Les Francais à Berlin

„Sa voix fait naitre dans mon sein la dangereuse ivresse…“: Ich muss gestehen, dass mich die Stimme von Roberto Alagna erreicht wie kaum eine andere, eigentlich seit seinen (und meinen) Anfängen in Montpellier vor vielen Jahren (mit seinem jugendlich-feurigen Roberto Devereux) immer erreicht hat. Und über die vielen Jahre ist mir seine Stimme im Ohr, stets unverwechselbar, männlich-lyrisch, markant, mit diesem gewissen Korn darin, voll von Poesie und jener ardeur, jener virilitée und vor allem unverwechselbar französischer Wortdeutlichkeit, die ich stets vergeblich bei anderen suchte.

Berlioz "Les Troyens" mit  Uria-Monzon Alagna/c. Bettina Stöss/Deutsche Oper Berlin

Les Troyens“ mit Béatrice Uria-Monzon und Roberto Alagna/c. Bettina Stöss/Deutsche Oper Berlin

Es waren eben jene idiomatischen Partien vor allem, die mich entzückten: Werther, Des Grieux, besonders Roméo und Faust, auch Don José mehr noch als sein allererster Radamès (in Kopenhagen) oder Alfredo, Duca (an der Scala) und Manrico (in Monte-Carlo). Ich bin ihm viel nachgereist, weil ich seine Stimme, unverkennbar und immer ganz er, so liebe und für einmalig halte. Das klingt nach Heldenverehrung, die mir fern liegt. Aber ich gestehe, dass es mir bei ihm schwerer fällt als bei manchen anderen, objektiv zu bleiben, was mit dem Beruf eines Musikjournalisten unvereinbar wäre.

Aber angesichts seines Enée in der jüngsten Aufführung von Berlioz´ Troyens an der Deutschen Oper Berlin (am 30. März) muss ich sagen, dass ich in meinem langen Journalistenleben keinen anderen Sänger so überzeugend in dieser Partie gehört habe (vielleicht noch Gedda auf der alten RAI-Aufnahme unter Prêtre, aber live weder Vickers, noch Lakes oder Dowd und andere mehr) und sicher bin, dass niemand das seit George Thill  erfüllter und eben französischer singt als Roberto Alagna.

Roberto Alagna/Mitte mit Oleksandre Prytolyuk und Seth Carico/Foto bettina Stöss/Deutsche Oper Berlin (wie auch oben: Bétrice Uria-Monzon und Roberto Alagna)

Roberto Alagna/Mitte (und noch mit Wuschelperücke der ersten Vorstellung) mit Oleksandre Prytolyuk und Seth Carico/Foto Bettina Stöss/Deutsche Oper Berlin (wie auch oben: Bétrice Uria-Monzon und Roberto Alagna)

Sicher, die Rolle kommt gerade im rechten Moment für ihn, der sie im vergangenen Jahr in Marseille konzertant unter keinem so guten Stern erstmals gab. Nun sind gewisse Steifheiten auf der Höhe nicht zu leugnen, und im ganzen legte er die erste Vorstellung in Berlin mehr auf Kraft an, als die lyrischen Momente zu betonen. Aber was rede ich: Niemand singt ihm Phrasen wie „Inutiles regrets“ oder „Chère Didon“ oder vor allem die „Nuit d´ivresse“ nach (und das zu zweit im Rhönrad!), so voller Zärtlichkleit, voller Virilität (ich wiederhole mich). Kein anderer weiß mehr um die Worte als er, keiner lässt einen jedes Wort so verstehen, transportiert so die Geschichte, schafft aus dem Enée einen so plastischen Charakter. Und niemand singt das mit einer per se eher lyrischen Stimme kraftvoll so wie er. Sein Enée war zu jeden Moment ein Krieger und ein Liebender, ein ungemein sympatischer, zerrissener Held, ein  Mann und ein großer Junge. Ich fand dieses Rollenporträt eines seiner bedeutendsten und erfülltesten in Alagnas Opernlaufbahn.

Und fand meine Meinung am darauffolgenden Sonntag, dem 6. 4. um so mehr bestätigt, als Alagna nun, in der dritten Vorstellung, absolut in Topform war, die Höhen sicher und leuchtend, ohne seine alberne Wuschelperücke mit eigenen Haaren ein immer noch sehr sexy Mann auf der großen Bühne, selbstsicher und packend im Spiel, namentlich mit der ebenfalls um eine weitere Dimension sinnlicher und überzeugender gewachsenen Partnerin Béatrice Uria-Monzon als kongenialer Partnerin (Foto oben/Stoeß/Deutsche Oper), die beide im Spiel der Liebenden anrührten. Die Tempoprobleme mit dem Dirigenten waren zumindest sehr gemindert, und beide schufen bei gnädig verändertem Schlussbild und in nur einem Rhönrad (das andere in Reparatur?) – mit Hilfe ihrer wirklich beeindruckenden Kollegen sowie dem engagierten Orchester – einen absolut unvergesslichen Abend. Nous herureux, dass wir das erleben konnten – es war etwas, wovon man noch in Jahren schwärmen wird. Und ich bete, dass Alagna nun den Eléazar in der Juive irgendwo machen wird, er ist dafür genau der Richtige. Was für ein toller Sänger!

Und auch seine Partnerin, Béatrice Uria-Monzon, deren Timbre nicht wirklich meins ist und deren etwas gestemmte Höhen nicht immer meine Freunde sind, bedeckte sich an der Deutschen Oper wiederholt mit Ruhm. Sie war die Original-Didon der Aufführung von 2006, und sie wiederholte ihre wirklich erstaunliche, intensive und unglaublich durchlebte Leistung erneut – ihr 5. Akt war eine einzige tour de force, ihr Durchaltevermögen unglaublich und die intensive Rollengestaltung eine Achterbahn der Gefühle, chapeau Madame! Das hat Berlin auch nicht oft gehört, zumal sie – wie ihr Partner – auch schauspielerisch außerordentlich intensiv herüber kam.

Einspringer Oleksandr Prytolyuk überzeugte beglückend als Chorebe, Ildiko Komlosi allerdings nicht als Cassandra/Foto Stoeß/Deutsche Oper Berlin

Einspringer Oleksandr Prytolyuk überzeugte beglückend als Chorèbe, Ildiko Komlosi allerdings nicht als Cassandra/Foto Stoeß/Deutsche Oper Berlin

Überhaupt war dies der Abend der beglückenden Rollenporträts. Dazu gehörte ganz sicher der für Markus Brück eingesprungene Oleksandr Prytolyuk als sexy Chorèbe, Seth Carico und Tobias Kehrer als sonore Panthée und vor allem Narbal, Clemens Bieber als Hélénus mit hellem Ton, Andrew Harris als markanter Hector und viele mehr. Dauerhafter Applaus galt absolut zu Recht Yosep Kang für seinen wirklich überraschend schön gesungenen Iopas (ein Quentchen mehr an voix-mixte würde die Höhe süßer klingen lassen), der die begrüßenswerte Entwicklung des Tenors erneut hervorhob. Und auch der seit der Premiere ins falsche Bild verlegte Hylas von Alvaro Zambrano erfreute mit hellem und vor allem innigem Ton. Didons Schwester Anna war bei Ronnita Miller sonor untergebracht (aber man machte sich über die Familienverhältnisse doch Gedanken…). Siobhan Stagg blieb mir zu niedlich und stimmlich zu sopranig-klein für den Aeneas-Sohn Ascanius, aber war nicht unrecht.

Einzig Ildiko Komlosi blieb als scharfstimmige, weitgehend wortunverständliche Cassandre keine Ohrenweide und reduzierte die Priamus-Tochter zu einem verwaschenen, amorphen Charakter (wobei ihr das ungünstige Kostüm noch weniger half, als es ihrer Rollenvorgängerin Petra Lang gedient hatte). Was uns zu der bereits vielbesprochenen und zu Recht verrissenen muffigen Provinzproduktion von David Pountney bringt, die man besser übergehen sollte. Kleinteilig und spießig, eher den britischen 80ern als 2006 verhaftet, machte sie die Oper billig und dumm, fügte Kunstgewerbe zu kurzschlüssiger Dramaturgie, so die Apotheosen in der Bettenburg von Akt 2 und Akt 5, nahm den grandiosen Schlüssen Wirkung und Würde.

Gottseidank war da Paul Daniel am Pult, und anders als sein Vorgänger Runnicles (zu dessen Lasten die Umstellungen und Striche gehen) versah er die lange Oper mit einem werkdienlichen großen, dramatischen Bogen und straffen Tempi – gelegentlich zu straff (es gehört schon was dazu, den felsenfesten und hier gloriosen Chor der Deutschen Oper in Bedrängnis zu bringen), was dem einen oder anderen Solisten nicht immer zugute kam. Aber im Ganzen war hier wirklich etwas los, blühten die lyrischen Passagen wie ein Blumenteppich auf und donnerten die kriegerischen Momente und die machtvollen Chorpassagen mit gebührender Kraft. Das Orchester der Deutschen Oper habe ich lange nicht mehr so aufbrausend und engagiert gehört: Das war der frische Wind, den man beim Hausherrn so oft vermisst. Was für ein wunderbarer Abend, der lange in mir nachklingen wird.

Geerd Heinsen

Immer noch stimmungsvoll: "Carmen" an der DOB/Foto Bettina Stöß

Immer noch stimmungsvoll: „Carmen“ an der DOB/Foto Bettina Stöß

 

Das Paar Enée-Didon oder Roberto Alagna Béatrice Uria-Monzon setzte seine unselige, mit dem Tod des weiblichen Partners endende Beziehung in Bizets Carmen am 10.4.nach  den Trojaner-Vorstellungen fort, und wieder war es der Tenor, der ob Timbreschönheit, Höhensicherheit, variationsreichem Einsatz der Stimme und nicht zuletzt wegen seines leidenschaftlichen Spiels die Zuschauer aufhorchen, staunen und schließlich lauthals jubeln ließ. Da geriet die bis dahin durchaus ebenbürtige Partnerin im Schlussduett sicht- und hörbar in die Bredouille, und man vergaß beinahe, wie elegant sie die Habanera, wie erotisch lockend das Chanson bohémienne und „l’amour“ und wie finster fatalistisch das Kartenterzett gesungen hatte. Die Hausbesetzung für die Micaela hielt sich mit Elena Tsallagovas mädchenhaftem, feinem Sopran mehr als achtbar, mit Bastiaan Everinks tiefenschwachem, unelegantem Escamillo weniger gut. Bereits vertraut war Giuseppe Finzi mit der Produktion, zauberte in den Vorspielen und war ansonsten sehr um die Sänger bemüht.

Ingrid Wanja