„Il Guarany“ von Antônio Gomes

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Es lässt sich doch immer eine Menge beim Opernhören lernen. Beispielsweise über die zu den indigenen Völkern Südamerikas gehörenden Guaraní, deren Siedlungen heute zu Uruguay, Bolivien, Argentinien, Paraguay und Brasilien gehören. In Paraguay, wo sie heute nur noch einen winzigen Anteil der Bevölkerung darstellen, vermischten sie sich früh den spanischen Kolonisten. Andernorts setzten sich die Jesuiten für den Schutz der Guaraní ein. Verhältnismäßig spät wurden sie Gegenstand literarischer Beschäftigung: José de Alencars  O Guarani von 1857 gehört zu den großen Romanen Brasiliens, die darauf basierende Oper gilt als Gründungsstunde der brasilianischen Oper. Wie der Istrier Antonio Smareglia oder der Grieche Spyros Samaras gehörte der Brasilianer Antonio Carlo Gomes zu den kosmopolitischen Lehrlingen der italienischen Opernszene, die deren Stil und Schemata in ihre Heimat transferierten, also mehr Mayr, Donizetti und Pacini als Verdi, aber sehr theaterwirksam und mit einem guten Gespür für Situationen und Sänger. Nachdem ich einmal Smareglias Abisso in Triest hörte, wo er auch hingehört, würde ich gerne mehr von seinen Opern hören.

Genauso geht es einem mit Gomes. In den wenigen zurückliegenden Jahren bot Gießen mit Lo Schiavo (Rio de Janeiro 1889) und der Fosca (Mailand 1873) die Gelegenheit, zwei ausgesprochen animierende Stücke zu erleben, zwar nicht von der bahnbrechenden Dichte des mittleren und späten Verdi, aber mit den Brüchen und Kanten, wie sie oft Werken in Übergangszeiten anhaften. Im speziellen Fall, also bei Il Guarany, finden sich bis in die Koloraturarien der Cecilia und die Ballettmusiken direkte Vorbilder in der französischen Oper. Gewiss betritt Gomes hier kein Neuland, aber er referiert auf geschickte Weise die Opernsituation seiner Zeit. Einige Male lieferten ihm sogar Ghislanzoni und Boito Texte und einige seiner Opern wurden an der Mailänder Scala uraufgeführt, so auch 1870 Il Guarany, der den fast noch druckfrischen Roman von José de Alencar adaptierte und noch im gleichen Jahr in Rio de Janeiro gefeiert wurde, wo er, zumindest bis zu der vorliegenden Aufnahme, eine ungebrochene Aufführungstradition begründete.

Der Sound dieser bereits auf einem brasilianischen Label schon lange im Umlauf befindlichen Live-Aufnahme  ist etwas für Kenner. Das Orquestra Sinfonica de São Paul klingt, als sei die Einspielung kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende entstanden und nicht 1959, wie es das Aufnahmedatum festhält. Die nicht mehr verfügbare Arkadia-Ausgabe, nach der ich ebenfalls gegriffen habe, klingt auch nicht besser, bietet aber immerhin ein Libretto und ausreichende (und damit akut mehr) Informationen statt dieser schlichten Ausstattung. Man hört sich erstaunlich rasch ein, und der muffelige und antike Klang verflüchtigt sich scheinbar. Ich mochte die Aufnahme gern. Der Held ist der Guaraní-Häuptling Pery, zu dessen Interpreten auch Gigli, Thill und del Monaco und in neuerer Zeit (also 1994 in Bonn und bei Sony) Domingo gehörten; Manrico Patassini singt ihn hier mit einem dunklen, expansionskräftigen Tenor, überzeugender ist die nach dem Muster der französischen Oper konzipierte Cecilia der wendigen Kolorateuse Niza de Castro-Tank. Cecilia ist die Tochter des Don Antonio, die sich in ihren Lebensretter Pery verliebt hat, aber nach dem Wunsch des Vaters den Portugiesen Don Alvaro heiraten soll. José Perrota singt den alten portugiesischen Adeligen mit großer Basswürde, Paulo Fortes den Abenteurer Gonzales mit einem höhenstarken, edel geschulten Verdibariton (kein Wunder, dass Cappuccilli die Partie derart reizte, dass er sie 1964 Rio sang). Antonio Belardi hält das Stück gut zusammen. R. F.

 

Antônio Carlos Gomes: Il Guarany mit José Perrota (Don Antonio De Mariz ), Niza de Castro-Tank (Cecilia, seine Tochter), Manrico Patassini (Pery, Häuptling der Guarany), Paschoal Raymundo (Don Alvaro), Paulo Fortes (Gonzales) u.a.; Orquestra Sinfónica de São Paulo; Leitung: Armando Belardi ; Andromeda 9115

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