Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Pietro Generalis „Adelaide di Borgogna“

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Wenig zu tun hat die Opernheldin Adelaide di Borgogna mit einer der wichtigsten Frauen der deutschen Geschichte überhaupt: Adelheid, erst von Burgund, danach in erster Ehe Königin von Italien und in zweiter Ehe Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation als Gattin Ottos I.. Nach dem frühen Tod ihres Sohnes sicherte sie gemeinsam mit ihrer oströmischen Schwiegertochter Theophanu ihrem Enkel die Herrschaft, bis dieser alt genug war, als Otto III. den Thron zu besteigen. Sie war eine der klügsten und einflussreichsten Frauen ihrer Zeit, mildtätig und beteiligt an den wichtigen Reformen von Cluny.

Nach ihrem Tode wurde sie heilig gesprochen. In Pietro Generalis Oper, die 2012 in Rovigo aufgeführt und von Bongiovanni in der Reihe Novità del Passato auf CD gebannt wurde, wird sie lediglich ihrer Schönheit wegen gepriesen und begehrt – und wegen ihres italienischen Erbes. Ihr Gatte Lothar von Italien wurde vergiftet, als sie zwanzig Jahre alt war, die wahrscheinlichen Mörder Berengar (Vater) und Adalbert (Sohn) wollen sie zur Heirat zwingen, wovor sie, nachdem sie sich auf die Burg Canossa geflüchtet hat, Ottos Eingreifen befreit. Generali, ein Konkurrent Rossinis und Zeitgenosse Mayrs, Cherubinis und Spontinis, ließ sich von Luigi Romanelli das Libretto zu seiner Adelaide schreiben, während das von Rossinis gleichnamiger Oper mit gleicher Handlung von G. Schmidt stammt. Eher an Rossini als an Donizetti lehnt sich die Musik Generalis an, so in der Art der Verzierungen oder dem Finale II, das keine Ensembleszene ist, sondern an das der Cenerentola erinnert, während das erste Finale von raffinierter Komplexität ist. Auch die virtuosen Arien der Solisten gemahnen stark an den Komponisten aus Pesaro. Übrigens war Generali eher der sakralen Musik zugewandt, was die Opern anging, vorwiegend der Opera Buffa.

Der Dirigent und Musikologe Franco Piva verantwortet die Edizione critica der Oper und ersetzte die fehlenden Orchesterteile des Werks in Anlehnung an den Kompositionsstil Generalis. Bongiovanni, die noch immer ihr Licht unter den Scheffel stellen, indem sie sich, bereits seit 108 Jahren bestehend und nur 70 davon feiern lassend, haben die Oper auf drei CDs heraus gebracht, davon eine von knapp 30 Minuten, um die Gesangsnummern nicht zu zerreißen. Daran könnten sich größere Labels ein Beispiel nehmen.Und überhaupt kann man wieder dieser entdeckungsfreudigen Firma Respekt zollen, weil sie unsere Kenntnisse und das Bewusstsein von so unbekannten Titeln erweitert. Bravo!

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Pietro Generali/ Wiki

Natürlich konnte man für ein Provinztheater und für eine gänzlich unbekannte Oper keine teuren Sänger gewinnen. Immerhin ist das Orchester mit feiner Solovioline unter Franco Piva ein tüchtiges, das viele Feinheiten der durchaus auch originellen Partitur heraus arbeitet. Ein sehr zartes Stimmchen für die selbstbewusste Adelaide (viersilbig gesprochen) hat Anna Carbonera, hell, glasklar und spitz, höhensicher munter durch die Koloraturen hüpfend. Präzise ist sie in den Rezitativen, attackiert allerdings den Ton nicht energisch genug. Bei „So che il consorte estinto“ umspielt die Geige zärtlich die Stimme, und im zarten Ziergesang fallen durchaus schöne Töne auf, auch wenn man manchmal sich des Eindrucks nicht erwehren kann, das Wollen sei stärker als das Können. Keinen besonders starken Kontrast zu ihr zeigt die Stimme des Adalberto, gesungen von Katarzyna Otczyk, angenehm von leichter Melancholie umflort, aber energischer Attacke wenig zugänglich. Ein zierliches „Ma quale hai tu“ mit virtuoser Cabaletta kann am meisten gefallen. Einen steifen Tenor setzt Gianluca Bocchino für den Ottone ein, immerhin mit heldischen Ansätzen für „Di punir chi m’offese“, aber dröge  oder leicht meckernd in anderen Passagen. Berengario ist Daniele Antonangeli mit etwas hölzernem Bass, der kleine Notenwerte akribisch beachtet und auch einmal kraftvoll ausholen kann. Jede der Hauptpersonen hat auch einen Vertrauten zur Seite: Ottone einen Corrado (Walter Testolin) mit dunkler, ausdrucksvoller Stimme, Berengario einen Rambaldo (Roberto Cresca) mit scharfem Charaktertenor, Adelaide eine Clotilde (Elisa Fortunati) mit sanft ergebenem Mezzo. Viel Einsatz zeigt der Coro Polifonico Città di Rovigo unter Vittorio Zanon.  Das Orchestra Regionale Filarmonia Veneta wurde bereits lobend erwähnt (Foto oben: Der Dirigent Franco Piva beim Konzert, das seinen Weg zu Bongiovanni gefunden hat/GBopera magazine mit Dank/3 CD GB 2458/60-2). Ingrid Wanja

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Warum?

Ob Elīna Garanča die zehn Grimassen, die sie auf dem Cover ihres „ersten!“ Buches zeigt, vor oder nach dem Lesen desselben geschnitten hat? Und schlägt sie auf dem Großfoto die Hände vor Entsetzen über das Werk vor das Gesicht? Will sie vielleicht bewusst mit dem unkonventionellen Titelbild den extremen Biedersinn des Textes konterkarieren? Fragen über Fragen wirft die eigenartige Gestaltung des Werkes auf, die auch durch den Titel „Wirklich wichtig sind die Schuhe“, der eher eine Ballerinen-Biographie erwarten lässt, nicht beantwortet werden.

Es ist allemal ein schwieriges Unterfangen, bei laufender Karriere in der Ich-Form eine Autobiographie zu schreiben oder schreiben zu lassen (von Ida Metzger und Peter Dusek, die es hätten besser wissen müssen und damit auch ihren Ruf aufs Spiel setzen), denn alles Lob wirkt peinlich, auch wenn es wie hier aus dem Gegenteil erwächst (ich konnte das gar nicht, aber ich schaffte es trotzdem perfekt) oder gar dialektisch aufgebaut wird (man hält mich für ein „Wikingerweib“, aber ich bin eigentlich zart und melancholisch, doch finde ich die Kraft, mich aus meiner Schwermut zu befreien). „Eigenlob stinkt“,  heißt es im Deutschen etwas prosaisch, und von diesem ist auf 160 (immerhin!) Seiten unmäßig viel zu spüren, wenn meistens auch in oben genannte Form verpackt. Dabei verdient die Karriere des Mezzosoprans durchaus Bewunderung, aber nicht in dieser Art und Weise, die ausgesprochen unsympathisch wirken kann. Unfreiwillig komisch erscheinen bereits die Hinweise auf der Rückseite des Buchs, wenn vom mühsamen Kampf „von Oktave zu Oktave“ die Rede ist, als gebe es deren ungezählte für den Stimmumfang eines Menschen. Auch die „liebevolle Mutter“, die Kind und Nanny in den Kleinbus verlädt, wird nicht allein durch diese Handlung eine solche. Als „intellektuelles Bauernmädchen“ und „die beste melkende Sängerin“, der „Wärme und Nässe“ des Kälbermauls auf dem Hof der Großeltern noch immer fehlen, sieht sich der Mezzosopran und zugleich in einer Reihe mit ihren Mitbürgern, denn „alle Letten haben ein großes Herz für Kultur“. Wie schön!

Man liest die rührende Geschichte von dem Mädchen, dass nicht weiß, was man mit einem Scheck macht, außer ihn wie ein Bild an die Wand zu nageln, hört die Botschaft, doch es fehlt ganz akut der Glaube an so viel niedliche Naivität. Das Buch strotzt von geläufigen Klischees wie dem von Rohdiamanten „Stimme“, der des Schliffes bedarf. Garančas blonde Carmen wird als erst- und einmalig benannt, dabei gab es die seit Valentini Terrani bereits. Widersprüche fehlen nicht, wenn einmal behauptet wird, es gebe keine Konkurrenz zwischen Sängern unterschiedlicher Fächer, wenige Seiten später aber, jeder Künstler wolle an jedem Abend der Beste und am heftigsten Gefeierte sein. Peinlich wirken Überlegungen über die heimlichen Amouren, die Werthers Charlotte wohl bereits genossen hat, auch Così fan tutte als reine „Verwechslungskomödie“ zu bezeichnen und Carmen mehrerer gleichzeitiger Liebhaber zu bezichtigen, geht an den Stücken vorbei. Da wird sich generell viel zu sehr mit dem Inhalt des Librettos beschäftigt, während man als Leser eher an den Schwierigkeiten und Möglichkeiten der vokalen Bewältigung interessiert ist.

Besonders störend und überflüssig sind die vielen Inhaltserzählungen von allseits bekannten Opern: Barbier von Sevilla,  NormaClemenza di TitoCapuleti e i MontecchiRosenkavalierFalstaff ( da gibt es eine Mage Page!), aber auch die noch in Planung befindlichen Opern wie CavalleriaDon Carlo und Aida bleiben nicht verschont – und so bringt man es schnell auf  eine erkleckliche Seitenzahl. „Ich möchte diese bedingungslose Liebe, wie sie dir nur ein Kind schenkt, erleben“ – das ist einer der gewagtesten Sätze aus dem Buch und trifft wohl eher auf einen Hund zu. Von der Funktion eines Autopiloten, auf den man als Mutter angeblich schaltet, weiß La Ganranča offensichtlich wenig, so wie auch anzuzweifeln ist: „Ist die Besetzung erstklassig, ist auch der Dirigent traumhaft“.

Immerhin gibt es auch wertvolle Anregungen. So könnte man doch einmal, wie es die Sängerin in Spanien tat, mit den Zigeunern an den Roten Ampeln über „Stolz und Todessehnsucht“ diskutieren. Auf Seite 145 erfährt der begierige Leser nach einer Clemenza-Vorstellung an der Met, wie es zu dem Buchtitel kam: Schuhe müssen dem Sänger das Gefühl geben, „mit dem Boden verbunden zu sein“. Davor muss er aber noch durch folgenden Satz hindurch: „.. machte (ich) in den Hosen von Sesto eine glamouröse Figur, ich hatte die richtige Mischung aus vokalem Glanz, schauspielerischer Raffinesse und perfekter Tonalität gefunden.“ So etwas darf man nicht über sich selbst, das dürfen nur andere über einen schreiben (und auch das eigentlich nicht, es ist auch eine Frage des guten Geschmacks, der hier nur in mikroskopischen Spuren zu finden ist), womit wir wieder bei der Crux des Buches, der Ich-Form, wären. Es gibt auch einiges besser Goutierbare: den Bericht über die Londoner Carmen unter Richard Eyre, über die Einnahmen und Ausgaben eines Stars, die Auseinandersetzung mit Rossini, die Vorbereitung auf Hosenrollen – aber auch das alles ist dünn und aus dritter Hand. Wäre das wirklich genuin, hätte man doch akuten Zweifel am intellektuellen Stand von Frau Garanča. Sie war einfach sehr, sehr schlecht beraten, sich auf so ein Unternehmen einzulassen, und ich will ihr unterstellen, dass sie doch eine intelligente Person ist. Warum also dieses Produkt? Für die Fans? Die können aber auch lesen! Am Schluss findet der Leser noch eine kurze Geschichte des Baltikums, ehe er sich der akribischen, sich über 38 Seiten erstreckenden Übersicht über Lebens- und Karrieredaten der Sängerin widmen darf. Es folgen noch eine Liste der Wettbewerbe und Aufzeichnungen, der CD- und der DVD-Aufnahmen, und ein Abbildungsnachweis. Es gibt eine Reihe von Privat-, auch Rollenfotos, auf etwas Werbung für CDs wird durch die Abbildung der entsprechenden Cover nicht verzichtet (Ecowin ISBN 978-3-7110-0045-3).

Wahrscheinlich bedarf es für viele Leser der Gnade des Vergessens, ehe sie sich wieder unbeeinflusst von diesem bedauerlichen Buch an der wirklich tollen Stimme der Sängerin erfreuen können. Vielleicht sollte das Buch diesen Eindruck korrigieren?

Ingrid Wanja     

 

Massenets Oper „Le Mage“

Massenet: "Le Mage", Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

Massenet: „Le Mage“, Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

 

Für Musikliebhaber mit Faible fürs französische Repertoire ist das Palazzetto Bru Zane eine Fundgrube sondergleichen. Seit 2009 belebt das in Venedig sitzende Musikzentrum, das Teil der gleichnamigen Stiftung ist, das kompositorische Erbe zwischen 1780 – 1920. Jüngster Streich ist die Ersteinspielung von Jules Massenets 1891 in Paris uraufgeführter achter Oper Le Mage (Der Zauberer). Nur ein Jahr vor Werther entstanden, gehört sie wie Le Roi de Lahore, Herodiade, Le Cid und Esclarmonde zu Massenets Werken im Stil der Grand Opéra. Le Mage spielt in Baktrien, einem antiken Großreich, zu dem der heutige Iran zählte.

Der Plot behandelt sehr frei einen Ausschnitt aus dem Leben des Weisen und Religionsstifters Zarathustra. Von historischer Authentizität kann keine Rede sein, stattdessen wird beste melodramatische Unterhaltung geboten. Zarathustra, der im Libretto Zârastra heißt, wird als siegreicher Feldherr eingeführt, der zwischen zwei Frauen steht: der Königin Anahita, die als Gefangene zu seiner Kriegsbeute gehört, und Varedha, der Tochter des Hohepriesters. Als sich Zârastra zur Regentin bekennt, setzt die verschmähte Varedha einen Brand in Gang. Zârastra, der im dritten Akt seine göttliche Erleuchtung erlebt hatte, kann das Feuer durch ein Gebet stoppen und flieht mit seiner Geliebten. Varedha stirbt.

"Le Mage", Bühnebild zur Uraufführung/Liebig

„Le Mage“, Bühnenbild zur Uraufführung/Liebig

Die wahrlich leidenschaftliche Dreiecksgeschichte, die stark an Aida erinnert, ist mit viel Brimborium angereichert: Triumphmärsche, Hochzeitszeremonien, heidnische Rituale und ein veritables Massaker sorgen für Abwechslung. Auf der Bühne hätte das Auge in einer traditionellen Inszenierung sicher seine Freude – eine Vorstellung, wie es aussehen könnte, geben die historischen Fotos in dem wunderschön aufgemachten CD-Buch. Aber auch beim reinen Hören wird es niemals langweilig. Massenet betreibt großen kompositorischen Aufwand mit packenden Ensembles, grandiosen Choraufzügen, üppiger Balletteinlage und Orchesterprunk, garniert mit orientalischem Kolorit.

Die Gesangspartien sind überaus anspruchsvoll, schrieb der Komponist doch viele seiner Partien für bedeutende Sänger. Bei der Anahita dachte er an Sybil Sanderson (seine Esclarmode und femme fatale der Pariser Gesellschaft jener Jahre), auch wenn die Diva die Rolle letztendlich nicht sang. Die Einspielung, die im Zusammenhang mit dem Massenet-Festival in St. Etienne 2012 entstand, bietet allerdings vokal wirklich nicht die Extraklasse, die solch ein Werk bräuchte, was umso ärgerlicher ist, weil der Markt damit für eine Neuaufnahme verstopft ist. Dirigent und Solisten könnten mehr Glanz verbreiten – so bleibt das Ganze in der Provinzialität eine mittleren Festivals stecken, was für Massenets damalige Zielgruppe der Pariser All-Star-Opéra nicht entfernt ausreicht. Schade.

Nach den stimmlichen Qualitäten zu urteilen, müsste sich Zârastra eigentlich für Varedha entscheiden. Denn Kate Aldrich stürzt sich mit leidenschaftlichem Mezzosopran und enormem Furor in die Liebesqualen der abgewiesenen Priestertochter. Das geht zwar gelegentlich auf Kosten von Schöngesang, aber der bedingungslose vokale Einsatz macht manch flackernden Ton und die schwächere tiefe Lage wett. Die Anahita von Catherine Hunold dagegen enttäuscht durch einen unpersönlichen, in den Höhen schrillen Sopran. Luca Lombardo singt zwar kultiviert, doch mit schmalem Tenor, der eher im lyrischen Fach zu Hause ist als in dieser heldischen Partie. Was ihm fehlt sind Durchschlagskraft und Charisma, etwa im dritten Akt, wenn Zârastra im Wechselgesang mit dem Chor Gott um Kraft anfleht. Überzeugende Figur macht Jean- Francois Lapointe, der mit stattlichem Bariton Autorität und Würde den Hohepriester Amrou glaubwürdig vermittelt. Marcel Vanaud verleiht dem König einen nur schütteren Bass. Mit  schöntimbriertem kräftigem Tenor profiliert sich Julien Dran in der kleinen Rolle des Turaner Gefangenen. Laurent Campellone hat Solisten, den prächtigen Chor aus St. Etienne, der seine imposanten Szenen mit Feuer und Inbrunst singt, und Orchester bestens im Griff. Der Dirigent hat ein sensibles Händchen für die melodischen und klangfarblichen Reize, lässt es aber auch, wenn nötig, ordentlich krachen. Die zweisprachige Paperbackbuch-Edition ist äußerst informativ. Unverständlich ist allerdings, warum sie bei dem Umfang keine Kurzbiografien der Solisten enthält.

Karin Coper

Jules Massenet: Le Mage mit Luca Lombardo (Zârastra), Kate Aldrich (Varedha), Catherine Hunold (Anahita), Jean-François Lapointe (Amrou), Marcel Vanaud (Le Roi d’Iran), Julien Dran (Un Prisonnier touranien, Un Chef iranien), Florian Sempey (Un Chef touranien, Le Heraut); Chœur Lyrique et Orchestre Symphonique Saint-Étienne Loire; Leitung: Laurent Campellone; Editiones singolares/Palazzetto Bru Zane

 

"Le Mage", Bühnebild 1891/HeiB

„Le Mage“, Bühnenbild 1891/HeiB

Aus der Ankündigung des Palazetto Bru Zane und nun bei Ediciones Singolares:The Palazzetto Bru Zane presents Le Mage by Jules Massenet (release date in Germany: 1st October 2013 by Ediciones singolares. In partnership with the Opéra Théâtre de Saint-Étienne, Laurent Campellone, conductor with Catherine Hunold: Anahita, Kate Aldrich: Varedha, Luca  Lombardo: Zarâstra, Jean-François Lapointe: Amrou, Marcel  Vanaud: Le Roi d’Iran, Julien Dran: Un prisonnier touranien; CD-book in French and English – texts by Arthur Pougin, Jean-Christophe Branger, Michela Niccolai, Laurent Campellone and Jules Massenet). This production by the Opéra Théâtre de Saint-Étienne was  given in 2012 as part of the Massenet Biennial.

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

In 1891, the elusive Jules Massenet dumbfounded the critics once again. After the success of Manon in 1884,  they were expecting another opéra-comique – but no, he returned to the Romantic grand opera (a genre  to which Le Roi de Lahore and Hérodiade also belong). An exotic vein (an imaginary Persia), supernatural  elements and a love story sublimated by religion give Le Mage a composite structure and great variety. But  above all this work in five acts and six tableaux, to a libretto by Jean Richepin, represents the apotheosis of  French lyricism, at a time when the quarrels over Wagnerism were rife. First performed at the Paris Opéra in March 1891, right in the middle of a very prosperous period for  Massenet, coming after Le Cid (1885) and Esclarmonde (1889) and preceding Werther (1892) and Thaïs (1894), Le Mage is nonetheless one of the French composer’s lesser-known works. Intended as the perfect conclusion to the directorship of Gailhard and Ritt at the Paris Opéra (ending in December 1891),  the work was an extraordinary production, with numerous characters, sumptuous choruses and ballets, exceptional staging… However, that subsequently proved to be a disadvantage for the opera. Indeed, the new director, when he took over, wished to begin a new chapter: the opera was taken off, and later restaging proved too onerous financially. Composing for the Paris Opéra meant complying with a number of rules, especially since the libretto had to include several set scenes. Massenet submitted without any qualms to the criteria of grand opera, the dramatic workings and structural principles of which might have seemed outdated at the time of Wagnerism. The influence of Wagner is not to be ruled out, however, for, in addition to some bold harmonic  or orchestral effects, the opera is finely structured by recurring motifs. Nevertheless Massenet was following a French tradition, to which Wagner also referred, in structuring his opera by means of key themes that are more localised, taken from arias or duos, and by shorter motifs that are constantly renewed, but without being subjected to vast symphonic developments as in the  works of Wagner. (Debussy was to do likewise in Pelléas et Mélisande.)  Le Mage is thus an opera written in a composite style reflecting Massenet’s eclecticism, which was the touchstone of his aesthetic. But it also bears the personal stamp of its author, whose melodic idiom is instantly recognisable, especially in the love scenes: the vocal lines, sinuous  and conjunct, keep very closely to the inflections of the French language, but without excluding lyrical effusion when necessary.

Le Mage is the fifth volume in the Palazzetto Bru Zane’s series of CD-books, ‘Opéra français’. Presented in two languages (French and English), this series is devoted to rare operas of the French Romantic period, accompanied by a rich and thorough editorial and iconographic apparatus. (Ediciones singolares/Palazetto Bru Zane/ophelias)

Das Steffani-Projekt

Konsequent verfolgen Cecilia Bartoli und Diego Fasolis mit seinem Ensemble I Barocchisti ihr Bemühen, die Werke Agostino Steffanis der Vergessenheit zu entreißen. Nachdem die Mezzosopranistin auf ihrem letzen Album bei der Stammfirma Decca („Mission“) Opernarien des 1654 geborenen Komponisten vorgestellt hatte, folgen nun auf einer CD geistliche Werke des Tonsetzers, beginnend mit dem „Stabat Mater“, das als Steffanis Meisterwerk gilt. Neben der Bartoli wirken hier noch der Counter Franco Fagioli, die Tenöre Daniel Behle und Julian Prégardien sowie der Bass Salvo Vitale und der Coro della Radiotelevisione Svizzera mit.

Im ersten Teil, „Stabat Mater dolorosa“, singt die Bartoli solistisch, mit weihevollem, ergreifendem Ton, der wie aus einer fernen Welt zu kommen scheint. Im folgenden „O quam tristis“ vereinen sich mit ihr die Stimmen von Fagioli und Behle im harmonischen Zusammenklang. Starke Akzente setzt der Chor, ob in den getragenen Gesängen oder dem rhythmisch prägnanten ”Pro peccatis“ und den feierlichen Chorälen, die das Werk beenden. Er trägt auch die später erklingenden Psalmen „Beatus vir“ und „Triduanas a Domino“, die in ihrer Strenge den Stil Palestrinas aufgreifen. „Non plus me ligate“ ist Steffanis einziges geistliches Werk für Solo-Sopran und die Bartoli singt es mit jubilierender Verve. Die Vertonung von „Laudate pueri“ entstand wohl für den Cäcilientag des Jahres 1673 und vereint Solisten und Chor in  einer virtuosen „Amen“-Fuge. Vorher konnte Fagioli in „Ut collocet eum“ einmal mehr seine virtuose Gesangskunst und das mit der Bartoli verblüffend ähnliche Timbre demonstrieren. „Sperate in Deo“ gilt als Steffanis erste Kirchenmusik-Komposition; hier dominieren zwar die hellen, klaren Sopranstimmen von Nuria Rial und Yetzabel Arias Fernandez in mehreren Zwiegesängen, doch in „Sunt breves“ kann Julian Prégardien auf seinen gleichermaßen wohllautenden wie expressiven Tenor aufmerksam machen. Und auch Salvo Vitale setzt mit seinem resonanten Bass starke Akzente. Das letzte Werk der Auswahl, die Motette „Qui diligit Mariam“, entstand 1727 und wartet mit einer Besonderheit auf, denn das Eingangsthema, „Qui diligit Mariam“, wird am Ende der Komposition wiederholt. In „Non pavescat“ verbinden sich noch einmal die Stimmen von Bartoli und Fagioli in virtuosem Ziergesang und danach verklärter Entrücktheit (Decca 478 5336).

steffani deccaEine spannende Ergänzung zu dieser Sammlung geistlicher Werke Steffanis ist eine Auswahl von Tänzen und Ouvertüren aus Opern des Komponisten (Decca 478 5741), von denen die Mehrzahl Weltersteinspielungen darstellen. Da finden sich so unbekannte Operntitel wie Orlando generoso, Marco Aurelio, Henrico Leone, I trionfi del fato, Le rivali concordi, Tassilone, Briseide, La superbia d’Alessandro, Alcibiade, Servio Tullio und viele andere. Die Kompositionen zeigen den deutlichen Einfluss Lullys, wie auch die Aktschlüsse seiner Opern mit jeweils einem Ballett auf den französischen Stil verweisen. Zwischen 1689 und 1695 komponierte Steffani sechs Opern in Hannover, die für die Aufführungen am Hamburger Theater am Gänsemarkt (zwischen 1695 und 1699) ins Deutsche übersetzt wurden. Er verknüpft darin perfekt die Ausrucksformen der italienischen und französischen Theatermusik. Die Ouvertüren tragen oft den Titel Sinfonia und sind zweiteilig – mit einer langsamen Einleitung und einem kontrastierenden schnellen Satz danach. Diego Fasolis mit seinen Barocchisti musizieren all diese Stücke mit musikantischer Lust, rhythmischer Verve und feinem Gespür für die lyrischen Passagen. Die siebenteilige Ausschnitt aus Orlando generoso mit der Ouvertüre und mehreren Tänzen zeigt dies sehr plastisch, da hier getragene mit lebhaften oder auch graziösen Sätzen wechseln. Auch die Beispiele aus Henrico Leone, Niobe, La superbia d’Alessandro, Alcibiade und La lotta d’Hercole con Acheloo sind derart untergliedert. Aus anderen Opern wurde nur die Ouvertüre oder ein Teil der Ballettmusik ausgewählt – mit dem Ergebnis einer sehr abwechslungsreichen und lebendigen Programmfolge. Festlicher Bläserglanz, pulsierende Dynamik, martialische Energie, majestätische Erhabenheit, tänzerische Vitalität, fahle ombra-Effekte  – das Ensemble fasziniert mit einer reichen Palette von Farben und Affekten. Am Ende gibt es mit der „Introduzione al dramma“ zu Amor vien dal destino sogar noch ein gravitätisches Vokalwerk zu hören, in dem der Coro della Radiotelevisione svizzera mitwirkt.

Bernd Hoppe

Hier kommt alles zu allem

Es ist wie mit der BILD. Keiner kauft sie, doch jeder kennt sie. Man findet sie in den Schütten der Buchhandlungen, in Ramschecken und vor Kaufhäusern. Die billigen 10-CD-Boxen werden mit spitzen Fingern angefasst. Und doch gekauft. Der Preis macht’s. Die meisten Titel kennt der Sammler, aber es gibt immer eine CD oder ein Fundstück, derentwegen man zugreift. Also kein Naserümpfen, obwohl die Strauss-Box sicherlich merkwürdig zusammengestellt ist, nicht Fisch nicht Fleisch, also keine reine Opernbox und keine Ausgabe der Orchesterwerke und der Kammermusik, was unter Einbeziehung der Orchestersuiten und des Oboenkonzerts, der Metamorphosen oder Josephslegende mühelos machbar gewesen wäre. Hier kommt, um mit Hofmannsthal zu sprechen, alles zu allem, womit niemandem gedient ist, d.h. es gibt Der Rosenkavalier unter Herbert von Karajan mit Schwarzkopf, die auch mit den Vier letzten Liedern  (1953) vertreten ist, zusammen mit Lied-Aufnahmen mit Christa Ludwig und Peter Anders und zwei Arabella-Ausschnitten mit Lisa Della Casa (alternierende unter Georg Solti und Joseph Keilberth). Die restlichen sechs CDs enthalten die Tondichtungen. Es fehlen Aus Italien, die Sinfonia domestica, von den Hornkonzerten wurde nur das erste Es-Dur op. 11 ausgewählt, allerdings findet man die Burleske mit dem hochvirtuosen Friedrich Gulda. Ebenfalls die Anschaffung wert ist die Violinsonate mit der begnadeten Ginette Neveu (1939). Auch wenn in diesem Bereich die Kempe-Aufnahmen mit den Dresdnern aus den frühen 1970er Jahren die Referenz bleiben, handelt es sich bei Eine Alpensinfonie unter Karl Böhm, natürlich dem Don Quixote unter Clemens Krauss, Till Eulenspiegel, Don Juan und Tod und Verklärung unter George Szell und dem Hornkonzert unter Wolfgang Sawallisch um ausgezeichnete Strauss-Einspielungen. Gut auch, dass der langsam in Vergessenheit geratene begnadete Strauss-Dirigent Fritz Reiner dabei ist (Ein Heldenleben gehört zu den besten Aufnahmen des Werkes). Aus dieser Reihe der 50er Jahre-Aufnahmen fällt Also sprach Zarathustra mit Charles Mackerras von 1993 heraus.

weill membranKeine Strauss-Hofmannsthal-Box, was schön gewesen wäre, dafür eine Brecht-Weill-Box. Sie enthält weitgehend die ab 1927 entstandenen Ergebnisse der Zusammenarbeit von Kurt Weill mit dem zwei Jahre älteren Dichter, also Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – beide in den maßstäblichen Aufnahmen der Philips unter Wilhelm Brückner-Rüggeberg, die damit Plattengeschichte machte, wobei ich vor allem Mahagonny (mit Lenya, Litz, Günter, Markworth) ganz großartig finde – dann Der Jasager, das Musical Happy End und das gesungene Ballett Die sieben Todsünden (beide ebenfalls unter Brückner-Rüggeberg mit Lenya). Außerdem enthält die Ausgabe den nahezu völlig verwandelten „amerikanischen Weilll“ u.a. mit dem Musical Lady in the Dark (mit dem Text von Ira Gershwin) und die „American Folk Opera“ Down in the Valley (Text von Arnold Sundgaard, der auch auf der Vorderseite von CD 9 genannt wird, wo er nichts zu suchen hat). Interessant die kleinen Schnipsel auf CD 9, die ich gleich mehrfach hörte, neben den 1930 entstandenen Dreigroschenoper-Aufschnitten unter Otto Klemperer vor allem die amerikanischen Aufnahmen unter Maurice Abranavel, darunter die Szenen aus One Touch of Venus mit den Stars der Uraufführung, der September Song in alternativen Aufnahmen mit Walter Huston, der das Musical Knickerbocker Holiday am Broadway kreiert hatte, und Sinatra, durch den der Song später in immer neuen Arrangements international berühmt wurde. Bemerkenswert auf CD 1: Theo Mackeben leitete zwei Jahre nach der von ihm dirigierten UA der Dreigroschenoper eine Einspielung, Brecht singt Die Moritat von Mackie Messer sowie Der Mensch lebt durch den Kopf und eine sehr zerbrechlich wirkende Lenya singt 1943 sechs Lieder mit Weill am Klavier.

Rolf Fath

 

Richard Strauss: 10 CD the intense media 600126; Bert Brecht – Kurt Weill: 10 CD the intense media 600124 

Kritische Bilanz zum Geburtstag

Zum 50. Geburtstag der Städtischen Bühnen Frankfurt  und ihres Domizils im vom Volksmund Aquarium genannten Gebäude hat der Henschel-Verlag eine Festschrift unter dem Titel Ein Haus für das Theater herausgegeben, die, wie das so üblich ist, mit Gruß-,  Vor- und Geleitwort beginnt. Ersteres stammt von dem jetzigen Kulturdezernenten Felix Semmelroth und schildert knapp den Werdegang des Theaterlebens in Frankfurt generell, beginnend mit dem Komödienhaus der Freien Reichsstadt im Jahre 1782, über das 1792 eröffnete Nationaltheater und das Frankfurter Stadttheater von 1842 zu den Städtischen Bühnen Frankfurt führend, die es seit 2004 unter diesem Namen gibt. Im Vorwort der drei Intendanten derselben wird besonders auf die Nachkriegszeit eingegangen, den Einzug der Oper in das 1951 wieder errichtete Schauspielhaus, ehe vor fünfzig Jahren für Oper, Schauspiel und Ballett das nun gefeierte Haus eröffnet wurde. Interessant ist, dass man sich nicht zuletzt als Antipoden zum die Stadt prägenden Wirtschaftssektor sah. Die Kompetenzen sind auf je einen Intendanten für Oper und Schauspiel und dazu einen Geschäftsführenden Intendanten für beide Sparten aufgeteilt. Das Geleitwort des ehemaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann ist eigentlich mehr als ein solches, es schildert nicht ohne eine gewisse, wohl berechtigte Selbstgefälligkeit von der Ensemblebildung bereits im Herbst 1945, dem Hunger der Bevölkerung nicht nur nach Nahrung, sondern auch nach Kunst, dem Unterkommen im Saal der Frankfurter Börse, danach im Rundfunksendesaal, der Aufnahme der Arbeit von Orchester und Cäcilienchor. Fidelio im Dezember 45, danach Tosca, 1951 als erste Oper im Schauspielhaus Meistersinger beweisen, dass Oper in Frankfurt nie unpolitisch, nie ohne Botschaft war. Brechts Kunstauffassung scheint eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, ebenso der Mitbestimmungsgedanke, was auch für Konflikte sorgte. Die gesamte Geschichte der Frankfurter Oper scheint gekennzeichnet von dem Kampf um mehr Kulinarisches oder Agitatorisches. Dazu gehört auch, dass nicht ohne Stolz berichtet wird, nicht weniger als 4000 Abonnenten hätten gekündigt, das Feuilleton aber habe immer auf der Seite der Neuerer gestanden. Es kam sogar so weit, dass sich Bürgermeisterin Petra Roth selbst zur Kulturdezernentin ernannte, der es übrigens von dem ebenfalls im Zorn scheidenden Dirigenten Silvain Cambreling verwehrt wurde, an seiner Abschiedsvorstellung teilzunehmen. Also Oper nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Haus.  Dafür sorgten auch der Einsatz für zwei DKP-Lehrerinnen, der Riesenpenis in Dantons Tod oder das Fassbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod.

Recht süffisant berichtet Hoffmann davon. wie ausgerechnet ein freigekaufter DDR-Häftling 1987 das Opernhaus ansteckte, das die Allianz wieder aufbauen ließ. Das umfangreichste Kapitel über die Oper stammt von Hans-Klaus Jungheinrich und nennt sich Oper Frankfurt-Eine Fortsetzungsgeschichte. Probleme wie das Verschwinden des Bildungsbürgertums, des Repertoiretheaters, der Spielplangestaltung, der Originalsprache werden ebenso erörtert wie das Verschwinden des Singspiels aus dem Repertoire und sind sicherlich nicht typisch nur für Frankfurt. Eher schon das mehrfache Scheitern eines kompletten Ring, Aufregung um Neuenfels- oder Berghaus-Inszenierungen, die zehn Jahre Gielen/Zehelein, in denen Radikalität zur Regel wird. Nacheinander werden die Wirkungsjahre aller Intendanten und Generalmusikdirektoren beleuchtet, wobei natürlich Karrieren nicht parallel verliefen. Sechs Jahre lang wirkte Solti am Haus, das zu seinen Dirigenten auch Lovro von Matacic zählte, die Ära Donhanyi für einen Glücksfall halten muss, Sebastian Weigle spätestens nach dem jetzt in DVD vorliegenden Ring wohl ebenfalls.

Frankfurt gehört zu den Häusern mit einem besonders bodenständigen Ensemble, was viele immer wieder auftretende Namen beweisen. William Chochran, Margit Neubauer, Gabriele Fuchs oder Günther Reich sind nur einige von ganz vielen. Ihnen allen kann man auch in den vielen Fotos begegnen, die für die frühen Jahre eher durchgehend düster als schwarz-weiß sind, was sich mit den Farbfotos ändert.

Mit Bernd Loebe beginnt 2002 eine neue Epoche: es gibt mehr Premieren, Platzauslastung und Abo-Verkauf nehmen zu, ebenso die Vielseitigkeit des Repertoires, und der Patronatsverein sorgt für finanzielle Erleichterungen. Der Intendant gilt als Sängerentdecker und als offen für unterschiedliche Formen der Bühnenästhetik. Kein einmaliges Ereignis allerdings ist die Aufführung einer Verdi-Oper nur mit Klavier, weil das Orchester  streikt. Schließlich werden in diesem Kapitel auch bedeutende Sänger und Regisseure, die bisher nicht berücksichtigt wurden, gewürdigt.

Dem Schauspiel und dem Ballett werden ebenfalls umfangreiche Kapitel gewidmet. Interessant ist auch ein Abriss über die wechselvolle Baugeschichte des Unternehmens. Ein Anhang mit der Chronik seit 1782, einer Premierenliste mit vollständiger Besetzung (manchmal nützlicher als ein wortreicher Text), einer Ensembleliste für Schauspiel und Ballett, der Autorenviten und Bildnachweise steht am Schluß des Buches (Henschel Verlag ISBN 978-3-89487-732-3).

Ingrid Wanja

   

Johann Christoph Vogels „Toison d’or“

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Johann Christoph Vogel wurde am 18. März 1756 in Nürnberg geboren und starb am 26. Juni 1788 in Paris. In seiner kurzen Laufbahn schrieb er zwei Opern, Sinfonien, Quartette, Konzerte und einige Kammermusikwerke. Im Jahr 1776 beschloss Vogel, sich in Paris niederzulassen, angezogen von der blühenden Kunstszene unter dem Einfluss von Königin Marie-Antoinette. Dort wurde er Zeuge des triumphalen Erfolges von Glucks Alceste (1776) und wurde von da an einer der glühendsten Anhänger dieses Wiener Komponisten.

Der Komponist Vogel scheint eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen zu sein: „In Vogels Charakter zeigte sich ein gewisser Stolz, den er mit einer extremen Empfindsamkeit und mit dem zartesten Feingefühl verband. Man sah ihn, wie er die bewegendsten Passagen seiner Opern weinend am Klavier darbot; dabei versuchte er, aus den Gesichtern seiner Zuhörer herauszulesen, welchen Eindruck seine Musik gemacht hatte. Er beobachtete die Blicke und fällte daraufhin sein Urteil über seine eigenen Werke.“ (Courrier des Spectacles, „Notice sur Vogel“.) Seine Empfindsamkeit wurde durch seinen Hang zum Alkohol noch gesteigert, wie einige seine Biografen betont haben, die gerne folgende Anekdote zitierten: „Einer der Freunde Vogels sah sein Klavier, auf dem zahlreiche Flaschen standen, und warf ihm vor, den Wein zu sehr zu lieben. Vogel antwortete ihm, indem er ein schwungvolles und leidenschaftliches Stück spielte, und fragte ihn, nachdem er geendet hatte: ‚Kann man solche Musik etwa mit Limonade hervorbringen?'“ (Castil-Blaze, L’Académie royale de musique). Die Schwierigkeiten, die er zu bewältigen hatte, um seine Opern auf die Bühne zu bringen, führten zu wahren Exzessen auf diesem Gebiet. Sein Mangel an Enthaltsamkeit begünstigte ein bösartiges Fieber, das zu seinem vorzeitigen Tod führte – er starb als 32-Jähriger in bitterer Armut.

Bei einem seiner feuchtfröhlichen Abende lernte der Komponist auch Philippe Desriaux, seinen zukünftigen Librettisten, kennen. In den Memoires secrets, die unter dem Namen von Louis Petit de Bachaumont veröffentlicht wurden, stand zu lesen, Vogel sei ein „guter Deutscher, der, obgleich jung, schon ein Trunkenbold war; er begab sich regelmäßig in das ‚Les Procherons‘ genannte Stadtviertel und beklagte sich darüber, keinen Autor zu finden, der ihm ein Opernlibretto zur Vertonung anvertrauen wolle. Dort lungerte auch Monsieur Desriaux herum, der ebenfalls vom Wein bereits ganz abgestumpft war, auf der Suche nach einem Musiker, der die Musik zu [seinem Libretto] La Toison d’or (Das goldene Vlies) komponieren wollte. Auf diese Weise trafen sich die beiden Hallodris, lernten einander kennen und so entstand diese Oper. „Neben La Toison d’or lieferte Desriaux dem Komponisten auch ein Libretto mit dem Titel Demophon; diese Oper wurde als erste vollendet, kam aber erst 1789 zur Aufführung, einige Monate nach dem Tod des Komponisten.

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Die Uraufführung von La Toison d’or fand unter schwierigen Umständen statt, denn in der Academie Royale de Musique war es zuvor zu einer ganzen Reihe von Misserfolgen gekommen. Aber die Leitung der Oper setzte große Hoffnungen auf das Werk: Es hatte nicht nur eine hochdramatische Handlung, sondern war die erste Oper seit Salieris Les Danaides aus dem Jahr 1784, das wahrhaft in der Gluck’schen Tradition stand. Doch leider wurden diese Hoffnungen durch einen abermaligen Misserfolg enttäuscht: La Toison d’or wurde zwischen dem 5. September und dem 7. November 1786 nur neun Mal aufgeführt. Man bemühte sich sofort im Anschluss, die fehlende Begeisterung des Publikums durch die Aufführung mehrerer ballets pantomimes auszugleichen, da keine andere Oper zur Aufführung bereit stand. „La Toison d’or schleppt sich mühsam dahin und hat es innerhalb von zwei Monaten lediglich zu sieben Aufführungen gebracht, und auch das nur, weil das Werk von der Verwaltung gefördert wird, nicht etwa vom Publikum“ (La Harpe, Correspondance litteraire). Aber diese künstlichen Maßnahmen reichten nicht aus, und das Werk scheiterte schließlich unter Querelen endgültig. Die Gluckisten hatten vergeblich versucht, das Debüt des jungen deutschen Komponisten zu unterstützen, aber die Anhänger der italienischen Schule – repräsentiert von Piccinni und Sacchini – traten zahlreicher und entschiedener auf. Sie taten alles, um La Toison d’or zum Scheitern zu bringen, was ihnen schließlich auch gelang.

Das Werk geriet dennoch nicht vollständig in Vergessenheit. Unter dem Titel Medée á Colchos wurde es am 17. Juni 1788 noch einmal auf den Spielplan gesetzt. Sowohl das Libretto als auch die Musik wurden überarbeitet, und die teilweise veränderten Kulissen gaben dem Ganzen den Anschein einer Neuheit. Schließlich wurden auch einige, auf das Drama abgestimmte Ballette eingefügt, um so einem Mangel abzuhelfen, der von Anfang an offensichtlich gewesen war. Dennoch kam es nur zu drei immer schlechter besuchten Aufführungen. „Man hat La Toison d’or wieder hervorgeholt, eine Oper, die schon beim ersten Anlauf wenig Erfolg hatte. Nun hat man sich bemüht, sie mit Hilfe von immer gern gesehenen Balletten ein wenig aufzuplustern, um dieser armseligen Oper in diesem Sommer wenigstens einen kleinen Erfolg zu verschaffen“, so giftete man in der Correspondance litteraire (La Harpe).

Das Scheitern wurde durch eine schreckliche Neuigkeit noch beschleunigt: Der bereits sehr geschwächte Vogel starb zwischen der zweiten und der dritten Aufführung. Sämtliche Bemühungen um das Werk wurden umgehend eingestellt, und die Partitur von La Toison d’or landete in den Regalen der Bibliothek in der Pariser Oper, wo sie noch heute steht. Das Werk wurde aus dem Repertoire genommen, und sämtliche Erinnerungen daran gerieten bald darauf durch die Uraufführung von Demophon in Vergessenheit. Diese Oper hatte Vogel bei seinem Tod vollendet hinterlassen. Wegen der Qualität des Librettos, der Musik und wegen des hohen Unterhaltungswerts galt diese zweite Oper als Meisterwerk des Komponisten, und La Toison d’or stand zu Unrecht in ihrem Schatten.

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Und Hervé Niquet dirigierte sein Concert Spirituel/ON

Und Hervé Niquet dirigierte sein Concert Spirituel/ON

Seit der Uraufführung von Iphigenie en Aulide im Jahr 1774 beherrschte Gluck die französische Opernszene. Und obwohl er Paris 1779 nach dem Scheitern von Echo & Narcisse verlassen hatte, dräute sein Schatten noch immer über der Academie Royale de Musique. Unter der Kohorte junger Komponisten, die nur darauf warteten, dass ihre Werke auf den Brettern dieser Bühne zur Aufführung kamen, bemühte sich Vogel besonders beflissen darum, Glucks Nachfolge anzutreten. Zumindest tat er sich lautstark als sein geistiger Erbe hervor; er widmete Gluck die Partitur seines Toison d’or mit berührend aufrichtigen Worten. Als Reaktion auf diese schmeichelhafte Zueignung war Gluck voll der Ermutigung für den jungen Komponisten, dem er nach der Lektüre seiner Partitur schrieb: „Das dramatische Talent, das Sie zeigen, überragt noch Ihre weiteren Qualitäten, und dazu möchte ich Sie tiefstem Herzen beglückwünschen. Dieses Talent ist eine besonders seltene Gabe, da es in Ihrer Natur liegt: nicht durch Übung erworben wurde.“

Man muss die zeitgenössischen Kritiken, Kommentare und die Reaktionen auf die Aufführungen aus den Jahren 1786 und 1788 aus der Distanz von über zwei Jahrhunderten werten: Das Werk entstand zu einer Zeit von verbitterten und unaufhörlichen Auseinandersetzungen zwischen den „Gluckisten“ (den Anhängern des »deutschen« Stils) und den „Piccinisten“ (die den „italienischen“ Stil verteidigten) geprägt war, der im Jahr 1778 aufgeflammt war. Und die angeblichen Schwächen oder Qualitäten von Libretto und Partitur wurden an diesem Maßstab gemessen, der für eine heutige Einschätzung nicht die geringste Rolle mehr spielt.

Die Figuren der Medea und des Jason auf die Bühne zu bringen war eine Versuchung, der viele Komponisten vom 17. bis zum 20. Jahrhundert nicht widerstehen konnten. Am Vorabend der Französischen Revolution hielt man dieses Sujet für „nicht lohnend und grausam“ (Guillaume Imbert, Correspondance litteraire secrete, 1788). Als Desriaux sich damit auseinandersetzte, wurde er für seine Geschicklichkeit in der Versifizierung und für seine anrührenden Szenen gelobt, aber man hielt seine dramatische Umsetzung nicht für restlos gelungen. Es ist wahr, dass sein Libretto von den ersten Szenen an daran krankt, dass Medea als kaltherzige Furie dargestellt wird, und dass er sich zu früh (im Verlauf des zweiten Aktes) von der einzigen anrührenden Figur, nämlich Hypsipyle, trennt. Was Jason betrifft, so wird er ebenso niederträchtig gezeichnet wie im Mythos: Er ist zögerlich und wechselhaft, er hat nichts Heldenhaftes an sich – von einigen kurzen Anwandlungen hier und da in den gesamten drei Akten abgesehen, die überdies meistens unangebracht sind.

Aus diesem Grund wurde Desriaux eine gewisse Monotonie zum Vorwurf gemacht, die noch durch die fast durchgängige Präsenz Medeas und ihre zahlreichen Monologe verstärkt wird. „Die Rolle der Zauberin, die zwar Charakterstärke aufweist, wurde nicht allgemein geschätzt; eine derartige Monotonie von Zornausbrüchen und Verwünschungen wirkt ermüdend. Die tragischen Ereignisse des zweiten Aktes schlagen beinahe ins Lächerliche um, und die Auflösung des Dramas ist alles andere als zufriedenstellend. Trotz dieser Mängel weist der Text Anzeichen von Talent auf, vor allem in seinem Stil, der häufig lebhaft und präzise ist.“ (Journal Generale de France, 1786.)

Die tragische Größe des Sujets und die Leidenschaft der von Desriaux erdachten Heldin haben Vogel wohl gereizt, das Libretto mit einer Musik umzusetzen, die eine größtmögliche Intensität erreichen sollte. Das ist ihm offensichtlich gelungen, denn man attestierte ihm, sein Werk brilliere mit „Schönheit allerersten Ranges, {…} und alle waren sich darin einig, dass die Begleitung und die Rezitative seelenvoll und expressiv sind. Kurz, Vogel scheint ein rechtmäßiger Anwärter auf den Lorbeerkranz zu sein, der die Stirn des unsterblichen Gluck krönt, dessen Fußstapfen er – vielleicht etwas zu genau – folgt“ (Journal General de France, 1786). War seine Nachahmung des Meisters denn so greifbar? Beim Mercure de France war man von den Fähigkeiten des jungen Komponisten überzeugt und versuchte, ihn dazu zu ermutigen, seinen eigenen Weg zu suchen: „Warum sklavisch dem Vorbild eines anderen folgen, wenn man doch auch seine eigene Richtung einschlagen kann? Nur durch ein eigenständiges Talent macht man von sich reden; kriecherische Nachahmer gibt es zuhauf, doch Monsieur Vogel ist nicht dazu geboren, zu diesen zu gehören.“ (Mercure de France, 1786.)

„Medea in Corinto“/ Szene Giuditta Pasta als Medea mit Kindern/ OBA

Diese Unterwerfung unter das Gluck’sche Modell schmälerte die ureigenen Verdienste Vogels nur zum Teil. Aber überall dort, wo er seinen persönlichen Ausdruck finden wollte, verfiel der Komponist in ein anderes Extrem und schrieb übertrieben glutvoll und mit zu vielen Effekten. „Das ist generell Vogels Schwäche wie auch die aller jungen Komponisten, vor allem wenn sie über eine empfindsame Seele verfugen. Aus Furcht, nicht genug auszudrücken, wollen sie allem und jedem Ausdruck verleihen und übertreiben es dabei. Fast alle Modulationen in diesem Werk stehen in Moll, und überall finden sich bizarre Akkorde sowie höchst vertrackte harmonische Übergänge. Es gibt wohl nicht einen einzigen Takt, in dem der Komponist keine besondere Absicht verfolgt. Im Ergebnis ist das Werk ermüdend, vielleicht gar langweilig. In Wahrheit handelt es sich um ein Übermaß von Talent, aber schließlich stellt auch diese Überfülle ein Scheitern dar.“ (Mercure de France, 1786.) Paradoxerweise schenkte er dem Pariser Publikum eine Partitur, „die alle Welt für erhaben hielt, die niemand verstand, und bei der man vor lauter Bewunderung gähnen musste.“ (Lettre á monsieur le comte de B*** sur la revolution arrivée en 1789.)

Das Talent, mit dem Vogel seine Orchesterstücke, seine Rezitative und die musikalische Umsetzung der Rolle der Medea erdacht hat, wurde einmütig anerkannt – unabhängig davon, ob die Musik nun Gähnen oder Applaus hervorrief: „Es gelang ihm, Medeas immer gleiche Zornausbrüche mit einer großen Vielfalt des Ausdrucks zu versehen. Die Arie ‚Ah! ne me parlez plus d’amour et d’esperance‘ im dritten Akt ist ein Meisterwerk.“ Was die Musik betraf, war das Urteil vollkommen einhellig: „Dieser erste Versuch eines jungen Komponisten gibt sicherlich Anlass zu den größten Hoffnungen.“ Man ging sogar so weit zu sagen, dass „kein junger Komponist zuvor seine Laufbahn auf eine so erlesene Weise begonnen hat“ (Mercure de France, 1786).

Benoit Dratwicki/ youtube

Man muss jedoch erkennen, dass trotz allen Lobes weder das Publikum noch die Kritiker dieser Zeit in der Lage waren, zu erkennen, wie gewagt Vogels Partitur ist und wie viel Innovatives und Originelles in ihr enthalten ist. Geschult an deutscher Musik verfügte der Komponist als direkter Erbe der großen Mannheimer Schule über einen sinfonischen Atem wie kaum ein französischer Komponist – mit Ausnahme von Gossec. In der ambitionierten Ouvertüre zeigt sich dieses Talent sofort, ebenso wie in den wenigen Tanzsätzen. Aber vor allem in der Begleitung der Chöre und einzelner Arien wird Vogels ganzes Können offensichtlich. Zu Hypsipyles Flehen, Medeas Gebrüll und Jasons kriegerischem Rachegeschrei seufzt, gewittert und trompetet das Orchester. Selbst das Rezitativ ist voll ruckartiger Bewegungen und verwirrender Punktierungen, die das Drama auf wirkungsvolle und angemessene Weise unterstützen. Übernatürliche Szenen und Naturkatastrophen bieten hervorragende Gelegenheiten, das Orchester in allen seinen Facetten vorzuführen, und Vogel lässt keine dieser Möglichkeiten aus: Der Begräbnischor, der den Tod des Hypsipyle begleitet, steht in der Tradition düsterer und kargerer Kirchengesänge, während Medeas Verwünschungen mit Harmonien und ungewöhnlichen Klängen untermalt werden, die schon auf die Romantik vorweisen. Das Gewitter im zweiten Akt und die letzte Schlacht ermöglichen es dem gesamten Orchester, eine schon beinahe furchterregende Virtuosität an den Tag zu legen, während Solisten und Chor noch Aufschreie und Ausrufe hinzufügen. La Toison d’or ist zweifellos ein bedeutendes Bindeglied zwischen Gluck und Spontini. Nicht wegen der – so gut wie nicht vorhandenen – Wirkung auf das zeitgenössische Publikum, sondern weil wir diese Oper heute als Beleg für die große Vielfalt der musikalischen Stile würdigen können, die während der Regentschaft Ludwigs XIV. und Marie-Antoinettes an der Académie Royale de Musique präsentiert wurden. Bénoit Dratwicki (Übersetzung: Susanne Lowien/Glossa)

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(Den Text übernahmen wir aus dem Booklet zur Aufnahme bei Glossa unter der Leitung von Hervé Niquet, mitgeschnitten am 27. Juli 2012 beim Nürnberger Gluck-Festival 2012 mit Marie Kaline, Jean-Sébastien Bou, Judith Van Wanroij u. a. sowie dem Concert Spirituel/ Glossa/Note 1/ 2 CD GCD 921628. Dank auch an Verena Koegler von der Oper Nürnberg, wo im Sommer 2012 diese Aufführung stattfand und vom Rundfunk mitgeschnitten wurde.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Unter Zigeunern

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Eine Hand wäscht die andere. Ich führe deine Oper auf, und du spielst bei mir Klavier. So etwa könnte es gewesen sein, als Paderewskis Manru 1902 in New York aufgeführt wurde – und die bislang einzige an der Met aufgeführt polnische Oper geblieben ist (zugegeben – die Auswahl ist nicht riesig). Wie anders lässt sich erklären, dass die einzige Oper des Pianisten, Politikers und Nationalhelden Ignacy Jan Paderewski von Walter Damrosch, der bereits das Amerika-Debüt des Pianisten in der Carnegie Hall begleitet hatte, an der Met gespielt wurde. Mit dabei Marcella Sembrich und Louise Homer. Nicht schlecht. So würde man das gerne hören. Allerdings ist die von Madciej Figas knallig und zupackend dirigierte Aufführung aus Bydgoczcz, dem ehemaligen Bromberg, anlässlich des 50jährigen Bestehens der Opera Nova 2006 entstanden, allerbestens. Manru ist auch in Paderewski Heimat nicht eben häufig auf den Spielplänen zu finden, was vielleicht an dem kosmopolitischen Flair des Werkes liegt. Uraufgeführt 1901 in Dresden unter Ernst von Schuch mit der später als Elektra berühmt gewordenen Annie Krull als Ulana, dann in Lemberg gespielt, fand die Oper erst ab den 1960er Jahren in Polen regelmäßig Aufmerksamkeit. Allerdings enthält Manru auch hinreichend musikalische Hinweise, volkstümlich tänzerische Rhythmen und ein virtuoses zigeunerisches Violinsolo, zu dem Schauplatz, die Hohe Tatra, wo die Liebesgeschichte zwischen dem Dorfmädchens Ulana und dem Zigeuner Manru spielt. Ulana wurde von ihre Mutter verlassen, Manru von den Zigeunern verstoßen. Am Konflikt zerbrechen beide. Manru lässt Ulana im Stich, wird zum Führer der Zigeuner und gibt sich einer anderen hin. Ulana ertränkt sich, Manru wird von dem heimlich in Ulana verliebten Heilkünstler Urok ermordet. Das ist (polnischer) Verismo pur. Ein Höhepunkt ist ein ekstatisches, durch einen Liebestrank gesteigertes Duett der Hauptfiguren, das in seiner leicht perversen Überdrehtheit an Schreker oder Zemlinsky denken lässt. Wioletta Chodowicz singt das Dorfmädchen Ulana mit einem farbigen, facettenreichen, durchsetzungsstarken Sopran. Ihr Einsatz trägt den ersten Akt. Der Manru wird von Janusz Ratajcak mit einem anfangs fahlen, dann zunehmend trompetenhaft durchdringenden Tenor gesungen, der in der strapaziösen ariosen Deklamation immer noch jung klingt, obwohl er dem Ensemble zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 18 Jahre angehörte. Der Urok von Leszek Skrla bleibt gewöhnlich. R. F.

 

Ignacy Jan Paderewski: Manru mit Janusz Ratajcak (Manru), Violetta Chodowicz (Ulana), Barbara Krahel (Jadwiga), Monika Ledzion (Aza), Jacek Greszta (Oros), Leszek Skrla (Urok), Lukasz Golinski (Jagu) u.a.; Chor und Orchestre der Opera Nova in Bydgoszcy; Leitung: Maciej Figas; 2 CD Dux 0793/0794 

Galerenjahre… für Verdi

„Dienen, dienen“ ist Kundrys letztes Wort, für das die Sängerin im Parsifal einen ganzen Akt lang auf die Bühne muss, und „dienen“ ist laut seinem letzten Satz auch das Bestreben Riccardo Mutis in Bezug auf Giuseppe Verdi, über den der Dirigent ein Buch mit dem Titel „Mein Verdi“ geschrieben hat. In ihm gibt es auch ein Kapitel „Verdi und Wagner“, in dem gar nicht nett mit dem Auch-Geburtstagskind umgegangen wird, wenn seine Verehrer in Bayreuth als Zombies mit stechendem Blick beschrieben werden und seine Musik – immerhin – als Droge bezeichnet wird. Überzeugt zeigt sich Muti davon, „dass die Menschheit in Zukunft Verdi dringender braucht als Wagner“. Gar nicht nachvollziehen kann er die Aussage von Carlos Kleiber, der zu ihm sagte, er möge als Dirigent am Pult glatt sterben, wenn die Musik bei Brünnhildes Erwachen oder am Ende der Götterdämmerung so zärtlich werde. Muss er auch nicht, denn sein Buch ist schließlich  nicht Wagner, sondern Verdi gewidmet.

Herausgeber und Mitautor Armando Torno schildert in der „Vorbemerkung“ die Arbeitsweise Mutis bei der Entstehung des Buches, zu dem der Dirigent die Idee hatte. „Werktreue“ wird bereits an dieser Stelle als oberstes Prinzip hervorgehoben und die heutige Aufführungspraxis kritisiert.

Jedem der Kapitel ist ein Zitat aus einer Verdi-Oper vorangestellt, auch der „Vorrede“ Mutis, in der er Verdi als den „Komponisten des Lebens“ und zugleich als den „Komponisten meines Lebens“ apostrophiert. Er äußert die Meinung, in jeder Verdi-Oper sei eine Figur Verdi selbst, drücke sich der pessimismo verdiano aus. Allerdings  ist es seltsam, daß dies im Simon Boccanegra Fiesco sein soll, der dann aber mit „Perfin l’aqua del fonte è amaro“ zitiert wird.

Muti blickt zurück auf seine ersten Eindrücke von Verdis Musik, mit der er bereits als Dreijähriger in Aida bekannt gemacht wurde, auf seinen Lehrer Antonino Votto, der nicht nur auswendig dirigierte, sondern auch ohne Partitur die Proben leitete. Später erwähnt er auch kurz Furtwängler (positiv) und Karajan, der ihn förderte und den er (das steht nicht im Buch) mutig gegen unbegründete Beschuldigungen Daniel Orens (auch er von Karajan gefördert) in Schutz nahm.

Seine erste Oper als Dirigent war ebenfalls eine solche von Verdi: I Masnadieri in der Regie des Deutschen Erwin Piscator – später lobt Muti neben vor allem Giorgio Strehler auch Werner Herzog für seine Regiearbeit.

Interessant sind die Ausführungen über die unterschiedliche Instrumentierung der Verdi-Opern, über die Herabsetzung des Kammerton a für Otello, den Umzug der Orchester in den golfo mistico, was sich ebenfalls auf das Hörergebnis auswirkte. Immer wieder aber klingt auch Resignation durch, so wenn Muti bedauert, dass heute das Sehen wichtiger als das Hören sei, letzteres kaum noch Bedeutung habe.

Seine Strenge gegenüber acuti-besessenen Tenören, aber auch gegenüber anderen Sängereitelkeiten begründet er mit der Aussage Verdis, Dirigenten und Sänger könnten und sollten nie kreativ sein. Auch das Wiederaufmachen von Strichen ist ihm ein Anliegen, so im ungekürzten Guglielmo Tell. Nachvollziehbar ist sein Kampf nicht nur gegen ein C in der Manrico-Stretta, sondern besonders gegen ein H, denn das Transponieren zugunsten des Tenors verändere durch den Tonartenwechsel das gesamte Klangbild. In diesen Passagen schimmert der Humor durch, den Muti durchaus auch angesichts so mancher menschlicher Schwäche bei seinen Mitarbeitern hat.

Hochinteressant sind die Ausführungen über die von ihm bekämpfte Aufführungspraxis anhand einiger Beispiele nicht nur aus Trovatore, sondern auch Ballo und Rigoletto. Das Gelächter des Jago nach seinem Credo ist ihm ein Graus. Aber auch die Sklaven einer puristischen historisch getreuen Umsetzung sind ihm einigen Spott wert. Es wundert den Leser allerdings etwas, dass gerade Muti sich bescheiden als Handwerker, nicht etwa als Künstler bezeichnet, während man seinen Spott über Dirigenten, die nicht gut Klavier spielen können, durchaus nachvollziehen kann. Die Traviata mit seiner Klavierbegleitung an der Scala ist natürlich auch ein Thema.

Über das Verhältnis Verdis zu Glauben und Kirche schreibt Muti mit Hinweis auf die geistlichen Werke des Komponisten, so über den Zweifel, ob der Schluss des Requiems im  glaubensfrohen C oder etwa doch in der Dominante des düsteren f-Moll gehalten sei. Den deutschen Leser stört es etwas, dass Muti bei seinen Ausführungen über Don Carlo tut, als hätte es Schillers Drama als Vorlage nie gegeben.

Während gerade in letzter Zeit in vielen Publikationen die Bedeutung Verdis für den Kampf um die Einheit Italiens sehr zurückhaltend beurteilt wird, hält Muti an den alten Vorstellungen vom Einfluss des „Va pensiero“ und vom engagierten Politiker Verdi fest. Auch am Bild vom „gewitzten Bauern“ lässt er nicht kratzen. Aber die Mameli-Hymne hält er für geeigneter als Nationalhymne als den Gefangenenchor.

Muti vertritt die Meinung, dass die lange Schaffenspause des Komponisten von den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern deutscher und denen italienischer Musik zu verantworten ist. Sicherlich nicht jeder Leser  wird ihm bei der Behauptung, das Liebesduett in Otello sei nicht erotisch, folgen können, wohl aber bei der Einschätzung der Liebe von Nanetta und Fenton im Falstaff, den er Così fan tutte gleich setzt in seiner fast überirdischen Heiterkeit. Wenn es nach Muti geht, müssen Moslems auch in Zukunft das „Esultate“ und was darauf folgt aushalten können – aber sie haben wahrscheinlich bisher noch gar nicht davon Kenntnis genommen.

Riccardo Muti, der fast alle Opern Verdis bereits dirigiert hat, möchte auch noch die restlichen – außer der seiner Meinung nach mit Längen behafteten Luisa Miller – seinem Repertoire zufügen. Der Leser wünscht es ihm von Herzen.

Ingrid Wanja   

 

Riccardo Muti – Mein Verdi (übersetzt von Michael Horst); Bärenreiter/Henschel, 176 Seiten, Fotos, register,  ISBN 978-3-7618-2344-6/ 978-3-89487-929-7     Geburtstagsgabe

Berliner Opern in Flammen

luther heiss umkämpftEin ungemein faktenreiches wie kämpferisches Buch mit dem Titel Oper in Berlin – Heiß umkämpft und stets unter Feuer hat Berlins wandelndes Opernlexikon mit deutlicher Richtung zum Vergangenen, Einhard E. Luther, geschrieben und lässt den feurigen Titel durch ein ebensolches Cover unterstreichen: die jetzige Staatsoper inmitten hoch in den Himmel lodernder Flammen. Das ist nur einer der vielen Theaterbrände, dem auch das jetzige Konzerthaus am Gendarmenmarkt und die Kroll-Oper bereits im 19. Jahrhundert  zum Opfer fielen, ehe der 2. Weltkrieg sie zu Ruinen werden ließ. Allerdings liest der Berliner mit Staunen, wie schnell damals wieder aufgebaut wurde, meistens sogar ohne wesentliche Verteuerungen oder Verzögerungen während der Wiederherstellung (Foto oben: Ruine des königlichen Opernhauses Berlin, 1843, Aquarell von Johann Karl Jakob Gerst, ohne Jahr; Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz/Wikipedia) .

Brand des Berliner Schaupielhauses 1817/Aquarell/Wiki

Brand des Berliner Schaupielhauses 1817/Aquarell/Wiki

Von 1700, als Königin Sophie Charlotte sich in Lützenburg (heute Charlottenburg) als Theatergründerin betätigte, bis zum Jahr 1851, als Botho von Hülsen Intendant der „Königlichen Schauspiele“, d.h. von Hofoper Unter den Linden und Nationaltheater am Gendarmenmarkt, wurde, reichen Luthers Untersuchungen, die eine Fülle von Material bieten, seien es Darstellungen der Geschichte dieser beiden und weiterer Opernbühnen, zeitgenössische Kritiken und andere Quellen wie Briefe oder Denkschriften, seien es Figurinen, Bühnenbildentwürfe, Theaterposter, Besetzungszettel, Grundrisse der Opernhäuser oder unzählig viele Portraits von Intendanten, Komponisten, Dirigenten und Sängern – auf jeder Seite findet sich mindestens eins davon, meistens sogar mehrere. Das erleichtert es auch erheblich, einigermaßen den Überblick über die Materialfülle zu behalten. Der Autor geht im wesentlichen chronologisch vor, verweilt aber hin und wieder auch bei dem einen oder anderen Opernhaus, um größere Zusammenhänge herzustellen. So ergeht es dem Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in der Schumannstraße oder der Kroll-Oper, die als Gartenetablissement gegründet wurde und nach dem Reichstagsbrand diesen als Sitz des Parlaments ersetzen musste. Luthers besonderes Augenmerk gilt dem Königsstädtischen Theater am Alexanderplatz, einer privaten Gründung, die von italienischen Operntruppen bespielt wurde, die nicht selten parallel zur Hofoper Opern in der Original- oder in Italienischer Sprache aufführten, während die Hofoper, die tatsächlich dem Hof vorbehalten war, sie in deutscher Sprache spielte. So gab es gleichzeitig am Alexanderplatz Il Profeta, während man Unter den Linden Der Prophet spielte.

Die Staatsoper im Bombenhagel 1945/Wiki

Die Staatsoper im Bombenhagel 1945/Wiki

Hart geht Luther mit der Festschrift zum zweihundertfünfzigjährigen Bestehen der Staatsoper von 1992  ins Gericht, die den Titel „Apollini et Musis“ trägt und der er zahlreiche Irrtümer und Versäumnisse nachweisen kann. Auch wenn man seine Angaben kaum im Detail überprüfen kann, wirken sie überzeugend und durch umfangreiches Quellenstudium fundiert. Daß political correctness nicht vor Operngeschichte halt macht, versucht er an der Beurteilung der „Zusammenarbeit“ zwischen Intendant Heinrich Küstner und seinem (für wenige Jahre) Generalmusikdirektor Meyerbeer fest zu machen. Demnach wurden dem gewissenhaften Intendanten allerlei Versäumnisse angedichtet, während der seine Pflichten eher großzügig auslegende Dirigent nach Kräften für etwas gelobt wurde, was das Verdienst des Kollegen war. Vorsichtshalber zitiert Luther einen antisemitischen Ausspruch Spontinis, ebenfalls Dirigent Unter den Linden, nur im französischen Original.

Die Geschichte der beiden königlichen und der privaten Opernhäuser wird minutiös nachgezeichnet, das Buch hat hier durchaus Lexikonwert, ist vielleicht als Nachschlagewerk noch besser zu gebrauchen denn als fortlaufende Lektüre, bei der die Überfülle des Materials ermüden und der Leser den Faden verlieren kann. Der beginnt zu überlegen, ob nicht eine andere Gliederung, so nach Opernhäusern, zu mehr Übersichtlichkeit verholfen hätte. Andererseits ginge dadurch das ständige Vergleichen der Entwicklung, das Einandergegenüberstellen verloren. Immerhin ist der Text nicht zu knapp auch mit pikanten Anekdoten gewürzt, die die Lektüre nicht nur gewinnbringend machen, sondern auch den Leser erheitern. Auch viele Lebenswege damals berühmter Sänger machen das Buch unterhaltsam, wobei man über den häufig extrem frühen Karrierebeginn, das weitgespannte Repertoire und das frühe Karriereende und den frühen Tod der Sänger erstaunt und betroffen ist. Giuditta Pasta, Jenny Lind, Pauline Viardot sind nur einige der Namen, die eine Rolle spielen, so wie die Tänzerinnen Barberina und Taglioni.

Zuschauerraum des wiederaufgebauten kgl. Opernhauses Berlin, 1844, Illustrirte Zeitung Nr. 88, Berlin 1845/Wiki

Zuschauerraum des wiederaufgebauten kgl. Opernhauses Berlin, 1844, Illustrierte Zeitung Nr. 88, Berlin 1845/Wiki

Operngeschichte ist stets auch Sozial- und allgemeine Geschichte oder vielmehr ihr Spiegelbild. So lernt man auch viel über die preußischen Könige vom verschwenderischen Friedrich I., über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., unter dem es gar keine Oper in Berlin gab, den kunstsinnigen Friedrich II:, dessen „der Große“ Luther vehement verteidigt, seinen Neffen Friedrich Wilhelm II.,  den König Infinitiv  Friedrich Wilhelm III. und schließlich Friedrich Wilhelm IV. Ihr Verhältnis zur Oper oder generell zur Kunst wirft ein scharfes Licht auch über darüber Hinausgehendes. Dabei erstaunt, dass Friedrich der Große nur deutsche Musik (Graun, Hasse) spielen ließ, weniger dass stets italienische und deutsche Oper im Clinch miteinander lagen. Erst allmählich setzten sich auch deutsche Sänger wie Henriette Sonntag in Berlin durch.

Auch die Opernhausarchitekten und die Szenographen Knobelsdorff, Langhans und Schinkel erfahren ihre Würdigung, und hätten die jetzigen Sanierer der Staatsoper sich rechtzeitig mit deren Wirken befasst, wären sie nicht über Grundwasserprobleme erstaunt gewesen.

Das Charlottenburger Opernhaus vor dem krieg/Wiki

Das Charlottenburger Opernhaus vor dem Krieg/Wiki

Am Schluss des Buches wird vor der Bibliographie und dem Personenregister nicht recht deutlich, ob der Verfasser sein Werk fortsetzen will. Man wünscht es sich, nicht zuletzt auch eine Geschichte der Berliner Oper im zwanzigsten Jahrhundert, wo, schenkt man dem Autor Glauben, besonders viele Versäumnisse und Entstellungen in der Operngeschichtsschreibung zu vermuten sind.

Ingrid Wanja   

 

Einhard E. Luther, Oper in Berlin – Heiß umkämpft und stets unter Feuer; 300 Seiten; Pro Business 2012; ISBN 978-3-86386-302-9

 

Nicht Unmöglich

Anton Urspruch/AUG

Anton Urspruch/AUG

Nie gehört. Anton Urspruch. Ich gestehe, eine Lücke, die Dank Naxos und Peter P. Pachl, dessen Siegfried-Wagner-Intitiative beim gleichen Label man kennt, geschlossen wird (und der das Projekt in aller Ausführlichkeit auf Operalounge vorstelltt). Urspruch, 1850 in Frankfurt geboren, wo er 1907 starb, bewegte sich in ähnlichen Kreise, wie der 19 Jahre jüngere Wagner-Sohn Siegfried. Er war einer der Lieblingsschüler von Liszt,  unterrichtete am Hochschen Konservatorium, war Mitbegründer des Raff-Konservatorium und erwarb sich als Komponist und Kenner der Gregorianik, über die er sogar mit dem Papst konferierte, einen bedeutenden Ruf. Er schrieb zwei Opern. Eine davon ist Das Unmöglichste von Allem von 1897, deren etwas umständlicher Titel die genaue Übersetzung der Komödie von Lope de Vegas El mayor imposible ist, die sich Urspruch selbst als Libretto einrichtete. Die Königin und Roberto streiten sich: Für sie ist das „Unmöglichste von Allem“ eine Frau zu hüten, er ist anderer Ansicht, da er seine Schwester Diana mit Argusaugen bewacht. Nach einem abgekarteten Spiel zwischen der Königin und Lisardo, der Diana erobert, muss sich Roberto geschlagen geben.

Peter P. Pachl/PPP

Peter P. Pachl/PPP

Nach Rheintalers Das Kätchen von Heilbronn 2009 in Erfurt, Dietrichs Robin Hood zwei Jahre später ebendort und Peter Gasts Der Löwe von Venedig in diesem Jahr in Annaberg-Buchholz steht nach diversen Wiederentdeckungswellen vom Belcanto über Barock bis zur Entarteten Musik offenbar eine Renaissance der spätromantischen deutschen Oper an und füllt die Nische auf, die bislang Hänsel und Gretel und der Barbier von Bagdad besetzt hielten. Eltern brauchen noch keine Angst zu haben. das Märchen wird angesichts dieser Offensive gewiss nicht von den Weihnachtsspielplänen verschwinden. Aber Urspruchs komischer Dreiakter hat etwas. Er entwickelt etwas umständlich, aber penibel und auf eine Art und Weise, die den Text gut transportiert, die spanische Vorlage. Gleich das Vorspiel packt er in ein 12minütiges Ensemble, das direkt in die Handlung springt, Urspruch schreibt fassliche Arien und Duette, plustert sie tänzerisch auf und treibt die Ensemble tüchtig voran. Das Finale des zweiten Aktes ist in seiner gestisch-musikalischen Überkreuzung sicherlich ein großer Wurf, das des dritten Aktes versprüht einen fast falstaffschen Humor und Zauber. Zugegeben: manchmal könnte er sich ein bisschen konzentrieren. Aber alles im allem zeugt die Oper von bester Beherrschung des Handwerks. Ich fand es immer ein wenig schade, dass Lortzing nahezu völlig von den Bühnen verschwunden ist. Und so gerne ich mich für diese Komische Oper und den 2011 in Leverkusen entstandenen Mitschnitt begeistern würde: die Sänger machen es einem nicht leicht, bei der Stange zu bleiben. Am meisten mochte ich die Diana von Anne Wieben und die Zofe Celia von Caterina Maier, zwei quietschfidele Soubretten, die ihre Genre gut bedienen, und den kecken operettigen Spieltenor Matthias Grätzel als Lisardo. Israel Yinon wandelt erfolgreich auf den Spuren Mottls, der die Oper seinerzeit in Karlsruhe zur Uraufführung gebracht hatte.  

Rolf Fath

 

Anton Urspruch: Das Unmöglichste vom Allem mit Rebecca Broberg (Die Königin), Robert Fendl (Roberto, Adeliger in ihren Diensten), Anne Wieben (Diana, seine Schwester), Caterina Maier (Celia, Dianas Zofe), Matthias Grätzel (Lisardo, Kanzler der Königin), Ralf Sauerbrey (Ramon, Lisardos Diener), laurent Martin (Pedrillo) u.a.; PPP Music Theatre Ensemble, München; Orchester des Sorbischen Nationalensembles; Leitung: Israel Yinon; 2 CD Naxos 8.660333-35

Nina Stemme als Brünnhilde

Auch die Opernmetropole Paris stand 2013 im Banne Richard Wagner. Schon seit 2010 sorgte der Ring in der Regie von Günter Krämer und unter dem Dirigat von Philippe Jordan an der Opéra Bastille für Furore. Nachdem die vier Teile über mehrere Jahre hinweg einzeln erklungen waren, gipfelte das Projekt im Juni 2013 in einer Ring-Gesamtaufführung – der ersten seit 60 Jahren an dem bedeutenden Haus. Nun erscheint ein besonderer Querschnitt als Album – mit sinfonischen Auszügen und Brünnhildes Schlussgesang aus der Götterdämmerung mit der Wagner-Sopranistin Nina Stemme. „Wenn man sich dem Ring zum ersten Mal nähert, neigt man dazu, die Teile einzeln zu betrachten“, sagt Philippe Jordan, der spätestens seit seinem Bayreuth-Debüt 2012 als einer der besten Wagner-Dirigenten gilt. „Wenn man dann aber zum Rheingold zurückkehrt und dessen Klarheit und Unschuld neu entdeckt, und wenn man dann erneut den Weg durch die drei anderen Werke gegangen ist, sollte man dann nicht die Einheit des Zyklus‘ betrachten und den Klang der Götterdämmerung bereits im Prolog heraushören?“ Die Antwort bietet sein Wagner-Album mit instrumentalen Ausschnitten aus allen vier Teilen, vokal gekrönt von Brünnhildes Schlussgesang aus der Götterdämmerung mit Nina Stemme. Mit ihrer Brünnhilde sorgte die schwedische Sängerin weltweit für beste Kritiken – etwa 2011 in San Francisco, als ihr die New York Times „hochpolierte Brillanz und expressive Tiefe“ bescheinigte: „Sie war jedem einzelnen Moment verpflichtet – in jeder einzelnen Phrase, die sie sang.“ (WC)

 

Richard Wagner – Sinfonische Auszüge aus dem Ring des Nibelungen: Götterdämmerung : Brünnhildes Schluss-Gesang „Starke Scheite“; Nina Stemme, Sopran ; Orchestre de l’Opéra National de Paris ; Leitung – Philippe Jordan; 2 Warner Classics CDs 5099993414227; Digital Download 5099993414258

„Il Guarany“ von Antônio Gomes

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Es lässt sich doch immer eine Menge beim Opernhören lernen. Beispielsweise über die zu den indigenen Völkern Südamerikas gehörenden Guaraní, deren Siedlungen heute zu Uruguay, Bolivien, Argentinien, Paraguay und Brasilien gehören. In Paraguay, wo sie heute nur noch einen winzigen Anteil der Bevölkerung darstellen, vermischten sie sich früh den spanischen Kolonisten. Andernorts setzten sich die Jesuiten für den Schutz der Guaraní ein. Verhältnismäßig spät wurden sie Gegenstand literarischer Beschäftigung: José de Alencars  O Guarani von 1857 gehört zu den großen Romanen Brasiliens, die darauf basierende Oper gilt als Gründungsstunde der brasilianischen Oper. Wie der Istrier Antonio Smareglia oder der Grieche Spyros Samaras gehörte der Brasilianer Antonio Carlo Gomes zu den kosmopolitischen Lehrlingen der italienischen Opernszene, die deren Stil und Schemata in ihre Heimat transferierten, also mehr Mayr, Donizetti und Pacini als Verdi, aber sehr theaterwirksam und mit einem guten Gespür für Situationen und Sänger. Nachdem ich einmal Smareglias Abisso in Triest hörte, wo er auch hingehört, würde ich gerne mehr von seinen Opern hören.

Genauso geht es einem mit Gomes. In den wenigen zurückliegenden Jahren bot Gießen mit Lo Schiavo (Rio de Janeiro 1889) und der Fosca (Mailand 1873) die Gelegenheit, zwei ausgesprochen animierende Stücke zu erleben, zwar nicht von der bahnbrechenden Dichte des mittleren und späten Verdi, aber mit den Brüchen und Kanten, wie sie oft Werken in Übergangszeiten anhaften. Im speziellen Fall, also bei Il Guarany, finden sich bis in die Koloraturarien der Cecilia und die Ballettmusiken direkte Vorbilder in der französischen Oper. Gewiss betritt Gomes hier kein Neuland, aber er referiert auf geschickte Weise die Opernsituation seiner Zeit. Einige Male lieferten ihm sogar Ghislanzoni und Boito Texte und einige seiner Opern wurden an der Mailänder Scala uraufgeführt, so auch 1870 Il Guarany, der den fast noch druckfrischen Roman von José de Alencar adaptierte und noch im gleichen Jahr in Rio de Janeiro gefeiert wurde, wo er, zumindest bis zu der vorliegenden Aufnahme, eine ungebrochene Aufführungstradition begründete.

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Der Sound dieser bereits auf einem brasilianischen Label schon lange im Umlauf befindlichen Live-Aufnahme  ist etwas für Kenner. Das Orquestra Sinfonica de São Paul klingt, als sei die Einspielung kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende entstanden und nicht 1959, wie es das Aufnahmedatum festhält. Die nicht mehr verfügbare Arkadia-Ausgabe, nach der ich ebenfalls gegriffen habe, klingt auch nicht besser, bietet aber immerhin ein Libretto und ausreichende (und damit akut mehr) Informationen statt dieser schlichten Ausstattung. Man hört sich erstaunlich rasch ein, und der muffelige und antike Klang verflüchtigt sich scheinbar. Ich mochte die Aufnahme gern. Der Held ist der Guaraní-Häuptling Pery, zu dessen Interpreten auch Gigli, Thill und del Monaco und in neuerer Zeit (also 1994 in Bonn und bei Sony) Domingo gehörten; Manrico Patassini singt ihn hier mit einem dunklen, expansionskräftigen Tenor, überzeugender ist die nach dem Muster der französischen Oper konzipierte Cecilia der wendigen Kolorateuse Niza de Castro-Tank. Cecilia ist die Tochter des Don Antonio, die sich in ihren Lebensretter Pery verliebt hat, aber nach dem Wunsch des Vaters den Portugiesen Don Alvaro heiraten soll. José Perrota singt den alten portugiesischen Adeligen mit großer Basswürde, Paulo Fortes den Abenteurer Gonzales mit einem höhenstarken, edel geschulten Verdibariton (kein Wunder, dass Cappuccilli die Partie derart reizte, dass er sie 1964 Rio sang). Antonio Belardi hält das Stück gut zusammen. R. F.

 

Antônio Carlos Gomes: Il Guarany mit José Perrota (Don Antonio De Mariz ), Niza de Castro-Tank (Cecilia, seine Tochter), Manrico Patassini (Pery, Häuptling der Guarany), Paschoal Raymundo (Don Alvaro), Paulo Fortes (Gonzales) u.a.; Orquestra Sinfónica de São Paulo; Leitung: Armando Belardi ; Andromeda 9115

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Ein Tenor auf gutem Weg

Vor einigen Jahren, als er in der Arena di Verona als Conte Almaviva Aufsehen erregte, galt der Tenor Francesco Meli noch als reiner Rossini- bzw. Mozartsänger. Inzwischen hat er in kluger Karriereplanung viel Donizetti gesungen und sich über den Duca und Alfredo auch ins Verdifach vorgearbeitet. Wie auch andere italienische Sänger hat er am Opernhaus von Posen einiges ausprobiert, wovon eine CD mit einem Recital zeugt, Live-Aufnahme eines Konzerts aus dem Jahre 2009, das er mit der Filharmonia Poznanska unter Lukasz Borowicz aufgenommen hat und das zur Reihe World Opera Stars gehört.

Das Programm ist kein rein italienisches, sondern beginnt mit der Ouvertüre zu einer Oper Ignacy Feliks Dobrzynskis mit unaussprechbarem und unmerkbarem langem Namen, deren Musik teils düster schwelgend, teils blechtrunken schmetternd ertönt, offensichtlich ein Potpourri der im Werk enthaltenen Melodien und insgesamt recht plakativ. Nach der Tenorarie aus Il Duca d’Alba, die nicht von Donizetti, sondern von Matteo Salvi stammen soll, gibt es noch ein Tanzstück aus Hrabina, also nicht aus der polnischen Nationaloper Halka von Stanislaw Moniuszko , an der nach 1945 kein DDR-Opernhaus vorbei kam. Danach wird es rein italienisch mit Arien von Donizetti und Verdi.

Bereits in „Angelo casto e bel“ zeigt Meli einige seiner Stärken: die leichte Emission und vorzügliche Diktion, das Wissen um die Wichtigkeit der Rezitative und die gute Phrasierung. Die Stimme ist dunkler geworden und auch in der Mittellage sehr präsent. Er trifft perfekt den elegischen Ton der Arie mit einer leichten Andeutung der „lacrima nella voce“. Die acuti werden nicht zu offen gesungen und die Stimme hat eine einheitliche Farbe. Es folgen Arien aus den Donizetti-Opern Elisir, Roberto Devereux und Lucia di Lammermoor, in denen die Geschmeidigkeit der Stimmführung, das schöne Piano und Legato erfreuen können, in der Schluss-Sene der Lucia sind die Schwelltöne bemerkenswert, klingt die Höhe  leider etwas angestrengt – da gab es wohl keine Möglichkeit zur Nachbesserung.

Der Verdi-Teil besteht aus den Tenorarien aus Trovatore, Lombardi, Ballo in maschera und Luisa Miller. Ein Verdi-Sänger war Meli vor vier Jahren noch nicht. „Ah si, ben mio“ wird recht schnell genommen, was der Stimme entgegen kommt, ein zusätzlicher Spitzenton erfreut das Publikum, eine reiche Agogik verfehlt ihre Wirkung nicht. Für den Riccardo hat Meli die Eleganz der Stimmführung, eine leicht abgedunkelte Stimmfarbe und einen winzigen Glottisschlag. Die Partie wird ihm gut liegen. Ebenso der Oronte, den er schwärmerisch und mit einem tollen Spitzenton singt. Rodolfos „Quando le sere“ erfährt nach sehr lyrischem Beginn eine feine Steigerung ins Dramatische.

Auf die weitere Karriere des klugen, behutsam planenden Sängers kann man gespannt sein. herausragend aber ist hier auch die Leitung des versierten Orchesters durch Lukasz Borowicz. In nur kurzer zeit hat sich der junge Pole einen internationalen Namen gemacht und geht zahlreichen Verpflichtungen an den großen Häusern außerhalb seines Heimatlandes nach, so auch in Berlin. Spannend ist aber auch seine Tätigkeit „zu Hause“ beim eigenen Rundfunkorchester in Warschau, wo er durch das breite und für Kenner prachtvolle Repertoire aufgefallen ist. Montemezzi, Donizetti, Weber, Cherubini und deren Opern lassen Fans nicht nur zum Beethoven-Festival im Frühjahr nach Warschau kommen, wenn internationale Stars wie Nelly Miriciou oder Melanie Diener den Auftritten Glanz verleihen und sich die einheimischen Sänger von Rang nicht verstecken müssen. Borowicz hat bietet dieses Geheimnis der spontanen Kommunikation, reißt den Hörer mit, nimmt ihn mit auf die Reise durch die Musik und deren Emotionen – so auch hier auf der Verdi-CD von Franncesco Meli, wo die Einleitungen den idealen Rahmen bilden und wo die beim Tenor angesiedelten Emotionen im gut disponierten Orchester Widerhall finden – selten hat man das Zusammenspiel so kongenial erlebt (PNCD 1405).

Ingrid Wanja

 

Diese oben besprochene CD gbts zur Abwechslung mal bei Amazon Deutschland.

Hier sind darüber hinaus für andere Aufnahmen aus Polen, die es nicht in Deutschland gibt, zwei Adressen von Geschäften in Warschau, die – laut Bogna Kowalska (Deputy Director Polish Radio Symphony Orchestra; Tel. +48 22 645 51 12; Mob. +48 508 011 219) – die Aufnahmen führen und verschicken, es finden sich englischsprachige Hinweise auf den Websites, leider gibt’s immer noch keinen deutschen Vertrieb: www.empik.com undwww.merlinmuzyka.pl. (G. H.)

 

 

Mythos G. G.

Leider gibt es keinen Hinweis darauf, aus welchem Jahr das Cover des Buches Gustaf Gründgens von Thomas Blubacher im Henschel Verlag stammt und welche der zahlreichen Mephisto-Interpretationen auf ihm zu sehen ist, aber es scheint eher einen desillusionierten, gealterten Schauspieler darzustellen als die schillernde, sich im Verlauf der Karriere wandelnde Gestalt aus Goethes Faust,  die man mehr als alle anderen Rollen mit dem großen Schauspieler, Regisseur und Intendanten verbindet.

Das Buch ist sicherlich, wie der Untertitel behauptet, eine Biographie, aber es ist viel mehr und beginnt seltsamer Weise mit dem zunächst rätselhaft erscheinenden Tod Gründgens‘ in einem Hotel in Manila. Es endet mit seinem Aufbruch zu einer Weltreise, die ihm dabei helfen soll, „leben (zu) lernen“, also ein Versäumnis nachzuholen, als es offensichtlich zu spät dazu ist. Die ca. 350 Seiten dazwischen lassen den Leser erfahren, warum der Selbstmord, von dem man wohl ausgehen muss, Konsequenz eines nur überreich erscheinenden Lebens ist.

Darüber hinaus ist das Buch eine, wenn auch auf das künstlerische Leben verengte (aber doch auch einen Spiegel darstellend) Geschichte der letzten Jahre des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, der Nazizeit und der Adenauer-Zeit. Auf die ausführliche Geschichte der beiden Familien, aus denen der Künstler stammt, hätte man auch verzichten können, und sie ermüdet zunächst den Leser etwas. Erst im Nachhinein sieht er ein, dass die Wurzeln eines Lebens, auch um lange Zeit zurückverfolgt, aufschlussreich sein können.

Über die reine Biographie hinaus geht zwangsläufig auch die Theatergeschichte, die sich aus ihr erschließen lässt. Das zunächst noch bedauernswerte Image des Schauspielerberufs, die auf Berlin zentrierte Theaterlandschaft, die mit der Niederlage Deutschlands und seiner Aufteilung in Besatzungszonen dezentralisiert wird, die Vielfalt des Berliner Bühnenlebens und seine ökonomische Misere in der Weimarer Republik, die Rivalität zwischen Göring und Goebbels um die Herrschaft über die Theater, über Rundfunk und Film. Dabei ist es interessant zu lesen, wie sich die Belegschaft der ehemaligen preußischen Staatstheater unter Göring relativer Freiheit erfreuen durfte, nicht zuletzt durch das Einwirken seiner Schauspielerin-Ehefrau Emmy Sonnemann. Deren gute Beziehung zu Gründgens, der sie das Gretchen spielen ließ, führte später dazu, daß die Verleihung des ersten Bundesverdienstkreuzes an ihn zu einem Skandal ausartete. Der Leser erfährt einiges darüber, inwieweit ein Schutz von sogenannten Halbjuden, „jüdisch Versippten“ und jüdischen Ehepartnern von „Ariern“ möglich war.  Noch einmal erschreckend anzusehen ist die lange Liste der Künstler, die Deutschland ab 1933 verlassen mussten oder wollten. Einige der persönlichen Feindschaften, die Gründgens pflegte oder die ihm aufgezwungen wurden wie die zu seinem Ex-Schwager Klaus Mann, der ein entstelltes Bild von ihm in seinem Roman „Mephisto“ entwarf, haben durchaus auch politische Wurzeln. Das Thema „Gehen oder Bleiben“, die damit zusammen hängenden Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen, können in diesem Buch natürlich auch nicht fehlen.

Das Buch enthält nicht nur Theatergeschichte und -geschichten, sondern auch eine Darstellung des Wandels in der Aufführungspraxis, des Kampfes, den Gründgens ab den 50er Jahren für das konservative Theater als festliche Veranstaltung gegen das politisierende Hinterfragungstheater und andere Richtungen führte, so mit dem „Düsseldorfer Manifest“. Als weiterer Kontrast wird der zwischen Max Reinhardts sinnenfrohem Theater und dem Dumonts in Düsseldorf mit seinem priesterlichen Anspruch herausgestellt. Es ist außerdem ein „Who is who“ der deutschen Schauspieler, Regisseure und Intendanten. Staunen wird man immer wieder über den Reichtum an schauspielerischen Talenten und an Uraufführungen.

Zeitlebens musste Gustaf Gründgens mit der Angst umgehen können, dass ihm aus seiner Homosexualität Misshelligkeiten erwachsen könnten, denn diese war bis 1969 selbst zwischen einvernehmlich handelnden Erwachsenen unter Strafe gestellt. Zwei Heiraten (Erika Mann und Marianne Hoppe) und eine Adoption (des Lebenspartners Peter Gründgens-Gorski) änderten kaum etwas an der Bedrohung, zu der das sündenfrohe Berliner Nachtleben der Weimarer Zeit in einem sonderbaren Kontrast steht. Inwieweit der Intendant sich junge Schauspieler und damit Abhängige gefügig machte, kann nur vermutet werden, ebenso die „Schuld“ seines letzten Geliebten an seinem Selbstmord. Kaum anzuzweifeln ist jedoch, dass die Erpressbarkeit den Charakter zumindest mit geformt hat und manches Unverständliche und Launenhafte zumindest teilweise erklären mag.

Das Buch bietet eine Überfülle von Zeitzeugenaussagen, Kritiken, einen höchst umfangreichen kritischen Apparat und kann den Anspruch auf wissenschaftlichen Wert erheben, auch weil die Lebensgeschichte Gründgens‘ stets verflochten bleibt mit der Geschichte seiner Zeit. Diese führt ihn nach der Ausbildung in Düsseldorf nach Halberstadt, Kiel, Hamburg, Berlin und lässt ihn als Schauspieler, Regisseur (auch an der Scala, in Wien, Salzburg, Florenz) und Generalintendant arbeiten, führt ihn in ein Arbeitslager des NKWD, aus dem ihm Ernst Busch, dem er selbst geholfen hatte, heraus holt, dann wieder nach Düsseldorf und schließlich nach Hamburg. Dass er nach einem so reichen Leben meint, er müsse lernen zu leben, zeigt die Tragik des Gustaf Gründgens, der dem Leser nach der letzten Seite des Buchs eher bemitleidens- als beneidenswert erscheint.

Ingrid Wanja   

 

Thomas Blubacher: Gustaf Gründgens, Biographie, 432 Seiten, 54 s/w Abbildungen, Hardcover, Henschel Verlag, Leipzig  ISBN 978-3-89487-702-6