccoli Divertimenti per Pianoforte, Contradanze, Walz, Balli diversi etc. published in 1824 and containing,, besides Isabella Colbrans arietta, pieces by Cottrau, Donizetti, Filed, Leiderdorf, Pacini, Rossini, and Schubert. The title of this collection emphasises the fact that it was meant for amateur performers.

Und noch einmal Rossini als fescher Mann/OBA

Man vergisst leicht über den Altersbildern, wie fesch Rossini in seiner Jugend aussah/OBA

Isabella’s stay in Naples was a very rich, complicated period, not only for her artistic activity, but also for her private life. On 16 March 1822, almost in secret, she married Gioacchino Rossini (by then quite famous) in the Chiesa del Santuario della Vergine del Pilar at Castenaso (a few kilometres away from her father Juan’s villa). The extraordinary rise of Rossini’s career as a composer allowed him to expand into new theatres and new cities, particularly Paris and London; but it also led him to embark on new liaisons, above all that with the courtesan Olympie Pelissier, whom he married when Isabella died at Castenaso, years after she had left the stage and had been abandoned by her husband.

Noch einmal eine berühmte Kollegin: Giulia Grisi/OBA

Noch einmal eine berühmte Kollegin: Giulia Grisi/OBA

In this recording of pieces composed by Isabella Colbran, we have not included the cantata Pelgiorno natalizio di Giovanni Colbrand,for voice and piano, now preserved at the Conservatory of Bruxelles, because it is incomplete. Other two songs Alma delValma mia and No, che lasciar non posso, now preserved in Madrid at the Biblioteca Nacional de Espana in a manuscript entitled Canzonifate aproposito del Sig.re Gerolamo Crescentini have been ascribed to Isabella Colbran by Sergio Ragni in his book Isabella Colbran, Isabella Rossini, but it is more likely that they were composed by Girolamo Crescentini1 and dedicated to her. The first of these two songs has actually been included in several collections of Crescentini’s arias.

Isabella Colbran’s compositions are typical of the chamber-music repertoire for amateurs: they consist of short, melodious, through-composed arias with two texts: one in Italian, drawn from Metastasio’s poems, the other a free translation into French. The vocal characteristics they require are those of a voice that is seemingly average but includes some unusually high notes for a soprano.

Und als Vierte: Giulia Pasta/OBA

Und als Dritte: Giuditta Pasta/OBA

The four song books offer the choice of a harp or piano accompaniment, as customary during that period, particularly in the French repertoire: Marie Antoinette, and after her all the French ladies at court, completed their education by learning to play the harp. Empress Josephine de Beauharnais, for whom Isabella Colbran performed, was the inspirer of the composition of a great number of chamber-music pieces for harp. Since the end of the eighteenth century, the harp was equipped with a single pedal movement that allowed the performer to achieve modulations and chromaticisms. In the first years of the nineteenth century, Sebastien Erard, a well-known Parisian piano maker, began his research for the creation of a harp with a double pedal movement that gave greater freedom to the player: he patented this device in 1811. The new instrument was soon adopted also by professional harpists.

Die Siegerin: Olympie Plessier, die Rossini mit Syphilis ansteckte.../OBA

Die Siegerin: Olympie Plessier, die Rossini mit Syphilis ansteckte…/OBA

Isabella had the chance to meet two of the greatest harpist/composers of her time: on 16 April 1808 she sang during the same evening in which Charles Bochsa performed in the premiere of his concerto n. 1 op. 15. In August 1827, at Arques, she sang together with Francis Joseph Naderman. Moreover, in February 1811 she sang with a Mrs Rega, Neapolitan amateur harpist.

The accompaniment to these little songs, which is simple but varied and follows the pattern adopted by composers such as Cherubini, Crescentini, Spontini, Isouard, and Boiledieu, with a melodic introduction and a realisation based on chords or arpeggios, can easily be adapted to the harp without any particular changes. Publishers such as Le Magasin de Musique and Miles Erard were doubly interested in offering works for both instruments: the prospect was that the French ladies would be keen both to perform new repertoires and to own instruments often made expressly for them.

Das Buch über Isabella Colbran von Sergio Ragni im Verlag Zecchini (978-8865400210)

Das Buch über Isabella Colbran von Sergio Ragni im Verlag Zecchini (978-8865400210)

Although a newspaper published at the end of the nineteenth century states that Isabella Colbran also played the harp, it is likely that this assertion stemmed from a misinterpretation of the pictures in which she held a lyre in her hands. During that period several paintings portrayed her and other female singers in Empire-style dress and with Apollo’s instrument: it was a clear allusion to the classical antiquity from which the Napoleonic neoclassical style drew inspiration.

Actually, the funerary monument for Isabella’s father – Juan Colbran, who died in 1820 – designed by Gioacchino Rossini and made by the sculptor Adamo Tadolini – shows a cherub who is playing the lyre while Isabella is weeping and looking at her father’s memorial bust. This grave also accommodates the bodies of Rossini’s parents, Anna Guidarini and Giuseppe Rossini, and of Isabella, who died in 1845 in her villa at Castenaso.The monument can still be seen in the Chiostro Maggiore Levante, Arco VI, of the cemetery of the Certosa of Bologna: the recording of this CD has been carried out in the adjoining Chiesa di San Girolamo.

Den Artikel von Marianne Gubri, selber Harfenistin von Rang,  entnahmen wir in der englischen Übersetzung dem neuen Album bei Tactus (TC 780302): Isabella Colbran – Arie italiane per voce e (!) arpa, auf der die Autorin die Mezzosopranistin Maria Chiara Pizzoli auf der Harfe begleitet. Die Fußnoten in dem Artikel von Marianne Gubri wurden aus Platzgründen fortgelassen. Redaktion G. H.)

Isabella Colbran auf dem gemälde von reiter, defintiv nicht glücklich/OBA

Die alternde Isabella Colbran auf dem Gemälde von Reiter, definitiv nicht glücklich/OBA

Und dazu noch kurz den Auszug aus WikipediaIsabella Colbran (Geburtsname Isabel Colbrandt) (* 2. Februar 1785 in Madrid; † 7. Oktober 1845 in Bologna) war eine Mezzosopranistin und Komponistin. Sie gehörte zu den berühmtesten Sängerinnen ihrer Zeit. Sie begann ihre Karriere am Teatro San Carlo in Neapel, wo sie nicht nur vom Publikum, sondern auch vom König von Neapel bewundert wurde. Mit dem Impresario des Theaters, Domenico Barbaja, hatte Isabella Colbran eine Affäre. Barbaja engagierte Gioachino Rossini, der für Isabella Colbran einige Paraderollen schrieb (unter anderem Elisabetta, Desdemona/Otello und Armida). 1822 heirateten Rossini und Colbran. 1837 trennten sie sich wieder, Rossini hielt sie jedoch immer für eine der besten Interpretinnen seiner Werke. Isabella Colbran schrieb vier Liedersammlungen, die sie der russischen Zarin, ihrem Lehrer Crescenti, der spanischen Königin sowie der Prinzessin Eugenie de Beauharnais widmete.

Auf die interessante Ausgabe aller Lieder von Spontini bei Tactus haben wir bereits hingewiesen/TC 771960.

Aus besseren Kölner Zeiten

Leider nicht Brian Large, sondern José Montes-Baquer ist die Aufzeichnung von Mozarts zum x-ten Male wiederaufgelegten Don Giovanni aus Köln zu verdanken, wo 1991 Michael Hampe inszenierte, nachdem er das Werk bereits  gemeinsam mit Herbert von Karajan 1987 bei den Salzburger Festspielen auf die Bühne gebracht hatte. Damals gab es eine Bombenbesetzung mit u.a.  Ramey und Varady, die Szene stammte von Mauro Pagano. Auch die Kölner Besetzung brauchte sich nicht zu verstecken, war doch die Zeit unter Michael Hampe und James Colon eine der besten des rheinländischen Hauses und konnte des öfteren mit Starbesetzungen prunken. Letzterer sorgte 1991 mit dem Gürzenich-Orchester für einen schlanken, durchsichtigen, dabei federnden Klang. Die Bühne und sogar die Kostüme sehen Don Giovanni als Nachtstück trotz des hellblauen Himmels, der im Kontrast steht zu den dunklen Gebäuden, selbst zu den raren, ebenfalls fast schwarzen Bäumen und den Kostümen (Carlo Diappi, Ulrike Zimmermann), allenfalls in Schwarz-Weiß für die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft. Die Regie respektiert Libretto und Musik, glänzt  durch viele Feinheiten in der Personenregie, so wenn Don Giovanni Donna Elvira einen Brocken zuwirft wie einem Hund („mangi con me“) oder wenn Donna Anna dem fliehenden Don Giovanni den Umhang entreißt und ihn ihm zum Schluss des ersten Akts als Beweisstück vor die Füße wirft. Leider zeigt sich die Video-Regie weniger einfühlsam, ganz besonders schlimm macht sich das beim Schluss-Sextett bemerkbar, wenn die Darsteller mit abgeschnittenen Füßen und nur als kleine, graue Nebelgestalten auszumachen, an der Rampe stehen.

Mit Thomas Allen sieht die Produktion einen der besten Don Giovanni der Achtziger und Neunziger auf der Bühne. Mit fast durchgehend schwarzer Perücke und ebensolcher Kleidung wirkt er ausgesprochen satanisch, kann auch ein teuflisches Grinsen aufsetzen und seinen schwarzen Umhang dämonisch wie ein Todesengel wehen lassen. Dazu singt er mit weichem Tonansatz, sehr verführerisch im Piano oder der mezza voce in der Serenade oder dem „La ci darem la mano“ und mit rasanter Virtuosität in der sogenannten Champagnerarie. Nur in seiner Schlussszene scheint er nicht über die von ihm gewohnten Kräfte zu verfügen. Sein Leporello hat mit Ferruccio Furlanetto noch die Rossini-Gewandtheit der frühen Jahre in der Stimme, erfreut durch ein beredtes Mienenspiel, durch basslastige Vollmundigkeit („ma in Spagna“) und eine vorbildliche Diktion. Ein sehr ansehnlicher und gar nicht langweiliger Don Ottavio ist Kjell Magnus Sandve mit schönem lyrischem Tenor, der auch mit den Koloraturen der zweiten Arie keine Probleme hat und  in „Dalla sua pace“ überhaupt nicht anämisch klingt. Ein überstattlicher Masetto mit reicher Stimme ist Reinhard Dorn. Matthias Hölle singt einen überaus markanten Commendatore.

Die Donna Anna von Carolyn James kann leider nur vokal mit einer weichen, kristallinen Sopranstimme leicht hysterischen Anstrichs erfreuen. Schön ist der leichte Schimmer, der auf ihr zu liegen scheint, sind es auch die mühelosen Schwelltöne, doch optisch bleibt sie auch wohl wegen der Leibesfülle zu statuarisch, zu unbeweglich im nicht vorhandenen Mienenspiel. In zärtlichen Tönen kann die Donna Elvira von Carol Vaness in den Rezitativen schwelgen, in den Arien geraten die Höhen  oft recht steif, die Intervallsprünge zu gewaltsam der Stimme abgezwungen. Darstellerisch allerdings schlägt sie ihre Kollegin um Längen. Eine sehr gute Besetzung für die Zerlina ist Andrea Rost, die auch an der Scala sogar als Traviata Furore machte und hier eine lieblich-kesse Bäuerin ist, die mit schöner lyrischer, nicht soubrettiger Stimme singt und die Verführbarkeit der jungen Braut hinreißend spielt.

Nicht nur wer keinen drogensüchtigen Don Giovanni im Nadelwald mag ist mit dieser hoch besetzten Aufführung gut bedient (Arthaus 102 319).

Ingrid Wanja

Don Davis: „Río de Sangre“

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Kleine Frage am Anfang. Was verbindet die Sciencefiction-Trilogie Matrix, die Kultstatus unter Filmfans genießt, mit der Oper Río de Sangre? Es ist der Komponist Don Davis. Der Amerikaner, Jahrgang 1957, ist eine Kapazität für Film- und Fernsehsoundtracks, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Im Klassikbereich aber ist er bisher weniger aufgefallen, es gibt vorwiegend Kammermusik von ihm, aber auch eine Symphonie und ein umfangreiches Chorwerk. Fehlte noch die Oper. Die Florentine Oper in Milwaukee gab Davis die Chance, sich in dem Genre auszuprobieren. 2010 erlebte dort Río de Sangre Premiere. Die Story ist, wen wundert es, packend und plakativ, eben filmreif. Sie handelt von kruden politischen Verhältnissen in einem fiktiven südamerikanischen Staat. Im Zentrum steht das Staatsoberhaupt Delacruz, der nicht nur durch Intrigen und Machtansprüche seiner Gegner das Amt verliert, sondern durch den Tod beider Kinder eine private Tragödie erlebt. Real sind die Ereignisse nicht, doch der Plot könnte tatsächlich so stattgefunden haben oder stattfinden. Das Ganze ist großes Drama, das sich im Sologesang allerdings wenig widerspiegelt. In das mehr oder weniger vorherrschende Konversationsparlando sind nur gelegentlich Arien eingestreut, vokal wirklich fesselnd sind nur die teilweise bombastischen Chöre. Viel spannender ist die Orchesteruntermalung, die die Szenen bildhaft illustriert – hier offenbart sich der gewiefte Filmmusiker. Davis mixt Minimal Music mit spätromantischer Üppigkeit und peppt sie mit südamerikanischen Tanzrhythmen auf. Die Meriten der Aufnahme, die auf der Uraufführungsproduktion basiert, liegen denn auch in der Souveränität und Vitalität, mit der Joseph Rescigno am Pult des Milwaukee Symphony Orchestra die ganze instrumentale Farbpalette ausreizt. Sängerisch erfüllt sie nicht höchste Ansprüche, nimmt aber durch die theatralische Atmosphäre für sich ein. Guido LeBron verfügt über einen stabilen Bariton, doch mangelt es ihm an Charisma für die umfangreiche Partie des Präsidenten. Sein Gegenspieler Guajardo ist bei dem scharfen Charaktertenor von John Duykers gut aufgehoben. Die bewegendsten Momente gehören Delacruz’ Gattin Antonia. Kerry Walsh singt die zwei großen Szenen, in denen sie um ihre beiden toten Kinder trauert, mit Hingabe und gut sitzendem Sopran. Von der Stimmfarbe unterscheidet sich Ava Pine als Tochter Blanca kaum von ihrer Mutter, nur klingt die Höhe angestrengter. Nicht allerdings beim Liebesduett mit Igneo, den Vale Rideout mit angenehmem Tenor ausstattet – da gewinnt der Sopran an Wärme. Gut konsumierbar ist Rio de Sangre allemal, doch solchen Kultstatus wie der enorm erfolgreiche Kinostreifen Matrix wird die Oper wohl nicht erlangen. Karin Coper

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Don Davis: Río de Sangre mit Guido LeBron (Christian Delacruz), Kerry Walsh (Antonia Delacruz), John Duykers (Jesùs Guajardo), Ava Pine (Blanca), Vale Rideout (Igneo), Mabel Ledo (Estella), Rubin Casas (Bishop Ruiz) u. a.; The Florentine Opera Chorus (William Florescu), Milwaukee Symphony Orchestra; Leitung: Joseph Rescigno; Albany Records, Troy 1296/97

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Nicht nur doppelt gemoppelt

Gleich zwei Bücher sind 2013 von Karl Löbl, dem Wiener Kritiker- und Operngiganten, erschienen, und wenn man das Nachwort des zweiten gelesen hat, wünschte man ihm von Herzen, dass er im gerade angebrochenen neuen Jahr auch noch das dritte, gerade in Arbeit befindliche vollenden kann, ihm die Krebserkrankung die Zeit dazu lässt. Das Schicksal wollte es anders. Karl Löbl ist am 27. Januar 2014 gestorben.

41iKGXOSIPLDer Balkonlöwe  nennt sich das eine Buch, das ihn mit wenig Haaren in einer der Logen der Wiener Staatsoper zeigt, Nach den Premieren das andere. auf dessen Cover er bereits kahlköpfig an einem Kaffeehaustisch sitzt. Eher den österreichischen Lesern zu empfehlen ist der Salonlöwe, denn hier geht es zunächst einmal um Kindheit und Jugend des Halbjuden in Wien, der 1943 seine Liebe zur Oper bei einem Troubadour entdeckt und ihr 70 Jahre lang treu bleibt. Das ist noch von allgemeinem Interesse, weniger der Weg des Journalisten durch die Zeitungslandschaft Wiens, durch seine Rundfunk- und Fernsehanstalten bis hin zum nicht nur Balkon-, sondern eher noch Kulturlöwen, wobei man nicht an das eher abfällige Salontiroler oder Salonlöwe denken mag. Wie ein roter Faden zieht sich durch beide Bücher die Geschichte von dem Interview, das einst Karl Böhm zur Demission als Operndirektor zwang und in dem er erklärt hatte, für die Staatsoper Wien würde er nicht seine internationale Karriere opfern. Da scheint dem Verursacher noch Jahrzehnte danach selbst bange vor der Macht der Medien zu werden. Eine ähnliche Bedeutung hatte dann wohl nur noch die „Kredenz auf Radln“, die Gertrud Grob-Prandl zu seiner Intimfeindin werden ließ. Siegreich bestand der Autor jedoch alle Prozesse von Beleidigten, so auch Tänzern im allgemeinen und Hans Beirer, der kein Dinosaurier genannt sein wollte, im besonderen. Neben „meinen Sängern“ (Jurinac, Di Stefano, Domingo u.a.), über die vieles auch im zweiten Buch zu lesen ist, „meinen Dirigenten“ mit interessanten Aussagen besonders über Karajan, Carlos Kleiber, Bernstein und Mehta, den 12 Operndirektoren der Wiener Staatsoper, die allgemein interessieren, gibt es auch viel über Chefs, Vorbilder und Kollegen zu berichten. Zum Verständnis all dessen braucht man schon recht viel Insiderwissen, weshalb noch einmal auf das zweite Buch verwiesen werden soll. Probleme der Programmgestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und den Stellenwert der Kultur wird auch der nicht-österreichische Leser als für ihn relevant erkennen können. Auch mit Anekdotischem wird nicht gespart wie dem Schreck Holenders, als ihm Thielemanns Mutter in der Direktorenloge offenbart, ihr Sohn würde nur einen Tristan und nicht die ganze Serie dirigieren. Der Verfasser ist sogar Urheber einer solchen, wenn er Holender  „Herr Niederländer“ nannte, nachdem dieser seinen Dramaturgen Wagner Trenkwitz mit „Müller Thurgau“ angeredet hatte. Viermal konnte sich der Autor selbst Hoffnungen auf den heiß begehrten Direktorensessel machen, ohne je darauf zu sitzen. Nostalgisch wird es, wenn Löbl den Profilverlust der Staatsoper, aber auch der Dirigenten und ihres jeweiligen Stils  und den Niedergang Salzburgs beklagt sowie die übergroße Verfügbarkeit von Musik heutzutage. Neben vielen anderen, die den Lebens- und Karriereweg Löbls kreuzten, wird auch Marcel Prawys gedacht, den er in gewisser Weise beerbte.

Der Untertitel des zweiten Buches (Nach den Premieren) ist Mein Leben in und mit der Oper, und so spielt diese hier auch eine noch größere Rolle als bereits im ersten Band. Da ist vom Figaro im Ausweichquartier der Staatsoper die Rede, als in Deutschland noch gekämpft wurde, von dem Interesse der Sowjets am Wiederaufleben der Kultur in der Viersektorenstadt, vom Konzert der Philharmoniker bereits am 28.4.1945. Auch die „gottbegnadeten Künstler“, die nicht eingezogen werden durften und den Nazis fast so wertvoll erschienen wie der „unersetzliche“ Furtwängler auf Hitlers Spezialliste, werden erwähnt. Triumphe und Niederlagen von Direktoren, Dirigenten und Sängern werden beschrieben wie der Streik wegen des „maestro suggeritore“, den Karajan nicht für seine italienischen Sänger durchsetzen konnte. Schmunzeln muss man, wenn man liest, dass Domingo 1973 erklärte, er wisse, wann er aufzuhören habe, und wenn man erfährt, dass der Tenor an einem Abend Luigi an der Volksoper und Canio an der Staatsoper sang. Ungeheuer reich ist das Wissen Löbls um das Wiener Musikleben, und er vermittelt es da am eindrucksvollsten, wo er selbst am Geschehen beteiligt war, während bei den Kurzbiographien vor allem der jüngeren Sängern ein Lexikon einen besseren Dienst leisten würde. Kleine Ungenauigkeiten sind dabei verzeihbar wie die Annahme, die Höflinge würden dem Duca mitteilen, sie hätten Rigolettos Tochter entführt, wenn Otto Schenk Janáceks Das schlaue Entlein 2014 inszenieren soll, wenn Flavio neben Norma auf der Bühne steht. Ghiaurovs nie erfüllter Wotan-Wunsch, Frenis ursprünglicher Name Fregni, Del Monacos Sprüche über Wagner bei seinem Siegmund in Stuttgart, Siepis Musical-Ausflüge – das alles liest sich ebenso spannend wie die Erzählungen über Baltsas, Cotrubas’ und Fassbaenders schlechte Erfahrungen mit Regisseuren oder ein Vergleich zwischen Nilsson und Mödl. Dankenswerterweise beschränkt sich Löbl nicht auf die großen Namen, sondern widmet sich auch weniger bekannten Sängern, die aber unverzichtbar für das Haus waren. Dass Luis Limas Karriere in Wien abrupt endete, weil sein Pass nicht verlängert wurde, wusste man ebenso wenig wie der Betriebsunfall bekannt war, dass gleichzeitig Karajan und C. Kleiber der Tristan angeboten wurde, wovon schließlich Bernstein profitierte. Ein besonderes Kapitel ist den Wiener Stimmen gewidmet, denen immer die besondere Sympathie des Publikums galt und gilt. Manches ist Statistik wie die 41 Wotane in Wien oder die 44 Jahre, die Taddei am Haus sang. Manches ist amüsante österreichische Spezialität wie der Kampf um die Bezeichnung „Generalmusikdirektor“, anderes wieder stammt aus Memoiren von Sängern, was verzeihbar, oder aus Interviews der Gattin Hermi Löbl, was hoch interessant ist. Aufgeklärt wird der Leser über den Unterschied Staatsopernorchester und Wiener Philharmoniker, über Stehplatzfreunde und -feinde, darüber, dass Max Lorenz eigentlich Max Sülzenfuß hieß. Auch der beste Kenner der Wiener Staatsoper wird noch etwas Neues über die Institution Wiener Staatsoper und ihren Chronisten erfahren (Der Balkonlöwe/ Seifert Verlag Wien ISBN 978 3 902424 00 und Nach den Premieren/Seifert Verlag Wien ISBN 978 3 902924 06 3).

Ingrid Wanja

Stefano Pavesis „Ser Marcantonio“

 

Stefano Pavesis (1779-1850) zählt zu einer Generation des Übergangs. Mit seinen über 60 Opern prägte er, mit Schwerpunkten in Neapel, Mailand und Wien, in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Gattungsentwicklungen von Seria, Buffa und Dramma giocoso maßgeblich mit. Er studierte mit Cimarosa und Piccinni in Neapel, ist in den antimonarchistischen Revolutionswirbeln Frankreichs zu finden, wurde Liebling und schließlich künstlerischer Erbe Giuseppe Gazzanigas in Venedig und 1820 Nachfolger von Antonio Salieri an der italienischen Oper in Wien. 1826 zog er sich in die Lombardei zurück und überließ das Feld den neuen Größen am Opernhimmel, allen voran Rossini.

Einer seiner großen, europaweiten Erfolge war Ser Marcantonio, ein zweiaktiges Dramma giocoso, das 1810 an der Scala in Mailand herauskam und es dort auf 54 Aufführungen brachte. Das Libretto von Angelo Anelli (der für alles was Rang und Namen hatte schrieb, Paër, Piccinni, Zinagrelli, Mayr, Mosca … ) griff dabei auf jenen beliebten Komödienstoff zurück, den Jean-Baptiste Rousseau in L’hypocondre, ou la femme qui ne parlait point verarbeitet hatte und der sich schon 1610 bei Ben Johnson in Epicœne, or The silent woman findet. Heute kennen wir den Stoff auf der Opernbühne vor allem aus Richard Strauss’ Die schweigsame Frau (1935) und Gaetano Donizettis Don Pasquale, der 1843 damit den Erfolg von Pavesis Version beendete.  Ein Schicksal, das den Opernstoffen zu einer Zeit als man sich noch auf Novitäten freute (und sie nicht fürchtete) regelmäßig zu Teil wurde. So wartet  etwa noch Pavesis Aschenputtel-Oper Agatina o La virtù premiata (1808), von der es 1987 bei Opera Rara eine Aufnahme unter David Parry gab und die ein klarer Vorläufer von Rossinis Cenerentola ist, auf  neues Bühnenleben.

Pavesis und Anellis Ser Marcantonio ist textlich und musikalisch eine typische Komödie der Jahrhundertwende, geprägt von der Goldonischen Komödien-Dramaturgie, mit klar gezeichneten Typen, den üblichen Intrigen, Verkleidungen und Verwechslungen. Die zwanzig Nummern sind durch secco-Rezitative miteinander verbunden, Situationskomik wechselt mit Kavatinen, Duetten und Ensembles. Die Musiksprache ist mit einfachen Melodien rhythmisch betont, die concertati bahnen Rossini den Weg.

In Pesaro hat man sich Anfang des Jahrtausends schon einiger Opern Pavesis besonnen und die beiden Farsas Un avvertimento ai gelosi (2001) und Il trionfo delle belle (2004) zur Aufführung gebracht. In Lugo hatte man bereits im Jahr 2000 den Ser Marcantonio wieder belebt und eine eigene Edition erstellt, daran hat man sich dann 2011 beim ‚Rossini in Wildbad’-Festival erinnert. Diese  Aufführung, die auch im Radio übertragen wurde, ist bei Naxos auf 2 CDs als Live-Mitschnitt erschienen. Das junge Ensemble hat dabei merklich Spaß an der Komödie. Die vermeintlich schweigsame Frau heißt hier Bettina und ist einem Contraalt anvertraut. Mit Loriana Castellano hat man dafür eine Sängerin gefunden, die mit ihrer dunkel gefärbten Tiefe ebenso für sich einzunehmen weiß, wie mit gekonntem Legato und verführerischen, pointiert gesetzten Koloraturen in bester Buffa-Tradition. Ihre virtuos gesungene Schlussarie (der dann freilich noch ein Finale folgt) nimmt formal schon deutlich Angelinas „Non piu mesta“  aus Rossinis Cenerentola vorweg. Matteo D’Apolito ist ihr Bruder Tobia, der die Verstellungs-Geschichte in Gang setzt, mit schelmischen Zwischentönen à la Figaro und energischem Bassbariton in dem entfernt an Mozarts Figaro-Grafen erinnernden Recitativo e Aria „Or capisco che siete un vile“ im zweiten Akt. Der geprellte Alte, der Titel gebende Ser Marcantonio, ist bei Marco Filippo Romanos hellem Bariton gut aufgehoben und verfällt dankenswerter Weise nicht der billigen Karikatur. Die Südwestdeutsche Kammerphilharmonie Pforzheim klingt unter Massimo Spadanos theaterwirksamer Leitung angemessen lebendig, stets zuverlässig in der Begleitung, mit differenziertem Klangbild, präzisen  Bläsereinwürfen und schönen Steigerungen. Eine gelungene Produktion, deren übrigen Rollen mit dem leichten, höhenschwachen Tenor von Timur Bekbosunov und den charakteristischen Mezzos von Silvia Beltrami und Svetlana Smolentseva für eine CD-Veröffentlichung allenfalls zufrieden stellend besetzt sind. Trotzdem, eine insgesamt schöne, verdienstvolle Wiederbelebung und ein weiterer Baustein in der Erkundung der unbekannten italienischen Oper des beginnenden 19. Jahrhunderts (Naxos 8.660331-32). Moritz Schön

Monsignys „Le Roi et le fermier“

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Wer kennt schon oder noch Pierre-Alexandre Monsigny? Umso verdienstvoller ist es, dass Naxos jetzt die Ersteinspielung seiner komischen Oper Le Roi et le fermier durch die amerikanische Orgabnisation Opera Lafayette (wieder in Kooperation mit dem Palazetto Bru Zane) herausgebracht hat, nachdem diese 2012 das Werk in den USA und in Frankreich aufgeführt hatte.

Statue Monsignys im heimatlichen Saint-Omer/OBA

Statue Monsignys im heimatlichen Saint-Omer/Wikipedia

La serva padrona) studierte er bei Pietro Gianotti, einem Kontrabassisten der Pariser Opéra, anhand von Rameaus Theorie Komposition. Schon bald hatte er erste Opern-Erfolge, die sich ab 1761 durch die Zusammenarbeit mit dem Librettisten Michel-Jean Sedaine ausweiteten. Die Französische Revolution brachte ihn um Amt und Vermögen; später lebte er von einer Pension der von ihm mitbegründeten Opéra-Comique. 1813 wurde Monsigny anstelle von Grétry Mitglied der „Académie des Beaux-Arts“. Die 1761 uraufgeführte Oper Le Roi et le fermier beruht auf der Grundlage des englischen „The King and the Miller“ von Robert Dodsley; in ihr werden komödiantische Elemente mit gesellschaftlich ernsten Themen vermischt. Ein König verliert seine Jagdgesellschaft in Sherwood Forest und läuft inkognito umher. Bei den Gesprächen mit dem einfachen Volk bekommt er heraus, was die Leute über Adel und den König denken. Darin eingebunden ist eine Liebesgeschichte, die natürlich in ein alle zufrieden stellendes Happyend mündet.

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Im Jahre 1780 wurde „Le Roi“ auch in Versailles aufgeführt; Königin Marie-Antoinette, die die Oper in Wien kennen und schätzen gelernt hatte, übernahm höchst persönlich eine der Hauptrollen. Die Bühnenbilder, die teilweise noch vorhanden waren, wurden für die Aufführung 2012 gründlich restauriert und wieder  verwendet. Die ausgesprochen farbenreiche Musik Monsignys, z.B. eine veritable, auf Rossini vorausweisende Gewittermusik oder festliche Bläserklänge zum Auftritt des Königs, werden vom Opera Lafayette Orchestra unter dem umsichtigen Ryan Brown mehr als nur angemessen wiedergegeben. Besonders gefällt, wie die durchweg federnden, geradezu galanten Rythmen und der tänzerische Grundduktus von Monsignys Musik getroffen wird. Das Gesangsensemble hat ordentliches Niveau, angefangen vom teilweise dramatisch auftrumpfenden Tenor von Thomas Michael Allen als König und dem angenehm timbrierten Bariton William Sharp als der Bauer Richard. Dessen geliebte Jenny singt Dominique Labelle mit sauberem, schön aufblühendem Sopran. Klarstimmig gibt Jeffry Thompson den Gegenspieler um Jennys Gunst Lord Lurewel. Mutter und Schwester des Bauern sind bei Delores Ziegler mit ausladendem Mezzo und der hellstimmigen Yulia van Doren gut aufgehoben. In den Rollen der beiden Jagdaufseher Rustaut und Charlot ergänzen mit passend lyrischen Baritonen Thomas Dolié und David Newman (2 CD NAXOS 8.660322). Gerhard Eckels

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Ein seltener Massenet für Kenner

Quasi als Epilog zu seiner Manon schrieb Jules Massenet etwa zehn Jahre später Le Portrait de Manon auf ein Libretto von Georges Boyer für die Pariser Opéra-Comique, wo das knapp einstündige Werk 1894 uraufgeführt wurde. Opera Rara hat in Verbindung mit dem Jette Parker Young Artists Programme eine szenische Aufführung im Linbury Studio Theatre am Royal Opera House Covent Garden 2011 live mitgeschnitten und veröffentlicht – damit ihrem stattlichen Katalog seltener oder unbekannter Titel eine weitere Trouvaille  hinzugefügt.

Im Stück erinnert sich Des Grieux anhand eines Porträts an die glücklichen Tage mit Manon und das tragische Ende seiner Geliebten. Sein 18jähriger Neffe und Schüler Jean gesteht ihm, dass er verliebt sei. Es ist die 16jährige Aurore, die Des Grieux an seine Manon erinnert, die er aber für seinen Neffen als nicht standesgemäß erachtet. Auch sein exzentrischer Freund Tiberge kann ihn nicht überzeugen. Der allerdings weiß, dass Aurore die Tochter von Manons Bruder Lescaut ist, was die verblüffende Ähnlichkeit mit Des Grieux’ ehemaliger großer Liebe erklärt. Und er gibt dem jungen Paar schließlich seinen Segen. Massenets Musik spielt raffiniert mit Zitaten aus seiner berühmteren Oper, ist ein lyrisch-flirrendes Gespinst von sublimer Textur und der Dirigent Geoffrey Paterson bringt die feinen Valeurs mit der Southbank Sinfonia zu großer Wirkung.

Des Grieux ist hier ein lyrischer Bariton, den ZhengZhong Zhou mit kultivierter Stimme von sinnlich-resonantem Ton singt. In seinem Solo „Souvenirs de Des Grieux“ übernimmt er Manons berühmtes Motiv ihres ersten Auftritts und lässt zudem deren spätere Themen anklingen. So auch in seinem „Cantabile“ gegen Ende des Stückes, das Zhou zärtlich-sanft, aber auch schmerzlich-nostalgisch gestaltet. Jean ist eine Travestierolle für einen Mezzo, wie sie das späte 19. Jahrhundert liebte, wenn es galt, jugendliche Liebhaber darzustellen. Man braucht hier nur an Octavian oder den Prinzen Charmant in Cendrillon denken. Hanna Hipp singt sie mit dunklem, recht reifem, ja strengem Timbre. In der Höhe spreizt sich die Stimme etwas und vermag insgesamt keinen jugendlichen Charakter zu evozieren, verleiht allerdings dem Verliebten mit leidenschaftlichem Vortrag (besonders im ausgedehnten Duett mit Jean) glaubhaftes Profil. Tiberge ist für einen Tenor komponiert (Pablo Bemsch mit viriler, erotischer Stimme), Aurore ist Susana Gaspar mit teils hübschem, teils herbem Sopran. Am besten gelingt ihr der Auftritt in Manons Kostüm, wo sie verführerisch „L’amour, ineffable mystere“ aus dem Off anstimmt.

Die Aufführung dieser Kammeroper mit den jungen Künstlern wurde ergänzt durch eine szenische Version von Berlioz’ Liederzyklus Les Nuits d’été in der vom Komponisten ursprünglich vorgesehenen Aufteilung der sechs Lieder für mehrere Stimmen. So hört man drei der vier Solisten noch einmal mit jeweils zwei Titeln. Der Tenor singt „Villanelle“ beherzt und zupackend, insgesamt vielleicht etwas übereilt, „Au cimetière“ dagegen ist in der wehmütigen Stimmung perfekt getroffen. Die Mezzosopranistin ist mit einem stimmungsvoll ausgebreiteten „Spectre de la rose“ und dem dunkel-geheimnisvoll intonierten „Sur les Lagunes“ zu hören. Der Sopranistin schließlich fallen „Absence“ und „L’Île inconnue“ zu, wobei sie ersteres schwebend und mit feinen piani vorträgt. Hier leitet Volker Krafft das Orchester mit Sinn für Farben und Kontraste. Wie stets ist die Präsentation der Ausgabe bei Opera Rara vorbildlich mit einem Booklet, das neben dem Libretto in Französisch und Englisch auch Szenenfotos der Aufführung in London sowie Porträts der beiden Komponisten enthält. Das Cover des Schubers schmückt ein Foto der Schriftstellerin Anaïs Nin, das in seiner Stimmung den Zeitgeist der Epoche stimmig wiedergibt.

Bernd Hoppe

 

Jules Massenet: Le Portrait de Manon (Zhou, Bemsch, Hipp, Gaspar; Southbank Sinfonia, Geoffrey Paterson)

Hector Berlioz: Les Nuits d’été (Bemsch, Hipp, Gaspar; Southbank Sinfonia, Volker Krafft) Opera Rara ORC47

 

 

 

 

„Wer ist so feig, der jetzt noch könnte zagen“

Stephan Märki und das Weimarer Modell  oder Der Kampf um ein Theater: Nicht um den Kampf der Schweizer gegen die Habsburger Fremdherrschaft geht es trotz des Zitats aus Schillers Wilhelm Tell in diesem Buch, sondern um den Kampf des Schweizer Intendanten Stephan Märki um den Bestand des Weimarer Nationaltheaters, das er zwölf Jahre lang leitete, ehe er 2012 nach Bern wechselte. Ihm und seinem „Weimarer Modell“ ist es zu verdanken, dass das traditionsreiche Haus, vor dem die Statuen von Goethe und Schiller stehen und in dem die erste demokratische Verfassung Deutschlands erarbeitet wurde, nicht zugunsten der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt abgewickelt wurde oder zumindest die Sparte Oper und damit die Staatskapelle verlor.

Nicht den engen Mitarbeitern sind die klarsten Aussagen über die Intendanz Märkis zu verdanken, sondern einem Juristen, einem Manager (Alexander von Witzleben)  und einem Journalisten (Hans Hoffmeister, wegen seiner Verdienste um den Erhalt des Hauses dessen Ehrenmitglied). Peter Raue, der den Vertrag für Märki aushandelte, beschreibt eindrucksvoll, wie Märki bereits in Potsdam versucht hatte, das dortige Musiktheater zu retten, wie er in Weimar eine Podiumsveranstaltung organisierte,  an der auch Richard von Weizsäcker und Antje Vollmer teilnahmen, und wie einen Tag danach der Stadtrat sich gegen die Pläne der Landesregierung, die Fusion beider Theater,  entschied. Raue ist es auch, der klar und  nachvollziehbar erläutert, welches die Grundelemente des Weimarer Modells sind, so der Austritt aus der Tarifgemeinschaft, die Einführung eines Prämiensystems  und die Verpachtung des Theaters durch die Stadt an die GmbH, zu der das Theater, das ab 2008 Staatstheater und damit finanziell gesichert ist,  umgestaltet wurde. Für Erfurt fiel mit dem wohl letzten deutschen Neubau  eines Opernhauses dank des Prestigestrebens der Landesregierung  auch ein dicker Brocken ab.

Den weitaus umfangreichsten Teil des Buches gestaltete Thomas Schmidt, seit 2003 Geschäftsführender Direktor des Nationaltheaters, der unter dem Titel „“Whatever works – ein Abschied in acht Sequenzen“ mit recht geschmäcklerischen Titeln, denen jeweils noch ein Vers voran gestellt ist, über die Zusammenarbeit mit Märki berichtet. Dabei erfährt man eigentlich mehr über den Verfasser und seine Verfassung als über den zu Würdigenden.  Immerhin liest man nicht nur etwas über den (von Schmidt) selbst aufgebrühten Tee und die schwarze Schlafcouch im Intendantenzimmer, auf der er (Schmidt) träumte, etwas, sondern auch über die wichtigsten Produktionen wie den Ring unter St. Clair, über Faust, den auf dem Rütli stattfindenden Wilhelm Tell, über Jenufa und  Lady Macbeth von Mzensk. Zwei Opern inszenierte Märki selbst: Tosca und Elektra.

Unter den vielen Autoren, die mal mehr Märki, mal mehr sich selbst würdigen, sind der Dramaturg und Operndirektor Karsten Wiegand, viele, die sich zu Schauspiel und Tanztheater äußern und hier nicht berücksichtigt werden,  Opernregisseur Michael Dißmeier, der u.a. über das spontane Engagement von Catherine Foster und die Tosca-Produktion berichtet, sowie Martin Hoff, der dies über die der Elektra tut, und der Gefeierte trägt selbst unter dem Titel „Das Prinzip Chefdramaturge – Geschichten einer Liebe“ zu dem Buch bei. Michael Schulz schreibt über das Weimarer Modell und über das Sängerensemble seiner Opernproduktionen wie des Don Carlo. Auch die Dirigenten der Ära Märki wie George Alexander Albrecht kommen zu Wort. Sogar in Tell nachempfundener Versform würdigt Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, den Scheidenden. Zwei Damen von den Grünen waren ebenfalls seine Mitstreiterinnen: Antje Vollmer und Katrin Göring-Eckardt und verbanden den Einsatz für Weimar mit dem Schätzenlernen des ehemaligen rasanten Rennfahrers als besonnenen Theaterleiter. Zum Schluss kommt noch einmal Thomas Schmidt mit „Zehn letzte Fragen“ zu Wort und erfährt auch viel Privates von Märki.  Als wichtiger jedoch bleiben die politischen und künstlerischen Aussagen im Gedächtnis, besonders dort, wo Politik und Kunst und das Ringen um Letztere gegen Erstere stattfinden. Ein sehr umfangreicher Bildteil macht das Buch noch wertvoller. Der Anhang bietet eine umfassende Chronik von Inszenierungen und Konzerten sowie ein Verzeichnis aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Theater der Zeit ISBN 978-3-942449-44-1).

Ingrid Wanja    

Leoncavallos „Mameli“

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Mit Nationalhymnen ist es so eine Sache. Sports- und Fußballfans werden manche dieser Melodien von bedeutenden Meisterschaften her kennen, aber kaum wissen, wer die Texte verfasst hat. Das dürfte auch für Italiens „Fratelli d’Italia“, auch „Inno di Mameli“ genannt,  gelten. Musikfreunde können nun mit Wissen punkten, wenn sie Ruggero Leoncavallos Oper Mameli, die gerade bei Bongiovanni veröffentlicht wurde, erwerben.

Denn in ihr geht es um eben jenen Autor der Hymne, den italienischen Dichter, Patrioten und Garibaldianhänger Goffredo Mameli, der 1849 mit nur 21 Jahren bei der Verteidigung der Republik Rom an den Folgen einer Verletzung starb. Natürlich erklingt das Hymnenthema auch mehrmals in der Oper, die 1916 während des ersten Weltkriegs in Genua uraufgeführt wurde. Mit Riesenerfolg, denn Hintergrund des Stücks ist die historische Unabhängigkeitsbewegung Italiens und die Verteidigung der Römischen Republik, was das Publikum zu Recht als Anspielung auf die aktuelle politische Lage verstand – zu diesem Zeitpunkt tobten die Isonzo- Schlachten gegen Österreich und das Land hoffte auf einen Sieg der eigenen Armee.

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Zu Leoncavallos Oper: Der Freiheitsheld Goffredo Mameli/ Wikipedia

Mameli spielt 1848/49 und behandelt zwei romantisch ausgeschmückte Episoden in der Vita des Revolutionärs: seine Flucht aus Mailand während der Märzrevolution, die verknüpft wird mit der Liebesbeziehung zu Delia, der Tochter des Genossen Terzaghi, und seinen Tod während der kämpferischen Auseinandersetzungen in Rom. Leoncavallo zeigt sich in dem 90-minütigen Werk von seiner effektvollsten Seite, die Musik ist geprägt von Pathos, Patriotismus und kämpferischem Geist. Hoch emotionale, melodisch überschwängliche Arien, Duette und Terzette, untermalt von einer stürmischen Orchesterbegleitung, reihen sich pausenlos aneinander und sorgen für eine Dauerspannung. Silvio Frontalini, der sich nicht das erste Mal für unbekanntes veristisches Repertoire einsetzt, ist auch bei Mameli mit Enthusiasmus und Leidenschaft bei der Sache, auch wenn ihm das ukrainische Orchester nicht immer homogen folgt. Antonio De Palma macht als Titelheld vokal beste Figur. Er singt sich ohne Ermüdungserscheinung mit robustem, heroischem Tenor und viel Emphase durch die anstrengende Partie. Lorenzo Battagion als Terzaghi trumpft gleich zu Beginn mit einem flammenden Kampflied auf und lässt auch im weiteren Verlauf die Vorzüge eines kraftvollen Baritons hören. Weniger gut steht es um Natalia Margarit, Proteée/Gattin des Dirigenten und bereits in früheren Aufnahmen durch ihre riskante Stimmverfassung bekannt, deren Sopran von stimmlicher Frische weit entfernt ist. Einige Spitzentöne sind imposant und auch an Durchschlagskraft fehlt es ihr nicht, doch ihre unorganische, unkultivierte Tonproduktion ist mehr als gewöhnungsbedürftig. Das ist umso bedauerlicher, weil der Dirigent nur mit ihr diese vielen spannenden Titel der Opernliteratur eingespielt hat (so Ponchiellis Promessi sposi ebenfalls bei Bongiovanni und andere mehr). Die übrigen Rollen sind Staffage und nur mäßig besetzt. Der reißerischen Wirkung Mamelis tut dies aber keinen Abbruch. Karin Coper

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Ruggero Leoncavallo: Mameli mit Antonio De Palma (Mameli), Lorenzo Battagion (Carlo Terzaghi), Natalia Margarit (Delia), Barbara Vivian (Gräfin Belgioioso), Luciano Grassi (Enrico & Emilio Dandolo/ 1. & 2. ufficiale), Giampaolo Vessella (Luciano Manara/ Un sergente austriaco/ 3. ufficiale); Coro Monti Verdi di Tirano & Coro la Réit di Bormio;  Orchestra Filarmonica Nazionale Ucraina di Donetsk; Leitung: Silvano Frontalini; Bongiovanni GB 2457-2

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Sie wäre neunzig geworden…

Maria Callas wäre am 2. Dezember 2013 neunzig Jahre alt geworden. Sie gilt als die ‚Primadonna assoluta‘ des 20. Jahrhunderts; am 16. September 1977 verstarb die Operndiva einsam in ihrem Pariser Appartement.

Das sind die Eckdaten eines allzu öffentlichen Lebens, über das absolut alles gesagt worden ist, das zum Hauhaltswort jedes Opernbegeisterten und vieler anderer geworden ist, die über ihre Gewichtsprobleme, ihre Liebessehnsucht, ihr Lebensunglück, ihre Karriere und ihre Familienverhältnisse mehr wissen als über ihre Kunst. Und ganz ehrlich – es ist die Kunst dieser großen Interpretin, dieser ersten Sängerin der Moderne im 20. Jahrhundert, die noch heute zu uns spricht. Mir ist es egal, ob sie mit Onassis schlief und mit Meneghini nicht, ob sie ein uneheliches Kind oder eine Abtreibung hatte, ob sie gemein zu ihrer Mutter war oder umgekehrt unter dieser litt, ob sie Skandale provozierte (sie war wie alle kreativen Menschen hoch sensibel und eben hochempfindlich, aber unendlich zuverlässig). All das hat nur sekundär etwas mit der einmaligen interpretatorischen und instinktiven Kraft zu tun, die man noch heute in ihren Dokumenten hört. Denn eben diese sind es – ausgekocht, zu häufig durch Computer  geschickt, überkommerzialisiert und allgegenwärtig bis zum Erbrechen ob in Schnipseln, Auszügen, Gesamtaufnahmen mit und ohne Rauschen -, die uns als Zeugnis dieser fast seherischen Kraft überliefert sind. Alles andere ist Projektion, Ausbeutung, Willkür. Ist zu oft Material für jene, die kaum etwas mit Musik und Kunst zu tun haben. Wie sagte eine berühmte Kollegin so richtig (in unserem Interview): “ Ich fülle das leere Leben vieler Fans!“ und da hatte sie wirklich recht. Und was die Einschätzung des Callas-Mentors betrifft: Tullio Serafin hielt die Ponselle für die größte Sängerin seines Jahrhunderts, nicht M. C.. Dennoch hat kaum keine in ihrer Generation so sehr das Repertoire geöffnet wie sie, neue Opernpartien einstudiert und ein ganzes Segment des Vergessenen ans Licht gehoben.

Und auch das ist ein Aspekt meiner Callas-Rezeption: Ich höre sie mir heute kaum noch an. Ich hatte meine Callas-Total-Phase von mehr als 40 Jahren, als ich mich ihr Tag und Nacht auslieferte (diese wunderbaren Livemitschnitte aus den USA, als die LPs noch 25.- DM kosteten und ich mir als armer Student das Geld dafür vom Essen absparte), ihre Stimme so verinnerlichte, ihre Interpretation mich so beherrschte, dass ich sie heute kaum noch auflege, selten ans Regal gehe, um ihre CDs herauszuholen. Ich hab sie einfach in mir, in meinem Kopf und meinem Ohr, ich kenne fast jede Phrase. Und ich habe kürzlich vieles an (für mich) Lässlichem, Entbehrlichem wieder fortgegeben, vor allem die späten Aufnahmen aus London und Paris, die für mich nicht so gültigen Mementi live in Athen/Stuttgart/Hamburg/Berlin usw., in Amerika, die Tourneen, auch die ganz frühen Dokumente in Mexico oder Buenos Aires, ihre Duette mit Pudel oder ihre beklagenswerten Auftritte am Juilliard College, wo sie ihre brüchige Stimme noch einmal vorführt und zeigt, wie gering ihre pädagogische Begabung und ihr Selbstbewusstsein waren.

Mich interessieren ihre Dokumente als Widerhall ihrer Kunst und ihres Willens zum individuellen Ausdruck. Und die teilen sich in drei Gruppen – in die frühen, kraftvollen von 1949 bis ca. 1955, in die passablen, erträglichen und immer noch überraschenden bis 1957 und in die unerträglichen, bemitleidenswerten, tränentreibenden bis zum Schluss – wir sprechen von maximal 15 Jahren! Je dünner die Stimme wurde, desto pathetischer das Resultat, denn der Wille reichte zum Schluss nicht mehr aus, wie man den herzergreifenden Mitschnitten der Abschiedstournee entnehmen kann und wie sie sicher selber erkannte. Je mehr die Frau Maria Callas hervortrat, desto blasser wurde die Künstlerin. Oder anders herum: Je unbedingter sie sich der Musik zuwandte, desto etonnanter, nachdrücklicher war ihre Kunst.

Meine Lieblingsaufnahmen sind daher die frühen, die das Versprechen aufzeigen, etwas ihre erste Gioconda von 1952 bei der Cetra, überhaupt die Cetra-Aufnahmen der ersten Stunde (1949) mit den ganz wunderbaren Auszügen aus den Puritani, dem bis heute unerreichten Liebestod der Isolde (in Italienisch, so wie sie weise alles in Italienisch und später leider in rollendem Französisch sang – ihre Carmen von 1964 gehört zu meinen Albträumen). Ihr Parsifal 1950 und ihr Live-Nabucco 1949 profitieren von diesem Versprechen in der dunklen, üppigen Stimme, von diesem tastenden Gestaltungswillen, bei dem die schiere Kraft eben noch die Oberhand hat und sich nachdrücklich und sensationell durchsetzt, fast brutal im Macbeth 1952 – was der Rolle der Lady eine bis heute unerreichte Authentizität gibt. Niemand nach ihr hat das je wieder so gesungen, und das ist ein Attribut, das für einige ihrer Rollenproträts bis heute gilt. Die Phrase „In vostra man`“ aus den Vespri unter Kleiber 1951 ist mir wie eingebrannt im Hirn, „La luce langue“ aus dem Macbeth 1952 an der Scala ebenfalls – das hat das niemand nach ihr so gemacht, selbst die von mir hochverehrte Scotto nicht (und dieses unglaubliche „Ho dato tutto a te“ aus der Norma geht mir bis heute nach, vom ordinär-elementaren „Suicidio“ aus der Gioconda 1 ganz zu schweigen).

Es sind diese frühen, experimentierenden Versuche zu einem eigenen Ausdruck, die durch die geballte power hindurch scheinen, die sich dann in den Belcanto-Rollen zeigen, wie die unglaubliche Anna Bolena von 1957 (eine ihrer Sternstunden) mit dem fast unanständig ausgehaltenen „Giudici ad Anna, ad Anna?“, wo die Welt erst still steht und dann explodiert. Von den vielen Lucia di Lammermoor-Mitschnitten ist mir der aus Rom 1957 der liebste (unter Serafin/Melodram/Arkadia), mehr noch als der aus Berlin unter Karajan 1955 (das ist mehr Karajans Show) – in Rom ist sie kränklich und rafft alle ihre und ihr bewusste Kunst zusammen. Man hört die Künstlerin, die ums Überleben kämpft und aber auch alles aufwendet dafür – eine absolut große Leistung. Und natürlich die Norma – die Rolle, in der ich bis heute kaum eine andere Sängerin hören kann. Es gibt viele Aufnahmen von ihr damit, die wichtigste scheint mir die von der RAI/Cetra 1955 zu sein, im Sommer vor der Eröffnung der Scala mit Stignani und dem wirklich seriösen Del Monaco, der mal nicht brüllt (es gibt auch einen Video-Clip daraus). So konzentriert, so rollengerecht, so hochdifferenziert und stimmlich in Bestform kenne ich keine andere Norma-Einspielung von ihr (und anderen). 1955 ist für mich der Apex ihrer Karriere, von da an geht´s sukzessive bergab. Wobei man immer vergisst, wie lange die Callas wirklich aufgetreten ist, nämlich schon in den deutschen Besatzungszeiten Athens, immer voll aussingend und sich in den Proben auch nie schonend, das macht eine Stimme nicht langlebiger. Sie war eben keine Kalkulierende, sondern eine Brennende.

Ich würde fast immer die Live-Aufnahmen vorziehen, wenn es Alternativen zu Studioaufnahmen gibt und würde bei den Studio-Aufnahmen absolut immer die Naxos-Überspielungen haben wollen. Sie sind von den alten LPs abgenommen und werden dem originalen, etwas trockenem Klang gerecht, der die Stimmen voranstellt und Tiefe und Fülle besitzt. Man hört sogar auf den Puritani die Straßenbahn wieder um die Scala rumpeln. Die EMI hat keinen guten Job mit den Callas-Schätzen gemacht. Die beiden Veröffentlichungsschübe Ende 1990 und 2000 (blaue und schwarze Edition und dann nochmal die Großschuber Anfang dieses Jahrhunderts) sind lieblos durch die Einheitsmaske eines Equalizers geschoben. Und der Skandal, den Macbeth mit ihr erneut in der mit der Stimme der Gencer geflickten Version herauszugeben (Finale 1. Akt), ist schon bezeichnend.

Inzwischen sind die Live-Aufnahmen weitgehend bei der EMI (heute Warner) gelandet, auch da ziehe ich in fast allen Fällen die älteren Melodram-Ausgaben vor, zumal Stephan Felderer, Sohn der Firmenchefin Ina del Campo, ein begnadeter Tontechniker war/ist und zum Beispiel aus der Rossinischen Armida Wunderwerke an Informationen herausholte. Natürlich ist die De-Sabata-Tosca von 1955 mit der Callas wunderbar und einmalig und auch als Rolle unerreicht bis heute, natürlich ist sie hoch effektvoll in der Cavalleria (1954 in den „fetten“ Jahren, so oder so gemeint), und selbst als Butterfly (1955 unter Karajan) zeigt sie Facetten der Partie auf, die ich so woanders nicht höre, wenn ich sie höre (s. oben). Sie ist für mich eine der spannendsten Elviren in den Puritani (1953 bei EMI unter Serafin – jung, und süß und sogar höhensicher), eine ravissante Leonora im Trovatore (1956 ebenfalls unter Karajan), auch eine spannende Turandot (menschlich und sehr differenziert und eben keine Brüllmaschine/1957 unter Serafin mit der zickigen Schwarzkopf fehlbesetzt wie auch die Ludwig in der 2. EMI-Norma mit dem glorios-stentoralen Corelli). SonnambulaPuritaniAnna Bolena, Lucia di Lammermoor sind die Belcanto-Hinterlassenschaften der Sängerin und zeigen sie im Kern ihres Schaffens. Die kaum wirklich hörbaren Auftritte bei Gluck lasse ich mal aus, das ist nur was für Hordcore-Fans. Wobei man auch gern  die eindrucksvolle Medea vergisst, von der es viele gibt und wo ich die Ricordi/Mercury/Cetra/EMI-Aufnahme vorziehen würde (1957 unter Serafin mit dem rollendeckenden Mirto Picchi als Giasone), weil sie die klassizistische Vorlage des Werkes voranstellt und nicht wie woanders das veristische Element der Bastard-Bearbeitung darüberstülpt. Natürlich soll man einzelne andere nicht vergessen. So den Barbiere di Siviglia, wo das „Ma…“ der Callas in ihrer Auftrittsarie Geschichte geschrieben hat und man sie auch mal humorvoll erlebt (EMI 1957). Auch die bewusste Aida (1951) aus Mexico mit Del Monaco, den sie auf der hohen Note aushungert, ist eine Erwähnung wert, sicher auch ihre anderen Verdi-Partien, aber da finde ich sie nicht so einzigartig, „nur“ interessant. Das gilt auch für den Pirata New York 1957 und den Poliuto (dto., Scala mit einem fetzigen Corelli).

Und schließlich ist da die Traviata, die sie nach frühen Erfahrungen in Südamerika wie eine Blaupause erstmal bei der Cetra 1953 einspielte (das Exklusivpaket mit Arien, Gioconda 1 und Traviata) und wo die gestalerische Kunst hinter der aus den Nähten knackenden Robustheit zurückbleibt – Violetta pumperlgesund, aber doch schon mit einem Krankenschein in der Hand. Aber es gibt so viele aufregende Versionen der Partie, namentlich die unter Giulini an der Scala in der berühmten Visconti-Produktion 1955 (EMI, Melodram und viele andere), und die sie wie bei der Norma im selben Jahr in ihrem Zenit zeigt, in der unglaublichen Balance zwischen Kunst und Können.

An Einzelaufnahmen liebe ich neben den erwähnten Cetra-Erstaufnahmen ihre früheren EMI-LPs/CDs, so die herrlichen Puccini-Arien unter Serafin (1954), die dto. „Lyric & Coloratura Arias“„Callas alla Scala“ (1955 Serafin, und was für ein ungewöhnliches Programm!), sogar die schon angegriffenen „Mad Scenes“ (1958 unter Rescigno, diese wie die vorhergehenden inzwischen im Großschuber der EMI, Callas als Stapelwaren eben). Die späteren Einzel-LPs/CDs sind gewöhnungsbedürftig und ich höre da zuviel rohes Fleisch.

Es gibt eine Theorie (von Harold Rosenthal, dem Begründer des englischen Opernmagazins Opera und eminenter Stimmenkenner seiner Zeit), dass die vielbeschworene Belcanto-Ausbildung der Callas bei Elvira del Hidalgo in Athen die ursprünglich riesige Stimme der Callas wie durch ein Nadelöhr zwängte und dadurch zwar wendig, aber auch klein machte, so als ob man einen Jeep mit einem Porsche-Motor versehen würde, was zur Kurzlebigkeit der Stimme beitrug. Darüber kann man sich streiten, wenngleich die Dokumente aus der üppigen, robusten Nachkriegsphase dem zuarbeiten würden. Es gibt aber noch eine Anekdote um Rosenthal, der – befragt zu seiner Meinung zur Callas-Norma in London 1952 – antwortete: „Wonderful, but isn´t it sad?“ und andeutete, dass er den kommenden Verschleiß bereits hören konnte – eine weitsichtige Bemerkung.

Was bleibt – bei allen Hinterlassenschaften der Callas (und ich rede jetzt auch von den zum Teil sehr altmodisch anmutenden Video-Dokumenten aus London, Paris und andernorts – wenngleich es aus Paris das „Concert idéal“ von 1958 mit einer absolut charismatisch-leuchtenden Callas unter Georges Prêtre gibt), ist eine Handvoll an Aufnahmen, die sie in ihrer unbestrittenen Glorie zeigen – modern in punkto Rollenauffassung, hochindividuell und leiser, intensiver, menschlicher als viele Stimmen ihrer Zeit in der Folge des Klangideals des italienischen Faschismus (Gina Cigna und Kollegen), entdeckungsfreudig und stets frisch in der Interpretation, unverkennbar und ungeheuer intensiv. Vielleicht so intensiv, dass sie mich verfolgt, dass ich sie nicht nebenbei spielen kann, dass ich zuhören muss. Sie hat ganz sicher die Welt der Oper verändert, hat etwas Eigenes, Unverwechselbares geschaffen. Aber sie hat es nicht verdient, von vielen nur zur Projektionsfläche wie ein Popstar gemacht zu werden, ihr Nachleben auf Fotos zwischen klebrigen Plastikhüllen zu verbringen, nur Kommerzware auf Grabbeltischen zu werden, quergeschnitten und ausgekoppelt für Kaffee-Reklame oder als Objekt der Selbstdarstellung missbraucht zu werden (ich erinnere mich genau an die Callas-Schwester Jackie mit deren Riesen-Smaragd-Collier auf der faltigen Brust bei einer Pressekonferenz morgens um 11.00 in Mailand). Das, was sie heute nur noch zu sein scheint, war sie sicher nicht. Geerd Heinsen

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Und auf Arte/Arthaus DVD: Der Filmemacher Philippe Kholy gestaltete sein Porträt der Diva auf Arte als großangelegten biografischen Roman über ein außergewöhnliches und am Ende tragisches Schicksal. Zahlreiche Archivausschnitte zeigen die Callas auf der Bühne, im Interview aber auch als Mitglied der High Society, zusammen mit Aristoteles Onassis oder Grace Kelly. In diesem Dokumentarfilm offenbart sich die unergründliche Doppelnatur der Callas. Sie ist die strahlende Heldin der großen Bühnen der Welt, von der Mailänder Scala über die Metropolitan Opera bis zur Pariser Oper, die Künstlerin, die sich mit harter Arbeit und eisernem Willen ihre Rollen erarbeitet. Sie ist aber auch die ungeliebte Tochter ihrer Mutter, die emotional Abhängige, die in Aristoteles Onassis ihren Traumprinzen ersehnt und am Ende an diesem Traum zerbricht. „Callas Assoluta“ lässt eine tragische Heldin wieder aufleben, der alles im Übermaß zuteil wurde: eine unvergleichliche Stimme, musikalische Begabung, Zielstrebigkeit, Ruhm und Ehre, aber auch Enttäuschung und Einsamkeit. Auf DVD bei Arthaus (101-476 Bluray) – absolut habenswert!

Steffanis „Alarico il Batha“

 

Seit dem „Steffani-Projekt“ von Cecilia Bartoli und Diego Fasolis mit seinem Ensemble I Barocchisti bei der Decca, das mit Opernarien und geistlichen Werken von Agostino Steffani bekannt machte, ist der Komponist wieder im Gespräch. Kürzlich gab es aus dem Sendesaal Bremen eine Übertragung seiner Niobe, die sicher bald den Weg auf die CD finden wird.

Da kommt eine Veröffentlichung der italienischen Forma CONCERTO, die sich dem gänzlich unbekannten Dramma per Musica des italienischen Komponisten, Alarico il Baltha, cioè l’Audace, Rè di Gothi, widmet, natürlich sehr gelegen, möchte man von seiner Musik doch möglichst viel hören. Die Initiative des Scarlatti Camera Ensembles ist also durchaus lobenswert und verdienstvoll. Die Interpretation des Werkes, das wie die Niobe 1687 entstand und in Frankfurt/M. uraufgeführt wurde, allerdings ist eine große Enttäuschung, um nicht zu sagen ein Ärgernis. Da sind derart dilettantische Sänger am Werk, dass man sich in einer Laienaufführung wähnt. Dabei ist der Einstieg mit einer vom Ensemble inspiriert musizierten Ouvertüre durchaus viel versprechend, wie denn die Einspielung überhaupt orchestral ihre Meriten hat. Die getragenen Passagen erklingen mit sublimer spielerischer Kultur und feierlichem Ernst, die dramatischen mit den Emotionen des Zornes, der Rache und Eifersucht mit gebührendem Furor. Im Werk finden sich einige von Melchior d’Ardespin komponierte Tänze, wie jener der Thrakier am Ende des 1. Aktes, der der Kavaliere am Schluss des 2. oder der festliche Tanz der Soldaten zum Finale, die mit Delikatesse und rhythmischer Verve ertönen. Grandios die Trompeten, die beispielsweise den ersten Auftritt des Titelhelden glanzvoll und festlich ankündigen.

Alarico ist König der Goten, der vom Hauptmann der römischen Armee, Stilicone, besiegt, in dessen Palast aber freundschaftlich aufgenommen wurde. Stefania Maiardi ist mit dieser heroischen Titelrolle hoffnungslos überfordert, singt sie mit strengem Mezzosopran von knapper Höhe und jammerndem bis heulendem Ton. Sucht sie im Ausdruck die Vehemenz, klingt sie keifend und schimpfend (so in „Su su begl’occhi alteri“ gegen Ende des 1.Aktes). Beim nachfolgenden „Perdonatemi“ scheitert sie an der Tessitura, es liegt ihr eindeutig zu hoch. Das Finale des Aktes schließlich ist der traurige Offenbarungseid einer Sängerin in hilfloser Überforderung. Will man ein einziges positives Detail anmerken, so dieses, dass man den hysterisch vibrierenden Ton im letzten Aufzug als Ausdrucksmittel werten könnte. Noch schlimmer Guerino Pelaccia als Stilicone, der mit gequältem Tenor einen unbeschreiblichen Klangbrei produziert, mit den Koloraturen überfordert ist und einzig in den Rezitativen erträglich wirkt. Mit Semiamira, Königin von Thrakien, die Alarico liebt, hat er im 3. Akt ein Duett zu singen, das einen Tiefpunkt der Aufnahme darstellen dürfte. Denn auch Loretta Liberatos Gesang ist eine Prüfung. Mit ordinären Brusttönen versucht sie Effekt zu machen, lässt jaulende Koloraturen hören und ist mit ihrer Altstimme dafür ohnehin zu schwerfällig und holpernd. Den römischen Kaiser Honorio gibt Lee Ji-Young mit einem Mezzo, der zwar kein Gesicht hat, aber immerhin in der Stimmproduktion und im Vortrag eine solide Leistung erbringt. Ihre Arie im 2.Akt („Hor che mi torni“) singt sie ohne Tadel. Honarios Schwester Placidia, die von Alarico wegen ihrer Schönheit begehrt wird, ist mit der Sopranistin Won Mi-Jung Capilupi einer der wenigen vokalen Lichtpunkte der Aufnahme. Da hört man eine jugendliche Stimme von weichem, rundem Ton, die genügend Flexibilität besitzt für die Koloraturketten und damit keinerlei Mühe hat. Besonders klangvoll gelingt ihr „Dove mai“ im 2. Akt, das zudem mit tiefer Empfindung vorgetragen wird. Dann gibt es noch die römische Patrizierin Sabina, die Stilicone ehelichen soll, aber Honario liebt. Maria Carla Curìas herber Sopran heult sich zunächst larmoyant durch die Partie und kann erst im 2. Akt mit einem beherzt gesungenen „Han battaglia“ und beim wiegenden, von der Flöte lieblich umspielten „Palpitanti“ punkten. Sabinas Vater Pisone ist mit Luca Casagrande ein Besetzungsunglück der unglaublichen Art. Wie ein Laiensänger unter der Dusche säuselt, mauschelt und heult sich der Bariton durch die Partie – mit einer Stimme ohne Sitz und Kern, mit intonationstrübem, dumpfem, ersticktem Klang. Man kann diesen Auftritt nur als unfreiwillige Gesangsparodie werten. Zum Glück gibt es noch Marco Democratico, der als Honorios Sklave Lindoro für all die gesanglichen Qualen auf diesen drei CDs entschädigt. Mit seinem sonoren Bass von substanzreicher Tiefe und pointiertem, farbigem Gesang gelingt es ihm überzeugend, dieser buffonesken Figur des Stückes (in Leporello-Nähe) plastischen Umriss zu verleihen, indem er beispielsweise die Koloraturen als spöttisches Gelächter umsetzt. Man hat dieser Weltpremiere mit großer Erwartung entgegen gesehen und ist nun umso enttäuschter über die Veröffentlichung. Es hat wohl seinen Grund, dass CONCERTO erst jetzt die bereits 2004 von Centaur Records produzierte Oper herausbringt.

Bernd Hoppe

 

Agostino Steffani: Alarico il Baltha, cioè l’Audace, Rè de Gothi (Maiardi, Curìa, Ji-Young, Casagrande, Liberato, Capilupi, Pelaccia, Democratico; Scarlatti Camera Ensemble) CONCERTO CD 2039-3 (3 CD)

 

 

Für den Gabentisch

Eine eigene Homepage nennt Fratello/Friar Alessandro aus Assisi sein Eigen, und auf Facebook ist er ebenfalls vertreten, nicht aus schnöden Gelderwerbsgründen, denn die Einnahmen auch aus seiner zweiten CD „Voice of Joy“ werden seinem Franziskaner-Orden zugute kommen. Rechtzeitig zum Fest bringt die Decca Weihnachtliches aus vielen Zeiten und Ländern auf den Laden- und möglichst auf den Gabentisch. Der Tenor wurde von den Mitbrüdern entdeckt, zu seinen weltlichen Zeiten war der junge Mann eher dem Schlagzeug zugeneigt, und jetzt singt er mit einer klaren, frischen Naturstimme und freut sich dessen, wie die umfangreichen Danksagungen am Schluss des Booklets mit vielen schönen Fotos des singenden Mönchs bezeugen. Sogar „Everyone who likes beauty“ wird da mit einbezogen. Solange sich die Stimme im Mezzoforte bewegen kann, klingt alles angenehm, besonders bei den volkstümlichen Gesängen. Wenn ein Piano erforderlich ist wie bei „Stille Nach“, hier aber als „Douce Nuit“ gesungen, dann verliert der Tenor an Farbe und erscheint substanzlos. Nimmt man indessen das Ganze als Laiengesang, bei dem Glaube und Inbrunst die Maßstäbe sind, dann stört die häufig sehr kitschige Weichspülbegleitung, noch mehr süßliche Knaben- und andere Jubelchöre. Das einzige in deutscher Sprache gesungene Lied, „O Tannenbaum“, wird mit starkem Akzent dargebracht. Es fällt wegen seines nichtreligiösen Inhalts, nicht aber durch ein Durchbrechen des Anbetungsenthusiasmus aus dem Rahmen. Auch ein gewisser George Frideric Handel darf nicht fehlen, aber sehr viel mehr gefallen die volkstümlichen, der Stimme angemessenen Tracks, so „Madre en la Puerta“, da sich dort nicht wie zum Beispiel wie beim ach so beliebten „Ave Maria“ (Bach, Gounod) andere Hörgewohnheiten eingenistet haben. Manch einen wird die CD zum Weihnachtsfest erfreuen. Selber singen ist allerdings besser (Decca 4810507)..

Ingrid Wanja