Souplesse incroyable

 

 „Berlioz pour toujors“! möchte man ausrufen angesichts der Fülle an Aufnahmen, die es inzwischen von dem großen Komponisten unseres Nachbarlandes jenseits des Rheins gibt (wo er nachweislich am wenigsten geschätzt wird, wie man der jüngsten Aufführung seines opus summum an der Pariser Oper bei Arte TV entnehmen konnte). Das Berlioz-Jahr 2019 (Berlioz: * 11. Dezember 1803 in La Côte-Saint-André, Département Isère; † 8. März 1869 in Paris)  animiert die CD-Firmen, ihre Schatztruhen zu öffnen und uns mit ihren mehr oder weniger habenswerten  Dokumenten zu überschütten. Wobei Warner als EMI-Nachfolgerin die Nase vorn hat, geht sie doch besonders sorgfältig mit ihren Erbstücken um und steuert für die im wahrsten Sinne Gesamten Einspielungen auch noch neue bei, die als Erstaufnahmen wie in der Debussy-Box vor kurzem auch den Berlioz-Katalog vervollständigen. Natürlich können auf 27 stolzen CDs nicht alle Aufnahmen des Warner-Firmen-Geflechtes berücksichtigt werden. Und man mag im Einzelfall das Fehlen von wichtigen bedauern oder bei anderen den Wert der erneuten Veröffentlichung kritisieren. Aber im Ganzen ist die Warner-Box ein Meilenstein, ein unverzichtbarer.

Hector Berlioz/ Photographie von Nadar/ Wiki

Colin Davis hat seine Berlioz-Leidenschaft noch einmal und spät mit dem London Symphony Orchestra live ausgetobt und auf CD beim hauseigenen Label LSO festgehalten – da mag man wahrlich kritisch sein, denn seine immer noch unübertroffenen Philips-Großtaten mit Vickers und Veasey in den Troyens sind immer noch Maßstab setzend und von den neuen Live-Mitschnitten durchaus nicht übertroffen. Dennoch: Auch er ist einer der ganz großen Berlioz-Kämpfer unserer Tage gewesen.

Natürlich fehlt viel, was man im Berlioz-Jahr wieder sehen möchte und vergriffen scheint (Amazon/ jpc), vor allem die Decca (!)-Aufnahmen von Davis (ebenfalls Veasey und dann Watts unübertroffen in Béatrice et Benedict). Auch die Decca-Boxen mit Dutoit.  Sony/RCA hatte ihre Schränke geöffnet und die Berlioz-Schätze unter Munch wiederaufgelegt. Sony selbst hat als CBS-Columbia-Erbin Eleanor Stebers schöne Berlioz-LP im Schrank (und die aufregende Bidu-Sayao-LP/ CD mit mélodies francais ist m. W. auch nicht mehr greifbar) …

„Les Troyens“: die Beecham-Aufnahme der BBC bei Somm, hervorragend restauriert unter den Augen von Lady Beecham beim Beecham-Trust/ Somm-Beecham 26–8, 3 CDs

Glücklicherweise sind Les Troyens unter Beecham mit der hinreißenden Marisa Ferrer bei Somm in sensationeller Qualität neu erschienen, auch diese ein Meilenstein. Auf die DG-Köstlichkeiten mit Barenboim (Teile eines abgebrochenen Berlioz-Zyklus) kann man  getrost verzichten, hingegen ist die alte Damnation unter Markhevitch ein Muss. Ebenso die Westminster-Monteux-Aufnahme von Roméo et Juliette mit der wunderbaren Resnick im Alt-Solo. Die Decca hat unter ihren Juwelen Maazels Roméo et Juliette oder natürlich die bis auf den Tenor wirklich superben Troyens unter Dutoit mit der himmlischen Pollet als Didon und anderem, noch ein Doppel-Bloc unter eben Dutoit (die schöne Lieder-Zusammenstellung mit der Pollet und anderen bei DG nicht zu vergessen, die ist aber in Teilen nun bei Warner gelandet).

Und jemand sollte die amerikanischen Troyens mit Steber und Resnik offiziell herausgeben (eigentlich unter Beecham, aber er wurde just am Tage der Radioübertragung krank und sein Assistent Robert Lawrence dirigierte).  Natürlich gehören auch die Troyens Teil 2 unter Scherchen mit der hinreißenden Arda Mandikian auf den Markt, die japanische Scherchen-Tochter hatte die alten Ducretet-Thompson/ Westminster-LPs gut aufgearbeitet für Tahra ausgegraben (die bei einer ungenannten Billigfirma sind nicht zu empfehlen, da herrscht Dumpfes). Und natürlich gibt’s jede Menge Historisches von Coppola bis Dorati oder Gielen (naja) Luisi oder oder oder, was als Addenda vielleicht lohnend wäre.

„Les Troyens à Carthage“ unter Hermann Scherchen bei Ducretet/London – eine legendäre LP-Ausgabe, aber zwischen als CDs erhältlich

In jeden Fall stehen wir heute unendlich viel reicher an Berlioz-Dokumenten da als noch vor einigen Jahren. Auch an DVD-Live-Mitschnitten kürzlicher Aufführungen in London und andernorts. Und a propos Live-Mitschnitte: Davon gibt es wirklich inzwischen massenhafte, namentlich aus London unter Kubelik und Davis, aber auch in Englisch mit Janet Baker aus Edinburgh und London. Und auch die alte Scala-Aufnahme (Walhall) soll ebenso wenig vergessen werden wie die beglückende von der RAI mit einem unübertroffenen Trio Gedda, Horne und Verrett unter Prêtre (Arkadia u. a.). Sowie die Torsi mit der Crespin aus Boston (Sammlerglück).

Daniel Hauser hat im Nachstehenden sich durch die Volumina der aktuellen Wieder- und Neuveröffentlichungen hindurchgearbeitet. Chapeau! Und dazu die neue Aufnahme der Nuits d´été mit einem Bariton bei harmonia mundi france mit demaufkommenden französischen Bariton-Star Stéphane Degout besprochen, ein fürt einen Bariton eher ungewöhnliches Repertoire. Und wir haben einige ältere Berlioz-Besprechungen in opera-lounge.de  noch einmal hier versammelt. „Berlioz pour toujours!“ G. H.

 

 

Berlioz total bei Warner Classics 2019

Einen im wahrsten Sinne des Wortes dicken Brocken steuert Warner anlässlich des 150. Todestages von Hector Berlioz bei, mit dem am 8. März 1869 der wohl bedeutendste französische Komponist des 19. Jahrhunderts starb. Damit legt das Label die umfangsreichste, nicht weniger als 27 CDs umfassende Edition vor, die in diesem Zusammenhang erscheint. Inkludiert sind sämtliche Bühnen-, Orchester-, Chor- und geistlichen Werke, ferner diverse Transkriptionen sowie gleichsam als Bonus frühe historische Aufnahmen.

Da sich die Box aus Einspielungen von Warner Classics zusammensetzt, wurden in erster Linie die Labels EMI, Erato und Virgin berücksichtigt, ferner einst bei Westminster erschienene Aufnahmen. Um Lücken zu füllen, bediente man sich in zwei Fällen (Messe solennelle, Herminie) auch des Philips-Katalogs. Letzteres ist auch der einzige Beitrag, den der versierte Berlioz-Kenner Colin Davis hier beisteuert – er nahm schlichtweg für andere Plattenfirmen auf. Tatsächlich gibt es auch ein paar echte Neuheiten, darunter Fragmente der unvollendeten Oper La Nonne sanglante mit dem Orchestre OSE ! unter Daniel Kawka. Erstmals liegt auch die historische Erstaufnahme der Symphonie fantastique von 1924 unter Rhené-Baton nunmehr auf CD vor. Dies ist fraglos eine Stärke der Kollektion.

Auf den ersten fünf CDs befinden sich Orchester- und Instrumentalwerke, wobei die Ouvertüren die erste Disc füllen. Das Gros trägt Adrian Boult mit dem London Philharmonic Orchestra bei (Waverley, Le Roi Lear sowie Rob-Roy), den Rest André Previn mit dem London Symphony Orchestra (Le Corsaire), Roger Norrington mit den London Classical Players (Szenenmusik aus Les Francs-juges) sowie Mariss Jansons mit dem Royal Concertgebouw Orchestra (Le Carnaval romain). Die einzige Frage, die sich bei der gelungenen Auswahl stellt, ist, wieso man nicht auch die übrigen Ouvertüren unter Boults begnadeter Leitung beigefügt hat, spielte er sie doch sämtlich für Westminster ein. Abgerundet wird die CD durch die Marche troyenne mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Louis Frémaux.

Frémaux und die Birminghamer steuern auch die Grande Messe des morts, das sogenannte Requiem, bei. Es handelt sich um eine sehr ordentliche, indes nicht sonderlich herausragende Einspielung, in welcher Robert Tear den Tenorpart übernimmt. Dies ist freilich ein weiteres Kennzeichen der Box, dass mitunter auch allenfalls Durchschnittliches berücksichtigt wurde. Dies gilt wohl auch für die von Riccardo Muti verantwortete Aufnahme von Roméo et Juliette mit dem Philadelphia Orchestra und den Solisten Jessye Norman, John Aller und Simon Estes. Allerdings ist es auch nicht von der Hand zu weisen, dass die wirklich grandiosen Interpretationen dieses Werkes rar gesät sind (ausgezeichnet in dieser Hinsicht die brandneue Einspielung aus San Francisco unter Michael Tilson Thomas).

Wird vermisst: Régine Crespin mit den Auszügen aus „Les troyens“ bei EMI unter Georges Prêtre

Zu den bedeutenden Berlioz-Interpreten ist gewiss auch der Franzose Jean Martinon zu rechnen, der mit dem idiomatischen Orchestre National de l’ORTF die Symphonie fantastique wie auch das lyrische Drama Lélio, ou le Retour à la vie (Solisten: Charles Burles, Nicolai Gedda, Jean van Gorp) beisteuert. Dies ist insofern sinnig, als Lélio als Fortsetzung der Symphonie fantastique konzipiert ist. Gäbe es die Markevitch-Einspielung (DG) nicht, so könnte man Martinons Aufnahme durchaus einen Spitzenrang einräumen. Etwas zu viel des Guten ist vielleicht der Einsatz des optionalen Kornetts im Walzersatz Un bal. Nur einmal ist Leonard Bernstein vertreten: Beim etwas verkannten Harold en Italie mit dem Orchestre National de France und Donald McInnes an der Viola. Schade, dass seine Aufnahme des Requiems beim „falschen“ Label erschien, ist sie doch deutlich interessanter als die in der Box aufgenommene.

John Eliot Gardiners seinerzeitige Premiere mit der frühen Messe solennelle (mit Donna Brown, Jean-Luc Viala und Gilles Cachemaille) wurde dankenswerterweise ebenfalls von Philips übernommen. Er verantwortet mit erkennbar gutem Gespür auch L’Enfance du Christ (u. a. mit Anne Sofie von Otter, Anthony Rolfe-Johnson und José van Dam) und Les Nuits d’été in der Fassung für verschiedene Stimmen (mit Catherina Robbin, Diana Montague, Howard Crook und Gilles Cachemaille).

Besonders John Nelson hat seit langem einen Ruf in Sachen Berlioz, der ihn in die Fußstapfen von Colin Davis treten lässt. Seine großartige Interpretation des Te Deum (mit Roberto Alagna) lässt aufhorchen, handelt es sich doch um die vermutlich einzige ungekürzte Aufnahme überhaupt. Ferner zeichnet er verantwortlich für die in der Box inkludierten Einspielungen der drei vollendeten Berlioz-Opern Béatrice et Bénédict, Benvenuto Cellini sowie Les Troyens. Sie alle wurden seinerzeit mit vielen Auszeichnungen überhäuft und stellen in gewisser Hinsicht (mit französischen Klangkörpern entstanden) gar die idiomatischsten Interpretationen der jeweiligen Werke dar, ist Nelson doch auch hier auf Werktreue bedacht. So handelt es sich bei Benvenuto Cellini um die Erstaufnahme der originalen Pariser Fassung, welche deutlich mehr Musik enthält als die üblicherweise gespielte. Die Besetzungen sind überwiegend gut bis sehr gut und punkten mit Namen wie Joyce DiDonato, Susan Graham, Marie-Nicole Lemieux, Jean-Luc Viala, Michael Spyres und Stéphane Degout. Ob diese gelungenen Aufnahmen den referenzträchtigen Einspielungen von Davis den Rang ablaufen können, muss jeder für sich selbst entscheiden (dazu auch die Rezension in operalounge.de).

„Les Troyens“ konzertant in Straßburg/ Joyce DiDonato und John Nelson/ Foto Gregory Massat

Für La Damnation de Faust, eine so bezeichnete Légende dramatique, wurde ebenso eine betont gallische Aufnahme inkludiert. Kent Nagano und die Kräfte der Opéra de Lyon sorgen für diesen Touch. Obwohl mit Thomas Moser, Susan Graham, José van Dam und Frédéric Caton ein sehr adäquates Sängerquartett engagiert werden konnte, hält diese Einspielung indes nicht ganz den Klassikern von Colin Davis und Igor Markevitch stand, welche die Messlatte allerdings auch sehr hoch ansetzen.

Bei den Vokalwerken ist La Révolution grecque, ein ganz frühes, als Scène héroïque bezeichnetes Werk, hervorzuheben, welches 1825/26 auf dem Höhepunkt des Griechischen Unabhängigkeitskrieges gegen die Osmanen in der zeittypischen westlichen Begeisterung für den Freiheitsdrang der Hellenen entstand. Mit Michel Plasson und seinem Orchester aus Toulouse konnte man den idealen Anwalt für das Frühwerk finden (Solisten: Nicolas Rivenq, Laurent Naouri). Plasson dirigiert auch die selten eingespielte, hier ebenfalls mustergültig gelungene Kantate La Mort d’Orphée mit Rolando Villazón. Wie auch die lyrische Szene Cléopâtre unter Louis Langrée (Solistin: Véronique Gens) handelt es sich um Berlioz-Werke, die unter ferner liefen. Eine nicht unerhebliche Zahl an Liedern/ Mélodies rundet den vokalen Teil ab, wobei gerade Les Nuits d’été in der Mezzosopran-Fassung mit Janet Baker und dem New Philharmonia Orchestra unter John Barbirolli hochkarätig besetzt ist und als echter Klassiker gelten darf.

Weitere Kuriositäten dürfen bei einer Kollektion, die für sich den Anspruch erhebt, vollständig zu sein, nicht fehlen. So ist auch die ein wenig oberflächlich anmutende (und wohl auch daher fast nie eingespielte) Grand symphonie funèbre et triomphale (Musique des Gardiens de la Paix unter Désiré Dondeyne) beigefügt worden. Neben dem schon genannten Opernfragment sind an Weltersteinspielungen weiterhin enthalten: Zwei Orgelfugen mit Matthieu Baboulène-Fossey, die Romanze Le Dépit de la bergère für Sopran und Klavier (Elsa Dreisig und Jeff Cohen) sowie Le Temple universel für Tenor, zwei Chöre und Orchester (mit dem Orchestre Les Siècles unter François-Xavier Roth). Die historischen Auszüge aus La Damnation de Faust (Maurice Renaud) und Les Troyens (Marie Delna, Félia Litvinne) entstanden zwischen 1901 und 1904 und vermitteln einen einmaligen Eindruck vom damals in Frankreich vorherrschen Berlioz-Stil.

Janet Baker war eine herausragende Didon, wenngleich sie nur auf der EMI-Platteneinspielung die Partie in Französisch sang – bei allen Live-Auftritten (die nur in Großbritannien) blieb sie beim nationalen Idiom, was neben Vickers oder Dowd durchaus merkwürdig klingt. Und nicht zu vergessen: „Les troyens“ wurden anfangs unter Kubelik noch in Englisch an Covent Garden gegeben, Amy Shuard und andere sangen. Deshalb ist die französische (!) BBC-Aufnahme von Beecham nicht genug zu loben.

Hervorzuheben sind noch die in der Box enthaltenen von Berlioz besorgten Arrangements anderer Komponisten. Zuvörderst (man möchte sagen unvermeidlich) die Marseillaise von Claude Joseph Rouget de Lisle, für die Berlioz 1830 die vielleicht kunstfertigste Bearbeitung der späteren französischen Nationalhymne für Solisten, zwei Chöre und Orchester schuf. Daneben der im Vergleich fast unbekannte Chant du Neuf Thermidor. Beides wiederum von Plasson geleitet. Sehr geläufig dafür wiederum die Orchestrierung von Webers Aufforderung zum Tanz, wofür klugerweise die bewährte alte Einspielung unter André Cluytens auserkoren wurde.

Plaisir d’amour, im Original von Jean-Paul-Égide Martini, unter Charles Dutoit (Solist: François Le Roux) sowie Berlioz’ farbenprächtige Orchesterfassung des Schubert’schen Erlkönigs unter Laurence Equilbey (Solist: Stanislas de Barbeyrac) runden die Arrangements gediegen ab.

Tatsächlich handelt es sich um eine im Großen und Ganzen überaus gelungene Box, bei der Warner sogar den Mut aufbrachte, zu diesem Zwecke einige Weltersteinspielungen aufnehmen zu lassen. Da kann man auch darüber hinwegsehen, dass das Vorspiel zu Les Troyens à Carthage, den zweiten und zu Lebzeiten des Komponisten einzigen aufgeführten Teil seines Opus magnum, aus unerfindlichem Grunde fehlt. Dieses hatte Berlioz nämlich 1863 kurzerhand als improvisierte Introduktion komponiert. (Interessenten seien daher auch weiterhin auf die alte Davis-Aufnahme bei Philips verwiesen.) Summa summarum eine dem Range Berlioz‘ angemessene, auch klanglich absolut zufriedenstellende Würdigung anlässlich der 150. Wiederkehr seines Todestages, die durch eine ansprechende und hochwertige Präsentation mit hübscher graphischer Gestaltung auch optisch einiges hermacht (Hector Berlioz: The Complete Works; 27 CDs Warner 9029561444; Erscheinungsdatum: 2019) Daniel Hauser

 

 

„Berlioz Odyssey“: Colin Davis 2 bei LSO

Und nun zu den Wiederauflagen bei LSO: Es ist ja kein Geheimnis, dass Colin Davis (1927-2013) der vermutlich bedeutendste Interpret der Musik von Hector Berlioz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Für Philips hat er ab den 1960er Jahren in vielerlei Hinsicht bis heute unübertroffene Referenzaufnahmen eingespielt, die man gleichsam durch die Bank jedem Freund dieses großen französischen Komponisten ans Herz legen kann. Wir sprechen hier bewusst von Einspielungen, sind die alten Philips-Produktionen doch gänzlich im Studio entstanden. Jahrzehnte später widmete sich Davis abermals einem Großteil der Werke, auch wenn die Herangehensweise anders war. Zwischen 2000 und 2012 entstanden Mitschnitte des London Symphony Orchestra, dem Davis zwischen 1995 und 2007 als Chefdirigent und anschließend bis zu seinem Tode als Präsident vorstand. Diese Live-Aufnahmen wurden auf dem hauseigenen Label LSO Live bereits sämtlich einzeln veröffentlicht, waren zwischenzeitlich indes teilweise bereits wieder vergriffen, so dass es höchst löblich ist, dass man sich anlässlich des 150. Todestages des Komponisten nun zur Neuauflage einer mehr oder weniger handlichen Gesamtbox des gesamten Ertrages in Sachen Berlioz entschloss. Und der ist sehr beachtlich: Nicht weniger als 16 CDs sind enthalten, davon sechs bereits im hybriden SACD-Format und somit auch auf normalen CD-Playern abspielbar. Konkret finden sich folgende Werke in der Box: Die Symphonie fantastique, Roméo et Juliette, La Damnation de Faust, Les Troyens, Béatrice et Bénédict, Harold en Italie (diese auf gewöhnlichen CDS), Benvenuto Cellini, L’Enfance du Christ, die Ouvertüre Les Francs-juges, das Te Deum und die Grande Messe des morts (diese auf Hybrid-SACDs). Dass man sich für die Bezeichnung Berlioz Odyssey entschied, ist auf eine Weise unfreiwillig passend.

Die berühmten 2-Boxen-Berlioz-Aufnahmen unter Colin Davis bei Philips

Schafft es Colin Davis, seine eigenen Klassiker aus den 1960er bis 80ern sogar noch zu toppen? Die Antwort lautet kurz gesagt nein, auch wenn hier von Fall zu Fall zu differenzieren ist und die Neuaufnahmen manchmal sehr nahe dran sind. Das Hauptproblem bei den Werken mit Vokalstellen sind die Sänger. Bis auf Ausnahmen erreichen diese nicht mehr das Niveau der alten Einspielungen. Am extremsten ist dies womöglich in der Neuauflage von Roméo und Juliette, einem ohnehin nicht besonders populären Werk, das nur mit wirklicher guter Besetzung mitreißt. Daniela Barcellona, Kenneth Tarver und Orlin Anastassov haben schlichtweg nicht die Klasse von Davis‘ früheren Aufnahmen aus London und Wien (beide Philips). Harold en Italie mit Tabea Zimmermann und La Damnation de Faust mit Giuseppe Sabbatini, Enkelejda Shkosa, Michele Pertusi und David Wilson-Johnson sind zwar keine Ausfälle, doch ist auch hier das Bessere des Guten Feind. Ein weiteres Grundproblem dieser LSO Live-Produktionen wird tritt leider frappierend zu Tage: Die Klangqualität ist oftmals dem modernen Entstehungszeitraum nicht angemessen. Selbst die alten Philips-Aufnahmen aus den 60ern sind ihnen hörbar überlegen.

Klanglich tendenziell besser sind die SACD-Versionen gelungen. Bei L’Enfance du Christ erreicht Davis gar die Referenzqualitäten seiner eigenen älteren Einspielungen von 1961 und 1976, auch wenn die Solisten nicht mehr derart namhaft sind: Yann Beuron, Karen Cargill, William Dazeley, Matthew Rose und Peter Rose. Dies gilt glücklicherweise auch für das Requiem, die sogenannte Grande Messe des morts, die von einem der letzten Konzerte des Dirigenten vom Juni 2012 stammt (Tenor: Barry Banks). Wenige Werke sind tontechnisch schwieriger einzufangen, ein Manko, welches auch die alte Philips-Einspielung betrifft. Der hier eingesetzte Mehrkanalton darf als großer Vorteil gelten und vermittelt zumindest ansatzweise die Wirkung, die vor Ort in der Londoner St Paul’s Cathedral erzielt wurde.

Die drei enthaltenen Opern Les Troyens, Benvenuto Cellini und Béatrice et Bénédict sind insgesamt sicherlich unter den besten Aufnahmen der entsprechenden Werke zu listen, obschon dies zumindest bei den letzteren beiden auch ein wenig an der überschaubaren Diskographie liegen mag. Wiederum gilt hier nämlich, dass diese besonders aufgrund der Sängerbesetzung die Vorgängeraufnahmen, die Davis Dekaden zuvor aufgenommen hat, nicht erreichen, geschweige denn übertreffen können. Dies gilt deutlich abgemilderter für Les Troyens, sicherlich die gelungenste der enthaltenen Opernaufnahmen, die seinerzeit auch mit dem Grammy Award sowie dem Grammophone Award ausgezeichnet wurde. Hier konnten glücklicherweise auch großartige Sänger gewonnen werden: Ben Heppner als Enée (völlig verschieden von Jon Vickers in der berühmten Vorgängerproduktion), Michelle DeYoung als Didon und Petra Lang als Cassandre, ferner Sara Mingardo, Peter Mattei, Stephen Milling sowie Kenneth Tarver. Orchestral sind sie allesamt außerordentlich gelungen, was freilich nicht zuletzt dem in Sachen Berlioz besonders bewanderten musikalischen Leiter zu verdanken ist.

Die berühmten Berlioz-Aufnahmen unter Colin Davis bei Philips: Jon Vickers und Josephine Veasey in den „Troyens“ an Covent Garden, die sie auch für Davis und Philips festhielten/ Foto Dominic London/ Philips LP-Beilage

Enttäuschend dafür ausgerechnet Berlioz‘ Paradestück, die Symphonie fantastique, die an einem dumpfen, fern anmutenden Klangbild leidet und auch nicht mehr die Feurigkeit aufweist, welche Davis‘ frühere Interpretationen kennzeichnete. Es ist gleichwohl Ironie des Schicksals, dass Colin Davis bei diesem Stück selten ganz vorne in diversen Rankings auftaucht, denn weder die alte Aufnahme mit dem London Symphony Orchestra (Philips) noch die weiteren Auflagen mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam (Decca) und den Wiener Philharmonikern (Philips) erreichen die Referenzaufnahmen von Igor Markevitch mit dem Orchestre Lamoureaux (DG) und von André Cluytens mit dem Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire (EMI). Vielleicht braucht es dazu wirklich ein französisches Ensemble.

Ist diese auf 3.000 Exemplare limitierte Box dennoch ihr Geld wert? Die Antwort lautet trotz der genannten Einschränkungen ja. Dem heutigen Trend folgend, werden einstmals hochpreisige Aufnahmen nun fast verramscht. Allein Les Troyens, das Requiem und L’Enfance du Christ sind es wert, käuflich tätig zu werden. Wer die Letztdeutungen des Berlioz-Experten Davis schon immer komplett haben wollte, hat nun die ideale Gelegenheit dazu. Die Aufmachung ist ansprechend und hochwertig. Das Booklet liegt dreisprachig vor (Englisch, Französisch und Deutsch) (Berlioz Odyssey: The Complete Sir Colin Davis Recordings; London Symphony Orchestra; 10 CDs + 6 Hybrid-SACDs LSO0827; Aufnahmedaten: 2000-2012; Veröffentlichungsdatum: 2018) Daniel Hauser

 

 

Nun also als neuste Neuaufnahme Roméo et JulietteVon den vier Sinfonien, die Hector Berlioz komponierte, ist Roméo et Juliette von 1839 vielleicht die ambitionierteste, handelt es sich doch um eine gewaltige Chorsinfonie mit drei Solisten (Mezzosopran, Tenor und Bassbariton), die gewissermaßen das Bindeglied darstellt zwischen Beethovens neunter Sinfonie und Wagners Musikdramen. Wagner, bekanntlich mit Lob gegenüber Komponistenkollegen sehr zurückhaltend, war von dem Werk derart angetan, dass er „Dem großen und lieben Autor von Roméo et Juliette“ 1860 die Tristan-Partitur mit Widmung schickte. Das Werk untergliedert sich in sieben Sätze, die sich in drei Teile aufgliedern. Bereits in er Einleitung erklingen die Vokalisten. Insgesamt lässt sich das Werk als ein Hybrid zwischen einer Sinfonie und einer Oper beschreiben.

„Roméo et Juliette unter Michael Tilson Thomas bei SFO

Das San Francisco Symphony, eine der bedeutendsten US-Orchester, legt nun mit seinem scheidenden Musikdirektor Michael Tilson Thomas eine brandneue Einspielung auf seinem Eigenlabel vor (SFS 0074). Tatsächlich profitiert die Aufnahme von einer stupenden Tontechnik, welche die Live-Atmosphäre der Davies Symphony Hall in San Francisco formidabel einzufangen weiß. Die Einspielung entstand bei Konzerten zwischen dem 28. Juni und dem 1. Juli 2017; Publikumsgeräusche sind praktisch nicht vorhanden. Tilson Thomas trifft das typisch französische Idiom hervorragend, wobei ihn sein Klangkörper nach Kräften unterstützt. Bereits zwei Einspielungen der bekannteren Symphonie fantastique und eine von Lélio hat er mit dem San Francisco Symphony vorgelegt, so dass er insofern durchaus als Berlioz-Kenner gelten darf.

Die von William Shakespeare gelieferte Vorlage inspirierte bekanntlich nicht nur Berlioz zu einer Vertonung. Landläufig dürfte Tschaikowskis gleichnamige Fantasie-Ouvertüre populärer sein, doch ist es fraglos Berlioz, der ambitionierter an die Sache heranging, was sich in den gewaltigen Dimensionen ausdrückt. Nicht weniger als 97 Minuten erstreckt sich Roméo et Juliette hier auf zwei CDs, wobei der Finalsatz in drei Tracks unterteilt wurde (zum Vergleich: Lorin Maazel kommt mit den Wiener Philharmonikern auf 94 Minuten, Pierre Monteux mit dem London Symphony Orchestra auf 92 Minuten, Valery Gergiev mit demselben auf 90 Minuten). Tilson Thomas nimmt sich also Zeit, was dem Werk gewiss nicht abträglich ist, profitieren doch gerade die verinnerlichten, lyrischen Momente davon, an denen Romét et Juliette reich ist.

Der San Francisco Symphony Chorus unter Ragnar Bohlin erweist sich als kongenial und hat keine Probleme mit der nicht eben einfachen französischen Diktion. Die sehr gute Akustik trägt dazu bei, dass der Chor plastisch herüberkommt. Glücklicherweise stehen die drei Solisten, allesamt junge, unverbrauchte Stimmen, diesem Niveau kaum nach. Die Mezzosopranistin Sasha Cooke ist eine glaubhafte Julia, vermeidet Theatralik und weiß mit ihrem angenehmen Organ für sich einzunehmen. Der Tenor Nicholas Phantrifft die Jugendlichkeit des Titelhelden. Luca Pisaroni schließlich rundet im Schlusspart des Bruders Lorenzo das Trio mit seinem charismatischen Bassbariton ab.

Diese Neuaufnahme aus San Francisco reiht sich also durchaus unter die besten Werkinterpretationen in der überschaubaren Diskographie ein und stellt eine moderne Ergänzung zur vielfach als Referenzaufnahme bezeichneten Einspielung des Boston Symphony Orchestra unter Charles Munch von 1961 (RCA Victor) dar und darf insbesondere klanglich ab sofort als erste Adresse gelten. Daniel Hauser

 

Eine kleine aber feine Anreicherung des Berlioz-Jahres stellt die von harmonia mundi (HMM 902634) vorgelegte CD mit dem auf Originalinstrumenten spielenden Orchester Les Siècles unter seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth dar. Darauf enthalten sind zwei eher stiefmütterlich behandelte Werke des französischen Compositeurs, die nicht übermäßig oft eingespielt wurden: Die Sinfonie Harold en Italie mit obligatorischer Solobratsche sowie die Liedersammlung Les Nuits d’été (Sommernächte).

Harold en Italie nach Lord Byron ist ein typisches Beispiel für die von Berlioz vorgelegten Gattungshybriden. Die 1834 komponierte, durch niemanden Geringeren als Niccolò Paganini angeregte Programmsinfonie trägt Züge sowohl einer Sinfonia concertante als auch einer sinfonischen Dichtung. Den Violapart übernimmt die vorzügliche Bratschistin Tabea Zimmermann, die bereits 2003 unter der Stabführung des Berlioz-Giganten Sir Colin Davis eine von der Kritik gelobte Aufnahme vorgelegt hat (LSO Live LSO 0040; enthalten in der bereits vorgestellten LSO-Box). Bis auf den ersten Satz Harold aux montagnes sind die Spielzeiten verblüffend ähnlich, doch könnte der Unterschied beim Klangkörper kaum größer sein, denn im Gegensatz zu Davis bedient sich Roth bekanntlich originaler Instrumente aus dem 19. Jahrhundert. Daher muss die Solobratschistin nicht so stark gegen das Orchester ankämpfen, um sich behaupten zu können. Sehr gut gelingt dies im fast kammermusikalischen anmutenden Marche des pèlerins. Ob diese Neueinspielung des Harold allerdings die referenzträchtige alte Melodija-Einspielung mit Rudolf Barschai (Viola) und den Moskauer Philharmonikern unter David Oistrach aus dem Jahre 1964 vom Thron stoßen kann, sei dahingestellt. Ein klein wenig, zumal im orgiastischen Finalsatz, vermisst man schon die geballte Klangfülle eines großen Sinfonieorchesters mit modernen Instrumenten. Gleichwohl bereichert diese historisch informierte Interpretation die recht überschaubare Diskographie zweifelsohne.

Bei den der romantischen Liebe gewidmeten Nuits d’été handelt es sich zwar nicht im engeren Sinne um einen Liederzyklus, doch bedingt die kompositorische Behandlung der Kunstlieder nach Gedichten von Théophile Gautier gleichwohl, dass die Liedersammlung einem Zyklus zumindest angenähert wird. Sechs ihm für eine Vertonung besonders passend erscheinende Lieder wählte Berlioz aus und erstellte 1841 zunächst eine Fassung für Mezzosopran oder Tenor und Klavier. Später folgten Arrangements für Bariton, Alt und Sopran. Die hier vorliegende Orchesterfassung begann er zwar bereits 1843 mit der Orchestrierung des vierten Liedes Absence, vollendet wurde sie indes erst dreizehn Jahre später, als Berlioz auch Le spectre de la rose und kurz darauf auf Anregung des Verlegers Jakob Rieter-Biedermann auch die restlichen Lieder orchestrierte. Zu Lebzeiten des Komponisten niemals komplett Orchesterzyklus aufgeführt, wurde das Werk erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und erfreut sich seither zunehmende Beliebtheit. Das wirklich Bemerkenswerte an dieser Neuaufnahme ist der Umstand, dass man sich der kaum beachteten reinen Baritonfassung bedient. Mit dem Muttersprachler Stéphane Degout konnte glücklicherweise ein vorzüglicher Interpret gewonnen werden, der hörbar ein tiefgehendes Verständnis für die Texte aufbringt und durch seine bewegliche, schön timbrierte Stimme für sich einzunehmen weiß. Besonders in den intensiv-leidenschaftlichen Liedern Nr. 2 bis 5 beeindruckt er. Höhepunkt die geisterhafte Friedhofsszene in Au cimetière, eine Hommage an die Schwarze Romantik. Die Orchesterbegleitung darf bei den Nuits als absolut geglückt bezeichnet werden. Insofern ein wichtiger Beitrag zum Jubiläumsjahr, der die wohl noch immer maßgebliche alte Philips-Einspielung unter Davis für vier Stimmen (Sopran für Lied Nr. 4 und 6, Mezzosopran für Nr. 2, Tenor für Nr. 1 und 5 sowie Bass für Nr. 3) von 1969 hervorragend ergänzt (2019). Daniel Hauser

 

 

Marie Delna war die Didon in der ersten (!!!) vollständigen Aufführung der „Troyens“ in Paris 1890 (!!!)/ Wiki

Noch ein paar Worte zu den Troyens, opus summum von Berlioz, auf anderen Dokumenten, denn erstaunlicher Weise ist dieses Werk, das so aufwendig zu besetzen und erst in unserer Zeit fast Repertoire-mäßig zu hören ist, gut dokumentiert. In der Vergangenheit wurde es ja eher selten gespielt, in Frankreich fast gar nicht, in Paris erst 1890 erstmals vollständig, seitdem bruchstückhaft und barbarisch gekürzt – einzig Marseille und das Berlioz-Festival kurzjährig in Lyon -wetzen die Scharte aus. Paris eröffnete zumindest die Bastille 1990 mit den „Troyens“ (die Damen Bumbry und Verrett sowie Goerge Gray standen wieder mal für die absurden Besetzungspläne der Pariser Oper, die nun 2019 erneut „Les Troyens“ mit Russen und Amerikanern gibt. Was wieder für die Nichtachtung der Franzosen gegenüber ihren großen Komponisten spricht und mit dem Aussterben der Kenntnisse vom eigenen Repertoire und dem Verschwinden der großen Stimmen/Tenöre im eigenen Land zu tun hat. Aber wenn man eine Mezzosopranistin wie die fulminante Sylvie Brunet im Land besitzt und eine Russin (als Ersatz für die Garanca) für deren Partien verpflichtet, dann macht das doch nachdenklich.

International hingegen sind die Troyens außerordentlich oft auf CD und Sammler-live festgehalten worden. Sogar in einer barbarisch gekürzten deutschen Version von 1961 mit Josef Traxel unter Hans Müller-Kray (Walhall) vom SWR. Und apropos deutsch:  Sogar Frida Leider sang die Dido vor dem Krieg neben Helge Rosvaenge 1930 an der Staatsoper in Berlin unter Leo Blech. Aber davon gibt es kein Dokument, nur ein Foto.

Die eigentliche und immer noch unangefochtene Studio-Einspielung ist die der Philips von 1969 unter Colin Daviserstmalig (fast) komplett und ein Meilenstein in der Werkgeschichte. Covent Garden hat in der Vergangenheit unendlich viel für Berlioz getan – zu Beginn Rafael Kubelik und dann Colin Davis sorgten unermüdlich für Aufführungen erst in Englisch und dann im Original, mit illustren Besetzungen von Veasey bis Baker, Silja, Meyer, Baltsa, Lear, Shuard und vielen, vielen mehr (um nur von den beiden weiblichen Hauptpartien zu sprechen; Dank auch an Freund Sandro für die Erinnerung an Rozhdestvensky mit Felicity Palmer als Cassandra konzertant in Lodon). Ronald Dowd, Gregory Dempsey und Jon Vickers wechselten sich als Enée ab. Die Philips-Aufnahme ist für mich klanglich immer noch beste Ware, hervorragend besetzt (einzig über Vickers mag man sich streiten).

Wichtig ist vorher noch die Rundfunkaufnahme im Original unter Thomas Beecham von 1947 (hervorragend neu restauriert unter Aufsicht von Lady Beecham beim Beecham-Trust/ Somm) – immer noch eine packende und überzeugende Aufnahme) mit der beeindruckenden Marisa Ferrer in beiden Partien (Cassandre und Didon) neben einem eher schüchternen  Jean Giraudeau, Enée vom Dienst auch auf der Ducretet-Aufnahme von Carthage unter Hermann Scherchen 1952 neben einer sensationellen Arda Mandikian, auch sie prachtvoll und so unendlich idiomatisch. Den EMI-Torso der gemeinen Kürzungen ziert nur Régine Crespin als bewegende Didon unter Georges Prêtre (die erstaunlicher Weise nicht in der Warner-Box vertreten scheint), Guy Chauvet bölkt  wie sein Landsmann Gilbert Py auf weiteren Dokumenten. Bemerkenswert und für mich neben Davis und Dutoit (Decca) auf dem Siegerpodium ist der leicht gekürzte RAI-Mitschnitt von 1969 mit einer mehr als befriedigenden All-round-Besetzung (Marilyn Horne, Nicolai Gedda, Shirley Verrett), wobei ich die Horne und Gedda als schlicht genial und unendlich beglückend empfinde. Gedda ist der gebrochene Held par excellence, hier in seiner Bestform, und das an einem Abend im Konzert (Arkadia ist da die beste Aufnahme).

Charles Dutoit machte bei Decca seine vor allem auch klanglich hervorragenden und hochidiomatischen Berlioz-Aufnahmen, Francoise Pollet als Didon nicht zu vergessen.

Der große Sprung führt dann zur Decca-Aufnahme unter einem, breite Tempi favorisierenden Charles Dutoit am Pult kanadischer Kräfte, aus denen ebenfalls unique Francoise Pollet als textwissende, cremige und erzfranzösische Didon herausragt – eine große Sängerin in einer kongenialen Partie. Kaum zu überbieten. Deborah Voigt und Gary Lakes sind nicht unrecht,die franco-kanadischen Kräfte eine Wucht. Sehr habenswert und ungekürzt (sogar den fiesen Boten im ersten Akt hat Dutoit eingebaut). Zudem klanglich absolut erste Decca-Ware. Was für ein Rausch! Und dies auch nach Hören der Nelson-Aufnahme…

Als Videos gibt es Eliot Gardiners Pariser Aufführung im TCE mit einer eher schlichten Susan Graham (mit dem Charme einer Arzthelferin) neben einer leidenschaftlichen, wenngleich verwaschen prononcierenden Antonacci und einem zu amerikanischen Kunde (opus arte 2010) sowie eine Aufführung aus Covent Garden mit erneut Antonacci und Eva-Maria Westbroek blusig-allgemein als Didon neben einem stentoralen Brian Hymel als Enée, der virile Kraft und kaum Zerrissenheit einbringt (opus arte). Vergessen will ich die Gergiev-DVD aus dem Mariinski von 2011: Lancy Ryan brüllt unerträglich, und die Damen sind doch recht …. robust (C-Major 2011). Und fast vergessen: Deborah Polaski ist die sicher auf der Bühne erfolgreichere Heldin auf dem Salzburger Mitschnitt bei Arthaus von 2002 in der vielgelobten, wenngleich gekürzten Wernicke-Produktion, die danach durch die Theater zog. Hingegen soll Plácido Domingo nicht unterschlagen werden, der bei der DG mit Jessye Norman und Tatjana Troyanos  den Enée stemmt (2002, aber die Produktion ist älter), die Kolleginnen achtungsgebietend (wenngleich auch nur im allgemeinen Opernpathos verharrend), er nicht so sehr und wie oft nur professionell im Instant-Modus. James Levine auch. Die Produktion schaut abgewetzt aus (ich erinnere mich auch an Abende an der Met mit der Pollet in der falschen Partie als Cassandre neben der bizarren Maria Ewing, die aus der Didon eine Cabaret-Nummer machte).

Live tummeln sich weiterhin fast unendlich viele Aufnahmen bei Sammlern und auf grauen CDs/LPs/MCs/Minidiscs und Open-reels. Und auch da macht unser Nachbarland keine gute Figur, denn die Troyens wurden nach dem Krieg kaum in Frankreich gegeben. Mal in Marseille, dann beim verstorbenen Berlioz-Festival in Lyon (riskante Besetzungen) und als fast rein-amerikanische Initiative am TCM in Paris. Seit dem Krieg fallen mir nicht mal eine Handvoll Produktionen in Frankreich  ein – im Gegensatz zu Deutschland.

Immer noch eine der aufregendsten Aufnahmen, die beste Ausgabe von „Les troyens“ mit Nicolai Gedda auf Arkadia, gekoppelt mit seiner „Damnation de Faust“/ inzw. vergriffen, aber doch noch auftreibbar.

Eleanor Steber und Regina Resnik sorgten für die amerikanische Erstaufführung in moderner Zeit (1960) und halten die nationale Glorie aufrecht (VA;, nach einem run in Washington unter Thomas Beecham sprang für New York sein Aisstent ein). Rafael Kubelik, der mit vielen Abenden in London dokumentiert ist, leitete auch die italienisch-sprachige Version an der Scala, wo sich Mario del Monaco, Giulietta Simionato und Nell Rankin an Berlioz abarbeiten. Aber die Übertragung ins Italienische macht daraus etwas ganz anderes, dichter an Mascagni vielleicht, zumal die Sänger mit voller Lunge eben diesen singen (Melodram u. a.).  Natürlich gibt es noch viele andere Dokumente: Christa Ludwig (Gala), die Silja, die Baltsa, Meyer (Caprice), Crespin, vor allem die ganz wunderbare und empfindsame Lorraine Hunt als Didon an der Met (wo ähnlich wie früher in London die Troyens ein festes Zuhause haben), die pastose Troyanos, Ewing, Elkins, Baker (Gala), Palmer, Thebohm, Shuard, Goerke, Elms, ganz sicher Nadine Denize mit ihrem schönen und melancholischen Ton, und viele, viele mehr neben einer knapp gehaltenen Riege an empfehlenswerteren Tenören (so Roberto Alagana in Berlin, aber nicht Heppner, Lakes, Grey und verschiedene Osteuropäer) finden sich in den Sammlungen, die ich hier nicht alle aufzählen kann. In Erinnerung bleibt für mich vor allem – weil live erlebt – die Aufführung an der Scottish Opera in Edinburg 1969, wo die Damen mit Helga Dernesch und Janet Baker besetzt waren, was für ein Rausch! Sicher habe ich bei der Aufzählung  einige vergessen. Mea culpa.

Schon wegen Josephine Veasey und des angekoppelten Mélodies-Repertoires („Irlande“ etc.) ist die frühe Colin-Davis-Aufnahme bei Decca unerreicht (Amazon).

Was also bleibt? Haben muss man die ältere Philips-Aufnahme wegen Davis, der Veasey und Vickers (egal wie man zu ihm steht) nebst Massard und vielen anderen der älteren Schule. Ganz sicher auch die Decca-Einspielung wegen des Klanges und der unglaublichen Pollet neben vielen Franco-Kanadiern. Und nun die neue von Erato? Wegen Michael Spyres als dem fast idealen Helden und wegen Nelsons erfahrener Leitung am Pult dieser bemerkenswerten Kräfte in einer wirklichen Original-Fassung. Aber ganz sicher auch die alte RAI-Aufnahme (Arkadia) wegen Gedda unvergleichlich in seiner Poesie und seinem Schmerz und wegen der Ideal-Besetzung der Cassandre mit Marilyn Horne. Das Werk ist so gewaltig und überragend, dass man nicht genug Aufnahmen haben kann. Finde ich (Foto oben: Roberto Alagna und Béatrice Uriah-Monzon sangen in den „Troyens“ 2010 an der Deutschen Oper Berlin, daraus oben ein optischer Ausschnitt/ Foto Bettina Stoeß mit freundlicher Genehmigung der DOB; dazu auch unsere Rezension in operalounge.de; Alagna ist zudem in der Warner-Berlioz-Box vertreten. Eben!)Geerd Heinsen.