Archiv des Monats: Januar 2022

Germaine Lubin

Kennt noch jemand die wunderbare Stimme der Germaine Lubin? Die schöne, blonde und skandalumwitterte Sopranistin der französischen und deutschen Vor/Kriegszeit? Die unvorsichtige, politikblinde Heroine, die 1939 noch in Bayreuth und während der Besatzung in Paris vor deutschen Offizieren sang? Die dem Vernehmen nach auch eine starke Liaison mit einem hohen Wehrmachtsrang hatte? Die nach dem Krieg Geächtete und in der Schweiz lebende Verarmte? Sie wurde zum weiblichen Sündenbock einer bigotten Nation, die in Teilen kollaboriert und die ihre faschistische Vergangenheit bis heute nicht bewältigt hat. Frauen, die deutschen Soldaten geliebt hatten, wurden die Köpfe geschoren und und mit Schlägen durch die Straßen getrieben. Das blieb Germaine Lubin wie der Arletty, Janine Micheau und anderen erspart, aber sie konnte nicht mehr auftreten und zog sich – enteignet und gebrochen – in die Schweiz zurück. Wie weit sie nur ignorant-naiv oder doch politisch dem Nazi-Regime zugetan war, lässt sich nach so langer Zeit nicht mehr klären. Dass sie keinen Instinkt für die politische Situation hatte ist eindeutig. Ich mag sie nicht verurteilen, weil ich damals nicht gelebt habe. Und sie hat sicher niemanden zu Tode gebracht. Für mich  ist sie eine der ganz großen Stimmen jener Zeit, eigentlich bis heute. Ihre Isolde, ihre Elisabeth, ihre Alceste zählen für mich zu den wirklichen Immortellen meiner Sammlung. Und vielleicht zählt es zu unseren Aufgaben bei operalounge.de an diese große Sängerin zu erinnern, sie erneut vorzustellen und ihr mit einem historischen Interview eine Hommage zuteil werden zu lassen.

Die betörende Germaine Lubin/ OCA

Germaine Lubin, die unvergleichliche Sopranistin der Vorkriegszeit in Frankreich, wurde am 1. 2. 1890 geboren und starb am 27. 10. 1979 in Paris. Nach einem Medizinstudium begann sie bei der bedeutenden älteren Kollegin Felia Litvinne und anderen mit dem Gesangsunterricht und debütierte 1912 als Offenbachs Antonia an der Pariser Opéra-Comique. Sie galt in ihrer Zeit als die große und herausragende Stimme und Darstellerin für die Rollen Glucks und Rameaus, auch der französischen Spätromantik, ebenso Mozarts (sie sang die Donna Anna unter Bruno Walter bei den Salzburger Festspielen), vor allem aber Wagners, dessen Isolde und Kundry sie nicht nur in Bayreuth, sondern auch in Wien, Prag, Brüssel und andernorts gab. Sie gilt noch heute als eine bedeutende Wagnersängerin des vergangenen Jahrhunderts, und es war die Liebe zu Wagner, die ihr wegen ihrer unglücklichen Entscheidung, noch unmittelbar vor Kriegsausbruch in Bayreuth 1938/Kundry und 1939/Isolde und dann auch 1941 in Paris die Isolde vor der deutschen Besatzung zu singen, Auftrittsverbot und Verfolgung nach dem Krieg durch ihr eigenes Land einbrachten. Denn nach zahlreichen Prozessen und Wiedergutmachungsbestrebungen war sie schließlich stimmlich nicht mehr in der Lage, den großen Partien von einst gerecht zu werden. Eines der letzten Interviews kurz vor ihrem Tode gab sie unserem inzwischen verstorbenen Kollegen Manfred Strauss, das wir hier  in Auszügen wiedergeben. G. H. 

Germaine Lubin chez elle/Foto Isoldes Liebestod

Sie waren eine der größten Opernsängerinnen dieses Jahrhunderts, eine Isolde und eine Kundry, die man heute noch für unerreicht hält. Sie haben lange Zeit geradezu über die Oper geherrscht. Sie haben als Frau vielleicht nach zu viel Glück gestrebt. Sie galten auch als anspruchsvoll,  launisch und arrogant. Würden Sie dieses Leben gern noch einmal leben wollen? Anspruchsvoll ja , launisch nein. Ich arbeitete viel, man beneidete mich sehr darum, man war auf mich neidisch, und man hat es mich spüren lassen. Sicher war ich arrogant, das ist wahr. Ich gebe zu, dass ich nie verstanden habe, mich für  meine Gaben entschuldigen zu müssen. Man hatte mich zu einer gewissen Zeit um Gefälligkeiten, um Auftritte gebeten, und ich habe  diese Wünsche erfüllt, auch wenn mich das später viel kostete. Mit meinen Kollegen war ich nicht immer sehr nett, das ist auch wahr. Aber dasselbe kann ich von ihnen sagen – sie waren oft boshaft mir gegenüber. Für die Welt der Oper war ich vielleicht ein Monument,  aber nicht für Frankreich und Paris, das alles habe ich anderswo und nicht in Frankreich verwirklicht, in Deutschland, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, England, Spanien, Portugal. Aber ob ich das alles noch einmal erleben möchte? Nein. Nein, das möchte ich nicht. Ich habe alles erreicht, was ich wollte, habe die schönste Sache der Welt – nämlich Tristan und lsolde – gesungen, habe nur in dieser Musik gelebt, die wirklich die schönste der Welt ist. Ja, das kann man behaupten, es ist die wunderbarste Musik der Welt. Und Tristan war stets mein Ideal. Ich habe dieses Ideal hier in Paris und in Bayreuth verwirklichen können, und ich habe in meinem ganzen Leben nur einen einzigen Mann geliebt: Tristan, keinen anderen.

Herbert von Karajan und Germaine Lubin vor dem Bühneneingang der Pariser Oper, wo er die „Entführung aus dem Serail“ dirigierte.(17.5.1941)/Foto Bundesarchiv Bild No. 183/R2291

Haben Sie nicht den Eindruck, gerade wegen dieser Liebe zur Musik an vielen anderen Dingen vorbeigegangen zu sein? Ja, sicherlich. Aber man muss schließlich im Leben wählen. Ich war eben für die Musik geschaffen. Nach meiner Schulzeit verspürte ich den Drang zu singen. Meine Mutter liebte die Musik, den Gesang, und sie nahm mich von Zeit zu Zeit mit in die Opéra-Comique. Sie hatte übrigens eine sehr schöne Stimme, einen richtigen Kontra-Alt. So entstand auch in mir der Wunsch zu singen. Ich spielte schon vorher sehr viel Klavier und hatte eine deutsche Klavierlehrerin. Ich liebte die Musik über alles, was mich nicht daran gehindert hat, acht Jahre lang Latein zu studieren. Meine Eltern ließen mich mit 17 Jahren mit dem Gesangsstudium beginnen. Ich habe dann ein Jahr lang mit einem Gesangslehrer gearbeitet und bin einstimmig zum Konservatorium zugelassen worden. Dort folgte ein Studium von vier Jahren, was keine besondere Leistung ist. Ich hatte immer eine sehr schöne Stimme, was eher etwas ungewöhnlich auf Grund meiner Herkunft ist, denn ich bin zur Hälfte Elsässerin, zu einem Viertel Polin und zu einem Viertel Kabylin. Durch diese Mischung hatte meine Stimme einen ganz besonderen Klang, der keinem anderen ähnelte. Und ich war sehr fleißig – ich kannte kein Selbstmitleid, keine Schonung für mich. Meine Karriere hat 28 Jahre gedauert, und 28 Jahre lang ließ ich meine Stimme stets von einem Gesangslehrer kontrollieren .

Fasziniert von blonden Frauen: Adolf Hitler plaudert Germaine Lubin und Heinz Tietjen in Bayreuth 1939/ Foto Bundesarchiv Bild No. 195-R92567

Angeblich fragten Sie nach jeder Vorstellung: „Wie war ich heute?“ Nein, das hat man in einem Zeitungsartikel behauptet. Der Journalist war ein Idiot. Er schrieb, ich betriebe eine Art Ich-Kult. Das stimmt überhaupt nicht. Bewunderung empfand ich nur für meine Gesangslehrerin, die meiner Meinung nach die herrlichste Stimme der Welt besaß. Ich habe nie mehr später eine solche Stimme gehört. Allerdings gab es da noch Renata Tebaldi, die ebenfalls eine sehr schöne Stimme besaß, außer­ dem empfinde ich eine leidenschaftliche Bewunderung für Montserrat Caballé, die wie keine andere singt.

Nicht die Callas? Nein, sie hatte keine schöne Stimme. Sie verstand es, sie optimal einzusetzen, und sie war eine wunderbare Operntragödin, aber ihre Stimme selbst war nicht optimal. Das denke ich, und das sag‘ ich auch. Ich erinnere mich sehr gut an alles, weil ich ein sehr gutes Gedächtnis besitze. Das braucht man auch, um Gesangsunterricht geben zu können. Ich denke wenig an mich selbst. Ich bin nicht egoistisch. Ich denke an die anderen. Ich habe als Lehrerin heute die Verantwortung für einige sehr vielversprechende Stimmen, und ich kümmere mich um sie. Früher habe ich mehr auf mich konzentriert, denn nur so konnte ich so schwierige Rollen wie lsolde und Brünnhilde singen.

Germaine Lubin als Ariane von Dukas/HeiB

Ist es schmerzlich, vergessen zu werden? Nein. Warum? Ich selbst habe vergessen. Sicher, ich weiß  noch alles, was ich gesungen habe, aber ich denke nie daran.

Glauben Sie an Gott, an vorbestimmtes Schicksal? Ja, ich bin fest davon überzeugt. Ich glaube an Gott. Wenn ich an Sternzeichen glauben würde, würde  ich denken, dass ich unter dem Zeichen der Musik geboren bin, nämlich am 1. Februar wie auch Mozart, der mein Lieblingskomponist ist. Man hat von mir gesagt, ich sei eine der größten Wagner-Sängerinnen  des 20. Jahrhunderts.  Und dennoch bevorzuge ich Mozarts Musik. Ich habe die Ehre und die Freude gehabt, die Donna Anna in Salzburg unter der Leitung von Bruno Walter zu singen – wunderbar.

Sind Sie sich eigentlich dessen bewusst, dass Sie für viele als die größte Opernsängerin des zwanzigsten Jahrhunderts gelten? Man hat es so geschrieben. Aber das könnte ich niemals von mir behaupten. Vielleicht eine  der größten. Im Augenblick gibt es allerdings keine lsolde, keine! lsolde ist eine Welt für sich. Man braucht dafür eine gewaltige Stimme, die wirklich einen großen Umfang hat und in allen Registern gut klingt.

Sprechen wir über den Juli 1939, ihren Auftritt in Bayreuth und den Tristan in Paris 1941. Haben Sie das nicht als eine falsche Entscheidung erkannt? Damals, 1941, habe ich die Deutschen gehasst, als sie in den Norden einfielen und dort alles verwüsteten und massakrierten. Ich war erschüttert und habe sie wirklich gehasst. Natürlich hat es mich nicht daran gehindert, ihnen den einen oder anderen Gefallen zu tun, wenn sie mich darum baten, weil sie wussten, dass ich in Deutschland viel Erfolg gehabt hatte und dass die Deutschen vor mir in Ekstase gerieten.

Germaine Lubin als Isolde/Foto Isoldes Liebestod

Einschub: “I have suffered an enormous injustice. They curtailed my career by ten years – my own people! The fact is that I knew some of the Germans when they came to Paris during the occupation. This gave my enemies the chance to satisfy their envy…If I saw the Germans in Paris – and they had been more than kind to me – it was to save my compratriots. It was my way of serving my country at that particular moment. Nobody knows how many prisoners I had released… When I spent three years in prison, they confiscated my Château at Tours and my possessions. Did anyone bother to ask me why I did not accept Winifred Wagner’s invitations to sing in Germany during the occupation? But my trial was a complete vindication: I was completely cleared. Yes, they gave back most of what they had taken…” (aus: “Lubin Revisited” von Max de Schauensee, Opera News)

Lieben Sie eigentlich Ihre alten Aufnahmen? Ich höre meine Platten nie! Ich mag sie nicht. Es ist auch nicht meine wirkliche Stimme. Die 78er Platten sind nicht sehr tongetreu. Hätte man mich auf Bändern, wie es sie heute gibt, aufgenommen, klängen die Aufnahmen  besser. Heutzutage kann man auch mittelmäßige Stimmen auf Bändern schöner erklingen lassen, als sie eigentlich sind. Nun hat man diese 78er Platte auf Band bei Pathé Marconi übertragen. Das Ergebnis ist nicht besser, der Klang ist schlechter geworden. Nein. Ich mag meine Aufnahmen nicht. Ich habe sehr wenige gemacht, obwohl Pathé Marconi mich ständig bat, mich aufnehmen zu dürfen.

Es ist ein großes Glück, inmitten der Musik zu leben, inmitten  eines  Traumes zu leben, weit weg von den hässlichen Dingen der Erde. Ich mag die Menschen nicht. Ich liebe Tiere mehr. Vor  allem  Frauen sind  kleinlich, boshaft, neidisch. Ich habe ihretwegen sehr gelitten. Sie  waren fürchterlich eifersüchtig auf mich. Den  Beweis  haben wir bei der Befreiung von der deutschen Besatzung gehabt. Was hat man mit mir gemacht? Trotz der vielen Gefälligkeiten, die ich den Menschen erwiesen hatte, wurde ich eingesperrt, weil ich Kontakte zu den Deutschen hatte. Ich wurde sogar aus der Oper verbannt!!!  Übrigens schuldet die mir noch Geld, und nicht wenig. Ich werde wohl bis zu meinem Tod darauf warten müssen…

Bayreuther Geplauder derrière la scene: Germaine Lubin mit Winifred Wagner apropos ihrer Isolde 1939 ebendort, die Wehrmacht immer dabei/ Foto Wikiwand

Zu den Dokumenten der Lubin schreibt André Toubeuf, der große Musik-Kenner Frankreichs, in seinem Artikel im Beiheft der Lys-CD aus den Neunzigern: Mindestens drei der großen Lubin-Partien sind vom Rundfunk übertragen worden. Aus der Krönungs-Saison in Covent Garden kamen die vollständigen Versionen der Gluck-Alceste, Dukas-Ariane, aus Bayreuth die Isolde unter De Sabata (1939). Aber am Ende des Sommers 1939 klopfte das Schicksal dreimal an die Tür. Lubin sang während des Krieges ebendort (1938 Kundry, 1939 Isolde), sang 1941 Isolde im besetzten Paris mit ihrem geliebten Max Lorenz wieder und unter Herbert von Karajan. Natürlich sang sie. Und selbst mit Wilhelm Kempf am Klavier bei Fauré und und Cortot bei Wolf bei einem Liederabend in Gegenwart von Arno Breker sang sie. Sie schlug die Einladung Winifred Wagners für eine Isolde, Kundry und Brünnhilde 1940 aus und setzte nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden – auch nach dem Krieg nicht….

Und G. H. meint: Zum Hören und Staunen über die wunderbare, hervorragend durchgebildete und leuchtende Stimme der Lubin, der Frida Leiders in französischer Ausprägung nicht unähnlich, gibt’s eine Menge Schellacks, die von der französischen Firma Lys in den 90ern umgeschnitten wurden und die sich auch bei Andromeda (ANDRCD 9113 Lubin) frisch restauriert wiederfinden (wenn man sie denn noch findet, inzwischen sind diese Firmen so gut wie verschwunden/ G. H.). Das sind vor allem ihre Odeon-Aufnahmen (von 1928 – 1929) der Elsa, Elisabeth und natürlich der französische Liebestod/Tristan (wobei es dann auch einen deutsch gesungenen gibt vom Rundfunk!). Natürlich sind da auch ihre Ring-Auszüge, namentlich „Ewig war ich“ und die „Immolation de Brunnhilde“. Auch ihre Agathe ist bemerkenswert, die Thule-Ballade der Marguérite und natürlich – hors de prix – aus Sigurd Salut! Splendeur du jour!“ – da gibt´s einfach nichts Besseres. An Liedern hat sie auch reichlich viel eingesungen, von Schuberts gruseligem Erlkönig bis zu Lässlichem von Durante oder Bach (das ist sehr gewöhnungsbedürftig, weil sehr dem Zeitgeschmack verhaftet). In ihren besten Aufnahmen strahlt die Stimme wie eine Flamme, wie eine Leuchte in der Hand Isoldens. (Foto oben: Germaine Lubin als Isolde).

Der Musikkenner Carlos Solare schreibt: Und dann gibt es die Edition sämtlicher Lubin-Aufnahmen auf einer Doppel-CD von Marston Records. Wie es bei diesem Label de rigeur ist, sind darin alle erhaltenen Alternativ-Takes und unveröffentlichten Einspielungen enthalten, wiedergegeben in bestmöglicher Klangqualität. So gibt es etwa von Marguerites Ballade von König von Thule eine weitere Version gleichen Datums (22. Juni 1928), die wohl als Probe für die Aufstellung des Mikrophons gemacht wurde. Lubin lässt sich mehr Zeit als bei der eigentlichen Aufnahme und fängt dadurch die verträumte Stimmung der Szene noch überzeugender ein. Dass Sieglindes Erzählung vom Mai 1929 einige Monate später wiederholt wurde, erklärt sich durch die auffällig bessere Klangqualität, die in der Sitzung vom 4. Februar 1930 erreicht wurde. An diesem Tag wurde auch „Siegmund heiss‘ ich“ (bzw. „Siegmund suis-je“) von René Verdière mit jugendlich-heller Klanggebung eingespielt, wozu Lubin Sieglindes letzte Sätze beisteuert.

Die im Beiheft mitgegebene Dokumentation hält fest, dass die deutsch gesungene Version von Isoldes Liebestod am selben Tag – dem 1. Juni 1938 – aufgenommen wurde wie die französische Fassung („Doux et calme“). Lubins Mitstreiter waren in beiden Fällen Philippe Gaubert und das Orchester des Pariser Konservatoriums. Nach wiederholtem Hören scheint mir diese deutsche Fassung identisch mit der Aufnahme zu sein, die anderswo als Bayreuther Mitschnitt unter Victor De Sabata – folglich von 1939 – angegeben wird. Lubins fünf Mélodie- und Lied-Aufnahmen für Pathé-Marconi aus dem Jahr 1944, darunter zwei Duette mit dem jungen Gérard Souzay, sind ebenso dabei wie ein komplettes Rundfunkkonzert von 1954, das eine älter gewordene aber kerngesund gebliebene Stimme festhält.

Gleichsam als „Füller“ enthält die zweite CD die drei kommerziellen Aufnahmen, die Lucienne de Méo im Frühjahr 1928 gemacht hat. Die damals 24-Jährige war auf dem besten Weg, eine internationale Karriere auf höchster Ebene anzutreten. Leider litt sie unter Depressionen und nahm sich zwei Jahre später das Leben. Ihre Einspielung von Alcestes’ „Divinités du Styx“ stellt eine strahlend-sichere Höhe unter Beweis. In Agathes „Und ob die Wolke“ (bzw. „En vain au ciel“) schlägt de Méo zarteste Töne an, und sie gestaltet die Erzählung der Sieglinde – ihrer Glanzpartie während der wenigen Jahre ihrer Laufbahn – mit erregter Spannung.

Das bereits erwähnte Beiheft ist, wie immer bei Marston, eine Freude für sich. Neben der diskographischen Information enthält es zahlreiche Fotos von beiden Künstlerinnen – sowohl in Kostüm als auch privat – sowie umfangreiche biographisch-kritische Aufsätze von Vincent Giroud und eine persönliche Erinnerung an Lubin des kürzlich verstorbenen André Tubeuf. Für die eingeschworenen Fans von Germaine Lubin – und der so gut wie ausgestorbenen „vieille école“ des französischen Gesangs – ist diese Publikation also ein Muss. Carlos María Solare (Fotomontage oben:claudesdeplas.com)

Gwendolyn Killebrew

 

Gwendolyn Killebrew, eine der großen Künstlerinnen der Deutschen Oper am Rhein, ist am 24. Dezember 2021 im Alter von 80 Jahren in Düsseldorf verstorben. Die Altistin war von 1976 bis 2006 Ensemble­mitglied und blieb dem Haus auch anschließend als Gast verbunden. Im Jahr 1988 wurde sie von der Deutschen Oper am Rhein zur Kammersängerin und darüber hinaus 2011 zum Ehrenmitglied ernannt. „Wir haben mit Gwendolyn Killebrew eine bedeutende Sängerin, ein wunderbares Ensemblemitglied und eine bei allen beliebte Kollegin verloren, der wir ein ehrendes Andenken bewahren werden“, erklärt Christoph Meyer, der General­intendant der Deutschen Oper am Rhein.
Während ihrer langen Karriere war Gwendolyn Killebrew sowohl an der Deutschen Oper am Rhein als auch international an vielen Häusern erfolgreich. Sie gestaltete zahlreiche bedeutende Partien ihres Fachs vom Frühbarock bis zur Moderne. Dem Publikum in Düsseldorf und Duisburg wird sie insbesondere in ihrer Rolle als Carmen sowie in den Wagner-Partien Fricka, Erda und Waltraute, den Verdi-Rollen Ulrika, Maddalena und Azucena, ihren Monteverdi-Partien sowie als Rossinis Isabella in Erinnerung bleiben. Von der Düssel­dorfer Bühne verabschiedete sie sich am 5. Juli 2009 als Bacchis in der von Christof Loy inszenierten Offenbach-Operette „Die schöne Helena“.
Die amerikanische Altistin studierte zunächst Klavier, Gesang, Horn und Orgel. Nach Beendigung ihres Studiums an der Temple University in Philadelphia (B.S.Ed.) wurde sie Musiklehrerin und Musiktherapeutin. Ein weiterführendes Gesangsstudium an der Juilliard School of Music in New York (M.M.) legte den Grund­stein für ihre Karriere als Opern-, Lied- und Oratoriensängerin. 1967 debütierte Gwendolyn Killebrew – im Alter von erst 26 Jahren – als Waltraute („Die Walküre“) in dem von Herbert von Karajan inszenierten „Ring des Nibelungen“ an der Metropolitan Opera New York, wo sie 1979 auch als Carmen auftrat. Gast­spiele führten sie zu weltweit bedeutenden Opernhäusern und Festivals wie den Bayreuther Festspielen und den Salzburger Oster- und Sommerfestspielen und den Londoner „The Night of the Proms“.
Gwendolyn Killebrew war es ein besonderes Anliegen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an junge Sängerinnen und Sänger weiterzugeben. Sie gab Meisterkurse und hatte Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen inne. In Düsseldorf unterrichtete sie bis ins hohe Alter in ihrem eigenen Musikstudio Sologesang, Chorgesang und Klavier. (Quelle Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/ Foto Michl)

Stürmisches

 

Mozarts Mitridate, re di Ponto zählt zu den Jugendwerken des Komponisten, die sich bei Theatern, Festivals und Plattenfirmen großer Beliebtheit erfreuen. Davon zeugen immer wieder Neuproduktionen und CD-Einspielungen. Jüngstes Beispiel ist eine Aufnahme von ERATO, die im November 2020 in der Philharmonie de Paris entstand (0190296617577, 3 CDs). Spiritus Rector des Unternehmens ist Marc Minkowski am Pult des Ensembles Les Musiciens du Louvre – also erneut ein renommierter Musiker der Alte-Musik-Szene, denn diese Opera seria Mozarts wird (wie auch Lucio Silla) bevorzugt von auf diese Gattung spezialisierten Dirigenten mit Orchestern auf historischen Instrumenten interpretiert. (So hatte Christophe Rousset das Werk für DECCA mit Les Talens Lyriques eingespielt.) Minkowski  setzt schon in der Ouverture starke Akzente mit harschen forte-Schlägen zu Beginn und einem graziösen Mittelteil. Für pompöse Klänge sorgt der Dirigent in der Marcia des 1. Aktes und er liefert den Sängern für deren zumeist dramatisch betonte Arien eine spannende und inspirierende Folie.

Die exquisite Besetzung wird angeführt von Michael Spyres in der Titelrolle. Der amerikanische Tenor hat in letzter Zeit mit sensationellen Aufnahmen bei ERATO für Aufsehen gesorgt. Auch hier kann er sich profilieren, besticht schon in seiner ersten Arie, „Se di lauri il crine adorno“, mit differenzierter Stimmführung und glanzvoller Bewältigung der unterschiedlichen Register. Mit dem stürmischen „Quel ribelle“ beendet er furios den 1. Akt. Im Kontrast dazu ist „Tu, che fedel“ im 2. Akt zunächst von nachsinnendem  Duktus, entfaltet aber im Mittelteil vehemente Wirkung. So auch „Già di pietà mi spoglio“ am Ende des 2. Aktes, das in seiner virulenten Art mit herausgeschleuderten Spitzentönen von effektvollem Zuschnitt ist und von Spyres imponierend umgesetzt wird. Ähnlich vehement ist die Arie „Vado incontro al fato estremo“ im 3. Akt, die dem Interpreten einmal mehr Bravour verlangt und in der sich der Sänger erneut bewähren kann.

Für die Primadonnenpartie der Aspasia wurde Julie Fuchs verpflichtet, die sogleich in ihrer Auftrittsarie „Al destin, che la minaccia“ ihr virtuoses Vermögen demonstrieren muss. Immerhin wurde die Rolle bei der Uraufführung in Mailand 1770 von der prominenten Sängerin Antonia Bernasconi gesungen, die sich zunächst weigerte, die Arien Mozarts zu singen und denen von Quirino Gasparini den Vorzug gab, welche drei Jahre zuvor am Teatro Regio in Turin zur Aufführung gelangt waren. Julie Fuchs wartet nach dem erregten Orchestervorspiel mit einem anonym klingenden Sopran auf, der über die nötige Flexibilität für die Koloraturketten verfügt, es auch nicht an Bravour fehlen lässt, aber insgesamt unpersönlich bleibt. In der lyrischen Arie des 2. Aktes „Nel grave tormento“ besticht sie mit kultivierter Stimmführung, im Mittelteil auch mit virtuosen Koloraturen. Mit Sifare hat sie am Ende des 2. Aktes das einzige Duett des Werkes zu singen: „Se viver non degg’io“, Beide Soprane vereinen sich hier zu schmeichelndem Wohllaut. Im 3. Akt hat Aspasia eine ausgedehnte Szene mit Recitativi accompagnati und der Cavatina „Pallid’ ombre“, in der man sich verschattetere Farben wünschte.

In der zweiten Sopranpartie des Werkes, Prinzessin Ismene,  ist ein neuer Star der französischen Musikszene zu hören: Sabine Devieilhe. Ihr Auftritt „In faccia all’oggetto“ ist von lieblicher Anmutung und kommt ihrer klaren, anmutigen Stimme sehr entgegen. Bei „ So quanto a te dispiace“ zu Beginn des 3. Aktes kann sie dagegen mit Gewinn ihre geläufige Gurgel einsetzen.

Bei der Mailänder Uraufführung wirkten drei Kastraten mit – als Mitridates Söhne Farnace und Sifare sowie als dessen  Statthalter Arbate. In der vorliegenden Aufnahme gibt es nur einen Countertenor: Paul-Antoine Bénos-Djian als Farnace, der mit der berühmten Arie „Venga pur, minacci e frema“ aufhorchen lässt. Fein getupft kommen die staccati, die Stimme ist reizvoll getönt und bewegt sich mühelos durch die Register. „Va’ l’error mio palesa“ zu Beginn des 2. Aktes überzeugt mit zupackendem Vortrag. Am Ende des 3. Aktes hat er noch ein Solo mit „Già dagli occhi“, wo er mit fein gesponnenen Linien überzeugen kann. Sifare wird von der Sopranistin Elsa Dreisig wahrgenommen, deren Stimme keine männliche Figur zu imaginieren vermag. Ihre dramatische Auftrittsarie „Soffre il mio cor“ bewältigt sie technisch souverän und im 2. Akt kann sie bei „Lungi da te“ ihr lyrisches Potential einbringen. Aber die Stimme ähnelt zu sehr der von Fuchs und kann sich nicht unverwechselbar profilieren. Eher kann Adriana Bignagni Lesca mit androgyn klingendem, dunkel glühendem  Sopran dem Arbate eine männliche Aura verleihen. Der Auftritt mit „L’odio nel cor frenate“ ist forsch und energisch zupackend. Die Besetzung ergänzt der bekannte Tenor Cyrille Dubois als römischer Tribun Marzio, der mit der bewegten Arie im 3. Akt „Se di regnar sei vago“ einen soliden Auftritt hat. Recht ungewöhnlich endet die Oper mit einem kurzen Quintett („Non si ceda al Campidoglio“), in dem alle Protagonisten geloben, sich gegen die römische Tyrannei zu widersetzen. Bernd Hoppe