Archiv des Autors: Geerd Heinsen

Schlaglichter auf 50 Jahre Oper in Leipzig

Viel mehr nur als „Schlaglichter“ auf die Geschichte des einzigen Theaterneubaus der DDR, der Leipziger Oper, ist der gewichtige Band mit dem Titel Oper Leipzig- Schlaglichter auf fünf Jahrzehnte Musiktheater  (hersg. von Alexander von Maravic und Harald Müller bereits 2010; Verlag Theater der Zeit, ISBN 978-3-940737-81-6), denn er enthält neben zahlreichen Artikeln der künstlerisch, kaufmännisch oder technisch am Opernwerk Beteiligten unter dem Titel „Fünfzig Jahre neues Opernhaus“ auch noch die titelgebenden „Schlaglichter“ zur Hervorhebung einzelner Produktionen oder Persönlichkeiten, eine wie das gesamte Buch reich bebilderte „Chronik 1960 – 2010“ und einen Anhang mit Informationen über Autoren und Fotografen. Herausgegeben wurde das Werk von Alexander von Maravić  und Harald Müller nach einer Konzeption von Regina Brauer im Verlag Theater der Zeit. Die meisten Artikel sind nur in deutscher Sprache zu finden, einige, die man wohl für besonders wichtig hielt, gibt es zusätzlich in englischer Sprache.

Zu Beginn finden sich die unvermeidlichen Grußbotschaften, so die des Oberbürgermeisters, der darauf hinweist, dass Leipzig nach Venedig und Hamburg das älteste bürgerliche Opernhaus besaß, und der eine Brücke schlägt von den Meistersingern als Eröffnungsvorstellung 1960 zu denen des Jahres 2010. Als Präsident des Deutschen Bühnenvereins befasst sich Klaus Zehelein vor allem mit der Unsinnigkeit von Frageverboten, die ihm während eines Lohengrin bewusst wurde. Die Herausgeber informieren den Leser darüber, warum man nicht an dem ursprünglichen Plan festhielt, das 1943 nur teilweise zerstörte Haus wieder aufzubauen. Hier wie auch an anderen Stellen wird deutlich, wie sehr Leipzig und sein Opernhaus als typisch für deutsche und DDR-Geschichte stehen können.

Sehr interessant sind die Baugeschichte des Hauses und die seiner Vorgänger. Thomas Topfstedt schildert sie unterstützt von vielen wertvollen Fotos. Die Standortsuche, der Entwurf von Langhans für das erste „Neue Theater“, in dem zunächst drei Sparten miteinander konkurrierten, die Frage der Ausrichtung des Hauptportals, das ist alles nicht nur Theater- sondern stets auch politische Geschichte. Zwar ist der Titel des Buches eindeutig auf die Zeit nach dem Krieg bezogen, aber man ist dankbar über den Rückblick auf eine ruhmreiche Vergangenheit des Leipziger Opernlebens zumindest, was die Architektur betrifft, hätte sich aber auch einen zumindest kurzen auf die vielen Jahrzehnte, ja Jahrhunderte künstlerischen Wirkens gewünscht. Zu den Einsendern von Vorschlägen für den Neubau gehörte auch Hans Scharoun, und man weiß heute nicht, ob es von Vor- oder Nachteil war, dass die Wende in der Kulturpolitik just in die Zeit der Entscheidung für den Entwurf von Kunz Nierade fiel, für den in einem weiteren Artikel Michael Ernst eine Lanze bricht. Vieles an den Fotos von Fassade und Inneneinrichtung kann heute noch gefallen, anderes wie der an eine Betriebskantine erinnernde „Erfrischungsraum“ im Rangfoyer eher nicht. 1960 wurde das Notquartier Dreilinden jedenfalls verlassen, wo bereits am 20.7.1945 die erste Vorstellung nach dem Krieg mit einem Fidelio stattgefunden hatte.

Neben exklusiv für das Buch geschrieben Artikeln gibt es immer wieder auch Beiträge aus damaligen Zeitungen, Programmheften oder Festreden wie die von Karl Kayser (manchmal Kayer), die man als Ausdruck der damals notwendigen politischen Gratwanderung ansehen kann. Wohl zu keinem besonders günstigen Zeitpunkt fand das Interview mit Joachim Herz statt, der sich mit lapidar knappen Antworten begnügt, während Friedelind Wagners Brief mehr über deren Persönlichkeit als über das Leipziger Opernhaus aussagt. Aufschlussreicher ist da auf jeden Fall der Artikel von Lothar Wittke über die Ära Herz, dessen Absicht, sich „der Wahrheit des Vorgangs“ verpflichtet zu fühlen, nach Meinung des Verfassers von den Nachfolgern Günter Lohse und Uwe Wand genau so vertreten wurde. Ebenfalls eingegangen wird in diesem Beitrag auf die Generalmusikdirektoren Konwitschny, Schmitz, Neumann, Reuter, Bahner und Masur. Gespräche mit dem Tenor Helmut Klotz und dem Dirigenten Roland Seiffarth vervollständigen das Bild von dieser Epoche. Nicht ohne Missmut äußert sich Udo Zimmermann über seine Leipziger Jahre unter dem Titel „Was ist denn modernes Musiktheater“, wenn er, nach seinem Wunsch befragt, meint „ein unvoreingenommenes Publikum- was man in den seltensten Fällen bekommt.“ Während vor dem Mauerfall auffallend viel Slawisches im Repertoire auftauchte, waren es nach der Wende Stockhausen und Nono, dazu kamen Regiearbeiten von Konwitschny, Berghaus u.a. – inwiefern dies für einen erst durch Henri Mayer rückgängig gemachten Publikumsschwund verantwortlich war, ist natürlich kaum festzustellen, auf jeden Fall war die Reduzierung der Plätze des für Leipzig zu großen Hauses eine sinnvolle Maßnahme. Warum aus „Leipziger Oper“ „Oper Leipzig“ werden musste, erschließt sich weniger leicht.

Michael Ernst nennt sein Kapitel „Oper im Aufwind“  und bezieht sich dabei auf das Jahr 1990 und auf den Intendanten Udo Zimmermann, den er als „Opern-Zar“ bezeichnet. In manchmal etwas eigentümlicher Sprache ( „wohlfeiler Club der deutschen Opernkonferenz“,  Oper „in ein wichtiges Blickfeld gerückt“, „seine spezifischen Sichten auf das Repertoire zu deuten“) würdigt er Zimmermann als Komponisten wie als Intendanten. Aufschlussreich ist, dass Peter Korfmacher meint, Jiri Kout sei an Budget und Spielplan gescheitert, Hartmut Haenchen in Leipzig und Fabio Luisi in Berlin von Zimmermann nicht korrekt behandelt worden. Riccardo Chailly und Ulf Schirmer finden wie auch andere Dirigenten Erwähnung in diesem ungewöhnlich kritischen Artikel. Der bereits zitierte Henri Mayer äußert sich über „Sinnliches und intelligentes Theater“ und lässt durchblicken, was davon er für zu kurz gekommen ansah, wenn er sich „gute Sänger“ und „viel Publikum“ wünscht. Belcanto und Barock gelangen unter ihm ans Opernhaus, ein Semi-Stagione-System sorgt für Qualität. Regisseur Konwitschny nutzt seinen Beitrag für die übliche Kapitalismuskritik und für Geheimnisvolles über „Aida“; Ulf Schirmer lobt die besondere Qualität des Gewandhausorchesters. Nach einigen Interviews fällt auf, dass sich die Fragen an die für das Opernhaus Verantwortlichen oft wiederholen, was im Vergleich der Antworten aber durchaus auch interessant ist. Natürlich kommen auch die Vertreter von Ballett und Chor wie Kinderchor zu Wort.

In den „Schlaglichtern“ wird es persönlicher, so in den Beiträgen der Leipziger Primadonna Sigrid Kehl (vom Hirtenknaben in Tosca zur Isolde über viele Mezzopartien, von Elisabeth Breul und dem Chordirektor Hans-Jörg Leipold. Nostalgie prägt die Aussagen von Ursula Brömme, die bald nach dem Interview starb, Axel Köhler und Anna Tomowa-Sintow  äußern sich über ihre Arbeit in Leipzig. Natürlich kommen die zahlreichen Uraufführungen und der Ring nicht zu kurz. Wie hier Politik hinein spielte, zeigt sich bei der Rezeptionsgeschichte von Der letzte Schuss von Matthus nach dem Film Der Einundvierzigste: gedacht als eine Art Romeo- und Julia-Geschichte, muss das Stück als Propaganda für die Unversöhnlichkeit gegenüber dem Klassenfeind herhalten.  Die besondere Rolle von Kreneks Jonny spielt auf, der dies 1927, 1960 und 1990 tat, wird nicht vergessen, auch nicht die Kontroverse um Del Monacos Regie für den Trovatore, so wenig wie die Vorstellungen im Kellertheater, der Werkstattbühne der Leipziger Oper. Umfassender als dieses Buch mit dem bescheidenen Titel könnte kaum ein zweites sein., das gleichermaßen für den Opern- wie für den an Geschichte Interessierten eine spannende Lektüre ist.

Ingrid Wanja

Roger Gross

 

Der bedeutende Antiquariats-Händler und Opernfachmann Roger Gross starb bereits im Januar vergangenen Jahres. Roger Gross bleibt vielen Sammlern in Erinnerung wegen seines umfangreichen Handels mit Musikalien aller Art, vor allem seltener Künstlerfotos, Noten, Autografen  und anderen Raritäten. Viele Musikliebhaber – wie ich auch – haben an den Wänden ihrer Wohnungen „seine“ Fotos berühmter historischer (und auch lebender) Sänger/Musiker hängen, oft als Autogramm mit einer zum teil enormen Wertsteigerung – ein signiertes Foto der Callas kann bis zu 25 000.- Euros auf dem Markt bringen, Corelli oder Del Monaco ebenfalls, aber Rober Gross hatte eben auch seltene Caruso-Fotos oder Programme mit der Ponselle, Bilder der Amerika-Legende Zinka Milanov, wunderbar gerahmte Flagstad-Trophäen und vieles mehr. Durchaus auch vieles wohlfeil, zumal er ein Herz für Sammler hatte und mich als armen Redakteur auch mal mit „Sonderangeboten“ versorgte: Ninon Vallin oder Germaine Lubin zu erschwinglichen Preisen, Caterina Mancini oder Renata Scotto auf Ratenbasis – erst jetzt wird mir bewusst, wie lange ich ihn kannte und wie viel Freude mir seine Fotos bereitet haben. Und wie viel Spaß mir seine gelegentlich frechen und respektlosen mails machten, wenn wir über Opernaufführungen chatteten und unsere Meinungen austauschten. Ich werde ihn wie viele andere auch – sehr vermissen. G. H.

 

gross

Nachstehend ein Auszug/Nachruf aus der New York Times vom vergangenen Januar: GROSS–Roger, one of the world’s memorable connoisseurs of opera and singing, died peacefully at his home on January 4 after an illness of two years. Close friends of soprano Zinka Milanov, Roger and his mother Dorothy Mannes Gross (d. 1994) entertained singers, composers and conductors in their Manhattan home and during summers in Europe, especially in Venice where they were domiciled with the eminent decorator Ruben de Saavedra (d. 1990), with whom he owned and operated an interior design business and related antiques shop in New York. In recent years he dedicated himself to Roger Gross Ltd., a highly respected antiquarian musical manuscript and opera memorabilia business. Working alone with the manuscripts, autographs, and photographs, he supplied material to institutions and important collectors as well as impecunious fans of musicians and composers of the past and present. Known for his informative and witty conversation, the same qualities were always to be found in the descriptions in his sales lists. In his letter of condolence, Roger’s friend and colleague, Dr. Otto Biba, head of Vienna’s Gesellschaft der Musikfreunde, wrote that Roger, as a unique person and a unique personality” with his unmatched historical knowledge and love for opera, was the greatest expert of operatic voices that he knew. A memorial service will be announced at a later date. He will be greatly missed by all of those that knew and loved him. (Published in The New York Times on Jan. 12, 2013)

 

Eine bedeutende Stimme aus Kroatien

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Marijana Radev (im Westen Marianna Radev) zählte zu den großen Altistinnen der Nachkriegszeit, die – aus Rumänien stammend und in Zagreb verwurzelt –  in Italien und vor allem auch in Deutschland/Berlin sich einen bedeutenden Namen gemacht hat. Sie war eine gesuchte Größe bei internationalen Festspielen, und ist Sammlern mit ihren Auftritten bei Live-Aufnahmen in Italien (Pique Dame, Mazeppa u. a.) sowie von solchen unter Böhm oder Fricsay (besonders dessen Verdi-Requiem-Einspielung oder auch ihre Orff-Aufnahmen bei DG) in Erinnerung wegen ihrer satten, ausdrucksvollen und scheinbar in der Tiefe nie endenwollender Altstimme. Ihr Repertoire war weitgestreut und eklektisch, und namentlich ihre Liedaufnahmen zeigen die emotionale wie interterpretaorische Reife der Künstlerin.

Marjanna Radev/Hr.Radio

Marijanna Radev/Hr.Radio

Im Folgenden gibt es einen etwas gewöhnungsbedürftigen, weil sehr  lyrisch-wörtlich aus dem Kroatischen übersetzten englischsprachigen Text aus der kürzlich erschienenen 2-CD-Gedenkausgabe zum 100. Geburtstag und 40. Todestag der Sängerin, die bei der Kroatischen Firma HRT Croatian Records (www.crore.hr) herausgekommen ist – sie enthält in überwiegend kroatischen Radioaufnahmen Opernarien aus den Kernrepertoire der Altistin von Monteverdi bis zu zeitgenössischen kroatischen Komponisten auf CD1 und Lieder von Brahms, Schumann oder Strauss bis zu Gotovac auf CD2. Hier liegt ein umfangreiches Kompendium des weiten Spektrums dieser Ausnahmestimme vor. Die Beschaffung mag ein wenig schwierig sein – die Wege in der EU sind nicht immer die widerstandfreiesten. Aber hier gibt´s noch eine Bezugsquelle in Zagreb… (G. H.)

als Carmen/HRT

als Carmen/HRT

Marijana Radev: Thinking about the creative world of the great ones, it seems that we get immersed in some mysterious space of production of ideas whose infinity permanently secures the spiritual horizon necessary for the survival for all those who touch this world looking for the sense of one’s own duration in this touch. What has to be said first is that the thought about the unrepeatable interpretations, about the unique voice whose beauty was retained in the memory as an essence of the musical substance, all of it seems more important than the sifting among the meagre data about the course of the life of Marijana Radev (Constanta, Romania, November 21, 1913 – Zagreb, September 17, 1973), which somehow points out that whatever was essential in her life was oriented towards music. If one follows the unrepeatable line of the life of one of the greatest interpreters of the 20th century, there will be only few data – except the preserved interpretations – that would support and contribute to the comprehension of her artistry.

In Gotovacs "Ero der Schelm"/buh

In Gotovacs „Ero der Schelm“/buh

Marijana Radev was born in the family of the father originating from Bulgaria and the Croatian mother from Bakar. The family found themselves in Romania when Marijana was born due to their working commitment. Thus Marijana was born in Constanta, a beautiful town on the coast of the Black Sea. Owing to the political circumstances that in the second decade of the 20th century in Romania, the family moved to Zagreb, the homeland of Marijana’s mother. This is where Marijana Radev received her education, first learning playing the piano, and after that she learned singing with professor Marija Kostrencic. She did not complete her studies in Zagreb, deciding to continue her studies in Trieste where she completed her studies in four years. There are few notes left that prove about her appearances during her time spent on studies in Zagreb. One of these notes was found in the family archive, which mentioned the appearance at the performance of Lied von der Erde by Gustav Mahler, prepared by Bozidar Kunc (der Lehrerin auch von Zinka Milanov/G. H.).

als Azucena/buh

als Azucena/buh

The official opera chronics, on the other hand, mention the Trieste debut in 1938 of Marijana’s role of Marina in the opera Boris Godunov by M.P. Musorgsky, and also the Zagreb debut on September 22 of the same year when she appeared in the role of Santuzza in the Cavalleria Rusticana  by Mascagni. However, another small note mentions the year 1937 and the appearance in Ancona of the same opera, but in the role of Lola.

As a matter of fact, what is more important than these beginning details are all the other events that occurred in the course of the following decades. It can be said that the growth of one really great singing career in Italy starts almost simultaneously in Croatia as well, because she appeared often there in the forties. However, due to the war occurrences she returned to Zagreb and was engaged in the Croatian National Theatre. In 1950

als Amneris/HRT

als Amneris/HRT

She continued with international successes and building up her career which Marijana Radev led through some fifty opera roles and through numerous great opera stages all over Europe and outside. With the same intensity she achieved her success on the concert stages with a line of concert creations in great vocal- instrumental works and excellent interpretations of solo songs of the great masters of the Lied, specifically Johannes Brahms’s songs.

One chronicler preciously wrote down that she „integrated all the eminent characteristics of the strong artistic personality, intense feeling for the rhythm, refined musicality, high culture, which along with the voice of specific dark nuances and prominent actor’s gift makes her creations immortal and rather difficult to repeat“. With such characteristics she conquered the great world opera and concert stages for decades. Travelling took her from Covent Garden and Milan La Scala, to the Vienna National Opera, the Opéra Comique in Paris, all through to opera houses and concert stages in Rome, Florence, Parma, Cairo, Jerusalem, Tel Aviv, Dublin, Stockholm, Helsinki, Berlin, Stuttgart, Munich, Zurich and so on. And yet, she always returned to the Opera of the Croatian National Theatre in Zagreb, where she remained true to all the decades of her career and where she realized almost six hundred appearances. This is why even today the Zagreb’s interpretations of the Countess in the Queen of Spades by Tchaikovsky, Azucena in theTrovatore by Verdi, Carmen etc. are remembered.

galagl100792On her artistic way she cooperated with many musical great men of the past century. In the series of great conductors (Mario Rossi, Guido Cantelli, Carlo Maria Giulini, Karl Böhm, Herbert von Karajan, Wolfgang Sawallisch, Lovro von Matacic, Milan Horvat…) it seems that she preferred Ferenc Fricsay with whom she realized many excellent creations among which it is important to mention the twelve performances of Verdi’s Requiem and the same number of Handel’s oratorio Judas Maccabaeus in Israel.

She was a great star of her time, so that she shared her place on the stage with her equals such as Magda Olivero, Maria Stader, Kim Borg, Boris Christoff, Ettore Bastianini, Josef Greindl and the like. She sung in six languages, of course in Croatian, thus indebting the national musical creation by a great number of anthological performances.

radevWith all this, as a veritable artist she never made differences between the important and less important performances. Each meeting with the public was a reason for an artistic act and each stage and occasion was equally important. She visited many Croatian towns, festivals and marked a number of important dates. One of the remembered ones was the participation on the concert after the festivity due to the establishing of the branch of the Matica Hrvatska in Drnis in 1971 when she performed accompanied by the pianist Stjepan Radic. The great festivity was visited by Vlado Gotovac, Srecko Lipovcan and Zvonimir Komarica. In this time Marijana Radev attached part of her artistic destiny to the Croatian musical creation. Since she as a eighteen-year old girl appeared for the first time in Zagreb (1931) in the premiere of the musical play Christmas Story composed by Rudolf Matz (1901 – 1988) all through to her too early death, she all the time dealt with the Croatian music. Next year Matz, impressed by her, later dedicated Pricalice (Stories) for alto and piano to her, and in 1939 she was given by Jakov Gotovac (1895 – 1982) his confidence and conducted his composition in the Croatian Music Institute. He conducted his ballade Mladi Mjesec (New Moon) for alto and small orchestra, op. 7 and also Pjesme ceznuca (Songs of Yearning) op. 21.

51d1rpe-3UL._SL500_AA300_Probably these Songs had her first performance in Croatia because they were composed in this year and earlier premiered in Wiesbaden. This confidence was obviously permanent because Marijana Radev appeared not only in repeat performances of Gotovac’s operas (Doma in Ero s onog svijeta (Ero the Joker), Woman Cowherd in Morana) but had the title role in the premiere performance of the opera Mila Gojsalica in the year 1952, of course conducted by the composer. It was a similar case with Ivan Brkanovic (1906 – 1987) with whom she first met in 1940 in the performance of his Triptihon, the folk ritual accompanying death. Afterwards she participated in the premieres of his operas, interpreting the role of Jela in the Equinox (1950) and Barbara in the Zlato Zadra (Gold of Zadar) (1954). The people familiar with the opera opportunities of that time remember that he dedicated his last (unfinished) opera Fedra to Marijana, but the performance have neither the composer nor his soloist been able to meet. It is not unusual that in his „Reminiscences“ he speaks about the „unforgettable Marijana Radev“.

18232sShe also inspired Boris Papandopulo (1906 – 1991) to insert into his 2nd symphony the movement with a solo voice, and she also performed a line of songs leaving a considerable trace also on the concert stage, not only by the glaring interpretations of great masters of this format, but also by the performances of songs composed by the Croatian composers Blagoje Bersa (1873 – 1934), Boris Papandopulo, Jakov Gotovac and the like. One of the line of performing dirges, Seh dus dan (All Souls‘ Day) (1918) written by Blagoje Bersa, academician Nedjeljko Fabrio specifically wrote down: „Even today I hear in my consciousness the echo of the magistral interpretation of Marijana Radev and the romantic-impresionistic compositions with the refrain of the archaic accompanying sound from the kajkavian music.“

03_orff_antigoneMarijana Radev also manifested her specific, almost eruptive gift and temperament in her performances of the then current compositions with the characteristics of the avant garde like, for instance, there were the Epitaph (1960) written by Milko Kelemen (1924) for mezzo-soprano, viola and percussion, Barasou for alto and instrumental ensemble (1971) composed by Branimir Sakac (1918 – 1979), or the Giraudoux-cantata for alto and orchestra written by Rolf Liebermann (Music Bienalle Zagreb, 1963) and Siebengesang by Heinz Holliger (MBZ 1969).

18340sHowever, despite all of this splendid musical treasure there are only few tonal records, more abroad than in the homeland. This means that except for the deep bow before the reminiscence for this great artist on the occasion of the 100th anniversary of her birth there remains a debt that in any way we should preserve, as much as possible, this invaluable artistic heritage, before the pitiless oblivion is going to cover their precious trace.Luckily, part of her interpretations was recorded in editions abroad, like: from the concert repertoire Requiem by G. Verdi and Stabat Mater by G. Rossini, often with her associate, conductor Ferenz Friscay, Missa solemnis by L. van Beethoven with the Berlin Philharmonic under the baton of Karl Böhm. From the operatic repertoire live recordings were published with the performances of the operas: Queen of Spades by P.I. Tchaikovsky with the ensemble of the opera La Scala in Milan (performance 1961) and Mazeppa of the same composer, with the ensemble of the Festival Maggio musicale fiorentino (performance 1954), Antigona by Orff with Wolfgang Sawallisch, etc.

l2312835i0iMany chroniclers described the specific, dark nuanced beauty of her voice with marvelous emphatic possibility. However, the wonder of interpretation happens only when this beauty gets ennobled by the own spiritual contents. In the faultless interaction between the vocal possibilities of emotional richness and skill there is Marijana Radev’s artistic horizon. Her imposing physiognomy reflected this spiritual world of the singer, reflecting a distinct personality which marked every interpretation as a synthesis of all knowledge built into her preparing.

Unique and extraordinary, always identitly emphatic, unponderable and exemplary in whatever she was doing, Marijana Radev represents a part of the Croatian music that is unmeasurable with known examples. She is the God’s gift on the Croatian musical horizon and as such she should be remembered forever.

Erika Krpan

Und Dank an Ivan Mirnik, der die CD-Ausgabe zu Marijana Radev besorgte und mich darauf aufmerksam machte, so wie er stets dafür sorgt, dass man Kroatien als Kulturland nicht vergisst!

 

„Schahrazade“ von Bernhard Sekles

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Schahrazade, Oper in drei Aufzügen op. 26 von Bernhard Sekles, Libretto von Gerdt von Bassewitz; Uraufführung 1917 in Mannheim. Anfang des 20. Jahrhunderts erfreuten sich orientalische Themen bei europäischen Künstlern einer besonderen Beliebtheit und inspirierten sie zu ihren Werken. In großer Zahl entstanden Nachdichtungen und Übersetzungen fernöstlicher Texte, die von Komponisten vertont oder klangmalerisch umgesetzt wurden. Es erstaunt nicht, dass in dieser Zeit auch die Märchensammlung Tausendundeine Nacht stärker ins Blickfeld der Künstler rückte. Musiker ließen sich von den stimmungsvollen Erzählungen besonders anregen.Tausendundeine Nacht, in Persien entstanden, wurde in Europa erstmals im 18. Jahrhundert in der Galland-Handschrift veröffentlicht, die allerdings eine starke Bearbeitung des Originals darstellte. Ihr folgten im Verlauf des 19. Jahrhunderts deutsche Übersetzungen etwa von Gustav Weil und Felix Paul Gerve.

Der Komponist Bernhard Sekles /Wiki

Während zu dieser Zeit noch das Märchenhafte der Vorlage im Mittelpunkt des Interesses stand, gerieten Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der sich entwickelnden Psychoanalyse zunehmend die erotischen Aspekte der Erzählungen in den Blick. Diese bestimmen auch Gerdt von Bassewitz Drama Schahrazade und die darauf basierende gleichnamige Oper von Bernhard Sekles. Betrachtet man das Gesamtwerk des Frankfurter Komponisten Sekles, so überrascht die Stoffwahl für seine erste Oper nicht. Schon in seinen Werken vor Schahrazade griff er regelmäßig auf fernöstliche und orientalische Vorlagen zurück. So trägt etwa bereits in dem Klavierzyklus Musikalisches Skizzenbuch für Jung und Alt, fünf kleine Klavierstücke zu vier Händen op. 4 eine Komposition den Titel Aus 1001 Nacht. Darüber hinaus finden sich in seinem Gesamtwerk Lieder nach Texten des Hafis und aus dem Schi- King in der Nachdichtung von Friedrich Rückert sowie eine sinfonische Dichtung mit dem Titel Aus den Gärten der Semiramis. Immer wieder wird die Affinität Bernhard Sekles zum Exotischen von zeitgenössischen Kritikern hervorgehoben, das für ihn die Möglichkeit darstellte, die europäische Kunstmusik durch neue Einflüsse zu bereichern. Folgerichtig hat er mit Gerdt von Bassewitz 1911 in Köln uraufgeführtem Schauspiel Schahrazade eine Vorlage gefunden, die zumeinen seinem kompositorischen Naturell, zum anderen aber auch seinen Anforderungen an ein Libretto für eine zeitgenössische Oper entsprach, die er in seinem Aufsatz Die moderne Oper 1919 in der Münchener Theaterzeitschrift Der Zwischenakt beschrieben hat. Nach seinen Überlegungen muss ein modernes Libretto einer „inneren Notwendigkeit“ folgen und gleichzeitig Szenen enthalten, die klaren Stimmungen zugeordnet werden. Die Aufgabe des Musikers sei es, dieses „rein Stimmungshafte“ des Textes in eine entsprechende Musik zu fassen.

Der Librettist Gerdt von Bassewitz/NWZ

Der Librettist Gerdt von Bassewitz;wobei ein Leser mitteilt, dies sei der Architekt Horst von Bassewitz, was wieder zeigt, wie verwirrend Quellen sein können /NWZ

Sekles` Musik entzündet sich an diesem Text, interpretiert ihn und folgt dem „rein Stimmungshaften“ der einzelnen Situationen. Die ständigen Auseinandersetzungen der Handlung, die im tragischen ersten Akt beginnen, in dem Schahrazades Bruder Omar sich selbst den Tod gibt und der von Männerstimmen dominiert wird, finden – nur unterbrochen von den eingestreuten humoristischen Szenen jeweils zu Beginn des zweiten und des dritten Aktes – nach einer ständigen Steigerung ihren Höhepunkt in der ersten Begegnung zwischen Schahryar und Schahrazade, bevor im zweiten Bild des dritten Aktes sich schließlich – nach dem von Schahrazade vereitelten Attentat, das ihr Vater am Kalifen verüben wollte – zwangsläufig die glückliche Lösung aus dem Vorigen entwickelt. Damit folgt die Oper, die von der Stimmung zum Ende hin immer heller wird, durchaus der von Sekles geforderten „inneren Notwendigkeit“. Tragisch endet diese Oper einzig für den Großwesir, der nicht nur seinen Sohn, sondern auch seine beiden Töchter an den Kalifen verliert und selbst aber als gescheiterter Attentäter dastehen.

"Schahrahzade" in der Bayerischen Staatsbibliothek/Bayerische Staatsbibliothek Wasserzeichen-Projekte

„Schahrazade“ in der Bayerischen Staatsbibliothek/Bayerische Staatsbibliothek Wasserzeichen-Projekte

Sekles hat sich von Bassewitz´ Text selber zum Libretto eingerichtet. Dabei folgt er konsequent den selbstformulierten Anforderungen, die er an ein gutes Opernbuch stellt. Der Text des Dramas wird stark verknappt, alles was nicht unmittelbar mit der Handlung zu tun hat, fällt dem Rotstift zum Opfer. Längere Monologe wie die Märchenerzählungen des Großwesirs im zweiten oder Schahrazades zum Schluss des Dramas werden komplett gestrichen. Die wenigen monologischen Passagen, die Sekles vertont, erhalten dadurch besondere Aufmerksamkeit. Insgesamt genommen zeigen die vorgenommenen Striche in der Schauspielvorlage die sichere Hand eines mit den Bedingungen des Musiktheaters vertrauten Künstlers. Bernhard Sekles kamen bei der Einrichtung des Dramas zum Opernlibretto sicherlich seine Erfahrungen als Kapellmeister an den Theatern in Heidelberg und Mainz aus den Jahren 1894 bis 1896 zu Hilfe.

Sekles-Lieder als Bestandteil eines Liederprogramms 1914/zbab

Sekles-Lieder als Bestandteil eines Liederprogramms 1914/zbab

Liest man den Text der Schahrazade aufmerksam, so wird man schnell feststellen, dass man es hier mit einem Drama um männliche Versagungsängste und Minderwertigkeitskomplexe zu tun hat. Der Kalif ist von seiner ersten Ehefrau betrogen worden. Seither tötet er – aus der Angst heraus, abermals hintergangen zu werden – jede Frau, mit der er eine Nacht verbringt. Er wird unfähig, die Frau, die er begehrt zu lieben bzw. eine Frau, die liebt, zu begehren. Damit rückt die Oper in die Nähe der zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel diskutierten Theorien Sigmund Freuds. Dieser veröffentlichte 1912 – ein Jahr nach der Uraufführung des Schauspiels von Gerdt von Bassewitz – seinen Aufsatz „Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens“, der als eine Zusammenfassung der aktuellen sexualpsychologischen Diskussion gelesen werden kann. Freud beschäftigt sich in diesem kurzen Essay mit den Ursachen männlicher Impotenz, die seiner Meinung nach zumeist psychischer Natur ist und von einer zu engen Bindung an die Mutter oder Schwester verursacht wird. Diese Form der psychischen Impotenz, bei der sich der Mann nach einer Form der Zuneigung sehnt, die er als Kind erfahren hat, während er mit der in der Pubertät einsetzenden sinnlichen Form der Liebe nicht umzugehen lernt, führt nach Freud zumeist zu einer Suche nach Sexualobjekten, die als Ersatz für die eigentlich begehrte Frau dienen sollen. Gleichzeitig wird der Wunsch größer, die stärker werdende Libido befriedigen zu können. Die Sexualität wird dabei aber von den betroffenen Männern als Unrecht angesehen, durch die die geliebte Frau entehrt wird. Hier befinden sich die Betroffenen in einem Dilemma: Um mit einer Frau ohne schlechtes Gewissen schlafen zu können und dabei Befriedung zu empfinden, sieht sich der Mann gezwungen, seine Sexualobjekte zu erniedrigen und sie so der Vergleichbarkeit mit der idealisierten, geliebten Frau zu entheben.

Sekles bei der Arbeit (aus dem Programmheft der Bühnen Halle/Paula Maria Sekles mit Dank)

Sekles bei der Arbeit (aus dem Programmheft der Bühnen Halle/Paula Maria Sekles mit Dank)

Dies führt – so Freud – nicht selten zu aggressivem Verhalten des Mannes der Frau gegenüber. Schon auf dem ersten Blick findet man die von Freud beschriebenen Verhaltensmuster auch bei dem Kalifen der Schahrazade. Auch er hatte seine Frau idealisiert, hat diese – durch ihren Ehebruch – verloren und schläft seither unbefriedigt mit Frauen, die für ihn nur Surrogate für seine ursprünglich geliebte Gattin sind. Lust empfindet er einzig durch die Erniedrigung dieser Frauen, die in Todesangst das Bett mit ihm teilen müssen, in der Gewissheit, den nächsten Tag nicht zu überleben. Gleichzeitig aber ist er unfähig, wirkliche Liebe zu empfinden. Die Angst vor dem Versagen und damit vor einer Form psychisch motivierter Impotenz lässt ihn die Frauen, mit denen er die Nacht verbringt, demütigen. Wirkliche Befriedigung findet Schahryar erst, als mit Schahrazade eine Frau freiwillig zu ihm kommt, die für ihn einen neuen Idealtypus darstellt. Folgerichtig schwärmt er nach der gemeinsamen ersten Liebesnacht am Ende der Oper: „Ich träume einen neuen Traum mit dir!“ Bernhard Sekles greift diese psychoanalytische Bedeutung des Textes in seiner Musik auf. Richtigerweise hatte schon Oskar Bie die Partitur der Oper nach der Berliner Erstaufführung 1920 als „erotisch“ charakterisiert. André Meyer

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Bernhard Sekles/OBA

Bernhard Sekles ca 1925/Frankfurt 1933-1945 (darin ein Aufsatz zu Sekles von Karin Massar)

Der Komponist:Der Frankfurter Komponist Bernhard Sekles gehört zu den von den Nationalsozialisten verfemten Komponisten, die es bis heute zu rehabilitieren gilt. Als Konservatoriumsleiter, Komponist und vor allem als Kompositionslehrer hatte er großen Einfluss auf die Entwicklung der Musik im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Am 20. März 1872 in Frankfurt am Main geboren, erhielt Bernhard Sekles zwischen 1888 und 1893 seine musikalische Ausbildung am Hoch’schen Konservatorium in seiner Geburtsstadt. Hier studierte er Komposition bei Iwan Knorr, Klavier bei Lazzaro Uzielli und Instrumentation bei Engelbert Humperdinck. Nach Abschluss der Studien ging er 1893 zunächst als Chordirektor und Kapellmeister an das Theater der Stadt Heidelberg, bevor er für die Spielzeit 1894/95 an das Theater in Mainz wechselte. Während dieser Jahre hat sich Sekles das entsprechende Handwerk angeeignet, das ihm später während der Komposition der Schahrazade zugute kommen sollte. 1896 schließlich kehrte er nach Frankfurt zurück und übernahm hier die Stelle eines Lehres für Musiktheorie am Hochschen Konservatorium. In dieser Zeit erzielte er mit ersten Kompositionen bereits Achtungserfolge. Seinen Durchbruch als Komponist erreichte Bernhard Sekles mit der 1907 in Dresden auf dem Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins uraufgeführten Serenade für 11 Soloinstrumente op. 14. Quasi über Nacht galt der Komponist als bedeutender zeitgenössischer Tonsetzer, dessen Werk sich auf dem Spielplan vieler Orchester befand. Zu dieser Zeit erklang auch in Halle erstmals ein Werk von Bernhard Sekles: Im 5. Sinfoniekonzert der Saison 1907/08 wurde am 4. Februar 1908 die erst ein halbes Jahr zuvor in Dresden uraufgeführte, Hans Pfitzner gewidmete Serenade aufgeführt. Einen Tag später schreibt der Kritiker der Saale  Zeitung über diese Aufführung: „… Herr Sekles erweist sich darin als ein musikalischer Genremaler … von außerordentlich frischer und liebenswürdiger Erfindung, der … rhythmisch und harmonisch eine ganze Fülle von glücklichen Einfällen eigen ist. Auch die Stilreinheit, die sich konsequent und ganz ungekünstelt in dem Rahmen der zierlichen gefälligen Form, der für Serenaden typisch sein muss, hält, nimmt für das Werk ein. Wie eine Reihe flott erzählter Geschichten humoristischen Charakters, in die sich nur flüchtig ein melancholischer oder sentimentaler Unterton mischt …, mutet diese Serenade an. Die Aufführung erntete“ – so schließt der Kritiker –“stürmische Anerkennung.“

Else Genther-Fischer in der Titelrolle der Uraufführung in mannheim 1917/Goethe Universität Frankfurt

Else Genther-Fischer in der Titelrolle der Uraufführung in Mannheim 1917/Goethe Universität Frankfurt/Sammlung Manskopf

Regelmäßige weitere Kompositionen waren die logische Folge – soweit seine Tätigkeit am Hoch’schen Konservatorium ihm hierzu die Zeit ließ, denn seit 1906 betreute er eine eigene Kompositionsklasse. Hatte er zuvor vor allem Lieder und Werke für Kammerensembles geschrieben, folgten nun erste Orchesterwerke. Mit dem in Frankfurt uraufgeführten Ballett Der Geburtstag der Infantin nach dem Drama von Oscar Wilde wagte sich Sekles 1913 zum ersten Mal an ein Bühnenwerk. Seine 1917 folgende erste Oper Schahrazade, die Wilhelm Furtwängler an der Mannheimer Hofoper am 2. November des Jahres erfolgreich zur Uraufführung brachte, stellte einen wichtigen Höhepunkt im kompositorischen Schaffen Sekles dar. Der Komponist war zu diesem Zeitpunkt bereits 45 Jahre alt. Die Schahrazade verbreitete sich rasch über die deutschen Bühnen. Noch im Jahr der Uraufführung wurde sie in Stuttgart nachgespielt. Es folgten bis 1923 Aufführungen in Aachen, München, Frankfurt, Düsseldorf, Duisburg, Wiesbaden und Lübeck. In Berlin stand sie im Rahmen der Woche moderner deutscher Werke neben der Frau ohne Schatten von Richard Strauss, dem Palestrina von Hans Pfitzner und den Königskindern von Engelbert Humperdinck auf dem Programm. Sekles ließ seinem Bühnenerstling 1923 mit der komischen Oper Die Hochzeit des Faun und 1926 mit Die zehn Küsse noch zwei weitere Bühnenwerke folgen. Darüber hinaus komponierte er ab 1931 die Volksoper Ernte, die nach jetziger Kenntnis nicht aufgeführt wurde.

Als Kompositionslehrer übte Bernhard Sekles großen Einfluss auf so unterschiedliche Musiker wie Paul Hindemith, Ottmar Gerster, Theodor W. Adorno, Rudi Stephan und Hans Rosbaud aus. Dabei scheint es vor allem seine Qualität als Lehrer gewesen zu sein, den jungen Künstlern ihren persönlichen Stil zu lassen und diesen zu fördern, ihnen aber gleichzeitig das zur Umsetzung eigener Ideen nötige kompositionstechnische Wissen zu vermitteln. Diese Tätigkeit stellte einen wichtigen Höhepunkt im kompositiorischen Schaffen Sekles dar. Diese Herangehensweise hatte er von seinem eigenen Lehrer Iwan Knorr übernommen. Wie er wurde Sekles daher schnell zu einem gefragten Kompositionslehrer. Im Gegenzug finden sich Spuren der Auseinandersetzung mit den Kompositionsstilen seiner Schüler in Sekles` eigenen Werken.

Wilheilm Furtwängler dirigiert die Premiere in Mannheim 1917/introclasscnet

Wilheilm Furtwängler dirigiert die Premiere in Mannheim 1917/introclasscnet

Ein Jahr nach seinem fünfzigsten Geburtstag wurde Bernhard Sekles 1923 zum Rektor des Hoch’schen Konservatoriums berufen. Er übernahm das Institut zu einer schwierigen Zeit, da das Konservatorium in den Jahren zuvor in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Sekles führte in den zehn Jahren seiner Amtszeit eine Reihe von Reformen durch, die das Überleben des Instituts sichern sollten. So gründete er eine Opernschule, die mit dem Theater der Stadt kooperierte, und eine Kirchenmusik-Klasse. Darüber hinaus organisierte er die Orchesterausbildung neu und installierte ein Privatmusiklehrerseminar. Besonders aufsehenserregend war die Gründung einer ersten Jazzklasse an einem deutschen Konservatorium, für die er den ungarischen Komponisten Mátyás Seiber gewinnen konnte. In der Folge sah sich Sekles scharfen Anfeindungen seitens konservativer Kreise ausgesetzt.

Trotz der zeitaufwendigen Aufgaben, die die Leitung des Konservatoriums mit sich brachte, entstanden auch nach 1923 noch regelmäßig neue Kompositionen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte der Karriere von Bernhard Sekles schließlich ein abruptes Ende. Bereits Ende August 1933 wurde er seiner Position als Rektor des Hoch’schen Konservatoriums enthoben. Darüber hinaus wurden seine Kompositionen mit einem Aufführungsverbot belegt, so dass sein vormals von vielen bedeutenden Interpreten wie Erich Kleiber, Fritz Busch und Wilhelm Furtwängler aufgeführtes Werk aus dem Repertoire verschwand. Bis 1938 sind noch Aufführungen in der jüdischen Gemeinde in Frankfurt nachzuweisen, anschließend wird es still um die Werke von Sekles, der sich noch 1934 im Jüdischen Kulturbund seiner Heimatstadt engagierte. Das Aufführungsmaterial zu seinen Kompositionen – zum Teil in großen Auflagen gedruckt – verschwand in den Archiven der Verlage oder Bibliotheken und liegt dort zum Teil bis heute unbeachtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich nur vereinzelt Musiker und Orchester der Musik Sekles angenommen, so dass sein gesamtes Œuvre heute seiner Entdeckung harrt. Sekles verstarb ein Jahr, nachdem die Nationalsozialisten ihn aus dem Amt gedrängt hatten, am 8. Dezember 1934 in einem jüdischen Altenheim in seiner Heimatstadt Frankfurt an den Folgen einer Lungentuberkolose. André Meyer

"Peterchens Mondfahrt" mit Illustrationen von Bartuschek

„Peterchens Mondfahrt“ mit Illustrationen von Bartuschek

Der Librettist: Gerdt von Bassewitz gehört heute sicherlich zu den unbekannten Autoren der deutschen Literaturgeschichte. Einzig sein 1912 in Leipzig uraufgeführtes, später zur Erzählung umgearbeitetes Märchenspiel Peterchens Mondfahrt  ist heute noch bekannt. Von Bassewitz wurde am 4. Januar 1878 in Allewind im Landkreis Hermaringen in Baden-Württemberg als Sohn eines preußischen Beamten geboren. Bei Kriegsausbruch meldet sich Gerdt von Bassewitz 1914 freiwillig zur Armee und dient – wegen seines Herzfehlers als „bedingt garnisionsfähig“ eingestuft – zunächst an der Westfront, bevor er nach einer Kur in Nauheim, wo das Märchenspiel Pips, der Pilz entstand, das gleichfalls in Leipzig uraufgeführt wurde, 1915 auf eigene Bewerbung an die Ostfront versetzt wurde. Während der Zeit in Russland und Polen kommt seine literarische Tätigkeit fast vollständig zum Erliegen. 1916 erleidet er schließlich einen Nervenzusammenbruch. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit geht von Bassewitz nach Königstein, anschließend nach Schluchsee. Der Tod seines Vaters und Familiensorgen führen dazu, dass sich von Bassewitz schließlich in dauernde Behandlung im Sanatorium Neubabelsberg begeben muss. Die in diese Zeit fallende Komposition der Schahrazade durch Bernhard Sekles erwähnt Gerdt von Bassewitz in dem ein halbes Jahr vor der Uraufführung der Oper geschriebenen autobiographischen Brief nicht. Hier beklagt er einzig – wie schon zitiert –, dass sein Drama trotz des Erfolges der Kölner Uraufführung nicht weiter aufgeführt wurde. Dies legt den Schluss nahe, dass er an der Umarbeitung des Dramas zum Opernlibretto nicht beteiligt war. Dennoch muss es Kontakte zu Sekles gegeben haben, die heute durch fehlende Quellen nicht zu belegen sind. Die Tatsache, dass in der zur Münchener Erstaufführung der Oper erschienenen Theaterzeitung Der Zwischenakt einige Aphorismen von Gerdt von Bassewitz veröffentlicht sind, zeugen davon, dass ihm das Opernprojekt, von dem er ja auch aus rein urheberrechtlichen Gründen gewusst haben muss, bekannt war und er sich damit einverstanden erklärt hat. Bis 1923 lebt Gerdt von Bassewitz in Berlin. Zu nennenswerten neuen literarischen Werken kommt es nicht mehr. Zu sehr haben ihn die Kriegserfahrungen geprägt, die er – in einem allerdings nicht mehr zustande gekommenen Band, der im Kurt Wolff-Verlag veröffentlicht werden sollte – verarbeiten wollte. Am 6. Februar 1923 begann Gerdt von Bassewitz 45jährig in Berlin Selbstmord, angeblich nach einer Vorlesung von Peterchens MondfahrtAndré Meyer

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Zum Inhalt/Vorgeschichte – Erster Akt: Die Frau des Kalifen Schahryar betrügt ihren Mann während dieser auf der Jagd ist. Der zu tiefst verletzte Mann, dessen Glaube an die Tugendhaftigkeit der Frauen erschüttert ist, lässt seine Gemahlin hinrichten und schwört, künftig jede Nacht mit einer anderen Frau zu verbringen und diese am nächsten Morgen ebenfalls dem Henker zu übergeben, damit er nicht abermals von einer Frau betrogen werden kann. Seinem Großwesir Said-Fares erteilt er die Aufgabe, ihm Nacht für Nacht eine neue junge Frau zuzuführen. Befriedigung findet Schahryar in den Nächten nicht.

Zweiter Akt: Der Palast des Großwesirs außerhalb der Stadt. Seit vielen Jahren hält der Said-Fares seine Töchter Schahrazade und Dunyasarde hier versteckt. Sklavinnen versuchen die schwermütige Schahrazade, die den Sinn ihres Lebens noch nicht gefunden hat, mit ihrem Gesang zu zerstreuen. Auch ihre jüngere Schwester versucht sie aufzuheitern, in dem sie vor ihr tanzt. Die ausgelassene Stimmung wird durch das Erscheinen des Großwesirs unterbrochen, der Schahrazade den Kaufmann Musair vorstellt. Um sich und seine Töchter vor dem Zugriff des Kalifen zu entziehen, plant Said-Fares, das Land auf Musairs Schiffen zu verlassen und diesen mit seiner ältesten Tochter zu verheiraten. Er überbringt ihr die Nachricht vom Tode ihres Bruders und weiht sie in seine geheimen Fuchtpläne ein. Erstmals hört Schahrazde von ihm von dem Schwur des Kalifen, jede Nacht eine andere Jungfrau zu ehelichen und diese am folgenden Morgen hinrichten zu lassen. Gleichzeitig erfährt sie von der Schuld ihres Vaters, der Nacht für Nacht Schahryar die jungen Frauen zuführt und ihre Ermordung veranlassen muss. Zu dessen Entsetzen lehnt Schahrazade, die den Sinn ihres Lebens gefunden zu haben glaubt, den Antrag Musairs ab und beschließt, selber zu Schahryar zu gehen, um entweder wie die anderen Frauen zu sterben oder ihn von seinem Fluch zu erlösen. Said-Fares gelingt es nicht, sie umzustimmen.

"Scharahzade" mit Gerd Vogel, Anke Berndt/Falk Wenzel/BH

„Scharahzade“ mit Gerd Vogel, Anke Berndt/Falk Wenzel/BH

Dritter Akt: Erstes Bild/ Am nächsten Morgen. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich am Hof die Nachricht, dass die Tochter des Großwesirs sich dem Kalifen selbst als Opfer darbringen will. Said-Fares aber, der seine Tochter in den Palast begleitet hat, beschließt, Schahryar zu ermorden, um Schahrazade zu retten. Der Kalif begegnet Schahrazade mit Erstaunen, da in den vergangenen drei Jahren nie eine Frau freiwillig zu ihm gekommen ist. Dennoch wird sie ihr Mut, so warnt er sie, nicht vor dem Schicksal der anderen Frauen bewahren, da er seinem Schwur treu bleiben will, auch wenn er ihn nach drei Jahren als Last empfindet. Schahrazade gesteht ihm ihre Liebe. Der überrumpelte Schahryar verspricht Schahrazade, ihr vor ihrer Hinrichtung am nächsten Morgen einen Wunsch zu erfüllen. Einzig ihr Leben ist von diesem Versprechen ausgenommen. Diese bittet, sich vor ihrem Tod von ihrer Schwester und ihrem Vater verabschieden zu dürfen. Zweites Bild: Bei Tagesanbruch im Schlafgemach des Kalifen. Scharazade und Schahryar haben die Nacht miteinander verbracht. Erstmals nach drei Jahren hat er wieder Befriedigung in der Begegnung mit einer Frau gefunden. Während er schläft, denkt Schahrazade an die vergangene Liebesnacht. Schahryar, der erwacht, sich aber schlafend stellt, hört ihr Liebesgeständnis und sieht, wie Schahrazade ihren Vater, der mit Dunyazade gekommen ist, um Abschied zu nehmen, daran hindert, ihn zu ermorden. Ohne das Attentat mit einem Wort zu erwähnen, begrüßt der sich nun als wach zu erkennen gebende Kalif Said-Fares und seine jüngere Tochter, die Schahrazade Schahryar vorstellt. Dunyazade, die die Vorgänge nicht versteht, bittet ihn, dass ihre Schwester ihnen ein Märchen erzählten soll. Der Kalif willigt ein. Schahrazade beginnt, zu erzählen. Dem Henker aber, der kommt, um Schahrazade zu holen, deutet Schahryar zu gehen. André Meyer

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An den Bühnen Halle gab es nun die Premiere der Oper am 30. November 2013 (Musikalische Leitung Josep Caballé DomenechInszenierung Axel Köhler; Bühne  Arne Walther; Kostüme Henrike Bromber;  Choreinstudierung Jens Petereit; mit Schahryar/Gerd Vogel; Said-Fares/Ki-Hyun Park; Omar/Ralph Ertel; Schahrazade/Anke Berndt; Dunyazade/Ines Lex;  Saad,Tochter eines Emirs/Banjospielerin/Theresa Dittmar; Musair, ein Kaufherr aus Balsora/Det Kämmerer/  Thomas Möwes; Der Obereunuch/ Nils Giesecke; Der Schatzmeister/Olaf Schöder; Der Oberstallmeister/ Ulrich Burdack u. a.)

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Die voranstehenden Texte entnahmen wir dem Programmheft zur Neuproduktion der Oper an den Bühnen Halle mit sehr liebenswürdiger Genehmigung des Autors: André Meyer. Er ist dort der Musikdramaturg. Dank auch an die Bühnen Halle/Susanne Schäfer und den Fotografen Falk Wenzel für die Überlassung des Materials und der Fotos der Hallenser Produktion. Redaktion G. H.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

DAS MILITÄR UND DIE FRAUEN…

 

Donizettis Belisario von 1836 ist auf dem Musikmarkt nicht mit einer einzigen kommerziellen Einspielung vertreten, lediglich einige Live-Aufnahmen kursieren, von denen besonders die mit Leyla Gencer von 1969 aus dem La Fenice und 1970 aus Bergamo von Bedeutung sind. Die zentrale Sopranpartie der Antonina gehörte lange zu den cavalli di battaglia der türkischen Sängerin. 1981 sang Mara Zampieri die Rolle am Teatro Colón in Buenos Aires, wovon ebenfalls ein Mitschnitt existiert. Die neue Initiative von Opera Rara entspricht also ganz dem Programm der Firma und schließt eine weitere Lücke im Donizetti-Regal. Das Werk ist in drei Teile untergliedert (Triumph/Exil/Tod) und schildert die siegreiche Rückkehr des Generals Belisario nach Byzanz von einem Feldzug auf der italienischen Halbinsel. Seine Gattin Antonina aber stimmt in den allgemeinen Jubel nicht ein, hält sie ihren Mann doch für schuldig am Tod des gemeinsamen Sohnes Alessi. Mit Eutropio, der ihr Geliebter zu werden hofft, hat sie Dokumente gefälscht, die Belisario des Verrats an Kaiser Giustiniano bezichtigen. Der Beschuldigte muss sein Schwert übergeben und wählt dafür den Gefangenen Alamiro, zu dem er eine besondere Zuneigung empfindet und ihn wie einen Sohn hält. Belisario wurde schuldig gesprochen, geblendet und ins Exil verbannt, wohin ihn seine Tochter Irene begleitet. Auch Alamiro hat die Stadt verlassen, um sich feindlichen Barbarenstämmen anzuschließen. In der Wüste findet er Belisario und Irene durch Zufall wieder – mehr noch, er kann an nachweisen, dass er der tot geglaubte Sohn Alessi ist. Antonina wird inzwischen von Schuldgefühlen geplagt und will ihren Gatten um Vergebung bitten. Dieser wurde jedoch vom Pfeil eines Barbaren tödlich getroffen und kann ihr nicht mehr verzeihen.

Mark Elder steht am Pult des BBC Symphony Orchestra und garantiert ein frisches, vitales Musizieren mit rhythmischem Drive und dramatischer Verve. Die Aufnahme wird deutlich geprägt von ihrer orchestralen Qualität. Denn die Sänger sind wiederum auf unterschiedlichem Niveau. Die Titelrolle singt Nicola Alaimo solide, wenn auch etwas allgemein und nicht mit solch starker Persönlichkeit, wie diese früher Giuseppe Taddei und Renato Bruson einbrachten. Antonina ist Joyce El-Khoury mit interessant getöntem Sopran, geheimnisvoll und schmerzlich umflort, doch streng in der Höhe. Ihre Finalszene, erfüllt von tragischer Erkenntnis (vergleichbar der Abigailles in Nabucco), gestaltet sie eindringlich und intensiv als ergreifendes Porträt, gibt der Cabaletta „Egli è spento“ aber auch den  gebührend bravourösen Umriss. Russell Thomas fällt die Tenorrolle zu, die einmal nicht die des Liebhabers ist, die er aber dennoch mit jugendlichem Elan und Strahl ausfüllt. Seine große Szene zu Beginn des 2. Teils, in der er von der Blendung Belisarios erfährt, zeigt ihn in schmerzlicher Betroffenheit („A sì tremendo“) und erfüllt von Rachegedanken („Trema Bisanzio!“). Antonias Tochter Irene wird von Camilla Roberts mit herbem Sopran wahrgenommen, die Spitzentöne ihrer Auftrittskavatine klingen recht streng und entbehren der jugendlichen Imagination. Im Schmerz erfüllten Duett mit Belisario im 2. Teil findet sie jedoch zu berührenden Tönen und schönen piani, und auch Alaimo vermag hier mit sanfter Stimmgebung zu bewegen. Die Besetzung ergänzen  Alastair Miles mit reifem Bass als Giustiniano sowie Julia Sporsén als Irenes Freundin Eudora, Peter Hoare als Eutropio, Edward Price als Gefängnisaufseher Eusebio und Michael Bundy als Anführer der Barbaren Ottario.

Können die Sänger für sich allein auch nicht mit Ausnahmestimmen aufwarten, so fügt sie Sir Mark doch im 1. Finale mit dessen rasanter Stretta und in der großen Schluss-Szene zu mitreißendem Gesang zusammen. Das hat herrlichen Schwung, pulsierende Dynamik und vorwärts drängende Steigerung. Auch die BBC Singers lassen es unter ihrem Direktor Renato Balsadonna nicht an vokalem Engagement und differenzierter Gestaltung fehlen. Insgesamt – trotz der Einschränkungen – eine empfehlenswerte Aufnahme für alle Belcanto-Freunde,

Bernd Hoppe

 

Gaetano Donizetti: Belisario (N. Alaimo, Miles, El-Khoury, Roberts, Thomas; BBC Singers, BBC Symphony Orchestra, Sir Mark Elder) 3 CD Opera Rara ORC 49

 

 

Wagner: „Der fliegende Holländer“ 1841

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„Während Dietschs Oper (Le Vaisseau fantôme) ihre Karriere im Januar 1843 bereits beendete, startete jene von Wagner die ihrige just am 2. Januar 1843 im Königlichen Sächsischen Hoftheater in Dresden. Unter den Sängern der Premiere behält man bis heute den Namen Wilhelmine Schröder-Devrients in Erinnerung, die als Senta triumphierte. Scheinbar durch seinen Pariser Misserfolg angestachelt, vollendete Richard Wagner seine Komposition in sehr kurzer Zeit, nämlich bereits am 5. November 1841. Das in drei Akte geteilte (und heute auch so gespielte) Werk war ursprünglich an einem Stück gedacht. Dies erklärt auch, weshalb die Motive, die heute den ersten und zweiten Akt abschließen, sich so stark in den Prelüden des zweiten und dritten Akts wiederfinden. Oft heißt es, die Uraufführung des Werks sei aufgrund ihrer stark begrenzten Mittel ein Misserfolg gewesen. An allen vier Abenden hörte das Publikum jedoch, wenn nicht unbedingt aufmerksam, so doch ver­ständnisvoll zu. Außerdem hat Richard Wagner dieser Oper seine Nominierung zum zweiten Kapellmeister der Stadt zu verdanken. Nach eini­gen Aufführungen in Riga und Kassel, anschlie­ßend in Berlin, wurde Der fliegende Holländer erst 1852 wieder in Zürich gespielt. Zu dieser Gelegenheit wurde die Partitur stellenweise über­arbeitet. Unter den nachfolgenden Abänderungen ist die von 1860 wohl die einschneidendste: In etwa zwanzig Takten wird am Schluss das mit Senta verbundene Erlösungsthema erneut auf­gegriffen. Diese Korrektur veranlasste Wagner dazu, auch seine Ouvertüre teilweise umzuschrei­ben. 1864 überarbeitete er schließlich Sentas Ballade, und auch später dachte er unentwegt über Verbesserungen nach; viele wurden jedoch nicht umgesetzt. In Frankreich kam das Werk 1893 erstmals in Lille auf die Bühne, 1896 dann in Rouen und 1897 – endlich – in Paris (allerdings nicht in der Großen Oper sondern in der Opéra-Comique). Damit entdeckte Frankreich erst mit großer Verspätung jenes Werk, das bereits auf zahlreichen europäischen Bühnen (und sogar in New York) aufgeführt worden war, 1856 zum Beispiel in Prag, 1860 in Wien, 1864 in München, dann in den 1870er Jahren in London, Stockholm Brüssel, Bologna…“

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Diese Ausführungen von Marc Minkowski stelle ich mal als den Beleg für die kümmerliche Information im (auch mehr als diskutabel ins Deutsche übersetzten) Booklet des neuen Fliegenden Holländers in der Erstfassung 1841 bei naive voran, der unter Minkowski in Grenoble zu Beginn seiner Tournee in Sachen Wagner/Dietsch im Rahmen des Projektes vom Palazetto Bru Zane durch Europas Großstädte 2013 eingespielt wurde. Die obigen Textpassagen stammen vom Dirigenten selbst, und das ist so gut wie alles, was man über die so oft reklamierte Erstfassung findet, denn auch in Alexandre Dratwickis sehr allgemeinem Aufsatz zum Werk und zum Komponisten wird wenig Informatives ausgebreitet – viel über Dresden 1843 und später, kaum was über Paris 1841. Wie gut, dass wir die Herren Pachl und Ziemen gebeten hatten, uns etwas zu dieser Fassung zu schreiben, zumal Pachl sich werk-ausgiebig an der Runnicles-Aufführung im Winter 2013 in Berlin orientierte und Ziemen eben diese Fassung in ebenfalls diesem Jahr in Gießen dirigierte – beides ist in Operalounge.de nachzulesen, eben die Details, die man sucht, wenn es sich um eine angeblich unbekannte Fassung handelt: Ouvertüre, Senta-Balladen-Tonart, Einakt-/Dreiaktfassung, Zwischenspiele/Übergänge (Prelüden in der Übersetzung genannt…), Finale. Auch nicht, dass eigentlich Berlin der Uraufführungsort sein sollte, was sich zerschlug, aber für die Akteinteilung wichtig war. Also beschränke ich mich auf eine Bewertung der Holländer-Aufnahme (und getrennt davon der beigefügten Oper von DietschLe Vaisseau fantôme) selbst.

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Es ist wirklich keine gute Idee, die beiden Opern als ein Projekt in einem Kasten zu verpacken. Der Sammler wird nicht wissen, wo er sie abstellen soll, und die Koppelung tut keinem der beiden Werke Gerechtigkeit. Beide sind gültig für sich: Wagners Holländer wegen der Neuheit (wenngleich es natürlich die Erstfassung, wie auch immer modifiziert, bereits bei dhm unter Bruno Weill 2004 gab/BMG/DHM 82876 64071 2 77536 2); und Dietsch leidet unter der Verbindung zum berühmteren Wagner, weil auch er ein eigenständiges Werk geschrieben hat, das außer dem Sujet (der für ein paar beträchtliche Silberlinge vom Intendanten Pillet eingekauften Story) nicht viel gemeinsam hat. Pikant ist nur, dass Dietsch das Fiasko des Tannhäuser dirigierte, wofür er aber nichts konnte.

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Nun also der Fliegende Holländer in der Fassung von 1841 unter Marc Minkowski. Ganz ehrlich – nicht überzeugend, nicht sonderlich aufregend gesungen und auch vom Orchester, den eher im früheren Repertoire behafteten Musiciens du Louvre, nicht wirklich packend gespielt. Ein Vergleich mit anderen, „regulären“ Aufnahmen muss gestattet sein, und da sind von Keilberth bis Janowski doch manche spannender, onomatopoetischer, unmittelbarer. Ich finde die Original-Ouvertüre hier nicht wirklich elementar, die lettischen Chöre zahm und klanglich das Ganze auch nicht so weiträumig, wie ich das bei einer Neuaufnahme erwarten würde. Und im Vergleich mit dem Berliner Konzert Runnicles` (1841 Version, modifiziert) halte ich den Klangkörper der DOB für überzeugender.

Zumal auch nicht wirklich so toll gesungen wird. Evgeny Nikitin bleibt doch recht robust, weniger menschlich-differenziert mit seinem Holländer, und ich hätte erwartet, mit einem so an Details gewöhnten Dirigenten auch eine Hinwendung zur Gestaltung eben aus der Sicht von Weber oder Marschner zu erleben, wo ist sonst der Sinn, ein solches an Barockes gewöhntes Orchester zu verwenden? Ingela Brimberg war mir als Sängerin neu (ehemals Göteborg Oper), ich finde sie jugendlich-frisch, aber stimmlich/ausdrucksmäßig nicht wirklich besonders. Sie macht ihre Sache gut, aber man fände sie auch an einem Stadttheater (pardon), immerhin nähert sie sich einem Sopranideal einer französischen Koloratursängerin jener Zeit (etwa Julie Dorus-Gras), wie sie Dietsch verwendete. Eric Cuttler gibt einen hellstimmigen Donald mit einiger Präsenz. Mika Kares macht Papa Donald zu einem Mittelpunkt an Zuverlässigkeit, aber eigentlich sind es Bernard Richter und die immer noch wunderbare Helene Schneiderman (lange eingedeutscht in Stuttgart), die die idiomatische Ehre hochhalten und glänzen, die Schneiderman vor allem mit diesem schönen pastosen Ton, den ich immer an ihr geliebt habe.

Das ist alles sicher nicht der Jubel, den man bei einem so verdienstvollen Projekt der Gegenüberstellung zweier gleich-thematischer Opern erwarten würde, was mich auch grämt. Ich hatte mir mehr erhofft, zumal eben die Ausstattung des Beiheftes nicht wirklich ein Gewinn ist. Aber wir haben eine deutsche Libretto-Übersetzung der Dietsch-Oper, das ist schon mal was. Die Würdigung eben dieser Welt-Ersteinspielung erfolgt gesondert in Operalounge.de. Aber ich muss auch – widerwillig! – einräumen, dass die mit hohen Erwartungen avisierten Aufnahmen im Rahmen des Projektes des Palazetto Bru Zane zum Teil nur dünn gestrickt sind (je weiter es auf die Neuzeit zugeht), es fehlt einigen doch sehr an Glanz. Geerd Heinsen

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Richard Wagner: Der fliegende Holländer, Erstfassung 1841, mit Evgeny Nikitin/Holländer, Ingela Brimberg/Senta, Eric Cutter/Georg, Mika Kares/Steuermann, Helene Schneiderman/Mary; Eesti Filharmoonia Kammerkoor/Hell Jürgenson; Les Musiciens du Louvre; Dirigent Marc Minkowski; naive V5349 (gekoppelt mit Dietsch: Le vaisseau fantome, 4 CD)

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Die bisherigen Beträge in unserer Serie „Die vergessene Oper“ finden Sie hier

Verdi, Puccini und die grossen Partien

Anna Pirozzi/Roberto Ricci

Anna Pirozzi/oben als Amelia im „Ballo in Parma/beide Roberto Ricci

Sie sind gleich mit dem großen Fach eines soprano lirico-spinto eingestiegen, ist das für eine so junge Stimme nicht gefährlich? Ganz sicher passt der renommierte Federico Longhi auf Sie auf. Gehen Sie zu ihm zurück, um sich vorzubereiten und zu perfektionieren? Eigentlich kann man nicht wirklich sagen, dass ich mit Lirico-Spinto Partien angefangen habe. Ich habe erst in verschiedenen Chören gesungen, auch im Opernchor, dann kleine Nebenrollen. Es stimmt, dass meine ersten Hauptrollen gleich dramatische Koloraturpartien waren, allerdings liegen mir diese von Natur aus und ich habe mich schon immer in diesem Repertoire wohl gefühlt. Wenn sich die seltene Gelegenheit ergibt, dass Federico Longhi und ich uns sehen (auch er ist ein vielbeschäftigter Sänger) arbeiten wir ausführlich an den Partien, die ich gerade zu singen habe. Er kennt meine Stimme sehr gut, da wir seit vielen Jahren zusammen arbeiten und er hat mich immer darin unterstützt, genau das Repertoire zu singen, in dem ich mittlerweile Karriere mache.

Ich sehe in ihrer Biographie eben das Nebeneinander von Mozart und Verdi, Puccini. Wie unterschiedlich singen sich diese Komponisten? Mozart ist sicher gut für die „Gurgel“ angesichts so grosser Partien wie Tosca oder Abigaille? Ja, ich habe am Anfang meiner Karriere die Gräfin in der Nozze di Figaro  gesungen, und das tat mir sehr gut. Auch heute tut es meiner Stimme gut, Mozart zu singen, denn Mozart gut singen zu können ist Voraussetzung für alles.

Sie haben mit der Abigaille einen Riesenerfolg gehabt und haben ihn noch – ich hörte sie am Radio und war sehr beeindruckt  – können sie mir ein bisschen mehr zu ihrer Erfolgspartie sagen? Wie gefährlich ist sie und wo kann man auch etwas sparen, immerhin steht sie fast immer auf der Bühne?  Die Abigaille habe ich mittlerweile wirklich sehr oft gesungen, und auch in Zukunft steht sie oft auf dem Programm, in zwei Jahren übrigens in Stuttgart. Als ich angefangen habe, an der Partie zu arbeiten war es schwierig, mittlerweile kann ich die Partie auch unter der Dusche durchsingen – nein, ganz so ist es nicht, aber ich fühle mich sehr sicher und wohl mit der Rolle und kann daher auch Dinge wie interpolierte Spitzentöne oder Variationen in der cabaletta wagen. Verglichen mit der Elvira in Ernani, die ich demnächst in Rom unter Riccardo Muti singen werde kommt mir die Abigaille gerade wie ein Spaziergang vor!

Als Lady mit Angelo Veccia/Macbeth in Bologna/Rocco Carlucci/Weiler

Als Lady mit Angelo Veccia/Macbeth in Bologna/Rocco Carlucci/


Sie singen/haben gesungen auch open-air (Caracalla etc), wo ist da der Unterschied zu einem Saal? Und überhaupt, wie wichtig ist die location für das singen? Hören sie das Orchester noch genug?  Die alten Säle wie in Neapel oder Parma singen sich sicher ganz anders als die modernen Betonbauten. Ich bin keine besonders große Freundin von Open-Air-Aufführungen. Auch wenn ich verhältnismäßig noch nicht wirklich oft unter freiem Himmel gesungen habe muss ich sagen, dass die Oper fürs Theater gemacht ist und auch dort aufgeführt werden sollte. Es gibt genug schöne Opernhäuser auf der Welt…

Verdi ist ja dieses Jahr das Thema – Lady Macbeth/Abigaille und Ballo/Trovatore sind sehr unterschiedliche Partien, vielleicht ein paar Worte zur Tessitura und zur Gestaltung der Rollen? Die Lady ist ja eine der interessantesten Partien im Verdi-Kanon… Es gibt in der Tat große Unterschiede und verschiedene Anforderungen bei Verdis Sopranpartien. Die Partien seiner frühen Schaffensphase sind meiner Ansicht nach technisch anspruchsvoller als die Partien seiner späteren Opern. Die Art und Weise, wie er dann später geschrieben hat, war natürlich reifer und irgendwie „poetischer“. Die Lady Macbeth liebe ich! Das ist eine Partie, die wirklich Spaß macht: es gibt drei Arien, tolle Duette und es ist vor allem auch eine faszinierende, tiefgründige Figur. Ich liebe aber auch beispielsweise die Amelia im Ballo, die ich bereits in mehreren Produktionen gesungen habe und bei der ich ganz meine romantische Seite zeigen kann. Insgesamt sind eigentlich alle Verdi-Rollen wirklich anspruchsvolle Partien!

Als Leonora/"Il Trovatore" in Bologna/Rocco Casalucci/Weiler

Als Leonora/“Il Trovatore“ in Bologna/Rocco Casalucci

Riccardo Muti spielt in ihrer Karriere eine Rolle – wie ist denn die Zusammenarbeit? Er ist ja noch einer der wenigen Dirigenten, der Dänger auch begleiten kann. Generell etwas zu Dirigenten? Und zur hohen modernen Stimmung? Und zu exponierten hohen Noten wie die Schlafwandlerszene?  Maestro Muti habe ich beim Salzburger Nabucco kennengelernt, konnte bei dieser Gelegenheit aber nur wenige Tage mit ihm arbeiten, da ich kurzfristig eingesprungen bin. Ich habe aber sofort gespürt, dass man sich als Sänger unter seiner Leitung einfach wohl fühlt, man arbeitet zusammen an musikalischen Lösungen, er atmet mit dem Sänger und er sucht zusammen nach dem passenden Ausdruck. Mit ihm zusammen bei den Salzburger Festspielen zu debütieren war einfach überwältigend. Momentan lerne ich ihn bei den Proben zu Ernani an der Oper von Rom noch besser kennen. Auch dies ist eine einzigartige Gelegenheit für mich und ich werde wie immer alles geben. Es ist sehr wichtig, im Einklang mit dem Dirigenten zu sein, und neben Muti habe ich mich bisher auch mit Renato Palumbo und Michele Mariotti sehr wohl gefühlt.

als Abigaille in Parma/Roberto Ricci/Weiler

als Abigaille in Parma/Roberto Ricci

Und zu den Spitzentönen: Bei Verdi gibt es die Spitzentöne, die von ihm geschrieben wurden und jene, die traditionell interpoliert werden, beispielsweise am Ende von concertati oder von Duetten. Ich habe glücklicherweise ein sicheres hohes Es und wenn der Dirigent es erlaubt singe ich (z.B. am Ende des Duetts mit Nabucco) auch gerne mal ein hohes Es, auch wenn das nicht von Verdi geschrieben wurde. Das gefällt einigen, anderen nicht – ich denke, man sollte es ausnutzen, wenn man diese Töne hat…

Ein paar Worte zu den Meisterkursen? Ich sehe sie waren auch bei meiner lieben Freundin Raina Kabaivanska, die ja eine legende in Italien ist und die ebenfalls diese expressiven Rollen wie Chénier oder Tosca gesungen hat – was vermitteln den Meisterkurse generell? Was lernt man in der kurzen Zeit eines Kursus´? Ich habe viele Meisterklassen gemacht und um ehrlich zu sein hat mir das immer wirklich gut gefallen. Man macht Meisterklassen natürlich erst wenn man eine gute technische Grundlage hat und eben um sich zu perfektionieren. Ich habe immer mindestens ein Geheimnis oder einen wirklich wertvollen Ratschlag aus allen Meisterklassen mitgenommen, die ich besucht habe und ich denke gerne an alle Meisterklassen zurück. Ich habe Meisterklassen von Sylvie Valayre, Rockwell Blake, Luciana D’Intino, Daniela Dessì, Mirella Freni, Katia Ricciarelli, Shermann Lowe, Francesca Patané und der großen Raina Kabaivanska besucht, die mir einen kleinen, aber sehr wertvollen technischen Ratschlag gegeben hat, der mir die Tonproduktion in einer bestimmten Lage der Stimme sehr vereinfacht hat. Ich bin ihr sehr für diesen Rat dankbar, wie ich allen anderen auch dankbar bin für viele gute Ratschläge. Es ist wichtig, einen Lehrer zu haben, der einen langfristig und regelmäßig betreut und der einen wirklich gut kennt, aber es tut meiner Meinung nach jedem Sänger auch gut, ab- und zu Künstler nach Rat zu fragen, die auf den großen Bühnen der Welt gesungen haben.

(Übersetzung Tim Weiler)

Anna Pirozzi vd operabase und punto opera srl (Irene Gall) und auf Youtube:

https://www.youtube.com/channel/UChbORfR0YKJoX7hTpGjKKaw?feature=watch

http://youtu.be/JV-zurV9giM

http://youtu.be/cy3oOCVsz2o

 

 

 

Von Essen nach Böhmisch Krumlau

Die Spanier werden das Gran Teatre del Liceu in Barcelona vermissen, die Franzosen die an der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Place Stanislas gelegene Opéra national de Lorraine in Nancy oder den bemerkenswerten Art Déco-Bau in Marseille, das hübsche Theater in Metz, die Opéra-Comique oder das Théâtre du Châtelet in Paris, die Niederländer die Nederlandse Opera. Die Tschechen suchen vergebens ihr Nationaltheater und das Tyl-Theater, in dem Mozarts Don Giovanni uraufgeführt wurde, das schöne Haus in Riga fehlt ebenso wie der Langhans-Bau in Wroclaw und Warschaus gigantisch großes Teatr Wielki. Ist das Kirow-Theater nicht ebenso schön wie das Moskauer Bolschoi-Theater? Kein Teatro Sao Carlos in Lissabon, kein Teatro Colón in Buenos Aires, kein Glyndebourne und kein Aix-en-Provence, kein Schwetzinger Schlosstheater und auch nicht das Münchner Nationaltheater (und warum nicht auch Prinzregententheater), fast ein Sakrileg, dass das französische Team nicht nach Monaco geschaut und das Schatzkästchen in Monte-Carlo vergessen hat.

Es ist immer müßig und leicht in Sammlung herumzustochern, die mit einem Titel wie „Die schönsten Opernhäuser“ aufwarten. Hat denn nicht jeder seine eigene Favoriten, doch, wenn Antoine Pecqueur im Vorwort erklärt, „manche stechen durch ihre architektonische Bedeutung hervor… durch ihren historischen Stellenwert oder die Qualität ihres Spielplans…“,  dann dürften manche dieser Bühnen, beispielsweise auch das Theater an der Wien, nicht fehlen. Die großen Opernhäuser sind eben nicht zugleich auch die schönsten.

Die schönsten Opernhäuser der Welt ist das, was die Briten so treffend als ein Coffee Table Book bezeichnen, ein prächtiger Fotoband mit bescheidenem Textanteil, und kommt somit rechtzeitig zur Weihnachts- und Geschenkezeit, nichts fürs Schmökern in der Badewanne, sondern ein Buch in dem man gelegentlich blättert, sich zufrieden zurücklegt, „schau, da waren wir auch“, oder sehnsuchtsvoll seufzt „da sollten wir auch mal hinfahren“.  Es ist ein üppiger und schwelgerischer Fotoband, schwelgerisch, weil er sich Ausblicken und Situationen hingibt, ohne die Häuser dokumentarisch aufzubereiten, meist fehlen Außenaufnahme, Bilder der Front, oft scheint mir die Atmosphäre nur angerissen, es fehlen meist auch Backstage-Momente – was würde allein die Salle Garnier an Material hergeben – oder Impressionen von Aufführungen. Alles in allem ist die Mischung aus Evergreens (La Fenice, Teatro alla Scala, Covent Garden) und neuen Architekturwundern (auch Oslo, Valencia und Kopenhagen), die vom Aalto Theater in Essen bis zu dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden Schlosstheater im einstigen Böhmisch Krumlau (Zámecké barokní divadlo) reicht, gut gelungen. Die Texte sind knapp, kommen auf den Punkt und erfassen, was wichtig und in solchen Fotobänden durchaus nicht immer der Fall ist, die wesentlichen Fakten. Nur sparsamste Hinweise auf Künstler, Intendanten, Dirigenten. Es fehlen, was ich nicht als Mangel empfinde, touristische Hinweise, Informationen, Adressen und Nummern.

Rolf Fath

 

Guillaume de Laubier (Fotografien) & Antoine Pacqueur (Text) Die schönsten Opernhäuser der Welt, 240 Seiten, ca. 200 farbige Abbildungen, Knesebeck Verlag

Pietro Generalis „Adelaide di Borgogna“

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Wenig zu tun hat die Opernheldin Adelaide di Borgogna mit einer der wichtigsten Frauen der deutschen Geschichte überhaupt: Adelheid, erst von Burgund, danach in erster Ehe Königin von Italien und in zweiter Ehe Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation als Gattin Ottos I.. Nach dem frühen Tod ihres Sohnes sicherte sie gemeinsam mit ihrer oströmischen Schwiegertochter Theophanu ihrem Enkel die Herrschaft, bis dieser alt genug war, als Otto III. den Thron zu besteigen. Sie war eine der klügsten und einflussreichsten Frauen ihrer Zeit, mildtätig und beteiligt an den wichtigen Reformen von Cluny.

Nach ihrem Tode wurde sie heilig gesprochen. In Pietro Generalis Oper, die 2012 in Rovigo aufgeführt und von Bongiovanni in der Reihe Novità del Passato auf CD gebannt wurde, wird sie lediglich ihrer Schönheit wegen gepriesen und begehrt – und wegen ihres italienischen Erbes. Ihr Gatte Lothar von Italien wurde vergiftet, als sie zwanzig Jahre alt war, die wahrscheinlichen Mörder Berengar (Vater) und Adalbert (Sohn) wollen sie zur Heirat zwingen, wovor sie, nachdem sie sich auf die Burg Canossa geflüchtet hat, Ottos Eingreifen befreit. Generali, ein Konkurrent Rossinis und Zeitgenosse Mayrs, Cherubinis und Spontinis, ließ sich von Luigi Romanelli das Libretto zu seiner Adelaide schreiben, während das von Rossinis gleichnamiger Oper mit gleicher Handlung von G. Schmidt stammt. Eher an Rossini als an Donizetti lehnt sich die Musik Generalis an, so in der Art der Verzierungen oder dem Finale II, das keine Ensembleszene ist, sondern an das der Cenerentola erinnert, während das erste Finale von raffinierter Komplexität ist. Auch die virtuosen Arien der Solisten gemahnen stark an den Komponisten aus Pesaro. Übrigens war Generali eher der sakralen Musik zugewandt, was die Opern anging, vorwiegend der Opera Buffa.

Der Dirigent und Musikologe Franco Piva verantwortet die Edizione critica der Oper und ersetzte die fehlenden Orchesterteile des Werks in Anlehnung an den Kompositionsstil Generalis. Bongiovanni, die noch immer ihr Licht unter den Scheffel stellen, indem sie sich, bereits seit 108 Jahren bestehend und nur 70 davon feiern lassend, haben die Oper auf drei CDs heraus gebracht, davon eine von knapp 30 Minuten, um die Gesangsnummern nicht zu zerreißen. Daran könnten sich größere Labels ein Beispiel nehmen.Und überhaupt kann man wieder dieser entdeckungsfreudigen Firma Respekt zollen, weil sie unsere Kenntnisse und das Bewusstsein von so unbekannten Titeln erweitert. Bravo!

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Pietro Generali/ Wiki

Natürlich konnte man für ein Provinztheater und für eine gänzlich unbekannte Oper keine teuren Sänger gewinnen. Immerhin ist das Orchester mit feiner Solovioline unter Franco Piva ein tüchtiges, das viele Feinheiten der durchaus auch originellen Partitur heraus arbeitet. Ein sehr zartes Stimmchen für die selbstbewusste Adelaide (viersilbig gesprochen) hat Anna Carbonera, hell, glasklar und spitz, höhensicher munter durch die Koloraturen hüpfend. Präzise ist sie in den Rezitativen, attackiert allerdings den Ton nicht energisch genug. Bei „So che il consorte estinto“ umspielt die Geige zärtlich die Stimme, und im zarten Ziergesang fallen durchaus schöne Töne auf, auch wenn man manchmal sich des Eindrucks nicht erwehren kann, das Wollen sei stärker als das Können. Keinen besonders starken Kontrast zu ihr zeigt die Stimme des Adalberto, gesungen von Katarzyna Otczyk, angenehm von leichter Melancholie umflort, aber energischer Attacke wenig zugänglich. Ein zierliches „Ma quale hai tu“ mit virtuoser Cabaletta kann am meisten gefallen. Einen steifen Tenor setzt Gianluca Bocchino für den Ottone ein, immerhin mit heldischen Ansätzen für „Di punir chi m’offese“, aber dröge  oder leicht meckernd in anderen Passagen. Berengario ist Daniele Antonangeli mit etwas hölzernem Bass, der kleine Notenwerte akribisch beachtet und auch einmal kraftvoll ausholen kann. Jede der Hauptpersonen hat auch einen Vertrauten zur Seite: Ottone einen Corrado (Walter Testolin) mit dunkler, ausdrucksvoller Stimme, Berengario einen Rambaldo (Roberto Cresca) mit scharfem Charaktertenor, Adelaide eine Clotilde (Elisa Fortunati) mit sanft ergebenem Mezzo. Viel Einsatz zeigt der Coro Polifonico Città di Rovigo unter Vittorio Zanon.  Das Orchestra Regionale Filarmonia Veneta wurde bereits lobend erwähnt (Foto oben: Der Dirigent Franco Piva beim Konzert, das seinen Weg zu Bongiovanni gefunden hat/GBopera magazine mit Dank/3 CD GB 2458/60-2). Ingrid Wanja

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Warum?

Ob Elīna Garanča die zehn Grimassen, die sie auf dem Cover ihres „ersten!“ Buches zeigt, vor oder nach dem Lesen desselben geschnitten hat? Und schlägt sie auf dem Großfoto die Hände vor Entsetzen über das Werk vor das Gesicht? Will sie vielleicht bewusst mit dem unkonventionellen Titelbild den extremen Biedersinn des Textes konterkarieren? Fragen über Fragen wirft die eigenartige Gestaltung des Werkes auf, die auch durch den Titel „Wirklich wichtig sind die Schuhe“, der eher eine Ballerinen-Biographie erwarten lässt, nicht beantwortet werden.

Es ist allemal ein schwieriges Unterfangen, bei laufender Karriere in der Ich-Form eine Autobiographie zu schreiben oder schreiben zu lassen (von Ida Metzger und Peter Dusek, die es hätten besser wissen müssen und damit auch ihren Ruf aufs Spiel setzen), denn alles Lob wirkt peinlich, auch wenn es wie hier aus dem Gegenteil erwächst (ich konnte das gar nicht, aber ich schaffte es trotzdem perfekt) oder gar dialektisch aufgebaut wird (man hält mich für ein „Wikingerweib“, aber ich bin eigentlich zart und melancholisch, doch finde ich die Kraft, mich aus meiner Schwermut zu befreien). „Eigenlob stinkt“,  heißt es im Deutschen etwas prosaisch, und von diesem ist auf 160 (immerhin!) Seiten unmäßig viel zu spüren, wenn meistens auch in oben genannte Form verpackt. Dabei verdient die Karriere des Mezzosoprans durchaus Bewunderung, aber nicht in dieser Art und Weise, die ausgesprochen unsympathisch wirken kann. Unfreiwillig komisch erscheinen bereits die Hinweise auf der Rückseite des Buchs, wenn vom mühsamen Kampf „von Oktave zu Oktave“ die Rede ist, als gebe es deren ungezählte für den Stimmumfang eines Menschen. Auch die „liebevolle Mutter“, die Kind und Nanny in den Kleinbus verlädt, wird nicht allein durch diese Handlung eine solche. Als „intellektuelles Bauernmädchen“ und „die beste melkende Sängerin“, der „Wärme und Nässe“ des Kälbermauls auf dem Hof der Großeltern noch immer fehlen, sieht sich der Mezzosopran und zugleich in einer Reihe mit ihren Mitbürgern, denn „alle Letten haben ein großes Herz für Kultur“. Wie schön!

Man liest die rührende Geschichte von dem Mädchen, dass nicht weiß, was man mit einem Scheck macht, außer ihn wie ein Bild an die Wand zu nageln, hört die Botschaft, doch es fehlt ganz akut der Glaube an so viel niedliche Naivität. Das Buch strotzt von geläufigen Klischees wie dem von Rohdiamanten „Stimme“, der des Schliffes bedarf. Garančas blonde Carmen wird als erst- und einmalig benannt, dabei gab es die seit Valentini Terrani bereits. Widersprüche fehlen nicht, wenn einmal behauptet wird, es gebe keine Konkurrenz zwischen Sängern unterschiedlicher Fächer, wenige Seiten später aber, jeder Künstler wolle an jedem Abend der Beste und am heftigsten Gefeierte sein. Peinlich wirken Überlegungen über die heimlichen Amouren, die Werthers Charlotte wohl bereits genossen hat, auch Così fan tutte als reine „Verwechslungskomödie“ zu bezeichnen und Carmen mehrerer gleichzeitiger Liebhaber zu bezichtigen, geht an den Stücken vorbei. Da wird sich generell viel zu sehr mit dem Inhalt des Librettos beschäftigt, während man als Leser eher an den Schwierigkeiten und Möglichkeiten der vokalen Bewältigung interessiert ist.

Besonders störend und überflüssig sind die vielen Inhaltserzählungen von allseits bekannten Opern: Barbier von Sevilla,  NormaClemenza di TitoCapuleti e i MontecchiRosenkavalierFalstaff ( da gibt es eine Mage Page!), aber auch die noch in Planung befindlichen Opern wie CavalleriaDon Carlo und Aida bleiben nicht verschont – und so bringt man es schnell auf  eine erkleckliche Seitenzahl. „Ich möchte diese bedingungslose Liebe, wie sie dir nur ein Kind schenkt, erleben“ – das ist einer der gewagtesten Sätze aus dem Buch und trifft wohl eher auf einen Hund zu. Von der Funktion eines Autopiloten, auf den man als Mutter angeblich schaltet, weiß La Ganranča offensichtlich wenig, so wie auch anzuzweifeln ist: „Ist die Besetzung erstklassig, ist auch der Dirigent traumhaft“.

Immerhin gibt es auch wertvolle Anregungen. So könnte man doch einmal, wie es die Sängerin in Spanien tat, mit den Zigeunern an den Roten Ampeln über „Stolz und Todessehnsucht“ diskutieren. Auf Seite 145 erfährt der begierige Leser nach einer Clemenza-Vorstellung an der Met, wie es zu dem Buchtitel kam: Schuhe müssen dem Sänger das Gefühl geben, „mit dem Boden verbunden zu sein“. Davor muss er aber noch durch folgenden Satz hindurch: „.. machte (ich) in den Hosen von Sesto eine glamouröse Figur, ich hatte die richtige Mischung aus vokalem Glanz, schauspielerischer Raffinesse und perfekter Tonalität gefunden.“ So etwas darf man nicht über sich selbst, das dürfen nur andere über einen schreiben (und auch das eigentlich nicht, es ist auch eine Frage des guten Geschmacks, der hier nur in mikroskopischen Spuren zu finden ist), womit wir wieder bei der Crux des Buches, der Ich-Form, wären. Es gibt auch einiges besser Goutierbare: den Bericht über die Londoner Carmen unter Richard Eyre, über die Einnahmen und Ausgaben eines Stars, die Auseinandersetzung mit Rossini, die Vorbereitung auf Hosenrollen – aber auch das alles ist dünn und aus dritter Hand. Wäre das wirklich genuin, hätte man doch akuten Zweifel am intellektuellen Stand von Frau Garanča. Sie war einfach sehr, sehr schlecht beraten, sich auf so ein Unternehmen einzulassen, und ich will ihr unterstellen, dass sie doch eine intelligente Person ist. Warum also dieses Produkt? Für die Fans? Die können aber auch lesen! Am Schluss findet der Leser noch eine kurze Geschichte des Baltikums, ehe er sich der akribischen, sich über 38 Seiten erstreckenden Übersicht über Lebens- und Karrieredaten der Sängerin widmen darf. Es folgen noch eine Liste der Wettbewerbe und Aufzeichnungen, der CD- und der DVD-Aufnahmen, und ein Abbildungsnachweis. Es gibt eine Reihe von Privat-, auch Rollenfotos, auf etwas Werbung für CDs wird durch die Abbildung der entsprechenden Cover nicht verzichtet (Ecowin ISBN 978-3-7110-0045-3).

Wahrscheinlich bedarf es für viele Leser der Gnade des Vergessens, ehe sie sich wieder unbeeinflusst von diesem bedauerlichen Buch an der wirklich tollen Stimme der Sängerin erfreuen können. Vielleicht sollte das Buch diesen Eindruck korrigieren?

Ingrid Wanja     

 

Massenets Oper „Le Mage“

Massenet: "Le Mage", Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

Massenet: „Le Mage“, Bühnenbild der Uraufführung/Liebig

 

Für Musikliebhaber mit Faible fürs französische Repertoire ist das Palazzetto Bru Zane eine Fundgrube sondergleichen. Seit 2009 belebt das in Venedig sitzende Musikzentrum, das Teil der gleichnamigen Stiftung ist, das kompositorische Erbe zwischen 1780 – 1920. Jüngster Streich ist die Ersteinspielung von Jules Massenets 1891 in Paris uraufgeführter achter Oper Le Mage (Der Zauberer). Nur ein Jahr vor Werther entstanden, gehört sie wie Le Roi de Lahore, Herodiade, Le Cid und Esclarmonde zu Massenets Werken im Stil der Grand Opéra. Le Mage spielt in Baktrien, einem antiken Großreich, zu dem der heutige Iran zählte.

Der Plot behandelt sehr frei einen Ausschnitt aus dem Leben des Weisen und Religionsstifters Zarathustra. Von historischer Authentizität kann keine Rede sein, stattdessen wird beste melodramatische Unterhaltung geboten. Zarathustra, der im Libretto Zârastra heißt, wird als siegreicher Feldherr eingeführt, der zwischen zwei Frauen steht: der Königin Anahita, die als Gefangene zu seiner Kriegsbeute gehört, und Varedha, der Tochter des Hohepriesters. Als sich Zârastra zur Regentin bekennt, setzt die verschmähte Varedha einen Brand in Gang. Zârastra, der im dritten Akt seine göttliche Erleuchtung erlebt hatte, kann das Feuer durch ein Gebet stoppen und flieht mit seiner Geliebten. Varedha stirbt.

"Le Mage", Bühnebild zur Uraufführung/Liebig

„Le Mage“, Bühnenbild zur Uraufführung/Liebig

Die wahrlich leidenschaftliche Dreiecksgeschichte, die stark an Aida erinnert, ist mit viel Brimborium angereichert: Triumphmärsche, Hochzeitszeremonien, heidnische Rituale und ein veritables Massaker sorgen für Abwechslung. Auf der Bühne hätte das Auge in einer traditionellen Inszenierung sicher seine Freude – eine Vorstellung, wie es aussehen könnte, geben die historischen Fotos in dem wunderschön aufgemachten CD-Buch. Aber auch beim reinen Hören wird es niemals langweilig. Massenet betreibt großen kompositorischen Aufwand mit packenden Ensembles, grandiosen Choraufzügen, üppiger Balletteinlage und Orchesterprunk, garniert mit orientalischem Kolorit.

Die Gesangspartien sind überaus anspruchsvoll, schrieb der Komponist doch viele seiner Partien für bedeutende Sänger. Bei der Anahita dachte er an Sybil Sanderson (seine Esclarmode und femme fatale der Pariser Gesellschaft jener Jahre), auch wenn die Diva die Rolle letztendlich nicht sang. Die Einspielung, die im Zusammenhang mit dem Massenet-Festival in St. Etienne 2012 entstand, bietet allerdings vokal wirklich nicht die Extraklasse, die solch ein Werk bräuchte, was umso ärgerlicher ist, weil der Markt damit für eine Neuaufnahme verstopft ist. Dirigent und Solisten könnten mehr Glanz verbreiten – so bleibt das Ganze in der Provinzialität eine mittleren Festivals stecken, was für Massenets damalige Zielgruppe der Pariser All-Star-Opéra nicht entfernt ausreicht. Schade.

Nach den stimmlichen Qualitäten zu urteilen, müsste sich Zârastra eigentlich für Varedha entscheiden. Denn Kate Aldrich stürzt sich mit leidenschaftlichem Mezzosopran und enormem Furor in die Liebesqualen der abgewiesenen Priestertochter. Das geht zwar gelegentlich auf Kosten von Schöngesang, aber der bedingungslose vokale Einsatz macht manch flackernden Ton und die schwächere tiefe Lage wett. Die Anahita von Catherine Hunold dagegen enttäuscht durch einen unpersönlichen, in den Höhen schrillen Sopran. Luca Lombardo singt zwar kultiviert, doch mit schmalem Tenor, der eher im lyrischen Fach zu Hause ist als in dieser heldischen Partie. Was ihm fehlt sind Durchschlagskraft und Charisma, etwa im dritten Akt, wenn Zârastra im Wechselgesang mit dem Chor Gott um Kraft anfleht. Überzeugende Figur macht Jean- Francois Lapointe, der mit stattlichem Bariton Autorität und Würde den Hohepriester Amrou glaubwürdig vermittelt. Marcel Vanaud verleiht dem König einen nur schütteren Bass. Mit  schöntimbriertem kräftigem Tenor profiliert sich Julien Dran in der kleinen Rolle des Turaner Gefangenen. Laurent Campellone hat Solisten, den prächtigen Chor aus St. Etienne, der seine imposanten Szenen mit Feuer und Inbrunst singt, und Orchester bestens im Griff. Der Dirigent hat ein sensibles Händchen für die melodischen und klangfarblichen Reize, lässt es aber auch, wenn nötig, ordentlich krachen. Die zweisprachige Paperbackbuch-Edition ist äußerst informativ. Unverständlich ist allerdings, warum sie bei dem Umfang keine Kurzbiografien der Solisten enthält.

Karin Coper

Jules Massenet: Le Mage mit Luca Lombardo (Zârastra), Kate Aldrich (Varedha), Catherine Hunold (Anahita), Jean-François Lapointe (Amrou), Marcel Vanaud (Le Roi d’Iran), Julien Dran (Un Prisonnier touranien, Un Chef iranien), Florian Sempey (Un Chef touranien, Le Heraut); Chœur Lyrique et Orchestre Symphonique Saint-Étienne Loire; Leitung: Laurent Campellone; Editiones singolares/Palazzetto Bru Zane

 

"Le Mage", Bühnebild 1891/HeiB

„Le Mage“, Bühnenbild 1891/HeiB

Aus der Ankündigung des Palazetto Bru Zane und nun bei Ediciones Singolares:The Palazzetto Bru Zane presents Le Mage by Jules Massenet (release date in Germany: 1st October 2013 by Ediciones singolares. In partnership with the Opéra Théâtre de Saint-Étienne, Laurent Campellone, conductor with Catherine Hunold: Anahita, Kate Aldrich: Varedha, Luca  Lombardo: Zarâstra, Jean-François Lapointe: Amrou, Marcel  Vanaud: Le Roi d’Iran, Julien Dran: Un prisonnier touranien; CD-book in French and English – texts by Arthur Pougin, Jean-Christophe Branger, Michela Niccolai, Laurent Campellone and Jules Massenet). This production by the Opéra Théâtre de Saint-Étienne was  given in 2012 as part of the Massenet Biennial.

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

Massenet und sein Librettist Jean Richepin auf dem Cover der Zeitschrift Don Quichotte/Wiki

In 1891, the elusive Jules Massenet dumbfounded the critics once again. After the success of Manon in 1884,  they were expecting another opéra-comique – but no, he returned to the Romantic grand opera (a genre  to which Le Roi de Lahore and Hérodiade also belong). An exotic vein (an imaginary Persia), supernatural  elements and a love story sublimated by religion give Le Mage a composite structure and great variety. But  above all this work in five acts and six tableaux, to a libretto by Jean Richepin, represents the apotheosis of  French lyricism, at a time when the quarrels over Wagnerism were rife. First performed at the Paris Opéra in March 1891, right in the middle of a very prosperous period for  Massenet, coming after Le Cid (1885) and Esclarmonde (1889) and preceding Werther (1892) and Thaïs (1894), Le Mage is nonetheless one of the French composer’s lesser-known works. Intended as the perfect conclusion to the directorship of Gailhard and Ritt at the Paris Opéra (ending in December 1891),  the work was an extraordinary production, with numerous characters, sumptuous choruses and ballets, exceptional staging… However, that subsequently proved to be a disadvantage for the opera. Indeed, the new director, when he took over, wished to begin a new chapter: the opera was taken off, and later restaging proved too onerous financially. Composing for the Paris Opéra meant complying with a number of rules, especially since the libretto had to include several set scenes. Massenet submitted without any qualms to the criteria of grand opera, the dramatic workings and structural principles of which might have seemed outdated at the time of Wagnerism. The influence of Wagner is not to be ruled out, however, for, in addition to some bold harmonic  or orchestral effects, the opera is finely structured by recurring motifs. Nevertheless Massenet was following a French tradition, to which Wagner also referred, in structuring his opera by means of key themes that are more localised, taken from arias or duos, and by shorter motifs that are constantly renewed, but without being subjected to vast symphonic developments as in the  works of Wagner. (Debussy was to do likewise in Pelléas et Mélisande.)  Le Mage is thus an opera written in a composite style reflecting Massenet’s eclecticism, which was the touchstone of his aesthetic. But it also bears the personal stamp of its author, whose melodic idiom is instantly recognisable, especially in the love scenes: the vocal lines, sinuous  and conjunct, keep very closely to the inflections of the French language, but without excluding lyrical effusion when necessary.

Le Mage is the fifth volume in the Palazzetto Bru Zane’s series of CD-books, ‘Opéra français’. Presented in two languages (French and English), this series is devoted to rare operas of the French Romantic period, accompanied by a rich and thorough editorial and iconographic apparatus. (Ediciones singolares/Palazetto Bru Zane/ophelias)

Das Steffani-Projekt

Konsequent verfolgen Cecilia Bartoli und Diego Fasolis mit seinem Ensemble I Barocchisti ihr Bemühen, die Werke Agostino Steffanis der Vergessenheit zu entreißen. Nachdem die Mezzosopranistin auf ihrem letzen Album bei der Stammfirma Decca („Mission“) Opernarien des 1654 geborenen Komponisten vorgestellt hatte, folgen nun auf einer CD geistliche Werke des Tonsetzers, beginnend mit dem „Stabat Mater“, das als Steffanis Meisterwerk gilt. Neben der Bartoli wirken hier noch der Counter Franco Fagioli, die Tenöre Daniel Behle und Julian Prégardien sowie der Bass Salvo Vitale und der Coro della Radiotelevisione Svizzera mit.

Im ersten Teil, „Stabat Mater dolorosa“, singt die Bartoli solistisch, mit weihevollem, ergreifendem Ton, der wie aus einer fernen Welt zu kommen scheint. Im folgenden „O quam tristis“ vereinen sich mit ihr die Stimmen von Fagioli und Behle im harmonischen Zusammenklang. Starke Akzente setzt der Chor, ob in den getragenen Gesängen oder dem rhythmisch prägnanten ”Pro peccatis“ und den feierlichen Chorälen, die das Werk beenden. Er trägt auch die später erklingenden Psalmen „Beatus vir“ und „Triduanas a Domino“, die in ihrer Strenge den Stil Palestrinas aufgreifen. „Non plus me ligate“ ist Steffanis einziges geistliches Werk für Solo-Sopran und die Bartoli singt es mit jubilierender Verve. Die Vertonung von „Laudate pueri“ entstand wohl für den Cäcilientag des Jahres 1673 und vereint Solisten und Chor in  einer virtuosen „Amen“-Fuge. Vorher konnte Fagioli in „Ut collocet eum“ einmal mehr seine virtuose Gesangskunst und das mit der Bartoli verblüffend ähnliche Timbre demonstrieren. „Sperate in Deo“ gilt als Steffanis erste Kirchenmusik-Komposition; hier dominieren zwar die hellen, klaren Sopranstimmen von Nuria Rial und Yetzabel Arias Fernandez in mehreren Zwiegesängen, doch in „Sunt breves“ kann Julian Prégardien auf seinen gleichermaßen wohllautenden wie expressiven Tenor aufmerksam machen. Und auch Salvo Vitale setzt mit seinem resonanten Bass starke Akzente. Das letzte Werk der Auswahl, die Motette „Qui diligit Mariam“, entstand 1727 und wartet mit einer Besonderheit auf, denn das Eingangsthema, „Qui diligit Mariam“, wird am Ende der Komposition wiederholt. In „Non pavescat“ verbinden sich noch einmal die Stimmen von Bartoli und Fagioli in virtuosem Ziergesang und danach verklärter Entrücktheit (Decca 478 5336).

steffani deccaEine spannende Ergänzung zu dieser Sammlung geistlicher Werke Steffanis ist eine Auswahl von Tänzen und Ouvertüren aus Opern des Komponisten (Decca 478 5741), von denen die Mehrzahl Weltersteinspielungen darstellen. Da finden sich so unbekannte Operntitel wie Orlando generoso, Marco Aurelio, Henrico Leone, I trionfi del fato, Le rivali concordi, Tassilone, Briseide, La superbia d’Alessandro, Alcibiade, Servio Tullio und viele andere. Die Kompositionen zeigen den deutlichen Einfluss Lullys, wie auch die Aktschlüsse seiner Opern mit jeweils einem Ballett auf den französischen Stil verweisen. Zwischen 1689 und 1695 komponierte Steffani sechs Opern in Hannover, die für die Aufführungen am Hamburger Theater am Gänsemarkt (zwischen 1695 und 1699) ins Deutsche übersetzt wurden. Er verknüpft darin perfekt die Ausrucksformen der italienischen und französischen Theatermusik. Die Ouvertüren tragen oft den Titel Sinfonia und sind zweiteilig – mit einer langsamen Einleitung und einem kontrastierenden schnellen Satz danach. Diego Fasolis mit seinen Barocchisti musizieren all diese Stücke mit musikantischer Lust, rhythmischer Verve und feinem Gespür für die lyrischen Passagen. Die siebenteilige Ausschnitt aus Orlando generoso mit der Ouvertüre und mehreren Tänzen zeigt dies sehr plastisch, da hier getragene mit lebhaften oder auch graziösen Sätzen wechseln. Auch die Beispiele aus Henrico Leone, Niobe, La superbia d’Alessandro, Alcibiade und La lotta d’Hercole con Acheloo sind derart untergliedert. Aus anderen Opern wurde nur die Ouvertüre oder ein Teil der Ballettmusik ausgewählt – mit dem Ergebnis einer sehr abwechslungsreichen und lebendigen Programmfolge. Festlicher Bläserglanz, pulsierende Dynamik, martialische Energie, majestätische Erhabenheit, tänzerische Vitalität, fahle ombra-Effekte  – das Ensemble fasziniert mit einer reichen Palette von Farben und Affekten. Am Ende gibt es mit der „Introduzione al dramma“ zu Amor vien dal destino sogar noch ein gravitätisches Vokalwerk zu hören, in dem der Coro della Radiotelevisione svizzera mitwirkt.

Bernd Hoppe

Hier kommt alles zu allem

Es ist wie mit der BILD. Keiner kauft sie, doch jeder kennt sie. Man findet sie in den Schütten der Buchhandlungen, in Ramschecken und vor Kaufhäusern. Die billigen 10-CD-Boxen werden mit spitzen Fingern angefasst. Und doch gekauft. Der Preis macht’s. Die meisten Titel kennt der Sammler, aber es gibt immer eine CD oder ein Fundstück, derentwegen man zugreift. Also kein Naserümpfen, obwohl die Strauss-Box sicherlich merkwürdig zusammengestellt ist, nicht Fisch nicht Fleisch, also keine reine Opernbox und keine Ausgabe der Orchesterwerke und der Kammermusik, was unter Einbeziehung der Orchestersuiten und des Oboenkonzerts, der Metamorphosen oder Josephslegende mühelos machbar gewesen wäre. Hier kommt, um mit Hofmannsthal zu sprechen, alles zu allem, womit niemandem gedient ist, d.h. es gibt Der Rosenkavalier unter Herbert von Karajan mit Schwarzkopf, die auch mit den Vier letzten Liedern  (1953) vertreten ist, zusammen mit Lied-Aufnahmen mit Christa Ludwig und Peter Anders und zwei Arabella-Ausschnitten mit Lisa Della Casa (alternierende unter Georg Solti und Joseph Keilberth). Die restlichen sechs CDs enthalten die Tondichtungen. Es fehlen Aus Italien, die Sinfonia domestica, von den Hornkonzerten wurde nur das erste Es-Dur op. 11 ausgewählt, allerdings findet man die Burleske mit dem hochvirtuosen Friedrich Gulda. Ebenfalls die Anschaffung wert ist die Violinsonate mit der begnadeten Ginette Neveu (1939). Auch wenn in diesem Bereich die Kempe-Aufnahmen mit den Dresdnern aus den frühen 1970er Jahren die Referenz bleiben, handelt es sich bei Eine Alpensinfonie unter Karl Böhm, natürlich dem Don Quixote unter Clemens Krauss, Till Eulenspiegel, Don Juan und Tod und Verklärung unter George Szell und dem Hornkonzert unter Wolfgang Sawallisch um ausgezeichnete Strauss-Einspielungen. Gut auch, dass der langsam in Vergessenheit geratene begnadete Strauss-Dirigent Fritz Reiner dabei ist (Ein Heldenleben gehört zu den besten Aufnahmen des Werkes). Aus dieser Reihe der 50er Jahre-Aufnahmen fällt Also sprach Zarathustra mit Charles Mackerras von 1993 heraus.

weill membranKeine Strauss-Hofmannsthal-Box, was schön gewesen wäre, dafür eine Brecht-Weill-Box. Sie enthält weitgehend die ab 1927 entstandenen Ergebnisse der Zusammenarbeit von Kurt Weill mit dem zwei Jahre älteren Dichter, also Die Dreigroschenoper und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – beide in den maßstäblichen Aufnahmen der Philips unter Wilhelm Brückner-Rüggeberg, die damit Plattengeschichte machte, wobei ich vor allem Mahagonny (mit Lenya, Litz, Günter, Markworth) ganz großartig finde – dann Der Jasager, das Musical Happy End und das gesungene Ballett Die sieben Todsünden (beide ebenfalls unter Brückner-Rüggeberg mit Lenya). Außerdem enthält die Ausgabe den nahezu völlig verwandelten „amerikanischen Weilll“ u.a. mit dem Musical Lady in the Dark (mit dem Text von Ira Gershwin) und die „American Folk Opera“ Down in the Valley (Text von Arnold Sundgaard, der auch auf der Vorderseite von CD 9 genannt wird, wo er nichts zu suchen hat). Interessant die kleinen Schnipsel auf CD 9, die ich gleich mehrfach hörte, neben den 1930 entstandenen Dreigroschenoper-Aufschnitten unter Otto Klemperer vor allem die amerikanischen Aufnahmen unter Maurice Abranavel, darunter die Szenen aus One Touch of Venus mit den Stars der Uraufführung, der September Song in alternativen Aufnahmen mit Walter Huston, der das Musical Knickerbocker Holiday am Broadway kreiert hatte, und Sinatra, durch den der Song später in immer neuen Arrangements international berühmt wurde. Bemerkenswert auf CD 1: Theo Mackeben leitete zwei Jahre nach der von ihm dirigierten UA der Dreigroschenoper eine Einspielung, Brecht singt Die Moritat von Mackie Messer sowie Der Mensch lebt durch den Kopf und eine sehr zerbrechlich wirkende Lenya singt 1943 sechs Lieder mit Weill am Klavier.

Rolf Fath

 

Richard Strauss: 10 CD the intense media 600126; Bert Brecht – Kurt Weill: 10 CD the intense media 600124 

Kritische Bilanz zum Geburtstag

Zum 50. Geburtstag der Städtischen Bühnen Frankfurt  und ihres Domizils im vom Volksmund Aquarium genannten Gebäude hat der Henschel-Verlag eine Festschrift unter dem Titel Ein Haus für das Theater herausgegeben, die, wie das so üblich ist, mit Gruß-,  Vor- und Geleitwort beginnt. Ersteres stammt von dem jetzigen Kulturdezernenten Felix Semmelroth und schildert knapp den Werdegang des Theaterlebens in Frankfurt generell, beginnend mit dem Komödienhaus der Freien Reichsstadt im Jahre 1782, über das 1792 eröffnete Nationaltheater und das Frankfurter Stadttheater von 1842 zu den Städtischen Bühnen Frankfurt führend, die es seit 2004 unter diesem Namen gibt. Im Vorwort der drei Intendanten derselben wird besonders auf die Nachkriegszeit eingegangen, den Einzug der Oper in das 1951 wieder errichtete Schauspielhaus, ehe vor fünfzig Jahren für Oper, Schauspiel und Ballett das nun gefeierte Haus eröffnet wurde. Interessant ist, dass man sich nicht zuletzt als Antipoden zum die Stadt prägenden Wirtschaftssektor sah. Die Kompetenzen sind auf je einen Intendanten für Oper und Schauspiel und dazu einen Geschäftsführenden Intendanten für beide Sparten aufgeteilt. Das Geleitwort des ehemaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann ist eigentlich mehr als ein solches, es schildert nicht ohne eine gewisse, wohl berechtigte Selbstgefälligkeit von der Ensemblebildung bereits im Herbst 1945, dem Hunger der Bevölkerung nicht nur nach Nahrung, sondern auch nach Kunst, dem Unterkommen im Saal der Frankfurter Börse, danach im Rundfunksendesaal, der Aufnahme der Arbeit von Orchester und Cäcilienchor. Fidelio im Dezember 45, danach Tosca, 1951 als erste Oper im Schauspielhaus Meistersinger beweisen, dass Oper in Frankfurt nie unpolitisch, nie ohne Botschaft war. Brechts Kunstauffassung scheint eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, ebenso der Mitbestimmungsgedanke, was auch für Konflikte sorgte. Die gesamte Geschichte der Frankfurter Oper scheint gekennzeichnet von dem Kampf um mehr Kulinarisches oder Agitatorisches. Dazu gehört auch, dass nicht ohne Stolz berichtet wird, nicht weniger als 4000 Abonnenten hätten gekündigt, das Feuilleton aber habe immer auf der Seite der Neuerer gestanden. Es kam sogar so weit, dass sich Bürgermeisterin Petra Roth selbst zur Kulturdezernentin ernannte, der es übrigens von dem ebenfalls im Zorn scheidenden Dirigenten Silvain Cambreling verwehrt wurde, an seiner Abschiedsvorstellung teilzunehmen. Also Oper nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Haus.  Dafür sorgten auch der Einsatz für zwei DKP-Lehrerinnen, der Riesenpenis in Dantons Tod oder das Fassbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod.

Recht süffisant berichtet Hoffmann davon. wie ausgerechnet ein freigekaufter DDR-Häftling 1987 das Opernhaus ansteckte, das die Allianz wieder aufbauen ließ. Das umfangreichste Kapitel über die Oper stammt von Hans-Klaus Jungheinrich und nennt sich Oper Frankfurt-Eine Fortsetzungsgeschichte. Probleme wie das Verschwinden des Bildungsbürgertums, des Repertoiretheaters, der Spielplangestaltung, der Originalsprache werden ebenso erörtert wie das Verschwinden des Singspiels aus dem Repertoire und sind sicherlich nicht typisch nur für Frankfurt. Eher schon das mehrfache Scheitern eines kompletten Ring, Aufregung um Neuenfels- oder Berghaus-Inszenierungen, die zehn Jahre Gielen/Zehelein, in denen Radikalität zur Regel wird. Nacheinander werden die Wirkungsjahre aller Intendanten und Generalmusikdirektoren beleuchtet, wobei natürlich Karrieren nicht parallel verliefen. Sechs Jahre lang wirkte Solti am Haus, das zu seinen Dirigenten auch Lovro von Matacic zählte, die Ära Donhanyi für einen Glücksfall halten muss, Sebastian Weigle spätestens nach dem jetzt in DVD vorliegenden Ring wohl ebenfalls.

Frankfurt gehört zu den Häusern mit einem besonders bodenständigen Ensemble, was viele immer wieder auftretende Namen beweisen. William Chochran, Margit Neubauer, Gabriele Fuchs oder Günther Reich sind nur einige von ganz vielen. Ihnen allen kann man auch in den vielen Fotos begegnen, die für die frühen Jahre eher durchgehend düster als schwarz-weiß sind, was sich mit den Farbfotos ändert.

Mit Bernd Loebe beginnt 2002 eine neue Epoche: es gibt mehr Premieren, Platzauslastung und Abo-Verkauf nehmen zu, ebenso die Vielseitigkeit des Repertoires, und der Patronatsverein sorgt für finanzielle Erleichterungen. Der Intendant gilt als Sängerentdecker und als offen für unterschiedliche Formen der Bühnenästhetik. Kein einmaliges Ereignis allerdings ist die Aufführung einer Verdi-Oper nur mit Klavier, weil das Orchester  streikt. Schließlich werden in diesem Kapitel auch bedeutende Sänger und Regisseure, die bisher nicht berücksichtigt wurden, gewürdigt.

Dem Schauspiel und dem Ballett werden ebenfalls umfangreiche Kapitel gewidmet. Interessant ist auch ein Abriss über die wechselvolle Baugeschichte des Unternehmens. Ein Anhang mit der Chronik seit 1782, einer Premierenliste mit vollständiger Besetzung (manchmal nützlicher als ein wortreicher Text), einer Ensembleliste für Schauspiel und Ballett, der Autorenviten und Bildnachweise steht am Schluß des Buches (Henschel Verlag ISBN 978-3-89487-732-3).

Ingrid Wanja

   

Johann Christoph Vogels „Toison d’or“

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Johann Christoph Vogel wurde am 18. März 1756 in Nürnberg geboren und starb am 26. Juni 1788 in Paris. In seiner kurzen Laufbahn schrieb er zwei Opern, Sinfonien, Quartette, Konzerte und einige Kammermusikwerke. Im Jahr 1776 beschloss Vogel, sich in Paris niederzulassen, angezogen von der blühenden Kunstszene unter dem Einfluss von Königin Marie-Antoinette. Dort wurde er Zeuge des triumphalen Erfolges von Glucks Alceste (1776) und wurde von da an einer der glühendsten Anhänger dieses Wiener Komponisten.

Der Komponist Vogel scheint eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen zu sein: „In Vogels Charakter zeigte sich ein gewisser Stolz, den er mit einer extremen Empfindsamkeit und mit dem zartesten Feingefühl verband. Man sah ihn, wie er die bewegendsten Passagen seiner Opern weinend am Klavier darbot; dabei versuchte er, aus den Gesichtern seiner Zuhörer herauszulesen, welchen Eindruck seine Musik gemacht hatte. Er beobachtete die Blicke und fällte daraufhin sein Urteil über seine eigenen Werke.“ (Courrier des Spectacles, „Notice sur Vogel“.) Seine Empfindsamkeit wurde durch seinen Hang zum Alkohol noch gesteigert, wie einige seine Biografen betont haben, die gerne folgende Anekdote zitierten: „Einer der Freunde Vogels sah sein Klavier, auf dem zahlreiche Flaschen standen, und warf ihm vor, den Wein zu sehr zu lieben. Vogel antwortete ihm, indem er ein schwungvolles und leidenschaftliches Stück spielte, und fragte ihn, nachdem er geendet hatte: ‚Kann man solche Musik etwa mit Limonade hervorbringen?'“ (Castil-Blaze, L’Académie royale de musique). Die Schwierigkeiten, die er zu bewältigen hatte, um seine Opern auf die Bühne zu bringen, führten zu wahren Exzessen auf diesem Gebiet. Sein Mangel an Enthaltsamkeit begünstigte ein bösartiges Fieber, das zu seinem vorzeitigen Tod führte – er starb als 32-Jähriger in bitterer Armut.

Bei einem seiner feuchtfröhlichen Abende lernte der Komponist auch Philippe Desriaux, seinen zukünftigen Librettisten, kennen. In den Memoires secrets, die unter dem Namen von Louis Petit de Bachaumont veröffentlicht wurden, stand zu lesen, Vogel sei ein „guter Deutscher, der, obgleich jung, schon ein Trunkenbold war; er begab sich regelmäßig in das ‚Les Procherons‘ genannte Stadtviertel und beklagte sich darüber, keinen Autor zu finden, der ihm ein Opernlibretto zur Vertonung anvertrauen wolle. Dort lungerte auch Monsieur Desriaux herum, der ebenfalls vom Wein bereits ganz abgestumpft war, auf der Suche nach einem Musiker, der die Musik zu [seinem Libretto] La Toison d’or (Das goldene Vlies) komponieren wollte. Auf diese Weise trafen sich die beiden Hallodris, lernten einander kennen und so entstand diese Oper. „Neben La Toison d’or lieferte Desriaux dem Komponisten auch ein Libretto mit dem Titel Demophon; diese Oper wurde als erste vollendet, kam aber erst 1789 zur Aufführung, einige Monate nach dem Tod des Komponisten.

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Die Uraufführung von La Toison d’or fand unter schwierigen Umständen statt, denn in der Academie Royale de Musique war es zuvor zu einer ganzen Reihe von Misserfolgen gekommen. Aber die Leitung der Oper setzte große Hoffnungen auf das Werk: Es hatte nicht nur eine hochdramatische Handlung, sondern war die erste Oper seit Salieris Les Danaides aus dem Jahr 1784, das wahrhaft in der Gluck’schen Tradition stand. Doch leider wurden diese Hoffnungen durch einen abermaligen Misserfolg enttäuscht: La Toison d’or wurde zwischen dem 5. September und dem 7. November 1786 nur neun Mal aufgeführt. Man bemühte sich sofort im Anschluss, die fehlende Begeisterung des Publikums durch die Aufführung mehrerer ballets pantomimes auszugleichen, da keine andere Oper zur Aufführung bereit stand. „La Toison d’or schleppt sich mühsam dahin und hat es innerhalb von zwei Monaten lediglich zu sieben Aufführungen gebracht, und auch das nur, weil das Werk von der Verwaltung gefördert wird, nicht etwa vom Publikum“ (La Harpe, Correspondance litteraire). Aber diese künstlichen Maßnahmen reichten nicht aus, und das Werk scheiterte schließlich unter Querelen endgültig. Die Gluckisten hatten vergeblich versucht, das Debüt des jungen deutschen Komponisten zu unterstützen, aber die Anhänger der italienischen Schule – repräsentiert von Piccinni und Sacchini – traten zahlreicher und entschiedener auf. Sie taten alles, um La Toison d’or zum Scheitern zu bringen, was ihnen schließlich auch gelang.

Das Werk geriet dennoch nicht vollständig in Vergessenheit. Unter dem Titel Medée á Colchos wurde es am 17. Juni 1788 noch einmal auf den Spielplan gesetzt. Sowohl das Libretto als auch die Musik wurden überarbeitet, und die teilweise veränderten Kulissen gaben dem Ganzen den Anschein einer Neuheit. Schließlich wurden auch einige, auf das Drama abgestimmte Ballette eingefügt, um so einem Mangel abzuhelfen, der von Anfang an offensichtlich gewesen war. Dennoch kam es nur zu drei immer schlechter besuchten Aufführungen. „Man hat La Toison d’or wieder hervorgeholt, eine Oper, die schon beim ersten Anlauf wenig Erfolg hatte. Nun hat man sich bemüht, sie mit Hilfe von immer gern gesehenen Balletten ein wenig aufzuplustern, um dieser armseligen Oper in diesem Sommer wenigstens einen kleinen Erfolg zu verschaffen“, so giftete man in der Correspondance litteraire (La Harpe).

Das Scheitern wurde durch eine schreckliche Neuigkeit noch beschleunigt: Der bereits sehr geschwächte Vogel starb zwischen der zweiten und der dritten Aufführung. Sämtliche Bemühungen um das Werk wurden umgehend eingestellt, und die Partitur von La Toison d’or landete in den Regalen der Bibliothek in der Pariser Oper, wo sie noch heute steht. Das Werk wurde aus dem Repertoire genommen, und sämtliche Erinnerungen daran gerieten bald darauf durch die Uraufführung von Demophon in Vergessenheit. Diese Oper hatte Vogel bei seinem Tod vollendet hinterlassen. Wegen der Qualität des Librettos, der Musik und wegen des hohen Unterhaltungswerts galt diese zweite Oper als Meisterwerk des Komponisten, und La Toison d’or stand zu Unrecht in ihrem Schatten.

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Und Hervé Niquet dirigierte sein Concert Spirituel/ON

Und Hervé Niquet dirigierte sein Concert Spirituel/ON

Seit der Uraufführung von Iphigenie en Aulide im Jahr 1774 beherrschte Gluck die französische Opernszene. Und obwohl er Paris 1779 nach dem Scheitern von Echo & Narcisse verlassen hatte, dräute sein Schatten noch immer über der Academie Royale de Musique. Unter der Kohorte junger Komponisten, die nur darauf warteten, dass ihre Werke auf den Brettern dieser Bühne zur Aufführung kamen, bemühte sich Vogel besonders beflissen darum, Glucks Nachfolge anzutreten. Zumindest tat er sich lautstark als sein geistiger Erbe hervor; er widmete Gluck die Partitur seines Toison d’or mit berührend aufrichtigen Worten. Als Reaktion auf diese schmeichelhafte Zueignung war Gluck voll der Ermutigung für den jungen Komponisten, dem er nach der Lektüre seiner Partitur schrieb: „Das dramatische Talent, das Sie zeigen, überragt noch Ihre weiteren Qualitäten, und dazu möchte ich Sie tiefstem Herzen beglückwünschen. Dieses Talent ist eine besonders seltene Gabe, da es in Ihrer Natur liegt: nicht durch Übung erworben wurde.“

Man muss die zeitgenössischen Kritiken, Kommentare und die Reaktionen auf die Aufführungen aus den Jahren 1786 und 1788 aus der Distanz von über zwei Jahrhunderten werten: Das Werk entstand zu einer Zeit von verbitterten und unaufhörlichen Auseinandersetzungen zwischen den „Gluckisten“ (den Anhängern des »deutschen« Stils) und den „Piccinisten“ (die den „italienischen“ Stil verteidigten) geprägt war, der im Jahr 1778 aufgeflammt war. Und die angeblichen Schwächen oder Qualitäten von Libretto und Partitur wurden an diesem Maßstab gemessen, der für eine heutige Einschätzung nicht die geringste Rolle mehr spielt.

Die Figuren der Medea und des Jason auf die Bühne zu bringen war eine Versuchung, der viele Komponisten vom 17. bis zum 20. Jahrhundert nicht widerstehen konnten. Am Vorabend der Französischen Revolution hielt man dieses Sujet für „nicht lohnend und grausam“ (Guillaume Imbert, Correspondance litteraire secrete, 1788). Als Desriaux sich damit auseinandersetzte, wurde er für seine Geschicklichkeit in der Versifizierung und für seine anrührenden Szenen gelobt, aber man hielt seine dramatische Umsetzung nicht für restlos gelungen. Es ist wahr, dass sein Libretto von den ersten Szenen an daran krankt, dass Medea als kaltherzige Furie dargestellt wird, und dass er sich zu früh (im Verlauf des zweiten Aktes) von der einzigen anrührenden Figur, nämlich Hypsipyle, trennt. Was Jason betrifft, so wird er ebenso niederträchtig gezeichnet wie im Mythos: Er ist zögerlich und wechselhaft, er hat nichts Heldenhaftes an sich – von einigen kurzen Anwandlungen hier und da in den gesamten drei Akten abgesehen, die überdies meistens unangebracht sind.

Aus diesem Grund wurde Desriaux eine gewisse Monotonie zum Vorwurf gemacht, die noch durch die fast durchgängige Präsenz Medeas und ihre zahlreichen Monologe verstärkt wird. „Die Rolle der Zauberin, die zwar Charakterstärke aufweist, wurde nicht allgemein geschätzt; eine derartige Monotonie von Zornausbrüchen und Verwünschungen wirkt ermüdend. Die tragischen Ereignisse des zweiten Aktes schlagen beinahe ins Lächerliche um, und die Auflösung des Dramas ist alles andere als zufriedenstellend. Trotz dieser Mängel weist der Text Anzeichen von Talent auf, vor allem in seinem Stil, der häufig lebhaft und präzise ist.“ (Journal Generale de France, 1786.)

Die tragische Größe des Sujets und die Leidenschaft der von Desriaux erdachten Heldin haben Vogel wohl gereizt, das Libretto mit einer Musik umzusetzen, die eine größtmögliche Intensität erreichen sollte. Das ist ihm offensichtlich gelungen, denn man attestierte ihm, sein Werk brilliere mit „Schönheit allerersten Ranges, {…} und alle waren sich darin einig, dass die Begleitung und die Rezitative seelenvoll und expressiv sind. Kurz, Vogel scheint ein rechtmäßiger Anwärter auf den Lorbeerkranz zu sein, der die Stirn des unsterblichen Gluck krönt, dessen Fußstapfen er – vielleicht etwas zu genau – folgt“ (Journal General de France, 1786). War seine Nachahmung des Meisters denn so greifbar? Beim Mercure de France war man von den Fähigkeiten des jungen Komponisten überzeugt und versuchte, ihn dazu zu ermutigen, seinen eigenen Weg zu suchen: „Warum sklavisch dem Vorbild eines anderen folgen, wenn man doch auch seine eigene Richtung einschlagen kann? Nur durch ein eigenständiges Talent macht man von sich reden; kriecherische Nachahmer gibt es zuhauf, doch Monsieur Vogel ist nicht dazu geboren, zu diesen zu gehören.“ (Mercure de France, 1786.)

„Medea in Corinto“/ Szene Giuditta Pasta als Medea mit Kindern/ OBA

Diese Unterwerfung unter das Gluck’sche Modell schmälerte die ureigenen Verdienste Vogels nur zum Teil. Aber überall dort, wo er seinen persönlichen Ausdruck finden wollte, verfiel der Komponist in ein anderes Extrem und schrieb übertrieben glutvoll und mit zu vielen Effekten. „Das ist generell Vogels Schwäche wie auch die aller jungen Komponisten, vor allem wenn sie über eine empfindsame Seele verfugen. Aus Furcht, nicht genug auszudrücken, wollen sie allem und jedem Ausdruck verleihen und übertreiben es dabei. Fast alle Modulationen in diesem Werk stehen in Moll, und überall finden sich bizarre Akkorde sowie höchst vertrackte harmonische Übergänge. Es gibt wohl nicht einen einzigen Takt, in dem der Komponist keine besondere Absicht verfolgt. Im Ergebnis ist das Werk ermüdend, vielleicht gar langweilig. In Wahrheit handelt es sich um ein Übermaß von Talent, aber schließlich stellt auch diese Überfülle ein Scheitern dar.“ (Mercure de France, 1786.) Paradoxerweise schenkte er dem Pariser Publikum eine Partitur, „die alle Welt für erhaben hielt, die niemand verstand, und bei der man vor lauter Bewunderung gähnen musste.“ (Lettre á monsieur le comte de B*** sur la revolution arrivée en 1789.)

Das Talent, mit dem Vogel seine Orchesterstücke, seine Rezitative und die musikalische Umsetzung der Rolle der Medea erdacht hat, wurde einmütig anerkannt – unabhängig davon, ob die Musik nun Gähnen oder Applaus hervorrief: „Es gelang ihm, Medeas immer gleiche Zornausbrüche mit einer großen Vielfalt des Ausdrucks zu versehen. Die Arie ‚Ah! ne me parlez plus d’amour et d’esperance‘ im dritten Akt ist ein Meisterwerk.“ Was die Musik betraf, war das Urteil vollkommen einhellig: „Dieser erste Versuch eines jungen Komponisten gibt sicherlich Anlass zu den größten Hoffnungen.“ Man ging sogar so weit zu sagen, dass „kein junger Komponist zuvor seine Laufbahn auf eine so erlesene Weise begonnen hat“ (Mercure de France, 1786).

Benoit Dratwicki/ youtube

Man muss jedoch erkennen, dass trotz allen Lobes weder das Publikum noch die Kritiker dieser Zeit in der Lage waren, zu erkennen, wie gewagt Vogels Partitur ist und wie viel Innovatives und Originelles in ihr enthalten ist. Geschult an deutscher Musik verfügte der Komponist als direkter Erbe der großen Mannheimer Schule über einen sinfonischen Atem wie kaum ein französischer Komponist – mit Ausnahme von Gossec. In der ambitionierten Ouvertüre zeigt sich dieses Talent sofort, ebenso wie in den wenigen Tanzsätzen. Aber vor allem in der Begleitung der Chöre und einzelner Arien wird Vogels ganzes Können offensichtlich. Zu Hypsipyles Flehen, Medeas Gebrüll und Jasons kriegerischem Rachegeschrei seufzt, gewittert und trompetet das Orchester. Selbst das Rezitativ ist voll ruckartiger Bewegungen und verwirrender Punktierungen, die das Drama auf wirkungsvolle und angemessene Weise unterstützen. Übernatürliche Szenen und Naturkatastrophen bieten hervorragende Gelegenheiten, das Orchester in allen seinen Facetten vorzuführen, und Vogel lässt keine dieser Möglichkeiten aus: Der Begräbnischor, der den Tod des Hypsipyle begleitet, steht in der Tradition düsterer und kargerer Kirchengesänge, während Medeas Verwünschungen mit Harmonien und ungewöhnlichen Klängen untermalt werden, die schon auf die Romantik vorweisen. Das Gewitter im zweiten Akt und die letzte Schlacht ermöglichen es dem gesamten Orchester, eine schon beinahe furchterregende Virtuosität an den Tag zu legen, während Solisten und Chor noch Aufschreie und Ausrufe hinzufügen. La Toison d’or ist zweifellos ein bedeutendes Bindeglied zwischen Gluck und Spontini. Nicht wegen der – so gut wie nicht vorhandenen – Wirkung auf das zeitgenössische Publikum, sondern weil wir diese Oper heute als Beleg für die große Vielfalt der musikalischen Stile würdigen können, die während der Regentschaft Ludwigs XIV. und Marie-Antoinettes an der Académie Royale de Musique präsentiert wurden. Bénoit Dratwicki (Übersetzung: Susanne Lowien/Glossa)

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(Den Text übernahmen wir aus dem Booklet zur Aufnahme bei Glossa unter der Leitung von Hervé Niquet, mitgeschnitten am 27. Juli 2012 beim Nürnberger Gluck-Festival 2012 mit Marie Kaline, Jean-Sébastien Bou, Judith Van Wanroij u. a. sowie dem Concert Spirituel/ Glossa/Note 1/ 2 CD GCD 921628. Dank auch an Verena Koegler von der Oper Nürnberg, wo im Sommer 2012 diese Aufführung stattfand und vom Rundfunk mitgeschnitten wurde.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.