Archiv des Autors: Rüdiger Winter

Auf dem Weg nach oben

Der Kreis schließt sich. Im Verlag Conventus Musicus ist der siebte Band der umfangreichen Reihe „Karl Richter – Zeitdokumente“ erschienen, die das Wirken des bedeutenden Dirigenten, Organisten und Chorleiters zum Gegenstand hat. Diesmal ist der Zeitraum 1926 bis 1950 erfasst – also die Kindheit – Richter wurde 1926 in Plauen geboren – die Jugend und der künstlerische Aufstieg. Der Beginn steht hier sozusagen am Schluss, denn die vorangegangenen sechs Bände haben mit einer schier unglaublichen Materialfülle die segensreichen Jahre in Richters künstlerischer Heimatstadt München und seine weltumspannende Konzerttätigkeit zum Inhalt.

Richter, Klar - Orgelunterricht bei Straube

Orgelunterricht bei Thomaskantor Karl Straube – ein Foto aus dem siebten Band

Ohne Zweifel sind die gründliche musikalische Ausbildung im Kreuzchor Dresden, den damals Rudolf Mauersberger leitete sowie die Studien in Leipzig bei den legendären Thomaskantoren Karl Straube und Günther Ramin das Fundament, auf dem sich die spätere Weltberühmtheit gründete. Schon 1949 wurde er Thomasorganist, der Weg zum Amt des Thomaskantors war vorgezeichnet, sollte aber – bedingst durch die Teilung Deutschlands – eine andere Richtung nehmen. Richter ging nach München.

Der aufmerksame Leser wird zum Zeitzeugen. Es ist, als ob es aus den Seiten herausklingt. Zumindest aber machen die Bücher groß Lust, die Aufnahmen unter Richter oder mit Richter an der Orgel wieder aus dem Regal zu holen und neu zu hören. Zum Glück ist ja kein Mangel daran.

Herausgeber Johannes Martin, ein am Bayerischen Staatskonservatorium Würzburg und an der Musikhochschule München ausgebildeter Schulmusiker und mehr als fünf Jahre Mitglied des Münchener Bach-Chores, hat den Conventus-Musicus-Verlag selbst aufgebaut. Im letzten Band der Richter-Dokumentation (ISBN 978-3-00-042094-8) bekommt er Verstärkung durch Cornelia Klink, eine Geisteswissenschaftlerin, die ihr Abitur an der Dresdener Kreuzschule gemacht hat.

Rüdiger Winter

 

Ungekürztes aus den USA

 

Cherubinis Médée ist in den vergangenen Jahren ab und zu und nur hier und da aufgeführt worden, die Deutsche Oper Berlin hatte eine kurze Serie vor ein paar Jahren (Denia Mazzola und Iano Tamar arbeiteten sich wenig erfolgreich durch die Titelpartie auf Koffern sitzend), in Brüssel versuchte sich kürzlich Nadja Michael mit mehr physischem Einsatz als stimmlicher Überzeugung daran, in Martina Franca (davon eine CD 2004 bei Nuova Era) und Montpellier nahmen sich mit einer der beiden erstgenannten Damen des Werke an – und immer wurde im Dialog geschnitten und bearbeitet, was sich rächt, denn wie stets bei diesen Werken geht das zu lasten der Balance und des Impakts. Es ist ja vor allem bei diesen empfindlichen französischen Stücken die Sprache das Entscheidende – Racine grüsst und die Comédie francaise, in deren Gefolge Francois-Benoît Hoffmann seine Alexandriner, achtfüßige Verse, schrieb. Diese werden fast immer gestrichen, bearbeitet („modernisiert“ wie in Brüssel), verkürzt und leiden natürlich an der mangelnden Diktion von Nichtfranzosen – einzig die unter den DVDs besprochene Videoaufnahme mit Michele Command/Francine Berger bietet ideale sprachliche Bedingungen, sind doch die Dialoge mit führenden Mitgliedern der Academie francaise besetzt, die ihre Alexandriner rollen und spucken und deklamieren wie ein Theaterstück des 17me siècle.

Und auch gesanglich hat die Oper ihre Tücken. Nicht nur dass der Wechsel von Sprache zu Gesang für die Sänger live schwierig ist, sondern mindesten die Titelpartie und der Tenor Jason haben unangenehme Tessituren in ihrer Partien, werden sehr extrem geführt und sind eben dem noch nicht so lange zurückliegenden Barock verpflichtet. Médée selbst geht im Laufe des Stücks ganz wörtlich die Sprache aus.Hat sie im ersten Akt fast nur Sprechpassagen, so verschieben sich diese zu Gunsten des Gesangs im letzten Akt gegen Null – Singen ist ihr Gefühl, Sprache ihre Verstellung – was für eine faszinierende Dramaturgie, und Cherubini hat mit dieser Oper von 1797 sein absolutes opus summum geschaffen, außerordentlich modern und packend, allein schon die Ouvertüre, die wie ein Sturmwind das Geschehen ankündigt.

Zu der bereits erwähnten Video-Ausgabe aus Compiegne bei DOM findet man keine wirklich überzeugende Alternative, zumal auch dort extrem gut gesungen wird, totalment francais, vor allem auch in den mit avec gesprochen Dialogen durch eminente französische Schauspieler. . Aber bei der wagemutigen amerikanischen Firma Newport Classic gibt´s doch eine sehr empfehlenswerte CD-Aufnahme unter Bart Folse, der temperamentvoll originale Instrumente einsetzt, vielleicht weniger Impakt als in Compiegne entwickelt (dort aber waren´s ja auch moderne Instrumente) und der eine ganz fabelhafte und für Amerikaner sprachlich hervorragend geschulte Sängerequipe vorweisen kann, die sich mit Elan in eine absolut ungekürzte Médée stürzen (ungekürzt heisst hier auch alle Wiederholungen, notierten Appoggiaturen, Kadenzen und napoleonischen Märsche). Allen voran die interessante Phyllis Treigle mit charaktervollem, mutigem und weitreichendem Sopran, die junge Thais St. Julien als süsse Dircé und die wackere D´Anne Fortunato als besorgte Néris. Die Herren haben nicht ganz das Kaliber ihrer Partnerinnen, aber Newport-Patron John Ostendorf (stets einer meiner Lieblingssänger) gibt einen sonoren Coryphée, Vater Créon ist mit David Arnold gut und

Jason mit Carl Halvorson ebenfalls mehr als ausreichend besetzt. Das schmalere Klanbild (durch die Originalbesetzung) lässt Cherubinis Oper transparenter, weniger grand-opéra-mäßig und mehr im musikhistorischen Kontext erscheinen, was ein Verdienst ist, sind wir doch sonst die rumsigen  Orchester einer Callas-, Borkh- oder (brrrrrr) Jones-Aufnahme gewöhnt, die wegen ihrer Lachner-Verhunzungen als Werk indiskutabel, und nur als Vehikel für die Diven ihre Wirkung haben.

Ich selber würde als erste Empfehlung immer bei dem Video aus Compiegne blieben, aber als rein studio-akustisches und vor allem als ehrenrettendes musikhistorisches Dokument ist die Newport-CD doch von enormer Wichtigkeit. (Und Finger weg von der Video-Aufnahme aus Brüssel mit Nadja Michael und Kollegen auf dem nicht nur optisch abscheulichen Video von BelAir, da stimmt einfach gar nichts! Zu was sich Herr Rousset auch alles hergibt! Aber auch der alte EMI-Querschnitt mit der grotesken Rita Gorr in der Titelpartie ist zu meiden – weil schlicht monströs und das Werk vernichtend, nur Andrée Esposito als bezaubernde Dircé bleibt in Erinnerung.) Geerd Heinsen

Vive l’opéra francais

 

13 Aufführungen mehr oder weniger vergessene Opern des seltenen französischen Repertoires aus dem Archiv des mutigen Théâtre Imperial in Compiegne sind nun (zum Teil in Wiederauflagen von Cascavelle) bei der französischen Firma DOM herausgekommen, quelles richesses. In Deutschland finden sich diese Titel im Vertrieb von Gebhardt.

Für mich ist die Cherubinische Médée das elektrisierendste Stück in der Sammlung, denn hier singt zum einen eine absolut kompetente französische équipe mit Frankreichs großer Sängerdarstellerin der 80er und 90er: Michele Command in der Titelrolle (auf dem Foto oben zu sehen, mit ihrer Sprech-Alternative Francine Bergé), dazu die junge Inva Mula als Dirce neben einem Großaufgebot erster französischer Sing- und Sprechstimmen.

Zum anderen hat man die ungekürzten Alexandriner François Benoît Hoffmanns von Schauspielern sprechen lassen, die im respektgebietenden Stil der Académie Française aber auch alles aus dem Text herausholen. Die Produktion vom Hausherrn Pierre Jourdan bleibt angenehm würdig – also, absolut ein Muss!

Weitere Titel sind Les Caprices de Marianne, Djamileh´(11005), L´Arlesienne, La Jeneunesse de Pierre Le Grand (eine Wiederauflage von Cascavelle), Les Diamants de la Couronne, Pelléas et Mélisande, La Périchole, Le Domino Noir, La Colombe, Manon Lescaut (Auber) und Mehuls Joseph en Egypt

Die DVD-Mitschnitte kommen mit der baren Inhaltsangabe und Besetzung. Dennoch soll hier eine ganz starke Empfehlung ausgesprochen werden. Ich hoffe, dass auch die anderen Titel aus Compiegne bzw. ehemals bei Cascavelle über DOM verfügbar gemacht werden, wie Henry VIII, Le songe de la Nuit d´Eté, Mignon oder Dinorah.
Geerd Heinsen

 

Luigi Cherubini: Medee. (1 DVD). Opera en troie actes (version originale francaise) Mit: Michele Command, Medee. Jacques Noel, Jason. Jean-Philippe Courtis, Creon. Lucile Vignon, Neris. Inva Mula, Dirce. THEATRE IMPERIAL DE COMPIEGNE, Regie: PIERRE JOURDAN. Ensemble Orchestral Harmonia Nova, Dirigent Michel SWIERCZEWSKI. (DOM 3254873110176).
Henri Sauget: Les caprices de Marianne. (1 DVD) Opéra comique en deux Actes. Mit: Isabelle PHILIPPE, Magali DAMONTE, Armando NOGERA, Stéphane MALBEC-GARCIA. Orchestre Français Albéric MAGNARD, Dirigent Michel ORTEGA. (DOM 3254873110084)

und andere mehr.

Wagner aufbrausend

 

Orfeo hat Richard Wagners Oper Der fliegende Holländer von den 1955 im Rahmen der Bayreuther Festspielserie neun herausgebracht. Vor Jahren gab es diesen Mitschnitt schon auf dem grauen Jahr. Diesmal wurde auf die Originalbänder des Bayerischen Rundfunks zurückgegriffen, was sich als akustischer Glücksfall erweist. Mit dem ersten musikalischen Aufbrausen der Ouvertüre wird vom Dirigenten Hans Knappertsbusch ein Standard gesetzt, der so selbst in Bayreuth vielleicht nie wieder erreicht wurde. Knappertsbusch, sonst dem großen Bogen verpflichtet, betont die Brüche dieser Musik, nicht ihre Gefälligkeiten und trumpft auch schon mal regelrecht ungehobelt auf. Es ist ein Lauern, ein Spucken in dieser Aufführung, alle Mitwirkenden scheinen immer wieder vor Abgründen zu stehen, die sich jäh und hinterlistig auftun. Dem aufmerksamen Zuhören laufen die Schauer nur so über den Rücken.

Vom ersten Ton an ist klar, dass diese Geschichte ein unheimliches Ende haben wird. Ohne die richtigen Sängerinnen und Sänger wäre Knappertsbusch natürlich aufgeschmissen gewesen, was er wohl auch ganz genau wusste. Sie folgen ihm ohne Wenn und Aber. Hermann Uhde ist eine ideale Besetzung der Titelfigur. Er singt sein finsteres Los weniger mit Verzweiflung sondern mit einer Würde und einem trotzigen Stolz, die man nicht zuvorderst bei dieser Figur sucht. Astrid Varnay ist eine wissende Senta, nicht das unschuldige Kind. Sie ist der engen Kaufmannswelt ihres Vaters verloren. Ihr Schicksal ist besiegelt, noch bevor sie zu der berühmten Ballade ansetzt, bei der sie der Dirigent zwingt, jedes Wort, jeden Punkt und jedes Komma auf die gestalterische Goldwaage zu legen. Das braucht Zeit. Varnays Atemreserven bei diesem getragenen Tempo, bei dem manchmal der ganzen riesige Apparat zum Stillstand kommt, sind schier unerschöpflich. Da stört es nicht so sehr, dass einige Töne scharf und überzeichnet sind. Wolfgang Windgassen als Erik kann sie nicht halten und singt das auch so. Er steht auf verlorenem Posten. Als nicht sonderlich  sympathischen Daland steuert Ludwig Weber das Seine zum Konzept dieser Inszenierung von Wolfgang Wagner bei. Betörend unschuldig singt Josef Traxel den Steuermann, der als einzige Figur nicht verstrickt ist in die Geschichte, auch wenn er die Landung des Holländer-Schiffes verschläft.  

Im Textheft,  in dem sich neben vielen Fotos auch ein interessanter Bericht über die Inszenierung findet, bekennen sich die neuen  Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner dazu, dass auch künftig auf Tonträgern „besondere Augenblicke der Festspielgeschichte wieder nacherlebbar werden“. Das hört sich gut an. Noch wichtiger wäre es, es würde sich von dem nach allen Seiten hohen Niveau dieser Holländer-Produktion etwas niederschlagen auf die heutige Arbeit. Ich halte diesen Mitschnitt für einen der besten – wenn nicht überhaupt für den besten, die von der Oper überliefert sind.

Rüdiger Winter

 

Richard Wagner: Der fliegende Holländer mit Holländer – Hermann Uhde, Senta – Astrid Varnay, Erik – Wolfgang Windgassen, Daland – Ludwig Weber, Dirigent – Hans Knappersbusch;  (orfeo C 692 0921)

 

Sechs Lieder, mehr nicht

Ein spannendes Kapitel in der Geschichte der Schallplatte ist die so kurze wie bizarre Zusammenarbeit zwischen Elisabeth Schwarzkopf und Glenn Gould. Eigentlich ist es nur eine Episode gewesen, sonst nichts. Dafür aber legendenumrankt. Das Projekt, bei dem Lieder von Richard Strauss eingespielt werden sollten, scheiterte an unüberbrückbaren musikalischen und aufnahmetechnischen Auffassungen, zumal auch der für seine Perfektion bekannte EMI-Produzent und Schwarzkopf-Ehemann Walter Legge im Hintergrund ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hatte, wenngleich nicht in offizieller Funktion.

Beide Seiten gingen im New York Studio, damals noch CBS, rasch und ohne Groll auseinander. Das Ergebnis ist auf den ersten Blick mager: die drei Ophelia-Lieder, zuletzt erschienen bei Sony Classical im Rahmen der großen Glenn-Gould-Edition. Kenner wussten immer, dass es noch mehr gibt, die Schwarzkopf selbst erzählte zu Lebzeiten mehrfach davon, in Diskographien wurden weitere Lieder als unveröffentlicht geführt. Nun hat das Label von den erhaltenen Urbändern die restlichen drei Titel herausgebracht: „Wer lieben will, muss leiden“, „Morgen“ und „Winterweihe“. Die detailversessene Stimme der Schwarzkopf und das unorthodoxe, mal sachliche, mal wie gehauchte Spiel von Gould bilden einen spannenden Kontrast. Die Bedeutung der Aufnahme erschließt sich aber nicht allein über den künstlerischen Gehalt. Das Drumherum ist nicht weniger wichtig.

Dieser Auffassung folgt auch die Konzeption des Sony-Doppelalbums (88725462362), das auf der ersten CD die Lieder sowie zwei Klavierstücke, in die der Pianist auch singend eingreift, auf der zweiten ein im WDR produziertes Radio-Feature präsentiert, in dem die Geschichte der Aufnahme unter Hinzuziehung von Originaltönen nachgestellt wird – nämlich mit Nicole Heesters als die Schwarzkopf und Gerd Warmeling als Gould. Eine sehr gute Idee. Ich hatte selten so viel Freude an einer CD wie an dieser. Musikfreunde sollten sie sich nicht entgehen lassen.

Rüdiger Winter

 

Ein pralles Leben

Der renommierte Autor und Journalist John Lucas – weltweit anerkannt für seine Biographien über große Musiker und Dirigenten wie Reginald Goodall und andere (und zudem Ehemann der britischen Sängerin Anne Evans) – hat ein neues Buch geschrieben mit dem Titel: Thomas Beecham: An Obession with Music.

Die neue Biographie des großen britischen Dirigenten.

Die neue Biographie des großen britischen Dirigenten.

Beecham war einer der wichtigsten und größten, aber auch umstrittensten, hochindividuellsten und charismatischsten Dirigenten Englands; ein Entrepreneur, Opernintendant, Franzosenliebhaber (und nicht nur die Damen aus diesem Land verfielen seinem sprichwörtlichen Eroberungsdrang), Impresario (der ganze Saisons in Covent Garden einrichtete – manche auch mit seinem eigenen Geld aus seiner reichgeerbten Schatztruhe), einer der ersten, der Opern in der Originalsprache aufführte, der die erste Gesamtaufnahme von Les Troyens für die BBC machte (Melodram etc.), der beispiellosen Witz und Charme hatte und der wie kein anderer die besten Seiten des britischen Empire verkörperte.

Die Anekdoten über ihn sind Legion, die Gerüchte über seine Affären auch. John Lucas bringt Licht in diese mythischen Gefilde (oben der Maestro mit den Mädels beim Ballett/Lucas/Beecham/Boyden), recherchiert akribisch, entwirrt Beechams politische und weltanschauliche Verstrickungen und würdigt vor allem den Musiker, der seiner Zeit – wie vielleicht nur Karajan oder De Sabata – weit voraus war und Visionen hatte und schuf. Ein faszinierendes Buch, bislang nur in Englisch, aber sicher bald auch in deutscher Sprache – unbedingt empfehlenswert sowohl als historischer Bericht wie auch als musico-soziale Studie, vergleichbar dem Buch von Brigitte Hamann über die Wagners. Und unbedingt etwas für Weihnachten (steht ja bald wieder vor der Tür).
G. H.

 

John Lucas: Thomas Beecham. An Obsession with Music, Boydell Press, 380 Seiten, viele und
hochinteressante Abbildungen, Register, ausführliche Fußnoten etc., ISBN 978 1 84383 402 1

 

Arbeiter-Oper mit Flecken

 

Lortzings Oper Regina ist ein Zwitter zwischen dem üblichen Lortzing-Idiom und einem ambitionierten Sozialdrama – in gesetzten Arien und aufbrausenden Chören (namentlich der Einleitung, die mehr verspricht, als die Oper halten kann) verbreiten sich Solisten und Massen, Lortzing-Style, wenig überzeugend, aber doch spannend zu erleben, wie der Komponist der eher gutmütigen Erfindungen sich der Sache es von der frühen Industrie ausgebeuteten Volkes annimmt.

Lortzing, der hier wie immer sein eigener Textdichter ist, versucht, eine Art Aktualitätsdrama zu schreiben. Da ist die Tochter eines Industriebosses, Regina, sie steht zwischen zwei Männern: Der eine ist, heute würden wir sagen, ein gemäßigter Gewerkschafter, den liebt sie, der andre ist ein verkrachter Adliger, der zum Radikalen wird, weil er Regina nicht bekommt und sich mit einer linken Terrorgruppe zusammentut. Die entführt Regina, aber die ist ziemlich zäh und erschießt den Geiselnehmer bei einem neuen Terror-Anschlagsversuch auf einen strategisch wichtigen Turm. Starker Tobak und nichts weniger als der modernste deutsche Opernstoff des 19. Jahrhunderts.

ABER – die Oper war natürlich kein Erfolg, denn das Establishment, das in die Oper ging, wollte das nicht sehen, die postnapoleonischen Regierungen fürchteten sich vor Märzaufstand und Pariser Commune, und das Werk blieb in der Schublade. Erst 1899 gab´s eine gemeine Neuauflage, kastriert und entzahnt, eine DDR Version nach dem krieg wurde noch im Radio in der Masurenallee gesundet und erschüttert durch ihre Schnitte und Umstellungen, dann gabs immer wieder Anläufe in Karlsruhe, bei der italienischen RAI und in Gelsenkirchen, alle behaupteten, dem Komponisten ganz nahe zu sein und ihn authentisch aufzuführen. Nun also ist es Ulf Schirmer, der außerordentlich verdienstvoll sich an die Noten gemacht hat und sozusagen die Urfassung ins Tageslicht gehoben hat. Auch mit ernüchternden Resultaten. Dass diese konzertante Aufführung im Münchner Prinzregententheater überhaupt mitgeschnitten wurde für die CD, das ist verdienstvoll –  eine unverstümmelte Regina war längst überfällig. Und Ulf Schirmer ist genau der Richtige dafür; er nimmt seinen Lortzing ernst und schafft es, dieses nervöse Werk genau zu temperieren und anzusiedeln zwischen Spieloper und neurotischem Psychodrama.

Der musikalische Lortzing-Baukasten wird nicht erweitert in diesem Spätwerk, es sind die üblichen Mittel der Spieloper – aber was mich doch beeindruckt hat, ist, wie Lortzing hier fast am Ende seines Lebens alles, was er kann, sehr souverän zusammenfasst. Fast ausschließlich Ensemble, drei gewaltige Finali von je 20 Minuten – Lortzing drängt immer mehr zur durchkomponierten Oper, will in seinem wilden Revolutionsepos die Hände frei haben für jede mögliche musikdramatische Nuance. Andrerseits kann er eben diese großen szenischen Entwürfe oft nur mit kleiner Musik füllen. Das heißt, sie ist immer etwas hausbacken, wenn er tragische Töne anschlägt. Lyrische oder burleske Szenen gelingen ihm mit gewohnter Delikatesse – ja das zweite Finale nimmt schon Offenbach vorweg. Da versuchen die Gefangenen aus dem nächtlichen Lager der Terroristen zu fliehen – und nach einem innigen Ensemble glüht in der Flöte Reginas Liebesthema auf, während die dösenden Bösewichter halblaut ein Lied murmeln. Solche Einfälle sind unbezahlbar und gehören schon in Offenbachs Welt.

 

Leider ist die Vokalbesetzung nicht wirklich überzeugend, denn allein die Titelfigur bedarf einer grösseren, lyrischen Stimme, eine Art Elsa für Arme.  Johanna Stojkovics Sopran ist so säuerlich und  schlicht überfordert, dass Regina hier zu sehr die höhere Tochter  mit gequälten Höhen in den Salons der Gründerzeit erscheint. Auch Daniel Kirchs Tenor ist für die Rolle zu klein – er scheitert an den heroischen Stellen, die wirklich eine expressive glanzvolle Tenorleistung verlangen. Und mit diesen zu kleinen Hauptprotagonisten ist uns der Hauptspaß am Werk fast zerstört, trotz des noblen und würdigen Baritons Detlef Roth, der den Bösewicht so edel gibt und damit die Balance der Sympathie eindeutig zu seinen Gunsten verlagert, was Lortzing sicher nicht so beabsichtigt hatte. Die übrigen, einschließlich Papa Simon (Albert Pesendorfer) sind mehr als anständig, aber man hätte sich doch eine grössere Besetzung namentlich in den beiden leads gewünscht. Ulf Schirmer musiziert wie gewohnt klangschön und flott.

G.H./M.K.

 

Albert Lortzing: Regina mit Johanna Stojkovic/Regina, Detlef Roth/Stephan, , Albert Pesendorfer/Simon, , Daniel Kirch/Richard u. a.; Prager Philharmonischer Chor, Münchner Rundfunkorchester, Dirigent – Ulf Schirmer; 2CD cpo 777 710-2

 

 

 

Junonisch und wunderbar

So majestätisch wie ihre Norma optisch wirkt, erklingt auch die machtvolle Stimme auf der „neuen“ Wiederauflagen-CD (Preiser PR93479) von ANITA CERQUETTI, die den Opernliebhaber ebenso erfreut wie verärgert. Preiser spielte wieder mal die „diebische Elster“ und klemmte die ja noch im Handel erhältliche Decca-CD der Cerquetti (von 1957) sowie Ausschnitte der (dto) Gioconda (1957) auf ihre CD und füllte diese mit den eben seltenen RAI-Aufnahmen auf. Diese hätte man in Gänze herausbringen sollen und dazu noch das bezaubernde Interview, das sie 1974 der RAI gab. So jedenfalls haben wir wenigstens Ausschnitte aus dem Oberon, den Vespri und dem Tell (alles RAI-Gesamtaufnahmen) sowie die Wally und den Andrea Chénier – aber wo sind Ballo oder Trovatore? Ach, diese Retrofirmen, nix Ahnung. Zumindest aber sind hier die entscheidenden Goodies der unvergleichlichen, junonischen Cerquetti versammelt, die ich im Impakt der schöneren Stimme weit über die Callas stellen würde. Und wenn sie „O Re die cieli“ aus der Agnese di Hohenstaufen singt, geht nun wirklich der Himmel auf.

G. H.

Geht ans Gemüt

 

Und noch eine Stimme, die ans Gemüt geht – Lorraine Hunt Lieberson, die vor nicht langer Zeit an Krebs verstarb, zählte nicht nur zu Amerikas besten und nachdrücklichsten Mezzo- Sopranistinnen (Foto PB), die mit ihrer intensiven Berlioz-Didon oder ihren Händel-Heroinen hohe Maßstäbe gesetzt hat. Bei Philharmonia Baroque ist ein weiteres bedeutendes Dokument von ihr erschienen: Les nuits d´été von Berlioz und Händel– Arien unter Nicolas McGegan mit dem Philharmonia Baroque Orchestra. Außer von Janet Baker habe ich den Berlioz-Zyklus so intensiv noch nie gehört, und die vielfarbige, pastos-kompakte Stimme der Hunt erklingt unvergesslich über die Zeit herüber (PBP-01; philharmonia.org).

Und auch ihre Stammfirma harmonia mundi hat sie noch einmal mit einem Doppelabum geehrt (HMU907471/2): A Tribute mit viel Händel, Purcell und Bach aus ihren bisherigen Aufnahmen unter McGegan, ebenfalls ganz wunderbar!

G. H. 

High Camp im 1. Bezirk

 

Kaum zu glauben, aber „Peter‘s Operncafé Hartauer“ im 1. Wiener Gemeindebezirk kann– allen Veränderungen und städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen der österreichischen Metropole zum Trotz – auf mehr als 30 Jahre zurückblicken. Die große Martha Mödl, mit der das Café am 25. September 1981 nach der Staatsopernpremiere von Friedrich Cerhas Oper Baal eröffnet wurde (Foto oben/Jansky), ist nicht mehr, ebenso wie viele der großen Stars der Oper der Nachkriegszeit, die hier mit Autogrammen und Photographien an den Wänden verewigt sind: Ljuba Welitsch, Rita Streich, Leonie Rysanek und viele andere mehr. (Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, es gibt auch Photographien von Alfredo Kraus und Franco Corelli, aber die von Martha Mödl sind einfach am größten.) Im Operncafé sind sie durch ihre Aufnahmen lebendig geblieben, abends spielt der Betreiber (österreichisch: Cafétier) Peter Jansky die Schätze aus seiner Schallplatten- Tonband- und CD-Sammlung für seine Gäste. Es sind wahre Trouvaillen darunter, selten zu hörende Live-Mitschnitte und Aufnahmen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt – beispielsweise von der unvergessenen Hilde Güdendargebotene Kinderlieder. Letztere ist übrigens ein Genuss für alle Freunde des High Camp.

Legende und Hausheilige Luba Welitsch mit Peter Jansky/Foto Jansky

Legende und Hausheilige Luba Welitsch mit Peter Jansky/Foto Jansky

Es ist das Vorrecht älter werdender Menschen, Veränderungen wahrzunehmen. In „Peter‘s Operncafé“ gibt es immer wieder Gelegenheit festzustellen, wie reich die letzten Jahrzehnte des Operngesangs waren. Wer kann heute noch auf gleichzeitig frivole und geschmackvolle Weise eine Operettenarie perlen lassen, wie Rita Streich es konnte? Bei wem hört man rasendes, vom eigenen Erleben geprägtes Singen wie bei Leonie Rysanek? Wo erfährt man eine Wahrhaftigkeit des Singens wie bei Martha Mödl? Tempi passati. Auch in Wien haben sich die Zeiten verändert: Elina Garanca und Anna Netrebko sahen in der diesjährigen Staatsoperninszenierung von Anna Bolena zwar aus wie Supermodels (sogar ein gestrenger Kritiker wie Jürgen Kesting wurde darob altersmilde), aber die beiden wirkten weniger wie Damen vom Hofe denn wie freundliche Hostessen, die sich bei ihren Gästen erkundigen, ob Wein oder Bier gewünscht wird. Die einzig wahren Töne waren von Anna Netrebko zu hören, als sie „Guidici ad Anna“ sang – und da dachte sie wahrscheinlich gerade an ihre nächste Vertragsunterzeichnung.

In einem Gedicht von August Kopisch heißt es: „Ach dass es doch wie damals wär, doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her.“ Es ist wahr, diese Zeiten werden sich nicht wiederholen und gerade darum ist es wundervoll, dass es „Peters Operncafé Hartauer“ gibt, um sich diesen Erinnerungen voller Empathie hingeben zu können: Dem Empfindsamen öffnet sich eine ganze Erlebniswelt. Da die Damen und Herren Kammersänger beileibe keine unnahbaren Götter waren, bekommt der Gast zwischen zwei Achteln Zweigelt auch die ein oder andere Anekdote des Hausherrn aus erster Hand präsentiert. Doch das Besondere und das besonders Schöne an Peter Jansky ist, er blickt zwar zurück und kümmert sich um das Andenken der von ihm Verehrten – die Sammlung für den Grabstein fürLjuba Welitsch, der „Salome des Jahrhunderts“, etwa ist seiner Initiative zu verdanken –, doch er hat sich auch lange Jahre seines Lebens dem Nachwuchs gewidmet, nicht zuletzt durch zahlreiche Sängerwettbewerbe.

Das ist der eigentliche Wesenskern des Traditionalisten: Er bewahrt, um daraus Neues entstehen zu lassen. In diesem Sinne wünschen wir alles Gute zum Jubiläum und allen Gästen noch viele wunderbare Jahre mit Aufnahmen aus der Welt der Oper von gestern und heute im einzig wahren (Opern-)Kaffeehaus von Wien (ab 19 Uhr in der Riemergasse 9, 1010 Wien, Tel.: 0043 1 512 89 81, www.petersoperncafé.at)

Christoph Dompke

 

(Christoph Dompke  lebt als Musikwissenschaftler und Journalist in Berlin, ist Autor verschiedener Publikationen und hat ein breites Comedy Publikum mit seiner Kunstfigur „Frau Emmi“.)

Schwungvolles Jugendwerk

 

Nach einigen Seufzern über die Besetzungspolitik der Opera Rara in jüngerer Zeit freut sich der Rossini-Fan über den neuen Aureliano in Palmira (wenngleich auch dieser wieder mal eine der üblichen Doubletten bereits bestehender weiterer Aufnahmen des Repertoires darstellt). Kenneth Tarver in der Titelrolle singt mit rauchig-interessantem Timbre und der nötigen geläufigen Gurgel, Catriona Smith jubelt sich durch die Zenobia, Silvia Tro Santa Fé brustet sich durch die Partie des Arsace, und die übrigen sind unter Maurizio Beninis  erfrischend italienischer Leitung (Danke, Opera Rara!) ebenso kompetent wie stimmungsvoll. Das dicke Booklet erfüllt die üblichen hohen Standards der Firma, die wieder einmal ihr bezauberndes Bonbonkästchen vorlegt und ihrem guten Ausstattungsruf Ehre macht (ORC 46).
Geerd Heinsen

 

Rossini: Aureliano in Palmira. (3 CD) Mit: Kenneth Tarver (Aureliano), Catriona Smith (Zenobia), Silvia Tro Santafé (Arsace), Ezgi Kutlu (Publia), Andrew Foster-Williams (High Priest of Isis), Vuyani Mlinde (Licinio), Julian Alexander Smith (Oraspe). London Philharmonic Orchestra, Dirigent Maurizio Benini. (Opera Rara 0792938004624)

Aus der Revolutionszeit

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Freude bei Freunden der französischen Romantik – der innovative Palazetto Bru Zane hat eine eigene Firma gegründet (bislang erschienen seine Aufnahmen wie zuletzt Catels Sémiramis bei Glossa wegen Hervé Niquet) und legt nun die ersten beiden wunderbaren Früchte der Bemühungen vor – wer hätte (außer ein paar Spezialisten) schon von Rodolphe Kreutzer  gehört?
Sein Mort d´Abel von 1810/1825 unter Guy Van Waas ist mit einer kompetenten Crew in Liège 2010 aufgenommen worden und liegt nun als dickes Buch mit 2 CDs vor. Leider kein deutscher Text, was ich den Beteiligten übelnehme, stellt doch Deutschland auf dem Markt neben Frankreich den wichtigsten Raum vor. Dennoch – ein wirkliches Ereignis. Das gilt auch für die erste offizielle französische Aufnahme des Amadis de Gaulle von Johann Christian Bach (1779), aufgenommen unter Didier Talpain in Prag – auch hier wirklich gute francophone Sänger und ein luxuröses Buch dazu mit zahlreichen Aufsätzen zum Thema – was leben wir in guten Zeiten.

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Und bei Glossa ist eine weitere Perle des erregenden französischen Repertoires der Revolutionszeit erschienen: Catels Oper Sémiramis unter der Gallionsfigur Henri Niquét, der jüngst in Nürnberg beim Gluck-Festival Vogels Toison d´Or aufführte (das ebenfalls bei Glossa erschien). Die spannungsvolle Musik der Übergangszeit zur Klassik ist von immensem Drive, von atemlosen Schüben der Emotionen, und die bekannte Geschichte der Königin Semiramis in Liebe zu ihrem eigenen Sohn (wie man sie ja auch von Rossini kennt) erfährt bei Catel eine packende Umsetzung. Gesungen wird mit Maria-Riccarda Wesseling, Gabrielle Philiponet, Mathias Vidal, Andrew Foster-Williams und Nicolas Maire weitgehend ebenso, zumal Niquét am Pult seines Choeur et Orchestre du Concert Spirituel in der Aufnahme aus Montpellier 2011 für flotte Tempi sorgt – außerordentlich habenswert (GCD 921025)/ Abb. Kreutzer von Riedel/ Wikipedia). G. H.

Karel Mirys Oper „Charles Quint“

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Hat je irgendwer von Karel/Charles Miry gehört? Das Online-Label 401dutchoperas hat das Konzert aus Gent vom April 2012 (Lyrica Gent unter Geert Soenen mit sehr kompetenten Solisten) mitgeschnitten und im Online-Download zum niedrigen Preis angeboten (s. unten). Es hat damit einen wirklich absolut unbekannten Komponisten zur Diskussion gestellt, der an Auber erinnert, die Grand Opéra Gounods anklingen lässt und wie ein Seismograph die (französischen) Opern der Zeit anzeigt. Der flämische Anteil Belgiens reklamiert ihn natürlich für sich, aber dennoch ist der in Gent am 14.8.1823 geborene und am 3.10.1889 eben hier gestorbene französisch (i.e. in Paris) ausgebildet worden, wenngleich der überwiegende Teil seiner Kompositionen vor allem im heiteren Sujet seiner eigenen Sprache verpflichtet ist. Die Auflistung bei Wikipedia ist in sofern kompliziert, als sie – ganz opportunistisch – die Titel nur in flämisch wiedergibt,

Karl V. mit seiner flämischen geliebten Johanna van der Ghest und ihrer gemeinsamen Tochter Johanna/Gemälde von Canéel/Museum Gent

Karl V. mit seiner flämischen geliebten Johanna van der Ghest und ihrer gemeinsamen Tochter Johanna/Gemälde von Canéel/Museum Gent

Charles V ist dennoch defintiv eine französischsprachige Oper ganz in der französischen Tradition. Der Sprachen- und Kulturstreit Belgiens wirft auch hier seinen Schatten auf die Dokumentation. Charles V war König von Frankreich (1500-1558), und die Handlung der von Miry vertonten Oper dreht sich um den Aufstand von 1537, als die Bevölkerung von Gent (das heutige Belgien gehörte in großen Teilen zuFrankreich) gegen die Fremdherrschaft durch die Franzosen aufstand und ihm den Tribut für seinen Krieg verweigerte, da ohnehin schon Hungersnöte im Lande herrschten. Charles unterdrückte den Aufstand und ließ die Aufständigen hinrichten. Der Librettist und Onkel Mirys, van Peene, führt eine fiktive Figur, den Tapisseriehändler van Gehst, ein, und der Konflikt zentriert um Charles’ Liebe zu Johanna van Gehst, dessen Tochter, die zudem – historisch belegt als Johanna van Gheynst – 1521 eine uneheliche Tochter mit Charles hatte.

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Es ist bezeichnend für einen nationalbewussten Flamen jener Zeit, ein Sujet zu wählen, das mit der wechselvollen Geschichte Belgiens zu tun hat, mit der Unterdrückung durch die Franzosen, später durch die Spanier – eben ein Land, das auch heute wegen der sprachlichen Zweigeteiltheit nicht zur Ruhe kommt. Insofern war die Aufführung in Gent 2011 auch ein politisches Signal. Aber einem Komponisten jener Zeit, zumal aus dem brabantisch/ flämischen Raum, blieb nur Paris als Ausbildungsstätte.

Nach ersten Unterweisungen in Gent selbst, dann in Brüssel am Königlichen Konservatorium ging der junge Miry mit einem Stipendium der Stadt nach Paris an das Conservatoire und kam um 1840 zurück in seine Heimatstadt. Er revanchierte sich für deren Großzügigkeit mit seiner „Gent Symphonie“ und bekam einen Posten als zweiter Dirigent an der Oper. Sein erstes Bühnenwerk ebendort entstand auf Anraten seines Onkels und späteren Librettisten Hippolyte van Peene (Eeen man te trouwen, 1845) in regionalem Dialekt, durchaus bedeutend in Hinsicht auf die nationale Unruhe im Flandern. Bis zum Charles V folgten weitere Werke in Flämisch, durchaus diese Stimmung unterstützend, so dass später Mirys ungeheuer populäres Lied Der flämische Löwe 1871 die Wahl zur Nationalhymne gewann. In der Folge dieser Popularität schrieb Miry 1856 seine Oper La Belgique ou la Règne de vingt ans wieder auf das Libretto von van Peene zum 25.Jubiläum der Regentschaft König Leopolds. 1864 folgte nun Charles V und war ein absoluter Erfolg. Miry war als nationaler Komponist etabliert. 1871 wurde das Genter Konservatorium zum Königlichen erhoben und Miry zum Direktor bestellt, ebenfalls in diesem Jahr übernimmt er auch die Position des Nationalen Inspektor der Musikinstitute und macht sich unschätzbare Verdienste um die Förderung der musikalischen Erziehung in Belgien.

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Im Ganzen muss ihm eine große Bedeutung für das Musikleben Belgiens in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zugesprochen werden, seine Vertonungen von flämischen Texten machte ihn zum Leuchtturm flämischer Musikkultur, und seine Nationalhymne lässt ihn bis heute unvergessen sein.
In musikalischer Hinsicht sieht das vielleicht ein wenig differenzierter aus. Natürlich borgte Miry heftig von den französischen und italienischen Vorläufern und Zeitgenossen. Und ich selber finde Charles V in dieser Hinsicht keine wirklich genuine Oper, sondern eben ein Konglomerat und Seismograph der herrschenden Strömungen, zudem auch im Duktus nicht sonderlich individuell. Dennoch – er war der erste belgische Komponist, der flämische Libretti in Musik setze, der folkloristische Elemente in seine Opern integrierte, der versuchte, eine nationale (in diesem Sinne eben flämische) Musiksprache zu finden. Darin war er ein wirklicher Pionier und Vorläufer Peter Benoits, der deutlicher für die Flamen sprach. In Mirys Fall scheint es, als ob dieser weniger nationalistische als vielmehr literarische Inspiration aus den flämischen Texten bezogen hat. Er war kein Anti-Franzose, wandte sich niemals gegen die französische Sprache und Kultur und schrieb ein beträchtliches Quantum seiner Werke in eben dieser Sprache, namentlich die opéras comiques.

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Im Konzert: Vincent Bertrand, Amaryllis Gregoire und Dirigent Geert Soenen/401dutchoperas.nl

Im Konzert: Vincent Bertrand, Amaryllis Gregoire und Dirigent Geert Soenen/401dutchoperas.nl

Miry war ein Multitalent, wie René Seeghers/Jan Neckers in ihrem Aufsatz in der Beilage zum Charles V betonen, ein Komponist einer Fülle von verschiedenen Genres, von der Operette über die Oper bis zu Liedern, Kantaten, Kirchenmusik, Orchester- und Kammermusikstücken, Kinderliedern – was ihm wegen seines Engagements für die Jugend- Musikerziehung besonders am Herzen lag. Und so ist es kein Wunder, dass sich diese Junge Firma 401dutchoperas, unter der Ägide der beiden genannten Musikwissenschaftlern und Autoren der Förderung der belgischen Opern- und Gesangsszene verpflichtet fühlt, eben diese Oper von Karel Miry (eigentlich als Charles Léopold Miry getauft) herausgebracht hat. Es lohnt sich unbedingt, die Website aufzurufen (401dutchoperas.nl), denn neben der erwähnten Oper (die gegen wenig Geld zum downloaden dort steht und auch eine DVD mit Ausschnitten aus dem Genter Konzert bietet) gibt es weitere und vor allem einen ganz fabelhaften Katalog historischer belgischer Sänger, auch diese zu erwerben. Es fehlt hier der Platz, darauf einzugehen, aber für mich war die Begegnung mit diesem Blick auf flämische Musik und Kultur eine enorme Wissenserweiterung – man weiß einfach außerhalb Belgiens zu wenig über diesen kulturellen Aspekt mitten in Europa, wobei ein Blick aus unserem föderativ gut funktionierenden eigenen Land auch Verwunderung ob der Verhärtung im Nachbarland aufkommen lässt, aber wir haben als Deutsche auch nicht dessen Geschichte. Geerd Heinsen

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(Charles V, Grand Opéra in 3 Akten von Charles Léopold Miry auf das Libretto von Hippolyte van Peene, UA Grand Théâtre von Gent 1857, Konzertmitschnitt Gent 2012 mit Amaryllis Gregoire, Denzil Delaere, Vincent
Bertrand, Laurent Kuba und Florence Huchet, Opera-Belcantokoor Liane Soudan, Mannenkoor „De Oudenaardse Zangvereningen“, Symfonisch Jeugorkest Oost-Vlaanderen, Leitung Geert Soenen, download bei 401dutchoperas.com)

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Eine vollständige Auflistung der bisherigen Beiträge findet sich auf dieser Serie hier.

Gott! Welch Dunkel hier!

 

„Gott! Welch Dunkel hier“. Die ersten Worte der Florestan-Arie aus Beethovens Fidelio sind einer großen Dokumentation über den  Neubeginn der Dresdener Semperoper nach dem Ende des Zweiten Krieges vorangestellt – erschienen bei Profil / Hänssler (PH 10007). Treffender kann ein Motto nicht sein. In einer einzigen Nacht war die die als Elbflorenz besungene Stadt, wo Rienzi, Rosenkavalier und Elektra uraufgeführt wurden, in Schutt und Asche gesunken. Unter den Trümmern lagen mindestens 25 000 Tote. Das derart gemeuchelte Dresden hat sich seinem Schicksal nicht klagend ergeben. Es stieg noch Rauch aus den Trümmern als wieder Musik erklang.

Die aus drei CDs und einer DVD bestehende Dokumentation, an der die DEFA-Stiftung, das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) und der MDR beteiligt sind, zeichnet die Stunde null des Dresdener Opernleben genau nach. Mit 240 Seiten hat das elegant gestaltete Textheft Buchformat. Es umfasst Zeitzeugenberichte, Analysen, biografische Details, seltene Fotos, Faksimiles, Bühnenbilder – alles in gestochener Qualität. Auf der DVD ist sogar das Innere der Semperoper vor der Zerstörung im Film zu sehen, es kommen Joseph Keilberth, Christel Goltz und Lisa Otto zu Wort.

Aldenhoff als Florestan

Bernd Aldenhoff als Florestan

So authentisch sind auch die musikalischen Aufnahmen. Es handelt sich ohne Ausnahme um Produktionen bzw. Mitschnitte des Mitteldeutschen Rundfunks aus Dresden und Leipzig, die heute im DRA aufbewahrt werden. Bis auf dem Schlussgesang der Salome mit der Golz aus der berühmten Dresdener Gesamteinspielung dürfte das Gros bislang noch nicht an die Öffentlichkeit gelangt sein. Verdi, der an der Semperoper sehr gepflegt wurde, nimmt breiten Raum ein. Neben Salome ist Christel Goltz die Elisabeth im Don Carlos, Aida, die Leonore in der Macht des Schicksals und Amelia im Maskenball. Gottlob Frick tritt als Procida (Sizilianische Vesper) und als Sarastro auf. Mit seinem hellen Heldentenor ist Bernd Aldenhoff ebenfalls gleich mehrfach präsent – als Othello, Richard/Maskenball und als Radames. Er passt vorzüglich zur Goltz. Kurt Böhme fehlt eben so wenig wie Arno Schellenberg oder Hans Hopf. Eine der großen Hoffnungen der Opernbühne, der Bassbariton Werner Faulhaber, gibt Mozarts Figaro und den Heiratsvermittler Kezal. Keine dreißig Jahre alt, sollte er – kaum, dass die Aufnahmen im Kasten waren – wenig später bei einer Bergwanderung tödlich verunglücken. Tragik umweht auch die Aufnahmen mit der liebenswürdigen, früh verstorbenen Elfriede Trötschel, die als Susanna, Pamina, Mimi und Butterfly ihrem Ruhm gebührend oft zu hören ist. Nicht unerwähnt soll Dora Zschille bleiben, die im Nachkriegsdresden über viele Jahre hinweg das hochdramatische Fach vertrat. Nach ihr ist dort sogar eine Straße benannt. Sie singt die als Gebet bekannt gewordene Arie der Tosca „Nur der Schönheit weiht‘ ich mein Leben“.

Wer immer sich für Oper interessiert, dem sei diese Dokumentation aus dem Hause Günter Hänssler wärmstens empfohlen. Nicht nur wegen der seltenen historischen Aufnahmen in gutem Klang. Nicht nur wegen der schönen Fotos. Die Box, die ohne die Sachkunde und Leidenschaft ihres Herausgebers Steffen Lieberwirth vom MDR und seiner Helfer nicht denkbar ist, weist auf ganz neue Möglichkeiten für den Musikmarkt. Ein Rundfunkarchiv wird geöffnet, seine Schätze gelangen auf ganz legalem Wege dorthin, wo sie hingehören – an die Ohren einer interessierten Öffentlichkeit. Das ist auch Werbung für alle beteiligten Seiten, denn neben den schon eingangs genannten Partnern haben die Semperoper selbst, der NDR Kultur, der Deutschlandfunk, die Sächsische Landesbibliothek sowie die Staats- und Universitätsbibliothek Dresden das Ihre beigesteuert.

Fidelio Dresden

Noch ein Foto aus dem Textheft: Christel Goltz, Gottlob Frick und Elfride Trötschel (von links) in „Fidelio

Die Fortsetzung folgte prompt –  Vol. 2 der Hänssler-Semperoper-Edition (PH10033). Sie ist der Festaufführung von Beethovens „Fidelio“ anlässlich der Eröffnung des Großen Hauses der Staatstheater Dresden am 22. September 1948 gewidmet. Das einstige Schauspielhaus sollte bis zur Einweihung der wiederaufgebauten Semperoper 1985 Spielstätte für Opernaufführungen in der zerstörten Stadt sein. Der Mitschnitt der Aufführung hat sich nicht in Gänze erhalten. Er teilt damit das Schicksal einer späteren Rundfunkproduktion des Werkes in der DDR mit Hanne-Lore Kuhse  in der Titelrolle, von der wenigsten alle Szenen der Leonore noch vorhanden sind. Das ist bei dem frühen Mitschnitt leider nicht so. Die große Arie der Leonore – die Partie wurde von Christel Goltz gesungen – fehlt ebenso wie die Arie der Marzelline (Elfride Trötschel), deren Duett mit Jaquino (Erich Zimmermann), die Arie des Rocco (Gottlob Frick)  und der Gefangenenchor. Ohne Dialoge passt die Musik auf eine CD. Es muss eine packende Aufführung unter Leitung von Keilberth gewesen sein. Alle Mitwirkenden – zu nennen sind noch Aldenhoff als Florestan, Josef Herrmann als Pizarro und Heinrich Planzl als Fernando – sind sich der Bedeutung des großen Augenblicks bewusst. Mit solcher Hingabe dürfte diese Oper selten aufgeführt worden sein. Umso beklagenswerter ist es, dass nicht alles überliefert ist.

Die Entscheidung der Herausgeber, darunter wieder das Deutsche Rundfunkarchiv, der MDR, der NDR und die DEFA für den Torso ist dennoch richtig. Er genügt, um das kulturelle Ereignis in seiner historischen Bedeutung angemessen darzustellen, zumal es – wie vom Label bereits mehrfach praktiziert – eine ergänzende DVD gibt mit Berichten über die Aufführung, Erinnerungen von Zeitgenossen wie der Sängerin Lisa Otto, die seinerzeit in Dresden wirkte. Auch Project director Steffen Lieberwirth kommt zu Wort. Er erzählt die spannende Geschichte der Ouvertüre, die zunächst dem Archivmaterial nicht zugeordnet werden konnte, schließlich aber doch zweifelsfrei identifiziert wurde. Die Handschrift von Lieberwirth ist auch dieser Ausgabe anzumerken.

Rüdiger Winter

 

 

 

 

 

Donizettis „Duca d´Alba“/ II

 

Eine spannende Vorgeschichte hat die neue Aufnahme des Donizettianischen Duca d´Alba, der jüngst an der Vlaamse Opera erstmals im originalen Französisch (ergänzt/neukomponiert von Battistelli) aufgeführt wurde. Eigentlich war der für das Radio- Festival Montpellier 2007 geplant, aber die Edition wurde nicht fertig, und da schwenkte man kurzentschlossen auf die bekanntere italienische Version von Salvi um, wie sie bereits Maria Vitale bei der RAI 1951 gesungen hatte. Enrique Mazzola (Foto/RFM) leitet seine Kräfte im Duca d´Alba mit avec, kraftvoll und zupackend, wenngleich mit Inva Mula eher eine kleine Stimme für die Amelia bereitsteht. Auch Arturo Chácon-Cruz ist nicht wirklich ein Belcanto-Tenor, schiebt aber doch einen guten Job. Francesco Ellero d´Artegna macht aus der Procida-Partie des Sandoval (fast das gleiche Libretto wie Verdis Vêpres Siciliennes) düsteres Dräuen, und Franck Ferrari ist ein edler, sonorer Graf von Alba und verzweifelter Vater. Es ist schön, endlich eine neue Stereo-Aufnahme dieser Oper zu haben, wenngleich „nur“ in der weniger Donizetti-authentischen Version (Accord 480 0845), während man auf die originale französische weiter warten, und gute Kenntnisse in eben dieser Sprache für die beigelegte und sehr lässliche beigelegte DVD zu Werk und Aufführung haben muss.

G. H.