Archiv des Autors: Rüdiger Winter

Heimliches aus der DOB

 

Die Deutsche Oper öffnet weiter ihre Schränke, Hurra! Nach Don CarlosDon Giovanni und Fidelio kommt nun die Heimliche Ehe Cimarosas in der 1967 gesungenen Popelka-Version. Die Aufführung hat sich gut gehalten – das heutige Auge freut sich an Filippo Sanjusts genialer Szenerie, und Gustav Rudolf Sellners Regie ist noch immer schräg-lustig und erfrischend. Und was für eine Besetzung! Josef Greindl macht aus seinen unitaliensichen Tönen gar keinen Hehl und erschüttert als eitler Papa Geronimo das Zwerchfell, Barry MacDaniel (neben Erika Köth) ist sein wunderbar gesungenes und dazu hochattraktives Selbst, Donald Grobe sein Tenor-Partner wie in hunderten anderer Aufführungen. Lisa Otto zischt resch über die Bühne, und Patricia Johnson als männergeile Tante Fidalma erfüllt alle meine Erinnerungen an sie, was für eine Komödiantin (und bis heute für mich unübertroffene Marcellina!). Lorin Maazel dirigiert wie der Teufel diese in die Beine und die Tränen gehende Aufnahme, die nur in der gewissen schwarz-weißen Gräue ihr Alter nicht verleugnet. Aber welcher Spaß (Arthaus 101 625)!

G. H.

Alles ist Original

Der Dirigent Karl Richter scheint auf dem DVD-Musikmarkt eine tüchtige Lobby zu haben. Und das ist gut so – weil verdient. Nachdem bei Deutsche Grammophon die von ihm geleiteten großen Bach-Oratorien, die Brandenburgischen Konzerte und eine lebensbeschreibende Dokumentation zu haben sind, widmet sich das Label Conventus Musicus akribisch der wichtigsten Schaffensperiode des Dirigenten: Karl Richter in München 1951-1981. Einmal stehen sein Bach-Chor und sein Bach-Orchester im Mittelpunkt (CM 2131), der zweite Titel der kleinen Reihe widmet sich auf zwei DVDs in aller Ausführlichkeit den Solisten, Konzerten und Tourneen (CM 2130). In beiden Fällen ist Johannes Martin der Autor, dem das private Richter-Archiv offen stand. Entsprechend üppig ist die Ernte, die eingefahren wird. Überwältigend die Fülle der Live-Mitschnitte, die in breiten Passagen zitiert werden. Dazwischen erscheinen auf dem Bildschirm ganz seltene Fotos und private Filme, die den nach außen ehr verschlossen wirkenden Dirigenten ungemein locker und gelöst vorstellen. Es kommen Musiker und Sänger (darunter Antonia Fahberg, Hertta Töpper oder Ernst Haefliger) zu Wort, mit denen Richter oft und gern gearbeitet hat – und die allesamt etwas zu sagen haben.

Bei dieser Dokumentation kommen die Macher ganz ohne das heute üblich gewordene Beiwerk und ohne jeden Schnickschnack aus. Nichts wird nachgestellt. Alles ist Original. Hin und wieder fühlte ich mich an eine Diashow erinnert, die jedermann am heimischen PC selbst herstellen kann. Das scheint mir in der Absicht des Herausgebers zu liegen, der sich von filmischer Meterware deutlich absetzen will. Professionalität entsteht durch die Exklusivität des Materials und seiner Ordnung und nicht so sehr durch filmische Raffinesse, bei der der Inhalte schnell zur Nebensache wird. Aber die Zuschauer sollten schon wissen, wer die Fahrberg oder Haefliger sind, um diese DVDs genießen und würdigen zu können.

Rüdiger Winter

Flagstad-Hommage

 

Wie altes Gold leuchtet die Stimme der Kirsten Flagstad auf den späten Aufnahmen der Deccadie nun noch einmal und durch die Norwegischen Hymnen (in einer Radioaufnahme von 1960) ergänzt in einer bedeutenden Box (The Kirsten Flagstad Edition – The Decca Recordings) wiederaufgelegt worden sind. Nach der Indiskretion von Elisabeth Schwarzkopf (die ihr die hohen Cs im Furtwängler-Tristan sang und dann darüber plauderte) und einigen Querelen mit der EMI wechselte die tief verletzte Flagstad zur Decca, für die sie Soundzauberer John Culshaw gewann und für seinen Solti-Ring erwärmen konnte. Bedingung der Flagstad für diesen Wechsel war die Veröffentlichung der in Oslo in der Universität 1956 aufgenommenen Götterdämmerung, was Culshaw zähneknirschend in Kauf nahm, plante er doch einen eigenen Ring. Diese legendäre und lange verschwundene Aufnahme der (fast kompletten) Götterdämmerung unter Olvin Fjelstad mit der Flagstad (das herrliche Foto zeigt sie bei der Aufnahme/Flagstad Museum Hama mit Dank) als Brünnhilde, ihrer Schwester Karen Marie Flagstad, der ganz jungen Ingrid Bjoner und Set Svanholm ist zeitgleich nun bei Naxos (8.112066-69) genial überspielt herausgekommen, die Flagstad im Vollbesitz ihre gestalterischen Kräfte.

Aber es ist die Decca-Box (0028947839309), die auf 11 CDs mit ihren Schätzen die pastose,

Aufnahme zur Götterdämmerung in Oslo

Aufnahme zur Götterdämmerung in Oslo

majestätische und herrlich fließende Stimme wie dunkles Gold aufleuchten lässt – die unübertroffenen, tränenrührenden Grieg- und Sibeliuslieder, Mahlers Lieder, die Wesendoncklieder unter Knappertsbusch, die Wagner-Opern-Ausschnitte, die Vier ernsten Gesänge und Flagstads Würde in den Liedern von Schumann, Wolf oder Strauss, die ganz wunderbaren Geistlichen Arien und Lieder (einschließlich Bortniansky!). Bach und Händel, dazu hinzugekauft Norwegische Hymnen – welche Größe, welch uneitles Pathos. Ich bin mit diesen Aufnahmen aufgewachsen – diese und EMIs Dido und vielleicht auch Deccas Alceste zeigen die Flagstad als das, was sie vielleicht am ehesten war – eine Künstlerin des großen Herzens eher als eine Opernsängerin, wenngleich ich ihre Isolde nicht missen möchte. Was für eine Frau, was für eine Stimme!

Geerd Heinsen

Die ersten Töne vom Grünen Hügel

 

Auf zwölf CDs wird die Besetzung der Werke Richard Wagners auf dem Grünen Hügel bis zum Ende des nachhaltigen Wirkens seiner Witwe Cosima so vollständig wie nur möglich rekonstruiert. Im Zentrum stehen die legendären Aufnahmen der Gramophone and Typewriter Company (G&T), die 1904 in einem Bayreuther Hotel mit dem Ziel entstanden sind, Festspielsänger authentisch zu verewigen. Liegen von einem der Sänger oder einer der Sängerin keine Aufnahmen von in Bayreuth dargestellten Rollen im genannten Zeitraum vor, wird auf spätere Einspielungen beziehungsweise andere Titel, die nicht selten auch weit nach 1906 aufgenommen wurden, zurückgegriffen. Im Idealfalle aber – und das ist zum Glück ziemlich häufig der Fall – hören wir das, was Bayreuthbesucher schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vernommen haben.

Johanna Gadski

Johanna Gadski

Das sehr umfangreiche und akribisch angelegte Beiheft – jetzt wesentlich professioneller gedruckt als bei der ersten Auflage – stellt dieses komplizierte Netzwerk einer wissenschaftlichen Arbeit gleich übersichtlich und gut nachvollziehbar dar. Um nur ein Beispiel zu nennen: Leopold Demuth hat den Hans Sachs in Bayreuth gesungen und ist mit dieser Rolle auch dokumentiert, wenngleich der Auftritt 1899 stattfand, die Platte aber erst im Mai 1909 – also drei Jahre nachdem Cosima die Festspielleitung an ihren Sohn Siegfried abgegeben hatte. Ein Blick  genügt, und wir wissen bestens Bescheid und müssen uns fortan nicht mehr durch einen Berg von Bayreuthliteratur, die sich nicht selten als unzuverlässig erweist, arbeiten. Für sich genommen, ist dies schon eine außerordentlich bedeutsame Leistung, die wir dem Herausgeber der Edition Michael Seil zu verdanken haben. Wer ist dieser Mann? Ein Lehrer für Erdkunde aus der Gegend um Heilbronn mit solider musikalischer Grundausbildung, der nebenbei auch noch singt – also „einer vom Fach“, wie er selbst sagt. Das ist ehr untertrieben, denn wir dürfen Seil getrost den Mann vom Fach nennen, wenn es um Wagner aus der Pionierzeit der Schallplatte geht. Die Edition beschäftigte ihn 14 Jahre lang. Das heißt: Er war erst 18, als er damit begann, alte Schellackplatten zusammenzutragen und in ein ordnendes Prinzip zu stellen. Inzwischen füllen diese Platten – wie er es launig ausdrückt – ein „halbes Haus“. Weltweite Kontakte wurden geknüpft, um Lücken zu schließen. Sammler öffneten bereitwillig ihre Archive. Ohne deren Hilfe wäre nicht möglich gewesen, was wir heute in Form dieser Sammlung in Händen halten. Seil weiß diese Unterstützung sehr zu schätzen. Das eigentliche Wunder aber – um im Wort des Anfangs zu bleiben – ist die akustische Qualität der mehr als 300 einzelnen Dokumente von 93 Sängern und vier Dirigenten. Dafür ist Christian Zwarg zuständig, der wie Seil musikalisch ausgebildet ist.

Erik Schmedes

Erik Schmedes

Die Arbeit beginnt damit, dass eine möglichst gut erhaltene Schelllackplatte des jeweiligen Stücks vorliegen oder erst aufgetrieben werden muss, die dann mit der Partitur abgeglichen wird. Ist dieses nicht eben geringe Problem gelöst, braucht es die richtige Abtastnadel – auch eine Wissenschaft für sich. Denn Nadel ist nicht gleich Nadel. Schier unübersehbar ist die Anzahl der Produkte. Die Platte muss schließlich genau zentriert, die richtige Umdrehungszahl – hier gibt es erhebliche Abweichungen – gefunden werden. Das braucht seine Zeit. Berücksichtigt werden wollen die akustischen Bedingungen in den einzelnen Aufnahmestudios. An Hand einer Spektralanalyse werden störende Nebengeräusche herausgefiltert und behutsam entfernt. Mit einer von Zwarg entwickelten Software lassen sich schließlich die bei der Einspielung entstandenen Verzerrungen zurückrechnen. Eine größtmögliche Annäherung an das Original scheint nunmehr gegeben. Besser geht es wohl nicht. Die Altvorderen rücken näher an uns heran. Wir hören sie neu und müssen Eindrücke, die wir aus anderen Sammlungen gewonnen haben, vergessen. Auch wenn das Knistern verschwunden ist, die historische Distanz wird nicht aufgehoben – soll sie bitte schön auch nicht. Sie wird plausibel und zwar in dem Sinne, dass wir uns wesentlich besser vorstellen können, wie damals gesungen wurde. Wichtiger ist allerdings die Frage, warum damals so und nicht anderes gesungen wurde. Auch dafür finden sich in der Edition genügend Beispiele. Richard Wagner zumal hat mit seinen Werken, die sich schon der Genrebezeichnung nach (Handlung, Bühnenfestspiel, Bühnenweihfestspiel etc.) vom Opernschaffen seiner Zeit deutlich abhoben, eine Revolution losgetreten. Was heute oft vergessen wird: Diese Werke sollten und mussten auch anderes dargeboten werden, und sie mussten vor allem deutlich vorgetragen werden, damit sich dem ungeübten Ohr die ganze Tiefe des symbollastigen Inhalts erschloss.

Wort und Ton fanden zu gesteigerter Gleichberechtigung, die es so niemals zuvor gegeben hatte. Deutlichkeit ging über alles. Wir kennen die Zitate.

Ein ganz anderer Gesangsstil musste her. Diese Herausforderung war von Sängern, die nur der Virtuosität verpflichtet und dem Theaterschlendrian des 19. Jahrhunderts verfallen waren, nicht zu leisten. Nur so erklärt sich der Plan für eine Stilbildungsschule, der aber auch deshalb scheitern musste, weil an die Stelle des kühnen Ansatzpunktes alsbald der ignorante Alleinvertretungsanspruch der orthodoxen Bayreuther Ideologen trat. Kurz um: Die Edition vermittelt, wie sich Sängerinnen und Sänger unter den Augen und Ohren der allmächtigen Wagner-Witwe und ihres Adlatus’ Julius Kniese in neuen Ausdrucksform versuchten. Das macht großen Eindruck, wenngleich etliche Versuche übertrieben scheinen und sich zu Recht den schon damals verbreiteten spöttischen Vorwurf der Konsonantenspuckerei verdienen. Wie dem auch sei: Die Sänger der Cosima-Ära haben Grenzen durchstoßen und den Weg zu neuen Ufern des Musiktheaters gewiesen. Die Edition von Zwarg und Seil, die nunmehr beim Label

Ernestine Schumann-Heink

Ernestine Schumann-Heink

Panclassics (PC 10288) neu herausgekommen ist, bleibt uns dafür keinen Beweis schuldig.Und das sind die Sänger: Georg Anthes, Josephine von Artner, Hermann Bachmann, Anna Bahr-Mildenburg, Alfred von Bary, Paul Bender, Rudolf Berger, Theodor Bertram, Willi Birrenkoven, Sophie Bischoff-David, Robert Blass, Emil Borgmann, Marianne Brandt, Ellen Brandt-Forster, Carl Braun, Hans Breuer, Otto Briesemeister, Alois Burgstaller, Peter Cornelius, Lorenz Corvinus, Max Davison, Leopold Demuth, Emmy Destinn, Marie Dietrich, Andreas Dippel, Ernest van Dyck, Emilie Feuge-Gleiss, Katharina Fleischer-Edel, Gertrude Foerstel, Moritz Frauscher, Olive Fremstad, Fritz Friedrichs, Johanna Gadski, Emil Gerhäuser, Carl Gillmeister, Pelagie Greef-Andriessen, Wilhelm Grüning, Ellen Gulbranson, Alois Hadwiger, Frieda Hempel, Agnes Herrmann, Emilie Herzog, Allan C. Hinckley, Luise Höfer, Adolf von Hübbenet, Giuseppe Kaschmann, Hans Keller, Beatrix Kernic, Hermine Kittel, Paul Knüpfer, Marie Knüpfer-Egli, Ernst Kraus, Felix von Kraus, Adrienne von Kraus-Osborne, Frieda Langendorff, Martha Leffler-Burckhard, Lilli Lehmann, Carl Lejdström, Max Lohfing, Dezsö Matray, Richard Mayr, Willy Merkel, Ottilie Metzger, Lillian Nordica, Alois Pennarini, Franz-Josef Petter, Olga Pewny, Thila Plaichinger, Leon Rains, Luise Reuss-Belce, Anton van Rooy, Cäcilie Rüsche-Endorf, Alma Saccur, Ida Salden, Karl Scheidemantel, Robert vom Scheidt, Erik Schmedes, Hermann Schramm, Hans Schütz, Ernestine Schumann-Heink, Katharina Senger-Bettaque, Anton Sistermans, Walter Soomer, Mihaly Takats, Milka Ternina, Josef Tyssen, Fanchette Verhunk, Ernst Wachter, Edyth Walker, Clarence Whitehill, Hermann Winkelmann, Erik Wirl, Konrad von Zawilowski.
Rüdiger Winter

Keiner wie er

 

Für dieses Buch musste der Berliner Musikschriftsteller Einhard Luther nicht in die Archive steigen, Zeitzeugen befragen und alle möglichen anderen Quellen anzapfen. Er schöpft aus seiner ganz persönlichen Erinnerung, seinen  Aufzeichnungen, seinem fotographischen Gedächtnis – kurz, aus dem unversiegbaren Funds seiner langjährigen Freundschaft mit dem Heldentenor Max Lorenz. Der steht im Mittelpunkt des Buches „Keiner wie er“. Der Verdacht, allzu große Nähe zur historischen Person, deren Leben und Wirken eine Biographie zum Gegenstand hat, birgt die Gefahr von Verblendung mit sich, kommt bei Luther gar nicht erst auf. Er wollte ein sehr persönliches Buch über Lorenz schreiben, das nicht nur den Künstler sondern auch den Menschen gebührend heraus stellt. Das ist vorzüglich gelungen. Zunächst lässt der Autor immer die gesicherten Fakten sprechen, die er dann mit viel Fleisch versieht und auch anekdotisch ausschmücken versteht. Zustande gekommen ist ein Buch, das aus dem Vollen schöpft, vor prallem Leben und Sinnlichkeit nur so strotzt.

Luther arbeitet sehr deutlich heraus, dass Lorenz seinen künstlerischen Weg mit einer Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit ging wie sie nur den wirklich großen Talenten gegeben ist, weil die Entschlossenheit Teil des Talents ist.

Lorenz hat in dunkler Zeit Aufrichtigkeit und Zivilcourage gezeigt, fest zu seiner jüdischen Frau gehalten und sich wegen seiner Homosexualität nicht erpressen lassen.

Dass er im Dritten Reich dennoch die unangefochtene Nummer Eins in seinem Fach war, ist – und daran besteht nicht der geringste Zweifel – einzig seiner Leistung als Sänger geschuldet. Wagner-Aufführungen wären ohne ihn völlig unmöglich gewesen, so sehr verkörperte er stimmlich wie darstellerisch die tragischen Helden des Bayreuther Meisters. Keiner wie er!

In dem Buch wird das sehr ausführlich und genau geschildert, mit teilweise sehr seltenen Fotos auch üppig illustriert. Mir ist Max Lorenz, dessen Schallplatten einst den Grundstock für die eigenen Sammlung legten, durch die Lektüre noch näher gekommen, und ich habe alle seine Aufnahmen, die allerdings nur einen Abglanz seiner tatsächlichen Wirkung darstellen dürften, wieder gehört. Luther hat mir für manches Detail, manche Rolle, die auf Tonträgern erhalten ist, neue Einsichten beschert. Das geschieht bei ihm nicht akademisch und mit dem besserwisserisch erhobenen Zeigefinger.

Dieser Autor hat eine Lust am Erzählen, kommt wie jeder gute Erzähler vom Hundertsten ins Tausendste.

Einem durchaus ersten Unterfangen wie es die Biographie über einen Heldentenor darstellt, werden auch sehr vergnügliche Seiten abgewonnen. Das machte für mich das Buch so gut lesbar – und am Ende war ich traurig, als ich es durch hatte. Es hätte noch viel länger und umfangreicher sein können. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass nicht alles gesagt ist. Einhard Luther entlässt seine Leser in die Neugierde, sich mit neu gefundenen Einsichten dem Sänger wieder stärker zuzuwenden, die Platten und CDs hervorzuholen und das für sich selbst nachzuspüren, was man eben gelesen hat. Andere, die Lorenz weniger gut kennen, werden hoffentlich ermutigt, sich mit einem der letzten Heldentenöre, wenn nicht dem letzten, zu befassen. Der Autor setzt spezielles Insiderwissen nicht zwangsläufig voraus.

Die CD von Preiser

Die passende CD von Preiser

Keiner wie er!  Wie die Überschriften der einzelnen Kapitel, ist auch der Titel des Buches dem Werk Richard Wagners entlehnt. Die jeweiligen Zitate sind durch Faksimiles aus den Klavierauszügen belegt. „Keiner wie er so hold zu werben weiß!“ Mit diesen Worten reagiert der Chor auf der Festwiese der „Meistersinger“ beglückt auf Stolzings Preislied. Genau darauf bezieht sich der Buchtitel. „Keiner wie er“ kommt im Werk Wagners aber noch an einer anderen Stelle vor, nämlich im Schlussgesang der Brünnhilde, als sie Siegfrieds Treulosigkeit beklagt: „Die treueste Liebe trog keiner wie er!“ Zufall? Gewiss. Doch bei Einhard Luther, der die Operndichtungen Wagners bekanntlich nur so aus dem Ärmel schüttelt, kann man sich da nie ganz sicher sein. Das Buch erschien bei Pro Business GmbH, 191 Seiten, ISBN 978-3-86805-409-5. Passend dazu hat das Label Preiser eine CD mit gleichem Titel herausgebracht, auf der Lorenz in seltenen Live-Aufnahmen zu hören ist.

Rüdiger Winter

Rüdiger Winter

 

Rüdiger Winter wollte seit frühester Jugend nichts anderes als Journalist werden. Er ist es geworden und geblieben, hat ein entsprechendes Studium durchlaufen, wünschte sich wie alle Journalisten ganz hoch hinaus und blieb doch immer in den Niederungen des schönsten Berufstandes der Welt unterwegs. Er wäre gern Musikkritiker geworden, der Hörfunk und die Zeitungen – darunter etliche namhafte Blätter – wollten ihn aber immer dort haben, wo sich Menschen ganz unmittelbar angesprochen fühlen – nämlich im Lokaljournalismus.  Der gebürtige Landmensch hat wohl ein besonders Händchen dafür.  So ist die Musik der freien Zeit vorbehalten geblieben.  Und das ist auch gut so. Die Mitarbeit an Operalounge.de, der bereits eine freie Tätigkeit bei einem anderen Opernmagazin voraus ging, ist die späte Erfüllung des alten Wunsches. Richard Wagner, der musikalische Hausgott von frühester Jugend an, hat diese Position bis jetzt behalten. Trotz aller Liebe zu Schubert und Mozart, zu Verdi, Bruckner, Mahler und Sibelius. Die Reihe ist nach hinten offen und endet noch längst nicht mit  Schostakowitsch, Lortzing, Wolf, Strauss, Pfitzner oder Loewe.

Kirsten Flagstad ganz nah

 

Nie war ich Kirsten Flagstad so nahe wie in ihrem Geburtshaus in Hamar. Eineinhalb Eisenbahn-Stunden nördlich von Oslo gelegen, eine schlichte Stadt. Der stattliche Bahnhof, hier und da ein altes Haus, ein Grand Hotel, eine Terrasse unter einer Pergola lassen einstigen Wohlstand erahnen. Inzwischen hat sich eine gewisse Tristesse über Straßen und Plätze gelegt. Das Letzte, woran der Flaneur an diesem abgeschiedenen und uncharmanten Ort im Norden Europas denken würde, ist die Flagstad. Diese hohe Frau, durch und durch Dame wie es sie heute kaum mehr gibt, die nie ohne Perlenkette aus dem Haus ging, den kostbaren Pelz über die Schultern geworden.

Wer sie noch persönlich erlebt hat, spricht zu allererst von der raumgreifenden Wirkung, das ihr Erscheinen hatte. Betrat sie einen Raum – von der Bühne gar nicht erst zu reden – stocke den Anwesenden der Atem. Dabei soll sie sehr herzlich ein einfach gewesen sein.

Flagstad 1

Vor dem Eingang des bescheidenen Geburtshauses steht eine Stele mit der Büste der Sängerin

Herzlich und einfach, das sind die Attribute, die sich hauptsächlich mit ihrem Geburtshaus verbinden, weniger Pelz und Perlenkette. Das einstöckige Holzhaus, etwas abschüssig mitten in der Stadt gelegen, ist keine Villa wie jenes komfortable Anwesen in Kristiansund an der Atlantikküste, das sie auf der Höhe ihres Ruhms bis zum Tod 1962 bewohnte und das den angemessenen großbürgerlichen Rahmen für das glanzvolle Leben dieses Weltstars abgab. In Hamer muss sich der
Gast Kirsten als Kind einer Musikerfamilie denken – der Vater Dirigent, die Mutter Pianistin. Ölgemälde aus späteren Jahren zeigen die Mutter streng, den Vater versonnen und selbstbewusst. Obwohl dieses enge Haus der authentischsten aller Orte ist, das kleine Mädchen, das auf der
engen Stiege zum oberen Geschoss herumhüpft, konnte ich mir nicht vorstellen.

Dafür sind die Devotionalien, die allesamt aus jenen Jahren stammen, als die Flagstad an der Met, an der Scala, in London, Zürich, Paris oder Wien ihre größten Erfolge feierte, zu überwältigend. Sie haben nichts mit den einfachen und schlichten Jugendjahren in diesem Provinznest zu
tun. Sie sind hier untergebracht, weil es sonst keinen anderen persönlichen Ort der Erinnerung gibt. Die Villa in Kristiansund ist verkauft, die Asche ins Meer gestreut. Es gibt kein Grab von Kirsten Flagstad.

Schmuck der Londoner Didon

Diesen Schmuck trug die Flagstad als Purcellsche Dido 1951 im Londoner Mermaid Teatre

Das berühmte Kostüm der Brünnhilde mit Federhelm, Schild und Speer scheint einen der kleinen Räume fast zu sprengen. Zu sehen ist auch, was sie als Isolde, Elisabeth und Kundry trug. Hier wie da ist die allzu große Nähe der Wirkung der Modelle nicht zuträglich. Dies gilt nicht für den Schmuck, den die Flagstad als Purcellsche Dido 1951 im Londoner Mermaid Teatre trug, und der es wenig später auch auf das Plattencover der Studioproduktion von Dido and Aeneas brachte. Diadem, Ohrgehänge und Kette scheinen aus purem Gold gearbeitet. In einer anderen Vitrine glänzt der Pokal, den sie bei der Verabschiedung in der Metropolitan Opera als Alceste mit beiden Armen als strahlende Siegerin hoch hält. Ein prunkvolles Bett, über das ein feiner Morgenmantel und ein Negligé aus feiner Spitze geworden sind, bildet einen grellen Kontrast zur Einfachheit des Standorts.

Diskrete Besucher gehen schnell daran vorbei. Ich jedenfalls möchte nicht wissen, wie Kirsten Flagstad auf dieser Liegestatt geruht hat. Guten Geschmack verraten alle möglichen persönlichen Gebrauchsgegenstände wie Necessaires, Schminkkoffer, das grüne Reiseglas für den Sherry.

Gemälde aus den 30er Jahren

Ein Ölgemälde der Sängerin aus den Dreißiger Jahren

Niemand kann die Fotos zählen, die die Wände fast aller Zimmer übersäen. Sie dokumentieren eine lange Karriere, an deren Anfang nicht Wagner stand sondern das ganz normale Repertoire eines jungen begabten Soprans – einschließlich Auftritte in Operetten wie Vetter aus Dingsda oder Fledermaus. Zeit braucht es, sich in die vielen dicken Bände mit den gesammelten Kritiken, Besprechungen und anderen Veröffentlichungen zu vertiefen. Eine Diskographie, die in den USA
als Dissertation angenommen worden war, leistet das akustische Erbe der
Sängerin, das bekanntlich sehr umfangreich ist, in allen seinen Verzweigungen auf. Verfolgt wird die Veröffentlichungsgeschichte jede Arien, jedes Liedes, jeder Szene. Wann, wo, wie ist welche Aufnahme erschienen? Der Autor erbringt den Beweis, dass dies tatsächlich wissenschaftliche Forschungsarbeit ist und keine aberwitzige Sammlerwut. Die freundliche und kompetente Führung erklärt geduldig. Auf Wunsch werden Platten und CDs aufgelegt. „Mild und leise wie er lächelt….“ Einmal das Geburtshaus von Kirsten Flagstad besuchen! Der lang gehegte Wunsch hat sich erfüllt.

Ich bin zufrieden und tief bewegt. Bin ich auch der Sängerin näher gekommen? Nein. Ich bin ihr ja längst nahe, wenn ich mich in ihre Aufnahmen versenke. Das ist die Begegnung mit der Ewigkeit. Kostüme und Bettgestelle werden eines Tages nicht mehr da sein.“

Wer will, kann das Kirsten-Flagstad-Museum in Hamar auch im Internet besuchen, virtuell durch die Räume gehen, in Fotoalben blättern, Bücher und CDs bestellen. – Das große Foto oben zeigt Kirsten Flagstad bei einem Treffen mit dem Komponisten Jean Sibelius, dessen Orchesterlieder sie bei der EMI einspielte. Rüdiger Winter