Archiv des Autors: Geerd Heinsen

„Salvator Rosa“ von Antonio Gomes

 

Nach Mayrs Fedra und Spohrs Der Alchymist ist Salvator Rosa von Gomes bereits die dritte Oehms-Einspielung aus dem Staatstheater Braunschweig, der sich theoretisch Mascagnis Isabeau und Fibichs Sarka anschließen könnten, wobei im letzten Fall aufgrund vorhandener Aufnahmen kein dringender Bedarf besteht. Die vorbildliche Braunschweiger Repertoirepflege wird verdientermaßen auf CD dokumentiert. Nicht alle Leistungen sind auf allerhöchstem Niveau, die Aufnahme des Salvator Rosa erscheint klanglich gelegentlich etwas blässlich und unausgeglichen und letztlich würde man sich unbescheidenerweise – über das instruktive Beiheft hinaus – den kompletten Text wünschen, doch das sind marginale Einschränkungen. Ein Jahr nach Bellinis Tod geboren, eine Generation jünger als Pacini und Mercadante, die die Lücke zwischen Rossini und Verdi schlossen, gehört der Brasilianer Antônio Carlos Gomes, wie etwa der fast gleichaltrige Ponchielli, zu den Komponisten, die während Verdis späten Jahren die italienischen Bühnen zu erobern versuchten. Sein erster Großerfolg, Il Guarany, kam 1870 an der Scala heraus, seine vierte Scala-Uraufführung, zugleich sein letzter Erfolg, war 1891 Condor. Die Künstleroper Salvator Rosa über den im 17. Jahrhundert lebenden Maler und Dichter, zu der Ghislanzoni das Libretto geschrieben hatte, wurde 1874 in Genua uraufgeführt. Die vier Akte hat Antonio Ghislanzoni, der gerade die Neufassung der Forza del destino hergestellt hatte (und natürlich auch die Aida), mit sicherem Gespür für die neuen Erfordernisse der grand opéra, wie sie auch in Italien spürbar wurden, aufbereitet. Gomes inszeniert die Märsche und Szenen der Soldaten und des Volkes wirkungsvoll, handhabt die Muster mit Bravour, seine Musik besitzt eine gediegene Geschmeidigkeit und handwerkliche Allüre, ohne dass er ihr Eigenes, schon gar nicht Südamerikanisches, beizumischen versucht. Gelegentlich scheint die Musik mit stimmungsvollen impressionistischen Valeurs vorauszuweisen, doch im Grunde bleibt Gomes fest in der Tradition verankert.
Georg Menskes und das StaatorchesterBraunschweig vermitteln eine gewisse Grandeur des musikalischen Entwurfs und überzeugen in den instrumentalen Finessen. Salvator Rosa verfügt zwar über keinen Ohrwurm wie den Tenorschlager „Quando nascesti tu“ in Lo Schiavo (2011 in Gießen aufgeführt), dessen Mitschnitt eine willkommene Ergänzung böte, doch Malte Roesner, für den der Fischer momentan noch eine Grenzpartie sein dürfte, singt Masaniellos „Povero nacqui“ mit edlem Bassbariton, ausdrucksvoller Wärme und mitreißendem Schwung. Masaniello ist ebenjener u.a. aus Aubers La muette de Portici bekannte Fischer, der den Aufstand der neapolitanischen Fischer gegen die Spanier anführt. Ein weiteres Glanzstück ist die Arie des spanischen Herzogs von Arcos „Di sposa, di parda“ von Dae-Bum Lee mit dunkler Wucht zelebriert. Seine Tochter Isabella, die fatalerweise zugleich die Geliebte des Malers ist, singt die Slowakin Maria Porubcinova mit der rechten Mischung aus Unschuld und Aufbegehren, also lyischer Transparen und einer dramatisch geschärften, aparten Höhe. Das Duett mit dem Vater am Ende des dritten Aktes ist einer Höhepunkte des Werkes. Die Titelpartie singt Ray M. Wade mit schöngebundenen, mühelosen Tenorbögen und draufgängerischem Strahlen. Rolf Fath 

 

Fairerweise muss aber auch auf die drei (!) vorhergehenden Aufnahmen der Oper hingewiesen werden – zum einen die jüngere Dynamic-Live-Einspielung aus Martina Franca unter Maurizio Benini von 2004 bei Dynamic (GDS 472/1-2), die nur als Import zu bekommende Aufnahme live aus Dorset unter Patrick Shelley bei Regis (FRC 9201) und die historische aus Sao Paulo 1977 unter Blech bei Master Class Brazil (mehr als schwer zu erhalten; in dieser Serie  gibt es fast alle Gomes-Opern in akustisch zum Teil auch riskanten Mitschnitten mit und ohne die tapfere Nina Carini. G. H.

 

Antônio Carlos Gomes: Salvator Rosa mit Dae-Bum Lee/ Il duca d’Arcos, Maria Porubcinova/ Isabella, seine Tochter, Ray M. Wade/ Salvator Rosa, Malte Roesner/Masaniello u. a.; Georg Menskes; Chor und Staatsorchester Braunschweig, 2 CD Oehms Classics OC 957

Spätherbstliches

 

Gleich könnte Scottie Ferguson, der Mann mit der Höhenangst, um die Ecke kommen. Bei Bernard Herrmann klingt es im Herrenhaus auf dem Hochmoor von Yorkshire so wie auf den Dächern von San Francisco, wo Hitchcocks Vertigo spielt. Immerhin war Herrmann, der von Citizen Cane für Orson Welles bis Taxi Driver für Martin Scorses, für die Hautevolee von Hollywoods Regisseuren arbeitete, so etwas wie Hitchcocks Haus- und Hofkomponist. Aus seiner frühen Zeit stammt die Oper Wuthering Heights nach dem ersten Teil des Romans von Emily Brontë. Aus dem verschachtelten Roman, der über drei Generationen die Begebenheiten auf Wuthering Heights und Thrushcross Grange und die Beziehungen zwischen den Earnshaws und Lintons schildert, hat sich Herrmanns Frau Lucille Fletcher die leidenschaftliche und schicksalhafte Liebesgeschichte zwischen Catherine und Heathcliff ausgesucht. Das Findelkind Heathcliff wurde im Haus der Earnshaws zusammen mit Catherine und ihrem Bruder Hindley aufgezogen. Nach dem Tod des alten Earnshaw wird Heathcliff von Hindley wie ein Knecht behandelt und schikaniert. Catherine und Heathcliff sind sich untrennbar zugetan, dennoch verlässt Heathcliff Wuthering Heights. Catherine heiratet Edgar Linton, Heathcliff kehrt wohlhabend und zu einem Herrn gereift zurück und heiratet Catherines Schwägerin. Dennoch lebt die alte Leidenschaft zwischen Catherine und ihm weiter. Nicht zu verwechseln ist Herrmanns Oper mit Wuthering Heights von Carlisle Floyd, deren endgültigen Fassung 1959 in New York herauskamen und die erst kürzlich im Mittelsächsischen Theater in Freiberg ihre späte deutsche sowie europäische Erstaufführung erlebte.
Warum es um Herrmanns Sturmhöhe noch stiller als um die Version von Floyd blieb, wird bald klar. Herrmann ist offenbar ein phantasievoller Illustrator, der mit dem großen Orchester Atmosphäre und Situationen schafft, die Landschaft beschreibt und den Figuren Themen zuweist, auch ein musikalischer Feinzeichner, der instrumentale Signale in einer schwelgerischen Art einsetzt und in der Salonszene des dritten Aktes mit dem von Yves Saelens mit zartem Tenor berückend schlicht vorgetragenen liedhaften Liebesgeständnis ähnlich spätromantisch herbstliche Wirkungen (neo-Romanticism, laut Herrmann) erzielt. Solche „Inseln“ bewahren die fast dreistündige Oper nicht vor Durstrecken. Die Erwartungen, die das raffiniert kompilierte Vorspiel weckt, werden nur zum Teil eingelöst. Vieles ist Schablone, handwerkliche Fleißarbeit, ariose Plaudereien, trockener Sprechgesang und unimaginatives Singen, vom Komponisten lyric parlando genannt, mit Ausnahme der dramatisch durchorganisierten Szenen zwischen der sich in verbotener Liebe zugetanen Catherine und Heathcliff.

Für die Cathy hat Laura Aikin einen gequetschten, etwas müden und strengen Sopran, der wenig Raum für jugendlich- dramatische Entfaltung lässt, wie ihn die Partie vermutlich braucht, aber den entsagungsvollen Szenen des letzten Aktes zugute kommt. Dem Heathcliff verleiht der israelische Bassbariton Boaz Daniel düstere animalische Wucht. Wie meist macht Vincent Le Texier seine Sache gut, ohne dem tyrannisch-bösen Hindley die Spur einer Physiognomie zu geben. Prägnant und hinreichend geheimnisvoll ist hanna Schaer als alte Haushälterin Nelly. Ungekürzt wurde die 1951 fertig gestellte Oper erstmals zu Herrmanns hundertstem Geburtstag 2011 von der Minnesota Opera gegeben. Nach der von Herrmann 1966 dirigierten Ersteinspielung ist der von accord irritierender weise als „Les Hauts de Hurlevent“ betitelte Konzertmitschnitt vom Festival de Radio France unter Alain Altinoglu nun bereits die zweite CD-Aufnahme des Werkes.

Rolf Fath 

 

Bernard Herman: Wuthering Heights mit Laura Aikin/Cathy, Boaz Daniel/Heathcliff, Vincent le Texier/Hindley u. a.; Alain Antinoglu, Chor und Orchester Radio Festival Montpellier,2 CD accord  476 4653

Donizettis „Duc d’Albe“

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Die Pariser Oper der Donizetti-Zeit/HeiB

Die Pariser Oper der Donizetti-Zeit/HeiB

In der Absicht, bei seiner Ankunft in Paris – aus Neapel kommend – Aufsehen zu erregen, begann Donizetti bereits 1838 mit der Komposition der Oper Le Duc d’Albe. Es war die erste seiner vier großen Opern. Beiseite gelegt und nur zur Hälfte fertig gestellt, geriet sie in Vergessenheit. Der Komponist, der ursprünglich gekommen war, um die Stadt im Sturm zu erobern, fiel der Mächtigsten all ihrer Bewohner zum Opfer, der Diva en vogue, Rosine Stoltz, Herrscherin an der Opéra. Das Libretto zum Alba, das Donizetti auf dem Höhepunkt seiner Erfolge dem legendären Autoren-Duo Scribe und Duveyrier verdankte, ist wohl das überzeugendste aller von dem Komponisten vertonten Texte. Es handelt sich um eine höchst gelungene Dreiecksbeziehung, in der die drei Hauptpersonen Teil einer Balance zwischen Leidenschaft, Ängsten und Hoffnungslosigkeit sind und alle Opfer derselben Nemesis werden. Daher verwundert es nicht, dass dieses auf historischen Begebenheiten beruhende Werk, das eine hochplausible Handlung aufweist und gegenüber anderen Werken in nichts an Glaubhaftigkeit und Gefühl nachsteht, trotz Nichtvollendung der Oper überlebt hat, um durch eine jener unvorhersehbaren Fügungen als Libretto der Vêpres Siciliennes Verdis erneut aufzutauchen.

Rosina Stoltz und der Tenor Gilbert in Donizettis Oper "La Favorite"/Donizetti-Society

Rosina Stoltz und der Tenor Gilbert in Donizettis Oper „La Favorite“/Donizetti-Society

Der Vertrag mit der Pariser Oper wurde am 16. August 1838 unterzeichnet.Der Komponist arbeitete in den folgenden achtzehn Monaten mit Unterbrechungen an seiner Oper. Er war jedoch gleichzeitig mit der Inszenierung mindestens dreier anderer Opernstücke für die Pariser Bühne beschäftigt. Hinzu kam, dass der Direktor der Königlichen Musikakademie (Academie Royale de Musique) abgelöst wurde, was sich fatal auf den Duc d´Albe auswirkte. Der neue, impulsive Direktor Leon Pillet hatte eine Mätresse, die gefürchtete dramatische Mezzosopranistin Rosine Stoltz, die schnell allen zu verstehen gab, dass sie die prima donna assoluta sei. Donizetti hingegen hatte die weibliche Hauptrolle im Duc d´Albe für eine lyrische Sopranistin komponiert, nämlich für Julie Dorus-Gras, ihrer Todfeindin. Die Oper wurde infolgedessen aufgegeben, da es außer Frage stand, die Pariser Karriere der Rosine Stoltz mit einer brandneuen Oper beginnen zu lassen, die von ihrer Konkurrentin gesungen wurde. Statt dessen gab man nun für die Stoltz La Favorite, ein nicht ganz neues Stück, dafür aber eines der Favoriten der Pariser Bühne bis zur Jahrhundertwende. (Was man von Rosine Stoltz selbst allerdings nicht behaupten kann. Die übernahm später dann die Divenrolle der Zayda im Dom Sebastian 1843. Julie Dorus-Gras hingegen musste sich mit der Pauline in den Martyrs – Adaptation – zufrieden geben, wahrscheinlich eine zu „heilige“ Rolle für ihre Gegnerin, das monstre sacré der Pariser Opernszene.)

Die Kontrahentin der Rosina Stoltz: Julie Dorus-Gras, hier als Meyerbeers Marguérite/HeiB

Die Kontrahentin der Rosina Stoltz: Julie Dorus-Gras, hier als Meyerbeers Marguérite/HeiB

Die unvollendete Partitur des Duc verstaubte also in einer Schublade bis zum Tode ihres Komponisten. Im Jahre 1848 versuchte die Pariser Oper mit Nachdruck, den so wichtigen, kostspieligen und abgebrochenen Auftrag erneut anzugehen, gab die Bemühungen allerdings erneut auf, entmutigt durch den Zustand des Manuskripts. 1875 ernannte Donizettis Heimatstadt Bergamo einen Ausschuss mit dem Auftrag, die Musik zu begutachten. Der stellte fest, dass zwar der erste Akt orchestral und der zweite Akt nahezu fertig gestellt, der dritte und der vierte Akt hingegen bloße Entwürfe waren – bis auf die bis zum Ende geschriebenen Gesanglinien; für der Rest existierten nur Skizzen. Noch störender, bemerkte der Ausschuss mit Ironie, sei der Umstand, dass die Tenorarie „Ange du ciel“ entfernt und später in Donizettis Favorite unter dem Titel „Ange si pur“ wiederverwertet worden war. Und auch weitere Passagen waren offensichtlich recycelt worden. Der Herzog von Alba landete erneut in der Schublade.

Im Jahre 1881 boten die Erben Donizettis das Manuskript Ricordi an, dem schon damals alles beherrschenden Verlagshaus. Dieses aber lehnte unter dem Vorwand ab, die Vollendung des Werkes durch eine fremde Hand „schade dem guten Ruf und der Kunst des berühmten Komponisten“. Aber dank Giovannina Luccas (1810-1894), Witwe des konkurrierenden Verlegers Francesco Lucca aus Mailand, stand der Duc d´Albe wieder auf. Sie war tatsächlich sowohl physisch wie geistig eine ungewöhnliche Frau, und ihr Einfluss auf die Entwicklung der italienischen Oper ihrer Epoche übertraf weitaus den der Rosine Stoltz. Sie kaufte schnellstens das Manuskript und ernannte als kluge Strategin ihrerseits einen Ausschuss, d.h. sie beauftragte das Mailänder Konservatorium, dies an ihrer Stelle zu tun, um die Untersuchung des Manuskripts drei prominenten Komponisten anzuvertrauen (so wenig „Verdi“ wie möglich – Ricordi war Verdianer). Das Konservatorium wählte Antonio Bazzini, Cesare Dominicenti und Amilcare Ponchielli. Diese untadeligen Berater schlussfolgerten erwartungsgemäß, dass die künstlerische Integrität der Oper unversehrt und genügend vollendete Nummern und Seiten der Partitur für eine Realisierung vorhanden seien. Man brauche nur minimale Zusätze und eine „geübte und sichere Hand“, damit der Duc d´Albe „dem Publikum als unumstrittenes Werk Donizettis vorgeführt werden könne“.

Der Zeitplan der musikalischen Umsetzung sowie die kurze Zeitspanne bis zur

Szene aus der Erst-Aufführung der Schippers-Fassung in Spoleto 1959/HeiB

Szene aus der Erst-Aufführung der Schippers-Fassung in Spoleto 1959/HeiB

Wiedergeburt unter dem Namen II Duca d‘Alba zeigen, dass die gerissene Signora Lucca mit ihrem fabelhaften Urteilsvermögen in weiser Voraussicht bereits einen weiteren kompetenten und prominenten Bewohner Bergamos verpflichtet hatte, nämlich Matteo Salvi (1816-1887), einen ehemaligen Schüler Donizettis, um die nötigen Recherchen durchzuführen und die Partitur aufzufrischen. Es ist erwiesen, dass die Überarbeitung des Duca d´Alba von Salvi unter den kritischen Augen von Bazzini, Dominicenti und Ponchielli instrumentiert wurde. Das Libretto von Scribe und Duveyrier wurde Angelo Zanardini zur Übertragung anvertraut, im Hinblick auf eine Übersetzung und Umwandlung in eine italienische Oper in vier Akten, unter Beibehaltung eines Höchstmaßes an die Qualität des Originals. Die Aufgabe war nicht leicht, da die italienischen Versionen großer

französischer Opern einen schlechten Ruf hatten; Guglielmo Tell, La Favorita, I Martiri, Gli Ugonotti oder Il Profeta zum Beispiel waren wirklich unbefriedigende Neufassungen mit echten Verlusten an Sinn und Inhalt. Die italienischen Transkriptionen dieser Art tendierten allgemein dazu, die Direktheit und die französische Eigenart auszusparen und die für die italienischen Libretti typische Unschärfe zu bevorzugen, um der allgegenwärtigen Zensur zu entgehen.

Und auf musikalischer Ebene? Eine identische Wiederverwendung von beinahe

Matteo Salvi, Ponchielli-Schüler und "Fertigsteller" des Duca/HeiB

Matteo Salvi, Ponchielli-Schüler und „Fertigsteller“ des Duca/HeiB

intakten, ursprünglichen Segmenten wurde wohl aus Angst vermieden, weil sie nach vierzig Jahren altmodisch wirken könnten. Dies erklärt auch, warum praktisch keine einzige Seite der Partitur identisch aufgegriffen wurde, als II Duca d’Alba 1882 endlich aufgeführt wurde. Letztendlich war Salvi (wie auch Bazzini, Dominiceti und Ponchielli) auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen den vorsichtigen Gallizismen Donizettis und dem superben Instinkt der Signora Lucca – Orchestrierung, Nuancen, Handlungsablauf und Tempi, alles wurde in der vervollständigten Partitur retuschiert und weiterentwickelt, was Salvi dann auch vorgeworfen wurde. Die musikalische Klangfarbe verrät ihre Zugehörigkeit zum ausgehenden 19.Jahrhundert, und wenn dieser Aspekt der Partitur damals auch niemanden störte, so stört er doch zweifellos seitdem. Daraus darf jedoch nicht geschlussfolgert werden, dass Salvi und seine Mitstreiter die Partitur Donizettis nicht respektiert hätten; es ist offensichtlich, dass sie ihr Bestes gaben, diese Oper fertig zu stellen, und viele ihrer Abänderungen und Zusätze sind nicht nur überzeugend, sondern auch inspiriert. (…)

Im Ganzen passte sich Il Duca d‘Alba mühelos den Anforderungen eines Ausstattungsstücks gemäß den historischen Pariser Opern der Epoche an, es fehlt lediglich das seinerzeit obligatorische Ballett, das nach der Einführung des ersten Aktes seinen Platz gehabt hätte. Die entsprechenden Seiten im handschriftlichen Manuskript sind leer (was darauf hinweist, dass die Ballettmusik nie komponiert und daher nicht an anderer Stelle wiederwendet wurde). Eine Detailanalyse bringt allerdings Überraschungen mit sich: Große Teile des Librettos von Scribe sind nie vertont worden und es scheint, als hätte sich der Komponist von Anfang an wenig Gedanken um die literarische Integrität des Textbuches gemacht, da er vermutlich kurz nach Beginn der kompositorischen Arbeit eine absehbare Reihe romantischer italienischer Nummern mit ausgearbeiteten Reprisen einfügen wollte. Die Wandlung der Komposition Donizettis zu einem Pariser Modell ist also weniger offensichtlich als erwartet. Es ist jedoch ersichtlich, dass die wichtigsten Arien sehr viel einfacher als üblich sind, nur wenige Fiorituren beinhalten und dass selbst in der italienischen Version die Rezitative zur Deklamation tendieren (Donizetti komponierte allerdings nur wenige von ihnen!). Die Vokal-Ornamentik stammt in diesem Fall offensichtlich von Salvi und seinem Expertentrio, wohingegen Donizetti offenbar versucht hat, die gefälligen Cabaletten italienischer Art zu begrenzen, um den französischen Geschmack nicht zu brüskieren. Salvi aber hat sie schlicht und einfach – mit einer nahezu unschicklichen Begeisterung – wieder in die Partitur des Duca d‘Alba eingefügt, was zur bedauernswerten Folge die Streichung der von Donizetti selbst geschriebenen Cabaletten und Stretten durch heutige, ein wenig zu gewissenhafte Revisoren hatte. Mit seinem Duca d‘Alba präsentierte Salvi eine Partitur ungewöhnlicher Länge. Das Teatro Apollo in Rom war anlässlich der Premiere am 12.März 1882 ausverkauft, der Eintrittspreis doppelt so hoch wie üblich, und die Königin von Italien thronte in der Mittelloge. (…) Die gesamte Inszenierung begeisterte das Publikum. In kürzester Zeit stand die Oper in Neapel, Bergamo, Turin sowie in Barcelona und Malta auf dem Programm. Doch dann, von heute auf morgen, verschwand das Werk völlig von den Spielplänen, bis zu dem Tage, an dem Fernando Previtali in den fünfziger Jahren des 20.Jahrhunderts auf einem Markt (so heißt es) in Rom die Partitur entdeckte, die der RAI-Aufführung 1951 als Grundlage diente.

Alex Weatherson

Maria Vitale war die erste Elena bei Previtali/Melodram/HeiB

Maria Vitale war die erste Elena bei Previtali/Melodram/HeiB

In der Folgezeit gab es nach Previtali eine knappe Handvoll von Aufführungen der italienischen Fassung, alle nach Salvi, im Falle von Spoleto durch Thomas Schippers 1959 und 1992 allerdings ganz rabiat: 1981 in Florenz unter Donato Renzetti , 1982 in New York unter Eve Queler und schließlich 2007 in Montpellier unter Enrique Mazzola (bei Accord herausgekommen – eigentlich im Original geplant und wegen der Partitur-Schwierigkeiten dann doch wieder in der Salvi-Version). Für die Neugeburt der Oper in Antwerpenim Mai letzten Jahres nun betraute man den italienischen Komponisten Giorgio Battistelli (in entscheidender Zusammenarbeit mit dem britischen Musikwissenschaftler Roger Parker) mit der Rekonstruktion, der neben einer liebevoll- werkgetreuen Aufarbeitung zu einem modern-eigenen Schluss kam. Wie Roger Parker in seinem erhellenden Text im Programmheft zur Aufführung schreibt, gab es viele Wege zu einer Neukonstruktion des Duc d´Albe, und er betont, dass es keine definite Fassung geben kann, weil die Unklarheiten/Fragmente/Alternativen zu groß sind. Die vorliegende Version Battistellis sieht nun so aus: Sie restauriert den originalen französischen Text. Wie bereits erwähnt, liegen ca 85% der Gesangslinie in Französisch durch Donizettis Hand vor, und Scribes Libretto steht für Fehlendes zur Verfügung. Die Orchestrierung von Salvi wurde weitgehend beibehalten, auch seine gelegentlichen, sonst fehlenden Rezitativpassagen. Dabei wurden genau die Anweisungen/Details beachtet, die Donizetti hinterlassen hatte, zumal Salvi ja auch ein Schüler Donzeittis gewesen war und dessen Idiom kannte. Rekonstruiert wurde die Eröffnung des 4.Aktes (Tenorarie) auf der Basis der Skizzen Donizettis und seiner Orchestrierung in der Favorite. Und obwohl Salvis „Angelo casto e bel“ ganz wunderbar ist, gibt es keine Zweifel, was Donizetti hier an dieser Stelle wollte. Und sehr wichtig – ganze Passagen mussten für die Lücken neu erstellt werden, vor allem für die Eröffnung des 3.Aktes und das Finale der Oper selbst. Salvis Lösungen waren in mancher Hinsicht einfallsreich und einfühlend, aber sie sind nicht defintiv. Battistelli/Parker glaubten, dass andere Alternativen möglich und eine moderne, eben den Bruch (sowohl den zeitlichen wie auch den musikalischen) deutlich machende vorzuziehen seien. Battistelli hat hier, sehr diskret, eine eigene Musik geschrieben, eine fast gläsern-flagiolette, unwirkliche Atmosphäre erzeugend, eben einen Einschnitt deutlich gemacht. Das mag man mögen oder nicht (ich nicht, ich hätte mir eine Salvi-nahe Lösung gewünscht und finde diese Battistelli-Musik eher das Werk gewaltsam in die Moderne reißend), aber auf der Bühne war das mehr als überzeugend, gespenstisch, stummmachend.

 Geerd Heinsen

(Der vorliegende Aufsatz von Alex Weatherson, Donizetti-Spezialist par excellence, sowie die Inhaltsangabe stammen, mit Kürzungen und Änderungen aus dem Programmheft zur Aufführung beim Radio-Festival von Montpellier 2007 – übernommen/deutsche Übersetzung Inkas Maas
im Booklet zum CD-Mitschnitt bei Accord 480 0845. Auch der renommierte Musikwissenschaftler Roger Parker überließ uns die Verwendung seines Textes aus dem Programmheft zur Aufführung in Antwerpen 2012 – beiden Autoren gilt mein besonderer Dank! Textredaktion/Übersetzung: G. H.)

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Aus den Archiven

 

Zwei Bühnenwerke von Rimsky-Korsakov in großartigen Interpretationen hat Melodiya aus dem Archiv hervorgezaubert. 1962 dirigierte Evgeny Svetlanovdas 1892 komponierte, mit farbenprächtiger, üppiger Musik nur so wuchernde Ballett-Oper Mlada. Langweilig wird es bei dieser opulenten, mit viel bunter Folklore und Tanz angereicherten gruseligen Liebesgeschichte nie, und das alles toll gesungen von einem ausnahmslos vorzüglichen Ensemble, vorneweg Vladimir Makhov als Jaromir mit einem Tenor voller Saft und Kraft und Tatiana Tugarova als Voyslawa mit einem zur Figur gut passenden Sopran von dramatischer Schärfe (Mel CD 10 01829, 3 CD). Genauso empfehlenswert ist die 1973 von Vladimir Fedoseyev leidenschaftlich geleitete Einspielung der 1880 uraufgeführten Mainacht. Und dann gibt es noch Konstantin Lisovsky, der mit einer Bombenstimme die Aufnahme krönt. Was für ein strahlender, absolut klangschöner, traumhaft höhenstarker Tenor! Einfach hinreißend (Mel CD 10 01840, 2 CD)!

Leichte Kost garantiert d’Alberts Abreise. Der kleine Einakter von 1898 handelt davon, wie ein langjähriges Ehepaar seine Gefühle für einander neu entdeckt. Jan Koetzier dirigiert die Aufnahme, die 1964 anlässlich des 100.Geburtstages des Komponisten beim Bayerischen Rundfunk entstand, so elegant wie spritzig. Mit Lotte Schädle, dem früh verstorbenen, wunderbar klarstimmigen Erwin Wohlfarthund Willy ferenzwirken bewährte Kräfte mit, die den Geist der deutschen Spieloper mit Charme und Natürlichkeit beschwören (Profil Hänssler, PH 12020).
debanfield1955 wurde in New Orleans Raffaello De Banfields Oper Lord Byron´s Love Letter, ein Psychogramm zweier in Erinnerung erstarrter Frauen, uraufgeführt. Es folgte drei Jahre später, mit Nicola Rescigno am Pult, eine Studioproduktion. Die Rolle der Alten gab keine Geringere als Astrid Varnay, die Jungfer war Gertrude Ribla, eine auf Platte kaum dokumentierte Sängerin. Beide machen durch ihren verzehrenden Gesang und die gestalterische Intensität großes Musiktheater aus dem postveristischen, in puccinesken Melodien schwelgenden Einakter. Ein Ereignis, auch weil Naxos mit der Veröffentlichung eine Rarität zugänglich gemacht hat
(Naxos, 8.111362).

Karin Coper 

Mercadantes Windmühlenflügel

 

Saverio Mercadante wird im Opernbetrieb gesellschaftsfähig. Jüngstes Beispiel der Einakter Don Chisciotte alla Nozze di Gamaccio, der die Camacho-Episode aus dem Don Quichotte Roman zum Inhalt hat. Er enthält acht umfangreich angelegte Musiknummern, die durch ihre originellen, rhythmisch mitreißenden Melodien und viel spanisches Kolorit packen. In Bad Wildbad wurde das melodramma giocoso, das Mercadante 1830 während seines Aufenthalts in Spanien und Portugal komponierte, 2007 konzertant aufgeführt und für Naxos live mitgeschnitten. Die damalige Bombenstimmung kommt auch vor dem Lautsprecher auf, denn musiziert wird glänzend und lebendig. Ugo Giagliardo ist ein stattlicher Don Chisciotte mit einem schwarzen Bass, Sancio Pansa bei Domenico Colaianni in den besten Händen – parlandoflink und mit komischer Präsenz singt er in bester Buffomanier. Hans Ever Mogollon und Riccardo Mirabelli demonstrieren mit ihren schlanken, beweglichen Tenören, dass in Südamerika kein Mangel an gutem Sänger-Nachwuchs herrscht. Virtuosität und gewandt in den Koloraturen zeigt sich auch Laura Catrini. Am Pult wirbelt und swingt Antonio Fogliani mit den Tschechischen Kammersolisten Brno durch die Partitur und sorgt dadurch für ein spritziges Belcantovergnügen.
Karin Coper

 

Saverio Mercandante: Don Chisciotte alla Nozze di Gamaccio mit /Don Chisciotte, Ugo Guagliardo, Domenico Colaianni /Sancho Pansa; Antonio Fogliano; Tschechisches Kammerorchester Brünn, 2CD Naxos 8.660312-13 

Iphigenie tanzt

 

Ein moderner mitteleuropäischer Hörer erwartet von einer Oper, die Iphigenie gewidmet ist, eine schwerblütige Tragödie. Der spanische Komponist José de Nebra (1702-1768) machte aus der Geschichte der Priesterin Iphigenia in Tracia, die in Tauris ihren eigenen Bruder Orestes opfern soll und ihn hingegen befreit, eine fetzige Zarzuela, deren Uraufführung im Januar 1747 in Madrid stattfand (es ist eine von nur drei überlieferten Opern dieses Komponisten). Nebra, der hauptberuflich Hoforganist in Madrid war, gehört mit Terradellas und anderen zu jenen italianisierenden Komponisten des spanischen Settecento, die erst in den letzten Jahren aus den dunkelsten Verließen der Musikgeschichte hervorgeholt wurden.Emilio Moreno und sein Concierto español gehören zu den besten Schatzgräbern Spaniens. In ihren Aufnahmen verbinden sie musikologische Akkuratesse, technisches Können und südländische Verve.

Auch in dieser Aufnahme verleiht Moreno der lebendigen, bisweilen regelrecht tanzenden Musik einem natürlichen Duktus, der puren Hörgenuß garantiert. Lediglich die nervenden Kastagnetten hätten ab und zu wieder beiseite gelegt werden können, aber insgesamt bieten Moreno und sein Ensemble höchstes instrumentales Niveau in den accompagnamenti und in den virtuosen Instrumentalsoli. Die Stimmen vermögen Stil und Esprit der Musik idiomatisch wiederzugeben, mehr aber auch nicht. Sowohl die erfahrene Marta Alamjano als auch die übrigen können die Brillanz der damaligen Sängerinnen nur im Ansatz wieder beleben, zumal sich ihre Stimmen viel zu wenig in Timbre und Stimmcharakter unterscheiden. Nicht ganz nachvollziehbar ist ferner die Entscheidung, alle Dialoge der Zarzuela zu streichen. Die Mischung aus Gesang und Sprechdialogen ist bekanntlich wie im deutschen Singspiel eine große Herausforderung für die Interpreten, die aber keine mutlose Zusammenstreichung der Werke rechtfertigt. Wäre eine dezente Reduzierung der ursprünglichen, wohl stundenlangen Dialoge auf CD-taugliches Format nicht besser gewesen? Trotzdem kann der moderne Hörer dank dieser beiden CDs ein kleines musikalisches Juwel in einer mitreißenden Aufführung kennenlernen.

M. C. F.

 

José de Nebra, Iphigenia en Tracia. mit Marta Almajano/Ifigenia, María Espada/Orestes, Raquel Andueza/Dircea/Michilla, Soledad Cardoso/Polidoro, Marta Infante/Cofieta; El Concierto español, Emilio Moreno, 2 CD Glossa GCD 920311

Strenges Glück

 

Es war wohl die Sorge um die Kunstgattung, die ihm am meisten am Herzen gelegen hat und in der er Unvergleichliches geleistet hat, die den greisen Dietrich Fischer-Dieskau ein Manuskript mit dem Titel Das deutsche Klavierlied zur Berlin University Press senden ließ. Das Buch ist chronologisch und nach einzelnen Komponisten, die sich besonders um das Lied verdient gemacht haben, gegliedert. Es beginnt mit Reichardt und Zelter, dazu Goethe, der einer der ersten Dichter war, die besonders sangbare Texte schrieben. Goethe wie Herder waren der Meinung, dass Gedichte erst durch ihre Vertonung ihre volle Wirkung entfalten könnten. Erst das teilweise Zurückdrängen von opera seria und opera buffa ließ das Lied Fuß fassen, so die Vertonungen von deutschen Texten durch Joseph Haydn, der sich darüber beklagte, dass die deutschen Schriftsteller nicht musikalisch genug dichteten. Natürlich stehen Schubert und Schumann im Mittelpunkt des Bandes, die Bedeutung des Liedes in ihrem Gesamtschaffen, ihre jeweilige Entwicklung, die unterschiedlichen Merkmale ihres Komponierens, die von ihnen eingesetzten musikalischen Mittel. Bei Schubert wird auf die „hellsichtige Naivität“ hingewiesen, bei Schumann auf die ständige Beschäftigung mit dem Tod. Carl Loewe erfährt eine teilweise Rehabilitierung, Brahms hat eine solche nicht nötig, auch wenn Klemperer einen reinen Brahms-Abend als „unnötig“ ansah. Mehr Dramatik als seine Vorgänger vertrage der Komponist durchaus. Manchmal schwingen, fast unmerkbar, Enttäuschung und eine gewisse Rechthaberei in einigen wenigen Passagen mit. Wenn heute die Gattung Lied nicht viel Neues, aber Bleibendes vorzuweisen hat, liegt das nach Fischer-Dieskau auch daran, dass es um die zeitgemäße Lyrik zumindest insofern schlecht bestellt ist, als sie kaum Sangbares, dafür viel Abstraktes vorweisen kann. Und Singen ist halt „nicht nur eine Sache des Kopfes“(ISBN 978-3-86280-021-6).

Ingo kern

Un baritano per caso

 

Wenige Schritte vom Teatro Filarmonico di Verona entfernt gibt es eine kleine Buchhandlung, in der das totale Chaos schon in den beiden Schaufenstern zu herrschen scheint, während sich drinnen Bücherstapel ohne ein ersichtliches Ordnungsprinzip bis zur Decke türmen. Eines der Fenster ist stets der Oper gewidmet, und man kann sicher sein, alles was es auf dem Gebiet an Neuerscheinungen gibt, hier zu finden. Verlangt man im Laden das gewünschte Buch, verschwindet eine Komponente des alten, dort waltenden Ehepaars für eine gewisse Zeit im Keller, um wenig später unfehlbar mit dem Werk zurückzukehren. Gibt der Kunde seine Liebe zur Oper im allgemeinen und zur Arena im besonderen zu erkennen, wird der Preis auch einmal herunter gesetzt. Seiner langen, über die 70 Jahre hinaus andauernden Karriere würdig erweist sich das attraktive Buch, das dem italienischen Bariton Leo Nucci gewidmet ist und das in dieser Saison im Zentrum der vetrina ausgestellt ist. Leo Nucci – baritono per caso nennt es sich, und wie so gern in Italien sind die Autoren gleichermaßen Musikologen wie Fans und Freunde des Dargestellten. Extravagant, wie ebenfalls in Italien gebräuchlich, ist der Umgang mit Namen, so dass der Leser einem Volfango Goethe, einer Grace Bambri und einem Dirigenten namens Sciolti begegnet. Eine CD gibt das Konzert aus Lodi aus dem Jahre 1995 mit Arien und Canzonen wieder. Nach der Lektüre des Buches, dem Betrachten der Fotos und dem Hören der CD wird man dem nächsten Auftritt des Sängers mit noch mehr Freude und Spannung entgegen sehen (ISBN 978 88 88252 48 3).

Lothar Herbst

„Le Vaisseau fantôme“ von Dietsch II

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Über die Hintergründe zur Oper von Pierre-Louis Dietschs Oper Le Vaisseau fantôme führten ist hier an derer Stelle bereits berichtet worden – die Herren Dratwicki und Roesler taten dies im Programmheft zur konzertanten deutschen Erstaufführung im Juni im Konzerthaus, und ihre Texte finden sich bei der Vergessenen Oper. Bereits im Vorfeld gab es zwei Aufführungen des Werkes in Versailles und Wien durch Marc Minkowski, der ebendort den Dietsch und die Urfassung des Fliegenden Holländers von 1841 auch für naive einspielte, konzertant mitgeschnitten.

Louis Dietsch – Stich von Vahjer/Gallica

Und nach dem packenden Abend in Berlin muss ich sagen, dass es ein Jammer ist, dass eben dieser Abend nicht für eine CD gewählt wurde – die Solisten in Berlin waren einfach alle besser und zufriedenstellender. Da beginnt mit Enrique Mazzolas  stürmischer,. werkgerechterer Leitung und vor allem mit dem wirklich fabelhaften Orchester der Deutschen Oper, eben ein hochrangiges Opernorchester und kein Mehrzweckkörper wie Minkowskis Musiciens du Louvre Grenoble, und auch der dortige Chor aus Lettland war dem schlagkräftigen, sonoren Chor der Deutschen Oper Berlin weit unterlegen. Mazzola holte einfach alles aus der Musik heraus, die dann plötzlich nicht epigonal und billig klang. Man hörte gewiss viel Donizetti (Lucie de lammermoor und andere Werke hatten gerade in Paris Karriere gemacht), man hörte auch Barockes von Lully, aber man hörte eben auch Verdi, man hörte Rigoletto, Traviata und ganz sicher vieles aus dem Umkreis, dazu Boieldieus Dame blanche merhfach – ein bunter Reigen von Bekanntem in einem Strauss des Eigenen. Namentlich auch die zahlreichen Chöre ließen auf Dietschs Kirchentätigkeit rückschließen.

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Zu Dietsch/“Vaisseau“/Laura Aiken/Machreich Artists Management

Die stimmliche Besetzung ließ keine Wünsche offen – so stringent hab ich außer beim Attila darauf selten eine Oper gehört. Vor allem die zentrale Partie der Minna (später Senta) war im Gegensatz zu Minkowski exakt mit einem durchsetzungsfreudigen und hellem Sopran besetz. Die originale Laure Cinti-Damore war ein solche heller Sopran gewesen und sang die Marguérite in den Huguenots, kein mulschiger, dunkler und sehr unidiomatischer wie der von Sally Mathews in Wien und Versailles und leider auf der CD. Laura Aikin machte als Minna (später Senta) ihre Sache toll, ich hätte nicht gedacht, dass sie soviel power aufbieten kann, um die wirklich höllische Soloszene und das Duett im 3. Akt zu meistern. Ich klatschte mir die Hände wund. Der junge Josef Wagner war als Troil (Holländer) ein absoluter Gewinn, wunderbares Material, gutes Technik und eine sonore, herrliche Stimme – das wird was. Yosep Kang überraschte mit hellen, fast heldischen Töne als Erik mit guter Stimmführung, Magnus, Scriften (eingeschobene Charaktere, die nicht bei Wagner vorkommen) waren mit Jean-Francois Borras und Seth Carico bestens vertreten.

Zu Dietsch/“Vaisseau“/Yosep Kang/DOB

Und über Papa Barlow (Daland) freute ich mich besonders, denn ich liebe den eleganten Nicholas Cavallier sehr und erinnere mich an viele Abende mit ihm in Frankreich – ein wirklich guter und zudem idiomatischer Sänger. Aber die anderen (einschlißlich des Chores) brauchten sich sprachlich nicht verstecken – die Diktion war wirklich impeccable. So also erlebte man einen fast rauschhaften Opernabend im Konzert, eine Fülle an musikalischen und musikhistorischen Informationen – das hört man nicht oft. Zum Wagner-Jahr hatte sich die Deutsche Oper (neben dem nicht ganz so urigen Ur-Holländer 1841) wirklich was gegönnt, bravo! Geerd Heinsen

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Foto oben: „Vaisseau fantôme“, par Charles Temple Dix (vers 1860)/ Wikipedia; eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Foronis „Cristina“

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2007 fand im schwedischen Vadstena, stets für Überraschungen gut, die Opernsensation für Belcantofreunde statt – Jacopo Foronis Schwedenepos Cristina Regina di Svezia. Hat irgendwer schon einmal den Namen des Komponisten gehört? Es gibt unter den Dokumenten eine Sinfonie und eine Ouvertüre von ihm, die unter Toscanini aufgeführt wurden und die seinen Namen in Italien lebendig gehalten haben, aber sonst? Die erste moderne Einspielung der Ouvertüre aus Schweden (Sterling) ist unter anderen Aufnahmen fast unkenntlich verpackt und bleibt unspektakulär. Aber ist es nicht ebenso erstaunlich wie beglückend, dass es immer wieder Opernausgrabungen gibt, die ein kleines Wunder zu Tage fördern? Nichts weniger ist diese Cristina von Foroni! Diese kraftvolle Oper geht in ihren Kunstgriffen, ihrer unglaublich dichten Orchestrierung und in ihrer Verwendung von zentraleuropäischen stilistischen Merkmalen weit über eine bloße Donizetti-Nachfolge hinaus und bietet Vor-Echos von Liszt, Berlioz und Wagner, während sich Verdi zur selben Zeit mit dem Stiffelio beschäftigte und seine Aida, sein Trovatore oder sein Otello noch im Nirwana schlummerten.

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Liine Carlsson als Königin Cristina/VOF

Liine Carlsson als Königin Cristina/VOF

Die Ausgrabung (und nun auch Studio-Einspielung nach einigen Durchläufen in Schweden) der Cristina ist deshalb so bedeutend, weil sie wieder einmal zwingend vor Augen führt, was 1850 in Europa neben Verdi im Musikalischen möglich war. Hier bot – wie seine Kollegen Apolloni, Ponchielli oder Gomes – wieder ein Komponist eine Alternative zum machtvollen Giganten, der uns quasi als einzig Bedeutender jener italienischen Epoche in Erinnerung zu sein scheint .Foronis Klangsprache (in seiner erst zweiten Oper!) erscheint von unglaublicher Dichte, von großer psychologischer Kraft, von meisterhafter Verwendung motivbetonter Thematik. Bereits die ausladende Ouvertüre präsentiert anschaulich die verschiedenen Motive, die dann als Handlungsmarkierungen später in den einzelnen Akten wieder auftauchen – die der Verschwörer, die der kontemplativen Momente ebenso wie die der wild auffahrenden Eifersucht Cristinas, die der liebevoll dahin fließenden Erinnerungen Gustavs, die des aufgeregten Hofes – jeder Handlungsstrang zeigt seine eigene Thematik.

Daniel Johansson als Gabriele/VOF

Daniel Johansson als Gabriele/VOF

Dazu kommen wirklich eindrucksvolle Orchesterfarben und -besetzungen – das Flirren der Flöten im Vorspiel zur Szene der Verschwörer, die dumpf-klagende Oboe und das Englischhorn beim Gewissenskonflikt der Königin, die schnell erregten pizzicati in der Liebesszene Gabriels und Marias. Die Partien selber sind sehr anspruchsvoll, namentlich die der Königin, die in den Anforderungen einer Norma oder Anna Bolena in nichts nachstehen, die aber auch ein kompaktes Orchester wie der Gioconda durchstehen muss. Interessant ist auch, dass Cristinas Nachfolger Gustavo ein Bariton ist. Der Tenor bleibt dem jungen, ungetreuen Gabriele als Liebhaber vorbehalten und erinnnert an Robert Devereux. Ganz sicher war Foroni Donizetti und Rossini verpflichtet – aber man hört eben auch das Kommende, etwa Liszts Heilige Elisabeth oder auch Berlioz, und klanglich ist Mendelssohn zu ahnen. 

Die Aufnahme bei Sterling (mit Aufsatz von Anders Wiklund und Libretto) folgt in der Besetzung im Wesentlichen der Aufführung in Vadstena – eine Veränderung betrifft den nun neu auftretenden Sänger hinter der Bühne ( à la Tell oder Beatrice di Tenda) beim Prodica- ähnlichen Landgang Gustavos. Gesungen wird bis auf eine Ausnahme ganz prächtig und bis auf die neue Sängerin der Nebenfigur Maria, Ann-Kristin Jones (ein Gewinn gegenüber der Vorgängerin), unverändert bewundernswert mit Kosma Ranuer/Oxenstierna, Iwar Bergkwist/Erik, Daniel Johansson/Gabriele (sogar besser hier), Fredrik Zetterström/Gustavo (dto.) und anderen mehr. Einzig die Titelsängerin Liine Carlsson zeigt, wie schnell eine Stimme unter Raubbau gerät, was ein Jammer ist. Das Göteborg Opera Ochestra und der fabelhafte Göteborg Opera Chorus haben vielleicht nicht die ganz so überspringende Begeisterung der jungen Leute von Vadstena, aber klingen unter Tobias Ringborg engagiert und klangschön. Ich habe mich lange nicht mehr so für eine Aufnahme und Oper begeistert – diese ist’s für die einsame Insel mit Elektroanschluss.

Und auch die Opernfestspiele von Wexford 2016 machten die Oper  – also gibt´s noch eine weitere Version. Felici noiGeerd Heinsen

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Jacopo Foroni: Cristina Regina di Svezia mit Liine Carlsson/Christina, Ann-Kristin Jones/Maria, Kosma Ranuer/Oxenstierna, Daniel Johansson/Gabriele, Fredrik Zetterström/Gustavo; Chor und Orchester der Oper Göteborg, Leitung – Tobias Ringborg 2 CD Sterling CDO 1091/92-2

 

Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Verdienstvoll, aber redundant

 

David Chandler hat zwei interessante Bücher über Alfredo Catalani herausgegeben – Alfredo Catalani: Composer of Lucca und The First Lives of Alfredo Catalani. Hauptsächlich dreht es sich um manchmal lange, aus dem Italienischen übersetzte Artikel von Catalanis Zeitgenossen, geschrieben aus Anlass seines Todes oder eines Gedenkens viele Jahre später. Wo nötig hat Chandler diese Artikel annotiert, weil die Autoren manchmal diskret blieben, denn viele Hauptdarsteller aus dem Leben Catalanis lebten noch dreißig oder vierzig Jahre später. Nach der Lektüre dieser zwei Bücher erhält man ein neues und vollständigeres Bild des Komponisten. Verdi war am Anfang sein größter Feind. Für den Wagnerbewunderer Catalani ist er nur ein zweitrangiger Komponist, der vor allem viel der Politik zu verdanken hatte. Viele italienische Kritiker und Musiker stuften bis in die zwanziger Jahre Catalani höher als Puccini ein. Es ist kein Zufall, dass Toscanini die Namen seiner Kinder (Wally und Walter) in den Opern Catalanis gefunden hat. Man nahm manchmal Giulio Ricordi übel, dass er Catalani fallen ließ und Puccini bervorzugte, aber die Geschichte hat nun mal bewiesen, dass der jüngere Lucchese ein viel größerer Musiker war. Auffällig ist die Tatsache, dass manche jetzt obskure Titel am Anfang viel bekannter waren und mehr gespielt wurden als La Wally. Fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tode erzählt ein Bekannter des Komponisten detailliert von den traurigen letzten Monaten seines Lebens. Chandler publiziert schon eine vollständige Diskografie (dank Bongiovanni sind auch weniger bekannte Stücke aufgenommen) im ersten Buch und lässt einen Kenner im zweiten Teil die historische Bedeutung der Arien besprechen. Und doch bleibt der Leser unbefriedigt. Zu viele der originellen Texte überlappen sich, auch wenn die Details unterschiedlich sind. Der erste Teil enthält eigentlich drei Biographien. Der zweite Teil ebenso, aber mit interessanten Neuigkeiten. Nach 332 Seiten fragt sich der Leser, warum Chandler, wenn er schon über alle diese Texte verfügt, sich nicht bemüht hat, eine eigene vollständige Biographie zu schreiben, so dass diese vielen Wiederholungen hätten vermieden werden können (Durrant Publishing ISBN 978-1-905946-09-9 und 978-1-905946-26-6).

Jan Neckers 

„Les Grecs ont disparu…“

 

Die meisten Opernhörer denken beim Stichwort „Griechische Sänger“ an Namen wie Maria Callas,  Agnes Baltsa, Elena Souliotis, Kostas Paskalis oder Zachos Terzakis. Das Hamburger Archiv für Gesangskunst hat bei seiner Serie aber viel tiefer in die Historienkiste einer privaten Athener Sammlung gegriffen. Es werden rare Aufnahmen (überwiegend aus den zwanziger und dreißiger Jahren) von Sängerinnen und Sängern präsentiert, die weitgehend schon längst in Vergessenheit geraten oder im Westen unbekannt sind (daher das Zitat in der Überschrift…). Vor allem seltene Aufnahmen von Tenören finden sich in der Sammlung. Zudem ist diese Kollektion auch in vieler Hinsicht mit Maria Callas verbunden, denn viele dieser Sänger haben wie die Callas selbst in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Athen gesungen, häufig auch neben und mit ihr.

 

Unbenannt-Scannen-08So kann man Costa Milona (1889-1949), der es in Deutschland in den zwanziger Jahren zu einiger Popularität brachte, auf zwei CDs (hafg 10374, 10406) erleben. Eine eigentliche Bühnenkarriere hat er nicht gemacht, aber in Berlin lebend, hat er zahlreiche Schallplatten eingespielt und Rundfunkkonzerte (auch in Holland) gegeben. Seine Stimme ist irgendwie in der Nähe von Ferruccio Tagliavini anzusiedeln, ohne jedoch dessen Süße und Eleganz zu erreichen. Man gab ihm den Beinamen „Pocket Caruso“ – ein Vergleich, der aber hinkt, weil Carusos Stimme viel dunkler und schwerer war. Die Aufnahmen auf der ersten CD mit vorwiegend italienischen Arien entstanden zwischen 1922 und 1925. Dabei klingen manche Arien wie „De miei bollenti spiriti“ oder „Recondita armonia“ arg gedehnt. Auch als Canio ist er nicht unbedingt überzeugend. In Les Pêcheurs de Perles oder in Jocelyn hingegen ist er ganz in seinem Element. Arien dieser Art gestaltet er mit wunderbarer Leichtigkeit und lyrischem Zauberton. Bei dem neapolitanischen Lied „Pecche“ kommt auch endlich mal Leidenschaft ins Spiel. Die Aufnahmen der zweiten CD (1924-1930) vermitteln auch einen gemischten Eindruck. Für den Otello fehlt es an Durchschlagskraft, „Celeste Aida“ erklingt sehr schleppend. Und bei „Di tu se fedele“ (Ballo), das ihm stimmlich eigentlich gut liegt, fehlt es etwas an Eleganz. Als Turiddu nimmt er „O lala“ sehr schwärmerisch und überzeugend. Und auch der Werther ist eine Partie, die ihm sehr entgegenkommt.

 

Antonis Delendas/OBA

Antonis Delendas/OBA

Eine weitere CD (hafg 10522) teilt sich Milona mit dem Tenor Antonis Delendas. Die Stimme von Milona wird hier (mit Arien von Gounod, Massenet, Mascagni und anderen) dramatischer geführt und scheint mehr Kern zu haben. Und die italienischen Canzonen singt er mit viel Gefühl. Dafür sind die alle 1934 entstandenen Aufnahmen von Antonis Delendas (1902-1966) mit Arien von Massenet, Mascagni, Leoncavallo und Puccini eher unattraktiv. Und nicht nur, weil sie von störendem Rumpeln „untermalt“ werden: Die Stimme klingt arg verfärbt und bei „Tiritomba“, man muss es so sagen, sogar unangenehm quäkig. Dabei hatte Delendas eine respektable Karriere in Deutschland, die ihn nach Kiel, Hamburg und Berlin führte. Und er war als Cavaradossi an der Seite von Maria Callas bei ihrer ersten Tosca.

 

Unbenannt-Scannen-06Eine weitere CD (hafg 10523) vereinigt ebenfalls zwei Tenöre. Lyssandros Ioannides (1900-1970) hatte eine ansehnliche Karriere in Deutschland und der Schweiz, die ihn an die Opernhäuser von Düsseldorf, Dortmund, Hamburg, Berlin und Zürich führte. Bohème, Tosca, Traviata und Ballo gehörten u.a. zu seinem Repertoire. In einer Aufführung vom  Land des Lächelns sang er sogar unter der Stabführung von Franz Lehár persönlich. Die hier versammelten Aufnahmen aus dem Jahtr 1935 zeigen eine Stimme mit männlichem Kern und feiner Pianotechnik, etwa in „E lucevan le stelle“. Dazu gibt es einen sehr elegant gesungenen Rigoletto-Duca und die mit Charme servierten Schlager „Ramona“ und „Ich küsse Ihre Hand, Madame“.

"Grüß´mir die Frau´n"/Stellakis bei Telefunken/OBA

„Grüß´mir mein Wien“/Stellakis bei Telefunken/OBA

Der zweite Tenor ist Constantin Stellakis (1901-1980), der in Berlin für Telefunken in den Jahren 1932 und 1933 einige Aufnahmen einspielte, darunter (in deutscher Sprache) einige Kurzquerschnitte durch Cavalleria rusticana, Les contes d’ Hoffmann und Die Geisha. Seine Partner waren dabei u.a. Anni Konetzni, Gerhard Hüsch und Hildegard Ranczak. Seine kraftvolle Stimme klingt in diesen Aufnahmen etwas grell und erinnert entfernt an die von Jan Kiepura. Bei den bis 1940 entstandenen Aufnahmen mit Liedern von Tosti und anderen klingt die Stimme sehr angenehm und wird mit weniger Druck geführt.

 

Unbenannt-Scannen-11Uneingeschränkte Freude bereiten die zwischen 1947 und 1955 entstandenen Aufnahmen (hafg 10409) mit Tano Ferentino (1919-1993). Dem in  Wales geborenen und in Athen verstorbenen Tenor war zwar keine internationale Bühnenkarriere beschieden, obwohl Tullio Serafin ihn 1951 an das Teatro Colón holte, wo er in Don Pasquale und im Verdi-Requiem sang. Aber er bekam einen Schallplattenvertrag bei EMI/Columbia, dank dessen seine feine, lyrische Stimme erhalten geblieben ist. Der wurde zwar 1956 nicht verlängert, obwohl Ferentino erst 37 Jahre alt war und im Zenit seines Könnens stand. Auch Covent Garden, Sadler’s Wells und die BBC zeigten kein Interesse an dem Sänger. Dafür sang er bis Anfang der sechziger Jahre an den Welsh National Opera noch Partien wie Pinkerton, Turiddu, Alfredo, Duca, Faust oder Almaviva.

Tano Ferentino/OBA

Tano Ferentino/OBA

Seine auf der CD versammelten Aufnahmen, bei der es auch am selben Tag aufgenommene Alternativversionen der gleichen Arie gibt, zeigen einen lyrischen Sänger mit hellem Timbre, guter Technik und geschmackvollem Gestaltungsvermögen. Nicht ohne Grund schrieb der bei einer Aufnahmesitzung anwesende und beeindruckte Beniamino Gigli „Für meinen Nachfolger“ als Widmung auf ein Foto. „Una furtiva lagrima“ oder „En fermant les yeux“ (Manon) sind jedenfalls exquisit. Auch Les Pêcheurs de Perles  gehört zu den Höhepunkten. Mit dem aparten Lied „Marie“ ist eine Eigenkomposition von Tano Ferentino zu hören.

 

Epitropakis beim einer HMV-Aufnahmesitzung/hafg

Epitropakis bei einer HMV-Aufnahmesitzung/hafg

Gleich CDs (hafg 10507, 10508, 10509) sind dem Tenor Petros Epitropakis (1894-1977) gewidmet. Er war der führende griechische Tenor zwischen den Weltkriegen und sang vorwiegend in Griechenland, wiederholt unter Mitropoulos. Partner waren Elvira de Hidalgo, Riccardo Stracciari, Nicola Moscona oder Elena Nicolaidi. Eine Einladung an die Metropolitan Opera als Cassio und Beppe hat er ausgeschlagen. In seinen späten Karrierejahren (bis 1959) sang er auch Operette – allein als Danilo stand er mehrere hundert Male auf der Bühne. Zu seinen bevorzugten Partien gehörten Almaviva, Duca, Alfredo und Edgardo. Epitropakis soll über 500 Einspielungen gemacht haben. Hier werden (überwiegend in griechischer Sprache gesungene) Aufnahmen aus der Dekade von 1926 bis 1936 präsentiert.

epitrtopaskisAuf der ersten CD finden sich Arien aus Lucia di Lammermoor, Rigoletto, Barbiere und Tosca sowie Canzonen von Bixio, Tosselli, Leoncavallo und anderen. Man hört eine höhensichere Tenorstimme, die er bei „E lucevan le stelle“ mit viel Gefühl und schönen decrescendi einsetzt. Manche Interpretation gerät etwas zu weinerlich, aber einen Schlager wie „Mein Herz ruft immer nur nach dir, Marita“ (von Robert Stolz) serviert er mit verführerischer Süße und viel mezza voce. Und ein so fröhliches, leichtes „Tiritomba“ hat man selten gehört! Auf den beiden anderen CDs sind ausschließlich Ausschnitte aus griechischen Operetten und populäre griechische Lieder zu hören. Die meisten davon sind sehr getragen und im Einzelfall auch reizvoll. Aber in ihrer Gesamtheit bleibt auch der Eindruck von Einförmigkeit hängen. Gleichwohl – eine bedeutender griechischer Sänger, dessen Stimme mit Gewinn zu hören ist.

 

angelopoulouDer Bariton Yiannis Angelopoulos (1881-1943; Kutsch-Riemens nennt 1890 als Geburtsdatum) ist in der Serie griechischer Sänger mit Arien von Verdi, Leoncavallo, Donizetti, Gounod sowie Liedern griechischer Komponisten vertreten (hafg 10488). Er war führender Bariton an der damals Königlichen Oper Athen, gastierte aber auch in Italien (u.a. Florenz, Palermo und Rom) sowie in Bukarest und Odessa. 1910 sang er seinen ersten Rigoletto, der seine berühmteste Partie werden sollte und die er auch an der Seite von Toti dal Monte sang. Während des Krieges weigerte er sich, vor deutschen und italienischen Soldaten zu singen und kehrte nach Griechenland zurück. Den zwischen 1930 und 1933 entstandenen Aufnahmen nach zu urteilen, war er eher ein lyrischer Kavaliersbariton, dem es für eine echte Verdi-Stimme an Kern und dunkler Farbe etwas mangelt. Der weiche Klang seiner Stimme kommt besonders bei „Di provenza“ zur Entfaltung; auch „Eri tu“ wird ausdrucksvoll gestaltet. Beim Pagliacci-Prolog wünscht man sich etwas fülligeres Volumen. In Donizettis Favorita nimmt er sich zu sehr zurück, die Arien werden zu sehr „gesäuselt“. Vom Repertoire sehr interessant sind die griechischen Lieder, teilweise mit Mandolinenbegleitung. Trotz der Einschränkungen – mit Angelopoulos lernt man eine kultiviert geführte Stimme kennen. Zumal der Sammler sich auch freut, aus Carrers Oper Marcos Botsaris hier eine der selten anzutreffenden Arien zu hören.

 

nicolaidi hfg cverDer Mezzosopranistin Elena Nikolaidi (1909-2022) hingegen war eine wirklich große, internationale Karriere vergönnt.  Amneris, Eboli und Klytämnestra waren die Partien, mit denen sie weltweit Erfolge feierte: Von 1937 bis 1948 an der Wiener Staatsoper, von 1950 bis 1956 an der Metropolitan Opera. Gastspiele führten sie nach Chicago und San Francisco sowie an das Opernhaus  Covent Garden und an die Mailänder Scala. Die ihr gewidmete CD mit Aufnahmen von 1951 (hafg 10169) zeigt sie vor allem als Liedsängerin mit Werken von Mozart, Haydn, Schumann, Brahms, Schubert und Beethoven, darunter der Zyklus „An die ferne Geliebte“. Am Klavier begleitet wird sie von Jan Behr, der von 1962 bis 1977 als Dirigent an der Metropolitan Opera wirkte. Auch wenn es für Nikolaidi ein eher untypisches Programm ist, kommt die ausdrucksvolle, „pupurrot“ gefärbte Stimme bestens zum Ausdruck. Eine satte, sinnliche Stimme, die dann in den (leider wenigen) Opernausschnitten unter Fausto Cleva erst richtig loslegt: Das fulminate „O don fatale“, gefolgt von „Una macchia e qui tuttora“ aus Verdis Macbeth zeigen die ganze Ausdruckskraft der Nikolaidi. Und dass sie ihre Riesenstimme auch zu feinen Koloraturen zähmen konnte, beweist die Aufnahme von „Bel raggio lusinghier“ aus der Semiramide.

 

flerySehr lohnend sind die Aufnahmen (hafg 10375) von Mireille Flery (1907-1999), der eine über drei Jahrzehnte andauernde Karriere beschieden war. Ihr Debüt hatte sie, noch als Studentin, als Mimì. Tosca, Butterfly, Rosina, Gilda, Violetta, Nedda und Santuzza waren ihre Rollen und zeigten ein breites Spektrum. Sie sang viel an kleineren Häusern in Italien, war aber in der Titelpartie von Catalanis Loreley auch an der Seite von Beniamino Gigli zu hören. Während des Krieges kehrte sie nach Griechenland zurück. Zwischen 1948 und 1953 sang sie wieder in Italien und in Paris, jetzt aber nur in Oratorien und in Beethovens 9. Symphonie. Gavazzeni, Schuricht, Furtwängler, Krips und Scherchen waren ihre Dirigenten. Die hier präsentierten Aufnahmen entstanden zwischen 1952 und 1957 und stammen aus Rundfunkübertragungen. Sie zeigen einen leicht ansprechenden Sopran mit sicherer Höhe und ausdrucksvollem Charme. Bei den Ausschnitten aus Wagner-Opern klingt die Stimme sehr hell, aber etwa in „Einsam in trüben Tagen“ (griechisch gesungen!) hat sie auch dunklere Farben zur Verfügung. Sehr eindruckvoll und mit verinnerlichtem Ausdruck gelingen ihr das „Lied von der Weide“ und das „Ave Maria“ aus Otello. Einen breiten Raum auf der CD nehmen die Lieder von Gabriel Fauré ein, die sie auch als kompetente Liedgestalterin ausweisen.

 

Unbenannt-Scannen-10Auf einer weiteren CD (hafg 10407) werden die Sopranistin Maria Kerestetzi (1929-2002) und der Bassist Nicola Moscona (1907-1975) gekoppelt. Auch  Kerestetzi (die man auch als Elettra aus dem Athener Idomeneo-Mitschnitt mit Steber und Paskalis unter Jonel Perlea kennt) sang vorwiegend in Griechenland, war aber von 1955 bis 1958 an der Mailänder Scala engagiert, wo sie u.a. die Pamina war. Gastspiele mit dem Ensemble der Scala führten sie nach Hamburg und London. Ihr Repertoire umfasste vor allem viel Verdi, daneben Verismo (Andrea Chénier, Cavalleria rusticana, Tosca), aber auch russische Oper und sogar die Elsa im Lohengrin. In den Aufnahmen (zwischen 1955 und 1960) zeigt sie sich als leidenschaftliche Gioconda, als emotionale Ballo-Amelia (mit Kostas Paskalis) und als zarte Desdemona. Besonders hervorzuheben ist das Duett aus Verdis La Forza del Destino mit  Nicola Moscona. Diesen braucht man nicht vorzustellen (er war es auch, der die Callas an die Arena di Verona für deren erste Gioconda empfahl – man kannte sich aus Athen/ G. H.). Er war von 1937 bis 1961 einer der führenden Bässe der Metropolitan Opera und hat dort über 700 Vorstellungen gesungen. Für RCA hat er zahlreiche Einspielungen gemacht, oft unter Toscanini. Gastspiele führten ihn nach Chicago, an die Scala, nach Rom und an die Wiener Staatsoper. Mit den Arien aus Sonnambula, Don Giovanni und Simon Boccanegra (aus den fünfziger Jahren), in denen er die ganze Pracht und Fülle seines Basses verströmt, bestätigt er seinen Rang. Besondere Aufmerksamkeit gebührt einer Arie aus der selten gespielten Oper Salvator Rosa von Carlos Gomez.

 

hidalgoElvira de Hidalgo (1892-1980) fällt innerhalb dieser Serie etwas aus dem Rahmen, denn sie war eine spanische Sopranistin, die allerdings nach ihrer internationalen Karriere  im Belcanto-Repertoire an großen Häusern (Metropolitan, Scala, Paris, London, Buenos Aires) in Griechenland lebte und von 1934 bis 1947 am Athener Konservatorium unterrichtete. Ihr Name ist eng mit dem von Maria Callas verbunden, die ihre Schülerin war. In den Aufnahmen aus dem Jahr 1934 (hafg 10377) finden sich keine Opern, nur Unterhaltungslieder wie „La Paloma“ oder „O sole mio“ (Stücke, die auch die junge Callas in dieser Zeit in Athen vor italienischen Soldaten sang). Auch eine Komposition ihres Tenorkollegen Petros Epitropakis ist darunter. Die Aufnahmen zeigen zwar einen beweglichen, dabei etwas piepsigen Koloratursopran (Erna Sack nicht unähnlich), sind aber kein Beleg dafür, warum de Hidalgo es zu internationaler Berühmtheit brachte. Vieles wirkt einfach so dahingeträllert und ermüdet das Ohr auf Dauer. Als historisches Dokument sind die Aufnahmen dennoch von Wert.

Maria Callas und Elvira de Hidalgo, Schülerin und Lehrerin Athen 1957/Petsalis Diomidis

Maria Callas und Elvira de Hidalgo, Schülerin und Lehrerin Athen 1957/Petsalis Diomidis

Ebenfalls auf der Hidalgo-CD finden sich vier Duett-Aufnahmen von den Geschwistern Thaleia Mytaraki-Sabanieeva (1895-1965, auch als Thalia Sabanieva bekannt) und Anna Mytaraki-Kryona. Thaleia hatte eine lange Karriere von 1923 bis 1935 an der Metropolitan Opera und sang dort über hundert Vorstellungen mit Partnern wie Gigli und Martinelli (Butterfly, Mimì, Antonia, Ännchen und vieles mehr). Hier ist sie mit Aufnahmen aus dem Jahr 1929 zu hören, darunter zwei Ausschnitte aus Pique Dame: Zwei lyrische Stimmen, die in schönster Harmonie anmutig verschmelzen.

 

Unbenannt-Scannen-09Unter dem Titel „The Vlachopoulos Family“ (hafg 10408) finden sich Aufnahmen aus dem Zeitraum von 1919 bis 1958. Sie stammen von dem Bassisten Michalis Vlachopoulos (1873-1956), seiner Ehefrau Eleni Vlachopoulou (1884-1933) und deren Tochter Zoe Vlachopoulou (1914-2004). Die Karriere von Michalis Vlachopoulos blieb auf Griechenland beschränkt, von Auftritten in Bukarest und Odessa abgesehen. Bei der ersten Holländer-Aufführung einer griechischen Opern-Company sang er den Daland. Einer internationalen Karriere verweigerte er sich aber, da er sich zu eng in seiner Heimat verwurzelt fühlte. Dabei hätte er durchaus das Zeug dazu gehabt, wie das sehr suggestiv dargestellte Ständchen aus Gounods Faust und die imposante „Infelice“-Arie aus Ernani belegen. Seine Frau Eleni ist nur mit zwei griechischen Liedern vertreten, die sie mit leicht ansprechendem Sopran serviert. Dabei hat sie (auch in Italien) als Norma und Forza-Leonora Erfolg gehabt. Tosca, Aida, Santuzza und Gioconda waren neben anderen ihre Hauptpartien.

"Fidelio", Athen 1957: Martha Mödl und der Dirigent Horenstein in der Mitte umrahmt von Deszö Ernster, Zoe Vlachopoulos und Aristo Padazinakos/Archipel

„Fidelio“, Athen 1957: Martha Mödl und der Dirigent Horenstein in der Mitte umrahmt von Deszö Ernster, Zoe Vlachopoulos und Aristo Padazinakos/Archipel

Ergiebiger ist die Auswahl bei Zoe Vlachopoulou. Sie war Schülerin von Elvira de Hidalgo. In den Kriegsjahren 1941/42 während der deutschen Besetzung hat sie viel Operette gesungen.  Ihre ersten Auftritte außerhalb Griechenlands hatte sie in Ankara und dem damaligen Konstantinopel.  In Glyndebourne sang sie neben Kathleen Ferrier den Amor in Glucks Orfeo (was auch bei Decca herausgekommen ist). Eine Einladung von Rudolf Bing an die Metropolitan Opera als Mimi nahm sie nicht an. Internationale Auftritte hatte sie später in Moskau, Zagreb und Belgrad. Die Aufnahmen zeigen eine eher leichte, lyrische Stimme, mit der sie bei Massenets Manon und Donizettis Don Pasquale bestens aufgehoben ist, mit der sie aber dank ihrer emotionalen Kraft auch eine Butterfly bewegend gestaltet. Der zweite Akt findet sich hier, leicht gekürzt, in einer Live-Aufnahme von 1957. Besondere Höhepunkte sind die Duette aus Mefistofele und La Traviata mit dem ausgezeichneten Tano Ferentino

Diese Serie des Hamburger Archivs für Gesangskunst mit griechischen Sängern dürfte nicht nur für Spezialisten interessant sein. Abgesehen davon, dass sie viele musikalische Schätze zugänglich macht, beleuchtet sie die griechische Opernszene in bisher so nicht gekannter Vielfalt. Die Textbeilagen zu den CDs sind in englischer Sprache. Der Klang entspricht der jeweiligen Aufnahmezeit, ist aber meist zufriedenstellend restauriert. Wolfgang Denker

 

Piero de Palma

piero de palma

 

Piero de Palma (Molfetta1925 – Mailand5. April 2013):  Kaum ein anderer italienischer Sänger hat so vieleOpern-Aufnahmen gemacht wie er. Er war einer der gesuchtesten Comprimari seiner Zeit. Nach Chor – und Konzerttätigkeit begann seine Opernlaufbahn relativ spät im Leben. 1948 sang er erstmals beim italienischen Rundfunks ( RAI ), und im Jahr 1952 gab er sein Debüt an der Oper von San Carlo in Neapel , wo er regelmäßig bis 1980 auftrat. Im selben Jahr gab er auch sein Debüt an der Oper in Rom und beim Maggio Musicale Fiorentino , danach im Jahr 1958 erstmals an der Scala  Mailand. Im Jahr 1992 gab er sein Debüt an der Metropolitan Opera in New York als Dr. Cajus in Verdis Falstaff .

Charakterrollen waren seine Spezialität, und er war einer der besten und bekanntesten Comprimari nach dem Krieg. Er verfügte zudem über eine schöntimbrierte, helle Stimme und große schauspielerische Darstellung. Im Laufe seiner Karriere sang er über 200 Rollen, darunter Dr. Cajus und Pong in Puccinis Turandot, für die er besonders bekannt wurde. Andere unvergesslichen Rollen waren Basilio (Il barbiere di Siviglia), Normanno (Lucia di Lammermoor), Malcolm (Macbeth), Borsa (Rigoletto), Gastone (La traviata), Cassio (Otello), Spoletta (Tosca), Edmondo (Manon Lescaut) , Goro (Madama Butterfly) und Spalanzani (Les contes d’Hoffmann). Zwischen 1950 und 1980 hat er mehr als 130 Rollen in seinem Repertoire, und er ist auf wirklich vielen Plattenaufnahmen verewigt. (Wiki)

Ernest Reyers „Salammbô“

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Vor vielen, vielen Jahre kaufte ich auf den Puce von Monte-Carlo (stets am ersten Sonntag des Monats) eine Rarität für Sammler: die Ausgabe des Petit Journal/ Supplement illustré vom 13. August 1892, auf dessen Cover die große Sopranistin Lucienne Bréval im Kostüm der Salammbô Ernest Reyers prangte, mit koloriertem, phantastischem Kopfputz, perlenbehangen, die Hände vor der Brust verschränkt. Sie ziert seitdem meine Küche.

Salammbô? Salammbô! Ein mythischer Titel des Romans von Gustave Flaubert, den ich bereits seit Jahrzehnten auf meiner Liste der must-reads hatte und nun am selben Vormittag beim nächsten Bouquinisten in einer hübschen historischen Taschenausgabe gleich mit erstand und schon auf der Rückreise nach Berlin anlas. Was für eine Story! Der ungestüme Kriegsheld Matho und die schöne Priesterin Karthagos in einer wilden Hass-Liebe-Verstrickung, das Ganze hoch-erotisch und in meinem Kopf mit dahingleitenden orientalisierten Melismen. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Der Plot wurmte sich in mein Gehirn. Lange Jahre.

Reyers „Salammbô“: Lucienne Bréval, hier im Kostüm der Salammbô, war die erste Titelsängerin/ BNF/ Académie Nationale de Musique. Salammbo…musique de M. E. Reyer

Der Komponist war mir bekannt. Ernest Reyer, dessen Sigurd  vom ORTF aus den Siebzigern ich kurz auf alten CDs (Chant du Monde) erstanden und akustisch verzehrt hatte. Und für eine Besetzung (Chauvet, Esposito, Guiot und Massard unter Rosenthal)! Später dann zwei Aufführungen in Montpellier und Marseille, sogar vor nicht allzu langer Zeit in Erfurt (und dazu gab´s einen langen Artikel zum Sigurd bei uns in operalounge.de)! Aber Salamambô ….

Ernest Rey (1823-1909), der zu seiner Zeit und bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts unter dem Namen Reyer auch als angeblicher Wagner-Exeget sehr berühmt war, von dem der Opernplatz in Marseille seinen Namen hat, wo der hundertste Jahrestag seines Todes 2008 vorweggenommen wurde. Aber Salammbô (1890)  hatte seit mehr als 60 Jahren (letztmalig in Marseille 1938) die Bühnen der übrigen Welt verlassen.

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In Marseille steht im Park oberhalb des Wasserfalls das Denkmal Ernest Reyers/Winter

Salammbô ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ein paar Auszüge gab´s historisch, aber einmal in meinem Leben das Werk sehen und erleben? Dann kam Marseille 2008. In der schönen, müden Stadt, die wie eine welke Courtisane am Mittelmeer ausruht und auf das legendäre Chateau d`Yf (Der Graf von Monte-Christo!) und die hinreißend kitschige, goldstrotzende Notre Dâme de la Garde blickt, die für die Seeleute gut sichtbar über dem Hafen tront. Dort, im aufregenden Art-Décò-Opernhaus mit den durchgesessenen roten Plüsch-Fauteuilles und dem Charme einer vergangenen, ungemein eleganten Epoche s gab es nun endlich die Salammbô Ernest Reyers. Zugegeben in einer gewöhnungsbedürftigen Sparinszenierung der angestrengten Moderne. Lawrence Foster sorgte für einigen Glanz und Üppigkeit im Graben, und an der Besetzung war – bis auf den trockenen Mecker-Tenor – nichts auszusetzen. Eine Radioaufnahme bestätigt im Nachhinein den Eindruck des Abends mit seinen vielen und zum Teil schmerzhaften Strichen. Leider kam es nicht zu einer offiziellen CD-Übernahme, ein absoluter Verlust. Aber unsere gallischen Nachbarn hatten immer schon ein gespaltenes Verhältnis zu ihren eigenen Opern…

Der Kollege und renommierte Musikjournalist Frieder Reininghaus war so liebenswürdig, uns seinen hochinformativen Artikel zur Marseiller-Aufführung 2008 zu überlassen, die er für den Deutschlandfunk besprach (und in der wir die Tempi als zeitgenössisches Dokument belassen haben). Danke! Und danach gibt einen Artikel zum Werk und Komponisten der amerikanischen Musikwissenschaftler Nick Fuller und Noemi Karacsony, die Daniel Hauser mal wieder aus dem Englischen für uns übersetzt hat. Dank an alle drei.

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Reyers „Salammbô“ in Marseille 2008/ ONM

Wüstensand in Marseille: 1862 resümierte Gustave Flaubert mit Salammbô seine nordafrikanischen Reise-Erfahrungen, setzte in emphati­scher Sprache der karthagi­schen Fürstentochter ein Denk­mal – in erotisch lockenden und blutig dro­henden Tableaus eines farbenfrohen Kunstori­ents. 1998 brachte Philippe Fénelon (nach Mussorsgky) in Paris an der Opéra Bastille eine Oper nach Flauberts großem Roman heraus. Er war nicht der erste, den dieser Text faszinierte. Ernest Reyer, der als junger Mann nach einigen Dienstjahren in einer algerischen Regierungsbehörde bereits 1850 die Symphonie orientale Le sélam komponiert hatte, präsentierte 1890 am Théatre Royal de la Monnaie in Brüssel eine erste Salammbô -Vertonung. Die kehrt nun am Heimatort des Komponisten wieder – er wurde 1823 in Marseille als Louis Etienne Ernest Rey geboren (und starb 1909 in Le Lavandou bei Toulon).

Von Marseille aus betrachtet liegt Karthago gar nicht so weit entfernt. Man muss nur an Korsika und Sardinien vorbeisegeln, um dort an die Gegenküste zu gelangen, wo heute Tunis liegt. Dass das Kulturleben Marseilles sich in den kommenden Jahren verstärkt um die Fragen des Mittelmeerraums kümmern soll, wird durch die Wahl zur Kulturhauptstadt 2013 unterstrichen. Bereits jetzt wurde auf die große Aufgabe eingestimmt. Die Opéra de Marseille erinnerte an den bevorstehenden 100. Todestag des in der Stadt geborenen Komponisten Ernest Reyer mit dessen bedeutendste musikdramatische Arbeit: Salammbô.

Reyers „Salammbô“ 2008 in Marseille/S Szene/ OM

Den Opernfreunden ist das in grauen Vorzeiten vermutlich von vorderasiatischen Kolonisatoren gegründete Karthago durch Henry Purcells Dido and Aeneas wie durch die Trojaner von Hector Berlioz ein fester Begriff. Es könnte nun Salammbô hinzukommen – eine exotistische Oper mit einem fast klassizistischen, von dramatischen Chorpartien belebten und von hervorragend virtuosen Gesangspartien gekrönten Tonsatz. Bemerkenswert an Reyers Musik ist, dass sie in keiner Weise auf den bei seinen Zeitgenossen in Italien und auch bei seinem französischen Kollegen Jules Massenet unüberhörbaren Wagnerismus reflektierte, sondern eher noch einmal an Mendelssohns Oratorien anknüpfte. In einem solchen dezidiert traditionell mitteleuropäisch fundierten Zugriff auf eine maghrebinische Thematik lag ein klares Bekenntnis. Die Kompositionsmethode hat jedenfalls den Vorteil, dass sie alles schwüle Gedünst vermeidet und für klar mediterrane Lichtverhältnisse sorgt (da widerspreche ich meinem Kollegen und verweise auf die für mich unüberhörbare exotisch-erotische musikalische Komponente in der Oper/ G. H.).

Reyers „Salammbô“: Szenenbild zur Erstaufführung 1892 in Paris/ BNF Gallica

Das Libretto zur Oper Salammbô basiert auf dem Roman von Gustave Flaubert. Nach den Missverständnissen und der Empörung, die dessen Madame Bovary 1857 ausgelöst hatte, wollte Flaubert seine orien­talischen Reiseeindrücke auf eine Weise verarbeiten, welche die ihn umgebende bourgeoise Krämer- und Stutzersphäre in Paris indi­rekt aufs Korn nahm. Flaubert entwarf mit glühenden Worten Bilder von den Begier­den und Leiden eines bunten mediterranen Völkergemischs in der Zeit der Punischen Kriege. Aus ihnen ragen der Söldner und Kriegsheld Mâthò hervor sowie (selbstverständlich!) die Tanit-Priesterin Salammbô, die Tochter des regierenden Fürsten Hamilkar. Die schier unbeschreiblich schöne Jungfrau weckt die äußersten Begierden der Männer. Flaubert verwob ihr Bild mit dem religiös-erotischen Motiv eines Schleiers, der im Tanit-Kult und für die Kampfmoral der Karthager eine bedeutsame Rolle gespielt habe – für eine „Republik“ mit einer Bevölkerung, derer ethnische Rivalitäten womöglich ebenso für die Niederlage in den Kriegen gegen das römische Imperium ausschlaggebend waren wie die Konflikte mit afrikanischen „Randvölkern“ (diese werden im Roman und in der Oper u.a. vom numidischen König Narr’Havas repräsentiert). Wie später Richard Wagners Tristan und Isolde, so endet bereits Salammbô mit einem Opfer- und Liebestod: die Titelheldin muss am Tag der zwangsweisen Verheiratung mit dem bündnistreuen Numider-König den von ihr geliebten Mâthò opfern, ersticht aber statt ihm sich – und er dann sich selbst.

Reyers „Salammbô“: Szenenbild zur Erstaufführung 1892 in Paris/ BNF Gallica

Der Dirigent Lawrence Foster sorgte nun in Marseille für eine höchst intensive Wiedergabe der Musik, der in allen fünf Akten Vortritt gelassen wurde, Gilles Ragon bestritt seinen Tenor-Marathon mehr als respektabel. Die noch relativ junge und schlanke Kate Aldrich sang die Titelpartie vorzüglich, ahmte als Darstellerin auf verblüffende Weise Anna Netrebko nach. Der Regisseur Yves Coudray arrangierte die Tableaus der Schlacht-, Trink- und Liebes-Szenen vor einem leeren Horizont, in den auf die eine oder andere Weise zwei Säulen ragen (also ohne die von Reyer vorgesehenen Wechsel der exotischen Stadt- und Palastansichten). Die tonangebenden Herren trugen Fräcke, die Männer des Chors dunkle Alltagsanzüge – keine Uniformen, Rüstungen oder Waffen. Allerdings wurden häufig die bunten und exotischen Kostüm- und Bühnenbildentwürfe für die Uraufführung vor knapp 120 Jahren eingeblendet und so die Historizität und der originäre kulturgeschichtliche Horizont des Werks in Erinnerung gerufen. Das war eine pfiffige Notlösung. Frieder Reininghaus/ Deutschlandfunk

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Reyers „Salammbô“: Auch Francois Rosay sang die Titelpartie in Paris/ OBA

Und nun der Artikel zu Reyer und Salammbô von Nick Fuller: Als Ernest Reyer 1909 starb, schrieb ein Zeitgenosse, dass sich Reyer mit dem Wissen zur ewigen Ruhe legen könne, dass sein Name nicht zugrunde gehen würde, weil er die beiden unsterblichen Gestalten von Sigurd und Salammbô als Hüter seiner Erinnerung zurückgelassen hatte. Mehr als ein Jahrhundert später ist diese Unsterblichkeit verschwunden. Keine seiner fünf Opern gehört zum Standardrepertoire. Sigurd, selten aufgeführt, wird als französische Kopie von Wagners Ring in Erinnerung behalten. Salammbô wurde seit den 1940er Jahren nur ein einziges Mal und zudem in gekürzter Fassung auf die Bühne gebracht, erste 2008 wieder in Marseille und danach eben auch nicht mehr). Reyer ist nicht unsterblich; er ist nicht einmal ein Halbgott. Seine Werke sind in den Hades hinabgestiegen, und dort wandert sein Geist zwischen den düsteren Schatten. Trotzdem enthalten Reyers Werke viel Schönes und Beeindruckendes. Sigurd und Salammbô standen jahrzehntelang auf der Bühne; und eine andere Oper, die nie aufgenommen wurde, könnte ein verlorenes Meisterwerk sein, so gut wie Gounods Faust.

Reyers Zeitgenossen sahen ihn als ernsthaften, innovativen Komponisten, der wie seine Vorbilder Berlioz und Wagner seinen eigenen Weg ging, ohne um die öffentliche Gunst zu werben. „Er hatte eine Erfindung“, sagte Théophile Gautier. „Originalität, sowohl natürlich als auch kultiviert; ein wilder Hass auf das Alltägliche, das Abgedroschene, das Schlagwort; ein tiefes Gefühl für exotische und bizarre Rhythmen; eine seltene Frische der Melodie; eine Liebe zu seiner Kunst, die fast fanatisch ist; eine Begeisterung für das Schöne, die nichts entmutigen konnte; und die unerschütterliche Entschlossenheit, dem schlechten Geschmack der Öffentlichkeit niemals ein Zugeständnis zu machen.“

Reyers „Salammbô“: Mrs. Algernon-Bourke als Salammbô auf den Devonshire Costume Ball 1897/lafayette.org.uk

In dieser Entschlossenheit, seiner eigenen Muse zu folgen, war Reyer ebenso hochmütig wie sein berühmter Vorfahr Berlioz. „Erfolg kam (und wieder in gewissem Maße), ohne dass er sich dem Mob beugte“, schrieb Hugues Imbert, „und er folgte dabei dem Beispiel von Berlioz.“ Reyer trat die Nachfolge von Berlioz als Musikkritiker für das Journal des Débats an . Sein Herausgeber, der Comte de Nalèche, schrieb, Reyer habe alle Gaben eines Schriftstellers und eines Kritikers: „Die Liebe zur Perfektion ohne Zugehörigkeit zu einer Schule, Aufrichtigkeit, Begeisterung für das Schöne, Empörung und Verachtung der Mittelmäßigkeit.“ Wie Berlioz wurde er vom Pech verfolgt. Obwohl er als Kritiker geachtet war, scheiterte eine seiner Opern in Paris, eine andere wurde Jahre vor ihrer endgültigen Aufführung geschrieben, und er befürchtete, dass er, genauso wie Berlioz Cassandre in Les Troyens nie singen hörte, seinen Sigurd niemals hören würde. Er hatte jedoch mehr Glück als Berlioz, als dieser Erfolg in den letzten Jahrzehnten seines Lebens endlich eintrat – und weniger Glück, da seine Werke vergessen wurden.

Zwar war Reyer Berlioz nicht ebenbürtig, aber er war sein künstlerischer Erbe und sein auserwählter Nachfolger. Er trat die Nachfolge von Berlioz als Mitglied der Académie an, und Berlioz vermachte Reyer das Schwert und den Mantel als Akademiemitglied. Berlioz‘ Diener Schumann bewahrte sie während des Deutsch-Französischen Krieges auf, um sie Reyer zu geben, als der Moment gekommen war.

Reyers „Salammbô“: Szenenbild zur Pariser Erstaufführung 1892/ BNF Gallica

Während Berlioz lebte, war Reyer der Tröster von Berlioz‘ traurigen Stunden, und an seinem Bett, als er starb. Er hörte seine letzten Worte: „On va donc jouer ma musique!“ („Jetzt werden sie meine Musik spielen!“) Reyer arbeitete mehr als jeder andere daran, diese letzten Worte wahr werden zu lassen. Im Jahr nach Berlioz‘ Tod, 1870, leitete Reyer ein Festival an der Opéra, dem Haus, in dem Benvenuto Cellini scheiterte und welches Les Troyens nicht inszenieren wollte. Er organisierte Aufführungen von La Damnation de Faust bei den Concerts Populaires im Jahre 1877 und bei den Concerts du Châtelet. 1879 organisierte er ein zweites Festival im Hippodrom – und überzeugte Frankreich langsam vom Genie des größten seiner musikalischen Söhne.

Reyer setzte sich auch für die Arbeit von Richard Wagner ein, als das deutsche Genie in Frankreich unbeliebt war. Er hörte Tannhäuser zum ersten Mal 1857 in Wiesbaden in Begleitung des Schriftstellers Théophile Gautier, Vater einer von Wagners Geliebten, und schrieb im Courrier de Paris eine glühende Rezension. Er hörte Lohengrin und (in London), Die Meistersinger und drängte darauf, La Valkyrie, Lohengrin und die Maîtres chanteurs in Paris aufzuführen – eine mutige Position, die er nach 1870 einnehmen sollte. So sehr er Wagners Opern bewunderte, verabscheute er den Wagner-Kult. „Ich bin kein tollwütiger Wagnerianer und nicht mehr ein Wagnerianer parti pris, als vielmehr ein Wagnerianer, ohne es zu wissen.“ Als Wagner in Paris gespielt werden sollte, wollte er, dass die Musikdramen neben den Opern anderer Komponisten, die er bewunderte, gespielt werden: Meyerbeer, „dem größten dramatischen Komponisten unserer Zeit“; Weber, „dem größten Musiker des Jahrhunderts“; Gluck, Spontini, Félicien David – und Berlioz.

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Reyers „Salambô“: Albert Saléza und Rose Caron als Protagonistenpaar Paris 892/ BNF Gallica

Leben und Werk: Louis Étienne Ernest Reyer wurde am 1. Dezember 1823 in Marseille geboren. Obwohl er schon in jungen Jahren von Musik angezogen wurde, wollten seine Eltern nicht, dass er Musiker wird. Um ihn von einer musikalischen Karriere abzuhalten, schickten sie ihn im Alter von 16 Jahren (1839) nach Algerien, wo sein Onkel in der Finanzabteilung arbeitete. Büroarbeit passte nicht zu ihm; immer wenn ihm sein Oheim den Rücken zuwandte, las der junge Mann diejenige Partitur, die er unter einem Deckblatt versteckt hielt. Eines Tages musste dieser Onkel für ein paar Wochen weggehen und bat seinen Neffen, sich um sein Klavier und sein Pferd zu kümmern. Als er zurückkam, fand er das Klavier zerlegt und (in Adolphe Julliens plakativen Worten) wie eine Leiche im Wohnzimmer liegend, während das Pferd ein echter Leichnam war; Reyer hatte es achtlos auf einem Feld mit giftigem Unkraut grasen lassen.

Sein nordafrikanischer Aufenthalt trug Früchte. Er schrieb eine Messe für die Ankunft des Duc d’Aumale in Algier (1847), und die Region lieferte das Lokalkolorit und die Inspiration für eine Sinfonie und zwei Opern.

Reyer kehrte 1848 nach Paris zurück, kurz nach der Revolution, welche die Juli-Monarchie verdrängte und die Zweite Republik zur Folge hatte. Paris fand er sympathischer als Afrika. Er studierte Musik bei seiner Tante, der Pianistin und Komponistin Louise Farrenc, und bewegte sich in künstlerischen Kreisen, wo er sich mit Théophile Gautier, Baudelaire, Gérard de Nerval, Heinrich Heine, Flaubert, Méry, Félicien David und Hector Berlioz anfreundete. Viele dieser Autoren arbeiteten an musikalischen Projekten mit: Gautier und Méry schrieben Libretti für seine Musik, und eine seiner Opern basierte auf einem Flaubert-Roman. (…)

Reyers letzte Oper kehrte in die exotischen Gefilde seiner frühen Werke zurück. Salammbô ist eine Adaption von Flauberts Roman über Mystik und Melodram im Karthago  des 3. Jahrhunderts v. Chr., komponiert mit dem Segen des Schriftstellers.

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Zum Inhalt: Salammbô (Sopran) ist die Tochter von Hamilkar (Bariton), Shophet (Konsul) von Karthago. Sie unterdrückt einen Aufstand von Söldnern, angeführt vom libyschen Söldner Mathô (Tenor). Mathô schleicht sich in den Tempel der Göttin Tanit und stiehlt den Zaïmph, den mysteriösen Schleier der Göttin. Der Verlust des Schleiers wendet das Blatt gegen Karthago, und der Ältestenrat ernennt den Hamilkar zum Diktator. Er fordert eine Opferung von zwanzig Knaben an Moloch. Währenddessen befiehlt Shahabarim (Tenor), der Hohepriester von Tanit, Salammbô, den Schleier zurückzuholen. Sie geht zu Mathôs Zelt und verführt ihn, um den Schleier zu ergattern, doch die beiden verlieben sich tatsächlich. Die Karthager besiegen die Söldner und Mathô wird gefangen genommen. Er ist dazu verurteilt, Moloch geopfert zu werden, und die Menge fordert Salammbô auf, ihn zu töten. Da sie ihn liebt, ersticht sie sich stattdessen, und Mathô stürzt sich, sie umarmend, in sein eigenes Schwert.

Reyers „Salammbô“: noch einmal Rose Caron in der Titelpartie Paris 892/ BNF Gallica

Wirkung und Verbreitung: Flaubert gab seinem Freund Reyer das Exkluvirecht zur Komposition der Oper, doch wurde sie erst 25 Jahre nach den ersten Plänen aufgeführt. Reyer begann seine Arbeit 1878, aber nach Flauberts Tod im Jahr 1880 gelobte Reyer, die Arbeit daran erst wieder nach der Uraufführung von Sigurd aufzunehmen. Nach dem Erfolg von Sigurd widmeten sich die Regisseure von La Monnaie Salammbô; wiederum kam Rose Caron zum Einsatz, deren Darstellung der Brunehild sie zu einem Star gemacht hatte. Das Werk sollte in Paris einstudiert werden, als die Autoren von Massenets Le Mage ihre Entscheidung, die Aufführung zu verschieben, rückgängig machten und die sofortige Aufführung forderten. „Ich konnte nur eines tun“, sagte Reyer. „Mich verbeugen und Le Mage passieren lassen. Und Le Mage hat bestanden. „

Als Eugène Bertrand neuer Direktor der Pariser Opéra wurde, kündigte er an, dass Salammbô die erste Oper sein würde, die er auf die Bühne bringen würde. Am 16. Mai 1892 wurde Salammbô in einer luxuriösen Inszenierung präsentiert. Die Verwaltung gab die enorme Summe von 300.000 Francs aus, die sie wieder einbrachte. In Paris wurde die Oper allein 1892 46 Mal aufgeführt, erreichte 1900 ihre 100. Aufführung und wurde im Februar 1943 zum letzten und 196. Mal aufgeführt. Sie wurde 1900 in den USA in New Orleans und 1901 in New York aufgeführt.

Jullien hielt es wegen seiner stilistischen Einheitlichkeit für ein besseres Werk als Sigurd. Reyer, schrieb er, schuf ein Werk, in dem jeder Akt eine vollständige Einheit ohne genau festgelegte Unterteilungen bildete. Dieses strenge Werk, das auch in seinen Linien klassisch war, beeindruckte das Publikum; dieses wurde von der durchdringenden Kraft der Musik erobert, deren Reichtum an Inspiration so frisch und leidenschaftlich war, als wäre der Komponist erst 30 Jahre alt.

Für ein modernes Publikum ist Salammbô jedoch schwer einzuschätzen. Es gibt nur eine inoffizielle Radio-Aufzeichnung einer Aufführung von 2008 aus Marseille, anlässlich des 100. Todestages von Reyer. Diese Aufnahme ist stark gekürzt. Ganze Szenen wurden geschnitten. Die Partitur, die nach einem großen Chor verlangt, wird häufig auf die wichtigsten Sänger reduziert; was aber ist eine Grand opéra ohne Ensembles? Sigurd unter Rosenthal war eine Studioaufnahme des ORTF mit vielen der führenden Sänger Frankreichs (ehemals Chant-du-Monde); dies ist eine Live-Aufnahme mit ein paar hervorstechenden Sängern, die von einer soliden, aber nicht erstklassigen restlichen Besetzung mit einem zweifelhaften Tenor unterstützt werden.

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Reyers „Salammbô“: Lager des Matho, A1, Szenenentwurf/ BNF Gallica

Die Musik: Wie viele französische Opern ist Salammbô ein ganzheitliches Kunstwerk, das sowohl gesehen als auch gehört werden sollte. Die alte Szenerie gibt einen Eindruck vom Umfang der Produktion: riesige Bühnenbilder mit Tempeln, Foren, in denen sich Ratsherren unter der Statue des Baal versammelten, und öffentliche Plätze, auf denen sich Menschenmassen sammelten und drängten. Kritiker schwärmten von Salammbôs und Mathôs Liebesszene in seinem Zelt, während draußen ein Sturm tobt und die Karthager das Söldnerlager angreifen. Szenen, die auf der Bühne beeindruckt haben mögen, verlieren auf CD ihre Wirkung (und waren in Marseille 2008 nur von frugaler Wirkung/ G. H.).

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Die Partitur ist wagnerischer als bei Sigurd. Während man in dieser Oper noch Spuren von Nummern entdecken konnte, entfaltet sich Salammbô wie Saint-Saëns‘ Opern in einer Reihe von Szenen. Das musikalische Interesse gilt mehr dem Orchester als den Stimmen. Ausdrucksstarkes Schreiben für die Streicher wechselt mit gehobenem Rezitieren. Teile der Partitur sind üppig und träge, andere scheinen eher französische Ideen des Exotischen aus dem späten 19. Jahrhundert zu sein, ohne den besonderen Touch, den Saint-Saëns oder Massenet gebracht hätten. Zur Verteidigung des Werks führt David LeMarrec jedoch an, dass Lawrence Fosters Dirigat nicht die Poesie hervorbringt, die einen Hauptreiz des Werkes darstellt. Es klingt weniger attraktiv als die Partitur.

Im Gegensatz zu Sigurd, der heroisch, männlich und mittelalterlich daherkommt, ist Salammbô verträumt, mystisch, introvertiert und feminin: eine Oper, in der eine Frau, die in einen Schleier verliebt ist, im Mondlicht in nordafrikanischen Gärten wandelt. Die schönsten Passagen finden sich im zweiten Akt im Tempel der Göttin Tanit. Priester singen Hymnen an die karthagischen Götter: „Tanit! Rabetna! Anaitis! Astarté! Derceto! Astoreth!“ Salammbô, gewarnt durch eine übernatürliche Vermittlung, dass der Zaïmph, der heilige Schleier, in Gefahr ist, betritt den Schrein; dort trifft sie Mathô, in den Schleier gehüllt, und glaubt, er sei ein Gott. Die berühmteste Szene ist Salammbôs Terrassenarie „Ah! qui me donnera comme à la colombe“, gesungen als der Mond über dem Wasser aufgeht und der Chor sich über das Opfer für Baal freut, das Pougin für eines der wunderbarsten und bewegendsten Spektakel hielt, die man sich vorstellen kann.

Reyers „Salammbô“: Le Sanctuaire, Bühnenbild A2 von Philippe Chaperon 1892, BNF Gallica

Obgleich die Produktion aus Marseille eine beherzte Anstrengung war, ist eine inszenierte Bühnenfassung oder eine vollständige Studioaufnahme erforderlich, um zu zeigen, warum diese Oper Reyers Zeitgenossen beeindruckte.

Zu Reyers letzten Werken gehörten Vertonungen von Edouard Blaus Gedichten Tristesse (1884), Gustave Boyers L’Homme (1892) und Camille du Locles Trois sonetts. Am 15. Jänner 1909 starb er in Lavandou in Südfrankreich. © N. Fuller, 2016/ Übersetzung Daniel Hauser (Quelle Ernest Reyer – Disciple of Berlioz, in: Music Web International)

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 Dazu auch ein Auszug aus dem Aufsatz der amerikanischen Musikwissenschaftlerin Noemi Karacsony: Exoticism in Salammbô .Das Bild des Orients und seine Faszination begleiteten Reyer sein ganzes Leben lang und färbten seine Kompositionen. Der Großteil seiner Werke basierte auf orientalischen Themen: „Wie Félicien David, waren es die Liebe zum Orient und seine Reiseerinnerungen, zuerst Algerien, dann Ägypten, sowie die fundierten Kenntnisse der arabischen Musik, die E. Reyer mit einer besonderen Vorliebe für orientalische Themen inspirierten. Le Sélam, Sacountalâ, Érostrate, La Statue und Salammbô zeugen von dieser Vorliebe. Außerdem übte sie den glücklichsten Einfluss auf sein Talent aus. Diese Liebe zum Malerischen unterscheidet ihn besonders von modernen Musikern, die fast alle einen Hauch von Vertrautheit haben“ (Servières 1897, S. 270–271).

Um eine dramatische Einheit zu gewährleisten, verwendet der Komponist wiederkehrende Themen (Leitmotive) wie das Thema der Salammbô, das Thema des Zaïmph oder die Themen, welche die Figuren Matho, den nubischen Narr-Havâs, Hamilkar usw. begleiten. Die verschiedenen Kulturen, die an der Handlung beteiligt sind, werden auch in einer für jede dieser Kulturen spezifischen Weise dargestellt. Sérvieres argumentiert, dass Reyers Verwendung wiederkehrender Themen in Salammbô Wagners Kompositionstechnik nur geringfügig ähnelt und vielmehr der Tradition der französischen tragédie lyrique folgt, die in den Werken von Gluck, Spontini und anderen berühmten französischen Komponisten vertreten ist (Servières 1897, S. 262). Herausragend ist die homogene Struktur dieser Arbeit, die wahre Natur der Deklamationen. Servières spricht von den drei wiederkehrenden Hauptthemen, die erstmals im kurzen Vorspiel der Oper vorgestellt wurden: „Das sehr kurze Vorspiel legt drei Hauptthemen fest (…)“ (Servières 1897, S. 263). Die Oper wird durch diese Leitmotive vereint, jenes des Zaïmph, jenes der Göttin Tanit und jenes von Salammbô. Der Mondcharakter der Göttin Tanit, die Karthago bewacht, ist in der gesamten Handlung allgegenwärtig, eine Präsenz, die dem Werk einen mysteriösen Charakter verleiht, ein gewisses Mondambiente, das sich auch in der Musik offenbart. Das Thema des Zaïmph wird zum ersten Mal im Vorspiel erwähnt und wird während der Entfaltung der Ereignisse wieder auftreten, wobei die absteigende Bewegung zusammen mit den verwendeten rhythmischen Formeln den heiligen Charakter des Schleiers und seine Bedeutung für die Entwicklung des menschlichen Schicksals hervorhebt.

Reyers „Salammbô“: Mathò and Salammbô, French card, late 19th or early 20th century/ lookandlearn.com

Laut Lacombe war die Verwendung wiederkehrender Motive in den Werken französischer Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts für die Konstruktion der Handlung von wesentlicher Bedeutung, und jeder Komponist konnte diese Technik auf eine Weise anwenden, die seinem eigenen Ansatz entsprach: „Gounod, Thomas, Reyer und Bizet verwendeten jeweils wiederkehrende Motive gemäß ihrem eigenen Stil, und die Praxis wurde schließlich zu einem Reflex, insbesondere im letzten Viertel des Jahrhunderts. Der erste Auftritt der Salammbô wird durch ein schönes, wellenförmiges Thema eingeleitet, das sich über mehr als vierzehn Takte erstreckt. Die Schönheit der zarten Priesterin wird heraufbeschworen, ihre Weiblichkeit durch diese Phrasen ausgedrückt, die so eng mit den Hymnen verbunden zu sein scheinen, welche der Göttin Tanit gesungen wurden. Die Atmosphäre, welche die Musik auf diese Weise hervorruft, ist geheimnisvoll, zum Mond gehörig und ähnelt den Eigenschaften dieser Gottheit. Trotz der Tatsache, dass der Komponist keine besonderen orientalischen Charakteristika verwendet, ruft das Thema dennoch die Faszination einer fernen, exotischen und unbekannten Welt hervor.“

Bemerkenswert ist die Szene, in der Salammbô zu Mathos Zelt geht, um den heiligen Schleier wiederzugewinnen. Der Dialog zwischen den beiden wird durch die Rufe der Krieger im Lager unterbrochen. Das traditionelle Duett wird durch einen dramatischen Dialog ersetzt, wodurch die Szene zum innovativen Charakter von Reyers Werk beiträgt. Die Oper schließt mit einer abschließenden Hervorhebung der wiederkehrenden Themen, die die Hauptsymbole der Oper definieren: das Leitmotiv des heiligen Schleiers, der die Tragödie umhüllt, das Thema der Tanit sowie die der Göttin gesungenen Hymnen. .Noemi Karacsony/ Übersetzung Daniel Hauser

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Zitiert aus: Noemi Karacsonys Aufsatz “An Image of the Exotic in the Works of Ernest Reyer:  From Le Sélam to Salammbô” in  BULLETIN OF THE TRANSILVANIA UNIVERSITY OF BRASOV •  VOL. 11(60) – 2018: Special Issue No. 2 – 2018: Proceedings of the 8th International Conference „The Science of Music – Excellence in Performance“, 28 -31 of October, 2018, Brasov, Romania; SERIES VIII; PERFORMING ARTS, ISSN 2344-200X (Print)  ISSN-L 2344-200X (Online), ISSN 2344-2018 (CD-ROM), ziterte Quellen: Servières, George. 1897. La Musique française Moderne. Paris: G. Havard Fils, Éditeur.; Lacombe, Hervé. 2001. The Keys to French Opera in the Nineteenth Century. Berkeley – Los Angeles: University of California Press: Quellen: Lacombe, Hervé. 2001. The Keys to French Opera in the Nineteenth Century. Berkeley – Los Angeles: University of California Press; Servières, George. 1897. La Musique française Moderne. Paris: G. Havard Fils, Éditeur.

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.